Matthias Claudius - Portrait

Matthias Claudius

Ein Stillleben in der Tat. Schlicht und einfach wie der Mann ist auch sein Lebensgang. Hoch im deutschen Norden in dem holsteinischen Dorf Reinfeld ist er geboren den 15. August 1740 als der zweite Sohn des dortigen Pastors Matthias Claudius, eines ehrenfesten, verständigen, einfach bibelgläubigen Landgeistlichen, und einer stillen, frommen, herzguten Mutter. Bis hinauf zur Reformationszeit war die Claudius’sche Familie eine Pfarrfamilie und die Atmosphäre eines deutschen Landpfarrhauses, darin Matthias aufwuchs, hat er in keinem Augenblick seines Lebens, auf keinem Blatt seiner Schriften verleugnet. Etwa im fünfzehnten Lebensjahr kam der Knabe mit seinem Bruder Josias in die lateinische Schule in der sechs Meilen nordwärts an einem Landsee anmutig gelegenen Stadt Plön, damals dem Sitz eines kleinen Hofes. Dort unter der Leitung des tüchtigen Rektors Ernst Julius Alberti brachte er vier Jahre zu und trieb neben dem Lateinischen und Griechischen, sowie dem Französischen und Englischen mit Vorliebe Mathematik und etwas Physik. Wohlvorbereitet an Kenntnissen, wenn auch unter der nach der Sitte der Zeit etwas steifen Schulregel weder gemütlich noch intellektuell lebendiger aufgeweckt, bezog der neunzehnjährige Jüngling um Ostern 1759, wiederum mit seinem Bruder Josias, die Universität Jena zum Studium der Theologie, das er aber bald teils wegen leidender Brust teils wegen Mangels an Freudigkeit zum Predigtamt unter elterlicher Zustimmung mit der Rechtsgelehrsamkeit und Kameralwissenschaft vertauschte. Und doch, wenn überhaupt zu einem bestimmten Amt, zu welchem Beruf schien Claudius in Wahrheit mehr geschaffen, als zu dem eines Landpredigers? So übte denn auch die Rechtswissenschaft weder mit ihrem historischen Material, noch mit ihrer trockenen damals wie alle Disziplinen von der Wolfischen Philosophie beherrschten Methode eine wirkliche Anziehungskraft auf Geist und Gemüt des jungen Studenten aus. Sein Geist ging ins Weite. Er trieb die alten Sprachen fort, daneben zur Erholung die Musik, trat auch der vaterländischen Literatur zuerst näher, indem er Mitglied der „Teutschen Gesellschaft“ wurde, welche strebsamere und feiner organisierte Geister von dem damals sehr rohen Jenenser Burschenleben weg unter ihrem Banner versammelte. Dass er übrigens bei seiner sittlich-reinen Lebensführung einer weiteren akademischen Jugendlust an den romantischen Ufern der Saale sich keineswegs pedantisch entzog, bezeugt wenigstens ein heiterer Studentenstreich, an dem er sich beteiligte. In bunten Schlafröcken, mit Schlägern bewaffnet, machten etliche Jenenser Burschen einen Spazierritt in die Umgegend. Eine streifende Patrouille preußischer Husaren – es war während des Siebenjährigen Krieges – griff die Gesellschaft, in der sie eine Art verdächtiger Franktireurs sah, auf und brachte sie in ein Nachbardorf vor ihren Kommandanten, der, mit dem studentischen Treiben besser vertraut, sie freundlich bewirtete und in Frieden ziehen ließ. Einen trüben Schatten warf in Matthias Studienjahre der Tod seines treuen Bruders Josias, der an den Blattern starb, während er selbst die lebensgefährliche Krankheit glücklich überstand.

Etwa ums Jahr 1763 verließ Claudius die Universität, mit erweitertem Gesichtskreis, sittlich unverdorben, aber geistig unfertig, ohne weder für einen bestimmten praktischen Lebensberuf sich gründlich vorgebildet, noch nach seiner geistigen Eigentümlichkeit sich tiefer entwickelt zu haben. Sein poetischer Erstlingsversuch: „Tändeleien und Erzählungen“, 1763 in Jena, wahrscheinlich vor seinem Abschied von der Hochschule als dichterischer Ertrag seines akademischen Lebens erschienen, enthält unselbständige, künstlich gemachte Nachahmungen in der Manier Gerstenbergs und Gellerts, und lässt von der Eigenart des Wandsbecker Boten noch so wenig erkennen, als die ersten Leipziger Produkte des Studenten Wolfgang Goethe vom Genius eines Götz und Faust, eines Werther und einer Ephigenie.

Zu seiner geistigen Ausreifung mussten den Lehrjahren erst die Wanderjahre folgen.

Nachdem Matthias zunächst auf ein Jahr in die Stille seines Elternhauses zurückgekehrt, ging er im Frühjahr 1762 als Sekretär eines Grafen Holstein nach Kopenhagen, wie ja damals zwischen der deutschen Schriftstellerwelt und dem zum Teil hochgebildeten dänischen Adel ein sehr reger und freundlicher Verkehr stattfand. Klopstock war der geistige Herrscher in diesen Kreisen. Neben ihm lebten in der dänischen Hauptstadt der Dichter Gerstenberg; der geistliche Liedersänger Johann Andreas Cramer, Klopstocks Freund, dänischer Hofprediger; sowie der originelle Schönborn, früher Konsul in Algier, ein persönlicher Freund des Claudiusschen wie des Goetheschen Elternhauses; die beiden Grafen Stolberg. Der junge Claudius schloss sich lebhaft diesem edlen, geistig bewegten Zirkel an, wie denn Klopstocks Ode „Der Eislauf“ an ihn gerichtet sein soll. – Zwar verlässt er, unbefriedigt von seiner Stellung im Hause, schon nach einem Jahr Kopenhagen wieder, aber nicht ohne entschiedenen Gewinn für seine geistige Entwicklung. Sein Horizont ist erweitert, seine Phantasie geweckt, sein Gemüt vertieft, sein Genius regt die Flügel; er ist hineingezogen in jenen merkwürdigen zukunftsreichen Prozess der Sturm- und Drangperiode, in welchem alle tieferen Naturen, alle jugendlichen Kräfte, alle schöpferischen Mächte der neu erwachenden deutschen Literatur noch ungeschieden durcheinandergärten; in welchem ein Goethe und Lavater, ein Herder und Hamann, ein Klopstock und Heinse, ein Jacobi und Merk in brüderlichem Verkehr, ja zum Teil in enthusiastischer Freundschaft unter einem Banner sich zusammenscharten in der Richtung, der Natur gegenüber der Schule, dem Gemüt und der Phantasie gegenüber der philisterhaften Verständigkeit, dem Deutschtum gegenüber dem Franzosentum Bahn zu brechen. Die Losung ist: „Platz, ihr Herrn, dem Flügelschlag einer freien Seele“, und als heilige Bundesbücher gelten Homer, die Bibel, Ossian, Shakespeare.

Nach einem dreijährigen Stillleben im Elternhaus, wo sich Geist und Gemüt des jungen Mannes wieder sammeln mochte, finden wir ihn seit Sommer 1768 abermals im Geräusch einer Großstadt, in Hamburg, als Mitarbeiter an den “ Adress-Comptoir-Nachrichten“, in die er kleine Gedichte, Erzählungen und Rezensionen lieferte. Ein reges Geistesleben bewegte sich damals in der großen nordischen Handelsstadt; scharfe literarische Kämpfe wurden dort ausgefochten, wie Lessings Fehde mit dem Hauptpastor Göze. Der strebsame Verlagsbuchhändler Bode, der jüngere Reimarus, berühmter Arzt und Patriot, mit seiner geistvollen Schwester Elise Reimarus und seinem Schwager, dem begabten und angesehenen Kaufmann Sieveking, der gebildete Pastor Alberti u. a. bildeten einen lebhaften Gesellschaftskreis, dessen Führer Lessing war und dem sich auch Claudius mit aller Wärme seiner strebsamen, jugendlich-offenen Natur anschloss, Gesellschaften, Landpartieen, Theater harmlos mitgenießend. Insbesondere verband ihn mit Lessing bald eine warme Freundschaft, wie wenn der Gegensatz beider Naturen – hier des kindlich-warmen Gemütes, dort des scharfen kritischen Verstandes – sie zu einander hingezogen hätte. Auch den jungen Herder, dessen Genius ihm noch weit wahlverwandter war und der seine mächtige Anziehungskraft bald und für immer auch an ihm erprobte, lernte Claudius auf dessen Durchreise durch Hamburg im Jahre 1770 persönlich kennen, und es will etwas heißen, wenn der selbstbewusste, seine besten Freunde schonungslos geißelnde Herder, zu einer Zeit, wo er auf den jungen Goethe, seinen begeisterten Jünger, als auf einen etwas spatzenmäßigen „guten Jungen“ herabsah, unseren Claudius in einem Brief an Gleim „eine engelische Seele unter den Menschen“ nennt, wenn derselbe ein paar Jahre später an Lavater schreibt:

„Noch nie hab‘ ich gewünscht, mit einem Menschen zusammenzuleben, wie ich’s mit Claudius wünsche“, und wenn er in seine „Stimmen der Völker in Liedern“, als einziges zeitgenössisches deutsches Lied des „Wandsbecker Boten Abendlied“ aufnahm. Auch Klopstock siedelte 1770 von Kopenhagen nach Hamburg über, auch mit ihm wurde der freundschaftliche Umgang wieder angeknüpft und fortgepflegt.

Aber zum Beweis, dass Claudius in der Atmosphäre solcher Sterne erster Größe nicht zum selbstlosen Trabanten herabsank, ließ er nun sein eigenes bescheidenes Licht leuchten und bahnte sich seinen besonderen Weg, indem er nach Lösung seines Verhältnisses zu den „Adress-Comptoir-Nachrichten“ Redakteur des von Bode herausgegebenen „Wandsbecker Boten“ wurde, einer wöchentlich viermal erscheinenden Zeitung, die neben den politischen Nachrichten kleine prosaische Aufsätze, Poesien und Bücherkritiken brachte und Männer wie Lessing, Herder, Goethe, Stolberg, Voss, Cramer, Eschenburg unter ihren genannten und ungenannten Mitarbeitern zählte.

Hiermit hatte Claudius das Arbeitsfeld gefunden, das er fortan lebenslang mit ebenso viel Lust und Liebe als gesegnetem Erfolg bebaute. Hiermit hatte er auch die Heimat gefunden, wo er nun den eigenen Herd sich gründete und ein echt deutsches, idyllisch-patriarchalisches Familienleben führte.

Um Weihnachten 1770 siedelte er nach dem eine Stunde von Hamburg entfernten stattlichen gräflich Schimmelmannschen Marktflecken Wandsbeck über, der durch Claudius weltberühmt geworden ist. Ein großer, schöner, von Nachtigallen reichbevölkerter Park, durch dessen Baumgruppen man Hamburgs Kirchtürme von fern erblickte und in dessen Laubgängen Claudius und Voss, Klopstock und Hölty, Lessing und Fr. H. Jacobi, Herder und die Stolbergs gewandelt und geträumt haben, bildete den Hauptreiz der sonst flachen Wandsbecker Gegend. Hier in Wandsbeck fand nun Claudius auch den besten Schatz seines Lebens, seine tüchtige, treffliche Gattin, sein „Bauernmädchen“; wie er sie, stolz auf ihren inneren Wert bei dörflicher Abkunft und Erziehung, gern nannte, seine Rebekka, die Tochter des Zimmermeisters Joachim Friedrich Behn. Als er sich eine Mietwohnung im Dorf erfragte, lernte er das sechzehnjährige Mädchen kennen, das ihm in Abwesenheit des Vaters Bescheid gab. Im Herbst 1771 hielt er auf einem Gang in den Wald beim Vater um die Tochter an, und erwiderte bei der Nachhausekunft auf die Frage, ob er etwas geschossen: „Ja, ich habe einen guten Schuss getan.“ Er hatte vom Vater das Jawort erhalten und wandte sich nun erst an die Tochter. Am 15. März 1772 war die Hochzeit und zwar in der improvisierten Weise, wie sie jene, um kirchliche Formen unbekümmerten Geniekreis liebten und wie sie auch Voss in seiner „Luise“ beliebt hat. Claudius hatte, ohne den Zweck anzugeben, einige Freunde, darunter Klopstock, Schönborn, Ehlers und Bode, eingeladen; auch der Ortspfarrer war von der Gesellschaft. Claudius fing wie im Scherz an von Kopulation zu sprechen, zog die königliche Heiratserlaubnis aus der Tasche und die Trauung ging vor sich. „Rebekka wählen ist Geschmack, nicht wahr, Kollege Isaak?“ sagt er in seinem silbernen Abc.

Und seine Wahl war eine glückliche, seine Ehe eine gottgesegnete wie die des sanften Patriarchen. Sein „Bauermädchen“, schön, kräftig, fröhlich, liebenswürdig, von einfacher bürgerlicher Bildung, aber trefflichen Anlagen des Geistes und Herzens, bildete sich an ihm, dem geliebten und verehrten Manne, herauf, pflegte sein mit treuer, verständiger Liebe und gab ihm die volle Freiheit zur Entfaltung seines Geistes und zur Erfüllung seiner Lebensaufgabe. Er selber gewann im Ehestand den festen Grund und Boden für sein inneres und äußeres Leben, den ihm kein Amt, kein förmlicher äußerer Lebensberuf gab, und der Claudiussche Hausstand wurde das Vorbild eines christlichen Bürgerhauses mit seiner Freude und seinem Leid, seinem Kindersegen und seinen Nahrungssorgen, seinen sauren Wochen und frohen Festen, seiner einfachen Hausordnung und seiner weitherzigen Gastfreundschaft, seinen Schätzen von Geist und Gemüt bei äußerer Genügsamkeit, seiner herzlichen Gottesfurcht und reinen Sitte bei harmlos heiterem Humor, seinem frommen Ausblick zum Unvergänglichen und Unsichtbaren bei gesundem gemütlichem Anteil an allem, was die Erde gibt, der Boden trägt, das Jahr bringt im bunten Kreislauf von Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Man könnte mit der Gründung seines Hausstandes unseres Claudius Wanderjahre für abgeschlossen halten, unterbräche nicht noch einmal eine merkwürdige Episode die Wandsbecker Idylle, nämlich die missglückte Darmstädter Expedition.

So seelenvergnügt der junge Ehestand sich anließ und so reich das geistige Leben im Hause sich gestaltete durch den teils persönlichen, teils brieflichen Verkehr mit einem immer größeren Freundeskreis die Hainbundsdichter Miller, Höltt, Boie, Bürger, Voss, die Grafen Stolberg (mit ihrer edlen Schwester Auguste) betrachteten den Wandsbecker Boten als ihren Bundesbruder; mit Herder und Fritz Jacobi, mit Hamann, dem Magus aus Norden, und Lavater, dem Propheten im Süden, wurden Briefe gewechselt – ein Schatten ließ sich nicht bannen: Nahrungssorgen klopften an die Tür; der Asmus omnia sua secum portans oder „Sämtliche Werke des Wandsbecker Boten“, periodisch erscheinend im Selbstverlag des Verfassers, sicherten der schnell anwachsenden Familie ein genügendes Einkommen nicht. Der junge Hausvater glaubte sich nach Amt und Brot umgehen zu müssen. Freund Herder, damals Konsistorialrat in Bückeburg, sollte dazu helfen, und seine eifrigen Bemühungen hatten endlich einen, wie es schien, glücklichen, ja glänzenden Erfolg.

Auf Herders Empfehlung bei dem vielvermögenden Darmstädter Regierungspräsidenten, Freiherrn Karl Friedrich v. Moser, dem bekannten christlichen Staatsmann, Verfasser des Fürstenspiegels: „Herr und Diener“, der als erster Staatsminister und Präsident sämtlicher Landeskollegien das unumschränkte Vertrauen des originellen Landgrafen Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt besaß, wurde dem „lausigen Wandsbecker Avisenschreiber“, wie er sich selber launig tituliert, im Sommer 1775 die Stelle eines Geheimen Kanzleisekretärs angeboten, die sich nach weiteren Verhandlungen im November desselben Jahres zu der eines Oberlandkommissarius mit 800 fl. Gehalt umgestaltete, in Wirklichkeit aber nie zu einer rechten Konsistenz gelangen sollte.

Vorerst zwar ist Claudius in vollem Glück. Mit überströmender Freude dankt er seinem hohen Gönner. „Ich habe eine alte Mutter, die ich, so lange sie noch lebt, uns gern verlasse; aber meine jetzige Situation ist von der Art, dass ich eine irgend erträgliche Versorgung mit beiden Händen ergreifen muss, viel mehr eine so vorteilhafte als die ist, mit der Ew. Excellenz mich beehren wollen. Es bliebe also nur die Frage, ob ich mir getrauen dürfte, eine solche Stelle anzunehmen, da einem ehrlichen Manne eine strenge Erfüllung der Pflichten, die er über sich nimmt, doch immer die Hauptsache bleibt. Wenn ich von meiner Neigung sprechen dürfte, so ist die für ein einsames Leben, für Feld und Wald und Bauervolk von jeher gestimmt gewesen; das darf ich auch noch sagen, dass ich es an gutem Willen, herzlicher Tätigkeit und Treue nicht werbe fehlen lassen; ob ich aber Geschick genug habe ein Rad in der Maschine zu sein, dadurch ein Fürst seine Vatermilde über sein gutes Landvolk ausbreiten will, dass weiß ich nicht, weil ich noch keine Erfahrung davon gemacht habe und ich nichts von mir annehmen mag, als was ich aus gehabter Erfahrung weiß, und ich noch keine Erlaubnis habe, auf die Winke und den guten Rat desjenigen zu rechnen, unter dessen Oberaufsicht die ganze Maschine ihre Wirkung tun soll. Sollten Ew. Excellenz nach diesem Bekenntnis mich dieser oder einer anderen kleinen Stelle einigermaßen würdig finden, so dürfte ich wohl hoffen, dass meine Überkunft bis zur gelinderen Witterung Zeit hätte, da ich vor einigen Wochen erst wieder Vater geworden bin!“

Der leise Zweifel, den er in diesem Schreiben andeutet, „ob er als Rad in die Maschine“ und gerade in diese Maschine tauge, erwies sich als wohlgegründet.

Glücklich zwar trifft er am 16. April 1776 in Darmstadt ein, nachdem er unterwegs seinen Herder in Bückeburg besucht; „nicht gnädig, sondern freundschaftlich“ wird er vom Präsidenten v. Moser, mit Herzlicher Liebe von der Familie Flaxland, der Herders Frau angehörte, empfangen, und immerhin ermutigend bei seinen bescheidenen Ansprüchen lautet sein Bestallungsdekret. „Demnach wir von Gottes Gnaden Ludwig, Landgraf zu Hessen bei der zu Verbesserung des allgemeinen Nahrungsstandes und Polizeiwesens angeordneten Landkommission, Unseren lieben, getreuen Joh. Matthias Claudius, zu Unserem Ober-Land-Commissario, mit dem Rang eines wirklichen Cammer-Raths, dergestalt bestellt haben, dass er unter den Befehlen Unsers zur Ober-Aufsicht des Instituts ernannten Präsidenten, Freiherrn von Moser – den vorfallenden Geschäften mit Treue, Fleiß und Diensteifer abwarten und vor diese Bemühung alljährlich Sechshundert Gulden Besoldung, 2/3 an Geld und 1/3 an Naturalien – zu beziehen haben soll.“

Die geistige Atmosphäre in Darmstadt hatte manches, was einen Claudius sympathisch anwehen konnte. Mit dem Hof zwar kam er in keinerlei Berührung. Der Landgraf residierte gewöhnlich in Pirmasens, wo er seine Soldaten exerzierte. Seine Gemahlin Karoline, die große Landgräfin, die Freundin Friedrichs des Großen, der ihr eine Marmorurne mit der Inschrift: „Femina sexu, ingenio vir“ widmete, die Verehrerin Klopstocks, war kurz vorher gestorben, Prinzessin Luise als Gemahlin des Herzogs Karl August nach Weimar abgegangen. Aber ein Kreis interessanter, gebildeter und gemütvoller Männer und Frauen fand sich dort zusammen. Herder hatte sich dort seine begabte, edle Gattin Karoline Flaxland geholt; Goethes, des genialen jungen Wanderers, anregende Besuche aus dem benachbarten Frankfurt, wirkten noch nach; sein merkwürdiger Freund und Berater, der verstandesscharfe Weltmann und Literaturkenner Kriegsrat Merck, wohnte in Darmstadt. Und doch akklimatisierte sich der Wandsbecker Bote nicht in der rheinischen Ebene.

Sein amtlicher Wirkungskreis war von vornherein zu unbestimmt und schwebte, obwohl es hauptsächlich auf Bildung des Volkes, Verbesserung des Landbaues, Hebung des materiellen und sittlichen Wohlstandes, also auf sehr praktische Ziele, abgesehen war, zu sehr in der Luft, als dass ein Mann von so wenig praktischer Begabung und geschäftlicher Gewandtheit wie unser Freund etwas daraus hätte machen können. Die wohlgemeinten Reformplane seines in Hessen landfremden Gönners Moser waren zwar im Geistes der Zeit christlich-philanthropisch gedacht, erwiesen sich aber in der Durchführung ziemlich utopisch; sie waren im Sinn ihres Urhebers volksfreundlich gemeint, wurden aber durchs aus nicht volkstümlich, stießen vielmehr, weil sie den geschichtlich gewordenen, faktisch bestehenden Verhältnissen des Landes zu wenig Rechnung trugen und zu herrisch und rücksichtslos durchgeführt wurden, auf erbitterten und zähen Widerstand. Welches Rad in dieser Volksbeglückungsmaschine eigentlich Claudius persönlich zu treiben hatte, wissen wir nicht; vielleicht wusste er es selber nicht recht; vielleicht wussten es nicht einmal seine Vorgesetzten genau. Am besten jedenfalls passte für ihn und passte er für die vom Anfang des Jahres 1777 ihm übertragene Redaktion der Hessen-Darmstädtischen privilegierten Landeszeitung, die er im Geiste des Wandsbecker Boten durch volkstümlichen Ton, belehrende Mitteilungen, moralische Erzählungen, Poesie und Humor zu würzen suchte und mit welcher er in und außerhalb des Landes viel Beifall fand. Aber trotzdem wurde ihm nicht wohl. Er fühlte sich nicht an seinem Platz. Vertriebliche Kollisionen mit einzelnen seiner Vorgesetzten und Kollegen blieben nicht aus. Zwischenträgereien trübten selbst sein Verhältnis zu seinem aufrichtigen Freund und Gönner v. Moser. Und als er vollends im März 1777 in eine ernste Krankheit fiel, war sein Entschluss zur Heimkehr gefasst, den er hauptsächlich mit der für ihn und die Seinigen ungesunden Darmstädter Luft zunächst buchstäblich gemeint, aber auch figürlich geltend begründete.

Moser selbst spricht den Ärger über sein rasches Abbrechen noch einige Jahre hernach in den herben Worten aus: „Seine herzliche und populäre Schreibart schien die Erwerbung eines solchen Mannes bei einer Anstalt schätzbar zu machen, wo so wenig auf Befehl und so viel auf Überzeugung ankommt. Er war aber zu faul, mochte nichts tun, als Vögel singen hören, Klavier spielen und spazieren geben, konnte die hiesige Luft nicht vertragen, fiel in eine tödliche Krankheit und ging von selbst zu seinen Seekrebsen wieder zurück.“ Mehr Gerechtigkeit lässt ihm eine Klageschrift der Feinde Mosers gegen den allmächtigen Minister und seine Landeskommission widerfahren, worin es heißt: „Des Herrn Landgrafen Hochfürstliche Durchlaucht werden mit lauter Träumen von hergestelltem Kredit, Wohlstand der Kassen und des Landes unterhalten und das ganze herzige Publikum mit Zeitungsnachrichten hintergangen, des Endes sogar eine neue Landeszeitung angelegt und ein eigener Zeitungsschreiber bestellt, um die Landeskommissionslügen gegen jährliche Besoldung von 800 Gulden durch schöne Einkleidung recht wahrscheinlich zu machen. Es war der bekannte Claudius, ein ehrlicher Mann, der eben deswegen wieder wegging und sich’s zur Ehre seines Herzens machte, lieber jährlich 800 Gulden zu entbehren, als solche durch Windbeutelei zu verdienen.“

Mit einem Reisegeld, das Herder, nunmehr Oberhofprediger in Weimar, ihm von der edlen Herzogin Luise dort verschaffte, kehrte Claudius heim unter sein trautes Wandsbecker Dach. Es mochte ihm ums Herze sein wie dem Psalmisten, da er sang: „Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Strick des Voglers; der Strick ist zerrissen und wir sind los.“ Und auch das andere Psalmwort ging nun an ihm in liebliche Erfüllung: „Der Vogel hat ein Haus funden und die Schwalbe ihr Nest, da sie Junge hecken.“

Die Lehrjahre sind nun überstanden, auch die Wanderjahre sind vorüber, die Meisterjahre beginnen. Was er nicht konnte, hatte er jetzt erfahren, was er konnte, das übte er von nun an immer besser. Sein äußeres und inneres Leben hatte nach unstetem Umhertasten in der Ferne, wobei ihn sein offenes Herz, sein argloses Gemüt, seine Anbekanntschaft mit sich selbst und der Welt mehr als einmal irregeführt, das ruhige Geleise gefunden, in dem er seine Eigenart walten lassen und mit dem ihm anvertrauten Pfunde wuchern konnte, sich selbst zum Behagen, seinem Volke zum Segen.

Im Schoße seiner blühenden Familie, im Kreise alter und neuer Freunde flossen ihm glückliche Jahre und Jahrzehnte dahin. Fünf Mädchen nach einander wurden ihm geboren, denen erst an sechster Stelle 1783 der langersehnte „Dauphin“ folgte, den er schon jahrelang voraus launig besungen hatte. Sodann aber folgten noch eine Tochter und vier weitere Söhne.

Dabei hat das Haus immer offene Türen für Freunde von nah und fern.

Ein Jahr lang ist Joh. Heinr. Voss mit seiner jungen Frau der traute Hausnachbar und Hausfreund; es war ein idyllisches Zusammenleben beider Haushaltungen, bei einfachster Lebensweise gewürzt durch Gemüt und Phantasie, Genügsamkeit und Humor. „Abends“, erzählt Ernestine Voss, „waren wir häufig mit Claudius zusammen, und in dem Haus, wo nach vorhergegangener Untersuchung das meiste Essenswürdige sich fand, ward die Tafel gedeckt. Eine bedeutende Rolle spielte ein Stück kaltes Pökelfleisch oder ein Karpfen, den man vom Fischer im Schlossgarten selbst aus dem Teiche heben sah und ins Schnupftuch gebunden nachhause trug. Wenn Claudius bei uns war, hatte er immer seine älteste Tochter mit einem Kreuzgürtel auf den Rücken gebunden; die ward dann in unser Bett gelegt, bis sie wieder heimgingen.“

Die beiden ältesten Söhne von Fritz Jacobi, einen acht- und einen zehnjährigen Knaben, hatte Claudius zwei Jahre lang bei sich zur Erziehung. Als Jacobi im Sommer 1780 dieselben abzuholen kam, machten die Väter zu gegenseitiger Freude ihre persönliche Bekanntschaft. „Der Wandsbecker Bote“, schreibt Jacobi, „hat in jeder Beziehung meine Erwartung übertroffen. Er ist ein wahrer Bote Gottes, sein Christentum so alt als die Welt. Übrigens erscheint er im Leben ganz so wie in seinen Schriften: erhaben nur insgeheim, voll Scherz und Schalkheit im öffentlichen Umgang.“

Auch Schönborn, Lessing, Campe, Sophie v. La Roche u. a. kehrten ein. Mit dem benachbarten Adel, den hochgebildeten und edelgesinnten gräflichen Familien v. Schimmelmann, Reventlow, Stolberg wurde ein herzlicher Verkehr, brieflich und persönlich, gepflogen. Mit entlehntem Geld kaufte Claudius 1781 ein eigenes Haus; hinter demselben Hof, Garten und Wiese, die sich bis zum Wandsbecker Gehölz erstreckte. Da entfaltete sich ungehemmt jenes in Gott fröhliche Familienleben mit den selbsterfundenen Festen, wovon er in einem Brief an Andres schreibt: „Du weißt, dass in jeder gut eingerichteten Haushaltung kein Festtag ungefeiert gehalten wird und dass ein Hausvater zulangt, wenn er auf eine gute Art und mit einigem Scheine des Rechts einen neuen an sich bringen kann.“

Auch die Nahrungssorgen wurden mit der Zeit beseitigt durch die Großmut des Kronprinzen – Mitregenten von Dänemark – den Claudius im Jahr 1787 im Hinblick auf seine acht Kinder um irgendeine Stelle mit sicherem, wenn auch bescheidenem Einkommen bat.

Gewitzt durch frühere Erfahrungen, sagt er in der Bittschrift: „Wenn es mir auch erlaubt sein würde, so wüsste ich nicht zu sagen, wozu ich eigentlich geschickt bin, und ich muss Ew. Königl. Hoheit untertänig bitten, dass Sie gnädigst geruhen, ein Machtwort zu sprechen und zu befehlen, wozu ich geschickt sein soll.“ Durch Graf Schimmelmanns Vermittlung bekam er die Stelle eines ersten Revisors der Schleswig-Holsteinischen Bank zu Altona mit einem Gehalt von 800 Rthlr., der Ermächtigung, in Wandsbeck zu wohnen, und der einzigen Verpflichtung, alljährlich im Herbst der Rechnungsrevision im nahen Altona beizuwohnen.

Im Verlauf der Zeit allerdings warf auch der Ernst des Lebens seine Schatten herein in den patriarchalischen Frieden des Hauses. Am politischen Horizont stiegen die Sturmwolken der französischen Revolution herauf und entluden ihre Gewitterschläge. In Hamburg und auf den benachbarten Edelsitzen wimmelte es von Emigranten. Dumouriez, Lafayette u. a. siedelten sich auf kürzer oder länger an. Auch im Claudiusschen Freundeskreise spürte man die Erschütterung. Die politischen Anschauungen schieden sich. Die heroischeren Naturen, wie Klopstock und Voss, jubelten, vom süßen Most der jungen Freiheit trunken, der Revolution zu, bis sie, durch ihre blutigen Orgien ernüchtert, sich mit Abscheu abwandten. Die zarteren und bedächtigeren Gemüter, unter ihnen Claudius, Stolberg, Jacobi, sahen in dem großartigen Drama der Revolution von vornherein fast lediglich ein finsteres Spiel dämonischer Mächte, eine frevelhafte Auflehnung gegen göttliche wie menschliche Ordnung. Claudius insbesondere, so freimütig er auch den Großen die Wahrheit sagt:

„Gut sein! gut sein! ist viel getan,
Erobern ist nur wenig;
Der König sei der bess’re Mann,
Sonst sei der Bess’re König!“

und so sehr er sich als Mann des Volkes und Freund des Volks fühlt: so entschieden tritt er aller falschen, zügellosen Freiheit gegenüber. Ein politischer Blick oder ein geschichtsphilosophischer Standpunkt liegt ihm fern. Ein patriarchalisches Verhältnis zwischen Fürst und Volk ist sein Ideal. Und von dieser Anschauung aus verstehen wir ebenso seine zürnende „Klage“ über die Pariser Gräuel von 1793, wie seine „Fabel“ von 1795 gegen die von Struensee in Dänemark eingeführte Pressefreiheit. Im Tierreich kommt man um Abschaffung des Zensors Brummelbär ein. König Löwe genehmigt das Gesuch. Aber nun ziehen sich die edleren Bestien, überschrieen vom Tierpöbel, zurück. Da schüttelt der Löwe das Haupt:

„Ich rechnete aus angestammtem Triebe
Auf Edelsinn und Wahrheitsliebe
Sie waren es nicht wert, die Sudler klein und groß,
Macht doch den Bären wieder los !“

Freund Voss freilich ließ dagegen ein herbes Streitgedicht los: „Der Kauz und der Adler. Keine Fabel.“ Ein Kauz verklagt beim König Adler den Hahn als Trompeter der Aufklärung und begehrt den Uhu zum Zensor.

„Der Adler tat, als hört er’s nicht,
Und sah ins junge Morgenlicht.“

Kant erachtete das Vossche Epigramm „einer Hekatombe wert“.

Auch innerhalb seiner vier Wände blieb dem biederen Boten das Hauskreuz nicht erspart. Wohl war sein Familienleben im ganzen ein in Gott gesegnetes und in Gott vergnügtes. Mit welch dankbarer Freude er am Tage seiner silbernen Hochzeit, am 15. März 1797, auf ein fünfundzwanzigjähriges Eheglück zurückblickte, spricht er rührend seiner Rebekka aus:

„Ich habe Dich geliebet und Dich will ich lieben,
So lang Du, goldner Engel, bist,
In diesem wüsten Lande hier und drüben,
Im Lande, wo es besser ist!“

Wie wohl denen ward, die unter seinem Dach einkehrten und ihn da walten sahen, die kaum mittelgroße Gestalt im bequemen Hausrock, mit dem treuherzigen, durch eine gebogene Nase und hervortretende Unterlippe ausdrucksvollen Gesicht, dem schlicht rückwärtsgestrichenen, von Kamm zurückgehaltenen Haar und den strahlenden blauen Augen, und die seinem meist plattdeutsch geführten, bei allem sanften Ernst harmlos-heiteren Gespräche lauschten, das spricht nach einem Besuche bei ihm der Generalsuperintendent Ewald in Detmold aus: Was man auch von seinen religiösen und politischen Meinungen sagen mag, der Mann ist kein anderer geworden. Er hat keinen finsteren Blick bekommen, ist allen Menschen herzlich gut, ein braver Gatte, Vater, Freund und Mensch. Er lacht herzlich über manche Dinge, worüber sich viele unserer Toleranz- und Humanitäts- und Stoizismusprediger halbtot ärgern würden.“

Ein gesundes praktisches Christentum waltete im Hause. Elterliche Autorität und kindliche Pietät, aber dabei unbefangene Bewegung nach der Individualität jedes Einzelnen, Gebet und Bibellektion die Weihe des Tages, aber darum keine Spur einer trübseligen und engherzigen Frömmelei.

Die Söhne unterrichtete der Vater selbst in Sprachen und Realien, mehr anregend zu eigenem Studium als streng methodisch. Neben der deutschen Literatur, wo „Stillings Leben“, Pestalozzi’s „Lienhard und Gertrud“, „Reineke Fuchs“ Lieblingsbücher waren – wurde Englisch, Französisch, sogar Spanisch getrieben. Auch mit der Astronomie beschäftigte man sich gern. Musik übte alt und jung. Der Vater selbst war ein fertiger Klavierspieler, die Töchter sangen, die Söhne lernten verschiedene Instrumente; Bachs, Händels, Mozarts, Reichardts Melodien durchklangen das Haus.

Doch wurde es allmählich stiller. Vier Söhne nach einander bezogen die Hochschule, drei zum Studium der Theologie; zwei Töchter verheirateten sich, Karoline mit dem Buchhändler Friedrich Perthes, Anna mit dem Arzte Max Jacobi, einem Sohn des alten Herzensfreundes, auf französischem Boden, in der Nähe von Aachen. Nach der Geburt ihres ersten Kindes schreibt der Großvater an Gräfin Katharina Stolberg: „Die kleine Republikanerin trinkt und speit, als wenn sie in einem wohlgeordneten Staat lebte. Aber bei alledem verheirate ich doch keine Tochter mehr nicht allein nach keiner entfernten Republik, sondern nach keinem entfernten Lande. Die Entfernung ist ein halber Tod.“

Auch der ganze Tod trat schmerzlich in sein Haus und an sein Herz. Besonders nahe ging ihm der Verlust seiner zweiten Tochter Christiane, die mit 20 Jahren am Nervenfieber starb. Ihr sang er das rührende Lied nach, das in des „Knaben Wunderhorn“ aufgenommen ist: „Es stand ein Sternlein am Himmel“, sowie das andere: „Bei ihrem Grabe“.

Unter solch ernsten Erfahrungen des äußeren Lebens, verbunden mit dem Einfluss der vorrückenden Jahre, vertiefte sich je mehr und mehr auch das innere Leben des Mannes. Sein religiöser Standpunkt wurde fester und bestimmter. Von einem gemütseligen Gefühlschristentum kommt er immer entschiedener zum positiven Bibel- und zum lutherischen Kirchenglauben. Während er einst auf Lessings Seite gegen den Hauptpastor Göze gestanden hatte, bekämpft er nun immer eifriger nicht nur die flache Aufklärung der Zeit, sondern auch den Kantischen Rationalismus, dem er es nicht verzeihen konnte, dass er das biblische Christentum zu Vernunftideen verflüchtige und die höchsten Wahrheiten des Glaubens, Gott, Unsterblichkeit, Vergeltung, zu bloßen Hilfsideen für die praktische Vernunft herabsetze. Freilich vermochte er trotz der Aufklärungen, die er sich von Freund Jacobi über Kants System erbat, dasselbe philosophisch weder recht zu begreifen noch gerecht zu würdigen.

Um eine gewisse Wendung, wenn auch keineswegs eine Umkehr in Claudius innerem Leben zu bemerken, darf man nur die späteren Teile des Wandsbecker Boten, vom vierten an, mit den früheren vergleichen. Der Ton wird, wie die Gegenstände der Besprechung, ernster. Theologische, philosophische, mystische, erbauliche Schriften beschäftigen den Verfasser, wie Plato, Spinoza, Tauler, Jakob Böhme, Pascal, Fenelon und besonders Luther. Der ästhetische Gesichtspunkt tritt hinter die sittlich-religiöse Tendenz, Scherz und Humor hinter ernste, manchmal trübe Betrachtungen und polemische Artikel mehr und mehr zurück, wenn auch des Verfassers harmlose Laune und gutmütige Weitherzigkeit sich nie ganz verleugnet. Wie er seine Mission nunmehr auffasst, spricht er am deutlichsten und liebenswürdigsten aus im Vorwort zum siebenten Teil seiner Werke vom Jahre 1802: „Es stehet nur wenigen an, dies große Thema [des Christentums] zu dozieren; aber auf seine Art und in allen Treuen aufmerksam darauf zu machen; durch Ernst und Scherz, durch gut und schlecht, schwach und stark und auf allerlei Weise, an das Bessere und Unsichtbare zu erinnern und … durchs Faktum zu zeigen, dass man nicht ganz und gar Ignorant, nicht ohne allen Menschenverstand und [doch] ein rechtgläubiger Christ sein könne; das steht einem ehrlichen und bescheidenen Manne wohl an, und das ist am Ende das Gewerbe, das ich als Bote zu bestellen habe.“

Es konnte nicht fehlen, dass auf dem schmalen Wege, den er seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts immer entschiedener einschlug, nicht nur ein Teil seiner früheren Leser, sondern auch manche der alten Jugendgenossen sich von ihm lossagten. Der grundbrave, aber stockrationalistische, psychisch wie physisch hartknochige Voss schreibt schon 1785: „Claudius versinkt immer tiefer in den grundlosen Morast, der ihm ein Paradies scheint“; doch blieb das persönliche Verhältnis leidlich, wie auch die Freundschaft mit Stolberg durch dessen Übertritt zum Katholizismus bei Claudius keineswegs erschüttert wurde. Desto entschiedener wandte sich Goethe ab. Aus dem Gärungsprozess seiner Sturm- und Drangperiode hatte er sich zur ruhig klaren Klassizität durchgearbeitet und stieß nun was ihm auf diesem Weg in die Quere kam mit einem Widerwillen, ja einer Schroffheit ab, die sich erst im vorrückenden Alter, auf dem Standpunkt von „Wahrheit und Dichtung“, zu mildem Geltenlassen abklärte.

Bekannt ist, wie herb er in jener Periode seines „Julianischen Christenhasses“ den früheren Herzensbruder Lavater beurteilte. Nicht sehr viel glimpflicher kommt Claudius weg, wenn auch ihm gegenüber die Antipathie wie die Sympathie weniger lebhaft hervortritt, weil ein näheres persönliches Verhältnis nie bestanden hatte. Schon in den italienischen Briefen an Herder nennt ihn Goethe „einen Narren, der voll Einfaltsprätensionen stecke“. Noch kälter als Goethe stand ihm Schiller mit seinem sittlich-vornehmen Pathos und seinem selbstbewussten Kantianismus gegenüber. Als die beiden Olympier ihre Xenienblitze ausstreuten, kam denn auch Claudius nicht ungestreift weg. Goethe widmete ihm mit Bezug auf seine Übersetzung von St. Martins „Erreurs et verité“ das Epigramm:

„Irrtum wolltest du bringen und Wahrheit, Bote von Wandsbeck:
Wahrheit sie war dir zu schwer, Irrtum den brachtest du fort.“

Des Boten Repliken gehörten wenigstens nicht zu den allerschlechtesten im famosen Xenienstreit. Unter anderen travestierte er zwei bekannte Distichen von Goethe und Schiller. So mit Bezug auf Goethes „Eislauf“:

„Der berühmte Almanach.“

„Fallen ist der Sterblichen Los. So fällt hier der Schiller
Wie der Meister, doch stürzt dieser gefährlicher hin.“

Sodann:

Das Distichon.“

„Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein;
Im Pentameter drauf lässt er ihn wieder heraus.“

Wird aber so sein literarischer Weg allmählich einsamer, zumal nachdem die ältesten Freunde und Gesinnungsgenossen, ein Hamann, Klopstock, Herder weggestorben, so sammeln sich um den alternden Boten, abgesehen von einem getreuen Leserkreis in allen Ständen, der statt des ästhetischen Genusses sittliche Belehrung und religiöse Erbauung bei ihm sucht, in Anerkennung seiner christlichen Richtung wie seiner eigenartigen Persönlichkeit auch tüchtige jüngere Geister, die verehrend zu ihm aufblicken, wie Schelling, Steffens, Schubert, Franz Baader, Friedr. Schlegel, Seiler, Neander, Runge, Overbeck u. a. Und so steht er mit seinem christlichen Laienevangelium nicht nur in der Periode des herrschenden Rationalismus als ein unerschrockener Prediger in der Wüste da, sondern er gehört auch zu den ehrwürdigen Propheten und Vorläufern des mit den Befreiungskriegen im deutschen Vaterland neu erwachenden christlich-germanischen Geistes, und das Morgenrot dieser besseren Zeit umleuchtet ihm noch vor seinem Scheiden verklärend das greise Patriarchenhaupt. Freilich nicht ohne dass er von den vorangebenden Stürmen noch hart mitgenommen wurde. Die Napoleonische Gewaltherrschaft lastete schwer auf seiner treuen deutschen Seele, und tief ging es ihm zu Herzen, seinen geliebten Landesvater und gnädigen Wohltäter, den König von Dänemark, unter dem Zwang der politischen Verhältnisse gegen Deutschland stehen sehen zu müssen. In seinen eigenen Familienkreis griff der furchtbare Ernst der Zeit herein, indem sein Schwiegersohn, der patriotische Friedrich Perthes, im Frühjahr 1813, als Marschall Davoust den russischen Obersten v. Tettenborn aus Hamburg vertrieb, nur durch schleunige Flucht der Gefangenschaft und dem drohenden Schicksal eines Palm, dem schimpflichen Rebellentod, entging. Und dem alten Mann selber, dem 73jährigen Boten, ging die Not an den Leib, als er im Sommer jenes Jahres vor dem Kriegssturm aus der trauten Wandsbecker Heimat flüchten musste, um in Kiel, später in Lübeck, eine Zuflucht zu suchen. „Wir sind hier so weit wohl“, schreibt er von dort, „wir haben ein kleines Stübchen, darinnen ein Bett und Kanapee stehen, dann aber auch so wenig Raum ist, dass ein Mensch sich kaum umwenden kann. Wir kochen selbst Grütze und Kartoffeln, nur ist die Feuerung überteuer. Aus der Zeitung werdet ihr erfahren haben, dass Wandsbeck in der Alliierten Hände ist. Fritz ist dort und hält Haus und hat die Ruh verkauft. Im Keller sieht es aus wie vor der Schöpfung, wüste und leer.“

Doch durfte er noch den Tag der Befreiung erleben und auf heimischem Boden sterben. Im Mai 1814 konnte er in sein von Franzosen und Russen hart mitgenommenes Wandsbeck zurückkehren und feierte dort inmitten der Seinigen am 15. August den letzten Geburtstag. Aber seine Kraft war gebrochen, die Beschwerden des Alters lasteten schwer auf seinem zart gebauten Körper. Als sich sein Zustand verschlimmerte, zog er auf dringende Bitten mit der Mutter Rebekka zu seinen Kindern Perthes nach Hamburg, um dem Arzt näher zu sein. „Papa ist müde und matt“, schrieb Karoline nach seiner Ankunft, doch können wir Gott nicht genug danken, dass er so leidensfrei ist. Er ist so ruhig und freundlich, ja man möchte sagen vergnüglich, dass ich aus Freude darüber den Schmerz, der in mir ist, nicht zu Worte kommen lasse.“

Sanft entschlief er am 21. Januar 1815. Nachmittags 2 Uhr ließ er sich auf eine Seite legen und den Schweiß abtrocknen, sagte einige Mal: „Gute Nacht, gute Nacht!“ – schlug noch einmal die Augen groß und hell auf, blickte segnend nach seiner Rebekka, tat drei starke Atemzüge und verschied.

Noch 17 Jahre überlebte ihn die treue Gefährtin. Sie starb 1832, in einem Jahr mit den alten Freundinnen Ernestine Voss und Katharina Stolberg. Er selber ward begraben zu Wandsbeck, wo seine Leiche noch einmal vor dem alten trauten Wohnhaus niedergesetzt, dann in die Kirche und von da auf den Friedhof gebracht und neben der vorangegangenen Tochter Christiane beigelegt wurde. Ein gusseisernes Kreuz mit der Inschrift Joh. 3, 16: „Also hat Gott die Welt geliebt usw.“ bezeichnet jetzt seine Ruhestatt. Am hundertjährigen Gedenktag seiner Geburt, 15. August 1840, wurde dem heimgegangenen Boten im Wandsbecker Gehölz ein granitener Gedenkstein errichtet mit Stab, Hut und Tasche, wobei sein ältester Enkel, Matthias Claudius, Worte der Weihe sprach.

Kilian

Unter den Männern gesegneten Andenkens, welchen Deutschland nächst Gott das Kleinod des Evangeliums verdankt, nimmt der h. Kilian eine ehrenvolle Rolle ein. Der Schauplatz seiner Missionsthätigkeit, welcher mit seinem Blute befeuchtet und fruchtbar gemacht wurde, war besonders der jetzige unterfränkische Kreis Bayerns, ein Landstrich lieblich und blühend, wie nur einer im deutschen Vaterlande, reich an Weinbergen, Obstgärten und wogenden Kornfeldern und belebt durch den silberbellen, schiffbaren Main, welcher in weiten Krümmungen das Land durchströmt. Diese Gegend gehörte in alten Zeiten zu den Stammsitzen der urdeutschen, suevischen Hermunduren, die von den Gestaden der Donau bis in die Gegend von Magdeburg wohnten und später in der Geschichte unter dem Namen der Thüringer auftraten. Ihr großes Reich wurde in der ersten Hälfte des 6ten Jahrhunderts durch den Frankenkönig Theodorich mit Hilfe der Sachsen zerstört und hierauf alles Land südlich der Unstrut dem großen Frankenreiche einverleibt. Als jedoch Slaven und Avaren den Verfall der thüringschen Macht benützten, um westlich vorzudringen und erstere sich am Maine und der Rednitz festsetzten, stellte der Franke Dagobert ein Herzogthum Thüringen nördlich und südlich des thüringschen Waldgebirges wieder her und gab ihm eigene Volksherzoge. Der erste derselben war Aruobo oder Radulf, welchem sein Sohn Heban I. folgte. Einen jüngeren Sohn des letztern, Gogbert, finden wir auf dem herzoglichen Stuhle zur Zeit, da Kilians Wirksamkeit im Lande beginnt.

Das Volk war zahlreich, ein starkes, freiheitgewohntes Geschlecht von Jägern und Kriegern, aber noch überall bedeckt von heidnischer Finsternis. In dem Schlosse zu Würzburg, (jetzt Festung Marienberg) wo der Herzog residierte, war zugleich das Heiligthum einer weiblichen Gottheit, die vom Volke weit und breit verehrt wurde. Diana, die Göttin der Jagd, heißt sie bei den Alten; es wird aber wohl die Frau Holda der Deutschen gewesen sein. Zwar finden sich schon, wenn anders der Sage zu trauen ist, einzelne Spuren des Christenthums, wie Lichtstrahlen in dichter Finsternis, etwas vor Kilian. Zu Hollheim am Maine soll ein angesehener Mann, Iberius mit Namen, nebst seiner Gattin Mechild, als Christ gelebt haben; dessen Tochter Bilibild wurde, der Sage nach, bei einem Einfalle der Hunnen, welche Deutschland öfters verheerten, in zarter Jugend nach Würzburg geflüchtet und dort im Christenthume erzogen. Später wurde sie die 2te Gemahlin des schon erwähnten Herzogs Hedan I. Allein die Geschichte der Bilibild ist sehr dunkel und zweifelhaft. Möglich wäre einige Bekanntschaft mit dem Christenthume in unsrem thüringschen Herzogthume allerdings gewesen, da es ja zu dem großentheils schon christlichen Frankenreiche gehörte und da Kriegszüge im Heergefolge der Franken auch in christliche Gegenden führen konnten. Kilian fand nur Heidenthum vor. Der Weg des Lebens war unbekannt. Doch war jetzt die Zeit gekommen, wo Gott sein Licht auch den in Finsternis und Todesschatten sitzenden Thüringern erscheinen lassen und ihre Füße auf den Weg des Friedens richten wollte.

Sein erstes Werkzeug hiezu, Kyllena, oder, wie den Deutschen der Name mundgerechter war, Kilian, war gegen die Mitte des siebenten Jahrhunderts n. Chr. (a. 640) in einer angesehenen Familie in Irland geboren, in jener Insel also, welche sich lange Zeit hindurch ebensowohl durch ihr treues Halten an einem ursprünglichern und reinern Christenthume, wie durch ihren regen Missionseifer auszeichnete. Von seiner Jugend wissen wir nicht viel. Die Mönche des Mittelalters, welche zu ihrer Zeit fast allein die Feder geführt und uns Aufzeichnungen hinterlassen haben, gefielen sich in Ausschmückungen des Lebens der Heiligen Gottes; spätere Erzähler wußten immer mehr, als die früheren, sehr vieles tragt offenbar das Merkmal der Erdichtung an sich und dadurch ist die zuverlässige Geschichte der Heiligen leider! sehr verdunkelt worden. Wir müssen das sogleich von vorn herein bemerken. Wenn jedoch berichtet wird, daß Kilian schon von Jugend auf sich stark zum Studium der 1. Schrift hingezogen fühlte, daß er von seinen Eltern, einem Kloster zur Erziehung anvertraut wurde, weil damals die Klöster allein die Stätten einer höheren Bildung waren, daß hier im Kloster das Wort des Herrn Luc. 9, 23. (wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach,) ihn traf und den Wunsch in ihm rege machte, seinem Gotte und Heilande an den Heiden zu dienen, so ist dagegen wohl nichts aus innern oder äußeren Gründen einzuwenden. Mit mehrern Begleitern verließ Kilian Vaterland, Freundschaft und irdischen Besitz und erschien als Bote des Evangeliums in der Maingegend um Würzburg. Unter seinen Gefährten werden besonders die Priester Solonat (Colomann), Gallo und Arnwal und der Diacon Totnan (Donatus) genannt. Die Gegend ist schön, fruchtbar und stark bewohnt, das Volk kräftig an Leib und Seele, nur die allenthalben herrschende heidnische Blindheit betrübt die Missionare tief. Hier glaubt also Kilian die Stätte seiner künftigen Wirksamkeit gefunden zu haben. Doch ehe er wirklich mit der Arbeit beginnt, – erzählen nun unsere Berichterstatter aus dem Mittelalter, reist er zuvor nach Rom, um vom Papste sich Vollmacht zu seiner Missionsthätigkeit geben zu lassen. Statt des Papstes Johannes, den er auf dem Stuhle zu Rom vermuthet, trifft er den Papst Conon, wird von diesem, welcher Kilians Hingabe und Tüchtigkeit leicht erkennt, freundlich aufgenommen, mit der gewünschten Vollmacht begabt und wieder nach Würzburg zurückgesendet. Allein diese Romfahrt eines Briten, wie Kilian war, ist nicht sehr wahrscheinlich und muß dahin gestellt bleiben. Wäre die Angabe über diese Reise richtig, so würde sich hienach Kilians Ankunft zu Würzburg für das Jahr 686 und der Beginn seiner Arbeit für 687 bestimmen lassen.

Kilian durchzog nun das Land am Main mit der Predigt von Christo, (der Sage nach bis auf die Höhen des Rhöngebirges,) treulich unterstützt von seinen Gefährten Golonat und Totnan. Eine alte, überaus treuherzige Lebensbeschreibung unsres Heiligen erzählt: Kilian lehrt aus dem Evangelium Gottes, wie Gott vergeblich (aus Gnaden) um seines Sohnes willen uns die Sünde verzeihe, wie ein gnädigen, gütigen Gott wir hätten, was Barmherzigkeit er uns bewiesen; daneben ließ er auch nicht unangezeigt den Zorn Gottes, der so gar wider die Sünder ergrimmet, strafet dabey die Sünd und warnet die Sünder, verschonet Niemands, Hohem und Niederm zeigt er die Wahrheit an und den rechten Weg des Lebens.“ Gott gab Gnade, daß Vieler Herzen für die Predigt von dem allein wahren Gotte und Heilande aller Menschen geöffnet wurden. Auch der Herzog Gozbert hörte von dem heiligen Manne und seinen gewaltigen Worten, ließ ihn zu sich rufen, unterredete sich mit ihm und siehe! auch der Herzog wird vom Evangelium überwunden, wird ein Christ und läßt sich taufen. Welche Aussicht eröffnet sich nach solchem Vorgange für die Bekehrung des ganzen thüringschen Volkes! Doch ein Umstand trübte bei Kilian die Freude und mischte in die Hoffnung bange Besorgnis: Gozbert war mit der Witwe seines älteren Bruders verehelicht, und eine solche Ehe war nach den Ansichten Kilians und seiner Zeit unstatthaft. Auch Corbinian in Freisingen hatte aus ähnlicher Ursache schwere Kämpfe zu bestehen. Den Glaubenszeugen jener frühen Zeit mochte das Vorbild Johannis des Täufers vorschweben, welcher zu Herodes sprach: es ist nicht recht, daß du deines Bruders Weib hast! Matth. 14, 4. Dabei übersahen sie etwa, daß doch der Fall mit Herodes ein anderer war, denn Herodes hatte seines noch lebenden Bruders Philippi Weib, nicht des Verstorbenen Witwe zur Gattin. Freilich suchte jene Zeit schon Ehen unter Verwandten auf jede Weise zu beseitigen und gab dem freien Geiste des Evangeliums überhaupt schon eine gesetzliche Richtung. Daß auch Kilian von den Einflüssen seiner Zeit nicht frei war, darf uns nicht Wunder nehmen, denn auch die Heiligen Gottes sind und bleiben irrthumsfähige Menschen, so lange sie im Thale der Schwachheit wandeln. Um so ehrwürdiger muß uns die Gewissenstreue erscheinen, mit welcher er selbst das Leben auf das Spiel setzte, um zu thun, was er für recht und gut hielt und was er nicht unterlassen zu dürfen glaubte.

Eine Zeit lang schwieg Kilian, um den Herzog erst in christlicher Erkenntnis wachsen und in Liebe und Hingebung an das ihm gepredigte Wort stärker werden zu lassen. Endlich hielt Kilian die Zeit für gekommen, da er hoffen durfte, einen günstigen Eindruck auf den Herzog zu machen und ihn zur Trennung von seiner Gemahlin bewegen zu können. Er redete mit christlichem Freimuthe. Der Herzog erschrak, er kämpfte einen schweren Kampf mit sich selbst, aber er siegte endlich, denn er erbot sich, auch das Liebste, was er besaß, dem Herrn zu opfern. Ehe jedoch die Trennung vollzogen werden konnte, wurde Gozbert durch dringende Geschäfte abgerufen und nun war Kilian mit seinen Genossen der Rache des erzürnten Weibes preis gegeben. Geilane, so hieß des Herzogs Gemahlin, war auf’s Höchste ergrimmt über die Gefahr, verstoßen zu werden, welche sie bedrohte und entschlossen, sich um jeden Preis in Ehe und Würde zu behaupten, zugleich sich an ihren vermeintlichen Feinden zu rächen. Sie erschrickt nicht vor blutiger That. Die heiligen Männer Kilian, Colonat und Totnan, ahnen, was ihnen bevorsteht und bereiten sich darauf vor, Gott auch mit ihrem Tode zu preisen. Freudig ohne Traurigkeit, andächtig ohne Furcht liegen sie Tag und Nacht dem Gebete und Lobe Gottes ob, die Märtyrerkrone erwartend. Da, unter ihren Gebeten, treten die von Geilane gedungenen Mörder Nachts in das Gemach, Kilian ermahnt seine Gefährten, die nicht zu fürchten, welche bloß den Leib, aber nicht die Seele vermögen zu tödten, und willig erleiden die frei den Tod durch das Schwert. Schnell, um jede Spur des Mordes zu vertilgen, werden die Leichname mit Kleidern, Crucifix und Büchern an der Stelle, wo die Unthat geschehen war, verscharrt. Als Todestag wird der 8. Juli 689 angegeben.

Die Sage fügt noch hinzu, daß dem Morde der heiligen Männer die Rache auf dem Fuße nachfolgte. Zwar als Gozbert zurückgekehrt war und nach seinen Lehrern fragte, antwortete Geilane trotzig: sie wisse nicht, wohin sie sich begeben hätten. Auch Kain hatte auf die Frage des Herrn: wo ist Dein Bruder Habel? erwidert: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Vielleicht wäre das Geschehene verborgen worden, wenn nicht einer der Mörder, von Gewissensqualen gepeinigt und fast wahnsinnig von Angst, die ihn verzehrte, unter allem Volke herumgelaufen wäre und sich selbst des Mordes der Heiligen angeklagt hätte. So kam das Gerücht hievon auch dem Herzoge zu Ohren. Dieser versammelte hierauf die Getauften, um zu berathen, was zu thun sei. Da trat einer der Anwesenden im heimlichen Einverständnisse mit Geilane auf und machte den Vorschlag: man möchte den Mörder der Banden entledigen und ihn allein der Bestrafung des Christengottes überlassen; sei dieser Gott wirklich allwissend, allmächtig und gerecht, wie Kilian gepredigt habe, dann werde er nicht verfehlen, seine gemordeten Diener zu rächen; geschähe das aber nicht, so sollte es ein Zeichen sein, daß der Christenglaube falsch sei und dann wollten alle wieder zum Dienste ihrer väterlichen Götter zurückkehren. Dieser Vorschlag gefiel der Versammlung. Allein kaum war der Gefangene freigelassen, als er in wahnsinniger Wuth sich selbst so zerfleischte, daß er auf der Stelle starb. Auch der andere Mörder soll sich mit einem Dolche getödtet haben und Geilane in einem traurigen Geisteszustande gestorben sein. Wir lassen diese und andre Berichte einer spätern Zeit dahingestellt und erwähnen nur noch, daß, so heimlich auch der Mord Kilians und seiner Genossen geschehen war, doch eine nicht weit von der Mordstätte wohnende christliche Matrone, Burgunda, etwas davon gemerkt hatte und auf diesem Wege später der Ort des Begräbnisses entdeckt wurde. Hier wurden die Gebeine der Knechte Gottes von dem ersten Würzburgischen Bischofe Burghard erhoben.

Obwohl Kilians Tod nach menschlichem Urtheile die Bekehrung des Volkes am Maine um mehr als ein Menschenalter verzögerte, so blieb doch der von ihm ausgestreute, mit seinem Blute gedüngte Same des Evangeliums nicht verloren. Die herzogliche Familie blieb dem Christenthume treu, denn Gozberts Sohn und Nachfolger Heban II. ist bis 716 als Erbauer einer Marienkirche auf dem Schlosse zu Würzburg und überhaupt als Wohlthäter der Kirche und ihrer Anstalten bekannt und dessen Tochter, Immina, führte erst auf dem Schlosse zu Würzburg, dann im Kloster zu Karlsburg ein stilles und frommes Leben. Ein solches Vorbild kann nicht ohne gesegnete Wirkung gewesen sein. Als der Apostel der Deutschen, Winfried oder Bonifazius im J. 719 zuerst nach den thüringschen Mainlanden kam, fand er wohl keinen eignen Herzog mehr vor, so daß anzunehmen ist, daß Heban II. und sein Sohn Thuring in einem Feldzuge des Franken Carl Martell umgekommen sein mögen, worauf der herzogliche Stuhl Thüringens nicht mehr besetzt wurde. Das Land im Süden des thüringschen Waldes, von nun an unmittelbar von den fränkischen Regenten des herrscht, änderte sogar jetzt den Namen und wurde seitdem Neu- oder Ostfranken genannt. Doch fand Bonifaz schon überall Anhaltspunkte für seine christliche Wirksamkeit und, wem sollten diese zu danken gewesen sein, als Kilian und seinen Gefährten? So geht es stets im Reiche Gottes: der Eine pflanzt, der Andre begießt, der Eine legt den Grund, der Andre baut darauf, Gott aber gibt das Gedeihen. Und an dem Gedeihen fehlte es im theuren Frankenlande nicht, seitdem durch die Stiftung des Bisthums Würzburg mit dem ersten Bischofe Burghard (741) eine feste kirchliche Ordnung eingerichtet war.

G. Brock in Auernheim bei Heidenheim in Mittelfranken.

Gerhard Tersteegen

Mit großem Wohlgefallen und mit herzlichem Danke gegen Gott sehen die Gläubigen auf diesen Mann, der uns so augenscheinlich zeigt, was das Christenthum in dem schwächsten Werkzeuge vermag, der durch ein edles, frommes, in Christi Nachfolge geführtes Leben als Muster aufgestellt werden darf und dessen Wirksamkeit in Wort, That und Schrift eine höchst bedeutende war, wie namentlich seine Lieder auch noch Tausenden zur Erbauung dienen. Möchte die Kirchengeschichte uns viele solcher Männer nennen können, und doch hat sie ihn bisher kaum der Erwähnung gewürdigt.

Gerhard Tersteegen wurde zu Moers in der Preußischen Rheinprovinz den 25. November 1697 geboren. Sein Vater war Kaufmann reformirter Confession, der bei seinem frühzeitigen Tode 1703 nicht soviel hinterließ, daß die Mutter den talentvollen Knaben, der schon in demselben Jahre in das später durch die Franzosen geschmälerte Gymnasium seiner Vaterstadt aufgenommen wurde, dem Studium der Theologie, wie Plan und Wunsch war, widmen konnte. Von seinen 7 Geschwistern wird uns nichts Erhebliches erzählt, sie starben alle früh, obwohl sie stark waren; der körperlich schwache Gerhard nahm sich der hinterlassenen Familie nach Kräften liebreich an und unterrichtete auch einige Kinder derselben, obwohl er von den Geschwistern wenig Liebe, ja wohl Verachtung erfahren hatte.

Nachdem Tersteegen die lateinische Schule besucht und sich besonders Kenntnisse in den alten Sprachen erworben hatte, wurde er zu einem Kaufmann in Mülheim an der Ruhr geschickt, bei welchem er die Lehrlingszeit aushielt. Die Sprachkenntnisse kamen ihm später zu Gute, und die nicht freundlichen vier Lehrlingsjahre waren für den phantasiereichen Jüngling eine heilsame Übungsschule. Nach Ablauf derselben und einigen fortgesetzten kaufmännischen Versuchen lernte er von einem frommen Leinweber dessen Handwerk und bald darauf, da dieses für seine Schwächlichkeit sich nicht eignete, das Seidenbandmachen, das er mehrere Jahre betrieb, bis er etwa 30 Jahre alt es aufgab, theils weil es ihm zu seinem Unterhalte nicht mehr nöthig war, theils weil er sonst genug und zwar wichtige Dinge zu thun hatte. Der Handwerker war nach gründlicher Erweckung ein tüchtiger Arbeiter im Weinberge seines Herrn und Heilandes geworden und in Seinem Dienste auch ein nicht unbedeutender Schriftsteller.

Er war von frommen Eltern erzogen, namentlich hatte die länger lebende Mutter großen Einfluß ausgeübt; in Mülheim wandte er sich immer mehr dem religiösen Leben zu, wobei ihm guter Umgang und Lektüre dienlich wurde. Bedeutenden Einfluß hatte der gleichfalls in Mülheim lebende Candidat der Theologie, Wilh. Hoffmann, der nie ein Amt bekleidete, in Erbauungsversammlungen aber auch außerhalb seines Wohnortes thätig war und befreundet mit dem bekannten Hochmann, in dessen Geiste, wenn auch stiller, wirkte, auch durch Schriften. Derselbe bestimmte ihn auch in den Übungen, wie damals die Versammlungen genannt wurden, zu reden, und erweiterte ohne Zweifel auch seine Kenntnisse in der hebräischen, lateinischen und griechischen Sprache; sie blieben Freunde bis zu seinem Tode 1746, auch in der letzten schmerzensvollen Zeit nicht getrennt, der eine durch Geduld und Glaubensmuth auch im Tode, der andre durch aufopfernde Liebe und Handdienste erquickend.

Tersteegen wurde durch Gottes Gnade früh erweckt; mannigfaltige zum Theil harte Verhältnisse förderten sein inneres Leben, er mußte durch Kämpfe hindurchgehen wie so viele Glaubenshelden, bis er endlich zu dem Frieden gelangte, den die Welt nicht geben kann und zu der festen Glaubensstellung, so daß er 1724 am Abende vor Charfreitag eine Verschreibung an seinen Heiland niederschreiben konnte, ihm treu zu sein bis an den Tod; er hat Wort gehalten und sein langes Leben hindurch einen weltüberwindenden Glauben bewährt. Christus war ihm das Leben und Sterben sein Gewinn. Wie Zinzendorf kannte er nur Eine Passion, die war sein Heiland. Von Ihm redete, schrieb er; in Mülheim war er der Seelenfreund Unzähliger, und dort wie an anderen Orten verehrten ihn viele als den, der sie zum Heiland geführt hatte. Tag und Nacht stand er seinen Mitmenschen zu Dienste. Er verstand auch einfache Arzneimittel zu bereiten, wobei er sich vorzüglich nach Richter in Halle richtete, und vertheilte sie unentgeltlich an Arme. Sie wurden von vielen begehrt und auch weithin verschickt. Trotz seiner geringen Mittel hatte er von jeher eine bedeutende Wohlthätigkeit ausgeübt und von seinem elterlichen Vermögen nichts behalten. Er lebte stets einfach und kannte den Genuß, Andre genießen zu lassen. Der arme Handwerker ging schon in frühen Jahren Abends, wenn er nicht bemerkt werden konnte, mit Gaben zu Armen und entzog sich was er andern schenkte, während so Viele mit den kleinen Gaben ihres großen Überflusses noch prunken und sie protokollieren lassen. Doch um das geistige Wohl Anderer war er am meisten bekümmert, und hierin hat er Unmögliches geleistet, so daß Jung Stilling behauptet, seit der Apostel Zeiten hätte Keiner so viel Seelen dem Herrn zugeführt. Die Liebe Christi drängte ihn, er hatte selbst Gnade erfahren. Man lese seine geistliche Lotterie, sein Blumengärtlein, das schon früh entstand, 1729 zuerst erschien und allmählig erweitert wurde; welch ein tiefes, frommes, kindliches Gemüth spricht sich überall aus! Das eigne Lob galt ihm nichts; Gott zu preisen und zu dienen, war seine Aufgabe; Ihm überließ er sich, von Ihm nahm er Alles, was sich ereignete, Leid und Freud, mit Dank und Vertrauen. So sagt er:

Wer etwas liebt und will, was Gott nicht selber ist,
Verlängert seine Qual und hindert seinen Frieden;
Rein ab bis auf den Grund, aufrichtig, ohne List;
Wer Gott will sein gemein, muß werden abgeschieden;

und an andrer Stelle:

Gott ist die Sonne; ich ein Strählchen Seines Lichts,
Trenn‘ ich von Ihm mich ab, bin ich ein finstres Nichts;
Halt‘ ich mich stets an Ihn, so wird mir Licht und Leben
Und alle Tugenden sein stiller Einfluß geben.

Der gebrechliche Mann, dessen Sinn auf stille Zurückgezogenheit ging, wollte doch selbst die mit Unruhe verbundene Thätigkeit nicht meiden und wirkte wo und wie er konnte; in jüngern Jahren mag er dem Quietismus sich in etwa zugeneigt haben, wie auch einem strengeren Separatismus. Auch seine Reisen waren missionsartig; jährlich ging er nach Holland, wo ein großer Freundeskreis war, zum Theil aus den höchsten Ständen. Ein dortiger Freund, Pauw, unterstützte ihn reichlich; er, der so viele glänzende Anerbieten ausschlug, nahm von ihm und einigen andern Freunden gern das Wenige, was er bedurfte, die meisten Gaben Dürftigen zuwendend; seine vielfachen Schriften mochten ihm wenig einbringen. Später reiste er oft nach Crefeld, wo er in der Mennonitenkirche auf vielfaches Bitten auch einmal die Kanzel bestieg, und ins Bergische, wo namentlich in Solingen, Wanne, Elberfeld, Gemarke ihm viele in christlicher Brüderlichkeit zugethan waren und ihn als ihren geistlichen Vater ehrten, auch noch nach seinem Tode, z. B. Engelbert Evertsen, Jac. Teshemacher und Wilh. Week. Es war ein lieblicher Brüderbund, alle dem Herrn dienend; Tersteegen, ihr gefeierter Mittelpunkt und ihre Stütze, blieb einfältig und demüthig; seine Liebe und Langmuth war nicht zu erschöpfen und zeigt sich auch in Tausenden von Briefen, die er nach allen Seiten schrieb. Viele sind gedruckt und werden noch mit Segen gelesen. An Anfeindungen fehlte es nicht, namentlich von Geistlichen; man kennt den dürren Zustand der damaligen Kirche und mancher mochte unserem Tersteegen seinen Ruhm und Zuspruch nicht gönnen, wie er wohl auch wegen Unlust an den unerquicklichen Predigten die Kirche nicht besuchte und auch am heiligen Abendmahle nicht Theil nahm, obwohl er andre nicht bestimmte, ein Gleiches zu thun. Er verkannte den damals so verdunkelten Werth der Kirche und führte mehr ein innerliches Leben und hatte eine kleinere Gemeinschaft mit gleichgestimmten Seelen. Mancher Prediger aber schätzte ihn sehr hoch und wandte sich an ihn, um sich seiner großen Erfahrung zu bedienen. Sein Leben floß segensreich für viele dahin, bis es 1750 noch bewegter wurde. Damals entstanden im Mülheimischen geistliche Bewegungen, wozu die Anregung von einem zu Duisburg Theologie studierenden Holländer Chevalier ausging. Tersteegen nahm Theil daran, weil er sie für gut hielt und sprach, nachdem frühere Versammlungen eingegangen waren, wieder öffentlich mit ungeheurem Beifall. Hunderte strömten in sein Haus, um ihn zu hören. Wir haben in den geistlichen Brosamen noch viele seiner damals gehaltenen Reden, in denen ein tiefer Ernst herrscht und eine große Herzlichkeit; aus seinen Gebeten weht den Leser der Hauch der innigsten frommsten Empfindung an. Bald erhob sich gegen ihn ein großer Sturm, indem die Mülheimer Geistlichkeit gegen ihn auftrat und seine Wirksamkeit zu hemmen suchte, besonders der ref. Prediger Wurn. Wir wissen, wie einem Arnd, Spener, Francke von Amtsbrüdern begegnet wurde; dem, Laien mußte es noch übler ergeben. T. vertheidigte sich mit aller Sanftmuth und wurde von der Obrigkeit geschützt. Auch gegen seine Schriften wurde sogar auf Synoden geeifert. An seinem Freunde, dem Oberkonsistorialrathe Heder in Berlin hatte er einen tüchtigen Beschützer und das Blumengärtlein erschien mit Preuß. Privilegium zu Duisburg; derselbe theilte auch ein jetzt unbekannt gewordenes Schriftchen von ihm „Gedanken über die Werke des Philosophen von Sanssouci“ dem großen Friederich mit, der über den Gegner seiner religiösen Ansichten die Worte aussprach: Können das die Stillen im Lande?

Der schwache in beschränkten Lebensverhältnissen lebende Mann blieb unverheirathet, wozu er auch Neigung haben mochte; er hegte sonst gegen den Ehestand wenigstens in spätern Jahren die größte Achtung, nur wünschte er, daß er nicht von Gott abführe. Man hat ihn wohl als Feind der Ehe angeklagt, wie auch als unkirchlichen Mystiker und Separatisten, wie schon oben angedeutet ist. 1. war kein Feind der Kirche und schätzte die tüchtigen Prediger, wie ihn z. B. der 1761 nach Mülheim berufene P. C. Engels; aber er verkannte nicht den damaligen Verfall und hielt sich zurück, eine Genossenschaft warmer Christen bildend, die der Kirche sehr heilsam wurde; auch jetzt noch zeichnen die Tersteegianer sich durch Kirchlichkeit aus und sind dem Separatismus und dem Sektieren feind, wie er es war. Er äußerte sich, er habe etwas wichtigeres zu thun, als eine Sekte zu stiften. Lebendige Christen aus allen Confessionen waren ihm liebe Brüder, er fragte nicht, woher sie kämen, sondern wohin sie gingen. Wollen wir ihn einen Mystiker nennen, so geschiehts im edelsten Sinne; er selbst schätzte den Lodenstein, de la Badie, Berniere, die Guion, wie die älteren Thomas a Kempen, Rusbroeck, Tauler und übersetzte manches aus ihren Schriften. Er hielt sich an die heilige Schrift als Richtschnur seines Glaubens und Lebens und blieb nüchtern, verständig, praktisch, auf die Hauptwahrheiten stets hinweisend ohne sich in dunkle Lehren zu vertiefen. Sein Leben war strenge wie es ein edler Pietismus fordern konnte, aber er blieb weit entfernt von allem mürrischen, sonderlichen Wesen. Vom heiligen Abendmahle hielt er sich zurück weil er mit Calvin und dem Heidelberger Katechismus glaubte, es mit offenbaren Sündern nicht genießen zu dürfen, doch ließ er Andern ihre volle Freiheit und sprach über die Heiligkeit der Sakramente mit großer Ehrfurcht. Er redet oft vom inneren geistigen Genusse des Abendmahles. Er war ein durch und durch religiöser Mann, sein Wandel im Himmel, sein Leben in Gott verborgen mit Christo. Sein Freund Stahlschmidt aus Freudenberg, der in früheren Jahren sich an ihn als seinen Seelenarzt gewendet und liebevolle Aufnahme gefunden hatte, urtheilte nach seinem Tode, er sei ein apostolischer Mann gewesen, in dessen Weltanschauung und Überzeugung alle Confessionen sich hätten wiederfinden und versöhnen können.

T. blieb bis zu seinem Tode in Mülheim wohnen und starb den 3. April 1769 mit ruhiger Ergebung und unter herzlichen Unterredungen mit vielen auch aus der Ferne zum Abschiede herbeieilenden Freunden. Ihr Trost war sein Glaube und seine Hoffnung, worin sie mit ihm übereinstimmten; sein Andenken blieb im Segen und noch nach vielen Jahren grüßten sie sich mit Sprüchen und Versen aus der Lotterie und dem Blumengärtlein, das ihnen von dem höchsten Werthe war, wie es noch ein Lieblingsbuch inniger Seelen ist, mit Recht gepriesen von einsichtsvollen Rennern, wie von Bunsen, Lange, Schubert, Knapp. Das Lied: Gott ist gegenwärtig rc. ist in viele Gesangbücher aufgenommen und bei Missionsfesten hat der Vers aus einem andern: Wann grünt Dein ganzer Erdenkreis rc. schon unzählige erquickt und spricht sein Gefühl für Mission aus, wie es die damalige Kirche nicht kannte. Im Gebiete der inneren Mission war er ein Held, ohne allen Glanz und Namen. Er ruht von seiner Arbeit und seine Werke folgen ihm nach. Allen Christen ist er ein theurer Bruder, sie danken und preisen Gott, daß er ein so herrliches Werkzeug ausgerüstet zum Dienste in der Kirche und zum Segen Vieler.

Das dankbare Mülheim hat ihm 1838 ein Denkmal gelegt bei dessen Einweihung alle evang. Prediger ihre Verehrung gegen den theuren Mann aussprachen. Die schon bald nach seinem Tode durch seinen in Homburg b. d. H. lebenden Freund Dr. Burcard verfaßte sehr bezeichnende Inschrift lautet:

Hier ruht ein Gottesmann, ein Menschenfreund und Christ,
Der recht durch Kreuz bewährt, nunmehr vollendet ist;
Ein Priester von Gott selbst, der stets vor ihn getreten,
Und tausend Seelen Heil durch Christi Geist erbeten,
Der Jesu nur gelebt und Jesum nur verklärt.
Ach daß ein solcher starb! Doch nein, es lebt Tersteegen
Und bleibt bei Zion hier im ew’gen Ruf und Segen.

G. Kerlen in Mülheim a. d. Ruhr.