Eine besondere Segensquelle für das christliche Leben Württembergs war im vorigen Jahrhundert das 1710 gegründete Waisenhaus in Stuttgart, in welchem eine ganze Reihe treuer und eifriger Zeugen der Wahrheit das Predigtamt verwalteten und dadurch nicht nur auf ihre nächste Umgebung, sondern auf weitere Kreise der Hauptstadt und des Landes einwirkten.
Schon der von 1716-29 daselbst als Prediger und Katechet wirkende Andreas Hartmann war ein hellscheinendes Licht, dessen Segensspuren noch lange nach seinem Hingang in Stuttgart wahrzunehmen waren. Noch weitgreifender und nachhaltiger war die Wirkung, welche von einem späteren Nachfolger Hartmanns, Georg Leonhard Seiz, ausging. Derselbe war am 19. Okt. 1724 zu Kirchheim u. Teck geboren. Sein Vater Joh. Leonh. Seiz, zuerst Metzger in Kirchheim, hernach Badmeister in Boll, war zwar in geringen Vermögensumständen, wagte es aber doch, den Sohn dem Studium der Theologie zu widmen. Letzterer wurde denn auch im Jahr 1737, erst 13 Jahre alt, in das Kloster Denkendorf aufgenommen, gerade noch zu rechter Zeit, um den edlen J. A. Bengel noch benützen zu können. Freilich hatten die Ermahnungen des treuen Lehrers für den Augenblick keine bleibende Wirkung; erst 9 Jahre später, da Seiz bereits Vikar war, wachte Bengels Saat recht auf und dessen Ermahnungen wurden ihm unter Schmerzen neu.
1739 rückte er in die Klosterschule zu Maulbronn vor. Der Klosterpräzeptor Lang ließ es nicht an herzlichen Erinnerungen fehlen und Seiz spürte darunter oft die Gnadenzüge Gottes an seinem Herzen. 1741 kam er nach Tübingen und verwandte die ersten Jahre dazu, sich in Sprachen, Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaft weiter auszubilden und zu erforschen, wie weit es der Mensch mit dem bloßen Naturlicht in der Erkenntnis Gottes und seiner selbst, in der Untersuchung des Wahren und Falschen, Rechten und Unrechten zu bringen vermag. 1743 begann er das Studium der Theologie „da gelehrt wird, wie Gott dem Mangel der Natur in Erkenntnis unserer selbst und dessen, was sonst gut, nützlich, recht und nötig ist, durch eine besondere Offenbarung zu Hilfe kommt.“ Während dieses Studiums ließ ihm Gott selbst manche innerliche Unterweisung, Demütigung und Tröstung zu teil werden; auch der Umgang mit Freunden, welche gleichfalls auf die Lehre von innen und außen merkten, brachte ihm viel Förderung. Er lernte insonderheit erkennen, dass wir nicht aus eigener Kraft an Jesum Christum glauben können.
Nachdem er seine Studien vollendet hatte, arbeitete er als Vikar in Adelberg bei seines Vaters Bruder, dann zu Musberg und Eberdingen. An letztgenanntem Ort hatte er oft harte Zeit, weil er sich in die Wege Gottes noch nicht recht schicken konnte. Eben dies bewog ihn auch, 1750 als Vikar und Hauslehrer bei Detinger in Walddorf einzutreten. Die öfteren Unterredungen mit diesem tief gegründeten Mann gaben ihm viel Licht über die Wege Gottes, insbesondere in Betreff der protestantischen Kirche, und erleichterten sein Herz.
Als Oetinger 1752 nach Weinsberg befördert wurde, machte Seiz in Begleitung Frickers eine Reise ins Ausland, um seine Schrift- und Menschenkenntnis zu vermehren. Er kam durchs Fränkische, Sächsische, Hannoveranische und Brandenburgische, arbeitete unter der Leitung des Konsistorialrats Hecker an der Realschule zu Berlin und unter Abt Steinmez am Pädagogium zu Kloster Bergen, und sammelte sich so neue Erfahrungen nicht nur in der Gottesgelehrtheit, sondern auch im Lehrfach. Nach 2jähriger Abwesenheit kehrte er 1754 nach Württemberg zurück, wirkte noch einmal als Vikar an einigen Orten, endlich zu Hohenacker. Hier wurde er dann auch Pfarrer 1755, ward aber gleich zum Einstand von der herrschenden Pockenkrankheit befallen, die ihn an den Rand des Grabes brachte. Doch errettete ihn der Herr vom Tode. „Meine Krankheit war eine sehr gelinde Zucht und brachte auch eine süße Frucht.“ Im nämlichen Jahr verheiratete er sich mit Maria Magdalena, einer Tochter des Esslinger Spitalpredigers Johann Ernst Zeier, und machte dabei die ausdrückliche Bedingung, dass sie einander im Trachten nach dem Himmelreich beförderlich sein wollen. Um dieselbe Zeit trat er auch in einen Korrespondenzkreis von gleichgesinnten Freunden ein, unter welchen z. B. C. H. Rieger und M. Fr. Roos sich befanden, und welche in umlaufenden Schreiben in herzlicher Vertraulichkeit über ihre Erfahrungen in Amt und Leben sich gegen einander aussprachen, um sich an einander zu stärken und zu erbauen.
Seiz freute sich sehr, dass er auch in diesen Kreis eingeladen worden war. „Gott sei gepriesen für diese Gemeinschaft der Gaben! Es behalte nur und verbessere ein jeder seinen eigenen Gnadencharakter, der sich anfängt, bei uns zu entfalten und zu unterscheiden. So gibt Zartheit der Liebe und Salz, feine Erkenntnis und Einfalt, Bedächtlichkeit und Freiheit, mehr reflektierter (zurückgestrahlter) und mehr direkter (ursprünglicher) Glaube einen schönen Zusammenklang. Dabei müssen wir uns hüten vor unserem eigenen Naturell und der daraus fließenden Begehrlichkeit, die sich jetzt aufs neue und subtiler einschleichen kann. Die natürliche Wirksamkeit muss in die geistliche verwandelt werden. Ich danke den lieben Brüdern herzlich, dass sie mich auch daran haben wollen teil nehmen lassen.“
Im Juli 1755 schreibt er den Brüdern, wie er für den Eintritt in sein Pfarramt zu Hohenacker einen rechten „Erinnerer“ in Brastberger, Pfarrer zu Oberesslingen, gefunden habe. „Brastberger,“ sagt er, hat mich neulich in Esslingen als einen neuen Pfarrer eingesalzen zu meinem und meiner Gemeinde Nutzen besser als mein Dekan bei meiner Einsegnung. Er sorge, hat er gesagt, mit Wehmut seines Herzens, die Brüder legen sich jetzt auf eine gewisse Prudenz (Klugheit), bis sie obbruteszieren (den Verstand verlieren). Wir fangen wieder an, es bei den öffentlichen Gottesdiensten bewenden zu lassen. Ob ich meine, dass meine Leute mich verstehen, dass sie ein Herz zu mir bekommen, wenn ich mich nicht mit den einzelnen einlasse? Ob ich meine, dass ich ihre Rohheit genugsam kennen, genug Mitleiden mit ihnen haben werde, wenn ich lieber immer studieren, als konversieren (mit ihnen umgehen) wolle? Ich fühlte die Wunde, die er mir schlug, und tat alsbald Buße. Ich wollte wachsen ohne Widerspruch, ohne Fehler zu machen, ohne weiter viel vergebliche Schritte zu tun. Ich hatte mich in Eberdingen zu viel ermüdet mit erzwungener Arbeit. Nun hat mich der treue Heiland zu einem freieren, sachteren und doch nicht gar schläfrigen Gang gebracht. Amt und Ehe steht mir wohl an. Der Herr ist gut und fromm. Ich habe es nicht verdient. Der Herr hat Brastbergers Erinnerung gleich zwei Tage darauf merklich bestärkt. Bei einem kranken Mann traf ich viele Leute an. Es fiel mir wieder ein. Ich ließ mich mit ihnen ein und fand mehr als ich glaubte. Es war aber auch ein Nutzen dabei. Wenn ich von da an ungezwungen und fast wie ungesucht, mit Leuten zum Diskurs kommen kann, das ist mir über alle Bücher. Ich schreibe sogleich die Diskurse auf und meditiere darüber.“
Da auch theologische Streitfragen, die je und je mit Detingers Arbeiten und Anschauungen zusammenhingen, im Kreise der Brüder berührt wurden, so äußerte Seiz: „Ich hasse es, wenn man mit Vorliebe diesen oder jenen Lehrsatz betreibt, sei es eine Anfangslehre oder eine höhere Wahrheit; denn das bläht auf, statt Nahrung zu geben. Vor ungesalbtem Blutgeschwätz und vor Schulzänkereien behüte uns, lieber Herr Gott. Die Furcht der meisten Brüder bei Detingers Arbeit, eigene Anstöße an ihm, eigene wilde Früchte, die mein Herz hervorgebracht hat aus seinem nicht genug vermoderten Lehrsamen, haben mich schon oft aufgebracht, alles wegzuwerfen oder doch von neuem zu überdenken. Das hauptsächlichste seiner Arbeit muss ich doch allezeit wieder demütig respektieren, hervorsuchen und brauchen.“ Am 16. September 1755 schreibt er: „Es ist viel besser, immer munter nach seinem besten Wissen und Gewissen arbeiten, die Sache angreifen, so gut man kann, als die Frage zu viel treiben: Wie soll ichs machen? Wir wollen einander nicht matt machen. Unser Herr Gott ist kein harter Mann. Bete und arbeite, das geht weit über unsere Lehrstreitigkeiten. Gott lässt es den Schwachen gelingen. Das soll mir immer viel mehr am Herzen liegen als das, worin wir einander nicht recht verstehen oder vielmehr aus sorglicher Bruderliebe nicht recht verstehen wollen.“
Später (Nov. 1755) äußert er: „Ich bin noch auf dem Sinn wie neulich. Nicht viel raffinieren (austifteln) und projektieren (Pläne machen), sondern was mir vorkommt, nur immer angreifen, so gut ich kann, und den walten lassen, der seine Lust hat an uns. Ehre genug, Glück genug, unter der Armee Jesu Christi einen Handlanger, Lücken- und Grabenfüller abzugeben und die großen heiligen Absichten Gottes, dass das Evangelium indessen in der Welt bleibe, ausführen helfen, wenn unsere besonderen Sachen schon nicht immer von statten gehen. – Es ist wirklich meine Hauptsache: den Wandel Jesu zu beherzigen und mein Leben alle Tage freudiger und richtiger darnach einzurichten. Des Heilands Geschäft war: Lehren, Beten, Speisen, Heilen. Damit möchte ich meine Lebenstage auch zubringen. Wenn ich gedenke, was der Heiland getan hat, o so muss ich Gott mit Tränen danken für meine Pfarrberufung, die dem Wandel Gottes so nahe kommen kann.“
Im Januar 1756 schreibt er: „Ich darf sagen, dass mir viel daran liege, nach Luk. 12, 42 als ein treuer und kluger Haushalter dem Gesinde Gottes ihre Gebühr zu rechter Zeit zu geben. Es setzt oft Tränen am Samstag um dieses tägliche Brot. Es will allerlei Meditation, Tentation und insonderheit Oration haben, einem armen Völklein die ihnen taugliche Speise aufzusehen. Bei den lieben Brüdern, welche von der Braut Christi schreiben, sieht es festlicher aus, als bei mir; ich möchte immer noch über den Katechismusunterricht für die Unwissenden fragen.“ Im März 1756: „Im Katechismusunterricht bleibt das Fundament: eine immer wieder und hundertmal erneuerte Geduld und Vorsatz, an einem Felde zu arbeiten, das erst in 20, 30 Jahren seine Früchte bringen soll. Aber es gibt wenig Leute, die Geduld haben. Wer es recht vor sich hat, wie Gott mit vieler Langmut an uns arbeitet, der wird seine Herde überhaupt, insonderheit die kleine Herde nicht übertreiben. Die Kleinen habe ich an mich gelockt durch Klavierschlagen, durch Kupfer, durch Erzählungen, durch Fabeln, durch kleine Verslein, die ich sie singen lehre. Nun halte ich sie wieder zurück, weise sie oft ab, rede oft ernstlich, bete usw. Ich schimpfe und spiele, doch meistens, dass ich im Innern weinen möchte. Bisweilen kommen viele, bisweilen wenige. Ich halte sie nicht lange auf, treibe eine Sache öfters.“ Um die Erntezeit lud Seiz die Brüder zu einer Konferenz nach Hohenacker ein, in welcher die Frage besprochen werden sollte, wie ein jeder in seinen Umständen bei der jetzigen Zeit dem Herrn suche brauchbar zu sein, und es sollten dabei die Zwecke, die jeder dabei im Besonderen im Auge habe, und die Mittel, die er dafür gebrauche, genauer angegeben werden. Nachher berichtet Seiz: „Als unser etliche neulich hier beisammen waren, so haben wir geredet von unsern Hauptzwecken. Wir haben einen Mangel gemerkt, dass wir zwar immer von Tag zu Tag gute Zwecke vor uns haben, aber dass es particularia (untergeordnete Ziele) seien gegen den Tag Jesu Christi. Ihm zu gefallen soll unser beständiger, täglich erneuerter Hauptzweck sein; so werden alle unsere Geschäfte ernsthaft sein, so wird unsere Geduld keine Faulheit, unser Forschen kein Fürwitz sein!“
Drei Jahre lang arbeitete Seiz in Hohenacker nicht ohne Widerspruch, aber auch nicht ohne Segen. Darauf 1758 wurde er ohne sein Wissen zum Waisenprediger in Stuttgart ernannt. Er schrieb am 8. März: „Es ist ein gnädiges Spiel Gottes, dass ich letztens angetrieben worden bin, wegen der Bedienstungen der l. Brüder zu beten, unwissend, dass mit mir eine Veränderung nahe sei. Hier komme ich aus einigen Engen heraus. Ob ich dort in andere hineinkomme, das ist schon abgemessen, und auch dort der Ausgang schon bereitet. Glaub nur feste, dass das beste über dich beschlossen sei. Ein demütiger, gern arm seiender, in Ansehung der Welt waisenmäßiger Kindersinn mag sich am besten unter die armen Waislein hineinschicken. Da leget nun alle eure Hände auf mich und erbetet mir diesen Geist der Kreuzigung und Selbstverleugnung -.“
Kurz vor seinem Abzug äußert er (3. Juni 1758): „Nun wolle der himmlische Vater um Jesu Christi willen mich und meine Gemeinde absolvieren und mich zu einem demütigen Kinderprediger machen. – Auf diese andere Station komme ich mit viel weniger Vorschlägen, als auf meine erste. Meine ganze Pastoralverfassung soll sein: „Befiehl dem Herrn deine Wege.“ Das bringt die Erkenntnis Jesu Christi ins Herz. Die sei unsere Arznei. Mir bleibt immer die Hauptsache, die aus unserer Korrespondenz herauskommen soll, dass wir immer mehr Eins werden in unsrem Gebet. Dahin treibt es mich. Je weniger aber ich mich anstrenge an Zeit, Ort, Art; mündlich oder im Sinn; kurz oder lang; allein oder mit andern, desto leichter komme ich durch. Das Vaterunser traktiere ich öfters als kurze Seufzer, dass ich bald diesen, bald jenen in mir aufsteigen lasse. Ich möchte gern auch zu einem andern Gebet kommen; es will sich jetzt nicht schicken. Der Barmherzigkeit anbefohlen.“ Am 15. September, nachdem Seiz sein neues Amt eine Weile geführt hatte, bemerkte er: „Ich bin nun des Waisenhauses und seines Elendes ein wenig kundig und werde nach und nach beladen wie vorher. Auch lerne ich das Studieren verleugnen. Ach, wenn wir glauben könnten! Paulus, da er für die Epheser betet, erneuert und stärkt sich damit, dass Gott, der Vater, über alles tun könne, mehr als wir bitten und verstehen. Der Herr schenke uns etwas von Abrahams Glauben, dass wir auch etwas von seinem Erb‘ erlangen.“
Im Winter 1759 wurde Seiz von einem hitzigen Fieber überfallen, das aber doch bald wieder „gelöscht“ werden konnte. Anfänglich machte er sich allerlei bange Gedanken über den Zustand nach dem Tod, wurde aber durch die Worte Jesu gestärkt: Wer an mich glaubt, der wird leben; wer mein Wort hält, wird den Tod nicht schmecken.
Auch ein Besuch von J. Chr. Storr richtete ihn sehr auf. Seiz erzählte demselben, wie es ihm bei seinem Krankheitsanfall zumute gewesen, er habe gefürchtet, ob er nicht, wenn er sterben würde, „von dem zweiten Tode angeschnarcht werden könnte.“ Darauf zeigte ihm aber Storr aus Off. 20, 14, dass der zweite Tod erst nach dem völligen Gericht angehe.
„Das war mir ein Aufschluss, der die vorige Beklemmung reichlich ersetzte und eine Ermunterung gab, die uns geschenkte apokalyptische Erkenntnis fein recht aufmerksam anzunehmen. Denn ich habe in Bengels Schriften bei dieser Gelegenheit manches gefunden, das ich vorher nicht gesehen.“
Weil es sein Beruf nicht war, sich mit der Stadtgemeinde Stuttgart weiter einzulassen, so beschränkte er sich auf seine Arbeit im Waisenhaus. Er suchte, „in seinem engen Zirkel in geringen Dingen treu zu sein, fleißige Aufsicht zu üben, viel mit den Kindern sich abzugeben, ohne gerade direkt auf ihre Herzen loszuarbeiten.“ Freilich kam er dabei auch auf die großen Mängel, welche der Unterweisung der Kinder anhafteten.
Daher klagt er am 2. November 1759: „Der Mechanismus, den bloßen Schall des Wortes Gottes mit Verdruss den Kindern ins Hirn zu prägen, ist mir eine große Plage und wie mich däucht eine Quelle von vielem Elend. Ich arbeite zwar dagegen, aber ich erreiche nicht viel.“ Im Mai 1760: „Ich fange öfters wieder an, mich Gott vorzulegen, dass Er ein fruchtbares Reislein aus mir machen soll. Denn bisher sehe ich wohl, dass ich nicht viel nutz bin. Ich lasse dich aber nicht, du segnest mich denn. Die Hoffnung, dass Er mein Elend nicht verschmähen werde in Jesu Christo, stärkt mein Herz.“
Wie sorgfältig und fleißig er bei seiner Arbeit an der ihm anvertrauten Jugend zu Werke ging, das zeigt seine kurze Zusammenfassung des württembergischen Konfirmationsbüchleins.
Er schreibt darüber 1760: „Ich habe das Konfirmationsbüchlein in kurze Ermahnungen gebracht, ohne viel von dem Zusammenhang zu sagen, dass sie bei einem jeden Punkt anfangen können, ihr Herz zu finden: 1. Ihr lieben Konfirmanden, macht doch, dass ihr selig werdet. Frage 1. Denkt, was der Himmel ist. 2. Nehmt es nicht zu leicht, Frage 2–4. 3. Nehmt es nicht zu schwer. Ihr seid ja getauft, da hat sich Gott so gnädig gegen euch bezeugt, euch von Seinem Geist geschenkt, Frage 5-8. 4. Lasst euch durch dieses gnädige Bezeugen Gottes das Herz abgewinnen, so gibts einen Bund, Frage 9-11. 5. Lernt recht, wer Gott sei, Frage 12-15, und was er an euch getan habe, Frage 16-42. 6. Betet oft von eurem himmlischen Vater allerlei, wie es der Herr Jesus in den sieben Seufzern gelehrt hat, Frage 43-46. 7. Führt ein Gott gefälliges Leben, Frage 47-52. 8. Prüft euch nach diesem allem in eurem Gewissen, Frage 53-57. 9. Bereitet euch zu dem heil. Abendmahl, nämlich so: durch die Worte der Einsetzung, Frage 58-60; bedenkt, was man isst und trinkt, Frage 61; prüft euch noch einmal, Frage 62-66; bedenkt die Strafe, Frage 67; bedenkt den Nutzen, Frage 68; meldet euch bei euren Beichtvätern und gebt acht und nehmt es gehorsam zu Herzen, was sie euch jederzeit sagen werden, Frage 69. 70; nehmt euch vor, den Tod Jesu vor, bei und nach dem Gebrauch des heil. Abendmahls zu verkündigen, Frage 71-73. Dieses tut allemal, so oft ihr zu dem heiligen Abendmahl geht, insonderheit das erste Mal.“
Je ernster er es mit seiner Arbeit nahm, desto mehr überkam ihn das Gefühl seiner Untüchtigkeit; dennoch machte er getrost fort, weil er doch immer wieder Spuren der Mitwirkung Gottes merken durfte.
So schreibt er später: „Meine Untüchtigkeit, ein heilsames Wort öffentlich oder im Besonderen zu reden, wird mir alle Tag mehr kund. Wie ich es anfange, so ists gleich wieder nichts als Buchstabe. Doch hat es mich am Sonntagabend bei meinem Kostgänger (Privatzögling), wegen dessen ich oft, wie überhaupt wegen meines Hauses, bestraft bin, dass ich nicht mehr einzeln mit ihm rede, gefreut, dass, da ich ihn nach langer Zeit wieder einmal fragte, wie es denn bei ihm stehe, er gleich weinte und sein Herz offen stand und mir allerlei sagte, was ich nicht vermutete. Dadurch werde ich wieder getröstet, der Herr werde ersehen, wenn mein individueller Zuspruch so mangelhaft ist, wenn nur sonst der ganze Wandel immer sanfter, gesetzter, ordentlicher ist. Ich bin immer daran, alles zu verlassen, nichts Besonderes zu studieren, sondern allein meines Hauses und Amtes zu warten, und etwa mehr bereit zu sein, wenn jemand zu mir kommt, ihm christlich zu begegnen. Meine Waisen suche ich immer, wie sie es tragen können, in der Furcht Gottes, in der Liebe zum Heiland zu unterrichten. Ich meine viele augenblickliche Eindrücke, viele Erhebungen ihres Herzens bei dem Gebet zu bemerken. Das ist aber bald wieder vorbei. Ecclesiolam in ecclesia (d. h. einen engeren Zusammenschluss) unter ihnen aufzurichten, getraue ich mir nicht. Der Herr kennt die Seinen. Nun, Gottlob! dass mir alle vermeinten Grundsätze, Künste usw. genommen werden und ich mein Amt mit Furcht führen lerne. Wir gehören unserm Herrn, wie wir sind. Er mache uns leise auf Seine Stimme. Die geht mehr auf des einzelnen Bedürfnis, als die unseren (d. h. als unsere Stimmen); denn er erkennt die Seinen.“ Im Januar 1762: „Ich komme in meinem Amt von der Pastoralwirksamkeit ganz weg. Die Zeit streicht mir bei der ordentlichen Arbeit so dahin, dass ich auch in Stuttgart gar wenig Besuche mache, und fast mehr als schicklich ist zu Hause bleibe. Meine täglichen Kinderlehren kann ich eben deswegen, weil sie täglich sind, nie ungestraft ohne Vorbereitung halten, und doch, nachdem mir mein ganzes Geschäft vor die Augen kommt, kann ich sehr unzufrieden dabei werden. Ich muss, wie ein Kind, eben gehorsam tun, was mir befohlen ist, mich selbst vergessen und an der Barmherzigkeit Gottes meine Freude haben, nicht hochmütig sein usf., so wird mir alles leicht.“
Zu Ende des Jahres 1762 schien es, als ob der Herr den demütigen Zeugen der Wahrheit, dessen Erfahrung und Begabung auch für die predigtartige Verkündigung des Worts aus den von ihm veröffentlichten Katechismuspredigten erhellt, dem regelmäßigen Pfarramt wieder zurückgeben wollte. In jenem Sommer starb nämlich Pfarrer Sack von Fellbach, welcher mit Seiz in inniger brüderlicher Liebe verbunden war. Seiz hielt ihm am 4. Juli die Leichenpredigt (S. 16) über 2 Kor. 4, 17. 18 und legte dabei in überaus einfacher aber kräftiger Weise den Zuhörern die Mahnung ans Herz: Richtet doch eure Gedanken ins Unsichtbare!
„Denn die Absicht Gottes mit allen Seinen Wegen und Schickungen ist die, dass wir sollen ins Unsichtbare hineingezogen werden, wo wir einmal hinkommen sollen. Was ist denn das Unsichtbare? Gott ist uns unsichtbar; Jesus Christus, der in den Himmel eingegangen ist, den sehen wir auch nimmer; der Himmel, die zukünftige Welt, der neue Himmel, die neue Erde, das Paradies, die Stadt Gottes, die vielen Wohnungen in des Vaters Hause, davon der Heiland redet. O, was hat Gott mit uns im Sinn! Er will uns das Herz abgewinnen; er will einen Trieb in uns wecken, dem Unsichtbaren nachzutrachten. Wir sollen Augen bekommen zum Sehen, ein Gemerk aufs Unsichtbare, einen Verstand, mit den unsichtbaren Dingen gescheit umzugehen, einen Zweck daraus zu machen. Von den sichtbaren sollen wir losgemacht werden. Darum greift uns unser lieber himmlischer Vater also an, darum fragt Er uns so: Liebes Kind, wann du eine ganze Welt voll Lust und Freude hättest, was wär’s hernach? Siehe, das ist alles sichtbar, alles vergänglich. Wenn der Mensch Achtung geben, wenn er stille sein mag, so kann er tausendmal merken, wie bereit Gott ist, ihn ins Unsichtbare zu ziehen. Wir können nicht anfangen; wir sind zu viel ins Sichtbare versunken; aber Gott fangt an. – Gib acht, mein liebes Herz, bei Tag, bei Nacht, wann ein solcher Zug Gottes kommt; gib acht, wann allerlei sonderbare Begebenheiten kommen durch die wunderbare Schickung Gottes. O, wann du stille wirst, so wirst du merken: Gott fangt an, dir himmlische Gedanken einzugeben, dich hinaufzuziehen, dass du nicht weißt, wo es herkommt: du hast nichts zu tun, als darauf zu merken in der Predigt und außer der Predigt; wann ein Pfarrer stirbt, wann ein neuer kommt; wann dein Kind stirbt, wann dein Ehegatte stirbt, wann allerlei traurige Begebenheiten kommen; da musst du merken: Gott fangt an! Da fallen dir deine Sünden ein, sie ängsten dich, sie sind immerdar vor dir. O, würdest du da stille werden!, würdest du diesen Gnadenzug nicht versäumen, o, würdest du diesen Himmelsfaden fassen! Wann du ihn in die Hand nimmst, so wird er viel stärker sein, als der Faden, der dich in die Welt hineinzieht. Denn dieser Weltfaden wird hernach immer mehr und mehr mürb. Da wird eine Sündenkette los, dort eine. Dort wird dich ein böser Kamerad gehen lassen, hier wieder einer; und der dritte wird denken: so lasst ihn denn gehen, er hats gut vor; ich wollt, ich wär auch so!“ Siehe, so werden diese Seile zerbrochen, wenn du nur diesen Himmelsfaden, den man dir in die Hand gibt, ergreifst. ergötzt es mich, wann ich einen solchen Bauersmann sehe, der himmlisch gesinnt ist, er mag arm oder reich sein! O, was ist das für ein herrliches Bild vor meinem Herzen, wenn ich einen sehe, der dem Gnadenzug an seinem Herzen Platz gegeben hat! O, was ist das für ein seliger Mann! Wenn er auch an der Arbeit ist, auf seinem Acker ist, so steht sein Sinn immerdar dahin, wohin er sich einmal ergeben hat. In diesem Sinn geht er an die Arbeit und ist fleißig. Du musst deinen Acker so verständig ansehen lernen, dass du dabei denkst: Schenkst du schon so viel auf Erden, ei, was wills im Himmel werden! Du musst merken: es steckt noch was dahinter; denn das Unsichtbare ist der Hauptzweck. Was hast du davon, liebes Herz, wenn du es so angreifst?“ Die Antwort war: „Einmal: du wirst die gegenwärtige Not leicht ertragen können. Zum andern: Es wird euch aber auch in der Zukunft eine große Herrlichkeit zufallen.“ „Herrlichkeit,“ sagte er, „ist jetzt noch nicht ganz klar. Man kann sich nur geringe Bilder davon vorstellen. t. B. wenn ein Samenkörnlein in die Erde gelegt wird, und es wächst eine schöne Blume daraus. Das Samenkörnlein ist ein Bild der Erniedrigung und die schöne Blume ein Bild von der Herrlichkeit. Aber das sind geringe Bilder: Herrlichkeit ist ganz was anderes Herrlichkeit ist das ewige Leben, der Glanz Gottes, das Bild Gottes, die Kraft Gottes, wer hier schon einen himmlischen Sinn bekommt, auf den wartets; in dem wird das Bild Gottes wiederhergestellt werden.“
Der Mann, der so zu predigen verstand, erschien den Gläubigen in Fellbach als der beste Ersatz für ihren heimgegangenen Pfarrer. Sie taten Schritte, um Seiz auf ihre erledigte Pfarrstelle zu gewinnen und der Herr erfüllte ihren Wunsch. Der Waisenpfarrer wurde zu Sacks Nachfolger ernannt. Freilich musste Seiz, ehe es so weit kam, selbst noch durch eine schwere Leidensschule gehen. Seine Frau, welche 24 Wochen lang an einem hektischen Fieber krank gelegen war, ging selig heim kurz nach Sacks Beerdigung. Er verlor an ihr eine liebende Gattin, eine treue Mutter seiner Kinder, eine gute Streiterin Christi. Sie entschlief in herzlicher Sehnsucht, zwei vorangegangene Kinder bald wieder zu sehen, und mit der Ahnung, es werden ihr bald noch drei ihrer Kinder, wie schöne Sternlein, nachfolgen. Und es geschah so. Bald nach der Mutter, so lange Seiz noch in Stuttgart war, starben nach einander drei von den fünf noch lebenden Kindern. Da musste der hartgeprüfte Mann das, was er bei Sacks Beerdigung gepredigt, selbst immer gründlicher lernen und sein Herz ins Unsichtbare schicken. Als dann die Vorbereitungen zum Umzug nach Fellbach getroffen wurden, brach in der Nacht vor seiner Abschiedspredigt (14. November 1762) auch noch Feuer aus in dem ganz nahe gelegenen herzoglichen Schloss. Die Waisenkinder hatten bereits ihre Betten zusammengemacht, um sie, wenn das Feuer weiterkäme, ordentlich hinauszutragen. So groß war der Schrecken, so nahe die Gefahr. Der Rauch stieg noch am Morgen des andern Tages auf.
Daher hob Seiz in der an diesem Tag zu haltenden Abschiedspredigt folgende drei Punkte hervor: I. „Ein Pfarrer, der noch ins Feuer hineinsehen kann, das Gott angezündet hat, soll sich ernstlich besinnen, wie er sein Amt geführt, was er für Lehren vorgetragen habe und ob es solche seien, die im Feuer die Probe halten“ (1 Kor. 3, 12-15). Er konnte aber mit Freudigkeit sagen, dass er mitten im Anblick des Feuers doch nicht ohne Zuversicht in seinem Herzen sei, seine Lehre werde Lob haben an jenem Tage. II. „Ein Zuhörer, der auch in den Rauch hineinsehen kann, der soll sich desto ernstlicher untersuchen, wie er das Wort Gottes angenommen habe.“ ,,,“ sagte er, was werden die, welche nicht nur das Wort des Predigers, sondern den Heiland selber angenommen haben, an jenem Tag des Gerichts für Freudigkeit haben, wenn alles in Angst und Not geraten wird. Die allein werden bestehen, weil sie auf den Grund, der Jesus Christus ist, gebaut haben!“ III. „Da uns Gott aus einer so großen Gefahr errettet hat, so soll unser Dank gegen Ihn und unser Gebet zu Ihm desto ernstlicher sein.“ Seiz schloss: „Euch Kindern, die ihr auch das Feuer mit angesehen habt, gebe ich die Erinnerung: dass ihr doch nicht vergessen sollt, dass ihr einmal einen Pfarrer gehabt, der euch oft und viel von jenem großen Tag gesagt hat. Vergesset alles, nur das nicht, dass ein Tag des Gerichts ist, da einem jeden Menschen wird vergolten werden, wenn er aus dem Trieb gearbeitet hat, der da kommt aus der Menschwerdung, dem Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi.“
Im Lauf derselbigen Woche zog Seiz nach Fellbach und trat sein neues Amt an. Die Antrittspredigt hielt er am 21. November. Darauf feierte er mit seiner neuen Gemeinde das Adventsfest; er war aber noch nicht investiert. Bald erfuhr er auch, wie sein Vorgänger, den Hass der Welt. Einige unartige Gemeindeglieder beleidigten ihn so auffallend, dass der Amtmann ohne Seizens Wissen jeden um einen Frevel strafte. Als dies der friedliebende Pfarrer erfuhr, ließ er diese Leute zu sich kommen, ermahnte sie väterlich und ersetzte ihnen die Strafe aus seinem Beutel. Am 2. Advent endlich wurde er investiert.
Am Schluss seines Lebenslaufs, den er nach üblicher Weise mitzuteilen hatte, sagte er: „Ich dachte (bei jener Leichenpredigt) nichts weniger, als hier Pfarrer zu werden. Wohl stieg mir ein Schauer auf über dem Gedanken, wenn ich auch einmal bei einer solchen Gemeinde Pfarrer werden sollte. Da es nun aber so gekommen, dass ich hiesiger Gemeinde dienen soll, so habe ich im Vertrauen auf die Barmherzigkeit und Kraft Gottes diesen mir angewiesenen Posten bezogen. Manche Schmerzen, aber auch manchen Trost hat meine Seele hier schon erfahren. Das Volk ist groß: ein einiger schwacher Mensch ist einer solchen Menge nach jetziger Notdurft nicht gewachsen. Das weiß aber der, der alles weiß, und der kein strenger Mann ist, dass er einem mehr auflegen und mehr fordern sollte, als einer tragen kann. Wenn ich nur meine Seele rette, und an jenem Tage nicht als ein verworfener, fauler und unnützer Knecht erfunden werde, so werden sich gewiss an jenem Tage auch Seelen finden, denen mein Dienst wird bis dorthin nützlich gewesen sein: welches Gott um Jesu Christi willen geben wolle.“ Nach diesen Worten empfing er unter vielen Tränen den Segen zu seinem Amt.
Zwei Tage nachher gefiel es Gott, ihn an einem heftigen Brustfieber krank niederzulegen. Man fragte ihn, ob er den Anfall für tödlich halte. Er erwiderte, er müsse den Aufschluss noch erwarten, was sein Gott mit ihm vorhabe. „Vielleicht hat mein Gott meine Tränen angesehen, die ich am Tag meiner Investitur vergoss, dass Er mir eine Barmherzigkeit erzeigt und das schwere Amt von mir nimmt, welches zu tragen meine Schultern zu schwach sind.“ Und so war es. Schon am Sonntag sah man deutlich, dass es mit ihm zum Sterben gehen werde. Er betete noch mit vernehmlicher Stimme für sich, seine beiden Kinder, für seine Gemeinde, für die Schulen, für das Waisenhaus, für seine Freunde, für alle, die dem Worte des Evangeliums gläubig worden und die noch zurück seien. Man musste ihm noch einige Kapitel aus Arnd vorlesen; darauf sagte er zu etlichen Anwesenden: „Ihr lieben Fellbacher, ich habe im Sinne gehabt, euch nach Arnds wahrem Christentum zu predigen. Nun müsst ihrs eben selber lesen.“ Ganz kurz vor seinem Ende sang er noch mit den Umstehenden, legte dann sein Haupt hin und übergab seinen Geist sanft und stille im Glauben an Jesum in die Hände seines Vaters im Himmel (12. Dezember 1762).
Er war nicht vier Wochen Pfarrer in Fellbach gewesen. Bei seinem Begräbnisgottesdienst seien, wie erzählt wird, noch die Spuren der von ihm bei seiner Investitur am Altar vergossenen Tränen zu sehen gewesen, so dass der Waisenpfarrer Beckh von Ludwigsburg und Seizens Nachfolger Gros in Stuttgart, die ihrem inniggeliebten Amtsbruder ein rührendes Leichencarmen nachsangen, darin weissagend aussprachen:
Ja, aus deiner Tränensaat soll noch manches Körnlein keimen, \\
Und wenn du schon lange faulst, wachsen gleich den Zederbäumen. \\
Jeder Tropfen deiner Tränen, die dein Auge da vergoss, \\
Womit es die harten Steine des Altares dort befloss, \\
Soll noch manches harte Herz, das den Steinen zu vergleichen, \\
Auch zu gleicher Tränenflut wider die Natur erweichen.
Und es ist so geschehen.
Seizens kurzer Lauf in Fellbach und schneller Heimgang machte einen tiefen Eindruck auf viele Gemüter und ist mit ein Saatkorn des reichen geistlichen Lebens geworden, das später in Fellbach erwachte. Noch Jahrzehnte hernach konnte man daselbst, wenn auf Seiz die Rede kam, den ältesten Männern unversehens Tränen in die Augen treten sehen.