Johann Friedrich Dettinger

Auf Gros folgte ein Mann, der mit aller Treue in die Fußstapfen seines Vorgängers trat, nämlich der 1733 geborene Jakob Friedrich Dettinger. Ein Sohn des Bürgermeisters und Landschaftsassessors Dettinger in Waiblingen, hatte er von seinen Eltern eine treue christliche Erziehung und von Diakonus Schmidlin einen gründlichen Konfirmationsunterricht erhalten. Bald nach seiner Konfirmation brachte ihn sein Vater als Zögling zu dem bekannten Pfarrer Flattich mit der Bitte, seinen Sohn, da er keine ausnehmenden Gaben habe, zu einem Gewerbsmann auszubilden. Flattich erwiderte: „Taugt er zu einem Gewerbsmann, so taugt er auch zum Studieren; denn wenn jener sein Gewerb recht treiben soll, so braucht er ebensoviel Menschenverstand als dieser.“ Der Knabe rechtfertigte Flattichs Erwartung und wurde bald dessen Liebling. Anfangs wollte er Medizin studieren, allein bei einer Abendmahlsfeier erfuhr er eine so kräftige Wirkung der göttlichen Gnade an seinem Herzen, dass er das Predigtamt für den seligsten Beruf erkannte und bei sich gedachte, wenn Gott ihn nur soweit kommen lasse, ein einziges Mal auf der Kanzel von Christo zeugen zu dürfen, so solle es ihm genug sein.

Nachdem er über vier Jahre bei Flattich geblieben, bezog er die Universität Tübingen, wo er besonders durch den Umgang mit dem wackeren Spezial Glöckler und mit christlich gesinnten Freunden viel Förderung fand. Einen unauslöschlichen Eindruck machte in dieser Zeit auf ihn das Ertrinken seines Freundes Hermann im Neckar; es war dies der Bruder seiner nachmaligen Lebensgefährtin. Nach Vollendung seiner Studien wurde er Vikar in Plieningen rc., sodann Hofmeister im Dörtenbachschen Haus in Calw. Endlich wurde er Diakonatsverweser in Waiblingen und hier erhielt er seine Ernennung zum Garnisonsprediger auf Hohentwiel. Ehe er diese Pfarrei beziehen konnte, brachte ihn ein hitziges Fieber an den Rand des Grabes.

Nach seiner Genesung verheiratete er sich 1763 mit Eva Barbara, einer Tochter des frommen Wagners Abraham Hermann in Stuttgart, und trat dann sein Amt auf Hohentwiel an. Er predigte das Evangelium alsbald mit solcher Kraft, dass, als Spezial Becherer von Tuttlingen zum ersten Mal den neuen Pfarrer zu visitieren hatte, der Kommandant der Festung dem Visitator sagte: „Es fehlt nicht viel, so gewinnt der Pfarrer auch uns.“

Einigen Offizieren wollten seine Predigten nicht gefallen und sie trafen daher einmal die Verabredung, sie wollten, um ihren Unwillen auszudrücken, während des Gottesdienstes bei der Kirche spazieren gehen. Sie führten ihren Plan wirklich aus; wie sie aber eben in der Nähe der Kirche gehen, hören sie den Pfarrer mit gewaltiger Stimme ausrufen: „Draußen sind die Hunde, die Hurer und alle, die lieb haben die Lügen.“ Die Offiziere meinten, der Pfarrer habe das auf sie gemünzt und klagten beim Kommandanten. Dettinger aber bewies, dass er von ihrem Spazierengehen nichts gewusst, also habe nicht er, sondern Gottes Wort sie getroffen.

In Hohentwiel traf er zwei merkwürdige Strafgefangene, nämlich den bekannten I. I. Moser und den Oberst Ph. Friedrich Rieger. Der erstere wurde bald frei, aber an Rieger hatte Dettinger jahrelang schwere Seelsorgerarbeit zu tun. Rieger wurde in unmenschlich strenger Haft gehalten, und niemand wagte beim Herzog eine Fürbitte, weil derselbe über den früheren Liebling aufs äußerste erbittert war. Da machte sich Dettinger, dem das verzweiflungsvolle Jammern des Gefangenen, das er auf dem Walle gehört, tief zu Herzen gegangen war, zu Fuß auf den Weg nach Stuttgart, und berichtete in einer Audienz dem Herzog, wie es dem Oberst gehe. Der Herzog hörte ihn geduldig an und fragte dann: „Pfarrer, hat Er Seine Schreibtafel bei sich?“ „Ja, Euer Durchlaucht.“ „Nun so schreib Er, was ich Ihm diktiere.“ Der Befehl lautete dahin, dass Rieger in mildere Haft gebracht und von Dettinger fleißig besucht werden sollte.

Freudig zog dieser wieder nach Hohentwiel und, ehe er noch sein treues Weib begrüßt, steht er vor dem Kommandanten, um schleunigste Vollziehung des gnädigen Befehls zu erlangen. Als er bei dem Gefangenen eintrat, der in schauerlicher Gestalt auf einem unter seinen Tränen vermoderten Bette lag und sonst in wilder Verzweiflung raste, empfing ihn derselbe mit den Worten: „Wie lieblich sind die Füße der Boten, die den Frieden verkündigen!“ Rieger ließ sich geduldig die Hände von ihm halten, während er geschoren, gereinigt und umgekleidet wurde. Von nun an arbeitete Dettinger mit unermüdeter Geduld und Treue an dem tief verwundeten Gemüt des Gefangenen; und seine Arbeit war nicht vergeblich. Im Januar 1767 erhielt derselbe auch seine Freiheit wieder.

Ohne sein Gesuch wurde Dettinger 1767 auf die durch Gros‘ Heimgang erledigte Waisenpfarrei in Stuttgart berufen. Er wollte die Stelle nicht gleich annehmen, bis ihm Konsistorialrat Storr und andere Freunde nachdrücklich zuredeten, auch dafür sorgten, dass ihm der weite Zug, dessen Kosten er als ein armer Mann nicht allein hätte tragen können, durch einen Zuschuss erleichtert wurde. Seine Arbeit auf seinem neuen Posten war reich gesegnet. Seine Kirche war stets gedrängt voll. Ein frommer Nat äußerte: „Der Herr Waisenpfarrer ist ein gewaltiger Johannes auf seiner Kanzel, und tut dem Herrn gute Dienste auf seinem Posten.“ Etwa 11 Jahre dauerte seine Wirksamkeit daselbst. Am 27. Juni 1778 wurde er unwohl, predigte zwar noch zweimal und machte mit seinem Vater noch einen Spaziergang, allein zuletzt brach ein hitziges Fieber aus und führte ihn schnell der Ewigkeit entgegen. Er blieb bei voller Besinnung, sprach wenig, hielt aber umso mehr an mit stillem Seufzen zu seinem Gott. Eine Stunde vor seinem Tode rief er noch seiner Tochter zu: „Siehst du die zwei Engel da unten an der Bettlade und wie der eine so schön glänzt.“ Bald darauf entschlummerte er, während man ihm das Lied sang: „Die Seele Christi heilge mich.“

Nach seinem Tod schrieb Flattich an Dettingers Vater, das sei ihm zum Trost, weil er in jüngeren Jahren sein Lehrmeister gewesen und durch solchen Dienst ihn zum guten Freund bekommen, so hoffe er, der Heimgegangene werde auch, wann er, Flattich, sterbe und zu ihm in die Ewigkeit komme, seine Freundschaft gegen seinen alten Lehrer fortsetzen nach dem Spruch Christi: Macht euch Freunde, auf dass, wenn ihr darbt, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten. Noch viel mehr könne sich Dettingers Vater, gegen den der Verstorbene immer große Liebe und Hochachtung getragen, sich dessen getrösten, dass sein Sohn seine Liebe gegen ihn, wenn er sterbe, fortsetzen werde nach dem Spruch: „Die Liebe hört nimmer auf.“