Johann Friedrich Gros

Seizens Nachfolger im Waisenhaus war der ihm gleichgesinnte 29jährige Jakob Friedrich Gros, ein trotz seiner jungen Jahre schon tief gegründeter und bewährter Zeuge der Wahrheit. Derselbe war 1733 geboren in Nagold, wo sein Vater Stadtschreiber war. Seine Mutter war eine Schwester des bekannten I. I. Moser. Die Eltern ließen dem Knaben eine christliche Erziehung angedeihen, so dass derselbe, obgleich er ein lebhaftes und munteres Naturell hatte, doch vor den Befleckungen der Welt bewahrt blieb und für die Züge Gottes ein weiches offenes Herz behielt. In der lateinischen Schule genoss er den treuen Unterricht des wackeren Präzeptors Krauß, sollte aber anfänglich der Schreiberei sich widmen. Durch eine sonderbare Begebenheit aber machte ihm Gott Bahn zum künftigen Dienst der Kirche und gab Gnade, dass er 1748 in die Klosterschule zu Blaubeuren aufgenommen wurde. Schon während seines Aufenthalts im Kloster las er viel in Arnd und zog daraus seine Geistesnahrung. 1753 kam er nach Tübingen ins Stift. Hier verband er sich mit andern erweckten Studenten zu einer Gemeinschaft, in welcher sie einander zu fördern suchten, dass sie selbst ihren himmlischen Beruf erreichen und selig werden möchten und zugleich tüchtig würden, auch ihre künftigen Hörer selig zu machen. Er durfte dabei viel Segen genießen, hatte aber auch mit seinen Freunden die Schmach Christi zu tragen. Im Jahr 1758 verließ er Tübingen und wurde dann von seiner Kirchenbehörde dem Diakonus Märklin in der Reichsstadt Esslingen als Vikar überlassen. Obgleich er hier eine große Geschäftslast zu übernehmen hatte, hielt er doch aus bis Märklin starb, durfte auch erfahren, dass seine Arbeit in Esslingen nicht vergeblich war. Im April 1761 kam er nun zunächst als Vikar nach Leonberg und wurde dann ohne sein Gesuch Seizens Nachfolger in Stuttgart. Er trat sein Amt (November 1761) an im Aufsehen auf den Herrn und unter vieler Ehrfurcht vor den gesegneten Fußstapfen seiner Vorgänger. Er gewann bald Eingang in Stuttgart, so dass in dem Waisenkirchlein eine Menge Zuhörer zusammenströmten. Er sehnte sich aber mehr nach einer gründlichen Frucht; und wenn im Kreis seiner Freunde von dem großen Zulauf, den er hatte, die Rede war, so brach er gewöhnlich mit dem Seufzer und Wunsch ab: „Ach dass auch der Täter und Nachfolger mehrere wären!“

Ein Jahr nach seiner Anstellung in Stuttgart trat er in den Stand der Ehe mit Maria Magdalena, der ältesten Tochter des kaiserlichen Rats Williardts in Esslingen.

An diesen edlen Mann, der nicht nur Bengels Schwiegersohn sondern auch dessen echter Sohn im Glauben und Geistesverwandter war, hatte Gros während seines Esslinger Aufenthalts sich enge angeschlossen und achtete es für einen Segen, in noch nähere Verbindung mit ihm zu treten. Doch wollte er nichts nach eigenem Willen durchführen und wünschte daher, dass Vater Williardts für beide Teile die Sache erwäge. Dieser tat es mit redlichem Herzen. Er hatte für seine Tochter manchen Antrag, der vor den Augen der Welt sehr annehmbar erschien, abgelehnt in der getrosten Hoffnung, der Herr werde sicherlich seiner Zeit die Herzen aller auf die von Ihm ausersehene Person neigen. Nun wurde er des Winkes Gottes gewiss, und Eltern und Tochter gaben dem jungen Waisenpfarrer das Jawort. Im November 1763 fand die Trauung in Esslingen statt durch den Senior Köstlin, Bengels Schüler und Williardts Freund. Der Vater betete nach der Hochzeit, bei welcher ein lieblicher Kreis von Kindern Gottes, namentlich aus der Bengelschen Verwandtschaft, beisammen war, also: „Herr, unser Gott, segne dieses liebe Ehepaar nach all deinem Wohlgefallen. Sie sind dein und wollen dein bleiben, weil sie dein Herz haben kennen lernen, wie es sich in Jesu Christo aufgetan nach deinem Wort. Bewahre sie durch deinen Heiligen Geist auf dem Wege ihrer Pilgrimschaft, bis du sie versetzt in ihre ewige Bestimmung.“

Dieser ewigen Bestimmung reiften die jungen Eheleute unvermutet schnell entgegen. So herzlich sie sich liebten, so kurz waren sie hienieden beisammen. Beide kränkelten bald, durften auch keine Kinder erleben, waren aber nur umso fester in der Liebe Jesu verbunden. Zuerst nahm der Herr den Gatten weg. Nachdem er am 2. Advent 1766 noch gepredigt hatte, wurde er tags darauf von Gliederschmerzen befallen, die zu einem hitzigen Frieselfieber sich entwickelten.

Gros hatte, um die Sicherheit der Menschen bei den Zeichen der Zukunft des Herrn deutlich zu machen, in seiner letzten Predigt, wie Stiftsprediger Storr in der Leichenrede hervorhob, das Gleichnis gebraucht: es geschehe öfters, dass man von einem guten Freund ganz unvermutet sage: er ist todkrank; über eine Weile heiße es: er ist besser, er ist außer Gefahr; ehe man sichs aber versehe, so heiße es gar: er ist eben verschieden. So werde es bei den sichern Menschen in der letzten Zeit auch gehen. Wenn sie die Zeichen der Zukunft Christi sehen und hören werden, so werde es ihnen bange werden vor Furcht und Warten der Dinge. Wenn aber nach diesen Zeichen der Herr nicht gleich selbst erscheine, so werden sie wieder sicher werden und denken: er kommt noch lange nicht. Ehe sie sichs aber versehen, werde es heißen: Siehe, er kommt. „Nun, so,“ fuhr Storr fort, ging es ganz eigentlich mit seinem eigenen seligen Ende. Unvermutet hieß es: er sei tödlich erkrankt; bald darauf: er sei außer Gefahr; aber ehe man sichs versah: er sei gestorben. Fürwahr, wenn sein Herz nicht vor seiner Krankheit zu seinem Herrn wäre gerichtet gewesen, er hätte sich auf diese Weise verspätet und wäre nach den Umständen der Krankheit nicht wohl imstand gewesen, aus dem Tode erst ins Leben hindurch zu dringen.

Vier Wochen dauerte das Krankenlager des Gottesknechts; am 6. Januar 1767 ging er heim. Vater Williardts hatte seinem lieben Tochtermann den letzten Zuspruch getan, ihm die Augen zugedrückt und ihn auf sein Totenbettlein besorgen helfen. Er brachte jene Nacht im Waisenhause zu und sah gegen Mitternacht ein Gesicht, das ihm unvergesslich blieb. „Er war mir ein lieber Sohn und ich ihm ein lieber Vater“ bezeugte er einige Zeit hernach. – Übrigens war die Trauer um ihn eine allgemeine. Er hatte eine besondere Gabe gehabt, das Zeugnis von Jesu vornehmlich den Einfältigen fasslich, angenehm und erwecklich vorzutragen, und hatte solches Zeugnis durch seinen bescheidenen, freundlichen und gottseligen Wandel als Wahrheit versiegelt. So waren ihm viele Herzen zugetan und empfanden schmerzlich, was sie verloren. „Wir alle haben viel Freude und Wonne an dir gehabt“, rief ihm Storr im Namen der Trauernden nach.

Die tiefgebeugte junge Witwe fand wieder eine Zufluchtsstätte im elterlichen Hause zu Esslingen. Aber schon acht Monate später, am 3. September 1768 entschlief auch sie an derselben Krankheit, einem Frieselfieber. Der Schmerz der Eltern war wohl tief, aber der Vater betete: „O, Herr, du hast diese meine liebe Tochter sänftiglich und seliglich, fast möchte ich lieber sagen neben der Welt herum, als durch die Welt hindurch geleitet. Sie war ein Kind guter Art durch deine Gnade. Lob und Dank sei dir dafür immer und ewiglich!“