Es wird unter den Zeugen der Wahrheit, welche Gott im vorigen Jahrhundert unserem württembergischen Vaterland schenkte, kaum einen geben, der unter dem Volk in so weiten Kreisen, und zwar nicht nur in den eigentlich gläubigen Kreisen, solchen Eingang gefunden und solche Frucht gebracht hat bis in unsere Tage, wie Immanuel Gottlob Brastberger, dessen Evangelien-Predigtbuch seit mehr als 100 Jahren in tausenden von Familien Jahr aus Jahr ein die sonntägliche Nahrung und Erbauung dargeboten hat.
Er wurde geboren am 10. April 1716 zu Sulz am Neckar als Sohn des dortigen Dekans Johann Ulrich Brastberger. Den ersten Zug der Gnade erfuhr er bei seiner Konfirmation, da ihn sein Vater mit auf seine Stube nahm, sich mit ihm auf die Knie niederwarf und ihn unter herzlichem Gebet dem himmlischen Vater zuführte. Damals fasste er das erste Mal den Vorsatz, anders zu werden und sich zu Gott zu wenden. Aber er vergaß die Sache bald wieder. In Tübingen, wo er Theologie studieren sollte, bekam er gleich im ersten Halbjahr durch den Anblick der gottseligen Exempel erweckter Stipendiaten und beim Genuss des heiligen Abendmahls neue Rührungen, aber er brach wieder nicht durch, sondern ließ sich je länger je tiefer in den Leichtsinn hineinziehen. Nach seinem Weggang von der Universität wurde er 1737 in Stuttgart, wo er als Vikar Dienste leistete, von schmerzhaften Körperleiden heimgesucht und nun wachte sein Gewissen auf.
„Als ich da mit dem Hüftweh geplagt und mit erstaunlichen Schmerzen befallen wurde, so fing mir das Gewissen an aufzuwachen und sagte mir: Siehe das ist deiner Bosheit Schuld, dass du so gestäupt wirst. Da fing ich an, auf den Knieen zu beten und ernstlich an meine Bekehrung zu denken. Ich befliss mich auch, aus geistreichen und erbaulichen Schriften, besonders aus des sel. Rambachs Werken einen Vorrat heilsamer Wahrheiten zu sammeln, welche ich nicht nur in meinen Predigten mit Ernst vortrug, sondern auch die Kraft derselben an meinem Herzen oft gewaltig fühlte, es kam aber doch damals zu keiner ganzen Übergabe an Jesum; meine Schoßsünden waren mir zu lieb und ich hatte weder Kraft noch Willen, selbige herauszugeben.“
Im Jahr 1738 wurde er Garnisonsprediger in Ludwigsburg und fing an, mit großem Eifer zu arbeiten, obwohl er selber Jesum noch nicht angenommen hatte.
„Ob ich wohl das Zeugnis eines eifrigen und exemplarischen Predigers hatte, war ich doch eben noch im Grund ein unbekehrter blinder Mensch, ein Gesetzeseiferer und Pharisäer, der das Leben von den Toten forderte und andern Lasten auflegte, die er selbst nicht anrühren wollte. Ich kannte bei allem Guten, das ich hatte und tat, Jesum nicht, blieb ein Sklave meiner innerlich herrschenden Sünden, suchte bei aller Bemühung in meinem Amt nur meine eigene Ehre, und wollte sonderlich an der Gemeinschaft und Schmach des Kreuzes Jesu keinen Anteil nehmen.“
Daher fuhr Gott fort, im Jahr 1739 ihn aufs Neue mit Krankheit anzugreifen und rief ihm gleichsam abermals zu: Bekehre dich oder du wirst des Todes sterben.
Nun fing er zwar an fleißig zu beten, nahm allerlei gute Übungen an, bekam eine Neigung zu den Gläubigen, ließ sich auch von ihnen die Wahrheit sagen; so einst von einem Soldaten, welcher äußerte, er habe Bedenken getragen, zu Brastberger zu kommen, weil er gezweifelt habe, ob er vom Umgang mit demselben, als einem unbekehrten Prediger, Segen haben würde; Brastberger ließ sich von ihm erzählen, wie er zur Bekehrung gekommen sei, und schämte sich, dass er selber dergleichen Veränderungen noch nicht erfahren habe. Aber trotz alledem kam es bei ihm auch diesmal zu keiner Entscheidung. Es bedurfte einer nochmaligen Heimsuchung im folgenden Jahr, bis er sich völlig in Gottes Hand ergab.
„Als der Herr,“ schreibt er, „so mein sündiges Fleisch mit neuen schmerzlichen Zufällen angriff, machte ich es lang wie Pharao, da er das Volk Israel sollte ziehen lassen. So lang die Plagen währten, war ich ängstlich und versprach goldene Berge; wenn ich das Haupt wieder emporheben konnte, so machte ich tausend Bedenklichkeiten und blieb bald an diesem bald an jenem hangen. Als ich aber zu lang zauderte und mich von jedem Winde hin und hertreiben ließ, so war der Herr aufs neue hinter mir her und warf mich im August 1740 auf ein beschwerliches Krankenbett, auf welchem ich mir den Tod ganz nahe vorstellte. Da wurden alle Winkel meines Gewissens von dem Licht der göttlichen Heiligkeit und Gerechtigkeit durchstrahlt; alle meine Sünden wachten auf und fielen als zentnerschwere Steine auf mein beklemmtes Herz. O wie lernte ich da als ein fluch- und todeswürdiger Sünder nach Gnade, nur nach einem Tröpflein Gnade seufzen! Da fühlte ich den Zorn des Allmächtigen und seine Hand lag Tag und Nacht schwer auf mir, dass mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird. Da brach mir der Mund auf, dass ich anfing, meine Missetaten vor Gott und Menschen zu bekennen, und meinte, wenn ich nur auf den freien Markt hinstehen und jedermann sagen könnte, was für eine schnöde und befleckte Kreatur ich sei. In solcher Höllenangst und Seelennot wurde mir von dem lieben Waisenprediger Beckh als einem treuen Anania und von andern gutgesinnten Seelen redlich beigestanden, und ich ward von ihnen von der Zeit an in eine wahrhafte Gemeinschaft des Glaubens und der Liebe aufgenommen, wofür dem Herrn in alle Ewigkeit Lob, Preis und Dank gebracht werden soll.“
Sobald Brastberger sich von seiner Krankheit wieder erholt hatte und seinen Zuhörern sagen konnte, wie große Dinge der Herr an ihm getan, da wurde sein Vortrag dergestalt gesegnet, dass in kurzer Zeit ein Häuflein Seelen sich zu ihm sammelte, die mit Tränen fragten: Was sollen wir tun, dass wir selig werden? Er nahm sich ihrer willig an und fand seine Freude darin, mit ihnen aus dem Worte Gottes zu reden und zu beten. Indessen musste er noch etliche Jahre unter dem Schrecken des Gesetzes dahingehen; es mangelte ihm an einer gewissen Versicherung der Vergebung seiner Sünden; doch wurde es nach und nach in seinem Herzen helle.
„Ich lernte mich an das Wort Gottes halten und als ein armer Sünder in Jesu Blut Gerechtigkeit und Frieden suchen und finden. Der treue Heiland schenkte mir oftmals, sowohl unter dem Gebet, als unter der Verkündigung seines Evangeliums einen empfindlichen Genuss seiner Gnade und Liebe. Ich hatte an der Veränderung, die mit mir vorgegangen, und an dem vielfachen Segen meines Amts Merkmale, dass das Herz Gottes durch Christum gegen mich armen Sünder geneigt sei; ich konnte Jesum den Seelen mit Freudigkeit anpreisen und sie von der Lieblichkeit, Seligkeit und Vortrefflichkeit des Christentums versichern. Ich wusste, dass ich von dem Tode ins Leben gekommen war, denn ich liebte die Brüder, und es drängte mich oft, dass ich besonders armen Gliedern Jesu Christi nicht so viel Gutes tun konnte, als ich gerne wollte.“
Im Jahr 1745 kam Brastberger als Pfarrer nach Oberesslingen. Hier fand er eine vom Herrn geöffnete Tür zu manchen Herzen, musste aber auch die schmerzliche Erfahrung machen, dass der erste Eifer bei den meisten bald nachließ und die schöne Hoffnung einer vollen Ernte durch die List des Satans wieder vernichtet wurde. Da gab es für ihn manche Versuchung; er wurde bald von unmäßigem Eifer, bald von Zaghaftigkeit und Überdruss angefochten, grämte sich auch oft darüber, dass vielleicht von ihm oder den Seinigen möchte dem Werk des Herrn ein Anstoß gegeben worden sein. Doch half ihm der Herr so durch, dass er sich immer wieder aufraffte und in der Verkündigung des Evangeliums fortfuhr. Nach vierjähriger Arbeit (1749) legte ihn der Herr auf ein so hartes Krankenlager, dass er schon sein Ende vermutete.
Er verfasste damals noch einen Abriss seines Lebens, aus dem die oben angeführten Mitteilungen genommen sind und den er mit den Worten schließt: „Da es dem Herrn gefallen hat, mich zu Anfang des gegenwärtigen Jahres auf ein neues Krankenlager niederzulegen, ist es auf demselben abermals durch viele schmerzliche Kämpfe durchgegangen, indem ich dergestalt rein ausgezogen und von aller eigenen Gerechtigkeit und Würdigkeit entblößt worden bin, dass ich oft ausrufen musste: des Todes Bande erschrecken mich, ach Herr, errette meine Seele. Diese Not bin ich nicht imstande mit Worten auszudrücken; doch blieb mir unter allem das Anhangen an Jesum und seine Gnade, und ich konnte glauben, der Herr werde es wohl machen. Dieser treue Gott und Vater handle denn noch weiter mit mir nach seiner unendlichen Barmherzigkeit und wenn es, wie ich wohl vermute in seinem heiligen Rat beschlossen ist, mich von meinem Posten aufzulösen, so sei er herzlich angefleht um lebendigen Glauben und standhafte Geduld zur Ausharrung bis ans Ende. Ihm empfehle ich meine liebe Ehegattin, mein Haus und Gemeinde zu väterlicher Fürsorge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.“
Wider Erwarten genas er. Zwar war seine Kraft so geschwächt, dass er 5 Jahre lang sich durch Vikare musste unterstützen lassen; doch erholte er sich allmählich wieder. Da kam im Jahr 1756 ein unerwarteter Ruf in einen umfassenderen Wirkungskreis an ihn; es wurde ihm das Dekanat Nürtingen übertragen.
Beim Rückblick auf seine Arbeit in Oberesslingen bezeugte er: „Wenn ich denken müsste, dass ich hier das Evangelium zwölfeinhalb Jahre vergeblich gepredigt hätte, da müsste ich freilich meinen Weg durch euren Flecken hindurch mit einem Bach von Tränen übergießen und mit einem betrübten Andenken von euch gehen; aber wenn ich daran denke, wie manche Seelen sowohl von Einheimischen als Fremden diese 12 Jahre her das Wort aus meinem Mund begierig aufgefasst haben und dadurch zu einem neuen Leben erweckt worden sind, wenn ich Seelen aufweisen kann, die von dem ersten Tag an, da ich diese Stätte betreten habe, mit einer heilsamen Angel verwundet und zur Nachfolge Christi gebracht und darin geblieben sind, so wird mein Kummer weggenommen und ich weiß, dass ich einen Samen hinter mir zurücklasse, der ein Siegel meines Amtes und ein Zeuge der Gnade bleiben muss.“
Die liebevolle Aufnahme, welche Brastberger in Nürtingen fand, und der gläubige Blick auf den Herrn, der ihn dorthin führte, erleichterte ihm die Übernahme der großen Aufgabe, welche ihn daselbst erwartete.
„Ich kann es,“ sagte er seiner neuen Gemeinde, „mit Wahrheitsgrund bezeugen, dass ich eure Seelen herzlich liebe und dass ich gern alle meine Blutstropfen in eurem Dienste verzehren will. Da habt ihr mich zu eigen; schont meiner nicht, braucht mich wie ihr es nötig habt; es ist freilich eine schwere Last, dass ich mir ein großes Volk von mehr als 2000 Seelen auf meine Seele soll binden lassen; aber ich lege sie wieder auf die starken Schultern meines Jesu, der muss mich und euch tragen, und er wirds auch tun.“
Mit aller Treue erfüllte Brastberger seinen Beruf auch in diesem neuen Wirkungskreis; er tat selbst nach der Anweisung, die er einmal einem neu eintretenden Geistlichen seiner Diözese ans Herz legte: „ein Prediger muss alle Gelegenheit auskaufen, wo er den Seelen beikommen kann, öffentlich und sonderlich in der Kirche, bei der Anmeldung oder zu Hause, oder auf dem Felde, in gesunden und kranken Tagen. Er muss recht darauf studieren, wie er es doch machen wolle, dass er diesen oder jenen, einen nach dem andern, anfasse, überzeuge, gewinne, herumhole und zur Bekehrung bringe.“ Um den Angefassten einen besseren Halt zu verschaffen, wies er sie an, sich unter einander in kleinen Gesellschaften zur Erbauung aus Gottes Wort zusammenzuschließen, und suchte sie auch sonst auf alle Weise zu fördern. Wie der Erwachsenen, so nahm er sich auch der Kinder in herzlicher Fürsorge an, und es blieb auch bei ihnen nicht ohne Frucht.
Bei einer Konfirmation konnte er bezeugen: „Ich bin ein lebendiger Zeuge davon, wie nicht nur unsere gegenwärtigen Konfirmanden, sondern auch mit ihnen noch eine gute Anzahl Kinder von geringerem Alter seit einiger Zeit her von dem Herrn mächtig angefasst und gewaltig ergriffen worden sind, dass man darunter den Finger Gottes deutlich wahrnehmen kann. Ihr hättet es nur sehen sollen, wie ihre Herzen zusammengeschmolzen sind, da ich sie dieser Tage im Gebet dem Herrn Jesu vorgeführt habe; ihr hättet hören sollen, wie sie ihren Mund selbst aufgetan und so ernstlich und kindlich gebetet. Sehet, das hat der Herr getan. So will er auch die Herzen eurer Kinder zu Tempeln und Werkstätten seines Heiligen Geistes machen.“
Brastbergers entschiedenes Wirken blieb somit nicht ohne gesegnete Frucht, erregte aber andrerseits auch den Hass und Argwohn der Welt. „Die argwöhnische Welt nahm Gelegenheit, mich zu lästern und mir allerlei gottlose Absichten anzudichten; ich beugte mich vor dem Herrn deswegen, ließ mich aber nicht abhalten, sein Werk fortzutreiben und die Seelen anzuweisen, dass sie auch unter einander selbst kleine Gesellschaften aufrichten und sich unter Gebet und Betrachtung des göttlichen Wortes erbauen sollten, und dazu gab der Herr auch seinen Segen.“
Brastberger beschränkte sich aber nicht auf das mündliche Zeugnis im Kreis seiner eigentlichen Gemeinde. Durch Herausgabe von trefflichen Predigtbüchern, von denen zwei, seine „Evangelische Zeugnisse der Wahrheit“ (1758) und „Ordnung des Heils“ (1760), am bekanntesten wurden, ist er ein Zeuge der Wahrheit geworden weit über seine Gemeinde hinaus, ja noch bis in unsere Tage herein.
Leider dauerte Brastbergers Wirksamkeit in Nürtingen nur 8 Jahre. Seine durch die früheren Krankheitsanfälle geschwächten Kräfte nahmen zusehends ab und zuletzt konnte er, obgleich erst ein Mann in mittleren Jahren, nicht mehr gehen. Er trug es mit Geduld und benutzte seine Leidenszeit dazu, durch Herausgabe einer Reihe von weiteren Predigten unter dem Titel „Betrachtungen über die Heilsgüter des Neuen Testaments“ der Gemeinde noch ein schriftliches Zeugnis zu hinterlassen, da ihm die mündliche Verkündigung des Worts abgeschnitten war.
„Es gefiel dem Herrn, mich von meinem Posten beiseite zu stellen und auf ein beschwerliches und schmerzliches Krankenlager hinzulegen, durch dessen empfindliche Zufälle ich nun schon zwei ganze Jahre lang zu aller öffentlichen Arbeit untüchtig gemacht worden bin. Dabei kann ich es dennoch dem Herrn meinem Gott nicht genug verdanken, dass er mir unter allen fast unbeschreiblichen Schmerzen den ungehinderten Gebrauch meines Kopfs und Verstandes so ungekränkt gelassen, dass ich zum Meditieren, Nachdenken und Konzipieren fast mehr als in gesunden Tagen aufgelegt gewesen, daher ich dann die Revision und Ausfertigung dieser Predigten ohne Hindernis habe besorgen können. Der Herr Jesus, dessen blutigen Verdiensten wir alle das Gute, das wir in Zeit und Ewigkeit genießen, schuldig sind, lasse sich auch diese einfältige Bemühung in Gnaden gefallen und lege darauf einen bleibenden Segen für alle, die diese Blätter lesen werden. Er unterstütze mich mit seiner kräftigen Fürsprache und stärke mich mit der überschwänglichen Größe seiner Kraft, dass ich in dem heißen Schmelztiegel, in welchen mich seine Hand geworfen hat, unversehrt erhalten und einmal wohl geläutert und in seinem Blute rein gewaschen im Frieden dargestellt werden möge vor das Angesicht seines Vaters.“
Brastberger schrieb diese Worte am 24. April 1764; nicht ganz 3 Monate später, am 13. Juli, erlöste der Herr den treuen Knecht aus seinem Schmelztiegel und ließ ihn eingehen in seine Freude.