Max Frommel

In Württemberg teilt jeder Pfarrer bei seinem Amtsantritt einen Lebensabriss der Gemeinde mit.

 

Geliebte Gemeinde, wenn ich daran gehe, euch meinen Lebensgang zu erzählen, so geschieht dies, um Gott in eurer Mitte zu preisen über dem, was er an mir getan. „Soli Deo gloria – Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr‘ und Dank für seine Gnade.“ Was ich für mich sonst in meinem Kämmerlein tun würde: die Wege Gottes in meinem Leben betrachten, was Andere nur im Kreise näherer Freunde an solchem Tage tun, nämlich bekennen: „Ich bin viel zu gering all der Barmherzigkeit und Güte, die Du an Deinem Knechte getan hast“, das glaubte ich in eurer Mitte tun zu sollen. Denn ihr seid meine Herde, die mir der Herr anvertraut hat, ihr seid meine Brüder und Freunde, und zu Vielen unter euch darf ich wohl sagen: ihr steht zu mir als zu eurem Vater in Christo. Wie Paulus zu seinen Korinthern sagt: „Ihr seid unser Brief in unser Herz geschrieben, der erkannt und gelesen wird von allen Menschen, die ihn offenbar geworden sind, dass ihr ein Brief Christi seid, durch unser Predigtamt zubereitet und durch uns geschrieben, nicht mit Tinte, sondern mit dem Griffel des lebendigen Gottes, nicht in steinerne Tafeln, sondern in fleischerne Tafeln des Herzens“ so will ich sagen: Du, meine teure Gemeinde, bist mein Buch, daran ich zwanzig Jahre geschrieben, ihr selbst bildet den größten Teil meiner Lebensbeschreibung, denn die Hälfte meines Lebens habe ich bei euch zugebracht. So darf ich wohl denken, dass, wenn ich euch Gottes Führung in meinem Leben erzähle, ihr mit einstimmen werdet, wenn ich sage:

Drum dank‘, ach Gott, drum dank‘ ich Dir,
Ach, danket, danket Gott mit mir,
Gebt unserem Gott die Ehre.

Geboren bin ich den 15. März 1830 zu Karlsruhe, wo mein teurer seliger Vater Karl Frommel großherzoglich badischer Galeriedirektor war. Wir stammen väterlicherseits von einem schwedischen Kriegsmann ab, welcher aus dem dreißigjährigen Krieg zurückgeblieben war. Ursprünglich soll unser Geschlecht Frommheld geheißen haben, daher wir Kreuz und Schwert in unserem Wappen tragen, eine schöne Mahnung für unser Amt: das Kreuz zu predigen und zu tragen, und das Schwert des Geistes zu führen im Kriege des Herrn.

Meine selige Mutter war Frau Henriette, geborene Gambs, Tochter des lutherischen Pastors Christian Erich Gambs an Sankt Aurelien in Straßburg. Ihre Familie gehörte dem alten elsässischen Adel an, Gambs von Gambsheim; da aber die Familie verarmte, so legte sie den Adel nieder. Ich könnte da viel erzählen von ergreifenden Zügen aus dem Leben meiner Eltern und Voreltern, aber ich eile darüber hin, zumal mein lieber Bruder Emil dafür gesorgt hat, dass die Geschichte unsers Hauses vielen Leuten im deutschen Lande bekannt geworden ist.

Ich war ein Kind vieler Gebete. Denn kurz vor meiner Geburt geschah ein Mord in unserem Hause: ein Mann, der im ersten Stock wohnte, hatte seine Frau erstochen und die Eltern hatten den Todesschrei gehört in der Nacht. Das Unheimliche und Schauerliche dieses Vorgangs ließ meine Mutter befürchten, dass die große Gemütsbewegung jener Tage dem Kinde, das sie unter ihrem Herzen trug, Schaden bringen könnte und so hielt sie, wie sie mir manchmal erzählt hat, Tag und Nacht an mit Gebet und Flehen für mich zu Gott.

In der heiligen Taufe erhielt ich den Namen Max, zu Deutsch: der Größte, des zur Mahnung: „der Größte unter euch soll sein, wie der Jüngste und der Vornehmste wie ein Diener.“ Getauft bin ich am 21. April. Des will ich gerade heute vor Allem mit Dank gegen Gott gedenken, denn der Tauftag ist der wichtigste Tag im Leben eines Menschen. Zwar folgen der Ordinationstag und Hochzeitstag als Höhepunkte und so Gott Gnade gibt, der selige Sterbetag als der Gipfel aber die Wurzel alles göttlichen Lebens bleibt der Tag der heiligen Taufe, da Gott zu mir sprach: Ich will dein Gott sein und du sollst mein Kind sein. Halleluja.

Ich wuchs heran als ein fröhliches, glückliches Kind. Ich habe eine sonnige Kindheit und Jugend gehabt und das ist eine große Gabe Gottes. Der Sonnenschein im Hause war die Liebe der teuren Eltern und die ganze Luft des Hauses war das Streben nach Dem, „was wahrhaftig, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich und wohl lautet“. Wir Kinder schauten mit Ehrerbietung an Vater und Mutter hinauf und sie nahmen mit Sorgfalt unserer Erziehung wahr. Vater weckte uns in der Frühe mit heiterem Gruß, Mutter brachte uns Abends zu Bette mit innigem Gebet.

So reich der geistige Verkehr mit den ersten Künstlern und Gelehrten im Hause der Eltern war, die Brunnenstube des Hauses war anderswo, still verborgen, nur Gott bekannt. Es war das Gebetskämmerlein der Eltern. Wenn Mutter betete, ging sie hinauf in die Speicherkammer, als auf ihren Söller. Niemand hätte es erfahren, wenn nicht die Köchin, welche nebenan ihre Kammer hatte, sie gehört und gesagt hätte: Frau Direktor muss doch etwas Schweres auf dem Herzen haben, dass sie so viel betet. Die Hausandacht hielten die Eltern täglich, Morgens der Vater und Abends die Mutter, trotz der ungeheuren Arbeit und der vielen Glieder im Hause: sechs Kinder und drei Dienstboten. Aber allein habe ich Mutter nur zweimal beten hören, ohne dass sie es ahnte, beide Male für meine kranken Brüder. Das war eine Inbrunst und ein heißer Drang, eine Kraft des Glaubens, die mir unvergesslich bleiben wird. Hieß es doch oft in meiner Kindesseele: O möchte ich doch einmal so fromm werden, wie meine Mutter! Ebenso unvergesslich bleibt mir, als ich einst ins Arbeitszimmer des Vaters unbemerkt getreten war und sah nun meine beiden Eltern knien vor Gott und hörte, wie sie beteten für uns Kinder. „Siehe sie beten“ das war das unauslöschliche Gefühl, mit dem ich meine Eltern anblicken musste.

Meine Eltern hatten früh den Gedanken, dass ich Prediger werden sollte. Und sie hatten recht gesehen; denn ich habe oft gefühlt: ich wäre ein unglücklicher Mann, wenn ich nicht Prediger geworden wäre. Umso auffallender ist es, dass ich nur auf großem Umwege dazu gelangte. In meinem achten Jahre sagte ein älterer Knabe zu mir: O, das Studieren ist eine harte Sache, da muss man die Nächte durch arbeiten und die bloßen Füße in einen Kübel voll Wasser stellen, um wach zu bleiben. Das machte einen sonderbaren Eindruck auf mich. Wenn ich in meinen Kindesgedanken einmal in die Zukunft blickte, so tauchte immer das Bild des Studenten vor mir auf, die Lampe vor sich und die Füße im Wasser! und ich hatte doch einen so guten gesunden Schlaf. Dies Bild wandte früh meine Gedanken auf andre Bahn. Dazu kam ein Gedanke, der sich dem Knaben aufdrängte. Ich dachte: Alle Jahre eine Predigt zu machen, das möchte wohl gehen, aber alle Woche eine, das sei doch unmöglich, und ein Schwätzer wolle ich doch nicht werden. Dazu kam der Ehrgeiz: ich wollte ein großer Mann werden; in meinen Augen war damals ein Pfarrer kein großer Mann, und ein Künstler, wie mein Vater, war das Höchste. So wollte ich Künstler, Kupferstecher und Maler werden. Ich bettelte so lange, bis Vater mich aus der Schule in sein Atelier nahm, wo ich ein Jahr hindurch zeichnete, malte und Bilder in Kupfer stach. Eine ganz neue Welt tat sich da vor mir auf und meine Gedanken nahmen einen hohen Flug. Da geschah es, dass unsere einzige ältere Schwester Bianka in der Blüte ihrer Jahre dahinwelkte. Sie stand im lebendigen Glauben an ihren Heiland. Als Professor Stern sie aufs Sterben vorbereitete und sie fragte, ob sie denn ihren Herrn im ewigen Leben erkennen würde? antwortete sie freudig: an seinen Wunden. Zwei Stunden vor ihrem Ende rief sie uns vier Brüder ans Sterbebett, gab uns die Hand zum Abschied und sagte mit ihrer brechenden Stimme: „Brüder, macht, dass ihr mir nachkommt.“

Es war in meinem fünfzehnten Jahre, gerade zu der Zeit, als ich den Konfirmandenunterricht hatte. Wenige Tage zuvor hatte sie mir in der Neujahrsnacht den Spruch gezogen: „Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist, denn wer die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters.“ Dieser Spruch traf mich im innersten Gewissen, denn darin war mein ganzes damaliges Sinnen und Streben gezeichnet, gerichtet, verurteilt. Das Wort Gottes, das ich aus dem Munde eines teuren Gottesmannes, Pfarrer Peter, jetzt in Spöck, empfing im Unterricht, begann an meinem Herzen zu wirken. Ich kam nach Straßburg ins Haus des seligen Pfarrer Härter und lebte dort vier Wochen ganz dem Unterricht. Am Abend vor der Konfirmation rief mich der Pfarrer zu sich und stellte mir die beiden Wege vor, schilderte mir den breiten Weg mit seiner Lust und den schmalen Weg mit all‘ seinen Beschwerden und legte mir den Ernst der Entscheidung ans Herz. Als Wahlspruch am Altare gab er mir Joh. 12, 26: „Wer mir dienen will, der folge mir nach, und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.“ Ernst fügte er hinzu: eine andre Ehre suche nicht! In dieser unvergesslichen Zeit war es bei mir zu dem Entschluss gekommen: mit Leib und Seele meinem Herrn zu dienen. Mit diesem Entschluss stand auch der andre fest, nichts Andres als ein Prediger des Evangeliums von Jesu Christo zu werden. Als ich dies meinem Beichtvater mitteilte, sah er mich bedeutungsvoll an und sagte: Weißt du auch, dass das etwas Großes ist, was du bittest? „Denn so Jemand ein Bischofsamt begehrt, der begehrt ein köstliches Werk.“ Doch leuchteten seine Augen dabei in Hirtenfreude und mit seinem Segen und Kuss der Liebe schied ich von ihm heim in der Eltern Haus.

Schuljahre.

Der Wiedereintritt in die Schule war schwer, der Vater zögerte mit seiner Einwilligung, weil er prüfen wollte, ob mein Entschluss nur eine flüchtige Konfirmanden-Rührung sei. Als er endlich, von meinem Ernst überzeugt, zustimmte und ich das erste Mal wieder in das Schulzimmer trat und mich auf den untersten Platz setzte, empfingen mich alle Schüler mit Hohnlachen. Als ich auch später, wenn es die Gelegenheit erforderte, vor Lehrern und Schülern kein Hehl aus meiner Glaubensüberzeugung machte, gab es manchen Kampf und manche Schmach. Ich tat mein Arbeiten, soweit es Not war und war bald wieder auf der ersten Bank; aber mein Herz war nicht bei den alten Heiden und die ganze trockene Art des Unterrichts ließ mich kalt. Morgens, wenn ich um vier Uhr aufstand, las ich meine Bibel und Auslegung dazu und Nachts blieb ich oft bis spät im Gebet mit meinem Gott. Meine Freude waren meine Sonntage. Da ging ich Morgens, Mittags in die Kirche zu den herrlichen Predigten meines teuren Lehrers Peter, später in die Stunde, und Abends war offenes Haus bei meinen lieben Eltern, wo die christlichen Freunde kamen und über Gottes Wort und Gottes Reich Unterhaltung pflegten. Gar manchmal bin ich da den Sonntag gewandert nach Spöck zum alten seligen Henhöfer, nach Waldangelloch zu Pfarrer Haag, nach Möttlingen zu Pfarrer Blumhardt und die Eltern nahmen mich mit zu den Missionsfesten bis nach Basel. Es war eine Zeit tiefinnerlichen Lebens im Wort, des Forschens. in der Schrift, des Suchens nach dem wahren Frieden der Seele. Denn ob ich wohl erweckt war, Frieden hatte ich nicht. Ich suchte ihn nach der Weise der damaligen unklaren Zeit auf dem Wege der eigenen Heiligung, ich fastete und kasteite mich, ich legte Holz in mein Bett, um nicht so sanft zu schlafen, ich habe in jenen Jahren fast nie gelacht. Und doch brannte in meiner Seele in jenen Jahren der sehnliche Wunsch, ein Zeuge Christi zu werden und ich habe oft den Herrn angefleht, er wolle mich nur ein einziges Mal von Jesu predigen lassen, dann wolle ich gerne sterben. Das waren die Züge des Geistes Gottes an meiner Kindesseele und die Wege Gottes mit mir in meiner Jugend. So kam das Ende jener Zeit heran, Herbst 1848, wo ich als Student nach Halle zog auf die

Hochschule.

Hier ging mir eine ganz neue Welt auf. Mein inneres Auge war bis dahin ganz auf die unsichtbare Welt und auf die Schrift gerichtet gewesen, nun erst blickte ich in die kreatürliche Welt, vom Zentrum in die Peripherie, vom Himmel gleichsam auf die Erde und zwar in ihrer edelsten Gestalt: in Wissenschaft und Kunst. In der Kunst war es die Poesie und Musik, in der ich erkannte: hier war eine Gabe Gottes, die nicht Sünde war, obwohl es Kreatur war, und ebenso in der Wissenschaft entzückte mich der Flug des Geistes in ungeahnte Fernen, namentlich war es die Philosophie, welche mich mächtig anzog. So warf ich mich denn mit voller Macht auf die Wissenschaft, zumal auch meine Lehrer mich aufmunterten, einmal Professor der Theologie zu werden. In jedem Semester wollte ich neben den andern Studien eine alte Sprache studieren und begann mit Chaldäisch, dann sollte Syrisch folgen, dann Arabisch rc., ebenso fing ich mit der Philosophie Kants an, dann sollte Fichte folgen rc. Es war, als ob lange gebundene Flügel sich regten und als ob alle schlummernden Fähigkeiten erwachten.

Ich trat in keine der vielen Studentenverbindungen ein, so sehr auch die bunten Mützen und Bänder mich umschwirrten. Selbst bei einer christlichen Studentenverbindung stieß mich nach meinem damaligen inneren Stand die etwas unvermittelte Verbindung von Christentum und Studententum gänzlich ab. Zwar hatte ich selbst als Schüler mich gesehnt nach christlicher Gemeinschaft und hatte unter meinen Mitschülern einen Verein gegründet zu gegenseitiger Förderung; als er aber aus Mangel an Teilnahme eingeschlafen war, machte ich einen Vers auf sein Ableben:

Dir eine Träne, o Grab, du birgst einen großen Gedanken:
Ach, die Gedanken sind groß, aber die Herzen sind klein.

Statt der farbigen Mützen lud ich mir die alten Studenten, die sich aufs Examen vorbereiteten, auf meine Stube zu Tee und Klavier und habe da manch‘ schöne Stunde in tiefen Gesprächen verbracht, da ich mir gern allezeit Leute suchte, die älter waren als ich und über mir standen, von denen ich nehmen konnte nach dem schönen Rückert’schen Vers:

Gesell‘ dich stets den Bessern zu,
Dass deine besten Kräfte ringen,
Wer selbst nicht besser ist, als du,
Der wird dich auch nicht weiter bringen.

Hier trat nun ein Ereignis ein, das einen bestimmenden Einfluss auf mein ganzes Leben ausgeübt hat, es war ein Besuch auf der Nachbaruniversität Leipzig, wo der Vorkämpfer für die lutherische Kirche, Professor Harless, lehrte. Ich wollte den berühmten Theologen hören und ging auf eine Stunde in sein Colleg, wo er gerade über den Zorn Gottes las. Was mich erfasste, war der große Unterschied seiner Lehrweise von der der Hallenser Theologen. Während diese den Unterbau aus philosophischen und spekulativen Sätzen herstellten, so dass das Schriftwort als die nun begründete Spitze der Pyramide erschien, legte Harless im Gegenteil das Schriftwort zu Grunde und zog daraus all‘ seine Schlüsse und Lehren. Nach diesem Colleg kam ich in Berührung mit von Zezschwitz, damals noch Student, jetzt Professor in Erlangen, dem ich nie vergessen werde, was er mir damals geworden ist. Im Verkehr mit ihm und anderen lutherischen Studenten reiste in mir der Entschluss, Halle zu verlassen und nach Leipzig zu ziehen. Denn obgleich ich noch ein sehr junger Student war und in meiner bisherigen Entwicklung anders geartet war, soviel fühlte ich doch: hier war Etwas an mich herangetreten, mit dem ich mich innerlich auseinander setzen musste, an dem ich mich für oder wider entscheiden musste, früher oder später. So hörte ich denn im Sommer 1849 bei Harless Ethik oder christliche Sittenlehre und das war, was ich brauchte. Da trat mir eine ganze, in sich abgerundete, biblisch begründete Weltanschauung entgegen, die mir Licht gab über die tiefsten Fragen des ganzen Christenlebens. Jede Stunde ein vollendeter Vortrag, frei quellend aus der edlen Persönlichkeit des Meisters, heiliges Maß haltend zwischen den Abwegen zur Rechten und zur Linken, zwischen falscher Freiheit und falscher Gesetzlichkeit, zwischen der falschen Heiligung der Römischen und der Schwarmgeister, überall die rechte Stellung einnehmend zu Gott und der Welt, zu Gesetz und Evangelium, zum Zentrum und der Peripherie. Da war mehr Ernst als im ganzen Pietismus und doch mehr Freiheit und Weite; da war voller Kampf gegen die Sünde und doch die volle Berechtigung der Kreatur. Der Irrtum wird nur überwunden durch die höhere Wahrheit. Was an meinem bisherigen Leben irrtümlich war, die große Gefahr, in der ich schwebte, dass meine innere Frömmigkeit und das Gewahr werden der kreatürlichen Gottesgaben in Wissenschaft und Kunst aus einander gefallen wären, das Alles wurde wahrhaft überwunden durch den alles beherrschenden Satz der Harlessschen Ethik, dass das wahre Christentum das wahre Menschentum sei. So kann ich sagen, dass ich nicht auf dogmatischem, sondern auf ethischem Wege Lutheraner geworden bin. „Das ist Wahrheit“ dies war jedes Mal der tiefste Eindruck, den ich hatte, wenn ich aus einem Colleg von Harless ging. Als mir dies einmal innerlich feststand, forschte ich dann im darauffolgenden Winter nach den Voraussetzungen in der Glaubenslehre, aus welcher solche Sittenlehre floss und fand dann unter immer steigender Freude in der Schrift, dass es sich also hielte.

Von Leipzig ging ich Ostern 1850 nach Erlangen, wo damals drei der ersten lutherischen Theologen lehrten: Professor von Hofmann, Thomasius und Delitzsch, wo ich einen Freundeskreis traf, worin der jetzige Hofprediger Löber und der jetzige Professor von Dettingen und von Engelhardt und Andere mir zum großen Segen geworden sind. Auch zum seligen Pfarrer Löhe bin ich oft zu Fuß über Berg und Tal gewandert nach Neuendettelsau. So viel sich hierüber sagen ließe, so eile ich doch vorüber, da ich ja nur die Wege Gottes mit mir erzählen wollte. Und da muss ich einer Begegnung erwähnen, die gewissermaßen den Abschluss meiner bisherigen Entwicklung mir brachte. Es waren zwei lutherische Geistliche aus Amerika nach Erlangen gekommen, denen ich als Präses der lutherischen Studenten nahe getreten war. Eines Abends lud ich sie auf meine Stube und das Gespräch kam auf den Glauben. Der eine sagte: Es ist doch das Allerseligste, dass wir so ganz allein durch den Glauben selig werden. Nun das war eine Sache, die ich längst wusste, auch wohl selbst oft ausgesprochen hatte. Aber an diesem Abend fasste mich diese Sache und etwas schüchtern erwiderte ich: Gewiss werden wir allein durch den Glauben selig, aber die Heiligung ist doch auch nötig. Darüber entspann sich nun ein tief eingehendes Gespräch, in welchem mir die Rechtfertigung allein durch den Glauben in einer Klarheit und Wahrheit entgegentrat, wie nie zuvor. Die tiefe Bewegung, die das in meinem friedesuchenden Gemüt hervorbrachte, verbarg ich bis zum Tage des Abschiedes, wo ich als Präses neben den andern Amerikaner beim Festmahl zu sitzen kam. „Jetzt oder nie muss es heraus,“ sagte ich zu mir selbst und richtete nun ganz in der Stille mitten unter all den lauten Gesprächen des Tisches an meinen Nachbarn die Frage: „Darf ein Mensch, der sich als einen armen elenden Sünder fühlt und keine Rettung als Christum den Gekreuzigten weiß, glauben, dass er bei Gott in Gnaden sei?“ Mein Nachbar sah mich scharf an und sagte dann mit fester Stimme: „So wahr ein Gott im Himmel lebt.“ Ich aber ging von der Stunde heim in mein Kämmerlein und jauchzte auf meinen Knien: Ich glaube eine Vergebung der Sünden und sang den Vers:

„Was hast du unterlassen
Zu meinem Trost und Freud?
Als Leib und Seele saßen
In ihrem größten Leid.

Als mir das Heil genommen
Da Fried‘ und Freude lacht,
Da bist du mein Heil kommen
Und hast mich froh gemacht.“

Von dem an hatte ich Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesum Christum, nun wusste ich, was das Allersüßeste im lutherischen Christentum ist: nämlich die Gewissheit der Vergebung der Sünden. Darum wundert euch nicht, dass ich euch das Katechismussprüchlein so oft predige: Wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit. – Christus allein, das Wort allein, der Glaube allein das war fortan meine Losung oder für die Lateiner unter uns: Solus Christus, solo verbo, sola fide. Halleluja.

Bald danach hielt ich meine erste Predigt als Student. Ich wollte eigentlich als Student nicht predigen, weil ich eine Gemeinde verschonen wollte mit meinen unreifen Sachen. Nun hatte aber ein kranker Pfarrer geschickt, Löber und ich sollten predigen, weil sonst seine Gemeinde über Pfingsten keine Predigt hätte. So zogen wir denn an einem heißen Nachmittage vor Pfingsten 3 Stunden weit zu Fuß gen Kalkreuth. Als wir ins Pfarrhaus traten, war Niemand da als eine alte Magd; unsere Schritte durchhallten das öde Haus, in der Stube stand nichts als ein Tisch und eine Bank. Da dachte ich bei mir: so wird einmal dein lutherisches Pfarrhaus aussehen. Als mein Freund mir den Talar umlegte und die Glocken läuteten, war mir doch so eigen ums Herz. In der Sakristei sang ich mit voller Stimme mit, trennte mich von meinem Konzept und bestieg die Kanzel. Nach 10 Minuten ungefähr verließ mich das Gedächtnis. Ich hatte noch 3 Sätze zu sagen, dahinter wars schwarz vor meinen Augen. Während ich nun einen Satz langsamer als den andern sagte, schrie ich innerlich zu meinem Gott, er möge mich nicht zu Schanden werden lassen. Und siehe, als ich den letzten Satz gesagt, fiel mir der Vers ein: „Suche Jesum und sein Licht, alles Andre hilft dir nicht“ und unter diesem Vers fiel mir die ganze Predigt ein und mit großer Freudigkeit konnte ich sie vollenden. Aus der Kirche ging ich zurück ins Pfarrhaus, stieg auf den Söller und fand eine einsame Kammer, da fiel ich nieder und der Dank und Lobgesang des Herzens vor Gott war so überwältigend, dass ich unter dem Gebet etwas von jenem heiligen Lachen empfand, von dem es bei Abraham heißt als er die Verheißung empfing: „Da lachte Abraham.“ So hatte der Herr mir geholfen bei der ersten Predigt. Doch habe ich nicht wieder gepredigt, als bis ich musste.

Die Studienzeit neigte sich zu Ende, ich musste ans Examen denken, aber wo sollte ich es machen? Das war die Frage, da schürzte sich der Knoten. Aus der badischen unierten Staatskirche war ich ausgetreten, weil ich der Überzeugung lebte, dass wer lutherisch glaubt, auch lutherisch bekennen solle. Ich war innerlich gewiss geworden, dass die lutherische Kirche die schriftgemäße Wahrheit bekenne im Ja, das Ja ist, und im Nein, das Nein ist; daher tat ich den Schritt des Austritts, im Gehorsam gegen Gottes Wort, so sauer er mir auch werden musste. Denn ich verließ damit Vater und Mutter, Brüder und Alle, die meinem Herzen einst so nahe gestanden, Vaterhaus und Vaterland, und im tiefen Weh der Trennung fühlte ich mich wie Einer, der den Wanderstab ergreift, hinaus in die weite Welt. Es war etwas von dem Rufe an Abraham: „Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.“ Es war etwas von dem Wort des Herrn an Petrus: „Es wird dich ein Andrer gürten und dich dahin führen, wo du nicht hinwillst.“ Aber ich kann das nicht aussprechen, ohne sogleich hinzuzufügen, dass der Herr seine treue Verheißung mir gehalten hat: „Wahrlich, ich sage euch: Es ist Niemand, so er verlässt Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um meinetwillen und um des Evangelii willen, der nicht hundertfältig empfange jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mit Verfolgungen und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“ (Mark. 10, 29 ff.) Ja das hat Er mir gehalten, nicht bloß in dem Sinne, dass ich zu meiner Gemeinde, zu den Schafen sagen darf: Wer ist meine Mutter und mein Bruder und meine Schwester? Seid nicht ihr es, die ihr den Willen tut des himmlischen Vaters! Nein, auch im wörtlichen Sinn hat er mir die Verheißung erfüllt, Gott hat mich die Liebe meiner Eltern, meiner leiblichen Brüder in hundertfacher Weise wieder finden lassen, dazu Weib und. Haus. Darum will ich auch heute noch sagen im Blick auf jene schmerzensreichen Tage, wie Chrysostomus sagte, als er zum Tore seiner Stadt hinausging und nichts hatte als seinen Wanderstab: „Gelobt sei Gott um Alles.“ So blieb mir nichts übrig als mich nach Preußen zu wenden, so ungern ich dies auch tat. Ostern 1852 machte ich mein erstes Examen bei dem Ober-Kirchenkollegium in Breslau, ohne dass ich damals schon die Absicht gehabt hätte, in den Dienst der preußischen Separation zu treten.

Ich übergehe mein Wanderjahr in Italien, das meinem lieben Bruder Emil und mir durch die Liebe unserer Eltern bereitet wurde und das so fruchtbar für meine ganze Ausbildung geworden ist. Heimgekehrt Ostern 1853 fühlte ich den Drang ins heilige Amt zu treten, und zog nach Liegnitz in Schlesien zu dem Kirchenrat und Superintendenten Ehlers, der mich zunächst als freien Kandidaten aufnahm, bis ich im Herbst nach abgelegtem zweiten Examen sein Hilfsprediger wurde. So bin ich ein volles Jahr an der Seite eines teuren Knechtes Gottes gestanden, dessen Bild sich tief in meine Seele geprägt hat. Zwar die äußerliche Gestalt meines Lebens in Liegnitz war sehr verschieden von dem künstlerisch schönen und lieblichen Daheim bei den Eltern. Wenn mich Jemand fragte, wo ich wohne, konnte ich lachend antworten: Suchen Sie das allerhässlichste Haus in der und der Straße, so können Sie nicht fehlen. Sonderlich auf der Reise zu den Zerstreuten ging es oft unbeschreiblich einfach her, denn die Leute dort habens nicht so gut als hier. Ich erinnere mich, dass ich zwei volle Tage nichts zu genießen bekam als fünfmal hinter einander Kaffee, dass ich meine Schlafstätte oft in derselben Bauernstube bekam, wo Mann, Frau und Kinder lagen. Da kam mir zu gut, dass unsere liebe Mutter uns so einfach erzogen hatte, denn ihr Grundsatz war: sparsam in der Kost, aber verschwenderisch in der Ausbildung, und sie hat manchmal zu uns gesagt: „Kinder, wenn ihr es einmal besser bekommt, das habt ihr schnell gelernt, aber ihr sollt früh lernen keinen Wert auf äußerliche Dinge zu legen.“ Das habe ich ihr oft gedankt, denn so war ich bei all dieser Einfachheit fröhlich und vergnügt und dankte meinem Gott für das, was er mir in der Person meines Superintendenten geschenkt. Seine klare scharfe Erkenntnis, sein heiliger Wandel, seine Einfalt und Geradheit, seine Inbrunst des Gebets, seine brennende Liebe zu Christo und den Seelen, seine Treue in der Seelsorge, seine Sicherheit in den Amtsgeschäften und in der Regierung der Gemeinden, seine Selbstverleugnung und seine Demut leuchteten mir als ein hohes Vorbild vor der Seele und sind mir zu unvergesslichem Segen für mein ganzes Amtsleben geworden. Ich will hier nicht vergessen anzumerken zur Ehre meines Gottes, wie er mir jederzeit in meinem Leben und namentlich an allen entscheidenden Wendepunkten Männer in den Weg geführt hat, die mir gerade das boten, was ich bedurfte. Es ist nun einmal Gottes Weise, dass er am liebsten und tiefsten durch Persönlichkeiten auf Persönlichkeiten wirkt und die Ewigkeit wird es einmal ausweisen, wie viel an solchen Begegnungen gelegen war. Ich aber will es all den Männern droben in den Friedenshütten danken, dass sie Engeldienst an meiner Seele getan.

In Liegnitz war es nun, dass ich vor 25 Jahren die Ordination zum heiligen Amte empfing. Es war seit meiner Taufe der wichtigste Tag meines Lebens, als ich durch meinen Superintendenten unter Handauflegung der beiden Pastoren Karbe und Fronmüller die Weihe zum Prediger des Evangeliums erhielt. „Gott legt eine Last auf, aber er hilft sie auch tragen,“ rief mir der eine Amtsbruder zu; „wenn du dich zu mir hältst, will ich mich zu dir halten und sollst mein Prediger bleiben“, rief der Andere, als er mir die Hand auflegte.

So war die erste Hälfte meines Lebens zu ihrem Abschluss gekommen mit ihren Vorbereitungen und Zurüstungen, mit ihren Führungen Gottes – ich war von Gottes Gnaden zur Arbeit in seinem Weinberg berufen.

Die erste Gemeinde.

Im Frühjahr 1854 legte mir mein Superintendent den Ruf als Pfarrverweser nach Reinswalde bei Sorau in der Niederlausitz ans Herz, an eine Gemeinde von 1600 Seelen, wohin ich sofort gehen sollte, weil der dortige Pastor sein Amt hatte niederlegen müssen. Das wollte ich nicht, weil ich dann mein Bürgerrecht in Baden aufgeben musste, um preußischer Bürger zu werden. „Wenn Sie nicht gehen, so gehe ich, sagte kurz mein Superintendent, denn der Gemeinde muss geholfen werden; Sie können dann hier die Gemeinde so lange versorgen.“ Dies Wort traf mich tief, aber ehe ich meinen teuren Superintendenten von Weib und Kind und von seiner Gemeinde auch nur zeitweise hätte wegziehen lassen, entschloss ich mich zu gehen, komme was da wolle. Ich gab mein Bürgerrecht auf und damit war die letzte Zugbrücke nach der Heimat hinter mir abgebrochen.

Mit wehmütigen Gefühlen ging ich nach Reinswalde. Als ich auf meinem ersten Gang nach dem Dorf auf die letzte Anhöhe kam und sah die Häuser und das Kirchlein zu meinen Füßen liegen, hielt ich noch einmal inne, lehnte mich an einen Baum, und in meinem Herzen hieß es: „Siehe, ich fahre hinauf gen Jerusalem, gebunden im Geist, und weiß nicht, was mir daselbst widerfahren wird“, und dann ging’s hinein unter Gebet in das Dorf, in welchem ich vier unvergessliche Jahre wirken sollte. Reinswalde war eine seltene Gemeinde. Sie trug fast den Charakter einer landeskirchlichen Gemeinde, da ich 1400 Seelen am Ort und nur 200 Seelen in den umliegenden 28 Ortschaften zählte. Die unierte Gemeinde bestand nur aus zehn reichen Bauern und besaß Kirche, Pfarrhaus, Pfarrwidmut und sogar den Zehnten auch von unseren lutherischen Gliedern. Der unierte Pfarrer hatte das Einkommen und ich die Arbeit. Meine Gemeinde hatte eine neue Kirche, Schul- und Pfarrhaus bauen müssen, und mein Einkommen war so gering, dass ich manchmal nur einen Groschen im Haus hatte, und meine liebe Tante, die auf meine Bitte zu mir gekommen war und mir den Haushalt führte und das Heim so traulich machte, musste manches Kunststück in der Küche machen. Aber dass ich meine Schäflein fast alle um mich her hatte, das war herrlich. Aber mehr als dies war für mich die ganze patriarchalische Gestalt dieser Gemeinde. In hundert Jahren hatte sie nur drei Pastoren gehabt. Denn als ich 1854 in Reinswalde Pastor wurde, war es grade ein Jahrhundert, seit Pastor Schmeil I. 1754 Pastor geworden war. Er regierte, wenn ich mich so ausdrücken darf, vierzig Jahre, ihm folgte sein Sohn, Schmeil II., regierte zweiundvierzig Jahre, und auf ihn folgte mein Vorgänger, welcher achtzehn Jahre im Amte gewesen. Kein Wunder, dass alle guten alten Sitten und Gebräuche fast alle noch bestanden wie ehedem. Dazu eine Ehrerbietung gegen das Amt, die mich oft tief gerührt hat. Ich war erst vierundzwanzig Jahre alt und doch nahmen mich die Leute auf als den Ältesten der Gemeinde. Wenn sie mich kommen sahen im Dorf, so blieben sie sechs Schritte vor mir stehen und nahmen den Hut ab, und erst wenn ich sechs Schritte vorüber war, setzten sie ihn wieder auf. Ihr könnt wohl denken, dass dies einen jüngeren Mann, der aus dem freien Lande Baden kam, in Verlegenheit versetzte, da hier zu Lande manchem Bürschlein die Mütze angewachsen scheint, wenn der Pfarrer vorübergeht. – Aber mehr als dies Alles war der Hunger dieser Gemeinde nach Gottes Wort. Die Kirche füllte sich bis auf den letzten Platz, manchmal saßen sie noch auf der Kanzeltreppe, dass ich durch sie hindurch hinaufsteigen musste. In den Christenlehren kamen die Jünglinge bis zur Militärpflicht, die Mädchen bis zur Verheiratung. So war auch Nachmittags die ganze Kirche voll. Abends hielt ich Bibelstunde in der Schulstube. In der Woche war kein Gottesdienst, aber alle Tage ging ich ins Dorf, den einen Tag ins Oberdorf, den andern ins Niederdorf, um die Kranken zu besuchen, Abends wurde das Haus nicht leer von den persönlichen Anmeldungen zum Abendmahl, wo ich Gelegenheit hatte, mit Jedem insonderheit zu reden.

In dieser Zeit vollster Arbeit war es, dass ich noch zu meiner eigenen großen Gemeinde 3/4 Jahr die Nachbarparochie versehen musste, welche fünf Predigtorte umfasste in einem Umkreis von zwanzig Meilen. Eine solche Amtsreise dauerte acht Tage, in welchen ich neunzehn Predigten halten, den ganzen Tag mit den Leuten sein, alle Gemeindeangelegenheiten ordnen, Beichte und Abendmahl halten musste, und da ich nur alle acht Wochen kam, den Leuten so viel geistlicher Gaben geben wollte, als ich nur immer vermochte. Das Reisen selbst musste Nachts im Eilwagen geschehen. Auf einer dieser Reisen spürte ich zum ersten Mal in meinem Leben, was Nerven seien. Es war im Spreewalde, jener Gegend, wo die Bauernhöfe alle zerstreut auf kleinen Inseln liegen, weil die Spree in lauter kleinen Kanälen die Straßen bildet, so dass aller Verkehr auf Kähnen stattfindet. An einem solchen Tage hatte ich denn in solcher Weise des Amts gewaltet auf einem solchen Hofe, nachdem ich bereits fünfzehn Predigten hinter mir hatte. Nachts zehn Uhr ging ich müde zur Ruhe. Morgens um zwei Uhr weckten mich die Leute, wir sollten per Kahn nach Lübben fahren. Ich schlief so fest, dass sie mich mit der Hand aufwecken mussten. Ach, sagte ich, ich bin zu müde, ich kann nicht reisen. Herr Pastor, die Leute erwarten Sie, war die Antwort, morgen früh um acht Uhr, und sechs Stunden brauchen wir. Nun denn, sagte ich, so macht mir ein Bett auf dem Kahn, denn schlafen muss ich. Gesagt, getan. Da als ich nun auf dem hingeschütteten Stroh lag, warm gedeckt und den Kopf auf einem Kissen und der Kahn so dahin fuhr unter dem offenen Himmel durch die dunkle Nacht unter den überhängenden Bäumen in dem meilenweiten, schweigenden Wald, da sing ich an zu weinen wie ein Kind. Ich hatte gar keine Ursache, aber ich weinte und weinte eine Stunde lang mein Kissen nass. Da sprach ich zu mir selbst: Was weinst du denn eigentlich? betete ein Vater-Unser und legte mich auf die andre Seite und schlief fröhlich bis an den Morgen. Als ich aus dem Schiff stieg, zog ich meinen Talar an und sprach wieder bis an den Abend, fuhr die Nacht auf dem Eilwagen bis an die Bahnstation und des Morgens zurück nach Reinswalde.

Es war eine wunderbare Zeit damals in Reinswalde. Es wachten Viele auf und fragten nach dem, was zum Frieden dient, der Nordwind der Buße und der Südwind des Evangeliums wehten durch unseren Garten, dass seine Würzen troffen, und die Stimme der Turteltaube ließ sich hören in der Gemeinde, ein Regen und Bewegen der Gemüter, das mich mächtig hob. Ich muss damals stark geeifert haben, denn die Leute sagten mir, ich sei oft weiß geworden wie die Alba, die ich trug, im Eifer, und es hätte sie manchmal gedäucht, ich käme die Kanzel oben herunter. Es war ein Angelaufenwerden täglich von Seelen, die den Herrn suchten und Hirtenarbeit von früh bis in die Nacht. So hatte sich denn in den vier Jahren ein Band unbeschreiblicher Liebe zwischen mir und der Gemeinde geschlungen. Ich gedachte, mein Leben bei ihnen zu beschließen. Wenn ich eine Leiche zu begleiten hatte, so führte mich mein Weg an der Stätte vorbei, wo die Gräber der alten Reinswälder Pfarrherren, eines neben dem andern um die Kirche her lagen. Da blickte ich oft an den leeren Platz neben dem letzten Grab und dachte: da kommst du einmal hin. Als der Herr es aber anders gefügt, da gab’s viel Weinens. Welch ein Schmerz unser aller Herz ergriff, mögt ihr daraus entnehmen, dass eine Mutter in ihrer rührenden Liebe zu dem Wort des Lebens, das sie empfangen, sagen konnte: lieber möchte sie eins ihrer Kinder sterben sehen, als dass sie mich müsste ziehen sehen, und dass viele Reinswälder sagten, es sei doch nicht recht von den Ispringern, dass sie ihnen den Pfarrer wegnähmen, das sei doch eigentlich Kirchenraub, denn ihr Pfarrer sei doch das beste und kostbarste Gerät in ihrer Kirche. Zum Scheiden aber kam es im Frühjahr 1858.

Ispringen. Rückkehr in die Heimat.

„Es wird ein Anderer dich gürten und dich dahin führen, wo du nicht hin willst“, dies Wort an Petrus hat an den Marksteinen manches Christenlebens, und so auch an den verschiedenen Abschnitten meines Lebens gestanden. Ich wollte als Kind nicht Pfarrer werden, ich wollte als Jüngling nicht lutherisch werden, ich wollte als Kandidat nicht in die lutherische Freikirche in Preußen eintreten, ich wollte als Badenser nicht nach Reinswalde, ich wollte auch nicht nach Ispringen, sondern meine Lenden schmerzten mich, als der Herr mich gürtete. Die Gemeinde Ispringen hatte eine gar andere Gestalt und Geschichte als Reinswalde. Letzteres glich einem aufblühenden Garten im Frühling, duftend von dem Blütenhauch erster Liebe, in Ispringen umgekehrt war die Zeit der großen Erweckung vorüber, es glich einem Fruchtfeld im Sommer, das vom Hagelschlag des Streits und Zanks, der Erkältung der Gemüter gegen einander zerschlagen lag. Es mögen nicht Viele mehr unter euch sein, welche davon ein Bewusstsein haben, mit welchen Gefühlen ich hierher zog. Meine teuren Eltern, die doch wahrlich mich gern im Lande gehabt hätten, schrieben mir, ich solle den Ruf nach Ispringen nicht annehmen; denn nach all‘ dem Schlimmen, was sie über die Gemeinde gehört, werde es mein Unglück sein. Ein Mann aus der hiesigen Gemeinde schrieb mir damals: „Herr Pfarrer, retten Sie uns, unsere Gemeinde steht an einem Abgrund, wenn Sie nicht kommen, ist sie verloren.“ Nun hatte aber Seine Königliche Hoheit der Großherzog für mich wohl die Erlaubnis der Pastoration gegeben, aber für keinen andern. So ging ich denn nach Ispringen etwa in dem Gefühl jenes alten Römers Curtius, von dem erzählt wird, dass er auf Geheiß der Gottheit in einen Abgrund sprang, aus welchem verderbliche Dünste aufstiegen. Der Abgrund schloss sich über ihm, aber die Stadt war gerettet.

Am letzten Morgen in Reinswalde, als der Wagen schon vor der Türe stand, ging ich nochmals in die Kirche und trat an den Altar, die zwölf Vorsteher umstanden mich und dahinter eine große Schar aus der Gemeinde, die zum Abschied herbeigeeilt war. Ich las den Abschnitt vom Scheidegruß Pauli am Strande von Milet: „Was macht ihr, dass ihr weint und brecht mir mein Herz, denn ich bin bereit, nicht allein mich binden zu lassen, sondern auch zu sterben zu Jerusalem um des Namens des Herrn Jesu willen. Und die Jünger sprachen: „Des Herrn Wille geschehe“. Dann betete ich und segnete sie unter vielen Tränen. Ich sprang in den Wagen und fuhr auf die nächste Station. Aber auch da noch hatte sich eine endlose Reihe eingefunden von Reinswäldern, die mir bis zum letzten Blick aus dem Wagenfenster des Zuges nachwinkten.

Am 1. Juni Nachts kam ich in Pforzheim auf dem Marktplatz an, wo mich einige Gemeindeglieder empfingen und in mein kleines Zimmer dort an der Auerbrücke führten. Da strahlte mir ein Transparent entgegen mit dem Spruch Jes. 41, 10-13: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott; ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit. Siehe, sie sollen zu Spott und Schanden werden alle, die dir gram sind, und die Leute, so mit dir hadern, sollen umkommen, dass du nach ihnen fragen möchtest und wirst sie nicht finden. Die Leute, so mit dir zanken, sollen werden als nichts, und die Leute, so wider dich streiten, sollen ein Ende haben: denn Ich bin dein Herr, dein Gott, der deine Hand stärkt und zu dir spricht: Fürchte dich nicht; ich helfe dir.“ Die ersten vier Wochen waren Tage voll tiefstem Wehs und Nächte voll Tränen. Schwermut überfiel mein Herz mit jedem der vielen Briefe, die ich aus Reinswalde empfing. Ich bat meinen Nachfolger in Reinswalde mit mir zu tauschen, ich wollte wieder heim zu meiner Herde, ich bat meinen Superintendenten Ehlers, mir dazu behilflich zu sein. Dieser teure Freund antwortete mir mit einem väterlichen Briefe: „Gedenken Sie, dass Verzagtheit ein Laster ist“. Das half ich fasste mich in meinem Gott und rief: „Herr, auf dein Wort will ich mein Netz auswerfen.“ Und siehe, da begann sich’s zu regen in den Wassern und der Herr gab einen wunderbaren Fischzug. Nach vier Wochen war der innere Frieden in der Gemeinde hergestellt und wir konnten das Fest der Versöhnung mit der Nachbarparochie feiern in Söllingen an jenem vierten Sonntag nach Trinitatis, wo Pfarrer Eichhorn meine Vorsteher um Verzeihung bat und sie ihn, wo zum ersten Mal nach einem ganzen Jahre das heilige Abendmahl wieder ausgeteilt wurde, und ich zum ersten Male meine Ispringer ihre frohen Lieder singen hörte.

Auf den inneren Frieden folgte die Bewegung rings umher. Die Gemeinde mehrte sich bald auf die doppelte Zahl. Ich will von meiner Arbeit nicht sagen, von der ganzen Organisation der Gemeinde, da ja Vieles eingerichtet werden musste, was in landeskirchlichen Gemeinden seit Jahrhunderten vorhanden ist: nur weil’s heute grade Kirchweihfest ist, und für das junge Geschlecht, welches damals nicht mit war, so will ich sagen von den Gottesdiensten. Sonntag Morgens musste ich oft bis zwei Stunden zu Fuß gehen, da wir in den Orten: Eisingen, Göbrichen, Dürrn, Büchenbronn, Elumendingen und Dietlingen die Gottesdienste in den Bauernstuben halten mussten. Da predigte ich unter den dichtgedrängten Scharen, die in Zimmer, Kammer, Küche, Treppe hinauf und Treppe hinab, im Hof, ja bis zur Scheuer gegenüber standen und saßen, und meine arme Stimme sollte sie doch Alle erreichen. Wie oft stand ich in vollem Schweiß im Durchzug aller Fenster und Türen, und hielt Beichte, Predigt, Abendmahl, hielt Christenlehre, Vorstehersitzung und sprach mit den Einzelnen und ging dann zu Fuß die zwei Stunden wieder zurück. Ich bin manchmal bei der Heimkehr todmüde aufs Sofa gefallen und schlief ein, ehe ich nur ans Essen dachte. Meine Lieben, ich glaube, ich feiere doch am fröhlichsten Kirchweihfest, denn ich weiß und fühle am besten, was ich an dem steinernen Haus, dieser lieben Siloahkirche, habe. Dies war auch der Grund, weshalb wir denn alsbald zum Kirchbau schritten. Die Gemeinde brach und führte die Steine, ein lieber Freund von mir, Architekt Ecklin, fertigte uns nach meinen Angaben den Plan und im Frühjahr 1860 konnte der Grundstein gelegt werden. Gerne gedenke ich eines drolligen Zwischenfalls während des Baues. Als die Mauern bis zur halben Höhe gediehen waren, kam eine Deputation aus der Gemeinde zu mir und trug vor: „Herr Pfarrer, der Baumeister hat die Fenster vergessen, es muss wieder abgerissen und müssen Fenster eingesetzt werden, sonst gibt’s ja eine Festung, aber keine Kirche.“ Ich verglich den Plan, es war richtig gebaut, ich rechnete ihnen die Quadratfuß Licht aus, welche die Fenster haben würden, weit mehr als die Söllinger Kirche, half Alles nichts. Darauf sagte ich: Lieben Freunde wenn ihr in eurer Scheune das große Scheunentor aufmacht, so wird sie noch nicht so helle, als wenn ihr oben etliche Ziegel öffnet. Das war schon einleuchtender. Endlich sagte ich: Als unser Herr Gott den Menschen baute, und der sollte doch auch eine Kirche, ein Tempel des Heiligen Geistes werden, da hat er die Fenster nicht ans Knie gesetzt, sondern ins Haupt, nämlich die Augen, und der Herr spricht: „das Auge ist des Leibes Licht, wenn nun das Auge licht ist, so wird der ganze Leib licht sein.“ Da waren sie zufrieden, und siehe, jetzt haben wir die hellste Kirche im ganzen Oberamt. Bis hierher war Alles gar herrlich gegangen, und fast zur selben Zeit, als der Herr der Gemeinde ihr Haus bescherte, hatte er mir ins Haus eine Gehilfin von Gottes Gnaden beschert. So war unsere Siloahhütte so recht in den Schatten der Kirche gebaut. Man konnte damals von der Gemeinde sagen, was Apostelgesch. 9, 31 steht: „So hatte nun die Gemeinde Frieden und baute sich und wandelte in der Furcht des Herrn und ward erfüllt mit Trost des Heiligen Geistes.“

Aber es sollte nicht immer so bleiben. Es kam ein gewaltiger Sturm, in welchem es sich um Sein oder Nichtsein der Gemeinde handelte. Was mein Herz in jener Zeit gelitten hat, als ich dich, geliebte Gemeinde, bedroht sah, weiß allein der Herr. Aber ich breche ab heute ist Dankfest, und so soll die Freude allein unser Herz erfüllen, dass Gott uns durch den Sturm hindurchgeholfen.

In meinem Namen war ich nicht nach Ispringen gekommen und Menschentage hatte ich nicht begehrt, so wollt‘ ich in meinem Namen auch nicht gehen, sondern musste in Gottes Namen stehen bleiben im Sturm. Dass ich aber stehen geblieben und nicht von euch gegangen bin, das hat durch Gottes Gnade so wie die Sachen damals lagen und soweit Menschen sehen konnten, die Frucht gehabt, dass die lutherische Kirche im Lande Baden erhalten worden. Der Sturm und das ausbrechende Ärgernis hätten sie sonst verschlungen. Aber der Herr stand auf im Schiffe und sprach zum Sturme: Schweig‘ und verstumme – da ward es ganz stille.

Nach zwei Jahren der Ruhe und des Bauens folgte ein neuer Kampf, der damit endete, dass unsere ganze Gemeinde einstimmig sich vom Verband mit dem Ober-Kirchenkollegium in Breslau loslöste und sich als badische lutherische Gemeinde konstituierte und sich eine eigne Kirchenordnung schuf. In jenem Sturme hatte ich die rechte Kirchenordnung verteidigt, in diesem Kampf musste ich die Freiheit eines Christenmenschen verteidigen gegen ein romanisierendes Kirchenregiment. Diese, wenn auch schwere, schmerzensreiche Erfahrungen trieben mich in die heilige Mitte rechten Bekenntnisses und rechter Kirchenordnung, wie sie mir dann reiften zu den beiden Schriften: über die Zukunft der Kirche; und der Kampf der deutschen Freikirche in der Gegenwart und seine Bedeutung für die Zukunft. Darf ich Kleines mit Großem vergleichen, so würde ich sagen: wie Luther gekämpft hat gegen den Papst zur Rechten und sofort kämpfen musste gegen die aufrührerischen Bauern zur Linken, so musste ich, der ich gegen Haag mit aller Macht gekämpft hatte für die Kirchenordnung, sofort kämpfen gegen Breslaus Überspannung der Kirchenordnung. – Dieser letztere Kampf war zwar dadurch unendlich leichter, weil hier die ganze Gemeinde einmütig und verständnisvoll zu ihrem Hirten stand, aber für mein Gemüt dadurch schmerzlich, dass mein Amtsbruder Eichhorn, welcher die Nachbarparochie verwaltete, es vorzog, bei dem Breslauischen Kirchenregiment zu bleiben, darüber seine Gemeinde verließ und einen Ruf ins Ausland annahm.

Meine Lieben, jener Sturm war vorüber und dieser Kampf war zu Ende in jenen Nächten hatte ich mit meinem Gott gerungen: ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Aber als die Sonne mir aufging zu Pniel, hinkte ich an meiner Hüfte. Ich hatte ein andres, ein nüchternes Urteil gewonnen über die Kirche der Gegenwart, doch flüchtete ich nicht zurück in das Ideal der Vergangenheit, in die apostolische Zeit, noch flüchtete ich hinaus in das Ideal der Zukunft, in ein sogenanntes 1000jähriges Reich, sondern es ist mir nur Eins geblieben, und das ist Jesus Christus und seine Braut, die Gemeinde der Gläubigen. Ihn predigt und sie sammelt das lautere Wort und Sakrament. Aber dieses Ideal ist Realität, ist himmlische Wesenheit und ewige Wirklichkeit. Aller Dienst des Amts und alle Arbeit in der Gemeinde, alles Bekenntnis der Kirche und alle Kirchenordnungen, Kelle und Schwert hat nur die Aufgabe, wie beim Tempelbau Salomos die geistlichen Steine in heiliger Stille zuzurüsten auf den großen Tag der Offenbarung. Ich aber preise die Geduld des großen himmlischen Meisters, der seine Knechte erzieht, indem er sie zerbricht, der seine Kinder führt von Erweckung zur Bekehrung, und seine Prediger aus Erweckungspredigern machen will zu Hirten, welche die Gemeinde leiten und weiden auf gesunder Weide, um mit ihnen zu kommen zur ewig grünen Au‘ droben und zu den Wassern des ewigen Lebens.

Und siehe, den Abend lang währt das Weinen, aber des Morgens die Freude. Durch Gottes wunderbare Fügung ist grade nach jenem Sturm und nach jenem Kampf ein neuer Abschnitt meines Lebens eingetreten.

Um was ich meinen Gott oft in der Stille gefleht, dass er mir mehr Arbeit geben wolle, das hat er nach jenem Sturme erfüllt und die Arbeit ist gekommen, von Jahr zu Jahr mehr, also dass ich Gehilfen rufen musste, die mir am Netze ziehen halfen. Aus der einen Gemeinde sind vier Gemeinden geworden, und aus der einen Kanzel viele Kanzeln, und aus dem Wandern über Berg und Tal ist ein Reisen landauf, landab geworden, ja bis hinaus ins Deutsche Reich.

Meine Lieben, ihr habt nun das Leben eures Hirten gehört und die Führungen unsers Gottes darin. Fragt ihr mich nun: was sagst du von deinem Leben, so antworte ich: das ist vom Herrn geschehen und ist ein Wunder vor meinen Augen! Ich schließe mit einer Geschichte aus Reinswalde, wo ich eine liebe, gottselige Bauersfrau fragte: Wie geht’s euch? Und sie hub an zu klagen über des Lebens Not und Mühe. O, sagt‘ ich, Frau, da müssen wir schon den Katechismus mit einander aufbeten, ich werde fragen, und Ihr müsst antworten: Wer bist du? Ich bin ein Sünder. Woher weißt du das? Aus den heiligen zehn Geboten. Die habe ich nicht gehalten. Was hast du mit deinen Sünden verdient? Gottes Zorn und Ungnade, zeitlichen Tod und die ewige Verdammnis. Ist das wahr, was ihr da sagt? Und nun seh‘ ich doch: ihr habt euer täglich Brot, dazu Kleider und Schuh, Haus und Hof, habt einen guten Mann und gesunde Kinder, habt den Herrn Jesum zum Trost und den Heiligen Geist zum Licht, habt die Kirche und die Bibel, habt eure Taufe und das Abendmahl, habt Vergebung der Sünden und die Aussicht ins ewige Leben. Liebe Frau, ich will Euch sagen: Euch geht’s viel zu gut. Damit ließ ich sie stehen und ging von dannen. Als ich nach etlichen Wochen wieder am Hofe vorüberkam und sah die Frau von Ferne stehen, rief ich ihr zu: Frau, wie geht’s? und mit strahlenden Augen und einem verklärten Lächeln antwortete sie zurück: O, Herr Pastor, es geht mir viel zu gut.

Ja, meine Lieben, das soll auch mein Schlussbekenntnis sein: es geht mir viel zu gut. Darum hab‘ ich gesagt, man solle mir auf den Grabstein den Vers vom Kämmerer aus Mohrenland setzen: „und er zog fröhlich seine Straße“, und den Vers Paul Gerhards :

„An mir und meinem Leben
Ist nichts auf dieser Erd‘,
Was Christus mir gegeben,
Das ist der Liebe wert. “

Soli Deo gloria.

Und so stimme du auch im Geist mit ein, geliebte Gemeinde, in diesen Lobgesang, mit dem ich anhob:

D’rum dank‘, ach Gott, d’rum dank‘ ich dir,
Ach danket, danket Gott mit mir.
Gebt unserem Gott die Ehre!