Alexander, Bischof von Jerusalem.

Am 21. Januar 1842 zog ein Alexander als erster evangelischer Bischof in Jerusalem ein, an demselben Tage, wo der König von Preußen, dessen Glaube dieses Bisthum gegründet hat, Friedrich Wilhelm IV., in London ankam, um Zeuge bei der Taufe des Prinzen von Wales zu sein. Dieser erste Bischof evangelischen Bekenntnisses, an den sich die Hoffnung eines neuen christlichen Lebens für Jerusalem und Palästina knüpft, ist im Jahre 1845 gestorben und hat den trefflichen Samuel Gobat zum Nachfolger gehabt, unter den die junge Saat des evangelischen Glaubens im Morgenlande schon zu keimen beginnt. Bei der Ueberschrift: Alexander, Bischof von Jerusalem: möchten unsre Leser wohl zunächst an diesen ersten Verwalter eines neuen Bisthums in der Heiligen Stadt sich erinnern und wir gedenken mit ihnen gern in Liebe und Gebet dieses Saatkorns. Aber der 18. März weist uns auf einen andern Alexander zurück, der in viel früherer Zeit (von 212 – 251 n. Ch. G.) den bischöflichen Stuhl von Jerusalem zierte und endlich mit dem Märtyrertod im Gefängnis seinen Glauben besiegelte.

Die Kirche Jerusalems hat von Anfang an bis auf diesen Bischof Alexander ebenso, wie späterhin, die wunderbarsten Schicksale gehabt. Hier wurde nach der Auferstehung des Herrn durch Ausgießung des heiligen Geistes die erste christliche Gemeinde gegründet, die Mutter der ganzen Christenheit, die unter der gemeinschaftlichen Leitung aller Apostel stand und an Herrlichkeit und Heiligkeit so einzig war, daß sie nur in der letzten Siegeszeit der christlichen Kirche, auf welche die Verheißung der Apostel uns hoffen läßt, ihres Gleichen haben wird. Diese heilige Muttergemeinde zerstreute sich nach der Steinigung des Stephanus und ihre Mitglieder wurden, wie ein guter Same, in nahe und ferne Länder ausgesäet. Die Gemeinde, die unter Verfolgungen in Jerusalem zurückblieb und viele Juden, auch Priester und Pharisäer, als Neubekehrte in sich aufnahm, war der ersten Muttergemeinde nicht mehr gleich, und während bald die meisten Apostel ihrem Berufe gemäß in fremde Länder das Evangelium trugen, wurde Jakobus, der Bruder des Herrn, der erste Leiter der Ortsgemeinde der heiligen Stadt und wird als erster Bischof Jerusalems gezählt. Während des jüdischen Krieges, der mit der Zerstörung Jerusalems endigte (70 n. Ch. G.), wurde er getödtet und sein Nachfolger war Symeon. Die christliche Gemeinde aber wanderte vor der Belagerung der Stadt, eingedenk der Gebote des Herrn, aus und begab sich jenseits des Jordans nach der kleinen Stadt Pella, wo sie blieb, bis der Sturm vorüber war. Die Bischöfe wechselten nach Symeons Tode schnell und in 80 Jahren etwa, von 65 bis 135 n. Ch. G. werden 14 Bischöfe von Jerusalem aufgezählt, sämtlich von Israelitischer Abkunft, und, wie ihre Gemeinde, um dieser Abstammung willen, durch ihr Gewissen und durch Rücksicht auf die Umgebung der Juden noch ganz an die Sitten und Gebräuche des Judenthums gebunden. Nachdem aber der römische Kaiser Hadrian in Folge einer neuen Empörung der Juden Jerusalem in eine heidnische Colonie umgewandelt und allen Juden den Zutritt zu dieser Stadt streng untersagt hatte, entstand daselbst eine ganz neue Gemeinde von Christen, die entweder früher Heiden gewesen oder wenigstens alle Reste früherer jüdischer Sitten aufgegeben hatten.

Der erste Bischof dieser neuen Gemeinde (138 n. Ch. G.) hieß Marcus: der zwölfte unter dessen Nachfolger hieß Narcissus, ein durch Frömmigkeit und Sanftmuth ausgezeichneter Mann (um das Jahr 200 n. Ch. G. erwählt). Dieser wurde durch falsche Anklagen bewogen sein Amt niederzulegen und sich in eine Wüste zurückzuziehen, um als Einsiedler seinem Gott zu dienen. In kurzer Zeit folgten ihm drei Bischöfe, Dius, Germanion und Gordius. Drei Männer aber, die mit falschen Eidschwüren die lügenhaften Anklagen gegen Narcissus beschworen hatten, wurden von Gottes Strafgericht heimgesucht, und Einer von ihnen bekannte und beweinte seine schwere Schuld. Dies bewog die Gemeinde den unschuldig angeklagten Narcissus in seiner Einsamkeit aufzusuchen und in sein Amt wieder einzusetzen, obgleich er schon hochbetagt und für die schwere Aufgabe des bischöflichen Amtes zu schwach war: denn er war schon an 100 Jahre alt. Deshalb beschloß man, um das zweite Jahr des Kaisers Caracalla (um 212 n. Ch. G.), ihm einen andern Bischof als Gehülfen an die Seite zu setzen, und dieser war Alexander, dessen Geschichte wir jetzt, so weit die vorhandenen Nachrichten reichen, kurz erzählen wollen.

Alexanders Geburtsjahr ist ebenso wenig bekannt, als sein Vaterland. Aber mit großer Wahrscheinlichkeit läßt sich vermuthen, daß er zwischen 170 und 180 n. Ch. G. in Kleinasien geboren ist, vielleicht in Cappadocien, wo schon zu des Apostel Petrus Zeiten (1 Petr. 1, 1.) christliche Gemeinden waren. Kleinasien, die Heimath eines Irenäus, war um diese Zeit noch der Mittelpunkt, von welchem durch den Samen, den der Evangelist Johannes dort ausgestreut hatte, ganz besonders frommer christlicher Eifer, mit reiner klarer Erkenntnis verbunden, ausging, und Alexander sog früh den Geist der alten Blutzeugen ein. Aber damals erhob sich in Alexandrien eine Schule christlicher Lehre, die der treffliche Pantänus mit dem Geiste lauterer Frömmigkeit und zugleich mit dem Triebe nach christlicher Wissenschaft erfüllte. Und einzelne Bruchstücke aus einem Briefe Alexanders, die Eusebius in seiner Kirchengeschichte aufbewahrt hat, machen es wahrscheinlich, daß Alexander eine Zeitlang mit dem berühmten Origenes Zuhörer und Schüler des Nachfolgers von Pantänus, des berühmten Clemens von Alexandrien, gewesen ist. In dieser Schule mag er die christliche Freundschaft mit vielen gleichgesinnten Zeugen der Wahrheit, auch mit den nachmaligen Bischöfen von Cäsarea in Palästina und von Antiochien, der Hauptstadt Syriens, mit Theoktistus und Asklepiades geschlossen haben, auch mit Origenes selbst, an den er schreibt: Dies ist, wie du weißt, Gottes Wille, daß die Freundschaft, die unsre Altvordern gegründet haben, fest und unverbrüchlich unter uns bleibe, ja von Tage zu Tage inniger und unzertrennlicher werde. Denn wir haben ja jene seligen Väter gekannt, die vor uns in den Wegen der Tugend gewandelt sind, zu denen auch wir bald hingehen werden: den wahrhaft seligen Pantanus, meinen Meister, und den heiligen Clemens, der auch mein Meister war und dem ich viel Gutes verdanke, und so manchen Andern dieser Art. Und durch diese bin ich mit dir vertraut geworden, der du mir der wertheste Meister und Bruder bist.“

In einer Christenverfolgung unter dem Kaiser Severus (um das Jahr 204) wurde Alexander ins Gefängnis geworfen und schrieb mit Beziehung darauf an die Antiochenische Gemeinde, die eben damals den Asklepiades zu ihrem Bischof erwählt hatte: „Zur Zeit meiner Gefangenschaft machte mir Gott meine Ketten leicht, als ich erfuhr, daß Asklepiades, der durch seinen Glauben dazu so vollkommen geeignet ist, durch Gottes Vorsehung das Bischofamt in eurer Kirche überkommen habe.“

Alexander ward bald nach jener Verfolgung Bischof in Cappadocien. Er übernahm aber in Folge eines Gelübdes und um die heiligen Orte zu sehen, eine Wallfahrt nach Jerusalem, nicht ohne zu ahnen, daß der Herr etwas Besonderes mit ihm vorhabe. Als er nach der heiligen Stadt kam, erweckten göttliche Stimmen die dortigen Frommen, ihn als den von Gott ihnen bestimmten Bischof, als Gehülfen des greisen Narcissus, aufzunehmen: die benachbarten Bischöfe Palästina’s willigten ein und man hielt ihn in Jerusalem fest (um das Jahr 212).

Hier verwaltete er gegen vierzig Jahre lang treulich sein Amt, während Narcissus, der ein Alter von mehr als 116 Jahren erreichte, ihm noch lange zur Seite stand und, wenn auch zu andern Diensten unfähig, doch im Gebet für seine Herde mit ihm vereint war. Alexander aber suchte für die christliche Erkenntnis seiner jüngern Amtsgenossen zu sorgen, sammelte nicht nur Bücher, sondern gründete auch ein Bibliothek – Gebäude, in dem ein reicher Bücherschatz nach und nach aufgehäuft wurde. Als Origenes durch den feindseligen Geist seines Bischof Demetrius genöthigt war, Alexandrien zu verlassen, nahm ihn (im J. 228) Alexander im Verein mit dem Bischof Theoktistus von Cäsarea mit offenen Armen auf und ließ ihn in seiner Gemeinde das Wort Gottes verkündigen, ohne den böswilligen Einspruch des Demetrius zu fürchten.

Er war schon ein Greis, als Decius (249 n. Ch. G.) den Kaiserthron bestieg, der erste Kaiser, der es inne wurde, daß der christliche Glaube eine Macht sei, die dem heidnischen Rom den Untergang drohte. Er faßte den verzweifelten Gedanken, das Christenthum, das die Herzen je mehr und mehr durch heilige Siege eroberte, durch eine blutige allgemeine Verfolgung auszurotten. Hatten frühere Kaiser die Christen als eine schwache Secte behandelt und nach den heidnischen Staatsgesetzen dann und wann den Gerichten übergeben, Decius verfolgte den christlichen Glauben als den gefährlichsten Feind des Reichs und verbreitete nach langer Ruhe desto größern Schrecken, indem er die Christen haufenweise und besonders die Bischöfe und Presbytern ins Gefängnis werfen, martern und tödten ließ. So fielen die Bischöfe zu Rom und Antiochien, und auch Alexander ward in den Kerker geworfen. Er wurde mehrmals verhört und mußte unter den rohen Händen der Kriegsknechte im Gefängnis schmachten. Der ehrwürdige Greis blieb standhaft, wie er in jüngern Jahren sich unter ähnlichen Leiden erwiesen hatte. Aber hochbejahrt, wie er war, unterlag er den täglichen Peinigungen und starb im Gefängnis als treuer Zeuge Christi (vermuthlich im Jahre 251). Die abendländische Kirche feiert sein Gedächtnis am 18. März, als an dem Tage, wo er das irdische Jerusalem mit dem himmlischen vertauscht hat.

H. E. Schmieder in Wittenberg.

Anselm von Canterbury

Ein etwas lockerer Ritter aus der Lombardei, Namens Gundulf, hatte etwa um das Jahr 1030 zu Aosta in Piemont sich niedergelassen und ein tugendsames Fräulein der Stadt, Ermonberga, geheirathet. Aus dieser Ehe entsproß – außer einer Tochter, Richera – ein Sohn, Anselm, welcher einst ein bedeutendes Licht in Kirche und Wissenschaft werden sollte. Den Knaben schon zog es in charakteristischer Weise nach Oben. In seinen Träumen erstieg er z. B. am liebsten die Gipfel der Alpen, um die Wohnung des großen Königs aufzusuchen, von dem ihm die Mutter gesagt hatte, daß er im Himmel throne und die Welt regiere. Kaum fünfzehn Jahr alt, wollte er bereits Mönch werden und fragte deshalb bei einem ihm bekannten Abte an. Doch dieser wies ihn zurück, wenn er nicht die Einwilligung des Vaters hätte, und da bat nun der Knabe Gott, daß er ihn doch recht krank werden lassen möchte, indem er nach dem damals herrschenden Grundsatze, Sterbenden nicht diese Bitte abzuschlagen; denn das Mönchsthum sah man als eine Pforte zum Himmel an  – dann sicherlich seinen Wunsch zu erreichen hoffte. In der That erkrankte er auch. Doch der Abt wollte ihn auch jetzt noch nicht aufnehmen, und so warf sich nunmehr Anselm auf das Gegentheil: statt der Bücher und Andachtsübungen nahm er ritterliche Künste vor, und nicht lange so that es die Welt ihm an. Nur die Mutter zügelte noch seine Lust an derselben. Allein bald verlor er auch diese, und „ankerlos trieb nun das Schifflein seines Herzens auf den Fluthen der Welt umher.“ Doch da erweckte ihm Gott einen „innern Krieg“: er entzweite ihn mit dem Vater, und unvermögend, es in dessen Nähe auszuhalten, entschloß er sich endlich das väterliche Haus zu verlassen. Drei Jahre wanderte er in Burgund und Francken umher. Endlich kam er nach Avrenches in der Normandie. Hier hörte er von dem großen Rufe, den ein Landsmann, Namens Lanfranc, in dem benachbarten Kloster Bec als Lehrer der Theologie erlangt habe. Dadurch wurde die alte Liebe zum Studieren in ihm wieder rege; er begab sich nach Bec und saß hier eifrig über den Büchern. Diese Anstrengung befreundete ihn allmählig auch wieder mit dem Mönchsthum. Was es mit dessen Beschwerden denn auf sich haben könne, meinte er, wenn er sich jetzt schon so viel versagen müsse? Aber wo Mönch werden? In Bec – da würde er neben Lanfranc nicht aufkommen können; in Clegny aber oder einem andern ansehnlichern Kloster noch weniger sich hervorthun können, weil da schon Alles auf’s Beste bestellt sei. Denn noch war es ihm nur um einen glänzenden Wirkungskreis zu thun; „noch war ich nicht gebändigt,“ pflegte er zu sagen, wenn er später dieser Zeit gedachte, „noch tobte in mir die Welt.“ „Aber wie?“ fragte er sich mit der Zeit, als er ernster die Sache zu überlegen anfing; „heißt das Mönch werden, wenn man nur seinen Ehrgeiz befriedigen will? ist nicht Demuth das erste Erfordernis eines Jüngers Christi? Und wo könnte ich mich besser in dieser Tugend üben, als gerade in Bec, wo ich Lanfranc stets über mir habe?“ So beschloß er denn, hier sich nieder zu lassen. In seinem sieben und zwanzigsten Jahre (1060) trat er in das Kloster ein.

Es war dies eines der merkwürdigsten, die es damals gab. Vor zwanzig Jahren erst hatte es ein normannischer Ritter, Namens Berluin, gegründet, den mitten im glänzendsten Hofleben auf ein Mal die Angst um das Heil seiner Seele ergriffen, und der nun dem Drange seines Herzens nicht anders zu genügen gewußt hatte, als indem er mit zwei gleichgesinnten Genossen auf einem seiner Güter (Borneville) ein Kloster zu bauen anfing, ohne noch mit dem Mönchsleben irgendwie näher bekannt zu sein. dem tiefen Verfalle der Klöster in seiner Nachbarschaft hatte er auch keines finden können, das er sich zum Muster hätte nehmen können; er hatte daher das seine, so gut er selbst es verstand, eingerichtet, Nichtsdestoweniger traf diese Einrichtung fast ganz mit der zusammen, welche einst der heil. Benedict in seinen Klöstern eingeführt hatte, und die neuerdings in der Congregation von Clugny wieder aufkam. Nach drei Jahren (1040) hatte Herluin sein Kloster in Folge eines Brandes an eine andere Stelle verlegt, an den Bach, welcher ihm den Namen gab, in einem Seitenthale der Rile; und hier ward ihm 1042 ein Gehülfe zugeführt, welcher durch die Wissenschaft, die er in das Kloster brachte, demselben noch eine andere Bedeutung verlieh. Es war dies eben jener Lanfranc – ursprünglich ein Rechtsgelehrter in Pavia, der sich aber auch mit Dialektik beschäftigt hatte und durch diese für die Philosophie gewonnen worden war, die er nach Verlassung seiner Vaterstadt seit 1040 in Avrenches vortrug. Durch die Philosophie aber ward er wieder zur Theologie gezogen, und die Theologie brachte ihn zur Erkenntnis der Eitelkeit seines bisherigen Treibens, so daß er 1042 Aprenches plötzlich wieder verließ, um einen Ort zu suchen, wo er ganz in der Stille der Betrachtung der göttlichen Dinge leben könnte. Auf dieser Reise war er eines Abends in der Nähe der Rille angelangt, als ihn Räuber überfielen, die ihn bis auf die Haut auszogen und fern von dem Wege an einen Baum festbanden. Eine ganze lange Nacht mußte er in dieser peinlichen Lage zubringen, und um so peinlicher wurde diese für ihn, als er zu seinem Schrecken entdeckte, daß er trotz aller Gelehrsamkeit nicht im Stande war, durch Gebet oder durch ein geistliches Lied sich zu stärken. Als er aber am folgenden Morgen von vorüberziehenden Reisenden, die er mit seinem Geschrei erreichte, befreit ward, erkundigte er sich bei diesen nach dem ärmsten Kloster, das sie in der Nähe wußten, und hier aufgenommen – es war Bec – verbrachte er die drei ersten Jahre in der tiefsten Zurückgezogenheit, aller Wissenschaft sich entschlagend und nur frommen Uebungen hingegeben, um die Kunst zu beten zu lernen. Erst als er die Eitelkeit seines Herzens hinlänglich gebrochen glaubte, wagte er wieder als Lehrer aufzutreten, und richtete nun auf Herluin’s Wunsch, der ihn 1046 zum Prior ernannte, eine Schule in dem Kloster ein, die alsbald ein Hauptsitz der Wissenschaft wurde, nach dem Schüler aus allen Nachbarländern strömten.

In diese Schule und dieses Kloster nun trat, wie gesagt, auch Anselm ein, und so rasch fand er sich in den Sinn und Geist, der hier herrschte, daß, als Lanfranc im Jahr 1063 zum Abte eines neugestifteten Klosters in Caen berufen wurde, Herluin ihn an dessen Stelle zum Prior erhob. Als solcher entwickelte er die fruchtbarste Thätigkeit für die weitere Hebung des Klosters, in religiöser wie in wissenschaftlicher Hinsicht. Besonders widmete er der Jugend sein Augenmerk. Denn wie das Wachs nicht zu hart und nicht zu weich sein müsse, um ein Siegel darauf zu drücken sei es nämlich zu hart, so nehme es den Eindruck gar nicht an; sei es aber zu weich, so verfließe derselbe gleich wieder – so seien Menschen, die bis in ihr höheres Alter nur mit den Dingen dieser Welt sich beschäftigt hätten, schon viel zu hart, um die Geheimnisse des Himmelreichs auch nur zu verstehen; Kinder aber noch viel zu weich, als daß Eindrücke davon haften könnten; das Jünglingsalter aber, das sei die rechte Zeit, um auf das Gemüth zu wirken, weil Selbstständigkeit und Empfänglichkeit da in glücklicher Mischung noch gleich sehr vorhanden seien. Von jener rauhen Disciplin aber, welche damals in den meisten Klöstern geübt wurde, wollte Anselm nichts wissen. Jungen Leuten müsse man, wie jungen Bäumen, ihre Freiheit lassen, wenn sie nicht verwachsen sollten. Daher pflegte er seinen Zöglingen Manches nachzusehn, um nur erst ihr Vertrauen zu gewinnen. War ihm dieses gelungen, dann wurde er ernster und strenger, bis er schließlich auch das bekämpfen konnte, was er anfangs geduldet hatte. Durch die Jugend wirkte er auch auf die ältern Klostergenossen ein, die ihm anfangs nicht sehr wohlwollten, weil sie meinten, daß er zu rasch zum Prior befördert worden sei, die sich aber zuletzt doch auch seiner Leitung anvertrauten, als sie merkten, daß ihm ein seltener Blick in das menschliche Herz verliehen war, der ihn leicht das rechte Wort für Jedermann treffen ließ. Selbst von Außerhalb wandte man sich daher mit der Zeit um geistlichen Rath an ihn. Man berief ihn nicht nur nach fremden Klöstern, um Worte des Lebens zu spenden, sondern er erhielt auch fast täglich Besuche und Briefe von Personen aus allen Ständen, die um Trost, Bescheidung und Aufmunterung baten. Dazu kam ein pastoraler Eifer, welcher eher die Andern ermüden ließ, ihn zu hören, als ihn, sie zu ermahnen und zu belehren. Man konnte von ihm wie vom heiligen Martin sagen: Christus, Gerechtigkeit, ewiges Leben kamen ihm nicht aus dem Munde. Doch war es nicht bloß diese seelsorgerische Thätigkeit, die er außer den Stunden, welche der Unterricht erforderte, mit solchem Eifer trieb, sondern auch die leibliche Noth nahm sein Mitleid in Anspruch. Täglich besuchte er das Krankenhaus, fragte geben, was ihm fehle, und reichte ihm selbst die Arznei. Den Gesunden ein Vater, war er den Kranken eine Mutter, oder vielmehr Kranken und Gesunden Vater und Mutter zugleich.“ Trotz der Menge von Geschäften aber, die er solchergestalt zu besorgen hatte, wußte er doch auch noch für dasjenige Zeit zu gewinnen, was seiner Neigung am Meisten entsprach: für theologische Meditation. Der Tag zwar verging in der Regel mit jenen Geschäften; die Nacht aber war die Zeit, wo er sich dem innersten Zuge seines Geistes überlassen konnte. Denn wie ihm das Fasten nach wenigen Jahren schon so zur Gewohnheit geworden war, daß er selbst nach längerer Abstinenz kaum noch Hunger empfand: so auch das Wachen. Fast nie ging er vor dem Frühgottesdienste zu Bett; häufig fanden ihn die Brüder, die diesen vorzubereiten hatten, wenn sie durch das Kloster gingen, statt in dem Dormitorium, in dem Capitel auf den Knieen liegend. Auch noch nachher blieb er nicht selten auf, und dies war nun die Zeit, wo er entweder stillen Andachtsübungen oblag, oder in der Schrift und den Vätern studierte, oder endlich der Meditation sich ergab und die großen Erkenntnisprobleme erwog, die sich ihm des Tags beim Unterrichte aufgedrängt hatten: woraus dann die Werke erwuchsen, welche ihn zum Begründer einer neuen Periode der Theologie gemacht haben Werke, die in der That das leisteten, was sie bezweckten, nämlich das Verständnis des Glaubens“ förderten, indem sie einen Einblick in dessen Mysterien gewährten, wie er bis dahin in der Kirche nicht vorgekommen war.

Nach Hecluin’s Tode im Jahre 1078 wurde Anselm einstimmig zum Abte des Klosters gewählt. Dadurch fiel ihm nun auch die Leitung der äußern Angelegenheiten desselben zu, und wenn er auch diese zu einem großen Theile bewährten Brüdern übertrug, indem er selbst vielmehr fortfuhr das Innere zu leiten, besonders den Unterricht und die Disciplin, so konnte er doch auch jenen sich nicht ganz entziehn, sondern mußte sich oft in Person mit Dingen befassen, welche seiner Neigung ziemlich fern lagen. Dennoch stand er auch da seinen Mann. Hatte er z. B. sein Kloster auf den Gerichtstagen der Grafschaft zu vertreten, auf welchen es oft sehr tumultuarisch herging, indem die processierenden Parteien einander mit Schreien zu überbieten suchten, so pflegte er anfangs ganz ruhig dazusitzen, ja wohl mitten im Getümmel an die nächste Umgebung eine kleine Predigt zu halten, oder wollte ihn Niemand hören, sich dem Schlummer zu überlassen; nichtsdestoweniger wußte er, wenn nun an ihn die Reihe kam, zu reden, mit ein paar Worten die Sache, um die es sich handelte, in das rechte Licht zu stellen und die Ränke und Listen der Gegner zu Schanden zu machen. Auch von den ökonomischen Sorgen, welche jetzt auf ihm lasteten, ließ er sich nicht sehr anfechten. Denn immer noch war das Kloster so arm, daß man oft nicht wußte, wovon man den folgenden Tag leben sollte. Auf alle Klagen der Küchen- und Kellermeister hatte er dann nur die Antwort: „Hofft auf der Herrn, der wird schon Rath schaffen!“ Und in der That liefen, oft noch an dem selben Tage entweder Almosen von reichen Nachbarn ein, oder Schiffe mit Geschenken aus England erschienen auf der Seine, oder es trat einer in das Kloster, der ihm sein Vermögen zubrachte u. s. w. Dabei herrschte die aufopferndste Gastfreundschaft in Bec. „Spanier und Burgunder“, ruft ein Zeitgenosse aus, aber auch die nächsten Nachbarn können das bezeugen; denn die Thüre der Beccenser steht jedem offen, der bei ihr anspricht.“ Hatte Anselm selbst in Angelegenheiten seines Klosters eine Reise zu machen, so benutzte er diese zugleich zu geistlicher Einwirkung auf die Kloster nicht nur, sondern auch auf die Laienfamilien, bei denen er vorsprach. Und überall hieß man ihn willkommen; denn er trat nicht im Tone des Lehrers, sondern des Freundes, des Hausgenossen auf; es waren nicht trockene Regeln, die er gab, sondern er bediente sich aus dem Leben gegriffener Beispiele, treffender Bilder, schlagender Sprüche, kurz der Gleichnisrede. Dabei drängte er sich Keinem auf, sondern richtete sich, so weit es mit dem Gewissen vereinbar war, nach den Sitten der verschiedenen Stände, ließ lieber etwas von der Strenge des Mönchsthums nach, als daß er durch Schroffheit zurückgestoßen hätte, und suchte mit dem Apostel Allen Alles zu werden, auf daß er alle gewänne. Hiedurch sorgte er auch für die Interessen seines Klosters auf’s Beste. Denn Jeber beeiferte sich, diesem etwas zuzuwenden. Selbst König Wilhelm der Eroberer, „dieser sonst so furchtbare Herr“, gehörte zu dessen Gönnern, und ebenso bezeigten die Päpste der Zeit ihm ihr Wohlwollen; Urban II. ertheilte ihm z. B. die Exemtion von der bischöflichen Gewalt. Da nun Anselm fünfzehn Jahre (1078-1093) als Abt an der Spitze des Klosters stand, wie er fünfzehn Jahre (1063-1078) als Prior demselben vorgestanden hatte, so gedieh dasselbe zu einer seltenen Wohlfahrt heran. Hatte Herluin während seines vierzigjährigen Regiments 136 Mönche in Dasselbe aufgenommen, so nahm Anselm während seines fünfzehnjährigen 180 auf. Diesseit und jenseit des Canals galt es als das Musterkloster; nach mehreren Seiten entsandte es geistliche Colonieen, und Bischofs- und Erzbischofs-Stühle wurden aus demselben besetzt.

Eine solche Besetzung nun war es auch, die Anselmen im Jahre 1093 dem Kloster entführte. Da es nämlich mehrere Besitzungen in England hatte, so hatte Anselm auch dorthin öfters reisen müssen, und hatte auch dort Aller Herzen gewonnen. Seit 1089 nun war dort der erzbischöfliche Stuhl von Canterbury erledigt, und doch that dessen Wiederbesetzung um so bringender noth, als der Nachfolger Wilhelms des Eroberers seit 1087, Wilhelm (II) der Rothe, die englische Kirche arg bedrückte. Nur von einem kräftigen Primas ließ sich da Abhülfe erwarten, und so hatten alle diejenigen, welchen der Nothstand der Kirche zu Herzen ging, ihre Augen schon längst auf Anselm gerichtet. Bisher aber hatte Wilhelm der Rothe von einer Wiederbelebung der Stelle nichts wissen wollen, da er selbst die Einkünfte derselben während der Vacanz bezog. Nur dies gab er, wie zum Hohne, am Ende des Jahres 1092 zu, daß man Gott um die Wiederbesetzung anriefe, d. h. öffentliche Gebete zu diesem Behufe anstellte; denn so, meinte er, würde er die Sache noch immer in seiner Hand behalten. Allein im Februar 1093 erkrankte er gefährlich, und in der Todesangst entriß man ihm endlich das Versprechen, der Haupt- und Mutterkirche des Reichs wieder einen Hirten zu geben. Zufällig befand sich nun gerade damals Anselm in der Nähe des königlichen Krankenlagers. Sofort berief man ihn an dasselbe und bestimmte den König auch dazu, Anselmen den Hirtenstab zu überreichen. Vergebens sträubte sich dieser; man drückte ihm den Stab recht eigentlich in die Hand und kehrte sich an keine seiner Vorstellungen. Es half nichts. Anselm mußte dem allgemeinen Rufe folgen, wie klar er auch erkannte, daß die härtesten Kämpfe seiner warteten, da er die Wiederherstellung der Freiheit der Kirche als die erste Aufgabe betrachten mußte, die ihm mit dem neuen Amte zufiel.

Wirklich hoben denn auch diese Kämpfe bald nach seiner Stuhlbesteigung (am 25. September 1093) an. Kaum genesen, fiel nämlich der König in seine frühere Sinnesweise zurück und behandelte die Kirche auf das Allerschnödeste, indem er sie nur als ein Mittel betrachtete, seine (immer leere) Schatzkammer zu bereichern. „Das Brot Christi ist ein fettes Brot“, pflegte er zu sagen, und: „Die Krone hat die Hälfte ihrer Einkünfte an die Kirche verloren; warum soll ich sie nicht wieder einzubringen suchen?“ Schon das verfeindete ihn daher mit dem neuen Erzbischofe, daß dieser ihm als Huldigungsgeschenk eine, wie der König meinte, viel zu geringe Summe bot – fünfhundert Pfund Silber – und durch keine Drohung zu bewegen war, sie zu erhöhen. Auf dieselbe Weise, wie das Erzbisthum von Canterbury, hatte ferner der König alle übrigen Bisthümer und Abteien, wenn sie erledigt wurden, unbesetzt gelassen, um ihre Einkünfte zu genießen. Anselm forderte, daß sie neue Vorsteher erhielten, und drang überdies auf die Einberufung einer Generalsynode, um Maßregeln gegen die grenzenlose Verwilderung der Sitten, welche in der letzten Zeit eingerissen war, zu treffen. Beides schlug ihm der König rund ab, und als sich Anselm nunmehr an den Papst wenden wollte, um durch dessen Auctorität an’s Ziel zu gelangen, suchte ihm der König auch diese Zuflucht abzuschneiden, indem er das Schisma, welches durch die Aufstellung eines Gegenpapstes durch Kaiser Heinrich IV. im Jahr 1080 entstanden war, benutzte, um sich die Entscheidung beizulegen, wer in England als der rechtmäßige Papst zu gelten habe. Der König selbst aber hatte sich bisher für keinen der beiden Päpste erklärt, um ungehindert mit der Kirche schalten und walten zu können, während Anselmes von Anfang an mit Urban II. hielt. Nun verstand sich zwar zuletzt (1095) auch der König zu der Anerkennung dieses Papstes, und alle Intriguen, das Ansehn desselben gegen Anselm zu benutzen, scheiterten. Allein die reformatorischen Maßregeln, welche Anselm bezweckte, kamen doch nicht zu Stande. Denn zuerst diente die Besetzung der Normandie, welche nach dem Tode Wilhelms des Eroberers an dessen ältesten Sohn, Robert III., gefallen war, der sie aber jetzt, um an dem ersten Kreuzzuge Theil nehmen zu können, auf drei Jahre an den jüngeren Bruder, den König von England, abtrat – zuerst diente die Besetzung der Normandie dem Könige als Vorwand, um die Anträge Anselms zurückzuweisen; und dann, als er endlich nach England zurückgekehrt war (1097), hatte er einen Aufstand der Waliser zu dämpfen. Nach dessen Beendigung hoffte freilich jedermann, daß der König dem Erzbischofe Gehör geben würde. Statt dessen bedrohte er ihn mit einem Processe wegen der angeblichen schlechten Beschaffenheit der von dem Erzstifte zu dem Kriege gestellten Truppen. Kurz: der König wollte den Erzbischof schlechterdings nicht zu Worte kommen lassen, und so beschloß denn Anselm, da der Papst jetzt wieder in England anerkannt war, persönlich diesen anzugehn, um ihn zu einem Einschreiten in der Sache zu veranlassen. Der König erklärte zwar, daß er dann Anselm als abgesetzt betrachten und das Erzstift wieder einziehn würde. Doch Anselm wollte lieber das zeitliche Gut, als die Würde und Freiheit der Kirche opfern, und trat daher wirklich im November 1097 die Reise an. In Lyon erkrankt, traf er erst im Mai 1098 in Rom ein. Hier empfing ihn der Papst sehr ehrenvoll und erließ sogleich ein Schreiben an den König, um volle Freiheit für Anselm zu verlangen. Allein eine Antwort desselben stand sobald nicht zu hoffen; daher bat er Anselmen, einstweilen in seiner Nähe zu bleiben und den Erfolg jenes Schreibens abzuwarten, und da es in Rom zu heiß war, so folgte Anselm der Einladung eines ehemaligen Beccensers, des Abts Johannes zu St. Salvator in Telesi, welcher ihm ein Gut dieses Klosters, Namens Sclavia, zum Aufenthalte anbot, das hoch und luftig gelegen war und die freieste Aussicht auf das glückliche Campanien gewährte. In dieser reizenden Einsamkeit verbrachte er den Sommer 1098 und vollendete eines seiner bedeutendsten Werke, das der Beantwortung der schwersten Frage, die der Glaube dem Denken stellen kann, der Frage: „Warum Gott Mensch?“ gewidmet war. Nur einmal stieg er in die Ebene hinab: als ihn nämlich die normannischen Fürsten in Unteritalien, welche damals grade das aufrührerische Capua belagerten, gern kennen lernen wollten. Mitten in ihrem Lager stattete er ihnen da einen Besuch ab und machte selbst auf die Sarazenen des Herzogs Roger von Sicilien tiefen Eindruck.

Im October begleitete er den Papst zu einem Concil in Bari, wo hauptsächlich durch seinen Einfluß die lateinische Lehre vom Ausgange des h. Geistes, der griechischen gegenüber, den Sieg erfocht. Von da kehrte er mit dem Papste nach Rom zurück, und hier traf nun endlich die Antwort des Königs auf das Schreiben des Papstes ein. Sie lautete ablehnend, und so kündigte nunmehr der Papst dem Könige die Excommunikation an, wenn er den Erzbischof von Canterbury nicht bis Michaelis 1099 vollständig in sein Amt wieder eingesetzt haben würde. Allein noch vor Ablauf dieser Frist, am 29. Juli 1099, starb Urban II., und der folgende Papst, Parchal II., wollte nicht sogleich beim Beginne seines Pontificats den Streit mit der englischen Krone erneuern. Auch hatte Anselm bereits zu Ende April 1099 Rom verlassen und bei einem alten Freunde, dem Erzbischof Hugo von Lyon, ein Unterkommen gefunden.

Im folgenden Jahre (1100) starb nun aber auch der König (auf einer Jagd in dem „Neuen Forste“ bei Winchester). Heinrich (I.), sein jüngerer Bruder, der ihm folgte, rief sogleich den verbannten Erzbischof zurück und versprach die Abstellung aller bisherigen Mißbräuche. Nichtsdestoweniger gerieth doch auch er mit Anselm in Streit, weil dieser in Folge des Beschlusses einer römischen Synode, der er selbst noch im April 1099 beigewohnt hatte, und die jede Annahme eines geistlichen Amts aus Laienhand, so wie jede Vertreibung eines Geistlichen durch Laien verboten hatte, sich weigerte, von dem Könige sich mit seinem Amte bekleiden („investieren“) zu lassen und demselben den üblichen Lehnseid zu leisten, So treu er es auch mit dem Könige hielt, als der Herzog Robert (III.) im September 1100 aus dem Morgenlande zurück kehrte und die Thronfolge in England in Anspruch nahm. Denn während da die Barone nur zu geneigt waren, zu Robert (III.) abzufallen, stand Anselm mit aller Kraft für Heinrich I. ein. Allein Lehnsmann des Königs wollte er allerdings nicht werden, weil ihm dies mit der Freiheit des kirchlichen Regiments zu streiten schien, während andererseits der König die Sicherheit des weltlichen Regiments für gefährdet hielt, wenn der Klerus nicht in jener Abhängigkeit von ihm stände. Schon zu Ende des Jahres 1100 sandte daher Heinrich einen seiner Vertrauten nach Rom, um wo möglich eine Aenderung jenes Synodalbeschlusses zu bewirken, und als dieser unverrichteter Sache zu Ostern 1101 zurückehrte, beschloß man, von Seiten des Reichs eine zweite Gesandtschaft an den Papst, die denselben so dringend als möglich dazu auffordern sollte. Bei deren Rückkehr (im Mai 1102) ergab sich nun aber der ärgerliche Umstand, daß die päpstlichen Schreiben, die sie mitbrachte, anders lauteten, als der Bescheid, den sie mündlich von dem Papste empfangen haben wollte. Während nämlich jene dem Könige das Recht der Belehnung mit kirchlichen Aemtern durchaus absprachen, sollte Pascal II. mündlich geäußert haben, daß der König sich immerhin dieses Rechts bedienen möge, sobald er die Aemter nur würdigen Personen verleibe. Bei diesem Zwiespalt blieb nichts übrig, als eine dritte Gesandtschaft nach Rom, und diese brachte nun zwar im März 1103 die Bestätigung des früheren schriftlichen Bescheids; allein der König wollte doch nicht von seinem Rechte lassen und stellte daher an Anselm selbst das Ansinnen, nach Rom zu reisen, um eine günstigere Entscheidung herbeizuführen. Auch die Stände drangen in ihn, und da man ihm ausdrücklich gestattete, dem Papste einfach den Thatbestand vorzulegen, jeder Einwirkung auf das päpstliche Urtheil aber sich zu enthalten, so entschloß sich Anselm zu der Reise, obwohl er recht gut erkannte, daß man damit nur seine Entfernung bezwecke. Dies stellte sich denn auch bald genug als die eigentliche Absicht heraus. Denn als der Papst dabei beharrte, dem Könige das Investiturrecht zu verweigern, so erklärte der königliche Gesandte, welcher mit Anselm nach Rom gekommen war, daß sein Herr diesem dann auch nicht gestatten könne, nach England zurückzukehren. Anselm mußte also abermals ein Unterkommen im Auslande suchen und fand es auch dies Mal bei seinem Freunde, dem Erzbischof von Spon. Vergebens suchte er von hier aus brieflich, den König umzustimmen; nach dem dritten Briefe brach dieser die Correspondenz ab. Vergebens wartete er aber auch auf ein Einschreiten des Papstes. Zwar die Bischöfe, die sich von dem Könige investieren ließen, auch die Räthe des Königs excommunicierte Paschal auf einem Lateranconcil zu Anfang des Jahres 1105. Aber gegen den König selbst verschob er den Spruch von Frist zu Frist, weil dieser durch immer neue Gesandtschaften ihn hinhielt.

Nach dem so anderthalb Jahre verflossen waren, beschloß endlich Anselm selbst zu diesem letzten Mittel zu greifen, um der Sache ein Ende zu machen. Er begab sich im Mai 1105 in die Nähe der Normandie, wo der König sich damals (im Kriege mit seinem Bruder Robert) aufhielt, um demselben die Excommunication anzukündigen. Vorher aber theilte er seinen Entschluß einer Schwester des Königs, der Gräfin Adele von Blois, einer alten Gönnerin des Klosters Bec, mit, und diese eilte, ihren Bruder davon in Kenntnis zu setzen. Zu diesem Aeußersten wollte es der König doch nicht kommen lassen. Er veranstaltete also im Juli 1105 eine Zusammenkunft mit Anselm (in der Burg L’Aigle) und erklärte sich bereit, auf das Investiturrecht zu verzichten, wenn er wenigstens auf den Lehnseid rechnen dürfe. Nun wollte ihm zwar Anselm auch diesen nicht zugestehn; doch der Papst, den man wieder zum Schiedsrichter wählte, trat hierin auf die Seite des Königs, und so gab Anselm nach. Auf einer zweiten Zusammenkunft im August 1106 (in Bec) verglich man sich über alle übrigen noch streitigen Punkte; und unter allgemeinem Jubel kehrte nunmehr Anselm nach England zurück. Das beste Vernehmen herrschte seitdem zwischen ihm und dem Könige; Heinrich ging auf alle Maßregeln, die Anselm ihm vorschlug, ein; ja, er ernannte ihn sogar einmal, als er England auf längere Zeit verlassen mußte, zum Reichsverweser. Die Kirche stand wieder in Ehren, und der große Kampf, welcher damals überhaupt zwischen ihr und dem Staate geführt wurde, hatte wenigstens in England seine erste versöhnliche Lösung gefunden.

Wie nach Außen die Freiheit, so war es nach Innen die Einheit des kirchlichen Regiments, deren Wiederherstellung sich Anselm eifrigst angelegen sein ließ, und bei seiner Festigkeit wußte er in der That die englischen Bischöfe, welche unter Wilhelm dem Rothen sich möglichst unabhängig zu stellen gesucht hatten, allmählich wieder in die rechte Unterordnung unter den Stuhl von Canterbury zurückzuführen; selbst den Erzbischof von York nöthigte er dazu.

Aber freilich war ihm die Stärkung des kirchlichen Regiments nach Innen wie nach Außen nur Mittel zum Zwecke. Denn was ihm am Meisten am Herzen lag, war die Herstellung christlicher Sitte und Zucht im Lande. Daher drang er mit solchem Eifer von Anfang an auf die Einberufung einer Generalsynode, weil nur diese allgemeine disciplinarische Maßregeln treffen konnte, und unter Heinrich I. im Jahr 1102, sowie später noch einmal im Jahre 1108, hatte er die Freude, eine solche zu Stande kommen zu sehen. Eine Reihe der kräftigsten Beschlüsse wurden gefaßt; der Klerus wurde wieder an seinen geistlichen Beruf erinnert und der Verwilderung der Laienwelt, die besonders die Fleischessünden, und zumal unter den Normanen, eine furchtbare Höhe hatte erreichen lassen, mit den ernstesten Strafen begegnet. Aber wohl erkannte Anselm, daß mit diesen disciplinarischen Mitteln nicht viel ausgerichtet werden würde, wenn nicht die herrschende Gesinnung eine bessere würde, und da sich auf diese nur durch das praktische Beispiel, das unmittelbare Vorbild erfolgreich einwirken ließ, so ging seine Hauptsorge auf die Reformation der englischen Klöster. Denn diese sollten nach ihm die Licht- und Lebensherde sein, die die christliche Frömmigkeit am “ Vollkommensten“ darstellten und durch diese Darstellung bildend und erziehend auf die “ Welt“ zurückwirkten. Den Klöstern widmete er daher die allergrößte Aufmerksamkeit, indem er ihnen nicht nur tüchtige Vorsteher zu verschaffen suchte, sondern auch selbst an der Leitung ihres innern Lebens Theil nahm, indem er von Zeit zu Zeit Hirtenbriefe an sie richtete, welche väterliche Ermahnungen, Warnungen, Rathschläge u. s. w. enthielten.

Mit derselben Treue, mit der er so als Primas das Wohl der englischen Kirche überhaupt – und nicht bloß dieser; denn der Primat von Canterbury erstreckte sich auch über Irland, Schottland und die benachbarten Inseln – auf dem Herzen trug: mit der selben Treue sorgte er für die Diöcese, über die er zunächst als Bischof gesetzt war: für die kentische. Fast beständig war er auf Visitationsreisen, um zu sehn, wie es in den einzelnen Parochien stände, und selbst an Ort und Stelle die nöthigen Anordnungen zu treffen. Seine Hauptthätigkeit galt aber auch hier dem Kloster, welches mit der Kathedrale verbunden und die Pflanzschule für den Klerus der Diöcese war, während die ältern Mitglieder das Capitel des Erzbischofs bildeten. In diesem Kloster fand er sein Bec wieder; hier „schöpfte er Athem,“ wenn er von den weltlichen Geschäften, die die Administration der Güter des Erzstifts erforderte, müde war. Denn an solchen fehlte es freilich auch nicht, und diese gehörten mit zu dem Schwersten, was sein Amt ihm auferlegte, so daß er wohl zuweilen äußerte, er möchte lieber als Knabe im Kloster vor der Ruthe des Lehrers zittern, als auf dem Bischofsstuhle sitzen. Daher war es ihm eine Erholung, wenn er mit den jungen Leuten im Kloster verkehren, oder gar, in einen stillen Winkel des Zimmers sich zurückziehn und – meditieren konnte. Denn das Nachdenken über die Wahrheiten des Glaubens blieb ihm immer die liebste Erholung, und als Frucht desselben gab er auch jetzt noch von Zeit zu Zeit ein theologisches Werk heraus.

Desgleichen blieb er fortwährend der ascetischen Lebensweise getreu, die ihm seit seiner Klosterzeit zur andern Natur geworden war. Eben diese rieb ihn aber auch mit der Zeit auf. Denn in Folge der häufigen Fasten und Wachen stellte sich allmählich eine krankhafte Schlaf- und Appetitlosigkeit ein, die zuweilen mit Fieberschauern verbunden war. Einen sehr bedenklichen Anfall erlitt er bereits im Jahre 1106, dem 73sten seines Lebens; dieser wiederholte sich im Frühjahr 1107 und schwächte ihn so, daß er seine Reisen nicht mehr zu Pferde machen konnte, sondern sich in einer Sänfte tragen lassen mußte. Eine dritte Erkrankung im Juli 1108 brach vollends seine Kraft. Alle Speisen wurden ihm zum Ekel; er mußte sich Gewalt anthun, etwas zu essen. So siechte er langsam hin, bis er endlich im Frühjahr 1109 so schwach wurde, daß er sich in die Kirche auch nicht einmal mehr tragen lassen konnte. Stil lag er seitdem auf seinem Bette und richtete mit gebrochener Stimme an jeden, der ihn besuchte, Worte frommer Ermahnung.

Am Palmsonntage äußerte Einer von Denen, die um ihn waren, es scheine, daß er Ostern diesmal am Hofe eines andern als seines irdischen Königs und Herrn feiern solle. „So scheint es,“ erwiderte er, „und ich werde gern seinem Rufe folgen; doch würde ich es auch dankbar annehmen, wenn er mich noch eine Zeit lang bei euch lassen und mir eine Frage zu lösen gestatten würde, die mich jetzt lebhaft beschäftigt: über den Ursprung der Seele.“

„Könnt ich nur etwas genießen,“ setzte er hinzu, ich würde wieder gesund werden; denn abgesehen von der äußersten Schwäche, fühle ich keinen Schmerz.“ Aber schon am Dienstag Abend konnte man ihn nicht mehr verstehn, wenn er sprach; so erstorben war seine Stimme. Da bat ihn der Bischof Radulf von Rochester, ob er nicht noch einmal seinen gegenwärtigen und übrigen Kindern, dem Könige und der Königin, sowie dem Volke des Landes, das unter seiner geistlichen Aufsicht gestanden, Segen und Absolution ertheilen wolle. Sofort richtete er sich auf, machte mit der Rechten das Kreuzeszeichen und senkte dann das Haupt auf die Brust. Nach Mitternacht, als die Brüder in der Kathedrale die Frühhoren anstimmten, nahm Einer von Denen, die um ihn wachten, das Evangelienbuch und las ihm daraus den Passionstext vor, der an diesem Tage zur Messe gelesen zu werden pflegte. Als er zu den Worten gekommen war: „Ihr aber seid es, die ihr beharrt habt bei mir in meinen Anfechtungen, und ich will euch das Reich bescheiden, wie mir’s mein Vater beschieden hat, daß ihr essen und trinken sollt über meinem Tisch in meinem Reich“ (Luc. 22, 28 – 30.), fing Anselm langsamer zu athmen an, und mit Anbruch der Morgenröthe, am Mittwoch vor Ostern, den 21. April 1109, entschlief er, um in das Reich einzugehn, welchem schon hienieden seine Seele angehört und sein Wirken gegolten hatte.

 

Aurelia

Aurelia ist eine jener Nebelgestalten, wie dieselben die Vorgeschichte der Einführung des Christenthums in verschiedenen Ländern häufig zeigt. Diese Gestalten wurden um so leichter zu Heiligen erhoben, je unbestimmter sie waren; die Phantasie übte leicht ihr frommes Spiel da, wo Niemand nähere Kunde zu geben im Stande war. Doch der Herr kennet die Seinen und wir gönnen ihnen den Himmel, wenn sie ihn aus Gnaden empfangen haben.

Von Aurelia wissen wir nicht Eine hervorstechende That, ja nicht Ein eigenthümliches Wort, sondern bloß den Namen und kaum etwas mehr. Die Legende erzählt: Aurelia sei eine der eilftausend Jungfrauen gewesen, die unter Anführung der Ursula von Rom nach Cöln am Rhein zogen, man weiß nicht recht wann? dort von den Hunnen unter Attila überfallen und wegen ihres Christenglaubens niedergemetzelt wurden. Aurelia aber habe Cöln nicht erreicht, sondern sei zu Straßburg erkrankt und gestorben. Diese Sage von Aurelia, Ursula und den 11 tausend Jungfrauen findet man schon im 6ten Jahrhundert erwähnt, aber erst im 12ten Jahrhundert wurde sie ausgeschmückt durch Gerlach, Abt von Deutz, und Elisabeth, Aebtissin von Schönau, und noch in der Mitte des 17ten Jahrhunderts schrieb der Jesuit Crombach in Cöln einen dicken Folianten zur Vertheidigung der Ursula und ihrer 11 tausend Gefährtinnen. Besonders in der Gegend von Cöln glaubte man fest an diese wahrhaft grandiose Dichtung, die es mit den Zahlen nicht genau nahm und die wohl ihren Grund in einem Unwissenheitsfehler bat, wie er im 9ten Jahrhundert sehr erklärlich ist, wo man nämlich die Inschrift: XI M. Virgines (11 Märtyrerjungfrauen) ins Ungeheure steigerte und daraus XI Mille Virgines machte.

Beim Wiedererwachen des Forschungsgeistes im 16ten Jahrhundert scheute sich der katholische Schullehrer zu Hagenau, der gelehrte Hieronymus Gebweiler nicht, diese Sache für eine lächerliche Fabel zu erklären. Spätere Kirchengeschichtschreiber als: Baronius, Balthasar Bebel in Straßburg, Mosheim, Grandidier u. s. w. stimmen vollkommen ein. Es fragt sich nun, was wissen wir von Aurelia? Da die 11tausend Jungfrauen nicht existierten, war sie wenigstens eine Gefährtin der Ursula? Auch dies beruht nur auf einem sehr unbestimmten und späten, zweifelhaften Zeugnis des Petrus de natalibus, der eine gewisse Aurea unter den 11 tausend Jungfrauen, als Tochter einer Königin von Sicilien nennt. Allein mag Aurelia die Gefährtin der Ursula gewesen sein, oder nicht, ihre Verehrung als Heilige ist in der Rheingegend uralt, muß also doch wohl einen geschichtlichen Grund haben. Als der heil. Gallus am Ende des 6ten Jahrhunderts nach dem freilich zerstörten Bregenz kam, fand er dort schon eine Aureliencapelle, zwar durch heidnische Bräuche entheiligt, die er aber wieder weihte; und Königshofen berichtet, daß bereits um das Jahr 500 außerhalb der Mauer der damaligen Stadt Straßburg eine Kirche zu Ehren der Aurelia erbaut ward. Das geschichtlich zu Erweisende mag etwa dieses sein: Aurelia war eine Römerin, darauf deutet ihr Name; ihr Leben fällt in die letzte Zeit der Römerherrschaft am Rhein; durch die Römer aber war das Christenthum zuerst unsern Vorfahren am Rhein, keltischen Stammes, bekannt geworden. Seit dem 9ten Jahrhundert findet sich Aurelia in unseren Martyrologien, Brevieren, Ritualbüchern als Jungfrau bezeichnet. Sie kam in Begleitung einiger gleichgesinnter Frauen (die Sage nennt Einbeth, Warbeth, Witbeth, deutschklingende Namen) in unsre Rheingegend. Sie mag durch irgend eine That oder ein Streben des Glaubens oder der Liebe dem Christenvolke werth geworden sein, also daß ihr Andenken die Zerstörung der ersten römischchristlichen Einrichtungen durch den Alemannensturm im 5ten Jahrhundert überdauerte. Sie soll an einem 15. October zu Ende desselben Jahrhunderts zu Straßburg gestorben sein. Ihr Sarg und Reliquien wurden in der Kirche St. Aurelien zu Straßburg aufbewahrt und wurden vom Volk als wunderwirkend verehrt. Zur Stärkung dieses Wunderglaubens wurde in späteren Zeiten allerlei Schauerliches erzählt, z. B. als einer den Sarg der Aurelia aufbrechen wollte, sei der Teufel in ihn gefahren, so daß er in seiner Wuth seine eigenen Hände und Füße aufgefressen; ein andermal war ein Haufe von Straßburger Bürgern, das Fest der heiligen Aurelia verachtend, am 15. October, dem Aurelientage, hinaus an die Rothe Kirche gegangen, um einen Graben vom Schlamm zu säubern, mehr als zwanzig derselben aber starben plötzlich. So suchte der Aberglaube von jeher die Menschen weit eher zu fürchten, als sie zu trösten.

Die Kirche St. Aurelien zu Straßburg stand lange Zeit außerhalb der Ringmauern und sagt Königshofen: „Was gar schön und luftlich und gemühtig von mitten wasser und weiden.“ Bischof Ruthard soll dieselbe um das Jahr 910 haben neu erbauen lassen und übergab das Patronat und die Gefälle derselben dem Stift St. Thomä. Bischof Heinrich von Bahringen und Papst Honorius III, bestätigten 1249 diese Schenkung.

St. Aurelien blieb nun die Pfarrkirche der Gärtner jenes Stadttheils. Diese nahmen in der Reformationszeit die evangelische Lehre mit heißem Eifer an. Martin Butzer ward ihr erster Prediger. Im Jahr 1524 wurde der Sarcophag der heiligen Aurelia aufgebrochen; man fand darin eine Menge Knochen, die nie zu einem menschlichen Körper gehört haben konnten. Die Knochen und der Sarcophag wurden weggeschafft und die Krypte zugeworfen. An die Stelle der alten baufälligen Kirche wurde in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts eine neue schöne, evangelische Kirche erbaut und im Mai 1765 eingeweiht; nur der alte Thurm steht noch zum Zeugnis für Aurelia. Heil dem, dessen Namen bleibt ewiglich, wenn auch seiner Werke hienieden vergessen wird! und wenn selbst unsers Namens auf Erden nicht mehr gedacht wird, so möge er doch im Himmel angeschrieben sein!

T. W. Röhrich in Straßburg.

Bartholomäus (Nathanael)

Nathanael, dessen hebräischer Name: „Gottesgabe“ bedeutet, der Vorgänger aller Theodore, Deodate, Theodorete und Dorothee, der „echte Israelit, in welchem kein Falsch ist“ (Joh. 1, 47), wurde auf Grund von Joh. 21, 2 in Vergleichung mit den Apostelverzeichnissen in Matth. 10, Marc. 3, Luc. 6 und Apostelgesch. 1 schon im frühesten christlichen Alterthum für eine und dieselbe Person mit Bartholomäus (Sohn Thalmai, ein alter palästinensischer Name) gehalten. Er wohnte zu Kana in Galiläa, wo der Herr kurz nach seiner Begegnung mit ihm zuerst auf der Hochzeit „seine Herrlichkeit offenbarte.“ Ob Nathanael zu dem Hause gehörte, welches den Herrn zu seinem Feste lud, ob er ihn als einen Schüler des Täufers noch im Jordanlande oder erst nach seiner Rückkehr gen Galiläa irgendwo traf, bleibt unbestimmt. Daß er aber einer von denen war, „die auf den Trost Israels warteten“, geht aus der Erzählung bei Johannes hervor. Auch von dem Täufer musste er wohl, als Freund des Philippus, der wie Simon und Andreas diesem Vorläufer des Herrn zugehörte, in größerm Maße angeregt sein. Die erste Berührung mit dem Herrn war eine ihm unbewußte. „Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum warest, sahe ich dich“, spricht Christus zu ihm und dieses Wort ruft die tiefsten Glaubenstöne seiner Seele hervor, ist die Lösung seiner stillen Räthsel. Der Mund der Wahrheit bezeichnet die Thatsache dieses Sehens als etwas „Großes“ und kündigt als das „noch Größere“ die Oeffnung des Himmels und das Auf- und Abfahren der Engel Gottes an. Demnach muss es ein wunderbares Sehen gewesen sein, ein Sehen mit dem höheren Geistesblick, nicht mit dem leiblichen Auge. Denn sonst hatte es nichts Tieferes zu bedeuten. Aber nicht dieser Fernblick, so staunenswerth er auch war, kann die Glaubenstöne aus Nathanaels Seele hervorrufen, noch weniger aber sie zu solcher Höhe stimmen, daß sie aussprachen, was ein Nikodemus auf alle Zeichen des Herrn noch nicht wagte, was Petrus nur durch „Offenbarung des Vaters im Himmel“ zu sagen vermochte. Es war ihm klar, daß der ihn „unter dem Feigenbaum“ gesehen, ob er wohl räumlich in weiter Ferne von ihm war, noch tiefer geblickt haben müsse, hinein in die verborgene Welt seines Herzens. Und wenn der Herr auf diesen Blick hin in’s Innerste des künftigen Jüngers das köstliche Zeugnis über ihn sprechen konnte, ehe dieser nur den Mund geöffnet außer zu einem Zweifel, was muss das Auge des Herrn da gesehen haben unter dem Feigenbaum? Ohne Zweifel ein Herz voll Sehnsucht nach dem Heil, eine von der Hoffnung der Erlösung, durch Johannes Zeugnis von dem Kommenden, wie in Morgendämmerung angeleuchtete Seele, ein Gebet, das sich an die Himmelsleiter der Verheißungen und Weissagungen klammerte und zu dem lange verschlossen gewesenen Himmel emporstrebte.

So hatte ihn der Herr gefunden, ehe Philippus ihn fand. Er aber wußte es nicht, sondern der erste Klang der neuen Welt, in die er nach wenigen Augenblicken eintreten sollte, war des Philippus Wort: „Wir haben den gefunden, von welchem Moses im Gesetz und alle Propheten geschrieben haben, „Jesum, Josephs Sohn, von Nazareth.“ – Es war zu viel für seine sehnende Seele. Das Herz war zu enge für die plötzliche Erfüllung seines innigsten Verlangens, diese rasche Erhörung seines tiefsten Gebetes. Er glaubte im Unglauben und war ungläubig im Glauben. Er widersprach nicht der Sache, nicht der Zeit, nicht dem Namen, nicht der Person. Nur an das letzte Wort: “ Nazareth“ heftete sich sein Zweifel.

Nazareth ist ihm zu klein, zu arm, um solche Fülle des Lebens, wie sie seinem sehnenden Herzen der Messias bringen sollte, zu fassen, ja gar menschlich hervorzubringen. Aber dem verlangenden Gemüthe schlägt die Einladung: „Komm und siehe es!“ alle Zweifel nieder. Er schweigt, er geht, er sieht. Und nicht das lobende Wort des Herrn, das er wohl hört, öffnet die Schleusen seines Innern, sondern zum rechten Beweise, daß wirklich in ihm kein Trug war, fragt er nach der Quelle dieses freundlichen Zeugnisses, das er sich selbst nicht würde gegeben haben. Die Art, wie der Herr es ihm gibt, macht falsche Bescheidenheit unmöglich. Er sieht sich im tiefsten Innern, in seinem heiligsten Geheimnisse erkannt und der Ruf: „Rabbi! du bist Gottes Sohn! du bist der König von Israel!“ bildet den Wendepunkt seines geistlichen Daseins. Ein Blitz der gläubigen Erleuchtung hat ihn in’s Herz der Ewigkeit blicken lassen, es ist der „Sohn Gottes“ vom Himmel gekommen, wie ihn die letzten Propheten geweissagt, vor dem er anbetend steht. Da war der Apostel geboren im heiligen Geiste und der Anfang war da von dem Oeffnen des Auges für das Niederströmen der Ewigkeit in die Zeit, das Hineinleuchten des Gnadenlichtes in die Nacht der sündigen Welt; des Menschen Sohn, der niedrige, ist der Gegenstand des Dienstes der himmlischen Heerschaaren, Krippe und Kreuz sind umleuchtet vom Strahlenglanze der Herrlichkeit.

So steht dieses Apostelbild, nur kurze Zeit von der meldenden Geschichte gesehen, nur genannt mit der Schar der Zwölfe bis zur Himmelfahrt des Herrn, vor unsern Augen. Ein stiller, lieblichernster, tiefinnerlicher Jünger des Herrn leuchtet er in unsere Zeiten herab. Ob Indien, Lykaonien, Armenien der Schauplatz seines apostolischen Zeugens und Leidens war, es bleibt dunkel. Die Zeugnisse des Alterthums lassen nur als wahrscheinlich betrachten, daß er im südöstlichen Arabien oder im südlichen Persien den Gottessohn und König Israels verkündete und dort im Glauben die Engel Gottes hinauf- und herabfahren sah.

W. Hoffmann in Berlin

Benedictus von Nursia

Wie man auch immer über das Mönchsthum urtheilen mager so viel ist gewiß, daß die abendländische Christenheit dem Benedictiner Orden einen großen Theil ihrer Bildung verdankt.

Durch Benedictiner wurde das Christenthum bei uns ausgebreitet; in ihren Klöstern fand im Mittelalter die Wissenschaft ihre Pflege und auch nach der Reformation war es dieser Orden besonders, der sich durch schöne Gelehrsamkeit, namentlich durch die Herausgabe der Kirchenväter und kirchenhistorischen Werke ein großes Verdienst erwarb. Der Stifter dieses Ordens, der „Patriarch des abendländischen Mönchsthums,“ ist Benedict von Nursia.

Die Stadt Nursia, die im Jahr 1702 durch ein Erdbeben beinahe ganz zerstört worden ist, lag in Umbrien (dem Herzogthum Spoleto) am Fuße der Apenninen, und schon die alten Dichter, wie Virgil, erwähnen ihrer als einer unter kaltem Himmelsstriche gelegenen, häufigem Frost ausgesetzten Stadt. Hier wurde im Jahr 480 Benedict zugleich mit seiner Zwillingsschwester Scholastica geboren. Der Vater, Eutropius, stammte aus dem ansehnlichen Hause der Anicier, die Mutter, Abundantia, aus der Familie der Niguardati. Schon als Kind soll Benedict nach der Legende viele Wunder verrichtet haben. Wir halten uns bei diesen nicht auf, sondern bemerken nur, daß der Knabe, nachdem er sein siebentes Jahr zurück. gelegt hatte, von seinem Vater nach Rom gebracht wurde, um dort zu studieren. Allein nach fünfjährigem Aufenthalt daselbst floh Benedict (492) bloß in Begleitung seiner Amme, die ihm treu anhing, heimlich aus der Stadt, um sich in die Einsamkeit zurück zuziehen. Erst ließ er sich in Aufidena nieder, wo er die Einwohner von dem Götzendienst entwöhnte, dem sie noch ergeben waren. Bald darauf ging er nach dem eine geringe Strecke von Aufidena entfernten Subjaco (Sublaco), eine Tagreise von Rom. Engel sollen ihn dahin geleitet haben. Dort zog er sich in eine Höhle zurück, und sah niemanden, außer dem in einem benachbarten Kloster wohnenden Mönch Romanus, der ihn in seinem Vorsatze, der Welt zu entsagen, bestärkte und ihn (wie die Klostersage berichtet) als Mönch einkleidete. Wichtiger für Benedicts inneres Leben war, daß er durch diesen frommen Mann auf die heilige Schrift hingewiesen und mit ihren Schätzen bekannt gemacht wurde. Benedict selbst bezeugt, daß ihm von nun an die h. Schrift ein Licht auf seinem Wege geworden sei; an ihr fand seine Seele die rechte Nahrung. Gottes Wort ward ihm süßer als Honig und Honigseim. Er erkannte in ihm die stärkste Waffe gegen alle Versuchungen der Sünde und des Fleisches. Diesen setzte Benedict (nach dem Geiste der Zeit) auch häufiges Fasten und mancherlei Peinigungen entgegen, wie sie das Mönchsthum in den seltsamsten und ausgesuchtesten Formen aufzuweisen hat. Nachdem er 3 Jahre in der Einsamkeit zugebracht hatte, wobei Romanus für seinen Unterhalt sorgte((Er ließ ihm das Brot, das er mit ihm theilte, an einem Stricke über den Felsen hinunter, der das Kloster von der Grotte Benedicts trennte. Dieser gab, wenn er Speise bedurfte, das Zeichen mit einer Glocke. Als der Teufel dieses Werk aus Neid zerstört hatte, ward durch einen frommen Presbyter für ihn gesorgt, den ein göttliches Gesicht angewiesen hatte, seine Ostermahlzeit mit ihm zu theilen. )), (auch die umher wohnenden Hirten besuchten ihn bisweilen, um Worte des Lebens aus seinem Munde zu vernehmen) ließ er sich bereden, Vorsteher (Abt) eines in der Nähe liegenden Klosters zu werden. Allein die Widerspenstigkeit der dortigen Mönche, die sich seiner strengen Zucht nicht unterwerfen wollten (man stellte sogar seinem Leben nach), bewog ihn, sich aufs Neue in die Einsamkeit zurückzuziehen. Sodann errichtete er selbst nach und nach Kloster in der Umgegend; zwölfe werden uns von der Sage genannt, deren jedes er wieder mit zwölf Mönchen bevölkerte. Einige der Mönche behielt er in seiner Nähe. Unter den Schülern, die er heranzog, sind besonders Maurus und Placidus zu nennen. Der Erstere, der Sohn eines gewissen Equilius war 12, der Letztere des Tertullus Sohn, 7 Jahr alt, als sie dem frommen Meister zugeführt wurden. Auch hier war indessen Benedict vor Verfolgungen nicht sicher. Nachdem er den Nachstellungen des neidischen Priesters Florentius, wie die Legende berichtet, durch ein Wunder entgangen war, begab er sich im Jahr 528 nach dem Castrum Casinum, einer hoch gelegenen und verfallenen Burg in der Provinz Terra di Lavore, zwischen Subjaco und Neapel. Auch in dieser Gegend wucherte noch das alte Heidenthum. Apollo hatte daselbst einen Tempel und einen geweiheten Hain. Benedict schritt kräftig ein, er zerstörte das Götzenbild und den ihm geweihten Altar, verbrannte den Hain und weitete den Tempel dem Dienste des h. Martinus und des Apostels Johannes. Hier wurde denn das große Stammkloster des Benedictiner Ordens angelegt, das den Namen Monte Cassino führt. Der König der Ostgothen, Totilas, bewies dem heiligen Manne alle Achtung und nahm von ihm Zurechtweisung an. Nach einem segensreichen Wirken, das von der Zeit als ein durch höhere Kraft getragenes begriffen und von der Mönchssage in’s Wunderbare ausgeschmückt wurde, starb Benedict, nachdem er seinen Tod vorausgesagt haben soll, den 20. März 543. Noch ein neues Kloster hatte er zu Terracina gestiftet. Die Abtei von Monte Cassino wurde 589 durch die Longobarden zerstört und erst nach einem Jahrhundert wieder aufgebaut. Eine abermalige Verwüstung trat 884 durch die Araber ein. Doch erstand das Kloster wieder aus seinen Trümmern und nahm in der Folge eine weit großartigere Gestalt an, als die ursprüngliche gewesen war.

Verweilen wir noch einen Augenblick bei dem von Benedict gestifteten Orden selbst, seinen Regeln und seiner Geschichte. Das Mönchsthum hatte im Morgenlande seinen Ursprung und hatte dort frühzeitig einen rein beschaulichen Charakter angenommen, so daß der heilige Ernst und die Gluth der Andacht bisweilen in finstere Schwärmerei ausarteten, während besonnene Männer, wie Basilius d. Gr. durch weise Vorschriften und durch eigenes Beispiel das unverkennbar in der Zeit liegende und durch die Verhältnisse der Zeit gerechtfertigte Streben nach innerer Vertiefung regelten und ihm einen würdigen, den Bedürfnissen der Zeit entsprechenden Ausdruck zu geben suchten. Durch morgenländische Redner, wie namentlich durch Athanasius, der in der arianischen Verfolgung sich in’s Abendland geflüchtet hatte, war der Sinn für die mönchische Lebensweise auch dahin verpflanzt worden; namentlich hatte die von diesem Kirchenvater verfaßte Lebensbeschreibung des h. Antonius, des ersten Einsiedlers, großen Einfluß auf die Gemüther. Auch Hieronymus, Ambrosius, Augustinus redeten in verschiedener Weise und von verschiedenen Gesichtspunkten ausgehend, dem Mönchsthum das Wort. Sodann war es in den ersten Zeiten des 5ten Jahrhunderts der Mönch Johannes Cassianus, der als Vorsteher eines Klosters zu Massilia (Marseille) die morgenländischen Mönchseinrichtungen auf das Abendland übertrug. Der Mann aber, der recht eigentlich die orientalische Pflanze dem abendländischen Boden dergestalt anzupassen verstand, daß sie den fremdartigen Ursprung vergessen ließ, der gewissermaßen aus den vorhandenen Elementen eine neue Schöpfung ins Dasein rief, war eben Benedict. Was seine Regel auszeichnete, war die beständige Rücksicht auf die mehr praktischen Bedürfnisse des Abendlands. Die Regel verleugnete nicht den Geist der Askese (der Selbstbeschränkung und strengen Enthaltsamkeit), wie er dem Mönchsthum eigen ist, aber sie vermied die Uebertreibung und suchte dem rein beschaulichen Leben ein Gegengewicht zu geben in der Arbeitsamkeit und in der Sorge für geistliches und leibliches Wohl Anderer. Mit richtigem Takte wußte er was Klima und Lebensweise des Abendlands erforderten, bei seinen Vorschriften zu berücksichtigen, ohne deshalb in Schlaffheit und falsche Anbequemung an die Schwachheit der Menschen zu verfallen. So gestattete er unter anderm seinen Mönchen den Genuß des Weines, aber in beschränktem Maße; auch ließ er den Aebten eine gewisse Freiheit, je nach dem Wechsel der Jahreszeiten und der physischen Beschaffenheit der Personen, Ausnahmen von der Regel eintreten zu lassen. Der Gehorsam gegen den Abt war die Grundlage aller übrigen Verordnungen. In ihm sollten die zur Gemeinschaft verbundenen Brüder ihren Vater, in ihm den sichtbaren Stellvertreter Christi erblicken. Erst nach einem Probejahre wurden die Glieder des Ordens in denselben aufgenommen, nachdem sie sich durch ein Gelübde zu unbedingtem Gehorsam gegen den Abt und zu lebenslänglichem Verbleiben im Kloster verbindlich gemacht hatten. Eine durch Barmherzigkeit gemilderte Strenge, Besonnenheit, Demuth, innige Liebe zu Gott und Christus sollten die Tugenden sein, durch die der Abt seinen Untergebenen vorleuchtete. – Die Kleidung der Benedictiner bestand (und besteht noch) in einer schwarzen Rutte, daher sie auch die schwarzen Mönche hießen, zum Unterschiede von andern, die zum Theil aus den Benedictinern hervorgegangen sind; wie die Cluniacenser (913), die Camaldulenser (1012), die Vallombrosaner (1073), der Orden von Grandmont (1080), die Cistercienser (Bernhardiner, 1153, die sich durch weiße Kleidung unterscheiden), die Fontebraldiner (Orden von Fontevraud), die Humiliaten, Coelestiner u. a. in. Auch die geistlichen Ritterorden, wie die Johanniter und Templer schlossen sich zum Theil an die Benedictiner Regel an. Nach der Reformation suchte auch das Mönchsthum der katholischen Kirche sich innerlich zu erheben, und so nahm auch der Benedictiner Orden einen neuen geistigen und wissenschaftlichen Aufschwung. Besonders hat sich die Congregation des h. Maurus durch Gelehrsamkeit und auch durch lebendige Frömmigkeit mehrerer ihrer Mitglieder ausgezeichnet.

Karl Rudolf Hagenbach in Basel.

Marjorie Bowes

John Knox, der Reformator Schottlands, machte öfters einen Besuch bei Lord Ochiltree, und predigte ihm und seiner Familie, so wie denen, die sonst sich zusammenfanden, das Evangelium. Eine Kammer mit Bette, Tisch, Stuhl und Leuchter stand allezeit für den Propheten bereit, auf daß wenn er käme, er sich dahin thäte (2 Kön. 4, 10.) Eines Abende sagte die Frau vom Hause zu ihm: „Herr Knox! mich däucht, Euch fehlt ein Weib.“ Er gab ihr zur Antwort: „Madame! mich däucht, keine wird einen Mann nehmen mögen, der so viel umherirren muß, wie ich.“ Sie aber erwiderte: „Herr Knox! wenn nur das Euch Bedenken macht, so will ich mich umthun, um bis Ihr wieder kommt Euch Bescheid zu geben.“

Die Dame, die durch Knox‘ Predigt gläubig geworden und daher ihm sehr zugethan war, wandte sich an ihre älteste Tochter, und sagte ihr, sie könne glücklich werden, wenn sie Knox heirathe, der werde ein großer Reformator und eine Zierde der Kirche werden. Allein diese verachtete das und meinte, ihre Mutter werde ihr doch etwas besseres gönnen, als einen armen Reiseprediger. Die Mutter wandte sich an die zweite Tochter und erhielt von ihr die nämliche Antwort. Da ging sie zur dritten Tochter, einer Jungfrau von 19 Jahren; die sagte: „Gern wäre ich Willens, ihn zu heirathen, aber ich fürchte, er wird mich nicht nehmen.“

„Wenn nur das dir Bedenken macht, so will ich dir bald Bescheid verschaffen,“ erwiderte die Mutter. Am folgenden Abend sagt sie zu ihrem Gaste: „Herr Knox, ich habe mich umgethan, um ein Weib für Euch zu finden, und weiß jetzt eine, die willig dazu ist.“ -, Welche meint Ihr, Madame?“ fragte Knox. – „Meine jüngste Tochter, die neben Euch am Tische sitzt,“ erwiderte sie. – Knox wandte sich nun an die Jungfrau und fragte: „Mein Kind, bist du willig, mich zu heirathen?“ „Ja Herr!“ war ihre Antwort, „ich fürchte nur, Ihr werdet mich nicht nehmen wollen.“ Er sagte: „Mein Kind, wenn du dazu willig bist, so mußt du’s wagen auf Gott, wie ichs auch thue. Ich ziehe oft zu Fuße durch’s Land, habe nichts bei mir als einen Ranzen mit einem Hemde, einem reinen Kragen und einer Bibel darin; du magst dann noch etwas mit hineinthun für dich und mit mir ziehen; wenn ich dich heiße den Ranzen nehmen, so mußt du’s thun, und mußt gehen wohin ich gehe, und zu Nacht bleiben, wo ich bleibe!“ „Herr,“ sagte sie, „dies Alles will ich thun.“ „Kann ich mich auf dein Wort auch verlassen?“ fragte er. „Ja Ihr könnet,“ antwortete sie.

So ward die Heirath geschlossen. Die Beiden lebten glücklich zusammen und hatten mehrere Kinder. Als sie in Genf wohnten, wohin Knox um des Glaubens willen eine Zeit lang entweichen mußte, ging er einst mit ihr einen Berg hinan. Da erreichte sie vor ihm den Gipfel, mit dem Ranzen auf dem Rücken, setzte sich dann nieder und fragte: „Nun mein lieber Mann, siehst du, daß du dich auf mein Wort verlassen konntest?

Wibrandis Rosenblatt

Wibrandis Rosenblatt

Unter den Frauen des Reformationszeitalters ist vornehmlich auch Wibrandis Rosenblatt zu nennen. Daß sie mit ausgezeichneten Vorzügen begabt gewesen, ist schon daraus zu schließen, daß sie, obwohl dreimal Witwe geworden, immer wieder von den bedeutendsten Männern jener Zeit zur Ehe begehrt wurde. Ihr Vater war Johannes Rosenblatt, Ritter und Feldoberst Kaiser Maximilians I. Als eine zwar arme, aber ebenso durch Sittsamkeit als Schönheit ausgezeichnete Jungfrau verehelichte sie sich noch sehr jung mit M. Ludwig Cellarius, konnte aber wegen des frühzeitigen Hinscheidens desselben dieser glücklichen Ehe sich nicht lange erfreuen. Nach einiger Zeit lernte der Reformator Dr. Johannes Oekolampadius diese bescheidene Witwe kennen und da er durch den Tod seiner Mutter, die ihm bis in sein 44. Jahr auf’s treulichste und sorgfältigste sein Hauswesen besorgt hatte, in Verlegenheit war, wie er dasselbe weiter fortführen sollte, so entschloß er sich 1526 nach dem Vorgang Zwingli’s und andern Reformatoren ebenfalls in den Ehestand zu treten, was er seinem Freunde Johannes Farel mit den Worten anzeigt: „Wenn du es noch nicht erfahren hast, so wisse, daß mir der HErr an die Stelle meiner verstorbenen Mutter eine recht christliche Schwester zur Gattin gegeben hat. Sie ist zwar arm, aber geehrter Familie, ist Witwe und seit einigen Jahren im Kreuztragen geübt. Ich wünschte zwar, sie wäre etwas älter, doch habe bis dahin noch keine Spur von jugendlicher Ausgelassenheit an ihr wahrgenommen. Bitte du auch den HErrn, daß unser Ehestand glücklich und dauerhaft sein möge.“

Wibrandis gebar dem Oekolampad drei Kinder, welchen er nach der Sitte frommer Patriarchen im alten Testament bedeutungsvolle Namen gab: Eusebius (Fürchte Gott), Irene (Verträglichkeit), Aletheia (Wahrheit). Doch nicht lange freute sich der Vater der lieblich heranwachsenden Kinder. Im November 1531 von einer tödtlichen Krankheit befallen, sah er den Tod raschen Schrittes auf sich herankommen, da ließ er seine Kinder an sein Krankenbett treten, ertheilte ihnen seinen väterlichen Segen und ermahnte sie zur Gottesfurcht. Im Namen der Unmündigen gelobte Wibrandis dem Sterbenden, daß sie allen Fleiß thun werde, dahin zu wirken, daß sein Wunsch in Erfüllung gehe. Bald darauf entschlief dieser fromme und getreue Knecht Gottes und Wibrandis war zum zweitenmal Witwe. Doch Gott, der fromme Witwen und Waisen nie verläßt, lenkte es so, daß der Straßburger Reformator Dr. Wolfgang Capito, der vertrauteste Freund des Oekolampadius, der vor Andern wissen mochte, wie glücklich der Entschlafene mit ihr gelebt, um ihre Hand warb. Aber auch mit diesem lebte sie nur kurze Zeit, das Jahr 1541 brachte ihr gedoppelten Verlust, zuerst starb ihr Sohn Eusebius, dann wurde der gerade von dem Reichstag zu Regensburg zurückkehrende Capito von der Pest befallen und von ihrer Seite gerissen. Zum drittenmal stand sie vereinsamt da, aber auch diesmal wieder nicht lang, denn Dr. Martin Bucer, der treue Freund und Amtsgehülfe Capito’s verband sich mit ihr. Mit ihm zog sie 1549 nach der englischen Universität Cambridge, wo er als Professor der Gottesgelahrtheit wirken sollte, und manchen schweren Kampf zu bestehen hatte. Vergebens mühte er sich ab, die streitenden Parteien seiner evangelischen Freunde zur Eintracht zu stimmen. Er starb unter diesem Kampfe schon 1551 dahin, und wie bitter seine Feinde ihn haßten, geht daraus hervor, daß sie 1556 seine Gebeine aus der Grabesruhe hervorrissen und verbrannten. Wibrandis fand in Basel eine Zufluchtsstätte, wo sie in stiller Zurückgezogenheit noch bis zum Jahr 1564 lebte. Ihre sterbliche Hülle ward in demselben Grabe niedergelegt, wo schon seit 33 Jahren ihr zweiter Gatte Oekolampadius ruhte.

Margarethe Blarer

Während ihre Brüder Thomas von Blarer als Bürgermeister von Konstanz und Ambrosius als geistlicher Liederdichter für die Sache der Reformation wirkten, ward Margarethe, nach dem Vorbild der Diakonissen der ersten christlichen Kirche, die Dienerin der Armen und Kranken. Es befand sich damals in Konstanz ein ganzer Verein ächt christlicher Gattinnen und Jungfrauen, weit und breit bekannt durch die Hilfe, die sie einheimischen und fremden Kranken, Witwen, Waisen und von der Pest Befallenen angedeihen ließen. Margarethe war die Vorsteherin dieses Vereins. In dieser Hinsicht schrieb Ambrosius im Juli 1541 an sie: „Herzlich bitt ich dich, liebe Schwester, höre nie auf, das Anliegen der Kirche Gottes auf Erden, der ächt evangelischen, dem himmlischen Vater in heißen Fürbitten zu empfehlen. Du weißt, sie leidet übel Noth von allen Seiten und wird angefochten von Gewaltthätigen, geistlichen und weltlichen Standes, von blinden Führern der Blinden. Bitte und erbitte doch mit deinem stillen frommen Hausvölklein, ich meine deiner Hauskirche, daß die bedrängte, verfolgte, wieder zur Ruhe komme, sich erhole, stark werde, aufblühe und Früchte trage für’s ewige Leben. Ja das thust du! Ich darf dir nicht erst meine Gattin und Kinder empfehlen; jene liebst du als Schwester, diese als Mutter. Grüße mir doch deinen ganzen Haushalt, mit allen deinen Armen, Kranken, Presthaften, Nothleidenden, nach Erlösung Seufzenden, welche in dir eine liebende Mutter finden. Sage dem lieben Völklein, wenn es für dich betet, so soll es auch zugleich an mich, deinen Bruder, denken; ich treibe des HErrn Werk wie du, nur jedes auf seine Weise. O wie freut es mich zu sehen, wie schön dich der HErr mit höheren Kräften stärket, daß du nicht erliegst unter den Sorgen allen. Möge Er dir zeitlebens den schönsten Segen gönnen, Hungrige zu speisen, Dürstende zu tränken, Nackende zu kleiden, Fremde zu beherbergen, Kranke zu laben. Wir nähren, tränken, kleiden, verpflegen ja Christum selbst in unsern Kranken. Nochmals, der HErr lohne dir’s Schwester! was du an den Kranken thust in Ewigkeit!“ Aber nicht lange mehr sollte die Getreue also dem HErrn dienen. Als sie bei der verheerenden Pest im Nov. 1541 eine Menge Pestkranke unablässig besuchte, erkrankte sie selbst und entschlief. Von ihrem Heimgang berichtet ihr Bruder Ambrosius: „Sie gab so sanft unter heiligen Reden und mit vollkommenem Vertrauen auf Christum ihren Geist auf, daß man wohl sagen kann, sie ist nicht gestorben, sondern sanft zum HErrn heimgegangen, und hat ihre Seele in die Hände ihres treuen Erlösers übergeben.“

Katharina Luther

Katharina Luther

Katharina von Bora, aus dem altadelichen Geschlecht der von Hugewitz, ward am 29. Januar 1499, 15 Jahre nach Luther geboren. Da ihre Eltern wenig bemittelt waren, so kam sie noch sehr jung in das adeliche Fräuleinkloster Nimtschen, unweit Grimma an der Mulda, wo sie Gott auf die ihr von der Klosterordnung vorgeschriebene Weise eifrig zu dienen suchte, bis in ihr und noch acht Klosterschwestern der Wunsch lebhaft wurde, sich aus diesem Zwinger befreit zu sehen; denn auch in ihre abgeschlossene Zelle hatte sich Luthers neue, die Nichtigkeit der Werkheiligkeit aufdeckende Lehre Eingang verschafft. Die Nonnen fanden Mittel und Wege, ihren Wunsch, aus dem Kloster zu kommen, Luthern bekannt werden zu lassen, und dieser veranlaßte einen Bürger von Torgau, Leonhard Koppe, mit einigen Gehilfen in der Nacht vom Charfreitag auf den Ostersamstag am 4. April 1523 die neun Nonnen aus ihrem Kloster zu befreien. Da ihn sein Weg durch das Gebiet des eifrig katholischen Herzogs Georg führte, so mußte er hierbei die äußerste Vorsicht anwenden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß er sich, wie die Torgauische Chronik andeutet, dazu einer Anzahl Heringtonnen bedient habe. Von Torgau kamen die Nonnen am Osterdienstag glücklich in Wittenberg an. Luther verwandte sich bei hohen Gönnern für die Verlassenen, und suchte die jüngeren zu verheirathen. Katharina ward vorläufig von dem Wittenberger Bürgermeister Philipp Reichenbach in’s Haus genommen. Bald hatte sich auch für sie ein Bewerber gefunden, Hieronymus Baumgärtner, aus einem angesehenen Nürnberger Geschlecht, der jedoch, als er bald darauf in seine Heimath zurückkehrte, diesen Plan wieder aufgab, so daß diese Heirath, über welche sich Luther laut eines Briefes an Baumgärtner herzlich gefreut haben würde, nicht zu Stande kam. Nun brachte Luther den Dr. Caspar Glatz, Prediger in Orlamünda, in Vorschlag, und Nikolaus von Amsdorf, Prediger in Wittenberg, erhielt den Auftrag, sie darüber zu befragen. Katharina gestand aber aufrichtig, daß sie zu dem Dr. Glatz keine Neigung verspüre, übrigens nicht abgeneigt wäre, zu heirathen, wenn entweder Amsdorf selbst oder Luther ihr die Hand reichen wollte. Nun hatte zwar Luther schon einige Zeit zuvor die Mönchskleidung abgelegt, aber er hatte bis dahin wenig Lust, in den Ehestand zu treten, daher er auch einmal gestand: „Hätte ich früher Lust gehabt zu freien, so hätte ich mir die Eva Schönfeld (eine andere der neun Nonnen, die er bereits erlebt hatte, und die durch ihre trefflichen Geistesgaben sich vor den andern auszeichnete) erkiest.“ Indes drangen seine Freunde, insbesondere sein Vater, sowie der Kurfürst Johann von Sachsen wiederholt in ihn, er möchte doch endlich einmal selbst thun, was viele seiner Freunde, und darunter auch mehrere Prediger, auf seinen Rath gethan hätten. So kam endlich bei ihm der Entschluß zur Reife, Katharina zu heirathen, und nach seiner Weise folgte Entschluß und That plötzlich auf einander. Es war an einem Dienstag den 13. Juni 1525, daß er seine drei Freunde, den Prediger Dr. Bugenhagen, den Juristen Apell und den Maler Lukas Kranach, mit sich in Reichenbachs Haus nahm, und Katharina um ihre Hand bat. Fast nahm sie Anfangs die Bitte für Scherz, konnte ihm aber das Jawort nicht verweigern. Da verrichtete Bugenhagen urplötzlich die Trauung, und ein kleines Familienfest beschloß den wichtigen Tag.

Erst 14 Tage darauf veranstaltete Luther nach der Sitte der Zeit ein festlichere Hochzeitmahl, wozu er auch seine Eltern einlud. Was Luther an seiner Käthe, wie er sie zu nennen pflegte, hatte, ersieht man am besten aus feinen eigenen Worten, wenn er schreibt:

„Es ist mir mit ihr wohlgerathen, denn ich habe ein fromm getreu Weib, auf welche sich des Mannes Herz verlassen darf, wie Salomo sagt Sprüchw. 31, 11., sie verderbt mir’s nicht. Sie hat mir gedienet nicht blos wie eine Ehefrau, sondern selbst wie eine Magd.“

Man ersieht aus seinen herzlichen Briefen an sie, daß er an ihr eine Frau hatte, der er alles mittheilen konnte, was sein Herz bewegte, die selbst auch an seinen gelehrten Streitigkeiten innigen und frommen Antheil nahm. Insbesondere war es ihre Frömmigkeit und ihr fester Glaube, was ihn so innig mit ihr verband. Jeder Angriff auf seine Person war auch ein Angriff auf ihre eigene Gemüthsruhe. Aber sie wankte nie, sie diente sogar zuweilen dem sonst so glaubensstarken Gatten zur Stütze. Sogar zur Zeit der Pest hielt sie mit ihm aus, und er konnte von ihr schreiben: „Noch ist meine Käthe stark im Glauben.“

Zwar behauptet von ihr ein gewisser Nas, der sie gekannt haben will, sie sei „hochtragenden Geistes gewesen, eigensinnig und stolz, so daß sie mit andern Weibern nicht viel Freundschaft gemacht, weil sie sich um des Ruhmes ihres Mannes wegen höher geachtet, denn jene,“ allein die vertrautesten Freunde und Hausgenossen Luthers, ein Bugenhagen und Justus Jonas, reden von ihr nie anders als auf eine ehrende Weise; es ist daher zu vermuthen, daß jener Nas in demjenigen, was eher ein Lob war, einen Tadel gesehen. Da Luthers Haus in Wittenberg ein Sammelplatz der gebildetsten und geistreichsten Männer jener Zeit war, so mag sich Katharina, welche noch obendrein eine sehr ausgedehnte Haushaltung mit geringen ökonomischen Mitteln zu besorgen hatte, um so mehr für verpflichtet gehalten haben, sich auf den Umgang zu beschränken, den sie in ihrem eigenen Hause haben konnte, als sie ohnedies an Geistesbildung und Seelenadel vielen Frauen ihrer Zeit so voraus war, daß sie in ihrem Umgang nicht viel gewinnen konnte.

Dies ist um so mehr zu vermuthen, da sie allen Nachrichten nach eine sehr verständige und thätige Hausfrau war, die ihr größtes Glück darin fand, ihrem Manne und ihren sechs Kindern sich zu widmen. Wirklich erforderte es auch nicht wenig Fleiß und Gewandtheit, eine solche Haushaltung zu führen, wie Luther sie hatte. Außer seinen Angehörigen speiste er stets noch viele andere Leute, namentlich auch Studenten an seinem Tische und das Haus war nie leer von Gästen. Dazu hatte er eine Feldökonomie sowohl in Wittenberg als in dem benachbarten Zülsdorf. Er selbst besaß fast gar kein Vermögen, hatte eine geringe Einnahme, und war nichts weniger als ein sorglicher Haushalter. Ohne gerade zu verschwenden, achtete er doch des Geldes allzuwenig, und wenn er anfing Almosen zu spenden, dachte er nicht mehr an die Bedürfnisse der Seinigen. Um so mehr bedurfte er eine Frau, die sowohl ihre Zeit als ihr Geld wohl zu Rathe zu halten wußte, der er mit vollkommenem Vertrauen seine ganze Haushaltung überlassen konnte.

Treulich pflegte Katharina Luthern in den verschiedenen Krankheiten, die ihn zumal in den letzten Jahren seines Lebens trafen, und leistete auch hierin Alles, was ein Mann von einer liebenden Gattin erwarten kann. Endlich starb er den 18. Februar 1546 mit der Ahnung: „So lange ich lebe, wird’s wohl Frieden bleiben; wenn ich aber sterbe, so betet. Es wird wahrlich Betens brauchen, und unsere Kinder werden müssen nach den Spießen greifen und wird in Deutschland übel stehen.“ – Es stand nicht lange an, bis Katharina die Richtigkeit dieser Ahnung erprobte. Schon im Jahr 1547 brach der schmalkaldische Krieg aus, Churfürst Johann Friedrich wurde gefangen genommen, und Kaiser Karl V. zog als Sieger in das eroberte Wittenberg ein. Da flohen die treuen Anhänger des Churfürsten und die eifrigen Beförderer der Reformation aus Wittenberge Mauern. Mit ihnen auch Luthers Witwe. Sie flüchtete mit ihren Kindern nach Leipzig, und hier sehen wir sie dem drückendsten Mangel ausgesetzt, sie mußte einen Kosttisch halten, um sich und die Ihrigen nothdürftig zu erhalten. Denn vergeblich hatte sie selbst sowohl als ihre Freunde sich an einheimische und fremde Fürsten um Unterstützung gewandt. Später kehrte sie wieder von Leipzig nach Wittenberg zurück, und lebte daselbst kümmerlich und eingezogen bis zum Jahr 1552, wo abermals die Pest überhand nahm, so daß die Universität nach Torgau versetzt werden mußte. Sie folgte dahin mit drei Kindern. Auf der Reise wurden die Pferde scheu, sie sprang aus dem Wagen und fiel dabei in eine Pfütze. Bald darauf bekam sie, vielleicht in Folge dieses Falles, die Auszehrung, und starb in demselben Jahre den 20. Dezember. Sie liegt in der Torgauer Pfarrkirche begraben, wo noch jetzt ihr Leichenstein zu sehen ist.

Anna Zwingli

Anna Zwingli, eine Tochter Oswald Reinhards und der Elisabeth Wynzürn, wurde zu Zürich um’s Jahr 1487 geboren. Sie verband mit einer außerordentlichen körperlichen Schönheit die edelsten Gaben des Geistes: die statthaftesten Zeugnisse ihrer Zeitgenossen rühmen ihre Frömmigkeit, Sittsamkeit, Treue, Sanftmuth und Herzlichkeit. Kaum aus dem Kindesalter getreten, wurde sie von Johannes Meyer von Knonau, dem einzigen Sohne des Rathsherrn und Reichsvogts Gerold, zur Geliebten erkoren, und da die Ihrigen nichts dagegen einzuwenden hatten, während dagegen der alte Gerold ihn durchaus mit einer Tochter aus einem angesehenen adelichen Hause im Thurgau verheirathen wollte, so ward sie ohne des letzteren Wissen eilends und heimlich in einer Dorfkapelle getraut. Die Folge war, daß der Vater den Sohn von seiner Familie, Tisch und Haus für immer verbannte, alle seine Familienkleinode verkaufte und verschenkte, sich nochmals verheirathete, und seiner zweiten Ehegenossin Regina die Summe von 6000 fl. zu lebenslänglicher Nutznießung verschrieb. So erfuhr Anna gleich Anfangs ihres Ehestandes allerlei Kreuz und Trübsal, dazu war sie in den ersten Jahren kinderlos, und es war zu befürchten, daß ihr Mann, wegen des väterlichen Unwillens zu keinen öffentlichen Bedienungen gelangen würde.

Doch bald wurde der trübe Himmel wieder heiterer. Hans, ihr Gemahl, wurde von der adelichen Zunft in den großen Rath gewählt, und Anna gebar ihm in den Jahren 1509 bis 12 einen lieblichen Sohn Gerold, und zwei Töchter Margaretha und Agatha. Auch zeigten sich nicht alle ihrer neuen Anverwandten so unversöhnlich wie ihr Schwiegervater; denn der Bischof von Konstanz, Hugo von Hohenlandenberg, unterhielt treulich die freundschaftlichste Verbindung mit seinem Vetter Hans, der als Jüngling eine Zeit lang an seinem Hofe gelebt. Auch mußte ein glückliches Zusammentreffen der Umstände dazu dienen, des alten Gerolds Herz wieder günstiger zu stimmen. Eines Tages hatte die Magd seinen jungen Enkel auf den Fischmarkt mitgenommen, und bis sie ihren Einkauf besorgt haben würde, auf einer Fischerkufe niedergesetzt. Gerade sah der Großvater in einem Hause, zum Schnecken genannt, zum Fenster heraus, und erblickte das frische, liebliche Kind, das er noch nicht kannte, weil es bis dahin nicht in sein Haus kommen durfte. Aber der ihm unbekannte Zug der Liebe fesselte so sehr sein Auge bei dem Anblick des Kindes, daß er sich nicht satt sehen konnte, und endlich fragte, wem doch der wunderliebliche Knabe gehöre? Kennet ihr denn das Kind nicht? war die Antwort, es ist ja das sind eures Sohnes Hans Meyer. Da befahl er alsobald, man solle es ihm heraufbringen, nahm es in seine Arme, weinte und sagte: Wiewohl mich dein Vater erzürnt hat, will ich dich dessen doch nicht entgelten lassen, und will dich an deines Vaters Statt zum Kind und Erben annehmen. Wirklich ließ er es auch sogleich in sein Haus, in den Meyerhof tragen, und hielt es von da an, als wie wenn es sein eigen Kind wäre, bis er starb.

Indessen trübte sich der Himmel bald wieder für die gute Anna; denn auch sie sollte, wie so viele Gläubige, durch Kreuz für den Himmel zubereitet werden.

Ihr Gatte fing an zu kränkeln, und nach zweijährigem Leiden entschlief er den 26. Nov. 1517. Anna ward schon in einem Alter von 30 Jahren eine Witwe. Von da an lag ihr die Erziehung und Bildung ihrer hoffnungsvollen Kinder allein ob, sie aber erfüllte treulich ihre Mutterpflicht, und unterließ nicht, um ihren Kindern die Furcht des HErrn zu lehren, und in den jungen Herzen Lernbegierde, Vaterlands- und Menschen-Liebe zu begründen. Der Knabe Gerold benützte die von Jahr zu Jahr sich ausdehnenden Unterrichtsanstalten der Vaterstadt, und als durch des Reformators Ulrich Zwingli’s heilbringenden Einfluß sich über Stadt und Land ein neues Leben und bei vielen Hunderten der thätigste Eifer für das Evangelium verbreitete, so waren Anna und ihre Kinder von den ersten, bei welchen dies bemerkbar war.

Zwingli, der wohl erkannte, daß von der Bildung der Jugend das Schicksal künftiger Geschlechter wesentlich abhänge, war unermüdet, um die Gemüther und Anlagen der heranreifenden, für das Gute empfänglichen Jugend zu erforschen, und jedes sich auszeichnende Talent in seiner Entwicklung zu unterstützen. Bald wurde der tiefblickende Mann auch auf Gerold aufmerksam. Er selbst widmete dem, wenn schon noch jungen Schüler einen nicht geringen Theil seiner kostbaren Zeit, und führte ihn in die erhebende Bekanntschaft der alten Römer und Griechen ein. Schon 1520 hielt er ihn für reif genug, um nach Basel, dem damaligen Hauptsitz schweizerischer Gelehrsamkeit, gesandt zu werden, wohin er ihn an die trefflichsten Lehrer empfahl und durch Briefwechsel noch weiter zu fördern bemüht war.

Mittlerweile schritt das Reformationswerk auch in Zürich immer mehr voran. Zudem man sich bemühte, alle kirchlichen Einrichtungen wieder auf die Grundsätze des apostolischen Christenthums zurückzuführen, stellte man auch die bis ins zwölfte Jahrhundert in Uebung gewesene Priesterehe wieder her.

Die sittenlose Ungebundenheit, welche bis dahin bei einem großen Theile der Geistlichkeit in Folge des päpstlichen Eheverbote herrschend gewesen war, brachte es dahin, daß man anfing, die eheliche Verbindung von den evangelischen Predigern wirklich zu fordern. Allerdings waren die ersten Beispiele wegen ihrer Neuheit auffallend, dennoch wurden die Priesterheirathen immer häufiger. Endlich erkannte auch Zwingli, bereits ein Mann von 40 Jahren, daß es seine Pflicht sei, in den Ehestand zu treten, und seine Wahl fiel auf Anna. Schon seit seinem ersten Auftreten war sie eine seiner aufmerksamsten Zuhörerinnen gewesen. Ihre Frömmigkeit, Bescheidenheit und Muttertreue war ihm nicht verborgen geblieben: durch seinen Schüler Gerold war er ja mit ihren Verhältnissen noch näher bekannt geworden.

Bereits hatte Anna die Jahre der Jugend hinter sich, und ihr Vermögen war gering; denn es bestand nebst einigen kostbaren Kleidern und Kleinodien aus nicht mehr als vierhundert Gulden und einem Leibgeding von 30 fl. Aber Zwingli suchte bei ihr Anderes als körperliche Reize und irdische Güter. Schwere Erfahrungen hatten ihrem ganzen Charakter und Benehmen einen Ernst eingeflößt, aus welchem ihre stillen, aber thätigen Tugenden desto schöner hervorleuchteten, und zu der Hoffnung berechtigten, sie würde eine treffliche Priestersfrau werden. Hierauf blickte Zwingli bei seiner Wahl, und seine Hoffnung ward nicht getäuscht. Nachdem er sich am 2. April 1524 mit Anna vermählt, faßte sie sogleich mit richtigem Blicke die ganze ernste Bedeutung der ihr gewordenen Aufgabe. Sie wußte, daß sie die Gehilfin eines Mannes geworden, auf dessen öffentliche Stellung viele tausend Blicke und Erwartungen gerichtet waren, und war bereit jedes Opfer zu bringen, das in diesen Verhältnissen zum gemeinen Besten von ihr gefordert werden sollte. So eingezogen und bescheiden sie bis dahin gelebt, so dünkte es sie doch, sie müßte als Priestersfrau es hierin noch strenger nehmen. Sie entsagte von nun an gänzlich jeglichem Gebrauch der kostbaren Kleider und Kleinodien, die ihr von der früheren Verbindung her geblieben waren. Dem Gatten, den mannigfaltige Berufspflichten, schriftstellerische Arbeiten, ein ausgebreiteter Briefwechsel, Besuche und Anfragen von Hohen und Niedern in stets angestrengter Thätigkeit erhielten, erleichterte sie dieselbe, wo und soviel sie konnte. Sie erheiterte seinen Geist in trüben Stunden. Ihr verständiges und unbefangenes Urtheil diente ihm nicht selten als gewichtiger Rath, und bei dem allgemeinen Vertrauen, das sie genoß, und bei dem reichen Schatze ihres ganz für Gott und ihre Mitmenschen schlagenden Herzens, befriedigte und beruhigte sie, wenn der Gatte von Geschäften überladen, sich nicht jedem Besuche unbedingt hingeben konnte, manche des Trostes und Rathes bedürftige Gemüther durch die freundliche und herzliche Auskunft, den ihr theilnehmendes Wort ihnen gewährte. Die Armen fanden stets bei ihr Gehör, die Kranken besuchte sie fleißig, indem sie wohl wußte, daß es eine gottgefällige Handlung ist, unglückliche Menschen aufzusuchen, und daß unser Heiland sagt: „Was ihr gethan einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan.“ Zwingli theilte ihr viele seiner Schriften vor dem ersten Abdrucke mit, und ihr Urtheil war ihm nicht unwichtig. Die ersten Magistratspersonen Zürichs, die Prediger und die übrigen Gelehrten, die sich häufig in seinem Hause einfanden, waren alle voll Achtung für die verständige Hausfrau, und für ihr zwar immer bescheidenes und schüchternes, aber nur desto richtigeres Urtheil, das oft durch bloße Fragen manchen raschen Gedanken milderte.

Aber auch dieser neue Ehestand Anna’s war kurz und mit schweren Bekümmernissen erfüllt. Stete Drohungen und Nachstellungen waren auf Zwingli gerichtet. Seine Reise zur Berner Disputation 1528 und zum Marburger Religionsgespräch 1529 mußte in Geheimnis gehüllt werden, und dennoch fiel bei der ersten Reise in der Nähe von Mellingen auf ihn und seine zahlreiche Begleitung unversehens ein Schuß.

Als 1529 die unglücklichen Mißverhältnisse in Religionssachen die schweizerischen Eidgenossen beider Parteien zahlreich in’s Feld führten und die bewaffneten Scharen auf der Grenze der Kantone Zürich und Zug einander gegenüberstanden, mußte Zwingli als erster züricher Geistlicher ebenso im Felde wie vorher zu Hause die öffentlichen Gefahren theilen; doch versöhnten sich für diesmal die Entzweiten bald wieder und Zwingli kehrte unversehrt zu den erfreuten Seinigen zurück. Aber nach kurzer Zeit loderte die Flamme der Zwietracht wieder auf, die Erbitterung zwischen beiden Religionsparteien stieg immer höher und in eben dem Maße, wie die Gefahr von Außen sich vermehrte, verschwand in Zürich unter denen, die sich zur Reformation bekannten, insbesondere bei vielen bedeutenden Männern, die bisher bestandene Zusammenstimmung. Die Klugheit, mit welcher die öffentlichen Angelegenheiten waren geleitet worden, wurde nicht mehr beibehalten. Rasche Männer, die in Allem durchgreifen wollten, verkannten bei ihren Rathschlägen das Bedürfnis einer sorgfältigen Umsicht, die bisher das Ganze zusammengehalten hatte. Man wollte mit Einem Male Alles verbessern, und beschränkte sich nicht auf das Nothwendige. Daraus gingen Schwankungen und gefährliche Gegenwirkungen hervor; aber auch dies belehrte die Heftigen nicht. Die meisten älteren Magistratspersonen, welche noch an der Spitze standen, überließen sich nun den Empfindungen der Eifersucht gegen diejenigen, welche jetzt oft ihren Einfluß überwogen. So kam Unordnung in die öffentliche Verwaltung, und als am Abend des 9. Okt. 1531 ein Bote nach dem andern meldete, daß die fünf Orte: Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug mit bewaffneter Hand gegen Zürich heranrücken und bereits der Grenze sich nähern, so fehlte es nicht allein an den Vorbereitungen zur Gegenwehr, die längst hätten getroffen sein sollen, sondern es war auch dem Bannerherrn Schweizer trotz aller Bemühung nicht möglich, den kleinen Rath zu bewegen, sogleich eine Kriegsschar ihnen entgegen zu senden. Erst als am 10. Okt. früh die Kunde eintraf: aus dem biedern Volke der Herrschaft Knonau habe eine Anzahl Entschlossener sich beim Kloster Cappel versammelt, die laut fragen, ob sie denn verlassen und vollende verrathen seien? wurden 100 Mann dahin beordert, über welche man den nicht ohne Grund für verdächtig geachteten Georg Gördli zum Anführer setzte. Umsonst drangen kräftige und überlegende Männer darauf, daß man den Landsturm ausziehen lassen möchte; doch erst des Nachmittags wurde der große Rath versammelt, und erst in der Nacht wurde. beschlossen, den Landsturm aufzubieten und an die verbündeten Städte Aufforderungen zur Hilfeleistung zu erlassen. Den andern Tag kamen gegen 10 Uhr etwa 700 Mann zusammen, unter ihnen viele Greise und ältere Männer; noch war Mancher nicht vollständig gerüstet, keine gehörige Eintheilung war geschehen, aber neuere Nachrichten von dem Herannahen der Gegner erlaubten kein Zögern, wenn man nicht die kleine Schar bei Cappel der überlegenen Macht eines kühnen und im Kriege erfahrenen Feindes aufopfern wollte. Stille und ernst war der Aufbruch; große Pflichten, enge und heilige Bande zogen manchen der zum Kampfe Entschlossenen an diejenigen, die mit bangen Besorgnissen erfüllt, ihn so lange, als es noch möglich war, zurückhielten. Zwingli, vom Rathe aufgefordert, die Schar zu begleiten, entsprach willig dem Rufe; aber sein Scheiden von der innigst geliebten Gattin und den theuren Kindern, von zahlreichen Freunden, die sich um ihn drängten, war schwer. Das Zurückweichen des Pferdes in dem Augenblicke, wo er es bestieg, erfüllte Alle mit bangen Besorgnissen. Er selbst war standhaft, aber tief ergriffen und nachdenkend, und schied von den Seinigen mit großer Bewegung.

Es war nahe an 11 Uhr, als der kleine Haufe Zürich’s Thore verlassen hatte, und noch war die Berghöhe vor ihnen, als der Donner des schweren Geschützes ihnen schon über die Lücke des Albisgebirges her Beschleunigung zurief. Mit dem geliebten Gatten hatte Anna ihren Sohn Gerold, und noch andere ihrer nächsten Anverwandten in dem kleinen Häuflein wegziehen sehen, wohlbewußt, welchem großen gefährlichen Zwecke dasselbe sich weihe.

Leicht läßt es sich denken, mit welchen Gefühlen, in wie tiefem Nachdenken und inbrünstigem Gebete Anna die bangen Stunden durchlebte und durchwachte bis zur Entscheidung des unglückseligen Kampfes. Das dumpfe Hallen des schweren Geschützes konnte sie in ihrer Wohnung hören. Die Kunde von den auf einander folgenden Boten, die zur Hilfe aufforderten und zugleich die Stärke der wohlgerüsteten Gegner und die Bedrängnisse der Angegriffenen schilderten, blieb ihr nicht verborgen. Aber die schreckliche Nachricht, die am Ende eintraf, erreichte das höchste Maß des Unglücks, das unter diesen Umständen auf die Schwergeprüfte fallen konnte. Kein Anblick, kein Gruß, weder Trost noch Rath von einem ihrer Theuren war ihr mehr beschieden. Außer dem Gatten und dem Sohne waren auch ihr Bruder Bernhard Reinhard, ihr Tochtermann Anton Wirz, und der Gatte ihrer Schwester, Hans Lütsch, umgekommen. Nur ihr zweiter Tochtermann, Balthasar Keller, den man mit vierzehn Wunden ebenfalls für todt gehalten, und der auf dem Schlachtfelde bei Cappel liegen geblieben war, hatte sich bei Nacht wieder aufgerafft und gerettet. Außer ihren zwei Töchtern erster Ehe waren ihr noch drei Kinder zweiter Ehe, zwei Knaben Wilhelm und Ulrich, und ein Mädchen Regula geblieben; diese theilten kindlich ihre Klagen und ihre Thränen, sie waren auch nach Gottes gnädiger Führung dazu bestimmt, in ihrem zweiten Witwenstande sie zu trösten und ihren Muth aufrecht zu erhalten. Außerdem erfreute sie sich der herzlichen Theilnahme vieler Freunde ihres entschlafenen Gatten, denen sein früher Hingang und ihr abermaliger betrübter Witwenstand sehr nahe ging. Wie aus Einem Munde und aus Einem Herzen äußerten sich Alle gegen sie, ermahnten sie zu standhaftem Glauben an Christum und seine Wiederkunft, und zum Vertrauen auf Gott in ihrer Trübsal, und zu einem gottseligen Sinne und Leben.

Unter Andern schrieb ihr Simpert Schenk, früher Carthäusermönch, nachher Reformator der Reichsstadt Memmingen:

„O fromme, liebe Frau! seid getreu! weder ihr noch  wir haben Zwingli und die Andern verloren: denn wer an Christum glaubt, der hat das ewige Leben. Daher ist meine Ermahnung, wenn ihr den lieben Zwingli im Haus, bei den Kindern, bei euch, auf der Kanzel, bei den Gelehrten nicht mehr leiblich findet, so gedenkt, er sei im Haus Gottes, bei allen Kindern Gottes, da er hört den Mund der Weisheit und das Gespräch der Engel. Es behüte und tröste euch sammt euren Kindern der barmherzige liebe Gott, und verleihe euch Stärke im heiligen Geist, alle Trübsal im HErrn zu überwinden. Amen.“

Sie selbst ergoß die Klage ihres Herzens in einem Trauerliede, in dessen letzten Versen sie sich also an die Bibel wendet:

Komm du, o Buch, du warst sein Hort,
Sein Trost in allem Uebel.
Ward er verfolgt durch That und Wort,
So griff er nach der Bibel,
Fand Hilf‘ bei ihr –
HErr, zeig‘ auch mir
Die Hilf‘ in Jesu Namen!
Gib Muth und Stärk‘
Zum schweren Werk‘
Dem schwachen Weibe! Amen.

Von dieser Zeit an lebte Anna noch eingezogener als zuvor. Sie widmete sich ganz ihren verwaisten Kleinen, und ihren Töchtern erster Ehe, sowie ihrer gleichfalls schwer geprüften verwitweten, von drei Waisen umgebenen Schwiegertochter. Gott erheiterte ihr indes noch die letzten Tage ihres Lebens. Bald nahm sie Zwingli’s würdiger Nachfolger, Heinrich Bullinger, als ein ehrwürdiges Andenken an seinen großen Vorgänger, mit ihren Waisen in seine Haushaltung auf, und behielt sie bis an das Ende ihrer Tage bei sich. Von nichts Anderem, als wie sie Gott diente, und ihren Nächsten liebte, sprechen die wenigen Nachrichten, die von dieser Zeit an über die fromme Dulderin auf uns gekommen sind. Aber ihr Leben eilte jetzt schnell seinem Ziele zu, und schon am 6. Dez. 1538 vollendete sie in einem Alter von 51 Jahren ihren Erdenlauf.