Christiana

Das Land Iberien liegt wohlgeborgen zwischen zwei großen Meeren und zwei großen Gebirgsketten: in der Richtung von Osten nach Westen zwischen dem kaspischen und schwarzen Meere, nach beiden Seiten von Bergen gedeckt: in der Richtung von Norden nach Süden zwischen den kaukasischen und armenischen Bergen. Die Nachbarschaft könnte an die heidnischen Sagen erinnern, welche schon die Knaben in der Schule zu lernen anfangen, ohne in den tieferen Sinn einzubringen, an die Sage vom Prometheus und seiner Strafe im Kaukasus, an die Fabeln von Kolchis und Phasis, von dem goldnen Vließe und der Argo, von Jason und Medea. Iberien ist später unter dem Namen Georgien bekannter geworden: und jetzt bildet es die russische Provinz Grusien. Der Landstrich ist von der Natur reichlich ausgestattet. Getreide, Wein und Oel gedeihen in Fülle und in vorzüglicher Güte. Und wer hätte nicht von der Schönheit der Menschen in Georgien am Kaukasus, den südlichen Nachbarn der Tscherkessen, etwas gehört? Der Hauptstrom hieß sonst Cyrus, jetzt Aur. Die Hauptstadt ist jetzt Tiflis: in den ältesten Zeiten war die Hauptstadt Mtskhetha (Mezchita) genannt, in uralter Zeit von Mitsthethos erbaut. Aber welche Veränderungen sind seit zwei Jahrtausenden über das Land ergangen! und wie ist es jetzt beschaffen? Seit 1807 befinden sich die sämmtlichen Archive des Landes mit allen historischen und wissenschaftlichen Schätzen in Petersburg. Damit scheint die Geschichte des alten Landes Iberien für jetzt abgeschlossen zu sein.

In eben diesem Lande Iberien finden wir am Anfange des vierten christlichen Jahrhunderts mitten unter dem heidnischen Volke eine christliche Magd, von welcher uns noch aus demselben Jahrhundert durch einen Fürsten dieses Landes, Namens Bacurius, wohlverbürgte Kunde zugekommen ist, aber nicht ihr Name: darum heißt sie Christiane d. h. Christin. Sie war entweder durch Kriegsgefangenschaft in die Iberische Sklaverei gerathen, oder durch ein anderes widriges Ereigniß zur Flucht gezwungen und auf dieser der Dienstbarkeit in der Fremde verfallen. Ohne Zweifel stammte sie aus dem benachbarten Lande Armenien, in welches schon seit dem zweiten Jahrhunderte die Botschaft von Christo wenigstens einigen Eingang gefunden und endlich auch den König des Landes gewonnen hatte. Aber in Iberien war es noch finstre Nacht, als die Jungfrau daselbst ankam, wie ein Licht an einem dunkeln Ort. Zunächst war es der schlichte Wandel im einfältigen Glauben, mit welchem sie zeugte, treu, nüchtern, züchtig, wie sie war: sie fastete, sie betete, sie blieb oft in der Stille, entfernt von dem Treiben der Menschen: das mußte befremden, der Abstand gegen das heidnische Leben trat auch ohne Wort hervor. Man fragte bald: woher kommt das? Ihre Antwort war: Nicht aus mir selber! Und nun zeugte sie auch durch das Wort von Christo, dem wahrhaftigen Gotte, wie einst Petrus. (Matth. 16,16.) Die Heiden verwunderten sich, denn es war ihnen ein Neues: aber das war auch alles, weiter reichte der erste Eindruck nicht. Später geschah es, so berichtet die Sage, daß ein todtkrankes Kind nach der Sitte des Volkes von der Mutter überall herumgetragen wurde, ob etwa Jemand ein Heilmittel gegen die Krankheit hätte. Die Mutter geht von Haus zu Haus; aber all ihre Mühe war vergeblich gewesen. In der Angst und Sorge geht sie nun auch zu der christlichen Magd. Diese nimmt das Kind und setzt es auf ihre Decke und betet darüber zum Herrn. Da wird das Kind gesund unter Anrufung des Namens Jesu Christi. So gibt sie es der Mutter zurück.

Das Gerücht von dieser Heilung geht von Mund zu Mund: es gelangt bald auch zu den Ohren der Königin, welche an schwerer und schmerzlicher Krankheit hart darnieder lag. Die Königin schickt nach der Jungfrau, aber diese scheut sich, nach dem Schlosse zu kommen: es dünkt ihr zu anmaaßlich und vermessen, und für das weibliche Geschlecht insbesondere nicht schicklich; sie war sich auch wirklich keiner eigenen Wunderkraft bewußt und wollte nicht damit sich selbst groß machen. Da läßt sich die kranke Königin in die Hütte der Magd tragen; und hier geschieht der hohen Patientin auf Anrufung des Herrn Jesus, wie dem kranken Kinde geschehen war: sie geneset alsbald. Die Magd aber verkündet, daß nicht sie, sondern Gott in Christo, welcher das Gebet in Christi Namen erhöre, der Kranken Gesundheit und frisches Leben wieder geschenkt habe. So kehrt die Königin erfreut und verwundert in ihren Palast zurück, sie eilt zum Könige; sie preiset Christum als ihren Arzt und Helfer, sie bittet ihren Gemahl, zum Dienste des wahren Gottes sich zu bekennen, und das Volk dazu anzuleiten. Der König freut sich des Wunders um der Gattin willen, aber er zögert, etwas weiteres zu thun: die Königin erinnert ihr Anliegen mehr als einmal, aber der König verschiebt die Ausführung stets auf eine gelegenere Zeit.

Endlich geschieht es, daß ihn auf einer Jagd mitten am Tage urplötzlich ein dicker Nebel wie die finsterste Nacht befällt. Er wird von seinem Gefolge getrennt, er kann nicht rückwärts, nicht vorwärts. In der Angst ruft er nach seinen Göttern, aber umsonst. Die Finsterniß wird immer drückender: er weiß nicht aus, noch ein. Da erinnert er sich des Herrn, der Gebete erhören kann, er ruft zu dem Gotte der Sklavin. Er betet zu Christo: wenn er wirklich Gott sei, wie die Sklavin seiner Gattin bezeuget habe, so möge er ihn aus dieser Finsterniß befreien; er gelobt zugleich auf ein solches Zeichen seinen unsichtbaren Erretter schuldigermaaßen anzubeten. Da wird plötzlich aus der Nacht wieder lichtheller Tag, wie vorher aus hellem Tage plötzlich Nacht geworden war.

Der gerettete König eilt jetzt zu seiner Gattin zurück, um nun sein Gelübde und ihre Bitte zugleich zu erfüllen. Die Magd wird herbeigerufen: sie erzählt alles, was sie weiß, von der Offenbarung Gottes in Christo, sie erzählt, wie sie festiglich glaubt, von dem Heiland der Welt, in dem allein Heil ist. Sie gibt auch Unterricht, so gut sie kann, über christlichen Gottesdienst und christliche Gebetesweise.

Von der Botschaft ergriffen, predigen nun der König und die Königin selbst; durch ihn werden viele Männer gläubig, durch sie viele Frauen: so wird ausdrücklich berichtet.

Auf den Rath der Magd wird auch der Bau einer christlichen Kirche beschlossen; die fremde Jungfrau beschreibt die Form des Baues, so gut sie kann. Das Werk wird mit Eifer begonnen. Bald ist die Kirche vollendet und zum Gottesdienste zugerichtet.

Jetzt fehlte es nur noch an geweihten Priestern und an einem Bischofe. Auf den Rath der Jungfrau wurde deshalb eine Gesandtschaft an den Kaiser Konstantin abgeordnet. Der Kaiser gewährt die Bitte, denn er freute sich über diese Kunde viel mehr, als er sich über irgend einen Zuwachs fremder Reiche zur Römischen Weltherrschaft hätte freuen können. Ein alter armenischer Schriftsteller nennt die Jungfrau, um sie nicht ohne Namen zu lassen, Nunia; und den König nennt er Miranus. Nach ihm ist die Jungfrau eine der heiligen Frauen gewesen, deren Konvent durch ein widriges Ereigniß aufgelöset und zur Flucht genöthigt war, auf welcher Nunia nach der Hauptstadt Mezchita verschlagen ward.

Von dem weiteren Leben der merkwürdigen Jungfrau schweigen übrigens die Nachrichten gänzlich. Ihre Person tritt hinter der großen Angelegenheit, um die es sich handelt, mehr als in anderen Erzählungen gleicher Art zurück. Wie der Name, so bleibt auch das fernere Schicksal und das Ende der fremden Magd fremd und im Dunkel; es wird auch wohl dunkel bleiben, bis am Ende Alles wird offenbar werden.

Zunächst halten wir historisch daran fest, daß es eine geringe Frau war, welche zuerst für Iberien das Amt der Mission verwaltet hat. So waren es auch Frauen, welche zuerst herzutraten und gläubig wurden, erst eine Mutter mit ihrem kranken Kinde, dann die Königin des Landes selbst. Unter einer Königin, Namens Thamar, gelangte das Land auch später am Ende des zwölften Jahrhunderts zu seiner weitesten Ausdehnung vom schwarzen bis zum kaspischen Meere, und in politischer wie in kirchlicher Beziehung zu seiner höchsten Blüthe. Den Grund dazu hatte Niemand anders gelegt, als eine geringe Magd: ihrem Gedächtnisse ist im Römischen Heiligen-Kalender der 15. December gewidmet, statt ihres Namens wurde sie als die Magd oder die Christin eingezeichnet. Der 15. December gilt mithin als ihr himmlischer Geburtstag: er erinnert wie jeder Kalendertag an den Tod, der auch uns nahe bevorsteht zu einem neuen Leben. Aber er kann uns zugleich, so oft er wiederkehrt, als ein Missionsfest dienen: er mahnt namentlich an die Mission, die auch den Frauen zu ihrem Theile befohlen ist; er mahnt an die innere und äussere Mission zumal, denn Christiane war in der Lage, daß sie mit einer auch die andere übte. In der Erzählung selbst berühren sich, wie in allen historischen Anfängen, Geschichte und Sage oder schriftliche und mündliche Ueberlieferung treuherzig und einfältig mit gleicher Wahrheit. Der Inhalt der Geschichte mahnt zugleich an das wunderbare Verhältniß des Menschen zu Gott durch Christum, wie es im Gebete gegeben und durch das Wort Gottes offenbaret ist, wie es in der Gebetserhörung sich selbst offenbart. So erkennen wir auch an diesen Thatsachen, wie Gott denen, die ihn anrufen, über alles ihr Bitten und Verstehen gibt, welches geschieht, indem ihnen zu dem Erbetenen dasjenige mitgegeben wird, ohne welches das menschliche Herz bei Befriedigung aller einzelnen ausgesprochenen Wünsche dennoch im tiefsten Grunde unbefriedigt bleibt. Die um leibliche Gesundheit bitten, erhalten Heilung und Erquickung für die Bedürfnisse der Seele zur Genesung. Die in der Nacht um das helle Tageslicht bitten, empfangen zugleich einen hellen Schein in’s Herz, der in das ewige Leben reicht. Und wie das mangelhafte Gebet, so wird auch der mangelhafte Glaube mittelst des Gebetes ergänzt; denn auch die werden erhört, und mehr als erhört, die noch nicht glauben, so sie nur einfältig bitten, und den guten Willen haben zu glauben, wenn ihnen ein Zeichen wird durch Erhörung. So schlicht und einfach die Sage ist, so führt sie doch in die Tiefen des Wunders überhaupt, in welchem sich jene Welt mit dieser berührt, durch welches die niedere Welt erinnert wird an die obere und an die Wirklichkeit der obern Welt mittelst lautpredigender Zeichen. Zugleich eröffnet uns die Geschichte, wie sie uns überliefert ist, einen Einblick in die unterschiedenen Wege und Weisen, in welchen sich die Liebe Gottes zu den einzelnen Menschen herabläßt: sie lehrt uns, wie die suchende Gnade, bald aus Leicht- und Weltsinn abgewiesen, bald in gemächlicher Sicherheit überhört, endlich doch den Sieg behält, dem Ueberwundenen zum Segen. So sehen wir auch, wie Menschenwitz und Menschenkraft erst gebrochen und alle Höhen eigener Hülfe abgetragen werden müssen, ehe die Kraft Gottes in dem Schwachen mächtig werden kann.

So ist nicht minder historisch gewiß, daß mit dem Christenthum auch hier wie überall sittliche Hebung und wissenschaftliche Regsamkeit begann: es erwuchs nun auch allmählig eine nicht unergiebige Literatur, erst kirchliche, dann weltliche und poetische. Und es hat sich das Christenthum unter den Iberiern, seit jenen Anfängen in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts, wenn auch unter manchen Wandelungen und Verirrungen, in orientalischer Weise erhalten bis auf diesen Tag.

C. F. Göschel in Berlin.

Agnes

Die heilige Agnes, durch ihren Namen schon als die „unbefleckte“ und „jungfräuliche“ gepriesen, prangt unter den Blumen des Märtyrergartens Gottes als die weiße Lilie, und gewährt durch den grellen Gegensatz ihrer zarten Jugend und des blutigen Looses, das ihr, der dreizehnjährigen schon, während der Diocletianischen Verfolgung beschieden war, vor Andern einen eben so erhebenden als rührenden Anblick. Römerin von Geburt, einem edeln Geschlecht entsprossen, hatte sie aus den Verkündigungen der verachteten Nazarener nicht so bald den Herrn Jesum, und in Ihm den Sohn des lebendigen Gottes und einigen Heiland der Welt erkannt, als sie auch mit jener ungetheilten, feurigen Liebe sich Ihm hingab, die nichts mehr weiß noch wissen mag, als Ihn, und alle Herzen Ihm glaubt erobern zu müssen. Wirklich gelang es ihr, ihrer Gespielinnen und Gefreundeten Viele mit dem Odem ihrer heiligen Begeisterung erwärmend anzuhauchen und Christo zuzuführen. Was Wunder, daß darob des Satans Neid entbrannte? – Schien doch durch die Zartheit des Gefäßes, welches das Himmelslicht umschloß, dem letztern ein nur um so siegreicherer und ungehemmterer Durchbruch in die Nacht des Heidenthums ermöglicht. Wie fein jedoch der Arge seine Netze spinnen und wie scharf er seine Pfeile schleifen mochte, der Takt der Unschuld erweist sich im immer feiner, und undurchdringlich ist der Schild des Glaubens.

Es währte nicht lange, als auch Agnes die Wahrheit des apostolischen Wortes erfuhr, daß “ Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, Verfolgung leiden müssen.“ – Der Vorgesetzte der Stadt, Symphronius nennt ihn die Ueberlieferung, dem der stille aber mächtige Einfluß der jungen Bekennerin mehr und mehr ernste Besorgnisse für die Religion des Staates einzuflößen begann, stellte ihr endlich, nachdem alle Ueberredungskünste an der Klarheit ihres Geistes, wie an der Festigkeit ihres Glauben gescheitert waren, unter feierlicher Geltendmachung seiner ganzen Amtsgewalt die Wahl, entweder durch ein den Göttern, und, falls sie es vorziehe, immerhin nur der jungfräulichen Minerva, dargebrachtes Opfer dem Christenthum förmlich zu entsagen, oder sich auf das Loos einer öffentlichen Preisgebung gefaßt zu halten.

Mit dem Gleichmuth einer Seele, die in den Händen Dessen sich geborgen weiß, der den Seinen verheißen hat, daß er sie behüten wolle „wie einen Augapfel im Auge,“ entgegnete Agnes: „Kenntest du den Herrn, dem ich diene, du muthetest Solches mir nicht zu. Ich verkünde dir, daß mein Herr weder bis zum Rückfall zu deinen Götzen mich verlassen, noch zugeben wird, daß man meines Kranzes mich beraube!“ –

„So weihe ich dich denn der öffentlichen Entehrung,“ herrschte der Präfekt, und ertheilte Befehl, daß man die Störrige an der Ecke einer volkreichen Straße ausstelle. Also geschah’s. – Da stand sie denn wie ein stilles Opferlamm, aber getrost in Gott. Und siehe, die Menge wogte still und ehrfurchtsvoll wie an einer Heiligen an ihr vorüber, und Niemand fühlte sich auch nur versucht, einen verletzenden Blick ihr zuzuwerfen. Zuletzt erfrechte sich ein loser Bube, mit frevelm Ansinnen der Jungfräulichen sich zu nähern; aber nicht allein wich er vor dem Glanze der Unschuld, der wie ein himmlisches Lichtgewand die Holdselige umfloß, beschämt und verwirrt zurück, sondern wurde auch in demselben Augenblicke wie von einem ungesehenen Blitz getroffen, und stürzte geblendet und halbentseelt zu Boden. Die Ueberlieferung meldet, daß er in Folge der Fürbitte der Agnes Leben und Augenlicht wieder erhalten habe.

Diese Thatsachen indeß vermochten die Erbitterung der Feinde so wenig zu beschwichtigen, daß sie vielmehr nur neues Oel in dies selbe gossen. „Hinweg mit der Zauberin! “ schrie die tobende Rotte um so ergrimmter, je mächtiger sich das Gefühl, besiegt zu sein, in ihnen geltend machte, und der Präfekt verurtheilte die Schuldlose als eine „Verächterin der Götter“ und „Verführerin des Volks“ zum Tode durch das Schwert. –

Der Henker naht. Freudig, als ging’s zu einem Ehrenthrone, wandelt sie zum Blutgerüste. – Der Dichter Prudentius, den wir aus seinem Lobgesange auf den heiligen Laurentius schon kennen, besang in seinem Buche „von den Siegeskränzen“ auch das Märtyrerthum der heiligen Agnes, und legt dieser in dem Momente, da der Mordstahl sich wider sie entblößte, folgende Werte in den Mund:

„Vor einem Werber, rauher Mann, wie Du,
Der mit dem Schwerte schreitet auf mich zu,
Der statt mit Salbenduft und Schmeichelwort
Mit finstrer Drohung mir sich naht zum Mord, –
Vor einem Solchen kommt kein Graun mich an,
Ja freudig will ich selber ihm mich nah’n.“.
Der Dichter fährt dann fort:

„Sie spricht’s, und während drauf zum Herrn sie fleht
In stillem, heißem, innigem Gebet,
Hält sie das Haupt gesenkt, damit es gleich
Empfange den ersehnten Todesstreich.“

Der schauerliche Streich erfolgte, und „Christus,“ – so sagt der heilige Ambrosius in seiner der Verherrlichung der heiligen Agnes gewidmeten Gedächtnißrede, – „Weihete sich die Jungfrau, schön geschmückt mit dem Rosenrothe ihres eigenen Blutes, in der zweenfachen Würde einer Bekennerin und einer geistlichen Braut.“ Prudentius singt von ihrem Tode also:

„Was sie gewünscht, erfüllt des Schergen Hand:
Es fällt der Streich, – Heil ihr! – sie überwand.
Schnell kam der Tod dem Todesschmerz zuvor.
Es ringt der Geist sich los und schwebt empor.
Sie sieht, wie Gottes Engel ihr sich nah’n
Und sie geleiten hoch auf lichter Bahn.
Sie schaut erstaunt den Erdkreis unter sich
Von Dunkel eingehüllt, – sein Glanz erblich!
Sie lächelt über allen Tand der Welt,
Und Alles, was der Sonne Strahl erhellt;
Was in der Dinge dunkelm Lauf entsteht,
Und in der Zeiten raschem Flug vergebt:
Tyrannen, Königreiche, Glanz und Pracht,
und Ehre, die den Thoren eitel macht;
Gold, Silber, was der Menge Gier erweckt,
Und oft das Herz mit Sünd‘ und Schuld befleckt;
Der Prachtgebäude stolze Herrlichkeit,
Der Prunkgewänder eitle Nichtigkeit;
Gefahren, Sorgen, Wünsche, Haß und Zorn,
Der Freude Rose mit des Schmerzes Dorn,
Des blassen Neides Fackel, deren Rauch
Die Hoffnung trübt, den Ruhm der Menschen auch;
Und, was der Uebel schrecklichstes: die Nacht
Des Heidenthums und seine finstre Macht.
Dies Alles sieht sie tief im Nebelmeer
Vergeh’n, und siegreich schreitet sie einher.
Ihr Fuß tritt auf des alten Drachen Haupt,
Der Alles, was der Erde Tand bestaubt,
Vergiftet und zuletzt mit jähem Riß;
Hinabstürzt in das Reich der Finsterniß.
Er liegt gebändigt vor ihr wie ein Lamm,
Und senkt des feuerspei’nden Hauptes Kamm,
Und hebt, besiegt, den Nacken nicht mehr auf.
Indessen schwebt sie höher noch hinauf:
Da schmückt der Herr mit einem Doppelkranz
Der jungfräulichen Martyrstirne Glanz:
Der eine beut ihr sechzigfachen Lohn
Für all das Leid, dem sie nunmehr entfloh’n,-
Und hundertfachen beut der andre dar
Im Reich des Lichts, in der Gerechten Schaar!“

Die Eltern der Agnes, durch sie dem Herrn zugeführt, wachten nachmals öfter ganze Nächte durch in wehmüthiger Erinnerungsfeier bei dem Hügel der Verklärten, und wurden daselbst einst, — so berichtet die kirchliche Sage, – eines lieblichen Gesichts gewürdigt. Eine Jungfrauenschaar in golddurchwirkten Lichtgewändern schwebte vor ihnen nieder, und unter den leuchtenden Gestalten erschien auch Agnes, ein weißes Lamm zu ihrer Seite. Als die überraschten Eltern zurückbeben wollten, redete Agnes mit holdem Ton sie also an: „Betrauert mich nicht länger als eine Todte; ihr seht ja, daß ich lebe. Freuet euch mit mir, und wünschet mir Glück, daß ich mit diesen Allen die Wohnungen des Lichts ererbte, und nun ewig Dem im Himmel vereinigt bin, den ich auf Erden von ganzem Herzen liebte.“ Sie sprach’s, und verschwand. Von da an ward es kirchlicher Brauch, die h. Agnes mit einem Lamm zur Seite abzubilden.

In der Mitte des vierten Jahrhunderts schmückte ein römischer Bischof das Grab der h. Agnes auf dem nach ihr genannten Gottesacker mit einer Marmorplatte. In der Nähe des Letztern wurde nicht lange nachher die Kirche St. Agnese erbaut, welche im Jahre 626 von Grund auf erneuert wurde, in dieser zweiten Gestalt aber bis heute erhalten blieb. Es werden in ihr am Feste der 5. Agnes, den 21. Januar, die Lämmer geweiht, die den Nonnen irgend eines Klosters zur Auferziehung übergeben, und aus deren Wolle dann die Pallien oder Amtsgewänder gewoben werden, welche die römisch-katholischen Patriarchen und Erzbischöfe von dem Papste erhalten.

Der der Agnes geweihten Kirchen und Klöster ist eine große Zahl. Unter den letzteren erwähnen wir nur dasjenige des Agnesberges bei Zwolle, dessen Geschichte Thomas von Kempen mit um so größerer Liebe beschrieben hat, mit je höherer Begeisterung er selbst die jungfräuliche Patronin vor vielen andern Heiligen verehrte und feierte.

Die H. Agnes veranschaulicht und besiegelt mit ihrem Vorbilde die Wahrheit des Herrnwortes. an den Apostel: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig;“ und steht im Heiligen-Chore der Kirche als Zeugin da für die Alles überwindende Macht des Glaubens auch im schwächsten Gefäße. Aus diesem Gesichtspunkt hat die Kirche von Alters her sie angeschaut und den Erlösten zum Trost- und Musterbilde aufgestellt. „Ihr Männer,“ ruft der ehrwürdige Altvater Ambrosius aus, „bewundert die Agnes; ihr Kinder verzagt nicht mehr, nachdem ihr sie gesehen; staunet sie an, ihr Vermählten; ihr Unvermählten eifert ihrem Vorbilde nach.“ – „Sehet einen Glauben hier,“ fährt er fort, „über die Jahre, eine Tugend über die Natur hinaus. Sie, die noch nicht weiß, was Sterben sei, ist schon bereit zum Sterben. Sie, die das Leben kaum gekostet, gibt es dahin, als hätte sie es schon erschöpft.“ – In einem Opfer habt ihr hier ein zweenfaches Märtyrerthum: das der Jungfräulichkeit und das des Glaubens. Wer ist des Lobes werther, als wer von allen gelobt werden kann und muß?“ So der heilige Ambrosius. Wir stimmen in seine Worte ein. Die heilige Agnes prangt als ein Stern lieblichsten Glanzes am Himmel nicht blos der römischen, sondern der allgemeinen christlichen Kirche.

F. W. Krummacher in Berlin.

Bruno Erzbischof von Cöln.

Unter den Kirchenoberen, welche gegen den Ausgang des ersten Jahrtausends der Christenheit hie in Deutschland segensreich wirkten, nimmt Bruno, eigentlich Brun, häufig Bruno der Große, auch der Friedfertige genannt, eine hervorragende Stellung ein. Der Hoheit seiner Geburt entsprachen seine natürliche Begabung und geistige Entwicklung, sein Eifer in den Wissenschaften, sein milder Ernst im Glauben, seine Treue und Demuth im Beruf, seine anerkannten Leistungen in Staat und Kirche.

Bruno’s Geburtsjahr fällt in die zweite Hälfte des dritten Jahrzehends (925, nach Andren 928). Er war das jüngste Kind Heinrich des Voglers und der Königin Mathilde. Sein Vater bestimmte ihn für den geistlichen Stand in einem Alter, worin Anlage und Neigung sich kaum schon mochten ausgesprochen haben. Mit vier Jahren ward er nach Lothringen, wo die karolingischen Stifts- und Klosterschulen vergleichungsweise noch in Blüthe standen, gesandt und dem Bischof Alberich in Lüttich zur Erziehung übergeben. Dies geschah um die gleiche Zeit, als König Heinrich seine älteste Tochter dem Herzoge Konrad von Lothringen zur Ehe gab. Dort begann Bruno die Grammatik zu erlernen. Er ließ in Kurzem an Fleiß und Erfolg die Altersgenossen hinter sich zurück, und gern wurde auf ihn der Ausspruch alttestamentlicher Weisheit (Sprichw. 20,11) angewendet: auch kennet man einen Knaben an seinem Wesen, ob er fromm und redlich werden will. Unter den Lieblingsschriften, mit welchen er sich frühe beschäftigte, werden die christlichen Dichtungen des Prudentius hervorgehoben, die ihm sowohl wegen ihres gläubigen Inhalts als wegen ihrer gefälligen Form besonders zusagten. Bei der Lesung des Terenz soll er, unverlockt durch die leichtfertigen Gedanken und schlüpfrigen Witze des heidnischen Dichters, die Schönheit der Sprache empfunden, die Anmuth des Ausdrucks gelobt und sich zum Muster genommen haben. Unter dem auffallend raschen Fortschritte seiner wissenschaftlichen Ausbildung nahm der fromme, nach oben und innen gekehrte Sinn und das Wohlgefallen an den Uebungen der Andacht in den Formen jener Zeit eher zu als ab. Er galt unter Schülern wie Lehrern als ein Vorbild jugendlicher Weisheit und Bescheidenheit.

Schon mit vierzehn Jahren berief König Otto (der Erste), welcher nach dem Hinscheiden Heinrichs den väterlichen Thron bestiegen hatte, seinen jüngeren gelehrten Bruder an den Hof. Zunächst schien die Absicht dahin zu gehen, daß nach dem Vorgange der karolingischen Zeit eine Bildungsstätte für höheren Beruf in geistlichen und weltlichen Dingen, eine schola palatina am königlichen Lager entstehe, aus welcher die Bischöfe für den kirchlichen Dienst und zugleich im königlichen Interesse hinausträten und dabei die tüchtigsten Kräfte für die Verwaltung der Staatsangelegenheiten herangezogen würden. Lernend und lehrend war Bruno an dieser Schule der königlichen Pfalz betheiligt. Er selbst genoß den gründlichen Unterricht eines, wie es scheint, in Schottland geborenen und aus Irland an den deutschen Hof gekommenen Bischofs, mit Namen Isaak (nach) Anderen Israel). Vornehmlich zur Vervollkommnung seiner sprachlichen Kenntnisse bediente er sich der im Abendlande erschienenen Griechen, welche freilich mehr durch den Umfang als die Tiefe ihres Wissens, auch durch die leichtere Beweglichkeit ihres Naturels und die größere Gewandtheit ihrer gesellschaftlichen Bildung sich nützlich zu machen wußten. Bruno soll von den frühen Morgenstunden bis tief in die Nacht hinein die Zeit, welche ihm von den Berufsgeschäften übrig blieb, seinen gelehrten Studien gewidmet haben. Man weiß von einem Commentar zu den Büchern Mosis, den er verfaßt, und von dem Leben mehrerer Heiligen, welches er beschrieben habe. Aber schon das Urtheil über ihn, welches Bischof Isaak fällte, „er sei ein ausgezeichnet heiliger Mann“ legt den Schluß nahe, daß, wie sich der Geschichtschreiber der deutschen Kaiserzeit, Giesebrecht, fein und richtig ausdrückt, die religiöse Bildung des Herzens in seinen Augen höheren Werth besaß als die wissenschaftliche des Geistes, und daß diese in ihm wesentlich auf jene zurückgewirkt habe. Solches bestätigt sich ferner in der Fürsorge, welche Bruno den Abteien zuwandte, deren Einkünfte der König ihm überlassen hatte, wie das reiche Lorsch auf dem rechten Rheinufer in der Nähe von Worms. Er wirkte auf eine Reform der Klöster im Sinne der ursprünglichen Regel des heiligen Benedict, auf Hebung und Veredlung der Stifter und Schulen im Geiste der Ascese der trefflichen irischen Mönche, die sich um jene Zeit über Deutschland ergossen und bis nach Sanct Galen herauf so viel Segen für christliche Wissenschaft und Gesittung gestiftet haben. Bruno sorgte mit Eifer für die vollständigere Wiedereinführung des sogenannten Quadriviums, der vier höher geachteten Wissenschaften der Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie, in den Stifts- und Klosterschulen, während in der Regel damals nur noch das Trivium, Grammatik, Dialektik und Rhetorik, bestand. Auch gelangte die Kenntniß der römischen Dichter, Redner und Geschichtschreiber – von Italien aus in den Norden, und hat eben König Otto den gelehrten Gunzo beauftragt, Manuscripte des klassischen Alterthums herbeizuschaffen, deren mehr denn hunderte auf diesem Weg über, die Alpen gekommen sind.

Die Lebensaufgabe des geistlichen Prinzen erstreckte sich aber noch weiter, und nicht zum wenigsten auf das politische Gebiet. Bald nach seiner Berufung an den Hof ernannte ihn Otto zu seinem Erzkapellan. Kapelle des Königs hieß seine Regierungskanzlei. Der Erzkapellan stand berathend an der Seite des Regenten, vollstreckend und ordnend an der Spitze der von dem Throne ausgehenden Weisungen und Geschäfte. Bei dem eigenthümlichen Charakter, welchen das deutsche Mittelalter ausprägt, bei der Neigung, Kirchliches und Staatliches zu verknüpfen, und bei dem Umstande, daß die vorwiegende Bildung der Zeit in dem Stande der Geistlichkeit zusammenfloß, wurde die Kapelle des Königs eine Pflanzschule für die geeignete Besetzung der Bischofssitze mit solchen Klerikern, welche zugleich der weltlichen Verwaltung vorzustehen vermochten. An Niemanden stellt sich diese Vereinigung beider Aemter auffälliger und nachhaltiger dar als an Bruno, der als der Vertraute des königlichen Raths und höchsten irdischen Regiments, zugleich die Bestimmung erhielt, der vornehmste Kirchenfürst im Reiche seines Bruders, der Statthalter desselben in einer der wichtigsten Provinzen, wie der Canzler seiner weithin gebietenden Regierung zu sein.

951 begleitete Bruno den König nach Italien. 953 ward er zur Beilegung des Zerwürfnisses, das von Seiten des Sohnes und seines Oheims gegen Otto ausgebrochen war, vor die Thore von Mainz berufen. In demselben Jahr fiel auf ihn die Wahl für den erledigten Sitz des Erzbischofs in Cöln. Desgleichen übertrug ihm damals das Vertrauen des Königes die oberste Verwaltung des Herzogthums Lothringen.

In der Leitung seines ausgedehnten Kirchensprengels war Bruno zunächst auf Herstellung der unter den Unbilden der vorausgegangenen Zeit vielfach gestörten Ordnung, auf Abstellung der im Klosterwesen eingerissenen Mißbräuche und Schäden, auf Pflege des Unterrichte und der Gottesfurcht bedacht. Ein besonderes Anliegen war ihm die Verehrung alter und neuer Heiligen, die Beischaffung ihrer Reliquien und deren Verschenkung an Kirchen und Klöster. Er eiferte für die zur Veräußerlichung geneigte Frömmigkeit des Zeitalters, aber nicht ohne die innerlichen Motive einer aufrichtigen Demuth und Andacht. Er verwendete die reichen Mittel, die ihm zuflossen, für den Bau von Kirchen, Klöstern, Schulen und Spitälern. Er selbst blieb dabei mäßig und einfach in seiner Tagesordnung und Lebensweise und zog den Genuß der Wissenschaften jedem anderen Ueberfluß des Daseins und der Tafel vor. Seine Bücher führte er auch auf Reisen im Gefolge des Königs „wie eine Bundeslade“ mit sich und suchte bei ihnen die Erholung von den Arbeiten des Berufs.

Daß ihn seine Zeitgenossen den Friedensstifter nannten, erhellt aus verschiedenen Aufträgen des Königs, die er mit Einsicht und Glück vollzog; namentlich, aus den, zuerst erfolglosen, zuletzt aber siegreichen Bemühungen, welche er dem in seinem nächsten Familienkreis ausgebrochenen Hader widmete.

Bruno hatte einst wahrgenommen, wie während der Messe sein Bruder Heinrich, Herzog von Bayern, und der Gemahl seiner Schwester, Herzog Konrad von Lothringen, ein eifriges Geflüster unterhielten, und hierbei war in ihm die Ahnung aufgestiegen, diese Beiden werden sich noch einmal entzweien und befehden. Und so geschah es in dem Jahre, welches Bruno auf den erzbischöflichen Stuhl in Cöln erhob. Konrad verschwor sich mit seinem Neffen, dem ältesten Sohne Otto’s, Herzog Ludolf von Schwaben, zum gemeinschaftlichen Widerstand gegen den Vater und König. Sie regten sich, nicht ohne Einverständniß mit dem Erzbischof Friedrich von Mainz, in dieser Stadt fest und vermochten sich eine längere Zeit hindurch gegen die Belagerung zu halten. Da rief Otto seinen Bruder herbei, veranstaltete einen Zusammentritt Bruno’s mit den Abtrünnigen und hoffte auf den günstigen Eindruck seiner weisen Ansprache. Die Aussöhnung sollte aber noch nicht gelingen, Ludolf blieb unerweicht und kehrte verblendeten Sinns und mit einem trotzigen Gemüthe nach Mainz zurück. Mittlerweile hatten die Rebellen den Aufruhr auch nach Bayern hinübergespielt. Der König, hierdurch zu einem Zuge wider den Pfalzgrafen Arnulf in Regensburg veranlaßt, übertrug beim Abschiede dem Erzbischof Bruno die oberste Aufsicht über den Westen des Reichs. Nachdem aber Otto nicht bloß die Aufständischen in Bayern, sondern auch die mit verstärkter Macht eingedrungenen Ungarn überwältigt hatte, unternahm Bruno abermals (955) auf den irregeleiteten Neffen einzuwirken, und hatte nunmehr die Genugthuung, daß Ludolf in sich ging und gleich dem verlorenen Sohne sich seinem königlichen Vater unterwarf, der ihm dann auch so großmüthig verzieh, daß er ihm alsbald die Verwaltung der italischen Lande übergab. Während der Romfahrt, die der König im J. 961 antrat und wobei ihm 962 der Papst die Kaiserkrone aufsetzte, hatte er die Erzbischöfe von Cöln und Mainz, seinen Bruder Bruno und seinen Sohn Wilhelm, zu Reichsverwesern in Deutschland bestellt. 965 feierte Kaiser Otto die Pfingsttage in Cöln, umgeben von seinen Angehörigen, auch in Gegenwart seiner betagten Mutter, der Königin Mathilde. Diese Feier war für den Erzbischof Bruno der Zeitpunkt seines höchsten irdischen Glücks. Bald hierauf, bei einer Reise nach Frankreich, um im Auftrage des Kaisers die unter den dortigen Vettern aufgebrochenen Zwistigkeiten zu schlichten, blieb er in Compiegne wegen plötzlichen Unwohlseins liegen und verschied nach fünf Tagen am 11. Oktober 965, kaum 40 Jahr alt. Nuotger bemerkt aus Anlaß des Kölner Pfingstfestes: „diese heitere Gemeinschaft des Lebens und aller Geschäfte trennte allein der grausame Tod, der furchtbare Tod, der nichtswürdige Tod: Und obgleich es nichts Schrecklicheres geben konnte als diese Trennung, so gab es doch wieder nichts Unschuldigeres als den Tod, was sie hatte von einander scheiden sollen.“ Denn wie viel Schmerzlicheres hatte der Kaiser schon zuvor durch die in seiner unmittelbarsten Verwandtschaft hervortretende Untreue, durch den Aufruhr des eigenen Sohnes erleiden müssen. Bruno soll zu den Umstehenden gesagt haben: er habe keine Krankheit, aber er fühle eine allmählige Erschöpfung und völlige Auflösung seiner Natur. Dann machte er sein Testament zum Besten der Kirche, Schule und Armuth und empfing andächtig das Sacrament. Am 19. October wurde sein Leichnam in der Kirche der Märtyrer zu Cöln beigesetzt. Sein Andenken lebt in der Erzdiöcese und in der Geschichte einer der glänzendsten Perioden der deutschen Nation und des sächsischen Kaiserthums im Segen fort. Zwar trug sich die einseitige Ascese der Folgezeit mit der Sage, die gelehrten Neigungen Bruno’s, namentlich seine Neigung zur Philosophie, der Quelle aller Ketzereien, habe ihm die Aufnahme in den Stand der Seligen erschwert, aber durch die Verwendung und Vertheidigung des Apostels Paulus habe sich der Herr zu seinen Gunsten entschieden und ihn zugelassen. Möge es doch viele solcher Exempel geben auch in unsern Tagen, die ein offenes und warmes Herz für den Herrn und sein Reich haben, ohne sich vor der Weisheit der Welt zu scheuen. Möge die Zeit lange währen, worin das von der Vorsehung auserkorene Oberhaupt so stark, so klug und so glücklich ist, wie Bruno’s Vater und Bruder, das Vaterland zusammenzuhalten und jeden antinationalen Anspruch oder selbstsüchtige Gelüste niederzuwerfen. Dazu müßten auch die deutschen Bischöfe so einhellig, wie Bruno selbst, mit den großen Ideen, in welchen sich die Aufgabe des Staats und der Kirche zusammenschließt, ein nach innen lauteres und nach außen fruchtbares und duldsames Christenthum fördern lernen.

C. Gruneisen in Stuttgart.

Johann Gerhard.

Wer die großen kirchenhistorischen Werke von Gottfried Arnold und Weismann studiert, dem ist es auffällig, nicht die leiseste Notiz über Paul Gerhard zu finden. Selbst da, wo man seinen Namen zuerst suchen sollte, in der zweibändigen Kirchengeschichte des siebzehnten Jahrhunderts vom Württemberger Prälaten Andreas Carolus, wird er nicht einmal erwähnt. Er ist damals ganz verschwunden hinter seinem großen Namensverwandten Johann Gerhard, von welchem in den genannten Werken überall und überall mit Auszeichnung die Rede ist. In unsrer Zeit hat sich das Verhältniß ziemlich umgekehrt. Während Paul Gerhard selbst in der Kinder Munde lebt, die populärste Gestalt aus der evangelischen Kirche des siebzehnten Jahrhunderts, ist Johann Gerhard’s Gedächtniß für die Mehrheit der evangelischen Christen erloschen Hagenbach in der zehntheiligen populären Kirchengeschichte hat seiner anmerkungsweise in zwei Zeilen gedacht – und lebt fast nur noch fort in der theologischen Wissenschaft, welcher er seine Spuren tief eingedrückt hat. Freilich ist’s naturgemäß, wenn der Mann der Wissenschaft, der im Idiome der Gelehrten meist für Gelehrte schrieb, nicht der Popularität sich erfreut, wie der gefeierte Liederdichter. Und doch darf vor dem protestantischen Kirchendichter nicht ganz vergessen werden der protestantische Kirchenvater, er, den die Zeitgenossen nur dann nach Gebühr zu ehren meinten, wenn sie ihn neben Luther und Chemnitz als den dritten im Dreigestirn, stellten, den sie den Architheologen seines Jahrhunderts nannten1).

Johann Gerhard ist am 17. October 1582 geboren .zu Quedlinburg, wo sein Vater Bartholomäus Gerhard Senator war. Trübe Gedanken bemächtigten sich des 15 jährigen Jünglinge, als er in eine schwere, langwierige Krankheit fiel. Damals in der geistlichen Anfechtung hat er ein Gebetbüchlein geschrieben, reichlich benetzt mit seinen Thränen; der sechste Psalm, dem er die Aufschrift gab, „Geistliche Anfechtung vom Zorne Gottes um der Sünden willen,“ ist damals sein Lieblingslied, Johann Arndt sein geistlicher Vater geworden. Im Jahre 1599 bezog er die Universität Wittenberg, studierte Philosophie und unter Leonhard Hutter und Salomo Gegner Theologie, aber nach dem Willen seines Verwandten, des sächsischen Prokanzlers Andreas Rauchbar vorzugsweise Medicin, setzte selbst zu öffentlicher Disputation medicinische Thesen auf und hat nachmals als hoher Kirchenbeamter auch gern und freigebig ärztlichen Rath ertheilt. Aber nach des Prokanzlers Tod sich selbst überlassen und eines Jugendgelübdes eingedenk versenkt er sich in Jena unter Ambrosius Raudenius und dem als Kalendermärtyrer bekannten Georg Mylius2) ganz in die Theologie. Arndt hat ihm den Studienplan gemacht. Er vertieft sich vor Allem in die heil. Schrift, der er nur nahet betend, daß Gott ihm die Pforte der himmlischen Weisheit öffne, und mit geistgesalbten Exegeten, auf welche Arndt ihn verwiesen. Seine Freude an der Schrift und deren Auslegung ist nachmals übergegangen auf seinen Lieblingsschüler und Amtsnachfolger Salomo Glassius, welcher auf Gerhard’s Rath und Ermahnung eine heilige Philologie begründete, die für das ganze Zeitalter lutherischer Orthodoxie ausreichend erfunden wurde. 1603 erwarb sich Gerhard den philosophischen Doctorgrad und schon nach 3 Tagen beginnt er auf Bitten einiger Studenten ein Collegium über Logik, Politik und, als der Erste in Jena, über Metaphysik nach dem Compendium des Helmstädter Aristotelikers C. Martini, in der Weise jener Zeit, wo die jungen Docenten gern ihre academische Laufbahn mit philosophischen Vorträgen begannen, um später in die höhere (theologische) Facultät einzutreten. Damals wogte auf den deutschen Universitäten der Kampf zwischen den exclusiven Aristotelikern und den Anhängern des Pariser Popular- und Utilitätsphilosophen Petrus Ramus, welcher die Herrschaft des Aristoteles zu zertrümmern suchte. Weil er so das Orakel der Menschheit angetastet, zerfleischten wüthende Aristoteliker seinen Körper in der Bartholomäusnacht, und für den Stagiriten begeisterte Studenten nannten nach Ramus Namen ihre Hunde. Gerhard hat in diesem Streite um philosophische Autoritäten aus inneren und polemischen Gründen die Partei des Aristoteles (mit den Erklärungen von Zarabella, Scaliger und Sagittarius) genommen, ohne doch eine Vergleichung mit Ramus um der Methode willen auszuschließen. Mitten in einer gesegneten Lehrthätigkeit wirft ihn zum zweiten Male eine gefährliche Krankheit danieder, welche das Aeußerste befürchten ließ. Damals setzte er sein Testament auf, ein merkwürdiges Actenstück, in welchem die Stimme der Frömmigkeit in uns fremd gewordener Weise zusammenklingt mit der Rechtgläubigkeit. Er dankt zuerst seinem lieben Herrn und Seligmacher Jesu Christo, daß er ihn durch sein rosinfarbnes Blut von Sünde, Tod und ewiger Verdammniß erlöst hat, bekennt seine Sünden und Schwachheiten und bittet Gott um des theuern Verdienstes Christi willen gnädiglich um Verzeihung. Dann folgt sein Glaubensbekenntniß, daß Gott der Herr einfältig im Wesen und dreifach in Personen, daß in Christo zwei unterschiedliche Naturen, aber eine einige Person, welche aus und in den zwei Naturen bestehet, ja nichts anders ist, denn die zwei Naturen, göttliche und menschliche, unvermischbar und untrennbar, persönlich verbunden, daher denn die Communication der Idiome entspringet. Und nachdem er so das Bekenntniß durch alle Glaubens-Artikel und -Geheimnisse, welche die Christen, weil sie nur die Erstlinge des Geistes haben, anerkennen müssen, hindurchgeführt, bittet seine lieben Herrn Collegas um Verzeihung, da er etwa zu viel speculationibus philosophicis indulgiert oder eine falsche Lehre (welches ich doch nicht hoffen will) approbiert. Wider alles Erwarten genesen bezieht er mit einem seiner Aufsicht anvertrauten Zögling, Michael Rauchbar, das durch Balthasar Mentzer und Johann Winkelmann theologisch hochberühmte Marburg. Er hat beide gehört, unter ihnen disputiert und auch selbst philosophische Vorträge gehalten. Mentzer erwählte ihn zu seinem Gefährten auf einer Gesundheits- und Gelehrtenreise (1605). Bei ihrer Zurückkunft nach Marburg hatte Landgraf Moritz der Gelehrte die gänzliche Umformung der Universität zum Calvinismus unter gewaltigen Volksaufständen begonnen. Da zog sich Gerhard mit seinem Schutzbefohlenen auf das Rauchbarsche Landgut Hemsendorf zurück, um nach kurzer Frist wieder in sein geliebtes Jena zu eilen, womit er zugleich einen Lieblingswunsch seiner Mutter erfüllte. Hier studiert er weiter unter Petrus Piscator und eröffnet selbst theologische Vorlesungen, nicht ohne Belästigung von Seiten der theologischen Facultät. Seine Aufnahme unter die Adjuncten der philosophischen Facultät (gegen Ende des Jahres 1606) bezeichnet seine Abhandlung „Ueber die Wahrheit“, worin er sein Urtheil abgab über den Streit, den Daniel Hoffmann damals in Helmstädt entzündet hatte, indem er die alte nominalistische These von der Doppelten Wahrheit (es könne etwas in der Philosophie wahr sein, was in der Theologie falsch sei) dahin steigerte, daß er nächst dem Teufel keinen gefährlicheren Feind für die Kirche sah, als die Philosophie, welche nothwendig zum Atheismus und Pelagianismus führe. Noch in demselben Jahre trifft ihn, den Vierundzwanzigjährigen, der Ruf zur Superintendentur in Heldburg. Als er zur Abwehr seine Jugend vorschützt, lautet der Bescheid: nicht seine Person, sondern die Sache stehe in Frage. Mit dem theologischen Doctorate geziert trat er sein hohes Kirchenamt in Heldburg an, mit welchem die Verpflichtung verbunden war, in allen schwierigern Fällen den Sitzungen des Coburger Consistoriums beizuwohnen und als Inspector des Gymnasium Casimirianum monatliche Disputationen über theologische Gegenstände abzuhalten. Wiederholt war er in dieser Zeit der theologische Reisebegleiter des Herzogs Johann Casimir, auch 1612 bei der Kaiserkrönung in Frankfurt. Derselbe, um seinen Gerhard noch näher bei sich zu haben, ernannte ihn 1615 zum Generalsuperintendenten von Coburg. Dennoch schwermüthig sind Gerhards Briefe aus dieser Zeit. „Du lebst nicht glücklich, schrieb ihm Mentzer, so du nicht an einer Universität lebst.“ Sein Kummer war die Sehnsucht nach dem akademischen Catheder, welches er der beneideten bischöflichen Hoheit, die er inne hatte, vorzog. „Außer der Akademie gibt’s kein Leben, wie außer der Kirche kein Heil.“ Prag, Gießen, Altorf, Wittenberg (wohin er einen fünfmaligen Ruf hatte und gleich zur ersten Facultätsstelle), Helmstädt hatten ihn zum Professor, die bedeutendsten Städte Deutschlands zu ihren obersten Kirchenämtern begehrt. Beharrlich verweigerte sein Landesherr die Entlassung, indem er für unrecht erklärte, den einen Altar zu schmücken mit des andern Beraubung. Endlich als 1615 ein wiederholter Ruf von Jena aus an ihn ergeht und der Kurfürst von Sachsen, Johann Georg, sich vermittelnd dazwischen legt, darf Gerhard ziehen, jedoch so daß sein Herzog immer noch ein gewisses Eigenthumsrecht an ihn sich vorbehält. Seine Bescheidenheit begnügt sich mit der letzten Facultätsstelle. Johann Gerhard im Vereine mit dem etwas starren, auf seine Senioratswürde eifersüchtigen Johann Major und dem frommen Eiferer Johann Himmel bilden die „preiswürdige johanneische Trias“, durch welche Jena nicht bloß zu einer Wittenberg ebenbürtigen Stellung hinaufgehoben wurde, nein alle Universitäten strichen, so lange Gerhard lebte, vor Jena die Segel und mitten im Elende des dreißigjährigen Krieges blühte es wie eine Rose zwischen Dornen. Seiner Verwendung verdankt die Universität, deren steter Repräsentant (z. B. bei der Leichenfeier Gustav Adolphs) der dienstwillige Gerhard war, den botanischen Garten und ihre Güter, die Herrschaften Remda und Apolda. Und so treu hat er an Jena gehangen, daß er 24 Berufungen um seinetwillen von sich wies. „Lieber will ich hier, schreibt er einmal an den Eisfelder Superintendenten Andreas Keller, im Schatten dunkeln, als zu Wittenberg im Lichte leben.“ Von den Fürsten hoch angesehn ist er von ihnen zu wichtigen politischen und finanziellen Geschäften, gelegentlich auch als Brautwerber verwendet worden. Denn die damalige Diplomatie pflegte mehr nach christlichen Grundsätzen, als nach Interessen ihre Actionen zu regeln. Um einen Einblick in Gerhard’s unermeßliche Thätigkeit zu erhalten, betrachten wir zuerst seine Antheilnahme an den theologischen Regungen und Kämpfen, die seine Zeit bewegten.

Von Helmstädt war seit dem zweiten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts eine moderate, verführende Theologie ausgegangen, die Gegner nannten sie Synkretismus. Als der sächsische Oberhofprediger Hoe von Hoenegg seinen ersten Theologenconvent 1621 auf dem Schloß zu Zena hielt, kamen auch die Neuerungen der Helmstädter Georg Calixt und Cornelius Martini zur Sprache und die Mittel zu ihrer Beseitigung. Damals erklärte Gerhard die Helmstädter für unverbesserlich. Aber bei einem persönlichen Besuch in Jena hat Calixt ihm das Herz abgewonnen und damit erhielt die Jenaische Theologie durch das ganze 17. Jahrhundert jenen milden Accent, der sie so vortheilhaft vor dem streitbaren Wittenberg auszeichnete. Seit 1616 war die subtile Controverse ausgebrochen der Kryptiker und der Kenotiker oder der Theologen zu Tübingen und Gießen. Die Tübinger behaupteten, daß Christus seiner menschlichen Natur nach auch im Stande der Erniedrigung den Creaturen stets allgegenwärtig gewesen und das Universum auch mitten im Tode, jedoch auf heimliche Weise, regiert habe. Weil dadurch ein magisches und doketisches Element in das Leben Jesu zu kommen schien, lehrten die Gießener, daß der Gottmensch seiner menschlichen Natur nach im Stande der Erniedrigung göttliche Majestät zwar immer wahrhaft und real besessen, aber auf ihren durchgehenden Gebrauch verzichtet habe. Das hochärgerliche Gezänk, von den Dillinger Jesuiten lutherischer Katzenkrieg genannt, zu schlichten, ward 1624 ein Theologenconvent zu Leipzig gehalten, dem auch Gerhard anwohnte. Er aber hat sein Urtheil in dieser Sache suspendiert und geseufzt über die Ilias von Jammer, die aus solchen Zwisten komme, ganz im Einklang mit jener ungenannten Friedensstimme, die im Nothwendigen zur Eintracht, im Zweifelhaften zur Freiheit, in allen Dingen zur Liebe diejenigen ermahnte, welche über die Allgegenwart Christi disputierten, ohne ihn gegenwärtig zu haben im eigenen, gläubigen Herzen.

Weiter hatte um dieselbe Zeit der Danziger Diaconus Hermann Rathmann einen Streit begonnen über das Verhältniß der Wirksamkeit des h. Geistes zur Wirksamkeit des göttlichen Wortes. Während die lutherische Orthodoxie die Erleuchtungs- und Bekehrungskraft dem göttlichen Worte immanent sein läßt, nicht zwar aus physischer Nothwendigkeit wie bei einem Heilmittel, sondern nach göttlicher Institution, erklärte Rathmann das Wort Gottes für ein an und für sich unwirksames Werkzeug. Soll dieses an sich passive Instrument zu einem activen werden, so muß, wie zur Art die Kraft des Holzhauers, der h. Geist von Außen wirkend hinzutreten. Die Bekehrungskraft ist dem Worte Gottes nicht immanent, sondern coexistent – derselbe Streit, den im Mittelalter die Thomisten mit den Scotisten führten rücksichtlich der Wirksamkeit der Sacramente. In Jena kam eine harte Censur der Rathmann’schen Ketzerei durch Johann Major zu Stande, von Gerhard als mehr oratorisch, denn logisch und theologisch bezeichnet. Er selbst aber hatte Antheil an dem auf dem Theologenconvent zu Leipzig 1628 beschlossenen Gutachten, worin Rathmann als ein Verächter des göttlichen Wortes erscheint. Auf demselben Convente wurde über gewisse katholische Angriffe auf den Protestantismus verhandelt. Die Jesuiten zu Dillingen fingen nämlich nach Beginn des dreißigjährigen Krieges an, die Gültigkeit des Passauer Vertrages und des Religionsfriedens, als dem Kaiser abgezwungen, vom Papste nicht bestätigt, durch das Tridentinum aufgehoben, in Frage zu stellen, zumal die Lutheraner von der ungeänderten Confession, welche doch der Religionsfriede voraussetze, abgewichen wären, und Einige wollten Lutheraner wie Calvinisten, als im Glauben Abgefallene, in die heißen Mohrenländer verbannt wissen. Dadurch sahen sich nun die in Leipzig versammelten Theologen genöthigt, unter hervorragender Betheiligung Johann Gerhard’s, die neuabgedruckte Augsburgische Confession zu schützen als des heiligen, römischen Reichs evangelischer Kurfürsten und Stände Augapfel. Worauf katholische Polemiker, welche diesen Augapfel einen schädlichen, gewachsenen Wurm und die große Leipziger Wurst, die, man mache mit ihr was man wolle, nichts als ein leerer Balg ist, nannten, die Confutation als die Brille auf diesen Augapfel drucken ließen. Als darnach die Protestanten die Apologie der Augsburgischen Confession, als des evangelischen Augapfels Brillenbutzer, an’s Licht stellten, erschien in Dillingen ein Ausbutzer des evangelischen Brillenbutzers und andere „giftige, lärmbläserische Scarteken und Lästerschriften“, welchen auf dem Convente zu Leipzig 1630, wiederum unter Gerhard’s vorzüglicher Mitwirkung, eine nochmalige, unvermeidliche und gründliche Hauptvertheidigung des hochwerthesten Augapfels entgegengesetzt wurde.

Aber Gerhard ist außer dieser vereinten Polemik auch auf eigene Hand dem Katholicismus entgegengetreten. So in einem dreitheiligen Werke gegen Robert Bellarmin, diesen Atlas und Goliath des Papstthums, den er widerwilliges Zeugniß für die lutherische Rechtgläubigkeit ablegen läßt, worüber die Katholiken, wie Veit Erbermann, außerordentlich aufgebracht waren. Der Bellarminus orthodoxiae testis war aber nur der Vorläufer zu dem noch bedeutenderen Werke „Confessio catholica“3), worin Gerhard, wie vor ihm Flacius, die Stimmen katholischer Schriftsteller zur Bestätigung der evangelischen Lehre sammelte. So wahrheitsmächtig war dieses Werk, daß es noch hundert Jahre nach seinem Erscheinen Convertiten machte, für welche in Darmstadt ein Proselyteninstitut errichtet wurde (1738). Aber gewissermaßen zur Amtspflicht eines gutlutherischen Theologen gehörte auch, eine Lanze zu brechen mit Calvinisten und Socinianern. Johann Gerhard hat dieser Ritterpflicht genug gethan. Durch seine Bekämpfung des Calvinismus hat er die Polemik Markus Friedrich Wendelin’s (Rectors am Gymnasium zu Zerbst), des Bellarmin der Reformirten, gegen sich hervorgerufen. Der Socinianismus oder neue Photinianismus, welcher der gesamten protestantischen Orthodoxie als ein unter Zweideutigkeiten versteckter Umsturz des Christenthums erschien, hat auch unsern sonst so milden Gerhard zu ungewohnter Härte fortgerissen. Er will den Faustus Socinus lieber infaustus Scotinus (unglückseligen Finsterling) heißen und ruft einmal aus: „erhebe dich, Herr, und strafe mit himmlischem Blitze oder vielmehr mit höllischem Feuer die Blasphemien dieser Ketzer!“ Die Grundlagen des in den Symbolen als jüdische Träumerei verworfenen Chiliasmus, den in mehrern Schriften der Reußische Kanzler Heinrich Gebhard in Gera unter dem Namen M. Gottlieb Heiland vorgetragen hatte, zerstörte Gerhard in einem besondern Tractate.

Von den polemischen wenden wir uns zu seinen friedlichen Werken, die seinen Ruhm in der theologischen Welt vorzüglich begründeten. Martin Kemnitz in Braunschweig hatte eine große Evangelienharmonie begonnen, der Dresdener Hofprediger Polykarp Leyser, eine Zeit lang Kemnitz Amtsnachfolger, hatte sie fortgesetzt. Der Jenaer Theologenconvent vom Jahre 1621 wünschte Vollendung des „goldenen Werkes“. Gerhard übernahm die Arbeit und hat sie in dreijährigem Fleiße zu glänzendem Abschluß gebracht. Wir übergehen seine großentheils nach seinem Tode veröffentlichten Commentare über fast alle Bücher der heiligen Schrift, verfaßt nach dem Grundsatze, daß der wahre Sinn der Schrift aus der Schrift hergeleitet werden und buchstäblich sein müsse, um noch seinen Antheil an dem großen Weimarischen Bibelwerk (vom Druckorte Nürnberger Bibel, von seinem fürstlichen Begünstiger Ernst dem Frommen Ernestinische Bibel, von den beigefügten Porträts Kurfürstenbibel genannt) zu erwähnen. Auf den Rath des Evenius, ehedem Rector in Magdeburg, dann im Kirchendienste Ernst des Frommen, ward dieses Bibelwert, die Deutsche Uebersetzung Luthers mit orthodox-lutherischer Interlinearerklärung, unternommen, zuerst unter Direction Johann Gerhard’s, nach dessen Tode unter der von Salomo Glassius. Gerhard hat für dieses Bibelwerk die Genesis, den Propheten Daniel und die Apokalypse bearbeitet. Unmittelbar akademischen Zwecken diente seine im Geiste Melanchthons geschriebene „theologische Methodologie“ (1620). Das Studium der Theologie, durch Abwaschungen aus Helikonischem Quell (d. h. durch Sprachkenntniß und Philosophie) vorbereitet, durch Beten geweiht, hat im fortlaufenden Schriftstudium seine Grundlage, in Dogmatik und Polemik seine Spitze. Im vierten und fünften Studienjahr soll Predigtübung eintreten und quellenmäßiges Studium der Kirchengeschichte. Nur im Vorübergehn gedenken wir seiner eigentlich nur für seinen Privatgebrauch zusammengestellten Patrologie und seiner zahlreichen Disputationsschriften. Denn die Theologen des 17. Jahrhunderts wirkten auf ihre akademischen Zuhörer am meisten durch Disputierübungen, von deren entschiedenem Werthe sie so überzeugt waren, daß die Rede aufkam, eine Disputation, wenn sie gut eingerichtet, könne mehr nützen, als zwanzig Lectionen. Das Reformationszeitalter freilich hatte geurtheilt, die christliche Wahrheit werde schneller durch Beten gefunden, als durch Disputieren. Das Werk aber, welches vor Allem Gerhard’s Namen unsterblich gemacht hat, das sind seine loci theologici (b. i. theologische Hauptstücke). Um ihretwillen besonders hat man ihn den zweiten Origenes genannt und gesagt, daß er meraritischen Schweiß d. h. (mit Hinblick auf das Levitengeschlecht der Merariten, denen es nach 4. Mos. 4, 29 ff. oblag, das heilige Geräth der Stiftshütte im Schweiße ihres Angesichts durch die arabische Wüste zu tragen) großen Schweiß vergossen habe im Dienste des Heiligen. Als 27 jähriger Jüngling hat er sie 1610 zu Heldburg begonnen und 1625 in Jena beendigt. Sie wurden zuerst in Jena gedruckt (1610-25), dann kam eine Genfer (1639), dann eine Hamburger (1657) Folioausgabe; hierauf folgte die schöne Tübinger Ausgabe, besorgt von Johann Friedrich Cotta in 20 Quartanten und 2 Bänden Register (1762-88), endlich die neueste Ausgabe (Berlin 1863 ff.), besorgt von Ed. Preuß. Dieses nur vom Neid bemängelte(Nur der streitsüchtige Albert Grawer, ein Schüler von Aegidius Hunnius, erst Schulmeister, dann Professor der Theologie in Jena (1611-16), zuletzt Generalsuperintendent in Weimar (gest. 1617), suchte eifersüchtig an Gerhard’s dogmatischem Ruhm zu mäkeln. „Dr. Graweri Sinn, schreibt einmal Gerhard, benimmt mir alle Lust weiter auf Academien zu leben, denn ich höre, daß er meine locos theologicos mit recht schändlichen Glossen schwarz machet und den Studenten vorleget, auch überall solche emblemata dazu geschrieben hat: absurdum est, falsum est, sibi ipsi contradicit, nescit quid loquatur, non satifacit argumentum etc. Doch wird er’s nimmermehr von mir erhalten, daß ich mich mit ihm in Streit einließe. Wollte Gott, wir sorgten mehr für die Gottseligkeit, für das Gewissen und die Ruhe der Kirchen. Ich werde aber durch diese List von meinem vorgesetzten Zweck gar sehr abgehalten.“)) Werk, der Stolz der lutherischen Kirche, stellt den orthodoxen Lehrbegriff in seiner ganzen damaligen Vollständigkeit auf und erweitert sich zu einer wahren Fundgrube theologischer Gelehrsamkeit.

Die Kirchen- und Ketzergeschichte, Alterthümer, scholastische Philosophie, Kirchenrecht und Kirchenzucht werden herangezogen bis zur casuistischen Frage über die theologische Berechtigung des Tanzens. Das lutherische Dogma hält nach Gerhard’s Ansicht die rechte Mitte zwischen den Extremen. Er hat es vertheidigt mit Gründen der Schrift und der Vernunft, zuweilen auch verschärft wie durch Behauptung der Aechtheit der Dreizeugenstelle 1. Joh. 5,7, der ehemaligen biblischen Hauptbeweisstelle für die Trinität, und der Gleichaltrigkeit der hebräischen Vocale und Accente mit dem Texte. Aber die Fülle des Stoffes, wie er hier aufgespeichert liegt aus der gesamten Literatur der Kirche, hat doch nicht vermocht, des Verfassers Geist und Wärme zu begraben. Ueberhaupt darin ist das Eigenthümliche Johann Gerhard’s, wodurch er zu einer so edlen Erscheinung wird, zu setzen, daß die orthodoxe Formel ihm nicht ein Objectiv-Starres, eine unlebendige Größe, mit welcher der Verstand rechnet, während das Herz kalt bleibt, war, sondern daß bei ihm das Dogma in lebendige Verkettung tritt mit tiefinnerlicher Frömmigkeit, daß in ihm Arndt’s Mystik und lutherische Rechtgläubigkeit ihre Ausgleichung und Durchdringung vollziehen, daß er ebensosehr in der Geschichte der Gelehrten als in der Historie der Wiedergeborenen seine Stelle hat. Diese praktische Seite seiner Natur offenbart sich schon in seiner Ansicht von der Theologie. Diese ist ihm allerdings zunächst eine durch das Wort Gottes gewonnene Einsicht in die göttlichen Geheimnisse, aber sie ist nicht bloß Erkenntniß und subtile Theorie, sondern auch der Wegweiser zum Heile. Was frommt es, sagt er mit Erasmus, zu streiten über die Formen der Sünde, ob bloße Privation sie sei, oder ein der Seele inhärierender Makel? das vielmehr erstrebe der Theologe, daß die Sünde Alle verabscheuen und hassen. Statt nach den immanenten Unterschieden der Trinität zu forschen, suche man ihrer Majestät rechte Verehrung. Sie zeigt sich ferner darin, daß er in seiner Dogmatik nie verfehlt, am Schlusse eines abgehandelten Lehrsatzes den usus practicus und consolatorius anzumerken. So nachdem er die Lehre von der h. Schrift abgehandelt hat, setzt er eine doppelte Nutzanwendung, einmal, weil die Schrift die von Gott an uns geschickte Epistel ist, um das göttliche Wesen und Wollen kund zu thun, sollen wir täglich sie lesen und durchdenken, und sodann die Güte Gottes daran erkennen, daß er die heilige Schrift uns zum Troste gegeben hat. Auch der in der lutherischen Dogmatik künstlichen und scheinbar unfruchtbaren Lehre vom doppelten Stande Christi weiß er zwei praktische Momente zu entlocken:

1) Christus erniedrigte sich, also daß derjenige beinahe nichts zu sein schien, ohne welchen nichts geworden ist, und du, o Mensch, rühmest dich ungemessen und glaubst etwas zu sein, da du doch nichts bist. Wie ungereimt und verkehrt ist’s, daß, während die höchste Hoheit sich erniedrigt, die höchste Niedrigkeit sich erheben will?

2) Christus hat sich erniedrigt, darum hat ihn Gott erhöht: auf gleiche Weise wirst du nicht zur Höhe gelangen, es sei denn auf dem Wege der Erniedrigung. Christus, da er vermöge seiner göttlichen Natur nicht hatte, wie er zunehmen konnte, fand durch sein Herniederkommen eine Weise, wie er zunähme: auf gleiche Weise wird auch dir nur durch Erniedrigung der Weg sich öffnen zum Hohen.

Endlich hat sein praktisch-frommer Sinn einen vorzüglichen Ausdruck gefunden in verschiedenen ascetischen Büchern, vor Allem in seinen „ Heiligen Betrachtungen“, dem geistreichen Erbauungsbuche in der Weise von Augustin, Tauler und Bernhard, welches seiner alten und kalten Zeit dienen sollte zur Erwärmung. Darin finden sich Ermahnungen folgender Art: „In deinem Umgang sei Allen angenehm, Niemandem beschwerlich, Wenigen vertraulich, Gott lebe fromm, dir züchtig, dem Nächsten gerecht, mit dem Freunde pflege die Liebe, mit dem Feinde die Geduld, mit Allen das Wohlwollen, und Wohlthun übe an wem du nur kannst.“ Gerhard denkt die Wirksamkeit des göttlichen Wortes zwar unabhängig von der Beschaffenheit des Dieners am Worte, wie es keinen Unterschied macht, ob das Wasser durch steinerne oder silberne Röhren fließt, aber doch muß aus dem Herzen kommen was zu Andrer Herzen dringen soll und nur dem erglänzt das Licht geistlicher Erkenntniß, der in der Finsterniß der Sünde nicht wandelt. Solche Aussprüche, zumal auch Gerhard den Stein der Weisen gelegentlich mit dem Eckstein der Kirche parallelisiert hatte, stempelten damals zum Rosenkreuzer und Weigelianer. Eiferer, schreibt er an Arndt, schonen auch meiner nicht, sondern geben mir in öffentlichen Predigten solche Irrthümer schuld, die mir niemals in den Sinn gekommen sind, und er hat seinen Sykophanten folgende Verse entgegengestellt:

Welchen der Eifer anitzt zur Frömmigkeit sonderlich hintreibt,
Wer sich nach beiderlei Seit_ heiliger Weisheit befleißt,
Rosenkreuzer sofort heißt der und Weigelianer,
Schimpfliches Ketzermal drückt auf die Stirne man ihm.
Derlei redet auch mir dreist nach ein giftiger Leumund,
Fordert auch ungescheut Glauben dem losen Geschwätz.
O verblendeter Sinn der Menschen, verblendete Herzen!

O wie urtheilslos schwächliche Denker ihr seid! Lernt doch zuvor, wer wirklich ein Weigelianischer Ketzer, Rosenkreuzer wer sei, lernt es, ich bitt‘ euch, zuvor. Strahlende Sonne verscheuche die düsteren Nebel am Himmel, Dämmerndes Wahrheitslicht herrlicher glänze herauf!

Doch ist Gerhard durch solche Angriffe ängstlich und um den Ruf seiner Rechtgläubigkeit besorgt worden. Zwar jenes heftige Gutachten, welches Lucas Osiander gegen Arndt’s Bücher vom wahren Christenthum, als ein Werk der Hölle schleuderte, er hat es eine Schandsäule genannt, aber er selbst ist doch nur als ein gemäßigter Vertheidiger seines väterlichen Freundes Arndt aufgetreten, als dessen theologisches Urtheil, weil er hauptsächlich Medicin studiert habe, durch Disputationen weniger gebildet gewesen, und seine kalte „Schola pietatis das ist christliche und heilsame Unterrichtung, was für Ursachen einen jeden wahren Christen zur Gottseligkeit bewegen sollen“ (1622) hat die Bestimmung, gegen Arndt zu zeigen, daß man die Menschen in rechter Frömmigkeit unterweisen könne ohne Paracelsus und Weigel.

Zum Schlusse fügen wir einige Notizen aus Gerhard’s Privatleben bei. Seine erste Gattin, eine Tochter des Weimarischen Bürgermeisters Johann Georg Neumeyer, führte er 1608 heim, sie ward ihm aber schon im dritten Jahre seiner Ehe durch den Tod entrissen. Nach dreijährigem Witwerstand feierte er seine zweite Vermählung mit der Tochter des Gothaischen Arztes Johann Mattenberg, aus welcher Ehe ihm ein Sohn, Johann Ernst, geboren wurde, der nachmals in Jena eine theologische Professur bekleidete. Gerhard hatte durch das Heirathsgut seiner Frauen und durch fürstliche Freigebigkeit ein schönes Vermögen sich gesammelt, aber so wenig hing sein Herz daran, daß er über seiner Güter Verlust im Kriege sich tröstend ausruft: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt!“ Als die Kriegsknechte seinen Landsitz Rosla niederbrannten, sprach er: „Gott schenke den Brandstiftern Reue, mir aber Geduld.“ Und seine Geduld in der Hoffnung wurde nicht zu Schanden, er hat nachgehends mit heiterer Stirne seinem Collegen Major erzählt, daß er jetzt gesegneter noch sei an irdischem Gut, als früher. Er hat auch, ein seltenes Beispiel, was er an Gehalt mehr hatte, als seine Collegen, mit diesen getheilt und es ausgesprochen: lieber Weinberge und Gärten wolle er verkaufen, als einen Armen mit rauhem Worte oder ohne Almosen von sich lassen. Auch wird ihm nachgerühmt, daß er die Kirche nicht bloß eifrig besucht, sondern der Predigt auch aufmerksam zugehört habe, so daß der Schlaf ihn niemals übermannte. Erst 55 Jahre alt entschlief er in Gegenwart seiner Collegen Major und Himmel, in den Armen seines Beichtvaters, des Archidiaconus Adrian Beier, am 17. August 1637 mit den Worten: „Komm, Herr, komme. Amen.“ Noch kurz vor seinem sanften Hintritt gedachte er ein Buch zu schreiben von den Mängeln und Gebrechen der Kirche und von dero aufhelflichen Mitteln eine Weissagung auf Jacob Spener’s Pia Desideria. An ihm, der als der Adler der Theologen, dessen Haus als das Museum des christlichen Erdkreises bezeichnet wurde, schien, wie Einer der Leichenredner es aussprach – und es ist auf drei Universitäten ihm parentiert worden – die Universität nicht Einen ihrer Lehrer, sondern die Lehrer eine Universität verloren zu haben. Sein lebensgroßes Bildniß ist aufgestellt in der Stadtkirche zu St. Michaelis in Jena, wo auch seine sterblichen Ueberreste ruhen.

Gustav Frank in Wien.

1)Die beste Biographie ist immer noch die Vita Joannis Gerhardi (Lipsiae 1723) von Erdmann Rudolph Fischer, damals Diaconus, späterhin Generalsuperintendent in Coburg, welcher die Handschriften Gerhards auf der Bibliothek in Gotha und das eigenhändige Diarium b. Gerhardi, welches im Besitz des Kirchenrathes Cyprian war, benutzte. Der Verleger änderte nach einigen Jahren ohne des Verfassers Vorwissen „betrüglicher Weise“ den Titel also: Historia ecclesiastica Seculi XVII. in vita Joannis Gerhardi illustrata. Lips. 1727. Danach ist entworfen Jo. Friderici Cottae, Prof. Tubing., Vita, fata et scripta Jo. Gerhardi als Praefatio zu der von ihm besorgten Ausgabe von Gerhard’s Dogmatik. Außerdem hat neuerdings D. A. Tholuck ein Spicilegium ex commercio epistolico Joh. Gerhardi (Halae 1864) veröffentlicht
2)Mylius gab lieber sein Augsburger Pfarramt auf, als daß er in die Annahme des neuen Gregorianischen Kalenders gewilligt hätte, in dessen Einführung die Protestanten nur des Papstes Schlangenverstand und Fuchslift sahen, womit er oblique seine Macht wieder in die evangelische Kirche einschwärzen wolle.
3)Confessio catholica, in qua doctrina catholica et evangelica, quam ecclesiae Augustanae Confessioni addictae profitentur, ex Romano-Catholicorum scriptorum suffragiis confirmatur. 4 T. Jenae 1633-37.

 

 

Anna Askew.

Heinrich VIII. von England hatte im Jahr 1539 die sogenannten sechs Blutartikel erlassen, durch welche die Lehre von der Brodverwandlung, die Kelchentziehung, die Abhaltung der Seelenmessen, die Ohrenbeichte, die Ehelosigkeit der Priester und die Unauflöslichkeit der Keuschheits-Gelübde zum Glaubensgesetze in seinen Staaten erklärt werden. Jedes Zuwiderhandeln wurde zuerst mit Gefängniß geahndet, später durch Hinrichtung bestraft. Unter den vier Opfern, welche am 16. Juli 1546 auf dem Scheiterhaufen starben, befand sich auch die erst fünfundzwanzigjährige Anna Askew (auch Ascue geschrieben). Sie war im Jahre 1521 geboren, aus Lincoln, die Tochter einer angesehenen Familie und von ihrem Vater, welcher dabei mehr die äußeren Vortheile der Verbindung als der inneren Frieden seines Kindes im Auge hatte, frühe einem reichen Manne, Namens Lyon, zur Ehe gegeben. In dieser Ehe trat aber nur zu bald der Gegensatz der beiderseitigen religiösen Anschauungen hervor. Anna, von frommem Sinn und mit der Bibel vertraut, nach der Frauenerziehung ihrer Zeit auch wissenschaftlich gebildet, den theologischen Fragen, welche damals die Welt erschütterten, mit aufmerksamer Theilnahme zugewendet und für die lauteren Lehren der h. Schrift, welche sie in der Ursprache des N. T. zu lesen verstand, also für die reformatorische Bewegung, in deren Mitte sie lebte, gewonnen, fand an ihrem Gatten einen mißtrauischen Hüter des römischen Glaubens, einen heftigen Widersacher ihrer Stimmungen und Gefühle, man sagt sogar einen heimlichen Verräther bei der kirchlichen Obrigkeit. Jedenfalls verstieß er sie aus seiner Wohnung. Sie begab sich nach London und blieb dort eine Zeitlang durch die Verborgenheit beschützt, auch im Verkehre mit Personen, welche dem Hofe nahestanden und die Reformation begünstigten, man vermuthet sogar mit der Königin (Catharina Howard) selbst. Aber einmal entdeckt und wegen ihrer Zweifel an den römischen Lehren in’s Verhör genommen, gab sie freimüthige Antwort. Die Frage: warum sie nicht zugebe, daß der Priester aus der Hostie den Leib Christi hervorbringe, erwiderte sie dahin: sie habe wohl gelesen in der Schrift, Gott habe den Menschen hervorgebracht, nirgends aber, daß ein Mensch Gott hervorbringe. Auf die weitere Frage: was daraus entstehe, wenn eine Ratte das geweihte Brod verzehre, ließ sie sich zwar nicht ein; als aber der Lordmaire ausrief: die Ratte sei verdammt, konnte sie sich des lächelnden Seufzers nicht erwehren: arme Ratte! Dem Bischof Shaxton von Salisbury gegenüber, der sich selbst bisher zur evangelischen Wahrheit hingeneigt, aber auf Grund der sechs Artikel seinen Irrthum abgeschworen hatte, hielt sie unbefangen stand und rügte ihn sogar durch einen Hinweis auf den offenkundigen Wechsel seiner Ueberzeugungen und Bekenntnisse. Beharrlich weigerte sie sich, dem Befehl des Königs durch Nennung der Personen des Hofs, mit welchen sie in Verbindung stehe, Folge zu leisten. In den Tower geworfen, hatte sie nun die Folter zu bestehen. Als der mit Anwendung der Folter beauftragte Offizier Bedenken trug, zu den höheren Graden der Marterung aufzusteigen, riß der Kanzler des Gerichts die Henkerarbeit an sich und quälte die gelassene Dulderin so sehr, daß sie die Besinnung verlor. Aber mit dem Bewußtsein kehrte auch der starke Wille, ihrem Glauben die Ehre zu geben, zurück. Wegen ihres jämmerlich zugerichteten Befindens mußte man sie in einer Sänfte auf den Richtplatz tragen. Auch hier widerstand sie mit fester Würde dem Anerbieten der Begnadigung, das man ihr noch schriftlich darreichte, falls sie den Irrthum abwerfe und sich zum römischen Glauben bekenne. Ihre Antwort war: wie könnte ich meinen Herrn verleugnen? Die Flammen desselben Holzstoßes verzehrten das junge Weib neben drei aus demselben Grunde der Apostasie verurtheilten Männern: einem Priester, einem Handwerker und einem Offizier.

C. Grüneisen in Stuttgart.

Corbinian

Sanct Rupert ist als der Apostel Alt-Baierns zu betrachten, sofern er, nach vereinzelten Anfängen der Christianisierung durch Eustasius, Agilus und andere in dem Land zwischen Donau, Lech und Enns um das Jahr 700 das Werk der Bekehrung vollendet hat. Dieses Werk zu befestigen und auch für Bayern die durchgreifenden Schritte des großen Apostels der Deutschen, Bonifacius, vorzubereiten, war die Aufgabe des heiligen Corbinian, der, als sie ungesucht, vielleicht unter fränkischem Einfluß, ihm geworden war, das Werk mit dem ganzen Eifer eines strengen, nächst dem Herrn der Kirche nur Rom über sich erkennenden Asceten erfaßte.

Corbinian ist zu Chartres, bei Melun an der Seine, als der Sohn eines gewissen Waldekise und einer frommen Mutter Corbiniana nach der Mitte des siebenten Jahrhunderts geboren. Der Vater starb vor des Kindes Geburt; Corbiniana ließ ihn in der Taufe nach dem Vater nennen, gab ihm aber in der Folge ihren eigenen Namen. In strenger Zucht und ernster Bußübung, unter anhaltendem Studium, besonders der heiligen Schrift, wuchs der Knabe heran. In reiferen Jahren bezog er in seinem Heimathsort, um ganz der Beschaulichkeit und der Unterweisung frommer Jünglinge zu leben, bei der Kirche des heiligen Germanus von Paris eine Wohnung für sich und wenige Schüler. Aber bald strömte das Volk in Scharen herbei, ihn predigen zu hören, seine Uebung der Barmherzigkeit durch reiche Spenden zu unterstützen. Arme und Reiche empfahlen sich seiner Fürbitte; selbst der Majordomus Pippin schickte mit solcher Bitte einen Vertrauten zu Corbinian. Als der Zulauf immer größer wurde, machte ihn der Verlust der Einsamkeit und Armuth ganz unglücklich. Vierzehn Jahre hatte er in seiner Zelle gelebt, da beschloß er, beim heiligen Stuhl in Rom für sich und seine Genossen einen verborgenen Winkel zu erbitten, wo er wieder in Stille dem Dienste seines Herrn leben könnte. Aber der Papst erkannte seinen reinen Eifer und seine hohe Begabung und wollte nicht, daß ein solches Licht unter den Scheffel gestellt werde. Daher weihte er ihn zum Priester und führte ihn rasch durch die einzelnen Grade empor zur bischöflichen Würde. Corbinian unterwarf sich demüthig der nicht gesuchten Ehre und nahm das Pallium an, welches ihm als wanderndem Bischof ein freies Wirken an beliebigem Orte zuwies. So kehrte er nach Gallien zurück, und wieder floß die Rede von seinen Lippen wie Honigseim vor Versammlungen aus allen Ständen. Auch am Hofe wird er mit Ehren überhäuft. Aber am glücklichsten ist er in seinem Gotteshaus, wo er der Andacht, dem Predigtamt und der Wohlthätigkeit lebt, bis der Zudrang der Gläubigen ihn nach sieben Jahren zur abermaligen Flucht nöthigte. Wieder wollte er in Rom Hilfe suchen. Diesmal reiste er, statt durch das von seinem Ruf erfüllte Frankreich, durch Alemannien und Baiern, im letzteren Lande da und dort dem neubekehrten Volke predigend (um 721). Herzog Theudo versucht vergeblich, ihn als Bischof in seinem Fürstenthum (in Regensburg?) festzuhalten. Auch Grimoald, Theudo’s Sohn, der in Freising als Herr von Oberbaiern residierte, vermochte nicht, ihn für seine Landeskirche zu gewinnen. Darum gab er dem Geleite, welches den Reisenden über die Alpen bringen sollte, den Auftrag, an der bairischen Grenze – in Süd-Tyrol – Anstalten zu treffen, daß Corbinian auf der Heimreise wenn nöthig mit Gewalt, nach Freising zurückgebracht werde. In Pavia erweist der Longobardenkönig dem trefflichen Prediger hohe Ehre und sorgt für sicheres Geleite bis zum Ziel der Reise. Hier, in Rom, trägt Corbinian dem Papst, zuerst beim allgemeinen Empfang, dann unter vier Augen seine Bitte um Aufnahme in ein Kloster oder um Erlaubniß, in die Einöde zu gehen, auf’s beweglichste vor. Der Papst befragt seine Räthe, welche einstimmig sich dahin äußern, daß eine solche Kraft einer weiteren Wirksamkeit erhalten werden müsse. Traurig, aber mit dem Gehorsam eines Sohnes, schied der abermals in seiner Hoffnung Getäuschte. Als er sich wieder auf bairischem Boden befand, ward er zu Majas, dem Befehl des Herzogs Grimoald gemäß, gefangen genommen und an den Hof in Freising gebracht. Er weigert sich, vor dem Herzog zu erscheinen, so lange er seines Bruders Theudobald Witwe Piltrud als Weib besitze. Da der gestrenge Mann beiden keinen Zweifel an seiner auch vor dem Geschick eines Johannes des Täufers nicht zurückbebenden Entschiedenheit läßt, unterwerfen sie sich seinem Gebot. An der Marienkirche zu Freising errichtete nunmehr Corbinian seine bischöfliche Kathedra, erbaute auf einem Berge neben der Stadt eine Kirche zu Ehren St. Stephans, um welche sich bald die Benedictiner-Abtei Weihenstephan erhob; und in Majas, wo er bei den Gebeinen St. Valentins gebetet, läßt er diesem ein Gotteshaus errichten. Noch wurzelte das Leben seiner Umgebung tief im alten Heidenthum. Sein Verhältniß zum Hof war auch nach der Trennung des fürstlichen Paares durch den Haß der Herzogin und durch Corbinians fast überstrenges Eifern für kirchliche Zucht fortan gefährdet. Einst war er zur herzoglichen Tafel geladen und hatte, ehe man sich niederließ, die Speisen mit dem Kreuzeszeichen gesegnet. Während des Essens warf der Herzog nach Gewohnheit seinem Lieblingshund ein Stück Brot zu. Alsbald sprang der Bischof auf, stieß den mit silbernen Gefäßen bedeckten Tisch um und eilte davon, weil des Segens unwerth sei, wer ihn den Hunden vorzuwerfen sich nicht scheue, und er mit einem solchen das Brot nicht mehr theilen könne. Das wollte die verstoßene Herzogin sofort für ihre Zwecke nützen, indem sie Grimoald vorstellte, wie sehr sein fürstliches Ansehen unter solcher Schmach leide und wie er des Bischofs sich entledigen müsse. Aber der Herzog hielt für besser, dem Erzürnten Genugthuung zu leisten. Bald darauf reizte Corbinian den Haß des rachedürstenden Weibes noch mehr. Eines Abends begegnete er auf dem Weg zur Marienkirche einer Frau vom Lande, welche bei ihm schon früher wegen Ausübung von mancherlei Zauberkünsten verdächtigt worden war: Männer, mit reichen Geschenken beladen, folgten ihr. Auf die Frage des Bischofs, woher sie komme, antwortete das Weib: vom Hofe, wo sie das Söhnlein des Herzogs durch ihre Sprüche und Künste gesund gemacht und mit diesen Geschenken belohnt worden sei. Auf’s höchste erbittert springt Corbinian vom Pferd, züchtigt das Weib mit eigenen Händen und vertheilt ihre Geschenke am Thore der Stadt unter die Armen. Heulend, mit blutigem Antlitz und aufgelösten Haaren eilt die Mißhandelte zu Piltrud, welche jetzt den Todfeind rasch zu verderben beschloß. Ihr Geheimschreiber soll mit einigen Dienern den Bischof ermorden. Aber Erimbert, Corbinians Bruder, erfährt das Geheimniß und warnt den Bedrohten, worauf dieser mit seinem Clerus nach Majas entfloh (um 724). Vergeblich schickte Grimoald Gesandte dahin ab, Corbinian zurückzurufen. Dieser ließ antworten: die gottlose Isebel werde in die Grube, welche sie ihm gegraben, selber fallen und auch des Herzogs Tage seien gezählt. Rasch erfüllte sich die Ankündigung. Der Sohn und Erbe des Throns stirbt; die Franken unter Carl Martell fallen in’s Land ein, siegen in einer großen Schlacht und führen die Herzogin mit vielen Schätzen weg; Grimoald fällt durch Meuchelmord, während Piltrud in Italien im Elend endet. Das Herzogthum kam an Grimoalds Neffen Hucbert, der wieder ganz Baiern, aber in strenger Abhängigkeit vom Frankenreich, unter sich vereinigte. Nach seiner Thronbesteigung ist eine der ersten Sorgen Hucberts, den flüchtigen Corbinian an seinen Hof zurückzurufen und in alle Ehren wiedereinzusetzen. Doch nicht mehr lange sollte Corbinian sie genießen. Als er fühlte, daß sein Lebensende herannahe, ließ er durch seinen Bruder und designierten Nachfolger Erimbert bei dem Longobardenkönig Schutz für seine Stiftung in Majas, als seine letzte Ruhestatt, erwirken, und bestellte sein Amt und Haus. Noch am Tage seines Todes las er die Messe und nahm die heilige Wegzehrung, worauf er, kaum nach Hause zurückgekehrt, schmerzlos verschied (730, nach der kirchlichen Tradition am 8. September). Seine Priester bestatteten die Leiche, gegen das Testament, in der Marienkirche zu Freising. Aber anhaltender Regen zwang die Einwohner der Stadt, den letzten Willen des Todten zu ehren und die Leiche nach Majas, wo Corbinian neben St. Valentin ruhen wollte, zu verabfolgen. Als jedoch des Letzteren Gebeine durch die Longobarden nach Trient und durch eine longobardische Königstochter, welche den Baiernherzog Thassilo heirathete, nach Passau kamen, erwachte auch in den Freisingern wieder der Wunsch nach den Reliquien ihres Heiligen. Aribo, der dritte Nachfolger des Bischofs Corbinian, derselbe, dem wir auch die Lebensgeschichte seines großen Vorgängers verdanken, legte den Antrag auf Zurückführung der Gebeine einer Synode vor, und diese willigte ein, durch mancherlei Zeichen und Träume bestärkt (um 769). Damals hatte Bonifacius, in wiederholtem Besuch Baierns, die kirchliche Organisation des Landes unter den vier Bisthümern Salzburg, Passau, Regensburg und Freising längst vollendet; und wenn das im Uebrigen weit weniger begünstigte Freising fortan Jahrhunderte lang mit den glänzenderen Schwestern wetteifern konnte, so verdankte es dies zumeist seinem ersten Bischof, dem Franken Corbinian.

J. Hartmann in Schönthal in Württemberg.

Die beiden Ewalde.

Auf zwei verschiedenen Wegen sind die Stämme des deutschen Volkes zum Evangelium berufen worden, und je nachdem sie den einen oder den andern geführt wurden, ist ihr Leben und ihr Antheil an der großen Arbeit der Menschheit nach einem ewigen Rathschlusse bestimmt worden. Die einen haben das Christenthum für sich erobert, die andern sind von ihm erobert worden. Jenen Weg haben die Gothen, Franken und Alemannen betreten, auf dem andern sind die Sachsen aufgesucht worden. Jene stürmten hervor aus ihren alten Sitzen, getrieben von wilder Jugendkraft und ungebändigter Kampfeslust, durchbrachen die Grenzwehren der Römer, zerstörten die Castelle, eroberten die Städte, verwüsteten die Provinzen, und drangen ein bis in das Herz des Reiches. Da setzten sie sich fest, mitten unter der geschlagenen Bevölkerung römischer Sprache und Sitte, und fanden nicht allein eine neue Bildung, sondern aus den Trümmern der Städte erhob sich auch das Kreuz, das hier schon lange errichtet worden war, und zu seinen Füßen legten die Sieger ihre Waffen nieder. Ein höheres Gesetz hatten sie in ihrem dunkeln Drange vollzogen.

Andere Stämme sind durch das Evangelium erobert worden. Tiefe Wurzeln hatten die sächsischen Völker in die heimische Erde gesenkt, und gleich ihren alten Eichen schienen sie mit ihr verwachsen; im Dunkel ihrer heiligen Wälder, an den geheimnißvollen Quellen, an den Opferstätten, da verkehrten sie nach der Väter Sitte mit ihren Göttern. Voll harter Kraft waren sie, im Gefühle der Freiheit unbeugsam und nur schwer zu brechen. Große Wanderungen auf dem Festlande hatten sie nicht bestanden, und ihrer Natur gemäß ihre Grenzen nur langsam erweitert. Zuletzt hatten sie den uralten Stamm der Bructerer unterworfen und vertrieben, und waren im Westen bis zu den Ufern des Rheines gekommen, da wo sich die Issel von dem Strome trennt, und nach Süden hinab bis über die Mündungen der Lippe und Ruhr.

Dennoch hatte sich ein Theil von ihnen früh und ganz abgelöst; das waren die nördlichsten Stammgenossen, die Angelsachsen, die im fünften Jahrhundert über die See gegangen waren und ein großes Gebiet auf den britischen Inseln erobert hatten. In Irland aber bestand die Kirche Christi nach der Lehre, wie sie seit uralter Zeit aus dem Osten herübergebracht worden war. Dennoch empfingen die Angelsachsen sie nicht von dort, sondern aus Rom, aber wie ihre Nachbaren, die Iren, wurden sie durstige Hörer des Wortes; wie jene ergriff sie der Geist, alle Völker zu lehren, und ihnen die Taufe zu bringen aus dem Lebendigmachenden Geiste. Wie die Franken das Schwert der Eroberung führten, zuletzt und am gewaltigsten in Karl dem Großen, so brachten Angelsachsen und Iren die Lehre von dem neuen Leben den Völkern des deutschen Festlandes, das ihnen gegenüber lag auf der Ostseite der See. Da kamen die irischen Apostel herüber und verkündeten das Evangelium bei den Alemannen, so Columban, Gallus und Trudpert, und bei den Anwohnern des Mains Kilian; und die angelsächsischen bei den wilden Friesen an den Mündungen des Rheins. Ob auch der Samen oft auf steinigen Boden fiel, sie wurden nicht müde, hier zu predigen, Livin, Wilfried von York, Wiobert und endlich Willibrord.

Als sie mit den Friesen bekannt geworden waren, erkundeten sie hinter diesen im Osten die Altsachsen, härter noch als jene, schwerer zugänglich, weil sie mitten im Lande saßen und nur im Norden eine schmale und entlegene Seeküste hatten. Unter denen, in welchen der Eifer Widibrords und seiner Genossen ein gleiches Feuer entzündet hatte, waren zwei Geistliche eines und desselben Namens Ewald. Aber nicht nur gleich an Herkunft und Namen waren sie und eng mit einander verbunden, sie waren gleich im Glauben, gleich an Hingebung, gleich voll Feuer in den Kampf zu gehen, und beide hatten längere Zeit in Irland gelebt, um den Dienst der dortigen Kirche kennen zu lernen. Wie sie äußerlich sich unterschieden, der eine durch sein blondes Haupthaar und helle Gesichtsfarbe, der andere durch ein dunkles Antlitz und schwarzes Haar, so nannte man sie den weißen und den schwarzen Ewald; jener war der mildere, dieser der stärkere und in der Wissenschaft vom Worte Gottes der bewandertere. Zu ihnen gesellten sich andere Gefährten, darunter einer Namens Tilmon, edler Abkunft, früher ein Krieger, der mit ihnen jetzt in einen andern höhern Streit ziehen wollte. Von Friesland her überschritten sie den Rhein, und drangen muthig ein in das waldesdunkle Land, um ihm das Licht zu bringen.

Da sie auf keinerlei Hülfsmittel hoffen durften, führten sie außer dem nothwendigen Reisegeräth eine Kapelle mit sich, das heißt Alles was zum feierlichen Gottesdienste nöthig ist, die Gefäße und einen tragbaren Altar, überall wo sie den aufstellten, da war die sichtbare und wandernde Kirche, und sie hielten ihre Versammlung mit Gesang der Psalmen und Predigt alle Tage. Da strömten die sächsischen Gauinsassen herbei, um die Fremden zu sehen und ihre Rede zu hören, was sie in das Land brächten. Jene aber suchten Freunde zu gewinnen, und hofften besonders auf den Vorsteher des Gaues. Einen aber fanden die beiden Ewalde unter den Gaugenossen, der nahm sie gastfrei bei sich auf und versprach sie zu dem Gauvorsteher zu senden. Vorher ließen sie diesem verkünden, sie seien gekommen um einer heilbringenden Sache willen, die sie dem Volke und ihm mittheilen wollten.

Während die Ewalde noch des Bescheides harrten und fortfuhren in ihrer Predigt, da wurden die Gaugenossen wider sie erregt, weil sie von einem neuen Glauben hörten und von dem Sturze ihrer alten Götter, deren Dienst sie von den Vätern ererbt hatten. Auch fürchteten sie, der Gauvorsteher könne der neuen Lehre Gehör geben und ihm die übrigen folgen; darum beschlossen sie eine rasche That, bevor dieser herbeikomme. Beim Gottesdienste überfielen sie plötzlich die Glaubensboten und die mit ihnen versammelt waren; mit einem Schwertschlage tödteten sie den weißen Ewald, der schwarzen nahmen sie gefangen, zerbrachen ihm die Glieder und ließen ihn qualvoll sterben unter ihren Händen; die Leichen warfen sie in den Rheinstrom. Die andern Gefährten wurden zerstreut und entflohen; zu spät kam der Gauvorsteher um die That zu hindern, nur die Thäter vermochte er noch zu strafen. Die Sage aber fügt hinzu, jenem Tilmon sei es durch ein Traumgesicht verkündet worden, an welcher Stelle des Rheines die Leichen zu finden seien, kenntlich durch eine Feuersäule, die sich über ihnen erhebe. Da sie aber endlich gefunden waren, führte Pippin, der Majordomus der Franken, sie in feierlichem Zuge nach Köln, und setzte sie daselbst bei.

Wo die That geschehen sei, unfern des niederrheinischen Ufers, ist nicht mehr zu bestimmen; die Sage, eingedenk des Wassers, das sprudelt in Ewigkeit, welches die Ewalde dem Sachsenvolke zu bringen hofften, berichtet von einem Lebendigen Quell, der an jener Stelle aus der Tiefe hervorgebrochen sei und das Land ringsumher getränkt habe. Haben sie auch nicht den Quell selbst aufdecken können, doch haben sie zuerst die harte Erdrinde zu öffnen gesucht. Ihr Tag war der 3. October, wahrscheinlich des Jahres 693.

R. Köpke in Berlin.

Eustasius.

Es war eine große Zeit, da die germanischen Nationen mit der Urkraft ihres Wesens, eine nach der andern, dem Christenthum zugeführt wurden. Die rauhen Naturen waren in einer vielgestalteten, sagenreichen, mit allen Interessen des nationalen Lebens eng verknüpften Religion aufgewachsen, die ihnen vollkommen genügte, und nicht entrissen werden konnte, ohne sie von ihren Vätern zu trennen und auf ganz ungewohnte Bahnen zu lenken. Es war am schwersten ihnen beizukommen, wo sie mitten in den altgewohnten Gauen des geliebten Vaterlandes täglich die Spuren alten Götterdienstes vor Augen hatten, und auf den Fußtapfen ihrer Altvordern zu wandeln glaubten. Als Gegner mußten ihnen Alle erscheinen, welche zu ihnen kamen, um ihnen ihre Sagen und Götterlehren verdächtig zu machen und das Aufgeben derselben als eine heilige Pflicht zu empfehlen. Zur Wuth steigerte sich leicht ihr Wahneifer für die vaterländischen Sitten und Gebräuche; ihre Wälder und Felder wurden oft vom Blute derer geröthet, welche mit kühner Entschlossenheit, aber waffenlos, herbeieilten, um sie von ihrem alten Aberglauben zu heilen, zumal da es meist Fremde waren, welche unter ihnen auftraten, um zugleich ihre Nation und ihre Religion zu bekämpfen. Mit größerer Weisheit und Geduld suchten andere an deren Stelle demselben Werke zu dienen; und auch sie retteten wohl ihr Leben und wurden vor dem Märtyrertode, den sie nicht scheuten, behütet: aber nur sehr langsam gedieh das mit Begeisterung und Aufopferung unternommene Werk: und oft mit den Personen zugleich verschwanden die Spuren, welche die Füße der Boten Gottes auf deutschem Boden eingedrückt hatten. Einzelne Seelen hatten sie gewonnen; die Völker aber waren unüberwunden und hielten das Erbe vergangener Zeiten um so hartnäckiger fest.

Die Betrachtung der Ereignisse, welche hier vorgehen, nimmt unsere ganze Theilnahme in Anspruch. Wir sehen nicht ohne lebendige Anregung unseres eigenen nationalen Bewußtseins, mit welcher zähen Festigkeit unsere Altvordern an den geweihten Plätzen festhielten, und mit welcher unüberwindlichen Kraft sie das Schwert für ihre Götter und die ihrer Väter führten. Und doch neigt sich nothwendig das Herz den Männern zu, welche die Ausbreitung und Befestigung des Christenthums und damit die Grundlegung der Kultur sich zur Lebensaufgabe machten und als Träger einer neuen Lebensweise muthig und thatkräftig sich selbst zum Opfer brachten. Die Idee der Religion zeigt sich auf beiden Seiten wirksam: die Gottesverehrung im Geist und in der Wahrheit nur, auf der einen, freilich auch da keineswegs in voller Reinheit, aber auch so ist sie die Grundlage geworden, auf welcher sich die deutsche Nation zu höherer Geltung in der Welt erhoben hat.

Eustasius gehört zu den Männern, welche unter germanischen Völkern und in deutschen Landen in solcher Weise gewirkt haben, und wenn auch seine Erfolge nur im Allgemeinen bekannt, im Einzelnen dagegen in Dunkel gehüllt sind und nicht denen eines Severinus oder eines Bonifacius gleichgeachtet werden dürfen, so ist Doch auch sein Name unvergeßlich und darf in der Reihe der Apostel unseres Vaterlandes nicht verschwiegen werden. Auch solche Männer, deren Leben, wie es überliefert ist, mehr dem katholischen, als dem evangelischen Bewußtsein entspricht, werden bei uns freudig als Mitbegründer des Reiches Gottes in unserem Vaterlande gewürdigt und anerkannt. Wir lassen uns keine der Erinnerungen entgehen, welche aus jener reichen Zeit auf unsere Tage gekommen sind.

Eustasius war aus burgundischem Geschlecht und von vornehmer Abkunft. Als Columbanus, über dessen Leben bereits in diesem Jahrbuche Bericht erstattet worden ist, auf der Insel der Heiligen, Irland, und von dem Kloster Bankor her in diese Gegenden von Gallien gelangte, um als Verkünder des Evangeliums dem Herrn zu dienen, war dies Land von einer bunten Völkermischung bewohnt, und in christlicher Beziehung in Verfall, Schnell eilten fromme Gemüther ihm zu und gesellten sich in Hingebung und Verehrung den Männern bei, die mit Columbanus im engen Bunde vereinigt thätig waren. Es gab keinen andern Weg, zum Ziele zu gelangen, als Klöster zu errichten und sie zu Culturstätten zu machen, um von ihnen, wie von festen Plätzen aus, den Kampf mit Irrthum und Verkehrtheit aufzunehmen. Eustasius erlebte in der Nähe seiner Heimath die Gründung der Klöster von Anegray, Lureuil und Fontenay, und beobachtete die schweren Arbeiten, welche Columbanus seinen Mönchen zumuthete, um durch Vorbild und Beispiel das lebendige Wort zu unterstützen. Männer des Friedens, rastlos in ihrer Arbeit, abgehärtet durch Mangel, stark in Bekämpfung einer noch ungebrochenen Natur, durch keine Leiden abgeschreckt, gewannen sie sich überall Nacheiferung und staunende Verehrung. Da legte auch Eustasius, von dem Anblick so seltener Tugenden ergriffen, das Mönchsgelübde nach Columbanus Auffassung ab und hat daran mit Ausdauer bis an sein Ende festgehalten. Dadurch hat sein Leben seine eigenthümliche Gestalt gewonnen. Die That, auf welche es vorzugsweise ankam, war die Ueberwindung des Heidenthums in allen seinen Formen und die Einführung des Christenthums in die Gemüther, beides aber in der damaligen, mehr äußerlichen und auf asketische Werkthätigkeit gerichteten Weise. Studien und Gelehrsamkeit standen auch hier in hohen Ehren. Die Lectüre der Bibel und anderer Andachtsbücher war die Hauptforderung, ihre Erklärung der Beruf der Aebte und Häupter der Mönche; mit einem Exemplar der Bibel zog man sich zuweilen in die Einsamkeit zurück, um in ihre Geheimnisse einzudringen. Das praktische Leben aber nahm die besten Kräfte in Anspruch. Man wollte Christi Vorbilde folgen, seine Armuth und Enthaltung theilen und durch Alles dies dem Herrn sich nähern und ähnliche Werke wie er vollbringen. Man enthielt sich möglichst sinnlicher Genüsse; man mied die Welt mit ihren Zerstreuungen, floh das eheliche Leben, ertödtete das Fleisch, betete und fastete; man trug geduldig das zugefügte Unrecht, übernahm demüthig auch die schwerste und niedrigste Arbeit, man nannte nichts sein Eigenthum als die tägliche Arbeit und die Nachtwachen, genoß die ärmlichste Nahrung, trug die einfachste Kleidung, kurz man suchte in äußerlicher Strenge des gesamten Lebens den Ruhm des alten Mönchthums zu erreichen oder zu überbieten. Die Regel des Columbanus ist nicht leer an Bestimmungen, welche die innere Gesinnung an die Spitze stellen, in Allem Maß zu halten und jede Uebertreibung zu meiden befehlen; sie fordert die liebevollste Theilnahme an dem Schmerz der Brüder, thätige Unterstützung aller Leidenden und Bittenden, Uebung lebendigen und innerlichen Christenthums, die Unterdrückung aller Ausbrüche der Zwietracht und des Hochmuths im eigenen Leben und in der Welt durch Milde und Freundlichkeit, Sanftmuth und Mäßigung; zugleich aber führte die Regel ein solches Brechen des eigenen Willens, so peinlichen Gehorsam, so strenge Zucht, so viele körperliche Strafen, so viele formelle und mönchische Grundsätze ein, daß die Glieder seiner Gemeinschaft eine sehr schwierige Stellung hatten. Eustasius unterzog sich derselben mit Freudigkeit. Als Columbanus im Jahre 610 aus seinem Wirkungskreise vertrieben wurde, weil er sich der Unordnung und Sittenlosigkeit widersetzte, welche am Hofe des Königs Dietrich II. eingerissen war, und namentlich dadurch die Königin Brunhilde verletzt hatte, durfte ihn Eustasius in die Verbannung nicht begleiten; vielmehr blieb er in Lureuil zurück und wurde bald zum Abte dieses Klosters ernannt. Fünfzehn Jahre blieb er an der Spitze des Klosters und diente den Zwecken desselben ganz im Sinne seines Meisters, dessen Grundsätzen er während seines ganzen Lebens treu blieb. Fast 600 Mönche hat er in dieser Zeit geleitet, und theils unter ihnen manche würdige Freunde gefunden, theils ausgezeichnete Männer für ihren Beruf vorgebildet, die ihm mit ganzer Seele ergeben blieben. Lureuil gewann durch ihn hohen Ruhm und große Bedeutung in jenen Tagen und hat durch seine fortgesetzten Bemühungen unter allen Gründungen des Columbanus in Gallien am tiefsten auf die Zeitgenossen eingewirkt.

Aber seine Thätigkeit blieb nicht auf dieses Kloster eingeschränkt.

Als König Chlodwig zur Regierung gekommen war, wünschte er Columbanus wieder nach Gallien zurückzuführen. Zu diesem Behuf sendete er Eustasius nach Bobbio bei Pavia, wo Columbanus unter den Longobarden in der alten Weise wirkte, und trug ihm auf, durch Bitten und Ueberredungen denselben für seine Wünsche zu gewinnen. Alles aber war vergebens, da Columbanus an dem ihm von Gott angewiesenen Berufe festzuhalten entschlossen war. Eustasius kehrte mit wichtigen Briefen an den König zurück und hatte wenigstens die hohe Freude genossen, den alten geliebten Lehrer wieder zu begrüßen, und aus diesem letzten Zusammensein neue Kräfte für seine Lebensaufgabe geschöpft.

Mit dem Mönche Agil, einem seiner vertrautesten Schüler, wurde er von einer fränkischen Synode 613 zur Ausführung einer Missionsreise abgesandt, welche beide, weil sie auch Columbanus Wünschen entsprach, gern übernahmen. Sie besuchten zuerst die Waraster, welche am Doubs wohnten, sodann die Bayern, vorzüglich an der Donau, und bekehrten viele Glieder dieser Nationen zum Christenthum, ohne daß wir Genaueres darüber zu berichten wüßten.

Die letzten Jahre des Eustasius wurden durch eine Streitigkeit getrübt, welche ihm aus dem eigenen Kreise entstanden war. Ein Mönch Agrestius, früher Secretair des genannten Königs Dietrich II., hatte plötzlich allen seinen weltlichen Beschäftigungen und Besitzungen entsagt, war Mönch geworden und wollte als Missionar wirksam sein, ohne die rechte Vorbereitung zu haben. Wie Eustasius vorhergesagt, war seine Reise zu den Bayern fruchtlos. Da wandte er sich zu andern Ansichten und bekämpfte seinen Lehrer und Freund.

Columbanus Regel hatte einige Abweichungen von den römischen Gebräuchen in Gallien eingeführt. Diesen Eigenthümlichkeiten, welche Eustasius von Columbanus angenommen hatte, setzte sich Agrestius entgegen. Auch dafür ward eine Synode berufen, in der eine Versöhnung zu Stande kam, welche aber, weil ungern von Agrestius angenommen, bald wieder aufgehoben wurde. Erst Agrestius Tod endete die daraus hervorgehenden Kämpfe, welche sich lediglich auf vorgeschriebene Gebete, Tonsur und andere Aeußerlichkeiten bezogen, an denen viele nicht unbedeutende Geistliche für und wider Eustasius Theil nahmen.

Eustasius führte ein sehr thätiges Leben: wir haben zu bedauern, daß die Wundererzählungen des Mönches Jona aus Bobbio der Biographie fast allen andern Stoff entzogen haben. Deßungeachtet beobachten wir in ihm eine Lebensreinheit, wie wir sie in jener Zeit selten bemerken, eine Weisheit in der Behandlung der Gemüther, ein Vertrauen auf die innern Kräfte des Gebets, eine immer bewährte Bereitwilligkeit zu Liebesthaten, welche uns von seinem Charakter ein erfreuliches Bild gibt. Er hat viele Herzen gewonnen und durch seine Schüler und gleichgesinnten Zeitgenossen, auch Frauen, wie die Aebtissin Fara oder Burgundofara, seine Wirksamkeit erweitert und über den Tod hinaus fortgesetzt. Er blieb verehrt und hochgehalten, bis Gott ihn aus seinem mühevollen Berufe durch einen sanften Tod abrief, der ihn in Lureuil in seinem Kloster mitten unter seinen Untergebenen traf. Er starb am 28. April des Jahres 625. Seine Gebeine ruhen in Vergaville unweit Dieuze in Lothringen in einer Benedictinerabtei. Nach seinem Scheiden erlosch bald die Regel des Columbanus; Benedicts Regel trat mit dem Vorwiegen Roms an ihre Stelle, nicht ohne das Bewußtsein davon, da sie wußte, daß sie mit der des Columbanus in so wesentlichen Dingen übereinstimme: die Männer Irlands aber und ihre Genossen haben sich bis auf den heutigen Tag den Ruf ächter Liebe zum Herrn und einer darauf gegründeten folgenreichen Wirksamkeit erhalten.

 

  1. Ranke in Berlin.

Victorinus.

Wie die vorher erwähnten Märtyrer Florianus und Quirinus starb in der Diocletian’schen Verfolgung, wahrscheinlich im Jahr 304, nach den alten Martyrologien am 2. November, auch Victorinus, Bischof von Betavio im südlichen Noricum an der Grenze Pannoniens (jetzt Pettau an der Drau in Steiermark) den Tod für Christus und bezeugte dadurch, daß er seinen Glauben unter allen Gütern für das köstlichste achtete. Die näheren Umstände und die Art des Märtyrertodes, welchen er – wahrscheinlich zu Pettau selbst – erlitten, sind in Dunkel gehüllt. Vielleicht wurde an ihm gleichfalls die Strafe des Ertränkens (in der Drau) vollzogen, welche, wie wir aus den Passionen Florian’s und Quirin’s sehen, in jenen Gegenden nicht ungewöhnlich gewesen zu sein scheint.

Victorinus war eine hervorragende Persönlichkeit, berühmt in der alten Kirche. Doch wie so mancher ausgezeichnete Mann des christlichen Alterthums, von seinem Zeitalter bewundert, ward er von der Nachwelt fast vergessen. Das Wenige, was wir über ihn wissen, hat vornehmlich Hieronymus überliefert, einige Jahrs zehnte nach Victorin’s Tode zu Stridon in Niederpannonien (an der Grenze gegen die südliche Steiermark) geboren. Dieser gelehrteste unter den lateinischen Kirchenvätern redet von Victorinus, dem „Märtyrer gesegneten Andenkens“, stets mit unbedingter Anerkennung, die er ihm zollt wegen seiner Verdienste um die Kirche und ihre Wissenschaft.

Von Geburt war Victorinus ein Grieche, aus Griechenland oder einem griechischen Grenzlande stammend. Auch nach seiner Uebersiedelung in’s Abendland hat er seine Abstammung nicht verläugnet, dafern er die lateinische – durch Noricum und Pannonien allgemein verbreitete – Sprache sich niemals so vollkommen aneignete, als er der griechischen kundig war. Ob aus ansehnlicher Familie entsprungen oder nicht, jedenfalls hat er literarische Bildung empfangen. Er wählte den Beruf als (griechischer) Rhetor. Später trat er aus dem Leben der Heidenwelt zum Christenthum über; es eröffnete sich ihm ein neues Leben. Damals herrschte im Orient auf theologischem Gebiet Origenes, der Vater einer zahlreichen Jüngerschaft, das Vorbild der angesehensten Theologen der griechischen Kirche; mit einem Säemann hat man ihn verglichen, der geistigen Samen ausgestreut in die verschiedenen Gebiete der Theologie und nach allen Gegenden hin. Fünfzig Jahre waren seit seinem Tode verflossen, als Victorinus die Märtyrerkrone errang. Auch dieser, obwohl nicht ein unmittelbarer Schüler des Origenes, erfuhr dessen Einwirkung auf sich, so zwar, daß er, wie mancher große Kirchenvater, der Origenes als seinen Lehrer in der Theologie verehrte, die eigenthümlichen Meinungen desselben, welche die herkömmliche Lehrweise der Kirche zurückwies, sich nicht aneignete: weshalb Hieronymus (in einem Schreiben an Pammachius und Oceanus über die Irrthümer des Origenes) nicht ansteht seine eigene Rechtgläubigkeit mit der unseres Victorinus in Parallele zu stellen. Origenes hatte tiefe Ehrfurcht vor der heiligen Schrift und legte sie allegorisch aus. Er lehrte: wie der Mensch (nach der platonischen Dreitheilung) aus Leib, Seele und Geist besteht, so verhält es sich mit der heiligen Schrift, die zum Heile der Menschen gegeben; die Gläubigen auf den verschiedensten Stufen sollen Unterricht daraus schöpfen. Zwar hat der buchstäbliche Sinn (der Leib) seine Geltung, und auch er erbaut die Menge der einfältigen Gläubigen. Jedoch darf man bei ihm nicht stehen bleiben. Der moralische Sinn (die Seele) führt das im buchstäblichen Sinne Vorliegende auf das sittliche Verhalten des Menschen über, z. B. 1. Korinth. 9,9f Dem Vollkommenen aber schließt sich ein tieferer Sinn auf; er dringt durch die äußern Verhältnisse hindurch zu den Ideen, welche in der Hülle des Buchstabens vorliegen, zu dem Uebersinnlichen, als dessen Abbildung das Irdische erscheint. Das ist der mystische Sinn (der Geist), und auf ihn führt die allegorische Auslegung. Hieronymus bezeugt ausdrücklich, Victorinus habe sich Origenes gerade in der Auslegung der heiligen Schrift zum Vorbild genommen. Und hauptsächlich auf diesem exegetischen Gebiete war er, unter fleißiger Benutzung des Origenes, schriftstellerisch thätig. Er schrieb nach Hieronymus Angabe (zehn) Commentare, deren einige auch Cassiodorus (gest. 563) erwähnt: zu den drei ersten Büchern Mosis, zu den Propheten Jesaias, Ezechiel, Habakuk, zum Prediger Salomo’s, zum Hohenlied, zum Evangelium Matthäi, zur Offenbarung Johannis. Man kann ihn den Vater der Schriftauslegung in der lateinischen Kirche nennen; denn in letzterer waren bis dahin eigene Commentare, in lateinischer Sprache, nicht hervorgetreten.

Wir wissen auf Grund einer Andeutung Cassiodor’s, der unsern Victorin nicht etwa mit einem Andern desselbigen Namens verwechselt, daß er nach Aufgabe des Rhetoramts, sowie nachmals Hilarius und Ambrosius, ohne erst ein geistliches Amt als Diaconus oder Presbyter verwaltet zu haben, sofort aus dem Laienstande zur bischöflichen Würde gelangte. Wie man aus der chronologischen Stellung bei Hieronymus schließen darf, die ihm. unter den übrigen Häuptern der Kirche zugetheilt wird, zwischen Anatolius von Alexandria (gest. um 280) und Pamphilus von Cäsarea (gest. 309), ist er in diese Würde etwa zwei Jahrzehnte vor dem Ausgang des dritten Jahrhunderts berufen worden.

Uebrigens beweist seine Erscheinung in Pettau die enge Verbindung der christlichen Gemeinden Noricums und Pannoniens mit dem griechischen Osten. Daß er in seiner Stellung sehr thätig gewesen für die christliche Sache, indem er dieselbe durch Wort und Schrift nicht nur weiter zu verbreiten, sondern auch in den Gemüthern ihrer Anhänger fester zu begründen suchte, läßt sich nicht läugnen. Hieronymus nennt ihn eine Säule der Kirche. Derselbe rühmt seinen milden Sinn, der Niemand wehe that.

Was die schriftstellerischen Erzeugnisse Victorin’s betrifft, so sind sie in lateinischer Sprache abgefaßt, als der Sprache des Landes, in welchem er lebte. Wie Hieronymus versichert, waren sie reich an tiefen Gedanken, aber nicht ausgezeichnet in der Diction, so daß Victorinus mit dem Apostel habe sagen können: „Bin ich auch unkundig in der Rede, so bin ich’s doch nicht in der Erkenntniß“ (2. Korinth. 11,6). Er war eben als geborener Grieche der lateinischen Sprache minder mächtig und konnte deshalb in ihr nicht immer den entsprechenden Ausdruck für seine Gedanken finden. Ueberdies stellte die lateinische Sprache damals, wie wir auch an Tertullianus bemerken, dessen Muttersprache sie gewesen, den neuen Ideen noch manche Schranke entgegen. Außer den erwähnten Commentaren verfaßte Victorinus noch eine Polemik gegen alle Redereien und, wie derselbe Gewährsmann beifügt, „viele andere Schriften.“ Sie sind sämtlich untergegangen, mit Ausnahme des Commentars über die Offenbarung Johannis. Wohl haben zwei gelehrte Engländer, Cave gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts und neuerdings Routh, aus einer alten Handschrift unter Victorin’s Namen eine Abhandlung geringen Umfangs über die Schöpfung der Welt in einem sehr verderbten Texte veröffentlicht und dieselbe für ein Bruchstück aus dem Commentar über das erste Buch Mosis gehalten. Allein, von Anderem abgesehen, einmal wird unser Victorinus (es gab mehrere Schriftsteller dieses Namens im christlichen Alterthum) in jener Handschrift nicht bestimmt als Verfasser genannt, und dann steht der Anfang jener Abhandlung entschieden der Annahme entgegen, daß sie ein Fragment von dorther sei. An der Aechtheit des (scholienartigen) Commentars über die Offenbarung Johannis haben wir nicht zu zweifeln; doch enthält er manche, zum Theil klar in die Augen springende Einschiebsel aus späterer Zeit. Derselbe ist auch darum merkwürdig, weil er über diese neutestamentliche Schrift als der erste erscheint, von dem wir überhaupt in der Kirche hören. Ein besonderes, schon früher (griechisch) abgefaßtes Werk des Hippolytus über die Offenbarung ist verloren gegangen; es hatte auch nicht die Form eines Commentars.

Origenes, der selber einen Commentar über die Offenbarung Johannis nicht geschrieben, bestritt auf’s Entschiedenste den Chiliasmus, d. i. die Erwartung der Wiederkehr Christi zur Aufrichtung eines tausendjährigen Reichs; er bestritt ihn, selbst in der edlern Gestalt, als reinen Buchstabenglauben, ohne deshalb jene Schrift des Neuen Testaments, aus der man ihn zu rechtfertigen suchte (20,4ff.), für unapostolisch zu halten. Immer wieder wies er insbesondere für die Auslegung der prophetischen Bücher und ausdrücklich der Offenbarung Johannis darauf hin, daß Alles, was – nach dem Buchstaben derselben fleischlich laute, nur geistig verstanden werden könne, widrigenfalls man in ihre Mysterien, ihren wesentlichen Inhalt, nicht eindringe. Auch im vorliegenden Commentar ist Victorinus seinem Vorbilde gefolgt: er hat die Offenbarung nicht chiliastisch ausgelegt. So bemerkt er zu 19,1 ff., daß die Zahl 1000 nach ihrer Auflösung in 10 mal 100 einen mystischen Sinn habe, indem die Zahl 10 den Dekalog (die zehn Gebote) und die Zahl 100 die Virginität (die Reinheit in Glauben und Sitte) bedeute. Wer gewissenhaft nach jenen handele und unversehrt diese bewahre, der sei wahrhaftig ein Priester Christi und herrsche mit ihm in der geistigen Erfüllung jener Zahl. Das ist eine durchaus antichiliastische Auslegung, wie man sie von einem Exegeten aus Origenes Schule nicht anders erwartet. Das Antichiliastische tritt besonders in den Bemerkungen zu Offenb. 20, 3 u. 5. hervor, sowie am Schluss des Commentars, wo Victorinus ausdrücklich erklärt: „man dürfe nicht auf die hören, welche wie Cerinth behaupten, das tausendjährige Reich sei ein irdisches.“ Demnach ist es schwer zu begreifen, wie Hieronymus ihn zu den Chiliasten rechnen konnte. Vielleicht hat er die Erörterungen Victorin’s, auf welche er sich zum Beweise seiner Behauptung beruft, ohne die betreffenden Stellen selbst anzuführen, zu flüchtig angesehen, wie dies dem Vielgeschäftigen zuweilen geschah, und nicht gründlich erwogen. So klingt es allerdings auch in unserm Commentar chiliastisch, – und derartige Stellen hat Hieronymus wahrscheinlich im Auge, – wenn Victorinus zu Offenb. 1,15. die Worte Psalm 131,7: „Wir wollen anbeten an dem Orte, wo seine Füße standen“ in der Art auslegt: „Weil da, wo die Füße der Apostel zuerst standen und die Kirche gründeten, d. h. in Judäa, alle Heiligen sich vereinigen und den Herrn anbeten werden.“ Aber es ist – um die Worte eines Theologen zu gebrauchen, der das umfassendste und gründlichste Einleitungswerk zur Offenbarung des Johannes geschrieben, nicht nothwendig chiliastisch, sondern läßt sich recht gut so fassen, daß wie Rom der Ort der antichristlichen Macht ist, so Judäa als derjenige Ort gedacht wird, wo die gläubige Christenheit sich nicht zur Aufrichtung eines irdischen Reiches, sondern zum Beginn des die Welt verwandelnden ewigen Reiches Christi versammelt.

Die deutsche Kirche soll sich Victorin’s, des von ihr fast gänzlich vergessenen, immerdar erinnern als des ersten hervorragenden Glaubens- und Blutzeugen in Deutschland.

Joh. Carl Th. Otto in Wien.

Quirinus.

Zur Zeit der allgemeinen Christenverfolgung unter dem Kaiser Diocletianus wurde, wohl in demselben Jahre als Florianus den Märtyrertod litt (304), auch der Bischof Quirinus von Siscia in Pannonien (jetzt Sisset in Kroatien, wo die Kulpa in die Save fließt) auf Befehl des Statthalters Maximus ergriffen. Ungeachtet aller über ihn verhängten Martern hielt er unerschütterlich fest an seinem Glauben; er freute sich darüber, daß er von Gott gewürdigt worden, durch das Opfer der Leiden wahrhaft ein Priester zu sein, und sehnte sich, nach größerer Pein um des Namens Christi willen, damit diejenigen, deren Hirt er in diesem Leben gewesen, ihm in das ewige Leben auf einem solchen Wege folgen möchten. Nach Hieronymus Bericht wurde Quirinus mit einem Mühlstein am Halse dort von einer Brücke in die Fluthen des Flusses geworfen, eine Zeitlang von ihnen getragen, die Seinen am Ufer mahnend sich durch seinen Tod nicht abschrecken zu lassen, bis er auf sein Gebet endlich untersank. Dieselben Züge gibt Prudentius in seinem herrlichen Hymnus auf diesen Märtyrer; nur verlegt er das Ereigniß unter Galerius. Wie Hieronymus erzählen auch die vorhandenen gleichfalls uralten Leidensakten des Quirinus; doch lassen diese den Gefangenen von Siscia aus dem zweiten Pannonien nach Sabaria (Steinamanger) an den Statthalter des ersten Pannoniens Amantius ausgeliefert werden, um hier – nach den Martyrologien am 4. Juni – in der vorüberströmenden Güns den Tod auf jene Art zu dulden. Immerhin bleibt es fraglich, ob eine solche Auslieferung wirklich stattgefunden; wenigstens lag ein Grund dazu insofern nicht vor, als auch der Statthalter der zweiten Provinz, welcher den Proceß des Quirinus begonnen, zur Vollziehung der Todesstrafe berechtigt war. Die Gebeine Quirin’s, der als Märtyrer in der abendländischen Kirche immer hochgepriesen wurde, sollen später nach Rom gebracht worden sein.