Die Frauen von Löwenberg.

In Schlesien verbreiteten 1629 die Liechtensteiner Dragoner Schrecken und Verwirrung. So wurde auch die Stadt Löwenberg gezwungen, ihre evangelischen Prediger zu entlassen. Es wurde den Bewohnern Himmel und Hölle vorgehalten, um sie ihrem Glauben untreu zu machen. Man verhieß ihnen die kaiserliche Gnade, Privilegien nach Wunsch und Begehren, wenn sie in den Schoß der römischen Kirche zurückkehren wollten; dagegen drohte man die Widerspenstigen mit den härtesten Strafen zu belegen. Ein großer Teil der Männer ließ sich zum Abfall verleiten; die Ungehorsamen mussten Herd und Heimat verlassen.

Kaum aber waren die Soldaten wieder abgezogen, so besannen sich die Abtrünnigen eines Andern. Sie ließen ihre Kinder in der Nachbarschaft nach evangelischer Weise taufen; die Kirchen der katholischen Geistlichen standen leer. Da kamen die Liechtensteiner zurück, um das Bekehrungswerk mit Waffengewalt zu vollenden. Wer irgend konnte, entfloh aus der Stadt; ganze Familien zogen das Exil dem furchtbaren Glaubenszwange vor. Es wurde ein neuer Stadtrat eingesetzt, an dessen Spitze als Königsrichter ein Advokat stand. Auf Anraten der Geistlichen fasste man den Beschluss, vor Allem die Frauen, welche bis jetzt am standhaftesten dem evangelischen Glauben treu geblieben waren, zur Verleugnung desselben zu bewegen. Man lud dieselben aufs Rathaus vor und es erschien eine große Anzahl, die Frau Königsrichterin und die Frau Bürgermeisterin an der Spitze. Die Herren am grünen Tische erschraken vor der Menge der mutig auftretenden Weiber; sie erklärten, dieselben in kleinen Abteilungen vernehmen zu wollen. Aber alle hielten fest zusammen; die Frau Königsrichterin antwortete im Namen Aller: „Meint ihr, dass wir so einfältig sind und eure Possen nicht merken, wie man uns arme Weiber drängen will, von dem Evangelium zu weichen. Wo ich bleibe, bleiben die Andern auch.“ Diese riefen einstimmig: Ja. Die Ratsherren erschraken, um so mehr, da sie merkten, wie jede Frau mit einem großen Bunde Schlüssel (der eigentümlichen Waffe der Weiber) versehen war. Die Herren nahmen zu einer List ihre Zuflucht. Die Türen wurden unvermerkt verschlossen, so dass die Frauen gefangen waren. Die meisten Ratsherren hatten sich teilweise ohne Hut und Stock – davon gemacht. Aufs Neue versammelten sich die Herren im Hause des Königsrichters, wo sie den Beschluss fassten, die Frauen zum fleißigen Kirchenbesuch zu ermahnen und wieder frei zu lassen.

Auch jetzt gaben dieselben die bestimmte Erklärung ab, dass sie am evangelischen Glauben festhalten wollten.

In den nächsten Tagen beschied der Pfarrer einige Frauen zu sich, namentlich die Frau Bürgermeisterin. Die Frau Königsrichterin, die nicht mit geladen war, begleitete dieselbe. Der Pfarrer redete ihnen freundlich zu, sie sollten doch nachgeben und die allein seligmachende Religion annehmen; sie würden sich bald überzeugen, dass sie sich wohl dabei befinden würden. Es erfolgte alsbald die Antwort: Wir sind von unseren Eltern und vorigen Predigern anders unterrichtet worden und bei dieser Lehre haben wir Ruhe und Frieden gefunden. In Eure Religion können wir uns nicht schicken. Der Pfarrer bat sie, sie möchten doch nur zur Kirche kommen; und wenn sie Bedenken hätten, sollten sie es ihm offen sagen. Alle seine Mühe war umsonst. Auch das half nichts, dass der Pfarrer ihnen vorstellte, wenn sie nachgäben, würden die Männer, wie sie selbst erklärt hätten, alle Folge leisten. Die Standhaftigkeit der Frauen bewirkte, dass die katholischen Geistlichen im folgenden Jahre die Stadt verlassen mussten. Doch hatte dieselbe noch viel zu leiden im Laufe des Krieges; beim Friedensschlusse war sie beinahe ganz verödet.

Isabella von Dänemark.

Eine andere Schwester Karls V. war Isabella, die Gemahlin des Königs Christian von Dänemark. Dieser wurde wegen seiner Grausamkeit vertrieben. Isabella floh mit ihm und erklärte, da die Dänen sie zurückriefen und versprachen, sie als rechtmäßige Königin anzuerkennen, sie werde ihr Schicksal von dem ihres Gemahls nicht trennen. Wie sie ihrem Gatten ein liebendes Herz auch im Unglück bewies, so hing sie auch ihrem Herrn und Heiland mit ganzer Seele an. So viel sie auch von ihrem Bruder und den Großen des Reichs bestürmt wurde, wieder zur katholischen Kirche zurück zu kehren, so große Vorteile sie sich auch von einem solchen Schritte versprechen konnte, so beharrte sie doch im Bekenntnis der evangelischen Wahrheit bis an ihren 1526 erfolgten Tod.

Maria von Ungarn

Selbst unter den Frauen der kaiserlichen Familie finden sich solche, die Luthers Lehre zugetan waren. Wir nennen zuerst Maria, die Schwester Karls V., die als fünfzehnjähriges Mädchen mit Ludwig II., König von Ungarn, vermählt wurde, aber schon nach fünfjähriger Ehe ihren Gemahl durch den Tod verlor. Luther wechselte bisweilen Briefe mit derselben. In einem solchen von 1525 drückte er seine Freude darüber aus, dass sie Interesse am Evangelio nehme; er empfahl die Bekenner desselben ihrem Schutze gegen die mächtigen Bischöfe. Sie duldete in ihrer Umgebung evangelische Prediger und zeigte eine solche Bibelkenntnis, dass sie die Geistlichen verbesserte, wenn dieselben eine Bibelstelle unrichtig zitierten. Weiter durfte sie nicht gehen, da ihr Bruder sie öfters warnen ließ: sie möchte sich nicht von den ketzerischen Pfaffen verführen lassen; er entfernte sogar die evangelischen Prediger aus ihrer Nähe. Um sie noch mehr dem Einflusse derselben zu entziehen, nahm er sie mit nach Spanien und machte sie später zur Statthalterin der Niederlande, so dass sie für Deutschland ganz verschwand. Man schreibt ihr ein Lied zu, welches 1598 in dem Leipziger Gesangbuch unter ihrem Namen Aufnahme gefunden hat und dessen erster Vers also lautet:

Mag ich dem Unglück nicht widerstahn,
Muss Ungnad han
Der Welt für mein recht Glauben,
So weiß ich doch, s‘ ist all mein Kunst,
Gotts Huld und Gunst,
Die muss man mir erlauben.
Gott ist nicht weit,
Eine kleine Zeit,
Er sich verbirgt,
Bis er erwürgt,
Die mich sein’s Wort berauben.

Katharina von Sachsen

Um die Einführung und Verbreitung der Reformation im Herzogtum Sachsen machte sich Katharina, die Gemahlin des Herzogs Heinrich von Freiberg, verdient. Sie war frühe für die Ansichten Luthers gewonnen worden während ihr Gemahl noch wankte und schwankte, wenigstens nicht stark genug war, den anti-reformatorischen Bestrebungen seines Bruders, des Herzogs Georg, Widerstand zu leisten. Katharina verhinderte wenigstens, dass derselbe ganz für die kaiserliche Partei gewonnen wurde. In ihrer Umgebung verbreitete sich die evangelische Gesinnung immer mehr, wiewohl das offene Hervortreten derselben nicht unbedenklich war. Drei ihrer Hofdamen, Hanna von Dreschwitz, Ursula von Feilizsch und Milia von Olsnig, wurden, weil sie Luthers Schriften gelesen hatten, aus Freiberg vertrieben. Man hat noch einen Brief Luthers an die Herzogin, worin er sie zu trösten suchte. Katharina soll ihrem Gemahl den Stuhl in der Kirche näher an die Kanzel gerückt haben, damit er die Predigt besser hören möge. Nach dem Tode des Herzogs Georg fiel dessen Herrschaft seinem Bruder Heinrich zu, und wenn nun die Reformation in dem ganzen Herzogtum eingeführt wurde, und wenn sich die späteren Kurfürsten Moritz und August als Beschützer der evangelischen Kirche bewiesen, so verdanken wir dieses großenteils dem Einflusse Katharinens auf ihren Gemahl und ihre Söhne.

Elisabeth von Braunschweig

Noch mehr und unmittelbarer als sie selbst wirkte ihre gleichnamige Tochter für die Verbreitung der Reformation. Sie war geboren 1510, und verheiratete sich 1525 mit dem fünfundfünfzigjährigen Herzog Erich von Braunschweig, einem Witwer. Derselbe war noch immer ein kräftiger, lebensfroher Mann, der auch jetzt noch lieber am Kaiserhofe, auf Reisen und bei Fehden verweilte als in seinem kleinen Herzogtume. Er hatte zwar Luthern in Worms einen Trunk Einbecker Bier überreichen lassen, war aber sonst kein Freund der kirchlichen Neuerung; wir glauben allerdings mehr aus religiösem Indifferentismus, als aus einer, auf innerer Überzeugung ruhenden Antipathie. Den sich auch in seinem Lande regenden reformatorischen Bewegungen wirkte er hartnäckig und teilweise mit Strenge entgegen, konnte aber derselben nicht Meister werden. So musste er der Stadt Göttingen gegen Bezahlung von 6000 Talern die Einführung der Reformation gestatten. Selbst seine Gemahlin neigte sich der neuen Lehre zu, wahrscheinlich durch das erbauliche Vorbild ihrer Mutter gewonnen. Als nun gar ihre Brüder in dem alten Glauben wankend wurden, als ihr der jüngere, Johann von Küstrin, die Vortrefflichkeit der Lutherischen Lehre auseinandersetzte, nahm auch sie in ihrer Residenz zu Münden das Abendmahl unter beiderlei Gestalt. Erich erhielt nach seiner Rückkehr Kunde davon, handelte aber minder strenge als weiland sein Schwiegervater. Er drückte sogar seine Augen zu, als seine Gemahlin den hessischen Geistlichen Anton Corvin herbeikommen ließ. „Meine Else,“ sagte er, „lässt mich in meinem Glauben ungestört; darum will ich sie auch in dem ihrigen nicht stören.“ 1540 ereilte den siebzigjährigen Fürsten der Tod zu Hagenau; sein Leichnam konnte erst nach einiger Zeit in die Heimat gebracht werden, da derselbe vorher durch Bezahlung einer Schuld eingelöst werden musste. Überhaupt hatte sich der alte Herzog als ein schlechter Haushalter bewiesen und seinem Lande eine übergroße Schuldenlast aufgeladen. Elisabeth übernahm unter dem Beistand des Landgrafen Philipp des Großmütigen die Vormundschaft über ihren Sohn Erich II. Sie musste alle ihre Kraft aufbieten, um die ungestümen Forderungen der ungeduldigen Gläubiger einigermaßen zu befriedigen. Am meisten hatte sie den Herzog Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, einen leidenschaftlichen Gegner Luthers, zu fürchten, da dieser die Regentschaft beanspruchte und ein günstiges Urteil vom König Ferdinand erhielt. Heinrich wurde 1542 von den Mitgliedern des Schmalkalder Bundes überfallen und gefangen gesetzt. Jetzt konnte Elisabeth ungehindert daran denken, ihren Lieblingsplan zu verwirklichen, die Reformation in ihrer Herrschaft einzuführen. Schon 1541 hatte sich ein Landtag zu Pattensen dafür ausgesprochen. Corvinus wurde als Generalsuperintendent angestellt. Er verfasste eine Kirchenagende, welche den Geist der Milde und der Besonnenheit atmete. Elisabeth erkundigte sich bei ihren häufigen Reisen durchs Land nach den kirchlichen Verhältnissen und suchte die wahrgenommenen Mängel möglichst zu verbessern. Die Erziehung ihres Sohnes ließ sie sich besonders angelegen sein; sie schrieb für denselben christliche Lebensregeln nieder. In der Einleitung sagte sie: „Ich schreibe dies, um Dich zu erinnern, Dein Vertrauen nicht auf Menschen zu sehen, sondern allein auf Gott, und seine Gebote zu halten. Wenn Du Gott fürchtest, wird er Dir gnädig beistehen. Solches merke mit Fleiß und bedenke, dass ich es Dir, als meinem Kinde, sage, das ich vor zeitlichem und ewigem. Verderben behütet sehen möchte.“

In diesem Tone ist die ganze Schrift abgefasst; sie enthält die weisesten Ratschläge in Beziehung auf die Landesregierung, dass man sich gedrungen fühlt, eine Frau zu achten und zu bewundern, welche die Staatsklugheit so ganz in sich aufgenommen hatte, und zwar zu einer Zeit, wo es schwer war, das Rechte zu treffen.

Der junge Erich wurde in seinem achtzehnten Jahre für mündig erklärt. Noch war er gewillt, dem Evangelio treu zu bleiben, aber es zeigte sich bald, dass er mehr von den Eigenschaften seines Vaters, als von denen seiner Mutter geerbt hatte. Er ließ sich an den kaiserlichen Hof verlocken, gelobte aber vorher, Alles, was er zwischen Wams und Busen habe, für die Wahrheit der evangelischen Lehre zu opfern. Nur allzubald war das Versprechen vergessen. Er diente in dem Schmalkalder Kriege dem Kaiser gegen seine Glaubensgenossen, und ließ alsbald eine völlige Reaktion in Beziehung auf das Kirchenwesen eintreten. Er vertrieb alle evangelischen Prediger, die das Interim nicht annehmen wollten, und setzte katholische dafür ein. Corvin und der Superintendent Hoyser von Pattensen, welche gegen das Interim geschrieben hatten, kamen in engen Gewahrsam. Elisabeth hatte vollauf zu tun, um den Bedrängten und Vertriebenen Hilfe zu leisten und, wo sie nicht helfen konnte, wenigstens Trost zu gewähren. Erich ging noch weiter und verband sich mit dem größten Feinde seiner Mutter, dem Herzog Heinrich. Vergebens richtete Elisabeth ein eindringliches Schreiben an ihren Sohn, worin es unter Anderm heißt: „Die erkannte Wahrheit zu verleugnen ist Sünde, die weder im Leben, noch darüber hinaus Vergebung findet; und die Diener Christi schänden und beleidigen, heißt nichts Anderes, denn unseren Heiland kränken, der unsere Sünden getragen hat. In mütterlicher Liebe beschwöre ich Dich, jage Christum nicht aus dem Lande, betrübe den heiligen Geist nicht, damit er nicht von Dir weiche, und meine Tränen Dir zum ewigen Unheil gereichen.“

An die Landstände schrieb Elisabeth: „Ist ein einziger Blutstropfen in Euch, der den Gekreuzigten liebt und bekennt, so ermahne ich Euch: Gedenkt Euer Eide und Pflichten, verstummt nicht in Feigheit, sondern besprecht Euch mit Adel und Städten, die armen unschuldigen Gefangenen zu vertreten und frei zu bitten. Uns hat der Sohn mit diesem bösen Spiel ins Bett gebracht, und steht er nicht ab, so wird er uns unter die Erde bringen.“

Die Gefangenen suchte sie zu trösten und zu ermutigen; sie schrieb an dieselben: „Wir ermahnen Euch, nach dem Beispiele Christi Euer Leid zu tragen, und als die Berufenen dessen auszuharren, für den ihr Verfolgung leidet. Seid beherzt und streitet ritterlich in dem Bekenntnis des reinen Glaubens, haltet an am Gebet, hofft auf den starken Retter und seid versichert, dass wir alle christlichen Mittel und Wege für Eure Erlösung suchen werden.“

Die Herzogin erfüllte, was sie versprochen hatte, aber Alles umsonst. Sie schrieb wiederholt an ihren Sohn in einer Weise, dass man hätte meinen sollen, für ein wahrhaft kindliches Herz wäre Widerstand unmöglich gewesen. In der Nachschrift zu einem Briefe sagte sie: „Wehe und immer wehe! über Dich, wenn Du Dich nicht besserst. Wie hast Du uns so hart betrübt, dass wir darnieder liegen in Ohnmacht und Schmerzen. Doch mussten wir schreiben, wenn unser Herz nicht brechen sollte; denn so wir nicht riefen, so würden die Steine sprechen müssen.“

Erich kümmerte sich um die Bitten und Klagen seiner Mutter so wenig, wie um die Seufzer seiner Untertanen. Er verzehrte in der Fremde das Mark der letzteren und machte neue Schulden, statt die alten zu bezahlen. Auch seine Gemahlin Sidonie, die Tochter des Herzogs Heinrich von Sachsen, eine Schwester des Kurfürsten Moritz, suchte er zu überreden und durch Lockungen zu bestimmen, in den Schoß der katholischen Kirche zurückzukehren. Diese aber erklärte, sie werde im evangelischen Glauben Leben und sterben.

Elisabeth hatte Unsägliches zu leiden; auch Herzog Heinrich ließ es an Schikanen nicht fehlen und beeinträchtigte auf mancherlei Weise ihr spärliches Einkommen. Endlich kam Versöhnung mit ihrem Sohne zu Stande, da dieser sich gleichfalls von seinem Vetter Heinrich beleidigt glaubte. Beide verbanden sich mit dem unruhigen Markgrafen von Brandenburg-Culmbach, einem Vetter Elisabeths. Der junge Herzog gestattete die Wiedereinführung der evangelischen Lehre und es zeigte sich alsbald, wie tief dieselbe im Volke Wurzel geschlagen hatte. Die Stände knüpften jede Geldbewilligung an die Bestätigung der Lehr- and Bekenntnisfreiheit für die Anhänger der Augsburger Konfession.

Die Schlacht bei Sievershausen am 4. Juli 1553 vernichtete alle Hoffnung der Herzogin, indem der Markgraf völlig geschlagen wurde. Heinrich gab seinem Hass gegen Elisabeth um so mehr freien Lauf, da seine beiden Lieblingssöhne in der Schlacht gefallen waren. Dieselbe hatte keinen Vorteil davon, dass zwischen ihrem Sohne und dem Herzog Heinrich der Friede zu Stande kam. Ihre Lage war längere Zeit hindurch eine verzweifelte. Von Mangel und Not gedrückt, lebte sie wie eine Gefangene zu Hannover; 1554 klagte sie, dass sie seit drei Wochen kein Fleisch in der Küche gehabt habe und selbst des nötigen Holzes entbehre. Wiederholte Vorstellungen bei dem Kaiser verschafften ihr endlich einige Erleichterung, da ihr Sohn und ihr feindlicher Vetter bewogen wurden, ihr wenigstens einen Teil ihres Wittums zurück zu geben. Sie konnte nun ihre Schulden bezahlen und zog sich mit ihrem zweiten Gemahle, dem Grafen Poppo von Henneberg, nach Schleusingen zurück, wo sie am 19. August 1566 selig verschied.

In der Hennebergischen Chronik heißt es von ihr: „Diese Fürstin war eine rechte Liebhaberin des göttlichen Wortes, eine mitleidige Mutter der Armen, und hat mit ihrem Herrn in friedlicher Ehe gesessen zwanzig Jahre.“

Ihr Sohn setzte sein unstetes Leben unverändert fort, so dass das Land immer mehr verarmte; als er 1584 kinderlos starb, trug Julius, ein Sohn des Herzogs Heinrich, Bedenken, ob er die Erbs

Elisabeth von Brandenburg.

Alle die genannten Frauen konnten nur in beschränktem Kreise für die Reformation tätig sein; dagegen haben wir noch einiger Fürstinnen zu gedenken, welche in einzelnen deutschen Staaten die Einführung der Reformation entweder ganz oder großenteils veranlasst haben. Wir nennen zunächst Elisabeth, die Gemahlin des Kurfürsten Joachim Nestor von Brandenburg, eine geborene Prinzessin von Dänemark. Ihr Gemahl war ein eifriger Verteidiger der bestehenden Kirchenlehre und Verfassung, und bei verschiedenen Gelegenheiten, wie auf den Reichstagen zu Worms und zu Augsburg, sprach er sich für die strengsten Maßregele zur Unterdrückung der auftauchenden Ketzerei aus. Und doch konnte er es nicht hindern, dass sich das Gift derselben in seinem Lande verbreitete und zu wirken begann. Selbst seine Gemahlin Elisabeth wurde von demselben angesteckt. Das Verhältnis beider fürstlichen Gatten war schon seit einiger Zeit ein getrübtes und ihre Stimmung war eine gedrückte, namentlich da ihr Bruder Christian aus Dänemark vertrieben wurde. Sie suchte Trost und Beruhigung in der heiligen Schrift und fühlte sich durch das Lesen derselben immer mehr zu Luther hingezogen, dessen mutiges und entschlossenes Auftreten einen tiefen Eindruck auf ihr leicht erregbares Gemüt gemacht hatte. Eine Reise nach Sachsen in Begleitung ihres Gemahls und ihres Bruders trug noch weiter dazu bei, sie auf die Seite der Evangelischen hinüber zu ziehen. Doch musste sie ihre religiösen Ansichten verheimlichen, und nur in stiller Zurückgezogenheit konnte sie durch die Schriften Luthers ihren Glauben stärken. Immer größer wurde ihr Verlangen, das Abendmahl der Einsetzung gemäß zu genießen. Deshalb benutzte sie 1528 die Abwesenheit ihres Gemahls, um sich dasselbe von einem aus Wittenberg berufenen Geistlichen reichen zu lassen.

Joachim war außer sich vor Zorn, als er das Geschehene erfuhr. Er überhäufte sein treues Weib mit den heftigsten Vorwürfen und drohte derselben mit Einsperrung, ja Einmauerung, wie man sagt. Elisabeth musste heimlich entweichen; sie nahm ihre Zuflucht zu ihrem Oheim, dem Kurfürsten Johann dem Beständigen von Sachsen, bei dem sich auch ihr vertriebener Bruder, Christian von Dänemark, aufhielt. Sie fand die gewünschte Aufnahme und in dem ihr angewiesenen Schlosse Lichtenburg einen ruhigen und sicheren Aufenthalt. Ihr Gemahl tat keine weiteren Schritte, sie zur Rückkehr zu nötigen. Mit Luther stand sie in schriftlichem und persönlichem Verkehr. Sie zog denselben öfters an ihre Tafel und kehrte, selbst bisweilen Trost und Stärkung ihres Glaubens suchend, bei ihm ein.

Joachim starb 1535, ohne dass an eine Versöhnung mit demselben zu denken gewesen wäre. Vor seinem Tode hatte er sich noch von seinen Söhnen das Versprechen geben lassen, dass sie den bisherigen Religionszustand beibehalten wollten. Das aber konnten diese nicht über sich gewinnen, dass ihre Mutter als eine Verbannte außer Landes leben sollte; sie holten dieselbe zurück und brachten sie auf ihren Witwensitz zu Spandau. Hier lebte sie abgeschieden von der Welt, aber beschäftigt mit der Fürsorge für Arme und Notleidende. Täglich wurde in ihrer Wohnung Gottesdienst gehalten, an welchem alle ihre Hausgenossen teilnehmen mussten. Auch die Bewohner der Stadt hatten Zutritt zu demselben. Öfters las sie selbst aus Luthers Hauspostille oder aus der Bibel vor. Mit der größten Zärtlichkeit hing sie an ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln, deren sie im Ganzen 70 erlebte. Als bestes Erbteil suchte sie denselben ihren frommen Sinn zu hinterlassen. 1555 erreichte sie das Ziel ihres irdischen Lebens. Kurz vor ihrem Tode trat eine Mondfinsternis ein. Der Arzt suchte ihr solches zu verbergen. Sie aber bemerkte: „Vor einer solchen Finsternis fürchte ich mich nicht; ich traue dem, der Sonne, Mond und Sterne erschaffen hat. Wenn er nur bald käme und holte mich zu sich.“

Als ihr des Heilands letzte Worte: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ vorgesprochen wurden, bewegten sich noch einmal betend ihre Lippen. Sie schied mit dem seligen Bewusstsein, dass der von ihr ausgestreute Same nicht ganz verloren gegangen wäre. Ihre Söhne, Joachim II. und Georg, hatten schon dem Drange der Zeit nachgegeben und die Reformation in Brandenburg einführen lassen.

Margaretha Blaarer

Nicht in gleicher Weise mit der Feder, aber durch gleiche Liebestätigkeit diente Margaretha Blaarer der Reformation; sie war die Schwester des Bürgermeisters Thomas Blaarer zu Konstanz und des Ambrosius Blaarer, eines Geistlichen, der in der Reformationsgeschichte Oberdeutschlands eine ehrenvolle Stelle einnimmt. Ganz Konstanz hatte die Kirchenverbesserung angenommen; auch die Klosterpforten wurden geöffnet; seit 1528 verkündigten 23 Prediger das Wort Gottes nach evangelischer Weise. Sie alle hatten Arbeit in Menge, denn durch Missernte und Krankheiten kamen schwere Zeiten über die Stadt und die Umgegend. Vielleicht hätten Manche diese Heimsuchungen für ein Strafgericht Gottes angesehen und darin Veranlassung gefunden, wieder zur katholischen Kirche zurückzukehren, wenn nicht, so weit es durch Menschen geschehen konnte, Hilfe in der Not gekommen wäre. Es fanden sich aber christlich gesinnte Jungfrauen zusammen, welche einen Verein bildeten, um Armen und Kranken Beistand zu leisten. Margaretha Blaarer, die früher einer geistlichen Ordensschwesterschaft zur Übung barmherziger Liebe angehört hatte, stand an der Spitze dieses evangelischen Diakonissenbundes. 1541 schrieb Ambrosius an seine Schwester: „Höre nicht auf, ich bitte Dich herzlich, das Anliegen der Kirche auf Erden, der echt evangelischen, dem himmlischen Vater in heißer Fürbitte zu empfehlen! Du weißt, sie leidet übel Not von allen Seiten und wird angefochten von Gewalttätigen, geistlichen und weltlichen Standes; bitte doch mit dem stillen Hausvölklein, ich meine Deine Hauskirche, dass die Bedrängten und Verfolgten wieder zur Ruhe kommen. Grüße mir doch Deinen ganzen Haushalt, all‘ Deine Armen, Kranken, Presshaften, nach Erlösung Seufzenden, welche in Dir eine liebende Mutter finden. – O, wie freut es mich, zu sehen, wie schön Dich der Herr mit höherer Kraft stärkt, dass Du nicht unterliegst unter den Sorgen allen. Möge er Dir zeitlebens den schönsten Segen gönnen, Hungrige zu speisen, Durstige zu tränken, Nackende zu kleiden, Fremde zu beherbergen, Kranke zu laben“ usw.

Nicht lange sollte diese Jüngerin des Herrn in ihrem gesegneten Wirken fortfahren. Als sie 1541 eine Menge Pestkranke besuchte, erkrankte sie selbst und unterlag der verderblichen Krankheit.

Über ihr Ende berichtet ihr Bruder Ambrosius: „Sie gab sanft und mit heiligen Reden unter vollem Vertrauen auf Christum ihren Geist auf, dass man wohl sagen kann: Sie ist nicht gestorben, sondern zu dem Herrn heimgegangen.“ Der schon mehrmals erwähnte Bucer schrieb über sie: „O, unvergessliche Zierde, Schmuck und Segen des wiedergeschenkten Evangeliums, die mit den größten Zierden der glücklichsten Zeiten der Kirche in eine Linie gesetzt werden kann!“

Der gleichfalls erwähnte Bullinger richtete einen Trostbrief an ihren Bruder, darin lesen wir: „Von Herzen bin ich betrübt, dass der unerbittliche Tod Deine Schwester, die Hoffnung so vieler Dürftigen hienieden, und ein Edelstein vom reinsten Wasser, Margaretha, diese Perle der Jungfrauen, Dir entrissen hat.“

Solche Frauen, welche dem Evangelium nützten, indem sie Liebe in der Tat und Wahrheit bewiesen, waren gerade keine Seltenheit. Von der Gattin des Magisters Leu, Pfarrers zu St. Peter in Zürich, heißt es: „Sie trug allen Kranken und Kindbetterinnen ihrer Gemeinde zu, was sie bedurften, und teilte redlich mit ihnen. Weil aber ihre Pfründe klein und der Magister ein armer Mann war, so musste er stets anflehen, und wiewohl er keine großen Schulden machte, konnte er doch Nichts erübrigen.

Die Mutter lag Tag und Nacht dem Weben ob; damit verdiente sie viel Geld; das ließ ihr der Vater und daraus kaufte sie Bücher und Hausplunder. Sie hatte auch arme Knaben, deren etliche ihr nicht zwölf Gulden Tischgeld im Jahre gaben. Die Vertriebenen nahm sie auf und hielt manchen einen Monat, zwei oder drei und mehr. Sie hatte ein ehrliches Hausplunder, besonders on Bettgewand, aber da war nichts Köstliches, wie man jetzt hat.

Von der Frau des Oswald Myconius, früher Lehrer in Zürich, später Antistes in Basel, wird gleichfalls gerühmt, dass sie sich der Vertriebenen liebevoll angenommen und dieselben Monate lang beherbergt habe.

Anna Adlischweiler, die Gattin von Bullinger in Zürich, eine gewesene Nonne von Ortenbach, war in Zürich unter dem Titel „Frau Mutter“ und im Auslande unter dem Namen „Züricher Mutter“ bekannt.

Mitunter ermunterten Frauen zur Zeit der Verfolgung ihre Männer zur Standhaftigkeit; so die Gattin des Bartholomäus Bertlin, der, weil er das von Karl V. befohlene Augsburger Interim nicht annehmen wollte, seine Pfarrei verlassen und drei Jahre mit der bittersten Armut kämpfen musste. Als der Kaiser 1551 nach Augsburg kam, beschied er die Geistlichen der Umgegend zu sich, um sie zur Nachgiebigkeit zu bestimmen. Wer sich nicht fügen wollte, hatte das Schlimmste zu fürchten. Bertlins Gattin sagte beim Abschied zu demselben: „Hüte Dich, dass Du nicht um meinet- und unserer Kinder willen die Wahrheit, für welche Du zu zeugen bereit bist, verleugnest.“ Bertlin blieb standhaft und musste ein weiteres Jahr unstet und flüchtig umherirren, bis er eine Anstellung in einem Spital zu Augsburg erhielt. Nach einiger Zeit durfte er in sein früheres Amt nach Memmingen zurückkehren.

Katharina Zell.

In Straßburg lebte um dieselbe Zeit eine Frau bürgerlichen Standes, die sich den Ehrennamen „Reformatorenmutter“ erworben hat. Es war dies Katharina Zell, geborene Schütz. Sie war die Tochter eines ehrsamen Schreinermeisters und erblickte das Licht der Welt im Jahre 1497. „Von Mutterleib an,“ schrieb sie selbst, „hat mich der Herr gezogen, und von Jugend auf gelehrt; darum habe ich mich auch seiner Kirche nach dem Maße meines Verstandes und der verliehenen Gaben zu jeder Zeit fleißig angenommen und mit Ernst gesucht, was des Herrn Jesu ist. Daher mich auch von früher Jugend an alle Pfarrherren und Kirchenverwandten geliebt und geehrt haben.“

Wie sie zum Glauben gekommen, sagt sie selbst: „Und da wir in solcher Angst und Sorge der Gnade Gottes standen, aber in vielen Werken Übungen und Sakramenten der päpstlichen Kirche keine Ruhe finden mochten, erbarmte sich Gott unserer und vieler Menschen und sandte uns den lieben und jetzt seligen Dr. Martin Luther, der mir und Andern den Herrn Jesu so lieblich fürschrieb, dass ich meinte, man zöge uns aus dem Erdreich hinauf, ja aus der grimmen, bitteren Hölle in das liebliche, süße Himmelreich.“ Im Jahre 1523 verheiratete sie sich mit dem wackeren Verteidiger der evangelischen Lehre, welchem der Stadtrat eine besondere Kanzel im Münster errichtet hatte, da ihm die katholische Geistlichkeit die daran befindliche Kanzel verschloss, Matthias Zell. Von nun an stand sie ihrem Gatten bei dessen Wirken für die Sache der Reformation mutig und treulich zur Seite. Der bekannte Martin Bucer, oder Bucer, der auch die Trauung dieses Ehepaares vollzogen hatte, schrieb über Katharina: „Sie ist gottesfürchtig, grundstudiert und mutvoll wie ein Held; aber es wybelt((flattert)) doch immer ein wenig um sie.“

Bald nach ihrer Verheiratung schrieb ihr Luther: „Dass Dir Gott seine Gnade so reichlich gegeben hat, dass Du nicht allein selber sein Reich siehst und kennst, so vielen Leuten verborgen, sondern auch solch einen Mann bescheret, von dem Du es täglich und ohne Unterlass besser kennen und immer hören magst, gönne ich Dir wohl; und wünsche Dir Gnade und Stärke dazu, dass Du solches behaltest bis auf jenen Tag, wo wir uns Alle sehen und freuen werden, wills Gott.“

Katharina wusste den Mariageist mit dem Marthasinn zu verbinden; sie besorgte die Geschäfte des Hauswesens und war bei der Hand, wo es galt, die vielen gelehrten Männer, die in ihrem gastlichen Hause einkehrten, in geistreicher Weise zu unterhalten. Dies war zum Beispiel der Fall, als Zwingli und Oekolampad im Jahre 1529 auf der Durchreise nach Marburg einige Tage bei ihr zur Herberge waren. Überhaupt besuchte in jenen Tagen nicht leicht ein Freund der Reformation die Reichsstadt Straßburg, ohne bei Magister Zell und dessen Frau einzusprechen. Besonders nahmen sich beide Ehegatten derjenigen an, die um ihres Glaubens willen ihre Heimat verlassen mussten. Katharina durfte von sich erzählen: „Ich habe schon im Anfang meiner Ehe viele herrliche gelehrte Leute in ihrer Flucht aufgenommen, in ihrer Kleinmütigkeit getröstet und herzhaft gemacht, wie Gott im Propheten lehrt: Unterstütze und stärke die müden Knie.“

Als im Jahre 1524 in einer Nacht anderthalbhundert Bürger auf kaiserlichen Befehl als Anhänger des Evangeliums die Stadt Kenzingen verlassen mussten, nahm das Ehepaar Zell achtzig in sein Haus auf und speiste fünfzig bis sechzig vier Wochen lang, wozu allerdings fromme Leute ihre Beisteuer lieferten. Auch den vertriebenen Bauern, „viel elenden und erschrockenen Leuten“, bewies die Pfarrfrau ihre Samariterliebe; sie sorgte für deren Unterkunft und kollektierte((sammelte)) zu ihrer Unterstützung. Selbst den verfolgten Wiedertäufern entzog sie nicht ihre helfende Hand; sie stand fest im Glauben, aber ihre Menschenliebe erhob sie über dogmatische Engherzigkeit.

1538 unternahm sie mit ihrem 61jährigen Manne eine Reise durch die Schweiz und Deutschland, wobei sie auch bei Luther in Wittenberg einkehrten. Sie schrieb über diese Reise: „Ich bin nur eine schwache Frau, habe viel Arbeit, Kummer und Sorge, Krankheit und Schmerz in meiner Ehe erlitten, aber meinen Mann habe ich so lieb, dass ich ihn durchaus nicht wollte allein wandeln lassen, da er unsern lieben Dr. Luther und die Seestädte bis an das Meer, ihre Kirchen und Prediger sehen und genießen wollte. Meinen ehrwürdigen, alten, inniglieben Vater, den 85jährigen, meine Freunde und Alles, was mir lieb war, empfahl ich dem Schutze des Herrn, verließ Alles und zog mit meinem Manne dreihundert Meilen hin und her.“

Zell starb 1548. Katharina schrieb über ihr eheliches Leben: „Gar oft habe ich mich bei mir selbst verwundert und Gott gedankt, dass wir Beide, mein seliger Mann und ich, durchaus einerlei Sinnes, Gemütes und Verstandes in heiliger Schrift, ja selbst in äußerlichen Dingen, in Kleinigkeiten und Nebensachen gewesen sind, ein Herz und eine Seele.“

Auch nach dem Tode ihres Gatten setzte sie ihre Barmherzigkeit fort, wie ihr derselbe vor seinem Ende noch anempfohlen hatte; sie blieb noch zwei Jahre und elf Wochen im Pfarrhause und versäumte Nichts, dasselbe zu einer Herberge für ihre bedrängten Glaubensgenossen zu machen.

1549 mussten die Straßburger Prediger Bucer und Paul Fagius ihr Amt niederlegen, Straßburg verlassen und nach England fliehen. Sie hinterließen der Witwe Zell ohne deren Wissen mehrere Geldstücke, damit sie nicht Not leide. Katharina aber schrieb an die Flüchtlinge: „Ihr habt mich mit dem Gelde, so Ihr mir heimlich in dem Briefe zurückgelassen, auf das äußerste betrübt. Auf dass aber meine Schamröte einesteils hingelegt werde, habe ich zwei Stücke Geldes wieder in den Brief wollen legen, wie Joseph seinen Brüdern. Da ist ein des Interims wegen verjagter Prädikant mit fünf Kindern und eines Prädikanten Frau, deren Mann getötet worden ist. Die habe ich zehn Tage lang bei mir gehabt, und habe das eine Stück Geld diesen beiden zur Zehrung geschenkt, nicht meinet-, sondern euretwegen.“

Katharina war also eine rührige Kämpferin für das Evangelium, hatte aber dabei, wie ihr Mann, ein weites Herz und konnte sich in die dogmatischen Streitigkeiten der Evangelischen selbst nicht finden. Darum wagte sie es sogar, an Luther zu schreiben und ihn zu bitten, er möge in dem Abendmahlstreite wider die Schweizer und Oberländer milder verfahren. Luther scheint diese Zumutung nicht ungünstig aufgenommen zu haben, er versprach, seine Schärfe ein wenig zu mildern. Nur möge Katharina auch ihren Mann und andere Freunde anhalten, dass sie Friede und Einigkeit bewahren möchten. „Die Liebe solle über Alles gehen, und den Vorgang haben, ausgenommen Gott, der über Alles, auch über die Liebe sei.“

Für die Wiedertäufer legte Katharina bei verschiedenen Gelegenheiten Fürsprache ein; sie nannte dieselben die „armen Täufer, die gehetzt würden, wie der Jäger die Hunde auf die wilden Schweine und Hasen hetze. Wer Böses tue, den solle die Obrigkeit strafen, den Glauben aber nicht zwingen, der gehöre dem Herzen und Gewissen an, nicht dem äußeren Menschen.“

Auch der schlesische Edelmann Kaspar Schwenkfeld, der nicht frei war von mystischen Verirrungen, und aus Furcht, es möchte unter den Protestanten ein neues Papsttum entstehen, das geistliche Amt und die Einrichtungen der Kirche, so wie die Sakramente verachtete, wurde in der Familie Zell gastlich aufgenommen. Von anderer Seite war man unwillig über diese Weitherzigkeit; doch schwieg man, so lange Zell am Leben war. Aber nach seinem Tode wurde Katharina heftig angegriffen, als ob sie selber Schwenkfeld’sche Ansichten hege. Sie verteidigte sich in einer zwölf Folioseiten umfassenden Schrift.

Am heftigsten eiferte gegen sie der Nachfolger ihres Mannes, Dr. Rabus, der als Superintendent nach Ulm versetzt worden war, und der in früherer Zeit von der Familie Zell viele Wohltaten empfangen hatte. Das Schreiben dieses Mannes ist so gemein und grob, dass wir Bedenken tragen, mehr als die Anfangsworte davon anzuführen. Es heißt: „Dein heidnisch-unchristlich, erstunken und erlogen Schreiben ist mir zugekommen“ usw. Katharina wusste zu antworten, mitunter, das ist nicht zu leugnen, auch in scharfen Worten. Auf die Beschuldigung, dass sie in Straßburg Unruhe verursacht habe, erwiderte sie: „Du liebes Straßburg, denn du mich länger als Herr Ludwig (Rabus) gekannt hast, sage, was ich getan habe. Ja, mir selbst und nicht der Kirche habe ich viel Unruhe gemacht, und angefangen, das vorher bei den Weibern nicht gewöhnlich gewesen, auch mir nicht viel Nachfolge getan ist worden, da ich Arme, Verjagte und Elende hab‘ aufgenommen, für sie geredt und geschrieben, weder Nachrede, Hass, noch Gunst angesehen, der Kirche kein Leid getan, noch Unruhe angefangen, sondern alle Zeit freundlich mit allen Parteien, und habe gerne gesehen, dass nicht ein Bruder dem anderen zum Tode geholfen hätte.“ „Ist das die Sünd‘ und Unruhe, die ich in der Kirche gemacht habe, dass ich, da andere Weiber ihrer Hoffart geluget und zu Hochzeiten, Freuden und Tanz gegangen, mit aller Lieb, Treue und Mitleid, Pestilenz und Tote getragen?“ usw.

Über ihr Lebensende fehlen genauere Nachrichten, nur so viel ist bekannt, dass der damalige Superintendent seinen Geistlichen befahl, ihr zu Ehren keine Leichenpredigt zu halten; es wäre denn, dass sie beifügen wollten: allerdings habe sich Frau Katharina als Wohltäterin verdient gemacht, zuletzt sei sie aber der lutherischen Lehre abtrünnig. geworden und habe sich auf die Seite der Reformirten geschlagen.

Die Geistlichen achteten wenig auf diesen Befehl und noch weniger die Straßburger Bürger. Allgemein betrauerte man den Verlust der merkwürdigen Frau.

Argula von Grumbach

Unmittelbarer als die beiden Reformatorenfrauen griff in das Triebwerk der Reformation eine Frau aus dem Bayernland ein, Argula von Grumbach, geborene von Stauff; geboren um das Jahr 1492. Ihr Vater, Bernhardin von Stauff, zeichnete sich dadurch vor den meisten seiner Standesgenossen aus, dass er schon vor dem Erscheinen der Lutherischen Übersetzung fleißig in der Bibel las und seiner zwanzigjährigen Tochter eine deutsche Bibel schenkte, mit der Aufforderung, in derselben, dem Gebote des Herrn gemäß, zu suchen. Kein Wunder also, dass die Grundsätze der Reformation in dieser Familie frühe Eingang fanden. Argula verlor ihre Eltern fünf Tage nach einander. Ein Bruder ihres Vetters nahm sich der verlassenen, vermögenslosen Jungfrau an. Auch der Herzog Wilhelm von Bayern tröstete sie und versprach ihr, nicht bloß ihr wohlwollender Landesfürst, sondern auch ihr Vater zu sein. Sie wurde Hoffräulein und verheiratete sich 1516 mit einem fränkischen Edelmanne, Freiherrn von Grumbach. Mit inniger Freude hörte sie von Luthers Auftreten gegen die Missbräuche in der Kirche. Sie las mit Begeisterung die Schriften des kühnen Mannes und wurde in Folge davon eine entschiedene Anhängerin desselben. Auch verhehlte sie ihre religiösen Ansichten vor keinem Menschen. Ja, sie fand bald Veranlassung, offen mit denselben hervorzutreten.

1523 wurde ein junger Magister, Arsacius Seehofer, zu Ingolstadt in den Kerker geworfen und durch Drohungen – man stellte ihm den Feuertod in Aussicht – zum Widerruf genötigt, worauf man ihn in ein Kloster steckte. Er entkam und nahm zu Luther seine Zuflucht. Vor ihm bekannte er seine Schwachheit mit dem Ausdrucke tiefer Reue.

Als Argula von dem Verfahren gegen den jungen Mann hörte, war sie bald entschlossen, ein Wort zu Gunsten desselben zu sprechen: Sie schrieb an die Universität Ingolstadt in einer Weise, dass man ihren Mut und ihre religiöse Einsicht bewundern muss. Einige Stellen aus diesem Schreiben mögen das Gesagte erläutern und bestätigen: „Ich finde einen Spruch, Matth. am 10., der also lautet: „Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich bekennen vor meinem himmlischen Vater“, und Luk. 10: Wer sich meiner schämet und meiner Worte, dessen werde ich mich wieder schämen.“ Solche Worte, von Gott selbst geredet, sind mir allezeit vor Augen; denn es wird weder Mann noch Frau darinnen ausgeschlossen. Aus diesem werde ich gedrungen Euch zu schreiben. Denn Ezechiel sagt am 33.: Siehst du sündigen deinen Bruder, so strafe ihn, oder ich will sein Blut fordern von deinen Händen. Ach Gott! wie werdet Ihr bestehen mit Eurer hohen Schule, dass Ihr so töricht und gewaltig handelt wider Gottes Wort und mit Gewalt zwingt, das heilige Evangelium zu verleugnen, wie Ihr dem Arsacius Seehofer getan habt! usw.“ Weiter heißt es: Ich bitte Euch und begehre Antwort, ob Ihr meint, dass ich irre. Denn Hieronymus hat sich nicht geschämt und zu den Weibern geschrieben gar viel, als zu Paula, Eustachia usw. Ja, Christus selbst hat sich nicht geschämt, sondern gepredigt Maria Magdalena, der Frau an dem Brunnen. Ich scheue mich nicht, vor Euch zu kommen und Euch zu hören, auch mit Euch zu reden. Und ob es gleich dazukäme, davor Gott sei! dass Luther widerriefe, soll es mir nichts zu schaffen geben. Ich baue nicht auf sein, noch eines Menschen Wort, sondern auf Christum selbst, welchen die Bauleute haben verworfen und der zum Eckstein geworden ist.“

Eine Abschrift dieses Briefes schickte sie zwei Monate später mit einem besonderen Sendschreiben an den Rat von Ingolstadt. In diesem Schreiben heißt es: „Und wenn sie mich gleich mordeten, so geschehe, wie Gott will. So ich gestorben bin, so ist doch Gottes Wort nicht vertilgt. Ich achte auch dafür, so ich die Gnade hätte, den Tod um seines Namens willen zu leiden, würden viele Herzen dadurch erweckt; ja, wenn ich allein stürbe, würden tausend Weiber wider sie schreiben; denn ihrer sind viele, die belesener und geschickter sind, denn ich.“

Selbst an den Herzog Wilhelm wendet sie sich, ihn zu ermahnen, dass eine christliche Obrigkeit bei dem Worte Gottes bleiben und solches aus christlicher Pflicht zur Hand haben solle. „Denn kein Mensch Gewalt hat, das Wort Gottes zu verbieten, allein das Wort Gottes soll und muss alle Dinge regieren. Ich bitte Euch um Gottes willen, nicht allein der Ingolstädter Wort zu glauben, sondern vorher die Geister nach göttlicher Schrift zu prüfen. Es ist nicht genug, zu sagen: Ich glaube, was meine Eltern geglaubt haben,“ wir müssen an Gott und nicht an unsere Eltern glauben.“

Der Kanzler Eck wurde über dieses Alles um so mehr erbittert, da er erfahren hatte, dass Argula die Einwohner von Dietfurt durch öffentliche Reden für den evangelischen Glauben zu gewinnen suche. Er forderte deshalb den Herzog auf, den Mann Argulas seines Dienstes zu entlassen, und ihm unter Androhung schwerer Strafen zu befehlen, dass er seiner Frau solches Schreiben nicht mehr gestatte.

Ein Magister, Johannes von Landshut genannt, verfasste ein Spottgedicht auf die Frau Argula, die so sehr aller weiblichen Zucht vergessen, dass sie ihren Herrn und Fürsten zu einem neuen Glauben hat verführen wollen, und sich zu unterstehen, eine ganze hohe Schule zu bestrafen und zu beschimpfen. Es heißt am Schlusse:

Willt du aber mit Ehren bestehen,
So stell ab dein Mut und Gutdunkel,
Und spinn davor an der Kunkel,
Oder strick Hauben und wirke Borten;
Ein Weib soll nicht mit Gottes Worten
Stolzieren und die Männer lehren,
Sondern mit Magdalenen zuhören.

Argula antwortete dem Magister in einem längeren Gedichte; sie forderte denselben auf, öffentlich mit ihr in Ingolstadt zu streiten; sie wolle sich fröhlich stellen. Hierauf verteidigte sie das Recht der Ungelehrten, das durch die Apostel verkündigte Evangelium zu treiben und zu verfechten. Das Beispiel einer Judith, Deborah und Jael sei ein Beweis, dass auch Weiber für Gott streiten dürften.

Darum zürnet nicht so hart,
Ob Gott jetzt auch wieder Weiber schaffen,
Die Eure Hoffart müssen strafen.
Macht, dass Ihr gar nicht würdig seid,
Dass ein Gelehrter mit Euch streit.

Am Schlusse heißt es:

Weh Euch, die Ihr jetzt sonder lacht,
Ihr werdet klagend und weinend gemacht,
Ihr Lästerer Gottes, wie wird euer Leben,
So ganz und gar vor Gott zu nichte,
Wenn ihr kommt vor das streng Gerichte
Am sechsten Lukas da bestimmt,
Darum lasst ab und seid besinnt;
Auf diesmal nehmt genug daran,
Bis er hervortritt auf den Plan.
Von Bileams Eselin nimm zu gut
Mein lieber Johannes von Landshut!

Dr. Eck schickte ihr auf die Aufforderung, mit ihr zu streiten, einen Spinnrocken und eine Spindel.

Der Herzog Wilhelm war über die kühne Frau erzürnt und folgte darum der an ihn gerichteten Aufforderung um so bereitwilliger. Argulas Gatte erhielt seinen Abschied. Sie selbst aber wurde in ihrem Glauben nicht wankend gemacht, auch, da ihre Verwandten ihren Unwillen gegen sie äußerten. Sie schrieb an ihren Vetter, den Statthalter Adam von Torring zu Neuburg: „Man hat mir gesagt, man wolle meinem jungen Herrn das Amt nehmen; kann ich ja nicht dafür; denn ich habe vorher Alles wohl bedacht; habe mich daran gesetzt, Alles zu verlieren, ja Leib und Leben; Gott steht mir bei.“

Sie ging noch weiter in ihrem Eifer für die Reformation. Sie schrieb an den Kurfürsten von Sachsen und an andere Fürsten: sie möchten sich des Evangelii treulich annehmen. Auch mit Luther trat sie 1524 in einen Briefwechsel, und dieser gedenkt ihrer öfters in ehrenvoller Weise; er nennt sie die „sehr gottselige Frau“ und schrieb 1524 an Spalatin: „Ich schicke Dir hiermit das Schreiben der Argula, der Jüngerin Christi, damit Du es sehen und Dich freuen mögest über eine sündige Tochter Adams, welche umkehrt und sein Kind wird.“

1530, während des Augsburger Reichstags, besuchte Argula Luther auf dem Schlosse Coburg. Auch an Spalatin schrieb sie: „Fürchtet Euch nicht, die Sache ist Gottes, der sie in uns, ohne uns angefangen hat, der wird sie auch wohl beschützen. Er schläft nicht, der Israel behütet; die Sache ist sein.“ Und dieses schrieb sie, da sie schon Witwe geworden und ihr Gottvertrauen durch mancherlei Prüfungen auf die Probe gestellt worden war. Dasselbe wurde nicht erschüttert. „Meine Kindlein,“ schrieb sie, „wird der Herr schon versorgen und speisen mit den Vögeln in der Luft, auch bekleiden mit den Lilien auf dem Felde. Er hat es gesagt; Er kann nicht lügen.“

Über ihre letzten Schicksale ist wenig bekannt. Nur so viel wissen wir, dass sie, als in Bayern die Verfolgung immer heftiger wurde und Mancher wegen seines evangelischen Glaubens den Scheiterhaufen besteigen musste, aus ihrem Vaterland verwiesen wurde. Sie starb 1554 zu Zeyligheim in Franken mit der Gesinnung, die sie in folgenden Worten ausgesprochen hat: „Man heißt mich Lutherisch; ich bin es nicht; ich bin im Namen Christi getauft, den bekenne ich; aber ich bekenne, dass ihn Martinus auch als ein treuer Christ bekennt.“

Auch andere Frauen zeigten sich bereit, das Evangelium mit biblischen und anderen Gründen zu verteidigen, z. B. Maria von Heringen und ihre Schwester Engel von Hagen, von denen Spangenberg in seinem „Adelsspiegel“, und Lobwasser in seiner „Hochwürdigen Gesellschaft gelehrter Frauenzimmer“ berichtet, wie sie mit den gelehrtesten Theologen über Luthers Lehre gestritten und dieselben mit ihren eigenen Worten gefangen hatte. Zu Eger forderte Katharina Junker die Theologen zu einer öffentlichen Disputation heraus; sie verteidigte ihre Ansichten mit Einsicht und Mut.

Anna Zwingli.

Als würdig, der deutschen Reformatorenfrau an die Seite gestellt zu werden, erscheint die Gattin Ulrich Zwinglis, Anna, die Tochter von Oswald Reinhart, Gastwirt zum Rösli in Zürich und der Elisabetha Wynzürn, geboren 1487. Sie zog schon frühe durch ihre leibliche Schönheit, die Lebhaftigkeit ihres Geistes, sowie ihr feinfühlendes, kindlich-frommes Gemüt, die Blicke ihrer Umgebung auf sich, und erwarb sich den Namen der apostolischen Rehe (Apostelgesch. 9,30). Auch Johannes, der einzige Sohn des angesehenen altadeligen Züricher Ratsherrn, Gerold Meyer von Knonau, wurde von Liebe zu der schönen Anna ergriffen und fand Erwiderung. Aber der Vater verweigerte seine Einwilligung, indem er den Plan gefasst hatte, seinen Sohn mit einer adeligen Familie aus dem Thurgau zu verbinden. Da erlaubte sich der junge Johannes einen Schritt, den wir nicht billigen können und der auch nicht ohne nachteilige Folgen für ihn geblieben ist. Er ließ sich 1504 heimlich in einer Dorfkirche mit der geliebten Anna einsegnen. Der alte Ratsherr verstieß seinen ungehorsamen Sohn, verkaufte einige Güter um einen Spottpreis und ging eine zweite Heirat ein, die darauf berechnet war, dem Sohne alles Vermögen zu entziehen. Es würde dem jungen Paare übel ergangen sein, wenn andere Leute nicht bereitwilliger gewesen wären, demselben beizustehen. Der junge Patrizier wurde in den großen Rat aufgenommen und auch von anderer Seite unterstützt, z. B. von dem Bischof von Konstanz, einem Verwandten der Meyerschen Familie. Am 26. November 1516 versetzte der Tod des Gatten die hart geprüfte und doch zufriedene Frau in frühen Witwenstand. Von nun an zog sich dieselbe noch mehr von der Welt zurück, als sie es bisher schon getan hatte. Auch jetzt kam keine Versöhnung mit dem erzürnten Schwiegervater zu Stande; nur der Enkel Gerold gewann das Herz des alten Mannes. Dieser bemerkte einstens einen spielenden Knaben auf der Straße; er fand Wohlgefallen an demselben, ohne zu wissen, wer er sei. Auf nähere Erkundigungen erfuhr er, dass es sein Enkel sei, und so wurde er veranlasst, denselben zu sich zu nehmen; doch erlaubte er dem Knaben, bisweilen. seine Mutter zu besuchen.

Unter denen, welche mit Wohlgefallen das gottselige Leben der christlichen Witwe beobachteten, war auch der Leutpriester an der Münsterkirche, Ulrich Zwingli. Besonders war der älteste Sohn Annas der Gegenstand seiner Liebe. Er unterrichtete ihn in eigener Person und sorgte dafür, dass er auch durch fleißigen Schulbesuch seine Kenntnisse erweiterte. Als der Rat den Wunsch aussprach, die Geistlichen möchten alle in die Ehe treten, folgte Zwingli dem von einigen Amtsbrüdern gegebenen Beispiele; er erwählte die Mutter seines Lieblings zu seiner Lebensgefährtin. Die Annahme seiner Feinde, dass er diese Wahl um des Vermögens willen getan habe, bedarf kaum der Widerlegung. Anna brachte ihm 400 Gulden mit; außerdem war ihr ein Leibgeding von 30 Gulden zugesichert; doch sollte dieses zum Besten der Kinder verwendet werden. Zwingli selbst äußerte: Seine Frau sei zwar mit Kleidern, Ringen und allerlei Geschmeide versehen, aber von dem Tage ihrer Verehelichung an habe sie den Plunder nicht angerührt; sie habe sich gekleidet wie die anderen Bürgerweiber, schlecht und recht, dass man ihr den vorigen Stand nicht angemerkt habe. Er selbst betrachte all‘ ihr Vermögen als ein fremdes, anvertrautes Gut.

Dagegen fand Zwingli, was er gesucht hatte, eine treue Gehilfin bei seinen vielen Berufs- und anderen Arbeiten. Wenn er verstimmt war, erheiterte sie ihn durch ihr munteres Wesen und ihre traute Unterhaltung. Er legte nicht geringes Gewicht auf ihr natürliches, unbefangenes Urteil. Auch verstand sie es gar wohl, mit Personen aus verschiedenen Ständen, selbst mit Hochgebildeten und Gelehrten, eine inhaltsvolle Unterredung zu führen. Gar oft traf es sich, dass ihr Gatte, von Geschäften überladen, den Leuten, die ihn aufsuchten, keine Zeit widmen konnte; da empfing die Hausfrau die Ankommenden; sie erteilte ihnen Rat, gab Auskunft, so viel sie vermochte, und tröstete insbesondere die Trostbedürftigen. Die angesehensten Männer in Zürich verweilten gern in ihrer Gesellschaft und waren nicht unwillig, wenn ihr Gatte anderweitig beschäftigt war.

Sie las die Flugschriften und Broschüren, welche die Ereignisse der Zeit behandelten, mit dem größten Eifer, und Zwingli versäumte nicht leicht, ihr die neu erschienenen zur Lektüre zu übergeben, um sich dann später mit ihr über den Inhalt zu besprechen.

Mehrmals bot sie die Hand, um den Nonnen, welche das Kloster verlassen hatten, Gelegenheit zur Verheiratung zu verschaffen. Sie meinte: Priester und Nonnen passten wohl am besten zusammen; beide schmachteten nach Erlösung aus ihrem bisherigen Zustande; auch wären sie nicht verzärtelt und gewissermaßen der Welt abgestorben. Besonders eifrig las sie in der Bibel; es verging kein Tag, an dem sie nicht Stärkung des Glaubens in derselben gesucht und gefunden hatte. Jeder neue Bogen der von Lev Judä in Verbindung mit ihrem Manne bearbeiteten Züricher Bibelübersetzung wurde von ihr begierig in die Hand genommen, wenn Zwingli verhindert war, solchen vorzulesen.

Mit besonderem Eifer und besonderer Liebe nahm sie sich der Armen und Kranken, namentlich der Waisen, an. Sie besuchte dieselben und brachte ihnen Speise und Trank, Arznei und Kleidung; von dem Ihren gab sie reichlich und forderte Andere zur Mildtätigkeit auf. Fremde, besonders solche, die um des Evangeliums willen verfolgt waren, fanden in ihrem Hause gastliche Aufnahme. Selten war dieses ganz von Gästen leer; nicht Wenige blieben, bis ihnen sonst ein Unterkommen verschafft war.

Häufig kamen des Sonntags Nachmittags mehrere Predigerfrauen bei ihr zusammen, um sich über religiöse Dinge zu besprechen; bisweilen gesellten sich Männer dazu; es wurden alsdann geistliche Lieder gesungen, die Zwingli großenteils gedichtet hatte.

An Sorgen und Bekümmernissen fehlte es ihr nicht. Ihr Gatte hatte der Feinde eine ziemliche Anzahl. Selbst auf der Tagsatzung((Die Tagsatzung war in der Schweiz bis 1848 die Versammlung der Abgesandten der Orte (Kantone) der Alten Eidgenossenschaft. Sie besaß sowohl exekutive als auch legislative Kompetenzen.)) stieß man Drohungen gegen ihn aus. Es wurden Äußerungen vernommen: Man solle es ihm machen, wie es der Bischof von Konstanz dem Johann Huglin((Johann Hüglin, auch Johannes Hüglin, Hans Hüglin, Johannes Heuglin, Johann Heuglin, Hanns Heuglin, Johannes Hügelin, Johannes Hügli, Johann Hügli, Johann Heuglein oder Johann Heugelin, im Englischen mitunter John Heuglin, im Französischen entsprechend Jean Heuglin, im Niederländischen Jan Heuglin geschrieben (* vor 1490 in Lindau (Bodensee); † 10. Mai 1527 in Meersburg), war Frühmessner (Pfarrer) in dem am Bodensee gelegenen Pfarrdorf Sernatingen (heute Bodman-Ludwigshafen, damals zur Reichsstadt Überlingen gehörig). Er gilt als evangelischer Märtyrer.)) von Meersburg gemacht habe; man solle ihn verbrennen. In Luzern übergab man seine Bücher dem Feuer und machte bekannt: Wer ihn finde, solle ihn gefänglich einliefern. Auch kamen tatsächliche Feindseligkeiten gegen ihn vor. 1525 warfen zwei Bürger mit großen Steinen die Fenster im Zwinglischen Hause ein, so dass die Stücke umherflogen und die Anwesenden in Angst und Unruhe versetzt wurden. Zwingli beruhigte dieselben und verscheuchte durch sein bloßes Erscheinen am Fenster die Übeltäter.

Ein anderes Mal begehrte ein Mann am späten Abend mit Zwingli zu sprechen. Die anwesenden Diakonen hielten denselben ab, vor die Türe zu gehen. Einer von ihnen trat heraus; er wurde alsbald ergriffen und fortgeschleppt; doch ließ man ihn wieder frei, sobald man den Irrtum gewahrte. Über das Alles war Anna betrübt; doch sie verzagte nicht, fest im Vertrauen auf den Schutz des Allmächtigen. Auch der Abendmahlsstreit beunruhigte sie nicht wenig; ganz besonders war sie voll Sorgen und Kummer, als Zwingli 1529 zum Religionsgespräch nach Marburg reiste und schon auf dem Schweizer Boden in Lebensgefahr geriet. Er kehrte indes wohlbehalten im Oktober zurück. Aber die Zeiten wurden schlimmer und schlimmer. Am 11. Oktober 1531 kam es zwischen den evangelischen und katholischen Kantonen zur unheilvollen Schlacht bei Kappel. Zwingli begleitete die Züricher Miliz, selbst mit einem Schwerte bewaffnet. Wie bekannt, fiel er in dieser Schlacht.

Welche Schreckensbotschaft für das liebende Weib, als sie erfuhr, dass sie zur Witwe geworden sei! Aber diese Trauerbotschaft blieb nicht vereinzelt. Auch ihr Sohn, Gerold Meyer von Knonau, war unter den Getöteten, sowie ihr Bruder Bernhard Reinhard, ihr Tochtermann Anton Wirz, und der Gatte ihrer Schwester, Hans Lütsch. Nur ihr zweiter Tochtermann, Balthasar Keller, den man ebenfalls für tot gehalten hatte und der auf dem Schlachtfelde geblieben war, hatte sich wieder aufgemacht und gerettet. Außer ihren zwei Töchtern erster Ehe waren ihr noch drei Kinder zweiter Ehe, zwei Söhne und eine Tochter geblieben.

Sie fasste sich zuerst trotz ihres namenlosen Schmerzes und trotz des Jammerns ihrer Kinder. Auch fehlte es ihr nicht an Trost und Teilnahme. Sie selbst dichtete ein Trauerlied((Dieses Trauerlied ist nicht von ihr, sondern von Johann Martin Usteri „Der armen Frouw Zwinglin Klag“, zu finden https://glaubensstimme.de/doku.php?id=autoren:u:usteri:usteri-der_armen_frau_zwingli_klag)), in dessen letzten Versen sie die Bibel anredet:

Komm, du Buch! Du warst sein Hort,
Sein Trost in allem Übel;
Ward er verfolgt durch Tat und Wort,
So griff er nach der Bibel,
Fand Hülf‘ bei ihr, – Herr! zeig‘ auch mir
Die Hülf‘ in Jesu Namen!
Gib Mut und Stärk‘ Zum schweren Werk
Dem schwachen Weibe; Amen!

Anna lebte jetzt noch mehr zurückgezogen als früher. Ihre ganze Sorgfalt war der Erziehung ihrer Kinder gewidmet. Sie fand auch einen Freund in der Not. Der Nachfolger ihres Mannes, Heinrich Bullinger, wurde ihr Fürsprecher beim Rate und nahm sie selbst in sein Haus und an seinen Tisch; ihre Kinder behandelte er wie seine eigenen; zwei Söhne und eine Tochter starben früh; den jungen Ulrich ließ er auf seine Kosten studieren.

Die weiteren Nachrichten über die Witwe sind spärlich, doch mehr als hinreichend, um zu beweisen, dass sie bis zum Tode von ihrer Frömmigkeit nicht gewichen ist. Am 6. Dezember 1538 beschloss sie ihr vielbewegtes und vielgeprüftes Leben. Bullinger schrieb an einen Gesinnungsgenossen: „Ich weiß mir kein seligeres Ende zu wünschen; sie verlosch sanft, wie ein mildes Licht, und schwebte anbetend und uns Alle Gott befehlend heim zu dem Herrn.“