Girolamo Savonarola

Girolamo Savonarola

Hieronymus Savonarola, geboren zu Ferrara 1452, eine glühende Seele, entlief im vierzehnten Jahre in’s Dominikanerkloster zu Bologna, lehrte später dort Physik und Metaphysik, und nach Florenz berufen, wo er Prior von St. Marcus wurde, erhob er sich mit donnernden Predigten wider die Verderbniss seiner Zeit. Er zerriss die glänzende Decke der antiken Bildung, mit welcher Fürsten und Prälaten die Unsittlichkeit ihres Lebens und Staatswesens umhüllten. Als die Medizäer vertrieben wurden, trat Savonarola an die Spitze der Radikalen. Die deutschen Fürsten rief er auf zur Kirchenreformation, indem er das Pabstthum für ganz verrottet erklärte. Selbst aber begann er sogleich in Florenz, predigend und organisirend, getragen von der Volksgunst, zu arbeiten an der Herstellung einer evangelisch-demokratischen Republik. Als ihn aber der Pabst excommunicirte und die Mönche, erbittert durch seine sittenstrengen Neuerungen, gegen ihn predigten, schlug plötzlich der Sinn des Volkes um. Eine Versammlung von Geistlichen unter Vorsitz von zwei päbstlichen Abgeordneten nahm ihn in’s Verhör und auf die Folter, und er wurde im Jahre 1498 öffentlich erwürgt und verbrannt.

Historische und biographische Erläuterungen zu
Wilhelm von Kaulbach's
Zeitalter der Reformation
von Franz Löher
Stuttgart
Verlag von Friedrich Bruckmann
1863
Jan Hus

Jan Hus

Johann Huss, geboren 1373 zu Hussinecz in Böhmen, stand als Professor und. mächtiger Sittenprediger in Prag am Hofe wie bei den Studenten und dem Volke in grossem Ansehen. Erfüllt von nationaler Abneigung gegen die Deutschen gab er als Rektor der Universität den czechischen Studenten das Uebergewicht über die Deutschen, worauf diese, fünftausend an der Zahl, Prag verliessen. Anfangs eiferte er nur wider den Ablasshandel und die Laster der Geistlichkeit. Seit er aber Wicleffs Schriften erhielt, wurde er durch ihr eifriges Studium weiter getrieben, griff die Ohrenbeichte, das Klosterwesen, die Fasten, die Kirchenpracht und die Verehrung der Bilder an, und. sprach den Satz: aus: Nichts von der geistlichen Amtsgewalt bestehe zu Recht, es sei denn, es lasse sich durch die Schrift beweisen. Vergebens untersagte der Erzbischof sein Predigen, Huss hatte nur um so grösseren Zulauf. Vergebens .that ihn Johann XXIII. in den Bann, er erklärte ihn für einen falschen Pabst. Endlich vor das Concil zu Konstanz geladen, reisete er hin im Schutze kaiserlichen Geleits. Hier aber wurde er, trotz des Kaisers und der Böhmen Widerstand, nach vier Wochen gefangen gesetzt, wies die Abschwörung seiner Lehre standhaft von sich und starb heitern Muthes auf dem Scheiterhaufen im Jahre 1415.

Historische und biographische Erläuterungen zu
Wilhelm von Kaulbach's
Zeitalter der Reformation
von Franz Löher
Stuttgart
Verlag von Friedrich Bruckmann
1863

Johann Wessel

Er wurde 1419 zu Groningen geboren, lehrte als Doktor der Theologie zu Köln, Löwen, Heidelberg, Paris, und starb 1489. Er hatte zwei Beinamen, „Licht der Welt“ (lux mundi), weil man staunte über die verborgenen Wissensschätze, die er an’s Tageslicht förderte, und „Meister des Widerspruchs“ (magister contradictionum), weil er so trefflich es verstand, durch seine Dialektik die alten Scholastiker aufs Eis zu führen, bis sie ein Bein brachen. Luther, der von ihm seine Rechtfertigungslehre entnahm, gab auch Wessel’s Schriften heraus.

Historische und biographische Erläuterungen zu
Wilhelm von Kaulbach's
Zeitalter der Reformation
von Franz Löher
Stuttgart
Verlag von Friedrich Bruckmann
1863
Johann Geiler von Kaysersberg

Geiler von Kaisersberg

Johann Geiler, geboren zu Schaffhausen 1445, zu Kaisersberg im Elsass erzogen, war gründlich in aller Theologie bewandert, worin er auch den Doktorhut errang, und predigte in den Städten am Oberrhein, zuletzt als Domprediger in Strassburg, wo man ihm zu Ehren eine Kanzel erbaute. Er predigte vor Arm und Reich und vor gedrängten Zuhörerschaaren gegen die Verderbniss und Thorheiten seiner Zeit. Er drang auf innerliches Erfassen des Glaubens, der sich in gesundem sittlichem Wesen, und nicht bloss in äusserer Werkheiligkeit kund geben müsse. Voll lebendiger Naturkraft, sprühenden Witzes, kecker und derber Satyre wurde er ein grosser Volkserwecker und ein Leuchter für die deutsche Predigt.

Historische und biographische Erläuterungen zu
Wilhelm von Kaulbach's
Zeitalter der Reformation
von Franz Löher
Stuttgart
Verlag von Friedrich Bruckmann
1863
John Wiclif

John Wiclif

Johann Wicleff, geb. 1324 im Dorfe Wicliffe in der Grafschaft York, ein geistvoller Theolog, trat in Oxford durch Lehre und Predigt gegen die Bettelmönche und gegen den Lehnseid auf, welchen der Pabst vom englischen Könige forderte. Verfolgt von den Mönchen, seiner Präsesstelle in Canterbury durch eine päbstliche Bulle entsetzt, kehrte er sich unter dem Schutze der Hofgunst immer feindseliger gegen den Primat des Pabstes, gegen die Mönchsorden, den Cölibat, die weltliche Gerichtsbarkeit der Kirche überhaupt. Auch die Abendmahlslehre und Ohrenbeichte griff er an. Kein päbstlicher Commissär konnte ihn versöhnen.

 

Er pochte auf die Bibel, die er auch in’s Englische übersetzte. Als aber seine Schüler im Bauernaufstände unter Wat Tyler 1381 sich hervorthaten, gab der Hof ihn auf: seine Lehren wurden von einer Bischofsversammlung verdammt, seine Anhänger ausgerottet, und er selbst auf seine Pfarre zu Lutterword verwiesen, wo er 1387 starb.

 

<pre>Historische und biographische Erläuterungen zu

Wilhelm von Kaulbach’s

Zeitalter der Reformation

von Franz Löher

Stuttgart

Verlag von Friedrich Bruckmann

1863</pre>

Hieronymus von Prag

Hieronymus von Prag

Die römische Kirche war unter herrschsüchtigen und streitsüchtigen Päpsten in immer tieferen Verfall gerathen, und in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts konnte kein Zweifel mehr darüber sein, daß sie einer Reformation an Haupt und Gliedern bedürfe. An vielen Orten erwachten Zeugen evangelischer Wahrheit, eiferten gegen das herrschende Sittenverderben und suchten die apostolische Einfachheit des Glaubens und Lebens wiederherzustellen. Insbesondere in Böhmen hatten seit 1350 mehrere edle Männer aus geistlichem und weltlichem Stande auf Verbesserung der Kirche gedrungen und eine segensreiche Saat christlicher Erneuerung ausgestreut. Thomas von Stitny, Johann Milic, Konrad von Waldhausen und Matthias von Janow waren Vorläufer des Johannes Hus, des treuen Zeugen für evangelische Wahrheit, und seines Freundes und Kampfgenossen Hieronymus von Prag, dem wir hier ein Blatt der Erinnerung widmen. Reicht er auch an die christliche Heldengröße von Johannes Hus nicht hinan, hat er auch in entscheidender Stunde einmal gewankt: gleichwohl verdient er unter den Bekennern der evangelischen Wahrheit eine ehrende Erwähnung.

Hieronymus von Prag stammt aus einem adeligen Geschlechte der Stadt Prag, wo er nach der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts geboren wurde. Von seiner Erziehung und seiner frühern Jugend haben wir keine Nachrichten. Er erhielt eine sorgfältige wissenschaftliche Ausbildung, besuchte die Universitäten Heidelberg, Köln und Prag und saß an der letzteren Hochschule zu den Füßen des Magister Hus, der zuerst in ihm das Bedürfniß nach einer Kirchenverbesserung weckte. Sein reger Wissensdurst und der Ruf Wiclifs hatte ihn auch ins Ausland geführt. Er hatte sich nach der berühmten Universität Paris und namentlich nach Oxford begeben, wo er die reformatorischen Schriften Joh. Wiclifs kennen lernte und in deren Besitz gelangte. Insbesondere machte Wiclifs Hauptwerk, der „Trialogus“, einen tiefen Eindruck auf ihn; der Widerspruch zwischen Kirchen- und Schriftlehre wurde ihm aus diesem Werke klar, und als er von seiner Reise nach England in seine Vaterstadt zurückkehrte, begleitete ihn eine Abschrift der wichtigsten Schriften Wiclifs dahin.

Uebrigens hatte er, obwohl in der Theologie gründlich unterrichtet, nicht die Absicht, in den geistlichen Stand einzutreten. Schon im Jahre 1398 hatte er die Würde eines Bacealaureus, 1407 die eines Magisters der freien Künste erlangt. Nach seiner Rückkehr von England treffen wir ihn zunächst am Hofe des Königs Wenzel, der an seinem ritterlichen Wesen Gefallen fand. Allein besser als das lustige Hofleben gefielen ihm Hussens ernste Predigten in der Bethlehemskapelle. Er machte Hus mit den Schriften Wiclifs bekannt, und, um für die Ausbreitung der darin vorgetragenen Wahrheiten offener wirken zu können, nahm er beim Hofe Abschied und bestieg einen Lehrstuhl an der Universität zu Prag. Bald mehrten sich die Freunde der Reform; besonders Jakob von Mies, Prediger an der St. Michaelskirche in der Altstadt, der sich später so mannhaft für den Kelchgenuß im heil. Abendmahl wehrte, schloß sich an ihn an.

Aber eben seine Verehrung für Wiclif verwickelte ihn bald in ernstliche Gefahren. Zwei studierende Engländer hatten im Jahre 1404 zu Prag wiclifitische Ansichten zu verbreiten gesucht; zwei von ihnen im Saal ihres Hauswirths ausgestellte Gemälde, auf welchen Christi demüthiger Einzug in Jerusalem und des Papstes pomphafter Einritt in Rom zu sehen war, regten die Leidenschaften der Reformgegner zu hellen Flammen auf; die Engländer mußten entfliehen, es kam zu schweren Thätlichkeiten. Die Gegner der Reform errangen den Sieg; in einer Ständeversammlung der böhmischen Nation (17. Juni 1408) wurden die Schriften Wiclifs verboten; wer in ihrem Besitze war, sollte sie dem Erzbischof Sbynek einliefern; sie sollten mit Feuer verbrannt werden. Hieronymus fühlte sich durch diesen Beschluß nicht nur in seinen tiefsten Ueberzeugungen, sondern auch in seinen innersten Neigungen verletzt; Wiclifs Schriften verdankte er seine Herzensstellung zur Reform; von ihnen zog seine akademische Thätigkeit ihre Nahrung, sein inneres Leben Licht und Kraft.

Nur ein kühner Entschluß konnte die Reformpartei retten. Die Schritte gegen Wiclif waren von den deutschen Mitgliedern der Universität ausgegangen; sie hatten in einem Convente am 18. Mai 1408 die Anregung zu dem Verbote der wiclifitischen Schriften gegeben. Gegen sie mußte ein Gegenschlag geführt werden. Die Deutschen hatten bis dahin von 4 Stimmen an der Universität 3, die Böhmen nur eine geführt; durch Königliches Decret vom 27. September 1409 ward für die Zukunft das Verhältniß der Stimmen dahin abgeändert, daß die Böhmen 3, die Deutschen nur eine Stimme erhielten. Dieser Sieg der Reformpartei war aber nur vorübergehend; Husens gewaltige Predigten entflammten seine Gegner zu wachsendem Hasse; sie erwirkten von dem Papste Alexander V. eine Bulle, durch welche das Predigen in den Kapellen verboten und Hus in seiner Predigerwirksamkeit persönlich bettoffen wurde; am 16. Juli 1410 ließ der Erzbischof die Schriften Wiclifs öffentlich unter Lobgesängen und Glockengeläute verbrennen. Auch Schriften anderer reformgesinnter Männer, insbesondere Husens und des Hieronymus, loderten in den Flammen, und deuteten das Schicksal an, welches ihrer Verfasser wartete. Der ritterliche Sinn des Hieronymus ward aufs Tiefste durch solche rohe Gewaltthaten empört; er selbst mußte sich einmal zu jener Zeit gegen den tückischen Angriff von Karmeliter-Mönchen mit dem Degen wehren, ein Act der Nothwehr, der ihm später während seines peinlichen Processes von seinen Gegnern als Verbrechen angerechnet wurde.

Die Wirren waren in Prag aufs Höchste gestiegen, als König Wladislaw II. ihn nach Polen zur Einrichtung der neu gestifteten Universität Krakau, und König Sigismund ihn nach Ungarn als Reiseprediger berief. Seine kühnen, auf Verbesserung des geistlichen Standes gerichteten Vorträge brachten ihn am Hofe und bei der Geistlichkeit in Ungarn bald in den Geruch der Ketzerei. Er entfloh nach Wien, wurde auf die Anklage ungarischer Geistlicher und nach dem Antrag gegenreformatorisch gesinnter Mitglieder der Wiener Universität gefangen gesetzt und sollte als „Anstifter und Verbreiter von Ketzereien“ gerichtet werden. Nur die ernstliche Verwendung der Universität Prag konnte ihn retten; seiner Haft entlassen, floh er nach Mähren. Der bischöfliche Offizial, Andreas Grillenperk, erbost, daß ihm seine Beute entgangen war, sprach den Bann über ihn aus, und der Erzbischof Sbynek von Prag wie der Bischof von Krakau verkündigten diesen Bann, zunächst ohne nachtheilige Folgen für Hieronymus, in ihren Sprengeln.

In Prag war die Aufregung immer höher gestiegen und Hus der Mittelpunkt der Reformbewegung geworden, als Hieronymus wahrscheinlich noch vor Ende des Jahres 1411 ankam. Im Mai 1412 erschien in Prag ein Legat des Papstes Johann XXIII. mit einer Bulle, in welcher eine Kreuzpredigt wider den König Ladislaus von Neapel anbefohlen wurde. Jedem, der das Schwert wider Ladislaus, den Beschützer des zu Pisa abgesetzten Papstes Gregor XII., ergriff, war vollkommener Ablaß zugesichert. Jetzt schloß sich Hieronymus noch enger als bisher an Hus an. Während Hus in seinen Predigten, die er trotz des Verbotes nicht eingestellt hatte, das Volk bearbeitete, redete Hieronymus mit feurigen Worten zu den Studenten und zeigte, daß die Bulle der Lehre des Evangeliums widerspreche. Im Triumphe begleiteten ihn die Studenten aus dem Hörsaale bis zu seiner Wohnung. Als der Rektor der Universität Hus und Hieronymus vor sich beschied, um beide Männer zur Ruhe zu ermahnen, erklärte der letztere: es sei schwer die Wahrheit zu verschweigen. Besänftigende Einwirkungen fruchteten auch nicht mehr. Stürmische Auftritte erfolgten, dann Blutgerichte gegen die Urheber. Daß die Kreuzbulle nebst anderen päpstlichen Erlassen unzüchtigen Weibern um den Hals gehängt, der öffentlichen Verhöhnung preisgegeben, endlich am Pranger verbrannt wurde, ist nicht zu loben; wie weit Hieronymus hierbei betheiligt war, läßt sich nicht mehr ermitteln. Sein feuriger, gegen jedes Unrecht Flammen sprühender Eifer hatte ihn jedenfalls weiter fortgerissen als gebilligt werden kann. Die Schmähung der päpstlichen Autorität wurde jetzt mit dem Tode bedroht; mehrere junge Handwerker, die am 10. Juni einen Geistlichen beim Verlesen der Kreuzbulle „Lügner“ gescholten, wurden hingerichtet, von Hieronymus als „Märtyrer“ verherrlicht.

Nach diesen Aufläufen und Blutgerichten war für Hus und Hieronymus in Böhmen kein Verbleiben mehr. Hieronymus zog sich nach Krakau zurück und besuchte von dort im Gefolge des Großfürsten Witold Litthauen und Rußland. Erst in dem Augenblicke, als Hus zu seiner Verantwortung nach Kostnitz reiste, sehen wir die beiden Freunde wieder in Gemeinschaft. Hieronymus begleitete Hus bis nach Krakowitz, wo er (15. Oct. 1414) mit den Worten von ihm Abschied nahm: „Bei dem, was Ihr aus heiliger Schrift wider die Sünden der Geistlichkeit gelehrt oder geschrieben, beharret fest.“ Er gelobte noch, ihm in allen Fährnissen zu Hülfe eilen und zur Seite stehen zu wollen.

Unterdessen hatte sich in Kostnitz die Lage Husens bald verschlimmert. Am 28. November 1414 wurde er gefänglich eingezogen; nach einigen Tagen warf man ihn in einen feuchten Kerker, in dem er erkrankte. Hieronymus gedachte des beim Abschiede dem Freunde gegebenen Versprechens. Umsonst ließ ihn Hus im März 1415 durch Briefe abmahnen, nach Kostnitz zu kommen, wo allen Verfechtern seiner Sache gleiche Gefahr drohe. Er empfahl seine Güter der Obhut des Magistrats der Prager Altstadt, seine Seele dem Herrn und traf am 4. April 1415 in Kostnitz ein. Von seinen Freunden, den Herren von Chlum und von Duba, erkannt, wurde er aufs Dringendste gebeten, der ihm drohenden Gefahr durch schleunige Flucht sich zu entziehen. Nachdem er ohne Erfolg um freies Geleit bei dem Könige und dem Concil nachgesucht, reiste er auch wirklich nach einigen Tagen wieder nach Ueberlingen. Von hier aus erbot er sich zur Verantwortung unter der Zusicherung freien Geleites in einem am 7. April in Kostnitz veröffentlichten Anschlage. Das Concil bezeichnete ihn in seiner Antwort als einen Fuchs, der gekommen sei, des Herrn Zebaoth Weinberg zu zerstören und lud ihn binnen 15 Tagen vor; freies Geleit wurde ihm so weit zugesichert, „als es die Rechtgläubigkeit erfordere“. Hieronymus erkannte, daß in Kostnitz für ihn nichts zu hoffen, Alles zu fürchten sei und begab sich auf die Rückreise nach Böhmen, ehe die Vorladung des Concils bei ihm eintraf.

Allein die Späher des Concils waren ihm bald auf dem Fuße. In Hirschau, einer oberpfälzischen Stadt, erkannt und verhaftet, wurde er, auf Befehl des Concils wie ein gemeiner Verbrecher auf einem Karren in Fesseln nach Kostnitz geschleppt, wo er am 23. Mai anlangte. Im Refektorium des Barfüßerklosters war bereits eine Untersuchungskommission versammelt. Auf die Frage nach den Ursachen seiner Flucht erwiederte er, daß er geflohen sei, weil er sich nicht leichtsinnig den Händen seiner Feinde habe ausliefern wollen; hätte er die Citation erhalten, so würde er jedoch, trotz der Feinde, hier erschienen sein. Lautes Murren der Versammelten folgte auf diese Antwort; wildes Geschrei erhob sich nachher. Als die Ruhe wieder hergestellt war, machte der berühmte Kanzler Gerson von Paris Hieronymus die bittersten Vorwürfe wegen der von ihm an der Universität zu Paris verbreiteten Irrthümer; ein Kölner Magister schrie, auch diese Universität sei von ihm mit Irrthümern angesteckt worden; ein Anderer rief dazwischen, in Heidelberg habe er Irrlehren über die heilige Dreieinigkeit vorgetragen, den Vater mit dem Wasser, den Sohn mit dem Schnee, den heiligen Geist mit dem Eis verglichen. Als Hieronymus statt grundloser Anklagen Beweise forderte, riefen Einige erbost: „Zum Feuer mit ihm, zum Feuer!“ Es wäre vielleicht schon jetzt das Todesurtheil gegen den „Ketzer“ gefällt worden, wenn der Erzbischof von Salisbury nicht zur Mäßigung ermahnt und an die Schriftworte erinnert hätte: „Ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe.“ Die weitere Verhandlung wurde jetzt ausgesetzt, und Hieronymus dem Erzbischof, Johann von Wallenrod aus Riga, in sichere Verwahrung übergeben.

Dieser behandelte den Hieronymus sehr übel. Weil einige Freunde, wie der Notarius Peter von Mladenowicz, ihn durch die Fenstergitter des Gefängnisses zu sprechen versucht hatten, ließ er ihn in einen finstern Thurm des St. Paulsklosters bringen, an Händen und Füßen fesseln, ihm nur spärliche Nahrung verabreichen und so elf Tage lang ihn beinahe verschmachten. Auf ernstliche Vorstellungen der in Kostnitz anwesenden Böhmen wurde ihm bessere Nahrung gereicht, aber die Fesseln wurden nicht abgenommen. Als er in Folge der Mißhandlung schwer erkrankte, versagte ihm das Concil sogar den Trost eines Beichtvaters. Nicht einmal ein ordentliches Verhör wurde mit ihm mehr vorgenommen. Man wollte erst das Ende des gegen Hus geführten Prozesses abwarten.

Erst am 8. Juni 1415 hatte Hus eigentlich erfahren, wessen man ihn anklagte. Seine entschiedene Weigerung, sich auf einen Widerruf einzulassen, hatte seine Lage aufs Aeußerste verschlimmert. Am 24. Juni wurde die Verbrennung seiner Schriften beschlossen, am 6. Juli er selbst zum Feuertode verurtheilt. Bis in seine letzten Stunden hatte er in herzlicher Liebe des Freundes und Leidensgenossen Hieronymus gedacht. Nach seinem Tode wurde nun auch das Verfahren gegen Hieronymus wieder aufgenommen. Am 19. Juli wurde in der St. Paulskirche ein Vorverhör mit ihm abgehalten. Die Angelegenheit ruhte wieder mehrere Wochen. Unterdessen hatte die Nachricht von der freventlichen Verurtheilung Husens, trotz des feierlich zugesagten freien Geleites, in Böhmen die größte Aufregung verursacht. Die böhmischen und mährischen Stände erließen ein drohendes Schreiben an die Kirchenversammlung, in welchem Hus gerechtfertigt und wegen der Behandlung, welche Hieronymus zu erleiden hatte, ernstliche Klage geführt war. Dieses Schreiben, am 8. September in einer Sitzung des Concils verlesen, erbitterte die Väter des Concils eben so sehr, als es sie erschreckte. Der Haß gegen Hieronymus war groß, aber aus Furcht vor der drohenden Sprache der böhmischen Stände wünschte man ihn zu schonen. Deshalb ward das Verfahren gegen ihn mit einem Male geändert. Man hoffte jetzt einen Widerruf von ihm zu erlangen. Für diesen Fall sollte er die Freiheit erhalten.

Sein Körper war durch die Qualen einer lange andauernden harten Gefangenschaft erschöpft; Krankheit drückte ihn nieder; der feurige thatkräftige Mann, im einsamen finsteren Kerker, von allem Verkehr mit Menschen abgeschnitten, war dem Verschmachten nahe. Diesen Zustand benutzten die verschmitzten Feinde, um ihn zum Widerrufe zu bewegen. Sie drohten, mahnten, schmeichelten, baten. Er war schwach, und er hat für seine Schwachheit gebüßt; er erklärte sich am 10. September zur Abschwörung seiner Irrthümer bereit. Als die erste von ihm entworfene Abschwörungsformel dem Concil nicht genügte, bequemte er sich zu einer zweiten, die er, in einer öffentlichen Sitzung, am 23. September, selbst den versammelten Vätern vorlas. Er verglich darin seinen Schritt einem demüthigen Hebeopfer, im Tempel des Herrn dargebracht, wogegen die Weisheit und Tugend der versammelten Väter wie ein Opfer von Gold, Silber und Scharlach erscheine. In der Formel verwarf er die Irrthümer Wiclifs und J. Husens als ketzerische und erklärte sich mit dem katholischen Glauben in voller Uebereinstimmung. Auch von seinen „Irrthümern“ in Betreff der Dreieinigkeitslehre suchte er sich zu reinigen. In Allem unterwarf er sich unbedingt dem Urtheile der Kirchenversammlung. Die Abschwörungsformel wurde eigenhändig von ihm unterschrieben.

Das Concil hatte seinen Zweck erreicht; es war nun keine Veranlassung mehr vorhanden, Hieronymus noch länger in Haft zu behalten. Allein der Widerruf scheint auf die versammelten Väter den Eindruck gemacht zu haben, daß nur seine Lippen, nicht aber sein Herz abgeschworen habe. Er wurde in den Kerker zurückgebracht und nicht einmal von den Fesseln gänzlich befreit. Namentlich suchten Karmelitermönche aus Prag seine Freilassung zu hintertreiben, obwohl der Cardinal Peter d‘ Nilly und andere hochgestellte Prälaten sie befürworteten. Auffallender Weise erklärte sich der Kanzler Gerson dagegen. Am 29. October veröffentlichte Gerson einen Traktat, in welchem er auszuführen suchte, daß ein der Ketzerei Angeklagter auch nach öffentlichem Widerrufe unter Umständen immer noch im Verdachte der Ketzerei stehe. Jene Karmelitermönche, deren Ordensgenossen er beleidigt, forderten unter dem Vorgeben, sie hätten neue Thatsachen zur Begründung der Anklage gegen Hieronymus vorzubringen, die Wiederaufnahme des Ketzerprocesses gegen ihn. Das war selbst den bisherigen Commissarien in der Proceßsache des Hieronymus zu stark. Sie verweigerten eine erneuerte Aufnahme der Untersuchung und legten, als sie kein Gehör fanden, ja, sogar der Bestechung beschuldigt wurden, ihr Commissarium nieder. Neue Commissarien, der Titularpatriarch Johann von Konstantinopel und der Doktor Nicolaus von Dinkelspühl, wurden am 24. Februar 1416 ernannt; die Wahl derselben ließ für Hieronymus das Schlimmste befürchten; sie gehörten zu den Mitgliedern des Concils, die nicht geruht, bis sie Hus auf den Scheiterhaufen gebracht.

Weder der Ausbruch der Unruhen in Böhmen, noch ein neues, noch drohenderes Schreiben des böhmischen Adels schreckte die Feinde der Reform länger vom Aeußersten zurück. Am 20. Februar 1416 wurden alle Unterzeichner jenes Schreibens in lächerlichem Uebermuthe zur Verantwortung über Glauben und Leben vor die Schranken der Kirchenversammlung geladen.

Unterdessen hatte Hieronymus trotz des Widerrufes im Kerker geschmachtet. Aber nicht die Fesseln, die Einsamkeit, der Hunger war es, was ihn am meisten quälte. Er war in ernster innerer Sammlung zur Erkenntnis; seiner Schwäche, seiner Verschuldung gegen Gott und die Wahrheit, die er früher mannhaft bekannt, gekommen. Die Schmerzen der Reue nagten an seiner Seele; aber es war keine Reue zum Tode, sondern zum Leben. Er erklärte jetzt den neuen Commissarien, daß er seinen Widerruf tief bereue und eine schwere Verschuldung darin erkenne. Am 27. April 1416 fand in einer Privatsitzung des Concils eine vorläufige Verhandlung statt. Man hatte 45 Anklagepunkte gegen Hieronymus aufgestellt, welchen der Prokurator des Concils noch 105 weitere beifügte. Es waren theils die bekannten, daß er, wiclifitischer Ketzerei schuldig, die Schlüsselgewalt der Kirche verachte, den Papst und katholische Fürsten geschmäht, ein Anhänger des J. Hus gewesen, den böhmischen Adel aufgeregt, zu Paris, Köln und Heidelberg ketzerische Lehren vorgetragen. Außerdem wurde ihm vorgeworfen, daß er gottesdienstliche Gegenstände entheiligt und sich gewaltthätiger Handlungen gegen geistliche Personen schuldig gemacht habe. Die Anklageschrift war ein tückisches Gewebe von Halbwahrem und Ganzfalschem. Wurde doch als Anklagepunkt sogar der Umstand erwähnt, daß Wiclifs Bildniß zu Prag das Zimmer des Hieronymus geschmückt und mit einem Glorienschein gemalt gewesen sei. Sollte er doch auch die „freventliche“ Behauptung ausgestoßen haben, daß der Schleier der Jungfrau Maria nicht größere Verehrung verdiene als die Haut des Esels, auf welcher Jesus geritten. Die frechste Anschuldigung war ohne Zweifel die, in welcher der Prokurator des Concils erklärte, Hieronymus habe sich während seiner Gefangenschaft der Schwelgerei und dem Trunke ergeben, obgleich es ihm in seinem Kerker offenkundig an den unentbehrlichsten Lebensbedürfnissen gemangelt hatte. Der Schlußantrag gieng dahin, es möchte Hieronymus über alle diese Anschuldigungen öffentlich verhört, nöthigenfalls peinlich inquirirt, und, wenn er läugne oder bei seinen Irrthümern beharre, nach den Satzungen der Kirche gerichtet werden.

Das erste öffentliche Verhör wurde am 23. Mai 1416 in der Domkirche veranstaltet. Er hatte eine schriftliche Verantwortung vorausgehen lassen, in welcher er eine Menge von Unwahrheiten und Unrichtigkeiten widerlegte. Daß er je Gewalt gebraucht, um seinen Ueberzeugungen Eingang zu verschaffen, bestritt er auch mündlich ernstlich und feierlich. Auch erklärte er mit treuem Zeugenmuthe, den ihm Gott in Folge seiner aufrichtigen Reue wieder geschenkt hatte, daß er den Ablaßhandel für einen empörenden Mißbrauch der Kirche halte. Am 26. Mai wurde das öffentliche Verhör fortgesetzt. Seine Richter hatten einen neuen Widerruf erwartet; aber sie täuschten sich. Gott hatte das früher schwache Werkzeug seines Wortes und Geistes wunderbar gestärkt. Der von Qualen und Sorgen aller Art erschöpfte Leib war ein geheiligtes Gefäß des Geistes von oben geworden; weder Schmeicheleien noch Drohungen übten auf ihn einen Einfluß. Hieronymus machte von der ihm zugestandenen Befugniß noch einmal eingehend zu der Versammlung zu reden, Gebrauch. Er begann mit einem salbungsvollen Gebete, und erinnerte dann an die Wahrheitszeugen der alten Zeit, an Sokrates, Seneka, Elias, Stephanus. Der Haß sei. die Triebfeder seiner Verfolgung, ihm falle er als Opfer. Mit Inbrunst gedachte er jetzt seiner Freundschaft für Hus, dessen Seelenreinheit und Heldenkraft er preisend anerkannte. Seinen Widerruf beklagte er demüthig und reuig; fleischliche Schwäche, die Furcht vor dem Flammentode sei die Veranlassung dazu gewesen. Bis zum letzten Hauche werde er sich zu der reinen und heiligen Lehre Wiclifs und Husens bekennen; nur im Artikel vom Abendmahl weiche er von ihnen ab, da er hierin der Lehre der alten Väter beistimme. Alles Ernstes verwarf er insbesondere das unchristliche Leben vieler Geistlichen.

Die Versammlung hatte, zumal Hieronymus auch die Waffe des Humors gebrauchte, anfänglich gelacht, am Schlusse der sechs Stunden langen Rede war sie tief erschüttert; wie Nägel und Spieße waren seine Worte in die Herzen gedrungen. Vor diesem standhaften Zeugenmuthe mußte sie sich entweder beugen – und das war unmöglich – oder sie mußte ihn brechen. Am 30. Mai wurde die Schlußsitzung gehalten; es war wohl nicht lediglich Zufall, daß Kaiser Sigismund und Kurfürst Ludwig von Bauern sich von Kostnitz entfernt hatten. Zum letzten Male wurde Hieronymus, insbesondere vom Cardinal Zabarella von Florenz, der ihn gern gerettet hätte, zum Widerrufe aufgefordert. Aber mit unerschütterlicher Festigkeit erwiederte er: „Ich glaube und halte alle Artikel des christlichen Glaubens, wie sie die heilige katholische Kirche glaubt und hält. Die Ursache meiner Verurtheilung liegt lediglich darin, daß ich Euch in der Verdammung des Wiclif und Hus, der heiligen Männer, nicht beistimmen will, welche von Euch ungerecht verurtheilt worden sind, weil sie Euer schändliches Leben angegriffen haben.“ Er sprach so hinreißend und ergreifend, daß selbst seine Todfeinde ihm ihre Bewunderung nicht versagen konnten. Der Bischof von Lodi suchte den Eindruck seiner Worte dadurch zu schwächen, daß er das milde Verfahren des Concils gegen ihn pries, um seine ketzerische Hartnäckigkeit in ein so grelleres Licht zu stellen. Arius, Sabellius, Faustus und Nestorius seien keine ärgeren Ketzer gewesen. Sein ärgstes Verbrechen sei aber die Zurücknahme des früher geleisteten Widerrufes. Hieronymus war über diese harte und unwahre Rede sehr entrüstet, und wies den Vorwurf der „Ketzerei“ mit Indignation von sich. Er schloß: „Ich sehe wohl, daß Ihr bereit seid, mich zu verdammen, ohne daß Ihr eine Ursache an mir gefunden habt. Ich bin auf Alles gefaßt; aber Ihr müßt wissen, daß ich in Euren Gewissen einen Stachel Zurücklasse, der nicht aufhören wird, Eure Seele zu peinigen. Dabei berufe ich mich auf den höchsten und untrüglichsten Richter, den allmächtigen Gott, vor dem Ihr Rechenschaft werdet ablegen müssen über Euer ungerechtes Thun.“ Von Einigen wird berichtet, Hieronymus habe gesagt, diese Rechenschaft werde nach hundert Jahren abgefordert werden; gerade hundert Jahre später erweckte Gott den Luther. Er sprach das Alles mit einer Würde und Kraft, welcher auch die stumpfsten Herzen nicht widerstanden, „unerschrocken, mit Todesverachtung, ein zweiter Cato,“ bemerkt ein ihm feindlich gesinnter Ohrenzeuge. –

Das Todesurtheil wurde jetzt gesprochen. „Wie eine verdorrte Rebe sollte er,“ nach der fanatischen Sprache desselben, „weggeworfen werden, nachdem er wie ein Hund durch seinen Widerruf zu dem Gespieenen zurückgekehrt; als rückfälliger Ketzer sollte er aus der Kirchengemeinde ausgestoßen und verdammt sein.“ Die Scharfrichter übernahmen ihn aus den Händen der „Mutterkirche.“ Die mit Teufelsfratzen bemalte Mütze setzte er sich selbst auf. Den Blick zum Himmel gerichtet fang er auf dem Wege zur Nichtstätte tröstliche geistliche Lieder. Der Holzstoß war an demselben Ort aufgerichtet, wo Hus seine Seele ausgehaucht hatte. Vor dem Marterpfahle warf er sich auf die Kniee und betete inbrünstig. Während ihn die Henker mit Ketten und Stricken an dem mit Holz und Stroh umlegten Pfahl befestigten, sang er ein Osterlied laut und fröhlich, sprach die drei Artikel des christlichen Glaubens mit weithin vernehmlicher Stimme und redete zum Volke: „Wie ich jetzt singe, so glaube ich. Ich sterbe, weil ich die Verdammung des Hus nicht gerecht und gut heißen will.“ Schon loderte der mit Fackeln entzündete Holzstoß. Er sprach: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Die Gluthen umwirbelten ihn mit Rauch und Dampf; sein letzter hörbarer Seufzer war: „Vater, allmächtiger Gott, erbarme dich meiner, vergieb mir meine Sünden, du weißt: ich habe deine Wahrheit aufrichtig geliebt.“

So starb am 30. Mai 1416 nach einjähriger scheußlicher Kerkerhaft Hieronymus von Prag um seines evangelischen Zeugnisses willen. Seine Asche wurde, um jede Spur seines Daseins zu vernichten, in den Rhein geworfen. Aber sein Geist lebt in allen Denen fort, welche die Erscheinung Christi lieb haben. Den Leib können sie tödten; aber die Wahrheit ist untödtlich.

Schenkel in Heidelberg.

Evangelisches Jahrbuch für 1856 Herausgegeben von Ferdinand Piper Siebenter Jahrgang Berlin, Verlag von Wiegandt und Grieben 1862

Jan Hus

Jan Hus

Da die böhmisch-mährische Kirche durch Gottes Wunderhand ihr Dasein dem Zeugniß der Wahrheit verdankt, welches Johannes Huß mit dem Märtyrertod versiegelt hat, so ist es billig, daß wir seine ganze Geschichte im Zusammenhang und besonders betrachten. Johannes Huß, von seinem Geburtsort Hussinetz also genannt, der Sohn armer, unbekannter Eltern, wurde den 6. July 1373 geboren. Als ihn seine Mutter nach Prag auf die hohe Schule führte, nahm sie eine Gans und einen Kuchen mit, um dem Rektor damit ein Geschenk zu machen. Unterwegs aber machte sich die Gans los und floh davon. Die Mutter, darüber tief bekümmert, fiel siebenmal auf die Kniee nieder und bat Gott, er möchte selbst der Vater und Rektor des Waisen sein, weil sie dem Rektor in Prag nichts mehr geben könne als einen Kuchen. Die Erzählungen der Märtyrer-Geschichten, besonders die Legende des Laurentius, der auf einem Feuer-Rost gebraten wurde, machten viel Eindruck auf ihn, daß er selbst den Versuch machte und den Finger ins Feuer steckte, ob er eine solche Marter würde aushalten können. Er wurde bald öffentlicher Lehrer der Theologie an der Universität. Und als eine Kapelle, die Bethlehems-Kapelle genannt, erbaut wurde, damit darin das Evangelium böhmisch gepredigt würde, welches bisher nur im Verborgenen geschah, wurde Huß dazu berufen. Zugleich wählte ihn die Königin, eine geb. Herzogin von Baiern, zu ihrem Beichtvater, wodurch er sich viel Gunst bei Hof erwarb. In allen Aemtern zeichnete er sich durch Kenntniß der Schrift, Beredsamkeit, durch Ernst, strenge Sitten und Frömmigkeit aus. Er griff die Laster des Hofes und Volkes unerbittlich an; selbst Geistliche rühmten von ihm, daß der Geist Gottes durch ihn rede. Nachdem Wiklefs Schriften und Lehren verdammt und bei Strafe des Feuers verboten wurde, sie zu verbreiten, so vertheidigte Huß dieselben, und nannte Wiklef in seinen Predigten einen heiligen Mann, rügte öffentlich und ohne Ansehen der Person die Laster der Geistlichen, drang auf Verbesserung der Kirche und Zurückführung der Geistlichen zur Ursprünglichen Bestimmung ihres Standes. Er erblickte, wie Wiklef, in dem römischen Stuhl und seinen blinden Anhängern das Reich des Antichrists, dem man furchtlos mit Darangabe des Lebens entgegentreten müsse. Er berief sich auf die heilige Schrift und alle Kirchenlehrer. Nur der ist ein Ketzer, sagte er, der der Schrift widerspricht, und auch einen solchen muß man erst eines Besseren überzeugen, ehe man ihn verdammt.

Huß brachte es mit seinem Freunde Hieronimus dahin, daß den Böhmen auf der Universität drei Stimmen zugesichert wurden, und den Deutschen, die bisher drei hatten, nur eine einzige gelassen wurde. Deswegen verließen mehrere tausend deutsche Studirende die Stadt. Huß wurde zwar Rector, aber um dieser Sache willen sehr verhaßt bei den Deutschen und Pragern. Es wurde ihm von dem Erzbischofe Sbineck das Predigen untersagt. Huß gehorchte Gott mehr als den Menschen. Sbineck ließ über 200 Bände von Wiklefs Schriften in seinem Palaste verbrennen, worüber das Volk den unwissenden Erzbischof durch Spottlieder verlachte, z. B. „Sbineck greift auch die Ketzer an, Er, der kaum buchstabiren kann; läßt ihre Schriften schon verbrennen, eh‘ er ein Wort hat lesen können.“ Huß erklärte sich gegen das thörichte Verfahren des Erzbischofs, und wurde deswegen beim Pabst als Ketzer angeklagt und nach Rom gefordert. Huß ging aber selbst nicht dahin, sondern schickte seinen Anwalt; der aber wurde gefangen gesetzt, Huß als Ketzer excommunizirt und der Ort seines Aufenthalts mit Interdikt belegt (d. i. alle Kirchen geschlossen und aller Gottesdienst und Sakramente verboten). Huß, vom König geschützt, appellirte an eine Kirchenversammlung und fuhr fort Wiklefs Lehren und Schriften zu vertheidigen. Da nun der Pabst Johann 21. einen Kreuzzug ausschrieb, Allen vollkommenen Ablaß versprach, die ihm im Kriege gegen seine 2 Gegenpäbste und den König von Neapel beistehen würden, so eiferte Huß dagegen. Allein das Interdikt wurde vollzogen und Huß mußte weichen. Aber nun predigte er in Städten und Dörfern und auf dem Felde, so daß die Wahrheit nur um so mehr ausgebreitet wurde, welches immer die Frucht der Verfolgung ist. 1414 wurde er vor die Kirchenversammlung zu Constanz geladen, und erhielt zur Hin- und Herreise einen kaiserlichen Geleitsbrief. Huß war bereit zu erscheinen und machte sein Vorhaben durch öffentliche Briefe bekannt, die er in lateinischer, deutscher und böhmischer Sprache an alle Thüren der Kirchen, Stifter und Klöster anschlagen ließ, und worin er Alles aufforderte, ihn des Irrthums zu überweisen. Seine Freunde aber ermahnte er, der Wahrheit treu und im Glauben standhaft zu sein und fleißig für ihn zu beten, denn er erwartete gleich nichts als Leiden und den Märtyrertod. In allen Städten und Dörfern, durch die ihn sein Weg führte, lief das Volk häufig zusammen, um ihn zu sehen. Aller Orten wurde er freundlich empfangen und bewirthet, angehört und bewundert. Als er in Constanz ankam, empfing ihn der Pabst höflich und sagte: Wenn Huß meinen Bruder erwürgt hätte, so soll ihm nichts widerfahren, so lang er in Kostnitz ist. Er hob sogar den Bann wider ihn auf. Allein seine Feinde aus Prag verklagten ihn, er habe die Layen gegen die Geistlichkeit aufgehetzt, ihnen die zeitlichen Güter zu nehmen, und sich gegen die Kirchengewalt empört, das Abendmahl unter beiden Gestalten eingeführt, welches er doch erst von Constanz aus billigte.

Und nun wurde er, gegen den kaiserlichen Sicherheitsbrief, unter dem Vorwande, man sei nicht schuldig Ketzern Wort zu halten, in ein garstiges Gefängniß geworfen, in welchem er in eine schwere Krankheit fiel. Da träumte ihm: als hätte er an die Mauer der Bethlehems-Kirche das Bild Jesu Christi gemalt, welches aber von einem fremden Manne gleich wieder ausgelöscht wurde; darauf sah er geschicktere Maler herbeikommen, die das Bild wieder herstellten und schöner ausmalten, und welches nun die Bischöfe und Priester auf alle Weise aber vergeblich auszulöschen suchten. Die Deutung ist nicht schwer zu machen. In seiner Gefangenschaft schrieb er auch fleißig an seine Freunde in Böhmen und ermahnte sie um der Leiden Christi willen, bei der erkannten Wahrheit zu beharren und für ihn zu beten, daß ihn Gott zum Märtyrertod mächtig stärken wolle. Ueber ein halbes Jahr ließ man ihn im Kerker schmachten, endlich wurde er der Kirchenversammlung vorgestellt, aber vor dem Tumulte und Geschrei der Kläger und Richter konnte er nicht zum Worte kommen, sondern wurde, wenn er den Mund aufthat, gleich mit Lästerungen und Spottreden überschrieen – von den sogenannten heiligen Vätern. Er berief sich auf die Bibel, und auf diese wollte sich das Concilium nicht einlassen, sondern verlangte von ihm unbedingten Widerruf seiner Lehre. Er wollte aber lieber sich verbrennen lassen, als widerrufen, was er als göttliche Wahrheit erkannte. Sein treuer Freund, der edle Böhme, Baron v. Chlum, den ihm der Kaiser nebst anderen zum Begleiter mitgegeben hatte, verließ ihn nicht, sondern reichte ihm vor der ganzen Kirchenversammlung die Hand und rief ihm zu: „Lieber, frommer Magister! Seid ihr schuldig, so schämt euch nicht, zu widerrufen. Seid ihr aber unschuldig, so handelt nicht gegen Gott und Gewissen. Seid getrost, lasset euch lieber das Leben als die Wahrheit nehmen.“ – Bei dieser Rede seines Freundes gingen dem Huß die Augen über und er antwortete mit sanfter Stimme: „Würdiger Mann, Gott ist mein Zeuge, gern will ich widerrufen, wenn ich aus göttlicher Schrift eines Besseren belehrt werde.“ Da ihm nun die Bischöfe dieses als Stolz auslegten, daß er weiser sein wolle als die ganze Kirchenversammlung, so erwiderte er: „Gebt mir den allergeringsten Menschen, der mir die Wahrheit besser auslegt, so will ich es gern von ihm annehmen.“ Den folgenden Tag versammelte sich das ganze Concilium in der Domkirche; der Kaiser erschien mit den Reichsfürsten und der ganzen Ritterschaft und setzte sich auf seinem Stuhl mit goldener Krone; an einer Seite stand der Chur. Pfalzgraf mit dem Reichsapfel, auf der andern der Burggraf von Nürnberg mit dem Schwert, und neben den Cardinälen, Erz- und Bischöfen, Prälaten, Mönchen und Doctoren eine unzählige Menge Volks. Der Erzbischof von Gnesen hielt die Messe, und dann wurde Huß, der bis dahin draußen im Vorhof warten mußte, vorgeführt, auf einen erhabenen Ort gestellt, damit ihn Jedermann sehen könnte; darauf stieg der Bischof von Lodi auf die Kanzel und forderte den Kaiser auf, die Ketzereien zu zerstören, besonders den hier stehenden, verstockten und verpestenden Ketzer rc. Huß lag indeß auf seinen Knieen und befahl sich Gott zum Sterben. Darauf wurden die Ketzersätze aus seinen Schriften vorgelesen. Huß wollte antworten, aber ein Cardinal hieß ihn schweigen. Huß wollte wieder reden, aber man gebot den Soldaten und Schergen, ihn nicht reden zu lassen. Da hob er seine Hände gen Himmel und sagte: „ich bitte euch um des allmächtigen Gottes willen, ihr wollet doch unbeschwert meine Antwort hören, um mich nur bei den Umstehenden zu rechtfertigen.“ Da es ihm abgeschlagen wurde, fiel er mit gen Himmel gerichteten Augen auf die Knie nieder und empfahl seine Sache Gott mit lauter Stimme. Darauf las ein Bischof das Urtheil – daß erst seine Schriften verbrannt, und er als schädlicher Ketzer und böser, halsstarriger Mensch, seines Priesteramtes entsetzt, degradirt und entweiht werden sollte. Der Ausspruch wurde sogleich vollzogen, 7 Bischöfe führten Huß zu einem Tische, kleideten ihn als Priester an und vermahnten ihn noch einmal, zu widerrufen. Huß aber sprach mit großer Bewegung vom Gerüst herab zum Volk, daß er vor Gott stehe, und könne mit Widerruf der Wahrheit nicht sein Gewissen verletzen und seinen Herrn im Himmel schmähen und lästern, denn er habe das nicht gelehrt, was sie ihn beschuldigten. „Steig herab!“ riefen die Bischöfe, „steig herab vom Gerüst!“ und nun fingen sie an ihn zu entweihen. Der Erzbischof von Mailand und der Bischof von Besançon nahmen ihm den Kelch mit den Worten: O du verfluchter Judas! – wir nehmen dir den Kelch, in welchem das Blut Jesu Christi geopfert wird, du bist sein nicht werth. Huß antwortete mit lauter Stimme: Ich aber setze meine Hoffnung auf den Herrn Jesum Christum, um welches Namens willen ich dieses leide, und glaube gewiß, daß er den Kelch des Heils nicht von mir nehmen, sondern daß ich ihn noch heute in seinem Reiche trinken werde. Hierauf nahmen ihm die andern Bischöfe die übrigen Priesterkleider ab, jedes mit obigem Fluch. Nun kamen sie aber in heftigen Streit, ob man ihm die Tonsur, d. i. die geschorene Platte, auf dem Haupte mit einem Scheermesser oder einer Scheere zerstören sollte. Huß sah dabei den Kaiser an und sagte: Sonderbar! grausam sind sie alle, nur in der Art und Weise sind sie nicht einig. Endlich wurden ihm die Finger mit einem Messer abgeschabt, um ihm das Salböl und den unauslöschlichen Priester-Charakter zu nehmen. Dann setzten sie ihm eine fast Ellenhohe, papierne, mit Teufeln bemalte Krone auf, mit der Umschrift: Erzketzer. Huß, da er sie sah, tröstete sich mit der Dornenkrone Christi. Die Bischöfe aber setzten hinzu: Jetzt übergeben wir deine Seele dem Teufel in der Hölle. Aber ich, erwiederte Huß, befehle dieselbe meinem gütigen Herrn Jesu Christo. Nun wandten sich die Bischöfe zum Kaiser und sagten: das heilige Concilium überantwortet jetzt Johann Hußen, der in der Kirche kein Amt mehr hat, der weltlichen Gewalt und dem Gericht. Der Kaiser stand auf, übergab ihn dem Pfalzgrafen, dieser dem Vogt von Constanz mit dem Befehl: Nehmet diesen M. Huß und verbrennt ihn als einen Ketzer. Der Vogt übergab ihn dem Scharfrichter und seinen Knechten und befahl ausdrücklich, ihm seine Kleider nicht auszuziehen, noch ihm Gürtel, Geld, Messer oder was er bei sich trüge, abzunehmen, sondern ihn sammt allem, was er an sich habe, zu verbrennen. So wurde er hingeführt zum Scheiterhaufen – zwei Henker voraus und zwei hinten nach, begleitet von 800 Gewappneten, außer den Fürsten und Herren. Der Zulauf des Volkes war so groß, daß man fürchtete, die Brücke möchte brechen. Sein Hingang war erbaulich und fröhlich. Als er seine Bücher verbrennen sah, lächelte er.

Das Volk, das seine Reden und Gebete hörte, erbaute sich sehr an ihm. Angekommen aus dem Richtplatz, fiel er auf seine Knie, hob seine Augen auf und betete laut und freudig den 31. und 51. Psalm, besonders den Vers: In deine Hände befehle ich meinen Geist, – du hast mich rc. Als die Mütze herabfiel, und man sie ihm wieder aufsetzte, damit er mit den Teufeln, seinen Herren, verbrannt würde, wie sie sagten, so lächelte er, und betete für seine Feinde. Dann wurde er dreimal um den Holzstoß herumgeführt, während er fortfuhr gegen das Volk seine Unschuld zu bezeugen. Nachdem er noch Abschied von seinen Wächtern genommen, ihnen gedankt und bezeugt hatte, daß er fest glaube, heute noch mit seinem Heiland im Paradiese zu sein: griffen ihn die Henker und banden ihn an ein Brett mit 5 Stricken, über den Füßen, unter und über den Knieen, mitten um den Leib und unter den Armen, und mit einer Kette um den Hals. Man legte nun rund um ihn, bis an seinen Mund, Reißig und Stroh, und indem er ein Bäuerlein Holz zutragen sah, lächelte er und sagte: Sancta simplicitas, heilige Einfalt! Ehe angezündet ward, ritten der Pfalzgraf und Reichsmarschall noch einmal an ihn heran und ermahnten ihn, er wolle sein Heil bedenken und widerrufen. Da fing Huß mit lauter Stimme, aus dem Holzhaufen zu rufen an: „Ich rufe Gott zum Zeugen, daß ich das, was sie mir durch falsche Zeugen aufbürden, nicht gelehrt oder geschrieben habe, sondern ich habe alle meine Lehren und Schriften dahin gerichtet, daß ich die Menschen von der Sünde abwenden und zu Gott führen möge. Die Wahrheiten, die ich gelehrt, geschrieben und ausgebreitet habe, als die mit Gottes Wort übereinstimmen, will ich halten und heute mit meinem Tode versiegeln.“ Sie schlugen in die Hände und eilten davon. Die Henker zündeten an. Huß aber, da die Lohe an ihn schlug, fang wiederholt mit lauter Stimme: Christe, du Lamm Gottes, erbarme dich meiner! Da er aber das Dritte mal anfangen wollte, trieb der Wind den Rauch und die Flammen ihm gerade ins Gesicht und benahm ihm die Sprache. Doch sah man noch sein Haupt und seine Lippen betend einige Minuten sich bewegen, und er war todt. Seine Asche wurde in den Rhein geworfen, damit seinen Freunden kein Stäubchen von ihm übrig bliebe und die letzte Spur von ihm vertilgt würde. Aber seine Freunde sangen nachher: Die Asche will nicht lassen ab, sie staubt in allen Landen; hier hilft kein Feuer, Loch, Grub‘ noch Grab, sie macht den Feind zu Schanden rc.

 

Johannes Evangelista Gossner

Gossner, Johannes
Die böhmischen Märtyrer und Auswanderer
Eine 800jährige Verfolgungs-Geschichte
der Kirche in der Kirche
Der Böhmischen Gemeinde in Berlin
zu ihrer
hundertjährigen Jubelfeier
am
Sonntag Jubilate 1837
gewidmet
von ihrem Seelsorger
Johannes Gossner.
Berlin.
Gedruckt und zu haben bei Julius Sittenfeld,
Burg-Straße No. 25.

Jan Hus

Johann Hus

Der Name Johannes Hus pflegt Empfindungen, Vorstellungen und Bilder in uns zu wecken, welche denen nicht unähnlich sind, die der Name Johannes Baptista in uns hervorruft. Wir vernehmen im Geist die „Stimme eines Predigers in der Wüste;“ eine tief ernste Prophetengestalt taucht vor unsrer Seele auf; wir denken an Morgendämmerung, Vorläuferamt und Bahnbereitung, und sehen zwei Zeitalter unter heftigen Krämpfen und tragischen Zusammenstößen mit einander um die Herrschaft ringen.

In das 15. Jahrhundert versetzen wir uns im Geist zurück. Wie überaus traurig es da um die Kirche Christi auf Erden aussah, ist kaum zu sagen. Der Weinberg des Herrn glich einer Wüste. Dornen und Disteln überwucherten ihn, statt fruchttragender Reben. Die Priesterschaft war verweltlicht, ja verwildert. Die Päpste, deren Anmaßungen alle Grenzen überschritten, führten ein Leben, das kaum anstößiger und greulicher sein konnte. Die Geistlichkeit trat ihnen größtentheils auf dem Wege des Verderbens nach. Simonie, Gelderpressungen aller Art und Concubinate waren an der Tagesordnung. Die Kirchenversammlungen schienen nur der Bachanalien und Orgien wegen gehalten zu werden, die man damit zu verbinden wußte. Nährend des Concils zu Kostnitz hielten sich in dieser Stadt nicht weniger als 50,000 Fremde auf, und unter diesen ein nicht geringer Schwarm liederlicher Dirnen. Um dieselbe Zeit sah die Kirche statt eines, drei vorgebliche Statthalter Christi an ihrer Spitze, die sich wechselseitig mit dem Bann belegten und einander verfluchten. Das arme Volk, methodisch in die Bande des krassesten Aberglaubens geschmiedet, verschmachtete „wie Schaafe, die keinen Hirten haben.“ Was Wunder, daß während ein Theil desselben, alle Zügel der Zucht und Sitte von sich werfend, in die Fußtapfen seiner verderbten Leiter trat, und allen Lastern sich hingab, in einem andern und bessern Theile des unbefriedigte Bedürfniß nach dem Brod und Wasser des Lebens in der lauten und immer lauterern Forderung einer Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern sich Luft machte.

Als hervorragende Organe dieses Verlangens nach einer Wiedergeburt des ganzen Kirchenthums begegnen uns schon früher, ob auch des Zieles ihrer Sehnsucht in verschiedenen Graden der Klarheit sich bewußt, in Italien die Dichterfürsten Dante und Petrarka, in England Wiclif und sein zahlreicher Anhang, und in Deutschland die sogenannten „Gottesfreunde“, welche freilich, gleich den „Brüdern des gemeinsamen Lebens“ in den Niederlanden, mehr in stillerer Weise, und mit Reformation an sich selbst beginnend, einer bessern Kirchenzukunft vorarbeiteten. Vor allen andern aber war es die mährisch-böhmische Kirche, diese im neunten Jahrhundert durch den Dienst der trefflichen Evangelisten Methodius und Cyrillus in fast urchristlicher Reinheit gegründete, und nach Jahrhunderte lang dauernden Kämpfen erst der römischen Priesterherrschaft unterworfene, in der die Flamme des Begehrens nach der Rückkehr zu ihren früheren Zuständen und ihrer ursprünglichen Gestalt mächtig emporloderte. Als einer der ersten Träger und Vorfechter der reformatorischen Richtung begegnet uns hier der Prager Archidiakonus Johannes von Milic, dieser freiwillige Reiseprediger in härenem Gewand, und mit der in heiliger Entrüstung über die beispiellose geistliche Verwahrlosung des Volks entbrannten Seele, dessen feurigem Worte es gelang, einem nur von versunkenen Weibern bewohnten und „klein Venedig“ genannten ganzen Stadttheil von Prag dergestalt sittlich umzugestalten, daß man demselben fortan als einem Sitze wahrer Frömmigkeit, den Namen „klein Jerusalem“ beilegte, und der, ein anderer Samuel, in einem freien Verein von 2 bis 300 jungen Männern, welche er zu Boten des lauteren Evangeliums heranbildete, eine Art Prophetenschule gründete, nachdem er, auch als ein Vorgänger Luthers, kurz vorher bei seiner Anwesenheit in Rom an die Pforte der Peterskirche einen Anschlag mit. der Eröffnung hatte anheften lassen, daß er an einem bestimmten Tage den inmitten der Kirche bereits heraufsteigenden Antichrist zu bezeichnen, und vor ihm zu warnen gedenke. Dem Johann von Milic gesellte sich als Gesinnungsgenosse ein aus Oesterreich berufener Deutscher, Conrad von Waldhausen bei, der zuerst in Wien und später in Prag mit aller Macht gegen den todten kirchlichen Werkdienst zu Felde zog, nur diejenigen für Kinder Gottes erkennen wollte, die vom heiligen Geist getrieben würden, und insonderheit den damals zu großem Einfluß und Ansehn gelangten, aber tief verderbten Orden der „Bettelmönche“ dieses „lecke Schiff“, wie er ihn nannte, mit großem Erfolg befehdete. Der dritte im Bunde dieser vorlaufenden Zeugen der reinen Wahrheit war Matthias von Janow, der während jene beiden mehr eine praktische Thätigkeit entwickelten, vorzugsweise den Hebel einer erleuchteten Wissenschaft an das entartete Kirchenthum setzte, und in seinen Schriften, wenn auch nur keimartig erst schon alle die Principien durchscheinen ließ, welche später in der deutschen Reformation zu ihrer vollen Entfaltung kamen. Die Hinlänglichkeit des Glaubens an den gekreuzigten Christus zur Seligkeit, die Nothwendigkeit der Niedergeburt durch den heiligen Geist, das allgemeine geistliche Priesterthum aller Gläubigen, so wie die Unmittelbarkeit ihres Verhältnisses zu Christo waren ihm geläufige Ideen, und eine tiefe Anschauung vom Wesen des Glaubens als eines neuen mit innerer Nothwendigkeit alle christlichen Tugenden als seiner natürlichen Blüthen und Früchte aus sich heraussetzenden Lebens, machte ihn zum abgesagtesten Feinde der falschen Geistlichkeit und mechanischen Werkdienerei seiner Kirche.

Mit der geistlichen Milch dieser drei trefflichen, zwar von dem Einflusse der Ideen des Engländers Wiclif nicht völlig unberührt gebliebenen, aber nichtsdestoweniger mit dem Gepräge einer vollen Urwüchsigkeit und Ursprünglichkeit auftretenden Herolde der göttlichen Wahrheit, sonderlich des letztgenannten, ward der Mann groß gesäugt, der an sittlichem Ernst, heiligem Eifer und wissenschaftlicher Ausrüstung jenen als ein vollkommen Ebenbürtiger zur Seite stand; an energischem und erfolgreich reformatorischem Eingreifen aber in das Leben des Volkes es ihnen noch zuvorthat. Dieser Mann war, – wie Bußdrommetenton klingt uns sein Name an, – Johannes Hus, der, am 6. Juli 1369 in dem böhmischen Flecken Husinec arm und niedrig geboren, von Kindheit auf unter seinem elterlichen Hüttendache die Luft einer erleuchteten Gottseligkeit athmete, und namentlich an seiner frommen schon früh verwitweten Mutter seine erste Führerin auf dem Wege des Lebens fand. Dieselbe weihete, als unbewußte Dolmetscherin einer göttlichen Berufung, den geliebten Knaben schon in der Wiege dem Dienste des Herrn, und begleitete ihn nachmals selbst mit vielen Thränen und Gebet auf die Hochschule zu Prag. Zwei Richtungen lagen hier damals miteinander im Streit: die streng kirchliche, welche vorzugsweise von den deutschen und die reformatorische, die mehr von den wissenschaftlich geförderten böhmischen Theologen vertreten ward. Hus, schon durch den mütterlichen Einfluß bestimmt, wählte sich seine Lehrer unter den letztern, studirte so gründlich als eifrig die Bibel und vertiefte sich außerdem in die Schriften der Kirchenväter, namentlich des Augustimus. Im Jahre 1396 zum Magister promovirt, begann er bald darauf selbst Vorlesungen zu halten, und wurde im Jahre 1401 als Prediger an die Bethlehems-Kapelle berufen, welche von zwei Privatleuten mit der ausdrücklichen Bestimmung gegründet worden war, daß daselbst „dem armen Volke in seiner Landessprache das Wort Gottes gepredigt werden solle.“ Dieser praktische Beruf weihte ihn erst recht in die geistlichen Nothstände des verwahrlosten Volks, so wie in die unerhörte Entartung und Verweltlichung des Klerus ein, und es kam ein Ergrimmen über ihn, wie das, welches einst den Knecht Gottes, Moses, erfaßte, da er vom heiligen Berge herniederstieg, und das Geschrei des Singetanzes um das goldne Kalb herum vernahm. Seine allezeit auf Reform und Heiligung des Lebens dringenden, vom tiefsten Glaubensernst getragenen, und durch einen von Schritt zu Schritt in der Furcht Gottes geführten strengen Wandel mächtig besiegelten Predigten, machten nicht weniger durch die Barmherzigkeit, die sie athmeten, als durch den glühenden Eifer um die Ehre des Herrn und seines Hauses, der sie durchflammte, einen Eindruck auf das Volk, wie er bis dahin kaum erhört war, und schaarten binnen Kurzem eine Gemeinde von Tausenden um ihn her. Seine kirchlichen Vorgesetzten ließen ihn gewähren, so lange er sich darauf beschränkte, die Laster der Laien, der hohen wie der niedern, zu geißeln. Selbst der Erzbischof von Prag, Zbynec von Hasenburg, obwohl ein Weltmann und aller geistlichen Gesinnung baar, sah es nicht ungern, daß Hus gegen die groben Mißbräuche und den krassen Aberglauben in der Kirche zu Felde zog. Als er aber anhub, auch dem Klerus seine Sünden vorzuhalten, Armuth, Selbstverleugnung und Kreuzigung des Fleisches sammt den Lüsten und Begierden ihnen zu empfehlen, und, wie weiland Paulus vor Felix, vor ihnen „von der Gerechtigkeit, der Keuschheit und dem zukünftigen Gericht“ zu reden, da wandte sich das Blatt, und sein hoher Gönner wurde sein erbittertster Feind und Widersacher.

Im Jahre 1408 begab sich etwas, wodurch eine bedeutende Steigerung der reformatorischen Gährung in Böhmen herbeigeführt wurde. Die Ausländer nämlich bei der Prager Universität, fast alle „hochkirchlich“ gesinnt und der neuern theologischen Richtung abhold, wurden plötzlich ihres bisherigen Uebergewichts über die Böhmen dadurch beraubt, daß ihnen kraft eines Edikts des Königs Wenceslaus bei amtlichen Verhandlungen und Beschlußnahmen nur eine Stimme gegen die den Böhmen bewilligten drei belassen wurde. Dies setzte böses Blut, und hatte zur Folge, daß sofort die Lehrer und Studenten deutscher Nation, viele Tausende an der Zahl, Prag verließen, und in ihr Vaterland, wo sie, beiläufig bemerkt, zur Stiftung der Universität Leipzig die Veranlassung gaben, zurückkehrten. Die böhmische Parthei war jetzt die herrschende in Prag, und erwählte den Hus zum Rektor der Universität. Aber nur zu bald ging sie selbst, die bisher nur durch das gemeinsame nationale Interesse zusammengehalten worden war, in zwei Lager aus einander, indem jetzt die bis dahin verdeckt gehaltenen und mehr in den Hintergrund gedrängten religiösen und kirchlichen Gegensätze Raum gewannen und sich auf das Heftigste geltend machten. An Stelle seiner abgezogenen deutschen Gegner sah Hus mit einem Male einen hellen Haufen seiner bisherigen Freunde wider sich in Schlachtordnung aufgestellt, und mußte sich von ihnen nicht allein als einen Häretiker verdächtigen hören, sondern auch mit der perfiden Beschuldigung belastet sehen, daß er es sei, der durch Einwirkung auf den König die nunmehrige Verödung der Universität herbeigeführt habe.

Von allen Seiten brach jetzt der Sturm wider ihn und seine Gesinnungsgenossen los. Die Prager Geistlichen klagten ihn bei dem Erzbischof an, daß er das Volk gegen die Geistlichkeit aufreize, Nichtachtung der Kirche und ihrer Strafgewalt predige, Rom als den Sitz des Antichrists bezeichne, jeden Kleriker, der für die Spendung des Sakraments Zahlung fordere, für einen Ketzer erkläre, und den Ketzer Wiclif preise und selig spreche. Sofort wurde Untersuchung wider ihn eingeleitet, und nicht lange darauf erschien auf Betrieb des Erzbischofs eine päpstliche Bulle, welche diesem u. A. aufgab, alle Geistlichen, welche wiclifitischen Häresien anhingen, verhaften zu lassen, und das Predigen in Privatkirchen auf das Strengste zu untersagen. Der Erzbischof begann trotzdem, daß der König auf eine von der Universität aus an ihn ergangene Vorstellung hin sein Veto eingelegt, die Vollziehung jener Bulle damit, daß er in seinem Palaste 200 Bände, unter denen neben den Schriften Wiclifs auch diejenigen des von Milic und Anderer sich befanden, verbrennen ließ. Aber dieses Autodafé diente nur dazu, das Interesse und den Enthusiasmus für Wiclif und dessen Geistesverwandte in Böhmen noch mehr zu steigern. Hus übersandte dem Papst Johann XXIII. eine gründliche und umfassende Appellation, in der er erklärte, daß er von Herzen zum Widerruf geneigt und bereit sei, sobald man ihn aus der Schrift eines Irrthums zeihen könne. In der That war ihm, dessen Richtung und Thätigkeit eine durchaus praktische war, noch kein direkter Angriff gegen die herrschende Kirchenlehre vorzuwerfen. Daß diese Lehre mit der heil. Schrift in Widerspruch stehe, dessen war er sich noch nicht bewußt geworden. Die kirchliche Tradition erschien ihm nur „als die geschichtliche Entwickelung der ihrem Wesen nach in der Schrift enthaltenen Wahrheit.“ Ihm ging es lediglich um Abstellung von Mißbräuchen und Verunstaltungen, und namentlich um eine Wiedergeburt des religiösen und kirchlichen Lebens. Allerdings aber wurde er bei seinem Streben nach diesem Ziel unbewußt von Principien geleitet, die reformatorischer waren, als er selbst. Denn, bildet die heil. Schrift, wie dies sein Glaube war, die in letzter Instanz absolut entscheidende Autorität; befindet sich die wahre Kirche überall, wo der Geist Gottes die Herzen regiert; ist das Verhältniß jedes gläubigen Laien zu Christo ein unmittelbares und keinerlei menschlicher Intercession bedürftiges, und steht es dem Priester nur zu, die Absolution in bedingter Form zu ertheilen: so ist dem römischen Kirchenthum der Boden ausgeschlagen. Darum half es dem tapfern Zeugen nichts, daß er nachzuweisen wußte, wie er als guter Katholik an die Brodverwandlung in der Messe, an die Fürbitte der verklärten Heiligen, an die Nothwendigkeit und Heiligkeit des Cölibats, und wer weiß, an was alles sonst noch glaube, und wie ihm niemals eingefallen sei, an den hierarchischen Verfassungsbau seiner Kirche, den er nur von fremdartigen Ansätzen gereinigt zu sehn wünsche, die rüttelnde Hand zu legen. In den furchtbarsten Formeln wurde über Hus der Bann und das Interdikt ausgesprochen. Er sollte ausgeliefert, die Bethlehemskirche sollte von Grund aus zerstört, und nirgends, wo man ihm ein Asyl eröffne, das Sakrament gereicht, noch ein kirchliches Begräbniß gewährt werden.

Auf dringendes Anrathen des Königs, der voraussah, daß das gegen Hus eingeschlagene Verfahren die bedenklichsten Unruhen in seinem Lande hervorrufen werde, legte sich letzterer, nachdem er von dem Urtheil der römischen Curie an Christus, den ewigen Hohenpriester, appellirt hatte, eine freiwillige Verbannung von Prag und seiner Gemeine auf; unterließ aber nicht, letztere so wie seine Gleichgesinnten überhaupt von den Schlössern der Ritter aus, wo man ihm mit Freuden Herberge und Schutz gewährte, in herrlichen glaubensstarken Briefen zum Beharren auf dem Wege der Wahrheit zu ermahnen.

Unterdessen rückte der November des Jahres 1414 heran, auf welchem „zur Herstellung der kirchlichen Einheit und zur Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern“ vom Papst Johann XXIII. und von dem Kaiser Sigismund ein allgemeines Concil nach Kostnitz ausgeschrieben war. Hier sollte denn auch der Prozeß wider Hus zu seinem Austrage kommen. Unter dem Schirm eines kaiserlichen Freibriefs, der ihm hin und zurück ein sicheres Geleit verbürgte, und welchen er u. a. mit den Worten erwiederte: „Ich will demüthig meinen Hals daran setzen, und unter dem sicheren Geleite des Schutzes Eurer Majestät unter Verleihung des Höchsten auf dem Concil erscheinen“, machte sich Hus am 11. Oktober des genannten Jahres, begleitet von den treuen Rittern Wenzel von Duba und Johann von Chlum, so wie von dem Sekretär des letzteren und dem Abgesandten der Prager Universität, dem Pfarrer Johann Kardinalis v. Reinstein, lauter gleichgesinnten Männern, getrosten Muthes nach Kostnitz auf den Weg. Seine Reise durch Deutschland glich hin und wieder einem Triumphzug; denn auch hier fehlte es im Volke nicht an Tausenden, die längst mit brennendem Verlangen einer Reformation der Kirche entgegenharrten. Am 3. November langte Hus an dem Orte seiner Bestimmung an. Aber seine bittersten Gegner aus Böhmen, u. a. Palec, der gleich nach seiner Ankunft in einem öffentlichen Anschlag an den Kirchthüren den Hus für den verstocktesten Häretiker erklärte, waren ihm schon vorangeeilt. Während der ersten vier Wochen geschah in der Sache unsres Freundes nichts, und so fand er vollkommene Muße, sich auf die bevorstehenden Verhöre vorzubereiten. Am 28. November aber wurde er plötzlich, trotz des entschiedenen Protestes, den, auf den kaiserlichen Geleitsbrief trotzend, der Ritter von Chlum dawider einlegte, im Namen des Papstes seiner Freiheit beraubt, und bald darauf in ein am Rheinufer gelegenes Dominikanerkloster abgeführt, und daselbst in einen scheußlichen, an eine Cloake grenzenden, und mit einer verpesteten Luft angefüllten Kerker geworfen. Auf Verwendung des Rittes von Chlum befahl zwar der Kaiser mit dem Ausdruck tiefster Entrüstung die sofortige Losgebung seines Schützlings; aber umsonst. Die Furcht vor dem mächtigen Klerus benahm dem Kaiser den Muth, seinen Willen energisch durchzusetzen. Erst als der arme Gefangene in eine schwere Krankheit versiel, wurde ihm ein etwas luftigerer Raum im Kloster zum Gefängniß angewiesen. Hier erkrankte er auf’s neue; fand aber bei seinen Gegnern so wenig Schonung, daß sie ihn fast täglich überfielen und mit den herbsten Anklagen ihn behelligten.

Am 21. März 1415 entfloh der Papst Johann, um dem Prozesse auszuweichen, den man ihm seines abscheulichen Lebens halber zu machen im Begriffe stand. Hus verlor dadurch seine bisherigen Gefangenwärter, die ihn wahrhaft liebgewonnen und die treuste Sorge ihm gewidmet hatten. Wie es ihm an Lebensmitteln jetzt gebrach, so glaubte er auch befürchten zu müssen, der päpstliche Hofmarschall, der seinem Herrn nach Schaffhausen nachzog, habe vor, ihn mit sich fortzuschleppen. Er beeilte sich, dem Ritter von Chlum diese seine Besorgniß mitzutheilen, und dieser rief für seinen Freund auf’s neue den Schutz des Kaisers an. Nach einer Berathung mit dem Concil entschloß sich aber Sigismund zu weiter nichts, als daß er den Gefangenen der Obhut des Bischofs von Konstanz übergab, welcher ihn nach dem Schlosse Gottlieben abführen, und dort in einen Thurm werfen ließ, wo er bei Tage so gefesselt war, daß er sich nur wenig bewegen konnte und des Nachts in seinem Bette mit den Händen an einen Pfahl gekettet wurde. „Jetzt erst“, schrieb er von dort an seine Freunde, „lerne ich den Psalter recht verstehn, recht beten, und die Leiden Christi und der Märtyrer mir recht vergegenwärtigen; denn es sagt Jesaias, der Prophet: Anfechtung lehrt auf’s Wort merken!“ – Erst Anfangs Juni wurde er aus seinem schauerlichen Kerker, wo er dem mittlerweile aufgegriffenen Papst Johann seine Stelle abtrat, erlöst, nach Kostnitz zurückgebracht, und in einem Franziskanerkloster eingesperrt. Hier bestand er denn vor dem versammelten Concil sein erstes Verhör. Seine Schriften wurden ihm vorgelegt, und aus denselben eine Reihe von Anklagepunkten wider ihn hergeleitet. Er verantwortete sich unter steter Berufung auf Gottes Wort und die Kirchenlehre so gründlich und umfassend, daß seine Feinde, die ihm am Ende nur ein wildes Geschrei entgegen zu setzen hatten, es als eine erwünschte Erlösung aus peinlichster Verlegenheit begrüßten, da der Antrag gestellt wurde, man möge, weil die Ordnung nicht wieder herzustellen sei, die Sitzung aufheben, und ein zweites Verhör auf den 7ten desselben Monats anberaumen.

Der 7. Juni erschien. Der Kaiser Sigismund wohnte diesmal dem Concil persönlich bei. Die beiden böhmischen Ritter, die treuen Freunde des Verklagten, fehlten auch nicht. Um die sakramentliche Brodverwandlung handelte es sich zuerst. Hus konnte mit allem Grund alle seine Zuhörer zu Zeugen aufrufen, daß er diese Lehre je und je vorgetragen, und lediglich auf einen würdigen Genuß des Sakraments gedrungen habe. Man beschuldigte ihn darauf, die Irrthümer Wiclifs verbreitet zu haben. Aber auch hier durfte er mit gutem Gewissen bezeugen: „Ich habe weder die Irrthümer Wiclifs noch irgend eines Andern gelehrt. Wenn Wiclif in England Irrthümer lehrte, so ist dies die Sorge der Engländer und nicht die unsre.“ Es ward ihm ferner vorgeworfen, er habe von der Gerichtsbarkeit des Papstes an Christus appellirt. Hus gestand dies fröhlich ein; meinte aber, daß es eine gerechtere und wirksamere Appellation nicht gebe, als diejenige an Den, der einst das letzte Urtheil über Alle sprechen werde. Die Versammlung brach darob in Hohngelächter aus. Hus wurde endlich, ganz den Regeln römischer Taktik gemäß, auch politisch als ein Aufwiegler des Volks, als ein Mann der Revolution verdächtigt; aber von dieser Anklage sich zu reinigen, verursachte ihm die geringste Mühe. „Aber hörte ich dich nicht sagen“, herrschte ihn mit lauter Stimme, damit der Kaiser es vernehme, der Cardinal D‘ Ailly an, „daß, wenn du nicht freiwillig nach Constanz habest kommen wollen, weder der Kaiser noch der König dich dazu hätten zwingen können?“ Hus entgegnete: „Ich sagte, wenn ich nicht freiwillig hierher gekommen wäre, so hätte ich leicht an irgend einem verborgenen sicheren Orte zurückbleiben können, da in Böhmen so viele wohlwollend gegen mich gesinnte Ritter sich bereit erklärten, hinter den Mauern ihrer Schlösser mich zu bergen.“ „Sehet die Unverschämtheit des Mannes“, schrie der Cardinal. Ein Murmeln des Unwillens ging durch die Versammlung. Da erhub sich der edle Ritter von Chlum, bestätigte das von Hus Gesagte, und trat tapfer für ihn in den Riß. Diese letztere Verhandlung machte aber auch auf den Kaiser einen verstimmenden Eindruck. Er nahm das Wort, dankte den Prälaten, daß sie die seinerseits dem Hus ertheilte Versicherung, er werde vor dem Concil sich frei vertheidigen dürfen, treulich wahr gemacht, fügte die Bemerkung hinzu, daß zwar nach der Ansicht Mancher der Kaiser nicht berechtigt sei, einen Häretiker oder der Häresie Verdächtigen irgendwie in Schutz zu nehmen, und ertheilte dann dem Hus den Rath, daß er nichts hartnäckig vertheidigen, sondern in Allem, was gegen ihn vorgebracht, und durch glaubwürdige Zeugen bestätigt worden sei, mit gebührendem Gehorsam dem Ansehn des Concils sich unterwerfen wolle. Wenn er das thue, so werde der Kaiser dafür Sorge tragen, daß er vor dem Concil auf eine gnädige Weise und mit einer leidlichen Buße und Genugthuung entlassen werde; wo aber nicht, so würden die Leiter des Concils schon wissen, was sie mit ihm zu machen hätten, und er, der Kaiser, werde nie seine Irrthümer in Schutz nehmen, sondern eher mit dieser seiner Hand ihm den Scheiterhaufen bereiten, als länger ihm erlauben, so hartnäckig zu verfahren, wie bisher. Darauf Hus, nachdem er dem Kaiser für das ihm verheißene sichere Geleit seinen ehrfurchtsvollen Dank bezeugt: „Ich rufe Gott zum Zeugen an, daß es mir nie in den Sinn gekommen ist, etwas hartnäckig zu vertheidigen, sondern daß ich freiwillig mit dem Vorsatz hierher gekommen bin, ohne irgend ein Bedenken meine Meinung zu ändern, wenn ich eines Besseren belehret würde.“ Hus wurde hierauf der Obhut des Bischofs von Riga übergeben, und in sein Gefängniß zurückgeführt.

Am 8. Juni erschien Hus zum drittenmale vor dem Concil, wo ihm diesmal wo möglich noch schärfer zugesetzt wurde als zuvor. Einen besonderen Anstoß schien man an dem in einer seiner Schriften ausgesprochenen Satz genommen zu haben, daß, wenn ein König, Papst oder Bischof in einer Todsünde sei, er weder König, Papst noch Bischof sei. Man deutete diese Behauptung so, als wolle er es von der subjectiven Beschaffenheit der Träger jener Aemter und Würden abhängig machen, ob ihnen dieselben zu belassen seien oder nicht. Auch den Kaiser entrüstete jener Ausspruch sehr. „Es lebt ja Niemand ohne Sünde!“ rief er mit der Betonung und Miene des heftigsten Unwillens aus. Hus entgegnete, wie ihm nicht eingefallen sei, das, was er in dem fraglichen Satze ausgesprochen habe, im rechtlichen oder juridischen Sinne zu verstehen; sondern wie er nur habe sagen wollen, wer allein der Idee eines rechten Königes oder Papstes, oder Bischofes entspreche. Doch diese Rechtfertigung wurde mit Hohn zurückgewiesen. Mit scharfen Waffen ging besonders der berühmte Kanzler der pariser Universität, der große Jurist Gerson, auf den Codex des positiven Kirchenrechts gestützt, wider unsern Verklagten an, und sprach, vorausschickend, daß er sich auf die Untersuchung des Sinnes, in welchem Hus dies und das gemeint haben möge, nicht einlassen könne, mit vornehmer Miene seine Meinung dahin aus, daß, wo zum Umsturz aller bürgerlichen Verfassung hinführende Irrthümer verkündigt würden, wie Hus sie hege, nichts Andres übrig sei, als daß die weltliche Obrigkeit sich darauf besinne, daß sie das Schwerdt nicht umsonst trage. Es wurde an Hus jetzt in feierlicher Weise die Aufforderung zum Widerruf und zur Unterwerfung unter das Urtheil des Concils erneuert. Er aber wiederholte, daß er nimmer widerrufen könne, was er nie gelehret habe, und daß, was er gelehret, ihm weder aus der Schrift, noch aus der Kirchenlehre als irrthümlich nachgewiesen worden sei. Gänzlich erschöpft durch diese fruchtlosen Verhandlungen, in denen er immer auf’s neue dieselben Anschuldigungen gegen sich vernehmen, seine bündigsten Widerlegungen aber nur mit Spott und Gelächter erwiedern hören mußte, schwieg er endlich nach dem Vorbilde seines Herrn und Meisters, und wurde dann in sein Gefängniß zurückgeführt. In diesem Augenblick drängte sich der hochherzige Ritter von Chlum zu ihm heran, und drückte ihm, tief ergriffen von der ganzen prophetischen Erscheinung des theuren Mannes, sowie von seiner trefflichen Vertheidigung in einer Weise die Hand, die allerdings mehr sagte, als Worte. „O welche Freude“, schrieb Hus bald darauf an seine Freunde, „machte mir der Händedruck des Herrn Johannes, der sich nicht scheute, mir elendem, verworfnem und gleichsam von Allen ausgestoßenem Ketzer in meinen Fesseln die Hand zu reichen.“

Nachdem Hus nun auch den Kaiser entschieden wider sich eingenommen wußte, so konnte er sich’s in seinem Kerker nicht mehr verhehlen, daß er nun täglich, ja stündlich sein Todesurtheil zu erwarten habe. Seine während dieser Zeit an seine Gesinnungsgenossen geschriebenen Briefe athmen jedoch die kindlichste Ergebung und den tapfersten und freudigsten Glaubensmuth. Da er vor seinem Tode noch zu beichten begehrte, erbat er sich zum Beichtiger seinen bittersten Feind den Palec oder einen Andern. Man sandte ihm einen Doktor der Theologie, einen Mönch, der gerührt und liebevoll seine Beichte anhörte, und auch, als Hus seine wohlgemeinte Bitte, er möge doch widerrufen, ablehnen mußte, keinen Anstand nahm, ihm in unbedingter Weise die Absolution zu ertheilen.

Am 6. Juli wurde Hus auf’s neue vor das Concil geführt. Die Versammlung bot diesmal einen feierlicheren Anblick dar, als bisher. Der Kaiser saß, umgeben von den Fürsten mit den Reichsinsignien auf seinem Thron. In der Mitte des Saales ragte ein Pfahl, an dem die Priestergewänder hingen, in welche Hus vor seiner Degradation gekleidet werden sollte. Auf’s neue wurden die Klageartikel gegen ihn verlesen, und er für einen Anhänger Wiclifs erklärt. Er wollte reden, aber ward gebieterisch zum Schweigen verwiesen. Er sank auf seine Kniee, und betete: „O Christus, dessen Wort von diesem Concile öffentlich verdammt wird, auf’s neue appellire ich an Dich, der Du, als Du von Deinen Feinden gemißhandelt wurdest, an Deinen Vater appellirtest, und Deine Sache diesem gerechtesten Richter übergabst, damit auch wir, durch Unrecht unterdrückt, Deinem Vorbilde gemäß, zu Dir unsre Zuflucht nehmen sollten!“ Als er in seiner Antwort auf den wider ihn ausgesprochenen Vorwurf, daß er im Banne noch die Messe gelesen habe, noch einmal des Geleitsbriefs gedachte, der ihm zu Theil geworden sei, und dabei den Blick auf den Kaiser richtete, erröthete dieser heftig. Als endlich das Urtheil über ihn erschollen war, rief er auf den Knieen: „Herr Christus, verzeihe meinen Widersachern. Du weißt, daß ich fälschlich von ihnen angeklagt worden bin, und daß sie erlogene Zeugnisse und Verläumdung gegen mich gebraucht haben. Verzeihe ihnen um Deiner großen Barmherzigkeit willen.“ Dieser lautere Erguß wahrhaftiger Feindesliebe wurde von Vielen der Versammelten laut verlacht. – Sieben Bischöfe begannen nun, an dem treuen Zeugen den Akt der Ausstoßung aus dem geistlichen Stande zu vollziehen. Sie legten ihm die priesterliche Gewandung an. Ihm stand dabei das Bild seines Heilandes im Purpurmantel und in der Dornenkrone vor der Seele. Sie forderten ihn noch einmal zum Widerrufen auf. „Wie könnte ich widerrufen“, entgegnete er, „dessen ich mich nicht schuldig weiß?“ Nun rissen sie ihm unter verfluchenden Formeln die einzelnen Stücke des Ornates wieder vom Leibe ab. Als sie ihm mit den Worten: „Wir entziehen dir, verdammter Judas, den Kelch des Heils“ den Abendmahlskelch aus den Händen nahmen, sprach er: „Ich vertraue auf Gott, meinen Vater und meinen Herrn Jesum Christum, daß er den Kelch seines Heils nicht von mir nehmen wird; hoffe vielmehr, denselben noch heute in seinem Reich zu trinken!“ Als ihm hierauf die mit Teufelsfratzen bemalte, und mit dem Worte: „der Häresiarch“ (das Ketzerhaupt) bezeichnete Mütze aufgesetzt wurde, sagte er: „Mein Herr Christus trug meinetwegen die Dornenkrone; wie sollte ich nicht diese leichtere, obgleich schmachvolle, um seines Namens willen tragen? Ich will es thun, und thue es gerne!“ „So übergeben wir denn deine Seele den Teufeln!“ sprachen die Bischöfe. „Und ich“, rief er, die Augen zum Himmel erhebend, „befehle in Deine Hände, Herr Jesus Christus, meine durch Dich erlöste Seele!“

Als ein nunmehr von der Kirche Ausgestoßener wurde Hus jetzt dem weltlichen Arm übergeben. Auf kaiserliches Geheiß überantwortete ihn der Herzog Ludwig von Baiern den Gerichtsdienern. Da er, von diesen abgeführt, vor der Kirchthüre seine Bücher verbrennen sah, konnte er dazu nur mitleidig lächeln. Auf dem Richtplatz angelangt betete er knieend einige Psalmen, und mit besonderem Nachdruck den 51sten und 31sten. Oefter wiederholte er die Worte: „Herr, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ „Was hat er nur gethan?“ hörte man wiederholt in der umherstehenden Volksmenge sagen: „wir hören ihn ja so andächtig beten und -reden!“ Von den Henkern zum Aufstehn vom Gebete ermahnt, rief er mit lauter Stimme: „Herr Jesus Christus, nun stehe mir bei, daß ich diesen grausamen und schmachvollen Tod, zu welchem ich um der Predigt Deines Wortes willen verdammt worden bin, kraft Deiner Hülfe mit starker und standhafter Seele erdulde!“ Nachdem er dann seinen Gefangenwärtern für ihre liebreiche Behandlung herzlich Dank gesagt, und noch einmal vor allem Volk bezeuget hatte, daß er lediglich um der Predigt der lauteren Gotteswahrheit willen den Tod erleide, bestieg er in heldenmüthiger Fassung den Scheiterhaufen, und gab mit den Worten: „Gern trage ich diese Ketten um Christi willen, der ja weit schwerere für mich getragen hat“, geduldig wie ein Lamm der Ankettung seines Leibes und Halses an den Marterpfahl sich hin. In diesem Augenblicke sprengte der Reichsmarschall von Pappenheim zu ihm heran, und eröffnete ihm noch einmal unter der Bedingung des Widerrufs eine sichere Aussicht auf Gnade und Verschonung. Hus aber erwiederte: „Welchen Irrthum sollte ich widerrufen, da ich mir keines Irrthums bewußt bin? denn ich weiß, daß, was falsch gegen mich vorgetragen wird, ich nie gedacht, geschweige denn gepredigt habe. Das war aber das vornehmste Ziel meiner Lehre, daß ich Buße und Vergebung der Sünde die Menschen lehrte nach der Wahrheit des Evangeliums Jesu Christi und der Auslegung der heiligen Väter; deshalb bin ich bereit, mit freudiger Seele zu sterben!“ – Es wurde nun der Holzstoß angezündet. Hus begann mit lauter Stimme zu singen: „Jesu, Du Sohn des lebendigen Gottes, erbarme Dich meiner!“ Zum dritten Male öffnete er zu diesem letzten Seufzer seinen Mund, da erstickte die durch den Wind ihm zugeführte Flamme seine Stimme. Aber lange noch sah man seine Lippen betend sich bewegen. Endlich neigte er sein Haupt, und war mit Frieden in die triumphirende Kirche eingegangen. Der Rachedurst einer dämonisch entbrannten Priesterschaft war jedoch noch nicht gekühlt. Man nahm die Asche des hingeopferten Blutzeugen, und streute sie, damit nichts Verunreinigendes von ihm zurückbliebe, in die Fluthen des Rheins. So trat der Mann von seinem irdischen Kampfplatze ab, dem hundert Jahre später der deutsche Vollender seines Werkes mit vollem Grunde nachrühmte: „Aus dem Blute des Johannes Hus ward uns das Evangelium geboren, das wir gegenwärtig haben.“ Seine Mörder entgingen der Zornesruthe Gottes nicht. Wie der Fluch aller Edlen sie traf, so erhob sich ganz Böhmen wider sie wie Ein Mann; und der Kaiser selbst ging ruhm- und ruhelos zu Grabe, und sah in seiner Person seinen Herrscherstamm erlöschen. Allerdings war Hus mehr ein Eiferer um das Gesetz, als im vollen Sinne des Wortes ein Evangelist; und unbezweifelt würde seine Wirksamkeit eine noch ungleich durchgreifendere, tiefere und nachhaltigere gewesen sein, wenn ihm die innerste Herrlichkeit des Evangeliums, wie sie uns aus dem Artikel von der Rechtfertigung des Sünders vor Gott aus lauter Gnade allein durch den Glauben an Jesum Christum schon in voller Klarheit aufgegangen wäre, was sie noch nicht war. Jedoch der Eine legt den Grund, und ein Andrer bauet darauf. Unbestritten gehört ihm das Verdienst, der deutschen Reformation, auf welche und auf deren Koryphäen insbesondere mehr als ein weissagend Wort, das aus seinem Munde ging, gedeutet werden darf, die Bahn gebrochen zu haben. Ein dreifaches Auferstehn ist ihm geworden. Mit der Märtyrerkrone geschmückt steht er heute, die Siegespalme schwingend, am Stuhle Gottes. Sein Geist trat verklärt und zur vollen Erleuchtung durchdrungen in Luther, seinem großen und sieggekrönten Nachfolger, für den Hort der ewigen Wahrheit auf’s neue in die Schranken, und sein Bild lebt bis zur Stunde frisch und unvergänglich fort, wie in den Herzen Aller, die zur Fahne des Reiches Gottes schwuren, so auch – ein Saatkorn, das noch reiche Erndten treiben wird, – in den Herzen – seiner Böhmen. –

Fr. W. Krummacher in Potsdam

Evangelisches Jahrbuch für 1856
Herausgegeben von Ferdinand Piper
Siebenter Jahrgang
Berlin,
Verlag von Wiegandt und Grieben
1862

 

Jan Hus

Johann Hus

1369 – 1415

Hus ist um 1369 in Hussinetz, einem an der böhmisch – bayrischen Grenze gelegenen Dorf geboren. Er stammte aus einer armen tschechischen Familie und mußte sich als Sängerknabe mühsam durch seine Schulzeit durchbringen. An der Universität Prag gewann er bald großes Ansehen, obwohl er niemals den Doktorgrad erworben hat. Von großer Bedeutung wurde für ihn die Kenntnis der Schriften Wiclifs, die mit Beginn des 15. Jahrhunderts in Böhmen bekannt wurden und einen tiefen Eindruck machten. Fast alles, was Hus gegen die päpstliche Kirche lehrte, stammt aus Wiclifs Schriften. Besonders verlangte er auch, daß das Abendmahl unter beiderlei Gestalten gefeiert wurde, d.h. daß man den Laien nicht den Kelch entziehe.

Zum 1. November 1414 war ein allgemeines Konzil nach Konstanz berufen worden, um dem Doppelpapsttum ein Ende zu machen. Auf diesem Konzil sollte auch die Angelegenheit von Hus verhandelt werden. Vom deutschen König Sigismund erhielt Hus die Zusicherung freien Geleits. Trotz trüber Ahnungen machte er sich auf den Weg. Obwohl er sich in Prag als rechter Deutschenfeind bewiesen hatte, wurde er von den Deutschen überall freundlich aufgenommen; zahlreiche Anhänger und Bewunderer suchten ihn in seiner Wohnung in Konstanz auf. Das verdroß den Papst aufs äußerste. Er ließ Hus eines Tages zu einer Besprechung mit Kardinälen in die Wohnung eines Konstanzer Domherrn einladen und dort gefangensetzen, ja einige Tage später in das Dominikanerkloster bringen, wo er in ein finsteres, neben der Kloake gelegenes Gelaß gesteckt wurde. Sigismund war noch auf der Reise nach Konstanz, als er von der hinterlistigen Gefangennahme erfuhr. Er war aufs höchste empört und befahl den Kirchenleuten, Hus sofort freizulassen; andernfalls werde er das Konzil verlassen. Jene aber erwiderten kühl, dann werde eben das Konzil aufgelöst, und da dem Kaiser mehr als dem Papste daran lag, zu einer Einigung in der Kirche zu kommen, gab er nach. Damit war das Schicksal Hussens besiegelt. Er war inzwischen auf die Burg des Bischofs von Konstanz gebracht worden. Hier blieb er 73 Tage in schrecklicher Haft, bei Tag gefesselt, des Nachts mit den Händen an die Wand gekettet, schlecht genährt und krank. Als er endlich vor dem Konzil verhört wurde, ließ man ihm keine Möglichkeit, sich zu verteidigen. Öffnete er den Mund, so schrien alle auf ihn ein und schalten ihn einen verstockten Ketzer; schwieg er, so deuteten sie dies als Eingeständnis seines Irrtums. Andere Verhöre folgten, aber es gelang nicht, Hus zum bedingungslosen Widerruf zu bewegen. Am 6. Juli 1415 erfolgte in feierlicher Vollversammlung des Konzils seine Verurteilung. Vergebens berief er sich darauf, daß er freiwillig nach Konstanz gekommen sei, nachdem ihm der König Sigismund – der bei dieser Sitzung anwesend war! – freies Geleit zugesichert habe.

Es folgte die Ausstoßung aus der Kirche. Hus, den man mit seinem vollen Priesterornat bekleidet hatte, wurde noch einmal zum Widerruf aufgefordert. Als er wiederum ablehnte, wurde ihm unter feierlicher Verfluchung Stück für Stück seine priesterliche Kleidung abgenommen. Als ein Ketzer wurde er dem weltlichen Strafgericht übergeben, verkündete der Sprecher des Konzils, und die Anwesenden fügten hinzu: „Deine Seele übergeben wir dem Teufel!“ Hus aber antwortete: „Und ich befehle sie dem gnädigen Herrn Jesu Christo.“ Man hatte ihm eine spitze Papiermütze aufgesetzt, auf der das Wort „Erzketzer“ geschrieben war. Hus sagte: „Mein Herr Jesus Christus hat für mich Armen eine viel härtere, drückendere Dornenkrone schuldlos zu seinem allerschmählichsten Tode getragen; darum will ich armer sündiger Mensch gerne diese Krone tragen um seines Namens und seiner Wahrheit willen!“

Danach wurde Hus zur Richtstätte geführt. Die Henker entkleideten ihn und banden ihn an einen Pfahl, um den Holz mit Stroh aufgeschichtet war. Der Scheiterhaufen wurde angezündet. Mit erhobener Stimme sang Hus: „Christus, du Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich meiner“, bis er erstickte. Seine Asche wurde in den Rhein gestreut.

Als die Nachricht von Hus‘ Tode nach Böhmen gelangte, entstand eine ungeheure Erregung. Schon vorher hatte der größte Teil des tschechischen Volkes an ihm wie an einem Propheten gehangen, nun wurde er als Märtyrer verehrt; sein Todestag, der 6. Juli, wurde fortan als ein Feiertag begangen. Fast der ganze Adel des Landes tat sich zusammen und gelobte der Lehre des Märtyrers treu zu bleiben. Da starb König Wenzel, der bisher noch immer vermittelt hatte, und die böhmische Krone ging an seinen Bruder, König Sigismund, über, gegen den sich nun das ganze Land erhob. Auf seinen Wunsch rief der Papst die Christenheit zum Kampf gegen die aufständischen Hussiten auf; so kam es zu den blutigen Hussitenkriegen, in denen besonders der Feldherr Ziska für die Tschechen große Erfolge errang und weite deutsche Gebiete verheerte. Erst als unter den Hussiten selbst Zwistigkeiten ausbrachen und der Papst der gemäßigten Partei entgegenkam, gelang es ihm, der katholischen Sache zum Siege zu verhelfen. 1433 nahm der böhmische Landtag ein Gesetz an, wonach den Gläubigen im Abendmahl nicht nur das Brot, sondern auch der Kelch gereicht werden solle. Das war das einzige Zugeständnis, das der Papst gemacht hatte.

Girolamo Savonarola

Hieronymus Savonarola

Die römische Kirche hat in der Zeit ihrer Macht unternommen, die Reiche dieser Welt zu beherrschen und das Haupt der Fürsten zu beugen. Daher auch derjenige, der das Verderben dieser Kirche kannte und eine edlere Gestalt der Kirche im Herzen trug, versucht sein konnte, mit derselben mächtigen Hand die Kirche wie den Staat zu reformiren.

Hieronymus Savonarola, geboren zu Ferrara am 21. Sept. 1452, war nach dem Vorbilde seines Großvaters, eines hochangesehenen Arztes an der Universität Padua und am Hofe des Herzogs von Este, zu einer stattlichen weltlichen Bahn bestimmt. Der Jüngling entfloh aus dem väterlichen Hause. Ein Brief aus Bologna meldet, daß er eingetreten ist in’s Dominicanerkloster, die Armuth hat er zu seiner Braut erwählt, den Leib will er dran geben, die unsterbliche Seele zu retten, der Vater möge die Mutter trösten, beider Segen mit ihm sein, immer will er für ihre Seelen beten. Als Grund nennt er das Verderben der Welt, insbesondre Italiens, „es bleibt uns nichts übrig, als zu klagen und die Hoffnung eines besseren Jenseits festzuhalten.“ Der Bettelorden der Dominicaner hatte damals ein reichliches Theil an den Ehren und Reichthümern der Kirche; Savonarola gedachte nur als dienender Bruder dem Kloster anzugehören, etwa beschäftigt die Kutten zu nähen, oder den Garten zu bestellen, damit er nicht aus der Aristokratie der Welt in die Aristokratie des Klosters gerathe. Er hat vierzehn Jahre ein stilles Klosterleben geführt, nach dem Gebote seiner Obern mit theologischen Studien beschäftigt, auch zuweilen als Fastenprediger versandt, da versetzten ihn die Obern nach Florenz in das Kloster des heiligen Marcus, um die jüngern Brüder zu unterrichten.

Florenz war damals eine betriebsame reiche Stadt, welche den größten Theil von Mittelitalien beherrschte, dem Rechte nach seit Jahrhunderten eine Republik, deren Staatsämter sogar durch’s Loos vertheilt wurden, aber eine Kaufmannsfamilie, die Mediceer, war durch unermeßlichen, wohlbenutzten Reichthum zur höchsten Gewalt gelangt, nun bereits als ein Erbe seines Großvaters regierte das Haupt dieser Familie, Lorenzo der Erlauchte, wie ein unbeschränkter Fürst die Republik, umgeben von allem Glanze der Kunst und Wissenschaft.

Savonarola, der heimisch war unter den Propheten des A. Testaments und voll der Zukunft, begann in der Klosterkirche am 1. August 1489 die Geheimnisse der Offenbarung Johannis auszulegen. Sein Grundgedanke ist: die Kirche Gottes muß erneut werden, vorher wird Gott mit schwerer Geißel Italien züchtigen, beides wird bald geschehen. Die Erneuerung der Kirche, an die er glaubt, ist eine sittlich religiöse, daß jedes Kirchenamt auf seine fromme Bestimmung zurückgeführt, durch den überflüssigen Reichthum der Kirche die Noth der Armen gelindert werde, jedermann Buße thue und der heilige Geist wieder die Gemeinde regiere. Daher seine Weissagung auf die Reformation zur Bußpredigt wurde. Er hat nicht daran gedacht irgend eine Glaubenssatzung seiner Kirche umzustoßen, aber sich vertiefend in die heilige Schrift hat er gepredigt, daß sie uns hinführe zu Christo, nicht zu den Heiligen; daß, wenn Christus dich nicht absolvirt, was hilft dir alle andre Absolution! daß nicht aus den äußerlichen Werken das Heil komme, sondern aus der Hingabe des Herzens an den Erlöser, aus dem Glauben. Er selbst hat bemerkt, als er vormals von den spitzfindigen Lehren menschlicher Weisheit predigte, da gefiel er einer ungeduldigen und zerstreuten Versammlung: als er sich zur Majestät der heiligen Schrift wandte, da hat er die Herzen der Menschen erschüttert, und wie der sehnsuchtsvolle Glaube an eine Wiedergeburt der Kirche sich seiner bemächtigte, erstanden ihm selber bis dahin ungekannte Kräfte des Geistes und der Rede. Die Klosterkirche wurde bald zu eng, und in die weiten Hallen des Domes mußte man Gerüste bauen, um die Menge des Volks zu fassen, das in der Sonntagsnacht auch vom Gebirge herabzog, um das Brot des Lebens hier zu suchen.

Ein Jahr nach seiner Ankunft wurde Savonarola zum Prior des Klosters gewählt. Man erinnerte ihn an die Sitte sich und das Kloster dem Staatsoberhaupte zu empfehlen. Er antwortete: „Hat mich Gott oder Lorenzo zu diesem Amt erwählt? Laßt uns das Kloster der Gnade des Höchsten empfehlen!“ Lorenzo ließ eine reiche Summe Goldes in die Casse des Klosters werfen. Bei der Eröffnung schied Savonarola das kleine Geld vom Golde, und sprach zu den Mönchen: „Jenes reicht aus für unser Bedürfniß, dieses tragt zu den Armenpflegern der Stadt, daß sie es vertheilen.“ Seine Strafpredigt richtete sich oft gegen Lorenzo, in dessen Palast er den Quell der Weltlust und Gottentfremdung fand, der sich über die Stadt ergossen habe. Als angesehene Bürger ihn ermahnten, um des öffentlichen Friedens und des Klosters willen von dieser rücksichtslosen Predigtweise abzustehen, erwiedert er: daß er gegen die Laster predige, wie es in der alten Kirche Sitte gewesen. „Sagt Lorenzo, daß er Buße thue.“ Und als sie hinwiesen auf die ihm drohende Landesverweisung, entgegnet er: „Was kümmert mich das! Aber Lorenzo mag wissen: er ist der erste Bürger des Staats, ich ein Fremder, ein armer Mönch, doch ich werde bleiben, und er davon gehen müssen.“

Die Rede erfüllte sich rasch, und wohl anders, als sie gemeint war. Lorenzo lag auf seinem Sterbebette, manche ungerechte That lastete auf seiner Seele, er schickte nach dem Prior des Marcusklosters, denn nie hab‘ er einen wahren Mönch gesehn als diesen, bei ihm sucht er das Wort der göttlichen Erbarmung. Savonarola setzte drei Bedingungen, unter denen er ihm die Vergebung seiner Sünden verkündigen dürfe. Vorerst, daß er einen lebendigen Glauben habe, Gott wolle ihm vergeben. Lorenzo antwortete: „Ich glaube also.“ Sodann, daß er alles ungerecht Erworbene wiedererstatte, seinen Kindern werde soviel übrig bleiben als Bürgern zieme. Nach einigem Bedenken sprach Lorenzo: „Auch das will ich thun.“ Zum letzten, daß er die Freiheit von Florenz und die volksthümliche Verfassung wiederherstelle. Da wandte sich Lorenzo ab, und der Mönch verließ ihn.

Nach Lorenzos Ableben erbte sein Erstgeborner, Pietro, seine Macht, aber nicht seine Weisheit, um unter den Formen der Freiheit den Staat zu regieren. Wenn Savonarola von dem Gerichte Gottes redete, das über Italien hereinbrechen werde, sprach er auch: „Das Schwert des Herrn kommt über die Erde und rasch!“ und von einem großen Könige, der über die Berge kommen werde, um die Tyrannen Italiens zu züchtigen und die Kirche mit dem Degen zu reformiren. Er hat noch in einer Zeit tiefen Friedens so gepredigt, im Sommer 1494 zog der König von Frankreich Karl VIII. mit einem mächtigen Heere über die Alpen, um Neapel als sein Erbe und die Oberherrschaft über Italien zu erobern. Indem diese neue Macht in Italien alles Bestehende in Ungewißheit stellte, erhob sich das Volk von Florenz und vertrieb seinen jungen Fürsten. An der Spitze einer Gesandtschaft an Karl VIII. begrüßte ihn Savonarola als den von Gott gesandten König um Italien und die Kirche zu erneuen. Er soll die Hochmüthigen von ihrem Stuhle stoßen und die Demüthigen erheben, aber im Dienste einer höhern Sache als einer bloß zeitlichen Eroberung Barmherzigkeit üben, insbesondre gegen Florenz, dann wird der ihm Sieg geben, der am Kreuzesstamme den Sieg für ihn errungen. Der König empfing den Mönch als seinen Propheten und überließ den Florentinern die Anordnung ihres Staats. Savonarola berief das Volk in den Dom, er sagt Großes von der Monarchie, aber die besondern Verhältnisse von Florenz fordern ein Volksregiment. Gott allein will der König sein von Florenz, wie er der König von Israel war, und zu Samuel sprach, als sie einen irdischen König wollten, hat dieses Volk denn mich verworfen? Bisher habe man geschwankt zwischen den Anmaßungen Einzelner und der Zügellosigkeit des Volks. Fortan solle der Staat gegründet werden auf Gottesfurcht und Gemeinsinn, ein Gottesstaat. In diesem Sinne wurde die Republik eingerichtet, die höchste Gewalt in der Volksversammlung der erbgeseßnen Bürgerschaft, aus ihr gingen durch Wahl und Loos die Behörden hervor im raschen Monatswechsel.

Savonarola mischte sich nicht in die Einzelheiten der Verwaltung, er verstehe das nicht, aber der Staat hing von seinen Rathschlägen ab. Auch seiner Gesinnung fernstehende Zeitgenossen sprechen mit Bewunderung von seiner sittlichen Macht, wie unrechtmäßiges Gut herausgegeben wurde, Todfeinde einander in die Arme fielen, und eine wunderbare Liebe des irdischen wie des überirdischen Vaterlandes die Menschen ergriff. Spiel und Tanz hatten ein Ende, auch auf dem Lande verstummten die Volks- und Liebeslieder, man hörte nur noch geistliche Gesänge. In der Fastnacht wurden allerlei weltliche Dinge, die jedermann freiwillig hergab, Karten, Würfel, Frauenschmuck, verführerische Bücher und Bilder, unter ihnen Werke von unschätzbarem Kunstwerth, im feierlichen Gepränge verbrannt.

Savonarola ward vom Propheten der Reformation zum Reformator, noch in streng katholischer Gesinnung. Er schärfte vielmehr die Klosterregel, und weil ihm die Prachtgebäude seines Klosters zu weltlich sind, auch die Menge der Eintretenden neue Räume fordert, legt er den Grund eines neuen Marcusklosters, das armselig werden soll wie der Stall zu Bethlehem. Was er allein gern hatte von den Gütern der Erde, Bücher und Bilder der Heiligen, das gab er weg. Aber wie Florenz ihm nur der Gottesheerd war, von welchem die heilige Flamme zur Wiedergeburt der Kirche ausgehn sollte, so mußte seine Strafpredigt gegen das entartete Priesterthum sich vor allem gegen die neue Babel richten, wo damals von allen heiligen Vätern, welche die Kirche gehabt hat, der Verworfenste regierte, Alexander VI. Savonarola schrieb auch an die Könige der abendländischen Christenheit, daß sie, statt das Greuel und Siechthum anzubeten, das auf dem erhabenen Stuhle Sanct Peters sitze, der kein Priester, ja nicht ein Christ sei und nicht an den allmächtigen Gott glaube, ein frei christlich Concilium versammeln sollten zur Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern; der König von Frankreich war nicht abgeneigt darauf einzugehen. Ein solcher Brief fiel in die Hand des Papstes, der hierauf im October 1496 ein Gebot erließ: Savonarola, der Zukünftiges verkündet und dadurch Zwietracht angestiftet habe, der ohne kirchliche Bestätigung behaupte, er fei von Gott gesandt und rede mit Gott, soll bis zum Ausgange der über ihn verhängten Untersuchung sich des Predigens enthalten, bei Strafe des Bannes.

Savonarola antwortete: daß Zukünftiges zu wissen nicht verboten sei, Gott rede mit wem er wolle, doch habe er sich nie für einen Propheten ausgegeben. Man möge anzeigen, worin er geirrt habe, und er wolle gehorsam der Kirche widerrufen. Aber der heilige Vater selbst möge nicht länger säumen das Heil seiner Seele zu bedenken. Eine Zeitlang hat er das Predigen eingestellt, dann hob er wieder an, denn die Kanzel war sein Thron. Bereits ist seine Macht bedroht. Die durch ihn verletzte weltliche Bildung und Freude war ergrimmt über das Narrenregiment des Mönchs. Die Anhänger des vertriebenen fürstlichen Hauses regten sich wieder. Alle Staaten Italiens hatten sich gegen Karl VIII. vereinigt und ihn über die Alpen zurückgeworfen, nur Florenz war noch durch seinen Propheten festgehalten an dem Bunde mit Frankreich, zum Aergerniß von ganz Italien. Die Franciscaner in Florenz hielten den von ihnen beneideten Dominicanern vor: ein Kriegsmann Gottes flicht sich nicht in weltliche Händel. Als der Papst vom Schwanken der Volksgunst hörte, schnitt er Savonarola ab vom Stamme der Kirche als ein verdorrtes Glied wegen hartnäckigen Ungehorsams und der Ketzerei verdächtig. Dieser erklärte ungerechten Bann für nichtig, vom irdischen Papste will er zum himmlischen sich wenden, d. h. zu Christo. Seinem irdischen Untergange sieht er entgegen. „Denn der Meister, der den Hammer führt, wenn er ihn gebraucht hat, wirft er ihn weg. So that er mit Jeremias, den er am Ende seiner Predigt steinigen ließ. Aber Mm wird dieses Feuer nicht löschen, und wird dieses gelöscht, so wird Gott ein andres anzünden, und es ist schon angezündet, nur daß sie es nicht wissen.“ Gerade die religiös aufgeregte Bevölkerung war jetzt genöthigt sich zu entscheiden zwischen ihrem Propheten und dem immer noch großen Ansehn der alten Kirchengewalt, welche allen Gottesdienst in Florenz stille zu legen drohte, wenn es nicht von dem Gebannten lasse.

Als die Menge noch hin und her schwankte, erbot sich ein Franciscaner gegen Savonarola zur Feuerprobe, zwar er werde dabei umkommen, doch auch sein Gegner, wenn sich nicht die Wahrheit seiner Weissagung durch ein Wunder erweise. Dieser nannte das Gott versuchen. Aber so oft vordem hat er gläubig versichert, wenn es nöthig sei, werde Gott auch durch ein Wunder die Wahrheit seiner Sache bekräftigen und ihn unversehrt selbst mitten durch’s Feuer führen, als daß er sich jetzt dem Drängen der Seinen entziehn konnte, denn seine Ordensbrüder, auch Frauen und Jungfrauen in Menge wollten die Probe für ihn bestehn. So wurde das Gottesurtheil beschlossen, das zwei Mönche beider Orden, die sich dazu erboten, wider einander bestehn sollten. Nach dem gerichtlich aufgesetzten Vertrage wollte der Dominicaner durch seine wunderbare Erhaltung diese Artikel erweisen: die Kirche bedarf einer Reformation; sie wird heimgesucht werden und nach der großen Heimsuchung wieder grünen; die Ungläubigen werden zum Evangelium bekehrt werden; Florenz wird heimgesucht werden und nach der Heimsuchung wieder blühen; dieses alles wird in unsern Tagen geschehn; der Bann wider Savonarola ist ungültig, die ihn nicht beachten sündigen nicht. Die beiden Gotteskämpfer sollten hart hinter einander einen engen Weg durch zwei brennende Scheiterhaufen gehn. Als die Stunde kam, erwartete das Volk in ungeheurer Spannung den Ausgang. Mochten beide Parteien sich vor dem Feuer fürchten, oder die Franciscaner auf diesen Erfolg gerechnet haben, über die Art, wie die Kämpfer durch die Flammen gehen sollten, in welcher Ordenskutte wegen etwanigen Schutzes durch Zaubermittel, ob mit dem Crucifixe, ob mit dem Leibe des Herrn? darüber wurden von beiden Seiten so viele Schwierigkeiten erhoben, daß über dem Gezänk Stunde für Stunde hinging, endlich am Abende kam ein Platzregen und die Staatsregierung gebot beiden Theilen nach Hause zu ziehn. Die ganze Last der getäuschten Erwartung des Volks, das sich um ein Wunder oder um ein furchtbares Schauspiel gebracht sah, fiel auf die Partei Savonarolas, denn nur sie hatte Wunderbares zu vertreten. An diesem Tage verließ das Volk seinen Propheten. Er wurde schon auf dem Heimwege verhöhnt, in der folgenden Nacht, am Palmensonntage, die Marcuskirche überfallen, Savonarola verhaftet, und seine Todfeinde bemächtigten sich der Regierung. Seine Geständnisse wurden öffentlich verlesen, nach denen seine Weissagung nicht aus göttlicher Eingebung, sondern aus Gründen der Vernunft und heiligen Schrift geschöpft, Ruhm vor der Welt und Herrschermacht sein einziger Zweck gewesen sei. Er war siebenmal während der heiligen Woche auf die Folter gespannt worden, und als er die Geständnisse als erzwungen zurücknehmen wollte, mit fortgesetzter Qual bedroht.

Die letzte Entscheidung wurde noch verzögert, weil der Papst eine Untersuchungscommission schicken wollte. Im Gefängnisse schrieb Savonarola eine Auslegung des 51. Psalms. Es ist die Stimme eines geängsteten Herzens, das seine mächtige Vergangenheit des Hochmuths beschuldigend zu Gott schreit, und die allgemeine Schuld der Menschheit mitfühlend im Gekreuzigten den Frieden findet. Luther, der dieses Büchlein von neuem in Druck gegeben hat, schrieb dazu: „das ist ein Exempel der evangelischen Lehre und christlichen Frömmigkeit. Denn hie siehst du ihn einhertreten nicht als einen Predigermönch im Vertrauen auf sein Gelübde, Mönchskutte, Messen und die guten Werke seines Ordens, sondern im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit als einen gemeinen Christen.“

Der päpstliche Bevollmächtigte verurtheilte Savonarola wegen Ketzerei, das weltliche Gericht nur im allgemeinen wegen erwiesener Schandthaten, mit ihm zwei seiner vertrauten Mönche. Als ihr Todesmorgen kam, der 23. Mai 1498, der Tag vor Himmelfahrt, hat er ihnen und sich selbst das heilige Abendmahl gereicht. Er gebot ihnen schweigend zu sterben, wie Christus, der weit unschuldiger gewesen, sich als ein Lamm zur Schlachtbank führen ließ und seinen Mund nicht aufthat. Von sich hat er nur gesagt: „Mein Herr hat für meine Sünden sterben wollen, wie sollte ich nicht willig das arme Leben lassen für ihn.“ Er wurde in Mitten seiner beiden Todesgenossen gehängt, der Leib am Galgen verbrannt, die Asche in den Arno geworfen.

Die Spuren seiner Wirksamkeit sind früh verloschen. Dieses Vergebliche lag nicht bloß in seiner Vermischung von Reformation und Revolution, nicht zu früh gekommen, war er doch nach seiner Bestimmung bloß ein Vorläufer und ein Opfer. Sein Gedächtniß ist den Florentinern und seinem Orden heilig geblieben. Luther schrieb in jener Vorrede: „Der damalige Antichrist durfte sich Hoffnung machen das Andenken dieses so großen Mannes würde verlöschen, auch unter dem Fluch sein; aber siehe er lebt und sein Gedächtniß ist ein Segen. Christus spricht ihn heilig durch uns, sollten gleich die Päpste und Papisten mit einander darüber zerbersten.“

  1. Hase in Jena.

Die Zeugen der Wahrheit
Dritter Band
Piper, Ferdinand (Herausgeber)
Verlag von Bernhard Tauchnitz
Leipzig 1874