Jakob Weber von Oberesslingen und Ulrich Heußer

Eine der köstlichsten Früchte von Brastbergers Arbeit war der zwar äußerlich sehr arme, aber in den Kreisen der Gläubigen später hochgeschätzte Weingärtner Jakob Weber von Oberesslingen, gewöhnlich nur „Weberjakoble“ genannt. Derselbe war schon 38 Jahre alt, als Brastberger nach Oberesslingen kam und sein erweckliches Zeugnis in dieser Gemeinde erschallen ließ. Der Weberjakoble wurde ergriffen, suchte den Heiland und fand ihn. Doch führte ihn der Herr, wenigstens dem Äußeren nach, sein Leben lang unten durch, ließ ihn aber daneben auch seine Freundlichkeit treulich erfahren.

 

So hatte Jakoble einmal in teurer Zeit nichts mehr als ein halbes Simri<mfn>Historisches Maß: Ein in Württemberg und anderen oberdeutschen Regionen übliches Getreidemaß (Sümmer). Es umfasst ca. 22 Liter</mfn> Ackerbohnen, um sich, sein Weib und 5 Kinder zu ernähren. Irgendjemand um Hilfe ansprechen wollte er nicht, da jedes für sich selber zu sorgen hatte. So ging er mit seinen wenigen Bohnen zur Mühle, um sie mahlen zu lassen. Dort traf er seinen Schultheiß an, der ein ansehnliches Quantum von Früchten mahlen ließ. „Was willst denn du in der Mühle tun?“ fragte derselbe. „Ich habe da ein halbes Simri Ackerbohnen, die will ich mahlen lassen,“ antwortete Jakoble. „Aber könnt ihr denn dieses Bohnenmehl so allein essen?“ „Mein Weib weiß es schon so zu machen, dass die raue Speise doch genießbar wird.“ Darüber ward dem sonst geizigen Schultheiß das Herz so weich, dass er sagte: „Geh zum Müller und sage ihm, er solle dir zwei Simri Kerne geben, ich wills bezahlen.“ Das geschah zur großen Verwunderung des Jakob, welcher äußerte, er werde es dem Schultheißen noch in der Ewigkeit danken. Ein andermal, da wieder alles aufgegessen war, sagte ihm seine Frau: „Jakoble, was soll ich machen? es ist Essenszeit und ich habe nichts zu kochen.“ Er gibt zur Antwort: „Mach nur Feuer und hänge Wasser drüber!“ Sie tuts und kommt nach einer Viertelstunde mit den Worten: „Das Wasser siedet, was soll ich weiter tun?“ „Leg nur noch mehr Holz zu!“ Sie gehorcht wieder; es war halb 12 Uhr. Da kommt ein Weib von Strümpfelbach übers Gebirge herüber; sie trägt eine Schüssel voll Mehl und einen Laib Brot im Korb und spricht, man habe ihr gesagt, hier wohne ein Weber, und sie bringe nun Garn zum Weben, mit den Lebensmitteln aber wollte sie nach damaliger Sitte einen Teil des Weberlohnes abbezahlen. Das war nun freilich ein Missverständnis, denn der Jakoble hieß zwar Weber, war aber ein Weingärtner. Wie nun ein Wort das andere gab und die Frau hörte, wie arm diese Leute seien, da dachte sie, sie sei mit ihrem Mehl und Brot doch am rechten Ort und ließ beides der hungernden Familie zurück. So war denn das Feuer nicht vergeblich gemacht.

 

Die Not nahm indes bei dem armen Jakoble nicht ab, sondern zu; zuletzt wurde sein Weib blind und nun kam das Feuermachen an ihn. Oft hatte er kein Holz oder nur grünes, da musste er oft lange blasen, bis das Feuer zustand kam. Er tröstete sich aber zwischen das Blasen hinein, indem er zu sich selber sagte: „Jakoble, verzürn‘ de net!“ Das Ende war, dass er zuletzt froh sein musste, in das Armenhaus der Gemeinde aufgenommen zu werden. Der Herr aber, der ihn kannte, wusste ihn auch im Armenhaus zu ehren.

 

Wenn auch seine Mitbürger ihn gering achteten, so kamen dagegen Auswärtige, welche ihn wegen seines Glaubens hochschätzten. So sagte einmal ein vornehmer Staatsbeamter in Stuttgart zu seinem Freunde: „Ich gehe heute Nachmittag nach Oberesslingen.“ Der andere entgegnete: „Ich begleite Sie!“ Wie verwundert ist aber dieser, als sie an Ort und Stelle angekommen waren und der Vornehme sich von ihm trennte mit den Worten: „Der Mann, den ich hier besuchen will, wohnt dort im Bettelhaus.“

 

Durch Weberjakoble wurde Brastbergers Samen auch in das benachbarte Fellbach verpflanzt und so der Grund gelegt zu der später so blühenden dortigen Gemeinschaft. Er musste nämlich einst mit einigen Bürgern seines Orts bei einer Jagd des Herzogs Karl in dem naheliegenden Forst Frondienste leisten. Das Jagen dauerte mehrere Tage und die Jagdpflichtigen durften des Nachts nicht wieder nach Haus, sondern wurden in den umliegenden Orten einquartiert. Da kamen Leute aus der ganzen Umgegend zusammen. In dem Quartier, in welchem der Weberjakoble lag, waren diesmal auch mehrere Männer von Fellbach, darunter ein Ulrich Heußer. In Fellbach sah es damals sehr finster aus, Heußer aber hatte ein offenes Herz für die Wahrheit. Als nun der Weberjakoble nach seiner Gewohnheit das Neue Testament aus der Tasche zog, daraus vorlas und über das Gelesene sprach, bekam Heußer einen so tiefen Eindruck, dass er von da an öfters sich nach Oberesslingen begab, um teils bei Brastberger teils bei Weber noch mehr dergleichen zu hören. Bald schlossen sich noch 2 oder 3 Männer an Heußer an und gingen mit ihm nach Oberesslingen hinüber. Endlich gab ihnen der Weberjakoble den Rat, Ulrich solle seine Nachbarn in sein Haus einladen und das Gottes-Wort mit ihnen treiben. Das geschah und so wurde der Grund gelegt zu den Erbauungsstunden in Fellbach, welche seitdem über 100 Jahre in seltener Zahl und Ordnung fortgedauert haben.

 

Heußer war wie der Weberjakoble ein unvermöglicher und darum wenig geachteter Mann. Indessen bekannte sich der Herr zu ihm in leiblichen und geistlichen Anliegen. Einmal mangelte es ihm an Lebensmitteln. Da entschloss er sich zu einem reichen Mann des Dorfes zu gehen, um ein paar Scheffel Dinkel auf Borg zu kaufen. Der reiche Bauer sagte, er habe keinen Dinkel. Heußer fasste sich im Glauben und sagte: „So! nun so bin ich eben noch nicht im rechten Hause gewesen“ und ging die Treppe hinab. Aber ehe er ganz unten war, rief ihm der Bauer nach: „Kommt nur herauf, ich will Euch den Dinkel geben, weil Ihr sagt, Ihr seid nicht im rechten Haus gewesen.“ So war geholfen. Auch hinsichtlich der Erbauungsstunde, welche er angefangen hatte, durfte er den Beistand und die Mitwirkung Gottes erfahren. Zuerst waren es nur zwei oder drei Männer, welche sich an ihn anschlossen und mit ihm aus dem Worte Gottes, aus Arnds wahrem Christentum und, als sie Brastbergers mündliches Zeugnis nicht mehr hören konnten, aus seinen gedruckten Predigten sich erbauten.

 

Bald sandte ihnen der Herr sehr erwünschte Hilfe durch den edlen Christian Friedrich Sack, welcher 1758 als Pfarrer nach Fellbach kam. Er war ein feiner Mann, der alles für Schaden und Kot achtete gegen der überschwänglichen Erkenntnis Jesu Christi. Wie er selber vergnügt in Gott war, so hätte er gerne die Seelen, die ihm vertraut waren, zur rechten Freude an Gott, zur Lust an den himmlischen Dingen erweckt. Aber es gab viele Hindernisse, Widrigkeit, Feindschaft und Schmach. Nur wenige ließen sich das innere Ohr öffnen und das Herz für den Heiland gewinnen. Desto willkommener war sein Zeugnis dem kleinen Häuflein. Er durfte aber nur 4 Jahre in Fellbach wirken. Im Jahr 1762 erkrankte er und ehe man sichs versah, war sein Ende da. Weinend standen die Seinigen um sein Sterbebett her; da tat er noch einmal den Mund auf und sagte: „Man muss stille sein, wenn man den göttlichen Trost empfinden will.“ Der mit dem Verstorbenen eng verbundene Waisenpfarrer Seiz von Stuttgart hielt ihm die Leichenpredigt, indem er an jenes letzte Wort des Seligen anknüpfte.

 

Unter anderem sagte er: „Es ist freilich etwas Unaussprechliches, was ein Menschenherz erfahren kann, wann es auf Gott Achtung gibt, wann es vor Gott stille ist, wann es sich bei Tage oder bei Nacht hinstellt vor die Allgegenwart Gottes und tut, wie wenn es und Gott allein bei einander wären. Da tröstet einen Gott. Denn aller Menschentrost ist nichts gegen dem, wann uns Gott aufdeckt, wie Er es meint. Da wird Tod zum Leben, Traurigkeit zur Freude; wann man sich vor Ihn hinstellt und ihn fragt: „lieber himmlischer Vater, wie meinst du es?“ Aber stille muss man sein, fragen muss man, da wird man getröstet.“

 

Die ganze Predigt war so lieblich und eindringlich, dass es den Brüdern in Fellbach bald eine ausgemachte Sache war, Seiz sollte Sacks Nachfolger werden. Sie gingen zu ihm und der Herr sagte Ja zu ihren Gedanken.

 

Seiz wurde Pfarrer in Fellbach und fing mit großem Ernst und herzlicher Liebe alsbald an, den Samen der Wahrheit auszustreuen, musste jedoch gleich auch den Hass der Feinde der Wahrheit erfahren. Aber schon nach ein paar Wochen, nur 2 Tage nach seiner Einsegnung, erkrankte er und nach wenigen Tagen versetzte ihn sein himmlischer Meister in die obere Gemeinde. Die zwei so kurz nach einander stattfindenden Todesfälle hinterließen in der Gemeinde doch einen tiefen Eindruck. Das kräftige Wort dieser Zeugen, ihr Gebet, ihre Tränen, ihr Glaubenssieg im Sterben brachten hintennach noch Frucht. Das Häuflein der Gläubigen nahm zu, äußerlich und innerlich. Es fehlte auch ferner nicht an Umständen, welche dazu helfen konnten.

 

Im Herbst 1765, also nur 3 Jahre nach Seizens Tod, verlor Ulrich Heußers 18jährige fromme Tochter, als sie in einer Sandgrube arbeitete, das Leben durch eine herabstürzende Sandmasse. Das war ein harter Schlag für den Vater. Noch in demselben Jahr kam über die ganze Gemeinde eine pestartige Seuche, welche im Winter 1766 eine ganze Reihe von Männern und Weibern in den besten Jahren wegraffte. Der Schrecken war groß und dauerte ein ganzes Jahr.

 

Bald da, bald dort starb eins unversehens dahin. In einer Gasse starben so viele Menschen weg, dass der Weg durch dieselbe, mitten in dem stark bevölkerten Ort, mit Gras überwachsen wurde, weil niemand mehr dort wandelte oder fuhr. Während dieser Schreckenszeit konnten die früher gesäten Saatkörner in manchen Herzen aufgehen. In den Häusern zwar konnte das kleine Häuflein damals nicht so leicht zusammenkommen. Aber dafür stellten Männer und Weiber des Abends Stühle und Bänke vor die Häuser auf die offene Straße, sangen geistliche Lieder und stärkten sich also im Glauben. Beim Auseinandergehen reichten sie sich die Hände zum Abschied und verbanden sich also nochmals für die Ewigkeit; „denn, sagten sie, wir wissen ja nicht, ob wir uns in diesem Leben noch einmal sehen.“ Im Jahr 1771 kam Teuerung, in welcher die Not unter den Armen überaus groß wurde und Wurzeln, Grasblümleinsstöcklein, Wegewarten, junge Brennnesseln u. dergl. ihnen als Nahrung dienen mussten. In den ersten Jahrzehnten nach Gründung der Gemeinschaft hatten sich nur arme und geringe Leute an dieselbe angeschlossen; sie hielten aber nun in dieser Notzeit fest zusammen, und erwiesen einander brüderliche Liebe mit der Tat; sie halfen einander mit dem Wenigen, das sie hatten, in aller Treue.

 

Nach Heußers Heimgang 1774 fingen in Fellbach neue Erweckungen an. Seine Kinder bewahrten den Sinn des Vaters und andere Jünglinge gaben dem Geiste Gottes Raum. Es wuchs ein junges Geschlecht nach, das an Entschiedenheit und Ernst im Christentum den Vätern nicht nachstund. Tersteegens Blumengärtlein und Kempis Nachfolge Christi waren die Bücher, an welche sich die Neuerweckten hielten und welche sie sich so recht zu eigen machten. Die Alten gingen mit einem musterhaften Wandel voran und die Jungen folgten mit frischer Munterkeit nach. So erbaute sich eine treffliche, festgeschlossene Gemeinschaft, von alten, mittleren und jungen Brüdern und Schwestern, die einander immer tiefer in den Ernst hineintrieben. Die Welt tat das ihrige auch dazu, um sie im Feuer zu erhalten. Denn die Erweckten waren verachtet und erfuhren allerlei Schmach und Verfolgung. Darunter schlossen sie sich aber nur umso fester an einander an; und wenn sie abends beisammen waren, so gingen sie nicht auseinander, ohne vorher auf ihre Kniee zu fallen und den Herrn um seine Bewahrung zu bitten. Kamen sie dann unbeschimpft und ungeschlagen nach Hause, so dankten sie Gott dafür.

 

Da der Feind der Seelen den Erweckten durch die Anläufe der groben Welt nichts anhaben konnte, so versuchte er es von einer andern Seite her. Es traten nämlich in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts allerlei Geister in Württemberg auf, auch separatistisch gesinnte, welche unter dem Scheine hoher Geistlichkeit und gänzlicher Weltentäußerung einhergingen und sonderlich die neuerweckten jungen Leute an sich zogen. Unter ihnen ragte der Weber G. Rapp von Iptingen besonders hervor. Er kam auch nach Fellbach. Die Brüder daselbst merkten aber an seinem prahlerischen Wesen bald, dass hier ein hoher Geist im Spiel sei, und ließen sich nicht näher mit ihm ein. Sie hielten sich, wenn sie gleich an der Kirche und den Geistlichen, auch an ihrem eigenen Pfarrer, manches auszusehen hatten und ihre Nahrung vielleicht auswärts suchen mussten, in der Regel eben doch lieber an Männer, wie Prälat Ötinger oder Pfarrer Flattich, als an die Separatisten. Später wurde dem separatistischen Element in Fellbach der Todesstoß versetzt durch den geisteskräftigen Johannes Schnaitmann (gest. 1847), welcher in den 90er Jahren erweckt wurde und im Laufe der Zeit an die Spitze der Fellbacher Gemeinschaft trat. Durch ihn besonders kam letztere in Verbindung mit Michael Hahn, dessen Richtung schließlich unter den Gläubigen Fellbachs die herrschende geworden ist.

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