Die Gattin des Apostels Petrus.

Wie Maria, die Mutter des Herrn, die schmerzensreiche Zeugin des Kreuzestodes ihres geliebten Sohnes sein mußte, und damit in vollem Maße das weissagende Wort des alten Simeon an ihr erfüllt wurde: „Es wird ein Schwert durch deine Seele dringen“, so mußten von Anfang an auch die Frauen der Diener Jesu es erfahren, daß auch sie treffe Sein Wort: „der Jünger ist nicht über den Meister, haben sie Mich verfolget, so werden sie auch Euch verfolgen.“ „Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir!“ Unter den neutestamentlichen Priesterfrauen soll nach der Erzählung des Kirchenvaters Clemens Alexandrinus die Gattin des Apostels Petrus eine Tochter des Aristobulus, des Bruders Barnabä, eine der ersten gewesen sein, welche den Märtyrertod starb. Denn da sie den Apostel auf seinen Missionsreisen begleitet (1 Kor. 9,5.) hatte, so ward sie noch vor ihm gefangen, eingezogen und zum Tode geführt; Petrus selbst aber soll sie auf diesem Gange getröstet und ihr zugerufen haben: Gedenke des HErrn, vergiß Seiner nimmermehr.“

Die Gattin des Bartholomäus Bertlin.

Bartholomäus Bertlin, Reformator in dem Gebiet der schwäbischen Reichsstadt Memmingen, hatte, nachdem Kaiser Karl V. auf dem Reichstage zu Regensburg das sogenannte Interim (eine die katholischen und lutherischen Religionsgebräuche vermischende Kirchenordnung) erlassen hatte, welches so lange gelten sollte, bis eine allgemeine Kirchenversammlung über die Reformation entschieden haben würde, seine Landpfarrei verlassen und sich in die Stadt zurückziehen müssen, wo er unter viel Gefahr und Noth noch drei Jahre lang fortfuhr, das lautere Evangelium zu verkündigen. Endlich aber kam der Kaiser 1551 auf den Reichstag nach Augsburg, und berief die Geistlichen der Umgegend, welche sich dem Interim nicht hatten fügen wollen, vor sich. Da hatten sie denn das Aeußerste zu gewarten, wofern sie bei ihrem Glauben standhaft blieben, und in den Herzen der Wankelmüthigen konnte leicht der Gedanke aufsteigen: sollte man nicht, um sich selbst Ruhe zu verschaffen, und um Weib und Kind zu erhalten, der Nothwendigkeit sich fügen, in der Hoffnung, vielleicht dürfe man bald wieder mit mehr Freiheit seines Glaubens leben? Wie nun, wenn Weib und Kind dem Gatten und Vater das Herz schwer gemacht, und durch Bitten und Thränen den wankenden Glauben noch mehr erschüttert hätten? Doch nicht also die edelmüthige Ehefrau des Bartholomäus Bertlin, welche die dreijährige Noth um des Evangeliums willen keineswegs zaghaft gemacht hatte. Denn als Bertlin von ihr sich verabschiedete, um nach Augsburg zu ziehen, wohin er berufen war, rief sie ihm noch nach: „Lebe wohl, herzlich geliebter Mann! und hüte dich, daß du nicht um meiner und um unserer Kinder willen der Wahrheit, für die du zum Zeugen berufen bist, das mindeste vergibst“ und Bertlin blieb vor dem Kaiser dieses Wortes eingedenk.

Ein ganzes Jahr irrte er unstät und flüchtig umher, unter Sonnenschein und Regen, bei Hitze und Kälte, und ertrug gelassen jedes Ungemach eines Heimathlosen. Sein Trost aber war die Verheißung Christi: „Selig seid ihr, so euch die Menschen hassen und euch absondern und schelten euch und verwerfen euren Namen als einen boshaftigen um des Menschensohnes willen. Freuet euch alsdann und hüpfet, euer Lohn ist groß im Himmel,“ und das Wort Cyprians: „der ist kein Verbannter, der Christum in sich hat; denn des HErrn ist die Erde und alles was darinnen ist.“ Früher als man erwartete, nahm seine Prüfung ein Ende, er fand etwa nach Jahresfrist eine Anstellung in einem Spitale zu Augsburg und erlangte es hier nach einiger Zeit, daß er, seines Eides wieder entbunden, zu den Seinigen nach Memmingen zurückehren durfte. Hier ward er mit dem freudigsten Jubel empfangen, und setzte von nun an ungestört sein evangelisches Predigtamt mit erneuertem Eifer fort.

William Wilberforce

William Wilberforce ist der Name eines der größten Männer unserer Zeit, eines in allen Verhältnissen des Lebens bewährten Gottes-Menschen, in dem das Christenthum Fleisch und Blut geworden ist, und seine läuternde, allseitig belebende und weltüberwindende Kraft zum Segen für Millionen bewiesen hat.

Er wurde den 24. August 1759 zu Hull in England geboren als der einzige Sohn eines begüterten Kaufmanns. Schwächlichen Körpers, aber wie sich bald zeigte kräftigen Geistes und liebevollen Sinnes war der schon 1768 vaterlos gewordene Knabe, der nun im Hause gottseliger Verwandten die ersten tiefern Eindrücke vom Worte Gottes und von der Liebe zum Herrn erhielt. Die Mutter, der religiösen Richtung dieses Hauses gram, rief ihn nach Hull zurück und suchte in den Zerstreuungen des Lebens den durch große gesellige Gaben ausgezeichneten Sohn von jenen Einflüssen zu heilen. War das nun freilich an sich ein verzweifelter Heilversuch, so verdankte Wilberforce demselben doch die Bewahrung vor sektenhafter Ausschließlichkeit und seine Erhaltung in der kirchlichen Gemeinschaft, in der er später so Großes zum Heile seines Volkes und der Menschheit thun sollte. Indessen hatte in jenem christlichen Verwandten-kreise ihm ein solcher Ernst der Besinnung sich eingeprägt, daß die Versuchungen der Welt und der Jugend keine zu große Macht an ihm finden konnten. Wie eine Ahnung seines Lebensberufes erscheint es, daß der fünfzehnjährige Schüler bereits dem Herausgeber einer Zeitschrift einen Aufsatz gegen den empörenden Sklavenhandel einsandte.

Siebzehn Jahre alt bezog er wohlausgerüstet mit innern und äußern Gaben, namentlich mit einer großen Anlage für Sprache und Rede, dem Werkzeuge seiner künftigen Thaten, die hohe Schule zu Cambridge. Die Gesellschaft der Schlechten stieß er bald zurück; dafür machte die Lebhaftigkeit seines Geistes, die Freundlichkeit seines Wesens und sein bedeutendes Vermögen ihn bald zum Mittelpunkte eines größern Kreises, in dem er zwar vor Ausschweifungen bewahrt blieb, aber auch zu seinem spätern Bedauern von fleißigem Lernen und streng geordneter Thätigkeit abgezogen wurde. Ein Zeichen seiner Gewissenhaftigkeit ist es, daß er beim Abgang von der hohen Schule lieber auf eine Ehrenauszeichnung derselben verzichten als leichtsinnig die Glaubensartikel seiner Kirche unterschreiben wollte, die er damals noch nicht mit seiner Ueberzeugung vereinigen konnte.

Entschlossen, sich dem öffentlichen Leben zu widmen, bewarb er sich in seiner Vaterstadt um die Wahl zum Parlamentsmitgliede. Der zwei und zwanzigjährige Wilberforce siegte und nahm als Redner im Unterhause wie als Mann der Gesellschaft bald eine hervorragende Stelle ein. Mit Pitt, dem großen Staatsmanne und Minister verband ihn die innigste Freundschaft, andere würdige Männer fühlten sich zu ihm hingezogen, die öffentlichen Blätter waren voll des unbedingten Lobes für ihn. Bei einer Parlamentsauflösung wurde er trotz den reichsten und mächtigsten Gegnern zum Vertreter von Yorkshire, der größten Grafschaft Englands gewählt. So schnell stieg er auf die Höhe seines Glückes. Welche Versuchungen des Ehrgeizes für einen solchen und so jungen Mann! Aber Gott hatte in dem, den er zu seinem Rüstzeuge ersehen, eine große Kraft der Selbstbeherrschung angelegt: Wilberforce vereinigte sich mit etwa 40 Mitgliedern des Unterhauses zu dem Gelöbnis, nie von der Regierung eine Stelle, nie einen Jahrgehalt, nie eine Erhebung in den Adelstand anzunehmen. Von den 40 blieb nur er und ein Freund dem Gelübde treu lebenslang ein unabhängiger Mann, zufrieden, nichts zu sein, als Wilhelm Wilberforce.

Doch nein, er sollte nicht damit zufrieden sein; Gott hatte ihm noch einen andern Namen zuvor versehen. Unabhängig und frei von Menschen sein, ist etwas Großes, aber nur wen der Sohn frei macht, der ist recht frei; nur ein Knecht Gottes wird kein Menschenknecht werden; nur ein Gefreiter Christi wird auch seinen Brüdern die Freiheit bringen können. Dazu war er berufen. So ließ der Geist des Herrn seinen innern Ruf und stillen Zug an den in geselligen und politischen Kreisen hoch Gefeierten ergehen Aus dem Getriebe der großen Stadt trieb er ihn in das einsame Landleben zur Selbstbetrachtung und zu sein selbst Besserung. Wilberforce wich dem lieben Gott nicht aus, selbst seinen Freund Pitt wußte er an einem Sonntage zum Besuche des Gotteshauses zu überreden. Auf eine Reise nach Italien (1784) suchte er sich einen christlichen Reisegefährten, freilich einen, der das Ansehen eines Weltmanns hätte und in seinen Ansichten nicht zu weit ginge. Wider sein Wissen und Wollen ließ Gott in dem erwählten Gefährten ihn einen Ananias finden (Apostelg. 9,10 ff.). Durch die Unterredungen mit ihm und durch das mit ihm gelesene Buch von Dodbridge über den Ursprung und Fortgang der Religion ward Wilberforce bewogen, es zu machen wie die zu Beroer (Apostelg. 17, 11.). Um recht zu forschen, ob sichs also verhielte, ward auf einer neuen Reise das Neue Testament in der Ursprache gelesen. Wilberforce wurde immer nachdenklicher, sein natürlicher Wahrheitssinn wurde von der Wahrheit in Christo ergriffen, sein Gewissen sagte ihm mitten unter den Genüssen der Welt, daß er kein Christ sei, weil er das Heil seiner Seele vernachlässige und daß es schrecklich sei, aus solchem Weltleben heraus in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Er begann zu beten, er fühlte die tiefe Sündhaftigkeit des menschlichen Herzens, er klagte sich seiner Undankbarkeit, seines ungerechten Haushaltens mit Gottes Gaben an: es kämpfte in ihm auf Leben und Tod. Mit wachsendem Eifer las er die heilige Schrift und andere geistliche Bücher, regelmäßig besuchte er die Kirche, ein Hausgottesdienst wurde eingerichtet. Immer genauere Selbstprüfung zeigte ihm sofort dicht neben den Gefahren des natürlichen Hochmuthes die des geistlichen. Seine Freunde konnten nicht begreifen, wie ein Mann bei so fleckenreinem Wandel sich solcher Sündhaftigkeit anklagen könne; etliche meinten, er werde sich noch ganz von der Welt zurückziehen, andere dachten, das gesellige Leben werde ihn bald wieder von seiner Schwermüthigkeit heilen, noch andere hatten ihren Spott über den „Pietisten.“

Aber Wilberforce blieb treu dem, der ihn berufen, treu seiner Kirche, treu seinem Amte in der Welt auf die Welt zu wirken als einer, der nicht von der Welt ist. Christlichen Freunden sich enger anschließend versäumte er die Gesellschaft nicht, im Worte Gottes seine Haupterkenntnis suchend strebte er auch nach Nahrung des für seinen Beruf in der Welt nöthigen weltlichen Wissens, dem öffentlichen Staatsleben sich mit aller Kraft widmend suchte er zugleich das geistliche Wohl seiner Brüder zu fördern. Johann Wesley weckte damals die niedern Stande Englands geistlich auf.

Wilberforce, aus den Schatten des Todes zum Lichte geboren, sollte auch ein Werkzeug werden zu ähnlicher Wirkung auf die obern Stände, in deren Mitte er lebte. Gewaffnet mit Wahrheit in Liebe trat er persönlich im geselligen Umgange der Lüge und der Entweihung des Heiligen entgegen. Es gelang ihm (1787) einen Verein gegen die Ausbreitung der Sittenlosigkeit zu gründen und einen königlichen Aufruf an die obersten Landesbehörden zu veranlassen, wonach letztere die bestehenden Gesetze gegen Entheiligung des Ruhetages, gegen Trunkenheit und unsittliche Schriften in Ausübung bringen sollten. Alle Bischöfe des Landes und alle Mitglieder des Ober- und Unterhauses vereinigten sich dazu. Dieser segensreiche Verein war ein erster Anfang der nachherigen Vereinsthätigkeit in England zur Förderung des Reiches Gottes. Später legte Wilberforce (1803) selbst Hand mit an zur Gründung der großen britischen Bibelgesellschaft. Alle Missionsgesellschaften fanden an ihm einen einflußreichen Fürsprecher bei der Regierung. Jahrzehnte lang setzte er seine Bemühungen fort, bis endlich die Sendung von Geistlichen und Schullehrern in die ostindischen Besitzungen genehmigt wurde. Als ein treuer Freund der Armen trug er allenthalben zur Linderung der Noth mit vollen Händen bei, und eingedenk des Wortes seines Erlösers war es ihm eine Lust, persönlich die Gefangenen in den Kerkern, die Kranken in den Spitälern zu besuchen. Seit dazu fand er trotz der ungeheuern Geschäftslast, die ihm die Vertretung der größten Grafschaft und die verschiedensten Ansprüche seiner Wähler an ihn auflegten; er fand sie, weil er ein Christ war. Seinem Auge entging auch das nachwachsende Geschlecht nicht, für Schulen und Sonntagsschulen sorgte seine reiche milde Hand namentlich im Vereine mit dem reichen weiten Herzen der edeln Schriftstellerin Hanna More. Zu der Zeit, als sie von ihm schrieb: „das Wesen dieses jungen Mannes ist das außerordentlichste unter allen, die ich kenne, was Anlagen, Tüchtigkeit und Frömmigkeit betrifft“ schrieb er in sein Tagebuch nach ernstlichster Selbstprüfung: „Vor Allem steht es schlecht um mein Herz.“ … Theils zur eigenen Förderung, theils zu einem Segen für seine Standesgenossen suchte er auch mit der Feder zu wirken. Fast acht Jahre lang arbeitete er in den wenigen Freistunden, die ihm sein schweres Amt oder sein jährlich nothwendiger Aufenthalt im Bade ließ, an einem Buche, worin er der reichen und vornehmen Welt zeigen wollte den mächtigen Unterschied zwischen denen, die fast und denen, die ganz Christen seien. Es erschien 1797 unter dem Titel: Praktische Uebersicht des vorherrschenden religiösen Lehrbegriffes der Bekenner des Christenthums in den höhern und mittlern Ständen dieses Landes, verglichen mit dem wahren Christenthum.“ Sünde und Gnade, die Grundpfeiler der christlichen Lehre, Glaube in Liebe thätig, ganz dem Herrn dienen oder gar nicht das war der Inhalt. Seine Freunde hatten ihm ängstlich abgerathen, kaum wollte sich ein Buchhändler finden, aber das Buch war Geist und Leben, aus eigenster Erfahrung eines Mannes geflossen, der entschlossen war, durch den heiligen Geist im Glauben zu leben und eifrig und andächtig und demüthig fortzuschreiten, indem er nur trachtete, Gott zu ehren und seinen Nebenmenschen wohlzuthun, so war es in wenig Tagen vergriffen, erforderte in einem halben Jahre fünf Auflagen, erlebte überhaupt 15 Auflagen, wurde in alle Sprachen der europäischen Christenheit übersetzt und drang bis nach Nordamerika und Indien. Männer aus den höchsten Ständen wurden dadurch zum Christenthum geführt, Gelehrte und Geistliche rühmten den Segen, den ihnen das Buch des Laien gebracht, der große Staatsmann Burke ließ noch in der Todesstunde seinen Dank an Wilberforce sagen für die Herausgabe desselben. Solcher Erfolg bestimmte ihn mit einigen Freunden noch weiter in gleichem Sinne auf sein Vaterland zu wirken durch die Herausgabe der Zeitschrift: „Der christliche Beobachter.“ (1801)

Das Alles war und that Wilberforce mitten im Strudel des politischen und geselligen Lebens in einer durch Krieg und Noth vielbewegten Zeit. Er hatte den Grund gefunden, der seinen Anker ewig hielt, da konnte er Alles wagen. Unter den gefährlichsten Zeitumständen verheirathete er sich 1797 mit Barbara Anna Spooner, mit der er die glücklichste Ehe führte. Sein ungewöhnlich gastfreies Haus war ein weiteres Mittel zur Erfüllung seines Berufes. Er sollte seinem Meister auch in dieser eigenthümlichen Weise dienen, daß er so zu sagen eine Art von häuslicher Oeffentlichkeit hatte, im Hause ein Licht auf dem Leuchter, bauen eine Stadt auf dem Berge. Für die Menge der Gäste mußte die Anschauung dieses Christenhauses eines der besten Heilmittel für Vorurtheile gegen die Religion und eines der besten Anreizungsmittel zur Nachahmung werden. Die Fremden wie die eigenen Kinder konnten in diesem gastlichen Hause lernen, wie man den Wandel im Himmel haben kann, ohne der Gesellschaft der Menschen zu entsagen und wie man heiter im Umgange sein kann, ohne das Christenthum zu gefährden.

Freilich fand Wilberforce, wie unendlich viel Versuchung in einem solchen durchaus öffentlichen Leben und Wirken sei, desto mehr suchte er täglich das stille Kämmerlein und zeitweise länger die Einsamkeit auf, um mit seinem Gott und Gewissen allein zu sein und alle aufsteigende Ehrsucht und andere Tücke des Herzens wegzubeten und aus Wort Gottes und Sakrament frische Nahrung und Bewahrung seiner Seele zu gewinnen. Seine Tagebücher sind Zeugen seiner innern Kämpfe und Siege, ohne die er weniger als nichts ausgerichtet hätte auf dem öffentlichen Kampfplatze des Parlaments. Wo sonst Männer, die keiner Parthei huldigen, es mit jeder verderben, da sahen auf Wilberforce alle Partheien fast als auf einen Sprecher Gottes, als auf den unbestechlichsten Wahrheitsfreund und anerkanntesten Schiedsrichter. Hatte der in einer Sache oder über eine Person gesprochen, so hatte das öffentliche Gewissen selbst gesprochen. Ohne jene tägliche Buße und Erneuerung im Geiste des Gemüthes wäre er aber vollends gar nicht im Stande gewesen, jenen großen Heldenkampf der Menschenliebe auszufechten, den er ein Menschenalter lang unverrückt, unverdrossen mit der Beharrlichkeit zum Siege hinausführte, die nur die Kraft Gottes für eine Sache Gottes zu verleihen vermag einem Manne, der mit Gott gekämpft hat und ist obgelegen.

Es ist ein wunderbares Schauspiel um diesen Kampf gegen die Greuel des schmachvollen Sklavenhandels – eine wahre Geisterschlacht, in welcher der Satan mit dem Aufgebote dessen, was die Hölle an Kräften der Habsucht, des Geizes, der Verhärtung, der Verleumdung, Lästerung und des Hasses bis auf den Tod vermochte, für seine Beute kämpfte, und in welcher die guten Geister in und mit Wilberforce mehr als zwanzig Jahre lang mit aller Beweisung des Geistes und der Kraft in Opfer und Hingebung, in Wort und Schrift, zehnmal unterliegend zehnmal sich erhoben stärker denn früher, bis der Sieg errungen war. König und Hof, Prinzen und Minister, Freunde und Feinde der politischen Freiheit, bald das Unter-, bald das Oberhaus, bald beide, der Mammon daheim und die Schar der Sklavenhändler und Sklavenbesitzer draußen war wider ihn aber Gott war für ihn und er mit Gott, er mußte Sieg erlangen.

Wir haben die Begeisterung des 15 jährigen Jünglings für die Sache der Sklaven gesehen. Der 28jährige Mann, selbst erneuert zu dem Ebenbilde des, der ihn geschaffen, sah in seinen schwarzen Brüdern dasselbige göttliche Ebenbild in Schanden und Banden liegend und nach der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes seufzend: das menschliche und göttliche Recht hiezu ihnen zu erobern, erfaßte er als den Beruf seines Lebens. Nach vieljähriger Erforschung aller Verhältnisse und Zustände des Sklavenwesens that er im Bunde mit edeln Männern die ersten Schritte bei dem ihm freundlich verpflichteten Ministerium zu Gunsten der Sklaven und erhielt auch einiges Wenige sofort zur Linderung der grausamen Leiden der verkauften Neger. Alsbald regte sich der Feind, aber doppelt gerüstet durch Arbeit und Gebet brachte nun Wilberforce den 12. Mai 1789 in einer meisterhaften vierthalbstündigen Rede die große Sache vor dem in Beifall überströmenden Hause der Gemeinen zur Sprache. Alle Besseren erklärten den Sklavenhandel für eine Schande des Landes und seine Abschaffung für eine Nothwendigkeit; dennoch fiel der Antrag durch. In alle Schlupfwinkel seiner Ränke verfolgte er den Feind zum zweitenmal mit Zeugen und Zeugnissen, die er Monate lang Tag und Nacht gesammelt, den 18. April 1791, die geistvollsten Männer unterstützten ihn; aber die Gegner siegten. Nun wurde eine Gesellschaft zum Handel mit Sierra Leone gestiftet, um den Beweis zu liefern, wie die Neger für sittliche und geistige Bildung fähig seien. Die Stimme des Landes ward ferner zu Gunsten der Sache geweckt, auf sie gestützt stellte er den 2. April 1792 wieder den Antrag auf Abschaffung des Sklavenhandels, aber er unterlag; indessen wurde eine allmählige Abschaffung bis zum 1. Januar 1796 beschlossen; obgleich der Beschluß nicht bestätigt wurde, merkte doch Satan, daß er in diesem Handel nur eine kleine Zeit mehr habe und that Alles, um sie wenigstens hinauszuschieben, häufte Spott, Lästerung, Verfolgung, ja Mordversuch gegen Wilberforce. Unverzagt und ohne Grauen brachte er seinen Antrag am 26. Februar 1793 wieder ein, aber wieder vergebens. Jetzt ermatteten viele, nur Wilberforce nicht, denn, als ein Mann, der Gott fürchtet, mußte er gegen den verbrecherischen Handel kämpfen. Im folgenden Jahre war ihm endlich das Unterhaus einmal günstig, aber das Oberhaus nicht und bei dem Königl. Hofe fiel er um seiner schwarzen Schützlinge willen in Ungnade. Tief gebeugt konnte er nur sagen: „Herr, dein Wille geschehe“. Dafür sagte ihm eine innere Stimme: „Der verbrecherische Handel kann das 18. Jahrhundert nicht überleben“. Frisch betrieb er das Werk 1795, wieder fiel er durch. Trauernd über sein Vaterland forderte er den 19. Februar 1796 das Unterhaus auf, der Langmuth des Himmels nicht zu spotten – seine Worte fanden Eingang, einmal, zweimal schon war die Abstimmung günstig, bei der dritten Lesung ward sein Antrag abermals verworfen! Da ergriff ihn tiefer Schmerz über die Umtriebe der Feinde, er fiel in eine bedenkliche Krankheit – aber die auf den Herrn harren, kriegen immerdar neue Kraft, fahren auf mit Flügeln wie Adler, daß sie wandeln und werden nicht müde, daß sie laufen und werden nicht matt. Wilberforce hätte im Laufe ermatten müssen, wenn er in der Arbeit an seinem inwendigen Menschen stille gestanden wäre. Aber während jener öffentlichen Niederlagen erfocht er im Kämmerlein, einen Sieg nach dem andern, daß er und jeder, der mit ihm ging, merken mußte, der rechte Gott sei zu Zion. Durch Buße und Glauben immer reifer und völliger ein Mensch Gottes geworden, zu allem Gutesthun und Uebelleiden geschickt, stellte er den 15. Mai 1797 bald nach seiner Verlobung auf’s neue seinen Antrag unter Erinnerung an den schlummernden Zorn Gottes unter Spott und Hohn der Gegner ward er überstimmt. Am 3. April 1798 kam die Sache wieder zur Verhandlung, wie Pitt und Fox so lieh ihr auch Canning seine mächtige Beredtsamkeit, dennoch unterlag sie, ob auch nur gegen vier Stimmen. Das Frühjahr drauf neuer Antrag, neue Warnung des Hauses vor Verhärtung, neue Niederlage. Das Oberhaus stimmte nicht einmal dem Wenigen bei, was das Unterbaus sonst zum Besten der Sklaven zugeben wollte.

Wilberforce war bestürzt und tief erschüttert in seinem Gemüthe, nur nicht im Gefühle seiner Pflicht. Am 30. Mai 1804 erst konnte er wieder seinen alten Antrag mit neuen Gründen wie immer unterstützt, einbringen und nun siegte er mit 124 gegen 49 Stimmen. Freude erfüllte sein Herz, Glückwünsche kamen von allen Seiten an den Mann, der so nahe vor seinem endlichen Triumphe stehe in der größten Schlacht, in der je menschliche Wesen gefochten.“ Doch der erfahrene Streiter hielt es noch nicht an der Zeit, Siegesgesänge anzustimmen, er schrieb 1807 eine neue Flugschrift über den Sklavenhandel und vertheilte sie im Oberhause, wo die Prinzen und einige Minister sich an die Spitze der entschiedensten Gegner der Sache stellten. Am 3. Februar Abends kam’s zum Treffen, Morgens 5 Uhr endlich war der Sieg mit 100 gegen 34 errungen. Doppelt mit Furcht und Zittern wandte sich nun Wilberforce zu seinem Gott im Augenblicke der letzten Entscheidung. Am 23. Februar 1807 entfaltete er nochmals den Glanz seiner Rednergaben und der Kraft seiner Beweise – bei der Endabstimmung erklärten 283 gegen 16 sich für die Abschaffung des Sklavenhandels. Einen Monat darauf erhielt das Gesetz die Beistimmung des Oberhauses und nach zwei Tagen die Königliche Bestätigung.

So war der große Kampf für die Menschheit zum Siege, die große Lebensaufgabe unseres Wilberforce zu Ende geführt. Mit tiefer Demuth dankte er als ein unwürdig Werkzeug seinem Gotte. Mit Feldherrnblick aber sorgte er nun für die Benutzung und Sicherung des glänzenden Sieges. Dazu sollte die „afrikanische Stiftung“ helfen und Gott half durch sie über Bitten und Verstehen. Als die über Napoleon siegreichen Fürsten nach London kamen und auch ihm, „dem geliebtesten und geachtetsten Manne ganz Englands“ huldigten, mit seinem eigenen Vermögen und mit seiner mächtigen Stimme hatte er eifrig und reichlich namentlich auch zur Unterstützung der gegen Napoleon kämpfenden Deutschen geholfen und sich mit Blücher enge befreundet – da bat er schriftlich den Kaiser Alexander von Rußland um seine Mitwirkung, daß die Abschaffung des Sklavenhandels in die Friedensverträge aufgenommen werde. Was nur sonst daheim und auswärts geschehen konnte, that der unermüdliche Mann.

Aber alle Bemühungen um vollständige Durchführung des Gesetzes waren vergeblich. Nun fühlte er sich gedrungen, einen Schritt weiter zu geben und geradezu auf Freilassung der Negersklaven hinzuarbeiten. Im Jahre 1823 veröffentlichte er eine Schrift, die darauf hinauslief, daß die Sklaven allmählig in freie Bauern verwandelt werden und sogleich religiösen Unterricht, Erlaubnis zum Heirathen und Erleichterung ihrer Freilassung erhalten sollten. Am 16. März 1824 beschwor er noch einmal das Parlament, schleunig und fest auf dies hohe Ziel hinzuarbeiten. Das war sein letztes Wort im Unterhause. Seine Aufgabe, durch Abschaffung des entsetzlichen Sklavenhandels die Befreiung der Negersklaven selbst anzubahnen, hatte er erfüllt. Schon vorher war er der Mahnung des Alters gefolgt und hatte die Vertretung der großen Grafschaft mit der Vertretung eines kleinen Burgfleckens vertauscht, um seinen Kindern und dem Heil seiner Seele sich besser widmen zu können. Nun bewog ihn Alter und Kränklichkeit, sich ganz aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Er schied 1825 aus dem Parlamente, anerkannt als der wirksamste Redner im Hause der Gemeinen, als der unbestechlichste Vaterlandsfreund, als der eifrigste Anwalt des Friedens, der Religion, der Sittlichkeit, als der treueste Fürsprecher der Elenden, der uneigennützigste Wohlthäter der Armen, der gerechteste Schiedsrichter und Mittler zwischen Freund und Feind, als der seltene Mann, der in 44jähriger Parlamentsthätigkeit keinen Rang, keinen Lohn angenommen und nichts als die Auszeichnung für sich erlangt hatte, der größte Menschenfreund des Jahrhunderts genannt zu werden.

Mit größter Selbstdemüthigung, ja mit Gewissensbissen blickte der 66jährige Gottesstreiter, der Millionen draußen die Freiheit erkämpft und im eigenen Lande zur Verbesserung der religiösen und sittlichen Zustande so wesentlich beigetragen, auf sein öffentliches Leben zurück, in dem er, einen so ärmlichen Gebrauch von seinen Gaben gemacht habe, und in Bezug auf welches er sich nur dessen getrösten könne, daß wir einem gnädigen Herrn dienen, „der reichlich gibt und rücket’s niemand auf“…. In ungestörter Heiterkeit, geehrt von allen Seiten, bescheiden und anspruchslos, streng nur gegen sich und die Sünde, überall Gott zu dienen eifrig, lebte der liebe Greis sein Stilleben, froh hinausschauend in jene Welt. Doch blieben seine letzten Jahre nicht frei von herben Prüfungen. Gehässigste Verleumdung, der Tod im Kreise seiner Liebsten und der Verlust seines Vermögens durch Unglück beugten ihn tief. Freunde boten ihm Ersatz für letzteres, er glaubte aber zeigen zu müssen, wie ein Christ eben so glücklich ohne, als mit Vermögen leben könne; am schwersten fiel es ihm, seine gewohnte Wohlthätigkeit nicht fortsetzen zu können. Er verkaufte seinen Landsitz, seine Bücher und lebte bei seinen Söhnen. Nur noch einmal trat er aus seiner Verborgenheit hervor bei einer Versammlung von Sklavenfreunden 1833. Völlige Befreiung der Sklaven war die Losung und gerne stimmte er für Entschädigung der damaligen Sklavenbesitzer. Das war auch sein Letztes. Die Bäder von Bath versagten ihre bisherige Wirkung, er fühlte, es sei Zeit zum Kampfe mit dem letzten Feinde. Sein Gebet war um Vergebung und Gnade; er gehörte zu den wenigen Erwählten, die großen Frieden gefunden haben. Es war am 26. Juli 1833 an einem herrlichen Sommertag, daß er in einem Stuhle an die Luft gebracht Leib und Seele nochmals erfreuen durfte im Anblick der Werke Gottes, dessen Güte und Barmherzigkeit ihm gefolgt war sein Lebenlang. Da ward ihm die Botschaft gebracht, der Antrag seines Freundes Burton auf Abschaffung der Sklaverei sei im Parlamente durchgegangen. „Gott sei Dank, rief er aus, daß ich habe leben dürfen, um ein Zeuge des Tages zu sein, an welchem England bereit ist, 20 Millionen Pfund Sterling für die Abschaffung der Sklaverei zu opfern.“ Nach diesem letzten Sonnenblicke machten Schlaganfälle ihn bald sehr leidend. „Aber, sagte ein Freund dazu, Sie haben Ihren Fuß auf dem Felsen.“ „Ich wage nicht so bestimmt zu sprechen, erwiderte er, aber ich hoffe, ich habe.“ Auf dieses Wort that er noch einen Seufzer und entschlief, den 29. Juli 1833, im Alter von 73 Jahren 11 Monaten. Seine Leiche wurde nach Parlamentsbeschluß in der Westminster-Abtei beigelegt. Die Mitglieder des Ober- und Unterhauses folgten dem Sarge, das Leichentuch hielt der Prinz von Gloucester, der Lordkanzler und der Sprecher des Unterhauses. In York und Hull waren öffentliche Versammlungen; die Grafschaft errichtete ihm zu Ehren eine Zuflucht für Blinde, seine Vaterstadt eine Denksäule. In Westindien und New York legte die farbige Bevölkerung Trauer an bei der Nachricht seines Todes. Das Gedächtnis dieses Gerechten wird im Segen bleiben für alle Geschlechter und das nur aus Christi Geist und Kraft hervorgegangene Werk dieses echt christlichen Staatsmannes, dieses Helden christlicher Menschenliebe, dieses Wohlthäters der Menschheit wird fortwirken bis an’s Ende der Tage.

 

Heinrich Merz