Matthäus Zell

Matthäus Zell

MATTHAEUS ZELL, der erste evangelische Pfarrer in Strassburg. Nach seinem Leben geschildert aus gedruckten und ungedruckten Quellen

von TIMOTHEUS WILHELM RÖHRICH,

Pfarrer zu St. Wilhelm in Strassburg.

Wissenschaft und praktisches Leben im geistlichen Stande, wie oft sie auch im Einzelnen an einander stoßen und an einander sich reiben und gegen einander auftreten mögen, stehen in engem Bunde, wenn der Geist sie einigt und heiligt. Die Wissenschaft geht in die Tiefe und in die Höhe, das praktische Leben geht in die Weile hinaus und sucht Seelen zu gewinnen für das Reich Gottes. Derselbe Herr ist es, der spricht: „Forschet in den Schriften“1) und „Gehet bin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Creatur.“ Das Lehramt auf dem Katheder, wie das Lehramt auf der Kanzel ist beides vom Herrn gestiftet und beiden gleicher Segen verheissen. Wenigen aber nur ist es verliehen, beide Wirkungskreise mit einander zu verbinden; denn für jede einzelne dieser Berufsarten ist die Verantwortung groß und jede fordert ein ganzes Menschenleben, auf dass auch nur einigermaßen das Ziel erreicht werde.

In der hier folgenden Arbeit gedenken wir das öffentliche und häusliche Leben eines Mannes darzustellen, der die eine Hälfte seines Wirkens im akademischen Lehramte zubrachte und dann die letzte Hälfte desselben dem Pfarramte widmete. Matthäus Zell war der erste evangelische Pfarrer in der Stadt Strassburg und schuf sich einen gesegneten Wirkungskreis; durch seinen Charakter und seine Persönlichkeit, durch die ganze Art seines Seyns mehr noch als durch sein Wissen, ward er der Mann des Volks, das ihm bis an seinen Tod mit Verehrung und Liebe anhing; er war einer der ersten Geistlichen, welche in Strassburg und der Rheingegend überhaupt heiratheten. In bedrängnissvoller Zeit bat er seinen erleuchteten Christensinn und Glaubensmuth bewiesen durch Schrift und That und in späteren Verwickelungen hat er sein liebendes Herz bethätigt.

Möchte es Jemanden befremden, dass in Beiträgen zu den theologischen Wissenschaften ein praktischer Geistlicher, ein Pfarrer, aufgeführt werde, so bedenke man, dass ja die praktische Theologie auch in den Kreis der theologischen Disciplinen gehöre und dann, dass den zahlreichen Freunden der Reformationsgeschichte jedes, wenn auch noch so bescheidene Bild aus jener welthistorischen Regenerationsepoche willkommen sey, wenn es nämlich naturwüchsig ist, d. h. wenn die Farben zu dem Bilde aus den Quellen entnommen sind.

Matthäus2) Zell wurde von, wie es scheint, nicht unbemittelten Eltern, im August 14773) in Kaisersberg, einer kleinen, damals meist von Rebleuten bewohnten, Reichstadt des Oberelsasses geboren. Nicht geringe Sorgfalt verwandten die Eltern auf seine Erziehung. Wo er seinen ersten Unterricht empfangen, ob etwa in der von seinem Geburtsort nicht weit entfernten, damals sehr berühmten Schule des Ludwig Dringenberg in Schlettstadt, ist nicht bekannt. Wir treffen ihn zuerst zu Mainz auf der Schule, wie er selber erzählt4). Aus dieser frühen Entwickelungsperiode Zell’s ist uns ein ermuthigendes Wort aufbewahrt5), welches der berühmte Hohenstiftsprediger zu Strassburg, Johannes Geiler von Kaisersberg, an den Knaben richtete, der vielleicht durch Verwandtschaft, vielleicht durch bloße Bekanntschaft mit dem hochgefeierten Landsmanne in Berührung gekommen war.

Auf der Universität zu Erfurt6) setzte Zell seine Studien fort und bewahrte sich unbescholtene Sitten. Wolfgang Capito, einer seiner Universitätsgenossen und nachmaliger Amtsbruder, bezeugt aus dieser Zeit von Zell: „Ich hab ihn als meinen Schulgesellen lange Jahr erkannt und allwegen uffrecht und redlich befunden. Aber ich hält mich nit bald bereden lassen, dass er wäre eines solchen Wissens, Verstands, Ueberlegung und Geists, auch Erfahrung in den Geschäften, wo er solches selber nicht genugsam und überflüssig bewiesen und dargethan hätte“7). – Der Drang, seine Kenntnisse nicht bloß durch die Bücher zu mehren, trieb ihn auf Reisen. Er durchwanderte einen beträchtlichen Theil Deutschlands und Italiens. Zur Zeit des Schwabenkriegs nahm Zell sogar Kriegsdienste, ob gezwungen oder freiwillig, wird nicht gemeldet, im kaiserlichen Heer und blieb längere Zeit zu Waldshut im badischen Oberlande in Besatzung8).

Als fahrender Schüler mag so Zell einen Theil seiner Jugend, nach der damals fast allgemeinen Sitte der Studierenden, zugebracht haben. Aber der Ernst des Lebens regte in ihm mit erneuter Gewalt das Bedürfniß nach höherem geistigem Leben ab. Zell bezog die Universität Freiburg im Breisgau. Hier erwarb er sich am 18ten Januar 15059) in Gemeinschaft mit dem edlen Jakob Sturm von Sturmeck, dem nachmaligen hochberühmten Stättmeister der Stadt Strassburg, den damals noch seltenen Ehrentitel eines Magister philosophiae und erhielt damit das Recht, über die betreffenden Wissenschaften öffentliche Vorlesungen halten zu dürfen. Aber bald wandte sich Zell von der mit Erfolg betriebenen Philosophie zum Studium der Theologie und vor allem zur heiligen Schrift.

Die Universität Freiburg war damals von ihrer anfänglichen Blüthe sehr herabgekommen; insbesondere war die theologische Fakultät daselbst im traurigsten Zustande. Kein an Geist und Herz ausgezeichneter Mann war da zu finden. Mönche bekleideten damals die Professorsstellen: Heinrich Brun, Johannes Calciator (Schuhmacher), Anton Beck, Johann Schluppf10), in der oberländischen Reformationsgeschichte nicht unbekannte Namen, desto unbekannter aber auf dem Felde theologischer Wissenschaft; der enge Mönchsgeist herrschte hier allenthalben vor, während es in der philosophischen Fakultät zu Freiburg nicht an hervorragenden Männern fehlte.

Zell’s Aufenthalt und Wirksamkeit in Freiburg fiel in jene aufgeregte, zukunftvolle Periode, kurz vor Luther’s Auftreten. Eine Ahnung dessen, was kommen sollte, wie die Vorsehung sie oft vor grossen Weltbegebenheiten hergeben lässt, erfüllte die Gemüther nicht bloss der Gelehrten, sondern auch der Leute aus dem Volke. Johann Geiler’s freimüthiges, prophetisches Wort, Sebastian Brandt’s beissende Satyre, Jakob Wimphely’s wohlgemeinter Eifer für die Verbesserung höherer und niederer Lehranstalten, brachten vielfache Frucht nicht bloß in der oberen Rheingegend, sondern auch in die Weite hin. Durch die Bemühungen der beiden hochberühmten Gelehrten Erasmus und Johann Reuchlin ward die heilige Schrift in ihrer Ursprache an das Licht gezogen und so wenigstens den Sprachkundigen und Gelehrten zugänglich gemacht. Unerwartete Aufschlüsse wurden dadurch Vielen gegeben, manches Gemüth angeregt und begeistert; der heimliche Funken bekam Luft. Zell beschäftigte sich in dieser Zeit fleissig mit Erforschung der heiligen Schrift, was damals keineswegs das ausschliessliche Geschäft der Geistlichen war; aber insbesondere hatten Geiler’s Schriften, wie er selber bezeugt und in seinen späteren Predigten öffentlich bekannte, den grössten Einfluss auf seine theologisch – praktische Bildung. Zell’s Tüchtigkeit ward in Freiburg anerkannt. Er wurde Baccalaureus der Theologie und erhielt so das Recht, theologische Vorlesungen an der Universität zu halten. Am 31sten October 1517, also am Thesentage Luther’s, wurde M. Matthäus Zell sogar Rector der Universität Freiburg11), für ein halbes Jahr, laut den Gesetzen dieser Lehranstalt.

Zell jedoch fand seine Befriedigung nicht in der in enge Grenzen abgeschlossenen academischen Thätigkeit; der Kampf, der in seinem Innern schon damals wenigstens theilweise durchgekämpft seyn mochte, trieb ihn auf eine andere als die academische Laufbahn bin. Zell war seiner Natur nach kein speculativer Kopf, der sich auf die Länge mit der scholastischen Philosophie befreunden konnte; noch viel weniger war er ein Mann, der seine Ueberzeugung zum unbedingten Dienst der römischen Curie hätte hergeben können. Zell’s ganzes Wesen war aufs Praktische im christlichen Predigtamte gerichtet. Sein sanftes, nach evangelischer Ueberzeugung sich durchkämpfendes Gemüth verlangte Dach einem praktischen, abgemessenen Wirkungskreise; und dieser ward ihm.

Im Jahr 151812), wahrscheinlich gegen Ende des Jahres, wurde der, bereits ins höhere Mannesalter vorgerückte, M. Matthäus Zell an die erste Pfarrstelle der Stadt Strassburg berufen. Er wurde zu Sankt Lorenzen in dem Münster Pfarrer oder Leutpriester, mit welchem Amte auch das eines bischöflichen Beichtigers (poenitentiarius, vicarius in poenitentiis ) verbunden war, als welcher Zell in den dem Bischof vorbehaltenen Beichtfällen die Absolution zu ertheilen hatte. Diese Ernennung Zell’s, welche durch den hohen Chor, d. b. die nichtadeligen Geistlichen des Domstifts geschah, war die ehrenvollste Anerkennung seiner Tüchtigkeit, die in der academischen Laufbahn sich bewährt hatte, der Ehrenhaftigkeit seines Charakters, seiner Kenntnisse und seiner Erfahrung.

Als Zell sein wichtiges Amt in Strassburg begann, hatte D. Luther in Wittenberg eben erst seine welthistorischen 95 Thesen gegen den Ablassunfug des Papstes ausgehen lassen. Als ob die Engel Gottes selber Botenläufer dabei gewesen wären, so verbreitete sich diese erste Kampfschrift Luther’s mit unglaublicher Schnelligkeit in Zeit von vierzehn Tagen durch ganz Deutschland. Auch im Elsass und in Strassburg war dieselbe früh bekannt und man theilte sie erst heimlich, dann öffentlich sich mit. Zell fühlte sich von dem muthigen, glaubensstarken Luther mächtig angezogen. Mit steigendem Beifall las er dessen rasch auf einander folgende Schriften, schöpfte daraus frische Nahrung für seine Kanzelvorträge, obgleich er Luther’s Namen nur selten öffentlich nannte, und ward so immer tiefer in das Verständniß der Bibel und in die apostolische Erkenntniß der göttlichen Heilsordnung eingeführt. Auch mag es eben Zell, in Verbindung mit dem glaubenseifrigen Rechtsgelehrten Nicolaus Gerbel, von Strassburg gewesen seyn, welcher seit dem Jahr 1519 den Wiederabdruck und die Verbreitung zahlreicher Lutherischer und anderer reformatorischer Schriften in Strassburg und Elsass förderte, und wozu die Buchdrucker Martin Flach, Johann Schott und vor Allen Wolfgang Köpfel sich gar willig finden ließen, da die Unternehmen dieser Art reichen Gewinn abwarfen.

Als Zell seines Glaubens an die evangelisch – kirchlichen Grundwahrheiten indeß immer gewisser geworden, begann er im Jahr 1521 das Evangelium zu predigen. Er war der Erste nicht bloß in Strassburg, sondern im Elsass und weit umher, der dieses wagte; und es gehörte dazu kein geringer Grad von Ueberzeugungstreue und Glaubensmuth. Zwar hatte Zell schon in den ersten Jahren seiner Amtsführung in Stillen die Härte der römischen Strafgesetze gegen kleine disciplinarische Versehen kraft seines Amtes zu mildern gesucht, wozu als bischöflicher Beichtiger er vielfach Gelegenheit fand. Zell erzählt selber, „dass ihn die armen Landleute oft gejammert haben, wie man sie um der geringsten Ursach willen, etwa weil sie in der Fast Butter gegessen, zu ihm hereingeschickt, das Ihrige zu versäumen und zu verzehren; diese armen Leut hab ich stets flugs und bald abgefertiget, sie auch nit gemolken und geschröpft, wie sonst geschehen ist.“ Auch ward Zell, wie er selber bezeugt, derhalben mehrmals vom Fiscal und Capitel zur Verantwortung gezogen, dass er die Leute so schnell absolviere und sie nicht erst zum Fiscal schicke, um die Geldbusse zu erlegen13).

Aber manchen stillen und harten Kampf mag es den gelehrten und freimüthigen Zell gekostet haben, bis er aus Aristoteles und dem Papste, diesen beiden Heroen der gelehrten und der ungelehrten Christenheit während des Mittelalters, sich zum evangelischen Glauben durchgearbeitet hatte.

Im Jahr 1521 war dieser Seelenkampf vollbracht. Zell wählte in diesem Jahre zum Grunde seiner evangelischen Predigten den Brief Pauli an die Römer, in welchem der Apostel die Hauptlehre der evangelischen Heilsordnung darlegt, nämlich die Rechtfertigung durch den Glauben, im Gegensatze gegen die todten, bloß äusserlichen Werke, durch welche man meint, sich ein Verdienst beim Richter im Himmel erwerben zu können. Wenn er gleich, um nicht Anstoß zu erregen, Luther’s14) Namen auf der Kanzel nicht oder doch nur selten nannte, so hielt Zell doch diese Predigten durchaus in Luther’s Geist. Auch fand er grossen Beifall im Volke. Ihrer Natur nach mussten diese Predigten mehr oder weniger polemisch oder angreifend seyn, da der Gegensatz in der Wirklichkeit vor Augen stand. Der strassburgische Chronist Daniel Speckle in seinem handschriftlichen Berichte gibt den Inhalt dieser Predigten Zell’s über den Brief an die Römer also an: „Es gebe Viele, die Andere verketzern, aber es sey Niemand, der die Arzney anheben wolle; denn man fürchte, der Ablass und das Fegfeuer würden kein Geld mehr eintragen. Da verketzere man die Leute, aber Schand und Laster hilft man vertheidigen, damit all Schelmenwerk an den Geistlichen mög ungestraft bleiben.“

Wegen dieser Predigten und wegen seiner reformatorischen Bestrebungen überhaupt hatte Zell mannichfache Anfechtung zu erleiden. Der Bischof stand hart gegen ihn in dieser ersten Zeit wegen seiner „ketzerischen Opinion“ und verlangte, dass man nach Inhalt päpstlicher und kaiserlicher Mandate mit ihm handeln möchte. Gelinder erzeigten sich das Domcapitel und das hohe Chor, Zell’s unmittelbare Oberen. Eben diese kannten gar wohl die geistige Stimmung der Bürgerschaft für Zell’s Person und Lehren; auch befanden sich in der Mitte jener Oberbehörden gar manche Mitglieder, die der neuen Richtung der Gemüther zugethan waren. Es kam daher bloß zu einigen Vorforderungen und Ermahnungen an den muthigen Prediger, die aber ohne Erfolg blieben15); denn Zell’s Predigten machten den grössten Eindruck auf die Bürger.

Zell fuhr in seiner Predigtweise fort; er enthüllte das Unchristliche des römischen Verfahrens, legte vor Augen den Betrug, der mit dem Volke bisher war gespielt worden, zerstörte die alle Blindgläubigkeit und führte das Volk allmählig zum evangelischen Glauben.

In Folge dieser Vorgänge hatte Zell manche Gegner, die selbst das Äußerste gegen ihn gewagt hätten. Mehrmals ward ihm bei Nacht von fanatischen Gegnern in den Straßen der Stadt nachgestellt; aber die Warnungen der Freunde belehrten ihn16). Steffan von Büllheym, dessen Namen sonst gar nicht genannt wird und von dessen Lebensumständen nichts bekannt ist, hat in einem besonderen Gedicht, in mehr oder weniger glücklichen Versen, die damalige Lage Zell’s in den Jahren 1522 und 1523 beschrieben. Dieses Gedicht ist von grosser Seltenheit; es begreift 10 Blätter in 4°. ohne Druckort und Jahrangabe; eine Gelegenheitsschrift, die eine Reihe von Personalien über die damals in Strassburg lebenden Welt- und Klostergeistlichen enthält. Der Titel ist: Ein brüderliche warnung an meister Mathis Pfarrherrn zu Sanct Lorenzen im Münster zu Strassburg, sich vor seinen Widersacheren zu verhüten und bewaren. Auch seiner fürgenommenen Christlichen leer dem wort gottes treuiglich anzuhangen, das standhafft und herzlich der berufften gemeyne zu predigen. Steffan von Büllheym. Das ganze Gedicht ist eingekleidet in ein Gespräch zwischen Vater und Sohn. Der Vater hält an der alten Sitte und Kirche; das Herkommen und die Auctorität ist ihm die Hauptsache. Der Sohn dagegen ist der neuen Richtung zugethan; er ist Zell’s Partheigänger und überwindet zuletzt des Vaters Bedenklichkeiten. Man merkt der derben Sprache dieses Gedichts die wachsende Leidenschaftlichkeit der damaligen Zeit an. Zur näheren Schilderung der Epoche, in welcher Zell lebte, theilen wir hier Einiges aus diesem Volksgedichte mit, indem wir jedoch die etwas nachlässige Orthographie der neuern anpassen.

Der Sohn, Steffan von Büllheym, redet von der Kirche seiner Zeit:

Darauf gestanden ist unser Heil
Da seind jetzt Frauen und Pfründen feil
Es ist kein Kaplany, kein Pfründ, kein Orden
Es ist ein Gümpelmarkt daraus worden.
Kein Seelmess, kein Jorgezeyt,
Das veraltet ist und nit me geyt,
Das schlagen uff bitz übermorn (morgen),
Gleiwie man thut dem firnen Korn
Also wird es dir auch gan
Darnach hands (habens) die armen Dorfpfaffen gethan
Müssen offentlich von der Kanzel lügen
Und die Leut besch…n und betrügen
Dann womit sollen sie es gewinnen.
Sollen sie haspeln oder spinnen?…
Was sie kratzen und erkrammen
Das gehört den Mestsuwen (Mastsäuen) allsammen.
Sie fressen den Kern, geben ihnen kaum die Kleien
Sollt man nit darüber schreyen?
Das thut den Luther billig mügen (mühen)
Mit zehn Pfründ lasst sich keiner begnügen.
Sunder hett gern das bistumb schafft,
O Vater, das gibt den Seelen grosse Kraft.
Spar das dein am Leib, du sollts den Pfaffen geben,
Wirst du ein Kind des ewgen Leben.
Durch ihr Gebett fährst du drein, ocha schoch,
Wie ein Kuh in ein Musloch u. s. w.

Weiter unten heißt es:

Es gehet Alles wild auf Erden
Dass die Geistlichen selber nit können eins werden,
In der Kirchen mit einander hadern und zanken,
Thuts niemand denn die Schwoben, Baier und Franken
wöllen Jederman fressen, reissen und zerren,
Uff der Gassen wie ein Esel plerren.
Und den Matthis im Münster mit Lügen vertreiben,
Könnten doch nit ein Buchstaben schreiben.
Ich fürcht es thut die Läng nit gut
Mit der Geschrifft er in (ihnen) viel zu Leid thut.
Sie gehen wahrlich uff hellem Eyss;
Ist der Pfarrherr in Münster, heißt meister Matthis
Braucht nichts denn die heilig gschrifft,
Damit er sie all‘ übertrifft
Den Paulum und der Evangelisten Lehren,
Noch thun sies ihm offentlich verwehren
Und mit Bosheit daruf beharren .
Ist der Leutpriester uff St. Lorenzen Pfarren,
Sie thun ihm wahrlich viel Lydens an u. s. w.

Im Verlauf des Gesprächs bemerkt der Vater gegen das eindringliche Zureden des Sohnes: Was werde Doctor Peter17), der doch auch ein Prediger ist „mit dem Namen“, dazu sagen? Der Sohn antwortet:

Hilf nein sie stimmen nit zusammen (nämlich Dr. Peter und Zell)
Meister Matthis bleibt allein beim rechten Text
So sagt der von der Herberg zur äxt18)
Ob die Wagenleut viel Pfründen führen
Das ist jetzund sein Disputieren
Und rechnet uss was sie ertragen,
Hat ussgeleert, kann nichts mehr sagen,
Dann dass er mächt zwanzig Pfründen niessen
In seiner Conscienz sollt es Jederman verdriessen.
Wöllt sich gern mit den Leuten raufen
Macht die Leut zum Münster usslaufen.
So steckt Meister Matthis all Winkel voll
Am gebannten tag, so er predigen soll.
Darum spricht Doctor Peter also,
Er schreit von der Kanzel Mord und Helfjo . .
Meister Matthis sich aber nit dran kehrt,
Das Wort Gotts er öffentlich predigt und lehrt u. s. w.

Auf Johannis 1523 sollte Zell beurlaubt werden, zuvor aber sollte ein öffentliches Gespräch über die streitige Religionssache zwischen Zell und seinen altgläubigen Gegnern gehalten werden.

Steffan von Büllheym lässt den Vater sagen:

Dann Matthis ist ihnen viel zu gelehrt
Das han ich langest viel gehört;
Drumb wöllen sie ihn uff Johannis lassen gan –

Der Sohn erwidert unter andern:

Drumb Matthis ich muss dir verkünden,
Dass du dich lassest daheim finden,
Und bitt, mein Warnung nit veracht,
Ueber dich ist ein Versammlung gemacht.
Die Gelehrten wollen alle dran
Und mit dir ein Disputatz han;
Han ich ächt recht vernommen
So wird niemand denn der Ufsschuss kommen
Darumb brauch Kunst und Vernunft
Sie han das Buch die Schelmenzunft,
Das Narrenbeschwören, das Murner hat gemacht
Der ist oberster affenkat, dess nym acht.

Will den Luther offentlich mit Lügen schänden;
Sollt man ihn um sein Lügen pfänden.
Der ganz Orden möcht ihm nit kommen zu gut,
Die er ein ganz Jar schreibt und thut.
Und will als mit Gewalt darauf beharren,
Ach Gott, ach Gott, was grosse Narren;
Er sollt sich in sein Blut schammen Das er hat so ein verwegnen Nammen
Dann ein ganz Regel er vervuret
Aber er hats ererbt von Geburt ……

Weiter sagt Steffan von Büllheym:

Dass man ihr dester bass mag kennen,
Will ich dir die andern auch nennen
(Nämlich die, welche gegen Zell in der Disputation auftreten sollen.)
Zu einem Beistand der Geschrift Nimmt man die Gelehrtste von jeden Stift
Auch etlich Klöstern und Pfarren, Die wöllen auch darauf beharren.
Dann es ist erkannt offentlich und frey, Allheiligen gibt den Haberbrey.
Im Spital will auch einer dran
Heisst Hans und ist ein Kaplan;
Sein Bücher wöllen dann hinken,
Er mag weder essen noch trinken,
Er will verzweifeln unter den Händen:
Pfaff Lorenz wird dich wahrlich schänden
Hat ein grosse dicke Frau
Was einmal ein Pfarrherr zu Eschau
Kommt gen Erstein zu eim Beschluss
Schickt dir einer, heißt Doctor Corpus.
Einer hat ein Nas, ist zu sanct thomen
Kann wohl zum chorglöcklein kummen.
Pfaff Rudolff der ist spitz,
Und sein gesell Pfaff Moritz.
Schweyn mit dem Sack will auch dran,
Will den Münch St. Margrethen bei ihm han
Der gar in der Kunst, umb Greinen (Weinen, Bitten)
Bringt den Beichtvatter sanct Kathareinen.
Die Nonnen führen ein heiligs Leben,
Die wöllen dir ein biff geben.
Herr Syfrid mit der hellen Stimm
Bringt den Pfarrherr am Fischmarkt mit ihm.
Hab mir acht desselbigen Manns, Sprich du seyst der jung Karsthans.
Kann doch nit an der Kanzel sagen,
Dann Leut usshippen, geld zu tragen
Damit wird sein Opfer dester grösser Sieht wie ein Stirnenstösser
Liegt stets uff den Stationeyen ….:
Sanct Claus, sankt Andres leyern auch uff der Geygen
Einer bei sanct Antonien bottschaft.
Spricht dein (Zell’s) Predigt kumm uss Teufels Kraft u. s. w.

Auch der als Literator nicht unbekannte Hieronymus Gebwiler, Schullehrer am Hohenstift zu Strassburg, wird hier als Gegner Zell’s aufgeführt:

Der Schulmeister ist bos in Sachen,
Kann den Geist im Glas beschwören
Thut sein Jünger offlich lehren,
Liesst ihnen vor den Paulum ad Titum
Macht ihnen sein Epistel so krumm
Dass Mulier heiss ein Pfründ
Der wird dir wahrlich ein Stich thun
Heisst nit auch ein Pfaffenmagd ein Pfründin?
Sie ist doch vor Gott sein Dienerin.
Drumb seind sie übel dran,
Dass du sprichst, die Pfaffen mögen Weiber han
Was darf es viel gefix
Es ist Frau Beatrix
Die Pfarrherrin sanct Claus mit den grossen Beinen;
Die Bertschin will sich zu todt weinen
Die Betsholtin trägt leid, ist doch frumm.
Ach, schon der Pfaffenmägd, ich bitt dich drum,
Du machst dich hässlich vor Jedermann
Du weisst dass Pfaffen müssen Weiber han.
Das sieht man täglich wohl,
Denn ihre Häuser stecken unten und oben voll19)

Es mag genügen hier, aus Zeitgenossen die Zeit geschildert zu haben, in welcher Zell in Strassburg auftrat. Anderwärts sind diese Zeiten bereits geschildert20) vielfach und auch für Strassburg und Elsass; allein, nach meinem eigenen Ermessen wenigstens, ist die Mittheiluny charakteristischer Beweisstellen aus ungedruckten oder doch seltenen und unzugänglichen Quellen dem Forscher stets willkommen.

Mit solchen Menschen fand sich Zell in Strassburg zusammen in amtlichem Verhältniß. Es darf uns eben darum nicht befremden, dass er hitzige Gegner hatte bei seinen ersten Reformationsversuchen, aber sein glaubenskräftiges Gemüth half ihm durch. Selbst leibliche Angriffe waren ihm gedroht, aber sein Muth, die günstigen Umstände und Gottes Hülfe retteten ihn.

Das Domcapitel in Strassburg, eins der reichsten und geehrtesten in Deutschland, war die obere, unabhängige Behörde, unter der Zell stand. Aber gerade das Domcapitel wollte und konnte den Leutpriester Zell nicht öffentlich gegen den Bischof in Schutz nehmen, denn auch in seiner Mitte waren die Meinungen getheilt. Die Angehörigen (Pfarrkinder) der St. Lorenzpfarrei in dem Münster sahen daher keinen andere Ausweg, um ihren verehrten und geliebten Prediger zu erhalten und zu beschützen, als sich an den Magistrat der Stadt zu wenden. Schon im Juni 1522 hatten die Bürger es sich erbeten, dass Zell nicht bloß in der gar zu engen Lorenzencapelle (einer Seitencapelle des Schiffes in dem Münster) auftrete, sondern dass die sogenannte Doctorkanzel in der Mitte des Münsters ihm aufgethan werde. Diese schöne steinerne Kanzel war im Jahr 1486 durch die Vorsorge des Ammeisters Peter Schott nach der Zeichnung des Baumeisters Johann Hammerer errichtet worden zu Ehren des berühmten Dompredigers Dr. Johann Geiler21); im Jahr 1521 hatte man sie mit einem Gegitter und einer Thüre schliessen lassen. Von dieser Kanzel aus hätte Zell von einer grössern Menge der herbeiströmenden Bürger und Landleute gehört und auch besser verstanden werden können. Aber der Magistrat durfte nicht über die Doctorskanzel verfügen und das Domcapitel hielt dieselbe verschlossen. Da entschied der Magistrat, dass man für Zell einen besonderen Predigtstuhl an einen Ort im Münster stellen möge, wo er von der Gemeinde gehört werden könne. Die Schreiner der nahgelegenen Kurbengasse lieferten diesen Predigtstuhl, so oft es noth that22).

Die Bürgerschaft stand offenbar auf Zell’s Seile; der Bischof war wider ihn. Es musste nothwendig zur Entscheidung kommen, denn der Zwiespalt wurde immer ernster und weitaussehender. Am 4ten Januar 1523 schrieb der Bischof Wilhelm von Hohenstein an den Rath der Stadt Strassburg: „er habe, päpstlichen und kaiserlichen Befehlen gemäss, seinen Fiskal beauftragt, die Priester, welche diesen Befehlen zuwider handeln würden, zu strafen und so insbesondere den Leutpriester zu St. Lorenz; aber an des Letzteren Haus seyen zwei Schriften angeschlagen worden, worin die Pfarrkinder von St. Lorenz erklären, dass sie ihren Leutpriester, Meister Matthis, nicht verlassen würden; der Rath möge des Bischofs Beamten, den Fiskal, gegen Mishandlung schützen.“ Hierauf erkannte der Magistrat: „Es sey des Rathes Plicht, die Bürger im Frieden zu erhalten; allein Meister Matthis habe bisher nichts anders denn Gottes Wort und die heilige Schrift gepredigt und sich stets erboten, sich aus der heiligen Schrift eines Besseren belehren zu lassen; darum müsse dem Domstift angekündigt werden, dass es den Zell an seiner Stelle zu erhalten habe und dafür Sorge tragen möge, dass er das Wort Gottes ungehindert seinen Zuhörern vortragen könne; denn des Rathes fester Wille sey, denselben bei dem Worte Gottes und der Wahrheit zu schützen und zu schirmen.“ Ja, der Magistrat drohte, dem Stifte seinen Schirm zu entziehen, wofern nicht der Leutpriester an seiner Stelle erhalten würde.

Zu derselben Zeit hatte Zell einen neuen Strauß zu bestehen mit seinen unmittelbaren geistlichen Obern, dem Domcapitel und den Deputaten des hohen Chors, die unter sich selbst nicht einig waren, wem die Einsetzung und Absetzung des Leutpriesters von St. Lorenz gebühre. Sie warfen Zell vor, dass er sein Amt nicht recht verwalte, dass er manche Gebräuche weglasse, nie oder selten doch nur Messe lese. Auf dies Letztere entgegnete Zell: „dass er nicht Messe lese, geschehe aus der Ursach, dass er zu derselben Zeit studiere, was mehr Nutzen bringe, denn Mess lesen, sintemal an keinem Ding höher und mehr gelegen ist, denn an Predigen, welches er dann deswegen auch aufs treulichst ausrichte.“ Als man ihn aufforderte, in Zukunft den Mandaten des Nürnberger Reichstags (1522) nachzukommen, so protestierte Zell dagegen vor dem Kapitel mit der Erklärung: „er könne dieselben nur insofern annehmen, als es dem Wort Gottes nicht abbrüchig oder nachtheilig sey; er werde immer sein Bestes thun, die Wahrheit tapfer sagen, das Wort Gottes aber in keinem Wege anbinden lassen“23). Ungeachtet dieser freimüthigen Erklärungen gestattete das Domcapitel nothgedrungen dem Zell, dass er wenigstens noch ein Jahr Leutpriester zu St. Lorenz bleibe, doch wurde das Amt eines bischöflichen Pönitentiarius von dieser Stelle getrennt; auch wurde von jetzt an für Zell die sogenannte Doctorskanzel eröffnet und Zell wurde schliesslich bloß freundlich gebeten, seine Predigten etwas kürzer zu fassen, damit auch noch die übrigen gottesdienstlichen Handlungen im Münster Statt haben könnten.

Bis hieher erstreckt sich die erste Periode in Zell’s öffentlichem Leben. Er hatte sich eine unabhängige Stellung gewonnen durch den Beistand der Bürger und des Raths. Von Zell’s Predigten aus dieser ersten Zeit ist leider keine uns erhalten worden; sie würde gewiss das Bild des muthigen und gemüthvollen Reformators uns noch deutlicher vor die Seele stellen.

Allein mit der Nachgiebigkeit des Domcapitels war der Bischof Wilhelm, der, wie seine Amtsvorfahren seit mehr denn hundert Jahren, nicht in Strassburg, sondern in Zabern seine Residenz hatte, in hohem Grade unzufrieden. Er ließ alsobald, im Frühjahr 1523, durch seinen Fiskal Gergosius Sophor (Schüler) vierundzwanzig Klagartikel wider den Leutpriester zu St. Lorenz aufsetzen und dem geistlichen Vicar des Bischofs, Jakob von Gottesheim, übergeben zur Nachachtung und Ausführung. Diese in ziemlich verworrener und weitschweifiger Sprache abgefassten Klagartikel sind kürzlich folgenden Inhalts:

Art. 1. 2 u. 3. Dass Zell gegen des Pabstes und Kaisers Verbot Luther’s ketzerische Schriften in Schutz nehme und öffentlich vertheidige, obiges Verbot ungerecht genannt habe und täglich die Laien wider „das Erbvolk“ (den Clerus) aufreize. –

4. Er habe gepredigt, dass Pabst und Bischöff nit grösser Gewalt und Orden haben, denn jeder ander Priester, und dass ein jeder Mensch Priester sey, dass der Pfaff, der mit prediget, kein Pfaff sey; ja auch dass die sieben Zeiten in der Kirchen sprechen oder singen, wie das in den Stuhlkirchen (Kathedralen) und in andern Sammelkirchen (Collegialkirchen) geschieht, ein lautere Thorheit sey und solche Kirchendiener (Canonici) seyen ganz unnütz; besser wäre, solche Stiftungen und Satzungen ganz auszutilgen.

Art. 5. Er habe sich von einem seiner ketzerischen Freunde Bischof nennen lassen, wodurch die bischöfliche Würde herabgesetzt werde.

Art. 6. Er sage öffentlich, dass die Messen und Opfer für die Verstorbenen unnütz seyen.

Art. 7. Er verachte den Bann, absolviere sogleich die Gebannten, die sich an ihn wenden, und reiche ihnen das Sacrament; er sage, die Kirchenprälaten sollten nit gleich mit Donder drein schlagen“.

Art. 8. In allen seinen Predigten sage er: „Luther habe nichts Unrechts geschrieben, sondern die Wahrheit. Ich halt‘ ihn und unterweis dich sein Lehre. Man unterstehet mir ihn zu verbieten, ich kehr mich aber nichts daran.“

Art. 9. 10 u. 11 werfen Zell seinen Umgang mit einem gewissen Karsthans vor, einem Laien und „nahgültig schweifenden Menschen und als ein alleruffrürigster und der Lutherschen Ketzerei anhangend, rumor und faction wider alles Erbvolk erregend.“ –

Art. 12. Erst jüngst auf Sontag Matthäi des Apostels habe Zell gepredigt: es sey kein Fegfeuer; alle Menschen seyen Pfaffen (Priester) und einer möge ganz wohl seine Gevatterin heirathen; die sogenannte geistliche Verwandtschaft sey kein Hinderniss der Ehe. –

Art. 13. Er habe gegen die angenommene Kirchenlehre gepredigt, dass man eigentlich nicht gewiss wisse, wer die Eltern der seligen Jungfrau Maria seyen, ob Joachim und Anna, da die Kirche doch alljährlich das Fest der allerheiligsten Anna halte.

Art. 14. Weiter habe er gepredigt, das heilig Evangelium ist fünf hundert Jahr untergedruckt gewesen; „ich will den rechten Kernen predigen, dann ich bin Gottswort Prediger und nit ein Pabsts – oder Bischofsprediger“.

Art. 15. Dass er den geistlichen Stand bei jeder Gelegenheit herabsetze. Erst neulich habe Zell in einem Buchladen in Gegenwart vieler Laien von einem neu herausgekommenen Büchlein Luther’s, das er in der Hand trug gesagt: „Dies Büchlein enthalt köstlich und evangelisch Materie und es sollt mit gülden Buchstaben geschrieben werden, ist allerhöchsten Lobes werth und Niemand gesundes Gemüths sollt fürgohn, der dasselbig nit lese und lobe“.

Art. 16. Auf den Sonntag Aller Seelen (1522) habe er in der Predigt gesagt: „die Päbst und andern Bischöf seyen nichts anderes denn Larven und „Hanfbutzen“.

Art. 17. Auch gelte Zell in der öffentlichen Meinung für einen Anhänger Luther’s.

Art. 18. Auf Allerheiligentag 1522 habe er gepredigt, Maria und alle Heiligen „haben nicht für uns sich zu unterziehn“ d. h. können nichts für uns thun, unsre Sünden nicht wegnehmen. –

Art. 19. Am Michaelisfest 1522 habe Zell, „als er die Materi von den Staffeln der Gesippschaft und Mogschaft und geistlichen Verwandtschaft“ geprediget, alle diese Ehehindernisse verworfen, da die heil. Schrift nichts davon sage. „Far du für“! habe er zum Volke „uffweckend“ gesagt, es auffordernd, sich nicht durch solche von Menschen erdachte Ehebindernisse binden zu lassen.

Art. 20. Er erklärte in der Predigt, dass er nichts Verwerfliches in Luther’s Schriften finde „und dass er ihm nit lass den Luther uss dem Mund genommen werden“.

Art. 21. Zu Schlettstadt in der Herberg zur Krone habe Zell gesagt in Gegenwart Vieler, die von seinen Predigten redeten: „Es muss durchhin gepredigt seyn, und sollt sanct Kürin dryn schlagen“!

Art. 22. Er habe in einer Predigt die päbstlichen Decrete und Ballen „Manichäusbriefe“ genannt, als ob er dem Volke die Urheber derselben als Ketzer darstellen wolle. –

Art. 23. Zur Zeit des letzten Martinsfestes (1522. 11 November) saß ein Krämer „in dem Antritt oder Vorschopf“ der Pfarrei St. Lorenz und bot allerlei Bilder feil, worunter auch das Bild des Pabstes. Der Krämer reichte dieses dem eintretenden Zell und dieser rief vor allen Umstehenden auf das Bild des Pabstes zeigend: „Bist du der Ketzer, der uns unterstand zu verdrucken und vertilgen“? –

Art. 24. Wegen aller dieser Puncte sey Zell, laut der Kirchengesetze, im Bann, aller seiner Pfründen verlustig und habe die übrigen kirchlichen Strafen zu gewarten.

Diese Klagpunkte lassen uns einige willkommene Blicke in Zell’s Predigtweise werfen; sie zeigen einen Mann, der seiner Sache gewiss ist und keine Furcht kannte, sondern rücksichtlos den für recht erkannten Weg fortging.

Gegen obige Anklagen schrieb Zell zuerst eine lateinische Vertheidigung, die er dem bischöflichen Fiskal zustellte und die ungedruckt blieb; weil aber die ganze Angelegenheit auch und vornehmlich die innig Theil nehmenden Zuhörer Zell’s anging und die Oeffentlichkeit ihm mit Recht als die gewaltigste Waffe gegen den Bischof erschien24), sie auch zu Vertheidigung seines bisherigen Benehmens unumgänglich nothwendig war, so ließ Zell zu gleicher Zeit in deutscher Sprache im Druck erscheinen: Christliche Verantwortung M. Matthes Zell von Kaysersberg Pfarrherrs und Predigers im Münster zu Strassburg, über Artikel im vom Bischöfflichen Fiskal daselbs entgegengesetzt und im rechten übergeben. 1523. 4°. Am Schluss: gedruckt zu Strassburg durch Wolffgang Köpffel am Rossmarkt25).

Zell’s Verantwortung ist das erste umfangreichere Document der elsässischen Reformationsgeschichte und ist als die erste entscheidende That im Verlauf der Reformation in Strassburg zu betrachten. Sie ist in körniger Sprache, wie das Volk sie liebt, mit gediegenem Urtheil, oft mit Laune und Witz verfasst; man merkt darin an vielen Stellen den Geist des alten D. Geiler, überall erkennt man den Glaubensmuth und die Ueberzeugungstreue, die aus dem Evangelium stammt. In seiner Verantwortung leugnet Zell keinen der angegebenen Klagepuncte, nur stellt er dieselben hin und wieder etwas anders dar, beleuchtet und entwickelt sie weiter und unterstützt sie durch Gründe. Uebrigens waren die meisten dieser Anklagen so scharf, dass an der Verurtheilung derselben von Seiten der bischöflichen Behörde nicht gezweifelt werden konnte. Ja, die Verantwortung selber enthält sogar manche Stellen, die zu neuen Klagpunkten Anlass geben konnten, z. B. über die Priesterehe, über den Ablass und Dispensationen v. dergl.

Es mögen hier einige Auszüge aus diesem höchst merkwürdigen, aber selten gewordenen Buche folgen:

Zell beginnt seine Verantwortung, „Allen Liebhabern evangelischer Wahrheit“ gewidmet, mit dem Geständniß: „Es ist mir kaum ein sach minder in meinen Sinn gekommen, weder dass ich auch sollt ein Buch machen und dasselbig durch den Druck lassen ussgan; wann (denn) über dass ich mich der Sachen ganz ungegemäss weiss, ja von Mangels wegen Kunst und anderer nothdürftiger Geschicklichkeiten, so seind sunst der Bücher und Buchschreiber zu unsern Zeiten ob das viel, also dass es mein Bloderas oder Bapyrverderbens gar nit bedurft hätte. Doch so ich mit Gewalt hinein gedrungen bin, also dass ich nit wohl mit Ehren hab mögen entfliehen, sondern hab mit meinem armen Hausräthlin (wie schmal je das ist auch herfür vor den grossen Hochverständigen müssen prangen.“

Ueber sein Verhältniß zu Luther und dessen Schriften sagt Zell: „Sag an, mit was Conscienz ich, als ein Hirt, sollt ganz unwissend und unerfahren gewesen seyn der lutherischen Lehr, ob sie gut oder bös, so doch meine Schäflin vor langem sie gelesen und gehört hetten, welchs Wissen und Erfahren ich nur durchs Lesen hab mögen überkommen; hab ich mit billig sollen bestraffen, dass ich nit beargwohnt würd, ich wölt das Volk von heilsamer Lehr abwenden ohn Ursach, die ich dann mit hätt können geben, wo ich sie nit gelesen hätt.“ –

„Item so durch das ganz Teutschland gar nach kein Stadt ist, kein Fleck, kein Versammlung, kein Kloster, kein Hoheschul, kein Capitel, kein Geschlecht, auch gar kein Haus, darinnen nit seyen Leut, die dieser Sect anhangen, macht mir ein gute Urkund, dass der Handel noch nit genugsam erklärt ist, dass er falsch sey“ u. s. w. „Obschon etwas Irrthum in Luthers Schriften wär (das ich noch nit bekenn), dennoch sollen sie mir unverbotten seyn; denn auch alle Doctores, so von Anfang usser der heiligen Schrift geschrieben, in viel Dingen geirrt haben und doch zu lesen zugelassen worden. Man findt Irrthumb in den Büchern Originis, Lactantii, Tertulliani, Cypriani; Item Augustini, Hieronymi, welche zween doch besondere Lichter in der Christenheit genannt werden“.

Weiter bekennt Zell: „Du hast mich von Luther nit viel hören sagen uff der Kanzel. Ich hab mein Lehr nie mit des Luthers Geschrift bezeuget, aber sein Geschrift treulich und fleisslich gelesen, als auch noch für und für, und wo sie besunder wahrhaftig, hab ich sie gepredigt, nit darum dass es Luthers Lehr ist, sondern dass es wahr ist und Gottes Lehre…. Ich bin durch Luthers Schreiben in die Geschrifft geführt worden und ein Verstand in der Schrift überkommen, darfür ich nit wollt aller Welt Güter nehmen und ob er schon hundert tausendmal ein Ketzer wär. – Darumb kurzum, entweder zeiget mir und Andern, dass Luthers Lehr Gottes Lehr zuwider sey, oder wir werdens uns, ob Gott will, nit lassen verbieten, und sollten sich die Feind Gottes zu todt darob wüthen“ u. s. w.

„Zum Beschluss sag ich, dass ich keinen lutherischen Irrthumb geprediget hab, wie ich keine weiss; aber die Wahrheit hab ich geprediget, Gott geb, wer mich daran gemahnt hat, Luther oder Andere, dann ich Luthers und anderer Lehrer, mir als Anleiter und Vermahner in die heilige Schrift gebraucht hab, wie sie auch Niemand anders brauchen soll, ihm auch mit anders glauben, weder so fern er sey in der Schrift gegründt.“ –

Von den den Heiligen gebrachten Opfern sagt Zell: „Diesem (Heiligen) trägt man Korn zu, dem Wein, diesem Brod, Käs, Flachs, Schaaf, Säu, Geld u. s. w. Doch sind etllich so tugendhaftig und nehmens Alles an als nämlich der Stationirer Heiligen. Denn ob man schon Sanct Veltin mit einem Huhn ehret, so nehmen seine Diener doch ein Ochsen auch an, ja auch ein Sau, wiewohl dasselbig St. Tendigen (Antonij) Opfer ist. Nit will ich hiemit dem Spital, da man arme Leute nähret, etwas abgesprochen haben; es sey ja Patron da St. Veltin, Tennig oder welchen du wilt. Aber wöllt Gott, dass dieselbigen Schaffner treu wären und ließen solch gesammelt Almosen den Armen zu Nutz kommen und nit unter dem Namen dreyer und vierer Armen in ihrem Spital, ein ganz Bisthum usssaugten und beschätzten, und sie darneben gross Junkherren wären“ u. s. w.

Ueber Beicht und Busse sagt Zell unter Anderem: „Wir wissen, dass in der heimlichen Beicht so viel unzähliger Gefängniß gewesen seynd mit den vorbehaltenen Fällen, die armen Leut umhergetrieben worden sind wie ein Garnwind, bald aus Unwissenheit, bald aus Bosheit des Pfarrherrn, bald aus Eifer des Fiskals, der uff die armen Dorfpfäfflein genau wie ein Fuchs uff die Hünlin laustert, wo er sie ergretschen mag; ich habs erfahren in meinem Amt und den Jammer an den armen Leuten gesehn mit Schmerzen, die man also viel als um nichts herein gen Strassburg zu mir (dem Pönitentiarius) getrieben hat, ettwa so ein arm Weiblin mislungen ist an der Geburt, oder sunst, schickt mans erst umher, viel zu büssen, dass sie sich ob dem, das ihr Sünd gewesen ist, und gross Leid geschehen ist, erst verjammern muss und ums Geld darzu kummen. Und ist das aller Bösest, es geht nur über das arm Völklin“.

Ueber das Wünschenswerthe der Priesterehe sagt Zell Folgendes: „Wie seyd ihr so übersichtig, ihr Vicarii der Bischöfe, dass ihr drei oder viertausend Hurer im Bisthumb übersehet, ja schändliche Hurer, und ein frommes Pfäfflin, das sein Blödigkeit erkennt und nach göttlichem Gebot, mit der Ehe ihm begehrt gerathen seyn, so jämmerlich martern, thürmen, stöcken, blöcken, vertreiben, sprechend: ja er hat Keuschheit gelobt und bat es nit gehalten, als ob er es gehalten hält, so er ein Hurer ist? – Sag an, du Vicari (des Bischofs), wer du seyst: Es kommt ein armes Dorfpfäfflein für dich, dem sein Magd zerbrochen ist, also dass uss den Stücken Leut seind worden, hat darzu nit Uebrigs, vorhin von dir und deinesgleichen Pfründefressern ausgesogen, begehrt Gnad von dir, erbricht sich vor dir und deiner schönen fruchtbaren Berecynthia, gefangen mit güldenen Ketten am Hals, gedäumlet und gefingerlet, mit grossen guldenen Ringen, und lauft gleich die proles, das ist unserer gnädigen Frauen Zucht, in der Stuben umher. Sag an, was gedenkst du? dass du dem Armen Schweiss abnimmst, darum du zehnfach schuldig bist …. Schamst du dich nit vor ihnen? Meinest du nit, dass es ihm zu Herzen gang?“

Weiter wendet sich Zell an die geistlichen Oberbehörden, die in milderem Sinne erlaubtem das Evangelium zu predigen unter der Bedingung, der römischen Kirche nicht zu nahe zu treten: „Mit Geding wollent ihr gepredigt haben das Evangelium. Man soll euch berathen, aber säuberlich, oder nit anrühren; bellen und nit beissen. Darum schickt rechte Prediger, oder sie kommen ohn euern Dank; man wird nit immer uff euch sehn; und wenn ihr schon tausend Bäume liessend ussgan, verbrannten den ganzen Schwarzwald uff ihnen, verjagten sie durch die Welt, es wird nicht helfen, es werden uss der Aschen andere wachsen“,

Ferner sagt Zell: „Ein guter Gesell hat mir den Titel Bischof zugeschrieben, nit vielleicht darum, dass ich ein Episcopus oder Bischof sey, sondern dass ichs billig seyn sollte, von wegen des Stands, in dem ich bin, dann ich bin ja ein Pfarrherr im Münster vor Sanct Lorenzen zu Strassburg und nit ein klein Volk mir befohlen ist, dess Hirt, Hüter, Wächter, Lehrer und uffseher ich seyn soll. Darumb sollt ich billig Episcopus seyn. Episcopus aber heißt ein uffseher, Wahrnehmer, Wächter, anders wirst du mir den Namen nit usslegen, du künnest dann die Grammatica nit“…. „Was wölltest du sagen, wenn sich ettliche Apostel und Evangelisten nennen. Möchten nit auch Sanct Peter und Paulus, Andreas u. s. w. dieselbigen darumb fürnehmen und sprechen: diese Titel gebühren euch nit, sondern uns allein.“

Bemerkenswerth ist, was Zell über die Anklage vorbringt, seine Verbindung mit Karsthans26) betreffend: „Wolan nun geht es an die Arbeit von Karsthansen, in welches Spiel sie mich auch haben wöllen ziehen, wie dann auch manchen frummen Mann. Denn welcher jetzund ein Zeitlang vom Evangelio, vom Gotswort, von der Geschrift, vom Glauben, vom Gsatz, oder von was guten, seligen, nutzlichen Dingen, so die Ehr Gottes und der Seelen Heil antreffen, geredt, oder einem Redenden zugehört, hat ein Karsthans müssen seyn, welche dergleichen Schmähwort viel gehört sind, dass nit ein Wunder wär, wo sich etwa Karsthans wider solche ungezämte Zungen unvernünftiglichen erzeigt hätte. Aber Gott hat es bisher gewendt, wirds auch weiter wenden, also dass auch diejenigen, so für unvernünftig geachtet, für vernünftiger weder diese erfunden werden. Es ist kundtlich wie uff ein Zeit, ein armer guter Mensch (anders von ihm ich nit sag, auch nit weiss) hie und anderswo umbgangen, vom Evangelio gesagt und prediget, was aber und wie, hab ich nit viel von ihm gehört. Dieser so er verhasset von etlichen worden ist von wegen seines Predigens und Sagens unter den Laien, dass er uffahrig Ding gesagt soll haben, hat sie gut gedunkt, mich ihm zu vergleichen, und was Ungeschickts sie von ihm ussgeben, mir auch zumessen, bit dass ich mich weder sein, noch eines mindern beschäme, der mit Frumkeit umbgat, wie dann ich von ihm nit anders weiss und hab mögen erfahren, usserhalb ihrem Sagen, sondern dass ich dabey bemerkt, meiner Widersacher guten Willen, Alles uffzuraspeln, was sie nur Ungeschickts von mir uffbringen möchten … allerlei Rubschnitz witz, dass es ein Korbvoll mache.“ –

„Dass mein Articulirer spricht: ich hab mich desselbigen (karsthansen) angenommen, sein Predigt gehört, ihm ein Mahl zugericht, mit samt andern seinen Genossen und das Alles damit die uffrur deren sie mich die ganzen Artikel uss, begierig schelten, ihren Fürgang hält mögen haben, und der Pfaffen Blut dess ich durstig seyn soll, vergossen möcht werden. Wohlan, dieses alles redt er uss eigenem Muthwillen, ohn Grund und Wissen. Darum sag ich also darzu, dass ich mich sein gar nichts sonderlich angenommen hab; Ein Wort oder drei hab ich mit ihm geredt oder zugelasst (zugehört), daraus ich nichts Freventlichs hab wöllen noch können urtheilen. Wiewohl ich dennoch bei mir selbs gedacht: Wer weiss uss was Urtheil Gottes die Laien jetzt anfahen zu predigen, dieweil die gelehrtsten und obersten Prälaten es lange Zeit verachtet haben, wie dann kundlich ist, also dass nichts Verachters bey den grössten Prälaten der Kirchen uff den heutigen Tag ist. Das ich ihn aber geherberget hab, da redt er was er will; uff einmal hab ich ihn geladen in mein Haus, ist aber nit kommen. Und ob er kummen wäre und mit mir gessen und Trunken hätt, was wär das übel gethan; müsst ich darumb, ob er schon unfrumm oder böser Anschläg wäre, auch mit ihm unfrumm seyn und ihm zu seinen Anschlägen helfen. Und warum gedenkt er nit, ich hält es vielleicht darum gethan, dass ich wollt erfahren, was hinter ihm steckte, alsdann ihn auch gross Herren geladen, freylich solcher Meinung.“

Zell wiederholt, dass er keineswegs die Unterthanen gegen die Obrigkeit aufgereizt habe, vielmehr sie zur Unterwürfigkeit und zur Verträglichkeit gegen die Mitbürger ermahnt. „Wie meinst du ob ich ein guter Prediger wär, wo ich den Magistrat, das ist die weltlich Obrigkeit wider die lutherischen Ketzer verhetzte und die geschrifft daruff usslegte, Gott geb sie reimete sich oder nit, wie ein Münch zu Ostern diess Jars der dreyen Marien Salben ussgelegt hat. Die erst Salb soll seyn, ein harte, strenge Vermahnung wider die lutherschen Ketzer. Die ander Salb ist schärfer, das ist, dass man sie soll thürmen, stöcken und blöcken u. s. w. Die dritt Salb ist noch schärfer und aller schärfest, das ist, dass man sie dem Henker soll an Strick geben, verbrennen und ertränken“ u. s. w.

Doch diese Auszüge, deren leicht noch mehrere aufgeführt werden könnten, mögen hinreichen, um die Anklage, die Person des Angeklagten und mittelbar auch seine Predigtweise zu schildern. Schlagende Gründe trägt er in Menge vor; er liebt die Gegensätze (Sagst du …. Dagegen sag ich, …). Treffende Bilder aus dem Volksleben entlehnt, kurze wohlgestellte Sätze und ein gesunder Verstand unterscheiden Zell’s Prosa von seines Collegen Martin Butzer’s Schriften, die gar zu oft verworrene Sätze, lateinische Constructionen, abstracte Deductionen enthalten, und daher nie volksthümliche Schriften wurden, Zell’s Verantwortung war dagegen eine wahrhafte Volksschrift, dem Zeitbedürfnisse nach Form und Inhalt entsprechend und ein Beweis, dass sie viel gelesen ward, liegt gerade in ihrer jetzigen Seltenheit.

Solche Verantwortung Zell’s konnte aber unmöglich zur Ausgleichung führen, vielmehr musste sie nur mehr erbittern und die Widersacher überzeugen, dass bei so starrem, unbeugsamem Muth nur durch Gewalt könne gehandelt werden. Aber der Magistrat hatte wiederholt und offen erklärt, dass er die Prediger evangelischer Wahrheit beschützen werde und in gleichem Sinne bot die Bürgerschaft den Befehlen des Bischofs und des Capitels Trotz. Allein es kam ein beschwerender Umstand hinzu, der zum Ausbruch führte.

Am 18ten October 1523 hatte Martin Enderlin27), Kaplan des Markgrafen Rudolph von Baden, eines Domherrn am Münsterstift zu Strassburg, geheirathet. Es war dieses die erste Priesterhochzeit in Strassburg. – Derselbige Enderlin war es, der am 9ten November 1523 Morgens um sieben Uhr vor dem Hochaltar im Münster den Leutpriester oder Pfarrer zu St. Thomä, Anton Firn, von Hagenau, öffentlich traute, nachdem Pfarrer Matthäus Zell eine gehaltreiche Predigt (Collation28)), Gelegenheitsrede über die Heiligkeit der Ehe vor der versammelten Menge gehalten hatte. Mehrere der angesehensten Bürger und Frauen der Stadt begleiteten das Firn’sche Brautpaar zum Altar; einer aus dem umstehenden Volke rief mit lauter Stimme: „Der hat ihm recht gethan! Gott geb ihm tausend guter Jahr29)!“ Zell hatte in jener Predigt auf Firn’s Hochzeit, nachdem er aus Schrift- und Vernunftgründen die Gültigkeit der Priesterehe dargethan, am Schluss in begeisterter Apostrophe sich an Firn wendend, gesagt: „Darum lieber Anton, bis (sey) unerschrocken; denn selig bist du, der du durch diese That dem Endechrist entbrichest (Abbruch thust, oder mit ihm brichst). Auf deiner Seiten steht Gott und sein Wort! Acht auch nit, dass männiglich ein Aufsehn auf dich hält. Einer lobt, der ander schilt. Acht auch mit, was dir für Unfall daraus entsteht, dir muss es zum Guten dienen. Und ob du schon vertrieben wirst, ja sterben müsstest, mags dir nit schaden. Du thust, was dich Gott geheissen hat wider seinen Feind, den Endechrist, dem spey mit dieser That fröhlich in sein Angesicht. Es werden dir bald, ob Gott will, mehr christlicher Brüder nachfahren, welche, bisher erschrocken, mit ein klein Herz empfahen werden. Reiss ihm ein Loch in sein seelmörderisch Gesatz mit der That, wie sonst viel herrlicher Männer mit dem Wort tapferlich wider ihn bellen, ihm mit dem Wort die Larven vom Antlitz reissen, bis sie ihn männiglich zu erkennen geben“ u. s. w.

In derselben Predigt auf Firn’s Hochzeit legt Zell folgendes Zeugniß ab: „Es hat das Regiment dieser löblichen Stadt Strassburg durch vier wohlgeachte Mann desselben Regiments, Ihm (nämlich dem Leutpriester Anton Firn), Mir (Zell) und allen Prädicanten dieser Stadt sagen lassen, dass wir nun hinfürter das Evangelium und heilige biblische Geschrift pur, lauter und unvermischt von Menschenfabeln sollen predigen, darzu unerschrockenlich, dabei wollten sie uns auch handhaben“ u. s. w.

In der That wurde auch am 1sten December 1523 von dem Magistrat der merkwürdige Beschluss erlassen: Alle so sich des Predigens unterziehen, sollen künftig nichts Anderes als das heilig Evangelium und die Lehr Gottes und was zur Mehrung der Lieb Gottes und des Nächsten dient, frei öffentlich dem Volke predigen“ 30). –

In diesem Beschluss fand Zell mit vollem Recht eine folgereiche Zukunft. Als er einst vor die Versammlung der Domherrn gefordert, befragt wurde, ob er’s denn allein wolle gegen den Bischof und so gross Fürsten und Capitel hinausbringen, da antwortete Zell: „Es ist wahr, einer allein kann nicht viel ausrichten, Aber die Sach ist Gottes und meine Arbeit ist die Arbeit in seinem Weingarten; da weiss ich nun gewiss, dass der Hausvater bald wird mehr Arbeiter bestellen, dass ich Gesellen in dieser Pflanzung haben werd! Er ist schon ausgegangen zu bestellen. Was gilts!“ 31) –

Und siehe, bald darauf ward Symphorian Altbisser (Pollio) Zell’s College als Domprediger im Münster. Butzer, Capito, Hedio und Andere erhoben ihre Stimmen in andern Kirchen der Stadt als Zeugen des Evangeliums. Kurz darauf trat Zell öffentlich auf, denn sein obiges Wort war unter das Volk gekommen, und sprach: „Wie dünkt euch nun? Hab ichs nicht geweissagt, Gott werde bald noch mehr Arbeiter schicken? Gelt aber, es hat Gott Arbeiter gegeben, dass ich nicht mehr allein in seinem Weinberg seyn muss.“ –

Das kampfreiche 1523ste Jahr nahete seinem Ende und die evangelische Sache hatte in Strassburg einen entscheidenden Sieg erlangt, unter eifriger Mitwirkung Zell’s hatte sich der Magistrat für dieselbe erklärt und die evangelische Predigt ward von dieser Seite her wenigstens sicher gestellt. Noch vor Ablauf des Jahrs, alsobald nach obigem Rathsbeschluss, am 3ten December 1523, trat Zell in den Stand der heiligen Ehe. Er führte Katharina Schütz von Strassburg zum Altar und, nachdem ihr Ehebund durch den bereits früher verheiratheten Martin Butzer eingesegnet worden, genossen beide Eheleute das heilige Abendmahl unter beiderlei Gestalt unter grossem Andrang des Volks; ein Familienfest versammelte darauf den engern Kreis der Freunde32).

Um hier den Verlauf der sich drängenden Ereignisse nicht zu unterbrechen, wird anderswo ein Mehreres über Zell’s würdige Lebensgefährtin, eine geist- und gemüthvolle Frau, eine rechte Mithelferin im heiligen Amte, berichtet werden.

Der entscheidende Schritt, welchen Firn und Zell gethan, weckte in der nächstfolgenden Zeit mehrere Andere zur Nachahmung. Wolfgang Schulthess (Sculteti), eines Schiffmanns Sohn aus Strassburg, ein Priester und ehemaliger Augustinermönch; heirathete ebenfalls in dem Münster auf Montag nach Martini 1523; Conrad Spatzinger, ein Strassburger, Priester und Vicar an U. L. Frauen-Kapelle im Münster, heirathete auf den Dreikönigstag 1524; dasselbe thaten Alexander von Villingen, ein ehemaliger Johanniter; Johannes Niebling, Pastor der St. Erhards-Kapelle in Strassburg; Lucas Hackfurt33) (Bathodius) hatte kurz vorher ebenfalls eine Ehefrau genommen, hatte darum seine Caplanstelle in Oberehnheim verloren und lebte nun in Strassburg. Mehrere Andere standen auf dem Punkt, den nämlichen Schritt zu thun.

Diese Vorfälle forderten des Bischofs Strafamt heraus, obwohl Bischof Wilhelm sonst ein milder Herr war. Das Domcapitel sah zaudernd zu. Da wurden die bis dahin in Strassburg verehelichten Priester, unter denen auch Zell, an dem 20sten Januar 1524 durch den Bischof nach Zabern – seit hundert Jahren war Zabern die Residenz des Bischofs von Strassburg – gefordert, um da ihr Urtheil zu empfangen, mit dem Befehl, in fünfzehn Tagen sich zu stellen34), in eigener Person.

Die Verurtheilung in Zabern war fertig; von einer Verantwortung oder Rechtfertigung war gar nicht mehr die Rede und die Vollziehung des bischöflichen Urtheils wäre wohl alsobald erfolgt. Dieses erwägend, sprachen die sieben verheiratheten Priester, an ihrer Spitze Matthäus Zell, den Schutz des Magistrats der Stadt Strassburg an, als ihrer rechtmäßigen Obrigkeit und erklärten, dass sie nicht vor dem Bischof, sondern vor dem Magistrat der Stadt sich zu stellen bereit seyen35).

Allein der Bischof sprach am 14ten März 1524, nach päbstlichen Gesetzen, den Bann aus über die verheiratheten Priester zu Strassburg und der Bannbrief wurde am 3ten April darauf an der grossen Münsterthüre öffentlich angeschlagen.

An demselben Abend, da der Bann bekannt gemacht worden, versammelte Zell in seiner Wohnung die sieben gebannten Priester und die Nacht hindurch verfasste Zell, mit der Beihülfe Capito’s36), im Namen der Mitgebannten, eine Appellation, d. h. eine Schrift, in welcher der ganze Verlauf nebst den Gründen dargelegt war, warum sie in die Ehe getreten waren. Diese Schrift wurde in lateinischer und deutscher Sprache verbreitet. Sie ward von dem kaiserlichen Notarius, Michael Schwenker von Gernsbach, am 5ten April 1524 in der Pfarrwohnung zu St. Lorenzen in Strassburg ausgefertigt. Allein in Strassburg nahm nicht bloß fast Niemand Anstoß an dem ausgesprochenen Bannfluche, man achtete kaum darauf; so sehr war diese so oft missbrauchte geistliche Waffe damals schon abgenutzt. Zell blieb in seinem Ante ungestört; ebenso seine Mitgebannten.

In ihrer Appellation sagen die Unterzeichner derselben: „Kaum habe das Evangelium ihnen die Augen geöffnet, so haben sie auch die schnöde Heuchelei eingesehen, die sie bisher mit dem Cölibat getrieben, als einem wahren Molochsopfer37). Den Geboten Gottes in der Schrift und der Natur folgend, haben sie den Entschluss gefasst, aus diesem sündlichen Stande herauszutreten. Des Satans Werk im Cölibat haben sie zuerst in ihren Predigten aufgedeckt und dargethan, wie nur der heilige Ehestand aus demselben befreien könne. Gott, der ihnen die Gabe zum Predigen verliehen, habe auch geschafft, dass sie nicht vergeblich redeten, das Volk lernte immer mehr die erheuchelte Keuschheit verachten. Vorzüglich seye Martin Butzers höchst glückliche Ehe ihnen ein ermunterndes Beispiel gewesen. Darum haben sie Jeder, dem Antichrist zum Trotz, ein Eheweib genommen. Anfangs ist zwar darüber hie und da allerlei Rumor (rumuscolus) entstanden; aber in kurzer Zeit fand die That Beifall. Indessen haben etliche unversöhnliche Widersacher den Bischof aufgehetzt und ohngeachtet der Verhandlungen zwischen Magistrat und Bischof, habe Letzterer sie in den Bann gethan.“

Folgendes sind die 12 Appellationsgründe, welche die gebannten Priester anführen: 1. Sie berufen sich auf das zukünftige Concilium, wie es schon von den Fürsten und Ständen des Reichs zugesagt sey. 2. An Bischöfe, Prälaten und Pabst wollen sie nicht appellieren, denn dies sind Feinde der Schrift und des Kreuzes Christi. 3. Bei den Concilien allein können noch die von den geistlichen Tyrannen Gedrückten Schutz finden. 4. Dass der Bischof Abwesende verurtheile, sey gegen das canonische Recht. 5. Er ladet uns nach Zabern, da wir keine Sicherheit finden, weil wir durch Vertheidigung der Wahrheit alle Kinder der Lügen gegen uns gereizt haben. 6. Der Bischof habe doch seine ordentlichen Richter in Strassburg. 7. Ungerecht sey es, die ungehört zu verurtheilen, die sich zur Vertheidigung erbieten. 8. Ja, der Kläger selbst sey abwesend und darum die Anklage nichtig (der Fiskal als Ankläger war eben damals in Constanz, um sich eine Pfründe am dortigen Münster zu suchen). 8. Es sey kein Kläger da, als der Bischof, der zugleich Richter ist, darum sey die ganze Erzählung falsch, wo gesagt werde, der Bischof habe auf Vorladung des Fiskals geurtheilt. 10. Uebrigens sey der Fiskal, den der Bischof voranstelle, wegen öffentlicher Hurerei im Bann, nach göttlichem, kaiserlichem und kirchlichem Rechte. 11. Das Urtheil enthalle mehr als die Vorladung, denn jenes spreche den Bann aus, während diese bloß mit Verlust priesterlicher Würde gedroht hatte. 12. Endlich gehe des Bischofs Urtheil weit über die Gesetze hinaus, da es über die verheiratheten Geistlichen den Bann ausspreche, wie über den in Hurerei lebenden Priester, der von der Kirche ausgeschlossen wird, während jene doch gute Christen bleiben können.

Der Titel dieser Appellation ist übrigens folgender: Appellatio sacerdotum maritorum urbis Argentinae adversus excommunicationem Episcopi. Am Schluss: Argentinae ex aedibus Wolbi Cephalaei XII Aprilis 1524. 12. 9 Blätter unpaginiert. Es gibt noch eine andere Ausgabe dieser merkwürdigen Schrift, ohne Anzeige des Druckorts und Druckers und wo auf dem Titel zwischen adversus und excommunicationem das Wort insanam eingeschoben ist. Die erstere Ausgabe ist wohl die ursprüngliche, dem Bischof vorzulegende; die zweite wurde wahrscheinlich zum Versenden an auswärtige Freunde gefertigt. Die deutsche Uebertragung hat den Titel: Appellation der ehelichen Priester, von der vermeinten Excommunication des hochwürdigen Fürsten, Herrn Wilhelmen, Bischoffen zu Strassburg. 2 Bogen. 4to. Wahrscheinlich bei Köpfel in Strassburg gedruckt. Diese Uebersetzung trägt die Spuren einer gewissen Eilfertigkeit und Abkürzung an sich und ist nicht so einfach und klar, wie das lateinische Original.

Wir würden den Zweck der gegenwärtigen Darstellung offenbar aus den Augen setzen müssen, wenn wir uns auf den weiteren Verlauf der durch die Priesterheirathen zu Strassburg und anderwärts verursachten Streitigkeiten hier näher wollten einlassen und verweisen daher auf das Hauptwerk Sleidan’s38). Es genüge, hier zu berichten, dass der Magistrat sich treulich seiner verheiratheten Geistlichen annahm bei dem Bischof und auf dem Reichstage zu Nürnberg 1524. Von jetzt an ließ der Rath der Stadt Strassburg dem Reformationswerk freien Lauf von Zell konnte ungestört seines evangelischen Hirtenamtes warten. Das Härteste, das ihn hätte treffen können, war vom Bischof über ihn ergangen. Von jetzt an treffen wir unsern Zell nicht mehr auf dem öffentlichen Kampfplatz der kirchlichen Parteien; er gab sich ganz seinem geistlichen Berufe als Prediger des Evangeliums und als Seelsorger hin, freute sich im Stillen eines reichgesegneten Wirkens und verdiente und genoss während einer langen Reihe von Jahren die dankbare Verehrung seiner Mitbürger, inmitten der Bewegungen, welche der Bauernkrieg (1525), die Abschaffung der Messe (1529), die Uebergabe der Tetrapolitana (1530) und die Verhandlungen über die Wittenbergische Concordie (1536) veranlassten.

Wir haben hier nun zunächst unsern Zell als Prediger und als Seelsorger zu betrachten.

Als Prediger wurde Zell sehr gern und von Vielen gehört. Er war der populärste39) unter den strassburgischen Predigern seiner Zeit, wegen der Klarheit, Einfachheit und herzlichen Wärme seiner Vorträge 40), die das wahre Christenthum nicht in Wortstreit und Parteizank, nicht in das Halbdunkel geheimnisvoller Lehren setzten, sondern in kindlich einfältigen, evangelischen Glauben und herzliche Liebe. Daher sagte ihm auch Luther’s Kriegston, der einherfährt wie ein Sturm, der Felsen zerschmeißt, wenig zu. Ueber Luther’s frühere Streitschriften gegen den Pabst äußert sich Zell: „Ich wollt all mein Gut darum geben, dass es also erlogen wär, als grob es ist“41). An einem anderen Orte schreibt er: „Es hat mich nichts Anderes mehr gegen Luther bewegt, und mir übler an ihm gefallen, desgleichen auch viel andern guten Männern, als das hart, gresslich oder bissig Verantworten und Schreiben, das er gegen etlichen seiner Mitkämpfer, desgleichen Pabst, Bischöfen und Anderen gethan hat, welche er so scharf, so spöttlich angriffen hat, dass einer kaum Schärferes, Heftigeres, Spöttlicheres gelesen haben wird, ja auch kaum von den Propheten, durch welche Klärligkeit und Schärfe (als ich acht) Viel ob seiner Lehre etwas Schünens gehabt. Mich dünkt aber, dass die Wahrheit soll angenommen werden, Gott geb, wie sie einhertrab, sanft oder ruch“ 42).

Wegen dieser Abneigung gegen theologische Streitigkeiten und Parteisucht stand Zell nicht immer im besten Vernehmen mit einigen seiner Collegen in Strassburg. Namentlich missbilligte er Butzer’s diplomatische Künste und Rührigkeit, womit derselbe erfolglos während einer langen Reihe von Jahren sich in die Händel Luther’s mit den reformirten Schweizern mischte, um eine Verständigung und Eintracht zwischen den streitenden Parteien zu erzielen. Zell war der Ueberzeugung, dass das wahre Christenthum nicht in Worten bestehe, sondern seiner innersten Natur nach praktisch – innerlich sey. Von den lutherischen Unterscheidungsworten, dass der Leib Christi in, mit und unter dem Brode im heiligen Abendmahl empfangen werde, pflegte Zell zu sagen: die habe der Teufel erfunden, weil sie so viel Zwietracht veranlasst und die Ursache der Trennung zwischen Lutheranern und Reformirten geworden seyen43). Butzer dagegen erkannte gar wohl Zell’s wichtige Stellung und hätte gar gern ihn für seine Vereinigungsplane gewonnen. Nach längern Verhandlungen kamen die Collegen mit Zell überein, dass Zell in seinen öffentlichen Vorträgen und um des Friedens willen vor dem Volke in der Lehre vom heil. Abendmahl bloß die praktische und nicht die dogmatische Seite berühre. So schreibt Butzer am 17. Mai (1526) an Zwingli: Matth. Zellii nostri sententiam de Eucharistia nuperis literis Tibi scribi petebas. Puto Capitonem id fecisse. Nobiscum conspirat, at coram plebe tantum usum docet, et se nolle definire, quomodo panis sit corpus; esse multos modos essendi affirmat, quod nobis satis est. Satis enim intelligitur, quid ipse sentiat, eoque adducta res est, spirituali manducatione inculcata, et carnis inutilitate evicta, ut signa nostri habeant. (Opp. Zvinglii. Ed. Schuler et Schulthess. VII. p. 510.) Bei aller Achtung für Zell’s Charakter konnte es für Butzer’s Friedensabsichten nicht anders als widrig seyn, dass eben Zell ihm widerstrebte. Daher manche etwas bittere Aeusserungen Butzer’s. Am 18ten Januar 1334 schrieb Butzer an Ambrosius Blaurer: Si Matthaeus (Zell) qui solus adbuc populum habet, in vindicando ministerio et ecclesiae unitate, acrior esset, fidemque plenius praedicaret, vere nihil queri deberemus. Ad opera uxor eum detrudit. Animus tamen viri vere rectus et Deum quaerit. Si possemus, ego et Capito, frequentiores apud eum esse, res esset salva. Monitus in loco satis proficit, si non in loco nihil monitionis est intemperantius 44). Folgende Stelle aus einem Briefe Butzer’s an Ambrosius Blaurer vom 16ten November 1533 mag ihre Erklärung in der ärgerlichen Stimmung Butzer’s linden über Zell’s Zurückhalten: Mattheus (Zell) pius quidem sed prorsus ingenio incoclo et yuvaixoxpaTovuevos45) et ab ea quae furit sese amando. Ambrosius Blaurer schreibt unter dem 23sten Januar 1534 an Butzer über unsern Zell in derselben Angelegenheit: ferendus vir bonus, ne imperiosius tractalas pejor evadat, cum adeo praeter caeteros apud vulgum valeat ejus auctoritas46).

Zell’s Abneigung gegen die damals zwischen den Sachsen und den Schweizern obschwebenden Abendmahlsstreitigkeiten, die Butzer’s unermüdliche diplomatische Rührigkeit zu vermitteln suchte, und seine etwas gespannte Stellung zu diesem letztern Reformator blieben auch in weitern Kreisen nicht unbeachtet, obgleich Zell mit vieler Zurückhaltung verfuhr. Auch Andere konnten ihre Missbilligung darüber nicht verbergen. So wird erzählt, der berühmte Strassburger Stättmeister Jakob Sturm von Sturmeck habe während einer Reihe von Jahren nicht an der Feier des heil. Abendmahls. Theil genommen aus Widerwillen gegen das Gezänke der Theologen über diese Religionshandlung47).

Von Zell’s Gesinnung erhielt unter Anderen auch Dr. Johann Eck zu Ingolstadt, der bekannte Gegner der Reformation und vormaliger Studiengenosse Zell’s zu Freiburg, Nachricht und hoffte, freilich etwas vorschnell, der strassburgische Reformator sey bereits auf dem Wege, wie Georg Witzel gethan, zur römischen Kirche zurückzukehren; auch erinnerte Eck an ein damals umgehendes lügenhaftes Gerücht, laut welchem Ambrosius Blaurer ebenfalls widerrufen habe. So schrieb Eck an unsern Zell am 25sten September 1534 aus Ingolstadt einen trotzigen Brief, worin er diesen auffordert, in den Schoß der römischen Kirche zurückzukehren. Wir theilen diesen Brief seiner Merkwürdigkeit wegen hier mit aus einer Abschrift, welche Conrad Hubert, Butzer’s Amanuensis, verfertigte:

D. Mattheo Zellio Keysersbergensi veteri amico.

S. Admonerem te, ut, relictis schismate et haeresi, ad gremiuni redires ecclesiae, visi jain in illis inveteratus spirituique obicem obfirmaveris. Nam si ecclesiae unitatem, concordiam, ejus de haeresibus perpetuam victoriam, Christi Sponsi assistentiam expenderis, facile intelliges, in novissimis temporibus nos a Christo, a prophetis, ab apostolis praemonitos, non quod surgant veri Evangelii plantatores, sed pseudoprophelas, qui seducunt multos, dicentes: Hic est Christus apud Lulherum, hic est Christus apud Zvinglium, bic est Christus apud parabaptistas exspectare debere. Cur non creditis expositioni sacrarum literarum, quam Hieronymus, Cyprianus, Basilius, Chrysostomus, Augustinus et alia Ecclesiae lumina nobis reliquerunt, et vullis quod credamus torsionibus et involutionibus novis Lutheri, Wiclephi, Zvinglii, Buceri et similium monstrorum. Vidisti arbitror Apologiam Vicelii48) in qua causas adsignal, cur, relicto schismale Luthieri, in quo oclo anuis obsorduit, ad unilatem ecclesiae redierit. Si banc haberes gratiam a Deo, ut benevolenter ac pio animo legeres, non dubilo et te rediturum. Blarer49) revocavit haeresin Capharnaitarum. Ajunt et D. Jacobum Sturmium a Zvinglianismo recessisc, ila hodie per literas ex Norimberg venien. tes intellexi. Ulinam illa blasphemia et horrenda baeresis essel extincta, quod tamen fiet, quum Deus voluerit. Vereor aulem plurimum, ne per dolum revocaverit Blarer, quo sibi liber aditus pateat in Wirtembergam. Nam ex pacto tenetur dux Ulricus cavere a Zvinglianis et parabaptistis, alioquin ex ducalu exciderel. Ego de gratia Dei quiete in Baioaria ago, ubi nullas patior haereticorum molestias, licet zelus domus Dei me urgeret, ut non possim non laborare in vinea Domini, ut fideles in fide confortentur ubique gentium, ut babeant quod respondeant adversariis Ecclesiae, in quem finem quatuor tomos homiliarum absolvi de tempore, Sanctis et Sacramentis, Proxima hieme curabo, ut nova aliqua ex me accipiant Catholici, sed hujusmodi quae veteribus proceribus Ecclesiae consentiant. Vale. Ingolstadii 23. Sept. 1534.

T. Joh. Eccius.

P. S. In gratiam Zvinglianorum, ut revertantur, Catholicus revocalionen Blareri typis fecit cudi.

Die gemüthliche, nach Innen gekehrte Richtung Zell’s zeigte sich insbesondere in seinem Verhältnisse zu dem schlesischen Edelmann Caspar Schwenkfeld, der im Jahr 1529 nach Strassburg kam und von den andern Predigern als Sectirer behandelt wurde, den aber Zell „für einen christlichen Bruder gehalten und keines Argen nie verdacht bat, ob er auch wohl ungleichen Verstandt in etlichen Punkten mit ihm gehabt“50). Schwenkfeld hatte im Gegensatz gegen Luther das innerliche Christenthum auf die Spitze gestellt und ging hierin allerdings zu weit, denn wo nur das innere Wort gelten soll, da laufen tausend Einbildungen mit unter. Aber Zell sah über diese Fehler des Systems hinweg, er beherbergte den tüchtigen Schlesier und pflegte oft, in Beziehung auf Schwenkfeld und auf die reformirten Schweizer, zu sagen: „Wer Christum für den wahren Sohn Gottes und den einigen Heiland aller Menschen bekennt und glaubt, der soll Theil und Gemein an meinem Tisch und Herberg haben, ich will auch Theil und Gemein mit ihm im Himmel haben“51). Die bekannte, vermittelnde Stellung der strassburgischen Theologen fand in Zell nicht ihren dogmatischen und gelehrten, aber ihren praktischen Ausdruck im ächt evangelischen Sinne und auf die edelste Weise. .

Was Zell’s Wirksamkeit als Seelsorger betrifft, so eignet sich dieselbe wenig zur Darstellung und öffentlichen Besprechung. Das Leben des ächten evangelischen Seelsorgers ist ja ein Stillleben, das in der Kraft des Glaubens und der Liebe mit aller Demuth geführt wird, Gott allein bekannt. Die Sorge um Anderer Seligkeit, der Unterricht der Jugend, die Ermahnung der Schwachen, die Pflege der Armen, Kranken, Verlassenen, das sind Dinge, von denen die Welt oft kaum einen Begriff hat. Tausende fassen sie nicht und kennen sie darum nicht. Zell’s Tüchtigkeit, Treue und Thätigkeit geht in dieser Beziehung hervor aus der ungetheilten Liebe, welche seine Pfarrgenossen ihm während dreyssig Jahren bewiesen. Sein Haus war eine rechte Herberge der Verlassenen, Flüchtlinge, Elenden aller Art, besonders derjenigen, die um ihres evangelischen Glaubens willen an andern Orten verjagt, nach Strassburg geflüchtet waren, sowohl Deutsche als Franzosen. Nicht selten hatte Zell bei dreißig Personen über Tisch und manche derselben drei bis vier Wochen hindurch und länger. Seine wackere Gattin stand ihm in der Pflege der Armen, dieser innern Mission, treulichst bei, Zell hatte persönliches Vermögen, theils ererbt, theils erworben, wie der unten mitzutheilende Brief kund thut, den Zell im Jahr 1527 an den Magistrat der Stadt Strassburg richtete. Er besaß unter Anderem Häuser und Garten in Freiburg im Breisgau, aber von der österreichischen Regierung wurden sie ihm genommen52). Auch besass Zell ferner einen Garten bei Strassburg vor dem Fischerthor rechts im Hinausgehn, an einem Orte „der Schweighof“ genannt, der jetzt unter den Festungswerken der Stadt begraben liegt53). Allein obwohl es Zell nicht an Mitteln fehlte, so mochte er doch grossen Aufwand im Unnöthigen keineswegs leiden; man solle, meinte er, den Ueberfluss den Armen geben. Ein Zeitgenosse berichtet: „Es halte Zell ein friedsam Gemüth und war gar kein Hoffarth in ihm und liesse ihm fürnehmlich die Armen befohlen seyn. Auf eine Zeit hat sichs begeben, dass er von einem andern Prediger zu dem Nachtmahl geladen ward, und dieser silbern und verguldte Geschirr auf das Billet gestellet, hat sich Matthis ob diesem Pracht und Reichthum bei einem Prediger verwundert, ihn als sein Bruder ernstlich bescholten, und ist ungessen auf diesmal von ihm gangen. Nach diesem hat er den Bruder insonderheit ermahnt und dahin gebracht, dass er ein Theil seines Silbergeschirrs verkauft, und darnach freigebiger gegen die Armen gewesen“54).

Für den Unterricht der Jugend war ferner Zell ausnehmend thätig. Bisher war nur höchst wenig für das aufwachsende Geschlecht gethan worden. Wolfgang Capito in Strassburg, Andreas Keller in Wasselnheim, Johann Bader in Landau waren ihm allerdings hierin vorangegangen durch Veröffentlichung katechetischer Handbücher für die Jugend. Auch das katechetische Monument der Reformation, Luther’s kleiner und grosser Katechismus, waren hier frühe bekannt. Allein Zell fühlte sich gedrungen, der ihm vertrauten Jugend ein von ihm selbst verfasstes Lehrbuch der Religion in die Hand zu geben. Er ließ im Jahr 1534 zu Strassburg bei Jakob Frölich erscheinen einen Katechismus: Frag und Antwort auf die Artikel des christlichen Glaubens … für die Kinder …, welche Schrift in kürzerer Form im Jahr 1537 abermals erschien.

Auch gab Zell: „Eine Auslegung des Vater Unsers, auf Gebettweis gestellt“ bei denselben Jakob Frölich heraus, zum Gebrauch der lieben Jugend55).

Bei aller unermüdeten Treue im Amt war Zell keineswegs ein Freund ängstlicher Uebertriebenheit. Er versagte sich nicht die Erholung, wo sie ihm Noth that, oder wo er glaubte, damit einen höhern Zweck verbinden zu können. So treffen wir ihn im Jahr 1533 auf einer Reise nach Bern; desgleichen im Juni 1534 zu Constanz, wo er dreimal an einem Tage mit grossem Beifall predigte56).

Ja, seitdem im Jahr 1536 die Wittenberger Concordie abgeschlossen und die Vereinigungsbande zwischen den Strassburgern und Sachsen fester zusammengezogen werden sollten, da wurden allerlei Mittel, auch äusserliche, gebraucht, um die Vereinigung zu befestigen. Luther’s Schriften wurden absichtlich in Strassburg wiederholt abgedruckt, gegenseitige Geschenke und Freundschaftsbezeugungen wurden gewechselt57). Mehrere Geistliche aus Strassburg reisten nach Wittenberg, um die neue Verbindung zu befestigen und zu bethätigen. Auch Zell, obgleich schon wohlbetagt, machte sich mit seiner Gattin auf zur Wallfahrt nach Wittenberg 1538. Letztere erzählt selbst: „Ich bin eine schwache Frau, habe viel Arbeit, Krankheit und Schmerzen in meiner Ehe erlitten, hab dannoch meinen Mann so lieb gehabt, dass ich ihn nit allein hab lassen wandeln, da er unsern lieben Doctor Luther, und die Seestädt bis an das Meer, ihre Kirchen und Predigen, hat wollen sehen und hören; hab ich meinen allen fünf und achtzigjährigen Vater, Freunde und alles hinter mir gelassen, und bin mit ihm wohl drei hundert Meilen aus und ein, auf derselbigen Reis gezogen. So bin ich mit so das Schweizerland, Schwaben, Nürnberg, Pfalz und andere Ort gereiset, diese Gelehrte auch wollen sehn und hören, auch ihm zu dienen, und Sorg auf ihn zu tragen, wie er es denn wohl bedurft hat, dass ich mehr dann sechs hundert Meilen, mit ihm in seinem Alter gereiset, mit grosser Müh und Arbeit meines Leibs und grossen Kosten unserer blossen Nahrung, des mich aber nit gedauert und noch nit reuet, sonder Gott darum danke, dass er mich solches alles sehen und hören hat lassen“58). –

Gegen die Mitte des 16ten Jahrhunderts wurden indeß die Zeiten immer trüber. Nach Luther’s Tod brach der schmalkaldische Krieg aus zwischen dem Kaiser und den evangelischen Reichsständen; auch Strassburg war dabei ernstlich betheiligt. Die Evangelischen wurden 1547 geschlagen und es ging das Gerücht, als ob der Kaiser durch ein Reichsgesetz (Interim) mit Gewalt dem Religions – Zwiespalt ein Ende machen wolle. Das Evangelium stand in grösserer Gefahr als je. Aber der alte Zell sollte den Jammer nicht mehr erleben. Am 6ten Januar 1548, einem Sonntag, predigte Zell, wie gewöhnlich und redete unter Anderem von seinem nahen Tode; er nahm gleichsam von seinen Zuhörern Abschied. Am Abend desselben Tages brachte er zwei Stunden bei seinem altbewährten Freunde, dem Rechtsgelehrten Nicolaus Gerbel, zu und dieser erzählte ihm von einem andern beiderseitigen Freunde Caspar Glaser, Superintendenten zu Zweibrücken, der wenige Tage vorher plötzlich gestorben war59). Zell, der bisher wohl die Gebrechen des Alters gefühlt hatte, aber doch nie eigentlich krank gewesen war, rief nach dieser Erzählung mit lauter Stimme: Gott möge ihn mit einem ähnlichen Ausgang begnadigen. Am Dienstag darauf, Nachts um 11 Uhr, erhob sich Zell von seinem Lehnstuhl und, sein nahes Ende fühlend, sprach er knieend für sich und seine theure Gemeinde folgendes erhebende Gebet, welches die treulich seiner pflegende Gattin uns aufbewahrt bat: „Oh Herr, lass dir dein Volk befohlen seyn! Sie haben mich lieb gehabt, hab du sie auch lieb, und gib ihnen keine Treiber; dass der Bau, so ich auf dich gesetzet, nit wieder verwüstet werd. Bleib du selbst der Erzhirt über sie“60)!

Am 9ten Januar, Morgens um 2 Uhr, entschlief Zell sanft. Er war 30 Jahre lang Pfarrer am Münster gewesen und halte seit 26 Jahren das Evangelium gepredigt. Am Schwörtag der Stadt, wo die versammelte Bürgerschaft der neuerwählten Obrigkeit und der hergebrachten Stadtverfassung zu huldigen pflegte, war Zell’s Leichenbegängniss, dem mehrere Tausend Menschen folgten61). Man hatte in Strassburg nie ein ähnliches gesehen. Butzer hielt die Leichenrede. Zell’s Leiche wurde auf dem Gottesacker St. Urban (Kurbau) beerdigt, „in der hintersten Reihe, in der Ecke“, sagen die Berichte. Kein Grabzeichen gibt mehr die Ruhestätte dieses ehrwürdigen Mannes zu erkennen.

Zell hatte das Alter von 70 Jahren, 3 Monaten, 18 Tagen erreicht62). Er hinterließ seiner Witwe einen kränklichen Sohn, noch als Knaben. Mehrere Trauergedichte auf Zell’s Abscheiden bezeugen die Theilnahme, die er auch bei den Gelehrten gefunden. Außer einigen dieser Gedichte von Gerbel, Sapidus, Toxites u. A. ist besonders dasjenige63) der Erwähnung werth, welches Abraham Löscher64), ein Jurist aus Sachsen, verfasste, der höchst wahrscheinlich als Jüngling von dem freigebigen Zell war unterstützt worden; später wurde Löscher kaiserlicher Rath bei dem Reichskammergericht in Speier. Löscher führt in seinem Trauergedichte manche sonst wenig bekannte Umstände aus Zell’s Leben an; er führt unter Anderem ans Butzer’s Leichenrede einen tröstenden Zuruf an die Hugenotten an, die bisher bei Zell Schutz gefunden hatten und Obdach. Löscher’s Epicedion ist von grosser literarischer Seltenheit (ein Exemplar befindet sich auf der Strassb. Stadtbibliothek); Paul Fagius in einem ungedruckten Briefe an Johann Ulslelter, Schullehrer zu Reichenweyer im Oberelsass, vom 28sten März 1548 gibt folgende Erklärung hierüber: Kurz nach dem Erscheinen dieses Trauergedichts und nachdem erst nur wenige Exemplare waren ausgegeben worden, erhielt der Buchdrucker Befehl, die noch übrigen Exemplare auf die Stadtkanzlei abzuliefern, wo sie vernichtet wurden 65). Es waren nämlich in Löscher’s Gedicht mehre ziemlich heftige Ausfälle gegen den damals zwischen Katholiken und Protestanten entbrannten schmalkaldischen Krieg. „Gott wolle das Volk ernstlich damit strafen“, hiess es darin, darum nehme er solche Männer weg, wie Zell.„

Auch Ludwig Rabus, der ehemalige Pflegling und Hausgenosse Zell’s, nachher Doctor der Theologie, Nachfolger Zell’s an der Münstergemeinde, zuletzt Superintendent zu Ulm, wollte, gewiss aus Pietät, seinem ehemaligen Pflegvater Zell eine Ehrenstelle in der von ihm herausgegebenen (evangelischen) Martyrerhistorie einräumen. Zell hätte diese anerkennende Auszeichnung verdient, gewiss so gut als manche Andere, die in dieser Sammlung aufgeführt werden. Rabus wandte sich daher an Zell’s Witwe, mit der Bitte, ihm aufzuschreiben, was sich von Anfang an mit dem Evangelium und Zell zugetragen habe. Da aber Rabus diese würdige Frau, seine einstige Pflegemutter, in seinem rücksichtslosen Hochmuth und Glaubenseifer gar schnöde behandelt, ja gröblich beleidigt hatte und weil Zell’s Witwe, vielleicht mit Unrecht, in diesem Unternehmen eine bloße Geldspeculation sah, – „eine Krämerei und Täuscherei“, so weigerte sie sich durchaus, etwas der Art ihm milzutheilen66) und Rabus musste sich begnügen, nur Zell’s Verantwortung vom Jahr 1523 in seiner Märtyrergeschichte abdrucken zu lassen.

Wenn übrigens von Späteren67) erzählt und von Anderen nacherzählt und ausgemalt worden ist, dass Zell’s Witwe am Grabe ihres Gatten, ja auf der Bahre stehend, eine Rede an die Umstehenden gehalten habe, keine Thränen vergossen, kein Leid getragen habe, so mag wohl diese Behauptung, die wir nicht anstehen eine Anklage zu nennen, auf Irrthum beruhen. Wenigstens sagen die Zeitgenossen nichts von einem so auffallenden unnatürlichen Benehmen68). Dass aber eine so glaubensstarke Frau, wie die Witwe Zell’s war, die ihren Mann auch nach seinem Tode noch so herzlich ehrte und liebte, die sich nicht scheute, die beredte Feder zu ergreifen, um ihre und ihres seligen Mannes Ehre gegen Verunglimpfungen zu retten, dass eine solche Frau auch mit dem Munde nicht werde geschwiegen haben zur rechten Zeit, das liegt am Tage.

Meister Matthis Zell, wie der Bürger ihn nannte, war ein von Herzensgrunde frommer, christlicher Mann, ein Bote des Friedens und ein wackerer Kämpfer für evangelische Wahrheit, wo es galt; eine Leuchte in der Gemeinde, die mit ihrem sanften Schein Viele beglückte, und was noch mehr ist, ein Vorbild der Heerde. Melchior Adam, der bekannte Biograph, entwirft uns von Zell folgendes treffende Bild: Fuit homo non doctrina tantum sed etiam christianis virtutibus, ac praesertim modestia, temperantia et caritate insignis; temperati ingenii, vitae innocentis, doctrinae purae, vir ab omni faslu alienus. Non theoreticus tantum, sed et practicus theologus, ea quae docebat ipse primus fecit, et in primis pauperum rationem habuit. Wir verehren in Zell einen der Hauptgründer der evangelischen Kirchengemeinschaft in Strassburg und im Elsass und über seinem wenn auch unbekannten Grabe beten wir im Geiste, ihm zum Ehrengedächtniss, das Wort der Offenbarung, zu dem der Herr sein Amen geben wird: „Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Sie ruhen von ihrer Arbeit und ihre Werke folgen ihnen nach!“

Anmerkungen

1) Joh. 5, 39.

2) Die beiden Apostelnamen Matthäus und Matthias werden häufig verwechselt. Das Volk spricht beide Matthis aus. Zell hiess Matthäus; so unterschrieb er sich selber; so nannten ihn seine Frau und seine Collegen. Das Volk hiess ihn Meister Matthis. Irrig nennen ihn Reussner, Beza, Icones, Adam u. A. Matthias.

3) Zell’s Geburtstag findet sich zwar nirgends gemeldet, allein wenn die Angabe bei Ludw. Rabus, Historien der Martyrer. (Strassburg 1571. Fol. bei Josias Rihel) II. p. 317, ihre Richtigkeit hat, woran keine Ursache ist zu zweifeln, da Rabus in Zell’s Hause lebte – so starb Zell im Alter von 70 Jahren, 3 Monaten und 18 Tagen am 9ten Januar 1548; folglich wäre er nach dieser Rechnung geboren am 21sten August 1477.

4) Zell’s Verantwortung 1523. 9 iii. Zell erzählt hier, wie er damals „auch einmal vernarret“ in kindischer Einfalt, Verse, dreihundert an der Zahl, auf die Heiligen verfertigt habe, „da er zu Mainz auf der Schule war.“

5) „Cresce puer, tu quoque magnus eris“, soll Geiler zu dem jungen Zell gesagt haben, s. Loescher, Epicedion et narratio funebris in mortem venerabilis viri D. Matth. Zeliii 1518.

6) Zell, Verantwortung a. a.. O.

7) Capito’s Entschuldigung an Bischof zu Strassburg. 4. 1523. Blatt B. iiij b.

8) Pantaleon teutscher Nation Heldenbuch 1578. Basel. Fol. III. p. 154. „Mittlerweile ist er auch etwan in des Kaisers Feldzügen gewesen und ein gute Weil zu Waldshut wider die Schweizer im Zusatz (Reserve?) gelegen.“

9) s. Albrecht, De singularibus Academiae Albertinae in alias quam plures meritis, p. 19. Wir ziehen diese bestimmte Angabe der unbestimmten vor, nach welcher Zell schon zu Erfurt Magister philosophiae soll geworden seyn. Urban Regius in einem ungedruckten Brief an Capito vom J. 1524 nennt unsern Zell von Freiburg her seinen ehemaligen heidnischen Lehrer über den Aristoteles.

10) Heinrich Schreiber’s Melchior Fattlin. 1832. 4. Freiburg. S. 12.

11) Riegger, Amoenitates friburgenses I. p. 7, wo in der Recensio rectorum Academiae albertinae es heißt: 1517 in Vigilia omnium sanctorum Matthaeus Zell, Kaisersbergius, artium magister et sacrae theologiae baccalaureus (Rector factus).

12) Die Angaben lauten verschieden: 1515, 1518, 1520. Aber das Jahr 1518 ist gewiss das richtige, denn außer der erwähnten Ernennung Zell’s als Rector zu Freiburg im Jahr 1517 bezeugen Zell’s Ehefrau und Abraham Löscher, der im Jahr 1548 ein Trauergedicht auf Zell’s Tod verfasste, Zell habe während dreißig Jahren das Pfarramt in Münster verwaltet. Wenn Zell selber erzählt im „Buche schriftlicher Erklärung für Kinder“ u. s. w. 1534. 12.: „Im Jahr 1521 habe ich in dem Münster angefangen das reine Evangelium Jesu Christi zu predigen“, so beweist dieses bloß, er habe 1521 angefangen als Reformator zu wirken, aber keineswegs, dass er nicht schon früher im Amte gestanden.

13) Noch am Ende des Jahres 1521 die Sancti Thomae Apostoli schreibt Nicolaus Gerbel von Strassburg an Joh. Schweblin in Centuria Epistolarum ad Schvebel. p. 25: Mihi mors est Argentina, urbs omnium superstitiosissima, paucis admodum qui Christum colunt exceptis, frigent Concionatores nostri, praeter unum (Zell) qui Evangelium docet.

14) „Du hast mich von Luther nit viel hören sagen uff der Kanzel. Ich hab mein Lehr nie mit des Luthers Geschrifft bezeugt, aber sein Geschrifft treulich und fleisslich gelesen, als auch noch für und für, und wo sie gefunden wahrhaftig, hab ich sie gepredigt, nit darum dass es Luthers Lehr ist, sondern dass es wahr ist und Gottes Lehre. – Ich bin durch Luthers Schreiben in die Geschrift geführt worden und ein Verstand der Geschrift überkommen, dafür ich nicht wollt aller Welt Güter nehmen, und ob er schon hunderttausendmal ein Ketzer wäre. Darum kurzum zeiget mir und Anderen, dass Lutheri Lehr Gottes Lehr zuwider sey, oder wir werdens uns, ob Gott will, nit lassen verbieten, und sollten sich die Feind Gottes zu Tod darob wüthen“. Zell’s Verantwortung. 1523. – Diese Schrift Zell’s, die als Hauptquelle hier öfters erwähnt wird, ist leider unpaginiert, wie die meisten Schriften der ersten Reformationsjahre, daher können die Citate nur im Allgemeinen angegeben werden.

15) Jung, Beiträge II. S. 30 ff. – Grandidier, Essais sur la Cathedrale de Strassbourg. p. 83.

16) Saepe quidem tacitae per amica silentia noctis
Insidiatorum vecit acerbia manus.

17) Doctor Peter Wickgram, Neffe und Nachfolger Dr. Geilers, als Prediger am Domstift zu Strassburg, der anfänglich, ehe es zum völligen Bruch kam, viel von Reformation redete, als Echo seines Oheims, aber sich als unreinen Charakter erwies, und von Eitelkeit und Eigennutz geplagt, in zweideutiger Lebensweise verschollen ist. Außer den von Riegger Amoenitates friburgenses I. mitgetheilten, urkundlichen Nachrichten über Peter Wickgram mögen hier zu seiner Charakterzeichnung einige andere Angaben aus Sebastian Brandt’s handschriftlicher Chronik beigebracht werden:
1511. 3. post nativ. Mariae. Item meister Peter (Wickgram) prädicant in münster bitt ihn zu ehren uff sin doctorat zu Freiburg uff dionysii – Erkannt von Räth und XXI: soll man ihm ein bottschaft zugeben Herr Trach und Martin Sturm, porro 20 Gulden geschenket.„
„1512. Item als der Doctor (Peter Wickgram) im münster geprediget, dass ob 33 in drei wochen erfroren und hungers gestorben, sollen zwar erfroren: ob dies wahr oder erlogen sey? – Sagen die Todtengräber, nie keinen begraben sither. Weihnachten auch kein Mensch darvon zu sagen. – Hat Dr gelogen uff der Canzlen, ist ihm hernach gesagt, solches zu widerreden, oder man wird ihn verklagen.“
1516. „Item. Vor Räth u. XXI anzeigt, dass die Ditrichin Dr Petern (Wickgram) so hart anhang und so ungeschickt nache, dass er untauglich werde zu predigen. Bitt sinen bruder, den wyhbischoff (Conrad Wickgram) ein gedenken zu haben, wie sie von ihm zu bringen wäre. Da ist erkannt: dass man vor Rete u. XXI sagen soll, dass meiner herren Gutbedünken wäre, dass man sie (die Ditrichin) über Rhein vier oder fünf Meilen Wegs weit schwören liesse.“

18) Die Axt, ein Wirthshaus zu Strassburg, wo die Fuhrleute einzukehren pflegten

19) Zur Erläuterung der hier erwähnten Magdgeschichten und zugleich des damaligen Sittenzustandes unter den Geistlichen in Strassburg mögen folgende Angaben dienen, welche der handschriftlichen Chronik Sebastian Brandt’s, des Stadtschreibers, entnommen sind und die das bereits Bekannte in den Einzelheiten nachweisen. Brandt’s Nachrichten sind grossentheils Auszüge aus den alten Rathsprotokollen.
1503. Herzog Johann von Waldeck, Canonicus (in dem Münster) enthalt eines ehrbaren Burgers sin wib in sinem hoff. – Erkannt: M. Hn. sollen herzog hansen das Geleit abkünden und solches einem versammelten Capitel der Stift anbringen und fürhalten, wie M. Hn. den Räthen u. XXI anlangt mancherlei, das sie bedunken will ganz unförmig, nämlich der Freiheit halb ihrer Höff (die fürstlichen Domherrn des Hochstifts in Strassburg hatten gewöhnlich ihre besondern Wohnungen und Höfe, die unter der Stadt Schirm standen) als deren sie sich einer vermeinten Freiheit zu gebrauchen unterstunden, welcher Freiheit doch einem Rath kein Wissen war und besonders dass sie in ihr Höff uffnehmen und enthalten in freyheitswyse, der Burger döchter und frauen, und also ursach geben einem biderman sin lib und Gut zu entfüren u. s. w.
1505. Donderstag nach Invocavit: ein gute Metz by einem Pfaffen ussgehoben.
1505. Dinstag nach Medardi: ein Pfaff ein Döchterlein verhält.
1508. Margreth Schweizerin, der guten Barbel Mutter hat geschworen, der Pfaffen müssig zu gehn und nit also bey der Tochter den Mulzer zu fassen.
1509. Sabbatho post Andream. Bischof Albrechts Bastard der den Murnern ihr Schwester entführt, erbeut sich Rechts für M. Hn.
1510. 4to ante purificationis. XXI. Item Herr Peter Völtsch predigt von der Fassnachthennen … soll man ihm sagen, dass er kein Neuerung mach, und es lass by altem gebrauch bliben.
1510. 2 nach Viti. Eins priesters son, Conrad Hess, liegt im Thurn unfugs halber und hat vor Meister und Rath geschworen Recht zu stehn.
1510. Mitwoch nach Valentini, klagt Georg Zachen, dass ihm Pfaff Musauer sin wyb geschändt.
1510. Freitag post Francisci. Pfaffen über einander zucket und geblutrunset.
Id. 2 post Osvaldi Ein Hur by sant Veldins münch uffgehoben.
1513. Item Hn. Ludwig Böcklin und Caspar Hoffmeister bringen vor Räth u. XXI ein alte Ordnung, so der Huren halb, und mit dem Geschwätz im Münster, auch ihrer Kleidung halben .ii. So die verlesen so ist hie, so viel Huren.
„Dass der alt frumm Ordnung nit mag genesen
Das befehl ich Gottes Besen
Doch ist der Geistlichen Keuschheit so ungehür
Dass schier alle Ehrbarkeit ist worden thür
Die schicken uns vor ein solich Exempel
Dass das Münster schier ward ein Hurentempel.“
Sebastian Brandt.
1514. 5 post Laetare. Alls wider für M. Herrn gewisen werden der Pfaffen Huren halben, die sich mit der neuen Ordnung halten wollen. do ist erkannt, denselben gütlich sagen, dass sie also gehen sollen (wie verordnet) gekleidet und spatzieren.
Und auf abermaligen Widerstand: soll man den hohen Erzhuren sagen, M.HHln Meinung sey, sich der Ordnung zu halten, dann wo sie darwider handeln, wird man sich gegen ihnen halten, dass sie sehen MHHkN kein Gefallen daran haben.
1521. Vigilia Thomae Apostoli. Ward eine von Hassele im Kinzigthale befragt, wie sie zu Meister Peter von Gemünd, Lütpriester zu St. Martin kommen, und by ihm gewohnet; die hält by ihm gelegen, dann der Priester hat Ein Bett, hab mit ihm buhlschaft getrieben, endlich von den Scharwächtern uffgehebt worden. – Erkannt: diewyl sy die warhait gesagt, 30 Schilling von ihr nehmen und ein Urphed schwören lassen.

20) Jung, Beiträge. – Röhrig, Gesch. der Reform. in Strassburg und Elsass.

21) s. Grandidier, Essais sur la Cathédrale de Strassburg p. 273.

22) Specklin, Collect. Mscr. Vergl. Jung, Beiträge II. S. 32. – Von dem hier und später Vorkommenden finden sich viele gute, aus dem Stadtgerichte geschöpfte Nachrichten in der bloß handschriftlich vorhandenen „Beschreibung dessen, was sich bei der Reformation seit dem Jahr 1517 zu Strassburg zugetragen, durch Johann Friedrich Schmidt, Doct. Juris 1630.“ – J. Fr. Schmidt war strassb. Stadtrath und Advocat. Er wurde General-Advocat der Stadt am 18ten December 1613 und leistete ihr grosse Dienste bei mehreren wichtigen Sendungen. Er verfasste obige Geschichte vornehmlich zum Behuf seiner amtlichen Arbeiten, nämlich der Vertheidigungs- und Exceptionsschriften gegen das kaiserliche Restitutionsedict, welche zu Strassburg 1633 in 4° in Druck erschienen unter dem Titel: Acta und Handlungen in Sachen der Herrn Thumb Dechan und Capitularen dess Stiffts Strassburg contra Meister und Rhat betreffend die anmasslich gesuchte restitution des Münsters und anderer Pfarrkirchen in Strassburg. – Daher hat J. F. Schmidt in seiner strassb. Reformationsgeschichte besonders die Verhandlungen wegen des Interim und der katholischen Religionsübung hervorgehoben, gibt aber auch über die frühern Zeiten viele beachtenswerthe Nachrichten. Ueber Schmidt’s „Merita und Qualitäten“ finden sich Nachweisungen in dem Strassb. XIII. Protokoll zum Jahr 1633. Fol. 59. Er starb am 8ten Juli 1637.

23) Das Ausführlichere über diese Verhandlung des Domcapitels mit Zell s. bei Jung, Beiträge II. S. 34 ff.

24) „Dann die Sach nit besonder Personen antrifft, sonder all Christen miteinander. Was nun alle antrifft, soll billig allen eröffnet werden“. Zell, Verantwortung, Vorrede.

25) Die Blätter sind 196 an der Zahl, unpaginirt; angehängt sind des Fiskals 24 Klagartikel wider Zell. – Zell’s Verantwortung findet sich abgedruckt in Dr. Ludwig Rabus Märtyrerbuch. (Strassb. Fol. 1571.) II. S. 227 bis 317.

26) Karsthans ist ein mysteriöses Wesen in der ersten Reformationsepoche. Viele Schriftsteller haben Karsthans als Collectivnamen genommen für alle Pfaffenfeinde und Reformationsfreunde aus dem Bauernstande, ähnlich den Namen Kegelhans, Flegel Cunz u. s. w., auf Gleiches hindeutend in den bekannten Flugschriften: Karsthans und Neukarsthans V. A. öfters. – Allein die Klage des Fiskals deutet hier auf eine bestimmte Person. Vielleicht ist dies derselbe Karsthans, der in Bahlingen, in Schwaben, und zu Freiburg Luther’s Lehre verkündigte. Vgl. Sattler, Gesch. Würtembergs unt. den Herz. II, 105.

27) Ueber Enderlin s. K. F. Vierordt, Gesch. der Reform. im Grossherzogthum Baden S. 161.

28) Diese Predigt erschien im Druck, unter dem Titel: Ein collation auf die einführung M. Anthonii, Pfarrherrn zu Sanct Thomans zu Strassburg und Katharinen seines ehelichen Gemahels, von Matthew Zell von Kaysersbergk, Pfarrherrn im Hochstift da selbst. Gedruckt bei Wolfg. Köpfel. 4to. VI Kal. Decembris (26 Nov.) 1523.

29) Centuria Scherbeliana. p. 37. Vergl. Jung, Beiträge II. S. 142.

30) Abgedruckt bei Röhrich, Gesch. der Reformation im Elsass. I. S. 455.

31) Schadaei Summum templum. Arg. 1617. 4to. p. 88.

32) Centuria Schoebeliana. Ep. Gerbelii. p. 59.

33) Hackfurt wurde bald darauf Verwalter des strassb. Stadtalmosens und befasste sich mit Jugendunterricht. Später neigte er sich zu den Wiedertäufern; da aber deren Lehre von der Obrigkeit den guten Mann unruhig machte, so bat er die Prediger um Wiederaufnahme. Am 20sten Juli 1531 wurde er in Zell’s Haus, im Beiseyn Capito’s, Hedio’s, Butzer’s, Pollio’s und Latomus, wieder in die evangelische Gemeinde aufgenommen. – Bathodius hatte ausgebreitete Kenntnisse, er war auch in der Botanik erfahren. Si ostentare doctrinam vellet, jam dudum in majori loco esset, sagt von ihm der strassburgische Arzt Michael Toxites in Onomast. II. Theophrast. p. 438 und rühmt, wie derselbe ihm in der Gegend von Strassburg den Standort der Gratiola, des Scordium und Thalictrum gezeigt habe.

34) Der Evocationsbrief an Wolfg Schultheiss, dem die an die übrigen verheiratheten Priester gleichlauteten, findet sich aus Abrah. Scultets Papieren bei Gerdesii hist. Evang. renovat. II. p. 70; doch mag in der Zeitangabe ein Druckfehler obwalten. Nach diesem Document sollte Jeder erscheinen: „Visurus et auditurus, ipsum propter pretactum, pretensum et de facto contractum matrimonium, quod quidem ita publicum est, ut ob sui notorietatem nulla tergiversatione celari possit, per nostram sententiam et juris declarationem omni privilegio clericali exuendum et privandum esse, exuique et privari atque de facto exutum et privatum esse decerni et declarari dicti citati absentia sine contumacia in aliquo non obstante.“

35) Jung, Beiträge II. S. 168 ff. – Auch Zell’s Frau sandte an den Bischof ein Schreiben „eines heissen Inhalts“, worin gedrohet war, dasselbe durch den Druck bekannt zu machen; doch die Veröffentlichung unterblieb,

36) Nam ubi Episcopus excommunicationem publicasset, nos intra eundem noctem Appellationem fratrum nomine essinximus. Hestera die appellatum est praesente Notario; mox excusa omnia prodierunt. Quo remedio, populus ne quid super excommunicatione disceptaret, cavimus: exspectarat etiam nostram in se vicissim sententiam Episcopus, quasi cum complicibus damnaremur, quae res ad manifestam desiisset seditionem …. Propter excommunicationem Episcopi nemo sacrificulus, nulla mulier commota est: tam commode cecidit Appellatio. … Brief Capito’s an Ambros. Blaurer dat. Argent. 4. Mai 1524 bei Gerdesius, Hist. eyang. renovati. II. p. 73..

37) Publicis scortis tum abutebamur, partim peculiares mulierculas alebamus domi, partim vero qui in speciem incorruptissimi, perpetua uredine, sacrificium Moloch, ipsi nos fecimus, non sine fidei jactura. Appellatio sacerd. maritor. Arg.

38) Vergl. auch Jung, Beiträge II. S. 176 ff.

39) Johannes Sturm, der Zeitgenosse und nachmalige Rector der Academie zu Strassburg, bezeugt von Zell und von Pollio, dessen Collegen in dem Münster: Populares hi magis oratores erant quam literati, sed insignis in Matthia (Matthaeo) probitas. Joh. Sturm, Antipappus. IV p. 7. Pollio hatte keine fleckenlose Vergangenheit; Zell’s Namen dagegen war unbescholten. a. a. 0.

40) Wie volksthümlich Zell war, erhellt zuverlässig daraus, dass während des Bauernkriegs 1525 die Bauern wiederholt „Meister Matthis und seine Gesellen zu Strassburg“ als Schiedsrichter begehrten. Auch ließ es sich Zell nicht verdriessen, trotz der Gefahr, sich nach Altorf in das Bauernlager zu begeben, um Frieden zu stiften; aber ohne Erfolg. Röhrich, Gesch. der Reform. im Elsass I. S. 290.

41) , 42) Zell, Verantwortung 1523.

43) (Mieg) Monumenta pietatis et literaria virorum illustrium. Francof. 1701. 4to. p. 177.

44) Schon am 16ten April 1526 schrieb Capito an Zwingli: Matth. Zellius nobiscum facit, sed magna tandem difficultate co perductus est. Opp. Zvinglii. Ed. Schuler et Schulthess. VII. p. 493.

45) hier steht ein griechischer Begriff, den ich nicht abschreiben kann

46) Ungedruckte Briefe Butzer’s und Ambr. Blaurer’s in dem Kirchenarchiv zu Strassburg. Diese merkwürdigen Documente sind nicht leicht zu entziffern. Blaurer’s zierliche Schrift ist oft sehr klein; Butzer’s eilfertig hingeworfene, verschlungene Schriftzüge müssen oft errathen werden.

47) S. Joh. Sturm, Antipappus IV. 3. p. 166. Auch Caspar Hedio hielt sich aus demselben Grunde von den Butzerschen Vergleichshandlungen zurück. Er meinte, es sey überhaupt gefährlich, über göttliche Dinge zu streiten; man solle die Einsetzungsworte, wie sie in der heil. Schrift stehen, gläubig annehmen und nicht gelehrte Erklärungen über eine Sache geben wollen, von der die Apostel selber nur mit der grössten Vorsicht sprechen. In Beziehung auf Butzer sagt Hedio: nemo omnibus horis sapil. S. Hedio’s umgedruckten Brief vom Jahre 1536 (ohne Angabe des Tags) an den gemmingischen Prediger Franciscus Irenicus, in der Schadäischen Briefsammlung (Strassb. Stadtbibliothek).

48) Der gelehrte evangelische Prediger Georg Witzel war einer der ersten Rückgänger vom Lutherthum zum Katholicismus. Ueber obige Schrift S. Strobel’s Beitr. II. St. 1. S. 229.

49) In dem zu Cadau abgeschlossenen Vertrag, durch welchen Herzog Ulrich wieder in den Besitz Würtembergs gelangte, war ausdrücklich gesagt, dass kein Sakramentierer im Land solle geduldet werden. Ambrosius Blaurer wurde hierauf, nebst dem streng lutherischen Erhard Schnepf, zur Organisation der evangelischen Kirche in Würtemberg durch den Herzog berufen. Allein bald entspannen sich zwischen beiden Theologen Misshelligkeiten wegen der Nachtmahlsfrage. Um die Eintracht herzustellen, pflichtete Blaurer, wie einst auch sein Freund Butzer gethan hatte, der im Marburger Gespräch 1529 aufgesetzten Vereinigungsformel bei; Schnepf erklärte sich dadurch befriedigt. Allein er und die andern Gegner Blaurer’s erhoben nun ein Triumphgeschrei, Blaurer sey von seiner frühern Meinung abgefallen und habe widerrufen. Ein Katholik gab selbst eine Flugschrift heraus: Ein Widerruff Ambrosi Blaurers, den Artikel vom hochwürdigen Sacrament belangend – von welcher D. Eck mehrere Exemplare an Zell mit dem obigen Schreiben sandte.

50) S. Schwenkfeld’s Epistolar. I. p. 163 dat. 8. Juni 1535.

51) Frau Zellin Brief 1557 in Füsslin, Beiträge V. S. 270.

52) Supplication Zell’s an den Rath der Stadt Strassburg 1527 sammt Aussag des Boten.
Zell’s Supplication an den Rath der Stadt Strassburg 1527 (aus dem Original im Strassburg. Kirchenarchiv). Ehrwürd, gnäd. liebe Herrn euch sy min underthenig gehorsam dienst bevor. Ew. gnaden ist freilich noch wohl zu wissen, wie in verruckten tagen, beiläufig uff ein halb Jar, Ich an. Ew. Gn. supplicirt hab. von wegen meiner Hab nämlich Häuser und Garten, so ich zu Freiburg im Pryssgowe haben sollt, wie mir solche mein Hab genommen, und eim andern Stoffel Bossenstein ingeben, item uff welches suppliciren nachdem Ew. Gn. Ehrw. Einem Ersamen Rath, zu Freiburg für mich geschrieben und wiederumb Antwurt empfangen, dass sie, ein Ersamer Rath zu Freiburg, sollichs nit uss ihnen selbs sondern uss befelch fürstl. Durchl. Ferdinandi Ihres gnäd. Herrn, dem sie in solchem haben müssen gehorsamen, gethon und solchen bevelch nit wüssten zu ändern. Daruff ich dann wyter suppliciret und anzeigt, dass ich nit allein umb Fl. Dl. Ferdinandi, sondern auch um andre Erzherzog von Oesterreich, mich nicht bewusst etwas je verschuldet zu haben, darumb solcher Befelch von ihnen wider mich sollte geben werden, auch wie ich all mein Tag ein Liebhaber des Hauses Oestreich gewesen und in siner fürstl. Gn. Stadt und hohen Schul zu Freiburg ob zwanzig Jar gestudirt, gelesen und geholfen regieren, darzu auch meines vätterlichen Erbs den grössten Theil daselbst verzehrt, auch in solcher Freundlichkeit beid von der Stadt und Universität abgeschieden, dass so ich etwa wiederum hienaus kommen, sie mir auch beide, Zucht und Ehr bewiesen, deshalb ich mich gar keines argen hab können versehen, von allen des Huss Oestreich verwandten. Es ist auch das ihene, das ist mein Predigen und lehren, desshalb, als vielleicht zu erachten solcher Ungunst uff mich gewachselt, wie es denn ketzerisch und uffrührisch von ettlichen geschuldigt möcht werden, Aber Gott lob mit wahrheit nimmer erfunden, in Ew. Gn. Stadt und nit im Fürstenthumb des Huss von Oestreich beschehen, desshalb sich weder fürstl. Durchl. noch die seinen einicherley weg über mich haben zu beklagen. Uff solche Meinung ungeferlich halt die Ander Supplication gelutet, mit beger, wie auch in der Ersten, m. E. gn. Hern, dass sy mir mit gütlichen, früntlichen mitteln beholfen sin wollten gegen fürstl. Durchl., damit mir das min wiederumb zu handen gestellt würde. Uff welches nun nit wyter gehandelt, diewil fürstl. Durchl. nit in der Nähe zu betretten gewesen, Sonder sich in frembden landen als Böhem und Oestrich gethon, desshalb auch gespart ward sollichs mit siner fürstl. Durchl. zu handeln, bis sie sich villicht unsern landen bass näherte, Und so ich nun also geduldig gewesen bin guter Hoffnung mit gelegner Zit mir wiederumb mines jetzigen schadens ergötzung zu bestehen, So begegnet mir ein andres von denen von Freiburg. Nämlich dass sie mir ein schuld IX Glden welche ich dennocht für XIII f1. im zwanzigsten Jar Junker Cunrad von Kranznow selig geliehen, nach viel erlittenen kosten und Bottenlon genommen hab, durch den Stab und Verbott wiederum stellig gemacht, den Botten so von minetwegen das Geld schon empfangen hatte darzubracht, dass ers wiederumb von ihm hat müssen herussgeben und In Iren wechsel zulegen, frylich nit der meinung dass es mir viel gewinnst daselbst sollt tragen, Und als auch solchs verbietten beschehen In namen und ufs bevelch (als sy sagen) Fürstl. Durchl. Ferdinandi, welchen befelch ob Fürstl. Dl. insonderheit über mein geld als eben geben habe, dweil sy doch in fernen landen ist, gib ich E. E. Gn. zu ermessen. Doch dem allem sey wie ihm wöll, Ich bin als zum andern mal auch der übrigen Güter beraubt, die ich nützlicher minen schuldnern usstheilete und ist mir zu besorgen wo solchs soll also fürgon und gelten mir also das min zu nemen und hinterstellig zu machen ohn Verschuldigung und über so viel Rechts, dass ich mich menglichen vor E. Gn. zufür erbiete und oft und offentlich erbotten hab, dass mir auch mit dem überänzigen vierzig gulden lybgedings so ich uff unser Frawen huss zu Freiburg erkauft hab auch also gohn möcht und also gar miner narung beraubt werde. Welche wie wol ich geduldigklich als ein Christ billig lyden solte wo es je nit anders füglich sin möchte, So wurd mir doch nit von Gott abgeschlagen sollichs vor einer christlichen Oberkeit zu beklagen, welche auch für sich selber schuldig ist, ihres Amts halber, dem so unschuldig gedruckt und geschädigt wird zu helfen; deshalb Ew. E. Gn. diewil nun ir min christliche Oberkeit sind, ich auch bisher E. Gn unterthäniger gehorsamer Burger gewesen, hab ich mit können übergon euch solchs, so mir jetzt anderwärts begegnet, anzuzeigen und zu klagen darzu auch das vorig so mir geschehen (das ist von miner Hüser und Garten) in euerm Gedächtniß zu erfrischen, mit angehängter demüthiger Bitt, mir mit füglichen, früntlichen mitteln beholfen zu sin, es sey je mit fürstl. Durchl. oder mit eim Ersamen Rath zu Freiburg zu handeln, bis dass mir das mein, dass ich unschuldiglich entsetzt bin, wiederumb und frey in min gewalt, solchs nach minem Nutz zu niessen und pruchen, gestellt werde, will ich gegen Ew. Gn. mit aller unterthäniger gehorsamkeit zu beschulden mich allzeit ernstlichen beflyssen.
E. Gn. u. Ehrw.
Underthäniger Burger
Matheus Zell.
Aussage des Boten. Freitags den 15 Martij 1527.
Simon Schridt, der laufersbot, sagt, als er jüngst von Meister Mathis Zellen ihm etlich Geld by des wilenden vesten Cunrad von Kranznowe seligen wil we ze holen, gen Freiburg geschickt worden, hab im dieselbig uff Samstag nach Mathiae IX gulden geben, die er uff dem tisch empfangen und als ers in den seckel wollte sherren, hab ein bött an der Thüren klopfft und ylend in die stub kommen, das gelt verbotten, sagend: „das gelt, das du do empfangen, wirstu hie lassen, denn ich verbiets im namen des Fürsten und miner gnädigen Herren stab.“ Daruf das gelt an die Münz kommen, wie wohl sie vor und ehe den schuldzettel und Quilanz vor ihm empfangen und in der Daschen gehept.

53) Silbermann, Localgeschichte der Stadt Strassburg S. 154.

54) Heinr. Pantaleon, Heldenbuch 1578. Basel. III. S. 151. Aehnliches in Loescheri Epicedion 1548, in Frau Zellin Brief 1557 und Adami Vitae theologorum. Abr. Loescher, Epiced., berichtet in Hinsicht auf Zell’s edle Wohlthätigkeit:
Non cumulabat opes, opibus relevavit egenos,
Et dedit extensa munera larga manu.
Nocle dieque fores inopi miserisque patebant;
Haec erat auxilii consiliique domus. \\

55) Strassb. Stadtbibliothek.

56) Multo plausu vulgi hic (zu Constanz) ter uno die concionatus est, et tua gloriam obscuravit non nihil sua claritate, ut est vulgi crassum judicium Ep. Ambros. Blaurer ad Bucer. 10. Juni 1534. Vergl. Röhrich, Gesch. der Reform. im Elsass II. S. 151

57) S. Röhrich, Gesch. der Reform. im Elsass II. S. 166. Einer Mittheilung des Stadtarchivars von Strassburg, Hrn. Ludwig Schneegans, verdanken wir folgendes Document:
Aus dem XXI Memoriale des Raths der Stadt Strassburg 1539 Samstag den 1sten Martii.
„Der Herr Ammeister zeigt an, das ein ehren man so etwan myn herren gedient, wie myn herrn die XIII und XV wol wüssend, mangel an Elsesser (nämlich Wein) habe, daruff die XIII und XV bedacht, das Ime ein vierling gutts wyns gehn Frankfurt zu schicken, würden die Gesandten Ime den zufertigen Erkandt wie herbracht, Ime den wyn hinab zufertigen. -“.
NB. Am Rande des alten Protokolls steht von derselben Hand bei dem Worte „ehren man“ beigeschrieben „Doctor Luther“.

58) Frau Zellin Brief 1557 bei Füsslin, Beiträge V. S. 312 ff.

59) Gerbel’s ungedruckter Brief an Johann Brenz 16. Januar 1518: Una hora comedit, loquitur, ridet, moritur (nämlich Caspar Glaser).

60) Frau Zellin Brief bei Füsslin V. S. 329.

61) Loescher, Epiced., sagt: fere omnis civilas. Andere geben die Zahl der Begleiter auf 3000, Andere auf 5000 an. Aus einem ungedruckten Brief des Prof. Paul Fagius an Johann Ulstetter dat. Argent. 21. Januar 1548 (Strassb. Stadtbibliothek) entnehmen wir Folgendes: Zell sey begraben worden revera cum magno dolore et luctu universae plebis, quae amorem studiumque summum erga illum manifeste declaravit, quod circiler 3 millia hominum et supra fuisse creduntur qui funus ad locum sepulturae deduxerint. Talem pompam nunquam visam putant Argentinae.

62) S. d. Angabe bei Rabus, Märtyrerbuch II. S. 317. Sie ist unzweifelhaft die richtige, da Rabus lange in Zell’s Hause lebte.

63) Dieses Gedicht führt den Titel: Epicedion et narratio funebris in mortem D. Matthei Zelli in 12. 1548 apud Wolph. Cephaleum.

64) Pantaleon, Heldenbuch III. S. 412. Löscher gab 1550 eine latein. Uebersetzung des Pausanias in Basel heraus; übersetzte die Bücher der Könige und die Klaglieder des Jeremias in lat. Verse und verfasste in ziemlich fliessendem Styl und Versbau verschiedene Gelegenheitsgedichte, von denen mehrere unter Anderen in den Werken des Nicolaus Reusner sich zerstreut finden.

65) Strassb. Kirchenarchiv.

66) Frau Zellin Brief bei Füsslin V. S. 306.

67) Unter des Chronisten Daniel Specklin’s Vorgang.

68) Löscher, der Augenzeuge, der das ganze Leichenbegängniss beschreibt, sagt bloß: Uxor honorati recitat pia facta mariti und zwar, nachdem die Menge sich zurückgezogen.

Arsatius Seehofer

Es war zu Ingolstadt an der Donau ein junger Magister der freien Künste((Man zählte damals deren sieben: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie.)),  Arsatius Seehofer; kaum 18 Jahre alt, der Sohn ehrsamer und wohlhabender Aeltern aus München. Dieser hatte aus Luthers und Melanchthons Schriften die christliche Wahrheit zu erkennen angefangen, und in Schriften und Vorträgen öffentlich bekannt gemacht. Die Professoren der Universität zu Ingolstadt zogen aus diesen Schriften Seehofers, wie sie sagen „mit inbrünstigem, ernstlichern Fleiße“, siebzehn Punkte heraus, welche sie für ketzerisch erklärten, ließen den Magister ins Gefängniß werfen, lange darin schmachten, und brachten es endlich, nachdem sie ihn auf Herzog Wilhelms Befehl aus dem Gefängniß unter der Bedingung, daß er widerrufen wolle, hatten entlassen müssen, durch Androhung des Feuertodes bei ihm dahin, daß er die 17 Artikel öffentlich und feierlich am 7. September 1523 widerrief. Die Artikel sind folgende:

  1. Der Mensch wird vor Gott allein durch den Glauben gerecht.
  2. Die Gerechtigkeit vor Gott besteht darin, daß uns Gott dieselbe zurechnet, ohne unsere Werke anzusehn.
  3. Der Mensch kann diese Rechtfertigung sich durch keinerlei Werke oder Verdienst erwerben.
  4. Gott allein macht uns gerecht dadurch, daß er uns seinen Geist eingießt, ohne alle unsere Werke.
  5. Wir sollen auf unsere guten Werke gar keine Hoffnung oder Zuversicht setzen.
  6. Es ist unmöglich, daß der Glaube nicht sollte gute Früchte oder Werke hervorbringen.
  7. Wenn die Schrift sagt, daß die guten Werke belohnt werden, so soll man das so verstehen, daß wir nichtsdestoweniger durch den Glauben selig werden.
  8. Diejenigen, welche es sich unterstehen, durch ihre guten Werke sich gerecht und gut zu machen, die bauen nicht auf einen Felsen, sondern auf Sand.
  9. Man soll in der Kirche Keinem etwas glauben, außer was er gewiß und klar beweist aus dem Worte Gottes.
  10. Es soll kein Mensch in der christlichen Kirche etwas thun oder lehren, was Gott nicht gewißlich angegeben, gelehrt oder geboten hat.
  11. Ein Bischof darf nichts anderes, als das Wort Gottes lehren.
  12. Ein Bischof ist der, der das Amt hat, Gottes Wort zu predigen.
  13. Wenn ein Mann rechtlich von seinem Weibe geschieden wird, so hat er Macht, eine andere zu nehmen, ebenso darf sich die Frau  einem andern vermählen, ausgenommen, wenn man dem, der daran schuld. ist, daß die erste Ehe geschieden ist, verbieten wollte, eine andere einzugehn.
  14. Man soll nicht schwören, ausgenommen zu Gottes Ehre und des Nächsten Nutzen, um zeitlicher Güter willen zu schwören, ziemet sich nicht.
  15. Wer einen Eid von einem andern fordert, der muß nothwendig ein argwöhnisches, untreues, boshaftiges und leichtfertiges Gemüth haben, auch wenig Ehrfurcht vor Gottes Wort.
  16. Das Gesetz Mosis fordert vom Menschen, was er nicht leisten kann.
  17. Daß das Evangelium Christi nicht Geist sei, sondern Buchstabe, ist falsch.

Wer nur ein wenig im wahren Christenthume unterrichtet ist, wird sogleich erkennen, das gegen diese Behauptungen Seehofers, die fünfzehnte ausgenommen, die man ihm zu gut halten darf, nichts Gründliches aus der heiligen Schrift vorgebracht werden kann, sondern daß sie vielmehr ganz mit der Bibel übereinstimmen. Aus welchen Gründen die Universität zu Ingolstadt diese siebzehn Artikel für ketzerisch erklärt hat, kann man aus Luthers Schrift dagegen, die hier mit abgedruckt ist, zur Genüge erleben. Die Eidesformel, mit welcher Seehofer diese sogenannten Ketzereien abschwören mußte, war folgende:

Ich, Arsatius Seehofer von München, der freien Künste Meister, schwöre auf das heilige Evangelium, das ich in meinen Händen habe, und bekenne hier mit dieser Schrift, die ich mit meiner eigenen Sand geschrieben habe, und mit meinem eigenen Munde vor Euch, Rector und Räthen und der ganzen hohen Schule der löblichen Universität zu Ingolstadt, hiermit lese und ausspreche: wiewohl ich vor dieser Zeit mit der frevelhaften, falscher, irrigen, lutherischen Ketzerei in Verdacht und mannichfaltig befleckt gewesen bin, so daß ich sie auf manche Weise durch lehren, schreiben und vertheidigen ausgebreitet und nach meinen Kräften damit getäuscht habe; weshalb ich denn in der obengemeldeten, meines Herrn Rectors und der Räthe der Universität, Gefängniß gekommen bin, und eine Strafe (wie denn eine solche nach allgemeinen Rechten den Vertheidigern der Ketzereien aufgelegt werden soll) verschuldet hatte; so habe ich doch bei denselbigen aus besonderem Befehl und Verordnung der Durchlauchtigen, Hochgeborenen Fürsten und Herren, Herrn Wilhelm und Herrn Ludwig, Gebrüdern, Pfalzgrafen am Rhein u. s. w. die Gnade erlanget, daß solche ernstliche Strafe gegen mich ab- und eingestellt worden ist, unter der Bedingung, das ich’s jetzt soll demüthig erkennen und widerrufen. Hierauf so bekenne ich hiermit, daß Alles, das in meinen Vorlesungen durch mich aus den Schriften Philippi Melanchthons gelesen, auch sonst durch mich geredet und geschrieben, und jetzt hiervor durch den Notarius der Universität verlesen ist, eine rechte Erzketzerei und Büberey sei, daß ich auch denselben (Schriften Melanchthons) allen, wie von Päbstlicher Heiligkeit, Kaiserlicher Majestät und obengenannten meinen gnädigen Herrn verboten ist, nimmermehr anhangen oder sie gebrauchen, sondern, wie einem frommen Christen gebührt, alles dasjenige, was die heilige Römische, christliche Kirche, die heiligen Concilia geordnet und gesetzt haben, und was durch einen ehrbaren, geistlichen Brauch angenommen worden ist, halten wolle, und mich mit meinem eigenen Leibe in das Kloster Eetal((So schreibt M. Rieger den Ort; ich weiß nicht, wo er liegt.)) stellen, daraus ohne besondern Befehl unseres gnädigen Herrn nicht kommen, endlich auch kein lutherisches Buch lesen noch herausgeben wolle. Das helfe mir Gott, der Allmächtige, u. s. w.

Als M. Seehofer auf diese Weise seinen Herrn Christum verläugnet hatte, stürzten ihm, wie Argula erzählt, die Thränen in Strömen über die bleichen Wangen. Da trat ein Jurist zu ihm, und frug ihn, was er so weine? ob er noch ein Ketzer sei? Ich weiß nicht, kam die Frage aus Mitleid oder aus Verdacht; ob Arsatius geantwortet habe, wird uns nicht gemeldet, aber wohl, daß er bald darauf in ein Kloster zu hartem Gewahrsam abgeführt worden ist. Sein Gewissen ließ ihm aber keine Ruhe, und er suchte aus dem Kloster zu entkommen. Auf welche Weise ihm das gelungen sei, wissen wir nicht; es wird aber gemeldet, daß Arsatius Seehofer, nachdem er aus seinem Kloster geflohen war, sich nach Wittenberg zu D. Luther begeben, seinen Fall und seine Verläugnung Christi bekannt und Absolution darüber empfangen habe. Luther schickte ihn darauf nach Preußen zum Hochmeister des deutschen Ritterordens, Markgraf Albrecht von Brandenburg, wo er etwas anderthalb Jahr lang das Evangelium predigte. Weil er aber das dortige Klima nicht wohl vertragen konnte, ging er wieder nach Wittenberg. Im Jahre 1534 finden wir ihn zu Augsburg als Lehrer in der zweiten Klasse der, St. Annenschule daselbst. Als Herzog Ulrich von Württemberg sein Land wiedererobert hatte, ging Arsatius 1536 nach Stuttgart, wurde von D. Erhard Schnepf examiniert, und darauf zum Pfarrer und Prediger des göttlichen Wortes nach Leonberg berufen, wo er der Kirche gegen drei Jahre treulich und fleißig gedient hat. Von dieser Stadt Leonberg wurde er zur Stadtpfarrer Winnenden im Remsthale befördert, wo er zur Vertheidigung seiner Lehre gegen allerlei Lästerer und Feinde seine lateinische Postille oder Auslegung der sonntäglichen Evangelien im Jahre 1539 geschrieben hat. Dieser Postille sind einige Fragestücke, angehängt, welche er allen evangelischen Predigern zu gut über die vornehmsten Hauptstücke der christlichen Religion aufgelegt hatte; auch einige Sätze von der Messe, dem Fegfeuer und dem päbstlichen Ablaß. Dieses beides soll, nach M. Riegers Nachrichten darüber, eine ziemlich vollständige und ächt evangelische Unterweisung sein, welche wegen ihrer Gründlichkeit, Deutlichkeit und Erbaulichkeit, nicht wenig Nutzen gestiftet haben wird. Nachdem Seehofer zu Winnenden sechs Jahre lang das Evangelium gepredigt hatte, ist er an seinem Seitengeschwür in christlichem Bekenntniß selig entschlafen. In seiner vielfachen Bedrängniß hat er sich öfter an seine Aeltern gewandt und um Unterstützung gebeten, aber allezeit abschlägliche Antwort erhalten. Er hat dies mit christlichem Herzen ertragen, und sich getrost Gott dem Allmächtigen befohlen, auch seine Aeltern deswegen entschuldigt, als ob sie aus Furcht vor ihrem Landesfürsten solches hätten unterlassen müssen.

Jacob Andreä.

Jacob Andreä, auch Schmidlin (Fabricius) genannt, theol. Dr., wurde den 25. März des Jahres 1528 zu Waiblingen geboren. Sein Vater war Jacob Endris, „so dem Kriegswesen in Böheim, Ungarn, Frankreich und Hispanien nachgezogen, welcher Länder Sprach er kündig worden, 1527 2. Februar sein Mannrecht bekommen und Bürger zu Waiblingen worden ist.“ Die Mutter war Anna, geb. Weisskopf, von Gundelfingen; der Grossvater Steffan II. Endris, Bürger in Mockelaw, aichstettischen Bisthums in Franken; die Grossmutter Anna, eine geb. Herdlin; der Urgrossvater Steffan I. Endris, welcher in Ingolstadt gestorben zu sein scheint, da er daselbst begraben ward; die Urgrossmutter Elisabeth, geb. Holzapfel.

Jacob, von seinem Vater nach dessen Einwanderung in Waiblingen zum Schmied bestimmt (daher der Name Schmidlin), studierte in der Folge auf Anrathen des berühmten Reformators Dr. Schnepf Theologie und erhielt den Baccalaureusgrad im Kloster zu Hirsau, wohin sich damals ein Theil der Professoren der Philosophie der Pest (1.) wegen begeben hatte. Kaum 18 Jahre alt erhielt er das Diaconat bei der Stuttgarter Stadtkirche, wo er, der jüngste unter den fünf Geistlichen Stuttgarts, nebst seiner Gattin keineswegs vor den eindringenden Truppen des Herzogs Alba sein Heil in der Flucht suchte, sondern im Gegentheil alle Predigten und kirchlichen Handlungen übernahm, ja selbst den kaiserlichen Offizieren, welche sich zu denselben und selbst zu Disputationen mit ihm herandrängten, durch seine Festigkeit Achtung und Vertrauen abgewann. Hierauf wurde er 1548, da auch er dem eingetretenen Interim (einer Verfügung des Augsburger Reichstages, bis zum Concilsbeschluss alles beim Alten zu lassen, in Folge dessen alle Mönche wieder das Land überschwemmten) weichen musste, von Herzog Ulrich, der ihn liebgewonnen, nach Tübingen berufen und 1549 daselbst zum Diaconus ernannt. Als nach dem 1550 eingetretenen Tode des Herzogs diesem sein durch alle Tugenden ausgezeichneter Sohn Herzog Christoph (2.) in der Regierung folgte und den Freund Luther’s und Melanchthon’s, den Reformator Württemberg’s, Johann Brenz, zum Stiftspropst in Stuttgart und zu seinem vertrautesten Rathgeber in Kirchensachen gemacht hatte, liess er Andreä mit Unterstützung aus den Kirchenmitteln doctoriren (1553) und setzte ihn zugleich zum Pfarrer und Superintendenten, später General-Superintendenten in Göppingen ein.

Bald darauf leistete Andreä bei Einführung der Reformation in Nachbarländern, welche ihn dazu vom Herzoge sich erbaten, Dienste, so 1554 bei den Grafen von Oettingen und 1556 bei den Grafen von Helfenstein, bei dem Markgrafen Karl von Baden und in Rothenburg a. d. Tauber. 1555 musste Andreä den Herzog auf den Reichstag nach Regensburg und dann nach Frankfurt begleiten, und im August sandte ihn sein Fürst mit Brenz nach Worms; 1557 führte ihn der Letztgenannte in die literarische Theilnahme an der erneuten Streitigkeit über das Abendmahl ein.

Als 1561 Herzog Christoph von Catharina von Medici und dem Könige von Navarra zu der Synode zu Poissy, (9. September bis 13. Oktober 1561), welche die Schlichtung der zwischen den Päpstlichen und den Hugenotten obwaltenden Streitigkeiten bezweckte, um Ueberlassung einiger bedeutender Theologen, wohl nur um den Herzog von den französischen Reformirten und deren Unterstützung so viel als möglich abzuziehen, gebeten worden war, sandte der Herzog Andreä, sowie Dr. Beurlen und Dr. Balthasar Bidenbach unter Beigabe des in der französischen Sprache besonders bewanderten Edlen Melchior: von Salhausen dahin ab. Nach 16tägiger Reise kamen dieselben in Paris an, wo sie jedoch das Collegium bereits aufgelöst fanden. Der Bischof Montluc benutzte dabei die Gelegenheit, Andreä gegen den noch in Paris weilenden Beza aufzubringen, welcher die Anerkennung der Augsburgischen Confession verweigert habe, wozu sich doch der Cardinal Guise erboten habe. Andreä und Bidenbach übergaben dem Könige von Navarra ihr Gutachten, die Augsburgische Confession betreffend, erhielten indess keine Antwort darauf. Was Dr. Beurlin betrifft, so sollte derselbe nicht mehr in’s Vaterland zurückkehren. Nach ihrer Ankunft in Paris nemlich waren die Abgesandten in Erwartung des königlichen Befehls in das Collegium des Königs geführt worden, woselbst Dr. Beurlin mit der Einsichtnahme der dortigen, aus den besten Schriftstellern bestehenden Bibliothek beschäftigt, plötzlich von einer Krankheit überfallen wurde, welche anfangs für eine Erysipelas (Rothlauf) gehalten, sich bald als die in diesem Collegium grassirende Pest entpuppte, von deren Vorhandensein die Abgeordneten zu unterrichten man nicht für nothwendig gehalten hatte. Beurlin starb den 28. October und wurde in Paris in dem dortigen heiligen Kreuz Kirchhofe beigesetzt. 1562 nahm der Herzog auf inständiges Bitten der vier Brüder Guise, insbesondere des Cardinals von Lothringen, persönlich nebst Brenz, Andrei und Bidenbach an dem in Elsass-Zabern abzuhaltenden Colloquium Theil. Auf demselben gelobten die Guisen mit Handschlag dem Herzoge, dass sie nicht wieder gegen die Hugenotten mit Heftigkeit und Gewalt vorgehen wollten. Trotzdem richteten gerade die Guisen auf dem Rückweg das bekannte Blutbad von Vassy an, womit sie die Hugenottenkriege begannen, die in der Pariser Bluthochzeit 24./25. August 1572 und in dem darauf folgenden allgemeinen Blutbade gipfelten.

Von Tübingen aus verkehrte Andreä viel und gerne mit dem aus altadligem Geschlechte stammenden Johann von Au in Wachendorf, (dessen erste Gemahlin Rosine, Markgräfin von Baden, war), einem durch Tugend wie durch Weisheit, Frömmigkeit und Grossmüthigkeit ausgezeichneten Manne, und half ihm seine Kirche der Augsburgischen Confession gemäss reformiren. Johann von Au starb 1571, 29. October, nachdem ihm am 27. August desselben Jahres seine zweite Gattin, Maria, geb. von Neuneckh, im Tode vorangegangen war. Nach dem im Jahre 1615 erfolgten kinderlosen Ableben des Neffen des Johann von Au fiel Wachendorf an die noch heutzutage blühende Linie v. Ow – Felldorf und wurde trotz des fürsorglichen Testaments Johann’s nach und nach wieder zum Katholicismus zurückgebracht.

Der Herzog selbst lernte in der Folge Andreä immer mehr schätzen, zog ihn zu allen seinen mit Brenz auszuarbeitenden kirchlichen Aufgaben und ernannte ihn zuletzt an Stelle des verstorbenen Dr. Beurlin zum Propst und Kanzler der Universität Tübingen, ein Amt, das Andreä bis zu seinem Tode bekleidete.

1565 ging Andreä mit Abt Christoph Binder nach Hagenau, wo er den Magister und Dr. der Theologie Philipp Heerbrand als Pfarrer einsetzte; nach dessen 1575 daselbst erfolgtem Tode wurde M. Georg Volmar dahin abgesandt.

Zu wie viel Fürsten und Grafen, zu wie viel Reichsstädten Andreä, dessen Verstandes- und Weisheitsruf überall hin sich verbreitet hatte, zu Reformirung ihrer Territorien in der Folge reisen musste, zu welcher Masse von Disputationen und Gesandtschaften er von seinem Herzoge erwählt wurde, ist allgemein bekannt und folgen hier nur einige davon: Nach dem Tode Herzog Heinrich’s von Braunschweig, des alten Gegners von Luther, zu dessen Nachfolger dem Herzoge Julius 1568, zu den Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg und August von Sachsen, zu den Seestädten und nach Dänemark.

Selbst Kaiser Maximilian besprach sich einst zu Prag, 16. und 17. März 1570, privatim mit Andrei über die Concordienformel, lobte dessen Weisheit und entliess ihn huldvollst.

Im Jahre 1576 folgte Andreä, nachdem er in der Zwischenzeit im Süden Mömpelgard, Strassburg, Memmingen, Hagenau, Aalen, Lindau, Pfalz-Neuburg und Regensburg bereist und viele Disputationen daselbst gehabt hatte, abermals einer Einladung nach Kursachsen, war zugleich im Kloster Bergen bei Magdeburg ein thätiger Mitarbeiter an der Concordienformel(3.) und disputierte 1586 auf Wunsch des Herzogs Friedrich von Württemberg mit seinem alten Gegner Beza zu Mömpelgard.

Die letzte öffentliche Verhandlung Andreä’s fand statt bei dem Colloquium zu Baden 1589, wo er mit dem wieder katholisch gewordenen Dr. Johann Pistorius Niddanus, Sohn des frommen und gelehrten Hessischen Superintendenten Pistorius, disputierte. In diesem Jahre äusserte Andreä noch bei voller Gesundheit gegen seinen Freund, den Dr. und Professor der Theologie Jakob Heerbrand, sein Geist verkündige ihm, dass er nicht länger lebend bleiben werde, er habe seinen Lauf vollendet. Von Baden nach Stuttgart zurückgekehrt (1589 December), erkrankte Andreä an einem heftigen Catarrhfieber, wozu sich in der Folge noch starker Husten gesellte. Den 6. Januar des folgenden Jahres (1590) liess er den Rector und Senat der Universität zu sich bitten und bekannte ihnen, dass er mit der christlichen Lehre, welche er 44 Jahre lang mündlich und schriftlich gelehrt, fröhlich vor dem Richterstuhl Christi erscheinen wolle; dessen zum Zeugniss habe er sie zu sich gebeten, da er wohl wisse, dass Papisten und Calvinisten das Gerücht ausstreuen werden, er sei eines schrecklichen Todes gestorben. Rector und Senat nahmen dies auf Wunsch des Sterbenden zu Protokoll, und sorgten für die Veröffentlichung. Die am Schluss der Urkunde befindliche Beglaubigung lautet: Actum wie obstehet uff Zinstag, den 8. tag Januarij, gleich nach der Morgenpredig zwischen 10 und 11 Uhr. Anno 1590. In gegenwertigkeit nachfolgender hiezu beruffener Personen, benantlich: Dr. An drcas Planeri, Rectoris; Dr. Joannis Brentij; Dr. Joannis Georgij Sigwardi, parochi; Dr. Nicolai Varenbüleri, Decani Juris; Dr. Ana stasii Demleri, Jure consulti; Dr. Georgij Hambergeri, Decani Medicinae; Dr. Philippi Grameri, Medici; M. Georgij Liebleri, Decani Artium; M. Christophori Stehelin, M. Eberhardi Bidembachij, Diaconorum.

Den folgenden Tag, nachdem Andreä die Nacht theilweise im Sessel sitzend zugebracht, legte er sich um 7 Uhr Morgens zu Bette und sagte zu dem neben ihm sitzenden Pfarrer: Mein lieber Pfarrer, es muss geschieden sein, da wird nichts anders aus ferner: in manus tuas, Domine, commendo spiritum meum Als ihm hierauf sein zunächst stehender Sohn M. Johann ins Ohr rief: Ob er nun glaube, dass ihm hinfort die Krone der Gerechtigkeit beigelegt würde, sah er ihn mit weitgeöffneten Augen an, nickte ihm zu, antwortete mit stockendem Athem „Ita“ (Ja), und entschlief sanft.

So verschied im Jahre 1590 den 7. Januar Morgens zwischen 8 und 9 Uhr der Mann, welcher seit dem Tode des berühmten Reformators Johann Brenz, als das eigentliche Haupt der württembergischen Kirche galt, der sich um Württemberg wie um viele evangelische Kirchen des Auslandes ein bleibendes Verdienst erworben hatte, und stets für die Einigkeit der lutherischen Kirche thätig gewesen war, seines Alters im 62., seines Predigtamts im 44. Jahre. Die württembergische Kirchen-Verfassung, die er im Auftrag Herzog Christoph’s mit Brenz ausgearbeitet und eingeführt, ist im wesentlichen die bis heute gebliebene (Synodus, General- und Special-Superintendenzen u. S. w.). Andreä hat über 150 grossentheils deutsche Schriften verfasst.

Seine 1. Gattin war Anna, geb. Entringer, (23. Juli 1583), deren Vater im Alter von 103 Jahren starb, welcher Ehe 9 Söhne und 9 Töchter entsprossten, von denen 4 Söhne und 4 Töchter den Vater überlebten; die 2. war Regina, geb. Prenzinger von München, kinderlos 16. September 1591. Beide ruhen auf dem alten Tübinger Kirchhofe, und ihre Namen finden sich heute noch auf ein und demselben Grabstein verzeichnet. Die Kinder Andreä’s, soweit über sie Näheres bekannt ist, sind:

  1. Susanna Andrei, geb. 1552, verm. mit dem Herzoglich-Württemberg. Consistorial-Director Balthasar Eisengrein.
  2. Blandina, geb. 1557, verm. mit dem Med. Dr. Anton Schweickhardt. Derselbe war ebenfalls bei Abfassung des vorbenannten Protokolls zugegen.
  3. Maria,. geb. 1560, verm. I. mit dem Pfarrer in Mühringen J. Georg Schütz; II. mit dem Professor zu Tübingen, Johann Harpprecht.
  4. Corona, verm. mit dem Med. Johann Jacob Frei.
  5. Hedwig, geb. 1571, verm. mit dem Abt zu Lorch Johanna Magirus.
  6. Jacob, geb. 1549, Pfarrer zu Hagenloch 1569, zu Dusslingen 1573, zu Metzingen 1588, welch letztere Pfarrei er 1617 mit der des Specials M, Ulrich Pauli zu Kirchentellinsfurth vertauschte. Er starb, nachdem er noch einige Zeit vorher neben seiner Pfarrei das Decanat des Capitels zu Reutlingen bekleidet hatte, 1630, 14. September, seines Alters im 81., seines Predigtamts im 60. Jahre. Seine I. Gattin war Anna, eine Tochter des Herzoglich Württembergischen Raths in Stuttgart Caspar Beer, mit welcher er die Verlobung in dem Closter zu Denkendorf bei dem Probst Bartholomäus Käs, die Hochzeit aber zu Tübingen in der Probstei (1571, 9. Januar) gefeiert hatte; die II. Catharina, geb. Mann, welch‘ letzterer Ehe 9 Söhne und 4 Töchter entsprossen sind.
  7. David, geb. 1551, Pfarrer zu Hagenloch, zu Jesingen bei Tübingen, zu Gültstein 1576–1585, verm. I. mit Agnes Greis ( Greinsin ); II. mit Margaretha Godelmann. Er starb 1588 mit Hinterlassung von 6 Töchtern und einem Sohne Namens Jacob), welcher Pfarrer in Haslach war, und ebenfalls Nachkommen hatte.
  8. Ulrich, Med. Dr. und Physikus zu Lindau 1588, verm. mit Ursula Franz, welcher Ehe zwei Töchter entsprossen sind; diese verheiratheten sich beide mit Mitgliedern der Familie Mögling, nemlich Anna mit Med. Lic. und Physikus zu Heilbronn, nachmals in Calw, Johann David DIöyling; Regina Blandina aber mit dem Med. Dr. und Professor zu Tübingen Johann Ludwig Mögling. IX. Daniel, Curiae Württemberg. Collega 1615.
  9. Johann, Special zu Herrenberg 1589, nachmals auch Herzoglich Württembergischer Rath und Prälat zu Königsbronn 1591, verm. mit Maria, des Vogts von Herrenberg, Valentin Moser Tochter.
1. Zu Tübingen hielten, wie Crusius in seiner Schwäbischen Chronik Frankf. 1733 berichtet, zur Zeit dieser schrecklichen Seuche folgende Prediger bei ihren Schäflein aus: Dr. Theodoricus Schnepf, Pfarrer, und die drei Helfer M. Jacob Gering, M. Elias Benignus (ein Johann Benignus Professor der Beredsamkeit daselbst und 1540 Decan der philosophischen Facultät hielt 1550 die Trauerrede über Herzog Ulrich ) 1585 10. September als Pfarrer zu Nürtingen, nebst M. Michael Otto; sämmtliche verwalteten ihr Amt treulich sowohl im Lehren als Krankenbesuchen.
2.Kurz nach seinem Regierungsantritt liess der Herzog die württembergische Confession auf dem Concil zu Trient übergeben (1551), welche von den päbstlichen Legaten unterdrückt, von auswärtigen Bischöfen gesucht, auch im Herzogthum Preussen als Vorschrift des Glaubens und der Lehre aufgestellt wurde. Die württembergischen Theologen aber waren die ersten Protestanten, welche sich in Trient vernehmen liessen, gleich darauf folgten die sächsischen Abgesandten,
3. Andreä erhielt, nachdem er die Concordienformel unterschrieben, von dem Kurfürsten August von Sachsen 1580, 21. Dez., beim Abschied einen vergoldeten Pokal von 73 Loth. (Auf einer alten Copie seines Wappenbriefes bemerkt.

Oluf Peterson, der Reformator Schwedens.

Die deutsche Reformation war noch in ihrer ersten Entwickelung begriffen, als sie sich schon in Europa nach allen Seiten hin auszubreiten begann. So einleuchtend waren ihre Grundgedanken, so handgreiflich die Irrwege der bestehenden Kirche, so unwiderleglich die Gründe, auf welche sich der Angriff gegen die verderblichen Mißbräuche stützte, daß fast in einem Augenblick ein großer Theil der lateinischen Christenheit für das neue Licht gewonnen wurde. Aber sofort erhob sich auch überall der Kampf des Bestehenden, gegen den Hauch des Geistes, der über die Welt hinwehete, und nichts ist interessanter, als das großartige Schauspiel, welches dadurch unter den verschiedenen Völkern und in den Staaten Europas zur Erscheinung kam. Von Luther und Melanchthon ging die Anregung aus: in ihrer Nähe nährten sich Unzählige an den Anschauungen, denen sie Ausdruck gaben: von Wittenberg aus eilten die Einzelnen in ihr Vaterland und begannen mit Begeisterung eine Arbeit, welche großer Kräfte bedurfte, um zur Vollendung zu gelangen. Jedes Land aber, welches in den Kampf hineingezogen wurde, zeigt dem Blicke des sorgfältigen Forschers eine ganz eigenthümliche, von allen übrigen Ländern sich unterscheidende Gestalt und Farbe. Die Reformatoren waren unter einander so verschieden, wie die Lebenskreise der Völker, aus deren Mitte sie hervorgingen. An vielen Aehnlichkeiten konnte es nicht fehlen, und doch war die individuelle Verschiedenheit der bewegenden Elemente bei weitem größer und hervorragender. Die handelnden Männer folgten zwar Luthers Rathe und Beispiel, wußten sich mit seinen Sätzen in Uebereinstimmung, und gehen doch im Vergleich mit Luther und mit einander auf sehr verschiedenen Bahnen.

Den größten Einfluß übte Deutschland auf Schweden. Wie das stammverwandte Scandinavien überhaupt, so nahm insbesondere Schweden die lutherische Fassung der Reformation in sich auf und hat sie bis auf den heutigen Tag energisch festgehalten, ja ist durch sie groß und welthistorisch bedeutend geworden: und doch wie ganz anders ist der Gang der Ereignisse, durch welche der evangelische Glaube den Sieg davontrug, dort als hier!

Sehr einfach ist der Anfang reformatorischer Thätigkeit in jenen Gegenden. Zu Oerobro in der Provinz Nerike lebte in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts ein Schmiedemeister, Peter Olufson, dem zwei Söhne geboren wurden, 1497 gleichzeitig mit Melanchthon Oluf, 1499 Lorenz Peterson, auch wohl Olauf Petri und Laurentius Petri genannt. Vater und Mutter (Karin Lorenz Tochter) waren einfache, im Sinne jener Zeit fromme, treue und tüchtige Menschen, denen das Wohl ihrer beiden Söhne außerordentlich am Herzen lag. Da diese heranwuchsen, wurden sie Mönchen des Carmeliterordens übergeben, der sich damals dort den Ruf besonderer Gelehrsamkeit erworben hatte. Rasch eigneten sie sich die Elemente des Unterrichts an, ragten weit über ihre Altersgenossen hinaus und wurden für den geistlichen Stand bestimmt. Die Eltern wünschten, daß sie zum Zweck ihrer theologischen Ausbildung nach Rom gingen und in einer von der schwedischen Heiligen Brigitte (gestorben zu Rom 1373 und 1391 heilig gesprochen) daselbst gestifteten, für schwedische Jünglinge eingerichteten Anstalt weiter erzogen würden. Dorthin oder nach Paris, wo ähnliche Institute zu Gunsten Schwedens bestanden, pflegte die Jugend ihre Schritte zu lenken, um mit dem Glanz, den der Besuch dieser Städte gewährte, geschmückt, in die Heimath zurückzukehren und eine bedeutende Wirksamkeit zu erhalten. Die Brüder aber wurden auf einen Lebensweg von ganz entgegengesetzter Richtung geführt. Denn kaum hatten sie Schweden verlassen und die Grenzen Deutschlands überschritten, so hörten sie von Luther und begaben sich nach Wittenberg, wo sie Ostern 1515 ankamen und ohne Zögern ihre theologischen Studien begannen. Die jungen Männer waren äußerst willkommen und wurden auf das freundlichste aufgenommen: mit einem günstigen Zeugniß trug man nach einer Prüfung ,ihre Namen in die Matrikel ein. Luther war in seiner ersten Epoche, in welcher er sich von Jahr zu Jahr innerlich mehr zum Ergreifen seines großen, reformatorischen Berufes entfaltete. Oluf hörte mit seinem Bruder Luthers Vorlesungen über das alte und neue Testament, fand Aufnahme im Augustinerkloster, und stellte sich ganz unter die Aufsicht seines Meisters. Bald gewann er dessen volles Vertrauen. Als Luther im Jahr 1516 von J. Staupitz zum Verweser des Augustinerordens ernannt wurde, begleitete ihn Oluf bei seinem Besuche der Augustinerklöster in Meißen und Thüringen und nahm als Augenzeuge an der Thätigkeit Antheil, welche Luther bei dieser Gelegenheit zu übernehmen hatte. Hierdurch wurde er immer tiefer in Luthers Denk- und Lebensweise eingeführt, lernte die Mängel der Klöster aus eigner Anschauung kennen und sah, mit welchen Mitteln sie gehoben werden könnten. Co ward es ihm leicht, sich ganz nach dem Muster seines verehrten Lehrers zu bilden. Zugleich nahm er Theil an Allem, was damals Luthers Seele beschäftigte und durchdrang sich mit voller Erkenntniß der christlichen Wahrheit. Er war gegenwärtig, als Luther im Jahr 1517 den muthigen Entschluß faßte, sich dem Ablaßhandel entgegenzusetzen, und zur Erklärung der Kraft des Ablasses seine Thesen anschlug, und an den Kämpfen, welche dies herbeiführte. Im Februar 1518 wurde er im 21., sein Bruder im 19. Lebensjahre zum Doctor der Philosophie promovirt. Im Sommer desselben Jahres (im August) erschien der nicht minder jugendliche Philipp Melanchthon als Professor in Wittenberg und gab der hier waltenden Richtung einen neuen Schwung; die Brüder waren unter seinen ersten Zuhörern, und ließen sich von ihm in die Kenntniß der griechischen Sprache und in die Philosophie einführen; und wenn Luther sagte: „an der Universität ist man fleißig, wie es die Ameisen sind“, so waren auch die jungen Schweden mit in dieses Lob eingeschlossen. Alles führte zuletzt zum tieferen Verständniß der heiligen Schrift: und darin lag der vornehmste Gewinn, den sie aus Wittenberg mit hinwegnahmen, als sie im Jahr 1519 nicht ohne Luthers Rath die Universität verließen und in die Heimath zurückeilten.

In Schweden hatten sich, während Oluf und sein Bruder sich in Wittenberg aufhielten, wichtige Ereignisse vollzogen. Christian der Zweite, bereits im Besitz von Dänemark und Norwegen, wollte die Union wieder aufrichten, forderte auch die Krone von Schweden, war aber am 22. Julius 1518 von dem Reichsverweser Eten Sture in einer großen Schlacht in der Nähe von Stockholm geschlagen worden und rüstete sich zu einem neuen Einfall. Das ganze Jahr 1519 ward mit den Vorbereitungen ausgefüllt. Zugleich hatte der Papst Bann und Interdict über Schweden verhängt und Christian beauftragt, beides mit den Waffen in der Hand in Vollzug zu bringen. Gerade während dieser Wirren eilte Oluf mit Lorenz nach Hause zurück. Von Lübeck aus ging er zur See, wurde aber durch einen Sturm verschlagen und wendete sich zunächst nach Wisby auf Gothland, wo er sofort Gelegenheit fand, in Luthers Sinne zu wirken. Eben war Antonellus Arcimboldus von seinem Bruder, dem päpstlichen Legaten Angelius Arcimboldus, dorthin geschickt worden, um Ablaßhandel zu treiben. Oluf belehrte sogleich das Volk und den Admiral Norby über das Verderbliche und Eigennützige dieses Handels und hatte den Erfolg, daß der Ablaßkrämer ausgewiesen wurde. Norby ließ ihm zugleich das gesammelte Geld wieder abnehmen, bewog aber eben dadurch Oluf, dem der Eigennutz zuwider war, sich von ihm loszumachen. Nun eilte er nach Strengnäs, wo der alte Bischof Matthias ihn mit großer Freude aufnahm und bald zum Canonicus und Archidiaconus seiner Stiftskirche ernannte. Damit war Olufs Bildungsepoche beendet; er hatte nun eine amtliche Wirksamkeit gewonnen, in welcher er, was in ihm sei, zeigen und seinen Ueberzeugungen Bahn brechen konnte. Mit jugendlichem Eifer und Hingabe aller seiner Kräfte schritt er unverweilt zur That und wendete sich zunächst an die jungen Präbendaten und Chorpriester, denen er Vorlesungen über die Bibel hielt, welche mit großem Beifall aufgenommen wurden und von allen Seiten Schüler um ihn sammelten. Eine öffentliche Zwistigkeit mit dem Dechanten. der Stiftskirche ward ihm zu großem Gewinn. Der größte Vortheil, den er für sich und sein Vaterland hier erreichte, war die Freundschaft und innige Uebereinstimmung des Archidiaconus Anderson, eines Mannes von fast gleichem Alter, der sich der neuen Lehre und ihm unbedingt und für das ganze Leben anschloß und mit seinen Lebensanschauungen und ausgebreiteten Kenntnissen der guten Sache die kräftigste Stütze wurde. Anderson, Oluf und Lorenz Petersen, mit einander vereinigt, sind die Träger der Schwedischen Reformation geworden.

Zuerst wurde durch sie Strengnäs ein Sitz reformatorischen Geistes, der sich mit reißender Schnelligkeit über Stadt und Umgegend ausbreitete und auch in die weiter entfernten Provinzen vordrang. Um aber Olufs ganzes Talent für die kirchliche Bewegung in Thätigkeit zu setzen, ernannte ihn Matthias zugleich zum Rector der Stiftsschule, wobei er Andersons Rathe folgte. Nach allen Seiten hin ergab sich daraus eine außerordentliche Wirksamkeit: Oluf konnte nun mit der Jugend beginnen und allmählich einen immer tieferen Einfluß auf seine ganze Provinz und sein Vaterland üben.

Ehe dies aber geschah, kamen Oluf und sein Bruder und die ganze neue evangelische Richtung in eine sehr große Gefahr. Christian II. hatte indeß im Anfange des Jahres 1520 seinen Einfall in Schweden wiederholt, seine Gegner auseinander getrieben und die Hauptstadt eingenommen. Unter den friedlichsten und freundlichsten Zusagen lud er die Vornehmsten zur Krönung nach Stockholm, entschlossen eine blutige Rache zu nehmen, zu welcher der Erzbischof Gustav Trolle seinen Rath lieh. Am 8. November 1520 war es, am dritten Tage der Krönungsfeierlichkeiten, als gegen Mittag die Bürger auf den Marktplatz berufen wurden, wo 2 Bischöfe, 12 weltliche Herren und viele Bürger hingerichtet werden sollten. Auch Oluf, als er hörte, daß dem Bischof Matthias, obwohl er fast am entschiedensten für Christian in Schweden gewirkt hatte, der gewaltsame Tod dort bevorstehe, war nach dem Orte der Hinrichtung geeilt und brach bei dem Anblick der Leiche seines geliebten Gönners in die Worte aus: „o welch‘ eine tyrannische, unmenschliche That ist es doch, daß man einen frommen Bischof so behandelt.“ Sofort wurde auch er mit seinem Bruder ergriffen und wäre hingerichtet worden, wenn nicht Eduard Leuf, der mit beiden in Wittenberg umgegangen war, plötzlich ausgerufen hätte: „Schont doch dieser jungen Leute, welche nicht Schweden, sondern Deutsche sind; schont doch ihrer um Gottes willen.“ So gerettet, kehrte er nach Strengnäs zurück, auch dadurch in dem Bewußtsein gestärkt, daß Gottes Obhut ihm sichtbar zu Theil geworden sei.

Der blutige Act zu Stockholm erwarb dem König Christian den Namen eines grausamen Tyrannen, dem Erzbischof G. Trolle unter allen Zeitgenossen den größten und verdientesten Haß seiner Nation, dem schwedischen Staate und Volke aber durch Gustav Erichsson, jenen „edlen, schönen, verständigen, hurtigen jungen Mann, den Gott das Vaterland zu retten erweckte,“ die Befreiung vom dänischen Joche. Denn nach vielen das Land furchtbar verwüstenden Kämpfen wurde Gustav Wasa „durch Gott und Schwedens Bauernschaft“ am 7. Juni 1523 auf dem Reichstage zu Strengnäs zum König ausgerufen, und eine neue glücklichere Epoche fing mit ihm an, in welcher allmählich die alten Wunden geheilt und der Neubau der evangelischen Kirche freudig unternommen und fortgeführt wurde.

Zwar die Kämpfe hörten nicht auf, aber an die Stelle des äußern Kriegs traten die inneren Streitigkeiten, deren glückliche Lösung ächte Weisheit des neuen Regenten, des Erwählten des Volkes, erheischte. Luther hatte in Deutschland nichts so eifrig zu verhüten getrachtet, als die erhobene Opposition vom geistlichen Gebiete auf die politischen Verhältnisse hinübertragen zu lassen; in Schweden war es schon vom ersten Anfange an nicht möglich, das Religiöse nur aus eignen Antrieben zu entwickeln und von politischen Bestrebungen ganz fern zu halten. War es doch der König selbst, der sich in den Mittelpunkt aller Interessen, der politischen wie der religiösen stellte, und beide mit einander zum Wohle des Reiches zu heben und die verschiedenen Forderungen mit einander auszugleichen unternahm. Seine Erlasse und Reden an die Nation umfassen eben so häufig die Angelegenheiten der Religion, wie des Staates: durch das, was er als König erstrebte, hat er anfangs die katholischen, später die evangelischen geistlichen Würdenträger verletzt und zu Klagen veranlaßt, über welche er sich öffentlich rechtfertigen zu müssen glaubte.

Die Predigten Oluf Petersens in Strengnäs während des Reichstags, welcher ihm die Königswürde decretirte, erregten die allgemeine Aufmerksamkeit der Freunde und Gegner. Gustav schloß sich den Ersteren an und begann das, wofür Oluf und Lorenz nebst Anderson gestrebt hatten, jetzt zu öffentlicher, staatlicher Anerkennung zu bringen. Er ernannte Anderson zu seinem Kanzler, zu Matthias Nachfolger, und nachdem er auch Luthers Urtheil über sie gefordert hatte, Oluf zum Prediger in Stockholm, Lorenz zum Professor der Theologie zu Upsala. Alle drei arbeiteten mit rastlosem Eifer, jeder suchte seine Stellung für die großen Ziele der Nation so fruchtbar als möglich zu machen. Anderson gab eine Uebersetzung des neuen Testaments mit Benutzung des Lutherschen Vorganges heraus; sie erschien schon 1526 und förderte die Reformation Schwedens in ausgezeichneter Weise, weil nun die Leser sich von der Wahrheit der Predigten und Vorträge Olufs aus eigener Lectüre zu überzeugen vermochten. Erst später seit dem Jahre 1549 ließen Lorenz und sein Bruder das Buch Hiob und die andern alttestamentlichen Schriften folgen.

Mit großer Behutsamkeit mußten die Begründer der evangelischen Kirche zu Werke gehen, weil theils das Volk an die Gebräuche und Formen des katholischen Gottesdienstes gebunden war, theils die eifrigsten Geistlichen der Gegenpartei, welche zugleich zum Theil Häupter der Aristokratie blieben, ihre Aemter behielten und bei Priestern und Laien großen Einfluß behaupteten. Daher behielt Gustav persönlich einen großen Theil der katholischen Ceremonien bei, und verfuhr so, daß er alle Extravaganzen zu unterdrücken bemüht war. Er setzte sich jungen Predigern entgegen, welche im Staate hochmüthig und unvorsichtig verfuhren, und mahnte sie, überall die Grenzen der Wohlanständigkeit und sittlichen Haltung inne zu halten. Als aber 1524 Melchior Ring und Knipperdolling den Unfug der deutschen Wiedertäufer nach Schweden zu übertragen versuchten, wurden sie nicht nur aus dem Reiche verwiesen, sondern auch Oluf, der ihnen gegenüber geschwiegen hatte, deswegen ernstlich zur Rede gesetzt.

Deßungeachtet schritt Alles rasch vorwärts. Die drei Freunde, in der Nähe des Königs lebend und unter einander eng verbunden, erregten zwar den Neid und die Feindseligkeit ihrer Gegner nun um so mehr, aber der Schutz des Königs stand ihnen zur Seite, und ihr eigner Muth wuchs in hohem Grade; noch ein andrer Schüler der Universität Wittenberg, Michael Langerben wurde zum Prediger in Stockholm ernannt und arbeitete für die gute Sache. Ihr Vertrauen auf die Erfolge ihrer Arbeiten bekundeten sie auch durch ihr Siegel, auf welchem eine brennende Lampe das Licht der evangelischen Wahrheit sinnbildlich darstellte. Auch ließ der König selbst auf seinen Reisen durch das Land keine Gelegenheit vorübergehen, ohne mit Weisheit und Mäßigung seine Geistlichen zur Sanftmuth zu ermahnen und den innern Frieden zu empfehlen. Ende des Jahres 1524 ging er nach Upsala, nahm Oluf mit sich, und veranlaßte ein feierliches Gespräch zwischen ihm und dem Vertreter der entgegengesetzten Richtung Dr. Galle, für welches Gustav die Fragen, welche besprochen werden sollten, selbst ausgewählt hatte. Die Redenden wurden zuletzt so heftig gegen einander, daß der König das Gespräch abbrechen ließ; aber Oluf bezeugte er seinen Beifall, weil er alle seine Ansichten durch die heilige Schrift begründete, während sein Gegner immer auf Tradition und Kirchenväter zurückkam. Schriftliche Verhandlungen über die wichtigsten Fragen jener Zeit traten nun an die Stelle der mündlichen Besprechungen und förderten das Werk der Reformation. Im Jahr 1525 wagte es Oluf, sich zu verheirathen um durch sein eignes Beispiel zur Aufhebung des Cölibats das Seine beizutragen. Der König selbst war bei der Trauung gegenwärtig, und vertheidigte den Schritt in einem Briefe an den Bischof Bräsch, der ihn deswegen getadelt hatte, indem er die Ehe eine göttliche Ordnung für Alle nannte und die Priesterehe als rechtmäßig erkannte. Ein Reichstag zu Westeräs im Sommer 1527 schien anfangs für die Reformation einen ungünstigen Verlauf zu nehmen; der König erklärte, abdanken zu wollen, und führte dadurch eine entschiedene Aenderung der Stimmung herbei. Ein Rezeß kam zu Stande, der alles in die Hände des Königs legte, und ihm die Kirchengüter völlig überließ. Die feindlichen Bischöfe und Geistlichen verließen das Land; Oluf und seine Freunde hatten den Haupttheil ihrer Wirksamkeit in Schweden erreicht. Ein neuernannter Erzbischof vollzog feierlich in der Domkirche zu Upsala die Krönung des Königs (11. Januar 1529); Oluf verrichtete dabei das Amt des Herolds und rief in der Kirche Gustav zum gesalbten König des schwedischen Reiches aus.

Die reformatorische Wirksamkeit Olufs nahm seitdem immer größere Dimensionen an; in vielen wichtigen Schriften kämpfte er für die großen Ziele, welche sein rastloser Eifer verfolgte, konnte aber auf dem Concil zu Oerebro, dessen Vorsitzender Lorenz war, nicht so viel erreichen, als er wünschte, und mußte geschehen lassen, daß ein Theil der alten Gebräuche der päpstlichen Kirche vorläufig festgehalten wurde, in einer Weise jedoch und mit andern Nestimmungen, welche das Bestehen der neuen Lehre für die Zukunft sicherten. Den Beifall des Königs erhielt er sich so weit, daß dieser ihm 1531 das Reichssiegel übergab und ihn zu den geheimsten Staatsgeschäften zog, daß er ihm die Oberaufsicht über die Schule in Stockholm übertrug und ihn aufforderte, für die Bildung von Lehrern zu sorgen, während sein Bruder Lorenz die Stelle eines Erzbischofs in Upsala erhielt. Immer großartiger und erfolgreicher gestaltete sich dadurch seine Einwirkung auf die Jugend und die Studien: er übersetzte auch einen Theil der Bibel und schrieb sehr wichtige historische Werte.

Damit hatte er seine höchste Stuft erlangt: seine historischen Schriften entzogen ihm die Gunst seines Königs, dem er eigennützige Verwendung der Kirchengüter zum Vorwurf machte. Er fiel 1538 in Ungnade, verlor seinen Einfluß, beging immer größere Fehler, zog sich eine schwere Anklage zu, und ward, weil er höchst gefährliche, verrätherische Anschläge gegen den König gekannt und verschwiegen hatte, im Jahr 1539 von einem zu diesem Zweck niedergesetzten Gerichtshofe unter dem Vorsitz seines eignen Bruders Lorenz, sammt seinem Freunde Anderson zum Tode verurtheilt, vom König aber begnadigt. So weit kam er durch jene unselige Verflechtung in politische Händel, welche in Schweden in jener Zeit eingetreten war. Deutliche Zeichen großer Zuneigung, in welcher Oluf bei einem großen Theil der Nation stand, milderten für ihn die Schwere der Ereignisse. Doch kehrte er nicht wieder zu seiner vorigen Freudigkeit zurück. Sein geistliches Amt erhielt er im Jahr 1543 wieder und hielt am 7. April eine rührende und ergreifende Predigt über sein Mißgeschick. In diesem Amte wirkte er segensreich fort, bis er am 7. April 1552, „nach einer christlichen und erbaulichen Zubereitung und dem ausdrücklichen Bekenntniß des Glaubens an Jesum Christum,“ sein Leben beschloß. Auch der König war über diesen Todesfall seht betrübt, die Gemeinde beweinte ihn und setzte ihm in der Nicolaikirche ein steinernes Grabmal. Der Kummer über die gerechte Mißstimmung des Königs hatte seinem Leben ein frühes Ende bereitet. Die Größe seiner Schuld kann nicht mit Sicherheit aus den vorhandenen Nachrichten entnommen werden.

Unter unsäglichen Mühen und Arbeiten hatte im neunten Jahrhundert der Franke Ansgar, der Apostel des Nordens, die christliche Kirche in Schweden gegründet: nicht mindere Gefahren hat im sechzehnten Jahrhundert der Schwede Oluf bestanden, um an die Stelle der völlig verwüsteten, in Unsittlichkeit und Hochmuth versunkenen römisch-katholischen Kirche in seinem Vaterlande die evangelische zu setzen und dadurch dem reinen Worte Gottes eine Stätte zu bereiten. Beider Männer Heldenmut!) und Gotteskraft verdienen es, daß ihr Andenken immer von neuem unter uns belebt und angeregt werde. Oluf hat mit den reinsten Absichten und mit rastlosem Eifer sein Werk begonnen und durchgeführt: hat er zuletzt sich selbst wieder hierarchischen Zielen zugewendet, und durch Unvorsichtigkeit und Heftigkeit, wohl auch durch Selbstüberschätzung mannichfache Fehler begangen, so hat er dafür auch hart gebüßt. Schweden wird ihn für immer hoch und werth halten, weil er als Patriot für seine Nation gearbeitet, durch seine Schriften Schwedens Sprache, durch seine Kirchenlieder Schwedens Poesie erfolgreich gefördert, die Kenntniß seiner Geschichte gemehrt, die Gesetzgebung und die gelehrten Studien gehoben, und weil er als Christ in Luthers Sinne dem Volke lange vorgeleuchtet und es in eine Bahn geleitet hat, welche ihm später durch Gustav Adolf welthistorische Bedeutung verschaffte.

F. Ranke in Berlin.

John Knox

John Knox, der berühmte schottische Reformator, war im Jahre 1505 nahe bei Haddington, der Hauptstadt der Grafschaft Ost-Lothian in Schottland geboren. Sein Vater stammte, obgleich selbst nicht von Stande, aus einer alten ehrenwerthen Familie, und konnte seinem Sohne eine klassische Erziehung ertheilen. Als der junge Knox die Elemente des Unterrichts auf der lateinischen Schule zu Haddington erlernt hatte, wurde er im Jahre 1521 auf die Universität Glasgow geschickt, wo er die Vorlesungen des gelehrten John Mair oder Major, zu gleicher Zeit mit dem berühmten Schüler Georg Buchanan genoß. Von seinem frühern Lebensabschnitt oder dem Vorgange, der ihn zur Annahme des protestantischen Glaubens führte, ist wenig bekannt. Um das Jahr 1530 trat er in den Priesterstand, und er scheint auf einige Zeit mit einem der Klöster seines Geburtsorts in Verbindung gestanden zu haben. Doch entsagte er bald, gleich seinem Mitschüler Buchanan, den Spitzfindigkeiten der scholastischen Theologie, und indem er sich auf das Studium der Bibel, wie die Schriften eines Hieronymus und Augustinus legte, öffnete sich sein Geist allmälig zur Aufnahme der Lehrsätze vom Heil, deren Echo sein Vaterland von Deutschland her erreicht, und welche sein jugendlicher und edler Landsmann Patrik Hamilton unlängst mit seinem Blute besiegelt hatte. In seinen Vorlesungen zu St. Andreas, wo jener Märtyrer in den Flammen umgekommen war, verrieth unser Reformator zuerst die Aenderung seiner Gesinnungen. Durch seine Abtrünnigkeit gereizt, denuncirte ihn die Geistlichkeit als einen Ketzer und entsetzte ihn seines Priesteramts, und er entging dem Meuchelmorde nur durch eine rechtzeitige Flucht vor der Rache des Kardinals Beaton, der die Mörder ihm aufzulauern bestellte. Auf einige Zeit fand er Schutz in der Familie Douglas von Langniddric, wo er als Lehrer angenommen war. In der nächsten Zeit treffen wir Knox in Begleitung von Georg Wishart, einem andern Märtyrer der Reformation, und das Schwert tragen, das stets vor ihm hergeführt wurde, seit auf ihn ein Mordanfall in Dundee gemacht war. In der Nacht, als jener ehrwürdige Märtyrer auf Befehl des Kardinals verhaftet wurde, ordnete er an, daß das Schwert seinem eifrigen Begleiter abgenommen würde, und auf Knoxens Bitte um Erlaubniß, ihm folgen zu dürfen, sagte der gute Mann: „Nein, kehre zu Deinen Kindern zurück (er meinte seine Schüler) und Gott segne Dich; Einer ist Opfer genug.“

Das grausame Märtyrerthum eines Mannes, den er als einen geistlichen Vater verehrte, und den er um seines liebenswürdigen Charakters willen wie einen Bruder liebte, muß einen tiefen Eindruck auf die glühende Seele unsers Reformators hervorgebracht haben. Wir dürfen dennoch nicht überrascht sein, wenn wir erfahren, daß er – da er sein eigenes Leben durch seine blutdürstigen Feinde in unaufhörlicher Gefahr sah – nach der Ermordung des Kardinals Beaton seine Zuflucht nach dem Kastell von St. Andreas nahm, welches damals von den Mördern für einen gegen die Verfolgungen der päpstlichen Klerisei gesicherten Ort gehalten wurde. Während er in die Festung eingeschlossen war, ereignete sich ein Vorfall, der seiner ganzen zukünftigen Geschichte eine wichtige Wendung gab. Bisher hatte Knoxens Auftreten in Bezug auf die verbesserte Lehre einen Privat-Charakter gehabt, indem es in Auslegungen der Bibel vor seinen Schülern und einigen wenigen Nachbarn bestand. Er hatte nie nach dem Amte eines öffentlichen Predigers gestrebt, auch sah er seinen Priesterstand nicht als eine Berechtigung an, ohne eine regelrechte Berufung des christlichen Volkes sich den Verrichtungen des evangelischen Amtes zu unterziehen. Diesen Ruf empfing er indessen nun in der unerwartetsten Weise. Unter jenen Protestanten, die im Kastell von St. Andreas Zuflucht gesucht hatten, waren Sir David Lindsay of the Mount, der Dichter und Satyriker der Klerisei, Henry Balnaves, einer jener derben Barone, welche die Reformation in Schottland mit Feder und Schwert stützten, und Mr. John Rough, ein berühmter reformirter Prediger. Diese Männer erkannten auf ein Mal an der Art und Weise Knoxens in seinen Katechisationen die Keime jener Energie und Beredtsamkeit populärer Ansprache, worin zu glänzen ihm bestimmt war. Sie drängten ihn, das Predigtamt zu übernehmen. Doch aus Mißtrauen auf seine eigene Kraft, und aus hoher Meinung über die Wichtigkeit des Amtes, lehnte er standhaft ihr Anliegen ab. Zuletzt beschlossen sie, nach gegenseitigem Uebereinkommen und ohne ihn mit ihrer Absicht bekannt zu machen, ihn im Sturm zu nehmen.

Als Rough an dem bestimmten Tage eine Predigt über die Erwählung der Geistlichen gehalten hatte, worin er das Recht einer christlichen Gemeinde, wie klein sie auch sein möchte, ihren eigenen Prediger zu wählen, aufrecht hielt, wandte er sich plötzlich zu Knox und sagte: „Bruder, Du mußt nicht böse sein, wenn ich nun meinen Auftrag ausspreche, welcher lautet: Im Namen Gottes und seines Sohnes Jesu Christi und im Namen Aller die gegenwärtig Dich durch meinen Mund berufen, befehle ich Dir, daß Du nicht den heiligen Ruf verweigerst, sondern das öffentliche Predigtamt annimmst, so wahr Du erstrebst den Ruhm Gottes, das Wachsthum des Reiches Christi, die Erbauung Deiner Brüder und meinen Trost, der ich wie Du wohl weißt der Menge meiner Arbeiten erliege, ja so wahr Du Gottes schweres Mißfallen zu vermeiden suchst und verlangst, daß er seine Gnade über Dir mehre.“ Dann fragte er, indem er sich an die Gemeinde wandte: „War das nicht Euer Auftrag an mich? und billigt Ihr nicht diese Berufung?“ „Er war’s, und wir billigen sie“, war die Antwort. Tief von der Scene ergriffen, machte Knox einen Versuch, die Zuhörer anzureden, doch seine Gefühle überwältigten ihn, er brach in Thränen aus, und stürzte aus der Kirche. Wenn auch nicht ohne Furcht und Zittern, nahm er doch das ihm so feierlich und unerwartet auferlegte Amt an. An dem festgesetzten Tage erschien er auf der Kanzel, und legte seinen ersten Text aus Daniel 7, 25: „Und er wird den Höchsten lästern, und die Heiligen des Höchsten verstören, und wird sich unterstehen Zeit und Gesetz zu ändern“, ein Thema, welches zugleich das Licht zeigte, worin er das Papstthum betrachtete, und die Zuversicht, womit er seinen Sturz voraussah.

Die geistlichen Arbeiten, in welche Knox so unerwartet eingeführt war, wurden eben so plötzlich unterbrochen. Das Kastell von St. Andreas wurde bald darnach von einer französischen Flotte belagert, und da die Garnison genöthigt worden war, zu capituliren, wurden Alle darin, Knox mit einbegriffen, zu Kriegsgefangenen gemacht, nach Frankreich hinüber geführt, und an die Galeeren abgeliefert. Dort waren sie mit Ketten beladen allen Beschimpfungen ausgesetzt, womit die Papisten die, welche sie Ketzer nannten, zu behandeln pflegten. Endlich wurden sie, nach einer Gefangenschaft von 19 Monaten, während welcher er und seine Gefährten allen Arten von Versuchungen und Drohungen, ihre Religion zu ändern, widerstanden, durch die Fürsprache Eduards VI. befreit, im Februar 1549: wo Knox nach England herüber kam, und sogleich von jenem vielgeliebten und vielbeklagten Monarchen als einer seiner Prediger angestellt wurde. In dieser Eigenschaft diente er zwei Jahre in Berwick und Newcastle, und als er in den zwei folgenden nach London berufen war, wurde er vom Geheimen Rath zu einem der sechs Kaplane des Königs bestellt. Er wurde sogar für das Bisthum von Rochester ernannt, doch diese Beförderung lehnte er ab. Grade in dieser Zeit und vor seinem Besuch in Genf war Knox von Herzen Presbyterianer. Nach einem Aufenthalt in England von 5 Jahren, in welcher Zeit er Cranmer in der religiösen und liturgischen Kirchenverbesserung half, verheirathete er sich mit Margarethe Bowes, einer Dame von guter Familie, mit welcher er während seines Aufenthalts in Berwick bekannt geworden war. –

Doch der Tod des trefflichen Königs Eduard, und die Thronbesteigung der blutdürstigen und bigotten Maria machte es ihm bald nothwendig für seine Sicherheit zu sorgen. Im Januar 1554 finden wir ihn in Genf, wo er mit Calvin eine Freundschaft schloß, die bis zum Tode jenes ausgezeichneten Reformators dauerte. „Obgleich ich mich beim Beginn dieses Kampfes“, schrieb er in dieser Zeit, „in der Rolle des verzagten und schwachen Soldaten gezeigt habe, (ich stelle die Ursache Gott anheim), ist doch mein Gebet, daß ich möge wieder in den Kampf zurückgeführt werden.“ Am Ende dieses Jahres erhielt er einen Ruf zum Diener des Wortes an der englischen Gemeinde in Frankfurt am Main; doch in Folge der Streitigkeiten, welche dort hinsichtlich des Gebrauchs der englischen Liturgie und verschiedener Ceremonien entstanden, war er gezwungen, sein Amt zu verlassen, und im nächsten Jahre sehen wir ihn an den Ufern Schottlands in den Kampf wieder zurückgeführt. Sein Aufenthalt in seinem Vaterlande war nur kurz zu dieser Zeit; er fand es noch seufzend unter Verfolgung, doch noch nicht reif für die Erlösung; und da er eine Einladung von seinen verbannten Brüdern nach Genf erhalten hatte, kehrte er im Juli 1556 nach dieser Stadt zurück, und blieb dort bis zum Anfang des Jahres 1559. Obgleich also von seinem Vaterlande getrennt, sehnte sich sein Herz nach seinen Landsleuten, und er gebrauchte seine Feder, sie unter ihren Prüfungen zu trösten, und zur Ausdauer in der Vertheidigung ihrer Religion zu ermuthigen. In dieser Zeit veröffentlichte er seinen berühmten „Ersten Schall der Trompete gegen das gräßliche Weiber-Regiment“, welcher veranlaßt war durch die Tyrannei der „blutigen Maria“, wie die Königin von England wegen der Menge von Hinrichtungen unter ihrem Regiment genannt wurde. Die freien, in jener Abhandlung enthaltenen Gesinnungen gegen weibliche Regierung setzten ihren Verfasser beträchtlichen Wirren aus, während der folgenden Herrschaft Elisabeths in England und Maria’s in Schottland. Als indessen endlich der Tod der Maria von England und die Nachfolge der protestantischen Elisabeth den Reformirten glänzendere Aussichten aufschloß, nahm Knox einen letzten Abschied von Genf und schiffte sich im Januar 1559 nach seinem Vaterlande ein. Er fand Schottland vorbereitet, Roms Joch abzuschütteln, welches inzwischen doch der ganzen Nation verhaßt geworden war. Der Luxus, die Verworfenheit und die Unterdrückungen der Klerisei hatten ihr das ganze Volk entfremdet; ihr Ehrgeiz und Hochmuth hatten den Groll der Vornehmen erregt, eine Reihe von Grausamkeiten gegen die Protestanten, die durch das Verbrennen eines alten Mannes, Namens Walter Mill, bei lebendigem Leibe, gekrönt wurden, hatten nur Sympathie für die Dulder erweckt, und die Vorschläge der Königin Regentin, Maria von Guise, die Protestanten durch Verstärkung aus Frankreich einzuschüchtern, regten ihrerseits die alte Tapferkeit und Vaterlandsliebe Schottlands an. Nachdem Knox als Prediger in Edinburg eingeführt war, predigte er einen Kreuzzug gegen das Papstthum in verschiedenen bedeutenden Städten. Seine männliche und nachdrückliche Predigt brachte den staunenswerthesten Eindruck hervor, das Volk stand in Masse auf, riß die Bilder in den Kirchen nieder und verwüstete oder zerstörte an einigen Stellen, über Wunsch und Absicht des Reformators hinausgehend, verschiedene Klöster. Endlich versammelte sich beim Tode der Königin Regentin das schottische Parlament am 1. August 1560 und forderte, die Religions-Angelegenheit aufnehmend, von den Reformatoren ein Bekenntniß ihres Glaubens in Gegensatz zu den Irrthümern des Papstthums. Das wurde schleunigst durch Knox und seine Gehülfen abgefaßt, und am 17. desselben Monats, da keine Widerrede von den päpstlichen Bischöfen gethan war, wurde das Glaubensbekenntniß vom Parlament gebilligt und die protestantische Religion förmlich eingeführt. In Anschluß daran bereitete Knox ein Werk vor: „Das Buch der Disciplin“, welches die Absicht hatte, die Verfassung der reformirten Kirche Schottlands zu regeln. Der Grundriß oder Plan des in diesem Buche vorgeschriebenen Regiments war entschieden presbyterianisch, und hatte eine genaue Aehnlichkeit mit dem der Genfer und französischen Kirchen, nur mit solchen Abänderungen, wie sie erforderlich waren, um es einer nationalen Anstalt zueignen zu können. Kein höheres Amt wurde über dem Pastorate anerkannt, obgleich zuerst und bis die Presbyterien errichtet worden waren, eine Klasse von Männern, Superintendenten genannt, zur Pflanzung der Kirche und zur allgemeinen Beaufsichtigung großer Districte bestimmt wurde, und ein anderer Kirchenbeamter in dem Doktor oder Lehrer der Theologie anerkannt wurde. Der Pastor war durch eine Körperschaft ordnender Aeltesten im Kirchenregiment und durch Diakonen in der Verwaltung der Einkünfte und Almosen unterstützt. Alle diese Würdenträger wurden nach der Regel eingesetzt, nachdem sie vom Volk erwählt waren. Die Gerichtshöfe waren die Session, das Presbyterium, die Synode und die General-Versammlung. Der öffentliche Gottesdienst wurde nach dem Buche der Gemeinde-Ordnung gehalten, das nach dem Muster der Genfer verfaßt war. Die nun entworfene Verfassung war, obgleich von der Kirche angenommen, doch nicht förmlich von der Civil-Gewalt anerkannt. Und das war dem Geize des Adels und der Vornehmen zuzuschreiben, die gegen die Anwendung der kirchlichen Einkünfte für die Sache der Religion und öffentlichen Erziehung, wie Knox sie in passendem Verhältniß vorgeschlagen hatte, Einwand erhoben.

Die Ankunft der Königin Maria von Schottland zu Edinburg im August 1561 verwickelte unsern Reformator in neue Kämpfe. Jene jugendliche und schöne Fürstin wurde von ihren Unterthanen mit Jauchzen empfangen; doch sie brachte aus Frankreich ein Herz mit, das mit Vorurtheil von der römischen Kirche ganz getränkt war, und den in Uebereinstimmung mit dem lothringischen Hause abgemachten Plan, die alte Religion in ihre angeborene Herrschaft wieder einzusetzen. In dieser Aussicht leitete sie die Vorbereitungen zur Feier einer großen Messe in der Kapelle von Holyrood am ersten Sonntag nach ihrer Ankunft. Die durch diesen Schritt hervorgebrachte Aufregung war ungeheuer. Die Messe war durch das Parlament als grober Götzendienst verdammt worden. Unser Reformator hielt diese Erneuerung des verbannten Ritus für den ersten Schritt zum Umsturz der Reformation, die so glücklich eingeweiht war; und am folgenden Sonntag erklärte er offen von der Kanzel herab, daß „eine Messe ihm fürchterlicher wäre, als wenn zehntausend bewaffnete Feinde in irgend einem Theil des Reiches gelandet wären in der Absicht, die ganze Religion zu unterdrücken.“ Um dieser und anderer kühnen Reden willen wurde er zu einer Unterredung mit Ihrer Majestät vorgeladen, die ihn anklagte, ihre Unterthanen gegen sie aufzureizen, und unter andern Dingen ihn wegen seines Buches gegen weibliche Regierung der Empörung beschuldigte. Als er sich gegen die Beschuldigung der Untreue vertheidigt hatte, wandte sich das Gespräch nach dem zarten Punkt über des Volkes Widerstandsrecht gegen die bürgerliche Gewalt. Knox behauptete kühn, es hätte solches Recht, indem er auf den Fall eines Vaters verwies, der von Wahnsinn ergriffen seine Kinder tödten möchte. „Wohlan, Madame, wenn die Kinder aufstehen, sich vereinigen, den Vater ergreifen, sein Schwert von ihm nehmen, seine Hände binden und ihn im Gefängniß halten, bis der Wahnsinn vorüber ist, glauben Sie, Madame, daß die Kinder damit etwas Uebles thun? Grade so, Madame, ist es mit den Fürsten, welche die Kinder Gottes morden wollen.“ Von der Kühnheit dieser Antwort verwirrt, saß Maria einige Zeit in einem Zustande schweigender Erstarrung, und erwiederte dann: „Nun wohlan, ich merke, daß meine Unterthanen Euch und nicht mir gehorchen sollen und thun wollen, was ihnen gefällt und nicht, was ich befehle.“ – „Gott behüte“, erwiederte der Reformator, „daß ich je auf mich nehme, irgend Jemand zu befehlen, mir zu gehorchen oder die Unterthanen zu der Freiheit anzureizen, zu thun was ihnen gefällt. Doch mein Bestreben ist, daß Beide, Fürsten und Unterthanen, Gott gehorchen mögen. Die Königinnen sollten die pflegenden Mütter der Kirche sein.“ – „Aber Ihr seid nicht die Kirche, die ich nähren will“, sagte die Königin. „Ich will die römische Kirche schützen, denn sie ist, wie ich denke, die wahre Kirche Gottes.“ – „Euer Wille, Madame, ist ohne Verstand, auch wird Euer Gedanke aus der römischen Hure nicht die wahre und unbefleckte Kirche Jesu Christi machen.“ – „Mein Gewissen ist nicht so“, sagte die Königin. – „Gewissen erfordert Wissen, Madame, und ich fürchte, daß Ihr nicht das rechte Wissen habt. So thaten die Juden, welche unsern Heiland kreuzigten. Habt Ihr je eine andere Lehre gehört, als die, welche der Papst und die Kardinäle anerkannt haben? und Ihr könnt versichert sein, daß sie nichts sagen werden gegen ihren eigenen Stand.“ – „Ihr legt die Schrift auf dem Einen Wege aus“, sagte die Königin ausweichend, „und sie auf dem andern. Wem soll ich glauben? und wer soll Richter sein?“ – „Ihr sollt Gott glauben, der klar in seinem Worte vor Eurer Majestät und den gelehrtesten Papisten in Europa spricht“, erwiederte Knox. Er erbot sich dann zu beweisen, daß die papistische Lehre nicht Grund habe in dem Worte Gottes. „Nun wohl“, sagte Maria, „Ihr mögt dazu vielleicht früher Gelegenheit haben, als Ihr glaubt.“ – „Sicherlich“, sagte Knox, „werde ich sie früher, als ich glaube, haben, wenn ich sie bei meiner Lebzeit überhaupt habe; denn der unwissende Papist kann nicht mit Geduld erörtern, und der gelehrte und listige Papist wird nicht zu Eurer Audienz kommen, Madame, um den Grund seiner Lehre ausforschen zu lassen.“ Am Ende dieser eigenthümlichen Unterredung sagte der Reformator, indem er von Ihrer Majestät Abschied nahm mit ehrerbietiger Verbeugung: „Ich bitte Gott, Madame, daß Ihr möget im Gemeinwesen Schottlands eben so gesegnet sein, als je Deborah im Gemeindewesen Israels es war.“ Einige Zeit darnach gab die Königin, als sie von der Ermordung der Protestanten zu Vassy durch ihren Onkel, den Herzog von Guise, gehört hatte, ihren ausländischen Dienern einen glänzenden Ball, wo der Tanz bis zur späten Stunde dauerte. Gegen dies Verfahren zog Knox von der Kanzel in strengen Ausdrücken los, und er wurde wieder vor Ihre Majestät geladen. Zu seiner Verteidigung hielt Knox seine Predigt noch einmal vor Maria, welche beim Schluß eine Drohung gegen ihn murmelte. „Er ist nicht erschreckt“, flüsterte einer ihrer Begleiter. – „Wie könnte das schöne Angesicht einer edlen Frau mich erschrecken“, sagte er, indem er sich scharf nach der Person mit sarkastischem Blick umwandte. „Ich habe in das Angesicht mancher erzürnten Männer gesehen, und bin doch nicht unmäßig erschreckt worden.“ Wenn indeß Knox Ursache hatte, über Mariens Herrschaft beunruhigt zu sein, so hatte sie und ihre papistischen Rathgeber eben so gut Grund, über den furchtlosen Reformator zu erschrecken. Bei jedem Anschein von Gefahr für die Sache der Reformation blies er Lärm; er belebte die Verzagten, ermahnte die Schwankenden und zeigte die Untreuen an. Wir können uns eine Vorstellung von der Wirkung seiner Kanzelreden aus dem Bericht des englischen Gesandten machen, der in einem Schreiben an den Sekretär Cecil sagt: „Ich versichere Euch, die Stimme Eines Mannes vermag in Einer Stunde mehr Leben in uns zu bringen, als sechshundert Trompeter, die unaufhörlich in unsere Ohren blasen.“ Des Reformators letzte Zusammenkunft mit der unglücklichen Fürstin war stürmischer als die vorhergehenden, und ist für beide Theile sehr charakteristisch. Er hatte die Königin tief verletzt durch seine Einrede gegen ihre Heirath mit dem charakterlosen und unglücklichen Darnley. Nie sei eine Fürstin so behandelt worden, rief sie leidenschaftlich; sie hätte seine strengen Reden ertragen, sie hätte seine Gunst mit allen Mitteln gesucht, „und doch“, sagte sie, „kann ich Euch nicht los werden. Ich gelobe Gott, mich zu rächen“; mit diesen Worten brach sie in Thränen aus. Ihre Begleiter suchten ihre Aufregung zu beschwichtigen, indem sie zu allen Arten höfischer Schmeichelei ihre Zuflucht nahmen. Doch bei dieser Scene entfaltete sich der strenge und unbeugsame Geist des Reformators. Er stand unbewegt vor Schönheit und Königswürde, die in Thränen aufgelöst war. Nachdem Ihre Majestät ihren Gefühlen Luft gemacht hatte, fuhr er in seiner Vertheidigung fort: „Außer seiner Kanzel“, sagte er, „hätten Wenige Gelegenheit zur Klage über ihn; er könnte seine eignen Knaben nicht weinen sehn wenn er sie bestrafte, viel weniger könnte er sich der Thränen Ihrer Majestät freuen. Doch auf der Kanzel sei er nicht sein eigner Herr, dort sei er zum Gehorsam dem verbunden, der ihm beföhle offen zu sprechen, und keinem Fleisch auf der Erde ins Angesicht zu schmeicheln. Er habe nur seine Pflicht erfüllt und sei, wenn auch viel gegen sein Gefühl, gezwungen, Ihrer Majestät Thränen lieber zu ertragen als sein Gewissen zu verletzen, und das Gemeinwesen zu verrathen.“ Diese Vertheidigung entflammte nur den Zorn der Königin, und sie befahl ihm sich zu entfernen. Während er im anstoßenden Gemach den Willen Ihrer Majestät mitten unter den Hofdamen erwartete, konnte er nicht umhin, einem etwas rauhen Humor über den Luxus ihrer Kleidung nachzuhängen. „O schöne Damen“, sagte er, „wie angenehm würde dies Ihr Leben sein, wenn es ewig währen könnte und wenn wir am Ende in den Himmel kämen mit all‘ diesen fröhlichen Gewändern! Doch pfui über jenen Schalk von Tod, der kommen wird, wir mögen wollen oder nicht.“

Knox’s Feinde fanden bald Gelegenheit, Mariens Zorn zu befriedigen, indem sie eine Klage über Hochverrath gegen den Reformator einbrachten.- Er wurde angeklagt, Circular-Briefe an die vorzüglichsten Edelleute protestantischen Glaubens geschrieben zu haben, worin er sie aufforderte, beim Verhör zweier Personen zugegen zu sein, die beschuldigt waren, die Feier der Messe zu unterbrechen. Da sie die Gefahr voraus sahen, darein er sich begeben hatte, riethen ihm eifrigst einige seiner besten Freunde, zu rechter Zeit sich zu unterwerfen. Doch Knox weigerte sich standhaft, im Bewußtsein seine Pflicht gethan zu haben, und am bestimmten Tage erschien er vor einer außerordentlichen Versammlung von Räthen und Edelleuten, vor denen die Sache untersucht werden sollte. Als die Königin ihren Platz im Rathe genommen hatte, und Knox unbedeckt am Ende des Tisches stehen sah, konnte sie sich nicht enthalten ihrem Triumph einen Ausdruck zu geben. Sie brach in ein schallendes Gelächter aus, und rief auf ihn zeigend: „Jener Mann hat mich weinen gemacht, und vergoß selbst nie eine Thräne. Nun will ich sehen, ob ich ihn weinen machen kann.“ Knox vertheidigte jedoch, unerschreckt von der furchtbaren Versammlung, seine Sache mit solcher Geschicklichkeit und stellte die Gefahr der Protestanten den papistischen Machinationen gegenüber so eindringlich dar, daß, obgleich er verschiedene persönliche Feinde unter seinen Richtern hatte, er mit Ehren freigesprochen wurde zum Verdruß und zur Demüthigung der Königin. „Diese Nacht“, sagt Knox in seiner Geschichte, „wurde am Hofe weder getanzt noch gefiedelt, denn Madame war in ihrer Absicht, John Knox durch das Votum ihres Adels in ihre Gewalt zu bekommen, getäuscht.“

Da der Mord des Riccio, des Lieblings der Königin, ihre Ungnade auf den protestantischen Adel gelenkt hatte, erachtete es Knox, den Haß gewahrend, den sie gegen ihn nährte, für klug, Edinburg zu verlassen und sich nach Ayrshire zurückzuziehen. Doch die Verbrechen und das Mißgeschick der unglücklichen Maria, die sich in rascher Reihenfolge auf einander häuften, öffneten bald den Weg zu seiner Rückkehr. Von Keinem der Edlen Schottlands empfing er wirksameren Beistand, als von Jakob Grafen von Murray, der zum Regenten des Königreichs ernannt war, – „ein wahrhaft guter Mann“ sagt der Erzbischof Spottiswood, und werth unter die besten Herrscher deren sich das Reich erfreut hat, gezählt zu werden, und darum bis auf diesen Tag mit dem Titel des guten Regenten beehrt. Doch selbst seine Tugenden hatten ihm in diesem rauhen und stürmischen Zeitalter Feinde verschafft, die ihn zu stürzen suchten; und im Januar 1570 wurde er schändlicher Weise in den Straßen von Linlithgow ermordet. Der Kummer, den diese traurige Begebenheit Knox verursachte, wurde durch andere Umstände verstärkt, welche über die letzten Tage des Reformators einen dunkeln Schatten warfen. Er wurde kurz darauf vom Schlage gerührt, von dessen Folgen er nie ganz wieder genas. Er wurde mit der Partei, welche noch der verbannten und gefangenen Maria anhing, in Streit verwickelt. Er wurde mit allen Arten von Verläumdungen und Tadel von den Freunden der alten Religion angefallen. Er wurde durch Wahrnehmung der Symptome von Kälte, Abfall und Egoismus in Sachen der Religion betrübt, die sich bei den Machthabern offenbarte, und sein Herz wurde von Angst zerrissen bei der Nachricht von dem Blutbad der Protestanten in der Bartholomäus-Nacht in Paris und andern Theilen Frankreichs. Der alte Krieger fing an nach Erlösung zu seufzen, schwach am Leibe und betrübt im Geiste. „Müde der Welt“ und „dürstend nach dem Abscheiden“, diese Ausdrücke kommen in allem was er in dieser Zeit schrieb häufig vor. Noch einmal gerieth sein Leben in Gefahr. Bei einer Gelegenheit wurde ein Schuß nach dem Fenster abgefeuert, wo er gewöhnlich saß. Die Kugel traf den Leuchter vor ihm und grub sich in die Decke des Zimmers ein. Er zog sich auf kurze Zeit nach St. Andreas zurück. Doch konnte Nichts den Eifer seiner Seele löschen oder ihre Standhaftigkeit erschüttern. Er fuhr bis zuletzt fort „mit seiner sterbenden Hand“, wie er sich ausdrückt, zu schreiben und mit einem Feuer zu predigen, welches selbst seine Schwäche nicht dämpfen konnte. „Beim Eingang seines Textes“, schreibt der treffliche Jakob Melville, der ihn zu St. Andreas hörte, „war er eine halbe Stunde lang gemäßigt, doch wenn er an die Anwendung kam, machte er mich zagen und zittern, daß ich nicht meine Schreibfeder halten konnte. Er war sehr schwach. Ich sah ihn an jedem Predigt-Tage behutsam und furchtsam, einen Stock in der einen Hand, und den guten frommen Richard Bannatyne, seinen Diener, die andere Schulter stützend, von der Abtei nach der Gemeinde-Kirche gehen, und von dem besagten Richard und einem andern Diener auf die Kanzel gehoben, wo er sich beim ersten Eingang beugte. Doch ehe er seine Predigt geendet hatte, war er so bewegt und lebhaft, daß es schien, als ob er die Kanzel in Stücke schlagen und hinaus fliegen wollte.“

Doch das theure Leben unsres Reformators verrann schnell. Als er nach Edinburg zurückkehrte, hielt er seine letzte Predigt in der Tolbooth-Kirche zur Einführung des Herrn Lawson, seines Kollegen und Nachfolgers. Als er den Segen mit einer freundlichen aber zitternden Stimme gesprochen hatte, stieg er von der Kanzel, und auf einen Begleiter gestützt, schlich er die alte High Street hinab, welche ganz von der Versammlung bedeckt war. Sie folgte ihm, eifrigst bemüht einen letzten Abschiedsblick von ihrem geliebten Pastor zu erhalten, bis er zum letzten Male in jenes bescheidene Häuschen in Canongate eintrat, welches noch als ein Andenken an den Reformator erhalten wird. Während seiner letzten  Tage war sein Geist zum Theil mit düstern Versuchungen überschattet, welche einem so gewissenhaften Geiste als dem seinigen der Todesangst gleichkamen. Doch schnell überwältigte er diese, und er wurde fähig, auf seinem Sterbebette vor seinen Aeltesten und zahlreichen Freunden, die ihn aufsuchten, ein Zeugniß von der Wahrheit des Evangeliums abzulegen, welches er so treu verkündet hatte. An alle und jeden richtete er passende Ermahnungen. Zuletzt fing die Sprache an ihm zu versagen. Er wünschte, daß seine Frau ihm das 15te Kapitel des ersten Briefes an die Korinther lese. „Ist das nicht ein tröstliches Kapitel?“ sagte er. „O welch‘ einen süßen und heilsamen Trost hat mir der Herr in jenem Kapitel dargeboten!“ „Nun empfehle ich zum letzten Male, sagte er nach einer kurzen Pause, meine Seele, meinen Geist und Leib (drei Finger während dieser Worte berührend) in Deine Hand, o Herr!“ Dann sagte er: „Geh und lies wohin ich zuerst meinen Anker werfe.“ Sie lasen ihm das 17te Kapitel des Evangeliums Johannes. Dann lag er einige Stunden still. Um 10 Uhr lasen sie das Abendgebet aus dem Buch der Gemeinde-Ordnung, und als sie ihn fragten, ob er die Gebete gehört habe, erwiederte er: „wollte Gott daß Ihr und alle Menschen sie gehört hätten, wie ich sie gehört habe. Ich preise Gott um den himmlischen Klang.“ Um die 11te Stunde that er einen tiefen Seufzer und sprach: „nun ist es geschehen.“ Als sein treuer Diener Richard bemerkte, daß er sprachlos sei, und von ihm ein Zeichen zu haben wünschte, daß er in Frieden sterbe, hob er die eine Hand in die Höhe und verschied zwei Mal seufzend ohne Kampf. Er starb an dem 24. November 1572, im Alter von 67 Jahren, nicht so sehr von den Jahren niedergedrückt, als körperlich durch außerordentliche Arbeiten und geistig durch viele Aengsten erschöpft. Seine Hülle wurde auf dem Kirchhof von St. Gilles beerdigt, und als der Körper in die Gruft gesenkt war, verkündete der Regent Morton seine Grabinschrift in diesen Worten: „Hier liegt der begraben, welcher nie das Angesicht eines Menschen scheute.“

John Knox war 2 Mal verheirathet. Von seiner ersten Frau, Margarethe Bowes hinterließ er 2 Söhne, und von seiner zweiten, die eine Tochter des Lord Ochiltree war, hinterließ er 3 Töchter. Die Haupt-Züge seines Charakters sind in seinem Leben hervorragend entfaltet. Strenge, doch nie grausam oder rachsüchtig im Gemüth, entschlossen in seinem Vorhaben, kühn, muthig und unbeugsam im Handeln, und doch voll von der Milch der Menschenfreundlichkeit, muß er anerkannt werden als ausgezeichnet durch seinen Helden-Eifer als Reformator, seine Gewalt als Prediger, seine Fruchtbarkeit und Eindringlichkeit als Schriftsteller und seine reine Frömmigkeit als Christ. Das Andenken des Reformators, das aus verschiedenen Ursachen in Vergessenheit gerathen oder mit einer Menge von Verleumdungen in seinem Geburtslande überdeckt war, ist später durch die Arbeiten seines Geschichtsschreibers, des verstorbenen Dr. M’Crie wieder enthüllt, der in seinem „Leben des John Knox“ die Wolken des Vorurtheils zerstreut hat, welche sich um den einst verehrten Namen angesammelt hatten, und ein Monument dem Reformator Schottlands errichtet hat, ehrender und dauernder als irgend eines, das aus Erz oder Stein erbaut wäre.

Der Zweck dieser Veröffentlichung war nicht allein den Charakter Knox’s zu rechtfertigen, sondern ein allgemeines Interesse für die Sache aufzufrischen, deren Streiter er war, und der Name von John Knox ist jetzt, was er einst war, ein vereinigender Ruf für alle Freunde der Lehre und Verfassung der schottischen Reformation.

Knox hat viele verschiedene Schriften hinterlassen, einige von polemischer, andere von praktischer Art, die meisten von ihnen durch die ereignißvollen Scenen seines Lebens veranlaßt. Sein größtes und wichtigstes Werk ist seine „Geschichte der Reformation“, wovon eine neue und schöne Ausgabe mit werthvollen Noten neuerdings mit seinen andern Werken von Herrn David Laing in Edinburg veröffentlicht ist.

Thomas M’Crie in Edinburg.

Georg Wishart

Der König Jacob V. von Schottland starb am 18. December 1542. und hinterließ nur ein Kind, eine Tochter von zehn Tagen, die spätere Königin Maria Stuart von Schottland. Er hatte Künste und Wissenschaften beschützt, viele Gelehrte aus dem Auslande berufen, welche die Lehren des Reformators Calvin mitbrachten und viele Schotten von hohem und niederm Range nahmen die Lehren an. Die Katholiken wütheten, und es wurden mehrere Protestanten auf den Scheiterhaufen geliefert. An der Spitze der Verfolger stand die Königin Mutter, aus Frankreich aus dem katholischen Geschlechte der von Guise abstammend, und der Cardinal Beaton. Das Haupt der andern Partei war der Graf Hamilton von Arran, welcher zum Regenten erhoben wurde. Das erregte die Erbitterung des Cardinals: der bot Alles auf, seinen Einfluß zu sichern. Mit Hülfe französischer Truppen wollte er den Parteigeist unter den schottischen Großen, eben so auch die neue Lehre unterdrücken. Als ein Opfer seiner Wuth fiel auch Georg Wishart, der Märtyrer.

Dieser stammte aus der Familie von Pittarow, in Mearns, in welcher viele Mitglieder die protestantischen Grundsätze angenommen hatten. Seine wissenschaftliche Bildung erhielt er in Cambridge, und kehrte im Jahre 1544 nach Schottland zurück. Sein Herz brannte in der Liebe zu dem Herrn, und diese ließ es ihm nicht zu, bei der Unwissenheit seiner Landsleute ein müßiger Zuschauer zu bleiben, sondern trieb ihn an, mit Kraft und Feuer das Evangelium ihnen zu predigen.

Wishart begann seine Arbeiten in Montrose, und Gott begleitete sie mit großem Segen. Dort verfolgt ging er nach Dundee. Hier hielt er öffentliche Vorlesungen über den Brief an die Römer zur Bewunderung Aller und Ueberzeugung Vieler. Die katholische Geistlichkeit erhob sich, und sprengte aus, das sogenannte Neue Testament sei ein ketzerisches Buch, geschrieben von einem gewissen Martin Luther, den der Teufel in die Welt geschickt habe die Seelen der Menschen zu verführen. Wishart vertheidigte sich; allein die Obrigkeit befahl ihm Dundee zu verlassen. Er ging und andere Städte nahmen ihn mit offnen Armen auf. In vielen Gemeinden von Ayrshire predigte er, oft auch auf den Feldern vor großen Schaaren. Er sprach mit hinreißender Beredsamkeit von „dem Könige in seiner Schöne,“ und von „dem fernen Lande,“ und Tausende strömten ihm zu.

Wishart’s Arbeiten wurden daselbst durch die Nachricht unterbrochen, daß die Pest in Dundee ausgebrochen sei. Das ergriff ihn tief, denn das Volk jener Stadt lag ihm am Herzen. Er rang nicht allein im Gebet vor Gott für sie, sondern ließ sich auch durch nichts abhalten, wieder zu ihnen zu eilen. Am Tage nach seiner Ankunft versammelte er das Volk am östlichen Thore der Stadt, und, indem er die Gesunden innerhalb, die Kranken außerhalb des Thores aufstellte, predigte er ihnen von dem vollen Troste in Christo, den seine eigne Seele genoß. Sein Text war: „Er sandte sein Wort und machte sie gesund,“ Ps. 107, 20. Die Erweckung war allgemein und der Erfolg außerordentlich. Dieselbe Stelle war täglich seine Kanzel; dort predigte er das Wort des Lebens, während er auch von Haus zu Haus ging, und die Kranken und Sterbenden besuchte, belehrte und tröstete.

Gerade diese Zeit erwählten seine Feinde, seinem Leben ein Ende zu machen. Erst versuchten sie es, ihn durch Meuchelmörder aus dem Wege zu schaffen. Beaton dingte eine Person – noch dazu einen Priester, – ihre blutigen Absichten auszuführen, welcher dieses denn auch an eben derselben Stelle zu vollbringen suchte, wo Wishart predigte! Gott wandte die Gefahr von ihm ab. Aber die Entdeckung trug dazu bei, ihn in der Liebe des Volkes noch mehr wachsen zu lassen, und ihn selbst zu erneutem Eifer in seinen Arbeiten anzutreiben, da er dafür hielt, er habe nicht viel Zeit mehr.

Als die Pest vorüber, oder wenigstens ihre Kraft gebrochen war, ging Wishart nach Montrose zurück. Hier brachte er seine Zeit mit Predigen und Studiren zu. Beaton aber suchte abermals seinen Untergang. Als der Gouverneur, Graf Hamilton, nicht darauf einging Wishart öffentlich arretiren zu lassen, so bemühte sich der Cardinal von neuem Wishart zu umstricken. Durch falsche Briefe, deren Inhalt so gestellt war, als rührten sie von seinen Freunden her, die ihn um seinen geistigen Beistand ersuchten, suchte er ihn in seine Gewalt zu bekommen. Als das beinahe gelungen wäre, ward der Betrug entdeckt, und Wishart noch für einige Zeit erhalten. Aber er sagte selbst: „Wenn Gott einem Kampfe ein Ende gemacht habe, finde er sich schon zu einem andern berufen.“ Seine Freunde in Ayrshire forderten ihn ernstlich auf, mit ihnen in Edinburg zusammen zu treffen; „denn sie wollten eine Disputation von den Bischöfen verlangen, und er sollte öffentlich gehört werden.“ Er gab nach, und verließ zu der festgesetzten Zeit Montrose gegen alle Bitten und Thränen der Gläubigen. Während der Reise war er tief ergriffen im Geiste und sagte: „Ich bin überzeugt, daß meine Arbeit bald zu Ende geht; deßhalb rufet Gott mit mir an, daß ich mich jetzt nicht zurückziehe, wenn der Kampf am härtesten wird.“

Er langte mit einigen Freunden zu Leith an, wo er die nicht fand, die er erwartet hatte: er blieb hier und an andern Orten eine Zeit lang im Verborgenen, obwohl er vom Predigen nicht abließ. Um Weihnachten ging er nach Haddington, wo er viele Zuhörer erwartete; allein der Graf Bothwell verhinderte auf Anstiften des Cardinals das Zusammenkommen von Menschen, und Wishart sprach zu Johann Knox, der ihn begleitete: „Ich bin der Welt müde, da die Welt scheint Gottes müde zu sein.“ Den wenigen treuen Freunden und gläubigen Nachfolgern Christi, die sich beim Schlusse seines Zeugenlaufes um ihn sammelten, sagte er ein feierliches, herzliches Lebewohl.

Als Wishart, wie er es dafür hielt, seine letzte Predigt gehalten hatte, ging er noch an demselben Abende nach Ormiston. Johann Knox wollte ihn begleiten, aber Wishart gab es nicht zu, sondern sagte: „Nein, nein; Einer ist genug zu einem Opfer.“ Es weilten an dem Abende einige Freunde bei ihm, und man brachte die Zeit mit religiösen Uebungen zu. Später legte sich Wishart zu Ruhe. Um Mitternacht umringte der Graf Bothwell das Haus mit einer Schaar Soldaten. Widerstand oder auch ein Versuch zur Flucht war unmöglich. Sobald sich Wishart davon überzeugte, bat er seine Freunde, die Thore zu öffnen, und sprach mit freudiger Ergebung: „der wohlgefällige Wille meines Gottes geschehe.“ So kam er in die Gewalt des Cardinals, der ihn nach Edinburg abführen ließ.

Gegen Ende des Januar 1546 ward Wishart nach St. Andrews gebracht, wohin der Cardinal die Bischöfe und alle kirchlichen Würdenträger beschieden hatte. Er wünschte seinen Zweck mit Würde und Wichtigkeit zu umkleiden, und suchte zugleich die Bischöfe in die Verurtheilung Wishart’s zu verwickeln. Der Aufforderung ward Folge geleistet, eine große Procession veranstaltet, und diese vom Militair im Kriegsanzuge begleitet.

Man kam in der Klosterkirche zusammen. Der Decan Winram, welcher im Verdacht stand, daß er die Lehren der Evangelischen begünstige, war aufgefordert worden, eine Predigt zuhalten; denn Beaton beabsichtigte damit, ihn zu veranlassen, entweder offen seine verdächtigen Meinungen auszusprechen, oder sie durch ein Zeugniß für die Gewalt und Lehren der Kirche zurück zu nehmen, und ihn dadurch für immer der Verbindung mit den Evangelischen zu entfremden. Winram sprach kühn, doch vorsichtig. Hierauf ward Wishart auf die Kanzel gestellt, damit er, während er seiner Anklage, welche von einem gewissen Priester Lauder abgelesen wurde, zuhörte, desto besser den Blicken Aller möchte ausgesetzt sein. Nach dem Schluß jener Ablesung spie jener Lauder mit Bitterkeit und Verachtung Wishart in’s Angesicht, und sprach: „Was antwortest du auf diese Anklagen, du Renegat, Verräther, Spitzbube?“ Man braucht die Artikel kaum anzuführen, wegen welcher Wishart verdammt wurde. Unter dem, was man als Anklage gegen ihn oben anstellte: daß er die Auctorität der Kirche und des Pabstes leugne, die sieben Sacramente und das Fegfeuer verwerfe, daß man keine Sünde begehe, wenn man am Freitage Fleisch esse, und daß man nicht die Heiligen und Engel anbeten dürfe. Man stellte ihn als einen Menschen dar, der der Inbegriff aller Gottlosigkeit sei.

Wishart’s Vertheidigung war ruhig, fest und unwiderleglich. Ja seine Erörterungen waren so kräftig, daß die Prälaten selbst sagten: „Wenn wir ihm die Erlaubniß zum Predigen geben, so ist er so listig und in der h. Schrift so geübt, daß er das Volk für seine Meinung gewinnen und es gegen uns aufbringen wird.“ Aber sterben sollte er. Die Flammen waren sein Urtheil. Der Cardinal sprach es aus.

Wishart ward in’s Gefängniß zurückgebracht, bis das Feuer bereitet worden, und dann mit einem Seile um den Hals und einer Kette um den Leib auf den Scheiterhaufen geführt und angebunden. Auch hier verließ ihn sein christlicher Muth nicht. Er ermahnte die versammelte Menge zur Buße, zum Glauben und Reinheit, vertheidigte sich selbst gegen die Schmähungen seiner Feinde und sprach von dem Segen und der Herrlichkeit besserer Zeiten, wenn die Arche Gottes triumphirend über die Fluthen dahin fahren werde. Er betete demüthig und inbrünstig nicht allein für sich selbst, sondern für Gottes verfolgtes Volk, ja für seine Verfolger und Mörder, für ihre Buße, Erleuchtung, Begnadigung. Die Menge wurde mächtig ergriffen von seiner Ergebung, seinem Heldenmuth und seinem Todeskampfe. Lautes Murmeln erhob sich. Um ihn her prasselte die Flamme und seine Leiden waren groß; doch blieb er fröhlich, bis seine Seele einging in die Freude seines Herrn; und bald war sein ganzer Leib in einen geringen Aschenhaufen verwandelt.

Georg Wishart ward gerichtet, verdammt und verbrannt am 1. März 1546.

 

  1. Becker in Königsberg in d. N. M.

Martin Chemnitz

Martin Chemnitz, geboren den 9. November 1522, als Theolog der zweiten und dritten Generation nach der Reformation angehörig, ist einer der bedeutendsten Gelehrten und Kirchenmänner des 16. Jahrhunderts. Seine Zeit forderte die Gründung fester in ächt protestantischem Geiste gehaltener Ordnungen, nachdem lange genug die Willkür bald der Laien bald der Pastoren, am meisten aber die Parteiungen einander anfeindender Theologen die protestantische Kirche erschüttert und in ihrem friedlichen Wachsthum und Ausbau gestört hatten.

 

Er ist aus dem altwendischen adelichen Geschlechte der Kemnize (die Familie leitete den Namen von Kamien, Stein, ab; das zahlreiche Geschlecht habe sich genannt, die vom Stein, die Kamiemiten oder Kemenitzen) entsprossen. Seine adelichen Vorfahren saßen in Pommern und hatten in ihrem Wappenschild drei rothe Rosen, aber der Zweig, von dem Martin Chemnitz stammt, zog sich von seinen Burgen in Städte, besonders Pritzwalk, und konnte Vermögens halber eine adeliche Stellung nicht behaupten, doch soll das Dorf Kemnitz ihnen noch lange zugehört haben. Sein Urgroßvater verheirathete sich zu Brandenburg, starb aber bald nach der Geburt seines Sohnes Claus Chemnitz. Die überlebende Witwe verehelichte sich zum zweiten Mal mit einem angesehenen Bürger der Stadt, Schüler, dessen Enkel Georg Schüler oder nach seinem gewöhnlichen Namen Georg Sabinus ist, der Dichter und Professor in Frankfurt an der Oder, später Königsberg, Melanchthons Schwiegersohn, mit welchem also Chemnitz mütterlicherseits verwandt war. Der genannte Claus fiedelte sich nach Treuenbrietzen in der Mark Brandenburg als Kaufmann über. Sein Sohn Paul, Vater unseres Chemnitz, verband mit der Handlung das Tuchmachergewerbe und heirathete Euphemia Koldeborn, die ihm drei Kinder gebar, von welchen Martin der jüngste war. Seine eigene treuherzig erzählte Lebensgeschichte reicht nur bis zum Jahr 1555. Wir wollen danach einige Hauptpunkte berichten. Zwar zeigte sich bei ihm frühe „ein sonderlich ingenium“ und ein Lehrer Lorenz Bartold, die große Lernbegier des Knaben gewahrend, redete der Mutter zu, ihn für das Studium zu bestimmen; aber der Knabe hatte sich durch einen Sturz von einem Steg ins Wasser, ohne sonst weiteren Schaden zu nehmen, eine Nervenschwäche zugezogen, in Folge deren er stotterte, im Schlaf wandelte u. dergl. Diese Uebel wurden erst nach mehreren Jahren gehoben. Es gelang nun zwar dem Zureden Bartolds, daß ihn die Mutter (der Vater war schon 1533 gestorben) im 14ten Jahr auf die Trivialschule zu Wittenberg sandte (1536), wo er Luthern manchmal predigen hörte, in der Schule selbst aber nicht viel gewann, daher ihn nach einem halben Jahr die Mutter zurücknahm, wo ihm jedoch Bartold, dessen guter Wille besser war als eine Kenntnisse, wenig helfen konnte. Statt ihn nun nach einem Wunsch und Bartolds Rath auf eine andere Schule zu schicken, forderte man von ihm, er solle ein Handwerk erwählen. Sein Bruder Matthäus besonders war mit ihm, dem Liebling der Mutter, wenig zufrieden und so sollte er beim Handwerk des Tuchmachens helfen. Aber „da hatte er keine Lust zu, machte auch nichts guts“, konnte auch kein ander Handwerk ausdenken, das ihm gefallen wollte. Inzwischen trieb er unermüdet Latein und suchte sich durch Uebersetzen und Lectüre einen guten Stil anzueignen. Als schon alle Hoffnung, durch Bitten und Fürbitten die Scheu der Mutter vor den Kosten des Studierens zu überwinden, verschwunden war, fügte es sich, daß ihm ein entfernter Verwandter Peter Niemann, Secretär des Rathes in Magdeburg, mit Benedict Köppen, Schöppenschreiber daselbst zum Helfer in der Noth ward. Er legte ihnen ein lateinisches epistolium mit einem Distichon vor und der hoffnungsvolle Jüngling wurde nun 1539 nach Magdeburg genommen, wo er drei Jahre klassische, dialektische, rhetorische und astronomische Studien trieb, mit besonderer Luft die letzteren, und das Studium der griechischen Sprache. Da ihm aber nun wieder die Mittel zum Universitätsstudium fehlten, so mußte er zweimal Schulstellen in Kalbe und später Writzen übernehmen um sich wieder etwas zu erwerben, wenn ihm die Mittel ausgegangen waren. Sein Studium, das er 1543 in Frankfurt an der Oder begann, war so ein sehr unterbrochenes. Besser schien es sich erst für ihn zugestalten, als er durch Vermittelung von Sabinus und Bürgermeister von Brück nach Wittenberg und mit Melanchthon in Beziehung kam (1545). Er beschäftigte sich hier mit griechischer Sprache, Mathematik, Astronomie und besonders Astrologie. Luthern hörte er in Vorlesungen, Predigten, Disputationen, aber ohne sonderliche Aufmerksamkeit, da er andere Studien trieb. Schon wollte Melanchthon ihn zum Magister promovieren, hatte ihn auch schon für eine Lehrerstelle dem Fürsten von Anhalt bestimmt, als der Schmalkaldische Krieg die Universität Wittenberg zerstreute. So ist durch Armuth und häufige Wanderungen seine Jugendbildung vielfach gestört worden. Aber von Jugend auf zu selbstständigem Privatfleiß geneigt, wußte er die Mängel vollständig zu ersetzen, indem er an den Universitäten besonders eine richtige Methode der Forschung und des Studiums zu beobachten und diese dann in selbstständigem Privatfleiß durchzuführen suchte. Da inzwischen Sabinus nach Königsberg an die neue Universität berufen war, folgte er diesem dahin 1547, wo er zuerst als Hauslehrer, dann 1548 als Lehrer an der Kniphoffschen Schule zu Königsberg lebte. Zu der ersten solennen Promotion philosophischer Doctoren daselbst wurde unter Andern er auserlesen; der Herzog Albrecht trug die Kosten (1548). Seine astronomischen Kenntnisse (er machte dem Herzog mehrere Jahre den Kalender) und noch mehr eine astrologischen Studien und Vorhersagungen, mit welchen er Glück hatte, brachten ihn in steigendes Ansehn bei dem Hofe und Fürsten. Aber eine Pest veranlaßte ihn 1549 mit Sabinus nach Saalfeld in Preußen zu ziehen, und eine Schulstelle aufzugeben. Die klassischen Studien jammt Astronomie und Astrologie befriedigten ihn immer weniger; in der Stille war das theologische Interesse in ihm immer mehr erwacht, und er wünschte Preußen zu verlassen, um sich ganz den theologischen Studien hinzugeben: besonders als inzwischen Sabimus nach Wittenberg gezogen war. In Saalfeld hatte er eifrig Luthers Werke und besonders dessen Methode und Sprache, auch den Lombarden studiert und sich durch Sabinus in einem Schreiben an Melanchthon bereits nach der besten Art und Weise erkundigt, wie er das theologische Studium einzurichten habe, worauf ihm dieser erwiederte: die richtige Unterscheidung von Gesetz und Evangelium gebe das vornehmste Licht und die beste Methode zum Studium der Theologie an die Hand. Aber der Herzog hielt ihn unter günstigen Bedingungen fest als Bibliothekar für seine ausgesuchte große Bibliothek. Jetzt war er äußerlich in ganz sorgenfreier, bequemer Lage, innerlich in seinem Elemente, und entwarf sich einen großartigen Plan für eine umfassende und gründliche Lectüre. Er wollte. Alles aus dem Fundamente erlernen und dadurch zu einem selbstständigen einsichtigen Urtheile sich befähigen. Mangel an Büchern hatte ihn bisher gehindert, sich ganz der Theologie hinzugeben, zu der immer sein Gemüth neigte, indem er in ihr Nahrung für seine Frömmigkeit suchte. Jetzt wurde die Theologie das Alles ordnende Centrum seiner Studien. Er las zuerst der Reihe nach die biblischen Bücher unter Vergleichung aller alten und neuen Uebersetzungen und Commentare, die er auf der Bibliothek fand. Ueber alles Bemerkenswerthe machte er sich Aufzeichnungen. Darauf las er die Väter von der ältesten Zeit an mit fortlaufenden Auszügen. Endlich durchlas er genau die wichtigsten Schriften, die den Grund zu der Reformation legten, die Schriften über die Streitfragen der Gegenwart, die Gründe der Papisten, Anabaptisten u.s.w. und suchte sich die beste Art der Behauptung der evangelischen Wahrheiten und der Widerlegung der Irrthümer deutlich zu machen. In diesen drei sorgenlosen Jahren, die er zu den schönsten seines Lebens rechnete, bis Anfang des Jahres 1553 hat er sich einen Schatz ausgebreiteter Gelehrsamkeit angelegt, der bald ihm und der Kirche herrlich zu Satten kommen sollte. Allmälig kehrte aber die Sehnsucht mächtiger in ihm wieder, in sein Vaterland zurückzukehren. Der Herzog entließ ihn ungern aber ehrenvoll und er wandte sich nach Wittenberg, wo er jetzt Commensalis Melanchthons wurde und ihn aufmerksam hörte, weil er ihn jetzt erst recht verstand. Er wurde 1554 in die philosophische Facultät aufgenommen und alsbald Examinator der zu Graduierenden. Im Mai begleitete er Melanchthon auf den Theologenconvent zu Naumburg und dieser, seine große Belesenheit wahrnehmend, forderte ihn auf theologische Vorlesungen zu halten, führte ihn auch bei den Studierenden ein. Er begann mit dogmatischen Vorlesungen (9. Juni 1554 über die Loci communes). Die Menge der Zuhörer war so groß, daß Melanchthon, welcher der ersten Vorlesung beiwohnte, die Zuhörer in das collegium novum ausziehen ließ. Diese Zuhörerschaft blieb ihm auch treu so lange er las. Aber schon im August schrieb der Superintendent von Braunschweig D. Mörlin, der ihn in Königsberg kennen gelernt hatte, wo sie zusammen dem Andreas Osiander sich entgegensetzten: es sei die Coadjutor-Stelle in Braunschweig erledigt, er möchte einmal gen Braunschweig „spazieren“. Er kam und nach einer Predigt daselbst wurde er zum Coadjutor berufen. Fast alle Professoren riethen ihm ab und Melanchthon suchte ihn durch anderweite Beförderungen festzuhalten, aber er entschloß sich, nach Braunschweig zu ziehen, wo er, nachdem ihn Bugenhagen, unter Erlassung des Examens, ordiniert hatte, am 4. Dec. ankam, am 15. Dec. das Amt antrat. Von 1554 an lebte und wirkte er nun bis zu seinem Tode in Braunschweig. Er verheirathete sich 1555 mit Anna Ingers, Tochter eines Rechtsgelehrten aus Arnstadt, der in Braunschweig lebte. Herzog Albrecht sandte ihm als. Hochzeitsgeschenk ein vergüldetes Becherlein. Seine Gattin gebar ihm zehn Kinder, worunter drei Söhne, von welchen zwei Martin und Paul ihn überlebten. Sein Ehestand war ein überaus glücklicher. In Braunschweig war die Sitte, öffentliche Vorlesungen über verschiedene Gegenstände zu halten. Chemnitz, dessen Lehrgabe eminent war, las über die theologischen Hauptlehren (loci communes), die er in Wittenberg nur bis zur Trinitätslehre fortgeführt hatte, vollständig in freier Rede. Viele schrieben nach, besonders aber ein College Zanger suchte ein zusammenhängendes Ganzes daraus zu bilden. Da aber die Correctur dem Chemnitz viele Mühe machte, so fing er selbst an, das Abgehandelte aufzuschreiben. Schon hier faßte er den Entschluß, daraus ein sorgfältiger gearbeitetes Werk zu bilden. Aber erst nach seinem Tode ist diese Frucht einer Arbeiten von Polycarp Leiser in Frankfurt 1591 herausgegeben. Chemnitz verband in der seltensten Weise eine ausgezeichnete wissenschaftliche Begabung mit praktischer Weisheit und Tüchtigkeit. Er hatte ein helles Verständniß sowohl für die praktischen Bedürfnisse der Einzelgemeinde als der Kirche im Großen, welche letzteren in der That zu einer Zeit so sehr wie je die Vereinigung praktischer und theoretischer Talente erforderte. Wir beginnen mit seinen wissenschaftlichen Leistungen. Dahin gehören von Werken über die Glaubenslehre neben den schon erwähnten Loci communes, eine Schriften über das heil. Abendmahl (1560) und über die Person Christi und endlich ein Hauptwerk, das noch jetzt klassische Buch: Prüfung der Kirchenversammlung zu Trient (examen concili Tridentini 1565-73). Im J. 1562 hatte Chemnitz eine jesuitische Schrift, welche sich befliß, die anstößigsten römischen Lehren auf die Spitze zu treiben, durch ein Büchlein über die Hauptlehren jesuitischer Theologie bestritten. Einige Jahre darauf schrieb, wie er angiebt, auf Ermahnen der Väter der tridentinischen Kirchenversammlung, Andradius, einer der vornehmsten Theologen des Concils, ein größeres Werk über die religiösen Streitpunkte beider Kirchen, theils zur Widerlegung der Chemnitzischen Schrift, theils zur Empfehlung des kurz zuvor geschlossenen tridentinischen Concils. Chemnitz erhielt zu gleicher Zeit das Buch des Andradius und die Beschlüsse des Concils und so schien ihm darin ein göttlicher Wink zu liegen, daß er die nöthig erscheinende Antwort auf das Buch des Andradius nicht so wohl gegen diesen zu richten, sondern eine selbstständige Prüfung der Decrete des Concils selbst zu unternehmen habe. So begann er das genannte herrliche Werk 1565, dessen ersten Theil er Albrecht Friedrich von Preußen dedicirte. Noch in demselben Jahr erschien der zweite Theil, 1573 der dritte und vierte. Hier kam ihm eine ausgebreitete Gelehrsamkeit, die er vollkommen beherrschte, aufs trefflichste zu Statten. Er widerlegt aus h. Schrift und Kirchenvätern aufs Eingehendste die römischen Lehren als neuernde Abweichungen von der alten Kirche und der Schrift, und beweist die Ursprünglichkeit und das Alterthum der evangelischen Lehre vom Heil. Das Buch ist häufig wieder herausgegeben, auch ins Deutsche übersetzt worden. Durch seine Lectüre sollen viele katholische Theologen, selbst Jesuiten, zur evangelischen Ueberzeugung gebracht worden sein, jedenfalls hat es sich auch bei Gegnern die größeste Achtung erworben und das protestantische Bewußtsein wie kaum ein anderes Werk des Jahrhunderts gestärkt und befestigt. Dazu trug neben der gründlichen Gelehrsamkeit und Schlagfertigkeit, nicht wenig die Einfachheit, die Durchsichtigkeit und der maßvolle ruhige Ton einer Darstellung bei. Das Werk gehört noch jetzt zu den Fundgruben für die streitende Theologie und kein späteres seiner Art ist ihm an Ansehn und Wirkung gleichgekommen. Wenn dieses große Hauptwerk von Chemnitz, das seinen Namen unsterblich gemacht hat, ihm auch bei seinen Gegnern hohe Achtung und Anerkennung erwarb, so haben dagegen jene beiden Schriften über das heil. Abendmahl und die Person Christi ihn bei seinen lutherischen Glaubensgenossen als einen der einsichtsvollsten, eifrigsten und zugleich besonnensten Vertreter der lutherischen Lehre zum höchsten Ansehn gebracht. Es fehlt zwar Chemnitz der originale Geist, die Poesie und die lebendige auch wissenschaftlich fruchtbare Glaubensanschauung Luthers; (er bekennt von sich, daß seine Versuche der Verification die Spuren des Mühsamen und Gezwungenen an sich tragen). Aber wenn ihm die Gabe der christlichen Gnosis versagt war, so ist er dabei auch vor den Gefahren willkürlicher Speculationen bewahrt geblieben und hat hierin, Melanchthon ähnlich, einen feinen Takt für das Gemeinverständliche und das mit klaren Gründen zu Vertretende und zur kirchlichen Gemeinlehre sich Eignende bewiesen. Theils ein lebendiger historischer Sinn und eine hohe Ehrfurcht vor Luther, theils ein mehr als in Melanchthon lebendiger mystischer Zug ließ ihn im Wesentlichen der Abendmahlslehre Luthers sich zuwenden. Er hielt an der wesentlichen und auch leiblichen Gegenwart im heil. Abendmahl fest, aber nicht wie eine Zeitlang Luther und wie noch mehr die schwäbischen Theologen, an der Allgegenwart der Menschheit Christi, welche er vielmehr bestritt, weil sie einem verständigen klaren Denken die Grenze zwischen dem Menschlichen und Göttlichen zu verwischen schien, sondern auf Grund der Einsetzungsworte, durch deren einfache Erklärung uns jene Gegenwart verbürgt sei. Seine Schrift über die Person Christi geht in ihrer Bestreitung der Allenthalbenheit der Menschheit Christi jedoch nur so weit, daß er dabei eine solche Vorstellung von Christus im Stande der Erhöhung fordert, wornach ihn nichts im Himmel oder auf Erden hindern könne, seinem Verheißungsworte gemäß bei jedem Abendmahl auf Erden leiblich, d. h. nach einer ganzen Person, gegenwärtig zu sein auf eine für uns unbegreifliche Weise. Er wollte über die Art und Weise dieser Gegenwart lieber gar nicht disputiert sehen und hat diesen Standpunkt auch in einer 1570 erschienenen Schrift über das heilige Abendmahl festgehalten. Ueber die Mittheilung der göttlichen Eigenschaften an die Menschheit Christi denkt er überhaupt mehr dem Melanchthon als Luthern ähnlich. Sorgsam hütet er die bleibenden Grenzen und Unterschiede der menschlichen Natur von der göttlichen, ja hält jene nicht für fähig, göttliche Eigenschaften zu eigen zu erhalten, will es auch nicht einer der Menschheit zu eigen gewordenen Kraft zuschreiben, daß Christus im h. Abendmahl an mehreren Orten zugleich ein könne, sondern allein der Allmacht des die Menschheit so wie er will bestimmenden und verwendenden Sohnes Gottes. Mit dieser überwiegenden Richtung auf die bleibende Unterschiedenheit des Verschiedenen (der beiden Naturen) hängt endlich auch zusammen, daß er die räumliche Einschließung des Leibes Christi im Abendmahl, die Vermischung der sichtbaren Elemente mit Christi Leib und Blut bestimmt ablehnt und keinerlei Veränderung durch die Consecration will, sondern die leibliche Gegenwart Christi für die Handlung des Darbietens, Nehmens und Genießens, nicht aber außer diesen lehrt. Kein Wunder, daß seine Lehre vom Abendmahl auch von den dem Calvinismus günstigen Wittenbergern gebilligt wurde, wie auch eine Schrift von der Person Christi in ihrem größten Theil denjenigen Reformierten zusagte, welche nicht der Zwinglischen, sondern der Calvinischen Lehre von der Person Christi huldigten. In der That wenn irgend Einer so wäre Martin Chemnitz nach Melanchthon und noch mehr als dieser geeignet gewesen, Frieden und Eintracht zwischen den beiden evangelischen Schwesterkirchen herzustellen. Seine Lehre von Christi Person und dem heil. Abendmahl nimmt eine mittlere Stellung ein zwischen der Luthers mit den Schwaben und der Calvins. Allein seit dem unseligen Streite zwischen Westphal und Calvin herrschte gegen letzteren ein ungerechtes, wenn auch historisch wohl erklärbares Mißtrauen, als wäre seine Lehre nur durch schön gefärbte Worte von der Zwinglis verschieden; und diesem Mißtrauen, das in seiner ganzen Umgebung und den niederdeutschen Städten herrschte, entzog sich auch Chemnitz (mit Mörlin freundschaftlich verbunden) nicht. Der mächtiger werdende Einfluß der Reformierten in Nord-Deutschland, besonders Bremen, hatte, ähnlich wie im Süden das Eindringen der Reformierten in die Pfalz, die Wirkung, den Blick für den Unterschied Calvins von Zwingli und für des ersteren größere Aehnlichkeit mit Luthern zu trüben, was sich auch bei mehreren öffentlichen Handlungen gegen Reformierte wie Albert Hardenberg u. A. zeigte, an welchen Chemnitz betheiligt war. Doch dies führt uns zu der unmittelbar kirchlichen Thätigkeit von Chemnitz. Endlose, immer wieder neu auftauchende Lehrstreitigkeiten verwirrten, besonders seit Luthers Tod, in bedrohlichster Weise die lutherische Kirche. Jede Schulstreitigkeit wurde zur Störung des Kirchenfriedens und bemächtigte sich bei der Nichtunterscheidung der Schule von der Kirche auch der Laienwelt. Es mußte, wenn die lutherische Kirche sich nicht in einen Tummelplatz leidenschaftlicher Theologen auflösen sollte, von welchen jeder seine Lehrmeinungen als die allein berechtigten der Kirche aufdrängen wollte, eine Zusammenfassung der Individualität lutherischer Kirche in sich erfolgen, mochte auch eine vorläufige Verengerung und Selbstbeschränkung hiervon die Folge sein. Nur so konnte, wie die Dinge lagen, der lutherische Typus der Lehre als charaktervolle Gestalt sich behaupten und als eine geschichtliche Macht das wirken, wozu sie berufen ist. Chemnitz gehört zu denen, die das Bedürfniß der Zeit verstanden. Er bewährte sich in den hier in Betracht kommenden Aufgaben nach Charakter und Geist als einer der edelsten Kirchenmänner, deren die evangelische Kirche sich zu erfreuen gehabt hat. Ungemein ausgebreitet ist die Thätigkeit gewesen, die der hochangesehene Mann durch Gutachten, Verhandlungen, Reisen nach nahe und fern zur Schlichtung entstandener einzelner Streitigkeiten ausgeübt hat. Aber noch viel bedeutsamer ist dasjenige, was er zur Gründung bleibender Ordnungen der Lehre, des Cultus, der christlichen Sitte und der Schule daheim und auswärts für einzelne Kirchen und für das große Ganze erstrebt und gewirkt hat. Er hat mehr als vielleicht irgend ein Anderer sich an der Bildung der Lehrordnungen und corpora doctrinae betheiligt, welche einerseits, wie zuerst Melanchthon erkannte, von der einreißenden Lehrwillkür und Streitsucht als Heilmittel und Schranke gefordert waren und welche andererseits dem Lebensgesetz der evangelischen Kirche gemäß, das von den Einzelkreisen aufzusteigen gebietet, die natürliche Vorstufe ja Vorarbeit für das weit größere Werk waren, nemlich die Einigung der ganzen lutherischen Kirche zu einhelligem und öffentlich anerkanntem Bekenntniß so wohl in Betreff der lutherischen Symbole älterer Formation (bes. der Augsburg. Confession, Apologie sowie der Schmalkaldischen Artikel) als in Betreff der neu aufgekommenen zahlreichen Streitpunkte, welche die Kirche verwirrten und in den verschiedenen Lehrkörpern oder Lehrordnungen eine ungleiche Behandlung gefunden hatten. Nachdem in Braunschweig schon unter Joachim Mörlin, dessen Coadjutor Chemnitz bis zu dessen Abgang nach Königsberg 1567 blieb, die Lehrfragen festgeordnet waren, so wurde Chemnitz 1567 nach Preußen berufen, um den kirchlichen Frieden herzustellen, zu welchem Ende er das corpus doctrinae Pruthenicum mit Mörlin zu Stande brachte. Als 1568 Herzog Julius die Regierung antrat und ein Land Braunschweig-Wolfenbüttel reformieren wollte, berief er zu dem Ende Chemnitz (neben ihm Jakob Andreä aus Schwaben) aus der zwar nominell Julius gehörigen aber gar selbstständigen Stadt Braunschweig, in welcher Chemnitz seit Mörlins Abgang an der Spitze der Geistlichkeit als Superintendent stand. Auch hier gehörte es zu dem Ersten, daß Chemnitz ein corpus doctrinae (Julium) und eine Lehrordnung, die der Kirchenordnung (1569) einverleibt wurde, feststellte. Das Reformwerk des Fürstenthums führte er nun so durch, daß eine Kirchenvisitation, die auch die Klöster umfaßte und deren Aebte die Augsb. Conf. zu unterschreiben hatten, darauf eine theologische Prüfung sämmtlicher Geistlichen des Landes, die allmälig nach Wolfenbüttel vor Chemnitz und Andreä berufen wurden, veranstaltet, die Kirchenordnung eingeführt, das Land in 5 General-Superintendenzen unter einem Consistorium getheilt, endlich auch das niedere und höhere Schulwesen geordnet wurde. Das Letztere geschah durch die Klostergüter vermöge der „Klosterordnung“, um welche Jak. Andreä besondere Verdienste hatte. Nach dem herrlichen Vorbilde Herzogs Christoph von Württemberg wollte auch Herzog Julius sich schlechterdings nichts von den Klostergütern aneignen. Es wurden damit für gelehrte Schulen, ja für die Gründung der Universität Helmstedt im J. 1574 die Mittel gefunden, und auch hiebei hat Chemnitz mit Rath und That treulich und erfolgreich geholfen. So lebendig auch die Theilnahme Chemnitzens an dem Stand benachbarter oder entfernterer Schwesterkirchen war, so hätte doch er für sich den umfassenden Plan der Paciscirung der ganzen lutherischen Kirche nicht gefaßt. Seiner Art entsprach es, jedesmal die zunächst vorliegenden Aufgaben zu bearbeiten und nicht ins Große, Weite zu schweifen. Er concentrierte seine praktische Thätigkeit eigentlich lieber auf sein geliebtes Braunschweig, einen begrenzten Punkt, in welchem er eine musterhafte Einigkeit der Geistlichen unter einander durch ächt collegialischen Sinn bei aller Ueberlegenheit und ein ebenso musterhaftes Verhältniß zwischen dem bürgerlichen Gemeinwesen mit seinen Oberen und zwischen dem kirchlichen mit dem geistlichen Amte (das er auch in inneren Fragen, wie Kirchenzucht, von Laien in geordneter amtlicher Weise unterstützen ließ) herzustellen wußte. Braunschweig stand durch ihn in der That als eine wohlgeordnete Musterkirche in dem lutherischen Deutschland da. Die Reinheit und Selbstlosigkeit eines von allem pfäffischen Wesen freien Eifers, verbunden mit Weisheit und maßhaltender Klugheit, machte auf Jeden den Eindruck, daß es ihm rein um die Sache, nicht um den Triumph eigener Lieblingsgedanken, nicht um einen gesetzlichen Rigorismus, der so oft nur Scheinfrüchte erzielt, zu thun sei. Darum wandte sich ihm das Vertrauen der Gemeinde, der Collegen, der Obrigkeit in fast unbeschränktem Maße zu, und durch das Mittel des geschickt geführten Wortes wußte er eine Menge von Uebelständen abzuschaffen, löbliche Sitten und Einrichtungen einzuführen. So suchte er der Bettelei zu steuern, brachte es durch eine Predigt dahin, daß die Frauen zum heil. Abendmahl nicht mehr in Seide, Gold und Perlen kamen, sondern in schlichten schwarzen und weißen Kleidern erschienen. So setzte er trotz anfänglichen Widerspruchs ein angemessenes Maß von Kirchenzucht bleibend durch, indem er nicht, wie Andere an einer Stelle gethan hätten, dem schwierig gewordenen Rathe gegenüber auf dessen Versprechungen pochte, welche dem Chemnitz fast vertragsweise in dieser Beziehung von dem Rathe gemacht waren, als er sich entschloß, einen ehrenvollen Ruf nach Preußen auszuschlagen; sondern er entwaffnete die Aufregung und den Verdacht geistlicher Herrschsucht der Pfarrherren der Stadt dadurch, daß er den Rath gleichsam zum Mitarbeiter gewann, indem er ihn bat, sich auszusprechen, wie er denn von seinem Standpunkte aus eine christliche Ordnung der Sittenzucht denke und wünsche? wovon die Folge war, daß der Rath in freier entschiedener Zustimmung sich zu dem bekannte, worauf es auch Chemnitz ankam. Es scheint ein Gedanke in Beziehung auf das große Ganze der lutherischen Kirche gewesen zu sein, daß der sicherste Weg für ihre Ruhe und Blüthe sei, wenn die einzelnen Theile derselben, zumal die einzelnen tonangebenden Städte in eine gute innere und äußere Verfassung gesetzt seien und dem Guten oder Besseren Raum bleibe, sich als Muster in weiteren Kreisen freie Geltung zu verschaffen. Sein Kirchenideal war also, daß die Einzelkirchen als wohl organisierte kräftige Monaden in das Verhältniß der Conföderation zu einander treten sollen. Von ganz anderen Gesichtspunkten ging der genannte Kanzler Jak. Andreä aus, der für seine großen Plane der Pacification der ganzen lutherischen Kirche von einem weit stärkeren Streben geleitet war, dieselbe als kräftige Einheit in der Einhelligkeit des Bekenntnisses über alle streitig gewordenen Punkte hervortreten zu lassen. Chemnitz stellte seine Bedenken ernstlich entgegen. Er fühlte, daß jener Richtung auf die sichtbare Einheit, auf die äußere förmliche Bekenntnißeinheit auch ein gar großes Interesse beiwohnen müsse, die Majorität auf ihre Seite zu stellen durch Mittel und Künste vielleicht, durch die doch kein in Gottes Augen werthvolles, von Heuchelei freies Resultat erzielt werde. Möglich, daß er auch neue Spaltungen von einem künstlichen Concordienwerke fürchtete, voreilige Krisen und Ausscheidungen, mochte auch er selbst noch so vollständig von der alleinigen inneren Berechtigung einer Lehrweise in einer lutherisch sein wollenden Kirche überzeugt sein. Allein die Gewandtheit und Beredtsamkeit Andreäs, der Anklang, den dessen Vorschläge bei mehreren angesehenen Fürsten, vor allen bei Herzog Julius fanden, besonders aber ohne Zweifel der jähe Sturz der dem Calvinismus heimlich huldigenden Wittenberger, durch den die Besorgniß vor einer mächtigen Opposition gegen Andreäs Friedenswerk sich gar sehr verminderte; diese und andere Umstände bewirkten, daß Chemnitz, wenn auch nur achte, sich näher mit Andreä einließ; zunächst nur so, daß als jener im Namen der Schwaben eine die Zeitfragen betreffende Confession vorlegte, Chemnitz mit seinen Freunden sich nicht weigerte, ein und der Niederdeutschen Urtheil über die Sache in bekenntnißartiger Form mitzutheilen, woraus es nun nicht so schwer war, ein einträchtiges Bekenntniß zu bilden, das die Einigkeit der niedersächsischen und schwäbischen Kirchen constatierte. Ebenso konnte Chemnitz nichts dagegen haben, daß auch andere Kirchen sich solchem Bekenntniß- oder Einheitswerk anschlossen und wenn sie Bedenken hatten, Verständigung mit ihnen suchen. Auf das Nähere der Geschichte, der Bildung und Einführung der Eintrachtsformel können wir hier nicht eingehen. So viel aber steht fest, daß ohne das Gewicht des Namens und Einflusses von Chemnitz das Werk nicht zu Stande gekommen wäre. Er blieb ihm treu, obwohl Manches ihn hätte wankend machen können. So das Verfahren. Andreäs, der seine Lieblingsmeinung von der Allenthalbenheit der Menschheit Christi doch schließlich noch der Eintrachtsformel durch eroberte Gutheißung der dafür günstigen Schriften Luthers, wenn auch mit zweideutigem Erfolg, einzuverleiben wußte. So der Streit, der durch diese Zweideutigkeit in seiner nächsten Nähe auf der Universität Helmstedt gegen die Eintrachtsformel entbrannte und gar frühe die ursprünglichen Befürchtungen bewahrheitete, die in Chemnitz gegen das Werk aufgestiegen waren. Endlich die Ungunst des Herzogs Julius, der sich vor Abschluß des Werkes von demselben gänzlich abwandte. Aber Chemnitz war es Gewissensache, nachdem es so weit gediehen war, das Unternehmen nicht scheitern, nicht zum Denkmal unheilbarer Uneinigkeit der lutherischen Kirche werden zu lassen. Er schrieb daher mit Selnecker und Kirchner eine Vertheidigung der Eintrachtsformel (1581). Nicht bloß hierin gingen die Wege von Herzog Julius und Chemnitz später auseinander, sondern die Gunst des Herzogs verlor er später auf eine für ihn ehrenvolle Weise, indem er des Herzogs Plan, einen Sohn Heinrich zur Erwerbung des Bisthums Halberstadt gewissen katholischen Ceremonien, z. B. der Tonsur, zu unterwerfen, entschieden mißbilligte. Sein reiches mühevolles Tagewerk hatte seine Kräfte schon 1583 so verzehrt, daß er nicht mehr predigen konnte und in gewissenhafter Besorgniß für die Bedürfnisse einer Gemeinde ein Amt im folgenden Jahr niederlegte, um sich noch theologischen Arbeiten zu widmen. Aber Leiden und Krankheit nahmen zu, bis er den 8. April 1586 getröstet durch das Wort Gottes, das er von Collegen sich vorlesen ließ, besonders durch sein Lieblingswort Gal. 2,19. 20, gottselig entschlief. Die Trauer um ihn war eine große in Deutschland, und in Niedersachsen vornemlich, am meisten aber in Braunschweig, welcher Stadt er mit so großer Treue mehr als ein Menschenalter hindurch seine Kräfte gewidmet hatte, daß er zahlreiche und ehrenvolle Berufungen nach außen (nach Halle 1565, Göttingen 1566, Küstrin und Königsberg 1567, zusammen mit Mörlin, und abermals nach Königsberg als Bischof von Samland und Nachfolger Mörlins, nach Wien u.s.w. ausschlug. Er ist begraben im Chor der Martinskirche zu Braunschweig; sein Lieblingsspruch ist zu einer Grabschrift gewählt. J. A. Dorner in Göttingen, jetzt in Berlin.

Friedrich III, Kurfürst von der Pfalz.

Friedrich III. von der Pfalz war zunächst für eine Person ein tief und lebendig im Worte Gottes gewurzelter Christ, und hat mit einem Bekennermuth, der ihn den ersten Glaubenshelden der Reformation an die Seite stellt, alles für das Evangelium eingesetzt; er war aber auch im vollsten Sinne ein reformatorischer Fürst, der für die Glaubensreinigung in seinem Lande mehr that, als irgend einer seiner Vorgänger. Nach beiden Seiten soll hier von ihm die Rede sein. Da jedoch der Reformator Friedrich nur richtig gewürdigt werden kann im Zusammenhang mit den vorangegangenen reformatorischen Bestrebungen auf diesem Gebiet, so werden wir zuerst hierauf in der Kürze einen Blick werfen, und dann die Schilderung des frommen Fürsten selbst folgen lassen.

 

1.

 

Das erste Aufleuchten reformatorischer Bestrebungen in der Pfalz führt in die Zeit vor der Reformation zurück und hängt damit zusammen, daß die Hauptstadt Heidelberg zugleich der Sitz einer von wissenschaftliebenden Landesherrn treu gepflegten Hochschule war, also zu den damals noch weit minder zahlreichen Mittelpuncten eines selbständigeren geistigen Lebens im deutschen Vaterlande gehörte. Der Gegensatz gegen das herrschende Kirchenthum ging hier nicht, wie zum Theil am Ober- und Nieder-Rhein, von jener volksthümlichen Gestalt innerlichen Christenlebens, der Mystik, aus, welche auf Luther einen so tiefen Einfluß übte, der pfälzischen Volksart dagegen völlig fremd war; vielmehr waren es vornehmlich einzelne Männer von besonderer Begabung und Bildung, die den geltenden Satzungen freiere Ansichten entgegenstellten oder durch Wiederherstellung reinerer Sprachen- und Alterthumskunde, den sogenannten Humanismus, den Grund zu einem neuen geistigen Leben zu legen strebten. Schon zu Anfang des 15. Jahrhunderts finden wir den berühmten Freund und Kampfgenossen des Joh. Huß, Hieronymus von Prag auf kurze Zeit in Heidelberg. Er schlug im J. 1406 an die Thüren der Hörsäle und der St. Peterskirche Streitsätze an, in denen er, seine Verehrung für Wikliffe bekennend, unter andern kirchlichen Lehren auch die von der Brodverwandlung angriff, konnte es jedoch nicht einmal zu einer öffentlichen Disputation darüber bringen. Etwas bedeutender, wiewohl auch nur vorübergehend, wirkte gegen Ende desselben Jahrhunderts um 1477 der geistvolle Niederländer Johann Wessel, den die Heidelberger Theologen nicht in ihre Facultät aufnehmen wollten, während er später von Luther als einer seiner erleuchtetsten Vorgänger wie kaum ein anderer gepriesen wurde. Ihm ward beim Abgang wenigstens die Genugthuung, in seinem Landsmann Rudolph Agricola einen gleichgesinnten Freund zurückzulassen, der zwar vor allem ein trefflicher Meister in alten Sprachen war, dabei aber auch in Wessels Geist ein Licht reinerer christlicher Erkenntniß, wo er es vermochte, leuchten ließ. Es war dieß die schöne Zeit, da Kurfürst Philipp der Aufrichtige (reg. 1476-1508) eine Gedanken auf Erweckung einer frischen höheren Geistesbildung in Heidelberg gerichtet hatte und darin von den beiden edeln Männern, Joh. von Dalberg, Bischof zu Worms, und dessen Freund Dietrich von Plenningen, aufs kräftigste unterstützt ward. Heidelberg wurde ein Sammelpunct hervorragender Männer und es verweilten da kürzer oder länger: der begabte Dichter Conrad Celtes, der fromme, vielfach anregende Jak. Wimpfeling, der berühmte Neubegründer hebräischer Sprachkunde, Joh. Reuchlin, und dessen Bruder Dionysius, der zuerst an dieser Hochschule Unterricht im Griechischen ertheilte, anderer geringeren nicht zu gedenken. Aber freilich hielt sich das alles meist nur in hohen und gelehrten Kreisen und fand nicht einmal bei der Universität hinlänglichen Eingang, so daß das Landeskind Melanchthon, da er 1509-12 in Heidelberg studierte, nicht gerade viel Frucht für seine spätere große Mission dort gewinnen konnte. Ein Jahr nach dem Anschlagen der 95 Thesen, also damals schon weithin durch Deutschland gefeiert, kam zu einem Convent des Augustiner-Ordens auch Luther nach Heidelberg, und vertheidigte bei dieser Gelegenheit eine Reihe von Sätzen, welche wesentliche Grundlagen seiner reformatorischen Ueberzeugungen enthielten. Seine Haltung und ein Wort wirkten mächtig zündend auf die Zuhörer; insbesondere erhielten dadurch einige Jünglinge, die nachmals selbst bedeutend in das Reformationswerk eingriffen, wie Bucer, Schnepf und Brenz, den ersten nachhaltigen Anstoß, und auch des Kurfürsten Bruder, Pfalzgraf Wolfgang, faßte für den rüstigen Kämpfer die lebhafteste Zuneigung; er schrieb an Friedrich den Weisen: Doctor Martinus habe Sr. Liebden Universität „mit ein klein Lob gemacht, und sei ihm auch großer Preiß von viel gelehrten Leuten nachgesagt worden.“ Der Kurfürst selbst, Ludwig V., hielt sich zurück, doch war er nicht abgeneigt. Ein Jahrhundert früher hatte ein anderer eines Namens und Stammes, Ludwig III, als Reichsrichter, die kaiserlichen Befehle zur Hinrichtung Hussens in Vollzug gesetzt; dieser fünfte Ludwig nahm sich auf dem Reichstag zu Worms Luthers mit Nachdruck an. In seiner weitern bis 1544 dauernden Regierung förderte er zwar die Sache nicht, unterdrückte sie aber auch nicht gewaltsam, wo sie, wie besonders in den Territorien der Ritterschaft, Wurzel schlug So hatte die Reformation in der Pfalz begonnen, zum Theil von Luther selbst persönlich angeregt, jedenfalls zunächst in wesentlich lutherischer Weise. Friedrich II. (reg. 1544-56), schon in höherem Alter stehend und von nicht eben großem Interesse für kirchliche Dinge, griff gleichfalls wenig selbstthätig ein, gestattete jedoch förmlich das Abendmahl unter beiderlei Gestalt, die Priesterehe und den deutschen Gottesdienst, der auch am 3. Jan. 1546 zum erstenmal in der Heil. Geistkirche zu Heidelberg gefeiert wurde. Lebhafter thätig für die neue Kirchengestaltung erwies sich der kunst- und wissenschaftliebende Otto Heinrich, ein eifriger Verehrer des schon von seinem Vorgänger zu Rathe gezogenen Melanchthon, welcher in kurzer Regierungszeit (1556-59) Bedeutendes vollbrachte und, wie früher im Fürstenthum Neuburg, so nun auch im Kurland eine Kirchenordnung vorzeichnete, die sich ganz an die Straßburger und brenzisch-württembergische anschloß, also gleich der um weniges später erschienenen badischen einen mild lutherischen Charakter hatte. Mit vollem Nachdruck aber führte erst Friedrich III. (1559-76) das Werk der Reformation in der Pfalz durch. Er wurde, wie keiner der bisherigen Kurfürsten, der aus eigenster Ueberzeugung heraus handelnde, überall selbst eingreifende, vollständige Begründer des neuen Kirchenwesens in einem Lande; und wenn er dabei allerdings dem Protestantismus in der Pfalz eine Gestalt gab, wodurch sich derselbe von dem der Nachbarländer, ja des größern Theiles Deutschlands überhaupt in sehr folgenreicher Weise absonderte, so that er dieß doch zugleich mit einem Ernst des lebendigsten Glaubens und des in Gottes Wort gebundenen Gewissens, dem von jedem Standpunct aus Ehrerbietung gezollt werden muß. Dieß wird die Schilderung der Person und der Hauptlebensumstände Friedrichs nunmehr zeigen.

 

2.

 

Friedrich III., geboren den 14. Februar 1515, stammte aus der durch reiche geistige Begabung hervorragenden simmernschen Linie des pfälzischen Hauses und war unter 12 Kindern der älteste Sohn des Pfalzgrafen Johann II. und der Markgräfin Beatrix von Baden. Johann II. von Simmern erwarb sich unter den Zeitgenossen den Ruf eines trefflichen, wissenschaftliebenden und in öffentlichen Geschäften wohl bewanderten Fürsten; er pflegte vornehmlich das Studium der Geschichte und stand mit Gelehrten des In- und Auslandes, unter andern mit Ulrich von Hutten, in freundlicher Verbindung. In solchem Geiste wurde ohne Zweifel auch sein Sohn Friedrich erzogen. Auf etwas Reformatorisches deutete zunächst dessen frühere Jugend noch nicht hin; er lebte zu seiner Ausbildung an einigen streng katholischen Höfen, an dem des Bischofs Eberhard von Lüttich und Kaiser Carls V.; doch waren es vielleicht gerade diese Umgebungen, welche den schlichten, nüchternen Sinn des jungen Pfalzgrafen für das Einfache und Ernte des Protestantismus empfänglicher machten. Jedenfalls entwickelte sich bei ihm bald eine Neigung nach dieser Seite hin, und vollständig wurde er dafür gewonnen durch eine 1537 vollzogene Ehe mit der lutherischen Prinzessin Maria von Brandenburg-Bayreuth, deren Schwester Kunigunde später einen gleichfalls reformatorischen Fürsten, Carl II. von Baden-Durlach zum Gemahl hatte. Schon war Friedrich 42 Jahre alt, als ihm durch den Tod des Vaters das Erbe der simmernschen Lande zufiel. Zwei Jahre darauf wurde er, nach dem Erlöschen der Heidelberger Linie in dem kinderlosen Otto Heinrich, auf dem Reichstag zu Augsburg am 11. Juli 1559 feierlichst mit der Kur belehnt. In seinem 17. Jahre hatte Friedrich auch einmal die Waffen gegen die Türken getragen; aber seine eigene 17jährige Regierung sollte nach außen eine friedliche und nur von inneren Kämpfen bewegt sein, in denen er selbst tapfer genug seine geistigen Waffen schwang. Schon unter Otto Heinrich, obwohl das Lutherthum entschieden vorherrschte, fehlte es nicht an widerstreitenden Elementen. Im Jahr 1558 war auf Melanchthons Empfehlung der spätere lutherische Eiferer Tielemann Heßhus nach Heidelberg berufen und als Generalsuperintendent an die Spitze der pfälzischen Kirche gestellt worden. Aber fast zur selben Zeit hatte neben ihm auch der calvinischgesinnte Franzose Peter Boquinus eine Lehrstelle in der theologischen Facultät erhalten, und überhaupt sammelten sich nun in Heidelberg immer mehr Männer, namentlich anderwärts verfolgte, die sich unter zwinglichem und calvinischem Einfluß gebildet hatten. Der Gegensatz stand bereits in voller Blüthe, als Friedrich III. (1559) zur Regierung gelangte, und durch alle Schichten der Gesellschaft hindurch, unter dem Volk und der Geistlichkeit, an der Universität und am Hofe zählten die verschiedenen Parteien der strengeren Lutheraner, der milderen Philippisten und der schweizerisch Gesinnten ihre Anhänger, wie denn namentlich auch in der nächsten Umgebung des Kurfürsten das ausgeprägtere Lutherthum durch den Hofrichter Erasmus von Venningen und den Kanzler von Minkwitz, der Melanchthonianismus dagegen durch den Großhofmeister Grafen Georg von Erbach und andere Glieder dieser angesehenen Familie vertreten war. Friedrich III. schien in der ersten Zeit eines Regiments keine Partei ergreifen zu wollen; es mochte seine Absicht sein, sich ohne bestimmtere Beschränkung in Melanchthons, eines großen Landsmannes, Sinn auf der allgemeinen Grundlage der deutschen Reformation zu halten; auf keinen Fall aber war er gegen das Lutherische von vornherein eingenommen, denn noch im Oct. 1559 wies er den Erzieher des jungen Pfalzgrafen Christoph an, einen Zögling „nach der augsburgischen Confession und für nemlich D. Martini Luthers ev. Katechismus“ zu unterrichten. Auch als die beiden Hauptstreiter unter der Geistlichkeit, der Lutheraner Heßhus und der schweizerisch gesinnte Diakon Klebitz, sich von der Kanzel und sonst auf die ärgerlichste Weise angriffen und beschimpften, beobachtete Friedrich noch die gleiche Haltung: er verabschiedete die Vorkämpfer beider Parteien, und gebot dem öffentlichen Streit nach beiden Seiten hin Stillschweigen. Indeß mag er hierbei von lutherischer Seite einen noch übleren Eindruck empfangen haben, denn Heßhus wurde ohne empfehlendes Testimonium entlassen, während Klebitz ein solches nebst Reisegeld erhielt und dessen Stelle auch wieder mit einem Gleichgesinnten besetzt wurde. Bestärkt in dieser Haltung wurde Friedrich ganz besonders durch ein Gutachten Melanchthons, welches er durch einen auf zwinglischer Seite stehenden Geheimschreiber Stephan Zierler, einen Verwandten des Reformators, von diesem noch im J. 1559 einholen ließ. Melanchthon billigt darin das beiderseits auferlegte Gebot des Schweigens und wünscht zur Verhütung einer Spaltung in der noch zarten Kirche die Zänker von beiden Parteien entfernt. In Betreff des Abendmahls aber stellt er eine Formel auf, welche merklich in der Schwebe gehalten ist, jedenfalls aber die strenger lutherischen Lehren, nicht nur von der Ubiquität, sondern auch von einer objectiven, substantiellen Gegenwart ablehnt und dagegen den Begriff der Gemeinschaft des Leibes und Blutes Christi, und zwar im Gebrauch des Sakraments und für die Heilswirkung, mithin in den gläubig Empfänglichen, als das allgemein Gültige hervorhebt, auch der symbolischen Auffassung den Vorzug kirchenväterlichen Ansehens zuerkennt. Dieses Gutachten ergriff Friedrich mit lebhafter Zustimmung und zeichnete es alsbald den Geistlichen seines Landes als Lehrregel vor. Allein nicht nur hierbei stieß er auf einen Widerstand, der ihn schon zu scharfem Einschreiten gegen eine Anzahl Geistliche bewog, sondern es zeigte sich auch im Allgemeinen, daß bei der Erregtheit der Gemüther und unter den heftigen Strömungen der Zeit die bisher eingenommene mittlere Stellung des Kurfürsten nicht wohl durchführbar war, und nun lenkte derselbe, einem Zuge seines vorwiegend verständigen Wesens folgend und einerseits von stürmischen Lutheranern zurückgestoßen, andererseits ohne Zweifel von den zahlreichen Calvinisten, die bereits in Heidelberg mit Kirchen- und Lehrämtern betraut waren, eifrig bearbeitet, immer entschiedener in calvinische Bahnen ein. Den beiden lutherischen Herzögen von Weimar und Gotha, deren ersterer der Tochtermann Friedrichs schon war, der andere es jetzt (1560) werden sollte, war dieser Weg ihres Schwiegervaters sehr bedenklich. Sie brachten zur neuen Vermählung ihre Hofprediger Mörlin und Stössel mit und man benutzte die Gelegenheit, um dieselben mit Boquinus und andern im Beisein der Fürsten disputieren zu lassen. Allein Friedrich war schon zu sehr nach einer Seite hin entschieden und die Sache blieb ohne Erfolg. Bald darauf wurde, um die stets sich erneuernden Vorwürfe der Katholiken wegen Glaubensverwirrung unter den Protestanten niederzuschlagen und dem Concil zu Trident compacter gegenüber treten zu können, der denkwürdige Versuch gemacht, alle evangelische Fürsten Deutschlands durch erneuerte Unterzeichnung der augsburgischen Confession zu einer festen Einigung zu bringen. Es geschah dieß zu Anfang des J. 1561 durch den Naumburger Fürstentag, zu welchem nächst Christoph von Württemberg besonders unser Friedrich die Anregung gab. In der That erfolgte auch der wiederholte feierliche Beitritt der Fürsten zu der Confession von 1530 nach ihrer erstmaligen Ausgabe von 1531. Da jedoch in einer durch die Kurfürsten von Sachsen und der Pfalz veranstalteten Vorrede zu diesem Einigungs-Instrument zugleich die im J. 1540 gegebene weitere Erklärung der Confession, sowie eine minder strenge Auffassung der Abendmahlslehre als gleichfalls berechtigt anerkannt wurde, so trennten sich die beiden eifrigsten Lutheraner, die Herzöge von Weimar und Mecklenburg, und riefen dadurch eine Gegenbewegung hervor, in deren späterem Verfolg Kurfürst Friedrich mit einer melanchthonisch-calvinischen Denkweise eine nur noch mehr vereinzelte Stellung erhielt. Friedrich, der durch und durch ein Mann der Ueberzeugung war, ließ sich indeß nicht abschrecken. Er ging vielmehr jetzt noch entschiedener daran, seine Gedanken auch in der ganzen kirchlichen Gestaltung des Landes durchzuführen. Zuvörderst geschah dieß in der Lehre durch den so berühmt gewordenen Heidelberger Katechismus. Mit der Abfassung desselben waren zwei Theologen beauftragt, welche überhaupt, nur der eine mehr als Kirchenmann, der andere mehr als Lehrer, die hervorragendste Stellung während der Regierung Friedrichs einnahmen: der Trierer Caspar Olevianus, welcher schon 1560 nach Heidelberg berufen worden war, und der Schlesier Zacharias Ursinus, der 1561 dort eine Anstellung erhalten hatte. Aber der Kurfürst selbst ließ sich auch persönlich die Sache angelegen sein, und es war namentlich das bekannte schneidende Wort gegen die Messe in der 80sten Frage, welches auf besonderen kurfürstlichen Befehl „addiret“ wurde. Der von einer Synode pfälzischer Geistlichen gebilligte und im J. 1563 publicirte Katechismus selbst, mehr lehrgebäudlich ausgeführt als der um einige dreißig Jahre frühere lutherische, entwickelt nach den Grundgedanken von Sünde, Erlösung und Dankbarkeit die reformierte Lehre, jedoch ohne Berührung der Prädestination, mit seltener Kernhaftigkeit und Klarheit, und verschaffte sich nicht nur durch diese Vorzüge bald die verbreitetste Anerkennung in den reformierten Kirchen, sondern gilt auch heute noch bei allen Parteien als eine der meisterhaftesten Leistungen auf diesem Gebiet. Noch stärker prägte sich die Richtung, die Friedrich nunmehr eingeschlagen hatte, im Bereich der gottesdienstlichen Einrichtungen aus. Hier war es für ihn das Hauptanliegen, die Kirche seines Landes aufs schärfste von allem Papistischen abzutrennen und ganz nach Gottes Wort zu gestalten, d. h. alles auszuscheiden, was nicht aus der Schrift ausdrücklich bewiesen werden könne. In diesem Sinn entfernte er nicht nur Altäre und Taufsteine, sondern auch jeden symbolischen und künstlerischen Schmuck, namentlich Crucifixe aus den Kirchen, beseitigte selbst die Orgel und führte im Cultus alles auf die einfachsten Bestandtheile der Predigt, des Gebetes und Gesanges zurück. Bei der Abschaffung der Altäre und bildlichen Stücke sollte es nach Friedrichs Verordnung „bescheidenlich“ zugehen; allein da er darin nur „Götzenwerk“ sah, so kamen auch, selbst in seiner Gegenwart, starke Gewaltsamkeiten vor. Für die kirchlichen Handlungen ließ der Kurfürst im J. 1563 eine Gottesdienstordnung ausarbeiten, die sehr gediegene und kraftvolle Schriftmäßige Formulare enthält; für den Gesang wurden im J. 1565 die lobwasser’schen Palmen mit „Lutheri und anderer geistreichen Männer“ Liedern eingeführt. In diesen Stücken lag am meisten das Abweichende der pfälzischen Kirche, während sie sich in der Verfassung, für welche die 1564 von Friedrich erlassene Kirchenraths-Ordnung maßgebend wurde, mehr an die übrigen evangelischen Kirchen Deutschlands anschloß, indem auch in ihr das von einem Kirchenrath zu übende landesherrliche Kirchenregiment den Schwerpunct des Ganzen bildete. Bei allem diesem war es durchaus nicht die Absicht Friedrichs, sich von den Grundlagen der deutschen Reformation abzulösen und wir vermögen seinen Sinn gar wohl aus seinen eigenen Aeußerungen zu erkennen. Er hielt Luther, der ihm stets „ein lieber und werther Mann“ war, für „ein treffliches Werkzeug Gottes und einen solchen Lehrer, der bei der Kirchen Christi viel und Großes gethan“; er achtete auch Luthers Lehre als „in Gottes Wort gegründet und wollte dieselbe nicht verkleinern“; sondern nur das wollte er, daß man Luther nicht für irrthumfrei erkläre, daß man ihn „nicht über Augustinum und andere alte christliche Scribenten setze oder den Propheten und Aposteln vergleiche, welche allein das Privilegium haben, daß ihnen nicht einiger Irrthum kann zugemessen werden.“ Andrerseits lehnt er es wiederholt ab, ein Jünger Calvins zu sein; er habe nichts von Calvin gelesen, als dessen ihm gewidmete Schrift über Jeremias; er sei weder auf Calvin noch irgend einen andern Menschen getauft, sondern getröste sich allein des Verdienstes Christi; die aber, welche sich lutherisch, zwinglisch oder calvinisch nennen, möchten es selbst verantworten. Dagegen bekennt er sich in allen Lagen seines Lebens aufs entschiedenste zur augsburgischen Confession und deren Apologie, und wenn er dabei allerdings an die seit 1540 im Artikel vom Abendmahl modificirte Augustana dachte, so haben wir doch auch nicht die geringste Ursache zur Annahme, daß es ihm nicht mit dem übrigen reichen und vollen evangelischen Inhalt dieser Bekenntnisse der treueste Ernst gewesen sei. So stand Friedrich in der Lehre, gleichsam vorbildlich, auf dem Grunde einer sehr positiven evangelischen Union, nur im Abendmahl mit Vorneigung zum Calvinischen. Was aber das Gottesdienstliche betrifft, worin sich diese Vorliebe weit stärker ausdrückt, so brach er allerdings in einem puritanischen Eifer mehr, als nöthig war, mit allem Geschichtlichen; aber man darf sich ihn deshalb nicht vorstellen als einen der Calvinisten, wie wir sie später und heute wohl finden, für die nur die Verneinungen des Calvinismus vorhanden sind, sondern es beruhte bei ihm alles auf dem unbedingtesten Gehorsam gegen das Wort Gottes und auf dem alles durchdringenden Streben, nur Gott die Ehre zu geben und durch Lebensheiligung in Christo mit ihm in Gemeinschaft zu treten, wie wir dieß als edelsten Schmuck des ursprünglichen Calvinismus anzuerkennen haben. Die kirchlichen Aenderungen Friedrichs fanden schon im Lande nicht überall Anklang, ja im Neuburgischen entschiedenen Widerstand, erregten aber auch außerhalb vielfache Bedenken, selbst bei verwandten und befreundeten Fürsten, wie Carl von Baden und Christoph von Württemberg. Der letztere, an Geist und Regententugend unserm Friedrich ebenbürtig, wollte mit diesem sich gern verständigen, und auch Friedrich, der den Herzog innig verehrte, war dazu sehr geneigt. Er dankt ihm in einem Schreiben aufs freundlichste für ein „Mitleiden“ (eine Theilnahme für ihn), und zweifelt nicht, daß „ohne die Hochsinnigkeit der Theologen“ sie beide „in der Erkenntniß und Bekenntniß göttlichen Worts und christlicher Religion sich nicht allein näher würden zusammenthun, sondern auch mit einander gottseliglich in den Hauptartikeln christlicher Lehre wohl vergleichen können.“ Auch wurden zu diesem Zweck im J. 1564 zwei Gespräche gehalten, das eine vorläufige nur zwischen den Fürsten in dem Städtchen Hilsbach, das andere eingehende unter Zuziehung von Theologen und weltlichen Räthen im Kloster Maulbronn. Es war von beiden Seiten der redlichste Wille vorhanden, und insbesondere zeigte Friedrich die ganze Woche hindurch die größte Ausdauer. „Mich schläfert dennoch nicht – sprach er – denn ich bin darum hier, daß ich wölle lernen, und will lernen mein Leben lang.“ In der letzten Nacht setzten beide Fürsten, jeder für sich, noch ihr Bekenntniß auf, und Friedrich wurde damit erst fertig, „wie die Glock drey schlug gegen Tag“ Allein auch dieser wohlgemeinte Versuch war vergeblich. Wenn die Fürsten sich auch hätten einigen können, so vermochte „die Hochsinnigkeit der Theologen“ es nicht und es blieb kein anderes Ergebniß als ein anständiges Auseinandergehen. Viel ungünstiger zeigten sich die andern, Friedrich ferner stehenden lutherischen Fürsten. Sie gingen zu Drohungen und Gewaltmaßregeln über und wußten auch den, sonst wohlgesinnten Kaiser Maximilian II. zu einem Dekrete zu bewegen, dem zufolge der Kurfürst den Calvinismus in seinem Lande wieder abschaffen und für die eingezogenen Kirchengüter Ersatz leisten sollte. Ein schweres Gewitter schien sich über Friedrichs Haupt zusammenzuziehen und es gingen Gerüchte, als ob für ihn alles zu befürchten wäre, selbst bis zum Verlust der Kurwürde und des Lebens. Da der Reichstag zu Augsburg 1566 zur Entscheidung bestimmt war, warnte ihn sein Bruder, Pfalzgraf Richard, aufs dringendste, sich nicht persönlich dahin zu begeben. Allein wie Luther nach Worms gehen wollte, selbst wenn dort so viel Teufel wären, als Ziegel auf den Dächern, so kannte auch das gute evangelische Gewissen Friedrichs keine Furcht. Er beruhigte den besorgten Bruder in zwei trefflichen Briefen. In dem einen sagt er, gar manchem habe man schon Irrthümer und Ketzereien vorgeworfen, deren man nun nicht mehr gedenke, „allein der arme Fritz, der hat Leder gessen und muß der ärgste Ketzer sein“, getröstet sich aber, der Kaiser werde ein gutes Recht schon erkennen. In dem andern, wahrhaft großartigen Schreiben erklärt er sich zu allem, auch zum Zeugentode, bereit und schließt mit folgenden Worten: „Sehe der halben zu meinem lieben und getreuen Vater im Himmel in tröstlicher Hoffnung, eine Allmacht werde mich zu einem Instrument gebrauchen, einen Namen im heil. Reich deutscher Nation in diesen letzten Zeiten öffentlich nicht allein mit dem Mund, sondern auch mit der That zu bekennen, wie auch weiland mein lieber Schwäher, Herzog Johannes Friedrich zu Sachsen, der Kurfürst sel. gethan; und ob ich wohl nicht so vermessen, daß ich meinen Verstand mit dessel. Kurfürsten vergleichen wollte, so weiß ich hingegen, daß der Gott, so ihn in wahrer Erkenntniß seines heil. Evangeliums damals erhalten, noch lebt und so mächtig ist, daß er mich armes einfältiges Männlein wohl erhalten kann und gewißlich durch einen h. Geist erhalten werde, ob es auch dahin gelangen sollte, daß es Blut kosten müßte: welches, da es meinem Gott und Vater gefiele, mich zu solchen Ehren zu gebrauchen, ich seiner Allmacht nimmer genug am verdanken könnte, weder hier zeitlich, noch dort in Ewigkeit.“ Die entscheidende Sitzung der Reichsversammlung wurde am 14. Mai gehalten. In dieselbe ließ sich Friedrich durch einen Sohn und „geistlichen Waffenträger“, Johann Casimir, die Bibel nachtragen und vertheidigte zuerst ein Verfahren mit geistlichen Stiftern als in den Bestimmungen des Religionsfriedens begründet; dann aber zur Glaubensfrage übergehend erklärte er: hierin erkenne er nur einen Herrn, der ein Herr aller Herren und König aller Könige sei; da handle es sich nicht „um eine Kappen voller Fleisch“, sondern um der Seelen Seligkeit, und über seine Seele habe nicht der Kaiser, sondern allein Gott, der sie geschaffen, zu gebieten; mit der augsburgischen Confession stimme er aufrichtig überein und ein Katechismus sei mit Fundamenten der heil. Schrift dermaßen armiert, daß er wohl unumgestoßen bleiben solle; könne ihn aber irgend jemand, jung oder alt, gelehrt oder ungelehrt, Freund oder Feind, „ja der geringste Küchen- oder Stallbube“ aus Gottes allein seligmachendem Wort eines bessern belehren, so werde er dafür dankbar sein und sei die Bibel bald zur Hand; im Uebrigen vertraue er auf die Gerechtigkeit des Kaisers; „sollte aber, schloß er, dies mein unterthänigst Vertrauen fehlschlagen, so getröste ich mich des, daß mein Herr und Heiland Christus Jesus mir jammt allen seinen Gläubigen die so gewisse Verheißung gethan, daß alles, was ich um seiner Ehre oder Namens willen verlieren werde, mir in jener Welt hundertfältig soll erstattet werden. Thue damit Eurer kaiserlichen Majestät mich unterhänigst zu Gnaden befehlen.“ Diese, aus der innersten Ueberzeugung hervorströmende Rede machte einen so tiefen Eindruck, daß alsbald Kurfürst August von Sachsen, dem Angeklagten auf die Schulter klopfend, in die Worte ausbrach: „Fritz, du bist frömmer denn wir alle“, und weiterhin Carl von Baden zu den Umstehenden sagte: „Was fechtet ihr diesen Fürsten an? Er ist frömmer denn wir alle.“ So wurde dies der schönste Tag Friedrichs; er brachte ihm statt der Verurtheilung eine unverwelkliche Ehrenkrone. Nicht nur als Angehöriger der augsburgischen Confession, zu der er sich auch hier wiederum feierlich bekannt hatte, wurde er anerkannt, sondern auch das Directorium in evangelischen Religionssachen, welches Kurpfalz als oberstem evang. Stand zukam, ward ihm nicht entzogen. Am Freitag vor Pfingsten traf der Kurfürst wieder in Heidelberg ein und am Pfingstfeste selbst genoß er mit der Gemeinde das h. Abendmahl; bei der Vorbereitung darauf ermahnte er den Olevian, indem er ihm öffentlich die Hand reichte, zur Standhaftigkeit im Glauben. Von da an setzte Friedrich eine reformatorische Thätigkeit unangefochten fort und bewährte darin Strenge und Milde. Mit Eifer ergriff er die Vorschläge Olevians zur Einführung calvinischer, durch Presbyterien zu übender Sittenzucht, stieß damit jedoch auf große Schwierigkeiten. Noch strenger war er, wo er auf dem Gebiete der Lehre grundstürzende Irrthümer zu finden glaubte, wie dieß bei den unter den pfälzischen Geistlichen entdeckten Arianern (Leugnern der Gottheit Christi und der Dreieinigkeit) der Fall war, deren Haupt Joh. Sylvanus im J. 1572 zum Tode durchs Schwert verurtheilt wurde. Dagegen zeigte er sich auch mild, wenn er, selbst bei abweichenden Lehrmeinungen, eine ernste Glaubensgesinnung und sittlich würdige Lebensführung wahrnahm, wovon die Wiedertäufer ein Beispiel sind, denen er nach einem 19 Tage dauernden Prüfungs-Gespräch zu Frankenthal im J. 1571 die ruhige Ansiedelung in der Pfalz gestattete. Besonders unermüdlich aber war Friedrich in der Pflege christlicher Erkenntniß und christlichen Lebens in einem Lande, sowie in der Förderung der protestantischen Sache im Ganzen und Großen. Die eingezogenen Stifter und Klöster, deren Zahl in die Hunderte ging, stellten sehr bedeutende Mittel zu Gebot, und diese wurden mit höchster Gewissenhaftigkeit für Zwecke der Kirche und Schule oder auf Stiftungen und Werke der Barmherzigkeit verwendet, so daß dadurch der pfälzischen Kirche eine würdige Unabhängigkeit gesichert, dabei aber zugleich das Unterrichtswesen durch alle Stufen hindurch, von der Universität bis zur Dorfschule wesentlich verbessert wurde. Nach außen aber stand Friedrich mit den protestantischen Kirchen, vornehmlich den reformierten in Frankreich, England und den Niederlanden fortwährend in regter Verbindung; er trat überall für die Unterdrückten ein und strafte die Verfolger, wie z. B. nach der Bartholomäusnacht, mit scharfen Worten; er nahm Flüchtlinge, unter andern Charlotte von Bourbon, gastlich auf und brachte, wo er nur konnte, thätige Hülfe: ein bewährter Waffenträger, Johann Casimir führte zur Unterstützung der Protestanten ein Heer nach Frankreich, und ein anderer hoffnungsvoller Sohn Christoph fiel als 23jähriger Jüngling 1574 im niederländischen Freiheitskampfe auf der Mockerhaide. Ganz besonders lag es Friedrich, dessen Blick ohne Vernachlässigung des Nächsten stets auf das Ganze gerichtet war, noch auf dem Herzen, eine umfassende Vereinigung aller Protestanten und ein allgemeines Toleranz-Gesetz zu Stande zu bringen. Es sollte ihm nicht so gut werden. Doch beschäftigten ihn diese Dinge, wie überhaupt die Sorge um das Wohl der Kirche, auch noch im Angesicht des Todes. Als er, selbst schon aufs schwerste an der Wassersucht darniederliegend, den am 12. Oktober 1576 erfolgten Heimgang seines werthen Kaisers Max erfuhr, hatte er nur den Wunsch, den neuen Kaiser und seinen Kurprinzen Ludwig noch einmal zu sehen, „um sich mit beiden wegen des Zustandes christlicher Republik zu besprechen.“ Beim Herannahen eines Endes durfte Friedrich bezeugen: „Ich habe der Kirche zum Besten gethan, was ich konnte“- fügte jedoch demüthig hinzu, daß er nicht viel vermocht habe; Gott aber, der alles vermöge, werde die Seinen nicht Waisen sein lassen und die Gebete, die er in diesem Gemach für eine Nachfolger und die Kirche knieend gethan, väterlich erhören. „Ich habe euch lange genug gelebt – sprach er – ich muß mir auch einmal leben.“ Und wiederum: „Es berufe mich nun der liebe Gott, wann er wölle, so hab ich ein fröhlich frei Gewissen in dem Herrn Christo, dem ich von Herzen gedienet und erlebet habe, daß in meinen Kirchen und Schulen die Leute von den Menschen auf ihn allein gewiesen worden.“ Am meisten stärkten ihn Worte der h. Schrift: der 31. Psalm, das hohepriesterliche Gebet des Herrn Joh. 17, die Stellen 1. Timoth. 1, 15 und 2. Timoth. 4, 7 und 8. So entschlief er selig am 26. Oct. 1576 in dem einigen Trost Lebens und Sterbens, zu dem er sich jederzeit unwandelbar bekannt hatte. Von Person muß Friedrich eine würdige Erscheinung dargeboten haben; er trug einen starken Bart, und aus den festen, aber wohlwollenden Zügen seines Angesichts blickte ein klares, durchdringendes Auge. In seinem Familienleben war Freude und Leid menschlich gemischt: mit Marie von Brandenburg-Bayreuth lebte er bis 1567 in 30jähriger glücklicher Ehe; sie gab ihm 5 Söhne und 5 Töchter, deren Geschicke sehr verschieden waren; eine zweite Ehe mit Amalie, Witwe des Herrn von Brederode, geb. Gräfin von Moeurs, blieb kinderlos. An dem Hofe Friedrichs ging es sehr einfach zu; er schaffte sogar die „Sängerei ab“ ab und entlieh eine solche für Festlichkeiten anderswoher. Seine Zeit gehörte fast nur ernsten Dingen: dem Lesen der h. Schrift und weltlicher Geschichte, der Abfassung zahlreicher Sendschreiben und den Geschäften der Regierung, denen er mit Besuch der Kanzleien und Anhören der Unterthanen stets treulich oblag. Auch sein weltliches Regiment hatte ein strenges, sittliches Gepräge; er vereinfachte das Beamtenwesen, suchte der Verschwendung, dem Luxus und der Ueppigkeit zu steuern und gab eine „christliche“ Polizeiordnung, in welcher Heilighaltung der Sonn- und Feiertage sowie Kirchenbesuch für jedermann, „der es Leibs halben vermag“, ernstlich vorgeschrieben, dagegen Fluchen, Schwören, Zechen u. a. streng verboten war. Der Wohlstand, zu dem auch gewerbfleißige Emigranten beitrugen, blühte unter ihm in der Pfalz und die Unterthanen waren wohl zufrieden. Doch stellte Friedrich auch in weltlichen Dingen alles auf Gott und sein Wort. Dem Kaiser Max überreichte er eine ins Spanische übersetzte Bibel mit der Aeußerung, in diesem Buch sei „ein Schatz aller Schätze enthalten, nämlich die himmlische Weisheit, welche Kaiser, Könige und Fürsten anweiset, wie sie glücklich regieren sollen.“ Und als er einst gefragt wurde, warum er in seinem Lande keine Festungen baue, erwiderte er: „Eine feste Burg ist unser Gott! So haben wir getreue Unterthanen, wohlgeneigte Nachbarn und im Fall der Noth eine Anzahl solcher Kriegsleute, die nicht allein mit Wehr und Waffen, sondern auch und vornehmlich mit dem Gebet unsern Feinden widerstehen können.“ Der Mittel- und Angelpunct von Friedrichs Thätigkeit war indeß immer die Kirche; hier empfing alles von ihm den Anstoß und stand unter einer persönlichsten Leitung. Er besuchte selbst die Sitzungen seines Kirchenraths, disputierte in eigner Person auf einer Synode mit einem geistlichen Gegner einer Abendmahlslehre, und setzte als unerschütterlicher Bekenner vor Kaiser und Reich alles, was er war und hatte, für seinen Glauben und seine kirchlichen Reformen ein. Und so blieb es bis zum letzten Athemzug. Auch in dem Testament, das er nicht lange vor seinem Tod aufsetzte, sind ihm Glaube und Kirche das Wichtigste. Er legt ein ausführliches, sehr rechtgläubiges Bekenntniß ab und kennt kein höheres Anliegen, als daß seinem Volke das lautere Wort Gottes und reine Sakrament erhalten, daß christliches Leben unter allen Ständen in Eintracht gefördert werde. Der Wahlspruch Friedrichs, der in der That ein ganzes Leben beherrschte, waren die Worte: „Herr, nach deinem Willen.“ Diesen Spruch legte er auch einem, in höherem Alter abgefaßten Liede zu Grund, dem der ganze Sinn Friedrichs in seiner Frömmigkeit, Demuth und Treuherzigkeit eingeprägt ist. Wir schließen unsere Schilderung mit dem letzten Vers dieses Liedes, der so lautet:

 

Willen und Lieb zu deiner Ehr

Laß in mir wachsen täglich mehr

Bis in mein letztes Ende;

Und wann erfüllet sind die Tag,

Daß ich von hie soll scheiden ab,

Mein’n Geist nimm in dein Hände.

Dein Wort entzeuch meim Völklein nit,

Wann es dein Gnad durch die Sünd verschütt‘,

Laß mich im Fried verhüllen.

Mein Land und Leut nach meinem Tod,

Darzu der Christen letzte Not

Regier, Herr, nach dei’m Willen.

 

Ullmann in Carlsruhe.

Jean Calvin

Wer kennt nicht Luthers große Geschichte, und begrüßt nicht in Wittenberg ein ehernes Standbild, eine Kirche, eine Zelle; Melanchthons Haus und Garten! wer besucht nicht den romantischen Felsen der Wartburg wo Luther Frieden fand, nachdem er ein großes Zeugniß für die Wahrheit zu Worms abgelegt hatte! Calvins Geschichte ist weniger bekannt, er ist der Reformator des Südens. Um ihn kennen zu lernen müssen wir auf die Schweiz, auf Genf blicken; ein berühmter Reisender hat gesagt, daß es auf der Erde kaum eine Gegend giebt, die mit den Ufern des Sees Leman zu vergleichen wäre: dieser See, dessen reiner Spiegel sich achtzehn Stunden weit ausdehnt, von freundlichen Weinbergen umgeben, hinter welchen sich belaubte Felsen erheben und die Kette der Gletscher von Savoyen mit dem majestätischen Montblanc. Dort an der südlichen Spitze des Sees liegt Genf.

 

In der mittelalterlichen Stadt sehen wir einen alten gothischen Tempel, dessen erster Bau auf Chlodowig zurück geführt wird. Wie in Rom, so steht auch hier eine Kirche des heiligen Petrus; doch schon lange vor der Reformation hatte Genf, welches damals den Herzogen von Savoyen unterworfen war, im Vorgefühl eines späteren großen Berufs, den Wahlspruch angenommen: „Nach der Finsterniß – Licht“. In der Stadt ist eine enge gebogene Straße, die noch jetzt: Rue des chanoines heißt: da hat Calvin einst gewohnt. Hier ein bedeutender Tag aus einem bewegten Leben. Früh am Morgen tönte eines Tages weithin die große Glocke der Stadt, die sie dort: „La Clémence“ nennen und verkündigte einen Festtag. Wir blicken auf einen Mann von mittlerer Größe mit raschem Schritt, einem schwarzen Barett auf dem Haupte, einem länglichen Gesicht mit spitzem braunem Bart; ein Blick ist lichtvoll; er tritt heraus; Ernst und Entschiedenheit ist in seinem Wesen, mit ihm ist ein anderer Geistlicher. Die Bürger grüßen mit bedeutsamen Mienen. Er eilt hin nach St. Peter, besteigt die Kanzel und donnert gegen das Volk. Ja, er erklärt mit großer Entrüstung:  „er werde in einer so wüsten, so von Parteien zerrissenen Stadt das Abendmahl dem Volke nicht reichen!“ Alle sind empört, entsetzt; einige ziehen die Schwerter und drohen, aber der Geistliche wiederholt: er werde das Abendmahl des Herrn nicht schänden, denn: „sie schluckten vielmehr den Zorn Gottes herunter als das Sakrament des Lebens!“ Es war Calvin am großen Ostertage, den 21. April des Jahres 1538, der das Volk excommunicirte. Die Bürger versammeln sich alsbald am andern Tage und erklären mit großer Aufregung die Verbannung Calvins und zween anderer Zeugen des Herrn aus der Stadt: Farel und Corrault. „Gut, sagen sie, es ist besser Gott denn den Menschen zu gehorchen“ und Calvin: „Hätte ich Menschen gedient, so würde ich jetzt schlechten Lohn haben, aber ich habe einem Herrn gedient, der den Seinen selbst den Lohn giebt, der ihnen nicht zukommt!“ Sie eilen nach Bern, und nach einem fruchtlosen Versuch der Rückkehr, wendet sich Farel nach Neufchâtel und Calvin, nach einer Wanderung durch eine stürmische Gewitternacht, wo er fast in den angeschwollenen Waldströmen umgekommen wäre, zieht sich nach Straßburg zurück. Der dritte stirbt bald oder wird ermordet. – Dieser eine Vorfall zeigt uns den Mann, den wir kennen lernen wollen. Glühender Eifer für die Ehre seines Herrn, Kampf für die evangelische Wahrheit auf Tod und Leben, unerschütterlicher Glaube an das Mahl des Herrn, sind die Charakterzüge, die wir in einem ganzen Leben wiederfinden, und es wird diese Begebenheit der erste Anlaß zur Gründung der berühmten Kirchenordnung der Reformierten; denn Christus hat seinen Jüngern das Amt der Schlüssel gegeben, das heißt: die Kirche hat eine geistige Gewalt. Wir begleiten ihn nach Straßburg. Demüthig nahm er diese Schmähung hin: „sie können uns nicht fluchen, sprach er, wenn es Gott ihnen nicht erlaubt; unterdessen wollen wir auf den Herrn warten, denn schnell welkt die Krone des Stolzes der Trunkenen aus Ephraim.“ Wenn früher das Volk von Calvin und Luther sprach, hörte man manchmal eine derbe Redensart: „Luther – Dickkopf, – Calvin – Spitzkopf“ – jagten sie. Es ist bekannt, daß in dem Volkswitze gewöhnlich ein zu beachtendes, vollgültiges Urtheil verborgen liegt. Das Volk hat den Grundton beider Männer bezeichnen wollen, den unbeugsamen Trotz Luthers, und die bis auf die Spitze getriebene Gedankenschärfe Calvins. Mit diesen Eigenschaften verbanden aber beide eine seltene Geistestiefe. Wenn jener, mit großartigem Trotz begabte, ein so verwegenes, die Geister beherrschendes Gemüth in sich trug, daß er nach einer eigenen Rede „wohl bekannt ist im Himmel, auf Erden und in der Hölle!“ so hatte der durch Geistesschärfe ausgezeichnete ein reiches hochanstrebendes Gemüth, eine wahre Majestät des Charakters, einen Blick gerichtet auf das Angesicht Gottes und eine heiligen Engel, von denen er oft spricht, als ob er den Unsichtbaren mit Augen gesehen (Hebräer 11, 27). Eine ganz neue Bildung ist von ihm ausgegangen, im Süden und Westen. Aber nur die Bessern erkennen ihn, die schwachen untergeordneten Naturen und antichristlichen Geister haben ihn immer verkannt, gehaßt; ja, beide Männer mit Fluch belegt. „Bist du lutherisch oder calvinisch?“ fragt die Welt und giebt durch diese Rede zu erkennen, wie bedeutend der eine Mann neben dem andern steht; Calvins Leben ist wie Luthers ein wundersames Gewebe von Gefahren im Aeußern und großer Gedanken im Innern, welche die Welt zu beherrschen bestimmt sind. Er steht noch jetzt da für Frankreich als ein Prüfstein, als ein richtender Geist zum Leben oder zum Tode, an dem sich Viele ärgern, der Viele zum Heile führt und es wird jenem Volke kein anderer Erretter gegeben bis sie sprechen werden: „Gelobet sei der da gekommen ist in dem Namen des Herrn!“ Hier eine Jugend, eine Reformationsjahre und seine Siege. Am 10. Juli 1509, als Luther schon 26 Jahr alt war, wurde er zu Noyon einem Städtchen in der Picardie geboren; seine Mutter, eine Flamländerin, sorgte für seine Kindheit mit frommer Liebe. Sein Vater war ein angesehener Mann, ein Fiscal-Procurator der Stadt, der den Ernst des Knaben erkannte. „Mein Vater, sagt Calvin, bestimmte mich zur Theologie als ich noch ganz klein war, und wie David von den Hürden seiner Heerde so hoch hinauf geführt wurde, also hat Gott mich, wie unbedeutend auch der Anfang war, eines so hohen Amtes gewürdigt, ein Verkündiger des Evangeliums zu werden.“ Durch die Tonsur tritt er früh über zum geistlichen Stande. Von einer Ordination ist in seinem Leben nicht weiter die Rede. Im zwölften Jahr erhielt er kleine katholische Pfründen. Nun sehen wir ihn auf dem Gymnasium in Paris; früh auf der Universität wo er Dr. der Rechte wird, nachher Theologe. Um diese Zeit fand die innere Umwandlung statt, rasch, gewaltig, wie er erzählt. Alsbald fing er an das

reine Evangelium zu lehren. „Obgleich ich schüchtern die Welt floh, sammelten sich die durstigen Seelen um mich unerfahrenen Rekruten, so daß jeder einsame Winkel wie eine offene Schule wurde.“ Nun erklärt er sich frei in Paris zur Freude aller Evangelischen. Dort bricht eine Verfolgung aus; er hatte selbst Anlaß dazu gegeben durch eine kecke Sprache; nur mit Noth rettete er sich aus einem Fenster, heißt es, von wo man ihn in einem Korbe herunter ließ. Im Jahre 1535 wird durch den Feuereifer der Protestanten eine neue Gefahr herbeigeführt. Sechs Evangelische werden zu Paris verbrannt. Calvin zog zu einem Freunde, wo er in der Stille ein großes Werk über die Lehre der Reformierten zu schreiben beginnt, und nun verbreitet er das reine Evangelium in den Provinzen. Bald finden wir ihn im Süden in Nérac bei der Königin von Navarra; darauf in einer Vaterstadt, wo er seine kleinen katholischen Aemter niederlegt. Jetzt lebt er im Verborgenen zu Poitiers und in der Umgegend, wo er im Geheimen eine reformierte Gemeinde gründet, mit ihr das Abendmahl nach dem evangelischen Ritus feiert, und Jünger weithin aussendet. Dort findet man an einsamer Stätte eine Höhle, wohin er sich mit den Seinen zurückzog; sie führt noch jetzt den Namen „Calvins-Grotte.“ Ueberall Gefahren und Scheiterhaufen. Er eilt nach Basel hin, wo er ein schönes Werk über den Glauben zur Vertheidigung der Verfolgten herausgiebt, bald reist er mit einem Freunde nach Italien zur berühmten Herzogin Rénee von Ferrara, die ihn von jener Zeit immer mit Hochachtung und Liebe als ihren Seelsorger ehrte. Er wird vertrieben, eilt nach seiner Vaterstadt und mit einigen Freunden von da nach Straßburg. Der Krieg zwingt ihn einen Umweg über Genf zu machen. „Gott führte ihn,“ sagt ein Freund Beza, denn dort lebte jetzt der muthige Farel, der so eben die französische Schweiz reformiert hatte, aber allein unter den vielen Stürmen, nicht mehr dem Kampfe gewachsen war. Er sieht Calvin, welcher sich selbst mißtrauend, in die Einsamkeit fliehen will. Farel beschwört ihn mit heiligem Eifer Hülfe zu leisten. Da eine Bitten nicht fruchten, erhebt er seine mächtige Stimme: „Nun so verkündige ich dir im Namen des Allmächtigen, daß Gottes Fluch auf dir ruhen wird, da du nicht Christi, sondern deine eigene Ehre suchet“. Dies war der Donner der Stimme auf dem Wege nach Damascus, der Blitz der Calvins Seele traf; er konnte dem „Stachel nicht widerstehen“. Calvin wird Prediger und Professor zu Genf, und ein ganzes Leben hindurch sah er Farel mit gehobener Hand und hörte den fernen Donner des Gerichts „als ob Gott mich vom Himmel mit einem furchtbaren Arm ergriffen hätte“ sagt er. Er will nun in der That das Volk reformieren; da ereignete sich nach zwei Jahren jene merkwürdige Begebenheit des Osterfestes zu Genf, an welchem er das ganze Volk excommunicirte und verbannt wird. Jetzt sehen wir ihn in der alten Stadt Straßburg mit Bucer und vielen redlichen Männern wirken. Hier bildet er sich in der Stille ganz aus, wird gegen seinen Willen in die großen Kreise des damaligen Lebens hineingezogen „die Reichstage Deutschlands“. Er trifft mit Melanchthon zusammen, beide erkennen sich als verwandte Geister, stimmen im Wesentlichen überein in der Lehre vom Abendmahl und bleiben verbunden durch Hochachtung und Liebe. Doch schwer ist es die Kämpfe zu beschreiben, die nun seine Seele bewegen, als die Stadt Genf, tief von Reue durchdrungen, ihn stürmisch zurück verlangt, als den ihr von Gott bestimmten Seelsorger! er gedenkt mit Angst der früheren Gewissensnoth; endlich muß er der Gewalt Farels, der die Hand wieder hob, nachgeben und reicht „sein blutendes Herz dem Herrn zum Opfer dar.“ Nun beginnen die ernsten Reformationsjahre; er zieht ein in die bußfertige Stadt aber unter einer Bedingung: er will den großen Gedanken eines Lebens zu Wahrheit machen, er will die geistige Gewalt der Kirche anerkannt wissen. Er entwirft eine Gesetzgebung für Kirche und Staat und führt sie mit großem Ernte durch. Viele, unter andern der berühmte Valentin Andreä, welcher im Jahre 1610 in Genf war, bewunderten diese theokratische Kirchenverfassung so sehr, daß sie ein wahres Verlangen fühlten sich in Genf niederzulassen. Sie ist ein Versuch die römische Hierarchie durch freie christliche Formen, nach dem Vorbilde der Urkirche zu ersetzen, und wurde in mehrere Länder durch die Synodalverfassung in großem Maaßstabe eingeführt. Sein häusliches Leben hatte Calvin in Straßburg begründet. Die junge Witwe eines früher von ihm bekehrten Wiedertäufers hatte er geheirathet; sie war eine sehr gebildete Frau, „eine Auserlesene“ nennt sie ein Freund Calvins, der sie kannte. Idelette de Bures ist ihr Name; neun Jahre dauerte diese glückliche Ehe; er hatte einen Sohn von ihr; sie lebten zwar, da Calvin das einfache, arme Leben freiwillig wählte, in einer sehr bescheidenen, dürftigen Lage, aber bei vielem häuslichen Glücke. Ein Kreis von liebenswürdigen Freunden bildete sich um sie, und eine so treue Freundschaft wie die, welche Calvin mit Farel, Viret und Beza verband, findet man selten; auch nicht in Luthers Leben, der zuletzt selbst mit Melanchthon halb zerfiel. – Nun beginnt ein ernster und beharrlicher Kampf mit allen Freiheits-Schwindlern der damaligen Zeit und mit den alten Bürgern der Stadt Genf, die wohl die politische, aber nicht die wahre christliche Freiheit erringen wollten. Je größer die Gefahr, desto verwegner entfaltete sich der Muth des Mannes, der von Natur schüchtern war. Er stand da wie einer der alten Propheten, Strafe vom Himmel herabrufend über die, welche gegen Gottfrevelten; doch wie Paulus verband er auch mit jenem großen Ernste die apostolische Liebe. Endlich aber siegte sein Geist und ergriff die ganze Stadt; so daß die Feinde, die ihn verderben wollten, hinausgeworfen wurden. Die Wuth der Verfolgung trieb damals die würdigten Männer aus Frankreich und Italien; diese fiedelten sich unter Calvins Schutz in Genf an und bildeten dort eine Kirche, eine Macht, eine Hülfe in der Noth. In jener Zeit, wenn große Gefahren weit hin und nahe der Kirche Untergang, ihm den Tod, drohten und oft schon. Alles verloren schien, hörte man von ihm Worte wie die folgenden: „Es ist nicht der Mühe werth, daß ihr euch um mich ängstiget, ganz andere Bewegungen haben Moses und die Propheten, die Leiter des Volks, erfahren.“ „Ich auf mein Gewissen vertrauend fürchte keinen Angriff, denn was können sie schlimmeres bereiten als den Tod.“ „Ich bin bereit jeglichen Tod zu leiden, wenn es nur für die Vertheidigung der Wahrheit ist.“ Nach Luthers Tode beherrschte er die Geister jener großen Zeit und wirkte vornehmlich ein auf Frankreich, Italien, Deutschland, Holland, England und Schottland. Er trug gleichsam die Kirchen jener Länder in seinem Herzen und sorgte täglich für sie. Viele Märtyrer bestiegen auf ein Wort den Scheiterhaufen, und welch‘ eine Freude war es für ihn, als nach und nach in Frankreich über 2150 reformierte Gemeinden sich bildeten und Prediger von ihm erhielten; als die ersten und würdigten Familien sich dort für ihn erklärten, und im Jahre 1559 die Deputierten aus allen Theilen des Landes in Paris in der Stille zusammen traten um ihr treffliches Bekenntniß aufzusetzen: die Grundlage der französisch-reformierten Kirche! Zwei Jahre darauf wird dieses Bekenntniß in einer feierlichen Versammlung dem Könige und der Regentin Katharina überreicht. Die Reformierten werden von dem weltlichen Staat anerkannt. Was half es nun, daß Franz von Guise die Protestanten, welche das Mahl des Herrn zu Vassy in einer Scheune feierten, morden ließ und wilde Kriege gegen sie geführt wurden! die Freiheit des Glaubens wurde errungen; unter allem Wüthen der Gegner blühten die Kirchen auf, so daß man zu dieser Zeit selbst in Rom fürchtete, ganz Frankreich möchte calvinisch werden. Als Calvin über alle seine Gegner gesiegt hatte, fühlte er den Tod herannahen; der feurige Geist hatte ein körperliches Element fast verzehrt; mit jugendlicher Thätigkeit suchte er noch überall einzuwirken, keine Stunde ging verloren; er prägte seinen starken Sittengeist und den majestätischen Ernst seines Charakters einer Kirche und Stadt ein. Sie wurde eine Pflanzstätte der reinen edlen Bildung für mehrere Jahrhunderte. Als er sich zur Ruhe legte, setzte er ein einfaches Testament auf, worin er unter andern im Gefühle seiner großen Unwürdigkeit spricht: „Ich bezeuge, daß ich leben und sterben will in diesem Glauben, den Gott mir durch Sein Evangelium gegeben, und daß ich keine andere Stütze des Heils habe als die freie Erwählung, die mir von Ihm geworden ist; von ganzem Herzen umfasse ich. Seine Barmherzigkeit, durch welche um Jesu Christi Willen alle meine Sünden in dem Verdienste. Seines Todes und Leidens begraben sind. – Nach dem Maaße der Gnade, die mir geworden ist, habe ich Sein Wort rein und lauter gelehrt durch Predigt, Werke und Erläuterungen der Schrift; in allen Streitigkeiten mit den Feinden der Wahrheit bin ich nicht sophistisch zu Werke gegangen, sondern rund und gradezu habe ich den guten Kampf bestanden. Aber wehe mir – der gute Wille den ich gehabt und der Eifer, wenn man es so nennen kann, ist so etwas Laues und Kaltes gewesen, daß unendlich Vieles mir gefehlt zur Erfüllung meines Amtes!“ Sein Nachlaß betrug im Ganzen mit seinen Büchern 225 Thlr. Da er das arme Leben liebte und wollte, schlug er während einer Krankheit 25 Thlr, die Hälfte seines Gehalts aus, und sagte als der Rath sie ihm schickte: „er könne jetzt keine Dienste mehr leisten, und ein Gewissen verbiete ihm sein Gehalt anzunehmen.“ Vor einem Ende richtete er mit schwacher Stimme herrliche Worte der Ermahnung, die aufbewahrt sind, an den Rath der Stadt und an seine Amtsbrüder. In einem letzten schweren Leiden hörte man ihn oft beten: „Herr! Du zermalmt mich, aber es ist mir genug, daß ich weiß, daß Du es bist!“ „Wer wird mir die Flügel der Taube geben, daß ich zu Dir hinfliege!“ Der 27. Mai des Jahres 1564 war der Tag seiner Erlösung und eines seligen Heimganges; 54 Jahr war er alt geworden. Es sind oft eine Anhänger und Freunde, aus der Ferne kommend, nach dem Gottesacker der Stadt hingegangen und haben sein Monument gesucht; doch seine Ruhestätte ist nicht bezeichnet worden. Dieser Mann wollte nichts von der Welt, nicht einmal einen Stein mit seinem Namen, keinen Prunk an seinem Grabe, der zu dem Aberglauben der alten Kirche führen konnte. So wie Niemand in Israel wußte, wo Moses auf dem Berge bestattet wurde, so weiß Keiner wo Calvins Gebeine ruhn, und der Staub der folgenden Geschlechter in Genf ist in seinen Staub versenkt worden, wie sie im Geiste mit ihm innig verbunden sind. Wir wagen hier einen Blick auf die eigenthümliche Art, wie dieser tiefe Geist die Wahrheit auffaßte, zu werfen. Die heilige Schrift war ihm die entscheidende Regel aller Erkenntniß und die Rechtfertigung durch Christus die Hauptlehre. Aber Calvin begnügte sich nicht mit dem dunkeln Spiegel, er drang tief ein durch den erleuchteten Gedanken und mit erhebendem Glaubens-Muthe verlangte er dasselbe von jedem seiner Jünger. Ein Kind sieht den Himmel an und denkt nicht weiter darüber nach, er aber sah wie ein Astronom auf das geistige Firmament, wie ein Denker in Gottes Angesicht und dessen Rathschlüsse. Das mögen nicht. Alle und fürchten in den Abgrund tief zu blicken. Calvin aber ohne Scheu, verwegen, fühlt sich getragen durch die Flügel seiner lebendigen Ueberzeugung; er weiß, daß er ein Erwählter des Herrn ist. Sein herrschender Gedanke, daß Gott allein alle Macht hat, der Mensch vor ihm gar nichts ist, ein Gefäß Seines Zorns oder Seiner Gnade, wie der Herr es will, reißt ihn zur beständigen Anbetung des lebendigen Gottes hin, im Gegensatz zu vielen modernen Denkern, denen Gott nichts ist als Gesetz, der menschliche Geist, ein Gott. Von jenem großen Gedanken ausgehend beweist er, daß Gott der uns erschaffen, Heil und Verderben voraussehend, beides nothwendig gewollt: Verlorne und Erlöste; also ihr Heil und Verderben bestimmt hat. Es sind dies die Abgründe des geistigen Lebens, denn keiner weiß, wie die Sünde mit ihren Folgen möglich ist, vor dem Heiligen, der unser Dasein so gewollt hat wie es ist; dieselbe Wahrheit hatte schon Zwingli gelehrt und Luther dem Erasmus bewiesen, als dieser erklärte, der Mensch könne sich selber durch gute Werke helfen. In dem verborgenen Rathschluß Gottes liegt die Lösung des Geheimnisses. Calvin ahnt wohl was hinter dem Gebäude der Gnadenwahl, vor welchem er selbst zurückschreckt, liegt. Wir rufen hier aus: „O, welch‘ eine Tiefe der Weisheit und Erkenntniß Gottes! wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich eine Wege!“ Calvin aber fühlte sich durch Gottes Geist getrieben: diesen großen Gedanken der Allmacht und der gänzlichen Abhängigkeit des Menschen mit siegender Klarheit hervorzurufen, um die selbstgerechte Heuchelei der alten Kirche für immer in ihren Grundvesten zu erschüttern, wie Augustinus, zu einer Zeit, die selbstgerechten Pelagianer. Es liegt ein ewiges Gericht, ein Donnern in seinen Worten, welches das Geschöpf aufschreckt und gerade dieses schroffe Auffassen jener tiefen Grundideen hat seinem ganzen Glaubenssystem eine eigene Färbung, seinem Wesen eine demuthsreiche Frömmigkeit, der Welt eine neue Lebensrichtung gegeben, und wenn man ihm zurief: der freie Wille gehe bei ihm unter, so antwortete er mit noch größerer Gewalt: „Gehet ein in euer Herz, es verdammt eure Trägheit, das Gewissen ist ein Zeuge für eure sittliche Freiheit!“ Und Calvins Kirche ist reich gewesen an thätiger Liebe. Obschon nun viele gläubige Seelen diesem Gedankenfluge nicht folgen mögen, so werden sie doch immer ihren Dank vor Gott darbringen, daß Calvin sie den tiefen Sinn des Nachtmahls gelehrt und diese große Wahrheit gerettet hat, in einer Zeit wo Zwingli eben das Sakrament in ein Erinnerungsmahl aufgelöst hatte. Dies führt uns dahin das Verhältniß Calvins zu Luther näher zu berühren. Mit Entrüstung hatte sich dieser von den Schweizern zu Marburg getrennt. Später erklärte er: „daß er nichts mehr mit den Sakramentsschändern zu thun haben, auch nicht mehr beten wolle für die Seelfresser und Seelmörder.“ Sein unbeugsamer Trotz, der auf seine Nachfolger ohne ein liebendes Gemüth überging, führte den verhängnißvollen Riß in der Kirche herbei. Da bewegte der Geist des Herrn unsern Calvin zum Segen der Gemeinde Christi. Nichts will er von der Verwandlung der Hostie, noch von der räumlichen, materiellen Gegenwart Christi im Sakramente wissen, aber eine geistige, wesentliche verkündigt er, denn Christi wahrhaftiges Wesen liegt im Sakramente, hängt nicht von dem Glauben des Communikanten ab, aber der, welcher den Glauben hat, empfängt das Fleisch und Blut des Herrn, Seinen verherrlichten Leib, und diese geistvolle Lehre, zu welcher er die Schweizer im Jahre 1549 hinüber führte, hat den Sieg in der ganzen reformierten Kirche davon getragen; ja selbst gläubige Seelen außerhalb derselben sind von deren Gewicht ergriffen worden. Luther, hätte er länger gelebt, würde sich wahrscheinlich mit ihm verständigt haben, da die Reformirten lutherischer sind in ihrer Ansicht, als man es gewöhnlich glaubt, und die Lutheraner calvinischer, ohne es zu ahnen. Luther achtete Calvin, ließ ihn einst ehrenvoll grüßen und sagen: „er hätte seine kleineren Werke (in welchen dieser sich über eine Lehre ausgesprochen) mit besonderer Freude gelesen.“ Ja, es hat sich folgende Erzählung von ihm erhalten: Ein Jahr vor seinem Tode, als er einst aus der Vorlesung kam, von den Studenten begleitet, blieb er vor dem Buchladen des Hans Luft stehen, und redete den Buchführer, der eben aus Frankfurt gekommen war, mit den Worten an: „Moritz! was sagen sie gutes Neues zu Frankfurt, wollen sie den Erzketzer Luther schier verbrennen!“ „Davon höre ich nichts, ehrwürdiger Herr, sagte jener, ein Büchlein aber habe ich mit herein gebracht, welches Johann Calvinus vom Abendmahl des Herrn hiebevor französisch geschrieben, itzo aber aufs Neue lateinisch ausgangen ist. Sie reden draußen von Calvino, daß er zwar ein junger, doch ein frommer und gelehrter Mann sein soll. In solchem Büchlein soll derselbe Calvinus anzeigen, worein euer Ehrwürden, worein auch Zwinglius und Oekolampadius im Streit sollen zu weit gegangen sein.“ Da er solches nicht recht ausgeredet, hat Dr. Luther alsobald geantwortet: „Lieber gebet mir das Büchlein her!“ Darauf habe Luther sich niedergesetzt, es durchgesehen und endlich also gesagt: „Moritz, es ist gewiß ein gelehrter und frommer Mann, dem hätte ich anfänglich wohl dörffen die ganze Sache von diesem Streit heimstellen. Ich bekenne mein Theil, wenn das Gegentheil dergleichen gethan hätte, wären wir balde Anfangs vertragen worden; denn so Oekolampadius und Zwinglius sich zum ersten also erklärt hätten, wären wir nimmer in so weitläuftige Disputation gerathen.“ Calvin nannte Luther einen „ehrwürdigen Vater“ und erklärte einst, um die Schweizer zu beruhigen: „Wenn er mich auch einen Teufel schelten sollte, würde ich ihn doch immer ehrenvoll als einen außerordentlichen Diener Gottes anerkennen, dem wir alle viel verdanken.“ „Offen bekennen wir, daß wir Luther für einen großen Apostel Christi halten.“ Ja, er stellte ihn einst höher denn die Apostel: „Wenn man mit Umsicht den Stand jener Zeit genau betrachtet, in welcher Luther aufgestanden ist, wird man sehen, daß er fast alle Schwierigkeiten mit den Aposteln gemein hat; von einer Seite aber ist seine Lage härter und schlimmer gewesen, weil zur Apostelzeit kein Reich war, welchem jene den Krieg zu erklären hatten, denn Luther konnte auf keine Weile aufkommen, als durch den Fall und Untergang des päbstlichen Reiches.“ Wie gewaltig und mit welcher Consequenz Calvin von einer Seite gegen den Papismus angekämpft, das wissen sie in jener Kirche am besten, und Luther erkannte es freudig an. Er sagte einst, als ihm Cruciger ein Werk Calvins vorgelesen: „diese Schrift hat Hände und Füße und ich freue mich, daß Gott solche Leute erweckt, die ob Gott will, dem Babstthum vollend den Stoßgeben und was ich wider den Antichrist angefangen mit Gottes Hülfe hinausführen werden.“ Es war das Werk, welches Calvin gegen Sadolet geschrieben, als dieser die Genfer für den Papst gewinnen wollte. Calvin spricht sich darin über die Einheit der Kirche aus, rechtfertigt eine Trennung von derselben; die Kirche ist ihm, wie Luther, die Gemeinschaft der Heiligen (der Auserwählten). Die Einheit wird gehalten durch den heiligen Geist, die Schrift, die Glaubensbekenntnisse in Verbindung mit den Katechismen. Was Calvin jedoch durch den Glauben gewonnen, will er auch durch eine Kirchenordnung sicher stellen, viel bestimmter als Luther, der die Disciplinarmacht der Kirche nicht auf dieselbe Weise festhält. Daß sein Eifer hierin manchmal, nach der Art eines Zeitalters, wie es auch auf lutherischer Seite oft geschah, in eine gewisse heilige Uebertreibung überging, wer will es leugnen! Ja, mit Begeisterung wollte Calvin das herrliche Ideal einer Theokratie oder Gottherrschaft verwirklichen, worin Staat und Kirche verbunden wären, doch in ihren Rechten getrennt, die Kirche ohne äußere Gewalt, nur mit der geistigen, der Excommunication, bewaffnet und der Staat ohne Einfluß auf das geistige Gebiet. Diese Regierung wurde zu Genf in unvollkommener Gestalt, in Frankreich in vollkommener eingesetzt. Nach einer Gesetzgebung sollten in diesem Staate offenkundige Lästerer und Schänder des Heiligen, wie alle seine Zeitgenossen, Katholiken und Lutheraner, es wollten, am Leben bestraft werden. Es war der Geist jener gewaltigen Zeit. Wenn daher die Papisten, welche Tausende von Evangelischen mordeten, noch heut gegen ihn mit ungerechter Wuth auftreten und behaupten: er sei unduldsam in ihrem Sinne gewesen, so richten sie sich selber und belasten sich mit zwiefacher Schmach. Servede, dessen Hinrichtung man sich oft bedient hat, um das edle Gemüth des Reformators zu brandmarken, beweist gerade, daß er höher stand als die meisten seiner Zeitgenossen. Er hat Alles aufgeboten um jenen unheimlichen Menschen, der die Reformation wieder auflösen wollte, von einem Irrwahn zu heilen. Hier einen Blick auf diese Episode seines Lebens. Wir stehen vor dem Rathe mit Servede und Calvin, der diese Irrlehre beleuchten sollte. Da geschah es einst, daß Servet ihm zurief: „Alles sei Gott“. „Was, sagte Calvin, du wirst behaupten, daß dieser Fußboden den wir betreten Gott sei? und wenn ich dich frage ob der Teufel auch wesentlich Gott ist?“ „Nun, antwortete Servet mit schallendem Gelächter, glaubst du das nicht?“ Ja, Servede belegte den dreieinigen Gott mit gräulichen Schimpfnamen, nannte ihn einen Höllenhund, wollte bis zuletzt nicht davon ablassen, das Heilige zu schmähen, und Calvin ließ nicht ab mit großer Geduld ihn zu widerlegen und zu ermahnen. Obschon er überzeugt war, daß der Rath das Recht für sich hatte, so ist es doch erwiesen, daß er keinen Einfluß auf Servedes Prozeß ausgeübt hat. Er selbst forderte offen seine Widersacher auf, aufzutreten und ihm das Gegentheil zu beweisen. Er hat ferner den Rath gebeten Servede, der eine ganze Wuth gegen ihn ausgelassen hatte, die Feuerstrafe zu ersparen. Der sanftmüthige Melanchthon dagegen erklärte laut, der Rath habe ganz recht daran gethan, den Lästerer auf diese Weise zu richten; Calvin aber wurde zuletzt doch sichtbar bedenklich über diese ganze Angelegenheit, die er früher im Sinne einer Zeit beurtheilt hatte und gab einem milden Geiste Raum, den wir damals kaum mit den Gebildeten des sechszehnten Jahrhunderts an den Tag gelegt haben würden. Auch ist das Licht der Duldsamkeit, welches im evangelischen Geiste lag, und die Freiheit des Gedankens in der reformierten Kirche früher als in andern aufgegangen. In diesem Jahre, am 27. October 1853, naht, nach drei Jahrhunderten, der Todestag Servedes. Da mag Genf hinaus gehen nach Champel, jener Anhöhe, wo seine Asche lag, ein Fest der heiligen Duldsamkeit und der Geistesfreiheit mit Dank gegen Gott feiern und Servede, obschon er gefrevelt hat, um Vergebung bitten im Namen des alten Raths. Aber Calvin, dem schweres Unrecht widerfahren ist, der die Last der Verkennung für die Andern hat tragen müssen, ein Standbild errichten vor der Kirche St. Peter, denn von ihm ist eine hohe, seine und freie Bildung ausgegangen, welche so lange auf die gejammte Menschheit einwirken wird, als dort die hohen Alpen stehen in ihrem Glanze. Ja wohl, sein Einfluß auf die Welt ist nachhaltig groß gewesen; er selbst ahnte nicht diese Größe. Für die Entwicklung der Kirche war eine Sendung nothwendig wie die Luthers: dieser sollte die Reformation schaffen, Calvin sie schließen. Seine Sendung war überwiegend: der Kirche Ordnung zu bringen und die aufgeregten Lebenskräfte wieder zu zügeln, namentlich im Süden. Es gingen aus der reformierten Kirche berühmte Hochschulen hervor, welche auf die Bildung von Frankreich einen bedeutenden Einfluß übten; und es sollte selbst, nach den Puritanischen Bewegungen in England, dieser Calvinische Lebensgeist die Staaten von Nordamerika mit gründen helfen, um so die Bildung einer neuen Zeit zu bereiten. Wie Luther durch eine Bibelübersetzung einen fortwährenden Einfluß auf das deutsche Volk und unsere Sprache ausgeübt hat, also Calvin auf die gelehrte Welt durch eine trefflichen Bibel-Commentare. Ebenso hat er die französische Sprache mit bilden helfen durch einen energischen, naiven, logischen Styl, der der Abglanz seines Charakters ist. Die Kirche der Zukunft rechnet auf einen entschiedenen Einfluß durch das Vorbild der Presbyterial-Verfassung, die er wieder hervorgerufen hat, und seiner Disciplinargewalt, welche jetzt allen Kirchen fehlt. Sie rechnet auf die kräftige Erschütterung der papistischen Irrthümer, die von seinen Werken immerfort ausgeht; vornehmlich auf den Einfluß seines redlichen und kindlichen Glaubens an die heilige Schrift, eines begeisterten Pflichtgefühls, eines Adlerblickes, der den Sieg der evangelischen Kirche mit Sicherheit verkündigt. Die Welt wartet jetzt auf neue Reformatoren; vielleicht ruht Gottes Auge schon mit Wohlgefallen auf ein durch liebliche apostolische Gaben ausgezeichnetes Kind, welches wie Luther oder Calvin die zerstreuten und zertretenen Kirchen sammeln, mit neuem Gotteshauche beleben wird und sie schützen gegen die Macht der eindringenden Lüge. Lasset uns im Hinblick auf Wittenberg und Genf den Herrn der Kirche mit jener siegenden Zuversicht im Gebete angehn, die Luther einst beseelte am Krankenbette Melanchthons, „daß Er uns erhören müsse und uns aus unserer Noth heraushelfen, so anders sein heiliges Evangelium eine Wahrheit ist.“ Calvin aber ruft uns zu: „des Herrn Wahrheit bleibt unbeweglich fest; darum laßt uns bis an das Ende auf unserer Wacht stehen bis daß des Herrn Reich, welches nun verborgen ist, erscheinen wird.“ „Rüstig und ohne Falsch“ ist ein Wahlspruch, und was zeigt Calvins Wappen? eine Hand, welche ein brennendes Herz Gott darreicht. Eine Mahnung an Alle!

 

  1. Henry in Berlin.

Theodor Beza

Wie neben der heroischen Gestalt Luthers sich die ehrwürdige Gestalt eines Melanchthon erhebt, wie neben Zwingli ein Oekolampad und gleich nach ihm ein Bullinger auftraten in der Reformationsgeschichte der deutschen Schweiz, so tritt dem Reformator Genfs, dem erlauchten Johann Calvin zur Seite sein Schüler und Freund, ein Amts- und Kampfgenosse, der muthige Fortsetzer seines Werkes Theodor Beza. Er ist nicht, wie Luther und Zwingli, aus der ärmlichen Hütte des Berg- oder Landmanns, nicht wie Melanchthon aus der Werkstätte eines Waffenschmiedes oder wie Oekolampad aus dem Kramladen eines ehrbaren Bürgers hervorgegangen. Er gehörte zu denen, welche die Welt als Hochgeborene auszeichnet, wenn sie auch gleich im Himmel nicht höher angeschrieben sind als die, welche der Herr aus dem Staube zu der Höhe emporhebt, auf die er sie gestellt haben will. Sein Vater war ein Adlicher, Peter de Béze und residierte als königlicher Landvoigt (bailli) auf dem Schlosse Bézelay, in einer wild romantischen Gegend des ehemaligen Herzogthums Burgund gelegen. Seine Mutter, Marie Bourdelot, war ein Muster von Frömmigkeit, Demuth und Milde gegen die Armen und Leidenden, denen sie nicht nur mit Gaben der Liebe, sondern auch mit thätiger Hülfsleistung beistand, wobei ihr die ärztlichen Kenntnisse zu gut kamen, die sie sich erworben hatte. Theodor, geboren am Tage Johannis des Täufers (24. Juni) 1519 war das 7te Kind der glücklichen mit zahlreicher Familie gesegneten Eheleute. Als er noch nicht volle drei Jahre alt war, erbat sich seines Vaters Bruder, der Parlamentsrath Nicolaus de Béze, von den Eltern die Erlaubniß, das überaus zarte Kind mit nach Paris zu nehmen, um es dort erziehen zu lassen. Nur mit schwerem Herzen ging die Mutter in diesen Vorschlag ein. Sie begleitete den Liebling ihres Herzens noch selbst an den neuen Ort seiner Bestimmung und trennte sich von ihm, ohne ihn je wieder zu sehen, denn bald darauf starb sie im 32. Lebensjahre. Der Oheim vertrat nun Vater- und Mutterstelle an dem Kleinen, und so fehlte es ihm auch nicht an den Sorgen, welche den Eltern aus all‘ den Gefahren erwachsen, denen das Kindesalter ausgesetzt ist. Bei aller Vorsicht konnte er es nicht verhüten, daß Theodor von einem seiner Diener mit einem lebensgefährlichen Hautausschlag angesteckt wurde. Er mußte sich den schmerzhaftesten Operationen eines Wundarztes unterwerfen. Täglich wurde der Knabe mit einem jungen Vetter, der an demselben Uebel litt, durch den Diener in das Haus des Arztes geleitet, der im Louvre wohnte. Der Weg dahin führte über die damalige Müllerbrücke (pont aux meuniers). Da wandelte eines Tages den Vetter die Versuchung an, um den Qualen der Operation zu entgehen, sich über die Brücke in die Seine zu stürzen, und dazu machte er auch Theodor Muth. Schon wollten die beiden Knaben, die der Diener aus den Augen gelassen hatte, das Wagestück ausführen, als sie noch zur rechten Zeit vom Oheim bemerkt und an der schauderhaften That verhindert wurden. Das Uebel gab sich wieder, und nun sollte die geistige Ausbildung der Knaben nicht länger versäumt werden. Durch einen Freund aus Orleans, der den Parlamentsrath Beza in Paris besuchte, erfuhr dieser, daß sich in Orleans ein Lehrmeister von besonderer Geschicklichkeit befinde, ein Deutscher, Namens Wolmar. Diesem entschloß er sich, seinen Neffen zur weiteren Erziehung zu übergeben, und so reiste der junge Theodor mit dem Gastfreunde nach Orleans ab, um zugleich ein Haus- und Studiengenosse des Sohnes eines Wohlthäters zu werden. Schon damals scheinen die Franzosen vor der deutschen Gründlichkeit Respect gehabt zu haben, und dieser Respect war in gegenwärtigem Falle gewiß nicht ungegründet: der Schwabe Wolmar war ein Mann von ernster Gesinnung und einem reichen Wissen. Der junge Beza, der den 5. Dezember 1528 in Orleans anlangte, fand in dem Hause seines Lehrers die herzlichste Aufnahme. Er pflegte in der Folge den Eintritt in dieses Haus als einen zweiten Geburtstag zu feiern. Bald sollte er seinem Lehrer an einen neuen Aufenthaltsort nachfolgen. Die Schwester Königs Franz I., Margarethe von Angouléme, vermählte Herzogin von Alencon und Berry, hatte an Wolmar einen Ruf ergehen lassen, die alten Sprachen auf ihrer Akademie in Bourges zu lehren; Wolmar nahm den Ruf an und sein Schüler ging mit ihm. Nun aber gehörte Bourges zu den Städten, in welchen die neu aufgehende Sonne evangelischer Erkenntniß bereits ihre Strahlen auszusenden begonnen hatte. Viele, die um ihres Glaubens willen aus der Hauptstadt waren verbannt worden, fanden hier Zuflucht. Wie konnte es fehlen, daß nicht auch das junge Gemüth Beza’s von jenen Strahlen berührt wurde, da sich in Wolmars Hause so viele hochbegabte Männer und Jünglinge versammelten, welche der neuen Lehre zugethan waren, unter ihnen auch der junge Calvin, auf den Wolmar bekanntlich einen entscheidenden Einfluß übte. Aber nicht lange dauerte dieses schöne Verhältniß. Auch in Bourges waren die Freunde der Reformation nicht mehr sicher. Wolmar sah sich genöthigt, im Jahr 1535 Frankreich zu verlassen und sich wieder nach Deutschland zurückzuziehen. Gerne wäre ihm der dankbare Schüler dahin gefolgt, allein der alte Herr und Landvoigt von Vécelay, der dem Glauben einer Väter anhing, war froh, daß das Verhältniß seines Sohnes mit Wolmar und den übrigen unruhigen Geistern sich löste, und Beza mußte wieder nach Orleans zurück, um dort das Studium der Rechte, zu dem er sich entschieden hatte, zu absolvieren und sich auf eine praktische Laufbahn vorzubereiten. Die Art, wie damals die Rechtswissenschaft betrieben wurde, war nun freilich wenig geeignet, dem geistreichen und klassisch gebildeten jungen Manne Luft für dieselbe einzuflößen; größeres Wohlgefallen fand er an den römischen Dichtern, deren Süßigkeiten er in Wolmars Schule gekostet, an Ovid, Catull, Tibull. Bald versuchte auch er sich in Gedichten, die er an seine erste Geliebte, Marie de l’Etoile (Stella), die Tochter eines seiner juristischen Professoren in Orleans richtete; allein diese ward ihm bald durch den Tod entrissen, und Beza, nachdem er am 11. August 1539 den Grad eines Licentiaten der Rechte erlangt hatte, verließ Orleans und wandte sich Paris zu. Sein früherer Gönner und Versorger, der Oheim Nicolaus, war längst gestorben; aber dessen Bruder, Claudius, Abt von Froimont, nahm sich gleichfalls des Neffen an. Dort lebte auch ein ältester Bruder, ein Geistlicher, im Besitz einer Pfründe, und mit diesem wohnte er zusammen. Beza blieb bei seinen hervorstechenden Talenten nicht lange unbemerkt. Er bewegte sich mit Leichtigkeit in den Kreisen der damaligen Literaten und Schöngeister, und auch jetzt verschaffte ihm seine Muse viele Gunst und manchen Genuß. Aber es war der Genuß weltlicher Freude, welche den vollendeten Weltmann ergötzte. Später sah Beza nur mit Bedauern auf diese Zeit zurück. Um den Versuchungen zu entgehen, in die er durch einen leichtfertigen Umgang mit dem weiblichen Geschlechte verstrickt wurde, entschloß er sich, zu heirathen. Er verlobte sich mit einem jungen Mädchen aus dem Bürgerstande, die kein Vermögen besaß, und erklärte vor zwei Zeugen, daß er sich auch öffentlich zu dieser Verbindung bekennen werde, sobald es eine Verhältnisse gestatten würden. Die Verlobte hieß Claude Desnoz. Dieses Verhältniß hat ihm später bei den Gegnern viel üble Nachrede erweckt, gegen die er sich mit der edelsten Freimüthigkeit vertheidigte. In diese Zeit (1548) fällt auch die Herausgabe einer poetischen Jugendversuche in lateinischer Sprache (Juvenilia), wobei er sich Virgil und Ovid als Vorbilder setzte. Schon des letztern Name läßt errathen, daß manches mit unterlief, das mehr der antiken (heidnischen) als der christlichen Lebensanschauung entnommen war. Beza hat es selbst später gestanden, daß er nur mit Erröthen an den Mißbrauch der edeln Dichtergabe zurückdenke, den er sich habe zu Schulden kommen lassen. Solche freimüthigen Bekenntnisse (wie ja auch Zwingli seiner Zeit ein ähnliches abgelegt hat) geben uns einen richtigern Maßstab zur sittlichen Beurtheilung unserer Reformatoren, als die Uebertreibungen und Verläumdungen böswilliger Gegner auf der einen oder die Beschönigungen unberufener Advocaten auf der andern Seite. Nicht als vollendete Heilige, sondern als durch Gottes Gnade Geheiligte und in einem Dienste mehr und mehr in der Heiligung Fortgeschrittene führt sie die unbestechliche Geschichte uns vor. Uebrigens waren jene Gedichte mehr in einem allzufreien und losen, als in einem schmutzigen, unzüchtigen Tone gehalten; wie würde sonst der ernste Wolmar, dem er sie vorlegte und widmete, ihn zur Herausgabe derselben ermuntert haben? Bald aber sollte der hochbegabte Jüngling aus den poetischen Liebeständeleien herausgerissen und ernstern Studien entgegen geführt werden. Gott nahm ihn selbst in die Schule, indem er ihn in eine schwere Krankheit fallen ließ. „Der Herr, so sagt er uns selbst, griff mich durch diese Heimsuchung dergestalt an, daß ich an meinem Aufkommen verzweifelte. Was sollte ich Unglücklicher thun, dem nichts als Gottesfurchtbares Gericht vor Augen schwebte? Was geschah? Nach unendlichen Qualen des Leibes und der Seele erbarmte sich doch der Herr seines flüchtigen Knechtes und tröstete mich, so daß ich nicht mehr an einer verzeihenden Gnade verzweifelte. Unter tausend Thränen verabscheue ich mich selber, flehe ihn um Verzeihung an, erneuere das Gelübde, mich offen zu einer wahren Kirche und Verehrung zu bekennen; kurz, ich gebe mich ihm ganz und gar hin. So geschah es, daß das mir in allem Ernte vorgehaltene Bild des Todes das in mir schlummernde und nie begrabene Verlangen nach dem wahren Leben erweckte und daß jene Krankheit der Anfang meiner Genesung und wahren Gesundheit wurde. So wunderbar ist die Wirkung des Herrn bei den Seinen, daß er durch dasselbe Mittel niederschlägt, verwundet und heilt. Sobald ich also das Lager verlassen konnte, brach ich alle Bande, welche mich bisher gefesselt hielten, packte meine geringe Habe zusammen und verließ Vaterland, Eltern, Freunde, um Christo nachzufolgen.“ Und wohin hätte sich Beza besser wenden können, als nach der Stadt, wohin so viele um des Evangeliums willen Verfolgte ihre Zuflucht genommen hatten und wo gerade Calvin in der vollsten Blüthe seines Wirkens stand, nach Genf? Dorthin zog er mit seiner Verlobten. Nachdem er von Calvin freudig war aufgenommen worden, war sein erster Schritt der in die Kirche, um sich feierlich und öffentlich trauen zu lassen. Nun aber fragte sichs: wovon leben? Das Project, mit dem gleichfalls nach Genf geflüchteten Crespin eine Buchdruckerei zu errichten, wurde ihm von Calvin als unsicher mißrathen. Das Beste schien ihm, einstweilen einen Freund Wolmar in Deutschland aufzusuchen und sich mit ihm über sein künftiges Leben zu besprechen. Er machte sich also auf nach Tübingen und wurde von einem ehemaligen Lehrer mit offenen Armen empfangen. Dieser ermunterte ihn nach Genf zurückzukehren und ruhig abzuwarten, welchen Weg ihm Gott zeigen würde. Und siehe, er brauchte nicht lange zu warten. Noch ehe er Genf wieder erreichte, schon auf der Heimreise dahin, in Lausanne bot sich ihm an der dortigen Akademie ein Lehrfeld an. Lausanne stand damals, wie das ganze Waadtland unter der Herrschaft Berns. In kirchlicher Beziehung galten dort die Artikel der Berner Disputation von 1528. Auf diese Artikel hatte. Jeder der ein kirchliches oder ein Schulamt bekleidete, sich eidlich zu verpflichten. Beza leistete den Eid den 9. November 1549 und trat nun die ihm übertragene Professur (es war die der griechischen Sprache) mit Dank gegen Gott und mit Vertrauen auf eine weitere Führung an. Von der Gewissenhaftigkeit des Mannes ist auch das ein schönes Zeugniß, daß er die Lehrstelle nicht früher antreten wolle, als bis er die Versicherung erhalten hätte, daß das Aergerniß, das er früher durch seine poetischen Jugendversuche möge gegeben haben, gehoben sei. Erst nachdem seine Collegen ihn darüber beruhigt, als über eine Sache, die unter dem Papstthum geschehen und nun mit diesem beseitigt sei, gab er sich zufrieden. Ja, er suchte den Schaden dadurch gut zu machen, daß er nun die Dichtergabe, die ihm Gott verliehen, nicht etwa zum Schweigen verdammte, sondern sie vielmehr zur Ehre Gottes verwandte. Und wie konnte er das besser als durch die Uebersetzung der Davidischen Palmen zum Besten der Gemeinde? In dieser Arbeit war ihm Clément Marot aus Cahors vorangegangen; allein nur 50 ausgewählte Psalmen waren von ihm bearbeitet und von dem berühmten Goudimel in Musik gesetzt worden. Beza vollendete nun das angefangene Werk, so daß der ganze Psalter 1552 der Gemeinde zu gottesdienstlichem Gebrauch übergeben werden konnte. Aber auch die der Welt zugekehrte dramatische Poesie sollte unter seinen Händen eine edle Richtung gewinnen. Die alten geistlichen Schauspiele des Mittelalters waren längst ausgeartet. Dagegen wurden in den Schulen zur Uebung im Vortrag biblische Geschichten zur Aufführung gebracht. Beza bearbeitete, und zwar in sehr gelungener Weise, das „Opfer Abrahams“ als Schuldrama. Es wurde in einem der Säle der ehemaligen Officialität aufgeführt und hatte sich eines großen Beifalls zu erfreuen. Auf die heitern Tage des Spieles folgten bald die ernsten trüben Tage göttlicher Heimsuchung. Von Bündten her war (1551) die Pest nach Lausanne gekommen und auch Beza wurde von ihr befallen. Sein Leben schwebte in Gefahr. Viret, der Reformator Lausannes, theilte darüber in einem Briefe seine Besorgnisse an Calvin mit. Die Gebete aller Freunde vereinigten sich um Erhaltung dieses wichtigen Werkzeuges zur Verbreitung der evangelischen Wahrheit, und die Gebete wurden erhört. Beza genas und widmete seine Kräfte aufs Neue der Wissenschaft und der Kirche. Es würde uns zu weit führen, wollten wir eine zehnjährige Wirksamkeit in Lausanne in all‘ ihre Einzelheiten verfolgen. Wir fassen das Hauptsächlichste zusammen. Neben einen akademischen Vorlesungen hielt er zu Belehrung und Erbauung der Gemeinde Bibelstunden, in welchen er zuerst den Brief an die Römer und dann die beiden Briefe Petri in französischer Sprache praktisch erklärte. Dabei führte er einen ausgedehnten Briefwechsel mit Bullinger, Calvin u. A. Er verfolgte den Gang der Reformation nicht nur mit dem Auge des Zuschauers, sondern griff sowohl durch schriftstellerische, als durch persönliche Thätigkeit in denselben ein. Einen tiefen Eindruck machte auf ihn das Schicksal jener fünf Lausanner Studenten, einer Schüler, die in Lyon den Zeugentod starben. Er gab seinem Schmerz Ausdruck in einer Elegie. Auch in die Lehrstreitigkeiten, wie in die über die Gnadenwahl, wurde er verwickelt, indem er sich in diesem Stücke strenge zu Calvins Lehre hielt und die Gegner derselben, wie einen Hieronymus Bolsec bekämpfte. Ja, selbst dann unterließ er nicht, für Calvin Partei zu nehmen, als ein lauter Schrei des Unwillens gegen die im Jahr 1553 an Servet vollzogene Hinrichtung sich erhob. Beza verfaßte eine Schrift, in welcher er das Recht der Obrigkeit nachwies, Ketzer am Leben zu strafen. Beza betrachtete wie Calvin die religiöse Irrlehre als ein Verbrechen gegen die Gesellschaft, das, indem es die christlichen Grundlagen untergrabe, noch weit strafbarer sei, als Mord, Ehebruch und Diebstahl. Er bedachte aber nicht genug, daß religiöse Ueberzeugungen nicht mit Gewalt unterdrückt werden können; doch stand er mit dieser Ansicht nicht allein. Es war dies damals die Ansicht der Mehrheit, und zwar nicht der unerleuchteten Masse, sondern viele auch der einsichtsvollsten Staatsmänner und Theologen bekannten sich zu ihr. Erst dem christlichen Geiste der spätern Zeit ist es gelungen, hierüber richtigere Grundsätze zu verbreiten. Mitten in die öffentlichen Kämpfe hinein fiel auch noch für den viel geprüften Mann der Kampf mit denen, die ihm leiblich am nächsten standen, mit seinem Vater und dem ältesten Bruder. Wir haben schon erwähnt, daß der alte Herr von Anfang an die Verbindung seines Sohnes mit den Männern des neuen evangelischen Glaubens nur ungerne sah. Und wie tief hatte sich dieser unterdessen in die dem Vater verhaßte Neuerung hinein gelassen! Sollte es jetzt noch möglich sein, ihn zur Rückkehr in den Schooß der alten, der „allein selig machenden“ Kirche zu bewegen? Es schien dies doch wohl eines Versuches werth. Eines Tages erschien daher der älteste Sohn, Jean de Béze, ein Kaufmann, um den jüngeren Bruder zu einem ehrenvollen Rücktritt zu bewegen: allein er mußte sich bald überzeugen, daß alle seine Beredsamkeit dem beredtern Bruder gegenüber umsonst sei; ja, fast wäre er von diesem beredet worden, die Kirche Roms zu verlassen und dem lautern Evangelium sich zuzuwenden. Als der Bruder nichts ausgerichtet, da blieb für Beza noch das Schwerte übrig, die Begegnung mit dem greisen Vater. Diese fand in einem Grenzorte zwischen der Schweiz und der Franche-Comté statt. Aber auch sie führte zu keinem Ziele. Beide trennten sich von einander mit schwerem Herzen; eine Verständigung war bei den so ganz verschiedenen Standpunkten unmöglich. Einen willkommenen Auftrag erhielt Beza gemeinschaftlich mit seinem Freunde Farel, im Jahre 1556, die evangelischen Kantone der Eidgenossenschaft zu bereisen, um diese zu einem nachdrücklichen Schritte zu Gunsten der von Frankreich aus verfolgten Waldenser zu stimmen. Sie sollten nämlich Abgeordnete nach Paris schicken, um den dortigen Hof, der jene Verfolgungen angeordnet hatte, günstiger zu stimmen. Auch die deutschen Fürsten und Städte sollten bewogen werden ihre kräftige Fürsprache einzulegen. Leider wurde die Ausführung dieses schönen Gedankens nicht wenig erschwert durch die Spannung, die noch immer zwischen den Schweizern und den Deutschen wegen der Abendmahlslehre herrschte. Diese mußte erst gehoben werden, und auch dazu wirkte Beza mit. Aber ein Friedenswerk ward von beiden Seiten mißdeutet und dadurch vereitelt. Erfolglos blieben auch seine Bemühungen als er zu Gunsten der Glaubensbrüder in Frankreich, über welche neue Verfolgungen ausgebrochen waren, eine Reise nach Deutschland, bis Marburg, machte, um die deutschen Fürsten zu gewinnen. Wohl ging eine Gesandtschaft nach Paris, kehrte aber unverrichteter Sache nach Hause zurück mit der Nachricht, daß sogar während ihrer Anwesenheit neue Schlachtopfer auf die brennenden Scheiterhaufen geführt wurden. Zu diesen betrübenden Erfahrungen kamen noch die innern Zerwürfnisse in der Waadtländischen Geistlichkeit, indem die Einen in Sachen der Kirchenverfassung und Kirchenzucht sich unbedingt den Anordnungen der Berner Regierung fügten, während die Andern die kirchliche Unabhängigkeit im calvinischen Sinne zu behaupten suchten. Vergebens suchte Beza zu vermitteln. Er verließ Lausanne und siedelte Anfang September 1558 nach Genf über. Dorthin kam er zur rechten Stunde: denn eben hatte der Magistrat auf Calvins Anregung in Genf eine hohe Schule eingerichtet, an welcher Beza zu lehren berufen ward. Ja, er sollte nicht nur Vorlesungen halten, in denen er die heilige Schrift erklärte, sondern die Leitung der neuen Anstalt ward in seine Hände gelegt. Dazu ward ihm erst noch ein Pfarramt übertragen. Die Eröffnung der Schule geschah am 5. Juni 1559: in der Hauptkirche zu St. Peter hielt Beza, nachdem die Feierlichkeit durch Calvin mit Gebet und einer kurzen Ansprache war eröffnet worden, die akademische Festrede über Ursprung, Würde, Nothwendigkeit und Nutzen der Schule. Was er da über den Vortheil der Bildung Treffliches sagte, verdient noch heut zu Tage beherzigt zu werden. Von diesem Tage an ward die Genfer Akademie die Bildungsschule für das ganze reformierte Frankreich. Von allen Seiten strömten ihr Schüler zu. Schon bald nach der Stiftung zählte die unterste der sieben Klassen ihrer allein Dreihundert. Bei seiner vielfachen Beschäftigung in Kirche und Schule ließ indessen Beza die Schicksale der Reformation im Großen nicht aus den Augen. Abermals nahmen die Verfolgungen in Frankreich eine Fürsorge in Anspruch. Abermals machte er sich (im November 1559) nach Deutschland auf, um dem frommen Churfürsten Friedrich III. zu Heidelberg die hochwichtige Sache ans Herz zu legen. Der Churfürst ließ sich auch in der That herbei, ein von Beza verfaßtes Bittgesuch in seinem eignen Namen an des Königs Majestät nach Paris zu senden, aber trotz der freundlichsten Zusicherungen, welche der König der Gesandtschaft gab, wurden die Opfer zum Tode geführt, unter ihnen der berühmte Parlamentsrath Anna du Bourg (s. Nr. 327). Auch das undankbare Vermittelungswerk zwischen den Lutheranern und Calvinisten, in Absicht auf die Lehre vom heiligen Abendmahl, wollte er nicht aufgeben. Aber bald mußte er sich überzeugen, daß bei der obwaltenden leidenschaftlichen Stimmung der Parteien jede Friedenspredigt in den Wind geredet sei. Die grobe Weise, womit der Hamburger Theologe Joachim Westphal die calvinische Lehre angriff, reizte ihn zum Widerspruch und noch mehr schienen die Schmähungen eines Tileman Heßhus eine derbe Abfertigung zu fordern. Wer kann es Beza verdenken, wenn auch er die Mäßigung vergaß und sich zu Ausdrücken hinreißen ließ, die nicht geeignet waren, in einer so ernsten und heiligen, Sache eine Verständigung anzubahnen? Wie wahr und treffend hatte er doch selbst in einer Schrift gegen Westphal sich ausgesprochen, wenn er schrieb: „Es sind der Zänkereien, Schmähungen Beschuldigungen und Vertheidigungen schon mehr als genug. Reue und Betrübniß muß es erwecken, daß der Fortgang des Evangeliums durch dieses traurige Gezänke schon so viele Jahre hindurch gehindert worden ist. Bis hieher und nicht weiter mit dem Wettstreit im Hasse, der ein Sold unserer Sünde ist. Warum sollen wir nicht auch einen Wettstreit beginnen in der Liebe?“ Aber zu einem solchen schien einmal die Zeit nicht angethan, und wer darf jene Zeit verdammen im Blick auf die unsrige? Steht es denn jetzt besser? Mit richtigem Scharfblick hatte übrigens Beza es vermerkt, daß die Bekenner des Evangeliums durch solche Zänkereien dem gemeinschaftlichen Gegner den größten Triumph bereiten. Um so mehr war es an der Zeit, abgesehen von allen jenen Streitigkeiten, ein offenes und klares Bekenntniß des eigenen Glaubens abzulegen. Und dieß that nun Beza, indem er eine kleine Schrift, die er ursprünglich französisch aufgesetzt hatte, um sich mit seinem Vater auseinander zu setzen, nun weiter ausarbeitete und zum Behufe der Gelehrten in lateinischer Sprache herausgab. (1560). Die Schrift (das Bekenntniß des christlichen Glaubens) war von ungeheurer Wirkung; sie wurde auch ins Italienische übersetzt und galt noch hundert Jahre nach ihrem Erscheinen als ein Hauptbuch der calvinistischen Kirche, über das im Jahre der Aufhebung des Edictes von Nantes, der Erzbischof von Paris das Verdammungsurtheil aussprach. Nun kam aber auch für Beza die Zeit, wo er nicht durch das geschriebene, sondern durch das lebendige Wort vor den Obrigkeiten dieser Welt öffentliches Zeugniß ablegen sollte über den Glauben, um des willen noch immer eine Brüder in Frankreich Verfolgung litten. Dort hatte bereits nach dem Tode König Heinrichs II. jene dem Protestantismus feindselige Partei der Guisen sich aufgethan, gegen welche die politische Macht der Bourbons unter Anton von Navarra sich erhob. Dieser hatte die „Hugenotten“, wie man jetzt allgemein die Protestanten in Frankreich nannte, auf seiner Seite, einen Condé, den edeln Coligni und andere Edelleute mehr. Er selbst war indessen nur mit halbem Herzen dem Protestantismus zugethan und nur nach längerem Bedenken entschloß er sich, einen der anerkanntesten Lehrer der hugenottischen Partei anzuhören und dann erst auf eine gründliche Erwägung der Sache einzugehn. Niemand schien aber einer solchen Aufgabe, den Schwankenden durch überzeugende Gründe für die Sache des Evangeliums zu gewinnen, gewachsener als eben Beza, der auch das Vorurtheil der adelichen Herkunft für sich hatte. König Anton wandte sich deshalb schriftlich an Calvin und dieser ermunterte Beza, dem Rufe zu folgen. In Nérac, der alten Hauptstadt des Herzogthums Albret (in der Gascogne) waren die hugenottischen Edelleute um Anton von Navarra versammelt. Auch die Königin Johanna von Albret (Mutter des nachmaligen Heinrichs IV) war gegenwärtig. Dahin sollte Beza sich verfügen. Nach zwölfjähriger Verbannung hatte er zum erstenmal wieder den Boden Frankreichs betreten, und nach einer gefahrvollen Reise, auf welcher er sich mehr als einmal von bewaffneten Reitern mußte begleiten lassen, langte er in Nérac an. Er bestieg die Kanzel, zu der sich Adel und Kriegsvolk und Leute aus allen Ständen hinzudrängten. Wohl ward Anton von des gewaltigen Mannes Worten ergriffen; aber die mit ihm gepflogenen Unterhandlungen führten zu keinem Ziel. Auch die Königin schien anfänglich gegen Beza’s Predigt verschlossen, aber bald that ihr Gott das Herz auf und sie wurde die „zweite Debora“ des streitenden Israel. Nach dreimonatlicher Abwesenheit kehrte Beza nach Genf zurück, das er voll von französischen Flüchtlingen fand, für deren Unterkommen er und Calvin zu sorgen hatten. Auch die Pest hatte sich wieder eingestellt und mehrere der Freunde und Genossen dahin gerafft. Zudem erfuhr Beza mit Schmerzen den Tod eines alten Lehrers und Freundes Wolmar. Bald aber forderte die Gestaltung der Dinge in Frankreich noch einmal eine Gegenwart. Wie anderwärts, so sollte auch hier ein Religionsgespräch den Ausschlag geben. Dieses Gespräch wurde durch einen offenen Majestätsbrief vom 25. Juli 1561 nach der Abtei Poissy, unweit Paris, ausgeschrieben. Hier sollte. Jeder erscheinen, „der in Sachen der Religion etwas zur Sprache zu bringen hätte, weß Standes er auch sei“, und zwar geschah die Einladung unter feierlicher Zusage eines sichern. Geleites. Die Evangelischen Frankreichs glaubten keinen bessern Sprecher auf das Religionsgespräch enden zu können, als Beza. An ihn ward also von Seiten Condés und Colignis, sowie der ganzen Gemeinde der Evangelischen zu Paris durch den Edelmann Claudius von Pradella eine Einladung nach Genf geschickt, und nach einigen weitern Verhandlungen, die seiner Sicherheit wegen nothwendig geworden waren, entschloß er sich dieser Einladung zu folgen. Den 22. August 1561 langte er in Paris an. Er wurde dem Hofe in St. Germain vorgestellt, hielt auch am folgenden Sonntag auf den Wunsch der Versammlung einen Gottesdienst vor einem auserwählten Kreise. Auch in einem vornehmen Kreise beim König von Navarra hatte er Gelegenheit sich Angesichts der Königin Mutter, Katharina von Medicis, gegen den Cardinal von Lothringen auszusprechen und schon hier einige üble Nachreden zu beseitigen, die in Betreff der Abendmahlslehre gegen ihn waren erhoben worden, als habe er z. B. gesagt, Christus sei gerade so im Brot wie im Koth (Christum esse in coena sicut in coeno). Erst am 9. September wurde das Colloquium in dem langen, hochgewölbten Saale der Abtei Poissy unter allerlei Ceremonien eröffnet. Es war eine glänzende Versammlung. Unter einem Thronhimmel saß der König Karl IX., noch ein Knabe, umgeben von den Herren und Damen des königlichen Hauses. Die Königin Mutter und die Großen des Reichs, wie die höchsten Würdenträger der Kirche, Cardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe, die Doctoren der Sorbonne als Vertreter der Universität, waren in ihrem reichen Schmucke anwesend. Als nun, recht sehr dagegen abstehend, die vierunddreißig Prediger und Aeltesten als die Abgeordneten der reformierten Kirche Frankreichs in ihrer bescheidenen Kleidung mitten in die glänzende Versammlung traten, entschlüpfte einem hochmüthigen Cardinal das bittere Wort: „da kommen die Genfer Hunde.“ Aber Beza blieb dem Mann im Purpur die Antwort nicht schuldig: „Treue Hunde, sprach er, thun noch in der Schafheerde des Herrn, um die reißenden Wölfe anzubellen.“ Nachdem sodann der würdige Kanzler l‘Hopital die Verhandlungen durch eine Anrede eröffnet, ergriff Beza das Wort und wandte sich an den König mit der Erklärung, daß es vor allen Dingen sich zieme, mit der Anrufung des heiligsten aller Namen zu beginnen. Dann fiel er auf seine Kniee und sprach also: „Herr Gott, ewiger, allmächtiger Vater, wir erkennen und bekennen vor deiner heiligen Majestät, daß wir arme Sünder sind, empfangen und geboren in Sünden, geneigt zu allem Bösen, untüchtig zu einigem Guten, daß wir ohne Unterlaß deine heiligen Gebote übertreten und dadurch nach deinem gerechten Urtheil Verderben und Tod uns zuziehen. Aber, o Herr, wir tragen Reu‘ und Leid, daß wir dich beleidiget haben, wir verdammen uns und unsere Uebertretungen mit wahrer Reue und seufzen darnach, daß deine Gnade zu Hülfe komme unterm Elend“ (Diese Worte bilden bekanntlich die sogenannte „offene Schuld“, womit die französische Kirche noch heute und mit ihr auch deutsche reformierte Kirchen den Gottesdienst beginnen). Dann fuhr er fort: „Da es dir heute gefallen, die unnützen Knechte so hoch zu begnadigen, daß sie die Wahrheit deines heiligen Wortes, so du ihnen geoffenbart, in Gegenwart des Königs, den du über die geordnet hat, vor dieser so erlauchten Versammlung frei bekennen dürfen, so bitten wir dich, o du Gott und Vater alles Lichts, du wollest nach deiner unaussprechlichen Güte und Barmherzigkeit unsern Verstand also erleuchten, unsere Herzen und Gedanken also regieren und in alle Wahrheit leiten, ja unsere Worte alle dahin richten, daß wir die nach Maßgabe deines Wohlgefallens von uns erkannten und den Menschen zu ihrer Seligkeit geoffenbarten Geheimnisse nicht allein mit dem Munde, sondern auch von ganzem Herzen rein und lauter bekennen und vorbringen mögen zu deines heiligen Namens Ruhm und Ehre, zur Wohlfahrt und zum seligen Gedeihen unters Königs und seines ganzen Hauses, zum Troste und zur Beruhigung ganzer gemeiner Christenheit und insonderheit dieses theuren Königreichs. Herr Gott, allmächtiger Vater, wir bitten dich um dieses alles im Namen und von wegen deines lieben Sohnes Jesu Christi unters Herrn und Heilandes. Amen.“ Und nun erst, nachdem er noch das Unser Vater gesprochen, hielt er eine wohldurchdachte Rede an den König, in der er ihm die Sachlage auseinander setzte und eine kurze Darstellung des evangelischen Glaubens gab, wie die Protestanten ihn bekennen. Freimüthig setzte er auch die Ansicht der Reformierten vom Abendmahl auseinander. Er wies die Beschuldigung von sich, als machten sie aus dem Mahl des Herrn ein bloßes Gedächtnißmahl, er betonte aufs Feierlichste, daß es auch ihnen sei ein Mahl der Gemeinschaft des wahren Leibes Christi, nur bestritt er die räumliche Gegenwart dieses Leibes im Brote und zwar sowohl die Verwandlungslehre der Katholiken als auch die Ubiquitätslehre der Lutheraner. Räumlich gefaßt, meinte er, seien Leib und Blut Christi eben so weit vom Brot und Wein entfernt, als der oberste Himmel (darin Christus thront) entfernt sei von der Erde. Damit berührte er nun freilich den wundeten Fleck. Während man ihm bis dahin ruhig zugehört hatte, brach nun ein Sturm wider ihn los: blasphemavit, blasphemavit! (er hat gelästert) tönte es von allen Seiten. Der Cardinal von Tournon ersuchte unter anderm den König und die Königin dem verwegenen Redner das Wort zu entziehen und drohte mit seinen Prälaten den Saal zu verlassen; allein er wurde vom König zur Ordnung gewiesen. Wir können dem Gange des Gespräches, das auch an weitern Tagen und auch in kleinern Conferenzen fortgesetzt wurde, nicht in eine Einzelheiten folgen. Das Ergebniß war nicht das erwünschte. Die Verhandlung wurde abgebrochen. Beza blieb indessen, und zwar auf den ausdrücklichen Wunsch der Königin Katharina noch längere Zeit in Frankreich, wo er, so oft sich Gelegenheit fand, die Gemüther durch die Macht einer Predigt stärkte. Er war Zeuge der blutigen Kämpfe, zu denen der unvermeidlich gewordene Religionskrieg führte. In der Schlacht von Dreux war er als Feldprediger zugegen. Seinem Einfluß war es vorzüglich zu verdanken, daß in dem Heere der Hugenotten eine Mannszucht aufrecht erhalten wurde, die auch dem Feinde Achtung einflößte. Im Mai 1563 kehrte er wieder nach Genf zurück. Seine Anwesenheit war um so nöthiger, als Calvin seinem Ende entgegenging, das auch bald erfolgte. Wer war geeigneter an seine Stelle zu treten, als er? Und doch wehrte ihm seine Bescheidenheit, sich als lebenslänglichen Nachfolger Calvins zu betrachten; sondern alljährlich sollte (so wurde auf einen Antrag beschlossen) ein Leiter (Modérateur) der kirchlichen Angelegenheiten von der Genfer Geistlichkeit (Vénérable compagnie) gewählt und nach Ablauf des Jahres eine strenge Censur über denselben geübt werden. Der Abtretende war indessen wieder wählbar, und so groß war das Vertrauen in Beza’s Persönlichkeit, daß die Wahl bis zum Jahre 1580, wo schuldige Rücksichten auf das Alter eintraten, jedesmal wieder auf ihn fiel, obgleich gegen ihn die Censur der Brüder mit aller Strenge geübt wurde. Welche Last dadurch auf eine Schultern gelegt wurde, läßt sich denken. Aber Gott gab ihm Kraft, sie zu tragen bis in ein Alter. Und zu den vielen täglich sich häufenden Geschäften kamen auch jetzt noch schwere Zeitereignisse, die ihn und sein Amt näher berührten. Aber nicht auf Genfs Kirche allein beschränkte sich eine Sorge, sondern er war und blieb nun selbstverständlich der Patriarch der Reformierten Frankreichs. So führte er, um nur einiges von dem Vielen zu nennen, den Vorsitz auf der Synode zu Rochelle im April 1571. Er hatte sich hiezu von einer Regierung Urlaub erbeten. Die Schreckensnachricht von der Bluthochzeit (August 1572) kam ihm zwar nicht unerwartet; (er hatte kurz zuvor Heinrich von Navarra in einem ernsten Briefe vor der Verbindung mit einer katholischen Prinzessin gewarnt); aber dennoch wirkte sie auch auf ihn wie auf Alle, erschütternd. Er erkannte darin ein Gericht Gottes. Auf einen Antrag wurde im September ein außerordentlicher Buß- und Bettag angeordnet. Er hielt eine Predigt, in der er die Gemüther aufrichtete. Viele der nach Genf Geflüchteten nahmen an der Feier Theil. Für diese, die in immer größern Schaaren anlangten, zu sorgen, war sein und seiner Amtsgenossen unausgesetztes Bemühen. Sie gingen mit ihrem Beispiel voran, als es sich um eine Collecte handelte und machten ihre Häuser zu Herbergen der flüchtigen Brüder. Besonders tief aber ging dem glaubenstreuen Manne zu Herzen der Uebertritt Heinrichs IV. zur Kirche Roms. Man hat längere Zeit geglaubt, Beza habe dazu still geschwiegen nach dem Grundsatz der Welt, daß man das Unabänderliche doch nicht ändern könne; allein seit etwa zehn Jahren sind wir im Besitz eines in Genf entdeckten Briefes vom Jahre 1593, worin Beza dem König mit allem Nachdruck ins Gewissen redet, ihn ermahnt, doch nicht auf das was ihm Ehre bringe, sondern allein auf Gottes Ehre zu schauen und sein Vertrauen auf den zu setzen, der ihn noch aus größern Verlegenheiten gezogen habe, als aus der gegenwärtigen, und der ihn auch jetzt festhalten werde mit einem gewaltigen Arm. Er erinnerte ihn an eines seiner eigenen Worte, das er einmal gesprochen: „Wenn Gott will, daß ich König werde, so wird es geschehen, wie man mich auch daran hindern möge; will. Er es nicht, so will ich es auch nicht.“ Das sei ein Wort, eines christlichen Königswürdig! Dabei stellte er ihm Davids Beispiel vor Augen, dem er nicht nur nachahmen, den er übertreffen möge, indem er seinen Tugenden nachfolge, seine Fehler vermeide. Die Warnung kam freilich zu spät, und so mußte nun allerdings Beza zu geschehenen Dingen – nicht das Beste reden, aber mit dem Bewußtsein, das Seinige gethan zu haben, den Schmerz über das Geschehene in sich verwinden und das Uebrige Gott anheimstellen. „Nicht zwar vom Glauben verlassen ist meine Seele (schrieb er deßhalb im August an einen Freund), Gott sei Dank dafür; wohl aber ist sie tief betrübt und geängstigt. Welche Hoffnungen haben wir auf diesen Fürsten gesetzt, und wie hat er sich nun so arg versündigt an Gott, an einen heiligen Engeln und an allen Heiligen der Erde. . . Unsere einzige Zuflucht ist die Gnade Gottes; es kann nicht sein Wille sein, uns ganz der Zerstörung Preis zu geben.“ Beza war auch billig genug, den guten Willen und die wohlwollende Gesinnung Heinrichs IV. anzuerkennen, die er namentlich in der Erlassung des Edictes von Nantes zu Gunsten der Protestanten an den Tag legte; er ahnte in ihm ein wohlthätiges Werkzeug in der Hand Gottes zur Erhaltung der reformierten Kirche Frankreichs. Noch einmal (1599) wurde ihm die Ehre zu Theil, den König persönlich zu begrüßen, als dieser in einer kritischen Lage, in der sich Genf dem feindlichen Savoyen gegenüber befand, zum Schutze der Stadt an den Grenzen erschien. Beza, an der Spitze der Genfer Gesandtschaft hielt eine Anrede an den König, die er mit Anspielung auf die Worte des greifen Simeon schloß: „Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren; wie du gesagt hat, denn meine Augen haben vor meinem Tode nicht allein den Befreier Eurer unterhänigen Diener, sondern den Retter von ganz Frankreich und aller Gläubigen gesehen.“ Heinrich aber redete ihn als einen „Vater“ an und entließ ihn mit einem Ehrengeschenke. Es würde den Raum dieser Blätter überschreiten und zudem weniger die Erbauung der Leser fördern, wollten wir Beza in die weitern Gebiete seiner Thätigkeit folgen und namentlich der Streitschriften erwähnen, die er nach verschiedenen Seiten hin zu veröffentlichen sich veranlaßt sah. Daß er dem von Friedrich von Württemberg veranstalteten Religionsgespräch zu Mömpelgard (1587) beiwohnte, um sich mit dem berühmten lutherischen Theologen Jacob Andreä über die Differenzpunkte der Lehre, und zwar nicht nur das Abendmahl, sondern auch die Prädestination (Gnadenwahl) betreffend, zu besprechen, sei nur im Vorbeigehen erwähnt. Nicht verschwiegen werden soll aber endlich noch die edle Standhaftigkeit mit welcher der von allen Seiten angefochtene Mann noch in einen alten Tagen die Zumuthung zurückwies, die von einem hochgestellten Prälaten, einem der edelsten Vertreter der römisch-katholischen Kirche an ihn gestellt wurde, wieder in den Schooß dieser Kirche zurückzutreten. Es war der noch junge Franz von Sales, der Bischof (in partibus) von Genf, der im Jahre 1597 im Auftrag des Papstes den höchst mißlichen Versuch wagte. Unter anderm stellte er an Beza die Frage, ob er glaube, daß man auch in der katholischen Kirche selig werden und sein Heil schaffen könne? Wie hätte dieß Beza läugnen sollen? Aber von diesem Zugeständniß zu dem andern, daß die römisch-katholische Kirche die allein selig machende oder auch nur eine vorzüglichere Kirche sei, als die evangelische, war noch ein weiter Schritt. Und diesen zu thun, konnte der in seinen Grundsätzen so feste Mann nicht einen Augenblick sich versucht fühlen. Am wenigsten aber verfingen bei ihm Bestechungen. Auch zu diesem unedeln Mittel nahm der sonst edle fromme Mann, Franz von Sales, eine Zuflucht. Es sollte freilich nicht das Ansehn einer groben Bestechung haben, es sollte nur ein Anerbieten sein, das Beza einen Schritt erleichtere, wenn ihm der Bischof eine jährliche Pension von 4000 Reichsthalern und noch Weiteres mehr in Aussicht stellte. Da konnte Beza nicht länger an sich halten; es drängte sich ihm das Wort auf die Zunge: „Hebe dich von mir Satan.“ Ob er es laut ausgesprochen, wie einige melden, oder ob er nach einer mündlichen Ueberlieferung in der mildern, aber doch sehr verständlichen Weise geantwortet habe: „Gehet, Herr, ich bin zu alt und zu taub, um solche Worte hören zu können“ mögen wir auf sich beruhen lassen. So viel ist gewiß, daß ihn der Versucher von der Stunde an verließ mit dem bleibenden Eindrucke, daß der Mann ein „steinernes Herz“ habe. In seinen spätern Jahren hatte sich Beza mehr und mehr vom Schauplatz der Kirche zurückgezogen. Im Jahre 1588 starb ihm seine Gattin, mit der er 40 Jahre glücklich gelebt. Kinder hatte sie ihm keine geboren. Auf den Rath seiner Freunde hatte er sich noch in seinem Alter zu einer zweiten Ehe entschlossen mit einer verwittweten Genueserin, Catharina del Piano. Bis in sein 65stes Jahr genoß er der besten Gesundheit; aber nun stellten sich die Beschwerden des Alters ein, rheumatische Schmerzen, Schlaflosigkeit, häufiger Schwindel, der ihn auch auf der Kanzel befiel, ein Zittern in der Hand, das ihn besonders am Schreiben hinderte. Er mußte seine Briefe einem Schreiber dictiren. Im October 1595 setzte er ein Testament nieder, worin er besonders auch Gott dankte für die Barmherzigkeit, die er an ihm als einem armen Sünder erwiesen. Noch hielten die geschwächten Kräfte vor bis in das Spätjahr 1605. Den 2. Oktober d. J. meldeten sich die Vorboten eines Todes. Die Prediger der Stadt wurden an ein Krankenbett berufen; auch von den Professoren verabschiedete er sich. Nachdem ihn den 13. October eine Ohnmacht befallen, schlummerte er sanft in ein besseres Leben hinüber. Er hatte in seinem Testament den Wunsch geäußert, daß eine irdischen Reste auf dem allgemeinen Kirchhof Plain-Palais beigesetzt würden: aber der Magistrat ließ ihn im Kreuzgang von St. Peter beisetzen. Unter seinen schriftlichen Leistungen verdient besonders die lateinische Uebersetzung des Neuen Testamentes hervorgehoben zu werden, die sich sowohl durch Treue als Eleganz auszeichnet. Auch eine Bibelerklärungen sind von Werth, so wie eine historischen Schriften, besonders eine Geschichte des reformierten Frankreichs, welche den Zeitraum von 1521-63 umfaßt. An seinem Charakter wird bei aller Entschiedenheit eine große Milde und Leutseligkeit gelobt, und bis auf unsere Zeit hat sich ein Wort aus dem Lager der Gegner erhalten, sie wollten lieber mit Beza in der Hölle, als mit Calvin im Himmel sein. Wir glauben uns aber freuen zu dürfen, daß des Einen wie des Andern Name im Himmel angeschrieben sei, wenn wir auch, was Menschliches an beiden war, nicht auf Kosten der Wahrheit beschönigen wollen. Der Herr kennt die Seinen. Jeder steht und fällt einem Herrn. Uns aber geziemt das Andenken derer zu ehren, die uns das Wort des Heils verkündigt haben, und ihrem Glauben nachzufolgen.

 

K. R. Hagenbach in Basel