Monika

Wie der Kirchenvater Chrysostomus durch die fromme Antusa, die als junge Witwe ganz der Erziehung ihres Sohres sich widmete, zuerst zum lebendigen Christenthum geführt wurde, so auch der Kirchenvater Augustinus durch seine fromme Mutter Monika. Diese, um’s Jahr 332 nach Christi Geburt geboren, hatte christliche und fromme Eltern, verdankte aber, mehr noch als diesen, einer alten gottesfürchtigen Magd ihre erste fromme Erziehung. Leicht hätte ihr in den Jugendjahren die Aufgabe, den Wein aus dem Keller herauf zu holen, zum verderblichen Fallstrick werden können, aber die Zurechtweisung jener Magd rief sie noch zu rechter Zeit von dem gefährlichen Irrwege zurück. Als sie erwachsen war, wurde sie von ihren Eltern an einen heidnischen Mann, den Rathsherrn Patricius in Tagaste, verheirathet; er fand an ihr eine Ehegattin, die ihrem Christenthum durch Gehorsam, Sanftmuth und Gefälligkeit Ehre machte. Anfange ließ sich die Mutter des Patricius durch das Geschwätz der Mägde gegen ihre Schwiegertochter Monika einnehmen, allein diese betrug sich so sanft, so sorgfältig und ehrerbietig gegen sie, daß die Mißverständnisse bald ein Ende nahmen, und die herzlichste Freundschaft zu Stande kam. Mit der Zeit gewann sie auch ihren Mann für das Christenthum, so daß er sich im Jahr 370 unter die Katechumenen aufnehmen und 371 taufen ließ; bald hernach starb er. Monika hatte ihm zwei Söhne und eine Tochter geboren. Nichts lag ihr mehr an, als diese ihrem Heilande zuzuführen, daher ließ sie namentlich den Aurelius Augustinus gleich nach seiner Geburt im Jahr 354 unter die Katechumenen aufnehmen; aber sie mußte über dreißig Jahre harren, bis er durch die heilige Taufe der Christengemeinde einverleibt ward. Der damals noch heidnische Vater ließ zwar dem Sohne eine sorgfältige Erziehung geben, aber sein Augenmerk war dabei nicht das, aus ihm einen Christen, sondern einen gelehrten und berühmten Mann, der ein glänzendes Glück in der Welt machen könne, zu bilden, und es gelang ihm in vollem Maße, die Flamme des Ehrgeizes bei dem hochstrebenden begabten Jüngling anzufachen. Bald ward er auch durch schlechte Gesellschaft auf der Schule zu Karthago zu allerhand jugendlichen Ausschweifungen verführt, und der verblendete Vater kümmerte sich darüber so wenig, daß er einmal in der Trunkenheit sein Wohlgefallen über die Ausschweifungen des Sohnes aussprach. Das mußte für Monika eine um so tiefere Kränkung sein, da bei ihr die Eindrücke der Taufe, die sie erst vor Kurzem empfangen hatte, noch neu waren. Sie erschrak über den Zustand ihres Sohnes, und hatte nicht eher Ruhe, als bis sie Gelegenheit gefunden, mit ihm darüber zu reden. Sie warnte ihn auf’s Ernstlichste vor dem gefahrvollen Abwege des Lasters, allein er verachtete ihre Warnung, als die Rede eines schwachen unwissenden Weibes, die nicht wisse, daß die Jugend vertoben müsse.

Nach einiger Zeit starb der Vater, und Augustinus bekam durch eine Schrift Cicero’s eine ernstere Richtung. Er fragte ernstlich nach Wahrheit und Weisheit, wandte sich auch für eine Zeit lang zur heiligen Schrift, konnte ihr aber noch keinen Geschmack abgewinnen, und ging endlich zu der Sekte der Manichäer über. Ein neuer Schmerz für die gute Mutter! Sie grämte sich tief darüber, flehte für ihren Sohn bei Tag und bei Nacht, ermahnte ihn mit vielen und heißen Thränen, den bessern Weg zu erwählen, wollte aber, da alle ihre Erinnerungen vergeblich schienen, nach Tit. 3, 10. nicht mehr mit ihm zusammenleben, obgleich ihr Herz mit innigster Liebe an ihm hing. Nachdem ihr jedoch im Traum ein Jüngling in glänzender Gestalt erschienen war, und ihr gesagt hatte: „Wo du stehst, steht auch er,“ so faßte sie wieder neuen Muth, sagte es dem Augustinus mit großer Herzensbewegung und nahm ihn wieder in ihr Haus und an ihren Tisch auf. Sie verdoppelte jetzt ihre Gebete für den irrenden Sohn, und erhielt von einem Bischof, den sie bat, er möchte doch denselben zurückzubringen suchen, die merkwürdige, nachher durch den Erfolg bestätigte Antwort: „Laß ihn für jetzt, bete für ihn zum HErrn, so wird er von selbst durch das Lesen der heiligen Schrift gewahr werden, wie groß sein Irrthum sei und dessen Gottlosigkeit. So wahr Du lebest, es ist nicht möglich, daß das Kind so vieler Thränen verloren geht.“ Auch dieses sagte sie dem Sohne wieder, und wenn er gleich für jetzt sich noch nicht entschieden zum Guten wandte, so ließen ihm doch ihre Worte einen tiefen Stachel im Herzen zurück. Ehe die Frucht hievon offenbar wurde, mußte Monika noch einen bittern Schmerz erfahren. Augustinus rüstete sich zu einer Reise nach Italien, und da sie ihn zurück halten wollte, bestieg er heimlich ein Schiff. Trauernd stand sie am Ufer, und sah, zu Gott aus der Tiefe ihres Herzens seufzend, dem Schiffe nach, das den ungehorsamen Sohn nach Rom führte.

Nach einiger Zeit hörte sie, er sei in Mailand, und der fromme Erzbischof Ambrosius habe ihn dahin gebracht, daß er sich wieder unter die Katechumenen aufnehmen ließ. Da kann sie es nicht mehr länger in Afrika aushalten; in freudigem Glaubensmuth besteigt sie ein Schiff und bleibt so unerschüttert bei den gefährlichsten Stürmen des Meeres, daß sie auch noch ihre Mitschiffenden zu trösten vermag. Sie kommt eben im rechten Augenblicke in Mailand an. Der gewaltige Kampf, der in ihrem Sohne gährte, hatte ihn an den Rand der Verzweiflung geführt, aber ihre mütterlichen Bitten und Ermahnungen beschwichtigten den Sturm seiner Seele, und zu Anfang der Fasten 387 hatte sie die Freude, ihn unter den Täuflingen zu erblicken, welche auf Ostern durch die Hände des Ambrosius das Bad der Wiedergeburt empfangen sollten. Nach empfangener Taufe wollte er mit ihr nach Afrika zurückkehren. In heiliger Freude, das Ziel ihrer sehnsuchtsvollen Wünsche erreicht zu sehen, machte sie die eifrige Dienerin der ganzen Reisegesellschaft. Als sie in Ostia angekommen waren, stand sie voll ernster Betrachtungen allein mit ihrem Sohne an einem Fenster; da brach sie endlich das Stillschweigen und sagte: „Sohn, was mich betrifft, so hat nichts mehr einen Reiz für mich in diesem Leben. Was ich hier noch machen soll, und warum ich hier noch bin, weiß ich nicht, da keine Erdenhoffnung mir übrig ist. Eines war’s, weswegen ich in diesem Leben noch etwas zu verweilen wünschte: daß ich dich als rechtgläubigen Christen sähe, ehe ich sterbe. Ueber meine Erwartung hat mir Gott dies gewährt, da ich dich nun als Seinen Diener sehe, der alles Erdenglück verachtet. Was mache ich ferner hier?“ Etliche Tage darauf erkrankte sie und fiel in Ohnmacht. Ihre Söhne Augustinus und Navigius eilten herbei. Bald kehrte ihr das Bewußtsein zurück; sie schaute umher und fragte: „Wo war ich?“ Traurig standen die Söhne vor ihr. „Werdet ihr hier eure Mutter begraben?“ fragte sie. Augustinus schwieg und hielt die Thränen zurück. Navigius äußerte den Wunsch, daß sie nicht hier, sondern in Afrika sterben möchte, welches, wie er sagte, besser wäre. Als Monika dies hörte, warf sie auf ihn einen bekümmerten. Blick des Mißvergnügens und sagte: „Begrabet meinen Leib, wo ihr wollt, und seit meinetwegen ohne Sorgen. Ehedem wünschte ich wohl, neben meinem Manne in Afrika begraben zu werden, aber jetzt glaube ich, nichts ist fern von Gott, und ich fürchte nicht, daß Er am Ende der Tage nicht wissen werde, wo Er mich auferwecken wolle.“ Sie verschied am neunten Tage der Krankheit, und heftiger Schmerz ergriff Augustinus und seinen Bruder; doch hielten sie die Thränen zurück, weil es ihnen ungeziemend schien, Seufzer und Thränen einer Seele nachzusenden, von deren Seligkeit sie gewiß waren.

Emilia

Der berühmte Kirchenvater Basilius von Cäsarea erhielt auf seinem einsamen Landsitze in Pontus durch seine fromme Großmutter Emilia seine erste Erziehung, und diese streute in sein kindliches Gemüth den Samen des Christenthums. Als er von seinen literarischen Studien in Athen nach seiner Vaterstadt Cäsarea zurückkehrte, und er durch den Glanz den seine Talente über ihn verbreiteten, von der ernsten Richtung des Lebens abgezogen werden konnte, da wurde die Wirkung der frommen Großmutter auf sein Gemüth erneuert durch den Einfluß seiner frommen Schwester Mawina, die früh durch das Lesen der heiligen Schrift von jener Großmutter war gebildet worden, und bei der jene erste Anregung der Kindheit in einem stillen Leben ohne Unterbrechung fortgewirkt hatte. Basilius empfing jetzt die heilige Taufe, die einen neuen Abschnitt in seinem Leben begründete; er bereitete sich von nun an in der Einsamkeit und im Umgange mit Gleichgesinnten, durch das Studium der heiligen Schrift zu dem geistlichen Amte vor. Er selbst sagte von dieser neuen Richtung seines Lebens : „Als ich, der ich viele Zeit mit eitlen Dingen verschwendet, und fast meine ganze Jugend in der Erlernung jener von Gott zur Thorheit gemachten Weisheit verbraucht hatte, gleichsam aus einem tiefen Schlafe erwachend, zu dem wunderbaren Lichte der Wahrheit des Evangeliums hinblickte, erkannte ich das Unnütze der Weisheit der Obersten dieser Welt, welche vergehen; da beklagte ich mein bisheriges trauriges Leben, ich suchte Hilfe, die göttliche Wahrheit mir anzueignen, und vor Allem strebte ich nach Besserung meiner Sinnesart, die lange Zeit durch den Umgang mit Schlechten verderbt worden war.“

Natalia

Als die gottesfürchtige Christin Natalia, welche zu Anfang des vierten Jahrhunderts lebte, hörte, das ihr Gemahl Adrianus zu Nicomedien gefänglich eingezogen und mit Ketten belastet werden, so erschrak sie anfangs, indem sie fürchtete, er möchte irgend etwas Unrechtes begangen haben, sobald sie aber hörte, er sei um des Bekenntnisses Christi willen mit 33 andern Christen in’s Gefängnis geworfen worten, so schwand ihre Angst dahin, obgleich sie zugleich vernahm, Maximianus werde Alle mit einander umbringen lassen. Es blieb ihr nur die eine Besorgnis noch, ihr Mann möchte durch den Anblick der Marter der Andern verzagt werden und in Gefahr gerathen, seinen Glauben zu verleugnen. Um dieses zu verhüten, und ihm die Märtyrerkrone zu sichern, ging sie zu den Henkern und bat sie, sie möchten doch bei der Hinrichtung ihren Mann zuerst vornehmen. Dies geschah und Natalia ward eine Witwe. Nach einiger Zeit warb der Landpfleger von Nikodemien um ihre Hand. Sie aber erbat sich eine Bedenkzeit von drei Tagen, bestieg ein Schiff und floh nach Konstantinopel. Der Landpfleger setzte ihr nach, aber ein Sturmwind vereitelte sein Vorhaben, und Natalia gelangte unter göttlichem Schutze glücklich an ihren Bergungsort.

Nonna

Die fromme Nonna hatte sich lange bemüht, ihren Gemahl Gregorius, welcher einer nicht christlichen Religionssekte angehörte, für das Evangelium zu gewinnen. Oft betete sie mit heißen Thränen für sein Heil, drang in ihn mit langem Zureden und mit nachdrücklicher Rede, aber mehr als das Alles wirkte, wie Gregor von Nazianz, ihr Sohn, sagt: ihre im Leben sich bewährende Frömmigkeit und ihr anhaltendes Gebet. In allen äußerlichen Dingen ihrem Gatten nach dem Gesetz der Ehe unterthan, verstand sie es doch in wahrer Frömmigkeit seine Lehrerin und Führerin zu sein. Sie löste die schwere Aufgabe, eine höhere Bildung vornehmlich in der Erkenntnis göttlicher Dinge, und strenge Uebung der Andacht mit pünktlicher Sorge für ihr Hauswesen zu vereinigen. War sie im Hause thätig, so schien sie von den Uebungen der Frömmigkeit nichts zu wissen; beschäftigte sie sich mit Gott und seiner Verehrung, so schien ihr jedes irdische Geschäft fremd zu sein: sie war bei jedem ganz und ungetheilt. Erfahrungen hatten ihr unbegrenztes Vertrauen auf die Wirkungen des glaubensvollen Gebets eingeflößt. Sie war daher die fleißigste Beterin, und überwand durch das Gebet auch die tiefsten Empfindungen des Schmerzens über eigene und fremde Leiden. Sie hatte dadurch eine solche Gewalt über ihre Seele erlangt, daß sie bei allem Traurigen, was ihr begegnete, nie einen Klagelaut ausstieß, ehe sie Gott dafür gedankt hatte. Am wenigsten hielt sie es geziemend, Thränen zu vergießen, oder ein Trauerkleid anzulegen an den Tagen der Christlichen Festfreuden; so vollständig war sie durchdrungen von dem Gedanken: „eine gottliebende Seele müsse alles Menschliche dem Göttlichen unterordnen“. Wichtiger als die Uebungen der Andacht war ihr der thätige Gottesdienst: Unterstützung der Witwen und Waisen, Besuche der Armen und Kranken. Unerschöpflich war ihre Freigebigkeit, ja selbst in’s Uebermaß ausartend, so daß sie, wie ihr eigener Sohn erzählt, sagen konnte: „Sie könnte, wenn es anginge, sich selbst und ihre Kinder verkaufen, um das erlöste Geld den Armen zu geben.“ Ein tägliches Vorbild dieser Art konnte auf den ernsten, empfänglichen Sinn des Gatten nicht ohne Einfluß bleiben. Der immer fort anschlagende Wassertropfen mußte endlich den Felsen erhöhlen. Oft hatte Nonna ihn vergebens gebeten, mit ihr Ps. 122, V. 1. zu singen: „Ich freue mich des, daß mir geredet ist, daß wir werden in’s Haus des HErrn gehen.“ Einst träumte er nun, daß er diesen Vers mit seiner Frau sänge. Dieser Traum machte so großen Eindruck auf ihn, daß ihn eine unwiderstehliche Sehnsucht ergriff, an dem beseligenden Leben seiner Frau theil zu nehmen, und diesen günstigen Eindruck wußte sie sogleich, wie sie ihn selbst als Wirkung des HErrn betrachtete, glücklich zu benützen, und der Erfolg ward, daß Gregor nicht nur ein Christ wurde, sondern nach einiger Zeit zum Bischof der Gemeinde Nazianz erwählt ward.

Dieselbe Nonna eilte mit ihrem Erstgebornen, dem nachher berühmten Kirchenlehrer Gregor von Nazianz, sobald sie konnte, in die Kirche, weihte ihn Gott, daß sein Leben der Religion besonders dienen möge, und legte als Zeichen der Weihung, wie damals in solchen Fällen zu geschehen pflegte, ein Evangelienbuch in die Hand des Kindes. Die Erinnerung an diese erste Weihe machte auf das Gemüth Gregors wiederholt die gesegnetsten Eindrücke. Als Jüngling war er auf stürmischer See dem Schiffbruche nahe, und es schmerzte ihn besonders, daß er ungetauft sterben sollte. Da betete er mit heißen Thränen, daß Gott sein Leben Ihm zum Dienste erhalten möge. Und da er dann sein Gebet erhört sah, betrachtete er dies als eine zweite Weihe, als eine neue Verpflichtung zu einem ganz Gott geweihten Leben. Der Sohn, der nie ohne Gefühl der innigsten Dankbarkeit, besonders wegen des von ihr empfangenen Segens für das höhere Leben, an die Mutter Nonna zurückdachte, schilderte sie mit folgenden Zügen: „Nie besuchte sie das Theater; wenn sie gleich tiefe Empfindungen hatte, und selbst die Leiben Anderer tief empfand, ließ sie doch keine plötzliche Trauerempfindung auf solche Weise ihrer Seele sich bemeistern, daß sie nicht bei Allem, was ihr begegnete, zuerst Gott gedankt hätte. Bei Allem, was sie auch Trauriges betreffen mochte, faßte sie ihre Seele in Geduld und Ergebung, nie legte sie an einem Festtage ein Trauergewand an, denn immer wurde bei ihr das Menschliche von dem Göttlichen überwogen, die religiösen Gefühle siegten bei ihr über alle anderen, die Heilsangelegenheiten der ganzen Menschheit bewegten ihr Herz noch tiefer, als alles Persönliche. Mit ehrfurchtsvoller Andacht erschien sie in der Kirche; betend in der Kirche fand sie ihren Tod.“

Die Wirkung dieser christlichen Erziehung der frommen Nonna zeigte sich, wie bei Gregor, so auch bei ihrem zweiten Sohne Cäsarius. Zwar nahm er einen andern Lebensgang als Gregor; er wurde mehr in die Zerstreuungen des Weltlebens hineingeworfen; er erhielt alle kaiserlicher Leibarzt einen angesehenen Platz am Hofe zu Constantinopel. Er blieb sogar am Hofe, als der Kaiser Julian zur Regierung kam. Dieser dem Christenthume so feindselige Fürst, der alle ausgezeichneten Talente gern der christlichen Kirche entzog und für das Heidenthum gewann, wandte auch bei Cäsarius alle Arten der Ueberredungskunst und Versprechungen an. Schon war die Familie in der größten Besorgnis seinetwegen. Der Mutter mußte man Alles zu verbergen suchen, weil man wohl wußte, daß ihr frommes Gemüth hier auf das Empfindlichste verletzt werden konnte. Aber auch Cäsarius hielt den Glauben für die Perle, für die man alles Andere verkaufen müsse, und er verließ den Hof des Kaisers, um an der Gunst des Allerhöchsten nicht Schaden zu leiden. Als er, nach dem Tode dieses Kaisers, wieder zum Hofleben zurückgekehrt war, brachte eine merkwürdige Fügung eine neue Erweckung in ihm hervor. Bei einem Erdbeben, welches die Stadt Nicäa in Bithynien verheerte, wo er ein ansehnliches Amt bekleidete, wurde er unter den Trümmern seines Hauses begraben; doch wurde er gesund wieder hervorgezogen. Da regte sich in ihm Reue über sein früheres Leben, und er that das Gelübde, ganz von Neuem und zwar mit aller Strenge Gott zu dienen. Die Taufe, die man damals auf das Ende des Lebens aufzuschieben pflegte, war für ihn der Anfangspunkt eines neuen Abschnitte seines nun mit höherem Ernste erfüllten Lebens. Doch konnte er wenig von seinen neuen Vorsätzen in dem irdischen Leben ausführen, denn bald wurde er zum ewigen Leben abgerufen. „Ich vermache Alles, was ich habe, den Armen“, waren seine letzten Worte.

Auch an ihrer Tochter Gergenia erlebte die fromme Nonna hohe Freude: denn auch diese trat in ihre gottseligen Fußstapfen, sie hielt nicht allein ihren Mann von Sünden ab, sondern erzog auch ihre Kinde und Neffen in der Furcht Gottes. So lang sie lebte, ging sie ihnen mit dem Muster eines gottseligen Lebens voran, und als sie starb, gingen ihre letzten Erinnerungen darauf hin, daß sie sollten Gott fürchten und in Seinen Wegen wandeln. Es hatte aber ihre Frömmigkeit einen um so höheren Werth, da sie es nicht sowohl auf äußerliche Frömmigkeit anlegte, als vielmehr auf wahrhaftige innerliche Gottseligkeit, und vor Allem bemüht war, demjenigen zu gefallen, der in das Verborgene siehet.

Die Gattin des Apostels Petrus.

Wie Maria, die Mutter des Herrn, die schmerzensreiche Zeugin des Kreuzestodes ihres geliebten Sohnes sein mußte, und damit in vollem Maße das weissagende Wort des alten Simeon an ihr erfüllt wurde: „Es wird ein Schwert durch deine Seele dringen“, so mußten von Anfang an auch die Frauen der Diener Jesu es erfahren, daß auch sie treffe Sein Wort: „der Jünger ist nicht über den Meister, haben sie Mich verfolget, so werden sie auch Euch verfolgen.“ „Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir!“ Unter den neutestamentlichen Priesterfrauen soll nach der Erzählung des Kirchenvaters Clemens Alexandrinus die Gattin des Apostels Petrus eine Tochter des Aristobulus, des Bruders Barnabä, eine der ersten gewesen sein, welche den Märtyrertod starb. Denn da sie den Apostel auf seinen Missionsreisen begleitet (1 Kor. 9,5.) hatte, so ward sie noch vor ihm gefangen, eingezogen und zum Tode geführt; Petrus selbst aber soll sie auf diesem Gange getröstet und ihr zugerufen haben: Gedenke des HErrn, vergiß Seiner nimmermehr.“

Regula Breitinger

Am 4. April 1597 verheirathete sich Johann Jakob Breitinger, ein Züricher Prediger, mit Regula Tomman, der wohlerzogenen durch körperliche und geistige Vorzüge ausgezeichneten Tochter des Professors der griechischen Sprache Sadrach Tomman, der ihn sofort sammt seiner Mutter in seine Haushaltung aufnahm, und bald so lieb gewann, als ob er sein eigener Sohn gewesen wäre. Aber nicht minder bewährte sich Regula als eine treubesorgte Ehegattin und liebende Tochter. Ihre erste und größte Sorge war, wie sie in allem ihrem Thun und lassen vor Augen haben möge den lieben, getreuen Gott, darnach aber auch gegen ihren Ehewirth auf’s vollkommenste erstatte die Gebühr eines ehrliebenden, getreuen, gehorsamen, vernünftigen Weibes. Als schon gegen das Ende des Jahres 1597 ihre Schwiegermutter erkrankte und bis an ihr etliche Monate darauf erfolgtes Ende das Bett hüten mußte, wartete ihrer Regula bei Tag und Nacht aufs treulichste ab, eben auch hiemit die zärtliche Liebe beweisend, mit der sie an ihrem Manne hing. Sie lebte mit demselben 37 Jahre. In dieser ganzen Zeit wußte man sich keiner einzigen Stunde zu erinnern,  da ihr Herz, Gemüth, Angesicht und Geberde sich im Geringsten gegen ihn geändert hätte. Sie war so begierig und beflissen seine Gesundheit zu erhalten, als ihre eigene. Aufs eifrigste bemühte sie sich alles zur Hand zu schaffen, was ihm von Aerzten angerathen wurde. Bei den mancherlei Krankheitsanfällen, denen er unterworfen war, erzeigte sie unglaubliche Aufwart viele Tage und Nächte ohne Aufhören. Mit allem möglichen Fleiße suchte sie alles vor ihm geheim zu halten, wovon sie meinte, daß es ihm Kummer und Unmuth schaffen könnte und war auf nichts mehr aus, als auf das, wodurch sie ihn zu erfreuen hoffte. Auf’s emsigste wies sie alle ihre Hausgenossen an, alles nach dem Willen ihres lieben Herrn zu thun, damit ihm durchaus kein Anlaß sich zu erzürnen gegeben werden möchte. Was ihm aber Beschwerliches begegnete, zumal in der Zeit, da er Pfarrer am Großmünster war, das konnte er ihr alles mittheilen, und sich bei ihrer Verschwiegenheit, gottseligen Gutachtens und vernünftigen Zuspruchs fröhlich bedienen, was ihm bei so schwerem Amt ein hocherwünschter Vortheil war. Als es sich zu Anfang seiner Haushaltung davon handelte, daß er Pfarrer in Glarus werden sollte, und die Schwiegermutter es sehr schwer nahm ihre Tochter in die Fremde zu lassen, da sprach Regula Breitinger ihm recht freundlich zu, er solle sich nicht zu sehr bekümmern, denn sie sei gänzlich entschlossen, ihm williglich zu folgen, wohin immer der liebe Gott ihn zum Dienst seiner Kirche berufen werde. Vor ihrer Vermählung trug sie kostbare Kleider und Kleinode, ihrem und der Ihrigen Stande gemäß; sobald aber die Hochzeit vorüber war, legte sie ohne daß sie von irgend jemand darum ersucht worden wäre, alle ihre vorigen Kleider und Kleinode ab, und selbst an Hochzeiten, Taufen, Mahlzeiten und bei andern Anlässen sah man, so jung sie auch war, nichts anderes an ihr als Schwarzes, beides von Kleidung und Geschmeide; denn sie glaubte, daß sie das dem ehrwürdigen Amte ihres Mannes schuldig wäre. Und sie that das ohne alles Trauern, vielmehr war sie dabei heiter und freudig, und zeigte stets ein ehrsames anständiges Wesen. Wie mit der Kleidung hielt sie es auch mit dem übrigen Hauswesen. Alle Einfachheit und die bloße Nothdurft war ihr so genug, wie andern ihr Ueberfluß. Was sie an Gold und Silber von ihren Eltern geerbt, oder von andern bekommen, das stand allezeit zum Dienst ihres Gemahls. So oft er zu einer Ehrenausgabe ein Stück Geldes, klein oder groß bedurfte, bot sie es ihm an, ohne daß er darum bitten durfte und nie sah man an ihr auch nur die geringste Unzufriedenheit darüber, daß dieses oder jenes weggegeben wurde. Eine große Freundin von auserlesenen Büchern, las sie fleißig Abends und Morgens in der Bibel, außerdem meistens in den Büchern, die Breitinger selbst herausgegeben. Seine Gebete konnte sie mehrentheils Wort für Wort auswendig. Mußte sie eine seiner Predigten versäumen, so war es für sie ein rechter Trauertag und damit dergleichen desto seltener vorkommen möchte, vertauschte sie ihren Kirchensitz mit einem andern, der in der Nähe der Kirchenthüre war, und von dem sie eher nöthigenfalls nach Hause gerufen werden konnte. Eine so gründliche Schriftkenntnis sie besaß, so liebte sie doch das Disputieren durchaus nicht, aber mit großer Treue unterrichtete sie ihre Dienstboten in dem, was zur Seligkeit nothwendig ist. Mit andern Leuten aber redete sie wenig von der heiligen Schrift und von dem Glauben; nicht daß sie die Worte gespart hätte, wo Belehrung, Warnung oder Trost nöthig war, sondern es war ihr darum zu thun, daß sie nicht möchte darum angesehen werden, als ob sie viel wüßte; denn alle ihre Gedanken waren in Demuth einzig dahin gerichtet, daß sie gefallen möchte dem lieben Gott und ihrem Erlöser Jesu Christo. Zwar legte sie sich nie auch nur im Mindesten in das Predigtamt und die sonstigen Amtsgeschäfte ihres Mannes, aber wenn er auf’s Rathhaus oder zu andern wichtigen Verrichtungen ging, so begleitete sie ihn stets mit ihren Segenswünschen und Gebeten. Eine besondere Tugend an ihr war, daß sie so frei von allem Vorwitz war; so groß auch der Anlauf von Hohen und Niedern war, welche bei ihrem Manne sich Raths erholten, so fragte sie doch nie, was dieser oder jener gewollt, wenn Breitinger nicht selbst etwas sagte. Eben dies gab auch bekümmerten Gemüthern so viel Muth ihm als ihrem Seelsorger alles anzuvertrauen weil sie wußten, daß alles verschwiegen blieb. Daneben wußte sie mit denen, welche von ihrem Manne traurig oder zornig weggegangen, so tröstlich und beschwichtigend zu reden, daß ihr Wort wie ein lindernder Balsam in den Seelenwunden war, und viele zarte Herzen erleichtert, viele rauhe Gemüther gewonnen wurden.

Die ganze Last der Haushaltung nahm sie allein auf sich und besorgte alles pünktlich nach seinem Wunsche und Willen, zwar mit aller Sparsamkeit, aber so ehrenhaft und freundlich, daß jedermann gerne mit ihr zu thun hatte, und so freigebig gegen die Armen, daß diese in allen Stücken von ihr unterstützt wurden, und doch selten erfuhren, woher die Gaben kamen. Insbesondere erfreuten sich ihrer Mildthätigkeit Vertriebene verschiedener Nationen und Religionen, so wie alle Kranken und Gebrechlichen. Bis in ihr fünfzigstes Jahr genoß sie eine gute Gesundheit; dann aber litt sie bei ihrem großen und schweren Leib viel an Engbrüstigkeit und konnte nicht mehr viel ausgehen. Die letzten zwei Jahre waren besonders beschwerlich; endlich wurde sie 1634 bettlägerig; da wurde ihr aber auf ihrem Lager reichlich vergolten, was sie ehedem an Kranken gethan. Jedermann befließ sich ihr Erleichterung zu verschaffen und mit heiterem Glaubensmuth durfte sie von hinnen scheiden.

Sibylle Mathesius

Am Montag nach dem Andreasfeste im Jahr 1543 trat Magister Johann Mathesius, der Bergmannsprediger im St. Joachimsthal, in den Stand der heiligen Ehe. Die Auserwählte war eines seiner Pfarrkinder, Sibylle Richter, eine Tochter des Hüttenreuters Paul Richter. Schon öfters hatten ihre Eltern ihr zu einer Heirath zugeredet, aber jedesmal hatte sie ihre Antwort nicht eher gegeben, als bis sie in ihrem Kämmerlein zu Gott gebetet: lieber Vater, beschere mir Einen, der dein Wort lieb hat, so bin ich gewiß, er wird um deinetwillen auch mich beständig lieb haben; und in Erfüllung dieses Gebetes war sie bis dahin noch immer ledig geblieben; als ihr nun aber der HErr den frommen Priester Mathesius zuführte, da hielt sie es für die größte Ehre und sprach öfters ihren Dank aus, daß der Sohn Gottes sie zu seines Dieners Hausfrau verordnet habe. Es gab auch nicht leicht eine glücklichere Ehe, als die der Pfarrleute im Joachimsthal. Mathesius sagt von seiner geliebten Sibylle, indem er zu seinen Kindern spricht: „Eure liebe Mutter hat dies Zeugnis männiglich in dieser Gemeine, auch bei mir und ihrem Beichtvater hinter sich gelassen, daß sie eine gottesfürchtige, gläubige und christliche Matrone ist gewesen, die den Sohn Gottes, sein Wort und seine Diener lieb, und werth gehalten. Ihr wisset, daß sie keine Predigt versäumt und allezeit ihr Psalterlein mit zur Kirche getragen und daheime sehr gerne gelesen und von der Predigt geredet hat, wie sie auch die ganze Predigt vom Abendmahl des HErrn und das 15. Kapitel an die Korinther mit eigener Hand hat abgeschrieben. O wie eine fleißige Zuhörerin war sie! darum sie auch allemal den Text, den man auslegte, vor sich hatte. – Die ganze Bibel hat sie ihrem Mann nach Tisch dreimal – fein deutlich gelesen. Dabei blieb sie stets in Demuth dessen eingedenk, daß der Mann ist des Weibes Haupt. Sie war liebreich, holdselig und freundlich gegen Jedermann. Nie hörte man ein unschön und unfreundlich Wort von ihr, oder sah eine übelstehende Geberde. Nie ist sie mit mir uneins geworden, sie hat nur zu Glimpf und Sühne helfen reden, meine Freunde lieb und werth gehalten, ist verschwiegen, pünktlich und reinlich gewesen und meine treue Schafmeisterin. War ich in Nöthen und Betrübniß, so tröstete sie mich mit Gottes Wort und rieth mir an, daß ich ja nichts wider das Gewissen thun soll. Sie war willig und bereit, mit mir bis an der Welt Ende zu ziehen, so es die Noth erforderte.

Einmal da es mit meiner Stellung im Joachimsthal sehr schwierig stand, tröstete sie mich: „Seid getrost, lieber Hauswirth, ich will über Berg und Thal mit Euch, man wird uns unsers HErrn Gottes Land wohl nicht können verbieten. Denn die Erd‘ ist des HErrn und was darin ist; Er wird uns Kraft seiner Zusage nicht Waisen lassen, sondern schon ein Hüttchen und Oertlein geben. Schlaget demnach alle Traurigkeit aus Eurem Herzen. Kümmert Euch mein und unserer Kinder halber nicht; thut Ihr, was recht ist, und meinetwillen handelt bei Leib wider Euer Gewissen nicht. Gott lebet noch, der wird mich und Eure Kinder als der rechte Witwen- und Waisenvater wohl zu versorgen wissen, und da Er uns hier gleich eine Zeit lang von einander reißet, wird Er uns doch vor seinem Angesicht in ewigen Ehren wieder zusammenbringen, da ich Eure ewige Gefährtin sein und bleiben werde.“ Auch in eigenen Nöthen bewies sie große Geduld. Als sie in ihrem ersten Wochenbette unglücklich war, sagte sie: HErr Jesu, der Du allein für die Kinder so fröhlich aus Mutter Leib kommen, und kindlich unter der Jungfrau Herz gewesen bist, und hast Jakob, den Erzvater, und Johannes den Täufer im Mutterleibe mit dem heiligen Geiste auf ihrer Mutter Gebet gesegnet, ich habe Dir ja mein armes Würmlein, von der Zeit, so ich’s gefühlt, treulich befohlen. Ich glaube und hoffe gänzlich, mein liebes Kindlein, darein der Tod seine Zähne um mein und meiner Sünde willen geschlagen, lebe noch in Deinen Augen, und Du wirst mir’s erwecken, und mich es in seinem völligen Alter sehen lassen. Denn obwohl Du nach Deinem Wort die getauften Kinderlein selig machst, nimmst Du Dich auch aller dieser an, die Dir durch gläubiger Eltern herzliche Seufzer zugebracht, und in ihrem oder zwar in Deinem Blute getauft und mit Deinem Geiste unter ihrem Mutterherzen besprengt worden.“

Sie erfreute ihren Mann mit 7 Kindern, darunter waren 4 Söhne. Unter denselben war das gebrechliche Kasperli, das mit einer gräulichen Hasenscharte und aufgespaltenem Gaumen auf die Welt kam. Als die Mutter dieses Kind sah, war sie, wie sich wohl denken läßt, sehr erschrocken und betrübt, doch tröstete sie sich alsbald und sagte: „Am jüngsten Tage wird dies alles heilen, wenn Christus uns von allem Jammer und Herzeleid erlösen wird.“ Das Eheglück im Joachimsthalischen Pfarrhause währte aber nicht viel über zwölf Jahre. Schon zwei Jahre vor ihrem Tode that die theure Frau Aeußerungen über ihren Heimgang. Das erste, was sie schwer angriff und in tiefe Betrübnis versetzte, war der Tod ihrer lieben Schwester, die in ihrem ersten Wochenbette ihr Leben lassen mußte. Diese Trauer machte, daß Sibylle oft sehr schwere und ängstliche Träume und Schrecken im Schlafe hatte. Einen Hauptstoß aber versetzte ihr der Tod ihres oben erwähnten lieben, armen Kasperli’s. Von der Zeit ist all ihr Muth und Freude darnieder gelegen, und stets ist sie mit Sterbensgedanken umgegangen. Als sie solche Sterbensgedanken hatte, war ein Töchterlein unterwegs. Schon am zweiten Tage nach seiner Geburt bekam sie einen geschwinden und hitzigen Fluß, den sie wohl auch sonst unter solchen Umständen gefühlt hatte, der ihr aber diesmal nach Gottes Willen tödtlich werden sollte. Aber so groß auch ihre Schmerzen waren, sie bewährte sich doch als ächte Christin. Ganz getrost befahl sie ihre Sache dem lebendigen Gott. Als ihr Mann sehr betrübt war, tröstete sie ihn: „Wie stellt Ihr euch also? Haben nicht eure guten Freunde auch ihre liebsten Hausfrauen zu Gott wieder heimgehen lassen und die sind unverloren? Ihr werdet mich auch wieder finden. Ihr habt um einen Erben gebeten, damit Ihr auch unserm Gott einen Diener hinter Euch ließet. Nun hat Euch Gott von mir sieben Kinder bescheret, daran Ihr Euer und mein, auch meines lieben Vaters und Bruders und Eurer Mutter und Schwester Bild sehet. Die lasset Euch um des HErrn Christi und meinetwillen befohlen sein. Denn Gott wird mit Euch und mit ihnen sein, und uns in Kürze wieder fröhlich zusammenbringen.“ Als ihre Mutter sie fragte: wem sie ihre kleinen Kinderlein befehlen wollte? erwiderte sie mit einem sehnlichen Seufzer: „Meinem treuen Gott und meinem lieben Mann.“

So hatte sie die Ihrigen gut befohlen, aber sie war auch hauptsächlich mit dem Heil ihrer eigenen Seele beschäftigt.

Man hörte sie öfters den Sohn Gottes anrufen, sie tröstete sich dabei ihrer heiligen Taufe. Als sie noch gehen konnte, hatte sie sich durch einen Kirchendiener abholen, und den Leib und das Blut Christi im heiligen Sacrament reichen lassen. Endlich da die Schmerzen größer wurden, und die Leibeskraft ihr ausgehen wollte, dankte sie Gott, der sie zur Erkenntnis des Evangeliums berufen und bis an ihr Ende dabei erhalten, und gesegnet mit vielen Thränen und befahl ihre Seele dem Sohne Gottes zur treuen Hand. Am siebenten Tage ihres Lagers, es war am 23. Februar 1555, nahm die Hitze sehr überhand, sie fühlte besonders ihren Kopf sehr schwach, da sprach sie: „Ach Gott! wie geschicht mir! Wollte ich doch auch gerne sanft und stille einschlafen: Lieber HErr Jesu! tröste mich mit Deinem Geist, und erhalte mich an Deinem Wort, und nimm mich in einem seligen Stündchen auf, wie Du St. Stephans Geist aufnahmst.“ Jetzt lag sie noch etliche Stunden ganz stille und erlosch wie ein Licht. Mathesius war tief betrübt über ihren Tod. Der Schmerz währte fort bis zu seinem Ende, es blieb immer eine blutende Wunde, und er konnte sich nicht mehr entschließen, aus seinem Witwenstand herauszutreten, und noch einmal die Ehe zu erwählen. Seine ganze Liebe richtete sich jetzt auf die sieben theuren Kinder, die ihm Sibylle hinterlassen und so herzlich empfohlen hatte. Ihnen widmete er seine ganze Sorgfalt, und ließ es sich aufs treulichste angelegen sein, sie nach dem Sinne der Entschlafenen auf christliche Weise zu erziehen.

Flavia Domitilla

Der heidnische Kaiser Domitianus hat durch seine entsetzliche Grausamkeit gegen die Christen aller Orten einen bösen Namen auf Erden zurückgelassen. Gegen ihn war Kaiser Nero, so schreibt ein Heide, wie ein Mädchen, das die Harfe spielt: ein andrer heidnischer Schriftsteller seiner Zeit nennt ihn das allergreulichste Thier, womit wir Christen noch heut zu Tage an das Thier, das aus dem Meere aufsteigt, und an das andere Thier, das von der Erde aufsteigt, unwillkürlich erinnert werden, wie davon St. Johannes im 13. Capitel der Offenbarung schreibt. Domitianus nannte sich nicht anders als Herr und Gott: je mehr er sich in seinen blutdürstig despotischen Eigenwillen verstrickte, desto hartnäckiger behauptete er seine Gottheit. Ein Kaiser von Gott verordnet zu sein, war ihm zu gering, er wollte als Gott selbst verehrt werden. Darum ließ er auch sein Bildnis überall in goldenen und silbernen Bildsäulen zur Anbetung aufrichten. Auch davon finden wir die Vorzeichen in der Offenbarung Johannis 13, 12. 15. Die meisten Unterthanen fügten sich dem kaiserlichen Gebote, und beteten das Thier an, um nicht getödtet zu werden, wie ebenfalls geschrieben steht. Aber die Christen, die wirklich Christen waren, konnten dem Kaiser nur geben, was des Kaisers ist: sie mußten Gott mehr gehorchen als den Menschen. Die nun standhaft blieben und dem Kaiser die Anbetung verweigerten, welche Gott allein gebührt, wurden theils gefangen genommen und auf wüste Inseln ausgesetzt, theils ertödtet. Damit sind wir wieder an das Wort erinnert, welches Johannes hörte und niederschrieb Offenb. 13, 10: „So Jemand in das Gefängnis wegführet, der wird in das Gefängnis gehen; so Jemand mit dem Schwerdte tödtet, der muß mit dem Schwerdte getödtet werden.“ Das ist dem Verfolger gesagt und zu allererst an dem Domitianus im J. 96 der christlichen Zeitrechnung wirklich in Erfüllung gegangen. Aber den verfolgten Christen ist gesagt: „Hie ist Geduld und Glaube der Heiligen.“

Ehe indessen Domitianus zu seinem Ende kam, hat er noch fürchterlich gewüthet. Alle, die ihn als Gott nicht anbeteten, wurden der Gottlosigkeit beschuldigt und auf diese Anklage verdammt. So verkehrt war der Welt-Sinn, daß die Christen, welche von der Gnade Gottes in Christo zeugten, von den Heiden, die ohne Gott waren, der Gottlosigkeit, der Gottesläugnung beschuldigt wurden. Abgötterei galt für Frömmigkeit, Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit für Gottesverläugnung.

Selbst seinen Schwestersohn, den Consul Flavius Clemens ließ Domitianus hinrichten um des christlichen Zeugnisses willen, welches als sträfliche Gleichgültigkeit gegen die Staatswürde ausgelegt ward. Auch die Frau des Consuls Flavia Domitilla wurde auf die Insel Pandateira verbannt: sie war ebenfalls eine Blutsverwandte des Kaisers. Wir wissen nicht, was weiter aus ihr geworden: aber der Herr weiß es. Wir erinnern nur daran, daß auch den Apostel und Evangelisten Johannes – entweder gleichzeitig, oder schon früher dieselbe Strafe getroffen hatte, als er auf die Insel Pathmos verbannt wurde, und zwar, wie er selbst schreibt (Off. 1, 9), „um des Wortes willen, und des Zeugnisses Jesu Christi.“ Aber das Elend wurde ihm reichlich vergolten durch die göttlichen Offenbarungen, deren er daselbst gewürdigt worden ist, an welchen wir nicht auslernen, an welche wir auch durch diese wenigen Mittheilungen erinnert worden sind. Den Apostel Johannes war übrigens noch hienieden die Freiheit und die Rückkehr beschieden.

Unter der grausamen Regierung des Kaisers Domitianus begegnet uns auch die Jungfrau Flavia Domitilla, die Nichte des Consul Flavius Clemens. Auch sie wurde um das Jahr 95 verbannt, und zwar weil sie eine Christin war, und Christum, ihren Herrn, nicht verläugnen wollte. Spuren ihrer Hütte in Pontus sollen noch lange hernach entdeckt und besucht worden sein. Es wird berichtet, daß sie später, und zwar im J. 102, von Pontus nach Terracina geschleppt, und daselbst, nachdem sie abermals den Namen des Herrn Jesu Christi standhaft und festiglich bekannt, mit ihren beiden Schwestern Euphrosyne und Theodora öffentlich verbrannt worden sei. Aber das ist nur eine unzuverlässige Sage, woran sich noch viele andere Zusätze angeschlossen haben: denn die Menschen können es nicht lassen, was Gott weislich verborgen hat, schon hienieden voreilig aufzuklären, was der schweigenden Stille befohlen ist, zu verlautbaren, und was von der Geschichte nur schlicht und einfach, kurz und enthaltsam erzählt wird, durch die Legende weiter auszuschmücken. Es geschieht oft aus guter Meinung und lebendiger Theilnahme, aber in Unverstand und Ungeduld.

Domitilla’s Geschichte ist besonders dadurch lehrreich und beredt, daß sie uns so gar wenig von ihr sagt. Sie bekannte, und ward verbannt: das ist alles was wir wissen: und solches geschah wo nicht zur Zeit der Offenbarung St. Johannis, doch einige Zeit hernach, noch vor dem Ende des ersten christlichen Jahrhunderts. – Domitilla die Jungfrau (20. April) gehört wie Domitilla die Frau (7. Mai) recht eigentlich zu den vielen Verborgenen, welche von der Geschichte eben nur genannt, oder auch nicht einmal genannt werden, aber in dem Buche des Lebens angeschrieben stehen, das einst wird aufgethan werden: durch sie sind wir an alle Verborgene aller Zeiten, an alle Stillen im Lande erinnert zur Mahnung. Johannes (Off. 14, 1-4) sah solcher Seelen vor dem Stuhle des Lammes hundert vier und vierzig Tausend, die den Namen Gottes des Vaters an ihrer Stirn geschrieben hatten, und ein neues Lied sangen, wie zu Harfentönen. Diese sind es, die unbefleckt und jungfräulichen Sinnes sind und folgen dem Lamm nach, wo es hingebet. Hier ist Geduld der Heiligen: hier sind, die da halten die Gebote Gottes und den Glauben an Jesum. – Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Ja der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit, denn ihre Werke folgen ihnen nach.

  1. F. Göschel in Berlin.

Fridolin

Durch Christen im römischen Kriegsheer war das Bekenntnis von dem Gekreuzigten frühzeitig zu unsern deutschen Vorfahren gekommen, zur Zeit der christlichen römischen Kaiser waren im südwestlichen Deutschland einzelne christliche Gemeinden gegründet worden: Bregenz, Arbon, Konstanz, Chur, Augst und andre. Darauf brachen die heidnischen Alemannen, die ihre Gottheiten in den heiligen Hainen verehrten und Pferde und Kinder als Opfer schlachteten, erobernd ein, und besaßen die Lande am Oberrhein seit der Mitte des vierten Jahrhunderts. Als seit der Schlacht bei Zülpich 496 der König der Franken, Chlodwig, die nördlichen Alemannen bezwungen und das Christenthum angenommen hatte, und zwar nach der rechtgläubigen, nicht nach der arianischen Lehre, war er nach Ermordung aller seiner Verwandten Alleinherr der fränkischen Völker und Schirmherr der christlichen Kirche im Abendland bis zu seinem Tode im Jahre 511 nach Christo.

Das Christenthum aber kann und soll nicht durch Ansehen und Gewalt der Hohen dieser Welt, nicht durch Unterdrückung und Blutvergießen ausgebreitet werden, auch genügt hiefür nicht der Lehre Richtigkeit. Dazu ist eine andere Kraft nöthig, die Kraft eines göttlichen Lebens, das in Liebe und Leiden Gott und den Menschen geopfert ist. So war es eine Fügung Gottes, daß, um bei den Völkern des südlichen Deutschlands dem Christenthum den rechten innern Grund zu verschaffen, eine Reihe lebendiger, durch den Wandel der Liebe predigender und zu Leiden bereitwilliger in diese Lande kamen, die Missionare aus Irland. Hier war seit dem zweiten Jahrhundert das Christenthum einheimisch, zahlreiche Schulen und Klöster gegründet mit Ordnung des Lebens und Eifer der Wissenschaft, von hier zogen die Männer voll Weisheit und Liebe über das Meer nach Deutschland, um den Heiden das Evangelium zu predigen und den Grund des Glaubens zu legen, aber auch den Christen das Bild einer wahren Nachfolge Jesu und eines Lebens in ihm und für ihn darzustellen.

Der erste unter diesen irischen Missionaren, den man kennt, war Fridolin, der Alemannen-Apostel, der Stifter von Säckingen. Ein Angehöriger dieses Klosters, Balther, hat zu Ende des zehnten Jahrhunderts sein Leben geschildert. Fridolinus, auch Fritoldus genannt, war aus Niederschottland oder Hibernia (Irland), von einem vornehmen Geschlechte, wollte sich aber seines leiblichen Adels nicht erheben, sondern freute sich mehr des hohen Geschlechtes, von dem unser Herr Christus spricht im Evangelium: wer meines Vaters Willen thut, der ist mein Bruder, Schwester und Mutter. Darum gebrauchte er seinen Reichthum an weltlichem Gut so, daß er sich gegen Arme und Reiche als einen fröhlichen Geber bewies, um dadurch die Leute für den Herrn zu gewinnen. Von Jugend auf bemühte er sich um Kunst und Weisheit, aber die Streitweisheit der Schulgelehrten behagte ihm nicht, auch wollte er nicht den heidnischen Weltweisen, sondern der göttlichen Weisheit seine Bildung verdanken. Sein vom Irdischen zum Himmlischen gerichtetes Gemüth trieb ihn zum geistlichen Stande. Er wollte ein emsiger Diener Gottes sein. In fast allen Städten seines Vaterlandes zog er umher, um die Christen im Glauben zu stärken und heidnisches Wesen zu vertreiben. Und das that er nicht aus Anmaßung, sondern mit Willen der Bischöfe und auf des Volkes Begehren, um als ein getreuer Knecht das von Gott verliehene Pfund zwiefältig wiederzugeben. So galt er im ganzen Lande als hochgeachteter Priester, die Freigebigkeit, womit er sein Gut an Verwandte, Freunde und Arme austheilte, erwarb ihm allenthalben Ruhm.

Da erfaßte ihn der Drang, um Gottes Willen Freunde, Verwandte und das liebe Vaterland, die Stätte eines für die Seele gefährlichen Ruhmes zu verlassen, und wie einst Abraham auszuziehen auf Gottes Befehl. Er wußte nicht, in welche Theile der Welt Gott seinen Lauf richten würde. Große Trauer erhob sich bei Geistlichen und Laien, daß man seine Wohlthaten, seine Lehre, seinen Rath, sein heiliges Vorbild verlieren solle. Auch ihm war es schmerzlich, aber er blieb standhaft. Bis an’s Meeresufer begleiteten ihn die Freunde, noch hoffend auf Aenderung seines Sinnes. Aber des Morgens gab er ihnen seinen Segen, und sie mußten ihn scheiden sehen über das Meer. Das mag am Anfang des sechsten Jahrhunderts gewesen sein, in den Tagen König Chlodwig des ersten, des Frankenkönigs. In Gallien, wohin er gekommen war, erfuhr er von dem Manne, in dessen Haus er am ersten Tage ausruhete, daß etliche Leute des Landes den Gott des Himmels und Jesum Christum verehren, andere noch Heiden seien. Da begann Fridolin, frei von Menschenfurcht, in göttlicher Liebe den Samen der christlichen Lehre auszustreuen bei Deutschen und Welschen, und durchzog ganz Frankreich, bis er zu der Stadt Pictavium kam, die heut zu Tage Poitiers heißt, wo er längere Zeit blieb und durch seine lieblichen Predigten die Herzen gewann. Hier war das Heiligthum Sanct Hilarius des Bischofs, des eifrigen Kämpfers gegen die Irrlehre und treuen Hirten, den Fridolin hoch verehrte. Aber das Kloster lag fast in Trümmern, die irdischen Ueberreste des Bekenners vergessen unter verfallenen Mauern. Dem sehnlichen Wunsche Fridolins, die Gebeine des Heiligen aufzufinden, und sein Heiligthum und den Gottesdienst wiederherzustellen, wurde in einem Gesichte Gewährung verheißen. Fridolin offenbarte das seinen Brüdern und dem Bischofe der Stadt, ohne dessen Erlaubnis er nichts thun wollte. In Begleitung der ganzen Geistlichkeit zog der Bischof mit ihm an die Stätte, wo Hilarius Gebeine ruheten. Da wurde er von Allen zum Abte des Klosters erwählt mit Vollmacht zu Ausführung seines Werkes. Lange weigerte er sich, endlich ersuchte er den Bischof, mit ihm zum Könige zu gehen, um dessen Hülfe zu erbitten. Sie zogen hin, der Bischof zu Rosse, der Abt zu Fuß. Der König Chlodwig, der seit 507, wo er die Westgothen überwunden, Herr über Poitiers war, empfing sie ehrenvoll, behielt sie zur Mahlzeit, und genehmigte nicht nur das Vorhaben, sondern versprach auch Silber und Gold und Edelgesteine zum Bau des Heiligthums. Der Bau wurde rasch vollbracht, Hilarius Leichnam darin niedergelegt, und Fridolin nahm ein Stücklein davon, um es auf ferneren Pilgerfahrten mitzutragen. In dieser Zeit, als eben aus Northumberland über’s Meer zwei Priester gekommen waren, ihren Vetter Fridolin aufzusuchen, erschien ihm Hilarius zum zweitenmale, und ermahnte ihn jetzt, da seine Vettern an diesem Orte den Gottesdienst besorgen könnten, nach seinem frühern Vorhaben weiter zu ziehen, bis zu einer im Rheine gelegenen Insel in Alemannien. Der Bischof, der eben auf Fridolins Gebet von einem todähnlichen Lähmungsanfalle hergestellt worden, vernahm wie die Einwohner der Stadt mit großen Leidwesen von seiner Abreise. Aber er ließ sich nicht zurückhalten und trat mit einigen Genossen seine Pilgerfahrt an. Zuerst ging er zum Könige, und erhielt von diesem Erlaubnis, auf der noch unbekannten alemannischen Insel zu räumen, zu reuten und zu bauen was nöthig wäre.

Auf seiner Wanderung, die eine Reihe von Jahren dauerte, suchte der unermüdliche Mann allenthalben eingegangene Gotteshäuser wiederherzustellen und neue zu gründen. So baute er zuerst an der Roßel ein Kloster zu Ehren des heiligen Hilarius, das hieß Helera (St. Avoll), darauf in einem Thale über dem vogesischen Gebirge, und endlich in Straßburg. Von hier nahm er seinen Weg an dem Juragebirge hinauf und kam in das Land Rhätien (Graubünden) zu dem Bischof von Chur. Auch in dieser Stadt bauete er St. Hilarius eine Kirche. Zugleich erkundigte er sich bei den Leuten, ob sie keine vom Rhein umflossene unbewohnte Insel wußten. Auf ihren unsichern Bericht hin kam er endlich nach langem Irren bei dem ehemals römischen Orte Sanctio an den Rhein. Hier fand er eine Insel, die zur Ansiedelung geeignet schien, und forschte auf derselben nach einem geeigneten Ort zum Kirchenbau. Die argwöhnischen Umsassen kamen zornig herbei, tobten und schalten, und trieben ihn mit Peitschenhieben davon. Da er kein Ende dieser Feindseligkeit absah, ging er wieder nach Frankreich, wo inzwischen nach König Theuderichs Tod Chlodwigs Enkel Theudebert 536 den Thron seines Großvaters bestiegen hatte, derselbe König, durch welchen das Herzogthum Alemannien völlig mit dem fränkischen Reich vereinigt worden. Der schenkte Fridolin den Platz als Eigenthum, gab ihm eine Urkunde darüber mit seiner Hand besiegelt und schickte auch ein schützendes Geleite mit. Wer künftig Fridolin wollte den Platz streitig machen, dem sollte das Haupt abgeschlagen werden. Nun konnte Fridolin sicher das Eiland betreten nach der langen Wanderung, und erhielt in seinem Innern die Gewißheit, daß er hier bleiben solle. Da ging er mit seinen Jüngern aus, um eine Herberge zu suchen. Er fand sie in dem Hause eines angesehenen Mannes Namens Wacherus, dessen Frau anfangs den Pilgrimen viel Unfreundlichkeit bewies, endlich aber von dem Gatten, welcher gleich Zutrauen zu dem heiligen Fremdling gefaßt, besänftigt wurde. Fridolin taufte ihr neugebornes Töchterlein, übernahm die Pathenstelle und erzog das Mägdlein in der Lehre der heiligen Schrift. Sie soll später die erste Nonne in dem von Fridolin gestifteten Frauenkloster gewesen sein. Ihre Eltern leisteten von nun an Fridolin große Hülfe, während er auf seiner Insel arbeitete, sie zu ebnen und von Gestrüpp zu reinigen. Aber noch einmal regte sich die Feindschaft seiner Widersacher, die ihn durchaus vertreiben wollten. Es wurde ein Gerichtstag zur Besprechung der Sache an Ort und Stelle festgesetzt. Am Abend vorher ging Fridolin auf die Insel und legte mit Hülfe eines Freundes etliche Tannenbäume ins Wasser mit inbrünstiger Bitte zu Gott, er möge den Lauf des Wassers wenden gegen seine Feinde. Da soll er am Morgen, als er aus seiner Zelle trat, seine Bitte erhört gesehen haben. Der Fluß hatte sich auf das andere (schweizerische) Ufer gewendet, das vorher trocken war. Die Feinde waren beschämt und gewonnen.

Da stiftete Fridolin eine Kirche zu St. Hilarius Ehre und ein Frauenkloster, später auch eines für Mönche. Begabt wurde das Kloster Säckingen besonders von zwei Edlen in Glarus, Urso und Landulf. Sie schenkten ihm das Thal, dessen Namen Glaris vermuthlich von der Sankt Hilarius-Kirche sich her schreibt. Das Siegel der Kirche zu Säckingen stellt den Heiligen vor, wie er ein Gerippe an der Hand führt. Eine spätere Sage meldet, der eine Bruder Landulf habe die Schenkung bestritten, und das Gericht Fridolin auferlegt, den inzwischen verstorbenen Geschenkgeber Urso herbeizubringen, worauf er diesen aus dem Grab erweckt und hingeführt habe. Noch andere Wunder werden von ihm erzählt. Er starb, selig in Gott, wie er gelebt, am 6. März. Sein Todesjahr wird von Einigen um 550, von Andern weit früher gesetzt.

Der Sinn Fridolins war einfach, Glauben an den Herrn, Liebe üben, Christi Namen predigen, das war sein Streben. Darin bewies er großen Eifer, dafür erduldete er Entbehrungen, Mühseligkeiten und Gefahren. Von seiner Freundlichkeit und kindlichen Milde wird ein schöner Zug erzählt. Er hatte unter seinen Jüngern einen von besonders wildem und rauhem Wesen. Wenn nun zuweilen Knaben ihrer Gewohnheit nach auf die Obstbäume im Klostergarten stiegen und Fridolin dazu kam, so wartete er und ließ sie auf seinem Rücken hinabsteigen. Dann aber rief er: fliehet, damit nicht Jener kommt, der euch ohne Barmherzigkeit strafen wird.

Fridolins Stiftung, das Kloster Säckingen, wurde ein Ort der Predigt göttlicher Wahrheit und des Gebetes für die Umgegend, eine Stätte der Liebeserweisungen an Armen und Kranken zum Vorbild wahres Christenthums, ein Ort christlicher Bildung für die Mönche, eine Pflanzschule christlicher Hirten für alle jene Gegenden am Rhein und Schwarzwald. Die Stadt Säckingen hat kein Kloster mehr, aber manche Kirchen jener Lande tragen noch den Namen wie St. Hilarius so auch Fridolins, und auch die evangelische Kirche, wenn sie der Gründung des Christenthums in deutschen Landen gedenkt, bewahrt im Segen das Gedächtnis des Apostels der Alemannen.

Ernst Friedrich Fink in Illenau in Baden.

Frumentius

Schon lange lag ein duftiger Kranz schöner Christengemeinden um die Gestade des mittelländischen Meeres, aus dem als die reichsten Blumen Jerusalem und Caesarea, Antiochien und Ephesus, Corinth und Thessaloniki, Alexandrien, Cyrene, Carthago und Rom hervorglänzten, während noch dahinten in den Barbarenländern das rohere Heidenthum unbeschränkte Herrschaft übte. –

Allmählich aber, besonders seit unter Constantin dem Großen das Christenthum die Religion der Herrscher war, drangen die Samenkörner der Wahrheit auch in die ferngelegenen Länder. Das Heidenthum selbst, welches damals die vertrocknenden Quellen seiner Weisheit gerne in den fernen Regionen des Ostens auffrischte, half dazu mit. So reiste ein Philosoph Namens Metrodorus nach Persien und den angränzenden Ländern; es bleibt ungewiß, ob er Indien oder Arabien besuchte. Wahrscheinlich das erstere, denn von seinen Merkwürdigkeiten, die er aus dem fernsten Lande seiner Wanderung mitbrachte, nahm ihm der Perserkönig das Beste weg, daß er nur den Rest dem Kaiser Constantin zu Füßen legen konnte.

Einen größern Gewinn trug seine Reise dadurch, daß ein anderer Gelehrter Namens Meropius aus der alten Seehandelsstadt Tyrus, durch die Reisebeschreibung des Metrobor veranlaßt wurde, dieselben Forschungswege zu betreten. Er war ein Christ und hatte wohl noch andre Gedanken bei seiner Reise, als bloß, die Weisheit der fernen Heiden zu erforschen. Mit ihm reisten seine beiden jungen Neffen Frumentius und Aedesius, die ihm zur Erziehung übergeben waren. Seine Reise ging gut von Statten und er kam glücklich wieder in die der Heimath nahen Gewässer des rothen Meeres zurück, wo dem Christen so manche heilige Erinnerungen geweckt werden. Ehe er aber das ernste Antlitz des Sinai sehen durfte, berief ihn der Herr in das ewige Heiligthum des Himmels. In einem Hafen des rothen Meeres, südlich von Aegypten und Nubien, also an der Küste des hohen Berglandes Abessinien, welches damals mit allen Ländern umher zusammen Aethiopien oder auch manchmal Indien hieß, wollten die Seefahrer noch einmal frisches Wasser und Lebensmittel einnehmen. Es war aber gerade, was die Reisenden nicht wußten, Krieg zwischen dem römischen Kaiserreiche oder vielmehr seinem Statthalter in diesen Regionen und den angränzenden Barbaren. Die rohen Feinde bemächtigten sich des Schiffes und mordeten ohne Erbarmen die ganze Mannschaft. Nur die beiden Knaben entgingen diesem Lose, weil sie während des Ueberfalles ruhten unter einem Baume am Ufer Taxen, ohne zu ahnen, was inzwischen in ihrer Nähe geschehen war. Bald kam die wilde Horde auch zu ihnen. Aber ob Gedanken des Erwerbes durch die schönen Jünglinge, oder eine Rührung des Erbarmens sie ergriffen? – sie wagten nicht die Hände an sie zu legen und beschlossen, sie ihrem Oberherrn, dem Könige von Aguma (in Tigre, dem nördlichen Abessinien) als Sclaven zu schenken. Auch diesem barbarischen Monarchen gefielen die muntern, geistig regen Knaben und er behielt sie bei sich und ließ sie in Sprache und Sitten des Landes bilden, machte nachher Frumentius, den älteren, zu seinem Haushofmeister, den jüngern zu seinem Mundschenken. In ihren Herzen loderte aber unüberwindlich die heilige Flamme des Glaubens und diese war jetzt durch sie in das Herz eines Heidenlandes getragen.

Nur Gott ist bekannt, durch welche Prüfungen und Kämpfe diese frommen Zeugen Jesu Christi schon in blühender Jugend sich hindurch arbeiteten, welchen Versuchungen sie widerstanden und welche Kräfte des ewigen Lebens im Stillen von ihnen ausgingen. Es scheint wenigstens ihr Glaube und Bekenntnis auf ihren heidnischen Herrn keinen widrigen Eindruck gemacht zu haben. Denn ehe er starb, sprach er sie von der Sclaverei los, aber mit der Bitte, an seinem Hofe zu bleiben. Sie sagten dies zu und die verwitwete Königin übertrug ihnen die Leitung der ihr während der Minderjährigkeit ihres Sohnes anvertrauten Regierung. Jetzt war die Zeit zum offenen Wirken für den Herrn gekommen. Frumentius, der die Zügel der Leitung hatte, sah sich nach christlichen Ansiedlern um. Er fand manche christliche Kaufleute aus Aegypten, die sich in den Hafenplätzen am rothen Meere aufhielten, und veranlaßte sie zu bleibender Ansiedlung und zur Einrichtung regelmäßiger gottesdienstlicher Versammlungen. Er gewährte zugleich den Christen bedeutende Erleichterungen im Handel und es gelang ihm in Kurzem, eine zwar kleine, aber innerlich kräftige Christengemeinde den abessinischen Heiden als lebendiges Muster vor Augen zu stellen. Sie wirkte nach der Verheißung des Herrn, und eine Anzahl von Heiden bekehrte sich zu dem lebendigen Gott und glaubte an Jesum Christum.

Das Senfkorn war im Wachsen, als der junge König Aizanbolla jährig ward und Frumentius ihm zugleich die Zügel der Herrschaft in die Hände geben und ihn um Erlaubnis zur Rückkehr in die Heimath seiner Jugend bitten konnte. Sie ward ungern gegeben, weil Frumentius vom Könige und seiner Mutter sehr geliebt und geehrt war. Sie baten ihn zu bleiben, weil ein solcher Rathgeber ihnen unschätzbar schien. Zur Freude der Christen in der Heimath kamen die Brüder wieder zurück und Aedesius ließ sich in Tyrus zum Priester weihen, während Frumentius, sein abessinisches Christenhäuflein auf dem Herzen, zu dem großen Patriarchen von Alexandria, dem frommen Athanasius, eilte, dem er den ganzen Verlauf seiner Geschichte erzählte und in ihn drang, einen Bischof und einen Priester nach Abessinien zu senden, um die kleine Herde zu weiden. Athanasius berief eine Synode und diese erklärte den Frumentius selbst als das beste Werkzeug des Herrn für diese Aufgabe. Er übernahm sie, wurde zum Bischofe von Aethiopien geweiht, eilte im Jahr 356 mit freudigem Herzen nach Aruma zurück, wo er das Feld reif zur Erndte fand. In rascher Folge wurden Scharen der Aethiopier zu Christo bekehrt, viele Kirchen gebaut und der König selbst mit seinem Bruder und Mitregenten Sazan getauft. Die spätern Jahre des Frumentius wurden durch die Kämpfe gestört, welche die falsche Lehre des Arius hervorrief, der auch der Kaiser Constantius huldigte. Athanasius wurde verbannt, Frumentius sollte, so verlangte es der Kaiser, von den abessinischen Herrschern an den neuen Patriarchen zu Alexandria ausgeliefert werden. Allein diese Fürsten waren sicher genug vor dem römischen Kaiser, um diesem Befehl keine Folge zu leisten. Die Arbeit des Frumentius blieb eine gesegnete und bei seinem späten Ende konnte er den größesten Theil Abessiniens vom Lichte des Evangeliums überstrahlt unter der Obhut anderer treuer Hirten überlassen und zu seines Herrn Freude eingeben. Ob von Frumentius einen Theil der äthiopischen Bibelübersetzung geliefert hat, wie es sehr wahrscheinlich ist, oder ob er sie bloß durch Andere veranlaßte, steht dahin. Seit dem 4ten Jahrhundert aber besaß die abessinische Kirche, was sie mitten in den heftigen Erschütterungen der Kirche im Morgenlande als ein Licht in der heidnischen Nacht brennend erhielt, das Wort Gottes in der Landessprache. Ihr Fortbestand bleibt ein besseres Ehrengedächtnis des Glaubenshelden Frumentius, als die Wunder, die er gethan haben soll, und deren man im Lande noch rühmend gedenkt.

Wilh. Hoffmann in Berlin.