Florianus

Der römische Kaiser Gallienus hatte im Jahr 260 den Christen im Reiche freie Ausübung ihres Gottesdienstes gewährt und somit das Christenthum als religiöse Corporation anerkannt. Es folgte eine lange Zeit der Ruhe. Die Verfolgung erneuerte sich erst unter Diocletianus. Dieser Kaiser trug das Ideal eines starken von den alten Volksgöttern geschirmten Kaiserthums in sich und gedachte es zu verwirklichen. Er begann im Jahr 295 mit einer Säuberung des Heeres und Hofes, als ausreichendem Schutzmittel gegen die Macht des Christenthums. Die Verfolgung dehnte sich weiter aus, nachdem die Zerstörung der prächtigen Kirche in Nicomedia vollzogen worden: 23. Februar 303. Es erschienen im Laufe der Jahrs drei kaiserliche Edicte in immer steigender Strenge. Das erste verordnete, alle Kirchen der Christen sollten niedergerissen, die heiligen Bücher derselben verbrannt, die Christen selbst aller bürgerlichen Rechte und Würden beraubt werden; das zweite gebot die Gefangennahme aller Bischöfe; das dritte befahl, daß die Eingekerkerten durch die Folter zum Opfern gezwungen würden. Endlich kam im Jahr 304 ein viertes Edict, zufolge dessen alle Christen ohne Unterschied auf jede Weise zum Götterdienst genöthigt werden sollten. Nun begann eine furchtbare Verfolgung fast im ganzen Reiche: der letzte Kampf zwischen Heidenthum und Christenthum. Diese Zeit war reich an Märtyrern. Und gewiß trieb die Mehrzahl nicht blinde Schwärmerei; die Begeisterung für Christus, die Ueberzeugung von der Wahrheit und Göttlichkeit seiner Sache, machte sie todesmuthig. Sie legten durch entschiedenes Bekennen Zeugniß von Christus ab, selbst wenn es der irdischen Güter höchstes galt; deshalb hießen sie in der kirchlichen Sprache Märtyrer, mit Rücksicht auf ein Wort des Herrn (Ev. Matth. 10,18).

In der römischen Provinz Noricum war das eben so von Osten wie auch von Italien (über Aquileja) hierhergelangte Christenthum damals ziemlich verbreitet; seine Bekenner hatten in den Tagen der Diocletian’schen Verfolgung schwer zu leiden. Davon zeugt die Geschichte des Florianus. Dieser war ein Officier im römischen Heere. Als er vernahm, daß der Statthalter Aquilinus, welcher den Christen dem kaiserlichen Befehle gemäß auf’s Eifrigste nachspürte, zu Laureacum (Lord) in Oberösterreich, bei Enns am gleichnamigen Flusse) vierzig Christen um ihres Glaubens willen in den Kerker geworfen habe und durch mancherlei Martern zum Abfall vom Christenthum zu bringen suche, eilte er aus seinem Standort – welcher dieser gewesen, wird in den ältesten Akten nicht berichtet – dahin, um sie durch sein Beispiel zu stärken. Er stellte sich dem Statthalter als Christen vor. Dieser suchte ihn erst durch freundliche Worte, dann durch die Folter zur Theilnahme am Rauchopfer zu bewegen. Florianus, ein ächter Streiter Christi, blieb standhaft in seinem Bekenntnisse. Dafür wurde er, vermuthlich im Jahr 304, nach den Martyrologien am 4. Mai, mit einem schweren Stein am Halse von der dortigen Brücke in die Enns gestürzt. Einen jungen Soldaten, der sich bei dieser That besonders eifrig zeigte, traf sofort Blindheit als Strafe. Der vom Strom ausgespülte Leichnam ward von einem Adler mit ausgebreiteten Flügeln beschützt, bis eine Matrone in Folge einer Vision ihn begrub: angeblich, an dem Orte, wo jetzt das stattliche Augustiner-Chorherrnstift St. Florian (in der Nähe des gleichnamigen Marktfleckens) liegt. Nachmals sollen Florian’s Gebeine nach Rom und im Jahr 1183 auf Ansuchen des polnischen Großfürsten Kasimir II. nach Atrakau gekommen sein. Seitdem gilt Florianus als ritterlicher Schutzpatron Polens. Er wird auch als Helfer gegen Feuersgefahr angerufen. Abgebildet erscheint er gewöhnlich als Kriegsmann und ein Gefäß Wasser über Flammen ausgießend. Bis Schwaben und weiterhin finden sich ihm geweihete Stätten.

Matthäus Zell

Matthäus Zell

MATTHAEUS ZELL, der erste evangelische Pfarrer in Strassburg. Nach seinem Leben geschildert aus gedruckten und ungedruckten Quellen

von TIMOTHEUS WILHELM RÖHRICH,

Pfarrer zu St. Wilhelm in Strassburg.

Wissenschaft und praktisches Leben im geistlichen Stande, wie oft sie auch im Einzelnen an einander stoßen und an einander sich reiben und gegen einander auftreten mögen, stehen in engem Bunde, wenn der Geist sie einigt und heiligt. Die Wissenschaft geht in die Tiefe und in die Höhe, das praktische Leben geht in die Weile hinaus und sucht Seelen zu gewinnen für das Reich Gottes. Derselbe Herr ist es, der spricht: „Forschet in den Schriften“1) und „Gehet bin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Creatur.“ Das Lehramt auf dem Katheder, wie das Lehramt auf der Kanzel ist beides vom Herrn gestiftet und beiden gleicher Segen verheissen. Wenigen aber nur ist es verliehen, beide Wirkungskreise mit einander zu verbinden; denn für jede einzelne dieser Berufsarten ist die Verantwortung groß und jede fordert ein ganzes Menschenleben, auf dass auch nur einigermaßen das Ziel erreicht werde.

In der hier folgenden Arbeit gedenken wir das öffentliche und häusliche Leben eines Mannes darzustellen, der die eine Hälfte seines Wirkens im akademischen Lehramte zubrachte und dann die letzte Hälfte desselben dem Pfarramte widmete. Matthäus Zell war der erste evangelische Pfarrer in der Stadt Strassburg und schuf sich einen gesegneten Wirkungskreis; durch seinen Charakter und seine Persönlichkeit, durch die ganze Art seines Seyns mehr noch als durch sein Wissen, ward er der Mann des Volks, das ihm bis an seinen Tod mit Verehrung und Liebe anhing; er war einer der ersten Geistlichen, welche in Strassburg und der Rheingegend überhaupt heiratheten. In bedrängnissvoller Zeit bat er seinen erleuchteten Christensinn und Glaubensmuth bewiesen durch Schrift und That und in späteren Verwickelungen hat er sein liebendes Herz bethätigt.

Möchte es Jemanden befremden, dass in Beiträgen zu den theologischen Wissenschaften ein praktischer Geistlicher, ein Pfarrer, aufgeführt werde, so bedenke man, dass ja die praktische Theologie auch in den Kreis der theologischen Disciplinen gehöre und dann, dass den zahlreichen Freunden der Reformationsgeschichte jedes, wenn auch noch so bescheidene Bild aus jener welthistorischen Regenerationsepoche willkommen sey, wenn es nämlich naturwüchsig ist, d. h. wenn die Farben zu dem Bilde aus den Quellen entnommen sind.

Matthäus2) Zell wurde von, wie es scheint, nicht unbemittelten Eltern, im August 14773) in Kaisersberg, einer kleinen, damals meist von Rebleuten bewohnten, Reichstadt des Oberelsasses geboren. Nicht geringe Sorgfalt verwandten die Eltern auf seine Erziehung. Wo er seinen ersten Unterricht empfangen, ob etwa in der von seinem Geburtsort nicht weit entfernten, damals sehr berühmten Schule des Ludwig Dringenberg in Schlettstadt, ist nicht bekannt. Wir treffen ihn zuerst zu Mainz auf der Schule, wie er selber erzählt4). Aus dieser frühen Entwickelungsperiode Zell’s ist uns ein ermuthigendes Wort aufbewahrt5), welches der berühmte Hohenstiftsprediger zu Strassburg, Johannes Geiler von Kaisersberg, an den Knaben richtete, der vielleicht durch Verwandtschaft, vielleicht durch bloße Bekanntschaft mit dem hochgefeierten Landsmanne in Berührung gekommen war.

Auf der Universität zu Erfurt6) setzte Zell seine Studien fort und bewahrte sich unbescholtene Sitten. Wolfgang Capito, einer seiner Universitätsgenossen und nachmaliger Amtsbruder, bezeugt aus dieser Zeit von Zell: „Ich hab ihn als meinen Schulgesellen lange Jahr erkannt und allwegen uffrecht und redlich befunden. Aber ich hält mich nit bald bereden lassen, dass er wäre eines solchen Wissens, Verstands, Ueberlegung und Geists, auch Erfahrung in den Geschäften, wo er solches selber nicht genugsam und überflüssig bewiesen und dargethan hätte“7). – Der Drang, seine Kenntnisse nicht bloß durch die Bücher zu mehren, trieb ihn auf Reisen. Er durchwanderte einen beträchtlichen Theil Deutschlands und Italiens. Zur Zeit des Schwabenkriegs nahm Zell sogar Kriegsdienste, ob gezwungen oder freiwillig, wird nicht gemeldet, im kaiserlichen Heer und blieb längere Zeit zu Waldshut im badischen Oberlande in Besatzung8).

Als fahrender Schüler mag so Zell einen Theil seiner Jugend, nach der damals fast allgemeinen Sitte der Studierenden, zugebracht haben. Aber der Ernst des Lebens regte in ihm mit erneuter Gewalt das Bedürfniß nach höherem geistigem Leben ab. Zell bezog die Universität Freiburg im Breisgau. Hier erwarb er sich am 18ten Januar 15059) in Gemeinschaft mit dem edlen Jakob Sturm von Sturmeck, dem nachmaligen hochberühmten Stättmeister der Stadt Strassburg, den damals noch seltenen Ehrentitel eines Magister philosophiae und erhielt damit das Recht, über die betreffenden Wissenschaften öffentliche Vorlesungen halten zu dürfen. Aber bald wandte sich Zell von der mit Erfolg betriebenen Philosophie zum Studium der Theologie und vor allem zur heiligen Schrift.

Die Universität Freiburg war damals von ihrer anfänglichen Blüthe sehr herabgekommen; insbesondere war die theologische Fakultät daselbst im traurigsten Zustande. Kein an Geist und Herz ausgezeichneter Mann war da zu finden. Mönche bekleideten damals die Professorsstellen: Heinrich Brun, Johannes Calciator (Schuhmacher), Anton Beck, Johann Schluppf10), in der oberländischen Reformationsgeschichte nicht unbekannte Namen, desto unbekannter aber auf dem Felde theologischer Wissenschaft; der enge Mönchsgeist herrschte hier allenthalben vor, während es in der philosophischen Fakultät zu Freiburg nicht an hervorragenden Männern fehlte.

Zell’s Aufenthalt und Wirksamkeit in Freiburg fiel in jene aufgeregte, zukunftvolle Periode, kurz vor Luther’s Auftreten. Eine Ahnung dessen, was kommen sollte, wie die Vorsehung sie oft vor grossen Weltbegebenheiten hergeben lässt, erfüllte die Gemüther nicht bloss der Gelehrten, sondern auch der Leute aus dem Volke. Johann Geiler’s freimüthiges, prophetisches Wort, Sebastian Brandt’s beissende Satyre, Jakob Wimphely’s wohlgemeinter Eifer für die Verbesserung höherer und niederer Lehranstalten, brachten vielfache Frucht nicht bloß in der oberen Rheingegend, sondern auch in die Weite hin. Durch die Bemühungen der beiden hochberühmten Gelehrten Erasmus und Johann Reuchlin ward die heilige Schrift in ihrer Ursprache an das Licht gezogen und so wenigstens den Sprachkundigen und Gelehrten zugänglich gemacht. Unerwartete Aufschlüsse wurden dadurch Vielen gegeben, manches Gemüth angeregt und begeistert; der heimliche Funken bekam Luft. Zell beschäftigte sich in dieser Zeit fleissig mit Erforschung der heiligen Schrift, was damals keineswegs das ausschliessliche Geschäft der Geistlichen war; aber insbesondere hatten Geiler’s Schriften, wie er selber bezeugt und in seinen späteren Predigten öffentlich bekannte, den grössten Einfluss auf seine theologisch – praktische Bildung. Zell’s Tüchtigkeit ward in Freiburg anerkannt. Er wurde Baccalaureus der Theologie und erhielt so das Recht, theologische Vorlesungen an der Universität zu halten. Am 31sten October 1517, also am Thesentage Luther’s, wurde M. Matthäus Zell sogar Rector der Universität Freiburg11), für ein halbes Jahr, laut den Gesetzen dieser Lehranstalt.

Zell jedoch fand seine Befriedigung nicht in der in enge Grenzen abgeschlossenen academischen Thätigkeit; der Kampf, der in seinem Innern schon damals wenigstens theilweise durchgekämpft seyn mochte, trieb ihn auf eine andere als die academische Laufbahn bin. Zell war seiner Natur nach kein speculativer Kopf, der sich auf die Länge mit der scholastischen Philosophie befreunden konnte; noch viel weniger war er ein Mann, der seine Ueberzeugung zum unbedingten Dienst der römischen Curie hätte hergeben können. Zell’s ganzes Wesen war aufs Praktische im christlichen Predigtamte gerichtet. Sein sanftes, nach evangelischer Ueberzeugung sich durchkämpfendes Gemüth verlangte Dach einem praktischen, abgemessenen Wirkungskreise; und dieser ward ihm.

Im Jahr 151812), wahrscheinlich gegen Ende des Jahres, wurde der, bereits ins höhere Mannesalter vorgerückte, M. Matthäus Zell an die erste Pfarrstelle der Stadt Strassburg berufen. Er wurde zu Sankt Lorenzen in dem Münster Pfarrer oder Leutpriester, mit welchem Amte auch das eines bischöflichen Beichtigers (poenitentiarius, vicarius in poenitentiis ) verbunden war, als welcher Zell in den dem Bischof vorbehaltenen Beichtfällen die Absolution zu ertheilen hatte. Diese Ernennung Zell’s, welche durch den hohen Chor, d. b. die nichtadeligen Geistlichen des Domstifts geschah, war die ehrenvollste Anerkennung seiner Tüchtigkeit, die in der academischen Laufbahn sich bewährt hatte, der Ehrenhaftigkeit seines Charakters, seiner Kenntnisse und seiner Erfahrung.

Als Zell sein wichtiges Amt in Strassburg begann, hatte D. Luther in Wittenberg eben erst seine welthistorischen 95 Thesen gegen den Ablassunfug des Papstes ausgehen lassen. Als ob die Engel Gottes selber Botenläufer dabei gewesen wären, so verbreitete sich diese erste Kampfschrift Luther’s mit unglaublicher Schnelligkeit in Zeit von vierzehn Tagen durch ganz Deutschland. Auch im Elsass und in Strassburg war dieselbe früh bekannt und man theilte sie erst heimlich, dann öffentlich sich mit. Zell fühlte sich von dem muthigen, glaubensstarken Luther mächtig angezogen. Mit steigendem Beifall las er dessen rasch auf einander folgende Schriften, schöpfte daraus frische Nahrung für seine Kanzelvorträge, obgleich er Luther’s Namen nur selten öffentlich nannte, und ward so immer tiefer in das Verständniß der Bibel und in die apostolische Erkenntniß der göttlichen Heilsordnung eingeführt. Auch mag es eben Zell, in Verbindung mit dem glaubenseifrigen Rechtsgelehrten Nicolaus Gerbel, von Strassburg gewesen seyn, welcher seit dem Jahr 1519 den Wiederabdruck und die Verbreitung zahlreicher Lutherischer und anderer reformatorischer Schriften in Strassburg und Elsass förderte, und wozu die Buchdrucker Martin Flach, Johann Schott und vor Allen Wolfgang Köpfel sich gar willig finden ließen, da die Unternehmen dieser Art reichen Gewinn abwarfen.

Als Zell seines Glaubens an die evangelisch – kirchlichen Grundwahrheiten indeß immer gewisser geworden, begann er im Jahr 1521 das Evangelium zu predigen. Er war der Erste nicht bloß in Strassburg, sondern im Elsass und weit umher, der dieses wagte; und es gehörte dazu kein geringer Grad von Ueberzeugungstreue und Glaubensmuth. Zwar hatte Zell schon in den ersten Jahren seiner Amtsführung in Stillen die Härte der römischen Strafgesetze gegen kleine disciplinarische Versehen kraft seines Amtes zu mildern gesucht, wozu als bischöflicher Beichtiger er vielfach Gelegenheit fand. Zell erzählt selber, „dass ihn die armen Landleute oft gejammert haben, wie man sie um der geringsten Ursach willen, etwa weil sie in der Fast Butter gegessen, zu ihm hereingeschickt, das Ihrige zu versäumen und zu verzehren; diese armen Leut hab ich stets flugs und bald abgefertiget, sie auch nit gemolken und geschröpft, wie sonst geschehen ist.“ Auch ward Zell, wie er selber bezeugt, derhalben mehrmals vom Fiscal und Capitel zur Verantwortung gezogen, dass er die Leute so schnell absolviere und sie nicht erst zum Fiscal schicke, um die Geldbusse zu erlegen13).

Aber manchen stillen und harten Kampf mag es den gelehrten und freimüthigen Zell gekostet haben, bis er aus Aristoteles und dem Papste, diesen beiden Heroen der gelehrten und der ungelehrten Christenheit während des Mittelalters, sich zum evangelischen Glauben durchgearbeitet hatte.

Im Jahr 1521 war dieser Seelenkampf vollbracht. Zell wählte in diesem Jahre zum Grunde seiner evangelischen Predigten den Brief Pauli an die Römer, in welchem der Apostel die Hauptlehre der evangelischen Heilsordnung darlegt, nämlich die Rechtfertigung durch den Glauben, im Gegensatze gegen die todten, bloß äusserlichen Werke, durch welche man meint, sich ein Verdienst beim Richter im Himmel erwerben zu können. Wenn er gleich, um nicht Anstoß zu erregen, Luther’s14) Namen auf der Kanzel nicht oder doch nur selten nannte, so hielt Zell doch diese Predigten durchaus in Luther’s Geist. Auch fand er grossen Beifall im Volke. Ihrer Natur nach mussten diese Predigten mehr oder weniger polemisch oder angreifend seyn, da der Gegensatz in der Wirklichkeit vor Augen stand. Der strassburgische Chronist Daniel Speckle in seinem handschriftlichen Berichte gibt den Inhalt dieser Predigten Zell’s über den Brief an die Römer also an: „Es gebe Viele, die Andere verketzern, aber es sey Niemand, der die Arzney anheben wolle; denn man fürchte, der Ablass und das Fegfeuer würden kein Geld mehr eintragen. Da verketzere man die Leute, aber Schand und Laster hilft man vertheidigen, damit all Schelmenwerk an den Geistlichen mög ungestraft bleiben.“

Wegen dieser Predigten und wegen seiner reformatorischen Bestrebungen überhaupt hatte Zell mannichfache Anfechtung zu erleiden. Der Bischof stand hart gegen ihn in dieser ersten Zeit wegen seiner „ketzerischen Opinion“ und verlangte, dass man nach Inhalt päpstlicher und kaiserlicher Mandate mit ihm handeln möchte. Gelinder erzeigten sich das Domcapitel und das hohe Chor, Zell’s unmittelbare Oberen. Eben diese kannten gar wohl die geistige Stimmung der Bürgerschaft für Zell’s Person und Lehren; auch befanden sich in der Mitte jener Oberbehörden gar manche Mitglieder, die der neuen Richtung der Gemüther zugethan waren. Es kam daher bloß zu einigen Vorforderungen und Ermahnungen an den muthigen Prediger, die aber ohne Erfolg blieben15); denn Zell’s Predigten machten den grössten Eindruck auf die Bürger.

Zell fuhr in seiner Predigtweise fort; er enthüllte das Unchristliche des römischen Verfahrens, legte vor Augen den Betrug, der mit dem Volke bisher war gespielt worden, zerstörte die alle Blindgläubigkeit und führte das Volk allmählig zum evangelischen Glauben.

In Folge dieser Vorgänge hatte Zell manche Gegner, die selbst das Äußerste gegen ihn gewagt hätten. Mehrmals ward ihm bei Nacht von fanatischen Gegnern in den Straßen der Stadt nachgestellt; aber die Warnungen der Freunde belehrten ihn16). Steffan von Büllheym, dessen Namen sonst gar nicht genannt wird und von dessen Lebensumständen nichts bekannt ist, hat in einem besonderen Gedicht, in mehr oder weniger glücklichen Versen, die damalige Lage Zell’s in den Jahren 1522 und 1523 beschrieben. Dieses Gedicht ist von grosser Seltenheit; es begreift 10 Blätter in 4°. ohne Druckort und Jahrangabe; eine Gelegenheitsschrift, die eine Reihe von Personalien über die damals in Strassburg lebenden Welt- und Klostergeistlichen enthält. Der Titel ist: Ein brüderliche warnung an meister Mathis Pfarrherrn zu Sanct Lorenzen im Münster zu Strassburg, sich vor seinen Widersacheren zu verhüten und bewaren. Auch seiner fürgenommenen Christlichen leer dem wort gottes treuiglich anzuhangen, das standhafft und herzlich der berufften gemeyne zu predigen. Steffan von Büllheym. Das ganze Gedicht ist eingekleidet in ein Gespräch zwischen Vater und Sohn. Der Vater hält an der alten Sitte und Kirche; das Herkommen und die Auctorität ist ihm die Hauptsache. Der Sohn dagegen ist der neuen Richtung zugethan; er ist Zell’s Partheigänger und überwindet zuletzt des Vaters Bedenklichkeiten. Man merkt der derben Sprache dieses Gedichts die wachsende Leidenschaftlichkeit der damaligen Zeit an. Zur näheren Schilderung der Epoche, in welcher Zell lebte, theilen wir hier Einiges aus diesem Volksgedichte mit, indem wir jedoch die etwas nachlässige Orthographie der neuern anpassen.

Der Sohn, Steffan von Büllheym, redet von der Kirche seiner Zeit:

Darauf gestanden ist unser Heil
Da seind jetzt Frauen und Pfründen feil
Es ist kein Kaplany, kein Pfründ, kein Orden
Es ist ein Gümpelmarkt daraus worden.
Kein Seelmess, kein Jorgezeyt,
Das veraltet ist und nit me geyt,
Das schlagen uff bitz übermorn (morgen),
Gleiwie man thut dem firnen Korn
Also wird es dir auch gan
Darnach hands (habens) die armen Dorfpfaffen gethan
Müssen offentlich von der Kanzel lügen
Und die Leut besch…n und betrügen
Dann womit sollen sie es gewinnen.
Sollen sie haspeln oder spinnen?…
Was sie kratzen und erkrammen
Das gehört den Mestsuwen (Mastsäuen) allsammen.
Sie fressen den Kern, geben ihnen kaum die Kleien
Sollt man nit darüber schreyen?
Das thut den Luther billig mügen (mühen)
Mit zehn Pfründ lasst sich keiner begnügen.
Sunder hett gern das bistumb schafft,
O Vater, das gibt den Seelen grosse Kraft.
Spar das dein am Leib, du sollts den Pfaffen geben,
Wirst du ein Kind des ewgen Leben.
Durch ihr Gebett fährst du drein, ocha schoch,
Wie ein Kuh in ein Musloch u. s. w.

Weiter unten heißt es:

Es gehet Alles wild auf Erden
Dass die Geistlichen selber nit können eins werden,
In der Kirchen mit einander hadern und zanken,
Thuts niemand denn die Schwoben, Baier und Franken
wöllen Jederman fressen, reissen und zerren,
Uff der Gassen wie ein Esel plerren.
Und den Matthis im Münster mit Lügen vertreiben,
Könnten doch nit ein Buchstaben schreiben.
Ich fürcht es thut die Läng nit gut
Mit der Geschrifft er in (ihnen) viel zu Leid thut.
Sie gehen wahrlich uff hellem Eyss;
Ist der Pfarrherr in Münster, heißt meister Matthis
Braucht nichts denn die heilig gschrifft,
Damit er sie all‘ übertrifft
Den Paulum und der Evangelisten Lehren,
Noch thun sies ihm offentlich verwehren
Und mit Bosheit daruf beharren .
Ist der Leutpriester uff St. Lorenzen Pfarren,
Sie thun ihm wahrlich viel Lydens an u. s. w.

Im Verlauf des Gesprächs bemerkt der Vater gegen das eindringliche Zureden des Sohnes: Was werde Doctor Peter17), der doch auch ein Prediger ist „mit dem Namen“, dazu sagen? Der Sohn antwortet:

Hilf nein sie stimmen nit zusammen (nämlich Dr. Peter und Zell)
Meister Matthis bleibt allein beim rechten Text
So sagt der von der Herberg zur äxt18)
Ob die Wagenleut viel Pfründen führen
Das ist jetzund sein Disputieren
Und rechnet uss was sie ertragen,
Hat ussgeleert, kann nichts mehr sagen,
Dann dass er mächt zwanzig Pfründen niessen
In seiner Conscienz sollt es Jederman verdriessen.
Wöllt sich gern mit den Leuten raufen
Macht die Leut zum Münster usslaufen.
So steckt Meister Matthis all Winkel voll
Am gebannten tag, so er predigen soll.
Darum spricht Doctor Peter also,
Er schreit von der Kanzel Mord und Helfjo . .
Meister Matthis sich aber nit dran kehrt,
Das Wort Gotts er öffentlich predigt und lehrt u. s. w.

Auf Johannis 1523 sollte Zell beurlaubt werden, zuvor aber sollte ein öffentliches Gespräch über die streitige Religionssache zwischen Zell und seinen altgläubigen Gegnern gehalten werden.

Steffan von Büllheym lässt den Vater sagen:

Dann Matthis ist ihnen viel zu gelehrt
Das han ich langest viel gehört;
Drumb wöllen sie ihn uff Johannis lassen gan –

Der Sohn erwidert unter andern:

Drumb Matthis ich muss dir verkünden,
Dass du dich lassest daheim finden,
Und bitt, mein Warnung nit veracht,
Ueber dich ist ein Versammlung gemacht.
Die Gelehrten wollen alle dran
Und mit dir ein Disputatz han;
Han ich ächt recht vernommen
So wird niemand denn der Ufsschuss kommen
Darumb brauch Kunst und Vernunft
Sie han das Buch die Schelmenzunft,
Das Narrenbeschwören, das Murner hat gemacht
Der ist oberster affenkat, dess nym acht.

Will den Luther offentlich mit Lügen schänden;
Sollt man ihn um sein Lügen pfänden.
Der ganz Orden möcht ihm nit kommen zu gut,
Die er ein ganz Jar schreibt und thut.
Und will als mit Gewalt darauf beharren,
Ach Gott, ach Gott, was grosse Narren;
Er sollt sich in sein Blut schammen Das er hat so ein verwegnen Nammen
Dann ein ganz Regel er vervuret
Aber er hats ererbt von Geburt ……

Weiter sagt Steffan von Büllheym:

Dass man ihr dester bass mag kennen,
Will ich dir die andern auch nennen
(Nämlich die, welche gegen Zell in der Disputation auftreten sollen.)
Zu einem Beistand der Geschrift Nimmt man die Gelehrtste von jeden Stift
Auch etlich Klöstern und Pfarren, Die wöllen auch darauf beharren.
Dann es ist erkannt offentlich und frey, Allheiligen gibt den Haberbrey.
Im Spital will auch einer dran
Heisst Hans und ist ein Kaplan;
Sein Bücher wöllen dann hinken,
Er mag weder essen noch trinken,
Er will verzweifeln unter den Händen:
Pfaff Lorenz wird dich wahrlich schänden
Hat ein grosse dicke Frau
Was einmal ein Pfarrherr zu Eschau
Kommt gen Erstein zu eim Beschluss
Schickt dir einer, heißt Doctor Corpus.
Einer hat ein Nas, ist zu sanct thomen
Kann wohl zum chorglöcklein kummen.
Pfaff Rudolff der ist spitz,
Und sein gesell Pfaff Moritz.
Schweyn mit dem Sack will auch dran,
Will den Münch St. Margrethen bei ihm han
Der gar in der Kunst, umb Greinen (Weinen, Bitten)
Bringt den Beichtvatter sanct Kathareinen.
Die Nonnen führen ein heiligs Leben,
Die wöllen dir ein biff geben.
Herr Syfrid mit der hellen Stimm
Bringt den Pfarrherr am Fischmarkt mit ihm.
Hab mir acht desselbigen Manns, Sprich du seyst der jung Karsthans.
Kann doch nit an der Kanzel sagen,
Dann Leut usshippen, geld zu tragen
Damit wird sein Opfer dester grösser Sieht wie ein Stirnenstösser
Liegt stets uff den Stationeyen ….:
Sanct Claus, sankt Andres leyern auch uff der Geygen
Einer bei sanct Antonien bottschaft.
Spricht dein (Zell’s) Predigt kumm uss Teufels Kraft u. s. w.

Auch der als Literator nicht unbekannte Hieronymus Gebwiler, Schullehrer am Hohenstift zu Strassburg, wird hier als Gegner Zell’s aufgeführt:

Der Schulmeister ist bos in Sachen,
Kann den Geist im Glas beschwören
Thut sein Jünger offlich lehren,
Liesst ihnen vor den Paulum ad Titum
Macht ihnen sein Epistel so krumm
Dass Mulier heiss ein Pfründ
Der wird dir wahrlich ein Stich thun
Heisst nit auch ein Pfaffenmagd ein Pfründin?
Sie ist doch vor Gott sein Dienerin.
Drumb seind sie übel dran,
Dass du sprichst, die Pfaffen mögen Weiber han
Was darf es viel gefix
Es ist Frau Beatrix
Die Pfarrherrin sanct Claus mit den grossen Beinen;
Die Bertschin will sich zu todt weinen
Die Betsholtin trägt leid, ist doch frumm.
Ach, schon der Pfaffenmägd, ich bitt dich drum,
Du machst dich hässlich vor Jedermann
Du weisst dass Pfaffen müssen Weiber han.
Das sieht man täglich wohl,
Denn ihre Häuser stecken unten und oben voll19)

Es mag genügen hier, aus Zeitgenossen die Zeit geschildert zu haben, in welcher Zell in Strassburg auftrat. Anderwärts sind diese Zeiten bereits geschildert20) vielfach und auch für Strassburg und Elsass; allein, nach meinem eigenen Ermessen wenigstens, ist die Mittheiluny charakteristischer Beweisstellen aus ungedruckten oder doch seltenen und unzugänglichen Quellen dem Forscher stets willkommen.

Mit solchen Menschen fand sich Zell in Strassburg zusammen in amtlichem Verhältniß. Es darf uns eben darum nicht befremden, dass er hitzige Gegner hatte bei seinen ersten Reformationsversuchen, aber sein glaubenskräftiges Gemüth half ihm durch. Selbst leibliche Angriffe waren ihm gedroht, aber sein Muth, die günstigen Umstände und Gottes Hülfe retteten ihn.

Das Domcapitel in Strassburg, eins der reichsten und geehrtesten in Deutschland, war die obere, unabhängige Behörde, unter der Zell stand. Aber gerade das Domcapitel wollte und konnte den Leutpriester Zell nicht öffentlich gegen den Bischof in Schutz nehmen, denn auch in seiner Mitte waren die Meinungen getheilt. Die Angehörigen (Pfarrkinder) der St. Lorenzpfarrei in dem Münster sahen daher keinen andere Ausweg, um ihren verehrten und geliebten Prediger zu erhalten und zu beschützen, als sich an den Magistrat der Stadt zu wenden. Schon im Juni 1522 hatten die Bürger es sich erbeten, dass Zell nicht bloß in der gar zu engen Lorenzencapelle (einer Seitencapelle des Schiffes in dem Münster) auftrete, sondern dass die sogenannte Doctorkanzel in der Mitte des Münsters ihm aufgethan werde. Diese schöne steinerne Kanzel war im Jahr 1486 durch die Vorsorge des Ammeisters Peter Schott nach der Zeichnung des Baumeisters Johann Hammerer errichtet worden zu Ehren des berühmten Dompredigers Dr. Johann Geiler21); im Jahr 1521 hatte man sie mit einem Gegitter und einer Thüre schliessen lassen. Von dieser Kanzel aus hätte Zell von einer grössern Menge der herbeiströmenden Bürger und Landleute gehört und auch besser verstanden werden können. Aber der Magistrat durfte nicht über die Doctorskanzel verfügen und das Domcapitel hielt dieselbe verschlossen. Da entschied der Magistrat, dass man für Zell einen besonderen Predigtstuhl an einen Ort im Münster stellen möge, wo er von der Gemeinde gehört werden könne. Die Schreiner der nahgelegenen Kurbengasse lieferten diesen Predigtstuhl, so oft es noth that22).

Die Bürgerschaft stand offenbar auf Zell’s Seile; der Bischof war wider ihn. Es musste nothwendig zur Entscheidung kommen, denn der Zwiespalt wurde immer ernster und weitaussehender. Am 4ten Januar 1523 schrieb der Bischof Wilhelm von Hohenstein an den Rath der Stadt Strassburg: „er habe, päpstlichen und kaiserlichen Befehlen gemäss, seinen Fiskal beauftragt, die Priester, welche diesen Befehlen zuwider handeln würden, zu strafen und so insbesondere den Leutpriester zu St. Lorenz; aber an des Letzteren Haus seyen zwei Schriften angeschlagen worden, worin die Pfarrkinder von St. Lorenz erklären, dass sie ihren Leutpriester, Meister Matthis, nicht verlassen würden; der Rath möge des Bischofs Beamten, den Fiskal, gegen Mishandlung schützen.“ Hierauf erkannte der Magistrat: „Es sey des Rathes Plicht, die Bürger im Frieden zu erhalten; allein Meister Matthis habe bisher nichts anders denn Gottes Wort und die heilige Schrift gepredigt und sich stets erboten, sich aus der heiligen Schrift eines Besseren belehren zu lassen; darum müsse dem Domstift angekündigt werden, dass es den Zell an seiner Stelle zu erhalten habe und dafür Sorge tragen möge, dass er das Wort Gottes ungehindert seinen Zuhörern vortragen könne; denn des Rathes fester Wille sey, denselben bei dem Worte Gottes und der Wahrheit zu schützen und zu schirmen.“ Ja, der Magistrat drohte, dem Stifte seinen Schirm zu entziehen, wofern nicht der Leutpriester an seiner Stelle erhalten würde.

Zu derselben Zeit hatte Zell einen neuen Strauß zu bestehen mit seinen unmittelbaren geistlichen Obern, dem Domcapitel und den Deputaten des hohen Chors, die unter sich selbst nicht einig waren, wem die Einsetzung und Absetzung des Leutpriesters von St. Lorenz gebühre. Sie warfen Zell vor, dass er sein Amt nicht recht verwalte, dass er manche Gebräuche weglasse, nie oder selten doch nur Messe lese. Auf dies Letztere entgegnete Zell: „dass er nicht Messe lese, geschehe aus der Ursach, dass er zu derselben Zeit studiere, was mehr Nutzen bringe, denn Mess lesen, sintemal an keinem Ding höher und mehr gelegen ist, denn an Predigen, welches er dann deswegen auch aufs treulichst ausrichte.“ Als man ihn aufforderte, in Zukunft den Mandaten des Nürnberger Reichstags (1522) nachzukommen, so protestierte Zell dagegen vor dem Kapitel mit der Erklärung: „er könne dieselben nur insofern annehmen, als es dem Wort Gottes nicht abbrüchig oder nachtheilig sey; er werde immer sein Bestes thun, die Wahrheit tapfer sagen, das Wort Gottes aber in keinem Wege anbinden lassen“23). Ungeachtet dieser freimüthigen Erklärungen gestattete das Domcapitel nothgedrungen dem Zell, dass er wenigstens noch ein Jahr Leutpriester zu St. Lorenz bleibe, doch wurde das Amt eines bischöflichen Pönitentiarius von dieser Stelle getrennt; auch wurde von jetzt an für Zell die sogenannte Doctorskanzel eröffnet und Zell wurde schliesslich bloß freundlich gebeten, seine Predigten etwas kürzer zu fassen, damit auch noch die übrigen gottesdienstlichen Handlungen im Münster Statt haben könnten.

Bis hieher erstreckt sich die erste Periode in Zell’s öffentlichem Leben. Er hatte sich eine unabhängige Stellung gewonnen durch den Beistand der Bürger und des Raths. Von Zell’s Predigten aus dieser ersten Zeit ist leider keine uns erhalten worden; sie würde gewiss das Bild des muthigen und gemüthvollen Reformators uns noch deutlicher vor die Seele stellen.

Allein mit der Nachgiebigkeit des Domcapitels war der Bischof Wilhelm, der, wie seine Amtsvorfahren seit mehr denn hundert Jahren, nicht in Strassburg, sondern in Zabern seine Residenz hatte, in hohem Grade unzufrieden. Er ließ alsobald, im Frühjahr 1523, durch seinen Fiskal Gergosius Sophor (Schüler) vierundzwanzig Klagartikel wider den Leutpriester zu St. Lorenz aufsetzen und dem geistlichen Vicar des Bischofs, Jakob von Gottesheim, übergeben zur Nachachtung und Ausführung. Diese in ziemlich verworrener und weitschweifiger Sprache abgefassten Klagartikel sind kürzlich folgenden Inhalts:

Art. 1. 2 u. 3. Dass Zell gegen des Pabstes und Kaisers Verbot Luther’s ketzerische Schriften in Schutz nehme und öffentlich vertheidige, obiges Verbot ungerecht genannt habe und täglich die Laien wider „das Erbvolk“ (den Clerus) aufreize. –

4. Er habe gepredigt, dass Pabst und Bischöff nit grösser Gewalt und Orden haben, denn jeder ander Priester, und dass ein jeder Mensch Priester sey, dass der Pfaff, der mit prediget, kein Pfaff sey; ja auch dass die sieben Zeiten in der Kirchen sprechen oder singen, wie das in den Stuhlkirchen (Kathedralen) und in andern Sammelkirchen (Collegialkirchen) geschieht, ein lautere Thorheit sey und solche Kirchendiener (Canonici) seyen ganz unnütz; besser wäre, solche Stiftungen und Satzungen ganz auszutilgen.

Art. 5. Er habe sich von einem seiner ketzerischen Freunde Bischof nennen lassen, wodurch die bischöfliche Würde herabgesetzt werde.

Art. 6. Er sage öffentlich, dass die Messen und Opfer für die Verstorbenen unnütz seyen.

Art. 7. Er verachte den Bann, absolviere sogleich die Gebannten, die sich an ihn wenden, und reiche ihnen das Sacrament; er sage, die Kirchenprälaten sollten nit gleich mit Donder drein schlagen“.

Art. 8. In allen seinen Predigten sage er: „Luther habe nichts Unrechts geschrieben, sondern die Wahrheit. Ich halt‘ ihn und unterweis dich sein Lehre. Man unterstehet mir ihn zu verbieten, ich kehr mich aber nichts daran.“

Art. 9. 10 u. 11 werfen Zell seinen Umgang mit einem gewissen Karsthans vor, einem Laien und „nahgültig schweifenden Menschen und als ein alleruffrürigster und der Lutherschen Ketzerei anhangend, rumor und faction wider alles Erbvolk erregend.“ –

Art. 12. Erst jüngst auf Sontag Matthäi des Apostels habe Zell gepredigt: es sey kein Fegfeuer; alle Menschen seyen Pfaffen (Priester) und einer möge ganz wohl seine Gevatterin heirathen; die sogenannte geistliche Verwandtschaft sey kein Hinderniss der Ehe. –

Art. 13. Er habe gegen die angenommene Kirchenlehre gepredigt, dass man eigentlich nicht gewiss wisse, wer die Eltern der seligen Jungfrau Maria seyen, ob Joachim und Anna, da die Kirche doch alljährlich das Fest der allerheiligsten Anna halte.

Art. 14. Weiter habe er gepredigt, das heilig Evangelium ist fünf hundert Jahr untergedruckt gewesen; „ich will den rechten Kernen predigen, dann ich bin Gottswort Prediger und nit ein Pabsts – oder Bischofsprediger“.

Art. 15. Dass er den geistlichen Stand bei jeder Gelegenheit herabsetze. Erst neulich habe Zell in einem Buchladen in Gegenwart vieler Laien von einem neu herausgekommenen Büchlein Luther’s, das er in der Hand trug gesagt: „Dies Büchlein enthalt köstlich und evangelisch Materie und es sollt mit gülden Buchstaben geschrieben werden, ist allerhöchsten Lobes werth und Niemand gesundes Gemüths sollt fürgohn, der dasselbig nit lese und lobe“.

Art. 16. Auf den Sonntag Aller Seelen (1522) habe er in der Predigt gesagt: „die Päbst und andern Bischöf seyen nichts anderes denn Larven und „Hanfbutzen“.

Art. 17. Auch gelte Zell in der öffentlichen Meinung für einen Anhänger Luther’s.

Art. 18. Auf Allerheiligentag 1522 habe er gepredigt, Maria und alle Heiligen „haben nicht für uns sich zu unterziehn“ d. h. können nichts für uns thun, unsre Sünden nicht wegnehmen. –

Art. 19. Am Michaelisfest 1522 habe Zell, „als er die Materi von den Staffeln der Gesippschaft und Mogschaft und geistlichen Verwandtschaft“ geprediget, alle diese Ehehindernisse verworfen, da die heil. Schrift nichts davon sage. „Far du für“! habe er zum Volke „uffweckend“ gesagt, es auffordernd, sich nicht durch solche von Menschen erdachte Ehebindernisse binden zu lassen.

Art. 20. Er erklärte in der Predigt, dass er nichts Verwerfliches in Luther’s Schriften finde „und dass er ihm nit lass den Luther uss dem Mund genommen werden“.

Art. 21. Zu Schlettstadt in der Herberg zur Krone habe Zell gesagt in Gegenwart Vieler, die von seinen Predigten redeten: „Es muss durchhin gepredigt seyn, und sollt sanct Kürin dryn schlagen“!

Art. 22. Er habe in einer Predigt die päbstlichen Decrete und Ballen „Manichäusbriefe“ genannt, als ob er dem Volke die Urheber derselben als Ketzer darstellen wolle. –

Art. 23. Zur Zeit des letzten Martinsfestes (1522. 11 November) saß ein Krämer „in dem Antritt oder Vorschopf“ der Pfarrei St. Lorenz und bot allerlei Bilder feil, worunter auch das Bild des Pabstes. Der Krämer reichte dieses dem eintretenden Zell und dieser rief vor allen Umstehenden auf das Bild des Pabstes zeigend: „Bist du der Ketzer, der uns unterstand zu verdrucken und vertilgen“? –

Art. 24. Wegen aller dieser Puncte sey Zell, laut der Kirchengesetze, im Bann, aller seiner Pfründen verlustig und habe die übrigen kirchlichen Strafen zu gewarten.

Diese Klagpunkte lassen uns einige willkommene Blicke in Zell’s Predigtweise werfen; sie zeigen einen Mann, der seiner Sache gewiss ist und keine Furcht kannte, sondern rücksichtlos den für recht erkannten Weg fortging.

Gegen obige Anklagen schrieb Zell zuerst eine lateinische Vertheidigung, die er dem bischöflichen Fiskal zustellte und die ungedruckt blieb; weil aber die ganze Angelegenheit auch und vornehmlich die innig Theil nehmenden Zuhörer Zell’s anging und die Oeffentlichkeit ihm mit Recht als die gewaltigste Waffe gegen den Bischof erschien24), sie auch zu Vertheidigung seines bisherigen Benehmens unumgänglich nothwendig war, so ließ Zell zu gleicher Zeit in deutscher Sprache im Druck erscheinen: Christliche Verantwortung M. Matthes Zell von Kaysersberg Pfarrherrs und Predigers im Münster zu Strassburg, über Artikel im vom Bischöfflichen Fiskal daselbs entgegengesetzt und im rechten übergeben. 1523. 4°. Am Schluss: gedruckt zu Strassburg durch Wolffgang Köpffel am Rossmarkt25).

Zell’s Verantwortung ist das erste umfangreichere Document der elsässischen Reformationsgeschichte und ist als die erste entscheidende That im Verlauf der Reformation in Strassburg zu betrachten. Sie ist in körniger Sprache, wie das Volk sie liebt, mit gediegenem Urtheil, oft mit Laune und Witz verfasst; man merkt darin an vielen Stellen den Geist des alten D. Geiler, überall erkennt man den Glaubensmuth und die Ueberzeugungstreue, die aus dem Evangelium stammt. In seiner Verantwortung leugnet Zell keinen der angegebenen Klagepuncte, nur stellt er dieselben hin und wieder etwas anders dar, beleuchtet und entwickelt sie weiter und unterstützt sie durch Gründe. Uebrigens waren die meisten dieser Anklagen so scharf, dass an der Verurtheilung derselben von Seiten der bischöflichen Behörde nicht gezweifelt werden konnte. Ja, die Verantwortung selber enthält sogar manche Stellen, die zu neuen Klagpunkten Anlass geben konnten, z. B. über die Priesterehe, über den Ablass und Dispensationen v. dergl.

Es mögen hier einige Auszüge aus diesem höchst merkwürdigen, aber selten gewordenen Buche folgen:

Zell beginnt seine Verantwortung, „Allen Liebhabern evangelischer Wahrheit“ gewidmet, mit dem Geständniß: „Es ist mir kaum ein sach minder in meinen Sinn gekommen, weder dass ich auch sollt ein Buch machen und dasselbig durch den Druck lassen ussgan; wann (denn) über dass ich mich der Sachen ganz ungegemäss weiss, ja von Mangels wegen Kunst und anderer nothdürftiger Geschicklichkeiten, so seind sunst der Bücher und Buchschreiber zu unsern Zeiten ob das viel, also dass es mein Bloderas oder Bapyrverderbens gar nit bedurft hätte. Doch so ich mit Gewalt hinein gedrungen bin, also dass ich nit wohl mit Ehren hab mögen entfliehen, sondern hab mit meinem armen Hausräthlin (wie schmal je das ist auch herfür vor den grossen Hochverständigen müssen prangen.“

Ueber sein Verhältniß zu Luther und dessen Schriften sagt Zell: „Sag an, mit was Conscienz ich, als ein Hirt, sollt ganz unwissend und unerfahren gewesen seyn der lutherischen Lehr, ob sie gut oder bös, so doch meine Schäflin vor langem sie gelesen und gehört hetten, welchs Wissen und Erfahren ich nur durchs Lesen hab mögen überkommen; hab ich mit billig sollen bestraffen, dass ich nit beargwohnt würd, ich wölt das Volk von heilsamer Lehr abwenden ohn Ursach, die ich dann mit hätt können geben, wo ich sie nit gelesen hätt.“ –

„Item so durch das ganz Teutschland gar nach kein Stadt ist, kein Fleck, kein Versammlung, kein Kloster, kein Hoheschul, kein Capitel, kein Geschlecht, auch gar kein Haus, darinnen nit seyen Leut, die dieser Sect anhangen, macht mir ein gute Urkund, dass der Handel noch nit genugsam erklärt ist, dass er falsch sey“ u. s. w. „Obschon etwas Irrthum in Luthers Schriften wär (das ich noch nit bekenn), dennoch sollen sie mir unverbotten seyn; denn auch alle Doctores, so von Anfang usser der heiligen Schrift geschrieben, in viel Dingen geirrt haben und doch zu lesen zugelassen worden. Man findt Irrthumb in den Büchern Originis, Lactantii, Tertulliani, Cypriani; Item Augustini, Hieronymi, welche zween doch besondere Lichter in der Christenheit genannt werden“.

Weiter bekennt Zell: „Du hast mich von Luther nit viel hören sagen uff der Kanzel. Ich hab mein Lehr nie mit des Luthers Geschrift bezeuget, aber sein Geschrift treulich und fleisslich gelesen, als auch noch für und für, und wo sie besunder wahrhaftig, hab ich sie gepredigt, nit darum dass es Luthers Lehr ist, sondern dass es wahr ist und Gottes Lehre…. Ich bin durch Luthers Schreiben in die Geschrifft geführt worden und ein Verstand in der Schrift überkommen, darfür ich nit wollt aller Welt Güter nehmen und ob er schon hundert tausendmal ein Ketzer wär. – Darumb kurzum, entweder zeiget mir und Andern, dass Luthers Lehr Gottes Lehr zuwider sey, oder wir werdens uns, ob Gott will, nit lassen verbieten, und sollten sich die Feind Gottes zu todt darob wüthen“ u. s. w.

„Zum Beschluss sag ich, dass ich keinen lutherischen Irrthumb geprediget hab, wie ich keine weiss; aber die Wahrheit hab ich geprediget, Gott geb, wer mich daran gemahnt hat, Luther oder Andere, dann ich Luthers und anderer Lehrer, mir als Anleiter und Vermahner in die heilige Schrift gebraucht hab, wie sie auch Niemand anders brauchen soll, ihm auch mit anders glauben, weder so fern er sey in der Schrift gegründt.“ –

Von den den Heiligen gebrachten Opfern sagt Zell: „Diesem (Heiligen) trägt man Korn zu, dem Wein, diesem Brod, Käs, Flachs, Schaaf, Säu, Geld u. s. w. Doch sind etllich so tugendhaftig und nehmens Alles an als nämlich der Stationirer Heiligen. Denn ob man schon Sanct Veltin mit einem Huhn ehret, so nehmen seine Diener doch ein Ochsen auch an, ja auch ein Sau, wiewohl dasselbig St. Tendigen (Antonij) Opfer ist. Nit will ich hiemit dem Spital, da man arme Leute nähret, etwas abgesprochen haben; es sey ja Patron da St. Veltin, Tennig oder welchen du wilt. Aber wöllt Gott, dass dieselbigen Schaffner treu wären und ließen solch gesammelt Almosen den Armen zu Nutz kommen und nit unter dem Namen dreyer und vierer Armen in ihrem Spital, ein ganz Bisthum usssaugten und beschätzten, und sie darneben gross Junkherren wären“ u. s. w.

Ueber Beicht und Busse sagt Zell unter Anderem: „Wir wissen, dass in der heimlichen Beicht so viel unzähliger Gefängniß gewesen seynd mit den vorbehaltenen Fällen, die armen Leut umhergetrieben worden sind wie ein Garnwind, bald aus Unwissenheit, bald aus Bosheit des Pfarrherrn, bald aus Eifer des Fiskals, der uff die armen Dorfpfäfflein genau wie ein Fuchs uff die Hünlin laustert, wo er sie ergretschen mag; ich habs erfahren in meinem Amt und den Jammer an den armen Leuten gesehn mit Schmerzen, die man also viel als um nichts herein gen Strassburg zu mir (dem Pönitentiarius) getrieben hat, ettwa so ein arm Weiblin mislungen ist an der Geburt, oder sunst, schickt mans erst umher, viel zu büssen, dass sie sich ob dem, das ihr Sünd gewesen ist, und gross Leid geschehen ist, erst verjammern muss und ums Geld darzu kummen. Und ist das aller Bösest, es geht nur über das arm Völklin“.

Ueber das Wünschenswerthe der Priesterehe sagt Zell Folgendes: „Wie seyd ihr so übersichtig, ihr Vicarii der Bischöfe, dass ihr drei oder viertausend Hurer im Bisthumb übersehet, ja schändliche Hurer, und ein frommes Pfäfflin, das sein Blödigkeit erkennt und nach göttlichem Gebot, mit der Ehe ihm begehrt gerathen seyn, so jämmerlich martern, thürmen, stöcken, blöcken, vertreiben, sprechend: ja er hat Keuschheit gelobt und bat es nit gehalten, als ob er es gehalten hält, so er ein Hurer ist? – Sag an, du Vicari (des Bischofs), wer du seyst: Es kommt ein armes Dorfpfäfflein für dich, dem sein Magd zerbrochen ist, also dass uss den Stücken Leut seind worden, hat darzu nit Uebrigs, vorhin von dir und deinesgleichen Pfründefressern ausgesogen, begehrt Gnad von dir, erbricht sich vor dir und deiner schönen fruchtbaren Berecynthia, gefangen mit güldenen Ketten am Hals, gedäumlet und gefingerlet, mit grossen guldenen Ringen, und lauft gleich die proles, das ist unserer gnädigen Frauen Zucht, in der Stuben umher. Sag an, was gedenkst du? dass du dem Armen Schweiss abnimmst, darum du zehnfach schuldig bist …. Schamst du dich nit vor ihnen? Meinest du nit, dass es ihm zu Herzen gang?“

Weiter wendet sich Zell an die geistlichen Oberbehörden, die in milderem Sinne erlaubtem das Evangelium zu predigen unter der Bedingung, der römischen Kirche nicht zu nahe zu treten: „Mit Geding wollent ihr gepredigt haben das Evangelium. Man soll euch berathen, aber säuberlich, oder nit anrühren; bellen und nit beissen. Darum schickt rechte Prediger, oder sie kommen ohn euern Dank; man wird nit immer uff euch sehn; und wenn ihr schon tausend Bäume liessend ussgan, verbrannten den ganzen Schwarzwald uff ihnen, verjagten sie durch die Welt, es wird nicht helfen, es werden uss der Aschen andere wachsen“,

Ferner sagt Zell: „Ein guter Gesell hat mir den Titel Bischof zugeschrieben, nit vielleicht darum, dass ich ein Episcopus oder Bischof sey, sondern dass ichs billig seyn sollte, von wegen des Stands, in dem ich bin, dann ich bin ja ein Pfarrherr im Münster vor Sanct Lorenzen zu Strassburg und nit ein klein Volk mir befohlen ist, dess Hirt, Hüter, Wächter, Lehrer und uffseher ich seyn soll. Darumb sollt ich billig Episcopus seyn. Episcopus aber heißt ein uffseher, Wahrnehmer, Wächter, anders wirst du mir den Namen nit usslegen, du künnest dann die Grammatica nit“…. „Was wölltest du sagen, wenn sich ettliche Apostel und Evangelisten nennen. Möchten nit auch Sanct Peter und Paulus, Andreas u. s. w. dieselbigen darumb fürnehmen und sprechen: diese Titel gebühren euch nit, sondern uns allein.“

Bemerkenswerth ist, was Zell über die Anklage vorbringt, seine Verbindung mit Karsthans26) betreffend: „Wolan nun geht es an die Arbeit von Karsthansen, in welches Spiel sie mich auch haben wöllen ziehen, wie dann auch manchen frummen Mann. Denn welcher jetzund ein Zeitlang vom Evangelio, vom Gotswort, von der Geschrift, vom Glauben, vom Gsatz, oder von was guten, seligen, nutzlichen Dingen, so die Ehr Gottes und der Seelen Heil antreffen, geredt, oder einem Redenden zugehört, hat ein Karsthans müssen seyn, welche dergleichen Schmähwort viel gehört sind, dass nit ein Wunder wär, wo sich etwa Karsthans wider solche ungezämte Zungen unvernünftiglichen erzeigt hätte. Aber Gott hat es bisher gewendt, wirds auch weiter wenden, also dass auch diejenigen, so für unvernünftig geachtet, für vernünftiger weder diese erfunden werden. Es ist kundtlich wie uff ein Zeit, ein armer guter Mensch (anders von ihm ich nit sag, auch nit weiss) hie und anderswo umbgangen, vom Evangelio gesagt und prediget, was aber und wie, hab ich nit viel von ihm gehört. Dieser so er verhasset von etlichen worden ist von wegen seines Predigens und Sagens unter den Laien, dass er uffahrig Ding gesagt soll haben, hat sie gut gedunkt, mich ihm zu vergleichen, und was Ungeschickts sie von ihm ussgeben, mir auch zumessen, bit dass ich mich weder sein, noch eines mindern beschäme, der mit Frumkeit umbgat, wie dann ich von ihm nit anders weiss und hab mögen erfahren, usserhalb ihrem Sagen, sondern dass ich dabey bemerkt, meiner Widersacher guten Willen, Alles uffzuraspeln, was sie nur Ungeschickts von mir uffbringen möchten … allerlei Rubschnitz witz, dass es ein Korbvoll mache.“ –

„Dass mein Articulirer spricht: ich hab mich desselbigen (karsthansen) angenommen, sein Predigt gehört, ihm ein Mahl zugericht, mit samt andern seinen Genossen und das Alles damit die uffrur deren sie mich die ganzen Artikel uss, begierig schelten, ihren Fürgang hält mögen haben, und der Pfaffen Blut dess ich durstig seyn soll, vergossen möcht werden. Wohlan, dieses alles redt er uss eigenem Muthwillen, ohn Grund und Wissen. Darum sag ich also darzu, dass ich mich sein gar nichts sonderlich angenommen hab; Ein Wort oder drei hab ich mit ihm geredt oder zugelasst (zugehört), daraus ich nichts Freventlichs hab wöllen noch können urtheilen. Wiewohl ich dennoch bei mir selbs gedacht: Wer weiss uss was Urtheil Gottes die Laien jetzt anfahen zu predigen, dieweil die gelehrtsten und obersten Prälaten es lange Zeit verachtet haben, wie dann kundlich ist, also dass nichts Verachters bey den grössten Prälaten der Kirchen uff den heutigen Tag ist. Das ich ihn aber geherberget hab, da redt er was er will; uff einmal hab ich ihn geladen in mein Haus, ist aber nit kommen. Und ob er kummen wäre und mit mir gessen und Trunken hätt, was wär das übel gethan; müsst ich darumb, ob er schon unfrumm oder böser Anschläg wäre, auch mit ihm unfrumm seyn und ihm zu seinen Anschlägen helfen. Und warum gedenkt er nit, ich hält es vielleicht darum gethan, dass ich wollt erfahren, was hinter ihm steckte, alsdann ihn auch gross Herren geladen, freylich solcher Meinung.“

Zell wiederholt, dass er keineswegs die Unterthanen gegen die Obrigkeit aufgereizt habe, vielmehr sie zur Unterwürfigkeit und zur Verträglichkeit gegen die Mitbürger ermahnt. „Wie meinst du ob ich ein guter Prediger wär, wo ich den Magistrat, das ist die weltlich Obrigkeit wider die lutherischen Ketzer verhetzte und die geschrifft daruff usslegte, Gott geb sie reimete sich oder nit, wie ein Münch zu Ostern diess Jars der dreyen Marien Salben ussgelegt hat. Die erst Salb soll seyn, ein harte, strenge Vermahnung wider die lutherschen Ketzer. Die ander Salb ist schärfer, das ist, dass man sie soll thürmen, stöcken und blöcken u. s. w. Die dritt Salb ist noch schärfer und aller schärfest, das ist, dass man sie dem Henker soll an Strick geben, verbrennen und ertränken“ u. s. w.

Doch diese Auszüge, deren leicht noch mehrere aufgeführt werden könnten, mögen hinreichen, um die Anklage, die Person des Angeklagten und mittelbar auch seine Predigtweise zu schildern. Schlagende Gründe trägt er in Menge vor; er liebt die Gegensätze (Sagst du …. Dagegen sag ich, …). Treffende Bilder aus dem Volksleben entlehnt, kurze wohlgestellte Sätze und ein gesunder Verstand unterscheiden Zell’s Prosa von seines Collegen Martin Butzer’s Schriften, die gar zu oft verworrene Sätze, lateinische Constructionen, abstracte Deductionen enthalten, und daher nie volksthümliche Schriften wurden, Zell’s Verantwortung war dagegen eine wahrhafte Volksschrift, dem Zeitbedürfnisse nach Form und Inhalt entsprechend und ein Beweis, dass sie viel gelesen ward, liegt gerade in ihrer jetzigen Seltenheit.

Solche Verantwortung Zell’s konnte aber unmöglich zur Ausgleichung führen, vielmehr musste sie nur mehr erbittern und die Widersacher überzeugen, dass bei so starrem, unbeugsamem Muth nur durch Gewalt könne gehandelt werden. Aber der Magistrat hatte wiederholt und offen erklärt, dass er die Prediger evangelischer Wahrheit beschützen werde und in gleichem Sinne bot die Bürgerschaft den Befehlen des Bischofs und des Capitels Trotz. Allein es kam ein beschwerender Umstand hinzu, der zum Ausbruch führte.

Am 18ten October 1523 hatte Martin Enderlin27), Kaplan des Markgrafen Rudolph von Baden, eines Domherrn am Münsterstift zu Strassburg, geheirathet. Es war dieses die erste Priesterhochzeit in Strassburg. – Derselbige Enderlin war es, der am 9ten November 1523 Morgens um sieben Uhr vor dem Hochaltar im Münster den Leutpriester oder Pfarrer zu St. Thomä, Anton Firn, von Hagenau, öffentlich traute, nachdem Pfarrer Matthäus Zell eine gehaltreiche Predigt (Collation28)), Gelegenheitsrede über die Heiligkeit der Ehe vor der versammelten Menge gehalten hatte. Mehrere der angesehensten Bürger und Frauen der Stadt begleiteten das Firn’sche Brautpaar zum Altar; einer aus dem umstehenden Volke rief mit lauter Stimme: „Der hat ihm recht gethan! Gott geb ihm tausend guter Jahr29)!“ Zell hatte in jener Predigt auf Firn’s Hochzeit, nachdem er aus Schrift- und Vernunftgründen die Gültigkeit der Priesterehe dargethan, am Schluss in begeisterter Apostrophe sich an Firn wendend, gesagt: „Darum lieber Anton, bis (sey) unerschrocken; denn selig bist du, der du durch diese That dem Endechrist entbrichest (Abbruch thust, oder mit ihm brichst). Auf deiner Seiten steht Gott und sein Wort! Acht auch nit, dass männiglich ein Aufsehn auf dich hält. Einer lobt, der ander schilt. Acht auch mit, was dir für Unfall daraus entsteht, dir muss es zum Guten dienen. Und ob du schon vertrieben wirst, ja sterben müsstest, mags dir nit schaden. Du thust, was dich Gott geheissen hat wider seinen Feind, den Endechrist, dem spey mit dieser That fröhlich in sein Angesicht. Es werden dir bald, ob Gott will, mehr christlicher Brüder nachfahren, welche, bisher erschrocken, mit ein klein Herz empfahen werden. Reiss ihm ein Loch in sein seelmörderisch Gesatz mit der That, wie sonst viel herrlicher Männer mit dem Wort tapferlich wider ihn bellen, ihm mit dem Wort die Larven vom Antlitz reissen, bis sie ihn männiglich zu erkennen geben“ u. s. w.

In derselben Predigt auf Firn’s Hochzeit legt Zell folgendes Zeugniß ab: „Es hat das Regiment dieser löblichen Stadt Strassburg durch vier wohlgeachte Mann desselben Regiments, Ihm (nämlich dem Leutpriester Anton Firn), Mir (Zell) und allen Prädicanten dieser Stadt sagen lassen, dass wir nun hinfürter das Evangelium und heilige biblische Geschrift pur, lauter und unvermischt von Menschenfabeln sollen predigen, darzu unerschrockenlich, dabei wollten sie uns auch handhaben“ u. s. w.

In der That wurde auch am 1sten December 1523 von dem Magistrat der merkwürdige Beschluss erlassen: Alle so sich des Predigens unterziehen, sollen künftig nichts Anderes als das heilig Evangelium und die Lehr Gottes und was zur Mehrung der Lieb Gottes und des Nächsten dient, frei öffentlich dem Volke predigen“ 30). –

In diesem Beschluss fand Zell mit vollem Recht eine folgereiche Zukunft. Als er einst vor die Versammlung der Domherrn gefordert, befragt wurde, ob er’s denn allein wolle gegen den Bischof und so gross Fürsten und Capitel hinausbringen, da antwortete Zell: „Es ist wahr, einer allein kann nicht viel ausrichten, Aber die Sach ist Gottes und meine Arbeit ist die Arbeit in seinem Weingarten; da weiss ich nun gewiss, dass der Hausvater bald wird mehr Arbeiter bestellen, dass ich Gesellen in dieser Pflanzung haben werd! Er ist schon ausgegangen zu bestellen. Was gilts!“ 31) –

Und siehe, bald darauf ward Symphorian Altbisser (Pollio) Zell’s College als Domprediger im Münster. Butzer, Capito, Hedio und Andere erhoben ihre Stimmen in andern Kirchen der Stadt als Zeugen des Evangeliums. Kurz darauf trat Zell öffentlich auf, denn sein obiges Wort war unter das Volk gekommen, und sprach: „Wie dünkt euch nun? Hab ichs nicht geweissagt, Gott werde bald noch mehr Arbeiter schicken? Gelt aber, es hat Gott Arbeiter gegeben, dass ich nicht mehr allein in seinem Weinberg seyn muss.“ –

Das kampfreiche 1523ste Jahr nahete seinem Ende und die evangelische Sache hatte in Strassburg einen entscheidenden Sieg erlangt, unter eifriger Mitwirkung Zell’s hatte sich der Magistrat für dieselbe erklärt und die evangelische Predigt ward von dieser Seite her wenigstens sicher gestellt. Noch vor Ablauf des Jahrs, alsobald nach obigem Rathsbeschluss, am 3ten December 1523, trat Zell in den Stand der heiligen Ehe. Er führte Katharina Schütz von Strassburg zum Altar und, nachdem ihr Ehebund durch den bereits früher verheiratheten Martin Butzer eingesegnet worden, genossen beide Eheleute das heilige Abendmahl unter beiderlei Gestalt unter grossem Andrang des Volks; ein Familienfest versammelte darauf den engern Kreis der Freunde32).

Um hier den Verlauf der sich drängenden Ereignisse nicht zu unterbrechen, wird anderswo ein Mehreres über Zell’s würdige Lebensgefährtin, eine geist- und gemüthvolle Frau, eine rechte Mithelferin im heiligen Amte, berichtet werden.

Der entscheidende Schritt, welchen Firn und Zell gethan, weckte in der nächstfolgenden Zeit mehrere Andere zur Nachahmung. Wolfgang Schulthess (Sculteti), eines Schiffmanns Sohn aus Strassburg, ein Priester und ehemaliger Augustinermönch; heirathete ebenfalls in dem Münster auf Montag nach Martini 1523; Conrad Spatzinger, ein Strassburger, Priester und Vicar an U. L. Frauen-Kapelle im Münster, heirathete auf den Dreikönigstag 1524; dasselbe thaten Alexander von Villingen, ein ehemaliger Johanniter; Johannes Niebling, Pastor der St. Erhards-Kapelle in Strassburg; Lucas Hackfurt33) (Bathodius) hatte kurz vorher ebenfalls eine Ehefrau genommen, hatte darum seine Caplanstelle in Oberehnheim verloren und lebte nun in Strassburg. Mehrere Andere standen auf dem Punkt, den nämlichen Schritt zu thun.

Diese Vorfälle forderten des Bischofs Strafamt heraus, obwohl Bischof Wilhelm sonst ein milder Herr war. Das Domcapitel sah zaudernd zu. Da wurden die bis dahin in Strassburg verehelichten Priester, unter denen auch Zell, an dem 20sten Januar 1524 durch den Bischof nach Zabern – seit hundert Jahren war Zabern die Residenz des Bischofs von Strassburg – gefordert, um da ihr Urtheil zu empfangen, mit dem Befehl, in fünfzehn Tagen sich zu stellen34), in eigener Person.

Die Verurtheilung in Zabern war fertig; von einer Verantwortung oder Rechtfertigung war gar nicht mehr die Rede und die Vollziehung des bischöflichen Urtheils wäre wohl alsobald erfolgt. Dieses erwägend, sprachen die sieben verheiratheten Priester, an ihrer Spitze Matthäus Zell, den Schutz des Magistrats der Stadt Strassburg an, als ihrer rechtmäßigen Obrigkeit und erklärten, dass sie nicht vor dem Bischof, sondern vor dem Magistrat der Stadt sich zu stellen bereit seyen35).

Allein der Bischof sprach am 14ten März 1524, nach päbstlichen Gesetzen, den Bann aus über die verheiratheten Priester zu Strassburg und der Bannbrief wurde am 3ten April darauf an der grossen Münsterthüre öffentlich angeschlagen.

An demselben Abend, da der Bann bekannt gemacht worden, versammelte Zell in seiner Wohnung die sieben gebannten Priester und die Nacht hindurch verfasste Zell, mit der Beihülfe Capito’s36), im Namen der Mitgebannten, eine Appellation, d. h. eine Schrift, in welcher der ganze Verlauf nebst den Gründen dargelegt war, warum sie in die Ehe getreten waren. Diese Schrift wurde in lateinischer und deutscher Sprache verbreitet. Sie ward von dem kaiserlichen Notarius, Michael Schwenker von Gernsbach, am 5ten April 1524 in der Pfarrwohnung zu St. Lorenzen in Strassburg ausgefertigt. Allein in Strassburg nahm nicht bloß fast Niemand Anstoß an dem ausgesprochenen Bannfluche, man achtete kaum darauf; so sehr war diese so oft missbrauchte geistliche Waffe damals schon abgenutzt. Zell blieb in seinem Ante ungestört; ebenso seine Mitgebannten.

In ihrer Appellation sagen die Unterzeichner derselben: „Kaum habe das Evangelium ihnen die Augen geöffnet, so haben sie auch die schnöde Heuchelei eingesehen, die sie bisher mit dem Cölibat getrieben, als einem wahren Molochsopfer37). Den Geboten Gottes in der Schrift und der Natur folgend, haben sie den Entschluss gefasst, aus diesem sündlichen Stande herauszutreten. Des Satans Werk im Cölibat haben sie zuerst in ihren Predigten aufgedeckt und dargethan, wie nur der heilige Ehestand aus demselben befreien könne. Gott, der ihnen die Gabe zum Predigen verliehen, habe auch geschafft, dass sie nicht vergeblich redeten, das Volk lernte immer mehr die erheuchelte Keuschheit verachten. Vorzüglich seye Martin Butzers höchst glückliche Ehe ihnen ein ermunterndes Beispiel gewesen. Darum haben sie Jeder, dem Antichrist zum Trotz, ein Eheweib genommen. Anfangs ist zwar darüber hie und da allerlei Rumor (rumuscolus) entstanden; aber in kurzer Zeit fand die That Beifall. Indessen haben etliche unversöhnliche Widersacher den Bischof aufgehetzt und ohngeachtet der Verhandlungen zwischen Magistrat und Bischof, habe Letzterer sie in den Bann gethan.“

Folgendes sind die 12 Appellationsgründe, welche die gebannten Priester anführen: 1. Sie berufen sich auf das zukünftige Concilium, wie es schon von den Fürsten und Ständen des Reichs zugesagt sey. 2. An Bischöfe, Prälaten und Pabst wollen sie nicht appellieren, denn dies sind Feinde der Schrift und des Kreuzes Christi. 3. Bei den Concilien allein können noch die von den geistlichen Tyrannen Gedrückten Schutz finden. 4. Dass der Bischof Abwesende verurtheile, sey gegen das canonische Recht. 5. Er ladet uns nach Zabern, da wir keine Sicherheit finden, weil wir durch Vertheidigung der Wahrheit alle Kinder der Lügen gegen uns gereizt haben. 6. Der Bischof habe doch seine ordentlichen Richter in Strassburg. 7. Ungerecht sey es, die ungehört zu verurtheilen, die sich zur Vertheidigung erbieten. 8. Ja, der Kläger selbst sey abwesend und darum die Anklage nichtig (der Fiskal als Ankläger war eben damals in Constanz, um sich eine Pfründe am dortigen Münster zu suchen). 8. Es sey kein Kläger da, als der Bischof, der zugleich Richter ist, darum sey die ganze Erzählung falsch, wo gesagt werde, der Bischof habe auf Vorladung des Fiskals geurtheilt. 10. Uebrigens sey der Fiskal, den der Bischof voranstelle, wegen öffentlicher Hurerei im Bann, nach göttlichem, kaiserlichem und kirchlichem Rechte. 11. Das Urtheil enthalle mehr als die Vorladung, denn jenes spreche den Bann aus, während diese bloß mit Verlust priesterlicher Würde gedroht hatte. 12. Endlich gehe des Bischofs Urtheil weit über die Gesetze hinaus, da es über die verheiratheten Geistlichen den Bann ausspreche, wie über den in Hurerei lebenden Priester, der von der Kirche ausgeschlossen wird, während jene doch gute Christen bleiben können.

Der Titel dieser Appellation ist übrigens folgender: Appellatio sacerdotum maritorum urbis Argentinae adversus excommunicationem Episcopi. Am Schluss: Argentinae ex aedibus Wolbi Cephalaei XII Aprilis 1524. 12. 9 Blätter unpaginiert. Es gibt noch eine andere Ausgabe dieser merkwürdigen Schrift, ohne Anzeige des Druckorts und Druckers und wo auf dem Titel zwischen adversus und excommunicationem das Wort insanam eingeschoben ist. Die erstere Ausgabe ist wohl die ursprüngliche, dem Bischof vorzulegende; die zweite wurde wahrscheinlich zum Versenden an auswärtige Freunde gefertigt. Die deutsche Uebertragung hat den Titel: Appellation der ehelichen Priester, von der vermeinten Excommunication des hochwürdigen Fürsten, Herrn Wilhelmen, Bischoffen zu Strassburg. 2 Bogen. 4to. Wahrscheinlich bei Köpfel in Strassburg gedruckt. Diese Uebersetzung trägt die Spuren einer gewissen Eilfertigkeit und Abkürzung an sich und ist nicht so einfach und klar, wie das lateinische Original.

Wir würden den Zweck der gegenwärtigen Darstellung offenbar aus den Augen setzen müssen, wenn wir uns auf den weiteren Verlauf der durch die Priesterheirathen zu Strassburg und anderwärts verursachten Streitigkeiten hier näher wollten einlassen und verweisen daher auf das Hauptwerk Sleidan’s38). Es genüge, hier zu berichten, dass der Magistrat sich treulich seiner verheiratheten Geistlichen annahm bei dem Bischof und auf dem Reichstage zu Nürnberg 1524. Von jetzt an ließ der Rath der Stadt Strassburg dem Reformationswerk freien Lauf von Zell konnte ungestört seines evangelischen Hirtenamtes warten. Das Härteste, das ihn hätte treffen können, war vom Bischof über ihn ergangen. Von jetzt an treffen wir unsern Zell nicht mehr auf dem öffentlichen Kampfplatz der kirchlichen Parteien; er gab sich ganz seinem geistlichen Berufe als Prediger des Evangeliums und als Seelsorger hin, freute sich im Stillen eines reichgesegneten Wirkens und verdiente und genoss während einer langen Reihe von Jahren die dankbare Verehrung seiner Mitbürger, inmitten der Bewegungen, welche der Bauernkrieg (1525), die Abschaffung der Messe (1529), die Uebergabe der Tetrapolitana (1530) und die Verhandlungen über die Wittenbergische Concordie (1536) veranlassten.

Wir haben hier nun zunächst unsern Zell als Prediger und als Seelsorger zu betrachten.

Als Prediger wurde Zell sehr gern und von Vielen gehört. Er war der populärste39) unter den strassburgischen Predigern seiner Zeit, wegen der Klarheit, Einfachheit und herzlichen Wärme seiner Vorträge 40), die das wahre Christenthum nicht in Wortstreit und Parteizank, nicht in das Halbdunkel geheimnisvoller Lehren setzten, sondern in kindlich einfältigen, evangelischen Glauben und herzliche Liebe. Daher sagte ihm auch Luther’s Kriegston, der einherfährt wie ein Sturm, der Felsen zerschmeißt, wenig zu. Ueber Luther’s frühere Streitschriften gegen den Pabst äußert sich Zell: „Ich wollt all mein Gut darum geben, dass es also erlogen wär, als grob es ist“41). An einem anderen Orte schreibt er: „Es hat mich nichts Anderes mehr gegen Luther bewegt, und mir übler an ihm gefallen, desgleichen auch viel andern guten Männern, als das hart, gresslich oder bissig Verantworten und Schreiben, das er gegen etlichen seiner Mitkämpfer, desgleichen Pabst, Bischöfen und Anderen gethan hat, welche er so scharf, so spöttlich angriffen hat, dass einer kaum Schärferes, Heftigeres, Spöttlicheres gelesen haben wird, ja auch kaum von den Propheten, durch welche Klärligkeit und Schärfe (als ich acht) Viel ob seiner Lehre etwas Schünens gehabt. Mich dünkt aber, dass die Wahrheit soll angenommen werden, Gott geb, wie sie einhertrab, sanft oder ruch“ 42).

Wegen dieser Abneigung gegen theologische Streitigkeiten und Parteisucht stand Zell nicht immer im besten Vernehmen mit einigen seiner Collegen in Strassburg. Namentlich missbilligte er Butzer’s diplomatische Künste und Rührigkeit, womit derselbe erfolglos während einer langen Reihe von Jahren sich in die Händel Luther’s mit den reformirten Schweizern mischte, um eine Verständigung und Eintracht zwischen den streitenden Parteien zu erzielen. Zell war der Ueberzeugung, dass das wahre Christenthum nicht in Worten bestehe, sondern seiner innersten Natur nach praktisch – innerlich sey. Von den lutherischen Unterscheidungsworten, dass der Leib Christi in, mit und unter dem Brode im heiligen Abendmahl empfangen werde, pflegte Zell zu sagen: die habe der Teufel erfunden, weil sie so viel Zwietracht veranlasst und die Ursache der Trennung zwischen Lutheranern und Reformirten geworden seyen43). Butzer dagegen erkannte gar wohl Zell’s wichtige Stellung und hätte gar gern ihn für seine Vereinigungsplane gewonnen. Nach längern Verhandlungen kamen die Collegen mit Zell überein, dass Zell in seinen öffentlichen Vorträgen und um des Friedens willen vor dem Volke in der Lehre vom heil. Abendmahl bloß die praktische und nicht die dogmatische Seite berühre. So schreibt Butzer am 17. Mai (1526) an Zwingli: Matth. Zellii nostri sententiam de Eucharistia nuperis literis Tibi scribi petebas. Puto Capitonem id fecisse. Nobiscum conspirat, at coram plebe tantum usum docet, et se nolle definire, quomodo panis sit corpus; esse multos modos essendi affirmat, quod nobis satis est. Satis enim intelligitur, quid ipse sentiat, eoque adducta res est, spirituali manducatione inculcata, et carnis inutilitate evicta, ut signa nostri habeant. (Opp. Zvinglii. Ed. Schuler et Schulthess. VII. p. 510.) Bei aller Achtung für Zell’s Charakter konnte es für Butzer’s Friedensabsichten nicht anders als widrig seyn, dass eben Zell ihm widerstrebte. Daher manche etwas bittere Aeusserungen Butzer’s. Am 18ten Januar 1334 schrieb Butzer an Ambrosius Blaurer: Si Matthaeus (Zell) qui solus adbuc populum habet, in vindicando ministerio et ecclesiae unitate, acrior esset, fidemque plenius praedicaret, vere nihil queri deberemus. Ad opera uxor eum detrudit. Animus tamen viri vere rectus et Deum quaerit. Si possemus, ego et Capito, frequentiores apud eum esse, res esset salva. Monitus in loco satis proficit, si non in loco nihil monitionis est intemperantius 44). Folgende Stelle aus einem Briefe Butzer’s an Ambrosius Blaurer vom 16ten November 1533 mag ihre Erklärung in der ärgerlichen Stimmung Butzer’s linden über Zell’s Zurückhalten: Mattheus (Zell) pius quidem sed prorsus ingenio incoclo et yuvaixoxpaTovuevos45) et ab ea quae furit sese amando. Ambrosius Blaurer schreibt unter dem 23sten Januar 1534 an Butzer über unsern Zell in derselben Angelegenheit: ferendus vir bonus, ne imperiosius tractalas pejor evadat, cum adeo praeter caeteros apud vulgum valeat ejus auctoritas46).

Zell’s Abneigung gegen die damals zwischen den Sachsen und den Schweizern obschwebenden Abendmahlsstreitigkeiten, die Butzer’s unermüdliche diplomatische Rührigkeit zu vermitteln suchte, und seine etwas gespannte Stellung zu diesem letztern Reformator blieben auch in weitern Kreisen nicht unbeachtet, obgleich Zell mit vieler Zurückhaltung verfuhr. Auch Andere konnten ihre Missbilligung darüber nicht verbergen. So wird erzählt, der berühmte Strassburger Stättmeister Jakob Sturm von Sturmeck habe während einer Reihe von Jahren nicht an der Feier des heil. Abendmahls. Theil genommen aus Widerwillen gegen das Gezänke der Theologen über diese Religionshandlung47).

Von Zell’s Gesinnung erhielt unter Anderen auch Dr. Johann Eck zu Ingolstadt, der bekannte Gegner der Reformation und vormaliger Studiengenosse Zell’s zu Freiburg, Nachricht und hoffte, freilich etwas vorschnell, der strassburgische Reformator sey bereits auf dem Wege, wie Georg Witzel gethan, zur römischen Kirche zurückzukehren; auch erinnerte Eck an ein damals umgehendes lügenhaftes Gerücht, laut welchem Ambrosius Blaurer ebenfalls widerrufen habe. So schrieb Eck an unsern Zell am 25sten September 1534 aus Ingolstadt einen trotzigen Brief, worin er diesen auffordert, in den Schoß der römischen Kirche zurückzukehren. Wir theilen diesen Brief seiner Merkwürdigkeit wegen hier mit aus einer Abschrift, welche Conrad Hubert, Butzer’s Amanuensis, verfertigte:

D. Mattheo Zellio Keysersbergensi veteri amico.

S. Admonerem te, ut, relictis schismate et haeresi, ad gremiuni redires ecclesiae, visi jain in illis inveteratus spirituique obicem obfirmaveris. Nam si ecclesiae unitatem, concordiam, ejus de haeresibus perpetuam victoriam, Christi Sponsi assistentiam expenderis, facile intelliges, in novissimis temporibus nos a Christo, a prophetis, ab apostolis praemonitos, non quod surgant veri Evangelii plantatores, sed pseudoprophelas, qui seducunt multos, dicentes: Hic est Christus apud Lulherum, hic est Christus apud Zvinglium, bic est Christus apud parabaptistas exspectare debere. Cur non creditis expositioni sacrarum literarum, quam Hieronymus, Cyprianus, Basilius, Chrysostomus, Augustinus et alia Ecclesiae lumina nobis reliquerunt, et vullis quod credamus torsionibus et involutionibus novis Lutheri, Wiclephi, Zvinglii, Buceri et similium monstrorum. Vidisti arbitror Apologiam Vicelii48) in qua causas adsignal, cur, relicto schismale Luthieri, in quo oclo anuis obsorduit, ad unilatem ecclesiae redierit. Si banc haberes gratiam a Deo, ut benevolenter ac pio animo legeres, non dubilo et te rediturum. Blarer49) revocavit haeresin Capharnaitarum. Ajunt et D. Jacobum Sturmium a Zvinglianismo recessisc, ila hodie per literas ex Norimberg venien. tes intellexi. Ulinam illa blasphemia et horrenda baeresis essel extincta, quod tamen fiet, quum Deus voluerit. Vereor aulem plurimum, ne per dolum revocaverit Blarer, quo sibi liber aditus pateat in Wirtembergam. Nam ex pacto tenetur dux Ulricus cavere a Zvinglianis et parabaptistis, alioquin ex ducalu exciderel. Ego de gratia Dei quiete in Baioaria ago, ubi nullas patior haereticorum molestias, licet zelus domus Dei me urgeret, ut non possim non laborare in vinea Domini, ut fideles in fide confortentur ubique gentium, ut babeant quod respondeant adversariis Ecclesiae, in quem finem quatuor tomos homiliarum absolvi de tempore, Sanctis et Sacramentis, Proxima hieme curabo, ut nova aliqua ex me accipiant Catholici, sed hujusmodi quae veteribus proceribus Ecclesiae consentiant. Vale. Ingolstadii 23. Sept. 1534.

T. Joh. Eccius.

P. S. In gratiam Zvinglianorum, ut revertantur, Catholicus revocalionen Blareri typis fecit cudi.

Die gemüthliche, nach Innen gekehrte Richtung Zell’s zeigte sich insbesondere in seinem Verhältnisse zu dem schlesischen Edelmann Caspar Schwenkfeld, der im Jahr 1529 nach Strassburg kam und von den andern Predigern als Sectirer behandelt wurde, den aber Zell „für einen christlichen Bruder gehalten und keines Argen nie verdacht bat, ob er auch wohl ungleichen Verstandt in etlichen Punkten mit ihm gehabt“50). Schwenkfeld hatte im Gegensatz gegen Luther das innerliche Christenthum auf die Spitze gestellt und ging hierin allerdings zu weit, denn wo nur das innere Wort gelten soll, da laufen tausend Einbildungen mit unter. Aber Zell sah über diese Fehler des Systems hinweg, er beherbergte den tüchtigen Schlesier und pflegte oft, in Beziehung auf Schwenkfeld und auf die reformirten Schweizer, zu sagen: „Wer Christum für den wahren Sohn Gottes und den einigen Heiland aller Menschen bekennt und glaubt, der soll Theil und Gemein an meinem Tisch und Herberg haben, ich will auch Theil und Gemein mit ihm im Himmel haben“51). Die bekannte, vermittelnde Stellung der strassburgischen Theologen fand in Zell nicht ihren dogmatischen und gelehrten, aber ihren praktischen Ausdruck im ächt evangelischen Sinne und auf die edelste Weise. .

Was Zell’s Wirksamkeit als Seelsorger betrifft, so eignet sich dieselbe wenig zur Darstellung und öffentlichen Besprechung. Das Leben des ächten evangelischen Seelsorgers ist ja ein Stillleben, das in der Kraft des Glaubens und der Liebe mit aller Demuth geführt wird, Gott allein bekannt. Die Sorge um Anderer Seligkeit, der Unterricht der Jugend, die Ermahnung der Schwachen, die Pflege der Armen, Kranken, Verlassenen, das sind Dinge, von denen die Welt oft kaum einen Begriff hat. Tausende fassen sie nicht und kennen sie darum nicht. Zell’s Tüchtigkeit, Treue und Thätigkeit geht in dieser Beziehung hervor aus der ungetheilten Liebe, welche seine Pfarrgenossen ihm während dreyssig Jahren bewiesen. Sein Haus war eine rechte Herberge der Verlassenen, Flüchtlinge, Elenden aller Art, besonders derjenigen, die um ihres evangelischen Glaubens willen an andern Orten verjagt, nach Strassburg geflüchtet waren, sowohl Deutsche als Franzosen. Nicht selten hatte Zell bei dreißig Personen über Tisch und manche derselben drei bis vier Wochen hindurch und länger. Seine wackere Gattin stand ihm in der Pflege der Armen, dieser innern Mission, treulichst bei, Zell hatte persönliches Vermögen, theils ererbt, theils erworben, wie der unten mitzutheilende Brief kund thut, den Zell im Jahr 1527 an den Magistrat der Stadt Strassburg richtete. Er besaß unter Anderem Häuser und Garten in Freiburg im Breisgau, aber von der österreichischen Regierung wurden sie ihm genommen52). Auch besass Zell ferner einen Garten bei Strassburg vor dem Fischerthor rechts im Hinausgehn, an einem Orte „der Schweighof“ genannt, der jetzt unter den Festungswerken der Stadt begraben liegt53). Allein obwohl es Zell nicht an Mitteln fehlte, so mochte er doch grossen Aufwand im Unnöthigen keineswegs leiden; man solle, meinte er, den Ueberfluss den Armen geben. Ein Zeitgenosse berichtet: „Es halte Zell ein friedsam Gemüth und war gar kein Hoffarth in ihm und liesse ihm fürnehmlich die Armen befohlen seyn. Auf eine Zeit hat sichs begeben, dass er von einem andern Prediger zu dem Nachtmahl geladen ward, und dieser silbern und verguldte Geschirr auf das Billet gestellet, hat sich Matthis ob diesem Pracht und Reichthum bei einem Prediger verwundert, ihn als sein Bruder ernstlich bescholten, und ist ungessen auf diesmal von ihm gangen. Nach diesem hat er den Bruder insonderheit ermahnt und dahin gebracht, dass er ein Theil seines Silbergeschirrs verkauft, und darnach freigebiger gegen die Armen gewesen“54).

Für den Unterricht der Jugend war ferner Zell ausnehmend thätig. Bisher war nur höchst wenig für das aufwachsende Geschlecht gethan worden. Wolfgang Capito in Strassburg, Andreas Keller in Wasselnheim, Johann Bader in Landau waren ihm allerdings hierin vorangegangen durch Veröffentlichung katechetischer Handbücher für die Jugend. Auch das katechetische Monument der Reformation, Luther’s kleiner und grosser Katechismus, waren hier frühe bekannt. Allein Zell fühlte sich gedrungen, der ihm vertrauten Jugend ein von ihm selbst verfasstes Lehrbuch der Religion in die Hand zu geben. Er ließ im Jahr 1534 zu Strassburg bei Jakob Frölich erscheinen einen Katechismus: Frag und Antwort auf die Artikel des christlichen Glaubens … für die Kinder …, welche Schrift in kürzerer Form im Jahr 1537 abermals erschien.

Auch gab Zell: „Eine Auslegung des Vater Unsers, auf Gebettweis gestellt“ bei denselben Jakob Frölich heraus, zum Gebrauch der lieben Jugend55).

Bei aller unermüdeten Treue im Amt war Zell keineswegs ein Freund ängstlicher Uebertriebenheit. Er versagte sich nicht die Erholung, wo sie ihm Noth that, oder wo er glaubte, damit einen höhern Zweck verbinden zu können. So treffen wir ihn im Jahr 1533 auf einer Reise nach Bern; desgleichen im Juni 1534 zu Constanz, wo er dreimal an einem Tage mit grossem Beifall predigte56).

Ja, seitdem im Jahr 1536 die Wittenberger Concordie abgeschlossen und die Vereinigungsbande zwischen den Strassburgern und Sachsen fester zusammengezogen werden sollten, da wurden allerlei Mittel, auch äusserliche, gebraucht, um die Vereinigung zu befestigen. Luther’s Schriften wurden absichtlich in Strassburg wiederholt abgedruckt, gegenseitige Geschenke und Freundschaftsbezeugungen wurden gewechselt57). Mehrere Geistliche aus Strassburg reisten nach Wittenberg, um die neue Verbindung zu befestigen und zu bethätigen. Auch Zell, obgleich schon wohlbetagt, machte sich mit seiner Gattin auf zur Wallfahrt nach Wittenberg 1538. Letztere erzählt selbst: „Ich bin eine schwache Frau, habe viel Arbeit, Krankheit und Schmerzen in meiner Ehe erlitten, hab dannoch meinen Mann so lieb gehabt, dass ich ihn nit allein hab lassen wandeln, da er unsern lieben Doctor Luther, und die Seestädt bis an das Meer, ihre Kirchen und Predigen, hat wollen sehen und hören; hab ich meinen allen fünf und achtzigjährigen Vater, Freunde und alles hinter mir gelassen, und bin mit ihm wohl drei hundert Meilen aus und ein, auf derselbigen Reis gezogen. So bin ich mit so das Schweizerland, Schwaben, Nürnberg, Pfalz und andere Ort gereiset, diese Gelehrte auch wollen sehn und hören, auch ihm zu dienen, und Sorg auf ihn zu tragen, wie er es denn wohl bedurft hat, dass ich mehr dann sechs hundert Meilen, mit ihm in seinem Alter gereiset, mit grosser Müh und Arbeit meines Leibs und grossen Kosten unserer blossen Nahrung, des mich aber nit gedauert und noch nit reuet, sonder Gott darum danke, dass er mich solches alles sehen und hören hat lassen“58). –

Gegen die Mitte des 16ten Jahrhunderts wurden indeß die Zeiten immer trüber. Nach Luther’s Tod brach der schmalkaldische Krieg aus zwischen dem Kaiser und den evangelischen Reichsständen; auch Strassburg war dabei ernstlich betheiligt. Die Evangelischen wurden 1547 geschlagen und es ging das Gerücht, als ob der Kaiser durch ein Reichsgesetz (Interim) mit Gewalt dem Religions – Zwiespalt ein Ende machen wolle. Das Evangelium stand in grösserer Gefahr als je. Aber der alte Zell sollte den Jammer nicht mehr erleben. Am 6ten Januar 1548, einem Sonntag, predigte Zell, wie gewöhnlich und redete unter Anderem von seinem nahen Tode; er nahm gleichsam von seinen Zuhörern Abschied. Am Abend desselben Tages brachte er zwei Stunden bei seinem altbewährten Freunde, dem Rechtsgelehrten Nicolaus Gerbel, zu und dieser erzählte ihm von einem andern beiderseitigen Freunde Caspar Glaser, Superintendenten zu Zweibrücken, der wenige Tage vorher plötzlich gestorben war59). Zell, der bisher wohl die Gebrechen des Alters gefühlt hatte, aber doch nie eigentlich krank gewesen war, rief nach dieser Erzählung mit lauter Stimme: Gott möge ihn mit einem ähnlichen Ausgang begnadigen. Am Dienstag darauf, Nachts um 11 Uhr, erhob sich Zell von seinem Lehnstuhl und, sein nahes Ende fühlend, sprach er knieend für sich und seine theure Gemeinde folgendes erhebende Gebet, welches die treulich seiner pflegende Gattin uns aufbewahrt bat: „Oh Herr, lass dir dein Volk befohlen seyn! Sie haben mich lieb gehabt, hab du sie auch lieb, und gib ihnen keine Treiber; dass der Bau, so ich auf dich gesetzet, nit wieder verwüstet werd. Bleib du selbst der Erzhirt über sie“60)!

Am 9ten Januar, Morgens um 2 Uhr, entschlief Zell sanft. Er war 30 Jahre lang Pfarrer am Münster gewesen und halte seit 26 Jahren das Evangelium gepredigt. Am Schwörtag der Stadt, wo die versammelte Bürgerschaft der neuerwählten Obrigkeit und der hergebrachten Stadtverfassung zu huldigen pflegte, war Zell’s Leichenbegängniss, dem mehrere Tausend Menschen folgten61). Man hatte in Strassburg nie ein ähnliches gesehen. Butzer hielt die Leichenrede. Zell’s Leiche wurde auf dem Gottesacker St. Urban (Kurbau) beerdigt, „in der hintersten Reihe, in der Ecke“, sagen die Berichte. Kein Grabzeichen gibt mehr die Ruhestätte dieses ehrwürdigen Mannes zu erkennen.

Zell hatte das Alter von 70 Jahren, 3 Monaten, 18 Tagen erreicht62). Er hinterließ seiner Witwe einen kränklichen Sohn, noch als Knaben. Mehrere Trauergedichte auf Zell’s Abscheiden bezeugen die Theilnahme, die er auch bei den Gelehrten gefunden. Außer einigen dieser Gedichte von Gerbel, Sapidus, Toxites u. A. ist besonders dasjenige63) der Erwähnung werth, welches Abraham Löscher64), ein Jurist aus Sachsen, verfasste, der höchst wahrscheinlich als Jüngling von dem freigebigen Zell war unterstützt worden; später wurde Löscher kaiserlicher Rath bei dem Reichskammergericht in Speier. Löscher führt in seinem Trauergedichte manche sonst wenig bekannte Umstände aus Zell’s Leben an; er führt unter Anderem ans Butzer’s Leichenrede einen tröstenden Zuruf an die Hugenotten an, die bisher bei Zell Schutz gefunden hatten und Obdach. Löscher’s Epicedion ist von grosser literarischer Seltenheit (ein Exemplar befindet sich auf der Strassb. Stadtbibliothek); Paul Fagius in einem ungedruckten Briefe an Johann Ulslelter, Schullehrer zu Reichenweyer im Oberelsass, vom 28sten März 1548 gibt folgende Erklärung hierüber: Kurz nach dem Erscheinen dieses Trauergedichts und nachdem erst nur wenige Exemplare waren ausgegeben worden, erhielt der Buchdrucker Befehl, die noch übrigen Exemplare auf die Stadtkanzlei abzuliefern, wo sie vernichtet wurden 65). Es waren nämlich in Löscher’s Gedicht mehre ziemlich heftige Ausfälle gegen den damals zwischen Katholiken und Protestanten entbrannten schmalkaldischen Krieg. „Gott wolle das Volk ernstlich damit strafen“, hiess es darin, darum nehme er solche Männer weg, wie Zell.„

Auch Ludwig Rabus, der ehemalige Pflegling und Hausgenosse Zell’s, nachher Doctor der Theologie, Nachfolger Zell’s an der Münstergemeinde, zuletzt Superintendent zu Ulm, wollte, gewiss aus Pietät, seinem ehemaligen Pflegvater Zell eine Ehrenstelle in der von ihm herausgegebenen (evangelischen) Martyrerhistorie einräumen. Zell hätte diese anerkennende Auszeichnung verdient, gewiss so gut als manche Andere, die in dieser Sammlung aufgeführt werden. Rabus wandte sich daher an Zell’s Witwe, mit der Bitte, ihm aufzuschreiben, was sich von Anfang an mit dem Evangelium und Zell zugetragen habe. Da aber Rabus diese würdige Frau, seine einstige Pflegemutter, in seinem rücksichtslosen Hochmuth und Glaubenseifer gar schnöde behandelt, ja gröblich beleidigt hatte und weil Zell’s Witwe, vielleicht mit Unrecht, in diesem Unternehmen eine bloße Geldspeculation sah, – „eine Krämerei und Täuscherei“, so weigerte sie sich durchaus, etwas der Art ihm milzutheilen66) und Rabus musste sich begnügen, nur Zell’s Verantwortung vom Jahr 1523 in seiner Märtyrergeschichte abdrucken zu lassen.

Wenn übrigens von Späteren67) erzählt und von Anderen nacherzählt und ausgemalt worden ist, dass Zell’s Witwe am Grabe ihres Gatten, ja auf der Bahre stehend, eine Rede an die Umstehenden gehalten habe, keine Thränen vergossen, kein Leid getragen habe, so mag wohl diese Behauptung, die wir nicht anstehen eine Anklage zu nennen, auf Irrthum beruhen. Wenigstens sagen die Zeitgenossen nichts von einem so auffallenden unnatürlichen Benehmen68). Dass aber eine so glaubensstarke Frau, wie die Witwe Zell’s war, die ihren Mann auch nach seinem Tode noch so herzlich ehrte und liebte, die sich nicht scheute, die beredte Feder zu ergreifen, um ihre und ihres seligen Mannes Ehre gegen Verunglimpfungen zu retten, dass eine solche Frau auch mit dem Munde nicht werde geschwiegen haben zur rechten Zeit, das liegt am Tage.

Meister Matthis Zell, wie der Bürger ihn nannte, war ein von Herzensgrunde frommer, christlicher Mann, ein Bote des Friedens und ein wackerer Kämpfer für evangelische Wahrheit, wo es galt; eine Leuchte in der Gemeinde, die mit ihrem sanften Schein Viele beglückte, und was noch mehr ist, ein Vorbild der Heerde. Melchior Adam, der bekannte Biograph, entwirft uns von Zell folgendes treffende Bild: Fuit homo non doctrina tantum sed etiam christianis virtutibus, ac praesertim modestia, temperantia et caritate insignis; temperati ingenii, vitae innocentis, doctrinae purae, vir ab omni faslu alienus. Non theoreticus tantum, sed et practicus theologus, ea quae docebat ipse primus fecit, et in primis pauperum rationem habuit. Wir verehren in Zell einen der Hauptgründer der evangelischen Kirchengemeinschaft in Strassburg und im Elsass und über seinem wenn auch unbekannten Grabe beten wir im Geiste, ihm zum Ehrengedächtniss, das Wort der Offenbarung, zu dem der Herr sein Amen geben wird: „Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Sie ruhen von ihrer Arbeit und ihre Werke folgen ihnen nach!“

Anmerkungen

1) Joh. 5, 39.

2) Die beiden Apostelnamen Matthäus und Matthias werden häufig verwechselt. Das Volk spricht beide Matthis aus. Zell hiess Matthäus; so unterschrieb er sich selber; so nannten ihn seine Frau und seine Collegen. Das Volk hiess ihn Meister Matthis. Irrig nennen ihn Reussner, Beza, Icones, Adam u. A. Matthias.

3) Zell’s Geburtstag findet sich zwar nirgends gemeldet, allein wenn die Angabe bei Ludw. Rabus, Historien der Martyrer. (Strassburg 1571. Fol. bei Josias Rihel) II. p. 317, ihre Richtigkeit hat, woran keine Ursache ist zu zweifeln, da Rabus in Zell’s Hause lebte – so starb Zell im Alter von 70 Jahren, 3 Monaten und 18 Tagen am 9ten Januar 1548; folglich wäre er nach dieser Rechnung geboren am 21sten August 1477.

4) Zell’s Verantwortung 1523. 9 iii. Zell erzählt hier, wie er damals „auch einmal vernarret“ in kindischer Einfalt, Verse, dreihundert an der Zahl, auf die Heiligen verfertigt habe, „da er zu Mainz auf der Schule war.“

5) „Cresce puer, tu quoque magnus eris“, soll Geiler zu dem jungen Zell gesagt haben, s. Loescher, Epicedion et narratio funebris in mortem venerabilis viri D. Matth. Zeliii 1518.

6) Zell, Verantwortung a. a.. O.

7) Capito’s Entschuldigung an Bischof zu Strassburg. 4. 1523. Blatt B. iiij b.

8) Pantaleon teutscher Nation Heldenbuch 1578. Basel. Fol. III. p. 154. „Mittlerweile ist er auch etwan in des Kaisers Feldzügen gewesen und ein gute Weil zu Waldshut wider die Schweizer im Zusatz (Reserve?) gelegen.“

9) s. Albrecht, De singularibus Academiae Albertinae in alias quam plures meritis, p. 19. Wir ziehen diese bestimmte Angabe der unbestimmten vor, nach welcher Zell schon zu Erfurt Magister philosophiae soll geworden seyn. Urban Regius in einem ungedruckten Brief an Capito vom J. 1524 nennt unsern Zell von Freiburg her seinen ehemaligen heidnischen Lehrer über den Aristoteles.

10) Heinrich Schreiber’s Melchior Fattlin. 1832. 4. Freiburg. S. 12.

11) Riegger, Amoenitates friburgenses I. p. 7, wo in der Recensio rectorum Academiae albertinae es heißt: 1517 in Vigilia omnium sanctorum Matthaeus Zell, Kaisersbergius, artium magister et sacrae theologiae baccalaureus (Rector factus).

12) Die Angaben lauten verschieden: 1515, 1518, 1520. Aber das Jahr 1518 ist gewiss das richtige, denn außer der erwähnten Ernennung Zell’s als Rector zu Freiburg im Jahr 1517 bezeugen Zell’s Ehefrau und Abraham Löscher, der im Jahr 1548 ein Trauergedicht auf Zell’s Tod verfasste, Zell habe während dreißig Jahren das Pfarramt in Münster verwaltet. Wenn Zell selber erzählt im „Buche schriftlicher Erklärung für Kinder“ u. s. w. 1534. 12.: „Im Jahr 1521 habe ich in dem Münster angefangen das reine Evangelium Jesu Christi zu predigen“, so beweist dieses bloß, er habe 1521 angefangen als Reformator zu wirken, aber keineswegs, dass er nicht schon früher im Amte gestanden.

13) Noch am Ende des Jahres 1521 die Sancti Thomae Apostoli schreibt Nicolaus Gerbel von Strassburg an Joh. Schweblin in Centuria Epistolarum ad Schvebel. p. 25: Mihi mors est Argentina, urbs omnium superstitiosissima, paucis admodum qui Christum colunt exceptis, frigent Concionatores nostri, praeter unum (Zell) qui Evangelium docet.

14) „Du hast mich von Luther nit viel hören sagen uff der Kanzel. Ich hab mein Lehr nie mit des Luthers Geschrifft bezeugt, aber sein Geschrifft treulich und fleisslich gelesen, als auch noch für und für, und wo sie gefunden wahrhaftig, hab ich sie gepredigt, nit darum dass es Luthers Lehr ist, sondern dass es wahr ist und Gottes Lehre. – Ich bin durch Luthers Schreiben in die Geschrift geführt worden und ein Verstand der Geschrift überkommen, dafür ich nicht wollt aller Welt Güter nehmen, und ob er schon hunderttausendmal ein Ketzer wäre. Darum kurzum zeiget mir und Anderen, dass Lutheri Lehr Gottes Lehr zuwider sey, oder wir werdens uns, ob Gott will, nit lassen verbieten, und sollten sich die Feind Gottes zu Tod darob wüthen“. Zell’s Verantwortung. 1523. – Diese Schrift Zell’s, die als Hauptquelle hier öfters erwähnt wird, ist leider unpaginiert, wie die meisten Schriften der ersten Reformationsjahre, daher können die Citate nur im Allgemeinen angegeben werden.

15) Jung, Beiträge II. S. 30 ff. – Grandidier, Essais sur la Cathedrale de Strassbourg. p. 83.

16) Saepe quidem tacitae per amica silentia noctis
Insidiatorum vecit acerbia manus.

17) Doctor Peter Wickgram, Neffe und Nachfolger Dr. Geilers, als Prediger am Domstift zu Strassburg, der anfänglich, ehe es zum völligen Bruch kam, viel von Reformation redete, als Echo seines Oheims, aber sich als unreinen Charakter erwies, und von Eitelkeit und Eigennutz geplagt, in zweideutiger Lebensweise verschollen ist. Außer den von Riegger Amoenitates friburgenses I. mitgetheilten, urkundlichen Nachrichten über Peter Wickgram mögen hier zu seiner Charakterzeichnung einige andere Angaben aus Sebastian Brandt’s handschriftlicher Chronik beigebracht werden:
1511. 3. post nativ. Mariae. Item meister Peter (Wickgram) prädicant in münster bitt ihn zu ehren uff sin doctorat zu Freiburg uff dionysii – Erkannt von Räth und XXI: soll man ihm ein bottschaft zugeben Herr Trach und Martin Sturm, porro 20 Gulden geschenket.„
„1512. Item als der Doctor (Peter Wickgram) im münster geprediget, dass ob 33 in drei wochen erfroren und hungers gestorben, sollen zwar erfroren: ob dies wahr oder erlogen sey? – Sagen die Todtengräber, nie keinen begraben sither. Weihnachten auch kein Mensch darvon zu sagen. – Hat Dr gelogen uff der Canzlen, ist ihm hernach gesagt, solches zu widerreden, oder man wird ihn verklagen.“
1516. „Item. Vor Räth u. XXI anzeigt, dass die Ditrichin Dr Petern (Wickgram) so hart anhang und so ungeschickt nache, dass er untauglich werde zu predigen. Bitt sinen bruder, den wyhbischoff (Conrad Wickgram) ein gedenken zu haben, wie sie von ihm zu bringen wäre. Da ist erkannt: dass man vor Rete u. XXI sagen soll, dass meiner herren Gutbedünken wäre, dass man sie (die Ditrichin) über Rhein vier oder fünf Meilen Wegs weit schwören liesse.“

18) Die Axt, ein Wirthshaus zu Strassburg, wo die Fuhrleute einzukehren pflegten

19) Zur Erläuterung der hier erwähnten Magdgeschichten und zugleich des damaligen Sittenzustandes unter den Geistlichen in Strassburg mögen folgende Angaben dienen, welche der handschriftlichen Chronik Sebastian Brandt’s, des Stadtschreibers, entnommen sind und die das bereits Bekannte in den Einzelheiten nachweisen. Brandt’s Nachrichten sind grossentheils Auszüge aus den alten Rathsprotokollen.
1503. Herzog Johann von Waldeck, Canonicus (in dem Münster) enthalt eines ehrbaren Burgers sin wib in sinem hoff. – Erkannt: M. Hn. sollen herzog hansen das Geleit abkünden und solches einem versammelten Capitel der Stift anbringen und fürhalten, wie M. Hn. den Räthen u. XXI anlangt mancherlei, das sie bedunken will ganz unförmig, nämlich der Freiheit halb ihrer Höff (die fürstlichen Domherrn des Hochstifts in Strassburg hatten gewöhnlich ihre besondern Wohnungen und Höfe, die unter der Stadt Schirm standen) als deren sie sich einer vermeinten Freiheit zu gebrauchen unterstunden, welcher Freiheit doch einem Rath kein Wissen war und besonders dass sie in ihr Höff uffnehmen und enthalten in freyheitswyse, der Burger döchter und frauen, und also ursach geben einem biderman sin lib und Gut zu entfüren u. s. w.
1505. Donderstag nach Invocavit: ein gute Metz by einem Pfaffen ussgehoben.
1505. Dinstag nach Medardi: ein Pfaff ein Döchterlein verhält.
1508. Margreth Schweizerin, der guten Barbel Mutter hat geschworen, der Pfaffen müssig zu gehn und nit also bey der Tochter den Mulzer zu fassen.
1509. Sabbatho post Andream. Bischof Albrechts Bastard der den Murnern ihr Schwester entführt, erbeut sich Rechts für M. Hn.
1510. 4to ante purificationis. XXI. Item Herr Peter Völtsch predigt von der Fassnachthennen … soll man ihm sagen, dass er kein Neuerung mach, und es lass by altem gebrauch bliben.
1510. 2 nach Viti. Eins priesters son, Conrad Hess, liegt im Thurn unfugs halber und hat vor Meister und Rath geschworen Recht zu stehn.
1510. Mitwoch nach Valentini, klagt Georg Zachen, dass ihm Pfaff Musauer sin wyb geschändt.
1510. Freitag post Francisci. Pfaffen über einander zucket und geblutrunset.
Id. 2 post Osvaldi Ein Hur by sant Veldins münch uffgehoben.
1513. Item Hn. Ludwig Böcklin und Caspar Hoffmeister bringen vor Räth u. XXI ein alte Ordnung, so der Huren halb, und mit dem Geschwätz im Münster, auch ihrer Kleidung halben .ii. So die verlesen so ist hie, so viel Huren.
„Dass der alt frumm Ordnung nit mag genesen
Das befehl ich Gottes Besen
Doch ist der Geistlichen Keuschheit so ungehür
Dass schier alle Ehrbarkeit ist worden thür
Die schicken uns vor ein solich Exempel
Dass das Münster schier ward ein Hurentempel.“
Sebastian Brandt.
1514. 5 post Laetare. Alls wider für M. Herrn gewisen werden der Pfaffen Huren halben, die sich mit der neuen Ordnung halten wollen. do ist erkannt, denselben gütlich sagen, dass sie also gehen sollen (wie verordnet) gekleidet und spatzieren.
Und auf abermaligen Widerstand: soll man den hohen Erzhuren sagen, M.HHln Meinung sey, sich der Ordnung zu halten, dann wo sie darwider handeln, wird man sich gegen ihnen halten, dass sie sehen MHHkN kein Gefallen daran haben.
1521. Vigilia Thomae Apostoli. Ward eine von Hassele im Kinzigthale befragt, wie sie zu Meister Peter von Gemünd, Lütpriester zu St. Martin kommen, und by ihm gewohnet; die hält by ihm gelegen, dann der Priester hat Ein Bett, hab mit ihm buhlschaft getrieben, endlich von den Scharwächtern uffgehebt worden. – Erkannt: diewyl sy die warhait gesagt, 30 Schilling von ihr nehmen und ein Urphed schwören lassen.

20) Jung, Beiträge. – Röhrig, Gesch. der Reform. in Strassburg und Elsass.

21) s. Grandidier, Essais sur la Cathédrale de Strassburg p. 273.

22) Specklin, Collect. Mscr. Vergl. Jung, Beiträge II. S. 32. – Von dem hier und später Vorkommenden finden sich viele gute, aus dem Stadtgerichte geschöpfte Nachrichten in der bloß handschriftlich vorhandenen „Beschreibung dessen, was sich bei der Reformation seit dem Jahr 1517 zu Strassburg zugetragen, durch Johann Friedrich Schmidt, Doct. Juris 1630.“ – J. Fr. Schmidt war strassb. Stadtrath und Advocat. Er wurde General-Advocat der Stadt am 18ten December 1613 und leistete ihr grosse Dienste bei mehreren wichtigen Sendungen. Er verfasste obige Geschichte vornehmlich zum Behuf seiner amtlichen Arbeiten, nämlich der Vertheidigungs- und Exceptionsschriften gegen das kaiserliche Restitutionsedict, welche zu Strassburg 1633 in 4° in Druck erschienen unter dem Titel: Acta und Handlungen in Sachen der Herrn Thumb Dechan und Capitularen dess Stiffts Strassburg contra Meister und Rhat betreffend die anmasslich gesuchte restitution des Münsters und anderer Pfarrkirchen in Strassburg. – Daher hat J. F. Schmidt in seiner strassb. Reformationsgeschichte besonders die Verhandlungen wegen des Interim und der katholischen Religionsübung hervorgehoben, gibt aber auch über die frühern Zeiten viele beachtenswerthe Nachrichten. Ueber Schmidt’s „Merita und Qualitäten“ finden sich Nachweisungen in dem Strassb. XIII. Protokoll zum Jahr 1633. Fol. 59. Er starb am 8ten Juli 1637.

23) Das Ausführlichere über diese Verhandlung des Domcapitels mit Zell s. bei Jung, Beiträge II. S. 34 ff.

24) „Dann die Sach nit besonder Personen antrifft, sonder all Christen miteinander. Was nun alle antrifft, soll billig allen eröffnet werden“. Zell, Verantwortung, Vorrede.

25) Die Blätter sind 196 an der Zahl, unpaginirt; angehängt sind des Fiskals 24 Klagartikel wider Zell. – Zell’s Verantwortung findet sich abgedruckt in Dr. Ludwig Rabus Märtyrerbuch. (Strassb. Fol. 1571.) II. S. 227 bis 317.

26) Karsthans ist ein mysteriöses Wesen in der ersten Reformationsepoche. Viele Schriftsteller haben Karsthans als Collectivnamen genommen für alle Pfaffenfeinde und Reformationsfreunde aus dem Bauernstande, ähnlich den Namen Kegelhans, Flegel Cunz u. s. w., auf Gleiches hindeutend in den bekannten Flugschriften: Karsthans und Neukarsthans V. A. öfters. – Allein die Klage des Fiskals deutet hier auf eine bestimmte Person. Vielleicht ist dies derselbe Karsthans, der in Bahlingen, in Schwaben, und zu Freiburg Luther’s Lehre verkündigte. Vgl. Sattler, Gesch. Würtembergs unt. den Herz. II, 105.

27) Ueber Enderlin s. K. F. Vierordt, Gesch. der Reform. im Grossherzogthum Baden S. 161.

28) Diese Predigt erschien im Druck, unter dem Titel: Ein collation auf die einführung M. Anthonii, Pfarrherrn zu Sanct Thomans zu Strassburg und Katharinen seines ehelichen Gemahels, von Matthew Zell von Kaysersbergk, Pfarrherrn im Hochstift da selbst. Gedruckt bei Wolfg. Köpfel. 4to. VI Kal. Decembris (26 Nov.) 1523.

29) Centuria Scherbeliana. p. 37. Vergl. Jung, Beiträge II. S. 142.

30) Abgedruckt bei Röhrich, Gesch. der Reformation im Elsass. I. S. 455.

31) Schadaei Summum templum. Arg. 1617. 4to. p. 88.

32) Centuria Schoebeliana. Ep. Gerbelii. p. 59.

33) Hackfurt wurde bald darauf Verwalter des strassb. Stadtalmosens und befasste sich mit Jugendunterricht. Später neigte er sich zu den Wiedertäufern; da aber deren Lehre von der Obrigkeit den guten Mann unruhig machte, so bat er die Prediger um Wiederaufnahme. Am 20sten Juli 1531 wurde er in Zell’s Haus, im Beiseyn Capito’s, Hedio’s, Butzer’s, Pollio’s und Latomus, wieder in die evangelische Gemeinde aufgenommen. – Bathodius hatte ausgebreitete Kenntnisse, er war auch in der Botanik erfahren. Si ostentare doctrinam vellet, jam dudum in majori loco esset, sagt von ihm der strassburgische Arzt Michael Toxites in Onomast. II. Theophrast. p. 438 und rühmt, wie derselbe ihm in der Gegend von Strassburg den Standort der Gratiola, des Scordium und Thalictrum gezeigt habe.

34) Der Evocationsbrief an Wolfg Schultheiss, dem die an die übrigen verheiratheten Priester gleichlauteten, findet sich aus Abrah. Scultets Papieren bei Gerdesii hist. Evang. renovat. II. p. 70; doch mag in der Zeitangabe ein Druckfehler obwalten. Nach diesem Document sollte Jeder erscheinen: „Visurus et auditurus, ipsum propter pretactum, pretensum et de facto contractum matrimonium, quod quidem ita publicum est, ut ob sui notorietatem nulla tergiversatione celari possit, per nostram sententiam et juris declarationem omni privilegio clericali exuendum et privandum esse, exuique et privari atque de facto exutum et privatum esse decerni et declarari dicti citati absentia sine contumacia in aliquo non obstante.“

35) Jung, Beiträge II. S. 168 ff. – Auch Zell’s Frau sandte an den Bischof ein Schreiben „eines heissen Inhalts“, worin gedrohet war, dasselbe durch den Druck bekannt zu machen; doch die Veröffentlichung unterblieb,

36) Nam ubi Episcopus excommunicationem publicasset, nos intra eundem noctem Appellationem fratrum nomine essinximus. Hestera die appellatum est praesente Notario; mox excusa omnia prodierunt. Quo remedio, populus ne quid super excommunicatione disceptaret, cavimus: exspectarat etiam nostram in se vicissim sententiam Episcopus, quasi cum complicibus damnaremur, quae res ad manifestam desiisset seditionem …. Propter excommunicationem Episcopi nemo sacrificulus, nulla mulier commota est: tam commode cecidit Appellatio. … Brief Capito’s an Ambros. Blaurer dat. Argent. 4. Mai 1524 bei Gerdesius, Hist. eyang. renovati. II. p. 73..

37) Publicis scortis tum abutebamur, partim peculiares mulierculas alebamus domi, partim vero qui in speciem incorruptissimi, perpetua uredine, sacrificium Moloch, ipsi nos fecimus, non sine fidei jactura. Appellatio sacerd. maritor. Arg.

38) Vergl. auch Jung, Beiträge II. S. 176 ff.

39) Johannes Sturm, der Zeitgenosse und nachmalige Rector der Academie zu Strassburg, bezeugt von Zell und von Pollio, dessen Collegen in dem Münster: Populares hi magis oratores erant quam literati, sed insignis in Matthia (Matthaeo) probitas. Joh. Sturm, Antipappus. IV p. 7. Pollio hatte keine fleckenlose Vergangenheit; Zell’s Namen dagegen war unbescholten. a. a. 0.

40) Wie volksthümlich Zell war, erhellt zuverlässig daraus, dass während des Bauernkriegs 1525 die Bauern wiederholt „Meister Matthis und seine Gesellen zu Strassburg“ als Schiedsrichter begehrten. Auch ließ es sich Zell nicht verdriessen, trotz der Gefahr, sich nach Altorf in das Bauernlager zu begeben, um Frieden zu stiften; aber ohne Erfolg. Röhrich, Gesch. der Reform. im Elsass I. S. 290.

41) , 42) Zell, Verantwortung 1523.

43) (Mieg) Monumenta pietatis et literaria virorum illustrium. Francof. 1701. 4to. p. 177.

44) Schon am 16ten April 1526 schrieb Capito an Zwingli: Matth. Zellius nobiscum facit, sed magna tandem difficultate co perductus est. Opp. Zvinglii. Ed. Schuler et Schulthess. VII. p. 493.

45) hier steht ein griechischer Begriff, den ich nicht abschreiben kann

46) Ungedruckte Briefe Butzer’s und Ambr. Blaurer’s in dem Kirchenarchiv zu Strassburg. Diese merkwürdigen Documente sind nicht leicht zu entziffern. Blaurer’s zierliche Schrift ist oft sehr klein; Butzer’s eilfertig hingeworfene, verschlungene Schriftzüge müssen oft errathen werden.

47) S. Joh. Sturm, Antipappus IV. 3. p. 166. Auch Caspar Hedio hielt sich aus demselben Grunde von den Butzerschen Vergleichshandlungen zurück. Er meinte, es sey überhaupt gefährlich, über göttliche Dinge zu streiten; man solle die Einsetzungsworte, wie sie in der heil. Schrift stehen, gläubig annehmen und nicht gelehrte Erklärungen über eine Sache geben wollen, von der die Apostel selber nur mit der grössten Vorsicht sprechen. In Beziehung auf Butzer sagt Hedio: nemo omnibus horis sapil. S. Hedio’s umgedruckten Brief vom Jahre 1536 (ohne Angabe des Tags) an den gemmingischen Prediger Franciscus Irenicus, in der Schadäischen Briefsammlung (Strassb. Stadtbibliothek).

48) Der gelehrte evangelische Prediger Georg Witzel war einer der ersten Rückgänger vom Lutherthum zum Katholicismus. Ueber obige Schrift S. Strobel’s Beitr. II. St. 1. S. 229.

49) In dem zu Cadau abgeschlossenen Vertrag, durch welchen Herzog Ulrich wieder in den Besitz Würtembergs gelangte, war ausdrücklich gesagt, dass kein Sakramentierer im Land solle geduldet werden. Ambrosius Blaurer wurde hierauf, nebst dem streng lutherischen Erhard Schnepf, zur Organisation der evangelischen Kirche in Würtemberg durch den Herzog berufen. Allein bald entspannen sich zwischen beiden Theologen Misshelligkeiten wegen der Nachtmahlsfrage. Um die Eintracht herzustellen, pflichtete Blaurer, wie einst auch sein Freund Butzer gethan hatte, der im Marburger Gespräch 1529 aufgesetzten Vereinigungsformel bei; Schnepf erklärte sich dadurch befriedigt. Allein er und die andern Gegner Blaurer’s erhoben nun ein Triumphgeschrei, Blaurer sey von seiner frühern Meinung abgefallen und habe widerrufen. Ein Katholik gab selbst eine Flugschrift heraus: Ein Widerruff Ambrosi Blaurers, den Artikel vom hochwürdigen Sacrament belangend – von welcher D. Eck mehrere Exemplare an Zell mit dem obigen Schreiben sandte.

50) S. Schwenkfeld’s Epistolar. I. p. 163 dat. 8. Juni 1535.

51) Frau Zellin Brief 1557 in Füsslin, Beiträge V. S. 270.

52) Supplication Zell’s an den Rath der Stadt Strassburg 1527 sammt Aussag des Boten.
Zell’s Supplication an den Rath der Stadt Strassburg 1527 (aus dem Original im Strassburg. Kirchenarchiv). Ehrwürd, gnäd. liebe Herrn euch sy min underthenig gehorsam dienst bevor. Ew. gnaden ist freilich noch wohl zu wissen, wie in verruckten tagen, beiläufig uff ein halb Jar, Ich an. Ew. Gn. supplicirt hab. von wegen meiner Hab nämlich Häuser und Garten, so ich zu Freiburg im Pryssgowe haben sollt, wie mir solche mein Hab genommen, und eim andern Stoffel Bossenstein ingeben, item uff welches suppliciren nachdem Ew. Gn. Ehrw. Einem Ersamen Rath, zu Freiburg für mich geschrieben und wiederumb Antwurt empfangen, dass sie, ein Ersamer Rath zu Freiburg, sollichs nit uss ihnen selbs sondern uss befelch fürstl. Durchl. Ferdinandi Ihres gnäd. Herrn, dem sie in solchem haben müssen gehorsamen, gethon und solchen bevelch nit wüssten zu ändern. Daruff ich dann wyter suppliciret und anzeigt, dass ich nit allein umb Fl. Dl. Ferdinandi, sondern auch um andre Erzherzog von Oesterreich, mich nicht bewusst etwas je verschuldet zu haben, darumb solcher Befelch von ihnen wider mich sollte geben werden, auch wie ich all mein Tag ein Liebhaber des Hauses Oestreich gewesen und in siner fürstl. Gn. Stadt und hohen Schul zu Freiburg ob zwanzig Jar gestudirt, gelesen und geholfen regieren, darzu auch meines vätterlichen Erbs den grössten Theil daselbst verzehrt, auch in solcher Freundlichkeit beid von der Stadt und Universität abgeschieden, dass so ich etwa wiederum hienaus kommen, sie mir auch beide, Zucht und Ehr bewiesen, deshalb ich mich gar keines argen hab können versehen, von allen des Huss Oestreich verwandten. Es ist auch das ihene, das ist mein Predigen und lehren, desshalb, als vielleicht zu erachten solcher Ungunst uff mich gewachselt, wie es denn ketzerisch und uffrührisch von ettlichen geschuldigt möcht werden, Aber Gott lob mit wahrheit nimmer erfunden, in Ew. Gn. Stadt und nit im Fürstenthumb des Huss von Oestreich beschehen, desshalb sich weder fürstl. Durchl. noch die seinen einicherley weg über mich haben zu beklagen. Uff solche Meinung ungeferlich halt die Ander Supplication gelutet, mit beger, wie auch in der Ersten, m. E. gn. Hern, dass sy mir mit gütlichen, früntlichen mitteln beholfen sin wollten gegen fürstl. Durchl., damit mir das min wiederumb zu handen gestellt würde. Uff welches nun nit wyter gehandelt, diewil fürstl. Durchl. nit in der Nähe zu betretten gewesen, Sonder sich in frembden landen als Böhem und Oestrich gethon, desshalb auch gespart ward sollichs mit siner fürstl. Durchl. zu handeln, bis sie sich villicht unsern landen bass näherte, Und so ich nun also geduldig gewesen bin guter Hoffnung mit gelegner Zit mir wiederumb mines jetzigen schadens ergötzung zu bestehen, So begegnet mir ein andres von denen von Freiburg. Nämlich dass sie mir ein schuld IX Glden welche ich dennocht für XIII f1. im zwanzigsten Jar Junker Cunrad von Kranznow selig geliehen, nach viel erlittenen kosten und Bottenlon genommen hab, durch den Stab und Verbott wiederum stellig gemacht, den Botten so von minetwegen das Geld schon empfangen hatte darzubracht, dass ers wiederumb von ihm hat müssen herussgeben und In Iren wechsel zulegen, frylich nit der meinung dass es mir viel gewinnst daselbst sollt tragen, Und als auch solchs verbietten beschehen In namen und ufs bevelch (als sy sagen) Fürstl. Durchl. Ferdinandi, welchen befelch ob Fürstl. Dl. insonderheit über mein geld als eben geben habe, dweil sy doch in fernen landen ist, gib ich E. E. Gn. zu ermessen. Doch dem allem sey wie ihm wöll, Ich bin als zum andern mal auch der übrigen Güter beraubt, die ich nützlicher minen schuldnern usstheilete und ist mir zu besorgen wo solchs soll also fürgon und gelten mir also das min zu nemen und hinterstellig zu machen ohn Verschuldigung und über so viel Rechts, dass ich mich menglichen vor E. Gn. zufür erbiete und oft und offentlich erbotten hab, dass mir auch mit dem überänzigen vierzig gulden lybgedings so ich uff unser Frawen huss zu Freiburg erkauft hab auch also gohn möcht und also gar miner narung beraubt werde. Welche wie wol ich geduldigklich als ein Christ billig lyden solte wo es je nit anders füglich sin möchte, So wurd mir doch nit von Gott abgeschlagen sollichs vor einer christlichen Oberkeit zu beklagen, welche auch für sich selber schuldig ist, ihres Amts halber, dem so unschuldig gedruckt und geschädigt wird zu helfen; deshalb Ew. E. Gn. diewil nun ir min christliche Oberkeit sind, ich auch bisher E. Gn unterthäniger gehorsamer Burger gewesen, hab ich mit können übergon euch solchs, so mir jetzt anderwärts begegnet, anzuzeigen und zu klagen darzu auch das vorig so mir geschehen (das ist von miner Hüser und Garten) in euerm Gedächtniß zu erfrischen, mit angehängter demüthiger Bitt, mir mit füglichen, früntlichen mitteln beholfen zu sin, es sey je mit fürstl. Durchl. oder mit eim Ersamen Rath zu Freiburg zu handeln, bis dass mir das mein, dass ich unschuldiglich entsetzt bin, wiederumb und frey in min gewalt, solchs nach minem Nutz zu niessen und pruchen, gestellt werde, will ich gegen Ew. Gn. mit aller unterthäniger gehorsamkeit zu beschulden mich allzeit ernstlichen beflyssen.
E. Gn. u. Ehrw.
Underthäniger Burger
Matheus Zell.
Aussage des Boten. Freitags den 15 Martij 1527.
Simon Schridt, der laufersbot, sagt, als er jüngst von Meister Mathis Zellen ihm etlich Geld by des wilenden vesten Cunrad von Kranznowe seligen wil we ze holen, gen Freiburg geschickt worden, hab im dieselbig uff Samstag nach Mathiae IX gulden geben, die er uff dem tisch empfangen und als ers in den seckel wollte sherren, hab ein bött an der Thüren klopfft und ylend in die stub kommen, das gelt verbotten, sagend: „das gelt, das du do empfangen, wirstu hie lassen, denn ich verbiets im namen des Fürsten und miner gnädigen Herren stab.“ Daruf das gelt an die Münz kommen, wie wohl sie vor und ehe den schuldzettel und Quilanz vor ihm empfangen und in der Daschen gehept.

53) Silbermann, Localgeschichte der Stadt Strassburg S. 154.

54) Heinr. Pantaleon, Heldenbuch 1578. Basel. III. S. 151. Aehnliches in Loescheri Epicedion 1548, in Frau Zellin Brief 1557 und Adami Vitae theologorum. Abr. Loescher, Epiced., berichtet in Hinsicht auf Zell’s edle Wohlthätigkeit:
Non cumulabat opes, opibus relevavit egenos,
Et dedit extensa munera larga manu.
Nocle dieque fores inopi miserisque patebant;
Haec erat auxilii consiliique domus. \\

55) Strassb. Stadtbibliothek.

56) Multo plausu vulgi hic (zu Constanz) ter uno die concionatus est, et tua gloriam obscuravit non nihil sua claritate, ut est vulgi crassum judicium Ep. Ambros. Blaurer ad Bucer. 10. Juni 1534. Vergl. Röhrich, Gesch. der Reform. im Elsass II. S. 151

57) S. Röhrich, Gesch. der Reform. im Elsass II. S. 166. Einer Mittheilung des Stadtarchivars von Strassburg, Hrn. Ludwig Schneegans, verdanken wir folgendes Document:
Aus dem XXI Memoriale des Raths der Stadt Strassburg 1539 Samstag den 1sten Martii.
„Der Herr Ammeister zeigt an, das ein ehren man so etwan myn herren gedient, wie myn herrn die XIII und XV wol wüssend, mangel an Elsesser (nämlich Wein) habe, daruff die XIII und XV bedacht, das Ime ein vierling gutts wyns gehn Frankfurt zu schicken, würden die Gesandten Ime den zufertigen Erkandt wie herbracht, Ime den wyn hinab zufertigen. -“.
NB. Am Rande des alten Protokolls steht von derselben Hand bei dem Worte „ehren man“ beigeschrieben „Doctor Luther“.

58) Frau Zellin Brief 1557 bei Füsslin, Beiträge V. S. 312 ff.

59) Gerbel’s ungedruckter Brief an Johann Brenz 16. Januar 1518: Una hora comedit, loquitur, ridet, moritur (nämlich Caspar Glaser).

60) Frau Zellin Brief bei Füsslin V. S. 329.

61) Loescher, Epiced., sagt: fere omnis civilas. Andere geben die Zahl der Begleiter auf 3000, Andere auf 5000 an. Aus einem ungedruckten Brief des Prof. Paul Fagius an Johann Ulstetter dat. Argent. 21. Januar 1548 (Strassb. Stadtbibliothek) entnehmen wir Folgendes: Zell sey begraben worden revera cum magno dolore et luctu universae plebis, quae amorem studiumque summum erga illum manifeste declaravit, quod circiler 3 millia hominum et supra fuisse creduntur qui funus ad locum sepulturae deduxerint. Talem pompam nunquam visam putant Argentinae.

62) S. d. Angabe bei Rabus, Märtyrerbuch II. S. 317. Sie ist unzweifelhaft die richtige, da Rabus lange in Zell’s Hause lebte.

63) Dieses Gedicht führt den Titel: Epicedion et narratio funebris in mortem D. Matthei Zelli in 12. 1548 apud Wolph. Cephaleum.

64) Pantaleon, Heldenbuch III. S. 412. Löscher gab 1550 eine latein. Uebersetzung des Pausanias in Basel heraus; übersetzte die Bücher der Könige und die Klaglieder des Jeremias in lat. Verse und verfasste in ziemlich fliessendem Styl und Versbau verschiedene Gelegenheitsgedichte, von denen mehrere unter Anderen in den Werken des Nicolaus Reusner sich zerstreut finden.

65) Strassb. Kirchenarchiv.

66) Frau Zellin Brief bei Füsslin V. S. 306.

67) Unter des Chronisten Daniel Specklin’s Vorgang.

68) Löscher, der Augenzeuge, der das ganze Leichenbegängniss beschreibt, sagt bloß: Uxor honorati recitat pia facta mariti und zwar, nachdem die Menge sich zurückgezogen.

Salomon Morf

Salomon Morf von Zürich. Der erste Pfarrer von Neu-Bärenthal.

 

Zum ersten Pfarrer von Neu-Bärenthal wurde auf Vorschlag der Proselytenkammer von Zürich durch die Abgeordneten der evangelischen Stände der Schweiz Salomon Morf von Zürich, damals Catechet in Leimbach, gewählt. Die Regierung von Württemberg wollte jedoch diese Wahl nicht bestätigen, bis er auch den Gottesdienst in der französisch redenden Waldenser Gemeinde in Wurmberg versehen könne. Aus Rücksicht für die evangelischen Cantone der Schweiz, von welchen diese Wahl geschehen, gestattete man dem Herrn Morf, den Pfarrdienst in Neu-Bärenthal zu versehen, ohne in dieses Amt förmlich eingeführt worden zu sein. Seine erste Predigt hielt er über 1. Corinth. 5,6-8. Die eigenthümlichen Verhältnisse dieser neugebildeten Gemeinde erschwerten im hohen Grade die Besorgung dieses Pfarrdienstes. Da noch kein Pfarrhaus da war, so mußte Herr Morf bei einem Bürger der Gemeinde wohnen und die Kost nehmen. Ihm lag es auch ob, die Correspondenz mit der Proselytenkammer zu führen, welche die Unterstützung der Gemeinde vermittelte, und darüber Rechnung zu stellen. Dabei erfüllte er die Pflichten eines Pfarrers und Seelsorgers mit großem Eifer und mit gewissenhafter Treue. Bei Tagesanbruch versammelte er täglich die Gemeinde zu einer gemeinschaftlichen Betstunde, in welcher er gewöhnlich einen Psalm erklärte und denselben dann in erbaulicher Weise auf die Verhältnisse der Gemeinde und der Mitglieder derselben anwendete. Montag Mittags hielt er eine Kinderlehre; Freitags die Wochenpredigt und Samstag Abends eine Catechisation für die erwachsenen Männer und Weiber. Jeden Sonn- und Festtag hielt er Vormittags eine Predigt und Nachmittags eine Kinderlehre. Da die Gemeinde nur aus Proselyten bestand, so mußte der Herr Pfarrer sie auch zum Kirchengesang anleiten und beim Gottesdienst zugleich den Vorsängerdienst versehen, bis es ihm gelang, einen Jüngling zum Lehrer und Vorsänger heranzubilden. Im Winter versammelte er Abends nach dem Nachtessen die Gemeindeglieder in seiner Wohnung und las mit ihnen die heilige Schrift, besprach sich über die wichtigen Religionswahrheiten und gab ihnen Anweisung, wie sie auch aus dem Herzen beten können und sollen. Nachdem Herr Morf bereits ein Jahr den Pfarrdienst in Neu-Bärenthal mit vielem Segen versehen hatte, wagte er es, auf dringende Bitten der Waldenser Gemeinde in Wurmberg eine Predigt in französischer Sprache daselbst zu halten. Diese fand solchen Beifall, daß die Waldensergemeinde Wurmberg ihn sofort zum Pfarrer wählte. So ward endlich Herr Morf von der Regierung von Württemberg zum Pfarrer der beiden evangelischen Gemeinden Wurmberg und Neu-Bärenthal bestätigt. Seine Antrittspredigt in Wurmberg hielt er den 19. August 1725 über Psalm 77,11.12: „Aber ich sprach: Das ist meine Schwachheit; die Aenderungen stehen in der Rechten des Allerhöchsten. Ich will die Werke des Herrn rühmen; ja ich will gedenken deiner Wunder von Alters her.“

Sein Verhältniß zu dieser neuen Gemeinde war ein sehr freundliches, obgleich seine Amtsgeschäfte durch den Pfarrdienst in Wurmberg mehr als verdoppelt wurden. So mußte er nun jeden Sonn- und Festtag Vormittags in Wurmberg in französischer und Nachmittags in Neu-Bärenthal in deutscher Sprache predigen. Montag Mittags hielt er zu Neu-Bärenthal eine Catechisation und Donnerstags eine Predigt. Zu Wurmberg mußte er aber Mittwochs und Samstags Betstunden halten und Freitags eine Catechisation. Daneben mußte er noch oft benachbarten Pfarrern mit Predigen aushelfen.

Auch machte ihm die Ordnung der äußeren kirchlichen Verhältnisse dieser Gemeindespiele Mühe, indem er beim Antritte seiner Stelle darin die größte Verwirrung vorfand. Die Armenkasse enthielt keinen Heller zur Unterstützung der Armen und Kranken. Ebenso fehlte jede Rechnung über frühere Verwendung des Armengutes. Geburts-, Tauf-, Ehe- und Todtenregister fanden sich ebenfalls keine vor. Die Gemeinde besaß auch weder ein Pfarrhaus, noch eine Kirche. Daher mußte Herr Morf durch Bittschreiben an die Glaubensgenossen in der Schweiz und in Deutschland erst die Mittel herbeischaffen, um diese nothwendigen Bauten ausführen lassen zu können. Wirklich gelang es ihm, in den Jahren 1726 und 27 die nöthigen Mittel zusammenzubringen, so daß bis zum Jahre 1728 Pfarrhaus und Kirche erbaut und letztere auch eingeweiht werden konnte. So wirkte Herr Morf mit großem Segen in Neu-Bärenthal und Wurmberg bis zum 4. December 1733, da er zum Pfarrer der reformirten Gemeinde in Stuttgart gewählt wurde. Den 4. April 1734 nahm er dann von Neu-Bärenthal und Wurmberg Abschied und ging nach Stuttgart. Hier wurden ihm vom lutherischen Consistorium, wie später von Seiten seiner reformirten Amtsbrüder mancherlei Schwierigkeiten für seine Amtsführung bereitet. Indessen wirkte er doch mit vielem Segen und Erfolge auch in dieser Stelle. Zur Erweiterung und Renovation der Kirche mußte er in der Schweiz durch Vermittlung der Kirchenbehörden von Zürich einige hundert Franken collectieren lassen, was ihm auch vollkommen gelang. Gegen Ende des Jahres 1739 wurde dann Herr Pfarrer Morf von der verwitweten Fürstin von Nassau-Siegen zu ihrem Hofprediger berufen. Er folgte diesem Rufe im Märzen 1740. Im Jahre 1747 ward er dann zum Hofprediger auf das fürstliche Schloß zu Dillenburg berufen. Nachdem er kaum ein Jahr diese Stelle versehen hatte, ward er zum Oberconsistorial-Rathe und endlich zum kirchlichen Inspector des ganzen Fürstenthums Dillenburg ernannt. Er starb nach segensvoller Wirksamkeit im Mai 1756.

Polycarpus, Bischof von Smyrna.

Polycarpus ist eine der ehrwürdigsten Erscheinungen des christlichen Alterthums: es vereinigt sich vieles, ihm unter den hervorragenden Männern noch eine auszeichnende Stelle zu geben. Zuerst die Zeit und der Ort seines Auftretens. Es ist das Zeitalter an der Grenze des apostolischen: ihm selbst war vergönnt zu den Füßen des Johannes zu sitzen, und unter denen, die also bevorzugt waren, ist er der einzige, von dessen persönlichem Verhältniß zu dem Apostel Kunde überliefert ist. Und es ist das Land, Kleinasien, welches in diesem Zeitalter, dem zweiten Jahrhundert, als der bewegteste Schauplatz des christlichen Lebens und durch zahlreiche Kirchenlehrer eine leitende Stellung einnahm: es fehlte nicht an großen Irrthümern, aber es trafen die Geister auf einander, und an diesem Kampf hat auch Polycarp Antheil. Dazu kommt seine christliche Persönlichkeit und die Vollendung im Märtyrertode: worüber ein kostbares Document erhalten ist, dem aus jenen Jahrhunderten nichts gleiches an die Seite zu setzen ist. Sonst ist nur dürftige Kunde überliefert; aber manche bruchstückliche Aeußerungen von ihm und über ihn, in Zusammenhang gebracht, dienen das Bild zu vervollständigen.

Polycarpus ward, wie es scheint, zu Ende des achten oder Anfang des neunten Jahrzehends im ersten Jahrhundert geboren. Seine Jugend trifft in die letzte Generation derer, die den Herrn gesehen hatten: auch hatte er nach dem Zeugniß des Irenäus Umgang mit vielen von solchen und er genoß selbst den Unterricht der Apostel. Namentlich ist er ein Schüler des Apostels Johannes: sei es daß er auf dessen apostolischen Reisen, in der eigenen Heimath, wir wissen nicht wo, ihn kennen gelernt, oder daß er auf dessen apostolischem Sitz, zu Ephesus ihm nahe gekommen ist: vielleicht daß beides statt gefunden.

Wie seine christliche Unterweisung durch Apostel, so erhielt er durch sie auch seinen Beruf als verordneter Bischof der Gemeinde von Smyrna. Unter diesen Aposteln ist ohne Zweifel Johannes begriffen, auf den seine Einsetzung auch ausdrücklich zurückgeführt wird. Uebrigens ist der Name nach dem allgemeinen Ausdruck von „Augenzeugen und Dienern des Herrn“ zu verstehen, wie sie bei dieser Wahl genannt werden: das heißt überhaupt unmittelbare Jünger des Herrn, dergleichen Aristion und der Presbyter Johannes waren; nicht aber nothwendig Apostel im engern Sinn. Denn die Einsetzung Polycarps zum Bischof von Smyrna kann frühestens in die Zeit kurz vor dem Ende des Johannes fallen.

Die Gemeinde zu Smyrna, dem johanneischen Kreise angehörend, war neben der ephesinischen die bedeutendste. Ihre Stiftung liegt für uns im Dunkel. Sie muß aber nach der Zeit des Paulus erfolgt sein, denn als der Apostel an die Philipper schrieb um das Jahr 62, bestand zu Smyrna noch keine Gemeinde (wie Polycarp selbst andeutet); doch auch einige Zeit vor der Abfassung der Apocalypse: also um die Mitte des siebenten Jahrzehends, sei es von paulinischen Gemeinden aus, sei es durch den Apostel Johannes. Eine Andeutung des frühesten Zustandes der Gemeinde gibt der zweite apocalyptische Brief. Sie war damals arm und bedrängt, aber reich an That und Hoffnung: Mitglieder des nur noch so genannten Volkes Gottes hatten auch hier ihre Schmähungen ausgegossen; neue Verfolgungen, Todesgefahren standen bevor. Aber die Zeit der Noth sollte nur kurz sein: der im Kampf erprobten Treue wird droben die Krone des Lebens verheißen. So erscheint diese Gemeinde dem Leser fleckenlos, weder ihr Wandel, noch ihr Glaube fordert den Tadel heraus; nur Lob und Ermahnung wird ihr gespendet. Man hat angenommen, daß der Engel der Gemeinde zu Smyrna, dem dieser Brief überschrieben ist, Polycarp sei. Da aber die Apocalypse vor der Zerstörung Jerusalems geschrieben ist, so kann von ihm hier nicht die Rede sein.

Von der frühern Zeit der bischöflichen Verwaltung Polycarps ist keine Nachricht überliefert. Doch findet sich an glaubwürdigem Ort eine in alter und neuer Zeit viel gefeierte Erzählung von der Rettung eines Jünglings durch Johannes, dessen Sorge und Aufsicht der Apostel dem Bischof einer benachbarten Stadt auf die Seele gelegt hatte. Man hat an Polycarp gedacht. Allein Clemens, der den Vorgang berichtet, nennt die Stadt nicht; erst weit später wird Smyrna angegeben. Wenn nun auch für diese Stadt die Nähe von Ephesus spricht, so bleibt doch außerdem ungewiß, ob der ungenannte Bischof grade Polycarp gewesen oder nicht vielmehr einer seiner Vorgänger. – Es ist aber überliefert, daß er Briefe an die benachbarten Gemeinden sandte zur Befestigung des Glaubens, auch an einzelne Personen zur Warnung und Ermunterung. Ein solcher Brief aus der früheren Zeit, gerichtet an die Gemeinde zu Philippi und von dieser hervorgerufen, ist noch vorhanden. Der Verfasser lehnt sich an Aussprüche des Evangeliums so wie der Apostel Paulus, Petrus und Johannes. Aber er läßt eine selbständige Ueberzeugung durchscheinen. Ausgehend von der Wurzel und der Frucht des Glaubens, faßt er damit zusammen die Liebe, welche vorangeht und die nachfolgende Hoffnung, deren ewigen Inhalt er besonders hervorhebt: Auferstehung, Gericht und seliges Leben. Wenn wir dem Herrn, sagt er, in dieser Welt gefallen, werden wir auch die zukünftige erlangen; wenn wir seiner würdig leben, werden wir mit ihm regieren. So geht zugleich ein ernster, sittlicher Zug durch den Brief: er ermahnt dem Herrn zu dienen in Furcht, seiner Geduld nachzufolgen, einen guten Wandel unter den Heiden zu führen, und wendet sich im Einzelnen an alle Stände des Hauses und der Kirche. Der besondere Irrthum aber, dem er die von Anbeginn überlieferte Lehre entgegenstellt, ist die Leugnung Christi, daß er in’s Fleisch gekommen, so wie die Leugnung der Auferstehung und des Gerichts. Und das Laster, vor dem er besonders warnt, die Habsucht: er beklagt den Fall eines Presbyters und seiner Frau (wie es scheint, Veruntreuung von Gemeindegeldern), wünscht ihnen wahre Buße und ermahnt die Gemeinde, die Verirrten zurückzuführen.

Ein Zeichen des hohen Alterthums des Briefes liegt darin, daß im Clerus nur Presbyteren und Diaconen unterschieden werden; ein bestimmtes Zeitmerkmal in der Erwähnung des Ignatius, dessen Geduld er mit Augen gesehen habe, und von dessen seligem Heimgang er überzeugt sei. Zugleich übersendet er ihnen dessen Briefe und erbittet nähere Nachricht über ihn und seine Gefährten (was keineswegs mit dem ersten in Widerspruch ist). Das weiset auf die Zeit bald nach dem Tode des Ignatius hin (der nach den Alten in das Jahr 106, nach neuerer Aufstellung in das Jahr 115 trifft). Aber wegen dieses Zusammenhangs wirkt der Zweifel, der an die Briefe und den Ausgang des Ignatius sich heftet, auch hier ein: daß man (wenn nicht den ganzen Brief) die auf Ignatius bezüglichen Stellen für unächt erklärt hat. Noch andere Stellen haben Bedenken erregt, deren Ausscheidung dem Briefe mehr Einheit und Klarheit geben soll. Es ist wahr, es kommen einige Uebertreibungen und Unterbrechungen vor((Bedenklich ist mir auch die Aufforderung Cap. 5: den Presbyteren und Diaconen sich unterzuordnen, wie Gott und Christo; die wohl im Geschmack des Ignatius ist, aber dem Polycarp weniger ähnlich sieht.)). Uebrigens aber hat der Brief das Gepräge innerer Wahrheit; und er ist im Ganzen durch älteste Zeugnisse geschützt.

Die erste und bedeutendste Thätigkeit eines apostolischen Mannes war die durch das lebendige Wort. Das Wort vertretend waltete Polycarp in seiner Gemeinde auf dem Wege des Lebens ihr vorangehend mit den Presbytern als der Erste unter seines Gleichen; denn wie die damalige Kirchenverfassung die Unterordnung noch nicht aussprach, so war er persönlich frei von hierarchischem Geist. Einen Spiegel seiner Wirksamkeit haben wir an den Gesinnungen, mit denen seine Gemeinde ihm zugethan war: er genoß allgemeine Liebe und Verehrung. Das schönste Denkmal derselben hat sie ihm in jenem Rundschreiben über sein Märtyrerthum gesetzt. Und nicht genug, daß die Seinigen so von Leben und Sterben dieses Gottesmannes zeugen, selbst die Erbitterung seiner Feinde, das heißt der Feinde des Namens Jesu, mußte wider Willen ebenfalls am Ziel seiner Laufbahn, wie wir sehen werden, Zeugniß ablegen für ihn, für seine große Wirksamkeit.

Doch aus den unbestimmten Umrissen, in denen so nur Polycarp im Verhältniß zu seiner Gemeinde erscheint, mag ein deutlicheres Bild gewonnen werden, wenn wir die Männer in’s Auge fassen, die in persönlichem Verhältniß zu ihm standen. Denn so vieles auch in Vergessenheit gesunken ist, so ragen doch aus der Tiefe jener Zeit einige näher verbundene Gestalten hervor.

Ignatius, Bischof von Antiochien auf seinem letzten Wege, da er durch Kleinasien gefangen nach Rom geführt wurde, kam durch Smyrna und hier mit Polycarp in Gemeinschaft, den er früher nicht gekannt zu haben scheint. Er faßte Vertrauen zu ihm und gewann ihn lieb. In dem Sinn gedenkt er seiner in Briefen, die er zu Smyrna abfaßte. Von Troas aber an die Smyrnäer und den Polycarp schreibend, nennt er diesen einen gotteswürdigen Bischof und einen gottseligen Mann und preiset Gott, daß er gewürdigt sei, dessen unschuldiges Antlitz zu sehen. Auch bat er ihn einen Abgeordneten nach Syrien zu senden, der seiner verwaisten Gemeinde die theilnehmenden Gesinnungen der Smyrnäer, als ein Zeuge ihrer Liebe und ein Bote ihrer Tröstungen, darstelle: eine Sorge, die gleicherweise den ehrt, der sie hegte, wie den, dem sie anvertraut ward.

In allem dem ist nichts, was den Eindruck des Erfundenen machte. Da aber die Briefe des Ignatius überhaupt in verschiedenem Grade Zweifeln unterworfen sind, obwohl der an den Polycarpus weniger als andere; so muß dieses Zeugniß der Frage über die Aechtheit jener Briefe sich unterordnen.

Papias, Bischof von Hierapolis war dem Polycarp befreundet, wie durch Irenäus bezeugt ist: seit wann und woher wird nicht gesagt. Doch ist wohl glaublich, daß die Freundschaft beider Männer von ihrem gemeinsamen Lehrer Johannes sich herschreibt. Die Meinung aber, daß Papias auch gleichzeitig mit dem Polycarp die Märtyrerkrone erlangt habe, scheint durch Mißverständniß aufgekommen zu sein. Daß die Verbindung dieser apostolischen Männer eine innerliche gewesen, darf man aus ihrer verwandten Geistesrichtung schließen. Wie in der Anschauung des neuen göttlichen Lebens das lebendige Wort ihnen mehr war als der Buchstabe; so hielten sie auch fest an dem Reichthum der That, den dieses Wort offenbart, an der Fülle des Lebens, die in wirklicher Erscheinung ausgeprägt war und dereinst wieder so offenbart werden sollte.

In diesem Geiste lebte und lehrte Polycarp. Zum Zeugniß sind uns seine Schüler sowohl in der Uebereinstimmung mit ihm als wo sie von seinem Wege abweichen. Wir kennen namentlich als solche nur den Florinus und den Irenäus: der erstere ein Staatsmann, der andere der berühmte Kirchenlehrer des Abendlandes, – welche obwohl an Jahren sehr verschieden, doch gleichzeitig der Unterweisung des Polycarp genossen.

Von Florinus zwar sind nur wenige und noch dazu dunkle Nachrichten aufbehalten; doch machen auch die wenigen Züge den Mann uns merkwürdig. Er hatte eine angesehene Stellung am kaiserlichen Hofe, war aber bei seinem Aufenthalt im proconsularischen Asien bemüht bei dem Polycarp Eingang zu finden. Der Umgang mit diesem scheint einen Wendepunkt in seinem Leben herbeigeführt zu haben: der Ruf der Kirche drang mächtiger in ihn, als der Staat ihn hielt. Denn nach einer Reihe von Jahren, unter Commodus finden wir ihn wieder als Presbyter der römischen Kirche. Aber da er in häretische Meinungen gerieth, für die er auch zahlreiche Anhänger gewann, ward er seiner Würde entsetzt. Irenäus darauf, den Fall seines Mitschülers betrauernd, suchte den Irrthum zu widerlegen in einem Briefe, der von der Einheit Gottes oder daß Gott nicht Urheber des Bösen sei, handelte; denn eine solche Meinung schien Florinus zu vertheidigen: wahrscheinlich im Sinne einer absoluten Vorherbestimmung Gottes, im Gegensatz gegen gnostischen Dualismus. Irenäus die Gottlosigkeit seiner Meinung ihm vorstellend, verweiset ihn an die apostolische Ueberlieferung, an der er durch Polycarp Theil habe, und sucht ihn besonders durch das Andenken an diesen ihren gemeinsamen Lehrer zu bewegen. Das wirkte: Florinus ließ von diesem Irrthum ab. Aber da er einmal das Welträthsel auf die Spitze getrieben, schlug er nun in das Gegentheil um und ward ein Anhänger der valentinianischen Schule: in Folge dessen Irenäus seine Schrift von der Achtzahl (den acht ersten Aeonen des Valentinus) verfaßte, um ihn zur Umkehr zu leiten.

Irenäus dagegen wandelte auf dem Wege seines Lehrers fort. Wahrscheinlich in der Nähe von Smyrna einheimisch, kam er in früher Jugend mit dem damals hochbejahrten Polycarp in nahe Berührung, vermuthlich bald nach der Mitte des 2. Jahrhunderts: und durch den Polycarp mit jenem Strom des Geistes, der durch die Apostel ausgegossen war und nun sich ausbreiten sollte über alles Land. Die Liebe dieses apostolischen Mannes für das lebendige, unverfälschte Christenthum ging auf den jungen Irenäus über, der auch später in einem weiten Wirkungskreise sich bewährte, ausgezeichnet wie durch Eifer für die Reinheit der Lehre, so durch christliche Mäßigung und Besonnenheit. Das lebenskräftige Gedächtniß seines Lehrers begleitete ihn durch sein Leben und ward in späteren Jahren nur um so frischer. Das Bild des theuren Mannes aber, das er in seinem Herzen trug, entwerfend in eben jenem Briefe an den Florinus, gibt er ein schönes Zeugniß der innigen Anhänglichkeit, die er jenem bewahrte. Was damals geschehen, sagt er, bewahre ich treuer im Gedächtniß, als das jüngst Erlebte; sintemal die Erfahrungen der Kindheit wachsen mit der Seele und mit ihr eins werden: so daß ich noch den Ort beschreiben kann, wo der selige Polycarp saß und sprach, und seinen Ausgang und Eingang und seine Lebensweise und die Gestalt seines Leibes und die Vorträge, die er an das Volk hielt und wie er von seinem Umgang mit dem Johannes erzählte und mit den Uebrigen, die den Herrn gesehen hatten und wie er ihrer Worte gedachte und was er von ihnen gehört hatte über den. Herrn und über seine Wunder und über seine Lehre. Da er es von denen, die das Wort des Lebens selbst gesehen hatten, empfangen; so berichtete er alles übereinstimmend mit der Schrift. Dieses auch habe ich damals durch die Barmherzigkeit Gottes, die mit mir war, eifrig gehört und es aufgezeichnet nicht auf Papier, sondern in meinem Herzen, und alle Zeit durch die Gnade Gottes bringe ich es mir unverfälscht wieder in Erinnerung.“

So theilte Polycarp mit, was er empfangen hatte. Der Acker aber, den der Diener des göttlichen Wortes bearbeitet, ist nicht die einzelne Gemeinde, sondern die Welt. Also wirkte Polycarp wie für seine Gemeinde, so für die ganze Kirche, wie daheim so auch in die Ferne, mittelbar und unmittelbar.

Gallien empfing die Frucht des Samens, den Polycarp ausgestreut. Wie Lyon mit Kleinasien durch Handelsinteressen vielfach verbunden war, so kam auf den Wegen des Handels auch das Evangelium über’s Meer. Gewiß mehrere Männer aus dem Wirkungskreise Polycarps siedelten sich dort über, unter denen Irenäus bekannt ist, der im Geiste seines Lehrers wirkte seit dem Jahr 177 als Bischof von Lyon. Nach Rom aber ist Polycarp selbst gekommen, er hat dort namentlich wider die Häresien gewirkt. Dieser Gegensatz aber ist nicht ohne Zusammenhang in seinem Leben, und diese Seite desselben weiset auf eine Zerklüftung in der damaligen Kirche.

Schon die Apostel hatten mit mancherlei Irrthümern sei es Mißverständnissen sei es Verfälschungen des Glaubens zu kämpfen gehabt: zwar noch in engeren Schranken, aber die Keime zu größeren Abweichungen waren vorhanden. Polycarp erlebte es, daß Irrlehren, die zu jener Zeit unter der Asche geglommen, in helle Flammen ausschlugen. Auch solche Aergernisse mußten kommen; aber es war eine schwere Prüfung, zumal für die, an welche sie zuerst herantraten. Am gefährlichsten war in jener Epoche, wo die alten Religionen, Judenthum und Heidenthum neben dem Christenthum bestanden und der christliche Lehrbegriff noch nicht entwickelt war, die Mischung derselben: besonders heidnischer Speculation mit christlicher Erkenntniß, die in einer neuen vielköpfigen Weisheit kräftig ihr Haupt erhob. Diesem Eindringen heidnischer Elemente widerstand die Kirche um so mehr, da sie, mitten in einer heidnischen Welt, auch auf allen andern Lebensgebieten, in Sitte, Gesetz und obrigkeitlicher Anordnung deren sich zu erwehren hatte. Dazu gab es aber zwei Wege: entweder die bloße Verneinung und Ausschließung des Widerchristenthums, oder eine solche Bekämpfung desselben, daß die Gegner des Irrthums überführt, die ächten Elemente aber, an welche der Irrthum sich anschließt, in dem christlichen Glauben selbst nachgewiesen wurden. Beide Wege der Polemik hatten die Apostel, vornehmlich Paulus angedeutet. Sie sind gegenüber der falschen Gnosis in umfassender Darstellung von großen Kirchenlehrern schon des zweiten Jahrhunderts betreten. Was Polycarp betrifft, so konnte er für jene Art der Abwehr selbst auf seinen Lehrer, den Apostel Johannes sich berufen, der geboten hat: „wenn jemand zu euch kommt und bringet diese Lehre nicht, so nehmet ihn nicht in’s Haus auf, und grüßet ihn auch nicht; denn wer ihn grüßet, der macht sich theilhaftig seiner bösen Werke“ (2. Joh. 10. 11). Und dies Wort wird noch geschärft durch eine Thatsache: Johannes, da er zu Ephesus im Bade mit dem Cerinth zusammentraf, soll unverrichteter Sache sofort das Bad verlassen haben mit dem Ausruf: „Laßt uns fliehen, das Bad möchte zusammenstürzen, denn drinnen ist Cerinth der Feind der Wahrheit.“ Dies wissen wir grade aus dem Munde Polycarps, von dem mehrere es gehört hatten, denen Irenäus es nacherzählt. Und von diesem als Augenzeugen erfahren wir, daß Polycarp eine ähnliche Weise hatte. Irenäus bezeugt dem Florinus, jenem ehemaligen Zuhörer Polycarps, da er in verderblichen Irrthum gerathen war: wenn Polycarp etwas der Art, wie jener lehre, gehört hätte; so würde er aufgeschrieen und seine Ohren verstopft und nach seiner Gewohnheit gesagt haben: „Guter Gott, auf welche Zeiten hast Du mich behalten, daß ich dieses erdulde?“ und den Ort geflohen haben, an dem er sitzend oder stehend solche Reden vernommen. Wenn aber solches dem Polycarp zur Gewohnheit werden konnte, so muß er oftmals Veranlassung gehabt haben, sich so zu betrüben. Und daran fehlte es nicht in jener Epoche, auf welche der klagende Ausruf deutet, nehmlich in seiner spätern Lebenszeit, in welcher ja auch erst Irenäus ihn hören konnte. Grade damals, um die Mitte des zweiten Jahrhunderts, stand der Baum gnostischer Weisheit in voller Blüthe. Wenn nun auch nicht Zeugnisse vorliegen, so ist doch leicht zu denken, daß Kunde der vielfachen Häresien von ihren Sitzen Antiochien und Alexandrien, den Mittelpunkten des Welthandels, in die Gegenden Polycarps gelangte, daß auch häretische Meinungen dorthin verpflanzt wurden. Auch zeigt, wie großen Theil an diesen gewaltigen Bewegungen man in Kleinasien nahm, das Beispiel eines berühmten Kirchenlehrers, der jünger als Polycarp, aber sein Zeitgenosse und ihm benachbart war, des Melito, Bischofs von Sardes. Von seinen zahlreichen Schriften war ein großer Theil wahrscheinlich gegen die Gnostiker gerichtet: gewiß ist, daß er den Marcion bekämpfte, gegen den er in einer eigenen Schrift die wahre Menschwerdung des Herrn in Schutz nahm.

Marcion nun auch ist der einzige Gnostiker, von dem man namentlich weiß, daß er mit dem Polycarp in persönliche Berührung gekommen ist, und zwar in freundliche: denn Marcion war ein Mann von strengem sittlichem Geist und von feuriger liebe zu dem in Christo offenbar gewordenen Gott, – ein Band, wohl hinlänglich, Gemeinschaft zwischen beiden zu stiften. Aber im weiteren Verlauf gingen ihre Wege auseinander. Als er von seinem Vater, dem Bischof von Sinope, aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen war und, nach Rom gekommen, auch hier die Wiederaufnahme nicht hatte erlangen können; so mochte auch bei Polycarp die Anerkennung des brüderlichen Bandes nicht bestehn. Ueberdies gab Marcion den gemeinsamen Glaubensgrund auf, da er an die gnostische Schule des Cerdon sich anschloß: nicht allein, daß er die kirchliche Ueberlieferung mißachtend, die sämtlichen Bücher des Alten Bundes und die Mehrzahl der neutestamentlichen, namentlich die johanneischen Schriften verwarf; so stellte er auch ein System auf, worin der Gott des Alten Bundes, der Bildner der Welt, dem Gott des Evangeliums entgegengesetzt, und hierin die ganze menschliche Erscheinung Christi für einen Schein erklärt, also auch Leiden, Sterben und Auferstehn desselben geleugnet wurde. Dieses erfüllte den Polycarp mit Abscheu, wie ein Vorfall beweiset, der wahrscheinlich zu Rom sich begeben hat. Da Marcion, so heißt es, dem Polycarp einmal begegnete, sprach er zu ihm: „Erkennst du mich?“ – eine Anrede, die sowohl ein früheres Verhältnis voraussetzt, als auch einen Zweifel in sich schließt. Polycarp versetzte: „Ja, ich erkenne den Erstgeborenen des Satans.“ Der Sinn, auch das Wort ist nicht neu im Munde Polycarps. Schon in seinem Briefe erklärt er: „Wer nicht bekennt das Zeugniß des Kreuzes, ist vom Teufel, und wer die Worte des Herrn nach seinen eigenen Begierden verkehrt und sagt, es sei weder Auferstehung noch Gericht, der ist der Erstgeborene des Satans:“ eine Charakteristik, welche durchgehends auf den Marcion sich anwenden läßt. Polycarp geht dabei von dem apostolischen Worte aus: „ein jeglicher, der nicht bekennt, daß Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen, ist ein Widerchrist“ (1. Joh. 4,3); während er auch mit dem Ausdruck des Erstgeborenen des Satans an Worte Jesu und Pauli sich anschließt (Joh. 8,44; Apostelg. 13,10).

Es lag in dieser freilich schroffen Abwendung das Gefühl der hohen Würde christlicher Gemeinschaft, die in jener Zeit der ersten Liebe eine innigere Bedeutung hatte, so wie die ängstliche Sorge für die Bewahrung des anvertrauten Gutes apostolischer Lehre. Mit dieser Sorge verknüpfte sich aber das Streben, die Irrenden zurückzuführen, und mit jenem Gefühl der Würde das Vertrauen auf die siegende Kraft der evangelischen Wahrheit, und es hat nicht getäuscht. Polycarp beherzigte auch die andere Seite der apostolischen Aufforderung: „einen ketzerischen Menschen zu meiden, wenn er einmal und abermal ermahnt ist“ (Tit. 3,10.11). Seiner Ermahnung gelang es, den Irrthum zu besiegen. Es wird ausdrücklich gemeldet, daß er nach Rom gekommen viele der dortigen Häretiker, Valentinianer und Marcioniten zur Kirche Gottes zurückführte. Schwerlich hat er auf den fremden Standpunkt eingehend, eine Widerlegung des Systems unternommen; sondern er wird (wie jener Greis, der den nachmaligen Kirchenlehrer Justinus von den Fesseln des Platonismus löste) von Erdachtem zu Erlebtem sie hingewiesen, den einfachen Glauben und die Gemeinschaft der Kirche in Liebe ihnen vorgehalten haben.

So erstreckte sich die Wirksamkeit Polycarps weit über seinen Sprengel hinaus, – wozu Veranlassung gab seine auch in anderer Beziehung bedeutsame Reise nach Rom, welche in die Zeit des römischen Bischofs Anicet, etwa in das Jahr 158 trifft.

Wichtige Gründe müssen ihn bestimmt haben, in vorgerücktem Alter eine solche zu unternehmen. Vermuthlich wollte er mit dem angesehensten Bischof des Abendlandes Gespräch pflegen über Angelegenheiten der Kirche, namentlich über manche Differenzen sich verständigen. Wenigstens hatten beide Männer Einiges, was nicht näher bezeichnet wird, gegen einander auf dem Herzen: worüber sie sich aber bald einigten. Dabei ist die Frage von der Passahfeier zum erstenmal zur Sprache gekommen.

Diese Feier hat eine große Geschichte: sie hat in der alten Kirche zu lebhaften Streitverhandlungen, selbst zur Spaltung geführt und Jahrhunderte die Gemüther bewegt; sie ist in neuester Zeit eifrig aufgenommen und in wissenschaftlicher Polemik durchgeführt, da sie nicht allein in die Geschichte des Cultus eingreift, sondern auch für wichtige Punkte der evangelischen und apostolischen Geschichte von entscheidender Bedeutung ist. Wir beschränken uns hier auf das Hervortreten derselben im Leben Polycarps. Sie betraf, wie man es nannte, die Beobachtung des vierzehnten (nehmlich des jüdischen Monats Nisan), welche Polycarp vertrat, Anicet ablehnte. Das war eine Verschiedenheit sowohl in der Zeit, als in der Art der Feier. Jene „Beobachtung“, welche in Kleinasien verbreitet war, besagte erstens, daß man am 14. Nisan, dem Vollmondstage des Frühlingsmonats, als dem Tage, an welchem nach dem Evangelium Johannis Christus gekreuzigt worden, das Gedächtniß seines Todes feierte: also nicht an einem Freitage, sondern an jeglichem Wochentage, auf welchen grade jener Tag traf; demzufolge traf auch das Jahresgedächtniß der Auferstehung, wenn man von da zu dem dritten Tage, dem 16. Nisan, überging, auf jeglichen Wochentag. Die übrige Kirche ließ die jüdische Monatsrechnung bei Seite und hielt sich für die jährliche Feier der Auferstehung an denselben Wochentag, den Sonntag, an welchem allgemein in der Christenheit sie wöchentlich gefeiert wurde. Aber auch die Art der Feier war verschieden. Nicht allein, daß auf der einen Seite der Todes-, auf der andern der Auferstehungstag im Vordergrunde steht; so gab die Beobachtung des 14ten, an welchem die Juden das Passahlamm aßen, durch die Feier des Abendmahls sich kund in Beziehung auf Christus als das wahre Passahlamm, und damit wurde das Fasten vor Ostern beendet; während die Andern, die den Ostersonntag begingen, bis zu diesem Tage fasteten. In diesem Gegensatz standen die beiden Kirchenhäupter. Jeder von ihnen hatte den Wunsch, den andern für seinen Gebrauch zu gewinnen. Aber nicht vermochte es Anicet über den Polycarp, eine Feier aufzugeben, die er mit Johannes und den übrigen Aposteln, mit denen er gewandelt, immer beobachtet hatte; noch vermochte es Polycarp über den Anicet, eine Feier anzunehmen, die mit der Sitte seiner Vorgänger in Widerspruch war. Also jeder berief sich auf das Herkommen seiner Kirche: es scheint nicht, daß man auf andere Gründe eingegangen ist; namentlich blieb das Verhältniß des asiatischen Ritus zur Chronologie der Leidenswoche nach Johannes und nach den drei ersten Evangelien damals noch unberücksichtigt. Aber die Verschiedenheit der Gebräuche störte nicht die Eintracht, welche jene besiegelten durch gemeinsame Feier des Abendmahls: besondere Ehre aber erwies Anicet seinem Gaste dadurch, daß er ihm die Verwaltung des Sacraments überließ.

So war der Aufenthalt Polycarps in Rom von Wichtigkeit sowohl durch den Erfolg, den seine Bekämpfung der dortigen Häretiker hatte, als wegen des seltenen Beispiels, das er mit dem Anicet durch einträchtige Behandlung kirchlicher Streitfragen gab. Aber eine umfassendere, allgemein kirchliche Bedeutung läßt sich seiner Reise nicht absprechen. Wenn auch sonst lebendiger Verkehr und Theilnahme zwischen den christlichen Gemeinden in allen Theilen der damaligen Welt herrschte; so ist doch hier das erste Beispiel einer Verhandlung über eine kirchliche Frage zwischen dem Morgen- und dem Abendlande in der Person zweier Bischöfe, welche den Beruf hatten, die sich gegenüberstehenden Gewohnheiten und Meinungen zu vertreten: es ist hier zuerst eine Gemeinschaft der ganzen Kirche, aber auf freie Weise vermittelt, aus der zugleich klar wird, welche Stellung damals in völliger Unabhängigkeit diese Bischöfe gegen einander einnahmen.

Aber auch Polycarp selbst stand für die ganze Kirche ein, die er betend auf dem Herzen trug. Als er vor der drohenden Verfolgung sich zurückgezogen hatte, that er Tag und Nacht nichts anders als zu beten für alle und für die Kirchen auf Erden, wie es seine Gewohnheit war. Und noch als schon die Häscher ihn erreicht hatten, von denen er eine Stunde zum Gebet erlangte (es wurden aber zwei Stunden), gedachte er darin aller, die je mit ihm zusammengetroffen wären und der ganzen allgemeinen Kirche auf Erden. Das bezeugt seine Gemeinde in dem Rundschreiben über seinen Märtyrertod. Dieses Ende ist die Krone eines solchen Lebens. Der Glanz aber, der aus jenem Bericht auf ihn selbst fällt, erhellt zugleich den düstern Hintergrund. Und da die handelnden Personen ganze Klassen und Generationen vertreten in dem ungeheuren Conflict, erhebt sich der einzelne Fall zu weltgeschichtlicher Bedeutung.

Voran steht die Wuth des heidnischen Volks. Es war in Smyrna eine heftige Verfolgung ausgebrochen und mancherlei Martern wurden über die Christen verhängt. Die Standhaftigkeit eines Jünglings Germanicus, der mit den wilden Thieren zu kämpfen hatte, erregte die Menge, daß sie schrie: „Hinweg mit den Gottlosen, Polycarp werde geholt.“ Es wurde nach ihm gefahndet, durch Verrath eines Sklaven, den man gefoltert, sein Zufluchtsort entdeckt: folgenden Tages wurde er zur Stadt gebracht, in das Stadium. Nachdem er die schmeichelnden und drohenden Lockungen zum Abfall abgewiesen hatte, ließ der Proconsul dreimal ausrufen: Polycarp hat sich als Christen bekannt. Sofort brach die Menge der Heiden voll Zorn in den Ruf aus: „Das ist der Lehrer der Gottlosigkeit, der Vater der Christen, der Zerstörer unserer Götter, der viele lehrt nicht zu opfern und die Götter nicht anzubeten.“ Sie verlangten, daß er den wilden Thieren vorgeworfen, und als dies nicht mehr geschehen konnte, daß er lebendig verbrannt werde. Gesagt, gethan: das Volk trug auf der Stelle aus Werkstätten und Badestuben Holz und Reisig herbei. – Auch die Juden hatten in jenen Ruf eingestimmt; und bei diesem Geschäft waren sie am eifrigsten: nach ihrer Gewohnheit, wie der Bericht der Gemeinde sagt. Selbst den Leichnam des Märtyrers gönnten sie den Christen nicht.

Die heidnischen Beamten sahen es als eine Ehrensache an, Christen zur Verleugnung zu bringen, ihren Widerstand aber für Unbotmäßigkeit. Daher der, der den Polycarp in’s Stadium abführte und auf seinen Wagen genommen hatte, als dieser auf seine Ermahnung nicht hörte, ihn schmähte und vom Wagen warf. Weiter trieb der Proconsul den Versuch: es scheint, daß er ihn retten wollte; er fürchtete aber das Volk und gab dessen Forderung nach.

Polycarp selbst blieb sich gleich in ruhiger Würde und freudiger Zuversicht und machte Eindruck selbst auf die Verfolger. Auf die Nachricht von dem gegen ihn erhobenen Geschrei war er gefaßt und wollte die Stadt nicht verlassen, doch gab er dem Zureden vieler Christen nach und entfernte sich auf ein nahes Gehöft. Da sah er, betend in einem Gesicht sein Kopfkissen brennen; worauf er das prophetische Wort sprach: er müsse lebendig verbrannt werden. Verfolgt, entfernte er sich weiter; dann aber entdeckt, wollte er nicht mehr fliehen, sondern sprach: der Wille Gottes geschehe. Die Häscher, zu denen er redete, bewunderten sein Alter und seine Standhaftigkeit; und als sie sein Gebet gehört, bereuten viele, gegen einen solchen gotteswürdigen Greis ausgezogen zu sein. Als der Proconsul im Stadium ihn ermahnte, zu verleugnen und zu sagen: hinweg mit den Gottlosen (den Christen); rief Polycarp mit würdevoller Miene, die ganze Masse der Heiden überbietend: Hinweg mit den Gottlosen. Und als jener weiter in ihn drang, Christum zu lästern, so werde er ihn frei lassen; sprach Polycarp das berühmte Wort: „86 Jahre diene ich ihm, und er hat mir nichts Übles gethan; und wie kann ich meinen König, meinen Erlöser lästern?“ Der Proconsul drohte dann mit den wilden Thieren, und als das nicht half, mit dem Feuer. Auf das letzte erwiderte Polycarp: „Du drohst mit Feuer, das eine Stunde brennt und in kurzem verlischt; denn du kennst nicht das Feuer des künftigen Gerichts und der ewigen Pein, das den Gottlosen aufbehalten ist. Aber was zögerst du? bringe was du willst.“ Auf dem Scheiterhaufen betete er noch einmal und brachte Gott Dank, daß er dieses Tages und dieser Stunde ihn gewürdigt habe, Theil zu nehmen an der Zahl seiner Zeugen, in dem Kelch seines Christus, zur Auferstehung des ewigen Lebens, der Seele und des Leibes: unter welche er heute möge aufgenommen werden, vor ihm, in einem wohlgefälligen Opfer. Als das Feuer angezündet war, blähte es sich um ihn, ohne seinen Körper zu ergreifen: da mußte der Henker mit dem Schwert ihn durchbohren; worauf so viel Blut ausfloß, daß es das Feuer löschte. – Mit diesem Märtyrerthum endete die Verfolgung.

Unerschrocken, wohl nicht ohne eigene Lebensgefahr, wohnten Christen dem ganzen furchtbaren und erhebenden Vorgang bei. Und auf solche Augenzeugen beruft sich der Bericht, der im Namen der Gemeinde zu Smyrna abgefaßt ist, voll Pietät gegen den Polycarp: er heißt darin ein apostolischer und prophetischer Lehrer, ein bewundernswürdiger Zeuge. Diesen Bericht sendet sie einer Gemeinde in Phrygien und durch sie den entferntern Brüdern: daß auch sie den Herrn preisen, der aus seinen Knechten solche Zeugen auserwählt. Und wie sie selbst sich anschickt, sein Gedächtniß an seinem Todestage zu begehen, so theilt sie auch dessen Datum mit. Aber durch Schwankung der Leseart und der Auslegung ist es unsicher geworden: die alexandrinische Chronik nennt den 26. März 163; die Griechen feiern sein Gedächtniß am 23. Februar, die lateinische Kirche hat es auf den 26. Januar verlegt. Auch das Todesjahr steht nicht fest: man entschied sich früher für das Jahr 169, zuletzt (1864) hat das Fahr 167 eine umsichtige Vertheidigung erhalten. Es ist nahe dieselbe Zeit, zu welcher Justinus in Rom die Märtyrerkrone empfing.

Albrecht Dürer

Albrecht Dürer.

Daß die Reformation einen Strom geistlicher Dichtung und christlichen Gesangs in unser Volk hinein- ja gewissermaßen aus dem Volke habe hervorgehen lassen, und daß auf dem Strome des Kirchenliedes der erneuerte Glaube durch die deutschen Lande und in die deutschen Herzen getragen worden sei und sein Werk in unsern Gemeinden auch noch heutzutag forttreibe, wer kann es leugnen? Daneben ist durch den strengern Geist und keuschern Cultus der evangelischen Kirche nicht nur der abergläubische Gebrauch und das bis zur Unverständigkeit getriebene Uebermaß der bildenden Künste, welches die Vorkämpfer der Wahrheit in der römischen Kirche des sechszehnten Jahrhunderts vorfanden, hinweggethan, sondern, zumal in den Gemeinden des reformirten Bekenntnisses, leider auch das wirklich Schöne und Erhabene christlicher Malerei und Bildhauerkunst verbannt worden. Immerhin hat auch der Protestantismus seiner Natur nach, weniger Bedürfniß, auch die für das Auge wirkenden Kräfte in seinen Dienst zu nehmen und durch ihren Beistand seine Zwecke zu fördern. Aber wenn er das Wort des Apostels 1 Cor. 3,22: „Alles ist euer“, auch hier anzuwenden vergißt, wo die Welt, indem sie dem Glauben unterworfen wird, ihn mit ihren schönsten Gaben zu verherrlichen im Stande wäre, dann schränkt er doch in unbefugter Weise seine Macht und Bestimmung, seinen Reichthum und Segen ein. Wie wenig dies übrigens von den tiefern Gemüthern schon im Zeitalter der Reformation verkannt ward; wie kunstsinnig ihr Glaube, wie gläubig ihr Kunstsinn in der evangelischen Bedeutung des einen und des andern Wortes war, zeigt sich uns nirgends deutlicher und mag uns nicht kräftiger auf der einen Seite zur Beschauung, von der andern Seite zur Ermunterung gereichen, als vor der Gestalt des nach übereinstimmendem Urtheil größesten Künstlers, den Deutschland hervorgebracht.

Albrecht Dürer, im Jahre 1471 zu Nürnberg geboren, eines Goldschmieds Sohn, der aus Ungarn, wo seine Vorfahren den Ackerbau getrieben hatten, zuerst nach den Niederlanden gewandert war und im Jahre 1455 sich in jener kunstbefreundeten deutschen Stadt niedergelassen, auch daselbst im Jahre 1467 seines berühmten Meisters, des Hieronymus Holler, Tochter Barbara geehlicht hatte, war unter der Leitung seines Vaters, den er selbst als einen „künstlichen reinen Mann“ bezeichnet, in der Uebung des Goldschmiedhandwerks so weit vorgeschritten, daß er mit zehn Jahren ein von Jedermann bewundertes Werk, „die sieben Fälle Christi“, ausführen konnte. Gleichwohl trat er aus der häuslichen Werkstatt, mit des Vaters endlicher Bewilligung, in die Lehre des vornehmsten unter den damaligen Nürnberger Malern, des Michael Wolgemuth, über. Drei Jahre verblieb er in dessen Schule, zog dann vier weitere Jahre durch die Fremde, und hielt sich während dieser Zeit besonders in Colmar bei den Brüdern des leider schon heimgegangenen großen Malers Martin Schongauer auf. Nach Hause gekommen, machte er zuerst sein Meisterstück und dann Hochzeit mit Agnes Frey, einer schönen aber stolzen Jungfrau, die dem edlen Manne sein Lebenlang viel Herzeleid verursacht und feinem Glauben und Geduld harte Proben gestellt hat. Dürer lebte von nun in seiner Vaterstadt und arbeitete mit stillem, in der Güte und Menge dessen, was er zu Tage brachte, bewundernswürdigem Fleiß. Nur zwei Reisen fallen in diesen Zeitraum, deren eine im Jahre 1506 nach Oberitalien bis Venedig und Bologna sich erstreckte, die andere in den Jahren 1521 und 1522 nach den Niederlanden. Auf der erstern kam ihm wohl die Bedeutung und Aufgabe deutscher Kunst klarer denn vorher zum Bewußtsein; in der Ausbildung dieser Kunst förderten ihn besonders die Anschauungen der andern Reise. Er war ein vielseitiger Mann und widmete sich nicht nur der Malerkunst, sondern beschäftigte sich aus Vorliebe auch mit Holz- und Stempelschneiden und mit Kupferstich; er trieb auch die Wissenschaft der Meßkunde, und gab in diesem und verwandten Fächern gründliche Bücher heraus. Der Charakter seiner Kunstweise war, wie schon angedeutet, durchaus deutsch. Er nahm sein Absehen auf edle Wahrheit in der Auffassung des Lebens und in Vergegenwärtigung der Geschichte. Sein Streben war nicht das auf eine veredelte, verklärte Sinnenwelt gerichtete seiner großen italienischen Zeitgenossen. Es genügte ihm nicht anders, als wenn er den sittlichen Ernst eines frommen Gemüths und den Hauch anspruchsloser Treue über seine Darstellungen ergoß und dabei stand ihm nicht selten auch eine tiefsinnige Phantasie und ein gesunder Humor zu Diensten. So vereinigt Dürer in sich die Eigenschaften, Vorzüge und Mängel der deutschen Kunst jenes Blüthezeitalters. Während aber die niederrheinische, westphälische, schwäbische Schule den heiligen Gegenstand am liebsten und aufs Lieblichste in sinnige Demuth kleidet, ist bei Dürer der Ernst und die Würde vorherrschend. So hat er sich denn auch frühe zu den höchsten Aufgaben der Kunst hingewendet und z. B. die heilige Dreieinigkeit auf einer großen Tafel gemalt, die noch heute in der kaiserlichen Sammlung zu Wien bewundert wird. Die Passion unsres Heilandes und das Leben Seiner gebenedeiten Mutter wählte sich Dürer zu wiederholten Malen für eine Reihe herrlicher Bilder, die in Kupferstich und Holzschnitt aufbewahrt sind.

 

Daß ein Mann von so tiefem Gemüth, ein Künstler von so ernstem Streben darauf angelegt und fähig gewesen, das Bedürfniß, den Werth und die Tragweite der Reformation zu erkennen: daß er die Bücher Luthers mit Begierde und Verstand gelesen hat, daß er dadurch in den rechten Sinn der heiligen Schrift und zur Freiheit eines wahren Christenmenschen geführt worden und der großen kirchlichen Bewegung und Glaubensreinigung jener Tage von Grund des Herzens befreundet ist, erhellt am Schönsten aus der Stelle seines Niederländischen Reisetagebuchs, worin es heißt, daß ihm zu Antwerpen die Botschaft von Luthers Verschwinden bei der Heimreise von Worms auf der Landstraße bei Eisenach zugekommen sei, und wo er dann in fortlaufender Herzensergießung von dem „frommen, mit dem heiligen Geist erleuchteten Mann, als einem „Nachfolger des rechten christlichen Glaubens“ schreibt „,der um der christlichen Wahrheit willen gelitten“ habe, und „weil er das unchristliche Pabstthum gestraft, das wider Christi Freilassung strebe mit Beschwerung der menschlichen Gesetze und mit Erdichtung väterlicher Aufsätze“; -, Gott“, fährt er dann fort, „ist Luther todt, wer wird uns hinfort das heilige Evangelium so klar vortragen; ach Gott, was hätte er uns noch in 10 oder 20 Jahren schreiben mögen; o ihr alle fromme Christenmenschen, helft mir fleißig beweinen diesen gottgeistigen Menschen, und ihn bitten, daß er uns einen andern erlauchten Mann sende.“ Später trat Albrecht Dürer in persönliche Berührung mit Melanchthon, als dieser nach Nürnberg kam um die dortige Schule einzurichten, und fertigte sowohl dessen als des Kurfürsten Friedrich des Weisen Bildniß, bei welchem er in besondern Gnaden stand. Aber das großartigste Zeugniß seines evangelischen Glaubens, ein herrliches Denkmal evangelischer Kunst hat er in den zwei Tafeln hinterlassen, die, im Jahre 1526 gemalt und von ihm seiner Vaterstadt zu Dank und Ehre geschenkt, später auf bedauerliche Weise in die Hände eines mächtigen Widersachers der evangelischen Kirche gekommen und seitdem eine Hauptzierde der königlichen Sammlungen in München sind: das eine mit den überlebensgroßen Gestalten des Apostels Paulus und des Evangelisten Marcus, das andere mit den gleichgroßen des Apostels Petrus und des Evangelisten Johannes. Diese Bilder, auch unter dem Namen der vier Temperamente (quatuor complexiones) bekannt, sind aus den tiefsten Gedanken der Reformation geschöpft und das erste vollendete Kunstwerk des Protestantismus. Die Antlitze der heiligen Männer sprechen lebendig und kraftvoll aus, was die frühern Unterschriften erklären, Schriftstellen aus ihren Briefen und Evangelien mit der Aufforderung zum Halten an Gottes Wort und mit der Warnung vor dem Abfall und vor den falschen Propheten. Bei jedem dieser Köpfe drückt sich der hohe Glaubensdrang in eigenthümlicher Weise des individuellen Charakters aus. Zusammen bilden sie ein sichtbares Concert derselben geistigen Harmonie, welche hörbar in den Klängen der Meister Ekhard, Bach und Händel waltet.

 

Bald nach der Vollendung dieses größesten Werkes seiner Malerkunst, fing Dürer an zu kränkeln und siechte unter dem herrischen und habsüchtigen Treiben seines Weibes, ohne liebende Pflege, ohne daß er auch nur eines häufigerern Umgang mit den alten bewährten Freunden pflegen durfte – dessen hat sie nach Dürers Tode namentlich Willibald Pirkhaimer beschuldigt – und verschied endlich am Osterfeste, den 6. April 1528, erst 57 Jahre alt. Sein Grab liegt auf dem Johanniskirchhof; ein einfacher Denkstein bezeichnet es dem Besucher. Sein Wohnhaus in der Stadt ist für die Sammlungen des Nürnberger Kunstvereins zur bleibenden Aufbewahrungsstätte erworben. Sein Standbild in Erz, jenem Hause gegenüber in unserm Jahrhundert errichtet, wird spätern Nachkommen verkündigen, mit welchem Adel der Gestalt, mit welchem Adel der Gestalt, mit welchem Ausdruck hohen Geistes der demüthige, glaubensinnige und leidensvolle Meister ausgestattet war.

 

Gründeisen in Stuttgart.

Columban

Bald nachdem die Irländer durch den heil. Patricius zum Christenthum bekehrt worden waren, erwachte unter den dortigen Mönchen ein wunderbares Sehnen, das Evangelium auszubreiten, und ließ sie in ihrer Heimath keine Ruhe finden. Zu diesen gehörte auch Columban, der gefeierte Lehrer des Gallus, geboren um 550 in der Provinz Leinster, erzogen und ausgebildet durch die Schätze des heiligen Worts und alle Mittel edlen Wissens, insbesondere auch durch die Schriften des classischen Alterthums, deren wirksame Kraft neben der Macht des Evangeliums in seinen nachmaligen ziemlich zahlreichen Schriften unverkennbar ist. Eingetreten auf den Rath einer ehrwürdigen Einsiedlerin in das, unter der Leitung des frommen und gelehrten Abts Comgall stehende, dreitausend Mönche umfassende, Kloster Bangor oder Bankor in Ulster, trieb ihn ein innerer Drang schon um 590, nach mühsam erlangter Zustimmung seiner Vorgesetzten, als Glaubensbote über das Meer nach Gallien zu gehen, wohin ihn zwölf seiner Brüder begleiteten. Von dorther hatten ja zuerst die irländischen Mönche sich ihre Kenntnisse geholt, und diese schienen nun also bestimmt zu sein, die Frucht derselben verbunden mit dem lebendigen Samen des Christenthums dankbar wieder dahin zurück zu bringen. Aber es herrschte hier eine verwilderte Zucht des sittlichen und kirchlichen Wesens; das steigerte jedoch den Eifer der Brüder um so mehr und entflammte ihre Gluth: die Menge derjenigen, die sich, dem Columban anschlossen und seiner Ordensregel unterwerfen wollten, ward bald sehr groß, die Tage des Martin von Tours schienen wiederkehren zu wollen. Der herrschenden Entartung setzte Columban mit seinen Genossen ein strenges und enthaltsames Leben voll Lauterkeit des Sinnes und Einfalt des Glaubens entgegen, so daß sich bald der Ruf der Heiligkeit um sie verbreitete. Der burgundische König Guntram lud sie ein, sich in seinem Gebiete niederzulassen, und nach dessen bald erfolgtem Tode setzte sein Nachfolger Childebert II. dieselbe Gunst gegen sie fort unter Verheißung königlicher Belohnungen. Columban sollte sich in einem Kloster niederlassen, das neben behaglicher Ruhe ihm großes Ansehen vor der Welt versprach. Aber er zog es vor, in demüthiger Selbstverleugnung das Kreuz Christi auf sich zu nehmen und ihm nachzufolgen. Er bauete sich also lieber auf den Ruinen eines alten Castells in einer öden Gegend des Vogesengebirges zu Anegray ein Kloster, verlegte jedoch bald, wie es scheint, seinen Sitz nach einem zweiten, Turovium oder Luxeuil, worauf die Errichtung noch anderer in der Nähe, sowie bei Besancon und im Juragebirge folgte. Die aus diesen Stiftungen gebildete Congregation, für welche Columban eine überaus strenge Ordnung entwarf, gewann bald den mächtigsten Einfluß und genoß eine allgemeine Verehrung; sie war fleißig und enthaltsam und schuf die unwirthbaren Strecken ihrer Ansiedelungen bald in blühende Felder um. Freilich fehlte es dabei an Arbeit und Mühe, Mangel und Entbehrung nicht; aber Columban war getrost in der Zuversicht des Psalmisten: Ich habe noch nie gesehen den Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brod gehen. Und es hat ihn nicht getäuscht. Als sie einst drei Tage lang für einen kranken Bruder gebetet, hielt ein mit Lebensmitteln bepackter Reiter vor der Klosterpforte, gesendet von einem anderen Abte.

 

Aber eine wesentliche Veränderung brachte in diese so selbstständig und glücklich sich entwickelnden Verhältnisse der Tod des burgundischen Königs Childebert. Nicht blos zerfiel das Reich in zwei Theile, sondern es sollte auch Columban bald genug in diese weltlichen Händel verwickelt werden. Die herrschsüchtige Großmutter Brunhild suchte den älteren Sohn Theoderich, der in Burgund folgte, vom Eingehen einer ehelichen Verbindung abzuhalten und verleitete ihn, um ihn zum Throne unfähig zu machen, zu allerlei Ausschweifungen. Columban führte ihn durch ernste Ermahnung zur Pflicht zurück; er weigerte sich, die unehelichen Kinder desselben zu segnen und das sündliche Verhältniß, dem sie entsprossen waren, anzuerkennen. Da entzündete sich der ganze Haß der in ihren tückischen Plänen gestörten Brunhild gegen die Congregation, deren strenge Zucht ohnehin bei den weltlich gesinnten Bischöfen und Großen leicht in Ungunst zu bringen war. Die Bedrängnisse und Gewaltthätigkeiten, die daraus folgten, besiegte Columban unter nicht geringen Gefahren mit standhaftem Muthe. Hierzu kam noch ein Streit über die Zeit der Osterfeier, der selbst vor den Papst gelangte. Columban wünschte sich für seine Person und seine Klöster dem mit Ueberzeugung vertheidigten, wenn auch vom nicänischen Concile verworfenen orientalischen Gebrauche anschließen zu dürfen, und entwickelte die ganze Freimüthigkeit seines christlichen Standpunkts, treu seinem Grundsatze „kühn zu sein in der Sache der Wahrheit, unüberwindlich dem Bösen.“ Brunhild wußte es dem irre geleiteten Enkel als eine Verletzung der schuldigen Ehrfurcht und Unterthänigkeit darzustellen, daß Columban dem Könige selbst den, freilich gewaltsamen, Eintritt in seine Klöster verwehrt habe. Plötzlich befahl ihm der König nach Irland zurückzukehren, ließ ihn gewaltsam und, ohne daß ihm die Begleitung seiner heimathlichen Genossen zugestanden wurde, aus dem Kloster wegführen und zu Schiffe bringen. Zuvor noch richtete Columban von Nantes aus ein Schreiben an seine Brüder, ermahnte sie zur Eintracht und Unterwürfigkeit, und ergab sich dann in das, was über ihn verhängt schien. Aber der Herr hatte es anders beschlossen. Die Hindernisse der Winde und Wellen wurden von den Schiffern als ein Zeichen des göttlichen Zorns über die Behandlung ihres unfreiwilligen Gefährten angesehen; und als sie deshalb ihn mit allen seinen Sachen ans Land gesetzt, konnten sie wunderbarer Weise sofort absegeln. Wie es in der klaren Absicht seiner nachlässigen Beaufsichtigung lag, entfloh er und kam zum Könige von Neustrien, Chlothar II., der ihn willkommen hieß und seinen Rath in geistlichen und weltlichen Angelegenheiten benutzte. Derselbe versah ihn auch mit dem nöthigen Geleite zu einer Reise nach Italien durch das austrasische Gebiet des Königs Theodebert. Aber hier, wo ihm die Gunst des Fürsten und mächtiger Vasallen entgegenkam, wo bald die Menge seiner Anhänger und Schüler zusammenströmte, wurde er festgehalten und zur Errichtung einer neuen Verkündigungsstätte evangelischer Wahrheit veranlaßt. Er drang über den Rhein tief in das Gebiet der Alemannen hinein, fand in Bregenz einen christlichen Geistlichen Willimar, stürzte in Tuggen oberhalb des Zürichersees die Götzenaltäre und vernichtete die heidnischen Opfergebräuche. Unterstützt von seinem Schüler Gallus, suchte er alle noch übrig gebliebenen schwachen Spuren des Christenthums unter Alemannen und Sueven aus der früheren römischen oder aus der fränkischen Herrscherzeit auf und verkündete allenthalben die Botschaft des Heils. Aber auch diese friedliche Wirksamkeit störte der 612 ausgebrochene, von ihm im Geiste vorausgesehne Krieg. Theodebert unterlag bei Zülpich seinem älteren Bruder, gerieth in dessen Gefangenschaft und wurde von der unnatürlichen Großmutter ermordet. Aber nach dem bald darauf auch erfolgten Tode Theoderichs konnte sich dessen Sohn Sigebert nicht gegen Chlothar halten: das burgundische Reich ward gänzlich von Neustrien verschlungen.

 

Columban zog über die Alpen nach der Lombardei, wo er sich zunächst bei Mailand niederließ, das Vertrauen des Königs Agilulf genoß und erwünschte Gelegenheit fand, den unter den Lombarden herrschenden Arianismus mit den Waffen des Geistes zu bekämpfen. Er gründete dann in einer hohen und einsamen Gegend der Apenninen, wo dicht an der Trebia die Trümmer einer alten Basilika des Petrus gezeigt wurden, das nachmals so berühmt gewordene und über alle burgundischen Anstalten dieser Congregation sich weit erhebende Kloster Bobbio, südlich von Pavia. Hier fand er die ersehnte Ruhe wieder, die freilich zugleich seine letzte irdische war; er sollte sie nicht lange mehr genießen, denn schon das Jahr 615 wird als sein Todesjahr bezeichnet. Aber Bobbio blieb eine Muster-Anstalt, deren Richtung maßgebend wurde und deren Segen unverkümmert fortdauerte durch lange Generationen. Sie wurde seine berühmteste Schöpfung und erwarb sich große Verdienste um die Pflege der Wissenschaften. Ihr wollte er treu bleiben und konnte daher auch der Einladung Chlothars zur Rückkehr nach Luxeuil nur mit einer angelegentlichen Empfehlung dieser Stiftung antworten. Zwar vereinigte sich sein Orden im 9. Jahrhundert mit dem der Benedictiner-Mönche, und im 12. Jahrhundert erlosch auch die letzte Spur von der Befolgung der Vorschriften Columbans: die Stiftung Benedicts brachte das römische Mönchthum zum vollkommenen Siege. Aber mit seinem Namen erlosch die Wirkung seines Geistes und der Segen seiner Arbeit nicht; man kann selbst sagen, sie sei noch in jener erneuerten prächtigen Schöpfung vom J. 1612 wieder aufgelebt, welche die alten Ordnungen herstellte und unter anderem auch die treffliche Ambrosius-Bibliothek in Mailand enthielt. Aber eben so schön als das Bild seiner äußeren Wirksamkeit ist der Spiegel seines inneren Lebens.

 

Columban gehörte zu jenen tiefen, geistlichen Naturen, in welchen das Leben Christi eine feste Wurzel schlägt. Das ist gerade so anziehend an ihm zu sehen, wie die tiefe Andacht eines stillen Gemüthes mit der mächtig nach außen hin wirkenden Kraft verbunden ist; das ist ein klarer Beweis, wie fest der Sinn in Gott gegründet, wie gesund die christliche Einfalt eines solchen Lebens ist. Oft ging er mit seiner Bibel tiefer in den Wald hinein, las und meditierte gehend oder ließ sich mit dem Buche auf einem hohlen Baumstamm nieder. An Sonn- und Festtagen zog er sich gern in Felsenhöhlen oder an andere einsame Plätze zurück und gab sich hier ganz dem Gebete und dem Nachdenken über göttliche Dinge hin. Sein Glaube und seine Frömmigkeit ruhten nicht auf Menschensatzungen, sondern rein auf dem Worte der heiligen Schrift; daraus zog er die Nahrung seines inneren Lebens, auf daß Christus in ihm eine Gestalt gewinne. Und diese unmittelbare Beziehung zu dem Herrn, der in seiner Kirche waltet und in seinen Gläubigen lebt, war die wesentlichste Erscheinung seines Charakters. Darum waren auch Selbstverleugnung, des muthige Hingabe und Gehorsam gegen den göttlichen Willen in Christo die Seele seines Lebens. „Der tritt die Welt zu Boden“, sagt er, „wer sich selbst überwindet. Keiner, der sich selbst schont, kann die Welt hassen. In seinem eigenen Inneren allein liebt oder haßt er die Welt. Keiner kann sich selbst absterben, wenn nicht Christus in ihm lebt. Wenn aber Christus in ihm ist, kann er nicht sich selbst leben. Lebe in Christo, damit Christus in dir lebe. Mit Gewalt müssen wir jetzt das Himmelreich an uns reißen, indem wir nicht nur von unseren Widersachern, sondern am heftigsten von uns selbst bekämpft werden. – Wenn du dich selbst besiegt hast, bist du der Sieger über Alle.“

 

Freilich konnte ihm, der herrschenden Rohheit gegenüber, wohl begegnen, daß die Demuth sich auf den falschen theokratischen Standpunkt des Gesetzes bisweilen zurückversetzte, als ob der Christ, der die Gnade der Wiedergeburt zu einem neuen Leben empfangen hat, noch unter den Pflegern und Vormündern stehe. Nach dieser Seite hin gab er zwar seinem Orden eine überaus strenge sittliche Regel, damit das Leben in demselben bei dem herrschenden Mangel an Zucht im Volke nicht auch verwildere. Indessen wollte er doch nimmermehr, daß die strenge Zucht eine unerträgliche Last werden solle, die alles Leben ersticke; vielmehr forderte er, daß Alles, auch was zunächst Aufgabe des Gesetzes war, durch den Geist hingebender Liebe zur Natur werde. Ehrwürdig erscheint dabei jedenfalls sein Streben, mitten im Kampfe mit der rohen Natur das Bedürfniß des inneren Menschen und das ewige Heil seiner Seele festzuhalten und jenen täglichen Kampf unter schwerer Arbeit und irdischer Sorge als Uebungsmittel der Selbstverleugnung, des dienenden Gehorsams und des Gottvertrauens zu benutzen. „Gott wird erkannt mit dem frommen Glauben eines reinen Herzens und nicht mit unreinem und eitlem Gerede. Willst du mit deinen Grübeleien den Unaussprechlichen erforschen, so wird die Weisheit noch ferner von dir sein als sie war; ergreifst du ihn hingegen mit dem Glauben, so wird die Weisheit vor deiner Thür stehen.“ Das letzte Ziel lag ihm nicht im Gesetze, sondern in der Gnade Gottes, die in Christo erschienen ist; das wahre Leben lag ihm in der Liebe zu dem, der uns zuerst geliebet hat. „Unser ganzes Leben ist wie die Wanderschaft eines einzigen Tages. Das Erste für uns ist, hienieden nichts zu lieben, sondern nur, was droben ist, zu lieben, nur nach dem, was droben ist, zu verlangen, nur auf das, was droben ist, zu sinnen, nur droben das Vaterland zu suchen, wo der Vater ist. – Die Liebe ist keine Arbeit, es ist vielmehr etwas Süßes, Heilsames, Gesundmachendes für das Herz. Wenn das Herz nicht an Sünden krank ist, so ist dessen Gesundheit die Liebe.“

 

Auf diesen Grundlagen eröffnet sich für uns denn auch der Einblick in den wahrhaft evangelischen Charakter seines Strebens; hier erscheint er voll kühnen Muthes und selbständiger Freiheit in einer für seine Zeit und Stellung großartigen Weise. In solchem Sinne hat er sich vor den römischen Bischöfen Gregor I. und Bonifaz IV. in ehrerbietiger Freimüthigkeit ausgesprochen. Wir wissen, daß verschiedene Streitigkeiten, auch noch am Ende seines Lebens die Veranlassung zu einer bedrohlichen Kirchenspaltung, sein ernst mahnendes Wort zum Frieden hervorriefen. „Das ist – spricht er zum Papste – der rechte Schlüsselträger des Himmelreichs, wer durch die wahre Erkenntniß ihn dem Würdigen öffnet und dem Unwürdigen schließt.“ Er wußte daher auch, daß der Friede Gottes, der höher ist denn alle Vernunft, die Geburtsstätte wahrhaftigen Lebens sei. „Kehret schnell zur Eintracht zurück“, fährt er weiter fort, „und verfolgt nicht alte Streitigkeiten, sondern schweigt vielmehr und übergebt die Streitigkeit ewiger Vergessenheit. Ist etwas zweifelhaft, so stellet es der göttlichen Entscheidung anheim; was aber offenbar ist, worüber Menschen urtheilen können, darüber richtet recht ohne Ansehen der Person. Erkennet einander gegenseitig an, daß Freude sei im Himmel und auf Erden über euren Frieden und über eure Vereinigung. Ich weiß nicht, wie ein Christ mit dem Christen über den Glauben streiten kann. Was der rechtgläubige Christ, der auf die rechte Weise den Herrn preist, sagen mag, so wird der Andere Amen dazu sagen, weil beide an dasselbe glauben und dasselbe lieben.“

 

Und über dem Leben und Wirken Columbans erhebt sich in einfacher Wahrheit das Zeugniß der Schrift (Dan. 12, 3): Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.

 

Friedr. Lübker in Parchim.

Martin du Voisin

Christoffel, Raget – Martin du Voisin, ein französischer Emigrant, erleidet den Märtyrertod in Sursee den 3. October 1608.

Unter den Tausenden, welche zur Wahrung des Kleinodes ihres evangelischen Glaubens und ihres Lebens mit Aufopferung ihres Vermögens im sechszehnten Jahrhundert ihr blutgetränktes französisches Vaterland verlassen mußten, lenkten viele ihre Schritte nach Basel, wo mehrere unter ihnen, nicht nur sich einer gastfreundlichen Aufnahme erfreuten, sondern auch in der Folge mit dem Bürgerrechte beschenkt wurden. Mit dem Segen ihres freudigen Glaubens- und Leidensmuthes verpflanzten diese evangelischen Neubürger auch die Wohlthat ihrer industriellen Kenntnisse und ihres industriellen Fleißes nach der neuen Heimath. Zu den französischen Flüchtlingen, welche sich bleibend in Basel niederließen, gehörte auch Martin du Voisin, aus einem Dorfe zwischen Chaumont und Sangres an der Maine gebürtig. Er war ein Seidenbandweber oder ein Posamentier und wurde in der neuen Heimath ein Mitbegründer dieses in Basel und in seiner Umgebung jetzt so blühenden Industriezweiges, der für viele Familien die Quelle des Wohlstandes, ja des Reichthums geworden ist. Martin du Voisin wurde in der Folge vom Rathe zu Basel mit dem Bürgerrechte beschenkt, „denn er war wie ein Zeitgenosse schreibt, fromm und gottesfürchtig, besuchte fleißig die Predigt des göttlichen Wortes und übte auch stets zu Hause sich und sein Hausvolk mit Lesen und Betrachten desselben, fügte daneben Niemanden ein Leid zu, so daß er nicht allein den Reformirten, sondern auch andern Religionsgenossen lieb und werth geworden war“. Mit den Erzeugnissen seines Gewerbfleißes pflegte er auch die Luzerner Märkte zu besuchen.

So begab er sich den 30. September 1608 auf den Weg nach Luzern zum St. Leodegar’s Markt, der am 2. October stattfindet. In der Gegend von Liestal traf er mit Pilgern aus den Niederlanden zusammen, die auf einer Wallfahrt nach Rom begriffen waren. Bald entspann sich zwischen du Voisin und diesen ein Religions-Gespräch namentlich über Wallfahrten und Marienverehrung. Unter Anderm wies unser eifriger Reformirter mit der heiligen Schrift nach, daß die Zeit erschienen sei, da die wahren Anbeter unter den Christen nicht gebunden seien, nach Einsiedeln, Rom, Loretto und anderen Wallfahrtsorten zu reisen, um da ihren Gottesdienst zu verrichten; denn die allein verehrten Gott auf rechte Weise, die ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten. Daher seien Mühe, Arbeit und Kosten eitel und vergebens verschwendet, nach so weit gelegenen Orten unter so viel Gefahren zu reisen, da die Gläubigen, wie Paulus (1. Tim. 2,8.) lehre, an allen Orten beten und heilige Hände zu Gott erheben können und sollen.„ In Betreff Marias äußerte er sich: „daß die heilige und hochgelobte Jungfrau freilich von Jedermann geehrt werden solle auf die Weise, wie das Wort Gottes davon rede. Durch die Erdichtungen und Fabeln, daß sie ohne Sünde geboren, für uns eine Fürbitterin sei, werde sie hingegen mehr geschmäht und entehrt als geehrt. -„Abends traf Martin du Voisin mit den gleichen Pilgern in Sursee, im Wirthshause zur Sonne, wo er übernachten wollte, zusammen. Bald verwickelte er sich auch hier in einen Streit über Wallfahrten und Marienverehrung, indem er sich darüber in gleicher Weise äußerte wie am Morgen in Liestal. Seine diesfallsigen Aeußerungen wurden sofort dem Schultheißen Schauffelbühl hinterbracht, der ihn noch am gleichen Abende, wegen abscheulicher Lästerungen wider die wahre Religion und die reine Gottesgebärerin gefangen nehmen und in den Thurm werfen ließ. Des folgenden Morgens frühe versammelte sich der Rath von Sursee und ließ durch Abgeordnete aus seiner Mitte den Gefangenen fragen, ob er die ausgestoßenen Worte zurücknehmen wolle oder ob er noch bei denselben verharre. Martin du Voisin wiederholte seine früher ausgesprochenen Ansichten über Wallfahrten und Marienverehrung und schloß sein diesfallsiges Bekenntniß mit den Worten: „Dieweil er nichts anders geredet habe als was er hoffe mit dem Worte Gottes und mit guten Gründen beweisen zu können, so sei er guter Hoffnung, daß er wieder freigelassen werde oder doch wenigstens nicht am Leben bestraft werde.“ Der Rath von Sursee aber meinte, er dürfe ohne Weisung der hohen Regierung von Luzern den Gefangenen weder freilassen noch ihn bestrafen. Daher ersuchten Schultheiß und Rath von Sursee die Obrigkeit von Luzern um Anleitung, wie sie sich in dieser Angelegenheit zu benehmen haben und zugleich um Zusendung eines Rathsbeistandes, welcher der französischen Sprache kundig wäre, damit man den Gefangenen verhören könnte. Die Obrigkeit von Luzern willfahrte sogleich dem Gesuche. Martin du Voisin beharrte auch in diesem neuen Verhöre bei seinen früher geäußerten Ansichten und wollte weder dieselben wiederrufen, noch bekennen, daß er sich geirrt, indem er behauptet habe, die Lehre vom Verdienste sei eine Menschenerfindung und Maria sei wie andere Menschen in Sünden empfangen und geboren worden, obschon er sie auch für ein Gefäß zur Ehre Gottes halte, da sie den Heiland der Welt in ihrem Leibe getragen und geboren habe. Auch die Geistlichen von Luzern bemühten sich umsonst den Gefangenen zu einer anderen Ansicht zu bekehren.

Den 3. October 1608 wurde früh Morgens im Beisein des Rathsbeistandes von Luzern in Sursee über Martin du Voisin Gericht gehalten und derselbe zum Tode verurtheilt, den er noch am gleichen Tage erleiden sollte. Das Urtheil wurde aber dem Betreffenden erst unmittelbar vor dessen Vollzug verkündet, denn Schultheiß und Rath, die Zwanzig der Stadt Sursee setzten sich nach gefälltem Todes-Urtheile im Wirthshause zur Sonne um zehn Uhr zum Imbisse. Daselbst kehrten auch indessen zwei Schullehrer von Bern ein, nämlich Gabriel Hermann1) und Jacob Weber, die auf einer Ferienreise soeben das Schlachtfeld von Sempach besucht hatten und nun den Bruder des Ersteren, Joseph Hermann, Pfarrer in Rued, Canton Argau besuchen wollten. Zu ihnen setzte sich auch der Stadtreuter von Sursee, welcher den Schultheiß Schnyder2) nach Vollzug des Todes-Urtheiles nach Muri begleiten sollte. Von diesem Stadtreuter vernahmen nun die Berner Schullehrer, daß heute ein Baseler wegen grober Lästerungen wider die Religion hingerichtet werde. Um 11 Uhr erhoben sich die drei Rathsherren in der Hauptstube und kamen in die Nebenstube, nahmen daselbst ihre Mäntel und gingen wieder hinaus. „Diese gehen nun in den Thurm zu dem Gefangenen, um ihm sein Todes-Urtheil anzukündigen“ sagte der Stadtreuter zu seinen Tischgenossen. „Weiß er denn nichts davon, daß er zum Tode verurtheilt ist und heute schon sterben muß?“ fragten ihn die beiden Schullehrer. Der Stadtreuter erwiderte: „Nein, bis zum Augenblicke, da die Herren es ihm anzeigen, weiß er nichts davon; und wenn er jetzt noch, bevor die Thurmglocke geläutet wird, sich zu einem Widerruf verstehen würde, so würde ihm noch das Leben geschenkt“. Während sie noch redeten ertönte die Thurmglocke und die übrigen Rathsherren erhoben sich nun vom Tische, nahmen ihre Mäntel und mit Ausnahme des Schultheißen Schauffelbühl jeder auch ein Schlachtschwert oder eine Hellebarde auf die Achsel und gingen auf das Rathhaus. Auch die beiden Berner Schullehrer standen nun auf und folgten ihnen, indem sie gerne das Urtheil in der Nähe vernehmen wollten. Dasselbe lautet wörtlich also: „Kund und zu wissen sei hiemit männiglich, daß gegenwärtiger Martin du Voisin, Bürger zu Basel, sonst aus Frankreich gebürtig, folgende grausame, grobe und schwere Gotteslästerung ohne alle Marter bekannt und eingestanden hat, auch sonst derselbe durch sieben glaubwürdige Personen ist überwiesen worden. Als er nämlich von Basel nach Luzern reisen wollte, hat er auf dem Wege bei Liestal etliche Niederländer angetroffen, die nach Rom wallfahrten und zu denselben gesagt, was sie da Mühe, Arbeit und Kosten umsonst haben wollten; die katholische Religion und das Götzenwerk seien doch nichts anders als lauter Narrenwerk. Er sei früher auch ihres Glaubens gewesen, aber nachdem er der Wahrheit berichtet worden sei, habe er erkannt, daß dieses Alles Narrenwerk sei. Und als sie ihn gefragt haben, was er denn von unserer lieben Frauen halte? Ob er nicht glaube, daß sie unsere Fürbitterin sei? habe er geantwortet: Unsere Frau sei wie eine andere Frau in Sünden empfangen und geboren. Auf solche seine des gemeldeten Martin du Voisin hohe, grausam, grobe und schwere ausgestoßene Gotteslästerung wider unseren wahren, uralten, christlichen und alleinseligmachenden katholischen Glauben und wider die heilige Jungfrau Maria, die würdige Mutter Gottes und hiemit auch wider Christum selbst, haben meine gnädige Herren, Schultheiß und Rath die Zwanzig der Stadt Sursee, bei ihren geschworenen Eiden zu Recht erkannt und geurtheilt, daß Herr Schultheiß ihn dem Scharfrichter übergeben, der ihn hinaus auf den gewöhnlichen Richtplatz führen, ihm da aus Gnade und Barmherzigkeit sein Haupt mit dem Schwerte abschlagen und so weit vom Rumpfe trennen, daß ein Straßenrad dazwischen durchfahren möge; hierauf seinen Leib in ein brennendes Feuer werfen und ihn zu Staub und Asche verbrennen und die Asche in eine Grube werfen, – und also schändliche Ketzerei auszureiten mit Schwert und Feuer vom Leben zum Tode nach kaiserlichen Rechten und der Stadt Freiheiten richten solle. Und so Jemand sich unterstünde, solchem zu widersprechen oder es zu betadeln oder zu rächen, der soll in gleicher Strafe stehen, wonach sich jedermann zu richten habe“. Nachdem dieses Urtheil verlesen war, befahl der Schultheiß Schauffelbühl vom Rathhause herab, den Verurtheilten dem Scharfrichter zu übergeben. Als Martin du Voisin hierauf zu reden begann, drängten sich auch die beiden Schullehrer hinzu, um ihn besser verstehen zu können. Aber die Rathsherren, welche im Wirthshause schon vernommen hatten, daß sie Berner und also Reformirte wären, befahlen ihnen, sich zu entfernen, „dieweil sie hier nichts zu schaffen hätten!“ Hierauf eilten sie mit dem armen Verurtheilten durch ein enges Seitengäßchen, durch das nur ein Mann nach dem andern gehen konnte, gegen den Richtplatz hinaus. Auf dem Wege begegnete ihnen der Rathsbote von Basel Lienhard Gebhard mit einem Bittschreiben seiner Obrigkeit für Martin du Voisin an Schultheiß und Rath von Sursee. Als der Verurtheilte denselben heran kommen sah, rief er seufzend aus: „Ach mein lieber Nachbar Lienhard, wie geht es mir so rauh!“ Hierauf bat Gebhard den Scharfrichter, ein wenig still zu stehn, bis er den Brief seiner Obrigkeit dem Schultheißen übergebe, weil derselbe den gefangenen Mann beträfe. Aber Schauffelbühl wollte anfangs das Schreiben nicht einmal annehmen, denn er habe jetzt keine Zeit Briefe zu lesen, und dem Scharfrichter rief er zu: „Jörg, fahr du nur fort mit ihm!“ Auf die dringenden Bitten des Rathsboten nahm endlich der Schultheiß den Brief, steckte ihn aber gleich unerbrochen in die Tasche, indem er sagte: „Wenn ich zurückkomme, will ich ihn lesen, jetzt habe ich keine Zeit dazu“. Auf dem ganzen Wege bis zum Richtplatze drangen die Kapuziner, die ihn begleiteten, in den Verurtheilten, daß er doch seine Aeußerungen über die Jungfrau Maria und über die Wallfahrten widerrufen solle, damit er selig sterben könne, ja noch auf dem Richtplatze rief einer von ihnen ihm zu: „Wohlan Martin, es wäre noch früh genug, wenn Du noch widerrufen wolltest, und unserer lieben Frau wieder die Ehre geben, so wollte ich Dir dann Deine Sünden verzeihen und du würdest seliglich von hinnen scheiden“. Aber der Verurtheilte beharrte standhaft bei dem Bekenntnisse der evangelischen Wahrheit und begann zum Volke zu sprechen. Da drängten sich auch die beiden Schullehrer sowie der Rathsbote von Basel hinzu, um ihn besser verstehen zu können; ein Rathsherr jedoch, der sie bemerkte, sprach: „Ich habe geglaubt, man habe Euch schon geheißen, Euch zu entfernen. Machet nun, daß Ihr fortkommt; Ihr habt die höchste Zeit dazu!“ Dem Martin du Voisin schrie der Kapuziner zu: „Du bist des Teufels, wie Du gehst und stehst, der wird Dich nun holen und alle bösen Geister werden zu Dir kommen und bei Dir wohnen“. Martin aber faltete seine Hände zum Gebete, blickte zum Himmel empor und empfahl seine Seele dem dreieinigen Gotte. Hierauf wurde er entblößt, und als sein Hemd nicht gleich lassen wollte, schrie der blutdürstige Kapuziner: „Zerreiß es nur, damit Du einmal fertig wirst!“ Der Verurtheilte empfing geduldig und ergeben den Todesstreich und sein Leichnam wurde sodann nach Urtheilsspruch auf einen brennenden Holzstoß geworfen und zu Asche verbrannt. So wiederhallte die grauenvolle Losung, welche in der Bartholomäusnacht vom Thurme von St. Germain l’Auxerrois ertönte, auch vom Thürmlein des Rathhauses von Sursee, und der arme du Voisin fiel mitten in der freien Schweiz als ein Opfer des nämlichen finsteren Geistes, der sein früheres Vaterland in ein Leichenfeld und in eine Wüste zu verwandeln drohte. – Der Hingerichtete, der ungefähr im sechszigsten Jahre den Märtyrertod erduldete, hinterließ eine tiefbetrübte Witwe, die gerade damals in den Wochen darniederlag, und sieben unerzogene Kinder! Die Seidenbänder, die er mit sich führte und die einen großen Theil seines Vermögens ausmachten, wurden zur Deckung der Kosten amtlich veräußert. Als der Rathsbote von Basel den Schultheißen Schauffelbühl bei seiner Rückkehr vom Richtplatze fragte, was für eine Antwort er seiner Obrigkeit zurückbringen solle, wies dieser auf den brennenden Scheiterhaufen hin und sagte: „Das ist die Antwort!“ Natürlich rief dieser Bescheid, sowie das ganze Verfahren in dieser Angelegenheit nicht nur in Basel, sondern auch in den übrigen Kantonen große Entrüstung wach, die auch auf Tagsatzungen gegen Luzern und die katholischen Kantone sich äußerte und endlich den Beschluß veranlaßte, daß kein Kriminalurtheil an einem Bürger eines anderen Kantones dürfe vollzogen werden, bevor die Obrigkeit des Heimathkantones über das Verbrechen in Kenntniß gesetzt worden sei!

1)

Aus einem Berichte, den dieser gleich nach seiner Ankunft in Rued bei seinem Bruder niederschrieb, ist der Inhalt dieser Erzählung entnommen.

2)

Der zweite Schultheiß.

Sibylla von Sachsen

(1526, gest. 1554)

„Alles in Ehren kann Niemand wehren.“

Sibylla, geborene Prinzessin von Cleve, war die Gemahlin des Kurfürsten Johann Friedrich des Großmüthigen von Sachsen. Sie lebten zu Wittenberg im Jahre 1526, wo Luther das Werk der Reformation begonnen hatte. Dieser wahrheitsliebende Reformator gab folgendes Zeugniß von ihnen: „Es ist ein an Geist und Herz vortreffliches Ehepaar, sie leben heilig und ehrbar, forschen fleißig nach der Wahrheit, sind wohlthätig gegen Kirchen, Schulen und Arme, lieben treu das Wort Gottes, hassen die Bosheit, beschützen die Rechtschaffenen, halten Friede, bewahren die Zucht und lassen keinen Tag ohne Gebet vorübergehen.“ Ausgezeichnet hat sich dieses fürstliche Paar durch den Antheil, den sie an der Reformation nahmen. Besonders aber verdient Sibyllens Muth und Standhaftigkeit bewundert zu werden.

Der deutsche Kaiser Karl V. hatte nach dem Reichstage zu Augsburg die Lehren der Protestanten nicht widerlegt, sondern kurzweg verdammt und es den Protestanten frei gestellt, ob sie sich in Güte wieder mit Kaiser und Papst vereinigen, oder durch Gewalt dazu gezwungen werden wollten. Die lutherischen Fürsten kannten die drohende Gefahr und schlossen einen Bund zu Schmalkalden. Sie wählten den Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen und den Landgraf Philipp von Hessen zu ihren Oberhäuptern und gelobten sich, bis zum Tode ihrem Glauben getreu zu bleiben und ihre Unterthanen, wenn es sein mußte, selbst mit den Waffen in der Hand, in ihrer Religion zu beschützen. Der Kaiser rüstete sich mit dem Herzog Moritz von Sachsen gegen den Bund und benutzte die Unentschlossenheit der Protestanten, die diesen großen Nachtheil brachte. In der unglücklichen Schlacht bei Mühlberg 1547 an der Elbe wurde ihr Heer geschlagen, der Kurfürst und Landgraf gefangen genommen und ganz Deutschland unter die harte Hand des Kaisers gegeben.

Sibylla theilte mit ihrem Gemahl alle Gefahren, mehrmals belebte sie durch ihre Beredtsamkeit und strenge Tugend den Muth ihrer Unterthanen, ja sie forderte persönlich die Städte zu tapferer Gegenwehr auf. Nach jener Schlacht bei Mühlberg war sie eifrig bemüht, das Schicksal ihres Gemahls zu erleichtern.

Damit es ihm in seiner Gefangenschaft nicht an dem Nöthigen fehlen möge, verkaufte diese edle, fromme und zärtlich liebende Gattin ihren ganzen Schmuck und schickte den Ertrag desselben ihrem Gemahl. Die Stadt Wittenberg, in welcher die Kurfürstin mit ihren jüngsten Söhnen sich befand, vertheidigte sich hartnäckig. Der Kaiser drohete der Gemahlin, das Haupt ihres Gemahls in die Stadt zu schicken, wofern sie nicht die Uebergabe der Stadt vermitteln würde. Wirklich war auch diesem Fürsten das Todesurtheil im Lager bekannt gemacht worden, und Tags darauf sollte er auf freiem Felde enthauptet werden. Doch die Fürsprache seiner Freunde rettete ihm das Leben, allein auf die Kurwürde und seine Länder mußte er verzichten, die Stadt Wittenberg räumen und zeitlebens in Gefangenschaft bleiben. Wehmüthigen Herzens mußte er zusehen, wie Moritz auf öffentlichem Markte vom Kaiser feierlich mit den Ländern belehnt wurde. Denn der stolze Kaiser wollte durch diese Bedrückungen allen deutschen Fürsten sein hartes Joch fühlen lassen. Die Kurfürstin Sibylla begab sich jetzt zum Kaiser in’s Lager und flehte fußfällig um Befreiung ihres Gemahls. Der Kaiser empfing sie sehr gnädig, gewährte ihr aber die Bitte nicht, sondern ließ es bloß zu, ihren Gemahl zu besuchen, und gab auch ihm die Erlaubniß, in die Stadt zu kommen und von seiner Gemahlin Abschied zu nehmen. Rührend war der Abschied dieses fürstlichen Ehepaars. Im Vertrauen auf Gott und ein dereinstiges Wiedersehen schieden sie von einander.

Nach dieser schmerzlichen Trennung begab sich die Kurfürstin nach Weimar, ihrem künftigen Aufenthaltsorte. Die Tage der härtesten Prüfung brachte sie in stiller Einsamkeit zu, verbunden mit tiefer Trauer. Sie bewohnte ein Zimmer ohne alle Kostbarkeiten; eine Bibel, ein Gebetbuch, ein Spinnrocken und ein Nährahmen waren alle ihre Zierrathen. Sie selbst von wahrer Frömmigkeit durchdrungen, verstand es, auch ihre beiden Söhne Johann Wilhelm und Johann Friedrich zur Gottesfurcht anzuhalten und diesen edlen Samen in den Herzen dieser Kinder zu wecken und zu beleben. Sie pflegte auf ihren und ihres Gemahls Halskragen gewöhnlich die Worte zu sticken: „Alles in Ehren kann Niemand wehren.“ Oftmals sagte sie zur Gräfin von Schwarzenberg: „Ich glaube und weiß ganz gewiß, daß ich meinen Gemahl noch vor meinem Tode befreit sehen werde, ich werde nicht ablassen, Gott darum zu bitten, und er wird mein Gebet gewiß erhören.“ Und ihre Gebete hatte Gott wirklich erhört, es geschah, wie sie geglaubt hatte.

Fünf Jahre hindurch mußte der edle Kurfürst seinem stolzen Sieger von einem Orte zum andern folgen, um dessen Triumph zu verherrlichen. Die Gewaltthätigkeiten, die der Kaiser im Reiche verübte, reizte die Unterdrückten zu neuem Widerstande und selbst der tapfere Moritz, Herzog von Sachsen, der es früher mit dem Kaiser gehalten hatte, trat an die Spitze der Unzufriedenen, nöthigte den Kaiser zur Flucht und zu einem Vertrag zu Passau 1552. Dadurch bekam der Kurfürst seine Freiheit, nicht aber seine Länder wieder.

Lange vorher hatte der Kurfürst seine Gemahlin in einem Schreiben getröstet, daß sie in Geduld ausharren möge, da die Zeit seiner Erlösung nahe. Als sie aber jetzt die freudige Nachricht erhielt, daß er auf dem Wege nach seiner Residenz sei, kam sie ihm bis Coburg entgegen und fiel vor Freude in Ohnmacht, als sie ihn erblickte.

Der Einzug in Weimar glich einem Triumphzuge. Nur noch zwei Jahre genoß dieses edle Fürstenpaar einer ungestörten Ruhe. Standhaft und treu ergeben in den Willen Gottes starb die Kurfürstin Sibylle im Jahre 1554 den 21. Februar, und 3 Tage darauf folgte der treue Gemahl ihr nach. Beide ruhen in der Stadtkirche zu Weimar.

Jac. 1, 2-4. Achtet es für eitel Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallet, und wisset, daß euer Glaube, so er rechter Art ist, Geduld wirket; die Geduld aber soll ausharren bis an das Ende, auf daß ihr seid vollkommen und ganz und keinen Mangel habt.

Olympia Fulvia Morata.

(geb. 1526, gest. 1555.)

„Mein einziger Trost, der mich aufrecht erhält, ist das Wort Gottes, um welches ich nie mit den verderblichen, nur die Lüste befriedigenden, weltlichen Vergnügen tauschen würde.“

Wie ein hochgebildeter, von ungeheuchelter Frömmigkeit durchdrungener Geist sich in der traurigsten Lage aufrecht erhält, davon gibt uns Olympia einen deutlichen Beweis.

Olympia war im Jahre 1526 zu Ferrara in Italien geboren. Ihr Vater, Fulvio Morata, Professor am Gymnasium zu Ferrara, stand daselbst wegen seiner Gelehrsamkeit und Rechtschaffenheit in großem Ansehen. Sehr bald bemerkte er die vorzüglichen Geistesgaben seiner Tochter und dieß bewog ihn, sie selbst auf das Sorgfältigste zu erziehen. In dieser Absicht unterrichtete er sie in der griechischen und lateinischen Sprache so wie in den Wissenschaften, und unterließ es auch nicht, durch Lehren und Beispiele sie zur Rechtschaffenheit und Frömmigkeit zu erziehen. Olympia machte in kurzer Zeit so bedeutende Fortschritte, daß sie von Allen, die sie hörten, nur bewundert wurde. In Ferrara lebte damals die Herzogin Renata, Tochter des Königs Ludwig XII. von Frankreich, die sich öffentlich zur reformirten Lehre bekannte. Diese Dame hatte von den Talenten der Olympia gehört und wünschte sie an ihrem Hofe zu haben, um der Prinzessin als Gesellschafterin zu dienen. Olympia übertraf als Hofdame alle Erwartungen, denn man hörte sie lateinisch declamiren, griechisch sprechen, die schwersten Fragen beantworten, und dabei wußte sie die Gesellschaft so angenehm zu unterhalten, daß man stets in ihre Nähe sich wünschte.

Neben dieser ausgezeichneten Bildung besaß sie auch eine ungeheuchelte Frömmigkeit und Demuth. Als ihr Vater in eine Krankheit verfiel, verließ Olympia den Hof, um die Pflichten einer lieben Tochter zu erfüllen und den Vater in seiner Krankheit zu warten und zu pflegen. Doch all ihr Mühen war nicht vermögend, den Vater zu erhalten, er starb. Olympia blieb nun bei der kränklichen Mutter, besorgte die Wirthschaft und half ihre beiden Schwestern und ihren Bruder erziehen.

Um diese Zeit lebte ein junger Mensch, Namens Andreas Gründler, zu Ferrara, der die Arzneiwissenschaft studiert und den Doctortitel erlangt hatte. Dieser Mensch, aus Schweinfurt in Deutschland gebürtig, lernte Olympia kennen, und ihre vortrefflichen Eigenschaften des Geistes und Herzens erweckten bei ihm eine besondere Zuneigung zu dieser Jungfrau. Er warb um ihre Hand, sie wurde seine Gattin und folgte ihm in seine Vaterstadt. Hier las sie nicht bloß viele religiöse Schriften, sie widmete sich sogar mit Eifer den eigentlichen theologischen Wissenschaften. Unter solchen Beschäftigungen lebte sie einige Zeit vergnügt und zufrieden an der Seite ihres geliebten Gemahls. Doch dieses Glück war leider nicht von Dauer. Beide waren Protestanten und hatten schon als solche um des Glaubens willen unsäglichen Kummer auszustehen. Dieser wurde noch vermehrt, da Schweinfurt, welches Albrecht, der Markgraf von Brandenburg, besetzt hielt, von mehren Fürsten belagert wurde. Denn während der Belagerung brach in der Stadt eine gefährliche Krankheit aus, von welcher auch der Gatte der Olympia ergriffen wurde. Nur wenig Hoffnung zur Wiedergenesung zeigte sich; doch Olympia ertrug dieses Leiden mit Muth und Standhaftigkeit, wie es die christliche Religion ihr gebot. „Mein einziger Trost, der mich aufrecht erhielt,“ – so schrieb sie an eine Freundin – „war das Wort Gottes, um welches ich nie mit den verderblichen, nur die Lüste befriedigenden, weltlichen Vergnügen tauschen würde.“ Nach einer 14 monatlichen Belagerung verließ der Markgraf in der Nacht plötzlich mit den Truppen die Stadt, und die Bewohner derselben glaubten schon einer glücklichern Zukunft entgegen zu sehen, als auf einmal die Truppen des Bischofs von Nürnberg in die Stadt eindrangen, sie plünderten und in Brand steckten. Nun erst gerieth die Stadt in die äußerste Noth und jeder suchte sich durch die Flucht zu retten. Olympia wollte eben mit ihrem Gemahl in einer Kirche sich verbergen, da machte sie ein ihnen unbekannter Soldat auf die Gefahr aufmerksam und rieth ihnen, so eilig wie möglich aus der Stadt zu fliehen. Im Begriff, diesem Rathe zu folgen, wurden sie noch auf dem Markte fast aller Kleidungsstücke beraubt und verließen in diesem traurigen Zustande und ohne Geld die Stadt. Kaum hatten sie aber diese hinter sich, so wurde der Gatte von den Feinden gefangen. Olympia ohne Mittel, ihren theuren Gatten loszukaufen, flehete zu Gott um Hülfe und bat die Feinde fußfällig um Freilassung ihres Gemahls. Gott erhörte ihr Gebet und erweichte die Herzen der Feinde, die den Gemahl in ihre Arme zurückführten. Mit nackten Füßen und zerrissenen Kleidern, die sie von mitleidigen Menschen erhalten hatten, kamen sie endlich nach Hammelburg, einem kleinen Orte, drei Meilen von Schweinfurt. Tiefer Kummer wie die großen Anstrengungen auf der Reise hatten der Olympia ein heftiges Fieber zugezogen, und gleichwohl durften die beiden Unglücklichen nicht länger als vier Tage an diesem Orte bleiben, weil es den Bewohnern verboten war. Sie setzten daher, so entkräftet auch Olympia war, ihren Weg weiter fort, doch ohne zu wissen wohin. Dabei drohete ihnen neue Gefahr. Ein Offizier des bischöflichen Heeres hatte ihren Mann gefangen genommen und Befehl erhalten, alle Flüchtlinge aus Schweinfurt zu tödten. Zwischen Furcht und Hoffnung schwebend theilte Olympia mit ihrem theuren Gemahl die Gefangenschaft; denn der Verlust aller irdischen Güter war ihr nicht so schmerzlich gewesen, als die Trennung von dem geliebten Gatten. Mit dem festen Vertrauen, daß Gott auch in dieser neuen Noth sie nicht verlassen würde, richtete sie ein Bittschreiben an den Bischof und Beide erhielten ihre Freiheit.

Bis hieher hatte Olympia und ihren Gemahl das Unglück hart verfolgt, aber mit Muth und Standhaftigkeit hatten sie es ertragen. Nun sollten auch angenehme Tage ihnen zu Theil werden. Nach einer kurzen Reise kamen sie zum Grafen von Erbach, der sie freundlich aufnahm und ihnen Kleider und andere Bedürfnisse reichte; ja dessen Gemahlin, von besonderem Mitleid gegen Olympia durchdrungen, pflegte dieselbe mehre Tage und beschenkte sie mit einem werthvollen Kleide. Mit Hülfe dieser und einer schon auf der Reise von einem wohlthätigen Manne erhaltenen ansehnlichen Geldunterstützung gelangten sie endlich nach Heidelberg, wohin ihr Gemahl von dem Kurfürsten von der Pfalz als öffentlicher Lehrer berufen worden war.

Von jetzt an hoffte Olympia, nach so vielen ausgestandenen Leiden, an der Seite ihres Gatten glückliche und frohe Tage zu verleben. Doch im Rathe der Vorsehung war es anders beschlossen. Von der beschwerlichen Reise und so manchem damit verbundenen Ungemache verfiel sie bald in ein heftiges Fieber, dem sie erliegen mußte. Mit freudiger Sehnsucht nach jenem bessern Leben starb sie den 24. Oct. 1555 in ihrem 29. Jahre.

Psalm. 73, 23. 24. Auch in Gefahr und Noth bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand; du leitest mich nach deinem Rath, und nimmst mich endlich im Tode doch zu Ehren an.

Mauritius und die thebäische Legion.

22. September.

In der Zahl der Märtyrer, welche die christlich-germanischen Völker von der älteren christlich-römischen Welt als Helden aufgenommen und ihnen in weitesten Preisen ihre Verehrung erwiesen haben, ragt neben Martinus von Tours besonders Mauritius mit seinen thebäischen Genossen hervor. Es war jenen Völkern nach ihrer Bekehrung zum Christenthum anfangs Bedürfniß an Stelle der alten Göttergestalten und Helden der Vorzeit neue zu erhalten, in denen sich die alte Tapferkeit und der alte Freiheitssinn christlich verklärte, aber zugleich auch die neue Treue und Hingebung gegen den mächtigen Christengott glänzend bewährte.

So tritt unter den christlichen Burgundern Mauritius mit seinen Helden hervor, der ehemals ein tapferer römischer Feldoberster war und dabei auch ein Gottesdienstmann, ein rechter Streiter Christi, der dem römischen Tyrannen mit dem größten sittlichen Heldenmuthe entgegentritt und doch die Treue dem Kaiser bewahrend mit aller Hingebung an seinen Herrn Christum den Märtyrertod standhaft erduldet.

Die älteste aus mündlichen Berichten stammende Fassung der Legende, die wir dem Bischof Eucherius von Lyon aus der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts verdanken, versetzt uns in die Zeit der Verfolgung der Christen unter Maximian, der mit seinem Mitregenten Diocletian im Anfang des vierten Jahrhunderts fast in allen Provinzen des römischen Reichs die furchtbarsten Gewaltmaßregeln ergriff, um wo möglich den christlichen Namen auszutilgen. Zu dem Zweck waren überall hin Abtheilungen von Soldaten vertheilt worden, welche die Christen zu Strafen oder zum Tode ergreifen sollten. In dieser Zeit befand sich in dem Heere eine Legion von Soldaten, welche man „Thebäer“ nannte; eine Legion zählte aber damals 6600 Mann unter den Waffen. Diese Thebäer waren als Hülfstruppen dem Maximian aus dem Orient zugesandt worden, Männer die durch ihre Tapferkeit im Dienste des Kaisers ausgezeichnet, aber nicht minder in ihrer Hingebung gegen Christum musterhaft waren. Auch unter den Waffen waren sie eingedenk der evangelischen Vorschrift: Gotte zu geben, was Gottes sei und dem Kaiser, was des Kaisers sei. Daher wagten sie allein unter allen andern Soldaten die Bestimmung, die Menge der Christen zur Strafe zu führen, als einen Dienst der Grausamkeit von sich zu weisen. Maximianus, der von der Reise ermüdet sich in der Nähe bei Octodurum, dem heutigen Martigny, an der oberen Rhone aufhielt, erfuhr durch Boten die Weigerung der Legion, die in den agaunischen Engpässen dem heutigen St. Maurice sich gelagert hatte. Von Wuth entbrannt, schickte der Kaiser den Befehl, daß die ganze Legion decimiert, also der 10. Mann niedergehauen werde, damit die Uebriggebliebenen durch Furcht erschreckt um so eher zur Ausführung seiner Befehle der Christenverfolgung gezwungen würden. Die Thebäer beschlossen indeß das Aeußerste zu dulden, ehe denn sie etwas gegen den christlichen Glauben thun sollten. Der Kaiser ließ zur Strafe dafür die Legion zum zweitenmal decimieren und an die überlebenden Soldaten zum drittenmale die frühere Aufforderung ergehen, gegen die Christen einzuschreiten. Sie beharrten nach gegenseitiger Verabredung in ihrem Widerstande und vor allen traten nun die Führer auf: Mauritius, der Oberste der Legion, Eruperius, der campi doctor d. h. der in der Kriegskunst Unterweisung ertheilte und Sandidus, ein Rathgeber der Soldaten. Sie ermahnten ihre Mitstreiter zu unverbrüchlicher Treue gegen Christum bis in den Tod und zur Nachfolge ihrer bereits triumphierenden Brüder. Auf’s neue ermuthigt schickten sie Abgesandte an Maximian, die ihm in allen Stücken, welche nicht dem Gehorsam gegen Gott widerstritten, ihren Gehorsam gelobten und feierlich erklärten, tapfer gegen Gottlose und Feinde streiten zu wollen, aber nicht gegen Fromme und Bürger. Den Tod ihrer Brüder beklagten sie nicht, sondern freuten sich vielmehr, daß sie für würdig gehalten seien für den Herrn ihren Gott zu leiden. Was der Kaiser auch ferner über sie beschließen werde, sie seien bereit Feuer und Schwert und alle Qualen zu erdulden. Sie seien Christen und könnten die Christen nicht verfolgen. – Als der Kaiser sah, daß ihre Standhaftigkeit unerschütterlich war, befahl er, daß alle niedergemetzelt werden sollten. Ohne allen Widerstand boten die Thebäer nach Niederlegung der Waffen dem Schwert ihrer Verfolger den Nacken dar, um so den zu bekennen, der auch seinen Mund nicht aufthat, da er wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt wurde.

Dieser ältesten Fassung der Legende liegt jedenfalls ein historischer Kern zu Grunde. Gerade unter der Regierung des Diocletian und Maximian hatten sich mehrere thebäische Legionen gebildet, unter denen sich eine befand, welcher in Friedenszeiten die Bewachung des kaiserlichen Palastes übertragen war. Daß sich in diesen Legionen Christen befanden und wahrscheinlich die Mehrzahl ausmachten, wird durch die Nachrichten des Kirchengeschichtschreibers Eusebius über die diocletianische Verfolgung in der Thebais bestätigt, in der nicht bloß eine fast unendliche Anzahl Christen den Märtyrertod starben, sondern auch dabei eine Glaubensfreudigkeit und Standhaftigkeit zeigten, wie sonst nirgendwo. Die Verfolgung begann zuerst bei dem Heere, indem diejenigen, welche bei ihrem Glauben beharrten, ihres Ranges entkleidet oder mit dem Verlust ihres Lebens bestraft wurden. Der Kaiser Maximian befand sich nachweislich um die Zeit, wo das Märtyrerthum der Thebäer stattgefunden haben soll (22. Sept.), und zwar beim Beginn der Verfolgung im Jahre 302 in der Nähe von Agaunum. Er hatte sich im August dieses Jahres zum Ersatz des nach Brittanien abgegangenen Constantius in Cöln aufgehalten, war aber bald darauf durch einen Aufstand in Afrika abberufen und über den Summus Penninus, also durch das Walliserland, nach Italien geeilt, wo er zu Brundusium am 1. November 302 ein Gesetz unterzeichnet hat. Die Möglichkeit also besteht, daß eine größtentheils aus Christen bestehende thebäische Legion in den agaunischen Pässen von Wallis durch den Kaiser Maximian wegen ihres Widerstandes gegen seine Verfolgungsbefehle beim Beginn der diocletianischen Verfolgung bestraft worden ist. Wir werden aber die Fassung der Legende nicht einmal in ihrem schon von Eucherius im 5. Jahrhundert erweiterten Umfang aufrecht erhalten, noch weniger die späteren Erweiterungen und Verzweigungen unter den Franken als historische Züge annehmen können, vielmehr an der einfachen Thatsache festhalten müssen, daß einzelne christliche Thebäer, die im römischen Heere dienten, wegen ihres bekannten christlichen Eifers beim Beginn der diocletianischen Verfolgung den Märtyrertod erlitten. Ein Ereigniß von solcher Bedeutung, wie die Abschlachtung einer ganzen Legion von 6600 römischen Soldaten, ist unter den damaligen Zeitverhältnissen, wo man ihrer so dringend bedurfte, undenkbar, mag man auch die Maßregel als die eines im leidenschaftlichen Zorn ganz verblendeten Tyrannen darzustellen versuchen. Die Vorstellung ferner von einer bis auf den letzten Mann christlichen Legion neben einer ihr gegenüberstehenden ganz heidnischen und Christo feindselig gesinnten Armee, von der gänzlichen Vertilgung der einen durch die andre erscheint zu sehr als ein späteres Phantasiegebilde, als daß man derselben Glauben beimessen dürfte. Dazu kommt, daß sämmtliche gleichzeitigen und die späteren christlichen Schriftsteller, welche von den Christenverfolgungen unter Diocletian und Maximian zum Theil ausführlich berichten, von diesem Vorgang nichts wissen.

Eucherius selbst berichtet, daß erst viele Jahre nach dem Ereigniß dem Bischof von Wallis, Theodorus, von dem er die Sache erfahren, durch eine Offenbarung die Körper der agaunensischen Märtyrer entdeckt worden seien, zu deren Verehrung dann eine Basilica erbaut worden sei. Wenn nun Theodorus nach der Zahl der entdeckten Körper seine Angaben an Eucherius bemaß, so konnte er durch eine frühere Begräbnißstätte leicht irregeführt werden, wie dies bei dem Acker der heil. Ursula und ihrer 11000 Begleiterinnen zu Cöln später Andren geschehen ist. – Eucherius weiß auch nur drei Namen zu nennen: Mauritius, Exuperius und Candidus; denn Victor ist ein nicht zur Legion gehöriger Veterane, der in ihre Geschicke verflochten wird. Von Ursus und Victor, welche zu Solothurn den Märtyrertod erlitten haben, sagt Eucherius selbst, daß die Legende sie zu Thebäern gemacht habe. In späterer Zeit tauchen allmählich immer mehr Namen der Thebäer auch anderwärts auf, so daß die Legende in Namen und Zahlen fortgearbeitet hat. Sie liegt aber auch bei Eucherius im 5. Jahrhundert, also hundert bis hundertfünfzig Jahre nach den Ereigniß gleich anfangs in einer so ausgeprägten Gestalt vor, daß man mit Grund schon seit längerer Zeit nach einer Erklärung ihrer Entstehung geforscht hat.

Die Verfasser der Magdeburger Centurien und später Andre haben auf die Aehnlichkeit unsrer Legende mit einer orientalischen aufmerksam gemacht, in der ebenfalls ein römischer Heerführer Mauritius mit 70 Soldaten figuriert, und die Rolle des Verfolgers derselbe Kaiser Maximian zu Apamea in Syrien spielt. Wenngleich die Ausführung des Märtyrerthums des Mauritius und seiner Genossen, wie sie Simeon Metaphrastes in seinen „Leben der Heiligen“ gegeben hat, im Einzelnen sehr verschieden von dem der Thebäer ist, so steigert sich doch dort wie hier mit dem immer entschlosseneren Widerstand der Soldaten gegen die Zumuthungen des Kaisers die Wuth desselben bis zu dem endlichen Hinrichtungsbefehl, der dann ohne Murren und Widerstand, ja unter loben und Danken gegen Gott, ausgeführt wird. Der Name des Mauritius, der an der Spitze der orientalischen Krieger- und Märtyrerschar steht, wird, von dem griechischen Kirchenhistoriker Theodoret (c. 427) neben andren eminenten Helden der diocletianischen Verfolgung genannt, ja so verherrlicht, daß er mit denen der Apostelfürsten Petrus und Paulus zusammengestellt wird. Mauritius muß also schon bald nach der diocletianischen Verfolgung in der orientalisch-griechischen Kirche als Märtyrer mit seinen Genossen verehrt und dann zu hohen Ansehn gelangt sein. Eucherius oder schon vor ihm seine Berichterstatter nahmen den Namen des Helden Mauritius vom Osten herüber, aber die Zehner, die ihm im Kampfe zur Seite gestanden, sprangen im Occident in Tausende, die Einer in Zehner über.

Schon zur Zeit als Eucherius die Legende aufzeichnete hatte sich über der Marterstätte und den Gebeinen der Heiligen ein förmlicher Cult der Thebäer entwickelt. Ihre intercessorische Thätigkeit, um die sich der Bischof Silvius (dem die Legende mitgetheilt wird) verwenden soll, hatte sich bereits in eine unmittelbar eingreifende verwandelt. So waren sie z. B. einem noch heidnischen Schmidt, der bei’m Bau der Basilica beschäftigt am Tage des Herrn selbst gearbeitet hatte, erschienen und dieser wurde in Folge der Erscheinung bekehrt. Sie wirkten mancherlei Wunder, wie Heilungen von Krankheiten, Austreibungen von Dämonen. Nicht bloß sie selbst, sondern auch ihr Blut und ihre Gebeine übten bald ähnliche Wunderwirkungen aus. Daher schon in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts Wallfahrten von allen Seiten her nach diesem geweihten Ort unternommen wurden, wie z. B. von Romanus, dem Abt eines Klosters im Jura, dessen Lebensbeschreibung, die bald nach seinem Tode (460) verfaßt ist, darüber berichtet. Viele wollten wie er die Basilica der Heiligen sehen und das blutgetränkte Blachfeld betreten. Einzelne dieser frommen Waller blieben an der Stätte zurück, wo sich christlicher Heldenmuth mit der Treue so schön bewährt hatten und höhere segnende Kräfte fortwirken sollten. So bildete sich das Kloster Agaunum, das uns recht ein Bild des im Abendlande ganz charakteristisch sich gestaltenden Klosterlebens gibt und das in engem Zusammenhange mit dem religiösen Leben in der Schweiz längere Zeit hindurch dessen Mittelpunkt blieb.

Wir erfahren aus der alten Biographie des Abtes Romanus, daß schon damals der Bericht über die Passion der Thebäer schriftlich abgefaßt war. Damit ist ohne Zweifel der des Eucherius gemeint und dessen Alter bestätigt. Die weitere Angabe im Leben des Romanus, daß die Basilica und das agaunensische Lager die Gebeine der ganzen Legion, 6600 Mann, nicht habe umfassen können, konnte als Anhaltepunkt der späteren Verzweigungen der Legende dienen, welche zahlreiche Reliquien der Thebäer an den verschiedensten Orten vorhanden weiß.

Eine neue Hebung erfuhr der Thebäer-Cult für Burgund im Anfang des 6. Jahrhunderts, als König Sigismund aus Reue über die von ihm vollführte Ermordung seines Sohnes Sigerich die Basilica und das Kloster herstellen ließ und reich dotierte. Die Gräber der Heiligen, des Mauritius, Eruperius, Candidus und Victor wurden gerichtet und ein immerwährender Psalmengesang angeordnet. Bei Gelegenheit der Einweihung der wohl prächtiger hergestellten Basilica (im J. 515) hielt Avitus, der Bischof von Vienna, eine Lobrede auf die Heiligen, von der nur noch der Anfang erhalten ist.

Unterdes hatte sich schon die Verehrung der heiligen Märtyrer unter den Franken allgemeiner verbreitet. Chlodwig der Frankenkönig wandte sich zehn Jahre nach seiner Bekehrung (im J. 506) an den verehrten Abt Severin nach Agaunum, um durch ihn von seinem leidenden Zustande befreit zu werden. Von der Verbreitung heilkräftiger Thebäerreliquien, namentlich ihres Blutes, lassen sich noch früher im 4. Jahrhundert bei den Franken Spuren entdecken. Man begnügte sich aber nicht bloß mit den Reliquien, sondern man erhob auch Anspruch auf den Ruhm der thebäischen Legion selbst: und schon Gregor von Tours, der Kirchengeschichtschreiber der Franken, berichtet gegen Ende des 6. Jahrhunderts von einer prächtigen Basilica zu Cöln, in welcher 50 Mann von der heil. thebäischen Legion gemartert sein sollten. Sie war von ausgezeichneter musivischer Arbeit und glänzte von Gold, sodaß das Volk sie „zu den goldenen Heiligen“ nannte. Auch hier erwiesen sich die Gebeine wunderthätig. Diese Kirche ist ohne Zweifel die des heil. Gereon, der mit einer Abtheilung Thebäer durch die Legende Köln überwiesen worden. Um dies möglich zu machen, wurde der Bericht über die Thebäer dahin erweitert, daß die Legion zur Dämpfung eines Aufstandes der Bagauden d. h. der Bauern in Gallien abgesandt worden sei und im Rhonethale sich zu dem Feldzuge durch Opfer habe vorbereiten sollen; als sie sich ihres christlichen Bekenntnisses halber wiederholt geweigert hatte, wurde sie niedergehauen.

Diese erweiterte Fassung wurde dann dahin abgeändert, daß die Vernichtung der Legion erst auf ihrem Rückmarsch aus Gallien stattgefunden habe. Es blieb aber nach der Dämpfung des Aufstandes in Gallien noch die Züchtigung des Usurpators Carausius in Brittanien übrig. Dazu wurden Abtheilungen der thebäischen Legion unter Anführung des Gereon, Victor, Cassius und Florentius abgesandt, während das übrige Heer sich nach Italien zurückzog. – Als im oberen Rhonethale die Niedermetzelung der Legion erfolgte, sandte Maximian Truppen mit demselben Blutbefehl auch gegen jene am Nieder-Rheine befindlichen Abtheilungen ab. So wurden zu Bonn (Verona) Cassius und Florentius mit sieben Genossen, zu Cöln Gereon mit 318 Gefährten, zu Xanten Victor mit 330 Soldaten niedergemetzelt. In Köln wurden die Leichname in einen Brunnen geworfen, und bald darauf erbaute Helena, die Mutter Constantins, über den Gebeinen der Märtyrer die Gereonskirche, die wegen ihrer Pracht und wunderthätigen Reliquien Gregor von Tours ohne nähere Namenangabe zuerst erwähnt.

Die weiteren Verzweigungen der Legende nach Trier und andren Orten, die Verlegung derselben nach Pavia in Italien, beweisen, daß, nachdem sie einmal aufgetaucht war, bei den christlich-germanischen Völkern ein förmlicher Wetteifer sich geltend machte, solche christliche Helden wie Mauritius und die thebäische Legion als Vorbilder sich nahe zu rücken und als Localheilige selbst ganz zu besitzen.

W. Krafft in Bonn.