„Das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu worden!“ Wiederholt sich dieses apostolische Wort bei jedem Menschen, den der Herr aus der Obrigkeit der Finsternis zu seinem wunderbaren Lichte befreit, so gilt es in überschwänglichem Maße für den Wendepunkt der Weltgeschichte, von wo an auch der kleinste Nachfolger Jesu größer als der größte seiner Vorläufer sein sollte.
Wer kennt sie nicht, die hohen und herrlichen Gestalten, welche auch die heidnische Welt uns zur Bewunderung hinstellt? die erhaltende und vorlaufende Gnade hat mitten im Verderben und Abfall, mitten in Dunkel und Schatten des Todes Sterne aufgehen lassen, die auf jene Sonne hindeuten sollten, mit welcher der volle Tag für die Menschheit einbrach. Gewiss, auch in die heidnische Frauenwelt fiel mancher Strahl dieses höheren, die Nacht der Sünde durchbrechenden und die verderbte Natur mit sittlich-schöner Weihe verklärenden Lichtes. Zwischen den Marmorbildern erhabener Göttinnen und schöner Dirnen, wie sie mit allen Reizen des Geistes und des Fleisches prunken, hat die alte Kunst uns auch liebliche Bilder der Weiblichkeit und Jungfräulichkeit, der Mutter- und Gatten- und Kindesliebe hinterlassen; selbst die Welt der „Barbaren“ zeigt uns manchen edlen Zug und manches schöne Bild der Weiblichkeit. Jene priesterliche Mutter, die sich solche Söhne erzogen hat, dass ihr Tod im Tempel der Gipfel ihres Glückes wird, jene Cornelia, die in ihren Kindern die Kleinodien ihres Hauses zeigt, jene Spartanerin, die den Göttern dankt, dass ihr Sohn auf dem Felde der Ehre gestorben, jene Andromache und Penelope, jene Antigone und Ismene, jene Iphigenie und Nausikaa und wie sie alle heißen die bekannten Lichtbilder altheidnischer Dichtung und Wahrheit, sie bleiben auch für das christliche Auge und Herz Zeuginnen der Gnade, welche sich, so lange die Erde steht, nie und nirgends unbezeugt gelassen hat.
Aber diese hellen Lichter lassen die Nacht neben sich nur um so dunkler erscheinen. Und was sind die wenigen Herrlichkeiten gegen die ungezählten Gräuel und Flecken, welche in einer Welt ohne Gott, ohne lebendigen, ohne versöhnten und geoffenbarten Gott das häusliche, das weibliche, das jungfräuliche Leben der schönen Griechen- und der gewaltigen Römer-Welt bedecken! Wo schon der gewöhnliche Ausdruck nicht „Weib und Kind,“ sondern „Kinder und Weiber“ lautete, wo die Frau auch bei der mildesten Behandlung und Sitte dennoch nur von des Mannes, nicht von Gottes Gnaden war, da konnte kein ebenmäßiges, wirklich sittliches und schönes Leben für die Frau in freier Würde und reiner Liebe erblühen. Die Ausnahmen bestätigen gerade die Regel.
Wie ganz anders traten den alten Griechinnen und Römerinnen schon die Frauen des alten Bundes gegenüber. In welcher Fülle erstanden aus dem kleinen Israel die großen Vorbilder des Glaubens und der Liebe, die Mütter der Gottseligkeit, die Töchter des Friedens, die Priesterinnen des Gebetes, die Trägerinnen der Weissagung, die Streiterinnen des Herrn, die Retterinnen des Vaterlandes: die Sarah, Rahel, Rebekka, Mirjam, Rahab, Deborah, Hannah bis hinab zu der Mutter der Makkabäer, welch einen reichen Bildersaal füllen sie neben den Vätern und Erzvätern, Priestern und Propheten, Königen und Sängern des alten Testamentes!
Aber wie liegen auch hinter und unter diesen hervorragenden Höhepunkten doch noch Schatten im Tale und Winkel, worin die Freie wie die Magd nach morgenländischer Sitte dem Manne gegenüber gebunden und verschlossen war. Was sind, nach Zahl und Rang, die alttestamentlichen Frauenbilder gegen die Lichtgestalten, welche in der Tat wie Sterne um die endlich aufgegangene Sonne der Gnade und Wahrheit sich an die Spitze einer unabsehlichen Reihe stellen, die heiligen Frauen des neuen Testamentes, neben denen die heiligen Männer Gottes, die Evangelisten und Apostel gleich vollglänzenden Monden um dieselbe Geistersonne in göttlich-menschlichem Einklang sich bewegen. „Gegrüßt seiest du, Holdselige, der Herr ist mit dir, du Gebenedeite unter den Weibern – Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden.“ Mit diesem Engelsgruße hat durch den Sohn ihres Leibes das ganze Geschlecht Gnade gefunden, dass nun nicht mehr ist Mann und Weib, Herrin und Sklavin, sondern allzumal Gefreite des Herrn, Brüder und Schwestern in Christo. Elisabeth, die Jüdin, wird nun „des heiligen Geistes voll und freut sich Gottes, ihres Heilandes, denn er hat seine elende Magd angesehen.“ Das kananäische Weiblein aus der Heiden Grenze spricht: „Jesu, du Sohn David, erbarme dich mein“ und auf den Knien ruft sie: „Herr hilf mir, essen doch die Hündlein von den Brosamlein, die von ihrer Herren Tische fallen“ – und ihr geschah wie sie wollte in ihrem großen Glauben, ihre Tochter ward gesund zu derselben Stunde. Maria, des Lazarus Schwester, die stille, die durch das Wort ihres Meisters beseligte, und Maria, die Magdalenerin, die große, die überschwänglich begnadigte Sünderin, Salome, die ihren Kindern nur das Größte im Reiche begehrende Mutter der Zebedäiden, und Martha, die emsige Magd im Hause des Herrn sie alle, die Jüngerinnen, die Freundinnen Jesu, die ersten am leeren, wie die letzten am versiegelten Grabe, und ihre weiteren Genossinnen am Reiche und an der Trübsal, die Dienerinnen der Heiligen, die Pflegerinnen der Armen, die Trösterinnen der Kranken, die Botinnen des Evangeliums durch Stadt und Land, eine Priscilla, eine Phöbe, eine Lydia, eine Tabea, eine Lois und Eunike, die Großmütter und Mütter eines Timotheus und Titus, die Gattin eines Petrus, die „auserwählten“ Frauen alle mit ihren Schwestern und Schwesterkindern (3 Joh. 13.), welch eine Saat des Friedens in eine friedelose Welt, welch eine neue Welt ist an die Stätte der alten getreten! Um den ganzen Umschwung, der mit dem weiblichen Geschlechte vorgegangen ist, zu bezeichnen, bedürfte es kaum eines weitern Zeugnisses, als dass der Name Ancilla, „Magd“ von nun an ein Ehrenname geworden ist, durch den und in dem, welcher nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zur Erlösung für viele.
„In einer Zeit,“ so sagt ein ehrwürdiger Vater unserer evangelischen Kirche, der Vater der neueren Kirchengeschichte, „in einer Zeit, da die irdische Herrlichkeit der alten Welt ihrem Ende nahe war, da Alles alterte und verwelkte, was bisher den Seelen einen gewissen Schwung mitgeteilt, erschien das Christentum und rief die Menschen von der untergehenden alten zur Schöpfung einer neuen für die Ewigkeit bestimmten Welt, von der hinwelkenden, irdischen Herrlichkeit, zu einer ewigen Herrlichkeit, die sie schon jetzt im Glauben, im Geist sollten erfassen können.“ Augustin sagt schön: „Christus erschien den Menschen der alternden, hinsterbenden Welt, dass, während Alles um sie her verwelkte, sie durch ihn neues, jugendliches Leben empfangen sollten.“ Und das höhere Leben, welches durch das Christentum mitgeteilt wurde, forderte, um seine Herrlichkeit zu offenbaren, keine glänzende, äußerliche Verhältnisse, wie das, was man Großes in der alten Bürgertugend bewunderte. Unter allen beschränkten und drückenden Verhältnissen und Lagen konnte dies göttliche Leben Eingang finden, und in den unansehnlichen, verachteten Gefäßen seine Herrlichkeit hervorleuchten lassen, die Menschen erheben. über Alles, was sie zur Erde niederbeugen wollte, ohne dass sie aus den Schranken der irdischen Ordnung, in welche sie sich als durch höhere Fügung gesetzt betrachteten, heraustraten. Der Sklave blieb seinen irdischen Verhältnissen nach Sklave, erfüllte alle seine Pflichten in denselben mit weit größerer Treue und Gewissenhaftigkeit als zuvor, und fühlte sich doch im Innern frei, zeigte eine Erhabenheit der Seele, eine Zuversicht, Glaubenskraft und Ergebung, die seinen Herrn in Erstaunen setzen musste. Die Menschen der niedrigen Volksklassen, welche bisher nichts als Zeremoniendienst und Mythen in der Religion erkannt hatten, erhielten eine klare und zuversichtliche religiöse Überzeugung. Manche einzelne Beispiele dieser ersten Christenzeit, weisen uns darauf hin, wie oft von Frauen, welche mitten unter heidnischer Verderbnis ein Licht des Geistes leuchten ließen als Gattinnen, und Hausmütter, wie von Jünglingen, Knaben und Jungfrauen, von Sklaven, die ihre Herren beschämten, die Verbreitung des Christentums in einer Familie ausging. Tertullian sagt: „Jeder christliche Handwerker hat Gott gefunden, und zeigt ihn dir, und weist dir dann Alles in der Tat nach, was du von Gott zu wissen verlangst, obgleich Plato sagt, dass es schwer sei den Schöpfer des Weltalls zu finden, und unmöglich, wenn man ihn gefunden ihn Allen bekannt zu machen.“ Und Athenagoras: „Bei uns könnet ihr Unwissende, Handwerker, alte Weiber finden, welche, wenn sie auch nicht mit Worten das Heilsame ihrer Religion erweisen können, doch durch die Tat das Heilsame der Gesinnung, die sie ihnen mitteilt, erweisen, denn sie lernen nicht Worte auswendig, sondern sie zeigen gute Werke, dass sie geschlagen, nicht wieder schlagen, wenn man sie beraubt, nicht vor Gericht gehen, dass sie geben denen, welche sie um etwas bitten, dass sie die Nächsten lieben, wie sich selbst.“
„Seht, wie sie einander lieben,“ das war das Zeugnis für die christlichen Gemeinden, Ehen, Familien, zu deren Führung und Erbauung in heiliger Liebe gerade die Frauen das neue Gebot und den seligen Beruf erhalten hatten. „Seht, wie sie die Feinde, wie sie die Fremden lieben,“ so mussten die draußen Stehenden sich zurufen, wenn sie sahen, wie diese Pflegerinnen des Heiligtums, diese Diakonissinnen und barmherzigen Schwestern Herz und Hand und Haus, Herberge und Anstalt auch den Fremden, auch den Witwen und Waisen, den Armen und Kranken aus ihrer Feinde Zahl eröffneten.
Denn es wuchs die Zahl der Feinde bald genug gerade wegen der Gnade, die das Christenhäuflein (Apost. Gesch. 2,43.47.) von Anfang bei allem Volke fand, und wegen der Furcht, die alle Seelen ob der Wunder und Zeichen apostolischen Glaubens und Liebens und Hoffens ankam. Nachdem vornehmlich Frauen, Handwerker und Sklaven das Evangelium angenommen hatten und zwar in solchen Massen, dass in Kleinasien bald die Tempel verödeten und das Opferfleisch vergeblich feilgeboten wurde, konnte es nicht an steigendem Hasse gegen eine Sekte fehlen, deren Bekenntnis zu dem Gekreuzigten und Auferstandenen den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit war. Wir kennen die Verfolgungen, die von Stephanus an allerwärts über die Jünger gekommen sind. Unter Kaiser Claudius (53 n. Chr.) wurden die Christen „als Juden“ aus Rom vertrieben. Nero, der Bluthund, wälzte die Schuld seiner eigenen Mordbrennerei auf die Christen in Rom, und ließ sie alle unter entsetzlichen Qualen hinrichten; das Volk, das sie nicht in jener Schuld wusste, hielt sie doch des „Hasses gegen das menschliche Geschlecht“ überwiesen. Die Schleuse des teuflischen Hasses war damit gegen die junge Christenheit eröffnet und zwei Jahrhunderte lang floss der Blutstrom durch das von ihm gedüngte Saatfeld der Kirche. Unter den neutestamentlichen Frauen soll nach der Erzählung des Kirchenvaters Clemens von Alexandrien die Gattin des Apostels Petrus eine der Ersten gewesen sein, welche den Märtyrertod starb. Sie habe den Apostel nach Rom begleitet, sei noch vor ihm gefangen gesetzt und zum Tode geführt worden. Petrus aber habe sie selbst auf diesem Gange getröstet und ihr zugesprochen: Gedenke des Herrn, vergiss Seiner nimmermehr.“
Neros Nachfolger, der Kaiser Domitianus (31-69 n. Chr.), hat durch seine entsetzliche Grausamkeit gegen die Christen aller Orten einen grauenvollen Namen auf Erden hinterlassen. Gegen ihn war Kaiser Nero, nach dem Ausdruck eines Heiden „wie ein Mädchen, das die Harfe spielt:“ und ein andrer heidnischer Schriftsteller seiner Zeit nennt ihn „das allergräulichste Tier.“ Domitianus selber nannte sich nicht anders als Herr und Gott; je mehr er sich in seinen blutdürftig-despotischen Eigenwillen verstrickte, desto hartnäckiger behauptete er seine Gottheit. Darum ließ er sich auch überall goldene und silberne Bildsäulen zur Anbetung aufrichten. Die meisten Untertanen fügten sich dem kaiserlichen Gebote und beteten „das Tier“ an um nicht getötet zu werden. Aber die Christen, die wirklich Christen waren, konnten dem Kaiser nur geben was des Kaisers ist: sie mussten Gott mehr gehorchen als den Menschen. Die nun standhaft blieben und dem Kaiser die Anbetung verweigerten, welche Gott allein gebührt, wurden teils gefangen genommen und auf wüste Inseln ausgesetzt, teils ertötet. Wer ihn nicht als Gott anbetete, wurde der Gottlosigkeit beschuldigt, und auf diese Anklage hin verdammt. So mussten die Christen, welche von der Gnade Gottes in Christo zeugten, von den Heiden, die ohne Gott waren, der Gottlosigkeit, der Gottesleugnung beschuldigt werden.
Selbst seinen Schwiegersohn, den Konsul Flavius Clemens ließ Domitianus hinrichten um des christlichen Zeugnisses willen, welches als sträfliche Gleichgültigkeit gegen die Staatswürde ausgelegt wurde. Auch die Frau des Konsuls Flavia Domitilla wurde auf die Insel Pandateria verbannt: sie war ebenfalls eine Blutsverwandte des Kaisers und war gewürdigt Schmach und Schmerzen zu leiden um Jesu willen zu derselben Zeit, da der Jünger, den der Herr lieb hatte, dessen Züchtigung zu erdulden hatte in der Verbannung auf die Insel Pathmos, wie er selbst schreibt (Offenb. 1,9.), „um des Wortes willen, und des Zeugnisses Jesu Christi.“
Unter der grausamen Regierung desselben Kaisers Domitianus begegnet uns auch die Jungfrau Flavia Domitilla, die Nichte des Konsuls Flavius Clemens. Auch sie wurde um das Jahr 95 verbannt, und zwar wegen „Verachtung der Götter und Hingebung an jüdische Sitten,“ d. h. weil sie eine Christin war und Christum, ihren Herrn, nicht verleugnen wollte. Spuren ihrer Hütte in Pontus sollen noch lange hernach entdeckt und besucht worden sein. Es wird berichtet, dass sie später, und zwar im Jahr 102, von Pontus nach Terracina geschleppt, nachdem sie abermals den Namen des Herrn Christi standhaft und unerschütterlich bekannt, mit ihren beiden Schwestern Euphrosyne und Theodora öffentlich verbrannt worden sei.
Schon in der Apostelgeschichte lesen wir, wie dort zu Ephesus das heidnische Volk empört ward von denen, welche im Götzendienste den Quell ihres Erwerbs durch die Verkündigung des Heiles in Christo versiegen gehen sahen. Auch die Weisen der heidnischen Welt, welche ihre Wissenschaft und Kunst vor dieser Sonne erbleichen sahen, ergrimmten in ihrem Naturgeiste gegen die Lehre, welche in Christo alle Tiefe der Weisheit und alle Holdseligkeit in dem Schönsten der Menschenkinder verborgen wusste. Diese alte Welt der Sinne und der vergänglichen Schönheit sollten sie gegen eine strenge, freudenlose Tugend, eine Verödung der Erde zum Vorteile eines unbekannten Himmels vertauschen?
Die Verehrung eines Gottes im Geiste und in der Wahrheit wurde als Gottlosigkeit, der Genuss des heiligen Leibes als ein Mahl des Frevels, gräulich wie jenes Mahl, da der Vater sein eigenes Kind zu essen bekam, das Geheimnis der christlichen Gebetsversammlungen als eine Verschwörung zu geheimen Verbrechen, die allgemeine Bruderliebe als Anreizung und Folge unnatürlicher Lust verdächtigt. Die Staatsbehörden selbst trauten den Kindern des Friedens nicht, die sich von der Welt und ihren Ehren und Reichtümern unbefleckt erhalten wollten, welche aller Obrigkeit gehorsam, doch Gott mehr fürchteten als Menschen und in dem unablässig wachsenden Senfkorn die Gewissheit der Macht hatten, welche den granitenen Bau des Römer-Reiches zersprengen müsse. Der Hass des Volkes, der Spott der Gelehrten, das Misstrauen der Regenten, der Eigennutz der Beamten und alle Mächte der Finsternis zog sich in immer schwärzeren Gewitterwolken über der Christenheit zusammen, aber auf diesem dunkeln Grunde strahlt nun uns die Purpurwolke der treuen Zeugen und Zeuginnen Jesu um so glänzender. Simeon, des Jakobus Nachfolger in Jerusalem war im Jahre 107 hundert und zwanzig Jahre alt gekreuzigt der Letzte aus der Zeit Jesu, nachdem Johannes in die Freude seines Herrn eingegangen war. Der Bischof Ignatius von Antiochien wurde (116) zum Vergnügen des römischen Volkes nach einer Audienz bei dem Kaiser von Löwen zerrissen – das Tier im Volke hatte Blut getrunken, es lechzte allenthalben nach mehr. Der Letzte aus der apostolischen Zeit, der Bischof Polycarp von Smyrna starb (169) auf dem Scheiterhaufen, weil er sich weigerte, dem Herrn zu fluchen, dem er 86 Jahre lang gedient.
Die Wut des alten Versuchers und Verfolgers durchsuchte Morgen- und Abendland, um zu verschlingen, wen er finde. Zu Lyon und Vienne in Frankreich ersah er sich ein ausgesuchtes Leckermahl. Diener und Dienerinnen Jesu aus der in jenen beiden Orten und in ihrer Umgebung reicherblühten Kirche Christi hatten schon verschiedene Prüfungen bestehen müssen, als sie im Jahre 177 vor den Statthalter geführt und auf dem öffentlichen Platz vor Lyon verhört wurden. Er behandelte sie so hart, dass ein dem Verhör beiwohnender junger Christ, Epagathus, der noch nicht als solcher bekannt war, um die Erlaubnis bat, ein Wort zu sagen und die Unschuld seiner Brüder zu verteidigen. Der Richter nannte ihn spöttisch den Christenadvokaten und ließ ihn hinrichten. Ein solches Beispiel regte andere Christen an, von den Heiden mit denen sie bisher gelebt, sich zu sondern; das bewog zu neuen Verhaftungen und zu den grausamsten Foltern. Nicht alle ertrugen die Qual. Aber die meisten blieben fest, und Eines nach dem Andern, Männer und Frauen, Greise, Jünglinge und Jungfrauen, selbst Kinder besiegelten ihre Treue mit dem Tode. Unter ihnen glänzt der mitten im Leiden wie ein Adler verjüngte ehrwürdige Pothinus, der nach grausamster Behandlung im Kerker starb. Sanktus von Vienne antwortete dem vor Wut knirschenden Richter immer, „ich bin ein Christ.“ Mit glühendem Eisen zerstochen und in seinen entzündeten Wunden einige Tage nachher nochmal durchwühlt überwand er durch des Glaubens Kraft; den Tieren vorgeworfen, auf einen glühenden Stuhl von Eisen gesetzt bekannte er immer nur: „ich bin ein Christ,“ bis er endlich erwürgt wurde.
Unter denen, die schwach gewesen waren in der Folter und verleugnet hatten, ward durch solches Vorbild zuerst eine Frau, Namens Biblia wieder aufgerichtet. Nicht zufrieden, sie zur Verleugnung ihres Glaubens gebracht zu haben, wollten die Heiden sie noch zwingen, ihre Brüder zu verleumden. Sie brachten das arme Weib auf die Folter. Im Übermaß der Schmerzen verlor sie die Furcht davor. Sie vermochte nicht Übles von der Kirche zu reden, erwachte wie aus einem Schlafe, gab Gott die Ehre und erwarb sich die Krone des Märtyrertums mit einem Attalus, Alexander, Epagathus, Maturus, Sanktus, Pothinus und einer ganzen Schar von Bekennern. Aber die schönste Krone erwarb sich und den größten Eindruck auf die Heidenherzen machte Blandina, eine arme Sklavin nur, aber eine selige Magd des Herrn.
Zuerst war sie zu gleicher Zeit mit Sanktus und Maturus auf die Folter gebracht worden. Sie war, so schreiben die Kirchen von Lyon und Vienne an die Kirchen von Asien, von einer so schwachen Leibesbeschaffenheit, dass wir alle für sie zitterten. Zumal ihre Gebieterin, die selbst zu den Märtyrern gehörte, fürchtete, sie möchte weder Kraft noch Kühnheit haben, ihren Glauben zu bekennen. Aber das bewunderungswürdige Weib war, durch Hilfe der Gnade, im Stande, den verschiedenen Henkern, welche sie vom Tagesanbruch bis in die Nacht marterten, Trotz zu bieten. Endlich bekannten. Jene sich besiegt. Sie beteuerten, dass alle Hilfequellen ihrer barbarischen Kunst erschöpft wären, und bezeugten das größte Erstaunen, dass Blandina, nach Allem, was sie hatte erdulden müssen, noch lebte. „Wir begreifen nichts davon,“ sagten sie, nur einer einzigen der Folterqualen, die wir angewendet, bedurfte es, um ihr, nach dem gewöhnlichen Verlaufe der Tortur, das Leben zu rauben.“ Aber Blandina schöpfte neue Kraft aus dem Bekenntnisse ihres Glaubens. „Ich bin Christin,“ rief sie häufig, und diese Worte stumpften die Spitze ihrer Schmerzen ab. Am Tage da Sanktus und Maturus im Amphitheater erwürgt wurden, ward Blandina an einen Pfahl befestigt, um von den Tieren verzehrt zu werden. Aber keines rührte sie an, weshalb man sie dann losband. Sie wurde in das Gefängnis zurückgeführt, und für einen andern Kampf aufbewahrt. Am letzten Tage der Fechterspiele kam es zu diesem Schlusskampfe. Man brachte Blandina in die Arena zu gleicher Zeit mit einem Jünglinge, ja einem Kinde von 15 Jahren, Namens Ponticus, nachdem man Beide alle vorhergehenden Tage der Hinrichtung der Märtyrer hatte beiwohnen lassen. Man wollte sie nötigen bei den Götzenbildern zu schwören und rechnete auf die Jugend des Einen, und das Geschlecht der Andern. Aber bei dieser Berechnung hatte man Jesum Christum vergessen, welcher sich des Schwachen bedient, um das Starke zu beschämen. Beide weigerten sich zu gehorchen. Das Volk gleich einem wilden Tiere, welches seinen Raub entweichen sieht, wollte, dass man an ihnen alle Arten von Folterqualen erschöpfte.
Man fing mit Ponticus an, der durch seine treue Gefährtin ermutigt, alle Grade des Märtyrertums mit Festigkeit durchmachte, und mit einem ruhmvollen Tod endigte. Blandina blieb allein wie Jesus Christus in der Wüste (Mark. 1, 13.) mit der Hölle, die ihn versucht, der Erde, die ihn verlässt, und dem Himmel, der ihn aufrecht hält. Sie wurde gepeitscht, von den Tieren zerrissen und auf den heißen Stuhl gesetzt, hierauf in ein Netz gewickelt, um einem wilden und wütenden Stier vorgeworfen zu werden, der sie, ganz zerdrückt, in die Luft warf. Zuletzt wurde sie erwürgt. Die Heiden selbst staunten über so viel Mut; sie bekannten, dass unter ihnen niemals ein Weib gewesen, das eine so seltsame und lange Reihe von Martern erlitten hätte.
Es ist freilich, um hierzu die Worte des seligen Neander anzuführen, nicht immer der Geist Gottes, welcher solche Wirkungen hervorbringt. Die durch den Rausch der Schwärmerei, welcher so manche der zarten menschlichen Gefühle zu unterdrücken vermag, gesteigerte Willenskraft kann, wie die Geschichte lehrt, außerordentliche Wirkungen hervorbringen. Aber mit der Schwärmerei ist Trotz und Hochmut verbunden, Demut und Liebe ist das Merkmal dessen, was vom Geiste Gottes kommt. Dies Merkmal macht die Märtyrer zu Lyon als Jünger Christi kenntlich. Sie wiesen die Verehrung, welche die Christen solchen Glaubenshelden zu erweisen wetteiferten, von sich zurück. Wenn sie auch, nachdem sie zu wiederholten Malen ausgesuchte Martern erduldet, in den Kerker zurückgebracht wurden, waren sie doch des Sieges, auf sich selbst hinsehend, noch nicht gewiss. Da sie keine Schwärmer waren, fühlten sie wohl den Widerstand des Fleisches wider den Geist. Sie straften nachdrücklich Diejenigen, welche sie mit dem Namen „Märtyrer“ beehrten. „Dieser Name,“ sagten sie, „gebührt im eigentlichen Sinn nur dem treuen und wahrhaften Zeugen, dem Erstgebornen von den Toten, dem Fürsten des Lebens, oder doch wenigstens nur denjenigen Märtyrern, deren Zeugnis Christus schon durch ihren Ausgang im Bekenntnisse besiegelt hat. Wir sind nur arme, niedrige Bekenner.“ Mit Tränen baten sie die Brüder, inbrünstig für sie zu beten, dass sie zu der glorreichen Vollendung gelangen möchten. Mit inniger Liebe nahmen sie sich der Gefallenen an, die ihnen in dem Kerker zugesellt wurden und sie beteten mit vielen Tränen, dass der Herr diese Erstorbenen wieder zum Leben rufen möge. Auch ihrer Verfolger gedachten sie nicht mit Rachsucht, sondern sie beteten, dass Gott denen vergeben möge, welche die grausamsten Martern ihnen zugefügt hatten. Nicht Streit und Krieg ließen sie den Brüdern zurück, sondern Freude und Friede, Eintracht und Liebe.
Mit der Verstümmelung und Verbrennung der Leichname hatte endlich die Volkswut ihr Ziel erreicht. Was in dem Feuer übrig blieb und die Asche wurde in die vorbeifließende Rhone geworfen, damit ja kein Überbleibsel der Götterfeinde die Erde verunreinigen sollte. Durch kein Geld und keine Bitten konnten die Christen die ihnen so teuren Reste dieser Glaubenszeugen zur Bestattung erlangen. Die blinden Heiden meinten dadurch auch die Hoffnung der Christen zu Schanden zu machen. „Wir wollen nun sehen,“ sagten sie, „ob sie auferstehen werden, und ob ihnen Gott helfen und sie aus unsern Händen retten kann.“ Auch hier, wie so oft, wurde man des Blutvergießens müde, da der Christen so viele waren, und es blieb ein Stamm der Gemeinde mitten unter dieser grausamen Verfolgung.
Nur in den größeren Städten und Gemeinden war vorerst die Verfolgung gegen die Christen losgebrochen, nur durch besonderen Anlass wurde sie auch in ferneren und kleineren Orten wach. So geschah es um dieselbe Zeit in der Stadt Autun, unweit von Lyon. Man dachte an keine Verfolgung gegen die in geringer Zahl vorhandenen wenig bekannten Christen, bis ein Christ die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zog. Es wurde zu Ehren der Cybele, deren Dienst wahrscheinlich früher auf demselben Wege, wie nachher das Christentum, aus Kleinasien hierhergekommen war und in großem Ansehen stand, von der lärmenden Menge mit vieler Feierlichkeit ein Fest begangen. Eine Bildsäule der Göttin, in einem der gewöhnlichen heiligen Wagen, wurde, von einer zahlreichen Volksmenge begleitet, in Prozession herumgeführt. Alle fielen auf die Knie, aber ein junger Mann, Symphorianus, aus einer angesehenen Familie, ein Christ, glaubte dies nach seinem Gewissen nicht mitmachen zu können, und er mochte wohl, da er deshalb zur Rede gesetzt wurde, Veranlassung nehmen, von der Nichtigkeit des Götzendienstes zu reden. Als Störer des öffentlichen Gottesdienstes, als Aufrührer wurde er sogleich ergriffen und vor den Statthalter, den Konsularis Heraklius, geführt. Der Konsular sprach zu ihm: „Ihr seid ein Christ? Soviel ich sehe, seid ihr unserer Aufmerksamkeit entgangen, denn es sind bei uns nur wenige Anhänger dieser Sekte.“ Er antwortete: „Ich bin ein Christ, ich bete den wahren Gott an, der im Himmel herrscht, das Götzenbild kann ich aber nicht anbeten, ja ich will es auch, wenn ihr mir das erlaubt, auf meine eigene Verantwortung zerschmettern.“ Der Statthalter erklärte ihn darauf eines doppelten Verbrechens, eines Verbrechens gegen die Religion und gegen die Staatsgesetze für schuldig; und da Symphorian sich weder durch Drohungen, noch durch Versprechungen zum Abfall bewegen ließ, verurteilte er ihn zur Enthauptung. Seine Mutter rief ihm zu als er zum Tode geführt wurde: „Mein Sohn, mein Sohn, Habe den lebendigen Gott im Herzen. Sei standhaft, wir können den Tod nicht fürchten, der so sicher zum Leben führt. Droben sei dein Herz, mein Sohn, sieh auf den, der im Himmel herrscht. Heute wird dir das Leben nicht genommen, sondern zu einem besseren verklärt. Durch einen seligen Tausch, mein Sohn, gehst du heute zum Leben des Himmels über.“
So waren diese Mütter, diese Mägde, diese Gattinnen und Töchter des neuen Bundes. Wir wissen so viel wie nichts von ihrem übrigen Leben und Tun; aber was bedarf es mehr denn ein solches Sterben, um auch ein Leben im Herrn zu beweisen? Wie unendlich wichtig ist es für uns evangelische Christen, die wir die Freude an diesen Zeugen und Bekennerinnen der ältesten Kirche mit unsern katholischen Brüdern unverweigerlich teilen, in diesen ersten Vorbildern der Christenheit nicht die Menge der guten Werke, sondern die Treue des guten Bekenntnisses bewundern und das Wort bewährt sehen zu dürfen: „wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht, und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man selig.“ So halten wir es auch von Anfang bis zu Ende wortgetreu, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.