Mauritius und die thebäische Legion.

22. September.

In der Zahl der Märtyrer, welche die christlich-germanischen Völker von der älteren christlich-römischen Welt als Helden aufgenommen und ihnen in weitesten Preisen ihre Verehrung erwiesen haben, ragt neben Martinus von Tours besonders Mauritius mit seinen thebäischen Genossen hervor. Es war jenen Völkern nach ihrer Bekehrung zum Christenthum anfangs Bedürfniß an Stelle der alten Göttergestalten und Helden der Vorzeit neue zu erhalten, in denen sich die alte Tapferkeit und der alte Freiheitssinn christlich verklärte, aber zugleich auch die neue Treue und Hingebung gegen den mächtigen Christengott glänzend bewährte.

So tritt unter den christlichen Burgundern Mauritius mit seinen Helden hervor, der ehemals ein tapferer römischer Feldoberster war und dabei auch ein Gottesdienstmann, ein rechter Streiter Christi, der dem römischen Tyrannen mit dem größten sittlichen Heldenmuthe entgegentritt und doch die Treue dem Kaiser bewahrend mit aller Hingebung an seinen Herrn Christum den Märtyrertod standhaft erduldet.

Die älteste aus mündlichen Berichten stammende Fassung der Legende, die wir dem Bischof Eucherius von Lyon aus der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts verdanken, versetzt uns in die Zeit der Verfolgung der Christen unter Maximian, der mit seinem Mitregenten Diocletian im Anfang des vierten Jahrhunderts fast in allen Provinzen des römischen Reichs die furchtbarsten Gewaltmaßregeln ergriff, um wo möglich den christlichen Namen auszutilgen. Zu dem Zweck waren überall hin Abtheilungen von Soldaten vertheilt worden, welche die Christen zu Strafen oder zum Tode ergreifen sollten. In dieser Zeit befand sich in dem Heere eine Legion von Soldaten, welche man „Thebäer“ nannte; eine Legion zählte aber damals 6600 Mann unter den Waffen. Diese Thebäer waren als Hülfstruppen dem Maximian aus dem Orient zugesandt worden, Männer die durch ihre Tapferkeit im Dienste des Kaisers ausgezeichnet, aber nicht minder in ihrer Hingebung gegen Christum musterhaft waren. Auch unter den Waffen waren sie eingedenk der evangelischen Vorschrift: Gotte zu geben, was Gottes sei und dem Kaiser, was des Kaisers sei. Daher wagten sie allein unter allen andern Soldaten die Bestimmung, die Menge der Christen zur Strafe zu führen, als einen Dienst der Grausamkeit von sich zu weisen. Maximianus, der von der Reise ermüdet sich in der Nähe bei Octodurum, dem heutigen Martigny, an der oberen Rhone aufhielt, erfuhr durch Boten die Weigerung der Legion, die in den agaunischen Engpässen dem heutigen St. Maurice sich gelagert hatte. Von Wuth entbrannt, schickte der Kaiser den Befehl, daß die ganze Legion decimiert, also der 10. Mann niedergehauen werde, damit die Uebriggebliebenen durch Furcht erschreckt um so eher zur Ausführung seiner Befehle der Christenverfolgung gezwungen würden. Die Thebäer beschlossen indeß das Aeußerste zu dulden, ehe denn sie etwas gegen den christlichen Glauben thun sollten. Der Kaiser ließ zur Strafe dafür die Legion zum zweitenmal decimieren und an die überlebenden Soldaten zum drittenmale die frühere Aufforderung ergehen, gegen die Christen einzuschreiten. Sie beharrten nach gegenseitiger Verabredung in ihrem Widerstande und vor allen traten nun die Führer auf: Mauritius, der Oberste der Legion, Eruperius, der campi doctor d. h. der in der Kriegskunst Unterweisung ertheilte und Sandidus, ein Rathgeber der Soldaten. Sie ermahnten ihre Mitstreiter zu unverbrüchlicher Treue gegen Christum bis in den Tod und zur Nachfolge ihrer bereits triumphierenden Brüder. Auf’s neue ermuthigt schickten sie Abgesandte an Maximian, die ihm in allen Stücken, welche nicht dem Gehorsam gegen Gott widerstritten, ihren Gehorsam gelobten und feierlich erklärten, tapfer gegen Gottlose und Feinde streiten zu wollen, aber nicht gegen Fromme und Bürger. Den Tod ihrer Brüder beklagten sie nicht, sondern freuten sich vielmehr, daß sie für würdig gehalten seien für den Herrn ihren Gott zu leiden. Was der Kaiser auch ferner über sie beschließen werde, sie seien bereit Feuer und Schwert und alle Qualen zu erdulden. Sie seien Christen und könnten die Christen nicht verfolgen. – Als der Kaiser sah, daß ihre Standhaftigkeit unerschütterlich war, befahl er, daß alle niedergemetzelt werden sollten. Ohne allen Widerstand boten die Thebäer nach Niederlegung der Waffen dem Schwert ihrer Verfolger den Nacken dar, um so den zu bekennen, der auch seinen Mund nicht aufthat, da er wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt wurde.

Dieser ältesten Fassung der Legende liegt jedenfalls ein historischer Kern zu Grunde. Gerade unter der Regierung des Diocletian und Maximian hatten sich mehrere thebäische Legionen gebildet, unter denen sich eine befand, welcher in Friedenszeiten die Bewachung des kaiserlichen Palastes übertragen war. Daß sich in diesen Legionen Christen befanden und wahrscheinlich die Mehrzahl ausmachten, wird durch die Nachrichten des Kirchengeschichtschreibers Eusebius über die diocletianische Verfolgung in der Thebais bestätigt, in der nicht bloß eine fast unendliche Anzahl Christen den Märtyrertod starben, sondern auch dabei eine Glaubensfreudigkeit und Standhaftigkeit zeigten, wie sonst nirgendwo. Die Verfolgung begann zuerst bei dem Heere, indem diejenigen, welche bei ihrem Glauben beharrten, ihres Ranges entkleidet oder mit dem Verlust ihres Lebens bestraft wurden. Der Kaiser Maximian befand sich nachweislich um die Zeit, wo das Märtyrerthum der Thebäer stattgefunden haben soll (22. Sept.), und zwar beim Beginn der Verfolgung im Jahre 302 in der Nähe von Agaunum. Er hatte sich im August dieses Jahres zum Ersatz des nach Brittanien abgegangenen Constantius in Cöln aufgehalten, war aber bald darauf durch einen Aufstand in Afrika abberufen und über den Summus Penninus, also durch das Walliserland, nach Italien geeilt, wo er zu Brundusium am 1. November 302 ein Gesetz unterzeichnet hat. Die Möglichkeit also besteht, daß eine größtentheils aus Christen bestehende thebäische Legion in den agaunischen Pässen von Wallis durch den Kaiser Maximian wegen ihres Widerstandes gegen seine Verfolgungsbefehle beim Beginn der diocletianischen Verfolgung bestraft worden ist. Wir werden aber die Fassung der Legende nicht einmal in ihrem schon von Eucherius im 5. Jahrhundert erweiterten Umfang aufrecht erhalten, noch weniger die späteren Erweiterungen und Verzweigungen unter den Franken als historische Züge annehmen können, vielmehr an der einfachen Thatsache festhalten müssen, daß einzelne christliche Thebäer, die im römischen Heere dienten, wegen ihres bekannten christlichen Eifers beim Beginn der diocletianischen Verfolgung den Märtyrertod erlitten. Ein Ereigniß von solcher Bedeutung, wie die Abschlachtung einer ganzen Legion von 6600 römischen Soldaten, ist unter den damaligen Zeitverhältnissen, wo man ihrer so dringend bedurfte, undenkbar, mag man auch die Maßregel als die eines im leidenschaftlichen Zorn ganz verblendeten Tyrannen darzustellen versuchen. Die Vorstellung ferner von einer bis auf den letzten Mann christlichen Legion neben einer ihr gegenüberstehenden ganz heidnischen und Christo feindselig gesinnten Armee, von der gänzlichen Vertilgung der einen durch die andre erscheint zu sehr als ein späteres Phantasiegebilde, als daß man derselben Glauben beimessen dürfte. Dazu kommt, daß sämmtliche gleichzeitigen und die späteren christlichen Schriftsteller, welche von den Christenverfolgungen unter Diocletian und Maximian zum Theil ausführlich berichten, von diesem Vorgang nichts wissen.

Eucherius selbst berichtet, daß erst viele Jahre nach dem Ereigniß dem Bischof von Wallis, Theodorus, von dem er die Sache erfahren, durch eine Offenbarung die Körper der agaunensischen Märtyrer entdeckt worden seien, zu deren Verehrung dann eine Basilica erbaut worden sei. Wenn nun Theodorus nach der Zahl der entdeckten Körper seine Angaben an Eucherius bemaß, so konnte er durch eine frühere Begräbnißstätte leicht irregeführt werden, wie dies bei dem Acker der heil. Ursula und ihrer 11000 Begleiterinnen zu Cöln später Andren geschehen ist. – Eucherius weiß auch nur drei Namen zu nennen: Mauritius, Exuperius und Candidus; denn Victor ist ein nicht zur Legion gehöriger Veterane, der in ihre Geschicke verflochten wird. Von Ursus und Victor, welche zu Solothurn den Märtyrertod erlitten haben, sagt Eucherius selbst, daß die Legende sie zu Thebäern gemacht habe. In späterer Zeit tauchen allmählich immer mehr Namen der Thebäer auch anderwärts auf, so daß die Legende in Namen und Zahlen fortgearbeitet hat. Sie liegt aber auch bei Eucherius im 5. Jahrhundert, also hundert bis hundertfünfzig Jahre nach den Ereigniß gleich anfangs in einer so ausgeprägten Gestalt vor, daß man mit Grund schon seit längerer Zeit nach einer Erklärung ihrer Entstehung geforscht hat.

Die Verfasser der Magdeburger Centurien und später Andre haben auf die Aehnlichkeit unsrer Legende mit einer orientalischen aufmerksam gemacht, in der ebenfalls ein römischer Heerführer Mauritius mit 70 Soldaten figuriert, und die Rolle des Verfolgers derselbe Kaiser Maximian zu Apamea in Syrien spielt. Wenngleich die Ausführung des Märtyrerthums des Mauritius und seiner Genossen, wie sie Simeon Metaphrastes in seinen „Leben der Heiligen“ gegeben hat, im Einzelnen sehr verschieden von dem der Thebäer ist, so steigert sich doch dort wie hier mit dem immer entschlosseneren Widerstand der Soldaten gegen die Zumuthungen des Kaisers die Wuth desselben bis zu dem endlichen Hinrichtungsbefehl, der dann ohne Murren und Widerstand, ja unter loben und Danken gegen Gott, ausgeführt wird. Der Name des Mauritius, der an der Spitze der orientalischen Krieger- und Märtyrerschar steht, wird, von dem griechischen Kirchenhistoriker Theodoret (c. 427) neben andren eminenten Helden der diocletianischen Verfolgung genannt, ja so verherrlicht, daß er mit denen der Apostelfürsten Petrus und Paulus zusammengestellt wird. Mauritius muß also schon bald nach der diocletianischen Verfolgung in der orientalisch-griechischen Kirche als Märtyrer mit seinen Genossen verehrt und dann zu hohen Ansehn gelangt sein. Eucherius oder schon vor ihm seine Berichterstatter nahmen den Namen des Helden Mauritius vom Osten herüber, aber die Zehner, die ihm im Kampfe zur Seite gestanden, sprangen im Occident in Tausende, die Einer in Zehner über.

Schon zur Zeit als Eucherius die Legende aufzeichnete hatte sich über der Marterstätte und den Gebeinen der Heiligen ein förmlicher Cult der Thebäer entwickelt. Ihre intercessorische Thätigkeit, um die sich der Bischof Silvius (dem die Legende mitgetheilt wird) verwenden soll, hatte sich bereits in eine unmittelbar eingreifende verwandelt. So waren sie z. B. einem noch heidnischen Schmidt, der bei’m Bau der Basilica beschäftigt am Tage des Herrn selbst gearbeitet hatte, erschienen und dieser wurde in Folge der Erscheinung bekehrt. Sie wirkten mancherlei Wunder, wie Heilungen von Krankheiten, Austreibungen von Dämonen. Nicht bloß sie selbst, sondern auch ihr Blut und ihre Gebeine übten bald ähnliche Wunderwirkungen aus. Daher schon in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts Wallfahrten von allen Seiten her nach diesem geweihten Ort unternommen wurden, wie z. B. von Romanus, dem Abt eines Klosters im Jura, dessen Lebensbeschreibung, die bald nach seinem Tode (460) verfaßt ist, darüber berichtet. Viele wollten wie er die Basilica der Heiligen sehen und das blutgetränkte Blachfeld betreten. Einzelne dieser frommen Waller blieben an der Stätte zurück, wo sich christlicher Heldenmuth mit der Treue so schön bewährt hatten und höhere segnende Kräfte fortwirken sollten. So bildete sich das Kloster Agaunum, das uns recht ein Bild des im Abendlande ganz charakteristisch sich gestaltenden Klosterlebens gibt und das in engem Zusammenhange mit dem religiösen Leben in der Schweiz längere Zeit hindurch dessen Mittelpunkt blieb.

Wir erfahren aus der alten Biographie des Abtes Romanus, daß schon damals der Bericht über die Passion der Thebäer schriftlich abgefaßt war. Damit ist ohne Zweifel der des Eucherius gemeint und dessen Alter bestätigt. Die weitere Angabe im Leben des Romanus, daß die Basilica und das agaunensische Lager die Gebeine der ganzen Legion, 6600 Mann, nicht habe umfassen können, konnte als Anhaltepunkt der späteren Verzweigungen der Legende dienen, welche zahlreiche Reliquien der Thebäer an den verschiedensten Orten vorhanden weiß.

Eine neue Hebung erfuhr der Thebäer-Cult für Burgund im Anfang des 6. Jahrhunderts, als König Sigismund aus Reue über die von ihm vollführte Ermordung seines Sohnes Sigerich die Basilica und das Kloster herstellen ließ und reich dotierte. Die Gräber der Heiligen, des Mauritius, Eruperius, Candidus und Victor wurden gerichtet und ein immerwährender Psalmengesang angeordnet. Bei Gelegenheit der Einweihung der wohl prächtiger hergestellten Basilica (im J. 515) hielt Avitus, der Bischof von Vienna, eine Lobrede auf die Heiligen, von der nur noch der Anfang erhalten ist.

Unterdes hatte sich schon die Verehrung der heiligen Märtyrer unter den Franken allgemeiner verbreitet. Chlodwig der Frankenkönig wandte sich zehn Jahre nach seiner Bekehrung (im J. 506) an den verehrten Abt Severin nach Agaunum, um durch ihn von seinem leidenden Zustande befreit zu werden. Von der Verbreitung heilkräftiger Thebäerreliquien, namentlich ihres Blutes, lassen sich noch früher im 4. Jahrhundert bei den Franken Spuren entdecken. Man begnügte sich aber nicht bloß mit den Reliquien, sondern man erhob auch Anspruch auf den Ruhm der thebäischen Legion selbst: und schon Gregor von Tours, der Kirchengeschichtschreiber der Franken, berichtet gegen Ende des 6. Jahrhunderts von einer prächtigen Basilica zu Cöln, in welcher 50 Mann von der heil. thebäischen Legion gemartert sein sollten. Sie war von ausgezeichneter musivischer Arbeit und glänzte von Gold, sodaß das Volk sie „zu den goldenen Heiligen“ nannte. Auch hier erwiesen sich die Gebeine wunderthätig. Diese Kirche ist ohne Zweifel die des heil. Gereon, der mit einer Abtheilung Thebäer durch die Legende Köln überwiesen worden. Um dies möglich zu machen, wurde der Bericht über die Thebäer dahin erweitert, daß die Legion zur Dämpfung eines Aufstandes der Bagauden d. h. der Bauern in Gallien abgesandt worden sei und im Rhonethale sich zu dem Feldzuge durch Opfer habe vorbereiten sollen; als sie sich ihres christlichen Bekenntnisses halber wiederholt geweigert hatte, wurde sie niedergehauen.

Diese erweiterte Fassung wurde dann dahin abgeändert, daß die Vernichtung der Legion erst auf ihrem Rückmarsch aus Gallien stattgefunden habe. Es blieb aber nach der Dämpfung des Aufstandes in Gallien noch die Züchtigung des Usurpators Carausius in Brittanien übrig. Dazu wurden Abtheilungen der thebäischen Legion unter Anführung des Gereon, Victor, Cassius und Florentius abgesandt, während das übrige Heer sich nach Italien zurückzog. – Als im oberen Rhonethale die Niedermetzelung der Legion erfolgte, sandte Maximian Truppen mit demselben Blutbefehl auch gegen jene am Nieder-Rheine befindlichen Abtheilungen ab. So wurden zu Bonn (Verona) Cassius und Florentius mit sieben Genossen, zu Cöln Gereon mit 318 Gefährten, zu Xanten Victor mit 330 Soldaten niedergemetzelt. In Köln wurden die Leichname in einen Brunnen geworfen, und bald darauf erbaute Helena, die Mutter Constantins, über den Gebeinen der Märtyrer die Gereonskirche, die wegen ihrer Pracht und wunderthätigen Reliquien Gregor von Tours ohne nähere Namenangabe zuerst erwähnt.

Die weiteren Verzweigungen der Legende nach Trier und andren Orten, die Verlegung derselben nach Pavia in Italien, beweisen, daß, nachdem sie einmal aufgetaucht war, bei den christlich-germanischen Völkern ein förmlicher Wetteifer sich geltend machte, solche christliche Helden wie Mauritius und die thebäische Legion als Vorbilder sich nahe zu rücken und als Localheilige selbst ganz zu besitzen.

W. Krafft in Bonn.

Saturninus Bischof von Toulouse.

29. November.

Des Saturninus Name steht mit der Christianisierung Galliens in enger Verbindung. Galliens Bevölkerung war im zweiten Jahrhundert mehr gewachsen, als die aller übrigen Provinzen des römischen Reiche, zeichnete sich durch größere Cultur aus und besaß Schulen, welche vielfach selbst von Rom aus besucht wurden. Ihre Religion war die allgemeine des Reichs, trug aber noch druidische Elemente in sich, deren grausamer Charakter einst das Menschenopfer zugelassen hatte, als das Christenthum auftrat und dem Volke seinen Glauben einzupflanzen strebte. Nur langsam und unter schweren Verfolgungen schritt es fort. Die Gemeinden mehrten sich erst, als unter dem Kaiser Philippus Arabs eine günstigere Zeit für seine Ausbreitung zu kommen schien.

Nach zuverlässigen Nachrichten übernahm damals Saturninus die Leitung der in Toulouse entstandenen Gemeinde.

Toulouse war eine der wichtigsten Städte des alten Galliens gewesen. Dorthin hatten die kriegslustigen und unruhigen Celten die Schätze aller Länder geführt, die sie mit plötzlichem Ueberfall heimgesucht hatten. Auch jetzt noch war sie eine der bedeutendsten des Landes. Nach Gregor von Tours waren es 7 Geistliche, welche zu gleicher Zeit von Rom aus nach Gallien gesendet wurden, wie Dionysius nach Paris, Gratianus nach Tours, Trophimus nach Arles u. a. Dürfte dies als zuverlässig gelten, so hätte in dieser Zeit der Bischof Fabianus von Rom einen der größeren Versuche gemacht, ein heidnisches Land in die allgemeine christliche Bewegung hineinzuziehn und dadurch der zunehmenden Bedeutung Roms als Einheitspunkt der Kirche Bahn gebrochen.

Kaum aber war dies geschehen, so erneuerte der Kaiser Decius im J. 249 die Verfolgung der Christen mit dem entschiedenen Bestreben die ganze Kirche zu vernichten. Besonders den Bischöfen galt sein Zorn, als den Häuptern der Kirche. Mit steigender Wuth und Heftigkeit verbreitete sich die Verfolgung nach allen Seiten hin und wurde bald durch die weltliche Obrigkeit, bald durch die Priesterschaften, bald durch das aufgeregte Volk selbst herbeigeführt. Von Provinz zu Provinz mehrte sich die Zahl der Märtyrer. In Rom wurde Fabian schon am 20. Januar 250 hingerichtet. Aber das Christenthum feiert grade bei solchen Gelegenheiten seine herrlichsten Triumphe. Mit Freudigkeit übernahmen Cornelius und Lucius sofort nach einander nicht sowohl das Amt ihres Vorgängers als vielmehr die Nachfolge des Märtyrerthums.

Auch in Toulouse entbrannte die Mordlust des Heidenthums. Hier war die besondere Veranlassung das Aufhören der Orakelsprüche, indem nach dem Volkswahn plötzlich die Götter verstummten und ungeachtet der ihnen gebrachten Opfer die Zukunft zu enthüllen verweigerten. Der Grund wurde in den Christen gesucht, deren Götterverachtung bekannt war; die Priester fürchteten für ihre Macht und das Volk stellte sich auf ihre Seite.

Eine kleine christliche Kirche in der Nähe des sogenannten Capitols, eine Höhe, die dort noch heute unter diesem Namen bekannt ist, führte den jenseits desselben wohnenden Saturninus öfters dort vorbei, wenn er mit den Seinen sich zum Gottesdienste dorthin begab oder von dort zurückkehrte. Einst war man eben im Begriff durch das Opfer eines gewaltigen Stiers die Götter noch einmal zu versöhnen und zur Erneuerung der Orakelsprüche zu bewegen. Große Volkshaufen waren gegenwärtig. Da ging plötzlich Saturninus mit einem Presbyter und zwei Diakonen vorüber. Den Bischof ergriff man, während die drei Geistlichen flüchteten, schleppte ihn auf das Capitol und verlangte von ihm, daß er persönlich am Opfer Theil nehme.

Er aber sprach mit lauter Stimme: „Den Einen wahren Gott nur kenne ich. Ihm werde ich ein Lobopfer darbringen. Von Euren Göttern weiß ich, daß sie Dämonen sind, welche ihr vergebens nicht sowohl durch Thieropfer, als durch das Todesopfer Eurer Seelen ehrt. Wie fordert Ihr aber, daß ich die fürchten soll, von denen ihr, wie ich vernehme, behauptet, daß sie mich fürchten?“ Sogleich fiel die wüthende Menge über ihn her, umschlang seine Füße mit einem Stricke, welchen man an den zum Opfer bestimmten Stier befestigte, versetzte denselben in Wuth und jagte ihn das Capitol hinab. Mit zerschmettertem Kopfe, zerrissenen Gliedern kam Saturninus unten entseelt an, wo er in Folge des Zerreißens des Strickes liegen blieb. Nur zwei christliche Frauen wagten es, mit eigner Lebensgefahr, dem entseelten Leibe ihres Hirten und Bischofs an derselben Stelle eine verborgene Ruhestätte in der Erde zu bereiten. Hilarius aber, Silvius und Ersuperius, seine Nachfolger im Amte, haben später für eine würdigere Stätte gesorgt, und den verehrten Ueberresten des Märtyrers erst eine kleine, dann eine größere Basilika geweiht. letzteres geschah am Ende des vierten Jahrhunderts. Als Tag seines Todes wird bestimmt der 29. November angegeben. Das Todesjahr ist nicht genau bekannt, muß aber zwischen 250 und 260 fallen.

Dies Wenige wissen wir von dem Leben des Saturninus; genug, um in ihm einen Mann zu erkennen und zu ehren, welcher sich, treu den Befehlen seines Herrn, muthig dem Götzendienste widersetzt, bereitwillig das Opfer seines Lebens gebracht und sich dadurch als einen wahrhaften Zeugen Jesu bewährt hat. Die katholische Kirche hat ihn unter ihre Heiligen gerechnet. Uns ist sein Andenken ehrwürdig, weil er mit sichtbarem Erfolge beigetragen hat, Gallien zu einem Sitze christlicher Wahrheit zu machen.

F. Ranke in Berlin.

Katharina von Bora.

(geb. d. 29. Jan. 1499; gest. d. 20. Dec. 1552.)

„Mein lieber Herr Doctor, ist’s Gottes Wille, so will ich Euch bei unserm lieben Herr Gott lieber, denn bei mir wissen; ich hoffe aber und traue auf Gott, er werde Euch gnädiglich erhalten.“

Katharina von Bora wurde geboren im Jahre 1499 den 29. Januar zu Loeben bei Schweinitz in Sachsen. Ihr Vater, Hans von Mergenthal auf Deutschenbora, gehörte zu dem im Mittelalter berühmten Geschlechte der Boren, ihre Mutter, Anna, war eine geborene von Haugwitz. Die Aeltern, welche nur geringes Vermögen besaßen, brachten ihre Tochter schon frühzeitig in das Cistercienser Nonnenkloster Nimtschen bei Grimma. Katharina, von Natur mit einem heitern Gemüthe begabt, war gleich vom Anfange dieser unnatürlichen Einkerkerung abhold. Die Klosterschwestern, welche Gelegenheit hatten, Luthers Schriften zu lesen, erfuhren nun auch, daß er gegen das Nonnenwesen gesprochen und daß sie nicht verpflichtet wären, wider ihren Willen in diesem Stande zu bleiben. Dieses trug mit dazu bei, daß der Katharina das Klosterleben mit jedem Tage verhaßter wurde. Daher regte sich in ihr, so wie in 8 andern Nonnen späterhin der Wunsch, aus den Klostermauern befreit zu werden, weil, wie sie erklärten, solch Leben der Seligkeit halber von ihnen nicht länger zu dulden sei. Sie wendeten sich daher an ihre Aeltern, erhielten aber eine abschlägliche Antwort. Sollte dennoch ihr Wunsch erfüllt werden, so mußte von einer andern Seite Hülfe kommen und diese erwarteten sie von Luther. Sie offenbarten sich ihm und dieser entwarf sogleich einen Plan zu ihrer Befreiung. Ganz im Stillen gewann er einen Bürger zu Torgau (Leonhard Koppe), der mit zwei andern Männern das Wagestück ausführte. In der Charfreitagsnacht den 4. April 1523 kamen diese Männer bei dem Kloster Nimtschen an, Koppe überstieg die Gartenmauer und half den 9 Nonnen über dieselben hinweg. Diese Entführung erschien aber um so gefährlicher, da die Reise durch die Länder Georgs des Bärtigen gehen mußte, der ein eifriger Katholik und ein abgesagter Feind Luthers war. Deshalb verbarg Koppe die Nonnen so viel als möglich. Er hatte 9 Tonnen mitgebracht, die so eingerichtet waren, daß in jeder eine Person bequem sitzen konnte. Auf diese Art kam das „armselige Völkchen,“ wie Luther die Geretteten nennt, am dritten Osterfeiertage, den 7. April wohlbehalten in Wittenberg an. Sie suchten Zuflucht bei Luther und fanden einen väterlichen Versorger an ihm. Dieser beruhigte sie nicht nur über den gethanen Schritt, den er öffentlich billigte, sondern verschaffte ihnen auch von seinem Churfürsten eine geheime Unterstützung und suchte sie mit ihren Verwandten zu versöhnen. Luther, der schon lange gegen das ehelose Leben der Geistlichkeit gepredigt und geschrieben hatte, ging endlich selbst mit einem guten Beispiele voran, indem er seine Mönchskleidung ablegte und sich am 23. Junius 1525 mit dem Fräulein Katharina von Bora verheirathete. Er war der glücklichste Ehemann und hatte nie Ursache, seine Wahl zu bereuen. Mit inniger Liebe hing sie an ihm und stand in so mancher Anfechtung und so mancher trüben Stunde als freundliche Trösterin ihm zur Seite. Sein eigenes Urtheil über sie spricht er in folgenden Worten aus: „Es ist mir mit meiner Käthe Gottlob wohlgerathen; denn ich habe ein fromm, getreu Weib, auf welches sich des Mannes Herz verlassen darf, wie Salomo sagt, Sprichw. 31, 11; sie verdirbt mir nichts.“ Und in der That hatte er recht gesprochen. Ihr schönster Schmuck war ächte Frömmigkeit und Tugend. Zwar warf man ihr Stolz vor und tadelte es, daß sie den Umgang mit andern Frauen mied; und doch war jenes der edle Stolz auf ihren Gemahl, den sie innig liebte und auf den sie stolz zu sein alle Ursache hatte. Eben so mochte sie als eine an Geistesbildung und Seelenadel so viele ihres Geschlechts übertreffende Frau keinen Gefallen finden an den leeren Gesprächen ihrer Nachbarinnen, sondern zog es vor, an der Seite ihres Gatten zu weilen, der im häuslichen Kreise immer heitere und fröhliche Laune zeigte und sie so manches Andere vergessen ließ. Daher äußerte auch Luther einst von sich selbst: „Die höchste Gnade und Gabe Gottes ist es, ein fromm, freundlich, gottesfürchtig und häuslich Gemahl haben, mit der du friedlich lebest, der du darfst all dein Gut und was du hast, ja dein Leben und Leib vertrauen. Gott aber stößet ihrer viele in den Ehestand, ohne ihren Rath, ehe sie es recht bedenken und thut wohl daran. Käthe, du hast einen frommen Mann, der dich lieb hat, du bist eine Kaiserin. So danke Gott. Aber zu einem solchen Stande gehört eine fromme und gottesfürchtige Person.“

Daß er an ihrer Seite ein wahrhaft glücklicher Gatte und Vater war, zeigen verschiedene Einzelheiten. So oft er zu verreisen genöthigt war, beklagte sie es und war ängstlich um ihn besorgt, so daß Luther bei solchen Gelegenheiten sie nur mit vieler Mühe in Briefen zu trösten vermochte. Als er einst von einer schweren Krankheit befallen wurde, pflegte sie ihn mit treuer Liebe und Sorgfalt Tag und Nacht, wich nicht von seinem Bette und bewährte sich als die treueste Gattin in Wort und That. Ihm, der bei dieser Gelegenheit selbst an seiner Wiedergenesung zu zweifeln anfing, rief sie im Vertrauen auf Gott die tröstenden Worte zu: „Mein lieber Herr Doctor, ist’s Gottes Wille, so will ich Euch bei unserm lieben Herr Gott lieber, denn bei mir wissen, ich hoffe aber und traue auf Gott, er werde Euch gnädiglich erhalten.“

Katharina war aber auch eine treffliche Hausfrau. Sie befolgte in allen Dingen mit Zuvorkommenheit seinen Willen und sorgte mit gewissenhafter Genauigkeit für das Hauswesen, was bei Luthers geringem Einkommen und seiner unbegrenzten Wohlthätigkeit sehr heilsam war. Zu bewundern ist’s, daß Beide sich so bald und so glücklich in Alles fanden, was ihnen jetzt in der Wirthschaft oblag. Luther, als Mönch, an strenge Ordnung gewöhnt, übte auf gleiche Weise die Pflichten des Hausvaters und Katharina verstand es auch, durch geschicktes und sanftes Beherrschen der Dienstboten sich als tüchtige Hausfrau zu zeigen,

Mit Sorgfalt widmete sich Katharina der geistigen und sittlichen Ausbildung ihrer 6 Kinder und ging ihnen in Allem mit einem schönen Beispiel voran. So wie ihre Liebe zu ihrem Gatten innig und aufrichtig war bis in den Tod, so war auch ihre Liebe zu ihren Kindern die zärtlichste und innigste, die nur stets eine gute Mutter gegen ihre Kinder an den Tag legen kann.

Glücklich als Gattin und Mutter mußte Katharina doch auch manchen Kummer erfahren, der nicht bloß in den Verhältnissen und ärgerlichen Streitigkeiten hinsichtlich der Reformation seinen Grund hatte, sondern auch in den körperlichen Leiden ihres Gatten selbst. Auf diesen hatte beides einen so betrübenden Eindruck gemacht, daß er sich mehr als einmal den Tod wünschte, ja der Sittenlosigkeit wegen Wittenberg verlassen wollte. Durch Zureden seiner guten Freunde gab er zwar seinen Plan auf, aber seine frühere Heiterkeit kehrte nicht wieder zurück. Auch Katharinens Glück war von jetzt an dahin, denn es war nahe die Stunde, in der sie von ihrem theuren Gatten auf ewig getrennt werden sollte. Im Januar 1546 reiste er in Folge einer Einladung nach Eisleben, seinem Geburtsorte, wo er krank ankam. Katharina sendete ihm, als sie Nachricht davon erhielt, aus ihrer kleinen Hausapotheke einige schon als bewährt gefundene Arzneimittel dahin, welche aber erfolglos blieben. Er starb den 18. Februar 1546. Thränen der Wehmuth und des bittern Schmerzes vergoß sie, die trostlose Gattin, mit vier unversorgten Kindern. Nur das Andenken an die Verdienste des großen Lehrers brachte ihr einigen Trost.

Obgleich die Grafen und Fürsten sich ihrer annahmen und sie zahlreiche Beweise der Liebe und Theilnahme von den Freunden ihres Mannes erhielt, um ihren Schmerz zu mildern, so war dieses doch nicht von Dauer, sie hatte noch bittere Erfahrungen zu machen. Der Religionskrieg, welcher ein Jahr nach dem Tode ihres Gemahls ausbrach und die Häupter der Protestanten hart traf, erschütterte auch die unglückliche Katharina; und als das belagerte Wittenberg sich ergeben mußte, trat eine unglückliche Lage für sie ein. Alle getreuen Anhänger der neuen Lehre verließen die Stadt und auch sie nahm mit ihren Kindern die Flucht. Mit vielen andern wieder zurückgekehrt und des freien Besitzes ihres Vermögens versichert, war ihre Lage doch eben noch nicht viel besser geworden, da die Unterstützung vom Kurfürsten ausblieb und schwere Abgaben auf ihrem Eigenthum lasteten. Um sich einige Erleichterung zu verschaffen, vermiethete sie einige Stuben und nahm eine kleine Anzahl Studenten gegen ein mäßiges Kostgeld. Daß ihre Lage eine sehr bedrängte war, bekennt auch die Universität in einem Leichenprogramm, worin es heißt: „Mit ihren verwaisten Kindern mußte die als Witwe schon Schwerbelastete unter den größten Gefahren umherirren, wie eine Verbannte; großen Undank hat sie von Vielen erfahren, und von denen sie wegen der großen und öffentlichen Verdienste ihres Ehegatten um die Kirche Wohlthaten hoffte, ist sie oft schändlich getäuscht worden.“

Katharina lebte kümmerlich und eingezogen zu Wittenberg, bis 1552 die Pest ausbrach und die Universität nach Torgau verlegt wurde. Sie folgte mit ihren Kindern auch dahin, um den kleinen Gewinn von den Kostgängern nicht zu verlieren. Allein auf der Reise wurden die Pferde scheu und als sie, um sich zu retten, mit ihren Kindern aus dem Wagen sprang, fiel sie in einen Sumpf und erkältete sich so stark, daß sie den 20. December 1552 starb. Sie wurde in der Kirche zu Torgau beigesetzt, wo auch noch jetzt ihr Leichenstein zu sehen ist.

Obgleich Katharina schwere Prüfungen im Leben zu bestehen hatte, so hielt sie doch unerschütterlich an dem, was sie von ihrem Manne als bleibendes Erbtheil erhalten – eine uns getrübte Aussicht in jenes Leben.

Spr. Sal. 14, 29. 32. Wer geduldig ist, der ist weise; wer aber ungeduldig ist, der offenbart seine Thorheit. Der Gottlose bestehet nicht in seinem Unglück; aber der Gerechte ist auch in seinem Tode getrost.

Anna von Sachsen.

(geb. 1531, gest. d. 1. Oct. 1585.)

„Alles, was ich auf der Welt habe, ist nicht im Stande zu verhindern, mich mit innigster Begierde nach dem Himmel zu sehnen, wo ich Gott schauen werde, den ich allein für die Quelle ansehe, meine Begierden zu stillen.“

Ein Beispiel von edler Einfachheit und Häuslichkeit gibt uns die Kurfürstin Anna von Sachsen.

Diese Fürstin, geboren im Jahre 1531, war die einzige Tochter des Königs Christian III. von Dänemark und der Dorothea. Von ihren frommen Aeltern wurde sie schon in früher Jugend durch gute Lehren und Beispiele zu allem Guten angehalten. Sie fand an dem Unterrichte, den sie von einem würdigen Geistlichen erhielt, so viel Anziehendes, daß sie Spiele und Vergnügungen wenig achtete und daher bald ihre sämmtlichen Geschwister in Religionskenntnissen weit übertraf. Außerdem wußte sie die verständige Mutter stets auf eine zweckmäßige Weise zu beschäftigen, indem sie nach den Unterrichtsstunden unter ihrer Aufsicht nähen, stricken und andere weibliche Arbeiten besorgen mußte. In spätern Jahren wurde sie auch zur Haushaltung angehalten, denn die Mutter hatte den edlen Grundsatz, daß Fleiß, Sparsamkeit und Häuslichkeit auch Fürstinnen nützlich werden könnten.

Im Jahre 1548 wurde sie mit dem Kurfürsten August von Sachsen vermählt. Von jetzt an bemühete sie sich, als Gattin ihrem Gemahl das Leben auf vielfache Weise zu erheitern und durch häusliche Bequemlichkeit und stilles Vergnügen ihm dasselbe angenehm zu machen. Oftmals überraschte sie ihn mit einem kleinen ländlichen Feste, und ohne allen Hofzwang genossen die beiden Eheleute herzlich und aufrichtig ihr häusliches Glück. Sieben und dreißig Jahre stand sie als treue Lebensgefährtin ihm zur Seite und überall war sie als schlichte und einfache Gattin ihrem Volke ein herrliches Vorbild des einfachen häuslichen Lebens. In den Stunden der Prüfung, die sie als Mutter zu ertragen hatte, indem sie von 15 Kindern 11 ins Grab sinken sah, ertrug sie den Schmerz mit Ergebung in den unerforschlichen Rathschluß Gottes und zeigte dadurch jene Seelengröße, die nur in einem festen Charakter ihren Grund haben kann.

Ausgezeichnet aber erscheint uns Anna als thätige Hausfrau. In der Sorge für Bildungsanstalten und Staatseinrichtungen wetteiferte sie mit ihrem Gemahl. Als August zum Anbau des wüsten Landes zu Gemeintheilen aufmunterte und den Ackerbau zu befördern suchte, stand ihm Anna mit Rath zur Seite und ging dadurch dem Landmanne mit einem herrlichen Beispiele voran, daß sie den Spaten selbst in die Hand nahm. An der Beförderung des Handels und der Gewerbe nahm sie thätigen Antheil und als August eine große Anzahl wegen ihres Glaubens vertriebener Niederländer in Sachsen aufgenommen hatte, durch welche die Tuch- und Baumwollenmanufaktur vervollkommnet wurde, so war auch Anna stets bereit, die Noth Vieler zu lindern und Fremde und Verfolgte zu beschützen.

Auf den zahlreichen Reisen des Kurfürsten war sie seine Gefährtin, lernte und lehrte und suchte jede neue Einrichtung zu unterstützen. August pflegte auf der Reise Obstkerne bei sich zu führen, um durch Vertheilung derselben den Obstbau in seinem Lande zu heben. Er hatte zu diesem Zwecke ein Obst- und Gartenbüchlein geschrieben und den Befehl ertheilt, daß jedes junge Ehepaar im ersten Jahre zwei Obstbäume pflanzen solle. Hier war es wieder die thätige Anna, die ihrem Gemahl behülflich war und zur Vollziehung des Befehls nach Kräften mitwirkte.

Erholung und Vergnügung fand sie in dem Blumengarten, sammelte und pflegte selbst die edelsten Kräuter, die sie kennen gelernt hatte, gab mehreren Frauen Unterricht in der Kräuterkunde und wußte daraus treffliche Heilmittel zu bereiten, mit denen sie den Armen des Landes Hülfe leistete. So wird ausdrücklich erzählt, daß sie 1579 zu Stolpen ein weißes Magenpflaster erfand, wovon die Hofapotheke in Dresden lange nachher noch Proben aufbewahrte, und daß sie auf ihren Reisen stets selbstbereitete Arzneimittel bei sich führte, um nöthigenfalls auf der Stelle einem Leidenden helfen zu können. In dieser Absicht legte sie die herrlichsten Gärten an und stiftete in Dresden die Hofapotheke 1581, welche diese Stadt noch jetzt besitzt.

Durch ihre umfassende Kenntniß in der Wirtschaft wußte sie selbst in ihrem eigenen Haushalte jeglichen Nutzen zu ziehen. Von Hofunterhaltungen, Spielen und andern Ergötzlichkeiten wußte man in jener Zeit wenig. Die Kurfürstin saß in ihrem Zimmer und spann Flachs an einem Rädchen, und selbst auf der Reise konnte sie sich nicht von Stickrahmen, Spindel und Nadel trennen. Auch ihre Hofdamen spannen oder nahmen eine nützliche, den Frauen anständige Arbeit vor. In der Verwaltung des Vorwerks Ostra, ihrem Witwensitze, war sie in jeder Beziehung die Seele des Ganzen, da sie sich um die kleinsten Dinge bekümmerte. Im Sommer, bei gutem Wetter, ging sie zu Fuße wöchentlich zwei Mal von einigen Personen begleitet an diesen Ort, bereitete mit eigenen Händen die Butter und ordnete andere in der Wirthschaft nöthige Dinge. Sie pflegte für ihren Gemahl selbst zu waschen, die übrige Wäsche hingegen ließ sie durch andere Personen besorgen und auf das Schloß bringen. Wenn fette Ochsen und Schweine geschlachtet und Fleisch eingepökelt wurde, blieb sie zugegen und ordnete Alles auf’s Beste an.

Ein treues Bild von ihrer Einfachheit und sorgsamen Wirthschaftlichkeit gibt uns folgende Anekdote. An einem heißen Sommertage kam einst der Kurfürst August sehr durstig nach dem genannten Vorwerke und bat die Magd um einen Trunk Milch. Diese kannte den Kurfürsten nicht und reichte ihm eine geringe Sorte. Als der Kurfürst, nach dem Genusse derselben, seinen Unwillen laut werden ließ, antwortete die Magd in ihrer rohen Weise: „Wenn der alte Brummbär uns nicht immer die beste Milch nähme, dann hätten wir auch bessere.“ August erzählt diesen Vorfall seiner Gemahlin, und diese läßt sogleich die Magd kommen und gibt ihr einen herben Verweis. Unzufrieden darüber erwiderte diese: „Hätte ich freilich gewußt, daß ich einem solchen Schlingel, der Alles ausplaudert, Milch gegeben hätte; dann hätte ich gewiß nichts gesagt.“ August hatte hinter der Thüre lauschend diese Rede gehört und trat lachend mit den Worten hervor:

Drum tragen wir in stiller Ruh,
Den Brummbär ich, den Schwengel du!

Jede Gelegenheit benutzte die Kurfürstin Anna gewissenhaft, um ihre Kenntnisse zu erweitern, und wenn bei Tische oder in Gesellschaft von den Wahrheiten der Religion oder andern wichtigen Gegenständen gesprochen wurde, so entfernte sie sich nicht eher, als bis die Unterredung zu Ende war. Wie sie in ihrer Jugend zur Gottesfurcht angehalten worden war und bis zu ihrer Vermählung und Abreise täglich vor der Tafel mit aufgehobenen Händen das Tischgebet laut verrichten mußte, so hielt sie auch jetzt ihre Prinzessinnen zu dieser frommen Sitte an, und eine derselben mußte es sogar am Tage ihrer Hochzeit in Dresden thun. Ihrem Oekonomie-Verwalter auf Ostra hatte sie eigenhändig ein Gebet aufgesetzt, und dieses fleißig zu beten anbefohlen.

Obgleich Anna von Gestalt sehr schön war und ein königliches Ansehen hatte, so blieb sie doch bescheiden und wußte sich in Zeit und Umstände zu schicken. Die Wahrheit war ihr so heilig und theuer, daß sie auch im Scherze sich keine Unwahrheit erlaubte. Ihre Sanftmuth und Geduld ging so weit, daß sie jede Beleidigung ihrer Feinde gelassen ertrug und sich gegen dieselben mit Tugend und Gebet vertheidigte. Geheimnisse waren bei ihr immer sicher verwahrt und die Kunst zu schweigen verstand sie vollkommen. Ihre Demuth und Bescheidenheit war die Ursache, daß sie in ihrem Stande und im Genusse ihres Glückes keinen Stolz zeigte, sondern sich Jedermann leutselig und herablassend bewies und von den ihr anvertrauten Gütern einen edlen Gebrauch machte. Kein Armer und Hülfsbedürftiger ging von dieser wohlthätigen Fürstin, ohne Unterstützung gefunden zu haben; ja oft hatte es das Ansehen, als wenn die Armen, Witwen und Waisen in Gemeinschaft mit ihr die Güter theilten. War ein sächsischer Unterthan in Gefangenschaft gerathen, oder wurde ein Jüngling durch Armuth verhindert, seine Studien fortzusetzen, oder fehlte es einem tugendhaften Mädchen an einer Ausstattung; so half sie entweder selbst, oder wurde Fürsprecherin bei ihrem Gemahl.

Da der Kurfürst neben dem Drechseln sich auch mit der Alchymie beschäftigte, wofür auch seine Anna eingenommen war, so glaubte man damals, er besitze den Stein der Weisen und könne Gold machen, weil sich stets ein großer Schatz und Geldvorrath in seiner Rentkammer befand, und sein Nachlaß 17 Millionen Thaler betrug; wenn man aber seinen guten Staats- und Privathaushalt bedenkt, so erklärt sich das Wunder von selbst. Auf Veranlassung seiner Gemahlin geschah es, daß August ein ansehnliches Kapital hergab, von dessen Zinsen arme und alte Geistliche oder Witwen unterhalten werden sollten. Oft pflegte sie zu sagen: „Alles, was ich auf der Welt habe, ist nicht im Stande zu verhindern, mich mit innigster Begierde nach dein Himmel zu sehnen, wo ich Gott schauen werde, den ich allein für die Quelle ansehe, meine Begierden zu stillen.“

Vom Jahre 1581 bis 1586 ward Sachsen, besonders Dresden, von der Pest heimgesucht, und im Jahre 1585 starben nicht weniger als 1209 Personen. In demselben Jahre wurde auch unsere Anna von dieser Krankheit befallen und ließ folgende Gebetformel für sich in der Kirche halten: „Es wird begehret ein christlich Gebet zu thun für eine arme Sünderin, deren Sterbestündlein vorhanden ist.“ Sie starb an dieser Krankheit zu Dresden den 1. October 1585. Ihre Leiche wurde einige Wochen in der Schloßkirche aufbewahrt und dann, von fürstlichen Personen begleitet, mit großer Feierlichkeit nach Freiberg gebracht und dort beigesetzt. Von ihren Unterthanen tief betrauert blieb sie unter dem Namen Mutter Anna noch lange im Andenken.

Spr. Sal. 31, 10-13; 18-20. 26. Wem ein tugendsames Weib bescheret ist, die ist viel edler, denn die köstlichsten Perlen. Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen, und Nahrung wird ihm nicht mangeln. Sie thut ihm Liebes und kein Leides sein Lebenlang. Sie geht mit Wolle und Flachs um, und arbeitet gerne mit ihren Händen. Sie merkt, wie ihr Handel Frommen bringt; ihre Leuchte verlöscht des Nachts nicht. Sie strecket ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel. Sie breitet ihre Hände aus zu dem Armen, und reicht ihre Hand dem Dürftigen. Sie thut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Zunge ist holdselige Lehre.

Samuel Rutherford

Der Leser, welcher sich an den Briefen des Samuel Rutherford erquickt und stärkt, möchte doch wohl auch aus dem Lebensgange dieses Mannes so viel erfahren, daß ihm die köstlichen Briefe verständlicher werden. Aus seinem Leben fallen Lichtstrahlen auf die Briefe, aber auch umgekehrt verklären die Briefe sein Leben, besonders nach der innern Seite hin. Schon von Jugend auf scheint dieser Mann gerade die innere Seite seines Lebens gepflegt zu haben. Er erzählt uns selber einen Zug aus seiner Kindheit. Mit seinen Gespielen ergötzte er sich einmal und fiel in einen Brunnen. Erschrocken liefen die andern Kinder zu seinen Eltern um ihnen das Unglück zu melden, und als diese eilends herbeikamen, fanden sie den Samuel vom Wasser triefend in der Nähe des Brunnens. „Wie bist du denn daher gekommen?“ fragten erstaunt die Eltern. „Ein schöner weißer Mann,“ sagte der liebe Kleine erfreut, „kam zu mir und zog mich aus dem Brunnen heraus.“ Er kam im Jahre 1600 zu Nisbet in der Grafschaft Roxburgh zur Welt.

Seine Eltern gehörten zu dem niedern Adel Schottlands, und waren darauf bedacht, ihm eine tüchtige Bildung zu geben. Seine ersten wissenschaftlichen Kenntnisse sammelte er in einer lateinischen Schule, und in seinem siebzehnten Jahre bezog er schon die Universität zu Edinburg, der Hauptstadt Schottlands. Seine ausgezeichneten Gaben traten hier recht an’s Licht. Allgemein bewunderte man den Jüngling, und bald wurde Rutherford, obwohl noch sehr jung, zum Professor der Philosophie der Edinburger Universität ernannt. Aber nicht sehr lange lehrte er hier, denn Lord Kenmure ließ im Jahre 1627 einen Ruf zur Pfarrstelle von Anwoth in der Grafschaft Galloway an ihn ergehen, und Rutherford muß darin einen Ruf vom HErrn der Kirche erkannt haben, denn er machte sich nach Anwoth auf und lebte ganz für seine neuen Verhältnisse. Was er angriff, das griff er recht an. Tag und Nacht arbeitete er mit Fleiß und Treue in seiner ihm anvertrauten Gemeinde. Gewöhnlich stand er schon Morgens früh drei Uhr auf. Gebet und Lesen des göttlichen Wortes war sein Tagesanfang. Dann ging es an’s Schreiben, an das Katechisieren in Schule und Kirche, an die Besuche in den Häusern. Kurzum alle Pflichten seines geistlichen Amtes lagen ihm ernstlich am Herzen. Solche Arbeit konnte nicht ohne Frucht bleiben. Ganz in seinem Elemente war er, wenn er auf dem Predigtstuhle stand. Er war der volksthümlichste Prediger seiner Zeit, seine Predigten drangen mit Macht in die Herzen seiner Zuhörer. „Ich habe manche große und gute Geistliche in unsrer Kirche gekannt,“. erzählt sein Zeitgenosse Patrik Simpson von ihm, „aber einen Mann solchen Schlages, dem so viele ausgezeichnete Gaben verliehen gewesen, wie Rutherford, kannte ich keinen in Schottland; dann er lebte unausgesetzt nur in dem was heilsam, gut und segensreich ist. Er hatte zwei lebhafte Augen, und wenn er ging, sah man ihn immer sein Haupt aufwärts zum Himmel gerichtet. Manchmal glaubte ich, er würde sich von der Kanzel wegschwingen, wenn er von Jesu Christo redete. Er war niemals in seinem wahren Elemente, als wenn er sich mit dem Lobe des Heilandes beschäftigte. Mit Christo sich beschäftigend legte er sich nieder zum Schlafe, und mit Ihm stand er wieder auf.“ Ein Engländer hörte Rutherford, und ganz ergriffen sagte er von ihm, dem kleinen sanften Mann, wie er ihn schilderte: „Er zeigte mir die Liebenswürdigkeit Christi.“

Als er die Stelle von Anwoth annahm, suchte er durchaus nicht die Bestätigung von Seiten der Bischöfe nach. Und das führt uns auf die großen Kämpfe, die damals in der schottischen Kirche mächtig im Schwange waren. Wir gehen nicht auf die Reformation Schottlands und auf ihren gewaltigen Zeugen John Knox zurück. Die schottische Kirche hatte von Anfang der Reformation an einen Widerwillen gegen das landesherrliche und bischöfliche Kirchenregiment. Und das war auch kein Wunder. Die königliche Familie der Stuarts meinte es nie ganz offen mit der Reformation, sie war vielmehr von einem römischen Grundzuge durchdrungen. Jakob VI. hatte den Grundsatz, den er oft genug hören ließ: „Kein Bischof, kein König!“ Das bischöfliche Regiment in der Kirche war ihm ein feststehender Satz, auf den er sein Regiment in Kirche und Staat gründete. Er war zwar in der presbyterianischen Kirche Schottlands aufgewachsen, hatte jedoch bei seiner angebornen Herrschsucht keinen Sinn dafür, daß der christlichen Gemeinde auch Rechte gebühren. Nur muß man nicht glauben, daß in der evangelischen Kirche Schottlands Crethi und Plethi berechtigt gewesen wäre. Rechte wurden nur Solchen verliehen, welche die christlichen Pflichten erfüllten. Schon bis in’s Jahr 1561 reicht die schottische Verfassung, bekannt unter dem Namen „das erste Buch der Disciplin.“ Sie erkennt vier Gattungen von Beamten in der Kirche, als göttlich eingesetzt an. Der erste ist der Diener oder Pastor, der das Wort zu predigen und die Sakramente zu verwalten hat; alsdann kommt der Doctor oder Lehrer, worunter besonders die Lehrer an Schulen, Universitäten verstanden wurden. Der dritte ist der Aelteste, der mit dem Prediger die Zucht und das Kirchenregiment auszuüben hat. Der Diakon hat als der vierte das Kirchenvermögen zu verwalten und die Armen zu besorgen. Die kirchlichen Behörden von unten auf sind die Kirchsitzung, die wöchentlich zusammenkommt; das Presbyterium, bestehend aus den Geistlichen und abgeordneten Aeltesten seines Kreises, welches das Recht hatte, die von den Gemeinden zu wählenden Geistlichen zu prüfen und zu ordinieren; die Provinzialsynode, bestehend aus den Predigern und Aeltesten der Presbyterien einer Provinz. Endlich war die Generalversammlung, aus abgeordneten Predigern und Aeltesten des Königreiches bestehend, die alljährlich sich versammelte. Sie bildete die höchste Instanz in allen kirchlichen Angelegenheiten. Die Gemeinden hatten das Recht, ihre Pastoren zu wählen. Neben diesen Freiheiten gab es aber eine feste und strenge Zucht über das sittliche Leben der Gemeindeglieder.

Das Parlament von Schottland erkannte im Jahr 1567 die presbyterianische Verfassung an, und der damalige Regent Graf von Murray willigte ein. Auch König Jakob bestätigte im Jahre 1592 dieselbe, aber aufgezogen in den Grundsätzen des absoluten Königthums hatte er sich nie damit innerlich befreundet. Inzwischen war durch ein zweites Buch der Disciplin die Verfassung weiter ausgebildet worden. Es würde uns zu weit führen, dieß darzustellen. Jakob hing, wie wir wissen, am Bischofthum, und wollte durch dasselbe in der Kirche herrschen. Er fing schon an, Bischöfe und Erzbischöfe für Schottland zu ernennen, aber die Schotten, welche an ihrer Verfassung festhielten, leisteten ihm den entschiedensten Widerstand. Die Prediger traten offen, oftmals schroff gegen den König und seinen geheimen Rath auf. Als der König im Jahr 1603 unter dem Namen Jakob I. König von England geworden war, glaubte er, mit seiner vermehrten Macht die ihm eigentlich verhaßte Presbyterial-Verfassung allmählig abschaffen und das Bischofthum einführen zu können. Im Jahre 1618 wurden auf der Versammlung von Perth die sogenannten fünf Artikel von Perth genehmigt, in denen mehrere Punkte sich fanden, worin die Schotten eine Hinneigung zum Katholizismus witterten. Auf’s Entschiedenste stemmte sich das Volk mit seinen Geistlichen entgegen. Es gab Geistliche, die sich lieber Absetzung und Verbannung gefallen ließen, als daß sie sich den Perth’schen Artikeln unterworfen hätten. Da starb Jakob, und sein Sohn Karl I. bestieg im Jahre 1625 den Thron. Er hatte kein schottisches Herz und lebte ganz in der absoluten Gewalt des Königs, sowohl im Staate als in der Kirche. Durch sein rücksichtsloses, gewaltthätiges Auftreten erregte er den entschiedensten Widerspruch. Schon in England, wo er auf strenge Beobachtung der bischöflichen Liturgie und Kirchenverfassung drang, erregte er allgemeinen Unwillen. An dem Erzbischof Laud von Canterbury, einem Manne verhaßten Namens, hatte er eine getreue Stütze. Dieser ging noch weiter und glich den heutigen Puseyiten, welche katholische Gebräuche einführen wollen. Laud brachte solche katholisierende Neuerungen auf. Die Abweichung von diesen Gebräuchen hieß Non-Conformity. Viel hundert Geistliche wurden ihres Amtes entsetzt und hart bestraft, weil sie gewissenshalber die vorgeschriebenen Gebräuche nicht mitmachen konnten und wollten. Und Tausende der besten Christen verließen lieber das Land ihrer Väter, als daß sie in die königlichen Befehle eingewilligt hätten. Sie gingen nach Nordamerika und gründeten daselbst gesegnete Kolonien. Aber noch viel entschiedener war der Widerstand der Schottländer, die an ihrer presbyterianischen Verfassung zähe festhielten und alle Ceremonien der englisch bischöflichen Kirche für ein Stück Katholizismus hielten. Zuerst betraten sie den Weg der Bitte, aber der König nahm keine Rücksicht auf ihre Vorstellungen, sondern begehrte einfach den Vollzug seiner Befehle und die Annahme der bischöflichen Kirchenverfassung. Da stand ganz Schottland auf. Die Stände traten zu einem festen Bunde, unter dem Namen Covenant bekannt, zusammen. Das geschah in dem für Schottland denkwürdigen Jahre 1638. Sie gelobten hier, ihrem Glaubensbekenntnisse treu zu bleiben und sich jeder Neuerung einmüthig zu widersetzen.

Als dies geschah, war Rutherford bereits nicht mehr in seiner lieben Gemeinde Anwoth. Schon im Jahre 1620 erlitt er eine schwere Verfolgung, er hatte nehmlich ein Buch mit dem Titel: „Exercitationes Apologeticae pro divina gratia“ geschrieben, worin er für die Hauptlehre der evangelischen Kirche, für die Rechtfertigung des Sünders aus Gnaden, allein durch den Glauben an Jesum Christum in den Riß trat, und der arminianischen Lehre der hohen Geistlichkeit, die mehr oder weniger das Verdienst des Menschen her vorhob, gegenüberstand. Er wurde wegen dieses Buches vor den hohen geistlichen Gerichtshof zur Verantwortung geladen. Weil aber sehr stürmisches Wetter einfiel, konnte der Erzbischof von St. Andrews nicht erscheinen, und eins der weltlichen Mitglieder des Gerichtshofes, Alexander Colville, stand mit Rutherford auf so freundschaftlichem Fuße, daß die Sitzung aufgehoben wurde, ohne daß Etwas gegen den Angeklagten vorgenommen worden wäre. Er hatte aber auch noch um jene Zeit den Schmerz, seine erste Gattin nach einer schweren Krankheit von mehr als einem Jahre zu verlieren. Hatte er auch jetzt eine Zeit lang Ruhe, so sollte sie doch nicht zu lange währen. Im April 1636 zog ihn der Bischof Sydserff von Galloway vor den Gerichtshof, weil er sich den fünf Artikeln von Perth nicht allein nicht unterworfen, sondern sogar gegen dieselben gepredigt hätte. Auch war das Buch, das die Vertheidigung der göttlichen Gnade enthielt, noch nicht vergessen. Es kam ebenfalls auf die Tagesordnung des Gerichtshofe. Rutherford erschien vor dem Gericht, aber nach seinen Grundsätzen konnte er diesen Gerichtshof als einen gültigen nicht anerkennen, und er erklärte dieses auf bestimmte Weise.

Ein Mitglied des Hofes, Lord Lorn, der nachher unter dem Namen Marquis von Argyle so berühmt geworden als Vertheidiger der Schottischen Kirche und darüber den Märtyrertod erlitten hat, nahm sich des hart angeklagten Rutherford warm an. Der Bischof von Galloway aber drohte, daß er, wenn man Rutherford ungestraft ziehen lassen würde, es an den König berichten werde. Der Gerichtshof ließ sich durch solche Drohung einschüchtern, und sprach am 27. Juli 1636 über Rutherford die Entlassung von seinem Amte aus, so wie er ihm die Ausübung jeder geistlichen Verrichtung in ganz Schottland bei Strafe der Rebellion verbot und ihm befahl, sich nach Aberdeen zur Haft zu stellen und so lange dort zu bleiben, als es dem Könige gefallen würde. In einem Briefe, den er kurz nach diesem ungerechten Urtheilsspruche an Lady Kenmure geschrieben hat, sagt er: „Die Ehre, welche ich mir seit 16 Jahren mit Unterwerfung unter den Willen Gottes erbeten habe, hat mein liebreicher HErr mir nun zu Theil werden lassen, um Jesu und Seines Reiches willen zu leiden. Ich bin zur Gefangenschaft in der Stadt Aberdeen verurtheilt, und es ist mir im Namen des Königs befohlen, am 20. August mich dahin zu begeben – und daselbst so lange zu bleiben, als es dem König gefällt. Wiewohl dieses mir auferlegte Kreuz mich etwas niederbeugt, wenn ich mir die vielen schönen Tage ins Gedächtniß zurückrufe, die meiner, so wie mancher andern mir theuren Seele süß und tröstlich waren, so ist es doch zugleich mit süßen Erinnerungen begleitet, mit der Freude im h. Geist, mit dem Glauben, daß der HErr das Seufzen eines Gefangenen hört und mit der unerschütterlichen Hoffnung, daß so gewiß der HErr lebt, auch auf diese Nacht das Tageslicht folgen und Christi Himmel sich wieder über mich und über Seine arme Kirche erhellen, und daß er auch in einem fremden Lande unter fremden Angesichtern Seinem armen unterdrückten Diener, der nur den HErrn Jesum, den Tröster seiner Seele, lieben kann, auch vor Menschen Gnade geben wird. Schon auf der Reise dahin fand er allenthalben innige Theilnahme und er selbst hielt trotz der Feindschaft der Leute von Aberdeen die Zeit seiner Gefangenschaft für wahre Festtage, obwohl auch von Zeit zu Zeit Kummer ihn beschlich. Während seiner Gefangenschaft in Aberdeen hat er viele und wohl auch seine herrlichsten Briefe geschrieben, die noch jetzt eine Fundgrube des Trostes, der Mahnung und der Kraft für den Leser bleiben. Es durchzieht sie die Süßigkeit der Liebe Jesu, daß man sich nur auch von solcher himmlischen Salbe wünschen möchte. „Meine Feinde,“ schreibt er, „haben mich hieher gesandt, damit Seine liebe mir Festtage bereite. Sollte ich Christi Liebe verheimlichen? Nein, ich kann es nicht verschweigen, was Er an meiner Seele gethan hat.“

In Aberdeen hielt er sich etwas über anderthalb Jahre auf. Denn als er hörte, daß die Aufhebung des geistlichen Gerichtshofes allgemein verlangt werde, und der Geheime Rath bei dem König schon darauf angetragen habe, so verließ er seinen Aufenthalt in Aberdeen, und kehrte zu seiner Gemeinde in Anwoth zurück. Hatte er schon früher mit allem Eifer und Ernst gearbeitet, jetzt that er es wo möglich noch mehr. Oeffentlich und sonderlich gab es nicht leicht einen treueren Diener seines HErrn. Die Macht seiner Zeugnisse war so eindringlich, daß nicht blos Anwoth, sondern die ganze Umgegend in geistliche Bewegung kam. Er hatte die Freude, dem oben schon genannten Covenant im Jahre 1638 beiwohnen zu können. Nicht lange hernach wurde wieder eine allgemeine Versammlung zu Glasgow gehalten. Da bestätigte man den geschlossenen Bund, hob die Beschlüsse der früheren Versammlungen unter König Jakob auf und schaffte namentlich das aufgedrungene bischöfliche Regiment ab. Dieses gewaltsame eigenmächtige Vorgehen der Schotten glaubte König Karl nicht dulden zu können, und rüstete deßhalb ein Heer, um seine Befehle mit Hülfe desselben durchzuführen. Aber die Schotten rüsteten ebenfalls ein Heer, das noch bedeutender, als das königliche und von Religionseifer entflammt war. Da hielt es doch der König für gerathener, sich auf gütliche Unterhandlungen einzulassen. Die Macht und das Ansehen des Königs sank auch in England immer tiefer. Die Schotten benützten dieses Verhältniß, steigerten ihre Forderungen und der König gab es endlich ganz auf, die schottische Kirche anzutasten. Was für ein trauriger und beklagenswerthes Ende Karl I. auf dem Schafott genommen hat, ist hinlänglich bekannt. Bis es dahin gekommen war, mußte die schottische Kirche vieles durchmachen, und Rutherford war Einer von denen, welche mit Wort und Schrift für die Rechte der Kirche einstanden. Er war auch nicht mehr in Anwoth. Die denkwürdige Versammlung zu Glasgow im Jahr 1638 hatte mit inniger Theilnahme den Bericht Rutherfords von seiner Wirksamkeit in Anwoth, von seiner Gefangenschaft in Aberdeen und der Veranlassung dazu vernommen und bald erkannt, daß dieser Mann auf einen einflußreicheren Posten gestellt werden müsse. Sie ernannte ihn daher zum Professor der Theologie in St. Andrews. Wo bisher der Sitz eines Erzbischofs mit dem Gefolge des Aberglaubens, des Irrthums und der Gottlosigkeit sich fand, da erhob sich jetzt ein schöner Libanon mit herrlichen Cedern, mit denen die Kirche Gottes in Schottland geschmückt wurde. Rutherford trug besonders zu diesem Flore bei. Sein gründlicher Unterricht in den Fächern, die er die Studenten zu lehren hatte, besonders seine mächtigen, populär-edlen, von der Liebenswürdigkeit Christi zeugenden Predigten wirkten gewaltig auf die Herzen der jungen Leute. Die Segensströme, die in ihre Herzen flossen, wurden von ihnen in die Gemeinden geleitet, an denen sie nach vollendeten Studien zu arbeiten hatten.

Nicht blos öffentlich durch Vorlesung und Predigten verbreitete der Professor von St. Andrews das wahre Christenthum, sondern auch sein Privatleben war ein leuchtendes Vorbild. Es durchzog ein heiliger Ernst und ächt evangelische Liebe seine ganze Erscheinung. Namentlich drang er darauf, ähnlich wie Spener, daß auch in den Häusern hin und her religiöse Versammlungen gehalten wurden. Nicht alle begünstigten dieselben. Auf der Generalversammlung des Jahres 1640 erhob namentlich der Prediger Henry Guthrie, der nachmalige Bischof von Dunkeld, seine Stimme gegen diese Versammlungen, während Andere sie blos geregelt zu sehen wünschten. Rutherford fühlte sich in solchen öffentlichen Versammlungen selten gedrungen, zu reden. Dießmal aber konnte er nicht schweigen. Kurz und gut erklärte er: „Was die heilige Schrift gut heißt und wozu sie sogar auffordert, das darf keine Kirchenversammlung verbieten. Privatversammlungen zu religiösen Uebungen sind aber durch die heilige Schrift gut geheißen, denn wir lesen: „Die Gottesfürchtigen sprachen oft mit einander und Gott hörte egal (Mal. 3, 15. nach der englischen Uebersetzung). Ferner heißt es: „Bekenne Einer dem Andern seine Sünden und betet für einander“ u. s. w. Dieses Alles konnte aber nicht in den öffentlichen Versammlungen geschehen.“ Solchen Bezeugungen trat der Herzog von Seaforth und die Parthei des Guthrie scharf entgegen, aber Rutherford genoß ein solches Ansehen und sein Einfluß war so mächtig, daß die Gegenparthei nichts zu erlangen vermochte, als daß über den Familien-Gottesdienst einige Bestimmungen festgesetzt wurden.

Es war nicht das letzte Mal, daß Rutherford in großen, öffentlichen Versammlungen als Abgeordneter erschien und handelte. Wir begegnen ihm mit den andern schottischen Deputierten auch in der sogenannten Westminster-Versammlung zu London im Jahre 1645. Einer der Zwecke dieser Versammlung war der, eine nähere Uebereinstimmung mit der schottischen Kirche und andern auswärtigen reformirten Kirchen zu bewirken. Wenn sie auch für die englische Kirche keine bleibenden Erfolge erreicht hat, so kann man dieß nicht gleichermaßen von der schottischen sagen. Noch jetzt in ihr gültige Vorschriften über Lehre, Verfassung und Gottesdienst sind daraus hervorgegangen. In der Versammlung selbst standen sich drei Partheien einander entgegen. Auf der einen Seite kämpften die Presbyterianer, welche die Mehrzahl ausmachten, und zu welchen unsere schottischen Abgeordnete gehörten. Die andere Parthei bildeten die sogenannten Independenten, zu denen Oliver Cromwell zählte. Sie behaupteten eine völlige Unabhängigkeit der christlichen Gemeinden in Betreff des kirchlichen Regiments, des Gottesdienstes und der Zucht. Die dritte Parthei führt den Namen Erastus und heißt Erastianer. Sie leiteten alle Gewalt, sowohl die bürgerliche als auch die kirchliche, von der weltlichen Obrigkeit her. Daß Karl I., überhaupt die Stuarts, zu dieser Parthei hielt, ist begreiflich, sie war in ihrem Sinn und Interesse. Daß aber Rutherford mit den beiden letzteren Partheien nicht übereinstimmte, sondern sie auf’s Entschiedenste bekämpfte, beweist seine Thätigkeit in der Westminster-Versammlung. Er zeichnete sich in den Verhandlungen durch große Klarheit, mit der er seine Ueberzeugungen darlegte, aus. Und seine Schriften über die großen kirchlichen Streitfragen jener Zeit stellen ihn als einen der tiefsten Denker seines Volkes dar. Besonders gehört hieher seine beste Schrift, die er geschrieben hat: „Lex Rex, oder das Gesetz und der König. Hier legt er die Grundsätze der bürgerlichen und religiösen Freiheit auf eine Weise dar, wie sie in der englischen Staatsverfassung verwirklicht worden sind. Freilich unter König Karl II, wurde sie öffentlich verbrannt. Es folgten noch andere gelehrte Abhandlungen von Rutherford, er warf den Fehdehandschuh den Erastianern, den Wiedertäufern, den Independenten und andern Sektierern hin, und Niemand hatte den Muth, ihn aufzuheben und es mit diesem reichbegabten, gelehrten und gesalbten Kämpfer aufzunehmen.

Noch während seines Aufenthalts in London nöthigte ihn sein Gesundheitszustand, um Rückkehr nach Schottland zu bitten. Aber die Westminster-Versammlung gewährte sie ihm nicht, weil sie seine Kenntnisse und Erfahrungen nicht entbehren wollte. Erst im Jahre 1647 kehrte er in sein geliebtes Schottland zurück, und nahm wieder seine Arbeiten in St. Andrews auf. Im Jahre 1651 wurde er zum Rector der Universität erwählt, die höchste Ehre, die ein Geistlicher der Kirche von Schottland erlangen kann. Sein Name drang sogar auf das Festland herüber, so daß zwei Rufe von auswärts an ihn ergingen. Der eine kam von der Universität von Harderwyk zu einer Professur, und der andere ebenfalls aus Holland, nehmlich von Utrecht. Auch hier sollte er Professor an der Universität werden. Aber die kritische Lage seiner heimischen Kirche hielten ihn im Vaterlande fest. Er schrieb darüber einem Freunde: „Lassen Sie sich erbitten, und geben Sie den Gedanken auf, dieses Land zu verlassen. Ich sehe, wie der HErr in seinem Zorne das ganze Land mit einer Wolke bedeckt hat, und ob ich wohl auf gleiche Weise, wie Sie, versucht worden bin, so will ich doch lieber bei dem zürnenden Jesus Christus in Schottland bleiben, als sonst in irgend einem Eden oder Garten dieser Erde, da ich weiß, daß Er es nicht übel mit uns meint.“ So harrte er denn lieber unter Kampf und Trübsal in Schottland und bei seinem Berufe aus, als daß er eine bequemere Stellung angenommen hätte.

Es war aber nach der Hinrichtung des Königs Karl I. böse Zeit. Auf der einen Seite stand die Republik unter dem mächtigen Protektorate Oliver Cromwells, dessen independentische Grundsätze Rutherford nicht theilte, auf der andern Seite gewann der Kronprätendent, der nachmalige König Karl II., einen bedeutenden Anhang in Schottland. Zwei politische Partheien rissen in Schottland eine tiefe Furche auch in das Lager der Gläubigen. Die Einen hielten es mit Karl II. und von ihren Beschlüssen, die sie gefaßt hatten, führten sie den Namen Resolutionere, während die andere, ernster gesinnte Parthei, die mit Recht dem jungen Stuart nicht traute, dagegen protestierte, und deshalb protesters genannt wurde. Rutherford schloß sich der letzteren Parthei an, wie wir von ihm nicht anders erwarten können. Er ließ so viele Schriften und Schriftchen in diesem Betreffe und in anderer christlicher Beziehung ausgehen, daß man hätte denken sollen, der Mann stecke immer in seiner Studierstube, und wenn er sie etwa verlasse, thue er es nur, um Vorlesungen und Predigten zu halten. Aber er lebte auch der Gemeinde und besuchte die Kranken von Haus zu Haus, gerade wie damals, als er noch Pfarrer von Anwoth war.

Es gehört nicht hieher, die politischen Verhältnisse darzustellen. Nach Cromwells Tode und seines Sohnes Richard Rücktritt siegte die Parthei, welche die Königsfamilie der Stuarts zurückführte, um wieder neues Elend über England und Schottland zu bringen. Man hat schon oft von ihnen gesagt, daß sie die Bourbonen Englands gewesen. Und wirklich, die Stuarts haben, wie diese, nichts gelernt und nichts vergessen. Karl II. fühlte sich kaum warm auf dem Thron, da brach die ererbte Natur heraus. Die kirchlichen Verhältnisse erfuhren betrübende Veränderungen. Da konnte ein Buch, wie Rutherford’s Lex Rex keine Gnade mehr finden. Es wurde öffentlich verbrannt und sein Verfasser vom Parlamente zur Verantwortung wegen Hochverraths vorgeladen.

Als die Ladung Rutherford überbracht wurde, lag er schwer krank in seinem Bette. „Sagt ihnen,“ antwortete der Kranke, „ich hätte bereits eine andere Ladung vor einen höheren Richter erhalten; ich müsse daher dieser ersten Ladung folgen, und bevor ihr Tag komme, würde ich sein, wo wenige Könige und Große hinkämen.“ Als dem Parlamente diese Antwort zuging, beschloß es mit Ausnahme weniger Stimmen, daß dem todtkranken Rutherford nicht gestattet sein solle, im Collegiengebäude von St. Andrews zu sterben. „Ihr habt diesen frommen Mann aus seinem Collegium votiert,“ sagte unwillig Lord Burleigh, „aber ihr seid nicht im Stande, ihn aus dem Himmel hinauszuvotieren.“ Die Hölle sei noch zu gut für ihn, bemerkten Einige lästerlicher Weise. „Ich wünschte,“ erwiderte Burleigh, ich wäre des Himmels so gewiß; ich würde mich für glücklich halten, könnte ich nur einen Zipfel seines Gewandes ergreifen, um mich hineinschleppen zu lassen.“

Auf seinem Krankenlager beklagte er es schmerzlich, daß er verhindert worden sei, seit dem Jahre 1638 kräftiger für das Werk der Reformation zu zeugen. Am 28. Februar 1661 legte er noch ein umständliches Zeugniß gegen das sündliche Treiben jener Zeit ab, und unterschrieb es zwölf Tage vor seinem Heimgange, als er in vollem Frieden und voll Glaubens und voll Freudigkeit war. Dieses herrliche Zeugniß für die Sache der Reformation ist nach seinem Tode gedruckt erschienen.

Oft brach er auf seinem Sterbelager in ein heiliges Entzücken aus, indem er seinen herzlichgeliebten und hochgelobten Heiland seinen königlichen König nannte und laut pries. „Ich werde leuchten,“ sagte er einige Tage vor seinem Tode, „Ich werde Ihn sehen, wie Er ist, ich werde Ihn herrschen sehen und die Seinen mit ihm. Ich werde mein großes Erbtheil besitzen, und meine Augen werden meinen Heiland sehen; mit diesen meinen Augen werde ich Ihn schauen. Dies ist keine Einbildung, keine Täuschung, es ist Wahrheit. Der Name meines HErrn sei hoch erhoben, und der meine werde, wenn es ihm gefällt, zertrümmert, auf daß nur Er Alles in Allem werden möge. Sollte Er mich auch zehntausend Mal schlagen, will ich ihm doch vertrauen.“ Oft hörte man die Worte von ihm: „Dein Wort ist unsers Herzens Freude und Trost.“ (Jer. 15, 16.)

Einen Besuchenden ermahnte er dringend zu einem heiligen Wandel. „Ach,“, sagte er, „es ist nicht leicht, ein Christ zu sein, ich aber habe jetzt überwunden, und Christus streckt beide Arme aus, mich zu umfangen.“ Gegen einige Freunde äußerte er: „Im Anfange hatte ich, wie alle sündige Menschen, große Furcht, daß ich schwach werden möchte, und trug dieß dem HErrn vor; aber so wahr, wie Er je zu mir in seinem Worte sprach, so wahr wie sein Geist meinem Herzen Zeugniß gab, hat Er meine Bekümmerniß angesehen und zu mir gesagt: fürchte nichts, der Ausgang wird des Preises werth sein, laß dir an meiner Gnade genügen. Ja, ich habe wie andere Menschen gesündigt, aber Er hat mir vergeben, mich geliebt, mit seinem Blut rein gewaschen, und wird mir unaussprechliche Freude und Herrlichkeit geben.“ Als ihn mehrere Amtsbrüder besuchten, sagte er zu ihnen: „Theure Brüder, thut doch Alles für Ihn, betet für Christum, predigt für Christum, und hütet euch vor Menschengefälligkeit, die jetzt so sehr unter uns herrscht. Es mag liebe Brüder, übermüthig scheinen, wenn ich, ein Einzelner, einem Presbyterium eine solche Botschaft sende, aber da ich ein Sterbender bin, so ermahnt die Mitglieder unsers Presbyteriums in meinem Namen, daß sie doch für Gott und seine Sache auftreten, den Grundsätzen des Covenants treu bleiben und für die ihrer Hut anvertraute Herde Sorge tragen. Mögen sie dieselbe aus Liebe weiden, besuchen, predigen und katechisieren für Gott, kurz Alles für Gott thun.“

Als einige Freunde, darunter auch der gottselige Blair, dessen Herz nichts lieber als Christum preisen hörte, sich darüber äußerte, daß er über der Treue in seinem Amte so viele Leiden erfahren habe, erwiderte er: „Das Alles ist nichts. Der Hafen, nach dem ich steure, ist: Versöhnung und Vergebung durch das Blut meines Heilandes. Zwischen mir und der Auferstehung ist jetzt nichts mehr, als das: Heute sollst du mit mir im Paradiese sein!“ Unter den Besuchenden war auch Wood, ein Beschlußanhänger, sonst ein trefflicher Mann, sowie Honeyman, der später als Feind des Presbyterianismus auftrat und Bischof ward. Wood betete, aber der Kranke blieb ziemlich ungerührt, während er bei Honeyman’s Gebet weinte. Als man ihn nachher darüber fragte, äußerte er ganz bestimmt: „Wood und ich werden uns wiedersehen, wenn wir uns jetzt auch trennen. Aber ach, was den armen Honeyman betrifft, so werden wir nie in einer andern Welt zusammen kommen, das ist die Ursache, warum ich weinen mußte.“

Am Abend vor seinem Todestage bekannte er: „Ich erkenne, wie all mein Wollen und all mein Thun, so weit es aus mir gekommen, befleckt und unvollkommen gewesen ist, aber Christus ist sowohl meine Heiligung, als meine Rechtfertigung. Er ist mir von Gott gemacht zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung,“ und fügte ganz freudig hinzu: „Ja, ja, so ist es, Er ist mein Alles in Allem.“ Später brach er in die Worte aus: „O daß doch alle meine Brüder wissen möchten, welch einem HErrn ich gedient habe, und welchen Frieden ich genieße. Ich werde schlafen in Christo und werde satt werden, wenn ich erwache nach Seinem Bilde.“ Er fügte bald hinzu: „Diese Nacht wird die Thüre verschlossen werden, und mein Anker in das Inwendige des Vorhangs hineingehen. Um 5 Uhr Morgens werde ich entschlafen.“ Als er im Sterben lag, hörte man ihn ausrufen: „O nur Arme Ihn zu umarmen! O eine wohltönende Harfe her! Ich höre Ihn zu mir sagen: Komm her zu mir!“ Seine letzten Worte waren: „Gloria, Gloria, ich wohne in Immanuels Land!“

So starb er am 19. März 1661 Morgens fünf Uhr, wie er vorher gesagt hatte, dieser treue Zeuge von Geist und Kraft, um seinen Gnadenlohn zu empfangen, welcher Allen zu Theil wird, welche Christi Erscheinung lieb haben.

Katharina, Gräfin von Schwarzburg.

(geb. 1509, gest. 1567.)

„Meinen Unterthanen muß das Ihrige wieder werden, oder bei Gott!!“

Katharina von Schwarzburg, geborne Fürstin von Henneberg, geb. 1509, war die Gemahlin Heinrichs von Schwarzburg (geb. d. 23. März 1499), verlor jedoch diesen ihren Gemahl schon den 12. Juli 1538 und überlebte denselben um 29 Jahre. Sie wird als eine kluge Fürstin, als eine wahre Mutter ihres Volkes, besonders auch als eine heldenmüthige Frau gerühmt. Von ihrem Heldenmuthe hat uns die Geschichte folgendes auffallendes Beispiel bewahrt.

Als im Jahre 1547 Kaiser Karl der Fünfte nach der Schlacht bei Mühlberg mit seinem Kriegsheere durch Thüringen zog, kam eine Heeresabtheilung, meistens aus Spaniern bestehend und von dem furchtbaren Herzog von Alba angeführt, in die Nähe von Rudolstadt. In der ganzen Umgegend hatte sich der Ruf von der unersättlichen Raubgier und Mordlust der siegestrunkenen kaiserlichen Truppen verbreitet, und die Gräfin Katharina für das Wohl ihrer Unterthanen mehr als für ihr eigenes besorgt, hatte von dem Kaiser Karl einen Schutzbrief auszuwirken gewußt, daß ihre Unterthanen von den durchziehenden spanischen Truppen nichts zu leiden haben sollten. Dagegen versprach sie, allerlei Lebensmittel als Brod, Fleisch, Bier u. dgl. gegen billige Bezahlung an die Saalbrücke schaffen zu lassen, um die Truppen zu versorgen. Die Brücke, welche damals, ganz nahe bei der Stadt, über die Saale führte, ließ sie aus kluger Vorsicht in aller Geschwindigkeit abbrechen und an einer von der Stadt weiter entfernten Stelle wieder aufrichten, damit die Soldaten nicht so leicht in die Stadt eindringen könnten. Zugleich erlaubte sie den Einwohnern aller Ortschaften, durch welche der Heereszug ging, ihre besten Habseligkeiten auf das Schloß nach Rudolstadt in Sicherheit zu bringen. Nach solchen zweckmäßigen Maßregeln erwartete sie ruhig die Ankunft des kaiserlichen Heeres. Mittlerweile näherte sich der gefürchtete spanische General, Herzog v. Alba, vom Herzog Heinrich v. Braunschweig und dessen Söhnen begleitet, der Stadt, und bat sich durch einen reitenden Boten bei der Gräfin auf ein Morgenbrod zu Gaste. Eine solche Bitte, von dem Anführer eines Heeres gethan, konnte nicht wohl abgeschlagen werden. Man würde geben, was das Haus vermöchte, war die Antwort; der Herzog möchte kommen und vorlieb nehmen. Dabei unterließ sie aber nicht, dem Herzog v. Alba die gewissenhafte Beobachtung des erhaltenen Schutzbriefes nochmals dringend ans Herz zu legen. Die Gäste kamen, wurden freundlich empfangen und an einer wohlbesetzten Tafel auf dem Schlosse so gut als möglich bewirthet. Herzog v. Alba muß gestehen, daß die thüringischen Damen eine gute Küche führen und auf die Ehre des Gastrechts halten. Kaum hatte man sich gesetzt, als in ängstlicher Hast ein Eilbote die Gräfin aus dem Saale ruft. Es wird ihr gemeldet, daß die spanischen Truppen, des kaiserlichen Schutzbriefes nicht achtend, auf den Dörfern plünderten, Geld erpreßten, das Vieh wegtrieben und an den Bauern allerlei Grausamkeiten verübten. Katharina war eine Mutter ihres Volkes; was ihren Unterthanen widerfuhr, war ihr selbst zugestoßen. Sie war daher über diese Wortbrüchigkeit äußerst entrüstet, befiehlt auf der Stelle ihrer ganzen Dienerschaft, sich in aller Geschwindigkeit und Stille zu bewaffnen, die Thore und Schloßpforten wohl zu verriegeln und Niemanden ein- noch auszulassen, und dann ihres Winkes gewärtig zu sein. Hierauf begibt sie sich wieder in den Saal, wo die Fürsten noch fröhlich bei Tische sitzen. An den Herzog v. Alba sich wendend klagt sie in den beweglichsten Ausdrücken, wie schlecht man das gegebene Kaiserwort halte, und begehrt von ihm einen schriftlichen Befehl an die Soldaten, daß sie ihren Unterthanen das geraubte Vieh und Geld wiedergeben und sich aller ferneren Gewaltthätigkeiten enthalten sollten. Herzog v. Alba schien sich nicht dazu verstehen zu wollen und erwiderte kalt und gefühllos, daß dieß einmal Kriegsgebrauch sei und daß bei einem Durchmarsche von Truppen dergleichen kleine Unfälle nicht zu verhüten wären. „Das wollen wir doch sehen,“ – antwortete sie aufgebracht, – „meinen armen Unterthanen muß das Ihrige wieder werden, oder, bei Gott!“ indem sie drohend ihre Stimme anstrengte, – Fürstenblut für Ochsenblut!“ – Mit dieser kurzen Erklärung verließ die Gräfin das Zimmer. In wenigen Augenblicken war dasselbe von Bewaffneten erfüllt, die, mit dem Schwerte in der Hand, doch mit vieler Ehrerbietigkeit, hinter die Stühle der Gäste sich stellten und das Frühstück bedienten. Beim Anblick dieser kampflustigen Schar veränderte Herzog v. Alba die Farbe. Stumm und betreten sah man einander an. Abgeschnitten von der Armee, von überlegenen handfesten Männern umgeben, blieb ihm nichts übrig, als sich in Geduld zu fassen, und auf welche Bedingung hin es auch sei, die beleidigte Dame zu versöhnen. Er zog den Herzog von Braunschweig auf die Seite und fragte ihn, ob wirklich ihr Leben in Gefahr sei? – „Allerdings,“ – erwiderte der Herzog, – „die deutschen Frauen sind muthig und entschlossen und lassen sich nicht ungestraft beleidigen.“ Herzog v. Alba schrieb schweigend den verlangten Befehl und ließ ihn der Gräfin einhändigen. Dieser wurde sogleich an die Armee abgeschickt und ohne Verzug das geraubte Vieh und Geld den Eigenthümern wieder ausgeliefert. Sobald die Gräfin von der Zurückgabe des geraubten Nachricht erhielt, bedankte sie sich schönstens bei ihren Gästen und forderte den Fürsten ihr Ehrenwort ab, sich wegen des Vorganges weder an ihr, noch an ihrem Lande zu rächen. Dieses wurde ihr gegeben. Der Herzog v. Braunschweig kehrte den ganzen Vorfall in’s Lustige und hielt der Gräfin eine Lobrede über ihre landesmütterliche Sorgfalt und den entschlossenen Muth, den sie bewiesen. Friedlich und höflich nahmen nun die Fürsten Abschied von der Gräfin.

Ohne Zweifel ist es diese Begebenheit, welche der Gräfin den Beinamen der Heldenmüthigen erworben.

Auch verdient noch ihre standhafte Thätigkeit erwähnt zu werden, mit welcher sie in ihrem Lande die Reformation, die schon durch ihren Gemahl Graf Heinrich XXXVII. eingeführt worden war, beförderte und befestigte, das Mönchswesen abschaffte und Kirchen und Schulen verbesserte. Alle diejenigen, welche wegen der reinen Lehre des Evangeliums Verfolgungen zu erleiden hatten, fanden bei ihr Schutz und Beistand. Unter andern nahm sie einen gewissen Caspar Aquilla in Schutz und rettete ihn von einem schmählichen Tode. Dieser Aquilla, Pfarrer zu Saalfeld, war früher als Feldprediger mit der kaiserlichen Armee in die Niederlande gegangen und hier, weil er sich geweigert, eine Kanonenkugel zu taufen, von den rohen Soldaten in einen Feuermörser geladen worden, um in die Luft geschossen zu werden; ein Schicksal, dem er noch glücklich entging, weil das Pulver nicht zünden wollte. – Jetzt kam er das zweite Mal in Lebensgefahr. Der Kaiser Karl der Fünfte hatte im Jahre 1548 auf dem Reichstage zu Augsburg ein Gesetz gegeben, wie es bis zur bestimmten Entscheidung auf einer allgemeinen Kirchenversammlung mit der Kirchenverfassung, der Lehre und den Gebräuchen in Deutschland gehalten werden sollte. Gegen diese Verordnung, Interim genannt (einstweiliges Gesetz), welche den Protestanten eben nicht günstig war, weil sie alle alten Lehrsätze und Gebräuche bestätigte, hatte Aquilla heftig auf der Kanzel geeifert. Ueber diesen freimüthigen Prediger heftig erzürnt, hatte der Kaiser einen Preis von 5000 Gulden auf seinen Kopf gesetzt. Die Gräfin Katharina ließ ihn heimlich auf das Schloß bringen, verbarg ihn mehrere Monate und pflegte seiner in thätiger und edelmüthiger Menschenliebe, bis er sich wieder ohne Gefahr sehen lassen konnte.

Katharina starb im Jahre 1567, von ihren Unterthanen allgemein verehrt und schmerzlich betrauert, im 58. Jahre ihres thätigen und ruhmwürdigen Lebens und im 29. ihrer segensreichen Regierung. Ihre Gebeine ruhen in der Hauptkirche zu Rudolstadt.

Sir. 4, 27-29.33. Bekenne das Recht frei, wenn man den Leuten helfen soll; denn durch Bekenntniß wird die Wahrheit und das Recht offenbar. Vertheidige die Wahrheit bis in den Tod, so wird Gott der Herr für dich streiten.

Lioba

Aus Irland waren die Glaubensboten herübergekommen in die deutschen Lande: Fridolin, der Alemannen-Apostel, Kolumban, der an dem Bodensee und in Italien wirkte, Gallus sein Schüler, Offo, Landolin, Trutbert, Kilian, Pirmin und andere. Aus Irland kam auch der Mann herüber, welchen man billig den Apostel der Deutschen nennt: Winfried oder Bonifacius. Von heiligem Eifer der Liebe Christi getrieben, bekam er einen doppelten Beruf: die deutschen Völker (Thüringer, Hessen, Sachsen) für das Christenthum zu gewinnen, und das Christenthum bei den Neubekehrten durch kirchliche Ordnungen sicher zu stellen. Im Jahre 723 wurde er in Rom von Papst Gregor dem zweiten zum Bischof geweiht, später wurde er Erzbischof von Germanien und bekam seinen Sitz in Mainz. Da er auf dem großen Ackerfelde wenig Arbeiter hatte, ließ er durch Boten und Briefe aus England gelehrte und fromme Priester kommen, die ihm halfen die christliche Lehre ausbreiten. Darauf richtete er auch Klöster ein, sandte im Jahr 748 seinen Schüler Sturm nach Italien in das Kloster Monte Cassino, um dort die Klosterordnungen und das Mönchsleben kennen zu lernen. Zur Gründung von Frauenklöstern, in denen das weibliche Geschlecht in christlicher Lehre und Gottesfurcht Unterricht empfangen sollte, wandte er sich nach England.

In dem englischen Kloster Winburn (in der Landschaft Dorsetshire) lebte eine Verwandte von Bonifacius, Lioba. Ihre Eltern waren fromme Leute von adlichem Geschlecht. Sie hatten bis in ihr Alter keine Kinder. Da wurde eine Tochter geboren, von der ein bedeutsamer Traum die Mutter ermahnte, sie später dem Herrn zu widmen. Sie wurde Truthgeba genannt, mit dem Beinamen Lioba, und später der Vorsteherin des Klosters zu Winburn, der heiligen Mutter Tetta, übergeben, daß sie in den christlichen Wissenschaften unterrichtet würde. Dies geschah um 723. Das Mägdlein wuchs in der Aebtissin und der Schwestern sorgfältiger Pflege heran und kannte nichts als das Kloster und das Erlernen der himmlischen Wissenschaft. Sie hatte kein Ergötzen an unpassenden Scherzen und Jugendmährlein, sondern war voll Sehnsucht nach Christus, immer begierig nach Gottes Wort. Das Gehörte oder Gelesene prägte sie dem Gedächtniß ein und übte die Gebote Gottes. Im Essen und Trinken war sie mäßig, zufrieden mit dem was dargereicht wurde. Sie betete anhaltend; wenn sie nicht las, arbeitete sie mit ihren Händen. Sie war bei allen Schwestern beliebt, lernte von allen, gehorchte allen. Am meisten aber befliß sie sich der Liebe. Sie war, schon da sie im Kloster lebte, mit Bonifacius in Briefwechsel, und es sind noch lateinische Briefe vorhanden, die sie ihm geschrieben. Sie zeigte gegen ihn, der von ihrer Mutter her mit ihr verwandt war, großes zutrauen, und auch er schätzte sie hoch, und erbat sie sich zur Unterstützung seines Werkes, da sie durch ihr heiliges Leben und ihre christliche Erfahrung vielfach nützlich werden konnte. Sie besaß große Tugenden und eine besondere Kraft in Ausführung ihres Vorhabens. Weder durch Vaterland noch Verwandte ließ sie sich abhalten, und bestrebte sich nur, Gott zu gefallen, und allen die ihr gehorchten in Wort und Wandel ein Vorbild des Heils zu sein. Sie hütete sich immer, andre zu lehren, was sie selber nicht gethan, hielt sich frei von allem Stolze und bewies sich leutselig und wohlwollend ohne Ansehen der Person.

So kam Lioba (Leobgytha nennt sie sich in ihren Briefen) um 748 nach Deutschland, ungern daheim entlassen und von Bonifacius mit aller Ehrerbietung aufgenommen. Er errichtete ihr ein Kloster zu Bischofsheim, einem Dorfe an der Tauber, in der Nähe von Würzburg, machte sie zur Aebtissinn desselben und zur Obervorsteherin aller christlichen Jungfrauen. Hier sammelte sich eine große Zahl von Mägden des Herrn um sie, welche nach dem Vorbild der Meisterin in himmlischen Wissenschaften unterwiesen wurden, so daß manche von ihnen auch anderwärts als Vorsteherinnen berufen wurden und zuletzt nur wenige Frauenklöster in jenen Gegenden waren, an deren Spitze nicht Schülerinnen von Lioba standen. Sie war holdselig von Ansehen, lieblich in der Rede, helles Verstandes und stets heiteres Sinnes. Nie hörte man eine Verwünschung aus ihrem Munde. Speise und Trank reichte sie Andern mit großer Freundlichkeit; auch sie genoß, aber wenig. Sie war fleißig im Lesen. Die Bibel kam selten aus ihren Händen. Sie hatte sich von Kindheit auf die Anfangsgründe der lateinischen Sprache und andere Wissenschaften zu eigen gemacht, und wurde durch die Gaben der Natur und ihren Fleiß eine der gelehrtesten Nonnen. Sie kannte das alte und neue Testament, die Aussprüche der heiligen Väter, die Kirchenordnungen und das Kirchenrecht. In allen ihren Handlungen hielt sie auf Ordnung und Pünktlichkeit. Auch im Wachen beobachtete sie Maß. Den Sommer hindurch ruhte sie und auch ihre untergebenen Schwestern etwas nach dem Mittagessen: denn sie sagte, wenn der Schlaf genommen sei, so sei der Sinn genommen, besonders zum Lesen. Sie ließ sich von den jüngern Schwestern oft vorlesen, auch wenn sie schlief, und merkte es, wenn sie auch nur eine Silbe übergingen. Die Tugend der Demuth übte Lioba treulich, auch die Gastfreiheit gegen jedermann. Dieser ihr frommer Wandel machte tiefen Eindruck auf die Gemüther. Viele Edle übergaben ihre Töchter an Klöster, viele Matronen nahmen den Schleier, und von Bischofsheim aus, wo sie wohnte, verbreitete sich durch ihr Wirken viel Segen des Christenthums. Ihr zur Seite wirkten in verschiedenen Gegenden, wie sie von Bonifacius gerufen, mehrere christliche Jungfrauen, Chunibilt, Thekla (eine Verwandte Lioba’s), Walpurgis und andre, als Vorsteherinnen von Klöstern in Franken und Baiern. In den Briefen von Bonifacius an Lioba gedenkt er derselben als seiner ehrwürdigen und geliebtesten Schwestern.

Als Bonifacius in hohem Alter der kirchlichen Sorgen müde, in Sehnsucht nach der Thätigkeit seiner Jugend als Heidenmissionar sich rüstete, nach Friesland abzugeben, und sein Mainzer Erzbisthum 754 niedergelegt hatte, empfahl er seinem Schüler und Nachfolger Lullus das Volk der Gläubigen, die Predigt, den Kirchenbau und besonders das Kloster Fulda, in dessen Kirche er wolle begraben sein. Darauf ließ er Lioba kommen und ermahnte sie, in diesem Land und ihrem Berufe auszuharren. Man dürfe die Gebrechlichkeit des Körpers nicht ansehen. Die Zeit dieses Lebens sei gering gegen die Ewigkeit, die Leiden dieser Zeit gering gegen die Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Er empfahl sie dem Bischofe Lullus und den Mönchen zu Fulda. Auch sprach er den Wunsch aus, daß sie nach ihrem Tode an seiner Seite begraben werde. Sie wollten, sagte er, gemeinschaftlich den Tag der Auferstehung erwarten, da sie gemeinschaftlich Christo in ihrem Leben gedient. So reiste er nach Friesland ab, wo er nach einer nicht fruchtlosen Thätigkeit am 5. Juni 755 den Märtyrertod fand. Sein Leichnam wurde nach Fulda gebracht und da begraben.

Lioba blieb nach seinem Abschiede, ihrem Versprechen gemäß, unbeweglich in dem Worte Gottes und gewann noch bei ihren Lebzeiten den Ruhm der Heiligkeit. Sie war auch bei Königen hochgeehrt. Pippin der Frankenkönig und seine beiden Söhne, Karlmann und Karl der Große, besonders aber der letztere, als er Alleinherr des großen Reiches geworden, erkannten ihren Werth und freuten sich ihrer Gesellschaft. Karl lud sie öfter an seinen Hof und beschenkte sie. Besonders große Anhänglichkeit an Lioba zeigte Karls zweite Gemahlin Hildegard und hätte sie gern immer in ihrer Nähe gehabt. Ihr aber war der Lärm der kaiserlichen Pfalzen ein Abscheu. Auch begehrte man anderswo gleich sehr ihres Beistandes. Die Bischöfe besprachen sich gerne mit ihr und fragten sie um Rath über kirchliche Ordnungen. Fleißig besuchte sie die Nonnenklöster, die ihrer Leitung anvertraut waren, und genoß das Vorrecht, auch zuweilen die Mönche in der Abtei Fulda besuchen zu dürfen.

In hohem Alter traf sie noch einmal Ordnungen für alle ihre Klöster, und weilte auf den Rath des Bischofs Lulus längere Zeit in dem Kloster Schonersheim in der Nähe von Mainz. Fieber gelangte an sie die Bitte der Königin Hildegard, die mit ihrem Gemahl in Aachen war, sie zu besuchen. Lioba ging hin, wurde von der Königin aufs freundlichste empfangen, weigerte sich aber länger bei ihr zu bleiben. Beim Abschied küßte sie der Königin Mund, Stirn und Augen, und sagte: lebe ewig wohl, geliebteste Herrin und Schwester, lebe wohl, kostbarer Theil meiner Seele. Christus unser Schöpfer und Erlöser gebe, daß wir uns am Tage des Gerichtes ohne Beschämung wiedersehen. Sie kehrte in das Kloster Schonersheim zurück. Nach wenigen Tagen fühlte sie sich unwohl und genoß zur Wegzehrung auf ihr Ende aus der Hand ihres treuen Dieners, des Priesters Tornbert aus England, Christi Leib und Blut. Darauf gab sie ihre Seele dem Schöpfer heim, den 28. September des Jahres 779. Ihr Leib wurde nach Fulda gebracht, und später neben den Ueberresten ihres Freundes und Vaters Bonifacius beigesetzt. Nur wenige Namen der Klöster und Kirchen, die sie gründen helfen, sind bekannt. Zu Liebenzell, einem Städtchen und Badeort im württembergischen Schwarzwalde, nahe bei Hirschau, soll auch, wie die Sage meldet, ein Kloster oder Zelle von ihr gegründet worden sein, daher der Name des Ortes; die warme Quelle verdanke den Thränen ihren Ursprung, welche die Heilige dort über das Elend der Heiden geweint.

Danken wir Gott, der auch diese Jungfrau als Werkzeug gebraucht, sein Heil in unsern Landen zu offenbaren und sie für den Dienst seines Sohnes mit so herrlichen Gaben ausgerüstet. Da ist nicht Mann noch Weib, ihr seid allzumal Einer in Christo Jesu, zu verkündigen die Tugenden des, der euch berufen hat von der Finsterniß zu seinem wunderbaren Lichte.

Ernst Fink in Flenau.

Hilarion

Wer wieder und in immer neuen Formen hervortritt, muß einen tiefen Grund im Wesen des Menschen haben, der auch in ihren Zerrbildern noch wiederzuerkennen sein wird. So verhält es sich mit dem Einsiedlerleben und Mönchsthum. Wie ein edler Orangenbaum, wenn er eine Zeit lang von den äußern Einflüssen gesondert im Keller gestanden hat, nachher wenn er wieder dem Regen und Sonnenschein ausgesetzt wird, um so kräftiger Blüthen und dann Früchte treibt, so auch der Mensch: soll ein Jüngling, eine Jungfrau zu rechtem innern Leben erstarken, so bedürfen sie der Zurückgezogenheit, und namentlich das religiöse Leben verlangt, daß der Mensch eine Zeitlang mit seinem Gotte gleichsam allein sei, isoliert von den verwirrenden Einflüssen der Welt. Aber eine Verirrung ist es, wenn das, was zu einer heilsamen Zucht und geistlichen Diätetik gehört, zum Gesetz und Zweck des ganzen Lebens erhoben wird. Die Absonderung von der Welt für das ganze Leben, in welcher der Mensch ja wirken soll, ist etwas Verkehrtes, muß krankhafte Stimmungen und Bildungen erzeugen; doch würde das noch mehr der Fall sein, wenn nicht glücklicherweise die in Einsamkeit und durch Uebung erstarkte Kraft die willkürlich gesetzte Schranke meistens sprengte und in einer wenn auch aufgedrungenen, doch bedeutenden Wirksamkeit zuletzt Anwendung und Befriedigung fände. Für Ausbreitung der christlichen Religion und höherer Gesittung haben die Einsiedler und Mönche, oft wider Willen ans Licht gezogen, Großes gewirkt. Diese Betrachtungen müssen sich dem aufdringen, welcher das Leben und die Wirksamkeit des Paul von Theben, des Antonius und Bachomius unbefangen betrachtet; fast in gesteigertem Maße wiederholen sie sich, wenn wir auf die Lebensführung des Abts Hilarion hinschauen, welcher das Mönchs- und Klosterleben aus dessen Heimath, Aegypten, nach Palästina und Syrien verpflanzte. – Hilarion war, wohl 291, in dem Flecken Thabata, eine Meile südlich von Gaza, also an der südwestlichen Grenze von Palästina unweit des Mittelmeers von heidnischen Aeltern geboren, eine Rose aus Dornen aufblühend, wie sein Lebensbeschreiber Hieronymus sich ausdrückt. Er war früh zur Betreibung seiner Studien einem Grammatiker in Alexandrien, dem großen Sitze wissenschaftlicher und damals auch schon christlicher Bildung übergeben worden, wo er wahrscheinlich etwa 15 Jahre alt für das Christenthum gewonnen ward. Durch Sittenreinheit und feuriges Ringen nach christlicher Vollkommenheit, Lernbegierig, glänzende Anlagen und Beredtsamkeit zeichnete er sich hier aus und gewann allgemeine Liebe; Thierkämpfe, Theater, Schmäuse zogen ihn nicht an. Damals ward aber die Jugend zu Alexandrien eben von großer Bewunderung für den Einsiedler Antonius ergriffen, zu welchem viele Jünglinge in die Wüste hinausströmten, unter ihnen Hilarion. Er hielt sich mehrere Monate bei ihm auf, kehrte aber dann, gestört durch das Zusammenströmen so vieler Heilsbegieriger bei demselben, mit andern jungen Männern in sein Vaterland zurück, von Bewunderung für ihn durchglüht und entschlossen, seine Lebensweise nachzuahmen. Wie seine Vorbilder verschenkte er, da seine beiden Aeltern eben rasch nach einander verstorben waren, sein ihm durch Erbschaft zugefallenes Vermögen theils an seine Brüder, theils an die Armen und baute sich dann in der wilden, von Räubern, die er freilich nicht zu fürchten hatte, durchstreiften Wüste zwischen Gaza und Aegypten anfangs eine Zweighütte, dann eine Zelle, die so eng war, daß er darin nicht aufrecht stehen konnte, und die daher mehr einem Grabmal als einer menschlichen Wohnung glich, wo er fern von aller Gesellschaft, außer der Christi, ein sehr strenges, nur dem Gebet, der Lesung der heiligen Schrift und harter Arbeit geweihtes Leben führte. Diese Lebensart mußte ihm um so schwerer fallen, da sein zarter Körper den Einflüssen von Frost und Hitze sehr zugänglich war, um so auffallender erscheinen, als seine glatten Wangen und das Feuer in seinen Augen ihm ein sehr jugendliches Ansehen gaben.

Da aber auch ihm, wie den meisten Einsiedlern, die Angriffe böser Geister in der Gestalt sinnlicher Reizungen in die Wüste gefolgt waren, so suchte er dieselben durch anhaltendes Gebet und dadurch zu überwinden, daß er seinem Körper „dem Esel“, wie er sich ausdrückte „nicht mehr Gerste, sondern Spreu vorwarf,“ d. h. ihn durch Hunger und Durst und Abhärtung aller Art zu unterjochen suchte. Dabei arbeitete er schwer, zog den Pflug, und flocht zur Abwechselung, wie die ägyptischen Mönche, Binsenkörbe, wodurch er seinen Unterhalt gewann. Bei dieser Lebensweise ward sein Körper so abgemagert, daß die Haut fast über den Knochen hing. Nichts desto weniger blieb seine erregte Phantasie den Angriffen vielfacher Teufelsgaukeleien ausgelegt, bis dieselben zuletzt seinem unausgesetzten Gebete wichen, wobei er, mit der Bibel sehr vertraut, oft Psalmen und Sprüche der Heiligen Schrift auswendig hersagte. Auch selbst bei den heftigsten Krankheiten, die ihn befielen, blieb er seiner Fastendiät getreu, welche er zwar nach den verschiedenen Lebensaltern etwas änderte, immer aber auf das Nothdürftigste beschränkte; namentlich genoß er nie etwas vor Sonnenuntergang, was als das volle Fasten betrachtet ward.

Daß ein solcher Mann in den Ruf der Wunderthätigkeit kam, und daß immer mehrere Bewunderer zu ihm in die Wüste hinausströmten, versteht sich in der Zeit seines Auftretens fast von selbst Zuerst soll er für eine seit 15 Jahren unfruchtbare Ehefrau ein Kind erbetet, dann viele andere Wunderdinge gethan haben, von denen Hieronymus Abenteuerliches erzählt. Viele widmeten sich durch ihn veranlaßt und neben ihm dem Mönchsstande, wodurch er der Stifter desselben in Vorderasien ward. Als er 63 Jahre alt war, wurde ihm die Unruhe von den Hülfesuchenden und Mönchen, welche sich um ihn gesammelt hatten, so lästig, daß er sich innig nach der alten Stille zurücksehnte; auch klagte er, daß durch die Bequemlichkeiten, welche ihm seine Mönche, vor Allem sein treuer Jünger Hesychius, bereiteten, seine Lebensweise ihren alten Charakter der Strenge verloren habe. Am bewundernswürdigsten findet dabei sein Lebensbeschreiber, daß ihn die Ehre gar nicht anzog, er ihr vielmehr demüthig auswich, wo er konnte. Mit Schwierigkeit riß er sich in seinem 65. Lebensjahre von seinem bisherigen Aufenthaltsorte los und besuchte zunächst die Stelle, wo sein Vorbild, der h. Antonius eben gestorben war und freute sich an den Erinnerungen, die derselbe zurückgelassen.

Nun zog er sich wieder in die tiefste Einöde zurück und führte hier „sein Einsiedlerleben mit einer Strenge der Enthaltsamkeit und des Schweigens, als begönne er jetzt erst Christo recht zu dienen.“ Da aber auch hierher die Verehrung ihm folgte, zumal da er nach dreijähriger Dürre einen Regen herabgebetet, begab er sich nach Alexandrien, von wo er zugleich einer Verfolgung unter Kaiser Julian ausweichend – die westliche Oase zur Wohnstätte wählte, von wo er, um doch irgendwo verborgen zu bleiben nach Sicilien, dann nach Dalmatien ging. Da ihm das aber auch in diesem barbarischen Lande nicht gelang, das er von einem gefährlichen Drachen befreite und wo er eine furchtbare Sturmfluth beruhigte, da die Wunder, die durch ihn geschahen, überall die Aufmerksamkeit auf ihn hinlenkten, die Dämonen seinen Namen verriethen, mußte er immer wieder weiter wandern. Er fand seine letzte Ruhestätte auf der Insel Cypern, wo er mit dem berühmten Bischof Epiphanius zu Salamis (starb 403 hochbetagt) durch Freundschaft verbunden war. Hier gelang es ihm eine Zeitlang sich an einem sehr rauhen und steilen Orte einigermaßen dem Zudrange der Menge zu entziehen. Er starb am 21. October 371 gerade 80 Jahre alt seinem Freunde Hesychius alle seine Schätze hinterlassend d. i. sein von ihm selbst geschriebenes Evangelienbuch und seinen groben Mantel, während er im Untergewande höchst einfach begraben ward. Aus seinem Grabe auf Cypern entführte derselbe seinen Leichnam nach dem von ihm gegründeten Kloster in Palästina, wohin, wie zu seinem ursprünglichen Grabe, bald zahlreiche Schaaren wallfahrteten, wo Kranke, Gebrechliche, Dämonische Heilung fanden. Die Cyprier behaupteten seinen Geist behalten zu haben, wenn die Palästinenser auch seinen Leib besäßen.

Hilarion wird mit Pachomius, Paphnutius u. A. unter die Altväter der Mönche gerechnet und vielleicht hat keiner für die Ausbreitung des Mönchthums mehr gewirkt als er, um den früh ein Sagenkreis sich bildete, dem wir bei seinem jüngern Zeitgenossen Hieronymus (geboren um 340) bereits begegnen. Seine angeblichen Wunder haben oft etwas Magisches, So soll er Teufel vom Vieh ausgetrieben, die Gegenwart von Dämonen am Geruch erkannt haben, u. dgl. m. Er selbst hat wohl dem Aberglauben nicht so Vorschub geleistet, wie man nach manchen erzählten Zügen meinen könnte. Wenigstens zeigte er sich, wenn er in Ueberschätzung des ascetischen Lebens die Vorurtheile seiner Zeit hegte, in andrer Hinsicht darüber erhaben: sein Lebensbeschreiber erzählt uns z. B., daß er nur einmal in seinem Leben die heiligen Stätten, welche jedem Christen so theuer sein müssen, besucht habe, obwohl er lange in deren Nachbarschaft wohnte, weil er nämlich die übertriebene Verehrung derselben nicht steigern helfen, auf der andern Seite aber auch nicht den Schein erregen wollte, als wenn er sie verachte. Ortsveränderung, sagt sein Zeitgenosse, der geistvolle Gregor von Nysia, bringe Gotte nicht näher, und führt als Beweis dafür das Sittenverderben an, welches eben in der Nähe der heiligen Oerter herrschte. Möge in dieser Hinsicht die Kirche des Herrn immer mehr den richtigen Weg finden: äußere Uebung und Anregung nicht geringschätzen, aber ihnen auch nicht mehr Werth beilegen, wie ihnen als Mitteln zukommt, ihnen nie Werth an sich, insbesondre nicht Verdienstlichkeit zuschreiben!

L. Pelt

Pamphilus

Einsam und verödet liegen jetzt im Schutt die Ueberreste der Paläste, welche einst die herrliche Hafenstadt Cäsarea zierten, die Herodes der Große zu Ehren des Kaiser Augustus am mittelländischen Meere, etwa anderthalb Tagereisen von Jerusalem, hatte erbauen lassen. Dort hatte einst Petrus den Erstling der Heiden, den römischen Hauptmann Cornelius, mit seinen gleichgesinnten Freunden zu Christo bekehrt: dort hatte Paulus zwei Jahre im Gefängniß gesessen. Sehr früh war dort ein Bischofssitz gegründet worden, welchen um das Jahr 315 der berühmte Kirchengeschichtschreiber Eusebius einnahm und bis zu seinem Tode (340 n. Ch. G.) inne hatte. Diese Stadt war es auch, wo eine lange Reihe von Jahren hindurch der Presbyter Pamphilus lebte und wirkte und endlich in der letzten Christenverfolgung der römischen Kaiser Galerius und Maximinus sein Blut als Zeuge des christlichen Glaubens vergoß (310 n. Ch. G.), Eusebius liebte ihn als seinen väterlichen Freund und nannte sich nach ihm, wie man sich sonst wohl nach dem leiblichen Vater zu nennen pflegt, zur Unterscheidung von Andern seines Namens Eusebius Pamphili. Ein späterer Kirchenschriftsteller Nicephorus Callistius (im 14. Jahrh.) berichtet aus unbekannter Quelle, er sei ein Schwestersohn des Pamphilus gewesen, aus seinen eigenen Berichten wissen wir nur, daß er durch Bande der Liebe und Verehrung an Pamphilus geknüpft war. Eusebius hat auch sein Leben in drei Büchern beschrieben: aber diese Schrift ist leider verloren gegangen und so müssen wir uns mit den spärlichen Nachrichten behelfen, welche beiläufig des ehrwürdigen Mannes erwähnen.

Pamphilus mochte um die Mitte des Dritten Jahrhunderts geboren sein, wo nach längerer erschlaffender Ruhe die Verfolgungen der Kaiser Decius und Valerianus die Inbrunst des christlichen Glaubens und die Zucht der Kirche neu erweckt hatten. In Cäsarea lernte er gewiß schon als Jüngling den Namen des Origenes verehren, des feurigen Bekenners Christi, des Begründers der christlichen Wissenschaft, der daselbst lange sich aufgehalten und sein unsterbliches Werk, die vergleichende Zusammenstellung der griechischen Uebersetzungen des alten Testamentes, mit eisernem Fleiße vollendet hatte. So entzündete sich auch in Pamphilus frühzeitig ein glühender Eifer, Christo und der Kirche zu dienen und die Hülfsmittel der wissenschaftlichen Bildung zur Erziehung der Jugend und der Geistlichen zu verwenden. Als er Presbyter geworden, opferte er sich ganz für diesen Zweck auf. Eusebius faßt in seiner Schrift über die Blutzeugen Palästina’s das Bild seines Lebens in folgenden Zügen kurz zusammen: „Er war ein Mann, der in seinem ganzen Leben durch jegliche Tugend sich auszeichnete: er entsagte den irdischen Gütern und Genüssen, theilte reichlich von seinem Vermögen den Armen mit, suchte nichts in dieser Welt, lebte in strengen Uebungen und Entsagungen. Vorzüglich aber that er sich unter allen Zeitgenossen durch die innigste Liebe zu der heiligen Schrift und durch den beharrlichsten Eifer in allen seinen Unternehmungen hervor, so wie durch die liebevollsten Bemühungen, seinen Angehörigen und Allen, die sich ihm näherten, zu dienen und nützlich zu werden.“ Er gründete bei der Kirche zu Cäsarea eine Büchersammlung, die zur Beförderung wissenschaftlicher Studien noch im vierten Jahrhundert viel beitrug: er besorgte zahlreiche Abschriften der heiligen Schrift, welche er an Bibelleser, Männer und Frauen, bereitwillig auslieh, wohl auch verschenkte: er legte eine förmliche Schule für Schriftauslegung und christliche Lehre an, in welcher wahrscheinlich auch Eusebius unter seiner väterlichen Leitung gestanden hat.

Pamphilus verstand den Geist des Origenes durch die Liebe, mit welcher er seine ganze Person auffaßte, und wurde nicht durch einzelne ungenaue Ausdrücke, gewagte Behauptungen und falsche Ansichten irre, die sich in seinen Schriften entdecken ließen. Aber nicht alle seine Zeitgenossen urtheilten so billig und es mochte wohl auch nöthig sein, daß die Meinungen des großen frommen Kirchenlehrers einer Sichtung unterworfen wurden, wie dieses von verschiedenen Seiten, besonders durch Methodius, Bischof von Tyrus, der im J. 311 als Märtyrer der letzten Christenverfolgung des römischen Reichs unterlag, geschehen ist. Nun erhob sich aber ein so leidenschaftlicher Sturm gegen die Schriften des Origenes, daß man Jeden verdächtigte, der sie nur las, und viel lieber die heidnischen Dichter und Philosophen als ein Werk dieses frommen Schriftgelehrten in den Händen eines christlichen Bruders schuldete. Dieser Angriff fiel in die Zeit, da die Verfolgung in Palästina und Aegypten schon viele Opfer forderte, und christliche Bekenner, die schaarenweise in die Bergwerke zur Strafarbeit wandern mußten, nahmen die ungünstigsten Vorurtheile gegen Origenes mit in die Verbannung, oft ohne eine Zeile von ihm gelesen zu haben. Das that dem Pamphilus besonders leid, und, als er selbst schon von dem wüthenden Christenfeinde, dem römischen Landpfleger in Cäsarea, Firmilianus, ins Gefängniß geworfen war, beschäftigte er sich noch mit einer Vertheidigungsschrift für Origenes, die er den zur Bergwerksarbeit in Palästina verurtheilten christlichen Bekennern widmete. Er konnte das Werk nicht vollenden: über dem fünften Buche ereilte ihn die Stunde des Märtyrertodes: aber sein Freund und Jünger Eusebius fügte das sechste und letzte Buch noch hinzu. Nur Bruchstücke davon haben sich bis auf uns erhalten.

Die Verfolgung, in welcher Pamphilus als Zeuge Christi getödtet ward, begann auf des Kaiser Diocletian Befehl im Frühjahr 303 in Nikomedien und wurde nach Abdankung dieses Herrschers durch Galerius, den er schon früher zum Mitregenten erhoben hatte, noch verschärft. Schon im Jahre 308 war Pamphilus mit Valens, einem ehrwürdigen greisen Diakonus aus Jerusalem, das damals Aelia Capitolina hieß, und mit einem glaubensfeurigen Jüngling aus Jamnia, Namens Paulus, ins Gefängniß geworfen worden. Diese Drei lagen bereits zwei Jahre im Kerker, als ein vielleicht unzeitiger Eifer einiger ägyptischen Christen im Frühjahre 310 ihre Hinrichtung veranlaßte. Fünf Aegyptier hatten die Bekenner, die in den cilicischen Bergwerken arbeiten mußten, besucht, um ihnen Trost in ihrem Elende zu bringen. Auf dem Rückweg wurden sie an dem Thore von Cäsarea befragt, wer sie wären, und bekannten freimüthig sich als Christen. Die Wache führt sie vor Firmilianus und nach einer kecken Antwort werden sie in den Kerker geworfen. Am folgenden Tage – es war der 16. Februar des Jahres 310 – müssen sie nebst Pamphilus und dessen Mitgefangenen vor Gericht erscheinen, nachdem sie vorher mit verschiedenen Marterwerkzeugen gequält sind. Der Landpfleger fragt, wie sie heißen. Der Kühnste unter ihnen nennt statt ihrer heidnischen Familiennamen fünf Prophetennamen, Elias, Jeremias, Jesajas, Samuel und Daniel. Und wo sie der seien: „Von Jerusalem!“ antwortet derselbe. Was für eine Stadt dies wäre? „Die Stadt der wahren Gottesverehrer.“ Wo sie läge? „Im Morgenlande, wo die Sonne aufgeht.“ Der Landpfleger suchte nun mit vielen – Fragen und wiederholten Peinigungen das Geständniß zu erzwingen, wo diese Stadt zu finden sei: denn er meinte, es sei vielleicht eine feindliche Stadt an den östlichen Gränzen des römischen Gebiets. Das irdische Jerusalem in Palästina kannte er nur unter dem Namen Aelia (Capitolina), den es seit Kaiser Hadrian in der römischen Staats-Geographie führte, und konnte deshalb an dasselbe nicht denken. Da er nichts weiter herauspressen kann, verurtheilt er die fünf Aegyptier zum Tode. Nun beginnt er das Verhör mit Pamphilus und dessen beiden Genossen, und da sie standhaft ihrem früheren Geständnisse treu bleiben, spricht er auch über sie das Todesurtheil. Ehe dasselbe noch vollzogen wurde, erhob sich aus der umstehenden Menge die Stimme eines Jünglings, der da ausrief, die Leichname dürften wenigstens nicht unbegraben liegen bleiben, sondern müßten ehrlich bestattet werden. Der Jüngling war Porphyrius, ein Diener und Hausgenosse des Pamphilus, der seinem Herrn und dem christlichen Glauben von ganzer Seele ergeben war. Der Landpfleger läßt ihn sogleich ergreifen und fragt ihn, ob er ein Christ sei: da er dies bekennt, gebietet er ihm zu opfern und, wie er dies als Abgötterei verweigert, wird er furchtbar zermartert. Er bleibt fest und duldet Alles schweigend und heitern Angesichts. Hierauf wird er zum Feuertode verurtheilt: sogleich wird ein Scheiterhaufen errichtet, und an einen Pfahl gebunden wird er den Flammen übergeben. Als die Flamme ihn erfaßte, rief er: Herr Jesu, erbarme dich meiner! und weiter hörte man keinen Laut von ihm. Pamphilus war nicht selbst Augenzeuge von diesem standhaften Leiden seines Dieners. Aber ein gewisser Seleucus, der früher Soldat gewesen, ein schöner Mann von hoher Gestalt, eilte zu ihm, um ihm Alles zu berichten, und begrüßte Einen der Märtyrer mit einem Kuß. Er hatte früher schon als Soldat um des Glaubens willen harte Strafen erlitten, später sich ganz den Uebungen der Frömmigkeit ergeben, und war ein Pfleger der Witwen und Waisen geworden. So wie der Landpfleger seine Liebe zu den verurtheilten Christen bemerkte, ließ er ihn vor sich führen und verurtheilte auch ihn zum Tode. Und so führte die Theilnahme an den Märtyrern noch mehrere Christen herbei, die auf gleiche Weise Leidensgenossen dieser frommen Männer wurden. Ein Kranz von Märtyrern umgab den ehrwürdigen Pamphilus, als er sein gesegnetes Leben in Christo durch die Treue bis in den Tod krönte. Das sterbende Heidenthum befleckte sich noch in seinen letzten Zuckungen mit Strömen unschuldig vergossenen Blutes. Niemand soll sagen, daß das Heidenthum nur durch seine eigene Schwäche, nicht durch die Kraft des siegreichen Bekenntnisses Christi gefallen sei: es hätte noch lange gleich einen Schwindsüchtigen sein Dasein fristen und die Völker im geistlichen Tode erhalten können, wenn nicht der Geist Christi in seinen Gläubigen zum Heile der Welt den Untergang des Götzendienstes im römischen Reiche beschleunigt hätte. Pamphilus aber gehörte durch seinen Glauben, seine Lehre, seinen Wandel und seinen Tod zu den Männern, welche in der letzten Zeit des Kampfes mit dem heidnischen Rom als Streiter Gottes die Welt überwanden.

H. E. Schmieder in Wittenberg.

Sebastianus, Hauptmann zu Rom.

In den folgenden Jahrzehnten genoß die Kirche der Ruhe. Aber am Wendepunkte des Jahrhunderts gab die Regierung der Kaiser Diokletianus und Maximianus Herkulius den Christen auf’s Neue Gelegenheit, auch in schwerer Pein dem Worte nachzuleben: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“ (Offb. 2, 10.). Der dritte Mitkaiser Carinus war den Christen günstig und hielt die Verfolgung auf. Als er aber am Rheine gestorben war, gewann der blutige Zorn der Feinde freien Raum. Es erschien ein Gebot, daß Jedermann den Götzen opfern sollte. Um dies zu erzwingen, wurden an Marktplätzen und Brunnen kleine Götzenbilder aufgestellt; wer kaufen und verkaufen oder Wasser schöpfen wollte, mußte diesen räuchern. Unter den Ersten, welche in Rom ihr Leben gewannen, indem sie es um Christi willen verloren, war derjenige, dessen Todestag die alten Urkunden mit dem des Fabianus, nur etwa vierzig Jahre später, zusammenfallen lassen. Er hieß Sebastianus. Das Glaubwürdigste, was sich über seine Geschichte auffinden läßt, ist etwa Folgendes.

Ein Mann aus Narbonne in Frankreich hatte eine Mailänderin zur Frau. Als er starb, zog die Witwe mit ihrem Söhnlein in die Heimath. Hier wuchs der junge Sebastianus kräftig auf. Er wurde ein Kriegsmann. Wie und wann er aber dem besten Feldherrn mit der Kreuzesfahne sich zugesagt habe, ob in den Jahren der Reife mit männlichem Beschluß, oder schon in der Kindheit durch mütterliche Zucht und Vermahnung zum Herrn, das ist uns verborgen. Genug, daß wir wissen, wie er seinen christlichen Lauf vollendete. Zu einer Zeit, in welcher die Verfolgung noch nicht allgemein oder wenigstens Mailand nicht von ihr betroffen war, ging Sebastianus nach Rom und trat in kaiserliche Dienste. Hier zeichnete er sich durch Besonnenheit und Treue so aus, daß er zum Hauptmann einer Schaar aus der kaiserlichen Leibwache ernannt wurde. Die Soldaten liebten ihn wie einen Vater. Der Waffenrock barg sein Christenthum. Jedoch nicht aus Liebe zur Welt hielt er dasselbe heimlich, sondern, wie der Erfolg bewies, nur um den gefangenen Christen seinen Glaubenstrost und hülfreichen Zuspruch nicht durch voreiliges Märtyrerthum zu entziehen. Das Licht konnte aber nicht lange unter dem Scheffel bleiben. Zwei Brüder, Marcus und Marcellianus, waren als Christen gefangen im Hause des obersten Schreibers, und sollten enthauptet werden. Ihr alter Vater Tranquillinus erbat von dem Richter eine Frist, um sie durch Bitten zu gewinnen. Nun stürmten alle ihre Angehörigen auf sie ein. Die Eltern, die Frauen, die Kinder und Freunde suchten ihre Herzen durch die zärtlichsten Vorstellungen zu bewegen, daß sie von ihrer Weigerung des Götzenopfers ablassen, und sich nicht unerbittlich der Liebe der Ihrigen rauben möchten. Schon fingen die Brüder an zu wanken. Da trat aus den Anwesenden Sebastianus hervor, und rief den Gefangenen zu: „Muth, ihr tapfern Kämpfer Christi! Ihr habt ja die Palme des siegreichen Bekenntnisses schon ergriffen; wollt ihr sie wieder fahren lassen? Der Feind liegt schon besiegt; wenn ihr ihm den Fuß vom Nacken nehmt, wird er nur grimmiger. Jene Weinenden selbst würden sich mit Euch freuen, wenn sie vom ewigen Leben ohne Leid und Tod wüßten, was ihr wißt. Sie würden sogar mit euch eilen. Was ist es doch um das treulose gegenwärtige Leben, welches alle seine Liebhaber hintergeht, ja sie in Lüste und Laster verstrickt? Es gibt dem Trunkenen seinen Rausch und lockt den Unkeuschen in den Schiffbruch seiner Scham. Es treibt den Dieb zum Raube und erfüllt den Zornigen mit Wuth. Es nimmt dem Weisen die Klugheit und dem Richter die Gerechtigkeit und den Sitten die Zucht. Um seinetwillen unterdrückt der Mächtige den Armen, plagt der Bösewicht den Unschuldigen und erwürgt der Räuber den Wandersmann. Nachdem aber dies unselige Leben im Fleisch die Fleischlichen in seine Dienstbarkeit gezwungen hat, übergibt es sie seinem Sohne, dem ewigen Tode. Mit solch einem Leben“, so fuhr Sebastianus zu den Freunden der Bekenner gewendet fort „wollt ihr eure Geliebten um das ewige betrügen? Was ihr ihnen in den Sinn geben wollt, ist nicht Freiheit sondern Untergang.“ Dann schilderte Sebastianus den entzückenden Frieden der ewigen Seligkeit und die Qual der ewigen Strafen; im Vergleich mit diesen sei das kurze Leiden des Märtyrerthums wie nichts zu achten. „Unsre Thränen lasset Freude werden. Wie können wir denn diejenigen als Sterbende beweinen, welche mit Christo ewig herrschen werden? Siehe, dies ist der Tag, an welchem der Feind überwunden wird, indem er zu überwinden sich dünken läßt. Unsere Augen werden aufgethan, und wir können mit dem Propheten singen: Er hat eine Grube gegraben und ausgeführet, und ist in die Grube gefallen, die er gemacht hat“ (Ps. 7,16.). So sprach Sebastianus, mit dem Soldatenmantel bekleidet und umgürtet mit seinem Gürtel. Aber die Umstehenden meinten sein Antlitz von himmlischem Glanz umleuchtet zu sehen. Die Brüder waren gestärkt, die Verwandten erschüttert. Das muthige inbrünstige Zeugniß von Christi Wahrheit hatte sie besiegt. Sie ergaben sich dem Herrn. Auch Zoe, die Frau des obersten Schreibers, und endlich dieser selbst, wurden gewonnen. Der Kriegsmann hatte Frieden gesäet, und Gott das Gedeihen gegeben.

Später kamen die Angeklagten mit den Ihrigen in die Gewalt des obersten Befehlshabers der Stadt, Namens Chromatius. Als der greise Tranquillinus vor diesen gebracht und von ihm gefragt wurde, ob er nicht wisse, welche Martern die Kaiser drohten? antwortete er: „Wenn man von wüthenden Hunden umgeben ist, und von ihnen angefallen und gebissen wird, kann man alsdann wohl aus seiner Seele verlieren, daß man ein vernünftiger Mensch ist, jene aber Hunde, unvernünftig und rasend? So können die Kaiser zwar gegen uns toben und uns zu Tode bringen, doch nie aus unseren Herzen die Ueberzeugung reißen, mit welcher wir an Jesum Christum unsern Schöpfer und Heiland glauben und uns dessen freuen.“

Auch Chromatius wurde gläubig. In seinem Hause versammelten sich fortan die Christen. Sein Ansehen deckte sie eine Zeit lang. Doch um so gefährlicher wurde bald der Eifer des Verdachts. Nach Niederlegung seines Amtes zog er sich auf sein Landgut in Campanien zurück, und nahm viele Christen mit sich, deren Glaube noch zu jung und unreif war, um den drohenden Schrecknissen Trotz zu bieten. Zwischen Sebastianus und dem Presbyter Polycarpus erhob sich ein christlicher Wettstreit, wer von beiden in der Stadt bleiben und der Siegespalme entgegen gehen dürfe. Der Bischof Cajus entschied, die Gemeinde solle nicht beider beraubt werden, sondern nur Sebastianus mit ihm bleiben, der Andere aber unter den Ausgewanderten sein Amt üben. Nun hatte Gott dem Häuflein der Zurückbleibenden wieder eine Zufluchtsstätte für ihre Versammlungen bereitet. Einer von den kaiserlichen Kämmerlingen Namens Castulus, der auf dem Palatinischen Hügel mitten am kaiserlichen Hofe wohnte, war ein entschiedener Christ. Amt und Wohnung ließ keinen Argwohn aufkommen. Er nahm die Brüder Bei sich auf, und verbarg ihren Gottesdienst in den obersten Kammern des Palastes. Dorthin kamen von Zeit zu Zeit einzelne Männer und Frauen aus der Stadt, welche das Heil suchten. Den bewährtesten unter den Gläubigen wurden vom Bischofe die erledigten Aemter ertheilt. Von Sebastianus wird berichtet, daß schon er den nach einigen Jahrhunderten öfter wiederkehrenden Titel, „Vertheidiger der Kirche“ empfangen habe.

Jedoch endlich ergriff die Flamme der feindlichen Wuth auch diese Hütte Gottes bei den Menschenkindern. Einer nach dem andern von den standhaften Jüngern des Herrn wurde getödtet. Der Tiberfluß, das Meer, oder verschüttete Sandgruben nahmen die Leichen auf, welche der Haß vor der Liebe verbergen wollte. Sebastianus durch seine weltliche Stellung lange gesichert, wurde endlich vom Richter bei dem Kaiser verklagt. Diokletian forderte ihn vor sich, und sprach zu ihm: Ich habe dich immer unter den Ersten meines Gefolges geehrt; und nun hast du so lange schon heimlich gegen mein Wohl die Götter beleidigt?“ Sebastianus aber antwortete: „Für dein Wohl, o Kaiser, habe ich immer Christum angerufen, und für den guten Bestand des Römischen Reiches immer den angebetet, der im Himmel ist. Denn ich erwägete, daß von Steinen Hülfe erbitten, etwas ganz Unsinniges und Nichtiges ist.“ Da wurde der Kaiser zornig, und beschloss, den kühnen Mann recht zum Hohne seines bisher ehrenvollen Standes sterben zu lassen. Er befahl, man solle Sebastianus auf ein offenes Feld führen, ihn anbinden und wie nach einer Zielscheibe mit Pfeilen nach ihm schießen. Zahllose Geschosse durchbohrten ihn, und starrten aus den blutenden Gliedern hervor. Ob keinem von denen, welche ihren Bogen auf den einst geachteten Führer spannten, die Hände zitterten?

Sebastianus Leichnam wurde mit Haken in die große Kloake geschleppt, welche seit Jahrhunderten den schlammigen Unrath Roms unter den Füßen des täglichen Getümmels dem Flusse zuschwemmte. Bei Nacht kam eine Christin, Lucina, mit ihren Dienern, hob ihn auf und, brachte ihn in die Katakomben. Dort wird in einer kleinen Kapelle unter dem Boden der Kirche, die seinen Namen trägt, noch jetzt sein Gedächtniß gefeiert. Er hat einen guten Kampf gekämpft. Seinen rüstigen Muth stellen die Maler in jugendlichen Formen dar. Nur ein altes Mosaikbild in einer Kirche am Aventinischen Hügel zeigt den bärtigen Mann. Die Christenheit hat sein Leben theils vergessen, theils durch Fabeln entstellen lassen. Es ist mit Christo verborgen in Gott.

S. Heing in Rom.