Alexander, Bischof von Jerusalem.

Am 21. Januar 1842 zog ein Alexander als erster evangelischer Bischof in Jerusalem ein, an demselben Tage, wo der König von Preußen, dessen Glaube dieses Bisthum gegründet hat, Friedrich Wilhelm IV., in London ankam, um Zeuge bei der Taufe des Prinzen von Wales zu sein. Dieser erste Bischof evangelischen Bekenntnisses, an den sich die Hoffnung eines neuen christlichen Lebens für Jerusalem und Palästina knüpft, ist im Jahre 1845 gestorben und hat den trefflichen Samuel Gobat zum Nachfolger gehabt, unter den die junge Saat des evangelischen Glaubens im Morgenlande schon zu keimen beginnt. Bei der Ueberschrift: Alexander, Bischof von Jerusalem: möchten unsre Leser wohl zunächst an diesen ersten Verwalter eines neuen Bisthums in der Heiligen Stadt sich erinnern und wir gedenken mit ihnen gern in Liebe und Gebet dieses Saatkorns. Aber der 18. März weist uns auf einen andern Alexander zurück, der in viel früherer Zeit (von 212 – 251 n. Ch. G.) den bischöflichen Stuhl von Jerusalem zierte und endlich mit dem Märtyrertod im Gefängnis seinen Glauben besiegelte.

Die Kirche Jerusalems hat von Anfang an bis auf diesen Bischof Alexander ebenso, wie späterhin, die wunderbarsten Schicksale gehabt. Hier wurde nach der Auferstehung des Herrn durch Ausgießung des heiligen Geistes die erste christliche Gemeinde gegründet, die Mutter der ganzen Christenheit, die unter der gemeinschaftlichen Leitung aller Apostel stand und an Herrlichkeit und Heiligkeit so einzig war, daß sie nur in der letzten Siegeszeit der christlichen Kirche, auf welche die Verheißung der Apostel uns hoffen läßt, ihres Gleichen haben wird. Diese heilige Muttergemeinde zerstreute sich nach der Steinigung des Stephanus und ihre Mitglieder wurden, wie ein guter Same, in nahe und ferne Länder ausgesäet. Die Gemeinde, die unter Verfolgungen in Jerusalem zurückblieb und viele Juden, auch Priester und Pharisäer, als Neubekehrte in sich aufnahm, war der ersten Muttergemeinde nicht mehr gleich, und während bald die meisten Apostel ihrem Berufe gemäß in fremde Länder das Evangelium trugen, wurde Jakobus, der Bruder des Herrn, der erste Leiter der Ortsgemeinde der heiligen Stadt und wird als erster Bischof Jerusalems gezählt. Während des jüdischen Krieges, der mit der Zerstörung Jerusalems endigte (70 n. Ch. G.), wurde er getödtet und sein Nachfolger war Symeon. Die christliche Gemeinde aber wanderte vor der Belagerung der Stadt, eingedenk der Gebote des Herrn, aus und begab sich jenseits des Jordans nach der kleinen Stadt Pella, wo sie blieb, bis der Sturm vorüber war. Die Bischöfe wechselten nach Symeons Tode schnell und in 80 Jahren etwa, von 65 bis 135 n. Ch. G. werden 14 Bischöfe von Jerusalem aufgezählt, sämtlich von Israelitischer Abkunft, und, wie ihre Gemeinde, um dieser Abstammung willen, durch ihr Gewissen und durch Rücksicht auf die Umgebung der Juden noch ganz an die Sitten und Gebräuche des Judenthums gebunden. Nachdem aber der römische Kaiser Hadrian in Folge einer neuen Empörung der Juden Jerusalem in eine heidnische Colonie umgewandelt und allen Juden den Zutritt zu dieser Stadt streng untersagt hatte, entstand daselbst eine ganz neue Gemeinde von Christen, die entweder früher Heiden gewesen oder wenigstens alle Reste früherer jüdischer Sitten aufgegeben hatten.

Der erste Bischof dieser neuen Gemeinde (138 n. Ch. G.) hieß Marcus: der zwölfte unter dessen Nachfolger hieß Narcissus, ein durch Frömmigkeit und Sanftmuth ausgezeichneter Mann (um das Jahr 200 n. Ch. G. erwählt). Dieser wurde durch falsche Anklagen bewogen sein Amt niederzulegen und sich in eine Wüste zurückzuziehen, um als Einsiedler seinem Gott zu dienen. In kurzer Zeit folgten ihm drei Bischöfe, Dius, Germanion und Gordius. Drei Männer aber, die mit falschen Eidschwüren die lügenhaften Anklagen gegen Narcissus beschworen hatten, wurden von Gottes Strafgericht heimgesucht, und Einer von ihnen bekannte und beweinte seine schwere Schuld. Dies bewog die Gemeinde den unschuldig angeklagten Narcissus in seiner Einsamkeit aufzusuchen und in sein Amt wieder einzusetzen, obgleich er schon hochbetagt und für die schwere Aufgabe des bischöflichen Amtes zu schwach war: denn er war schon an 100 Jahre alt. Deshalb beschloß man, um das zweite Jahr des Kaisers Caracalla (um 212 n. Ch. G.), ihm einen andern Bischof als Gehülfen an die Seite zu setzen, und dieser war Alexander, dessen Geschichte wir jetzt, so weit die vorhandenen Nachrichten reichen, kurz erzählen wollen.

Alexanders Geburtsjahr ist ebenso wenig bekannt, als sein Vaterland. Aber mit großer Wahrscheinlichkeit läßt sich vermuthen, daß er zwischen 170 und 180 n. Ch. G. in Kleinasien geboren ist, vielleicht in Cappadocien, wo schon zu des Apostel Petrus Zeiten (1 Petr. 1, 1.) christliche Gemeinden waren. Kleinasien, die Heimath eines Irenäus, war um diese Zeit noch der Mittelpunkt, von welchem durch den Samen, den der Evangelist Johannes dort ausgestreut hatte, ganz besonders frommer christlicher Eifer, mit reiner klarer Erkenntnis verbunden, ausging, und Alexander sog früh den Geist der alten Blutzeugen ein. Aber damals erhob sich in Alexandrien eine Schule christlicher Lehre, die der treffliche Pantänus mit dem Geiste lauterer Frömmigkeit und zugleich mit dem Triebe nach christlicher Wissenschaft erfüllte. Und einzelne Bruchstücke aus einem Briefe Alexanders, die Eusebius in seiner Kirchengeschichte aufbewahrt hat, machen es wahrscheinlich, daß Alexander eine Zeitlang mit dem berühmten Origenes Zuhörer und Schüler des Nachfolgers von Pantänus, des berühmten Clemens von Alexandrien, gewesen ist. In dieser Schule mag er die christliche Freundschaft mit vielen gleichgesinnten Zeugen der Wahrheit, auch mit den nachmaligen Bischöfen von Cäsarea in Palästina und von Antiochien, der Hauptstadt Syriens, mit Theoktistus und Asklepiades geschlossen haben, auch mit Origenes selbst, an den er schreibt: Dies ist, wie du weißt, Gottes Wille, daß die Freundschaft, die unsre Altvordern gegründet haben, fest und unverbrüchlich unter uns bleibe, ja von Tage zu Tage inniger und unzertrennlicher werde. Denn wir haben ja jene seligen Väter gekannt, die vor uns in den Wegen der Tugend gewandelt sind, zu denen auch wir bald hingehen werden: den wahrhaft seligen Pantanus, meinen Meister, und den heiligen Clemens, der auch mein Meister war und dem ich viel Gutes verdanke, und so manchen Andern dieser Art. Und durch diese bin ich mit dir vertraut geworden, der du mir der wertheste Meister und Bruder bist.“

In einer Christenverfolgung unter dem Kaiser Severus (um das Jahr 204) wurde Alexander ins Gefängnis geworfen und schrieb mit Beziehung darauf an die Antiochenische Gemeinde, die eben damals den Asklepiades zu ihrem Bischof erwählt hatte: „Zur Zeit meiner Gefangenschaft machte mir Gott meine Ketten leicht, als ich erfuhr, daß Asklepiades, der durch seinen Glauben dazu so vollkommen geeignet ist, durch Gottes Vorsehung das Bischofamt in eurer Kirche überkommen habe.“

Alexander ward bald nach jener Verfolgung Bischof in Cappadocien. Er übernahm aber in Folge eines Gelübdes und um die heiligen Orte zu sehen, eine Wallfahrt nach Jerusalem, nicht ohne zu ahnen, daß der Herr etwas Besonderes mit ihm vorhabe. Als er nach der heiligen Stadt kam, erweckten göttliche Stimmen die dortigen Frommen, ihn als den von Gott ihnen bestimmten Bischof, als Gehülfen des greisen Narcissus, aufzunehmen: die benachbarten Bischöfe Palästina’s willigten ein und man hielt ihn in Jerusalem fest (um das Jahr 212).

Hier verwaltete er gegen vierzig Jahre lang treulich sein Amt, während Narcissus, der ein Alter von mehr als 116 Jahren erreichte, ihm noch lange zur Seite stand und, wenn auch zu andern Diensten unfähig, doch im Gebet für seine Herde mit ihm vereint war. Alexander aber suchte für die christliche Erkenntnis seiner jüngern Amtsgenossen zu sorgen, sammelte nicht nur Bücher, sondern gründete auch ein Bibliothek – Gebäude, in dem ein reicher Bücherschatz nach und nach aufgehäuft wurde. Als Origenes durch den feindseligen Geist seines Bischof Demetrius genöthigt war, Alexandrien zu verlassen, nahm ihn (im J. 228) Alexander im Verein mit dem Bischof Theoktistus von Cäsarea mit offenen Armen auf und ließ ihn in seiner Gemeinde das Wort Gottes verkündigen, ohne den böswilligen Einspruch des Demetrius zu fürchten.

Er war schon ein Greis, als Decius (249 n. Ch. G.) den Kaiserthron bestieg, der erste Kaiser, der es inne wurde, daß der christliche Glaube eine Macht sei, die dem heidnischen Rom den Untergang drohte. Er faßte den verzweifelten Gedanken, das Christenthum, das die Herzen je mehr und mehr durch heilige Siege eroberte, durch eine blutige allgemeine Verfolgung auszurotten. Hatten frühere Kaiser die Christen als eine schwache Secte behandelt und nach den heidnischen Staatsgesetzen dann und wann den Gerichten übergeben, Decius verfolgte den christlichen Glauben als den gefährlichsten Feind des Reichs und verbreitete nach langer Ruhe desto größern Schrecken, indem er die Christen haufenweise und besonders die Bischöfe und Presbytern ins Gefängnis werfen, martern und tödten ließ. So fielen die Bischöfe zu Rom und Antiochien, und auch Alexander ward in den Kerker geworfen. Er wurde mehrmals verhört und mußte unter den rohen Händen der Kriegsknechte im Gefängnis schmachten. Der ehrwürdige Greis blieb standhaft, wie er in jüngern Jahren sich unter ähnlichen Leiden erwiesen hatte. Aber hochbejahrt, wie er war, unterlag er den täglichen Peinigungen und starb im Gefängnis als treuer Zeuge Christi (vermuthlich im Jahre 251). Die abendländische Kirche feiert sein Gedächtnis am 18. März, als an dem Tage, wo er das irdische Jerusalem mit dem himmlischen vertauscht hat.

H. E. Schmieder in Wittenberg.

Hugo M’Kail.

Die unter König Karl II. von England gegen die treuen schottischen Presbyterianer begonnenen Verfolgungen, von denen bei Jacob Guthrie die Rede gewesen ist, nahmen bis zum Jahre 1666 einen immer gewaltthätigeren Charakter an, namentlich auch durch zahllose militairische Erpressungen und Mißhandlungen, die vorzugsweise diejenigen Theile von Schottland trafen, wo die Liebe zu der presbyterianischen Kirchenverfassung besonders tief in die Herzen des Volkes eingedrungen war, also sich dagegen sträubte, sie, die ihr als heilige Glaubenssache galt, gegen die von königlicher Willkür ihr aufgedrungene bischöfliche zu vertauschen.

Seit Jahren hatten die gläubigen Schotten, nachdem sie mit tiefem Schmerze genöthigt gewesen, ihre geliebten Pastoren vertreiben, sie in den Kerker oder in Verbannung wandern, und deren Stellen durch unwürdige Miethlinge einnehmen zu sehen, die Barbareien eines rohen Kriegsvolkes ohne Widerstand ertragen, fest an der Hoffnung haltend, daß der Schrei ihrer Unterdrückung nicht vergebens zum Himmel aufsteigen, und die Stunde ihrer Befreiung früher oder später schlagen werde; bis endlich im Herbst 1666 ein von königlichen Soldaten im Westen Schottlands verübter Act empörender Brutalität dem ruhigen Erdulden dieser unleidlichen Unbilden ein Ende machte, indem ein Theil des Landvolkes jener Gegend, unter Theilnahme einiger dortigen Gutsbesitzer, sich gegen die grausamen militairischen Peiniger erhob. Dieser Aufstand war jedoch von geringer Ausdehnung und von kurzer Dauer, da die große Mehrzahl, selbst der entschiedensten Presbyterianer, ihren Grundsätzen nach, jedem bewaffneten Widerstande durchaus abgeneigt war. Das Häuflein der Insurgenten ward daher in der Nähe von Edinburgh, wohin es, dort mehr Unterstützung hoffend, nachdem es feierlich den Covenant erneuert hatte, gezogen war, nach tapferer Gegenwehr von den königlichen Truppen überwältigt.

Mit der unnachsichtlichsten Strenge ward gegen Alle, die an diesem Aufstande Theil genommen hatten, oder dieser Theilnahme verdächtig waren, sowie gegen Alle, die nur den Insurgenten Obdach und Nahrung gegeben, oder auf irgend eine Weise mit ihnen in Verbindung gestanden hatten, verfahren und an einer großen Anzahl von ihnen die Todesstrafe vollstreckt.

Unter den so Bestraften befand sich auch Hugo M’Kail, ein junger Prediger, gelehrt, beredt und von der innigsten Frömmigkeit. Er war nur sehr kurze Zeit mit den Insurgenten zusammen gewesen, und hatte sie vor dem Tage des Gefechts, welches dem Aufstande ein Ende gemacht, verlassen, da er wegen körperlicher Schwäche zur Ertragung der Beschwerden unfähig war; aber er hatte früher sich veranlaßt gefunden, in einer Predigt von den Leiden, welche die wahre Kirche Christi zu allen Zeiten habe erdulden müssen, zu reden und dabei gesagt, daß sie und das Volk Gottes von einem Pharao auf dem Throne, einem Haman im Staate und einem Judas in der Kirche verfolgt worden wären; und ob: gleich er von diesen Bezeichnungen keine weitere Anwendung gemacht hatte, so war seine Aeußerung doch zu den Ohren des unbarmherzigsten Verfolgers der Presbyterianer, Erzbischofs Scharp, gelangt, der den „Judas in der Kirche“ auf sich beziehen zu müssen glaubte. M’Kail würde deshalb schon damals festgenommen sein, hätte er sich nicht durch Flucht der Verhaftung entzogen und eine Zeitlang an verschiedenen Orten verborgen aufgehalten.

Vor den Geheimen Rath gebracht, ward er über die Anstifter und Leiter der Insurrection befragt, und welche Verbindungen sie sowohl im Lande als außerhalb desselben gehabt hätten. Er erklärte seine gänzliche Unwissenheit über irgend eine solche Verbindung und bekannte offen, in wie fern er selbst an jenem Unternehmen Theil genommen habe. Das mit dem Namen der spanischen Stiefeln bezeichnete, damals häufig gegen die verfolgten Presbyterianer zur Anwendung gebrachte Marterwerkzeug ward ihm darauf mit der Erklärung vorgelegt, daß wenn er nicht bekenne, dasselbe sofort bei ihm zur Anwendung kommen solle. Feierlich betheuerte er auf’s Neue, daß er nichts mehr zu bekennen habe. Der Scharfrichter legte darauf sein Bein in den Marterstiefel und schritt zu seiner grausamen Arbeit. Nachdem ein heftiger Schlag den Keil hineingetrieben und das Bein gequetscht hatte, ward M’Kail auf’s Neue gedrängt zu bekennen; aber vergebens. Schlag auf Schlag folgte mit beträchtlichen Zwischenräumen, um die furchtbare Pein zu verlängern; aber mit christlicher Standhaftigkeit faßte der heldenmüthige Märtyrer seine Seele in Geduld. Sieben oder acht aufeinander folgende Schläge hatten das Fleisch und die Sehnen bis auf die Knochen gequetscht, als er, ohne ein Zeichen der Ungeduld oder Bitterkeit, nochmals feierlich vor dem Angesichte Gottes erklärte, daß er nichts mehr sagen könne, sollten auch alle Glieder seines Leibes dieselbe Marter erdulden, wie dieses arme Bein. Dennoch ward noch dreimal der Keil hineingetrieben, bis der Knochen selbst zerschmettert war, und eine heftige Ohnmacht ihm das Bewußtsein raubte. Er ward nach dem Kerker zurückgetragen, und, ungeachtet die Marquise von Douglas und die Herzogin von Hamilton sich dringend für ihn bei dem Statthalter und bei Scharp verwendet hatten, verurtheilt, wegen Theilnahme an der Insurrection und wegen Erneuerung des Covenants als Hochverräther auf dem Marktplatze zu Edinburgh gehängt zu werden.

Als er, nachdem dieses Erkenntnis ihm vom Geheimen Rathe verkündigt worden, wieder in sein Gefängnis zurückgeführt war, warf er sich auf die Kniee und betete mit großer Inbrunst für sich und die fünf Andern, welche mit ihm zu derselben Todesstrafe verurtheilt waren; worauf er zu einem ihn besuchenden Freunde sagte: „Welche große Freude, in wenigen Tagen das Antlitz Jesu Christi schauen zu können!“ und als er klagen hörte, daß er so jung, in einem Alter, wo er der Kirche Gottes noch so viel hätte nützen können, sterben müsse, sprach er: „Ein Tropfen meines Blutes kann durch Gottes Gnade Ihm mehr Herzen gewinnen, als die Predigten vieler Jahre vielleicht nicht vermocht hätten.“

Während seines Aufenthaltes im Gefängnisse bis zur Stunde seiner Hinrichtung war er, betend und Gott lobpreisend, zum Staunen aller Hörer, wunderbar erquickt, ja in einem Zustande heiliger Freude und himmlischen Friedens, die ihn keinen Augenblick verließen. Als man ihn fragte, wie es mit seinem zerschmetterten Beine stehe, antwortete er scherzend: „Die meinem Nacken bevorstehende Gefahr läßt mich mein Bein vergessen.“ Auch seine Leidensgenossen zu dieser Glaubensfreudigkeit zu ermuntern ließ er sich angelegen sein. Nach dem gemeinschaftlichen Abendessen las er ihnen aus der heil. Schrift vor, namentlich den 16. Psalm, und sagte dann: „Wir werden morgen Abend nicht mehr im Lande der Lebendigen den Herrn in seinem Worte vernehmen können, aber dort sein, wo das Lamm selbst unsre Schrift und das Licht sein wird, in dem wir wohnen, dort wo der lautere Strom des lebendigen Wassers von dem Stuhle Gottes und des Lammes fließt. Er schlief ruhig die Nacht und weckte am Morgen feinen Leidensgefährten Johann Wodrow mit den scherzenden Worten: „Auf! Johann, Ihr seid zu lange im Bette, wir beide sehen gar nicht aus wie Leute, die heute noch gehängt werden sollen, da wir so lange schlafen.“ Dann betete er mit großer Inbrunst, daß der Herr ihm und seinen Gefährten verleihen möchte, heute ein gutes Bekenntnis seiner Erbarmungen vor so vielen Zeugen abzulegen.

Als sie um zwei Uhr Nachmittags, den 22. December 1666, zum Richtplatze geführt wurden, sah M’Kail, wie Alle, die ihn von früher kannten, sich überzeugten, heiterer und ruhiger aus, wie je zuvor. Seine Erscheinung auf dem Wege erregte, wie der gleich zeitige Geschichtschreiber Kirkton erzählt, „Ein solches Wehklagen, als niemals zuvor in Schottland gesehen war; nicht eine trockene Wange war in der ganzen Straße oder an allen den zahllosen Fenstern des Marktplatzes.“ Die ausnehmende Jugendlichkeit und Zartheit seiner Gestalt, und die Anmuth und Ruhe seines Antlitzes ergriff Jeden, der ihn sah; – ein inniges Gefühl von Mitleid, vermischt mit Abscheu, durchdrang die Menge, und während Einige den Bischöfen fluchten, beteten Andre für den jugendlichen Märtyrer. Nachdem er auf dem Wege zum Richtplatze den 31. Psalm gesungen, betete er, auf demselben angekommen, mit solcher Kraft und Inbrunst, daß viele Anwesende bitterlich weinen mußten. Als er die Leiter ergriffen hatte, um hinauf zu steigen, rief er mit lauter Stimme: „Es kümmert mich nicht mehr, diese Leiter hinauf, und noch über dieselbe hinauszusteigen, als wenn ich zu meines Vaters Hause ginge“, und, sich an seine Leidensgenossen wendend: „Freunde, fürchtet euch nicht, jede Sprosse dieser Leiter ist eine Stufe näher zum Himmel.“

Dann hielt er, auf der Leiter stehend, seine letzte Rede, in welcher er unter Anderm sagte: „Und jetzt gebe ich willig mein Leben hin für die Wahrheit und Sache Gottes, die Covenants und das Werk der Reformation, das einst als der Ruhm dieses Volkes betrachtet ward; nur der Wunsch, dieses zu vertheidigen und jene bittere Wurzel des Prälatenthumes auszurotten, ist es, was mich hieher geführt hat.“ Als er darauf seine anwesenden Freunde weinen sah, sprach er: „Weinet nicht, sondern betet und danket dem Herrn, der mich jetzt aufrecht hält, und mich bei diesem letzten Schritte meiner irdischen Wanderschaft nicht verlassen wird; denn mein Trost und Lohn ist Seine Verheißung: „Ich will den Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst“. (Off. 21, 6),“ und ich höre mir zurufen: „Der Geist und die Braut sprechen, komm!““ (Off. 22, 17); und zu Euch, meine Freunde, sage ich: Ich gehe zu meinem Vater und zu Eurem Vater, zu meinem Gott und zu Eurem Gott, zu meinem Könige und zu Eurem Könige, und zu den heiligen Aposteln und Märtyrern, und zu der Stadt des lebendigen Gottes, zum himmlischen Jerusalem, und zu der Menge vieler Tausend Engel, und zur Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über Alle, und zu den Geistern der vollkommenen Gerechten und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus Christus“ (Hebr. 12, 22). „Und ich sage Euch Allen Lebewohl; Er wird Euch ein besserer Tröster sein, als ich, und mich besser erquicken, als Ihr es vermögt. Lebt wohl, lebt wohl in dem Herrn!“ — Dann betete er noch einmal, und als sein Gesicht verbunden worden, um ihn hinabzustoßen, da riß er plötzlich das Tuch ab und rief: „Wenn Ihr Euch vielleicht wundern möget, in meinem Antlitze keine Entmuthigung wahrzunehmen, so will ich Euch den Grund davon sagen. Außer der Gerechtigkeit meiner Sache ist das mein Trost, was von Lazarus, als er starb, gesagt wird, daß die Engel seine Seele in Abraham’s Schoß trugen. Wie jetzt hier in diesem feierlichen Augenblicke ein Zusammenströmen des Volkes, ein Schafott, ein Galgen und viele Leute sind, die aus den Fenstern blicken, so ist dort eine größere und feierlichere Vorbereitung der Engel, um meine Seele in Christi Schoß zu tragen; und Er wird sie Seinem Vater darstellen, fleckenlos und rein durch Sein Blut, und dann werde ich immer mit dem Herrn sein.“ Darauf endigte er mit einem Aufschwunge christlicher Beredtsamkeit, der oft bewundert worden ist: „Und jetzt höre ich für immer auf zu sterblichen Geschöpfen zu reden und beginne mit Gott meinen Verkehr, der nun in Ewigkeit nicht aufhören wird. Lebt wohl, Vater und Mutter, Freunde und Verwandte! Lebe wohl, Welt und alle deine Freuden! Lebt wohl, Sonne, Mond und Sterne! – Willkommen Gott und Vater, Willkommen, süßer Jesus Christ, Du Mittler des neuen Bundes! Willkommen, gesegneter Geist der Gnade und Gott alles Trostes! Willkommen Herrlichkeit, willkommen ewiges Leben! Willkommen Tod! – Herr, in Deine Hände übergebe ich meinen Geist, denn Du hast meine Seele erlöset, Herr Gott der Wahrheit!“

„So verließ die Erde,“ sagt ein schottischer Geschichtschreiber, „eine der leuchtendsten, reinsten und heiligsten Seelen, die jemals eine bloß menschliche Gestalt belebten; ein frohlockender Märtyrer für Christi alleinige Herrschaft über Seine Kirche und für jenen heiligen Covenant, in welchem die Kirche Schottlands Treue und Gehorsam ihrem göttlichen und einzigen Haupte und Könige gelobt hatte. So lange es wahre schottische Presbyterianer geben wird, wird auch von ihnen der Name jenes jungen christlichen Märtyrers in der liebevollesten Erinnerung und glühendsten Bewunderung gehalten, und von der schottischen Kirche als einer der schönsten Juwelen betrachtet werden, die sie jemals zu des siegenden Erlösers Krone der Herrlichkeit hinzuzufügen gewürdigt ward.“

 

Karl Gustav von Rudloff in Niesky.

Die beiden Ewalde.

Auf zwei verschiedenen Wegen sind die Stämme des deutschen Volkes zum Evangelium berufen worden, und je nachdem sie den einen oder den andern geführt wurden, ist ihr Leben und ihr Antheil an der großen Arbeit der Menschheit nach einem ewigen Rathschlusse bestimmt worden. Die einen haben das Christenthum für sich erobert, die andern sind von ihm erobert worden. Jenen Weg haben die Gothen, Franken und Alemannen betreten, auf dem andern sind die Sachsen aufgesucht worden. Jene stürmten hervor aus ihren alten Sitzen, getrieben von wilder Jugendkraft und ungebändigter Kampfeslust, durchbrachen die Grenzwehren der Römer, zerstörten die Castelle, eroberten die Städte, verwüsteten die Provinzen, und drangen ein bis in das Herz des Reiches. Da setzten sie sich fest, mitten unter der geschlagenen Bevölkerung römischer Sprache und Sitte, und fanden nicht allein eine neue Bildung, sondern aus den Trümmern der Städte erhob sich auch das Kreuz, das hier schon lange errichtet worden war, und zu seinen Füßen legten die Sieger ihre Waffen nieder. Ein höheres Gesetz hatten sie in ihrem dunkeln Drange vollzogen.

Andere Stämme sind durch das Evangelium erobert worden. Tiefe Wurzeln hatten die sächsischen Völker in die heimische Erde gesenkt, und gleich ihren alten Eichen schienen sie mit ihr verwachsen; im Dunkel ihrer heiligen Wälder, an den geheimnißvollen Quellen, an den Opferstätten, da verkehrten sie nach der Väter Sitte mit ihren Göttern. Voll harter Kraft waren sie, im Gefühle der Freiheit unbeugsam und nur schwer zu brechen. Große Wanderungen auf dem Festlande hatten sie nicht bestanden, und ihrer Natur gemäß ihre Grenzen nur langsam erweitert. Zuletzt hatten sie den uralten Stamm der Bructerer unterworfen und vertrieben, und waren im Westen bis zu den Ufern des Rheines gekommen, da wo sich die Issel von dem Strome trennt, und nach Süden hinab bis über die Mündungen der Lippe und Ruhr.

Dennoch hatte sich ein Theil von ihnen früh und ganz abgelöst; das waren die nördlichsten Stammgenossen, die Angelsachsen, die im fünften Jahrhundert über die See gegangen waren und ein großes Gebiet auf den britischen Inseln erobert hatten. In Irland aber bestand die Kirche Christi nach der Lehre, wie sie seit uralter Zeit aus dem Osten herübergebracht worden war. Dennoch empfingen die Angelsachsen sie nicht von dort, sondern aus Rom, aber wie ihre Nachbaren, die Iren, wurden sie durstige Hörer des Wortes; wie jene ergriff sie der Geist, alle Völker zu lehren, und ihnen die Taufe zu bringen aus dem Lebendigmachenden Geiste. Wie die Franken das Schwert der Eroberung führten, zuletzt und am gewaltigsten in Karl dem Großen, so brachten Angelsachsen und Iren die Lehre von dem neuen Leben den Völkern des deutschen Festlandes, das ihnen gegenüber lag auf der Ostseite der See. Da kamen die irischen Apostel herüber und verkündeten das Evangelium bei den Alemannen, so Columban, Gallus und Trudpert, und bei den Anwohnern des Mains Kilian; und die angelsächsischen bei den wilden Friesen an den Mündungen des Rheins. Ob auch der Samen oft auf steinigen Boden fiel, sie wurden nicht müde, hier zu predigen, Livin, Wilfried von York, Wiobert und endlich Willibrord.

Als sie mit den Friesen bekannt geworden waren, erkundeten sie hinter diesen im Osten die Altsachsen, härter noch als jene, schwerer zugänglich, weil sie mitten im Lande saßen und nur im Norden eine schmale und entlegene Seeküste hatten. Unter denen, in welchen der Eifer Widibrords und seiner Genossen ein gleiches Feuer entzündet hatte, waren zwei Geistliche eines und desselben Namens Ewald. Aber nicht nur gleich an Herkunft und Namen waren sie und eng mit einander verbunden, sie waren gleich im Glauben, gleich an Hingebung, gleich voll Feuer in den Kampf zu gehen, und beide hatten längere Zeit in Irland gelebt, um den Dienst der dortigen Kirche kennen zu lernen. Wie sie äußerlich sich unterschieden, der eine durch sein blondes Haupthaar und helle Gesichtsfarbe, der andere durch ein dunkles Antlitz und schwarzes Haar, so nannte man sie den weißen und den schwarzen Ewald; jener war der mildere, dieser der stärkere und in der Wissenschaft vom Worte Gottes der bewandertere. Zu ihnen gesellten sich andere Gefährten, darunter einer Namens Tilmon, edler Abkunft, früher ein Krieger, der mit ihnen jetzt in einen andern höhern Streit ziehen wollte. Von Friesland her überschritten sie den Rhein, und drangen muthig ein in das waldesdunkle Land, um ihm das Licht zu bringen.

Da sie auf keinerlei Hülfsmittel hoffen durften, führten sie außer dem nothwendigen Reisegeräth eine Kapelle mit sich, das heißt Alles was zum feierlichen Gottesdienste nöthig ist, die Gefäße und einen tragbaren Altar, überall wo sie den aufstellten, da war die sichtbare und wandernde Kirche, und sie hielten ihre Versammlung mit Gesang der Psalmen und Predigt alle Tage. Da strömten die sächsischen Gauinsassen herbei, um die Fremden zu sehen und ihre Rede zu hören, was sie in das Land brächten. Jene aber suchten Freunde zu gewinnen, und hofften besonders auf den Vorsteher des Gaues. Einen aber fanden die beiden Ewalde unter den Gaugenossen, der nahm sie gastfrei bei sich auf und versprach sie zu dem Gauvorsteher zu senden. Vorher ließen sie diesem verkünden, sie seien gekommen um einer heilbringenden Sache willen, die sie dem Volke und ihm mittheilen wollten.

Während die Ewalde noch des Bescheides harrten und fortfuhren in ihrer Predigt, da wurden die Gaugenossen wider sie erregt, weil sie von einem neuen Glauben hörten und von dem Sturze ihrer alten Götter, deren Dienst sie von den Vätern ererbt hatten. Auch fürchteten sie, der Gauvorsteher könne der neuen Lehre Gehör geben und ihm die übrigen folgen; darum beschlossen sie eine rasche That, bevor dieser herbeikomme. Beim Gottesdienste überfielen sie plötzlich die Glaubensboten und die mit ihnen versammelt waren; mit einem Schwertschlage tödteten sie den weißen Ewald, der schwarzen nahmen sie gefangen, zerbrachen ihm die Glieder und ließen ihn qualvoll sterben unter ihren Händen; die Leichen warfen sie in den Rheinstrom. Die andern Gefährten wurden zerstreut und entflohen; zu spät kam der Gauvorsteher um die That zu hindern, nur die Thäter vermochte er noch zu strafen. Die Sage aber fügt hinzu, jenem Tilmon sei es durch ein Traumgesicht verkündet worden, an welcher Stelle des Rheines die Leichen zu finden seien, kenntlich durch eine Feuersäule, die sich über ihnen erhebe. Da sie aber endlich gefunden waren, führte Pippin, der Majordomus der Franken, sie in feierlichem Zuge nach Köln, und setzte sie daselbst bei.

Wo die That geschehen sei, unfern des niederrheinischen Ufers, ist nicht mehr zu bestimmen; die Sage, eingedenk des Wassers, das sprudelt in Ewigkeit, welches die Ewalde dem Sachsenvolke zu bringen hofften, berichtet von einem Lebendigen Quell, der an jener Stelle aus der Tiefe hervorgebrochen sei und das Land ringsumher getränkt habe. Haben sie auch nicht den Quell selbst aufdecken können, doch haben sie zuerst die harte Erdrinde zu öffnen gesucht. Ihr Tag war der 3. October, wahrscheinlich des Jahres 693.

R. Köpke in Berlin.

Victorinus.

Wie die vorher erwähnten Märtyrer Florianus und Quirinus starb in der Diocletian’schen Verfolgung, wahrscheinlich im Jahr 304, nach den alten Martyrologien am 2. November, auch Victorinus, Bischof von Betavio im südlichen Noricum an der Grenze Pannoniens (jetzt Pettau an der Drau in Steiermark) den Tod für Christus und bezeugte dadurch, daß er seinen Glauben unter allen Gütern für das köstlichste achtete. Die näheren Umstände und die Art des Märtyrertodes, welchen er – wahrscheinlich zu Pettau selbst – erlitten, sind in Dunkel gehüllt. Vielleicht wurde an ihm gleichfalls die Strafe des Ertränkens (in der Drau) vollzogen, welche, wie wir aus den Passionen Florian’s und Quirin’s sehen, in jenen Gegenden nicht ungewöhnlich gewesen zu sein scheint.

Victorinus war eine hervorragende Persönlichkeit, berühmt in der alten Kirche. Doch wie so mancher ausgezeichnete Mann des christlichen Alterthums, von seinem Zeitalter bewundert, ward er von der Nachwelt fast vergessen. Das Wenige, was wir über ihn wissen, hat vornehmlich Hieronymus überliefert, einige Jahrs zehnte nach Victorin’s Tode zu Stridon in Niederpannonien (an der Grenze gegen die südliche Steiermark) geboren. Dieser gelehrteste unter den lateinischen Kirchenvätern redet von Victorinus, dem „Märtyrer gesegneten Andenkens“, stets mit unbedingter Anerkennung, die er ihm zollt wegen seiner Verdienste um die Kirche und ihre Wissenschaft.

Von Geburt war Victorinus ein Grieche, aus Griechenland oder einem griechischen Grenzlande stammend. Auch nach seiner Uebersiedelung in’s Abendland hat er seine Abstammung nicht verläugnet, dafern er die lateinische – durch Noricum und Pannonien allgemein verbreitete – Sprache sich niemals so vollkommen aneignete, als er der griechischen kundig war. Ob aus ansehnlicher Familie entsprungen oder nicht, jedenfalls hat er literarische Bildung empfangen. Er wählte den Beruf als (griechischer) Rhetor. Später trat er aus dem Leben der Heidenwelt zum Christenthum über; es eröffnete sich ihm ein neues Leben. Damals herrschte im Orient auf theologischem Gebiet Origenes, der Vater einer zahlreichen Jüngerschaft, das Vorbild der angesehensten Theologen der griechischen Kirche; mit einem Säemann hat man ihn verglichen, der geistigen Samen ausgestreut in die verschiedenen Gebiete der Theologie und nach allen Gegenden hin. Fünfzig Jahre waren seit seinem Tode verflossen, als Victorinus die Märtyrerkrone errang. Auch dieser, obwohl nicht ein unmittelbarer Schüler des Origenes, erfuhr dessen Einwirkung auf sich, so zwar, daß er, wie mancher große Kirchenvater, der Origenes als seinen Lehrer in der Theologie verehrte, die eigenthümlichen Meinungen desselben, welche die herkömmliche Lehrweise der Kirche zurückwies, sich nicht aneignete: weshalb Hieronymus (in einem Schreiben an Pammachius und Oceanus über die Irrthümer des Origenes) nicht ansteht seine eigene Rechtgläubigkeit mit der unseres Victorinus in Parallele zu stellen. Origenes hatte tiefe Ehrfurcht vor der heiligen Schrift und legte sie allegorisch aus. Er lehrte: wie der Mensch (nach der platonischen Dreitheilung) aus Leib, Seele und Geist besteht, so verhält es sich mit der heiligen Schrift, die zum Heile der Menschen gegeben; die Gläubigen auf den verschiedensten Stufen sollen Unterricht daraus schöpfen. Zwar hat der buchstäbliche Sinn (der Leib) seine Geltung, und auch er erbaut die Menge der einfältigen Gläubigen. Jedoch darf man bei ihm nicht stehen bleiben. Der moralische Sinn (die Seele) führt das im buchstäblichen Sinne Vorliegende auf das sittliche Verhalten des Menschen über, z. B. 1. Korinth. 9,9f Dem Vollkommenen aber schließt sich ein tieferer Sinn auf; er dringt durch die äußern Verhältnisse hindurch zu den Ideen, welche in der Hülle des Buchstabens vorliegen, zu dem Uebersinnlichen, als dessen Abbildung das Irdische erscheint. Das ist der mystische Sinn (der Geist), und auf ihn führt die allegorische Auslegung. Hieronymus bezeugt ausdrücklich, Victorinus habe sich Origenes gerade in der Auslegung der heiligen Schrift zum Vorbild genommen. Und hauptsächlich auf diesem exegetischen Gebiete war er, unter fleißiger Benutzung des Origenes, schriftstellerisch thätig. Er schrieb nach Hieronymus Angabe (zehn) Commentare, deren einige auch Cassiodorus (gest. 563) erwähnt: zu den drei ersten Büchern Mosis, zu den Propheten Jesaias, Ezechiel, Habakuk, zum Prediger Salomo’s, zum Hohenlied, zum Evangelium Matthäi, zur Offenbarung Johannis. Man kann ihn den Vater der Schriftauslegung in der lateinischen Kirche nennen; denn in letzterer waren bis dahin eigene Commentare, in lateinischer Sprache, nicht hervorgetreten.

Wir wissen auf Grund einer Andeutung Cassiodor’s, der unsern Victorin nicht etwa mit einem Andern desselbigen Namens verwechselt, daß er nach Aufgabe des Rhetoramts, sowie nachmals Hilarius und Ambrosius, ohne erst ein geistliches Amt als Diaconus oder Presbyter verwaltet zu haben, sofort aus dem Laienstande zur bischöflichen Würde gelangte. Wie man aus der chronologischen Stellung bei Hieronymus schließen darf, die ihm. unter den übrigen Häuptern der Kirche zugetheilt wird, zwischen Anatolius von Alexandria (gest. um 280) und Pamphilus von Cäsarea (gest. 309), ist er in diese Würde etwa zwei Jahrzehnte vor dem Ausgang des dritten Jahrhunderts berufen worden.

Uebrigens beweist seine Erscheinung in Pettau die enge Verbindung der christlichen Gemeinden Noricums und Pannoniens mit dem griechischen Osten. Daß er in seiner Stellung sehr thätig gewesen für die christliche Sache, indem er dieselbe durch Wort und Schrift nicht nur weiter zu verbreiten, sondern auch in den Gemüthern ihrer Anhänger fester zu begründen suchte, läßt sich nicht läugnen. Hieronymus nennt ihn eine Säule der Kirche. Derselbe rühmt seinen milden Sinn, der Niemand wehe that.

Was die schriftstellerischen Erzeugnisse Victorin’s betrifft, so sind sie in lateinischer Sprache abgefaßt, als der Sprache des Landes, in welchem er lebte. Wie Hieronymus versichert, waren sie reich an tiefen Gedanken, aber nicht ausgezeichnet in der Diction, so daß Victorinus mit dem Apostel habe sagen können: „Bin ich auch unkundig in der Rede, so bin ich’s doch nicht in der Erkenntniß“ (2. Korinth. 11,6). Er war eben als geborener Grieche der lateinischen Sprache minder mächtig und konnte deshalb in ihr nicht immer den entsprechenden Ausdruck für seine Gedanken finden. Ueberdies stellte die lateinische Sprache damals, wie wir auch an Tertullianus bemerken, dessen Muttersprache sie gewesen, den neuen Ideen noch manche Schranke entgegen. Außer den erwähnten Commentaren verfaßte Victorinus noch eine Polemik gegen alle Redereien und, wie derselbe Gewährsmann beifügt, „viele andere Schriften.“ Sie sind sämtlich untergegangen, mit Ausnahme des Commentars über die Offenbarung Johannis. Wohl haben zwei gelehrte Engländer, Cave gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts und neuerdings Routh, aus einer alten Handschrift unter Victorin’s Namen eine Abhandlung geringen Umfangs über die Schöpfung der Welt in einem sehr verderbten Texte veröffentlicht und dieselbe für ein Bruchstück aus dem Commentar über das erste Buch Mosis gehalten. Allein, von Anderem abgesehen, einmal wird unser Victorinus (es gab mehrere Schriftsteller dieses Namens im christlichen Alterthum) in jener Handschrift nicht bestimmt als Verfasser genannt, und dann steht der Anfang jener Abhandlung entschieden der Annahme entgegen, daß sie ein Fragment von dorther sei. An der Aechtheit des (scholienartigen) Commentars über die Offenbarung Johannis haben wir nicht zu zweifeln; doch enthält er manche, zum Theil klar in die Augen springende Einschiebsel aus späterer Zeit. Derselbe ist auch darum merkwürdig, weil er über diese neutestamentliche Schrift als der erste erscheint, von dem wir überhaupt in der Kirche hören. Ein besonderes, schon früher (griechisch) abgefaßtes Werk des Hippolytus über die Offenbarung ist verloren gegangen; es hatte auch nicht die Form eines Commentars.

Origenes, der selber einen Commentar über die Offenbarung Johannis nicht geschrieben, bestritt auf’s Entschiedenste den Chiliasmus, d. i. die Erwartung der Wiederkehr Christi zur Aufrichtung eines tausendjährigen Reichs; er bestritt ihn, selbst in der edlern Gestalt, als reinen Buchstabenglauben, ohne deshalb jene Schrift des Neuen Testaments, aus der man ihn zu rechtfertigen suchte (20,4ff.), für unapostolisch zu halten. Immer wieder wies er insbesondere für die Auslegung der prophetischen Bücher und ausdrücklich der Offenbarung Johannis darauf hin, daß Alles, was – nach dem Buchstaben derselben fleischlich laute, nur geistig verstanden werden könne, widrigenfalls man in ihre Mysterien, ihren wesentlichen Inhalt, nicht eindringe. Auch im vorliegenden Commentar ist Victorinus seinem Vorbilde gefolgt: er hat die Offenbarung nicht chiliastisch ausgelegt. So bemerkt er zu 19,1 ff., daß die Zahl 1000 nach ihrer Auflösung in 10 mal 100 einen mystischen Sinn habe, indem die Zahl 10 den Dekalog (die zehn Gebote) und die Zahl 100 die Virginität (die Reinheit in Glauben und Sitte) bedeute. Wer gewissenhaft nach jenen handele und unversehrt diese bewahre, der sei wahrhaftig ein Priester Christi und herrsche mit ihm in der geistigen Erfüllung jener Zahl. Das ist eine durchaus antichiliastische Auslegung, wie man sie von einem Exegeten aus Origenes Schule nicht anders erwartet. Das Antichiliastische tritt besonders in den Bemerkungen zu Offenb. 20, 3 u. 5. hervor, sowie am Schluss des Commentars, wo Victorinus ausdrücklich erklärt: „man dürfe nicht auf die hören, welche wie Cerinth behaupten, das tausendjährige Reich sei ein irdisches.“ Demnach ist es schwer zu begreifen, wie Hieronymus ihn zu den Chiliasten rechnen konnte. Vielleicht hat er die Erörterungen Victorin’s, auf welche er sich zum Beweise seiner Behauptung beruft, ohne die betreffenden Stellen selbst anzuführen, zu flüchtig angesehen, wie dies dem Vielgeschäftigen zuweilen geschah, und nicht gründlich erwogen. So klingt es allerdings auch in unserm Commentar chiliastisch, – und derartige Stellen hat Hieronymus wahrscheinlich im Auge, – wenn Victorinus zu Offenb. 1,15. die Worte Psalm 131,7: „Wir wollen anbeten an dem Orte, wo seine Füße standen“ in der Art auslegt: „Weil da, wo die Füße der Apostel zuerst standen und die Kirche gründeten, d. h. in Judäa, alle Heiligen sich vereinigen und den Herrn anbeten werden.“ Aber es ist – um die Worte eines Theologen zu gebrauchen, der das umfassendste und gründlichste Einleitungswerk zur Offenbarung des Johannes geschrieben, nicht nothwendig chiliastisch, sondern läßt sich recht gut so fassen, daß wie Rom der Ort der antichristlichen Macht ist, so Judäa als derjenige Ort gedacht wird, wo die gläubige Christenheit sich nicht zur Aufrichtung eines irdischen Reiches, sondern zum Beginn des die Welt verwandelnden ewigen Reiches Christi versammelt.

Die deutsche Kirche soll sich Victorin’s, des von ihr fast gänzlich vergessenen, immerdar erinnern als des ersten hervorragenden Glaubens- und Blutzeugen in Deutschland.

Joh. Carl Th. Otto in Wien.

Quirinus.

Zur Zeit der allgemeinen Christenverfolgung unter dem Kaiser Diocletianus wurde, wohl in demselben Jahre als Florianus den Märtyrertod litt (304), auch der Bischof Quirinus von Siscia in Pannonien (jetzt Sisset in Kroatien, wo die Kulpa in die Save fließt) auf Befehl des Statthalters Maximus ergriffen. Ungeachtet aller über ihn verhängten Martern hielt er unerschütterlich fest an seinem Glauben; er freute sich darüber, daß er von Gott gewürdigt worden, durch das Opfer der Leiden wahrhaft ein Priester zu sein, und sehnte sich, nach größerer Pein um des Namens Christi willen, damit diejenigen, deren Hirt er in diesem Leben gewesen, ihm in das ewige Leben auf einem solchen Wege folgen möchten. Nach Hieronymus Bericht wurde Quirinus mit einem Mühlstein am Halse dort von einer Brücke in die Fluthen des Flusses geworfen, eine Zeitlang von ihnen getragen, die Seinen am Ufer mahnend sich durch seinen Tod nicht abschrecken zu lassen, bis er auf sein Gebet endlich untersank. Dieselben Züge gibt Prudentius in seinem herrlichen Hymnus auf diesen Märtyrer; nur verlegt er das Ereigniß unter Galerius. Wie Hieronymus erzählen auch die vorhandenen gleichfalls uralten Leidensakten des Quirinus; doch lassen diese den Gefangenen von Siscia aus dem zweiten Pannonien nach Sabaria (Steinamanger) an den Statthalter des ersten Pannoniens Amantius ausgeliefert werden, um hier – nach den Martyrologien am 4. Juni – in der vorüberströmenden Güns den Tod auf jene Art zu dulden. Immerhin bleibt es fraglich, ob eine solche Auslieferung wirklich stattgefunden; wenigstens lag ein Grund dazu insofern nicht vor, als auch der Statthalter der zweiten Provinz, welcher den Proceß des Quirinus begonnen, zur Vollziehung der Todesstrafe berechtigt war. Die Gebeine Quirin’s, der als Märtyrer in der abendländischen Kirche immer hochgepriesen wurde, sollen später nach Rom gebracht worden sein.

Florianus

Der römische Kaiser Gallienus hatte im Jahr 260 den Christen im Reiche freie Ausübung ihres Gottesdienstes gewährt und somit das Christenthum als religiöse Corporation anerkannt. Es folgte eine lange Zeit der Ruhe. Die Verfolgung erneuerte sich erst unter Diocletianus. Dieser Kaiser trug das Ideal eines starken von den alten Volksgöttern geschirmten Kaiserthums in sich und gedachte es zu verwirklichen. Er begann im Jahr 295 mit einer Säuberung des Heeres und Hofes, als ausreichendem Schutzmittel gegen die Macht des Christenthums. Die Verfolgung dehnte sich weiter aus, nachdem die Zerstörung der prächtigen Kirche in Nicomedia vollzogen worden: 23. Februar 303. Es erschienen im Laufe der Jahrs drei kaiserliche Edicte in immer steigender Strenge. Das erste verordnete, alle Kirchen der Christen sollten niedergerissen, die heiligen Bücher derselben verbrannt, die Christen selbst aller bürgerlichen Rechte und Würden beraubt werden; das zweite gebot die Gefangennahme aller Bischöfe; das dritte befahl, daß die Eingekerkerten durch die Folter zum Opfern gezwungen würden. Endlich kam im Jahr 304 ein viertes Edict, zufolge dessen alle Christen ohne Unterschied auf jede Weise zum Götterdienst genöthigt werden sollten. Nun begann eine furchtbare Verfolgung fast im ganzen Reiche: der letzte Kampf zwischen Heidenthum und Christenthum. Diese Zeit war reich an Märtyrern. Und gewiß trieb die Mehrzahl nicht blinde Schwärmerei; die Begeisterung für Christus, die Ueberzeugung von der Wahrheit und Göttlichkeit seiner Sache, machte sie todesmuthig. Sie legten durch entschiedenes Bekennen Zeugniß von Christus ab, selbst wenn es der irdischen Güter höchstes galt; deshalb hießen sie in der kirchlichen Sprache Märtyrer, mit Rücksicht auf ein Wort des Herrn (Ev. Matth. 10,18).

In der römischen Provinz Noricum war das eben so von Osten wie auch von Italien (über Aquileja) hierhergelangte Christenthum damals ziemlich verbreitet; seine Bekenner hatten in den Tagen der Diocletian’schen Verfolgung schwer zu leiden. Davon zeugt die Geschichte des Florianus. Dieser war ein Officier im römischen Heere. Als er vernahm, daß der Statthalter Aquilinus, welcher den Christen dem kaiserlichen Befehle gemäß auf’s Eifrigste nachspürte, zu Laureacum (Lord) in Oberösterreich, bei Enns am gleichnamigen Flusse) vierzig Christen um ihres Glaubens willen in den Kerker geworfen habe und durch mancherlei Martern zum Abfall vom Christenthum zu bringen suche, eilte er aus seinem Standort – welcher dieser gewesen, wird in den ältesten Akten nicht berichtet – dahin, um sie durch sein Beispiel zu stärken. Er stellte sich dem Statthalter als Christen vor. Dieser suchte ihn erst durch freundliche Worte, dann durch die Folter zur Theilnahme am Rauchopfer zu bewegen. Florianus, ein ächter Streiter Christi, blieb standhaft in seinem Bekenntnisse. Dafür wurde er, vermuthlich im Jahr 304, nach den Martyrologien am 4. Mai, mit einem schweren Stein am Halse von der dortigen Brücke in die Enns gestürzt. Einen jungen Soldaten, der sich bei dieser That besonders eifrig zeigte, traf sofort Blindheit als Strafe. Der vom Strom ausgespülte Leichnam ward von einem Adler mit ausgebreiteten Flügeln beschützt, bis eine Matrone in Folge einer Vision ihn begrub: angeblich, an dem Orte, wo jetzt das stattliche Augustiner-Chorherrnstift St. Florian (in der Nähe des gleichnamigen Marktfleckens) liegt. Nachmals sollen Florian’s Gebeine nach Rom und im Jahr 1183 auf Ansuchen des polnischen Großfürsten Kasimir II. nach Atrakau gekommen sein. Seitdem gilt Florianus als ritterlicher Schutzpatron Polens. Er wird auch als Helfer gegen Feuersgefahr angerufen. Abgebildet erscheint er gewöhnlich als Kriegsmann und ein Gefäß Wasser über Flammen ausgießend. Bis Schwaben und weiterhin finden sich ihm geweihete Stätten.

Polycarpus, Bischof von Smyrna.

Polycarpus ist eine der ehrwürdigsten Erscheinungen des christlichen Alterthums: es vereinigt sich vieles, ihm unter den hervorragenden Männern noch eine auszeichnende Stelle zu geben. Zuerst die Zeit und der Ort seines Auftretens. Es ist das Zeitalter an der Grenze des apostolischen: ihm selbst war vergönnt zu den Füßen des Johannes zu sitzen, und unter denen, die also bevorzugt waren, ist er der einzige, von dessen persönlichem Verhältniß zu dem Apostel Kunde überliefert ist. Und es ist das Land, Kleinasien, welches in diesem Zeitalter, dem zweiten Jahrhundert, als der bewegteste Schauplatz des christlichen Lebens und durch zahlreiche Kirchenlehrer eine leitende Stellung einnahm: es fehlte nicht an großen Irrthümern, aber es trafen die Geister auf einander, und an diesem Kampf hat auch Polycarp Antheil. Dazu kommt seine christliche Persönlichkeit und die Vollendung im Märtyrertode: worüber ein kostbares Document erhalten ist, dem aus jenen Jahrhunderten nichts gleiches an die Seite zu setzen ist. Sonst ist nur dürftige Kunde überliefert; aber manche bruchstückliche Aeußerungen von ihm und über ihn, in Zusammenhang gebracht, dienen das Bild zu vervollständigen.

Polycarpus ward, wie es scheint, zu Ende des achten oder Anfang des neunten Jahrzehends im ersten Jahrhundert geboren. Seine Jugend trifft in die letzte Generation derer, die den Herrn gesehen hatten: auch hatte er nach dem Zeugniß des Irenäus Umgang mit vielen von solchen und er genoß selbst den Unterricht der Apostel. Namentlich ist er ein Schüler des Apostels Johannes: sei es daß er auf dessen apostolischen Reisen, in der eigenen Heimath, wir wissen nicht wo, ihn kennen gelernt, oder daß er auf dessen apostolischem Sitz, zu Ephesus ihm nahe gekommen ist: vielleicht daß beides statt gefunden.

Wie seine christliche Unterweisung durch Apostel, so erhielt er durch sie auch seinen Beruf als verordneter Bischof der Gemeinde von Smyrna. Unter diesen Aposteln ist ohne Zweifel Johannes begriffen, auf den seine Einsetzung auch ausdrücklich zurückgeführt wird. Uebrigens ist der Name nach dem allgemeinen Ausdruck von „Augenzeugen und Dienern des Herrn“ zu verstehen, wie sie bei dieser Wahl genannt werden: das heißt überhaupt unmittelbare Jünger des Herrn, dergleichen Aristion und der Presbyter Johannes waren; nicht aber nothwendig Apostel im engern Sinn. Denn die Einsetzung Polycarps zum Bischof von Smyrna kann frühestens in die Zeit kurz vor dem Ende des Johannes fallen.

Die Gemeinde zu Smyrna, dem johanneischen Kreise angehörend, war neben der ephesinischen die bedeutendste. Ihre Stiftung liegt für uns im Dunkel. Sie muß aber nach der Zeit des Paulus erfolgt sein, denn als der Apostel an die Philipper schrieb um das Jahr 62, bestand zu Smyrna noch keine Gemeinde (wie Polycarp selbst andeutet); doch auch einige Zeit vor der Abfassung der Apocalypse: also um die Mitte des siebenten Jahrzehends, sei es von paulinischen Gemeinden aus, sei es durch den Apostel Johannes. Eine Andeutung des frühesten Zustandes der Gemeinde gibt der zweite apocalyptische Brief. Sie war damals arm und bedrängt, aber reich an That und Hoffnung: Mitglieder des nur noch so genannten Volkes Gottes hatten auch hier ihre Schmähungen ausgegossen; neue Verfolgungen, Todesgefahren standen bevor. Aber die Zeit der Noth sollte nur kurz sein: der im Kampf erprobten Treue wird droben die Krone des Lebens verheißen. So erscheint diese Gemeinde dem Leser fleckenlos, weder ihr Wandel, noch ihr Glaube fordert den Tadel heraus; nur Lob und Ermahnung wird ihr gespendet. Man hat angenommen, daß der Engel der Gemeinde zu Smyrna, dem dieser Brief überschrieben ist, Polycarp sei. Da aber die Apocalypse vor der Zerstörung Jerusalems geschrieben ist, so kann von ihm hier nicht die Rede sein.

Von der frühern Zeit der bischöflichen Verwaltung Polycarps ist keine Nachricht überliefert. Doch findet sich an glaubwürdigem Ort eine in alter und neuer Zeit viel gefeierte Erzählung von der Rettung eines Jünglings durch Johannes, dessen Sorge und Aufsicht der Apostel dem Bischof einer benachbarten Stadt auf die Seele gelegt hatte. Man hat an Polycarp gedacht. Allein Clemens, der den Vorgang berichtet, nennt die Stadt nicht; erst weit später wird Smyrna angegeben. Wenn nun auch für diese Stadt die Nähe von Ephesus spricht, so bleibt doch außerdem ungewiß, ob der ungenannte Bischof grade Polycarp gewesen oder nicht vielmehr einer seiner Vorgänger. – Es ist aber überliefert, daß er Briefe an die benachbarten Gemeinden sandte zur Befestigung des Glaubens, auch an einzelne Personen zur Warnung und Ermunterung. Ein solcher Brief aus der früheren Zeit, gerichtet an die Gemeinde zu Philippi und von dieser hervorgerufen, ist noch vorhanden. Der Verfasser lehnt sich an Aussprüche des Evangeliums so wie der Apostel Paulus, Petrus und Johannes. Aber er läßt eine selbständige Ueberzeugung durchscheinen. Ausgehend von der Wurzel und der Frucht des Glaubens, faßt er damit zusammen die Liebe, welche vorangeht und die nachfolgende Hoffnung, deren ewigen Inhalt er besonders hervorhebt: Auferstehung, Gericht und seliges Leben. Wenn wir dem Herrn, sagt er, in dieser Welt gefallen, werden wir auch die zukünftige erlangen; wenn wir seiner würdig leben, werden wir mit ihm regieren. So geht zugleich ein ernster, sittlicher Zug durch den Brief: er ermahnt dem Herrn zu dienen in Furcht, seiner Geduld nachzufolgen, einen guten Wandel unter den Heiden zu führen, und wendet sich im Einzelnen an alle Stände des Hauses und der Kirche. Der besondere Irrthum aber, dem er die von Anbeginn überlieferte Lehre entgegenstellt, ist die Leugnung Christi, daß er in’s Fleisch gekommen, so wie die Leugnung der Auferstehung und des Gerichts. Und das Laster, vor dem er besonders warnt, die Habsucht: er beklagt den Fall eines Presbyters und seiner Frau (wie es scheint, Veruntreuung von Gemeindegeldern), wünscht ihnen wahre Buße und ermahnt die Gemeinde, die Verirrten zurückzuführen.

Ein Zeichen des hohen Alterthums des Briefes liegt darin, daß im Clerus nur Presbyteren und Diaconen unterschieden werden; ein bestimmtes Zeitmerkmal in der Erwähnung des Ignatius, dessen Geduld er mit Augen gesehen habe, und von dessen seligem Heimgang er überzeugt sei. Zugleich übersendet er ihnen dessen Briefe und erbittet nähere Nachricht über ihn und seine Gefährten (was keineswegs mit dem ersten in Widerspruch ist). Das weiset auf die Zeit bald nach dem Tode des Ignatius hin (der nach den Alten in das Jahr 106, nach neuerer Aufstellung in das Jahr 115 trifft). Aber wegen dieses Zusammenhangs wirkt der Zweifel, der an die Briefe und den Ausgang des Ignatius sich heftet, auch hier ein: daß man (wenn nicht den ganzen Brief) die auf Ignatius bezüglichen Stellen für unächt erklärt hat. Noch andere Stellen haben Bedenken erregt, deren Ausscheidung dem Briefe mehr Einheit und Klarheit geben soll. Es ist wahr, es kommen einige Uebertreibungen und Unterbrechungen vor((Bedenklich ist mir auch die Aufforderung Cap. 5: den Presbyteren und Diaconen sich unterzuordnen, wie Gott und Christo; die wohl im Geschmack des Ignatius ist, aber dem Polycarp weniger ähnlich sieht.)). Uebrigens aber hat der Brief das Gepräge innerer Wahrheit; und er ist im Ganzen durch älteste Zeugnisse geschützt.

Die erste und bedeutendste Thätigkeit eines apostolischen Mannes war die durch das lebendige Wort. Das Wort vertretend waltete Polycarp in seiner Gemeinde auf dem Wege des Lebens ihr vorangehend mit den Presbytern als der Erste unter seines Gleichen; denn wie die damalige Kirchenverfassung die Unterordnung noch nicht aussprach, so war er persönlich frei von hierarchischem Geist. Einen Spiegel seiner Wirksamkeit haben wir an den Gesinnungen, mit denen seine Gemeinde ihm zugethan war: er genoß allgemeine Liebe und Verehrung. Das schönste Denkmal derselben hat sie ihm in jenem Rundschreiben über sein Märtyrerthum gesetzt. Und nicht genug, daß die Seinigen so von Leben und Sterben dieses Gottesmannes zeugen, selbst die Erbitterung seiner Feinde, das heißt der Feinde des Namens Jesu, mußte wider Willen ebenfalls am Ziel seiner Laufbahn, wie wir sehen werden, Zeugniß ablegen für ihn, für seine große Wirksamkeit.

Doch aus den unbestimmten Umrissen, in denen so nur Polycarp im Verhältniß zu seiner Gemeinde erscheint, mag ein deutlicheres Bild gewonnen werden, wenn wir die Männer in’s Auge fassen, die in persönlichem Verhältniß zu ihm standen. Denn so vieles auch in Vergessenheit gesunken ist, so ragen doch aus der Tiefe jener Zeit einige näher verbundene Gestalten hervor.

Ignatius, Bischof von Antiochien auf seinem letzten Wege, da er durch Kleinasien gefangen nach Rom geführt wurde, kam durch Smyrna und hier mit Polycarp in Gemeinschaft, den er früher nicht gekannt zu haben scheint. Er faßte Vertrauen zu ihm und gewann ihn lieb. In dem Sinn gedenkt er seiner in Briefen, die er zu Smyrna abfaßte. Von Troas aber an die Smyrnäer und den Polycarp schreibend, nennt er diesen einen gotteswürdigen Bischof und einen gottseligen Mann und preiset Gott, daß er gewürdigt sei, dessen unschuldiges Antlitz zu sehen. Auch bat er ihn einen Abgeordneten nach Syrien zu senden, der seiner verwaisten Gemeinde die theilnehmenden Gesinnungen der Smyrnäer, als ein Zeuge ihrer Liebe und ein Bote ihrer Tröstungen, darstelle: eine Sorge, die gleicherweise den ehrt, der sie hegte, wie den, dem sie anvertraut ward.

In allem dem ist nichts, was den Eindruck des Erfundenen machte. Da aber die Briefe des Ignatius überhaupt in verschiedenem Grade Zweifeln unterworfen sind, obwohl der an den Polycarpus weniger als andere; so muß dieses Zeugniß der Frage über die Aechtheit jener Briefe sich unterordnen.

Papias, Bischof von Hierapolis war dem Polycarp befreundet, wie durch Irenäus bezeugt ist: seit wann und woher wird nicht gesagt. Doch ist wohl glaublich, daß die Freundschaft beider Männer von ihrem gemeinsamen Lehrer Johannes sich herschreibt. Die Meinung aber, daß Papias auch gleichzeitig mit dem Polycarp die Märtyrerkrone erlangt habe, scheint durch Mißverständniß aufgekommen zu sein. Daß die Verbindung dieser apostolischen Männer eine innerliche gewesen, darf man aus ihrer verwandten Geistesrichtung schließen. Wie in der Anschauung des neuen göttlichen Lebens das lebendige Wort ihnen mehr war als der Buchstabe; so hielten sie auch fest an dem Reichthum der That, den dieses Wort offenbart, an der Fülle des Lebens, die in wirklicher Erscheinung ausgeprägt war und dereinst wieder so offenbart werden sollte.

In diesem Geiste lebte und lehrte Polycarp. Zum Zeugniß sind uns seine Schüler sowohl in der Uebereinstimmung mit ihm als wo sie von seinem Wege abweichen. Wir kennen namentlich als solche nur den Florinus und den Irenäus: der erstere ein Staatsmann, der andere der berühmte Kirchenlehrer des Abendlandes, – welche obwohl an Jahren sehr verschieden, doch gleichzeitig der Unterweisung des Polycarp genossen.

Von Florinus zwar sind nur wenige und noch dazu dunkle Nachrichten aufbehalten; doch machen auch die wenigen Züge den Mann uns merkwürdig. Er hatte eine angesehene Stellung am kaiserlichen Hofe, war aber bei seinem Aufenthalt im proconsularischen Asien bemüht bei dem Polycarp Eingang zu finden. Der Umgang mit diesem scheint einen Wendepunkt in seinem Leben herbeigeführt zu haben: der Ruf der Kirche drang mächtiger in ihn, als der Staat ihn hielt. Denn nach einer Reihe von Jahren, unter Commodus finden wir ihn wieder als Presbyter der römischen Kirche. Aber da er in häretische Meinungen gerieth, für die er auch zahlreiche Anhänger gewann, ward er seiner Würde entsetzt. Irenäus darauf, den Fall seines Mitschülers betrauernd, suchte den Irrthum zu widerlegen in einem Briefe, der von der Einheit Gottes oder daß Gott nicht Urheber des Bösen sei, handelte; denn eine solche Meinung schien Florinus zu vertheidigen: wahrscheinlich im Sinne einer absoluten Vorherbestimmung Gottes, im Gegensatz gegen gnostischen Dualismus. Irenäus die Gottlosigkeit seiner Meinung ihm vorstellend, verweiset ihn an die apostolische Ueberlieferung, an der er durch Polycarp Theil habe, und sucht ihn besonders durch das Andenken an diesen ihren gemeinsamen Lehrer zu bewegen. Das wirkte: Florinus ließ von diesem Irrthum ab. Aber da er einmal das Welträthsel auf die Spitze getrieben, schlug er nun in das Gegentheil um und ward ein Anhänger der valentinianischen Schule: in Folge dessen Irenäus seine Schrift von der Achtzahl (den acht ersten Aeonen des Valentinus) verfaßte, um ihn zur Umkehr zu leiten.

Irenäus dagegen wandelte auf dem Wege seines Lehrers fort. Wahrscheinlich in der Nähe von Smyrna einheimisch, kam er in früher Jugend mit dem damals hochbejahrten Polycarp in nahe Berührung, vermuthlich bald nach der Mitte des 2. Jahrhunderts: und durch den Polycarp mit jenem Strom des Geistes, der durch die Apostel ausgegossen war und nun sich ausbreiten sollte über alles Land. Die Liebe dieses apostolischen Mannes für das lebendige, unverfälschte Christenthum ging auf den jungen Irenäus über, der auch später in einem weiten Wirkungskreise sich bewährte, ausgezeichnet wie durch Eifer für die Reinheit der Lehre, so durch christliche Mäßigung und Besonnenheit. Das lebenskräftige Gedächtniß seines Lehrers begleitete ihn durch sein Leben und ward in späteren Jahren nur um so frischer. Das Bild des theuren Mannes aber, das er in seinem Herzen trug, entwerfend in eben jenem Briefe an den Florinus, gibt er ein schönes Zeugniß der innigen Anhänglichkeit, die er jenem bewahrte. Was damals geschehen, sagt er, bewahre ich treuer im Gedächtniß, als das jüngst Erlebte; sintemal die Erfahrungen der Kindheit wachsen mit der Seele und mit ihr eins werden: so daß ich noch den Ort beschreiben kann, wo der selige Polycarp saß und sprach, und seinen Ausgang und Eingang und seine Lebensweise und die Gestalt seines Leibes und die Vorträge, die er an das Volk hielt und wie er von seinem Umgang mit dem Johannes erzählte und mit den Uebrigen, die den Herrn gesehen hatten und wie er ihrer Worte gedachte und was er von ihnen gehört hatte über den. Herrn und über seine Wunder und über seine Lehre. Da er es von denen, die das Wort des Lebens selbst gesehen hatten, empfangen; so berichtete er alles übereinstimmend mit der Schrift. Dieses auch habe ich damals durch die Barmherzigkeit Gottes, die mit mir war, eifrig gehört und es aufgezeichnet nicht auf Papier, sondern in meinem Herzen, und alle Zeit durch die Gnade Gottes bringe ich es mir unverfälscht wieder in Erinnerung.“

So theilte Polycarp mit, was er empfangen hatte. Der Acker aber, den der Diener des göttlichen Wortes bearbeitet, ist nicht die einzelne Gemeinde, sondern die Welt. Also wirkte Polycarp wie für seine Gemeinde, so für die ganze Kirche, wie daheim so auch in die Ferne, mittelbar und unmittelbar.

Gallien empfing die Frucht des Samens, den Polycarp ausgestreut. Wie Lyon mit Kleinasien durch Handelsinteressen vielfach verbunden war, so kam auf den Wegen des Handels auch das Evangelium über’s Meer. Gewiß mehrere Männer aus dem Wirkungskreise Polycarps siedelten sich dort über, unter denen Irenäus bekannt ist, der im Geiste seines Lehrers wirkte seit dem Jahr 177 als Bischof von Lyon. Nach Rom aber ist Polycarp selbst gekommen, er hat dort namentlich wider die Häresien gewirkt. Dieser Gegensatz aber ist nicht ohne Zusammenhang in seinem Leben, und diese Seite desselben weiset auf eine Zerklüftung in der damaligen Kirche.

Schon die Apostel hatten mit mancherlei Irrthümern sei es Mißverständnissen sei es Verfälschungen des Glaubens zu kämpfen gehabt: zwar noch in engeren Schranken, aber die Keime zu größeren Abweichungen waren vorhanden. Polycarp erlebte es, daß Irrlehren, die zu jener Zeit unter der Asche geglommen, in helle Flammen ausschlugen. Auch solche Aergernisse mußten kommen; aber es war eine schwere Prüfung, zumal für die, an welche sie zuerst herantraten. Am gefährlichsten war in jener Epoche, wo die alten Religionen, Judenthum und Heidenthum neben dem Christenthum bestanden und der christliche Lehrbegriff noch nicht entwickelt war, die Mischung derselben: besonders heidnischer Speculation mit christlicher Erkenntniß, die in einer neuen vielköpfigen Weisheit kräftig ihr Haupt erhob. Diesem Eindringen heidnischer Elemente widerstand die Kirche um so mehr, da sie, mitten in einer heidnischen Welt, auch auf allen andern Lebensgebieten, in Sitte, Gesetz und obrigkeitlicher Anordnung deren sich zu erwehren hatte. Dazu gab es aber zwei Wege: entweder die bloße Verneinung und Ausschließung des Widerchristenthums, oder eine solche Bekämpfung desselben, daß die Gegner des Irrthums überführt, die ächten Elemente aber, an welche der Irrthum sich anschließt, in dem christlichen Glauben selbst nachgewiesen wurden. Beide Wege der Polemik hatten die Apostel, vornehmlich Paulus angedeutet. Sie sind gegenüber der falschen Gnosis in umfassender Darstellung von großen Kirchenlehrern schon des zweiten Jahrhunderts betreten. Was Polycarp betrifft, so konnte er für jene Art der Abwehr selbst auf seinen Lehrer, den Apostel Johannes sich berufen, der geboten hat: „wenn jemand zu euch kommt und bringet diese Lehre nicht, so nehmet ihn nicht in’s Haus auf, und grüßet ihn auch nicht; denn wer ihn grüßet, der macht sich theilhaftig seiner bösen Werke“ (2. Joh. 10. 11). Und dies Wort wird noch geschärft durch eine Thatsache: Johannes, da er zu Ephesus im Bade mit dem Cerinth zusammentraf, soll unverrichteter Sache sofort das Bad verlassen haben mit dem Ausruf: „Laßt uns fliehen, das Bad möchte zusammenstürzen, denn drinnen ist Cerinth der Feind der Wahrheit.“ Dies wissen wir grade aus dem Munde Polycarps, von dem mehrere es gehört hatten, denen Irenäus es nacherzählt. Und von diesem als Augenzeugen erfahren wir, daß Polycarp eine ähnliche Weise hatte. Irenäus bezeugt dem Florinus, jenem ehemaligen Zuhörer Polycarps, da er in verderblichen Irrthum gerathen war: wenn Polycarp etwas der Art, wie jener lehre, gehört hätte; so würde er aufgeschrieen und seine Ohren verstopft und nach seiner Gewohnheit gesagt haben: „Guter Gott, auf welche Zeiten hast Du mich behalten, daß ich dieses erdulde?“ und den Ort geflohen haben, an dem er sitzend oder stehend solche Reden vernommen. Wenn aber solches dem Polycarp zur Gewohnheit werden konnte, so muß er oftmals Veranlassung gehabt haben, sich so zu betrüben. Und daran fehlte es nicht in jener Epoche, auf welche der klagende Ausruf deutet, nehmlich in seiner spätern Lebenszeit, in welcher ja auch erst Irenäus ihn hören konnte. Grade damals, um die Mitte des zweiten Jahrhunderts, stand der Baum gnostischer Weisheit in voller Blüthe. Wenn nun auch nicht Zeugnisse vorliegen, so ist doch leicht zu denken, daß Kunde der vielfachen Häresien von ihren Sitzen Antiochien und Alexandrien, den Mittelpunkten des Welthandels, in die Gegenden Polycarps gelangte, daß auch häretische Meinungen dorthin verpflanzt wurden. Auch zeigt, wie großen Theil an diesen gewaltigen Bewegungen man in Kleinasien nahm, das Beispiel eines berühmten Kirchenlehrers, der jünger als Polycarp, aber sein Zeitgenosse und ihm benachbart war, des Melito, Bischofs von Sardes. Von seinen zahlreichen Schriften war ein großer Theil wahrscheinlich gegen die Gnostiker gerichtet: gewiß ist, daß er den Marcion bekämpfte, gegen den er in einer eigenen Schrift die wahre Menschwerdung des Herrn in Schutz nahm.

Marcion nun auch ist der einzige Gnostiker, von dem man namentlich weiß, daß er mit dem Polycarp in persönliche Berührung gekommen ist, und zwar in freundliche: denn Marcion war ein Mann von strengem sittlichem Geist und von feuriger liebe zu dem in Christo offenbar gewordenen Gott, – ein Band, wohl hinlänglich, Gemeinschaft zwischen beiden zu stiften. Aber im weiteren Verlauf gingen ihre Wege auseinander. Als er von seinem Vater, dem Bischof von Sinope, aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen war und, nach Rom gekommen, auch hier die Wiederaufnahme nicht hatte erlangen können; so mochte auch bei Polycarp die Anerkennung des brüderlichen Bandes nicht bestehn. Ueberdies gab Marcion den gemeinsamen Glaubensgrund auf, da er an die gnostische Schule des Cerdon sich anschloß: nicht allein, daß er die kirchliche Ueberlieferung mißachtend, die sämtlichen Bücher des Alten Bundes und die Mehrzahl der neutestamentlichen, namentlich die johanneischen Schriften verwarf; so stellte er auch ein System auf, worin der Gott des Alten Bundes, der Bildner der Welt, dem Gott des Evangeliums entgegengesetzt, und hierin die ganze menschliche Erscheinung Christi für einen Schein erklärt, also auch Leiden, Sterben und Auferstehn desselben geleugnet wurde. Dieses erfüllte den Polycarp mit Abscheu, wie ein Vorfall beweiset, der wahrscheinlich zu Rom sich begeben hat. Da Marcion, so heißt es, dem Polycarp einmal begegnete, sprach er zu ihm: „Erkennst du mich?“ – eine Anrede, die sowohl ein früheres Verhältnis voraussetzt, als auch einen Zweifel in sich schließt. Polycarp versetzte: „Ja, ich erkenne den Erstgeborenen des Satans.“ Der Sinn, auch das Wort ist nicht neu im Munde Polycarps. Schon in seinem Briefe erklärt er: „Wer nicht bekennt das Zeugniß des Kreuzes, ist vom Teufel, und wer die Worte des Herrn nach seinen eigenen Begierden verkehrt und sagt, es sei weder Auferstehung noch Gericht, der ist der Erstgeborene des Satans:“ eine Charakteristik, welche durchgehends auf den Marcion sich anwenden läßt. Polycarp geht dabei von dem apostolischen Worte aus: „ein jeglicher, der nicht bekennt, daß Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen, ist ein Widerchrist“ (1. Joh. 4,3); während er auch mit dem Ausdruck des Erstgeborenen des Satans an Worte Jesu und Pauli sich anschließt (Joh. 8,44; Apostelg. 13,10).

Es lag in dieser freilich schroffen Abwendung das Gefühl der hohen Würde christlicher Gemeinschaft, die in jener Zeit der ersten Liebe eine innigere Bedeutung hatte, so wie die ängstliche Sorge für die Bewahrung des anvertrauten Gutes apostolischer Lehre. Mit dieser Sorge verknüpfte sich aber das Streben, die Irrenden zurückzuführen, und mit jenem Gefühl der Würde das Vertrauen auf die siegende Kraft der evangelischen Wahrheit, und es hat nicht getäuscht. Polycarp beherzigte auch die andere Seite der apostolischen Aufforderung: „einen ketzerischen Menschen zu meiden, wenn er einmal und abermal ermahnt ist“ (Tit. 3,10.11). Seiner Ermahnung gelang es, den Irrthum zu besiegen. Es wird ausdrücklich gemeldet, daß er nach Rom gekommen viele der dortigen Häretiker, Valentinianer und Marcioniten zur Kirche Gottes zurückführte. Schwerlich hat er auf den fremden Standpunkt eingehend, eine Widerlegung des Systems unternommen; sondern er wird (wie jener Greis, der den nachmaligen Kirchenlehrer Justinus von den Fesseln des Platonismus löste) von Erdachtem zu Erlebtem sie hingewiesen, den einfachen Glauben und die Gemeinschaft der Kirche in Liebe ihnen vorgehalten haben.

So erstreckte sich die Wirksamkeit Polycarps weit über seinen Sprengel hinaus, – wozu Veranlassung gab seine auch in anderer Beziehung bedeutsame Reise nach Rom, welche in die Zeit des römischen Bischofs Anicet, etwa in das Jahr 158 trifft.

Wichtige Gründe müssen ihn bestimmt haben, in vorgerücktem Alter eine solche zu unternehmen. Vermuthlich wollte er mit dem angesehensten Bischof des Abendlandes Gespräch pflegen über Angelegenheiten der Kirche, namentlich über manche Differenzen sich verständigen. Wenigstens hatten beide Männer Einiges, was nicht näher bezeichnet wird, gegen einander auf dem Herzen: worüber sie sich aber bald einigten. Dabei ist die Frage von der Passahfeier zum erstenmal zur Sprache gekommen.

Diese Feier hat eine große Geschichte: sie hat in der alten Kirche zu lebhaften Streitverhandlungen, selbst zur Spaltung geführt und Jahrhunderte die Gemüther bewegt; sie ist in neuester Zeit eifrig aufgenommen und in wissenschaftlicher Polemik durchgeführt, da sie nicht allein in die Geschichte des Cultus eingreift, sondern auch für wichtige Punkte der evangelischen und apostolischen Geschichte von entscheidender Bedeutung ist. Wir beschränken uns hier auf das Hervortreten derselben im Leben Polycarps. Sie betraf, wie man es nannte, die Beobachtung des vierzehnten (nehmlich des jüdischen Monats Nisan), welche Polycarp vertrat, Anicet ablehnte. Das war eine Verschiedenheit sowohl in der Zeit, als in der Art der Feier. Jene „Beobachtung“, welche in Kleinasien verbreitet war, besagte erstens, daß man am 14. Nisan, dem Vollmondstage des Frühlingsmonats, als dem Tage, an welchem nach dem Evangelium Johannis Christus gekreuzigt worden, das Gedächtniß seines Todes feierte: also nicht an einem Freitage, sondern an jeglichem Wochentage, auf welchen grade jener Tag traf; demzufolge traf auch das Jahresgedächtniß der Auferstehung, wenn man von da zu dem dritten Tage, dem 16. Nisan, überging, auf jeglichen Wochentag. Die übrige Kirche ließ die jüdische Monatsrechnung bei Seite und hielt sich für die jährliche Feier der Auferstehung an denselben Wochentag, den Sonntag, an welchem allgemein in der Christenheit sie wöchentlich gefeiert wurde. Aber auch die Art der Feier war verschieden. Nicht allein, daß auf der einen Seite der Todes-, auf der andern der Auferstehungstag im Vordergrunde steht; so gab die Beobachtung des 14ten, an welchem die Juden das Passahlamm aßen, durch die Feier des Abendmahls sich kund in Beziehung auf Christus als das wahre Passahlamm, und damit wurde das Fasten vor Ostern beendet; während die Andern, die den Ostersonntag begingen, bis zu diesem Tage fasteten. In diesem Gegensatz standen die beiden Kirchenhäupter. Jeder von ihnen hatte den Wunsch, den andern für seinen Gebrauch zu gewinnen. Aber nicht vermochte es Anicet über den Polycarp, eine Feier aufzugeben, die er mit Johannes und den übrigen Aposteln, mit denen er gewandelt, immer beobachtet hatte; noch vermochte es Polycarp über den Anicet, eine Feier anzunehmen, die mit der Sitte seiner Vorgänger in Widerspruch war. Also jeder berief sich auf das Herkommen seiner Kirche: es scheint nicht, daß man auf andere Gründe eingegangen ist; namentlich blieb das Verhältniß des asiatischen Ritus zur Chronologie der Leidenswoche nach Johannes und nach den drei ersten Evangelien damals noch unberücksichtigt. Aber die Verschiedenheit der Gebräuche störte nicht die Eintracht, welche jene besiegelten durch gemeinsame Feier des Abendmahls: besondere Ehre aber erwies Anicet seinem Gaste dadurch, daß er ihm die Verwaltung des Sacraments überließ.

So war der Aufenthalt Polycarps in Rom von Wichtigkeit sowohl durch den Erfolg, den seine Bekämpfung der dortigen Häretiker hatte, als wegen des seltenen Beispiels, das er mit dem Anicet durch einträchtige Behandlung kirchlicher Streitfragen gab. Aber eine umfassendere, allgemein kirchliche Bedeutung läßt sich seiner Reise nicht absprechen. Wenn auch sonst lebendiger Verkehr und Theilnahme zwischen den christlichen Gemeinden in allen Theilen der damaligen Welt herrschte; so ist doch hier das erste Beispiel einer Verhandlung über eine kirchliche Frage zwischen dem Morgen- und dem Abendlande in der Person zweier Bischöfe, welche den Beruf hatten, die sich gegenüberstehenden Gewohnheiten und Meinungen zu vertreten: es ist hier zuerst eine Gemeinschaft der ganzen Kirche, aber auf freie Weise vermittelt, aus der zugleich klar wird, welche Stellung damals in völliger Unabhängigkeit diese Bischöfe gegen einander einnahmen.

Aber auch Polycarp selbst stand für die ganze Kirche ein, die er betend auf dem Herzen trug. Als er vor der drohenden Verfolgung sich zurückgezogen hatte, that er Tag und Nacht nichts anders als zu beten für alle und für die Kirchen auf Erden, wie es seine Gewohnheit war. Und noch als schon die Häscher ihn erreicht hatten, von denen er eine Stunde zum Gebet erlangte (es wurden aber zwei Stunden), gedachte er darin aller, die je mit ihm zusammengetroffen wären und der ganzen allgemeinen Kirche auf Erden. Das bezeugt seine Gemeinde in dem Rundschreiben über seinen Märtyrertod. Dieses Ende ist die Krone eines solchen Lebens. Der Glanz aber, der aus jenem Bericht auf ihn selbst fällt, erhellt zugleich den düstern Hintergrund. Und da die handelnden Personen ganze Klassen und Generationen vertreten in dem ungeheuren Conflict, erhebt sich der einzelne Fall zu weltgeschichtlicher Bedeutung.

Voran steht die Wuth des heidnischen Volks. Es war in Smyrna eine heftige Verfolgung ausgebrochen und mancherlei Martern wurden über die Christen verhängt. Die Standhaftigkeit eines Jünglings Germanicus, der mit den wilden Thieren zu kämpfen hatte, erregte die Menge, daß sie schrie: „Hinweg mit den Gottlosen, Polycarp werde geholt.“ Es wurde nach ihm gefahndet, durch Verrath eines Sklaven, den man gefoltert, sein Zufluchtsort entdeckt: folgenden Tages wurde er zur Stadt gebracht, in das Stadium. Nachdem er die schmeichelnden und drohenden Lockungen zum Abfall abgewiesen hatte, ließ der Proconsul dreimal ausrufen: Polycarp hat sich als Christen bekannt. Sofort brach die Menge der Heiden voll Zorn in den Ruf aus: „Das ist der Lehrer der Gottlosigkeit, der Vater der Christen, der Zerstörer unserer Götter, der viele lehrt nicht zu opfern und die Götter nicht anzubeten.“ Sie verlangten, daß er den wilden Thieren vorgeworfen, und als dies nicht mehr geschehen konnte, daß er lebendig verbrannt werde. Gesagt, gethan: das Volk trug auf der Stelle aus Werkstätten und Badestuben Holz und Reisig herbei. – Auch die Juden hatten in jenen Ruf eingestimmt; und bei diesem Geschäft waren sie am eifrigsten: nach ihrer Gewohnheit, wie der Bericht der Gemeinde sagt. Selbst den Leichnam des Märtyrers gönnten sie den Christen nicht.

Die heidnischen Beamten sahen es als eine Ehrensache an, Christen zur Verleugnung zu bringen, ihren Widerstand aber für Unbotmäßigkeit. Daher der, der den Polycarp in’s Stadium abführte und auf seinen Wagen genommen hatte, als dieser auf seine Ermahnung nicht hörte, ihn schmähte und vom Wagen warf. Weiter trieb der Proconsul den Versuch: es scheint, daß er ihn retten wollte; er fürchtete aber das Volk und gab dessen Forderung nach.

Polycarp selbst blieb sich gleich in ruhiger Würde und freudiger Zuversicht und machte Eindruck selbst auf die Verfolger. Auf die Nachricht von dem gegen ihn erhobenen Geschrei war er gefaßt und wollte die Stadt nicht verlassen, doch gab er dem Zureden vieler Christen nach und entfernte sich auf ein nahes Gehöft. Da sah er, betend in einem Gesicht sein Kopfkissen brennen; worauf er das prophetische Wort sprach: er müsse lebendig verbrannt werden. Verfolgt, entfernte er sich weiter; dann aber entdeckt, wollte er nicht mehr fliehen, sondern sprach: der Wille Gottes geschehe. Die Häscher, zu denen er redete, bewunderten sein Alter und seine Standhaftigkeit; und als sie sein Gebet gehört, bereuten viele, gegen einen solchen gotteswürdigen Greis ausgezogen zu sein. Als der Proconsul im Stadium ihn ermahnte, zu verleugnen und zu sagen: hinweg mit den Gottlosen (den Christen); rief Polycarp mit würdevoller Miene, die ganze Masse der Heiden überbietend: Hinweg mit den Gottlosen. Und als jener weiter in ihn drang, Christum zu lästern, so werde er ihn frei lassen; sprach Polycarp das berühmte Wort: „86 Jahre diene ich ihm, und er hat mir nichts Übles gethan; und wie kann ich meinen König, meinen Erlöser lästern?“ Der Proconsul drohte dann mit den wilden Thieren, und als das nicht half, mit dem Feuer. Auf das letzte erwiderte Polycarp: „Du drohst mit Feuer, das eine Stunde brennt und in kurzem verlischt; denn du kennst nicht das Feuer des künftigen Gerichts und der ewigen Pein, das den Gottlosen aufbehalten ist. Aber was zögerst du? bringe was du willst.“ Auf dem Scheiterhaufen betete er noch einmal und brachte Gott Dank, daß er dieses Tages und dieser Stunde ihn gewürdigt habe, Theil zu nehmen an der Zahl seiner Zeugen, in dem Kelch seines Christus, zur Auferstehung des ewigen Lebens, der Seele und des Leibes: unter welche er heute möge aufgenommen werden, vor ihm, in einem wohlgefälligen Opfer. Als das Feuer angezündet war, blähte es sich um ihn, ohne seinen Körper zu ergreifen: da mußte der Henker mit dem Schwert ihn durchbohren; worauf so viel Blut ausfloß, daß es das Feuer löschte. – Mit diesem Märtyrerthum endete die Verfolgung.

Unerschrocken, wohl nicht ohne eigene Lebensgefahr, wohnten Christen dem ganzen furchtbaren und erhebenden Vorgang bei. Und auf solche Augenzeugen beruft sich der Bericht, der im Namen der Gemeinde zu Smyrna abgefaßt ist, voll Pietät gegen den Polycarp: er heißt darin ein apostolischer und prophetischer Lehrer, ein bewundernswürdiger Zeuge. Diesen Bericht sendet sie einer Gemeinde in Phrygien und durch sie den entferntern Brüdern: daß auch sie den Herrn preisen, der aus seinen Knechten solche Zeugen auserwählt. Und wie sie selbst sich anschickt, sein Gedächtniß an seinem Todestage zu begehen, so theilt sie auch dessen Datum mit. Aber durch Schwankung der Leseart und der Auslegung ist es unsicher geworden: die alexandrinische Chronik nennt den 26. März 163; die Griechen feiern sein Gedächtniß am 23. Februar, die lateinische Kirche hat es auf den 26. Januar verlegt. Auch das Todesjahr steht nicht fest: man entschied sich früher für das Jahr 169, zuletzt (1864) hat das Fahr 167 eine umsichtige Vertheidigung erhalten. Es ist nahe dieselbe Zeit, zu welcher Justinus in Rom die Märtyrerkrone empfing.

Martin du Voisin

Christoffel, Raget – Martin du Voisin, ein französischer Emigrant, erleidet den Märtyrertod in Sursee den 3. October 1608.

Unter den Tausenden, welche zur Wahrung des Kleinodes ihres evangelischen Glaubens und ihres Lebens mit Aufopferung ihres Vermögens im sechszehnten Jahrhundert ihr blutgetränktes französisches Vaterland verlassen mußten, lenkten viele ihre Schritte nach Basel, wo mehrere unter ihnen, nicht nur sich einer gastfreundlichen Aufnahme erfreuten, sondern auch in der Folge mit dem Bürgerrechte beschenkt wurden. Mit dem Segen ihres freudigen Glaubens- und Leidensmuthes verpflanzten diese evangelischen Neubürger auch die Wohlthat ihrer industriellen Kenntnisse und ihres industriellen Fleißes nach der neuen Heimath. Zu den französischen Flüchtlingen, welche sich bleibend in Basel niederließen, gehörte auch Martin du Voisin, aus einem Dorfe zwischen Chaumont und Sangres an der Maine gebürtig. Er war ein Seidenbandweber oder ein Posamentier und wurde in der neuen Heimath ein Mitbegründer dieses in Basel und in seiner Umgebung jetzt so blühenden Industriezweiges, der für viele Familien die Quelle des Wohlstandes, ja des Reichthums geworden ist. Martin du Voisin wurde in der Folge vom Rathe zu Basel mit dem Bürgerrechte beschenkt, „denn er war wie ein Zeitgenosse schreibt, fromm und gottesfürchtig, besuchte fleißig die Predigt des göttlichen Wortes und übte auch stets zu Hause sich und sein Hausvolk mit Lesen und Betrachten desselben, fügte daneben Niemanden ein Leid zu, so daß er nicht allein den Reformirten, sondern auch andern Religionsgenossen lieb und werth geworden war“. Mit den Erzeugnissen seines Gewerbfleißes pflegte er auch die Luzerner Märkte zu besuchen.

So begab er sich den 30. September 1608 auf den Weg nach Luzern zum St. Leodegar’s Markt, der am 2. October stattfindet. In der Gegend von Liestal traf er mit Pilgern aus den Niederlanden zusammen, die auf einer Wallfahrt nach Rom begriffen waren. Bald entspann sich zwischen du Voisin und diesen ein Religions-Gespräch namentlich über Wallfahrten und Marienverehrung. Unter Anderm wies unser eifriger Reformirter mit der heiligen Schrift nach, daß die Zeit erschienen sei, da die wahren Anbeter unter den Christen nicht gebunden seien, nach Einsiedeln, Rom, Loretto und anderen Wallfahrtsorten zu reisen, um da ihren Gottesdienst zu verrichten; denn die allein verehrten Gott auf rechte Weise, die ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten. Daher seien Mühe, Arbeit und Kosten eitel und vergebens verschwendet, nach so weit gelegenen Orten unter so viel Gefahren zu reisen, da die Gläubigen, wie Paulus (1. Tim. 2,8.) lehre, an allen Orten beten und heilige Hände zu Gott erheben können und sollen.„ In Betreff Marias äußerte er sich: „daß die heilige und hochgelobte Jungfrau freilich von Jedermann geehrt werden solle auf die Weise, wie das Wort Gottes davon rede. Durch die Erdichtungen und Fabeln, daß sie ohne Sünde geboren, für uns eine Fürbitterin sei, werde sie hingegen mehr geschmäht und entehrt als geehrt. -„Abends traf Martin du Voisin mit den gleichen Pilgern in Sursee, im Wirthshause zur Sonne, wo er übernachten wollte, zusammen. Bald verwickelte er sich auch hier in einen Streit über Wallfahrten und Marienverehrung, indem er sich darüber in gleicher Weise äußerte wie am Morgen in Liestal. Seine diesfallsigen Aeußerungen wurden sofort dem Schultheißen Schauffelbühl hinterbracht, der ihn noch am gleichen Abende, wegen abscheulicher Lästerungen wider die wahre Religion und die reine Gottesgebärerin gefangen nehmen und in den Thurm werfen ließ. Des folgenden Morgens frühe versammelte sich der Rath von Sursee und ließ durch Abgeordnete aus seiner Mitte den Gefangenen fragen, ob er die ausgestoßenen Worte zurücknehmen wolle oder ob er noch bei denselben verharre. Martin du Voisin wiederholte seine früher ausgesprochenen Ansichten über Wallfahrten und Marienverehrung und schloß sein diesfallsiges Bekenntniß mit den Worten: „Dieweil er nichts anders geredet habe als was er hoffe mit dem Worte Gottes und mit guten Gründen beweisen zu können, so sei er guter Hoffnung, daß er wieder freigelassen werde oder doch wenigstens nicht am Leben bestraft werde.“ Der Rath von Sursee aber meinte, er dürfe ohne Weisung der hohen Regierung von Luzern den Gefangenen weder freilassen noch ihn bestrafen. Daher ersuchten Schultheiß und Rath von Sursee die Obrigkeit von Luzern um Anleitung, wie sie sich in dieser Angelegenheit zu benehmen haben und zugleich um Zusendung eines Rathsbeistandes, welcher der französischen Sprache kundig wäre, damit man den Gefangenen verhören könnte. Die Obrigkeit von Luzern willfahrte sogleich dem Gesuche. Martin du Voisin beharrte auch in diesem neuen Verhöre bei seinen früher geäußerten Ansichten und wollte weder dieselben wiederrufen, noch bekennen, daß er sich geirrt, indem er behauptet habe, die Lehre vom Verdienste sei eine Menschenerfindung und Maria sei wie andere Menschen in Sünden empfangen und geboren worden, obschon er sie auch für ein Gefäß zur Ehre Gottes halte, da sie den Heiland der Welt in ihrem Leibe getragen und geboren habe. Auch die Geistlichen von Luzern bemühten sich umsonst den Gefangenen zu einer anderen Ansicht zu bekehren.

Den 3. October 1608 wurde früh Morgens im Beisein des Rathsbeistandes von Luzern in Sursee über Martin du Voisin Gericht gehalten und derselbe zum Tode verurtheilt, den er noch am gleichen Tage erleiden sollte. Das Urtheil wurde aber dem Betreffenden erst unmittelbar vor dessen Vollzug verkündet, denn Schultheiß und Rath, die Zwanzig der Stadt Sursee setzten sich nach gefälltem Todes-Urtheile im Wirthshause zur Sonne um zehn Uhr zum Imbisse. Daselbst kehrten auch indessen zwei Schullehrer von Bern ein, nämlich Gabriel Hermann1) und Jacob Weber, die auf einer Ferienreise soeben das Schlachtfeld von Sempach besucht hatten und nun den Bruder des Ersteren, Joseph Hermann, Pfarrer in Rued, Canton Argau besuchen wollten. Zu ihnen setzte sich auch der Stadtreuter von Sursee, welcher den Schultheiß Schnyder2) nach Vollzug des Todes-Urtheiles nach Muri begleiten sollte. Von diesem Stadtreuter vernahmen nun die Berner Schullehrer, daß heute ein Baseler wegen grober Lästerungen wider die Religion hingerichtet werde. Um 11 Uhr erhoben sich die drei Rathsherren in der Hauptstube und kamen in die Nebenstube, nahmen daselbst ihre Mäntel und gingen wieder hinaus. „Diese gehen nun in den Thurm zu dem Gefangenen, um ihm sein Todes-Urtheil anzukündigen“ sagte der Stadtreuter zu seinen Tischgenossen. „Weiß er denn nichts davon, daß er zum Tode verurtheilt ist und heute schon sterben muß?“ fragten ihn die beiden Schullehrer. Der Stadtreuter erwiderte: „Nein, bis zum Augenblicke, da die Herren es ihm anzeigen, weiß er nichts davon; und wenn er jetzt noch, bevor die Thurmglocke geläutet wird, sich zu einem Widerruf verstehen würde, so würde ihm noch das Leben geschenkt“. Während sie noch redeten ertönte die Thurmglocke und die übrigen Rathsherren erhoben sich nun vom Tische, nahmen ihre Mäntel und mit Ausnahme des Schultheißen Schauffelbühl jeder auch ein Schlachtschwert oder eine Hellebarde auf die Achsel und gingen auf das Rathhaus. Auch die beiden Berner Schullehrer standen nun auf und folgten ihnen, indem sie gerne das Urtheil in der Nähe vernehmen wollten. Dasselbe lautet wörtlich also: „Kund und zu wissen sei hiemit männiglich, daß gegenwärtiger Martin du Voisin, Bürger zu Basel, sonst aus Frankreich gebürtig, folgende grausame, grobe und schwere Gotteslästerung ohne alle Marter bekannt und eingestanden hat, auch sonst derselbe durch sieben glaubwürdige Personen ist überwiesen worden. Als er nämlich von Basel nach Luzern reisen wollte, hat er auf dem Wege bei Liestal etliche Niederländer angetroffen, die nach Rom wallfahrten und zu denselben gesagt, was sie da Mühe, Arbeit und Kosten umsonst haben wollten; die katholische Religion und das Götzenwerk seien doch nichts anders als lauter Narrenwerk. Er sei früher auch ihres Glaubens gewesen, aber nachdem er der Wahrheit berichtet worden sei, habe er erkannt, daß dieses Alles Narrenwerk sei. Und als sie ihn gefragt haben, was er denn von unserer lieben Frauen halte? Ob er nicht glaube, daß sie unsere Fürbitterin sei? habe er geantwortet: Unsere Frau sei wie eine andere Frau in Sünden empfangen und geboren. Auf solche seine des gemeldeten Martin du Voisin hohe, grausam, grobe und schwere ausgestoßene Gotteslästerung wider unseren wahren, uralten, christlichen und alleinseligmachenden katholischen Glauben und wider die heilige Jungfrau Maria, die würdige Mutter Gottes und hiemit auch wider Christum selbst, haben meine gnädige Herren, Schultheiß und Rath die Zwanzig der Stadt Sursee, bei ihren geschworenen Eiden zu Recht erkannt und geurtheilt, daß Herr Schultheiß ihn dem Scharfrichter übergeben, der ihn hinaus auf den gewöhnlichen Richtplatz führen, ihm da aus Gnade und Barmherzigkeit sein Haupt mit dem Schwerte abschlagen und so weit vom Rumpfe trennen, daß ein Straßenrad dazwischen durchfahren möge; hierauf seinen Leib in ein brennendes Feuer werfen und ihn zu Staub und Asche verbrennen und die Asche in eine Grube werfen, – und also schändliche Ketzerei auszureiten mit Schwert und Feuer vom Leben zum Tode nach kaiserlichen Rechten und der Stadt Freiheiten richten solle. Und so Jemand sich unterstünde, solchem zu widersprechen oder es zu betadeln oder zu rächen, der soll in gleicher Strafe stehen, wonach sich jedermann zu richten habe“. Nachdem dieses Urtheil verlesen war, befahl der Schultheiß Schauffelbühl vom Rathhause herab, den Verurtheilten dem Scharfrichter zu übergeben. Als Martin du Voisin hierauf zu reden begann, drängten sich auch die beiden Schullehrer hinzu, um ihn besser verstehen zu können. Aber die Rathsherren, welche im Wirthshause schon vernommen hatten, daß sie Berner und also Reformirte wären, befahlen ihnen, sich zu entfernen, „dieweil sie hier nichts zu schaffen hätten!“ Hierauf eilten sie mit dem armen Verurtheilten durch ein enges Seitengäßchen, durch das nur ein Mann nach dem andern gehen konnte, gegen den Richtplatz hinaus. Auf dem Wege begegnete ihnen der Rathsbote von Basel Lienhard Gebhard mit einem Bittschreiben seiner Obrigkeit für Martin du Voisin an Schultheiß und Rath von Sursee. Als der Verurtheilte denselben heran kommen sah, rief er seufzend aus: „Ach mein lieber Nachbar Lienhard, wie geht es mir so rauh!“ Hierauf bat Gebhard den Scharfrichter, ein wenig still zu stehn, bis er den Brief seiner Obrigkeit dem Schultheißen übergebe, weil derselbe den gefangenen Mann beträfe. Aber Schauffelbühl wollte anfangs das Schreiben nicht einmal annehmen, denn er habe jetzt keine Zeit Briefe zu lesen, und dem Scharfrichter rief er zu: „Jörg, fahr du nur fort mit ihm!“ Auf die dringenden Bitten des Rathsboten nahm endlich der Schultheiß den Brief, steckte ihn aber gleich unerbrochen in die Tasche, indem er sagte: „Wenn ich zurückkomme, will ich ihn lesen, jetzt habe ich keine Zeit dazu“. Auf dem ganzen Wege bis zum Richtplatze drangen die Kapuziner, die ihn begleiteten, in den Verurtheilten, daß er doch seine Aeußerungen über die Jungfrau Maria und über die Wallfahrten widerrufen solle, damit er selig sterben könne, ja noch auf dem Richtplatze rief einer von ihnen ihm zu: „Wohlan Martin, es wäre noch früh genug, wenn Du noch widerrufen wolltest, und unserer lieben Frau wieder die Ehre geben, so wollte ich Dir dann Deine Sünden verzeihen und du würdest seliglich von hinnen scheiden“. Aber der Verurtheilte beharrte standhaft bei dem Bekenntnisse der evangelischen Wahrheit und begann zum Volke zu sprechen. Da drängten sich auch die beiden Schullehrer sowie der Rathsbote von Basel hinzu, um ihn besser verstehen zu können; ein Rathsherr jedoch, der sie bemerkte, sprach: „Ich habe geglaubt, man habe Euch schon geheißen, Euch zu entfernen. Machet nun, daß Ihr fortkommt; Ihr habt die höchste Zeit dazu!“ Dem Martin du Voisin schrie der Kapuziner zu: „Du bist des Teufels, wie Du gehst und stehst, der wird Dich nun holen und alle bösen Geister werden zu Dir kommen und bei Dir wohnen“. Martin aber faltete seine Hände zum Gebete, blickte zum Himmel empor und empfahl seine Seele dem dreieinigen Gotte. Hierauf wurde er entblößt, und als sein Hemd nicht gleich lassen wollte, schrie der blutdürstige Kapuziner: „Zerreiß es nur, damit Du einmal fertig wirst!“ Der Verurtheilte empfing geduldig und ergeben den Todesstreich und sein Leichnam wurde sodann nach Urtheilsspruch auf einen brennenden Holzstoß geworfen und zu Asche verbrannt. So wiederhallte die grauenvolle Losung, welche in der Bartholomäusnacht vom Thurme von St. Germain l’Auxerrois ertönte, auch vom Thürmlein des Rathhauses von Sursee, und der arme du Voisin fiel mitten in der freien Schweiz als ein Opfer des nämlichen finsteren Geistes, der sein früheres Vaterland in ein Leichenfeld und in eine Wüste zu verwandeln drohte. – Der Hingerichtete, der ungefähr im sechszigsten Jahre den Märtyrertod erduldete, hinterließ eine tiefbetrübte Witwe, die gerade damals in den Wochen darniederlag, und sieben unerzogene Kinder! Die Seidenbänder, die er mit sich führte und die einen großen Theil seines Vermögens ausmachten, wurden zur Deckung der Kosten amtlich veräußert. Als der Rathsbote von Basel den Schultheißen Schauffelbühl bei seiner Rückkehr vom Richtplatze fragte, was für eine Antwort er seiner Obrigkeit zurückbringen solle, wies dieser auf den brennenden Scheiterhaufen hin und sagte: „Das ist die Antwort!“ Natürlich rief dieser Bescheid, sowie das ganze Verfahren in dieser Angelegenheit nicht nur in Basel, sondern auch in den übrigen Kantonen große Entrüstung wach, die auch auf Tagsatzungen gegen Luzern und die katholischen Kantone sich äußerte und endlich den Beschluß veranlaßte, daß kein Kriminalurtheil an einem Bürger eines anderen Kantones dürfe vollzogen werden, bevor die Obrigkeit des Heimathkantones über das Verbrechen in Kenntniß gesetzt worden sei!

1)

Aus einem Berichte, den dieser gleich nach seiner Ankunft in Rued bei seinem Bruder niederschrieb, ist der Inhalt dieser Erzählung entnommen.

2)

Der zweite Schultheiß.

Mauritius und die thebäische Legion.

22. September.

In der Zahl der Märtyrer, welche die christlich-germanischen Völker von der älteren christlich-römischen Welt als Helden aufgenommen und ihnen in weitesten Preisen ihre Verehrung erwiesen haben, ragt neben Martinus von Tours besonders Mauritius mit seinen thebäischen Genossen hervor. Es war jenen Völkern nach ihrer Bekehrung zum Christenthum anfangs Bedürfniß an Stelle der alten Göttergestalten und Helden der Vorzeit neue zu erhalten, in denen sich die alte Tapferkeit und der alte Freiheitssinn christlich verklärte, aber zugleich auch die neue Treue und Hingebung gegen den mächtigen Christengott glänzend bewährte.

So tritt unter den christlichen Burgundern Mauritius mit seinen Helden hervor, der ehemals ein tapferer römischer Feldoberster war und dabei auch ein Gottesdienstmann, ein rechter Streiter Christi, der dem römischen Tyrannen mit dem größten sittlichen Heldenmuthe entgegentritt und doch die Treue dem Kaiser bewahrend mit aller Hingebung an seinen Herrn Christum den Märtyrertod standhaft erduldet.

Die älteste aus mündlichen Berichten stammende Fassung der Legende, die wir dem Bischof Eucherius von Lyon aus der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts verdanken, versetzt uns in die Zeit der Verfolgung der Christen unter Maximian, der mit seinem Mitregenten Diocletian im Anfang des vierten Jahrhunderts fast in allen Provinzen des römischen Reichs die furchtbarsten Gewaltmaßregeln ergriff, um wo möglich den christlichen Namen auszutilgen. Zu dem Zweck waren überall hin Abtheilungen von Soldaten vertheilt worden, welche die Christen zu Strafen oder zum Tode ergreifen sollten. In dieser Zeit befand sich in dem Heere eine Legion von Soldaten, welche man „Thebäer“ nannte; eine Legion zählte aber damals 6600 Mann unter den Waffen. Diese Thebäer waren als Hülfstruppen dem Maximian aus dem Orient zugesandt worden, Männer die durch ihre Tapferkeit im Dienste des Kaisers ausgezeichnet, aber nicht minder in ihrer Hingebung gegen Christum musterhaft waren. Auch unter den Waffen waren sie eingedenk der evangelischen Vorschrift: Gotte zu geben, was Gottes sei und dem Kaiser, was des Kaisers sei. Daher wagten sie allein unter allen andern Soldaten die Bestimmung, die Menge der Christen zur Strafe zu führen, als einen Dienst der Grausamkeit von sich zu weisen. Maximianus, der von der Reise ermüdet sich in der Nähe bei Octodurum, dem heutigen Martigny, an der oberen Rhone aufhielt, erfuhr durch Boten die Weigerung der Legion, die in den agaunischen Engpässen dem heutigen St. Maurice sich gelagert hatte. Von Wuth entbrannt, schickte der Kaiser den Befehl, daß die ganze Legion decimiert, also der 10. Mann niedergehauen werde, damit die Uebriggebliebenen durch Furcht erschreckt um so eher zur Ausführung seiner Befehle der Christenverfolgung gezwungen würden. Die Thebäer beschlossen indeß das Aeußerste zu dulden, ehe denn sie etwas gegen den christlichen Glauben thun sollten. Der Kaiser ließ zur Strafe dafür die Legion zum zweitenmal decimieren und an die überlebenden Soldaten zum drittenmale die frühere Aufforderung ergehen, gegen die Christen einzuschreiten. Sie beharrten nach gegenseitiger Verabredung in ihrem Widerstande und vor allen traten nun die Führer auf: Mauritius, der Oberste der Legion, Eruperius, der campi doctor d. h. der in der Kriegskunst Unterweisung ertheilte und Sandidus, ein Rathgeber der Soldaten. Sie ermahnten ihre Mitstreiter zu unverbrüchlicher Treue gegen Christum bis in den Tod und zur Nachfolge ihrer bereits triumphierenden Brüder. Auf’s neue ermuthigt schickten sie Abgesandte an Maximian, die ihm in allen Stücken, welche nicht dem Gehorsam gegen Gott widerstritten, ihren Gehorsam gelobten und feierlich erklärten, tapfer gegen Gottlose und Feinde streiten zu wollen, aber nicht gegen Fromme und Bürger. Den Tod ihrer Brüder beklagten sie nicht, sondern freuten sich vielmehr, daß sie für würdig gehalten seien für den Herrn ihren Gott zu leiden. Was der Kaiser auch ferner über sie beschließen werde, sie seien bereit Feuer und Schwert und alle Qualen zu erdulden. Sie seien Christen und könnten die Christen nicht verfolgen. – Als der Kaiser sah, daß ihre Standhaftigkeit unerschütterlich war, befahl er, daß alle niedergemetzelt werden sollten. Ohne allen Widerstand boten die Thebäer nach Niederlegung der Waffen dem Schwert ihrer Verfolger den Nacken dar, um so den zu bekennen, der auch seinen Mund nicht aufthat, da er wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt wurde.

Dieser ältesten Fassung der Legende liegt jedenfalls ein historischer Kern zu Grunde. Gerade unter der Regierung des Diocletian und Maximian hatten sich mehrere thebäische Legionen gebildet, unter denen sich eine befand, welcher in Friedenszeiten die Bewachung des kaiserlichen Palastes übertragen war. Daß sich in diesen Legionen Christen befanden und wahrscheinlich die Mehrzahl ausmachten, wird durch die Nachrichten des Kirchengeschichtschreibers Eusebius über die diocletianische Verfolgung in der Thebais bestätigt, in der nicht bloß eine fast unendliche Anzahl Christen den Märtyrertod starben, sondern auch dabei eine Glaubensfreudigkeit und Standhaftigkeit zeigten, wie sonst nirgendwo. Die Verfolgung begann zuerst bei dem Heere, indem diejenigen, welche bei ihrem Glauben beharrten, ihres Ranges entkleidet oder mit dem Verlust ihres Lebens bestraft wurden. Der Kaiser Maximian befand sich nachweislich um die Zeit, wo das Märtyrerthum der Thebäer stattgefunden haben soll (22. Sept.), und zwar beim Beginn der Verfolgung im Jahre 302 in der Nähe von Agaunum. Er hatte sich im August dieses Jahres zum Ersatz des nach Brittanien abgegangenen Constantius in Cöln aufgehalten, war aber bald darauf durch einen Aufstand in Afrika abberufen und über den Summus Penninus, also durch das Walliserland, nach Italien geeilt, wo er zu Brundusium am 1. November 302 ein Gesetz unterzeichnet hat. Die Möglichkeit also besteht, daß eine größtentheils aus Christen bestehende thebäische Legion in den agaunischen Pässen von Wallis durch den Kaiser Maximian wegen ihres Widerstandes gegen seine Verfolgungsbefehle beim Beginn der diocletianischen Verfolgung bestraft worden ist. Wir werden aber die Fassung der Legende nicht einmal in ihrem schon von Eucherius im 5. Jahrhundert erweiterten Umfang aufrecht erhalten, noch weniger die späteren Erweiterungen und Verzweigungen unter den Franken als historische Züge annehmen können, vielmehr an der einfachen Thatsache festhalten müssen, daß einzelne christliche Thebäer, die im römischen Heere dienten, wegen ihres bekannten christlichen Eifers beim Beginn der diocletianischen Verfolgung den Märtyrertod erlitten. Ein Ereigniß von solcher Bedeutung, wie die Abschlachtung einer ganzen Legion von 6600 römischen Soldaten, ist unter den damaligen Zeitverhältnissen, wo man ihrer so dringend bedurfte, undenkbar, mag man auch die Maßregel als die eines im leidenschaftlichen Zorn ganz verblendeten Tyrannen darzustellen versuchen. Die Vorstellung ferner von einer bis auf den letzten Mann christlichen Legion neben einer ihr gegenüberstehenden ganz heidnischen und Christo feindselig gesinnten Armee, von der gänzlichen Vertilgung der einen durch die andre erscheint zu sehr als ein späteres Phantasiegebilde, als daß man derselben Glauben beimessen dürfte. Dazu kommt, daß sämmtliche gleichzeitigen und die späteren christlichen Schriftsteller, welche von den Christenverfolgungen unter Diocletian und Maximian zum Theil ausführlich berichten, von diesem Vorgang nichts wissen.

Eucherius selbst berichtet, daß erst viele Jahre nach dem Ereigniß dem Bischof von Wallis, Theodorus, von dem er die Sache erfahren, durch eine Offenbarung die Körper der agaunensischen Märtyrer entdeckt worden seien, zu deren Verehrung dann eine Basilica erbaut worden sei. Wenn nun Theodorus nach der Zahl der entdeckten Körper seine Angaben an Eucherius bemaß, so konnte er durch eine frühere Begräbnißstätte leicht irregeführt werden, wie dies bei dem Acker der heil. Ursula und ihrer 11000 Begleiterinnen zu Cöln später Andren geschehen ist. – Eucherius weiß auch nur drei Namen zu nennen: Mauritius, Exuperius und Candidus; denn Victor ist ein nicht zur Legion gehöriger Veterane, der in ihre Geschicke verflochten wird. Von Ursus und Victor, welche zu Solothurn den Märtyrertod erlitten haben, sagt Eucherius selbst, daß die Legende sie zu Thebäern gemacht habe. In späterer Zeit tauchen allmählich immer mehr Namen der Thebäer auch anderwärts auf, so daß die Legende in Namen und Zahlen fortgearbeitet hat. Sie liegt aber auch bei Eucherius im 5. Jahrhundert, also hundert bis hundertfünfzig Jahre nach den Ereigniß gleich anfangs in einer so ausgeprägten Gestalt vor, daß man mit Grund schon seit längerer Zeit nach einer Erklärung ihrer Entstehung geforscht hat.

Die Verfasser der Magdeburger Centurien und später Andre haben auf die Aehnlichkeit unsrer Legende mit einer orientalischen aufmerksam gemacht, in der ebenfalls ein römischer Heerführer Mauritius mit 70 Soldaten figuriert, und die Rolle des Verfolgers derselbe Kaiser Maximian zu Apamea in Syrien spielt. Wenngleich die Ausführung des Märtyrerthums des Mauritius und seiner Genossen, wie sie Simeon Metaphrastes in seinen „Leben der Heiligen“ gegeben hat, im Einzelnen sehr verschieden von dem der Thebäer ist, so steigert sich doch dort wie hier mit dem immer entschlosseneren Widerstand der Soldaten gegen die Zumuthungen des Kaisers die Wuth desselben bis zu dem endlichen Hinrichtungsbefehl, der dann ohne Murren und Widerstand, ja unter loben und Danken gegen Gott, ausgeführt wird. Der Name des Mauritius, der an der Spitze der orientalischen Krieger- und Märtyrerschar steht, wird, von dem griechischen Kirchenhistoriker Theodoret (c. 427) neben andren eminenten Helden der diocletianischen Verfolgung genannt, ja so verherrlicht, daß er mit denen der Apostelfürsten Petrus und Paulus zusammengestellt wird. Mauritius muß also schon bald nach der diocletianischen Verfolgung in der orientalisch-griechischen Kirche als Märtyrer mit seinen Genossen verehrt und dann zu hohen Ansehn gelangt sein. Eucherius oder schon vor ihm seine Berichterstatter nahmen den Namen des Helden Mauritius vom Osten herüber, aber die Zehner, die ihm im Kampfe zur Seite gestanden, sprangen im Occident in Tausende, die Einer in Zehner über.

Schon zur Zeit als Eucherius die Legende aufzeichnete hatte sich über der Marterstätte und den Gebeinen der Heiligen ein förmlicher Cult der Thebäer entwickelt. Ihre intercessorische Thätigkeit, um die sich der Bischof Silvius (dem die Legende mitgetheilt wird) verwenden soll, hatte sich bereits in eine unmittelbar eingreifende verwandelt. So waren sie z. B. einem noch heidnischen Schmidt, der bei’m Bau der Basilica beschäftigt am Tage des Herrn selbst gearbeitet hatte, erschienen und dieser wurde in Folge der Erscheinung bekehrt. Sie wirkten mancherlei Wunder, wie Heilungen von Krankheiten, Austreibungen von Dämonen. Nicht bloß sie selbst, sondern auch ihr Blut und ihre Gebeine übten bald ähnliche Wunderwirkungen aus. Daher schon in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts Wallfahrten von allen Seiten her nach diesem geweihten Ort unternommen wurden, wie z. B. von Romanus, dem Abt eines Klosters im Jura, dessen Lebensbeschreibung, die bald nach seinem Tode (460) verfaßt ist, darüber berichtet. Viele wollten wie er die Basilica der Heiligen sehen und das blutgetränkte Blachfeld betreten. Einzelne dieser frommen Waller blieben an der Stätte zurück, wo sich christlicher Heldenmuth mit der Treue so schön bewährt hatten und höhere segnende Kräfte fortwirken sollten. So bildete sich das Kloster Agaunum, das uns recht ein Bild des im Abendlande ganz charakteristisch sich gestaltenden Klosterlebens gibt und das in engem Zusammenhange mit dem religiösen Leben in der Schweiz längere Zeit hindurch dessen Mittelpunkt blieb.

Wir erfahren aus der alten Biographie des Abtes Romanus, daß schon damals der Bericht über die Passion der Thebäer schriftlich abgefaßt war. Damit ist ohne Zweifel der des Eucherius gemeint und dessen Alter bestätigt. Die weitere Angabe im Leben des Romanus, daß die Basilica und das agaunensische Lager die Gebeine der ganzen Legion, 6600 Mann, nicht habe umfassen können, konnte als Anhaltepunkt der späteren Verzweigungen der Legende dienen, welche zahlreiche Reliquien der Thebäer an den verschiedensten Orten vorhanden weiß.

Eine neue Hebung erfuhr der Thebäer-Cult für Burgund im Anfang des 6. Jahrhunderts, als König Sigismund aus Reue über die von ihm vollführte Ermordung seines Sohnes Sigerich die Basilica und das Kloster herstellen ließ und reich dotierte. Die Gräber der Heiligen, des Mauritius, Eruperius, Candidus und Victor wurden gerichtet und ein immerwährender Psalmengesang angeordnet. Bei Gelegenheit der Einweihung der wohl prächtiger hergestellten Basilica (im J. 515) hielt Avitus, der Bischof von Vienna, eine Lobrede auf die Heiligen, von der nur noch der Anfang erhalten ist.

Unterdes hatte sich schon die Verehrung der heiligen Märtyrer unter den Franken allgemeiner verbreitet. Chlodwig der Frankenkönig wandte sich zehn Jahre nach seiner Bekehrung (im J. 506) an den verehrten Abt Severin nach Agaunum, um durch ihn von seinem leidenden Zustande befreit zu werden. Von der Verbreitung heilkräftiger Thebäerreliquien, namentlich ihres Blutes, lassen sich noch früher im 4. Jahrhundert bei den Franken Spuren entdecken. Man begnügte sich aber nicht bloß mit den Reliquien, sondern man erhob auch Anspruch auf den Ruhm der thebäischen Legion selbst: und schon Gregor von Tours, der Kirchengeschichtschreiber der Franken, berichtet gegen Ende des 6. Jahrhunderts von einer prächtigen Basilica zu Cöln, in welcher 50 Mann von der heil. thebäischen Legion gemartert sein sollten. Sie war von ausgezeichneter musivischer Arbeit und glänzte von Gold, sodaß das Volk sie „zu den goldenen Heiligen“ nannte. Auch hier erwiesen sich die Gebeine wunderthätig. Diese Kirche ist ohne Zweifel die des heil. Gereon, der mit einer Abtheilung Thebäer durch die Legende Köln überwiesen worden. Um dies möglich zu machen, wurde der Bericht über die Thebäer dahin erweitert, daß die Legion zur Dämpfung eines Aufstandes der Bagauden d. h. der Bauern in Gallien abgesandt worden sei und im Rhonethale sich zu dem Feldzuge durch Opfer habe vorbereiten sollen; als sie sich ihres christlichen Bekenntnisses halber wiederholt geweigert hatte, wurde sie niedergehauen.

Diese erweiterte Fassung wurde dann dahin abgeändert, daß die Vernichtung der Legion erst auf ihrem Rückmarsch aus Gallien stattgefunden habe. Es blieb aber nach der Dämpfung des Aufstandes in Gallien noch die Züchtigung des Usurpators Carausius in Brittanien übrig. Dazu wurden Abtheilungen der thebäischen Legion unter Anführung des Gereon, Victor, Cassius und Florentius abgesandt, während das übrige Heer sich nach Italien zurückzog. – Als im oberen Rhonethale die Niedermetzelung der Legion erfolgte, sandte Maximian Truppen mit demselben Blutbefehl auch gegen jene am Nieder-Rheine befindlichen Abtheilungen ab. So wurden zu Bonn (Verona) Cassius und Florentius mit sieben Genossen, zu Cöln Gereon mit 318 Gefährten, zu Xanten Victor mit 330 Soldaten niedergemetzelt. In Köln wurden die Leichname in einen Brunnen geworfen, und bald darauf erbaute Helena, die Mutter Constantins, über den Gebeinen der Märtyrer die Gereonskirche, die wegen ihrer Pracht und wunderthätigen Reliquien Gregor von Tours ohne nähere Namenangabe zuerst erwähnt.

Die weiteren Verzweigungen der Legende nach Trier und andren Orten, die Verlegung derselben nach Pavia in Italien, beweisen, daß, nachdem sie einmal aufgetaucht war, bei den christlich-germanischen Völkern ein förmlicher Wetteifer sich geltend machte, solche christliche Helden wie Mauritius und die thebäische Legion als Vorbilder sich nahe zu rücken und als Localheilige selbst ganz zu besitzen.

W. Krafft in Bonn.

Pamphilus

Einsam und verödet liegen jetzt im Schutt die Ueberreste der Paläste, welche einst die herrliche Hafenstadt Cäsarea zierten, die Herodes der Große zu Ehren des Kaiser Augustus am mittelländischen Meere, etwa anderthalb Tagereisen von Jerusalem, hatte erbauen lassen. Dort hatte einst Petrus den Erstling der Heiden, den römischen Hauptmann Cornelius, mit seinen gleichgesinnten Freunden zu Christo bekehrt: dort hatte Paulus zwei Jahre im Gefängniß gesessen. Sehr früh war dort ein Bischofssitz gegründet worden, welchen um das Jahr 315 der berühmte Kirchengeschichtschreiber Eusebius einnahm und bis zu seinem Tode (340 n. Ch. G.) inne hatte. Diese Stadt war es auch, wo eine lange Reihe von Jahren hindurch der Presbyter Pamphilus lebte und wirkte und endlich in der letzten Christenverfolgung der römischen Kaiser Galerius und Maximinus sein Blut als Zeuge des christlichen Glaubens vergoß (310 n. Ch. G.), Eusebius liebte ihn als seinen väterlichen Freund und nannte sich nach ihm, wie man sich sonst wohl nach dem leiblichen Vater zu nennen pflegt, zur Unterscheidung von Andern seines Namens Eusebius Pamphili. Ein späterer Kirchenschriftsteller Nicephorus Callistius (im 14. Jahrh.) berichtet aus unbekannter Quelle, er sei ein Schwestersohn des Pamphilus gewesen, aus seinen eigenen Berichten wissen wir nur, daß er durch Bande der Liebe und Verehrung an Pamphilus geknüpft war. Eusebius hat auch sein Leben in drei Büchern beschrieben: aber diese Schrift ist leider verloren gegangen und so müssen wir uns mit den spärlichen Nachrichten behelfen, welche beiläufig des ehrwürdigen Mannes erwähnen.

Pamphilus mochte um die Mitte des Dritten Jahrhunderts geboren sein, wo nach längerer erschlaffender Ruhe die Verfolgungen der Kaiser Decius und Valerianus die Inbrunst des christlichen Glaubens und die Zucht der Kirche neu erweckt hatten. In Cäsarea lernte er gewiß schon als Jüngling den Namen des Origenes verehren, des feurigen Bekenners Christi, des Begründers der christlichen Wissenschaft, der daselbst lange sich aufgehalten und sein unsterbliches Werk, die vergleichende Zusammenstellung der griechischen Uebersetzungen des alten Testamentes, mit eisernem Fleiße vollendet hatte. So entzündete sich auch in Pamphilus frühzeitig ein glühender Eifer, Christo und der Kirche zu dienen und die Hülfsmittel der wissenschaftlichen Bildung zur Erziehung der Jugend und der Geistlichen zu verwenden. Als er Presbyter geworden, opferte er sich ganz für diesen Zweck auf. Eusebius faßt in seiner Schrift über die Blutzeugen Palästina’s das Bild seines Lebens in folgenden Zügen kurz zusammen: „Er war ein Mann, der in seinem ganzen Leben durch jegliche Tugend sich auszeichnete: er entsagte den irdischen Gütern und Genüssen, theilte reichlich von seinem Vermögen den Armen mit, suchte nichts in dieser Welt, lebte in strengen Uebungen und Entsagungen. Vorzüglich aber that er sich unter allen Zeitgenossen durch die innigste Liebe zu der heiligen Schrift und durch den beharrlichsten Eifer in allen seinen Unternehmungen hervor, so wie durch die liebevollsten Bemühungen, seinen Angehörigen und Allen, die sich ihm näherten, zu dienen und nützlich zu werden.“ Er gründete bei der Kirche zu Cäsarea eine Büchersammlung, die zur Beförderung wissenschaftlicher Studien noch im vierten Jahrhundert viel beitrug: er besorgte zahlreiche Abschriften der heiligen Schrift, welche er an Bibelleser, Männer und Frauen, bereitwillig auslieh, wohl auch verschenkte: er legte eine förmliche Schule für Schriftauslegung und christliche Lehre an, in welcher wahrscheinlich auch Eusebius unter seiner väterlichen Leitung gestanden hat.

Pamphilus verstand den Geist des Origenes durch die Liebe, mit welcher er seine ganze Person auffaßte, und wurde nicht durch einzelne ungenaue Ausdrücke, gewagte Behauptungen und falsche Ansichten irre, die sich in seinen Schriften entdecken ließen. Aber nicht alle seine Zeitgenossen urtheilten so billig und es mochte wohl auch nöthig sein, daß die Meinungen des großen frommen Kirchenlehrers einer Sichtung unterworfen wurden, wie dieses von verschiedenen Seiten, besonders durch Methodius, Bischof von Tyrus, der im J. 311 als Märtyrer der letzten Christenverfolgung des römischen Reichs unterlag, geschehen ist. Nun erhob sich aber ein so leidenschaftlicher Sturm gegen die Schriften des Origenes, daß man Jeden verdächtigte, der sie nur las, und viel lieber die heidnischen Dichter und Philosophen als ein Werk dieses frommen Schriftgelehrten in den Händen eines christlichen Bruders schuldete. Dieser Angriff fiel in die Zeit, da die Verfolgung in Palästina und Aegypten schon viele Opfer forderte, und christliche Bekenner, die schaarenweise in die Bergwerke zur Strafarbeit wandern mußten, nahmen die ungünstigsten Vorurtheile gegen Origenes mit in die Verbannung, oft ohne eine Zeile von ihm gelesen zu haben. Das that dem Pamphilus besonders leid, und, als er selbst schon von dem wüthenden Christenfeinde, dem römischen Landpfleger in Cäsarea, Firmilianus, ins Gefängniß geworfen war, beschäftigte er sich noch mit einer Vertheidigungsschrift für Origenes, die er den zur Bergwerksarbeit in Palästina verurtheilten christlichen Bekennern widmete. Er konnte das Werk nicht vollenden: über dem fünften Buche ereilte ihn die Stunde des Märtyrertodes: aber sein Freund und Jünger Eusebius fügte das sechste und letzte Buch noch hinzu. Nur Bruchstücke davon haben sich bis auf uns erhalten.

Die Verfolgung, in welcher Pamphilus als Zeuge Christi getödtet ward, begann auf des Kaiser Diocletian Befehl im Frühjahr 303 in Nikomedien und wurde nach Abdankung dieses Herrschers durch Galerius, den er schon früher zum Mitregenten erhoben hatte, noch verschärft. Schon im Jahre 308 war Pamphilus mit Valens, einem ehrwürdigen greisen Diakonus aus Jerusalem, das damals Aelia Capitolina hieß, und mit einem glaubensfeurigen Jüngling aus Jamnia, Namens Paulus, ins Gefängniß geworfen worden. Diese Drei lagen bereits zwei Jahre im Kerker, als ein vielleicht unzeitiger Eifer einiger ägyptischen Christen im Frühjahre 310 ihre Hinrichtung veranlaßte. Fünf Aegyptier hatten die Bekenner, die in den cilicischen Bergwerken arbeiten mußten, besucht, um ihnen Trost in ihrem Elende zu bringen. Auf dem Rückweg wurden sie an dem Thore von Cäsarea befragt, wer sie wären, und bekannten freimüthig sich als Christen. Die Wache führt sie vor Firmilianus und nach einer kecken Antwort werden sie in den Kerker geworfen. Am folgenden Tage – es war der 16. Februar des Jahres 310 – müssen sie nebst Pamphilus und dessen Mitgefangenen vor Gericht erscheinen, nachdem sie vorher mit verschiedenen Marterwerkzeugen gequält sind. Der Landpfleger fragt, wie sie heißen. Der Kühnste unter ihnen nennt statt ihrer heidnischen Familiennamen fünf Prophetennamen, Elias, Jeremias, Jesajas, Samuel und Daniel. Und wo sie der seien: „Von Jerusalem!“ antwortet derselbe. Was für eine Stadt dies wäre? „Die Stadt der wahren Gottesverehrer.“ Wo sie läge? „Im Morgenlande, wo die Sonne aufgeht.“ Der Landpfleger suchte nun mit vielen – Fragen und wiederholten Peinigungen das Geständniß zu erzwingen, wo diese Stadt zu finden sei: denn er meinte, es sei vielleicht eine feindliche Stadt an den östlichen Gränzen des römischen Gebiets. Das irdische Jerusalem in Palästina kannte er nur unter dem Namen Aelia (Capitolina), den es seit Kaiser Hadrian in der römischen Staats-Geographie führte, und konnte deshalb an dasselbe nicht denken. Da er nichts weiter herauspressen kann, verurtheilt er die fünf Aegyptier zum Tode. Nun beginnt er das Verhör mit Pamphilus und dessen beiden Genossen, und da sie standhaft ihrem früheren Geständnisse treu bleiben, spricht er auch über sie das Todesurtheil. Ehe dasselbe noch vollzogen wurde, erhob sich aus der umstehenden Menge die Stimme eines Jünglings, der da ausrief, die Leichname dürften wenigstens nicht unbegraben liegen bleiben, sondern müßten ehrlich bestattet werden. Der Jüngling war Porphyrius, ein Diener und Hausgenosse des Pamphilus, der seinem Herrn und dem christlichen Glauben von ganzer Seele ergeben war. Der Landpfleger läßt ihn sogleich ergreifen und fragt ihn, ob er ein Christ sei: da er dies bekennt, gebietet er ihm zu opfern und, wie er dies als Abgötterei verweigert, wird er furchtbar zermartert. Er bleibt fest und duldet Alles schweigend und heitern Angesichts. Hierauf wird er zum Feuertode verurtheilt: sogleich wird ein Scheiterhaufen errichtet, und an einen Pfahl gebunden wird er den Flammen übergeben. Als die Flamme ihn erfaßte, rief er: Herr Jesu, erbarme dich meiner! und weiter hörte man keinen Laut von ihm. Pamphilus war nicht selbst Augenzeuge von diesem standhaften Leiden seines Dieners. Aber ein gewisser Seleucus, der früher Soldat gewesen, ein schöner Mann von hoher Gestalt, eilte zu ihm, um ihm Alles zu berichten, und begrüßte Einen der Märtyrer mit einem Kuß. Er hatte früher schon als Soldat um des Glaubens willen harte Strafen erlitten, später sich ganz den Uebungen der Frömmigkeit ergeben, und war ein Pfleger der Witwen und Waisen geworden. So wie der Landpfleger seine Liebe zu den verurtheilten Christen bemerkte, ließ er ihn vor sich führen und verurtheilte auch ihn zum Tode. Und so führte die Theilnahme an den Märtyrern noch mehrere Christen herbei, die auf gleiche Weise Leidensgenossen dieser frommen Männer wurden. Ein Kranz von Märtyrern umgab den ehrwürdigen Pamphilus, als er sein gesegnetes Leben in Christo durch die Treue bis in den Tod krönte. Das sterbende Heidenthum befleckte sich noch in seinen letzten Zuckungen mit Strömen unschuldig vergossenen Blutes. Niemand soll sagen, daß das Heidenthum nur durch seine eigene Schwäche, nicht durch die Kraft des siegreichen Bekenntnisses Christi gefallen sei: es hätte noch lange gleich einen Schwindsüchtigen sein Dasein fristen und die Völker im geistlichen Tode erhalten können, wenn nicht der Geist Christi in seinen Gläubigen zum Heile der Welt den Untergang des Götzendienstes im römischen Reiche beschleunigt hätte. Pamphilus aber gehörte durch seinen Glauben, seine Lehre, seinen Wandel und seinen Tod zu den Männern, welche in der letzten Zeit des Kampfes mit dem heidnischen Rom als Streiter Gottes die Welt überwanden.

H. E. Schmieder in Wittenberg.