Corbinian

Sanct Rupert ist als der Apostel Alt-Baierns zu betrachten, sofern er, nach vereinzelten Anfängen der Christianisierung durch Eustasius, Agilus und andere in dem Land zwischen Donau, Lech und Enns um das Jahr 700 das Werk der Bekehrung vollendet hat. Dieses Werk zu befestigen und auch für Bayern die durchgreifenden Schritte des großen Apostels der Deutschen, Bonifacius, vorzubereiten, war die Aufgabe des heiligen Corbinian, der, als sie ungesucht, vielleicht unter fränkischem Einfluß, ihm geworden war, das Werk mit dem ganzen Eifer eines strengen, nächst dem Herrn der Kirche nur Rom über sich erkennenden Asceten erfaßte.

Corbinian ist zu Chartres, bei Melun an der Seine, als der Sohn eines gewissen Waldekise und einer frommen Mutter Corbiniana nach der Mitte des siebenten Jahrhunderts geboren. Der Vater starb vor des Kindes Geburt; Corbiniana ließ ihn in der Taufe nach dem Vater nennen, gab ihm aber in der Folge ihren eigenen Namen. In strenger Zucht und ernster Bußübung, unter anhaltendem Studium, besonders der heiligen Schrift, wuchs der Knabe heran. In reiferen Jahren bezog er in seinem Heimathsort, um ganz der Beschaulichkeit und der Unterweisung frommer Jünglinge zu leben, bei der Kirche des heiligen Germanus von Paris eine Wohnung für sich und wenige Schüler. Aber bald strömte das Volk in Scharen herbei, ihn predigen zu hören, seine Uebung der Barmherzigkeit durch reiche Spenden zu unterstützen. Arme und Reiche empfahlen sich seiner Fürbitte; selbst der Majordomus Pippin schickte mit solcher Bitte einen Vertrauten zu Corbinian. Als der Zulauf immer größer wurde, machte ihn der Verlust der Einsamkeit und Armuth ganz unglücklich. Vierzehn Jahre hatte er in seiner Zelle gelebt, da beschloß er, beim heiligen Stuhl in Rom für sich und seine Genossen einen verborgenen Winkel zu erbitten, wo er wieder in Stille dem Dienste seines Herrn leben könnte. Aber der Papst erkannte seinen reinen Eifer und seine hohe Begabung und wollte nicht, daß ein solches Licht unter den Scheffel gestellt werde. Daher weihte er ihn zum Priester und führte ihn rasch durch die einzelnen Grade empor zur bischöflichen Würde. Corbinian unterwarf sich demüthig der nicht gesuchten Ehre und nahm das Pallium an, welches ihm als wanderndem Bischof ein freies Wirken an beliebigem Orte zuwies. So kehrte er nach Gallien zurück, und wieder floß die Rede von seinen Lippen wie Honigseim vor Versammlungen aus allen Ständen. Auch am Hofe wird er mit Ehren überhäuft. Aber am glücklichsten ist er in seinem Gotteshaus, wo er der Andacht, dem Predigtamt und der Wohlthätigkeit lebt, bis der Zudrang der Gläubigen ihn nach sieben Jahren zur abermaligen Flucht nöthigte. Wieder wollte er in Rom Hilfe suchen. Diesmal reiste er, statt durch das von seinem Ruf erfüllte Frankreich, durch Alemannien und Baiern, im letzteren Lande da und dort dem neubekehrten Volke predigend (um 721). Herzog Theudo versucht vergeblich, ihn als Bischof in seinem Fürstenthum (in Regensburg?) festzuhalten. Auch Grimoald, Theudo’s Sohn, der in Freising als Herr von Oberbaiern residierte, vermochte nicht, ihn für seine Landeskirche zu gewinnen. Darum gab er dem Geleite, welches den Reisenden über die Alpen bringen sollte, den Auftrag, an der bairischen Grenze – in Süd-Tyrol – Anstalten zu treffen, daß Corbinian auf der Heimreise wenn nöthig mit Gewalt, nach Freising zurückgebracht werde. In Pavia erweist der Longobardenkönig dem trefflichen Prediger hohe Ehre und sorgt für sicheres Geleite bis zum Ziel der Reise. Hier, in Rom, trägt Corbinian dem Papst, zuerst beim allgemeinen Empfang, dann unter vier Augen seine Bitte um Aufnahme in ein Kloster oder um Erlaubniß, in die Einöde zu gehen, auf’s beweglichste vor. Der Papst befragt seine Räthe, welche einstimmig sich dahin äußern, daß eine solche Kraft einer weiteren Wirksamkeit erhalten werden müsse. Traurig, aber mit dem Gehorsam eines Sohnes, schied der abermals in seiner Hoffnung Getäuschte. Als er sich wieder auf bairischem Boden befand, ward er zu Majas, dem Befehl des Herzogs Grimoald gemäß, gefangen genommen und an den Hof in Freising gebracht. Er weigert sich, vor dem Herzog zu erscheinen, so lange er seines Bruders Theudobald Witwe Piltrud als Weib besitze. Da der gestrenge Mann beiden keinen Zweifel an seiner auch vor dem Geschick eines Johannes des Täufers nicht zurückbebenden Entschiedenheit läßt, unterwerfen sie sich seinem Gebot. An der Marienkirche zu Freising errichtete nunmehr Corbinian seine bischöfliche Kathedra, erbaute auf einem Berge neben der Stadt eine Kirche zu Ehren St. Stephans, um welche sich bald die Benedictiner-Abtei Weihenstephan erhob; und in Majas, wo er bei den Gebeinen St. Valentins gebetet, läßt er diesem ein Gotteshaus errichten. Noch wurzelte das Leben seiner Umgebung tief im alten Heidenthum. Sein Verhältniß zum Hof war auch nach der Trennung des fürstlichen Paares durch den Haß der Herzogin und durch Corbinians fast überstrenges Eifern für kirchliche Zucht fortan gefährdet. Einst war er zur herzoglichen Tafel geladen und hatte, ehe man sich niederließ, die Speisen mit dem Kreuzeszeichen gesegnet. Während des Essens warf der Herzog nach Gewohnheit seinem Lieblingshund ein Stück Brot zu. Alsbald sprang der Bischof auf, stieß den mit silbernen Gefäßen bedeckten Tisch um und eilte davon, weil des Segens unwerth sei, wer ihn den Hunden vorzuwerfen sich nicht scheue, und er mit einem solchen das Brot nicht mehr theilen könne. Das wollte die verstoßene Herzogin sofort für ihre Zwecke nützen, indem sie Grimoald vorstellte, wie sehr sein fürstliches Ansehen unter solcher Schmach leide und wie er des Bischofs sich entledigen müsse. Aber der Herzog hielt für besser, dem Erzürnten Genugthuung zu leisten. Bald darauf reizte Corbinian den Haß des rachedürstenden Weibes noch mehr. Eines Abends begegnete er auf dem Weg zur Marienkirche einer Frau vom Lande, welche bei ihm schon früher wegen Ausübung von mancherlei Zauberkünsten verdächtigt worden war: Männer, mit reichen Geschenken beladen, folgten ihr. Auf die Frage des Bischofs, woher sie komme, antwortete das Weib: vom Hofe, wo sie das Söhnlein des Herzogs durch ihre Sprüche und Künste gesund gemacht und mit diesen Geschenken belohnt worden sei. Auf’s höchste erbittert springt Corbinian vom Pferd, züchtigt das Weib mit eigenen Händen und vertheilt ihre Geschenke am Thore der Stadt unter die Armen. Heulend, mit blutigem Antlitz und aufgelösten Haaren eilt die Mißhandelte zu Piltrud, welche jetzt den Todfeind rasch zu verderben beschloß. Ihr Geheimschreiber soll mit einigen Dienern den Bischof ermorden. Aber Erimbert, Corbinians Bruder, erfährt das Geheimniß und warnt den Bedrohten, worauf dieser mit seinem Clerus nach Majas entfloh (um 724). Vergeblich schickte Grimoald Gesandte dahin ab, Corbinian zurückzurufen. Dieser ließ antworten: die gottlose Isebel werde in die Grube, welche sie ihm gegraben, selber fallen und auch des Herzogs Tage seien gezählt. Rasch erfüllte sich die Ankündigung. Der Sohn und Erbe des Throns stirbt; die Franken unter Carl Martell fallen in’s Land ein, siegen in einer großen Schlacht und führen die Herzogin mit vielen Schätzen weg; Grimoald fällt durch Meuchelmord, während Piltrud in Italien im Elend endet. Das Herzogthum kam an Grimoalds Neffen Hucbert, der wieder ganz Baiern, aber in strenger Abhängigkeit vom Frankenreich, unter sich vereinigte. Nach seiner Thronbesteigung ist eine der ersten Sorgen Hucberts, den flüchtigen Corbinian an seinen Hof zurückzurufen und in alle Ehren wiedereinzusetzen. Doch nicht mehr lange sollte Corbinian sie genießen. Als er fühlte, daß sein Lebensende herannahe, ließ er durch seinen Bruder und designierten Nachfolger Erimbert bei dem Longobardenkönig Schutz für seine Stiftung in Majas, als seine letzte Ruhestatt, erwirken, und bestellte sein Amt und Haus. Noch am Tage seines Todes las er die Messe und nahm die heilige Wegzehrung, worauf er, kaum nach Hause zurückgekehrt, schmerzlos verschied (730, nach der kirchlichen Tradition am 8. September). Seine Priester bestatteten die Leiche, gegen das Testament, in der Marienkirche zu Freising. Aber anhaltender Regen zwang die Einwohner der Stadt, den letzten Willen des Todten zu ehren und die Leiche nach Majas, wo Corbinian neben St. Valentin ruhen wollte, zu verabfolgen. Als jedoch des Letzteren Gebeine durch die Longobarden nach Trient und durch eine longobardische Königstochter, welche den Baiernherzog Thassilo heirathete, nach Passau kamen, erwachte auch in den Freisingern wieder der Wunsch nach den Reliquien ihres Heiligen. Aribo, der dritte Nachfolger des Bischofs Corbinian, derselbe, dem wir auch die Lebensgeschichte seines großen Vorgängers verdanken, legte den Antrag auf Zurückführung der Gebeine einer Synode vor, und diese willigte ein, durch mancherlei Zeichen und Träume bestärkt (um 769). Damals hatte Bonifacius, in wiederholtem Besuch Baierns, die kirchliche Organisation des Landes unter den vier Bisthümern Salzburg, Passau, Regensburg und Freising längst vollendet; und wenn das im Uebrigen weit weniger begünstigte Freising fortan Jahrhunderte lang mit den glänzenderen Schwestern wetteifern konnte, so verdankte es dies zumeist seinem ersten Bischof, dem Franken Corbinian.

J. Hartmann in Schönthal in Württemberg.

Die beiden Ewalde.

Auf zwei verschiedenen Wegen sind die Stämme des deutschen Volkes zum Evangelium berufen worden, und je nachdem sie den einen oder den andern geführt wurden, ist ihr Leben und ihr Antheil an der großen Arbeit der Menschheit nach einem ewigen Rathschlusse bestimmt worden. Die einen haben das Christenthum für sich erobert, die andern sind von ihm erobert worden. Jenen Weg haben die Gothen, Franken und Alemannen betreten, auf dem andern sind die Sachsen aufgesucht worden. Jene stürmten hervor aus ihren alten Sitzen, getrieben von wilder Jugendkraft und ungebändigter Kampfeslust, durchbrachen die Grenzwehren der Römer, zerstörten die Castelle, eroberten die Städte, verwüsteten die Provinzen, und drangen ein bis in das Herz des Reiches. Da setzten sie sich fest, mitten unter der geschlagenen Bevölkerung römischer Sprache und Sitte, und fanden nicht allein eine neue Bildung, sondern aus den Trümmern der Städte erhob sich auch das Kreuz, das hier schon lange errichtet worden war, und zu seinen Füßen legten die Sieger ihre Waffen nieder. Ein höheres Gesetz hatten sie in ihrem dunkeln Drange vollzogen.

Andere Stämme sind durch das Evangelium erobert worden. Tiefe Wurzeln hatten die sächsischen Völker in die heimische Erde gesenkt, und gleich ihren alten Eichen schienen sie mit ihr verwachsen; im Dunkel ihrer heiligen Wälder, an den geheimnißvollen Quellen, an den Opferstätten, da verkehrten sie nach der Väter Sitte mit ihren Göttern. Voll harter Kraft waren sie, im Gefühle der Freiheit unbeugsam und nur schwer zu brechen. Große Wanderungen auf dem Festlande hatten sie nicht bestanden, und ihrer Natur gemäß ihre Grenzen nur langsam erweitert. Zuletzt hatten sie den uralten Stamm der Bructerer unterworfen und vertrieben, und waren im Westen bis zu den Ufern des Rheines gekommen, da wo sich die Issel von dem Strome trennt, und nach Süden hinab bis über die Mündungen der Lippe und Ruhr.

Dennoch hatte sich ein Theil von ihnen früh und ganz abgelöst; das waren die nördlichsten Stammgenossen, die Angelsachsen, die im fünften Jahrhundert über die See gegangen waren und ein großes Gebiet auf den britischen Inseln erobert hatten. In Irland aber bestand die Kirche Christi nach der Lehre, wie sie seit uralter Zeit aus dem Osten herübergebracht worden war. Dennoch empfingen die Angelsachsen sie nicht von dort, sondern aus Rom, aber wie ihre Nachbaren, die Iren, wurden sie durstige Hörer des Wortes; wie jene ergriff sie der Geist, alle Völker zu lehren, und ihnen die Taufe zu bringen aus dem Lebendigmachenden Geiste. Wie die Franken das Schwert der Eroberung führten, zuletzt und am gewaltigsten in Karl dem Großen, so brachten Angelsachsen und Iren die Lehre von dem neuen Leben den Völkern des deutschen Festlandes, das ihnen gegenüber lag auf der Ostseite der See. Da kamen die irischen Apostel herüber und verkündeten das Evangelium bei den Alemannen, so Columban, Gallus und Trudpert, und bei den Anwohnern des Mains Kilian; und die angelsächsischen bei den wilden Friesen an den Mündungen des Rheins. Ob auch der Samen oft auf steinigen Boden fiel, sie wurden nicht müde, hier zu predigen, Livin, Wilfried von York, Wiobert und endlich Willibrord.

Als sie mit den Friesen bekannt geworden waren, erkundeten sie hinter diesen im Osten die Altsachsen, härter noch als jene, schwerer zugänglich, weil sie mitten im Lande saßen und nur im Norden eine schmale und entlegene Seeküste hatten. Unter denen, in welchen der Eifer Widibrords und seiner Genossen ein gleiches Feuer entzündet hatte, waren zwei Geistliche eines und desselben Namens Ewald. Aber nicht nur gleich an Herkunft und Namen waren sie und eng mit einander verbunden, sie waren gleich im Glauben, gleich an Hingebung, gleich voll Feuer in den Kampf zu gehen, und beide hatten längere Zeit in Irland gelebt, um den Dienst der dortigen Kirche kennen zu lernen. Wie sie äußerlich sich unterschieden, der eine durch sein blondes Haupthaar und helle Gesichtsfarbe, der andere durch ein dunkles Antlitz und schwarzes Haar, so nannte man sie den weißen und den schwarzen Ewald; jener war der mildere, dieser der stärkere und in der Wissenschaft vom Worte Gottes der bewandertere. Zu ihnen gesellten sich andere Gefährten, darunter einer Namens Tilmon, edler Abkunft, früher ein Krieger, der mit ihnen jetzt in einen andern höhern Streit ziehen wollte. Von Friesland her überschritten sie den Rhein, und drangen muthig ein in das waldesdunkle Land, um ihm das Licht zu bringen.

Da sie auf keinerlei Hülfsmittel hoffen durften, führten sie außer dem nothwendigen Reisegeräth eine Kapelle mit sich, das heißt Alles was zum feierlichen Gottesdienste nöthig ist, die Gefäße und einen tragbaren Altar, überall wo sie den aufstellten, da war die sichtbare und wandernde Kirche, und sie hielten ihre Versammlung mit Gesang der Psalmen und Predigt alle Tage. Da strömten die sächsischen Gauinsassen herbei, um die Fremden zu sehen und ihre Rede zu hören, was sie in das Land brächten. Jene aber suchten Freunde zu gewinnen, und hofften besonders auf den Vorsteher des Gaues. Einen aber fanden die beiden Ewalde unter den Gaugenossen, der nahm sie gastfrei bei sich auf und versprach sie zu dem Gauvorsteher zu senden. Vorher ließen sie diesem verkünden, sie seien gekommen um einer heilbringenden Sache willen, die sie dem Volke und ihm mittheilen wollten.

Während die Ewalde noch des Bescheides harrten und fortfuhren in ihrer Predigt, da wurden die Gaugenossen wider sie erregt, weil sie von einem neuen Glauben hörten und von dem Sturze ihrer alten Götter, deren Dienst sie von den Vätern ererbt hatten. Auch fürchteten sie, der Gauvorsteher könne der neuen Lehre Gehör geben und ihm die übrigen folgen; darum beschlossen sie eine rasche That, bevor dieser herbeikomme. Beim Gottesdienste überfielen sie plötzlich die Glaubensboten und die mit ihnen versammelt waren; mit einem Schwertschlage tödteten sie den weißen Ewald, der schwarzen nahmen sie gefangen, zerbrachen ihm die Glieder und ließen ihn qualvoll sterben unter ihren Händen; die Leichen warfen sie in den Rheinstrom. Die andern Gefährten wurden zerstreut und entflohen; zu spät kam der Gauvorsteher um die That zu hindern, nur die Thäter vermochte er noch zu strafen. Die Sage aber fügt hinzu, jenem Tilmon sei es durch ein Traumgesicht verkündet worden, an welcher Stelle des Rheines die Leichen zu finden seien, kenntlich durch eine Feuersäule, die sich über ihnen erhebe. Da sie aber endlich gefunden waren, führte Pippin, der Majordomus der Franken, sie in feierlichem Zuge nach Köln, und setzte sie daselbst bei.

Wo die That geschehen sei, unfern des niederrheinischen Ufers, ist nicht mehr zu bestimmen; die Sage, eingedenk des Wassers, das sprudelt in Ewigkeit, welches die Ewalde dem Sachsenvolke zu bringen hofften, berichtet von einem Lebendigen Quell, der an jener Stelle aus der Tiefe hervorgebrochen sei und das Land ringsumher getränkt habe. Haben sie auch nicht den Quell selbst aufdecken können, doch haben sie zuerst die harte Erdrinde zu öffnen gesucht. Ihr Tag war der 3. October, wahrscheinlich des Jahres 693.

R. Köpke in Berlin.

Eustasius.

Es war eine große Zeit, da die germanischen Nationen mit der Urkraft ihres Wesens, eine nach der andern, dem Christenthum zugeführt wurden. Die rauhen Naturen waren in einer vielgestalteten, sagenreichen, mit allen Interessen des nationalen Lebens eng verknüpften Religion aufgewachsen, die ihnen vollkommen genügte, und nicht entrissen werden konnte, ohne sie von ihren Vätern zu trennen und auf ganz ungewohnte Bahnen zu lenken. Es war am schwersten ihnen beizukommen, wo sie mitten in den altgewohnten Gauen des geliebten Vaterlandes täglich die Spuren alten Götterdienstes vor Augen hatten, und auf den Fußtapfen ihrer Altvordern zu wandeln glaubten. Als Gegner mußten ihnen Alle erscheinen, welche zu ihnen kamen, um ihnen ihre Sagen und Götterlehren verdächtig zu machen und das Aufgeben derselben als eine heilige Pflicht zu empfehlen. Zur Wuth steigerte sich leicht ihr Wahneifer für die vaterländischen Sitten und Gebräuche; ihre Wälder und Felder wurden oft vom Blute derer geröthet, welche mit kühner Entschlossenheit, aber waffenlos, herbeieilten, um sie von ihrem alten Aberglauben zu heilen, zumal da es meist Fremde waren, welche unter ihnen auftraten, um zugleich ihre Nation und ihre Religion zu bekämpfen. Mit größerer Weisheit und Geduld suchten andere an deren Stelle demselben Werke zu dienen; und auch sie retteten wohl ihr Leben und wurden vor dem Märtyrertode, den sie nicht scheuten, behütet: aber nur sehr langsam gedieh das mit Begeisterung und Aufopferung unternommene Werk: und oft mit den Personen zugleich verschwanden die Spuren, welche die Füße der Boten Gottes auf deutschem Boden eingedrückt hatten. Einzelne Seelen hatten sie gewonnen; die Völker aber waren unüberwunden und hielten das Erbe vergangener Zeiten um so hartnäckiger fest.

Die Betrachtung der Ereignisse, welche hier vorgehen, nimmt unsere ganze Theilnahme in Anspruch. Wir sehen nicht ohne lebendige Anregung unseres eigenen nationalen Bewußtseins, mit welcher zähen Festigkeit unsere Altvordern an den geweihten Plätzen festhielten, und mit welcher unüberwindlichen Kraft sie das Schwert für ihre Götter und die ihrer Väter führten. Und doch neigt sich nothwendig das Herz den Männern zu, welche die Ausbreitung und Befestigung des Christenthums und damit die Grundlegung der Kultur sich zur Lebensaufgabe machten und als Träger einer neuen Lebensweise muthig und thatkräftig sich selbst zum Opfer brachten. Die Idee der Religion zeigt sich auf beiden Seiten wirksam: die Gottesverehrung im Geist und in der Wahrheit nur, auf der einen, freilich auch da keineswegs in voller Reinheit, aber auch so ist sie die Grundlage geworden, auf welcher sich die deutsche Nation zu höherer Geltung in der Welt erhoben hat.

Eustasius gehört zu den Männern, welche unter germanischen Völkern und in deutschen Landen in solcher Weise gewirkt haben, und wenn auch seine Erfolge nur im Allgemeinen bekannt, im Einzelnen dagegen in Dunkel gehüllt sind und nicht denen eines Severinus oder eines Bonifacius gleichgeachtet werden dürfen, so ist Doch auch sein Name unvergeßlich und darf in der Reihe der Apostel unseres Vaterlandes nicht verschwiegen werden. Auch solche Männer, deren Leben, wie es überliefert ist, mehr dem katholischen, als dem evangelischen Bewußtsein entspricht, werden bei uns freudig als Mitbegründer des Reiches Gottes in unserem Vaterlande gewürdigt und anerkannt. Wir lassen uns keine der Erinnerungen entgehen, welche aus jener reichen Zeit auf unsere Tage gekommen sind.

Eustasius war aus burgundischem Geschlecht und von vornehmer Abkunft. Als Columbanus, über dessen Leben bereits in diesem Jahrbuche Bericht erstattet worden ist, auf der Insel der Heiligen, Irland, und von dem Kloster Bankor her in diese Gegenden von Gallien gelangte, um als Verkünder des Evangeliums dem Herrn zu dienen, war dies Land von einer bunten Völkermischung bewohnt, und in christlicher Beziehung in Verfall, Schnell eilten fromme Gemüther ihm zu und gesellten sich in Hingebung und Verehrung den Männern bei, die mit Columbanus im engen Bunde vereinigt thätig waren. Es gab keinen andern Weg, zum Ziele zu gelangen, als Klöster zu errichten und sie zu Culturstätten zu machen, um von ihnen, wie von festen Plätzen aus, den Kampf mit Irrthum und Verkehrtheit aufzunehmen. Eustasius erlebte in der Nähe seiner Heimath die Gründung der Klöster von Anegray, Lureuil und Fontenay, und beobachtete die schweren Arbeiten, welche Columbanus seinen Mönchen zumuthete, um durch Vorbild und Beispiel das lebendige Wort zu unterstützen. Männer des Friedens, rastlos in ihrer Arbeit, abgehärtet durch Mangel, stark in Bekämpfung einer noch ungebrochenen Natur, durch keine Leiden abgeschreckt, gewannen sie sich überall Nacheiferung und staunende Verehrung. Da legte auch Eustasius, von dem Anblick so seltener Tugenden ergriffen, das Mönchsgelübde nach Columbanus Auffassung ab und hat daran mit Ausdauer bis an sein Ende festgehalten. Dadurch hat sein Leben seine eigenthümliche Gestalt gewonnen. Die That, auf welche es vorzugsweise ankam, war die Ueberwindung des Heidenthums in allen seinen Formen und die Einführung des Christenthums in die Gemüther, beides aber in der damaligen, mehr äußerlichen und auf asketische Werkthätigkeit gerichteten Weise. Studien und Gelehrsamkeit standen auch hier in hohen Ehren. Die Lectüre der Bibel und anderer Andachtsbücher war die Hauptforderung, ihre Erklärung der Beruf der Aebte und Häupter der Mönche; mit einem Exemplar der Bibel zog man sich zuweilen in die Einsamkeit zurück, um in ihre Geheimnisse einzudringen. Das praktische Leben aber nahm die besten Kräfte in Anspruch. Man wollte Christi Vorbilde folgen, seine Armuth und Enthaltung theilen und durch Alles dies dem Herrn sich nähern und ähnliche Werke wie er vollbringen. Man enthielt sich möglichst sinnlicher Genüsse; man mied die Welt mit ihren Zerstreuungen, floh das eheliche Leben, ertödtete das Fleisch, betete und fastete; man trug geduldig das zugefügte Unrecht, übernahm demüthig auch die schwerste und niedrigste Arbeit, man nannte nichts sein Eigenthum als die tägliche Arbeit und die Nachtwachen, genoß die ärmlichste Nahrung, trug die einfachste Kleidung, kurz man suchte in äußerlicher Strenge des gesamten Lebens den Ruhm des alten Mönchthums zu erreichen oder zu überbieten. Die Regel des Columbanus ist nicht leer an Bestimmungen, welche die innere Gesinnung an die Spitze stellen, in Allem Maß zu halten und jede Uebertreibung zu meiden befehlen; sie fordert die liebevollste Theilnahme an dem Schmerz der Brüder, thätige Unterstützung aller Leidenden und Bittenden, Uebung lebendigen und innerlichen Christenthums, die Unterdrückung aller Ausbrüche der Zwietracht und des Hochmuths im eigenen Leben und in der Welt durch Milde und Freundlichkeit, Sanftmuth und Mäßigung; zugleich aber führte die Regel ein solches Brechen des eigenen Willens, so peinlichen Gehorsam, so strenge Zucht, so viele körperliche Strafen, so viele formelle und mönchische Grundsätze ein, daß die Glieder seiner Gemeinschaft eine sehr schwierige Stellung hatten. Eustasius unterzog sich derselben mit Freudigkeit. Als Columbanus im Jahre 610 aus seinem Wirkungskreise vertrieben wurde, weil er sich der Unordnung und Sittenlosigkeit widersetzte, welche am Hofe des Königs Dietrich II. eingerissen war, und namentlich dadurch die Königin Brunhilde verletzt hatte, durfte ihn Eustasius in die Verbannung nicht begleiten; vielmehr blieb er in Lureuil zurück und wurde bald zum Abte dieses Klosters ernannt. Fünfzehn Jahre blieb er an der Spitze des Klosters und diente den Zwecken desselben ganz im Sinne seines Meisters, dessen Grundsätzen er während seines ganzen Lebens treu blieb. Fast 600 Mönche hat er in dieser Zeit geleitet, und theils unter ihnen manche würdige Freunde gefunden, theils ausgezeichnete Männer für ihren Beruf vorgebildet, die ihm mit ganzer Seele ergeben blieben. Lureuil gewann durch ihn hohen Ruhm und große Bedeutung in jenen Tagen und hat durch seine fortgesetzten Bemühungen unter allen Gründungen des Columbanus in Gallien am tiefsten auf die Zeitgenossen eingewirkt.

Aber seine Thätigkeit blieb nicht auf dieses Kloster eingeschränkt.

Als König Chlodwig zur Regierung gekommen war, wünschte er Columbanus wieder nach Gallien zurückzuführen. Zu diesem Behuf sendete er Eustasius nach Bobbio bei Pavia, wo Columbanus unter den Longobarden in der alten Weise wirkte, und trug ihm auf, durch Bitten und Ueberredungen denselben für seine Wünsche zu gewinnen. Alles aber war vergebens, da Columbanus an dem ihm von Gott angewiesenen Berufe festzuhalten entschlossen war. Eustasius kehrte mit wichtigen Briefen an den König zurück und hatte wenigstens die hohe Freude genossen, den alten geliebten Lehrer wieder zu begrüßen, und aus diesem letzten Zusammensein neue Kräfte für seine Lebensaufgabe geschöpft.

Mit dem Mönche Agil, einem seiner vertrautesten Schüler, wurde er von einer fränkischen Synode 613 zur Ausführung einer Missionsreise abgesandt, welche beide, weil sie auch Columbanus Wünschen entsprach, gern übernahmen. Sie besuchten zuerst die Waraster, welche am Doubs wohnten, sodann die Bayern, vorzüglich an der Donau, und bekehrten viele Glieder dieser Nationen zum Christenthum, ohne daß wir Genaueres darüber zu berichten wüßten.

Die letzten Jahre des Eustasius wurden durch eine Streitigkeit getrübt, welche ihm aus dem eigenen Kreise entstanden war. Ein Mönch Agrestius, früher Secretair des genannten Königs Dietrich II., hatte plötzlich allen seinen weltlichen Beschäftigungen und Besitzungen entsagt, war Mönch geworden und wollte als Missionar wirksam sein, ohne die rechte Vorbereitung zu haben. Wie Eustasius vorhergesagt, war seine Reise zu den Bayern fruchtlos. Da wandte er sich zu andern Ansichten und bekämpfte seinen Lehrer und Freund.

Columbanus Regel hatte einige Abweichungen von den römischen Gebräuchen in Gallien eingeführt. Diesen Eigenthümlichkeiten, welche Eustasius von Columbanus angenommen hatte, setzte sich Agrestius entgegen. Auch dafür ward eine Synode berufen, in der eine Versöhnung zu Stande kam, welche aber, weil ungern von Agrestius angenommen, bald wieder aufgehoben wurde. Erst Agrestius Tod endete die daraus hervorgehenden Kämpfe, welche sich lediglich auf vorgeschriebene Gebete, Tonsur und andere Aeußerlichkeiten bezogen, an denen viele nicht unbedeutende Geistliche für und wider Eustasius Theil nahmen.

Eustasius führte ein sehr thätiges Leben: wir haben zu bedauern, daß die Wundererzählungen des Mönches Jona aus Bobbio der Biographie fast allen andern Stoff entzogen haben. Deßungeachtet beobachten wir in ihm eine Lebensreinheit, wie wir sie in jener Zeit selten bemerken, eine Weisheit in der Behandlung der Gemüther, ein Vertrauen auf die innern Kräfte des Gebets, eine immer bewährte Bereitwilligkeit zu Liebesthaten, welche uns von seinem Charakter ein erfreuliches Bild gibt. Er hat viele Herzen gewonnen und durch seine Schüler und gleichgesinnten Zeitgenossen, auch Frauen, wie die Aebtissin Fara oder Burgundofara, seine Wirksamkeit erweitert und über den Tod hinaus fortgesetzt. Er blieb verehrt und hochgehalten, bis Gott ihn aus seinem mühevollen Berufe durch einen sanften Tod abrief, der ihn in Lureuil in seinem Kloster mitten unter seinen Untergebenen traf. Er starb am 28. April des Jahres 625. Seine Gebeine ruhen in Vergaville unweit Dieuze in Lothringen in einer Benedictinerabtei. Nach seinem Scheiden erlosch bald die Regel des Columbanus; Benedicts Regel trat mit dem Vorwiegen Roms an ihre Stelle, nicht ohne das Bewußtsein davon, da sie wußte, daß sie mit der des Columbanus in so wesentlichen Dingen übereinstimme: die Männer Irlands aber und ihre Genossen haben sich bis auf den heutigen Tag den Ruf ächter Liebe zum Herrn und einer darauf gegründeten folgenreichen Wirksamkeit erhalten.

 

  1. Ranke in Berlin.

Columban

Bald nachdem die Irländer durch den heil. Patricius zum Christenthum bekehrt worden waren, erwachte unter den dortigen Mönchen ein wunderbares Sehnen, das Evangelium auszubreiten, und ließ sie in ihrer Heimath keine Ruhe finden. Zu diesen gehörte auch Columban, der gefeierte Lehrer des Gallus, geboren um 550 in der Provinz Leinster, erzogen und ausgebildet durch die Schätze des heiligen Worts und alle Mittel edlen Wissens, insbesondere auch durch die Schriften des classischen Alterthums, deren wirksame Kraft neben der Macht des Evangeliums in seinen nachmaligen ziemlich zahlreichen Schriften unverkennbar ist. Eingetreten auf den Rath einer ehrwürdigen Einsiedlerin in das, unter der Leitung des frommen und gelehrten Abts Comgall stehende, dreitausend Mönche umfassende, Kloster Bangor oder Bankor in Ulster, trieb ihn ein innerer Drang schon um 590, nach mühsam erlangter Zustimmung seiner Vorgesetzten, als Glaubensbote über das Meer nach Gallien zu gehen, wohin ihn zwölf seiner Brüder begleiteten. Von dorther hatten ja zuerst die irländischen Mönche sich ihre Kenntnisse geholt, und diese schienen nun also bestimmt zu sein, die Frucht derselben verbunden mit dem lebendigen Samen des Christenthums dankbar wieder dahin zurück zu bringen. Aber es herrschte hier eine verwilderte Zucht des sittlichen und kirchlichen Wesens; das steigerte jedoch den Eifer der Brüder um so mehr und entflammte ihre Gluth: die Menge derjenigen, die sich, dem Columban anschlossen und seiner Ordensregel unterwerfen wollten, ward bald sehr groß, die Tage des Martin von Tours schienen wiederkehren zu wollen. Der herrschenden Entartung setzte Columban mit seinen Genossen ein strenges und enthaltsames Leben voll Lauterkeit des Sinnes und Einfalt des Glaubens entgegen, so daß sich bald der Ruf der Heiligkeit um sie verbreitete. Der burgundische König Guntram lud sie ein, sich in seinem Gebiete niederzulassen, und nach dessen bald erfolgtem Tode setzte sein Nachfolger Childebert II. dieselbe Gunst gegen sie fort unter Verheißung königlicher Belohnungen. Columban sollte sich in einem Kloster niederlassen, das neben behaglicher Ruhe ihm großes Ansehen vor der Welt versprach. Aber er zog es vor, in demüthiger Selbstverleugnung das Kreuz Christi auf sich zu nehmen und ihm nachzufolgen. Er bauete sich also lieber auf den Ruinen eines alten Castells in einer öden Gegend des Vogesengebirges zu Anegray ein Kloster, verlegte jedoch bald, wie es scheint, seinen Sitz nach einem zweiten, Turovium oder Luxeuil, worauf die Errichtung noch anderer in der Nähe, sowie bei Besancon und im Juragebirge folgte. Die aus diesen Stiftungen gebildete Congregation, für welche Columban eine überaus strenge Ordnung entwarf, gewann bald den mächtigsten Einfluß und genoß eine allgemeine Verehrung; sie war fleißig und enthaltsam und schuf die unwirthbaren Strecken ihrer Ansiedelungen bald in blühende Felder um. Freilich fehlte es dabei an Arbeit und Mühe, Mangel und Entbehrung nicht; aber Columban war getrost in der Zuversicht des Psalmisten: Ich habe noch nie gesehen den Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brod gehen. Und es hat ihn nicht getäuscht. Als sie einst drei Tage lang für einen kranken Bruder gebetet, hielt ein mit Lebensmitteln bepackter Reiter vor der Klosterpforte, gesendet von einem anderen Abte.

 

Aber eine wesentliche Veränderung brachte in diese so selbstständig und glücklich sich entwickelnden Verhältnisse der Tod des burgundischen Königs Childebert. Nicht blos zerfiel das Reich in zwei Theile, sondern es sollte auch Columban bald genug in diese weltlichen Händel verwickelt werden. Die herrschsüchtige Großmutter Brunhild suchte den älteren Sohn Theoderich, der in Burgund folgte, vom Eingehen einer ehelichen Verbindung abzuhalten und verleitete ihn, um ihn zum Throne unfähig zu machen, zu allerlei Ausschweifungen. Columban führte ihn durch ernste Ermahnung zur Pflicht zurück; er weigerte sich, die unehelichen Kinder desselben zu segnen und das sündliche Verhältniß, dem sie entsprossen waren, anzuerkennen. Da entzündete sich der ganze Haß der in ihren tückischen Plänen gestörten Brunhild gegen die Congregation, deren strenge Zucht ohnehin bei den weltlich gesinnten Bischöfen und Großen leicht in Ungunst zu bringen war. Die Bedrängnisse und Gewaltthätigkeiten, die daraus folgten, besiegte Columban unter nicht geringen Gefahren mit standhaftem Muthe. Hierzu kam noch ein Streit über die Zeit der Osterfeier, der selbst vor den Papst gelangte. Columban wünschte sich für seine Person und seine Klöster dem mit Ueberzeugung vertheidigten, wenn auch vom nicänischen Concile verworfenen orientalischen Gebrauche anschließen zu dürfen, und entwickelte die ganze Freimüthigkeit seines christlichen Standpunkts, treu seinem Grundsatze „kühn zu sein in der Sache der Wahrheit, unüberwindlich dem Bösen.“ Brunhild wußte es dem irre geleiteten Enkel als eine Verletzung der schuldigen Ehrfurcht und Unterthänigkeit darzustellen, daß Columban dem Könige selbst den, freilich gewaltsamen, Eintritt in seine Klöster verwehrt habe. Plötzlich befahl ihm der König nach Irland zurückzukehren, ließ ihn gewaltsam und, ohne daß ihm die Begleitung seiner heimathlichen Genossen zugestanden wurde, aus dem Kloster wegführen und zu Schiffe bringen. Zuvor noch richtete Columban von Nantes aus ein Schreiben an seine Brüder, ermahnte sie zur Eintracht und Unterwürfigkeit, und ergab sich dann in das, was über ihn verhängt schien. Aber der Herr hatte es anders beschlossen. Die Hindernisse der Winde und Wellen wurden von den Schiffern als ein Zeichen des göttlichen Zorns über die Behandlung ihres unfreiwilligen Gefährten angesehen; und als sie deshalb ihn mit allen seinen Sachen ans Land gesetzt, konnten sie wunderbarer Weise sofort absegeln. Wie es in der klaren Absicht seiner nachlässigen Beaufsichtigung lag, entfloh er und kam zum Könige von Neustrien, Chlothar II., der ihn willkommen hieß und seinen Rath in geistlichen und weltlichen Angelegenheiten benutzte. Derselbe versah ihn auch mit dem nöthigen Geleite zu einer Reise nach Italien durch das austrasische Gebiet des Königs Theodebert. Aber hier, wo ihm die Gunst des Fürsten und mächtiger Vasallen entgegenkam, wo bald die Menge seiner Anhänger und Schüler zusammenströmte, wurde er festgehalten und zur Errichtung einer neuen Verkündigungsstätte evangelischer Wahrheit veranlaßt. Er drang über den Rhein tief in das Gebiet der Alemannen hinein, fand in Bregenz einen christlichen Geistlichen Willimar, stürzte in Tuggen oberhalb des Zürichersees die Götzenaltäre und vernichtete die heidnischen Opfergebräuche. Unterstützt von seinem Schüler Gallus, suchte er alle noch übrig gebliebenen schwachen Spuren des Christenthums unter Alemannen und Sueven aus der früheren römischen oder aus der fränkischen Herrscherzeit auf und verkündete allenthalben die Botschaft des Heils. Aber auch diese friedliche Wirksamkeit störte der 612 ausgebrochene, von ihm im Geiste vorausgesehne Krieg. Theodebert unterlag bei Zülpich seinem älteren Bruder, gerieth in dessen Gefangenschaft und wurde von der unnatürlichen Großmutter ermordet. Aber nach dem bald darauf auch erfolgten Tode Theoderichs konnte sich dessen Sohn Sigebert nicht gegen Chlothar halten: das burgundische Reich ward gänzlich von Neustrien verschlungen.

 

Columban zog über die Alpen nach der Lombardei, wo er sich zunächst bei Mailand niederließ, das Vertrauen des Königs Agilulf genoß und erwünschte Gelegenheit fand, den unter den Lombarden herrschenden Arianismus mit den Waffen des Geistes zu bekämpfen. Er gründete dann in einer hohen und einsamen Gegend der Apenninen, wo dicht an der Trebia die Trümmer einer alten Basilika des Petrus gezeigt wurden, das nachmals so berühmt gewordene und über alle burgundischen Anstalten dieser Congregation sich weit erhebende Kloster Bobbio, südlich von Pavia. Hier fand er die ersehnte Ruhe wieder, die freilich zugleich seine letzte irdische war; er sollte sie nicht lange mehr genießen, denn schon das Jahr 615 wird als sein Todesjahr bezeichnet. Aber Bobbio blieb eine Muster-Anstalt, deren Richtung maßgebend wurde und deren Segen unverkümmert fortdauerte durch lange Generationen. Sie wurde seine berühmteste Schöpfung und erwarb sich große Verdienste um die Pflege der Wissenschaften. Ihr wollte er treu bleiben und konnte daher auch der Einladung Chlothars zur Rückkehr nach Luxeuil nur mit einer angelegentlichen Empfehlung dieser Stiftung antworten. Zwar vereinigte sich sein Orden im 9. Jahrhundert mit dem der Benedictiner-Mönche, und im 12. Jahrhundert erlosch auch die letzte Spur von der Befolgung der Vorschriften Columbans: die Stiftung Benedicts brachte das römische Mönchthum zum vollkommenen Siege. Aber mit seinem Namen erlosch die Wirkung seines Geistes und der Segen seiner Arbeit nicht; man kann selbst sagen, sie sei noch in jener erneuerten prächtigen Schöpfung vom J. 1612 wieder aufgelebt, welche die alten Ordnungen herstellte und unter anderem auch die treffliche Ambrosius-Bibliothek in Mailand enthielt. Aber eben so schön als das Bild seiner äußeren Wirksamkeit ist der Spiegel seines inneren Lebens.

 

Columban gehörte zu jenen tiefen, geistlichen Naturen, in welchen das Leben Christi eine feste Wurzel schlägt. Das ist gerade so anziehend an ihm zu sehen, wie die tiefe Andacht eines stillen Gemüthes mit der mächtig nach außen hin wirkenden Kraft verbunden ist; das ist ein klarer Beweis, wie fest der Sinn in Gott gegründet, wie gesund die christliche Einfalt eines solchen Lebens ist. Oft ging er mit seiner Bibel tiefer in den Wald hinein, las und meditierte gehend oder ließ sich mit dem Buche auf einem hohlen Baumstamm nieder. An Sonn- und Festtagen zog er sich gern in Felsenhöhlen oder an andere einsame Plätze zurück und gab sich hier ganz dem Gebete und dem Nachdenken über göttliche Dinge hin. Sein Glaube und seine Frömmigkeit ruhten nicht auf Menschensatzungen, sondern rein auf dem Worte der heiligen Schrift; daraus zog er die Nahrung seines inneren Lebens, auf daß Christus in ihm eine Gestalt gewinne. Und diese unmittelbare Beziehung zu dem Herrn, der in seiner Kirche waltet und in seinen Gläubigen lebt, war die wesentlichste Erscheinung seines Charakters. Darum waren auch Selbstverleugnung, des muthige Hingabe und Gehorsam gegen den göttlichen Willen in Christo die Seele seines Lebens. „Der tritt die Welt zu Boden“, sagt er, „wer sich selbst überwindet. Keiner, der sich selbst schont, kann die Welt hassen. In seinem eigenen Inneren allein liebt oder haßt er die Welt. Keiner kann sich selbst absterben, wenn nicht Christus in ihm lebt. Wenn aber Christus in ihm ist, kann er nicht sich selbst leben. Lebe in Christo, damit Christus in dir lebe. Mit Gewalt müssen wir jetzt das Himmelreich an uns reißen, indem wir nicht nur von unseren Widersachern, sondern am heftigsten von uns selbst bekämpft werden. – Wenn du dich selbst besiegt hast, bist du der Sieger über Alle.“

 

Freilich konnte ihm, der herrschenden Rohheit gegenüber, wohl begegnen, daß die Demuth sich auf den falschen theokratischen Standpunkt des Gesetzes bisweilen zurückversetzte, als ob der Christ, der die Gnade der Wiedergeburt zu einem neuen Leben empfangen hat, noch unter den Pflegern und Vormündern stehe. Nach dieser Seite hin gab er zwar seinem Orden eine überaus strenge sittliche Regel, damit das Leben in demselben bei dem herrschenden Mangel an Zucht im Volke nicht auch verwildere. Indessen wollte er doch nimmermehr, daß die strenge Zucht eine unerträgliche Last werden solle, die alles Leben ersticke; vielmehr forderte er, daß Alles, auch was zunächst Aufgabe des Gesetzes war, durch den Geist hingebender Liebe zur Natur werde. Ehrwürdig erscheint dabei jedenfalls sein Streben, mitten im Kampfe mit der rohen Natur das Bedürfniß des inneren Menschen und das ewige Heil seiner Seele festzuhalten und jenen täglichen Kampf unter schwerer Arbeit und irdischer Sorge als Uebungsmittel der Selbstverleugnung, des dienenden Gehorsams und des Gottvertrauens zu benutzen. „Gott wird erkannt mit dem frommen Glauben eines reinen Herzens und nicht mit unreinem und eitlem Gerede. Willst du mit deinen Grübeleien den Unaussprechlichen erforschen, so wird die Weisheit noch ferner von dir sein als sie war; ergreifst du ihn hingegen mit dem Glauben, so wird die Weisheit vor deiner Thür stehen.“ Das letzte Ziel lag ihm nicht im Gesetze, sondern in der Gnade Gottes, die in Christo erschienen ist; das wahre Leben lag ihm in der Liebe zu dem, der uns zuerst geliebet hat. „Unser ganzes Leben ist wie die Wanderschaft eines einzigen Tages. Das Erste für uns ist, hienieden nichts zu lieben, sondern nur, was droben ist, zu lieben, nur nach dem, was droben ist, zu verlangen, nur auf das, was droben ist, zu sinnen, nur droben das Vaterland zu suchen, wo der Vater ist. – Die Liebe ist keine Arbeit, es ist vielmehr etwas Süßes, Heilsames, Gesundmachendes für das Herz. Wenn das Herz nicht an Sünden krank ist, so ist dessen Gesundheit die Liebe.“

 

Auf diesen Grundlagen eröffnet sich für uns denn auch der Einblick in den wahrhaft evangelischen Charakter seines Strebens; hier erscheint er voll kühnen Muthes und selbständiger Freiheit in einer für seine Zeit und Stellung großartigen Weise. In solchem Sinne hat er sich vor den römischen Bischöfen Gregor I. und Bonifaz IV. in ehrerbietiger Freimüthigkeit ausgesprochen. Wir wissen, daß verschiedene Streitigkeiten, auch noch am Ende seines Lebens die Veranlassung zu einer bedrohlichen Kirchenspaltung, sein ernst mahnendes Wort zum Frieden hervorriefen. „Das ist – spricht er zum Papste – der rechte Schlüsselträger des Himmelreichs, wer durch die wahre Erkenntniß ihn dem Würdigen öffnet und dem Unwürdigen schließt.“ Er wußte daher auch, daß der Friede Gottes, der höher ist denn alle Vernunft, die Geburtsstätte wahrhaftigen Lebens sei. „Kehret schnell zur Eintracht zurück“, fährt er weiter fort, „und verfolgt nicht alte Streitigkeiten, sondern schweigt vielmehr und übergebt die Streitigkeit ewiger Vergessenheit. Ist etwas zweifelhaft, so stellet es der göttlichen Entscheidung anheim; was aber offenbar ist, worüber Menschen urtheilen können, darüber richtet recht ohne Ansehen der Person. Erkennet einander gegenseitig an, daß Freude sei im Himmel und auf Erden über euren Frieden und über eure Vereinigung. Ich weiß nicht, wie ein Christ mit dem Christen über den Glauben streiten kann. Was der rechtgläubige Christ, der auf die rechte Weise den Herrn preist, sagen mag, so wird der Andere Amen dazu sagen, weil beide an dasselbe glauben und dasselbe lieben.“

 

Und über dem Leben und Wirken Columbans erhebt sich in einfacher Wahrheit das Zeugniß der Schrift (Dan. 12, 3): Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.

 

Friedr. Lübker in Parchim.

Gottlieb August Spangenberg.

Unter den Bischöfen der Mährischen Brüder und der Brüder-Unität finden sich allerdings mehrere, welche nicht allein das Innere der Gemeinschaft mit bleibendem Segen ihres Wortes, Liedes, und persönlichen Ganges erfüllt, sondern auch über deren Grenzen hinaus die evangelische Christenheit erbauet haben; von keinem aber gilt es in größerm Maße als vom Bischofe, August Gottlieb Spangenberg, der mit seinem Bruder Georg, einem gleichfalls in der Kirchengeschichte bedeutenden Manne, da er zu der katholischen Kirche übergegangen noch Evangelischer wurde als er gewesen, nicht zu verwechseln ist. Dem Grafen Zinzendorf steht der demüthige Student, Helfer, Aelteste, Ordinarius und Bischof Spangenberg in jeder Beziehung so unzertrennlich nahe, daß man kaum anders kann als bei dem Elisa an den Elias, bei diesem mit an jenen zu denken. Dabei sind sie demungeachtet nach Herkommen, Gabe, Wirkungsweise und Zeitalter noch verschieden genug, so daß sie wie Luther und Melanchthon oder Calvin und de Beze in ihrer Art auch verschiedne und jeder eine selbstständige Beschreibung erfordern.

Mit Spangenberg ist es auch von früher Jugend der und ehe noch die Anziehungskräfte der Brüderkirche auf ihn wirken, auf Aussonderung und Zurüstung eines vorzüglichen Werkzeuges des Herrn und der Gemeine in der Gemeine abgesehn. Klettenberg in der Grafschaft Hohenstein wird 1704 die Stätte seiner Geburt, Ilefeld 1714 seine Schule, Jena unter Buddeus 1722 seine hohe Schule. Von der Mutter, Elisabeth geb. Nesen, die er schon im vierten Jahre verlor, erzählt man, daß sie sich darüber gewundert, wie wenig von der Versöhnung in Christus gepredigt werde, über eine Wahrheit, auf welcher doch unsre Seligkeit beruhe. Der Vater, ein lutherischer Prediger, der gegen überhandnehmende Irrlehren und ein ihnen verwandtes neues Gesangbuch treulich ankämpfte, nahm die vier mütterlich verwaisten Söhne mit sich in die Oberstube, knieete in ihrer Mitte und empfahl sie mit inbrünstigem Gebete in die höhere Mutterpflege. Noch spät feiert Spangenberg in Briefen an den Bruder Georg das Andenken an diese Eltern und den in ihnen enthaltenen Ruf des Herrn. Zehnjährig schon ganz verwaist, und als Schüler zu Ilefeld durch eine Feuersbrunst all seines Vermögens beraubt, so daß die Mittel zur Fortsetzung der Studien ganz zu fehlen schienen, trat er, obgleich mit Thränen, doch mit Gelehrigkeit in die Zuchtschule der Entbehrung ein, welcher er zeit seines Lebens auf allen Stufen und in jeder Lage Ehre gemacht. Es ist zum Erstaunen, mit wie Wenigem er ausgekommen, und wie weit er es in der Nachfolge des Apostels (Phil. 4,12-13) gebracht; denn sorgenfreie Genügsamkeit bei großer Sorgfalt für alle Erfordernisse der Gemeine stand ihm wie eine natürliche kampflose Tugend an. Im Uebrigen sah Spangenberg in der Folge seine Schüler- und erste Studentenzeit nur als Irrfahrt, als ausbrechendes Verderben und erfolgloses Schwanken zwischen hohen Vorsätzen und vielen Rückfällen an. Der gerade Weg zum Heilande hin sollte ihm erst noch gewiesen werden. Drei Jahre hatte er bereits ohne allen Beistand von Außen und ohne andern Trost als aus dem berühmten Buche, Joh. Gerhards Meditationen, zu schöpfen war, um Frieden der Seele gerungen, als er die Universität bezog, um sich dem Studium der Rechte zu widmen. Das damalige Jena war vor allen Hochschulen geeignet, die innern Kämpfe des Jünglings zum Abschluß zu führen, und unbeschadet seiner großen Eigenthümlichkeit ihm die Bestimmungen alle zu eröffnen, welche er als Gehülfe Zinzendorfs, als Stütze der Brüdergemeine und besonders als ihr Theolog zu erfüllen hatte. Dort einigte sich in gesunder und fruchtbarer Weise, was zwischen Halle und Wittenberg streitig war, kirchliche Rechtgläubigkeit und die Richtung auf inneres Leben, Gelehrsamkeit und praktisches Christenthum; Buddeus und Walch entzogen sich der Pflege der Erweckungen nicht, deren Werkzeuge sie theilweise selbst gewesen waren; zwischen einem hier sich bildenden Studenten- und Magister-Vereine zu eigner gegenseitiger Erbauung und zu gemeinsamer Ausübung innerer Mission für die zahlreichen Volksclassen und den Brüdern zu Herrnhut, deren Gemeinschaft 1727 zu Stand und Wesen gekommen war, konnte es, wenn die Vorsehung des Herrn Anlässe herbeiführte, an freundlichen und innigen Anziehungen nicht fehlen. Spangenberg, bei dem die durchreisenden Herrnhuter einzukehren pflegten, wurde für dies Alles die leitende Persönlichkeit. Seine Jenaer Geschichte eröffnet sich mit Gemüthserfahrungen, deren seligen Ausgang er nachmals so bezeichnet, für ein ihm vor dem Herrn gestattetes Zährlein würde er allen Königreichen der Welt mit tausend Freuden entsagt haben. Einst hörte er als Gast eine Vorlesung des Buddeus an; der Professor hielt den Studenten auf Anlaß von Ap. Gesch. 26,29. die unvermeidliche Aussicht eines rechten Theologen auf Schmach und Trübsal vor, und gerade dieser Gesichtspunkt entschied über den juristischen Hospitanten, daß er Theologie studieren mußte. Wie fing er dies nun an? Er hörte, wie er es später beschrieb, ein Privatissimum bei dem Herrn. D. h. er nahm den Katechismus vor, prüfte Punct für Punct, erstlich ob es sich in der h. Schrift so verhalte, zweitens ob er daran glaube, und versuchte drittens oft unter heißen Thränen, ob er darnach innerlich und äußerlich leben könne. Sein unablässiges Studium der Schrift heilte ihn gar bald wieder von der Neigung zu mystischen Schriften, welcher er sich ergeben hatte. Dem Absonderungswesen hing er viel längere Zeit nach. Wenn er nun aber ebenso sehr und noch mehr sich durch christliche Toleranz ausgezeichnet, und zu Jena sich dereinst gerade von den frommen Leuten darum entschieden zurückzieht, weil sie etwas aus ihm machen und an seinen Reden ihre Eitelkeit weiden wollen, wodurch seine Seele gefährdet wird, so wird man wohl Bedenken tragen müssen, Spangenbergs Separatismus schnell zu beurtheilen. Was daran unechtes war, verstand er nachmals selbst zu richten, und nachdem er. es in Halle, wie sich bald zeigen wird, gleichsam gebüßt, wurde er doch der christlichen Gemeinschaft, wie sie ihm Bedürfniß war, erst in der Brüdergemeine recht theilhaftig und froh. Was der Kirche Wesen sei, darüber hatte er schon zu Jena dieselbe Meinung gefaßt und mit seinem Denken und Sein verwebt, welche er nachmals in Schriften und Liedern herzhaft ausdrückte, auch für biblisch, überdies für lutherisch erklärte. Die Kirchen, wie sie heißen, gelten ihm nur als – Religionen; sie sind gleichsam Elemente, aus denen sich der Herr seine Kirche d. h. die Gemeine der Kinder Gottes sammelt. Solch ein Kind Gottes kann in jeder Religion oder Secte geboren werden und möglicher Weise ganz einsam existieren. Wo aber zwei oder frei oder mehrere sich in dem Herrn vereinigt finden und sich einander zur Nachfolge des Herrn ermahnen und helfen, da entstehen Kirchlein, Gemeinen des Lammes, welche wie viele oder wo sie sein mögen immer nur Eine Kirche Christi ausmachen.

Schon hatte Spangenberg in Folge der Besuche Zinzendorfs in Jena und seines eignen in Herrnhut einen Zug dorthin im Herzen als er noch mit Freudigkeit und Segen dem Dienste des Herrn in Jena oblag; die Sorge für die Freischulen in der Vorstadt führte die andre herbei, daß Präceptoren rechten Sinnes genug da sein möchten, die das Netz ziehen hälfen. Um deren Ausbildung auf sich nehmen zu dürfen, suchte er und erhielt den Magistergrad. Hiedurch ward seine Laufbahn auf eine Zeit lang eine ungewisse, nämlich ob sie nach Ordnung und Verfassung der Kirche oder in der außerordentlichen Weise und Brüdergemeindlich gehen sollte. An ungesuchten Empfehlungen fehlte es nicht; eine kurze Probe aber, welche Halle mit ihm, er mit der für ihn wie es scheinen konnte geeignetsten Facultät machte, führte den Beweis einer jetzt bestehenden Unverträglichkeit zwischen seiner religiösen Richtung und der landeskirchlichen Theologie herbei. Eine erste Berufung nach Halle hatte Spangenberg schon aus dem Grunde abgelehnt, weil er sich vor dem ansehnlichen Gehalte und Stande eines Professors scheuete, so daß auch der jüngere Franke (August Gotthilf) ihn mit dem Wunsche losließ, der Herr schenke Ihnen so viele Seelen als Sie Groschen, ja wohl Pfennige um seines Namens willen verläugnen.“ Endlich willigte er doch ein als Adjunct der theologischen Facultät und Aufseher des Waisenhauses nach Halle zu geben. Länger als vom Herbst 1732 bis Sonnabend vor Ostern 1733 ist seines Bleibens daselbst nicht gewesen. Schon im Briefwechsel von Jena der hatte Spangenberg gefragt: Wie? Ihr könntet in Halle den N. N. nicht tragen, ob er gleich mit Jesu Geist getauft und ein Kind Gottes in euren Augen wäre, weil er einen Irrthum, die Wiederbringung, mitbrächte? In der That, den Spangenberg mit seinen Kenntnissen und Gaben, mit seiner bedeutenden Persönlichkeit hätte man sich auf dem Lehrstuhle und im Waisenhause gar zu gern gefallen lassen, nur den Spangenberg mit seiner Intoleranz gegen das gewöhnliche Kirchenwesen und mit seiner Toleranz gegen allerlei Heterodoxie, mit seinem Anspruch an absonderliches Abendmahl, mit seinen separatistischen Freunden in der Vorstadt Glaucha, mit seiner Anhänglichkeit an Zinzendorf wollte man nicht tragen. Schuld und Unschuld war auf beiden Seiten; und beide Seiten haben hinterher bereuet. Aber so sehr war der Weg des Herrn in dem Ausgang zu erkennen, der auf Scheidung von Halle zur Vereinigung mit Herrnhut ging, daß gegen Wunsch und Voraussicht der Beschwerdeführer ein plötzlicher Befehl militärischer Ausweisung des Separatisten von Berlin eintraf. Unter vieler Theilnahme und Begleitung zog er aus der Stadt, zunächst nach Jena, wo ihm alte nicht geringere Anhänglichkeit erwiesen wurde. Aber schon längst hatte ihn Zinzendorf sich zum Mitarbeiter ersehn. So unlieb es den Vorstehern von Herrnhut war, einen gerade von Halle vertriebenen sich zuzueignen, so lieb mußte ihnen der Mann selbst sein, der auf ihren Gemeindedienst mit seinem ganzen Herzen und Wesen einging, der ihnen hohe Gaben, schon reiche Erfahrung zubrachte und wenn er manches zu bereuen hatte, was er zu Halle gethan, doch darin den Herrn pries, daß derselbe ihm einen Wirkungskreis vorbehalten, wo er in Armuth und Niedrigkeit, in Freiheit von weltförmigen Verhältnissen als in seinem Lebenselemente bleiben und doch Frucht bringen konnte.

Durch die sechzig Jahre, die er der Brüdergemeine gelebt, drückt er es auf allen Stufen der Wallfahrt mit noch innigerem Nachdruck und fast unbewußt seines Dienstes und Verdienstes um dieselbe aus, wie unaussprechlich selig ihn schon auf Erden diese Unität in dem Herrn gemacht. Von 1733 an ist ihr inneres Gedeihen, ihre Anfechtung, Schmach und Noth, ihre Verpflanzung und Verbreitung, besonders nach Niederland, England und Pennsilvanien mit Spangenbergs Wirken, Leid und Freude unlösbar verwebt. Bis zum Heimgange Zinzendorfs 1760 bleibt er dessen vertrautester Gehülfe, der ihm an allen Orten und in allen Sachen vor und nach arbeitet, von da an reift er mehr und mehr zum Erzvater der Gemeinen und der Direction selbst, und wirkt auch in den letzten Jahren und Tagen bis zur Sterbestunde, auf das Ganze beseelend ein. Bis zum Theologen und Apologeten, bis zum Staatsmann und allgemeinen Agenten der Unität hinauf, und bis zum Haushalter, bis zum Handwerker und Ackersmann hinab gibt es keine amtliche oder brüderliche Dienstart dieser Gemeinschaft, welcher sich Spangenberg nicht mit erfolgreicher Hingebung wie es noth war oder sein Auftrag lautete unterzogen hätte. Zuerst trat er als Helfer, als Diakon ein, ein Stand, den er nicht nur mit einem schönen Liede sondern auch durch Leben und Wandel vorzugsweise verherrlicht hat, so entschieden er auch zum Regieren im Dienen berufen war. Schon 1733 erscheint er als Führer eines Brüderhäufleins, welches er nach Stettin und bald darauf nach Kopenhagen zu bringen hat, von wo aus es nach St. Croix in Westindien abgehen soll. Seit 1735-64 hat er bald die sogenannte pilgernde Gemeine in Deutschland und anderswo, bald die Seegemeinen, welche zwischen England und Amerika auf dem Wege sich befanden, persönlich geleitet, bald den neuen Ansiedelungen der Brüder sowohl in Holland und England als in Pennsilvanien und andern Staaten zu Stand und Wesen verholfen, bald Missionen der mannichfaltigsten Art und Richtung vorgestanden, vornehmlich von Bethlehem dem ältesten und wichtigsten amerikanischen Pflanzorte der Unität aus unternommen und gepflegt, endlich als Ordinarius sämmtliche Angelegenheiten in jenem Welttheile geleitet. Einmal ist er dreizehn Jahre von Herrnhut entfernt. Nach Zinzendorfs Heimgange tritt er desto ersehnter dort wieder auf, nimmt von da an an der allgemeinen Direction beständigen Antheil, insonderheit visitiert er die lausitzer und schlesischen Orte, hält sich des Seminars wegen zu Barby fleißig auf, begleitet und berathet die Conferenzen und Synoden da und dort hin, bis ihn Alter und Kränklichkeit in immer engere Kreise bannt. Zwei Male hat sich Spangenberg mit einer schon im Dienste der weiblichen Gemeine bewährten Witwe verheirathet, einmal mit der Witwe Immig, die der Gemeine schon seit 1727 mit dem Segen ihrer Gabe und Treue zugehörte, und an deren Grabe Zinzendorf bezeugte, es sei keine Aussicht, eine Arbeiterin ihres Gleichen wieder zu bekommen, nach deren Heimgang 1754 mit der Witwe Micksch, welche Spangenberg seine Martha zu nennen pflegte, und von der er sagte, wird mir von ihrer Herzlichkeit, ihr von meinem stouren (unbiegsamen) Wesen ein wenig zu Theil, so wird uns beiden geholfen. Er überlebte auch diese. Bis zu seinem Ende war es dann anderer Geschwister ganz besondere Freude ihn häuslich zu pflegen.

Es ist hier nicht der Ort den großen reichen Zusammenhang seiner Fahrten, Thaten und Leiden zu verfolgen; wer davon zu wissen begehrt, bat an den allgemeinen Geschichten der Unität ergiebige Quellen, auch an dem von ihm selbst aufgesetzten Lebenslaufe und an den Auszügen aus seinen Briefen, welche sich in Rislers Leben Spangenbergs 1794 finden. Hier genügt es diejenigen Züge seines Sinnes und Wandels hervorzuheben, in denen sich der ganze Herrnhuter in der edelsten Bedeutung des Namens, ein rechtes Exempel von Unitätsliebe und demnach auch ein ausgeprägtes Christenthum deutlicher erkennen läßt, dessen Name sich ohne Widerspruch in den evangelischen Kalender reihet.

Vieles davon tritt schon in seinem Verhalten gegen den Grafen von Zinzendorf hervor. Sie waren in der Erscheinung sich ähnlich, an stattlicher Gestalt, an Haltung und Gang, ein Umstand, der mehrmals sowohl zu Herrnhut als bei dem Eindruck, den sie auf die Rothhäute Nordamerikas machten, angemerkt worden. Auf jeden Fall kann man in dem Angesichte Spangenbergs, den Geist seines Lebens, diese kräftige innige Brüderlichkeit, diese in tiefer Demuth und Einfalt gegründete Geradheit und Wahrhaftigkeit gegen jedermann wieder erkennen, die er in seinem wichtigsten einzelpersönlichen Verhältnisse auch ganz besonders bewährt hat. Der Mann, der eine sprechende Freude daran hatte, jedermann in dem Herrn unterthan zu sein, sah Zeit seines Lebens schon zu den Gaben eines Cammerhof, eines Johannes von Wattewille, wieviel lieber zu der dem Grafen verliehenen Gnade hinauf. Es ist ihm volle Wahrheit, wenn er von Kopenhagen aus ihm schreibt, wie solltest du deinen Fuß hassen. Spangenberg war minder originell und tiefsinnig als Z., und wie sogleich an den vorliegenden Vorträgen und Gedichten wahrzunehmen ist, wenn auch ähnlich doch anders begabt. Bis zur Nüchternheit klar und durchsichtig, kaum den Theologen zu spüren gebend, geschweige daß er sich in Theosophie versuchen sollte, lebt und webt er doch so sehr im Vorstellungskreise der h. Schrift und im Brüdergemeingefühle, daß es nicht anders kommen kann, er überzeugt, greift in die Herzen ein und die Einfachheit wird zur Erhabenheit. Ein Redetalent aus England bekannte zu Newyork nach einer von Spangenberg gehaltenen Charfreitagspredigt, ach wie übertrifft dieser plane Vortrag meine großen Worte und Weisheit! Eine so anspruchslose Größe war denn auch würdig, die Einfalt so zu rühmen wie es in dem Liede Spangenbergs geschehen ist:

Heil‘ge Einfalt, Gnadenwunder!
Tiefste Weisheit, größte Kraft!
Schönste Zierde, Liebeszunder,
Werk, das Gott alleine schafft!
Wenn wir in der Einfalt stehen,
Ist es in der Seele Licht;
Aber wenn wir doppelt sehen,
So vergeht uns das Gesicht.
Einfalt denkt nur an das Eine,
In dem alles andre steht;
Einfalt hängt sich ganz alleine
An den ewigen Magnet.

Die Allgewalt, mit welcher dieser Magnet, Christi Blut, sämmtliche Gemeindeglieder an sich zog und festhielt, ließ auch die Irrungen, welche menschlicher Weise unter ihnen, zumal zwischen den am meisten leitenden Werkzeugen vorfallen konnten, nicht lange bestehen. Diese herzinnige Freundschaft Zinzendorfs und Spangenbergs hatte ihre Proben zu bestehen, und bewährte sich mehrmals in der rührendsten Weise. Der letztre macht irgendwo die Anmerkung, daß die Arbeiter der Brüdergemeine in der ersten Zeit, einander sehr scharf waren. Später straft er sich der Krittelei wegen, wie er es nennt, viele Male selbst. Befremdet ward er zu Kopenhagen darüber, daß man ihm zu Herrnhut die Neigung zutraute, mit den andern Brüdern, die er dorthin geleitet, wider Willen der Gemeine nach Westindien zu geben. Aber in welche gelinde Rede hüllt er dies Befremden: „wie herzlich gern will ich zu euch kommen, wie gern will ich noch lernen! Ich bitte dich, laß mich nicht in solchem Verdacht bei dir stehen, traue mir doch soviel geänderten Sinn zu, daß ich mir selbst nicht zu leben gedenke.“ „Ich bin in Kopenhagen zu gar nichts nütze gewesen als daß ich einige confus gemacht, die sich ihres Zustandes schmeichelten.“ Da er in Württemberg, in England und sonst in den Augen des Grafen so manches versehn hatte, nahm er die Rügen jedesmal ganz kindlich auf und schrieb gewiß in völligem Ernst: „Ich merke wohl, daß ich nichts nütze bin, wenn mich die Brüder nicht in genauer Zucht halten. Darum bitte ich dich auch herzlich, gebt mir einen gesetzten tiefgebenden Bruder mit nach Georgien, dem ich könne unterthan sein, und unter seiner Disciplin Accuratesse lernen.“ Desto anerkannter war Spangenbergs Unentbehrlichkeit und Unersetzlichkeit auf Seiten Zinzendorfs und der Direction. „Weder Ich noch Johannes (v. Wattewille), schreibt der Graf, haben erachtet Manns genug zu sein das auszurichten, was Spangenberg, der amerikanische Original – Mann prästieren kann, der doch unter uns dreien die wenigste Zeit hat.“ Einmal aber, um das Jahr 1750 war Spangenberg, den, wie er wiederholt selbst bezeugt, die Vergangenheit mehr als Zukunft und Gegenwart betrübte, weil man nicht anfangs, sondern je später je mehr das eigne Verderben tiefer erkenne, einmal also – war Spangenberg so sehr an sich selbst sowohl als dadurch, was von England und Deutschland her verlautete, an dem Grafen und der Gemeine irre geworden, daß er entweder sich ganz in die Stille zurückzuziehen oder nach Jamaica zu geben gedachte, um zu sehen, ob ihn der Herr zur Bekehrung einiger Neger brauchen würde. In der That bedurfte es nur des Wiedersehns und des nahen persönlichen Umgangs, und der Schade war nicht nur geteilt, sondern hatte nun eine desto reichere Innigkeit und Anhänglichkeit zur Folge. Nach der Zeit geschah es, daß Zinzendorf schrieb:

Wir ziehn mit dir an Einem Joch,
Sind dir nicht erst von heut und gestern
Getreue Brüder, liebe Schwestern,
Nur heute mehr als jemals noch;

Spangenberg aber sich wieder mit dem Namen der zärtlichen Bruderliebe ihren armen Joseph nannte, und auf der Seereise, da er sich neuerdings nach Pennsilvanien eingeschifft, an den Ordinarius schrieb: „Ich weiß nicht anders als daß Sie mich lieb haben, ich habe wohl etliche Jahre daran gezweifelt – ich danke nochmals für Ihr halten, da ich lassen wollte – Adieu du lieber Mann, ich küsse dich recht brünstig im Geist und drücke mich dir ans Herz, möchte mich lieber an Deinen Hals hängen und satt weinen als schreiben; will also schließen.“ Und als er in Amerika die Botschaft von des Grafen Heimgang empfangen hatte: „der Jünger des Herrn kommt mir keinen Tag aus dem Gemüthe, Er war das größte Kleinod unsrer Zeiten, ein schöner Diamant in dem Ringe an der Hand unsers Herrn; ein Diener Jesu ohne Gleichen, eine Säule im Hause des Herrn, der Mund des Herrn an sein Volk. – Der Herr lasse uns nun halten über dem was wir durch ihn empfangen haben, daß man uns ehe in Stücken risse, ehe wir von diesem Grunde weichen.“

Als Spangenberg in Briefen und Gedichten diese Trauer feierte, war der leuchtendste Theil seiner arbeitsvollen Laufbahn, seine nordamerikanische Mission dem Abschlusse nahe. Der Grundgedanke der Brüder, der sie dorthin von England aus geleitet hat, war, überhaupt die Gemeine des Gekreuzigten auszubreiten, den Unzufriednen, den Ausgewanderten der Europäischen Kirchen liebend nachzugehen, von Sectirerei sie zu heilen, und wo sich die Thür aufthun würde, Heiden durch das Evangelium selig zu machen. Dies Unternehmen mußte schon deshalb gelingen, weil es durch herrschender Grundsatz war, nichts zu suchen als Seelen, sich durch Arbeit das Brodt zu verdienen, die Schmach für Segen zu achten, und ganz darauf sich zu fassen, daß es schon wie überschwenglich reicher Lohn gelten müsse, wenn hie und da kleine Anfänge mit einzelnen Bekehrten erlangt werden könnten. Heute noch blühet die reinliche, fleißige Brüderstadt, Bethlehem in Pennsilvanien, wer kann sie nennen, ohne Spangenbergs zu gedenken, der die dorthin gelangte Pilgergemeine geleitet und als ihr Hausvater, Bauherr, Prediger, Seelsorger sie gegründet und Jahrzehnde hindurch anwesend oder abwesend gehütet hat bis sie zum festen weithin leuchtenden Gemeinde-Orte mit so zahlreichen Fortpflanzungsgemeinen wurde. Und durchwandern wir die ganze Gnaden-, Segens- und Märtyrer-Geschichte der Brüdermission für die Indianer Nord-Amerikas in allen ihren namhaftesten Stationen bis in die letzten Tage ihres Patriarchen David Zeisberger und bis nach Fairfield hinauf, oder die einzelnen lieblichen Pflanzstätten christianisierten Heidenthums zu Schekomeko, in der Wachau, in Gnaden- und Friedenshütten u. a. alles weiset uns auf den amerikanischen Original-Mann, auf Spangenberg zurück. So wie er am meisten aufs Ganze gewirkt hat, womit er auch betraut war, so gern und hingebungsvoll aufs einzelne Persönliche. Er erscheint da wie ein Feldhauptmann, der überall wo es möglich ist auch den Dienst des Gemeinen thut; er besitzt Talent und Muth für das Eine, und doch neigt sich das Herz mehr dem Andern zu. Im J. 1753 äußert er sich brieflich also: „Wenn ich mich anders recht kenne, so sind zwei Dinge vorzüglich bei mir. Das eine ist: ich bliebe lieber still und brachte die mir übrige Zeit des Lebens im seligen Umgange mit meinem Schmerzensmanne zu, ohne von Geschäften, die den Kopf occupieren, behindert zu werden – das habe ich in Jena etliche Jahre genossen; das andere: ich ginge gern zu den Heiden, die von ihrem Gott und Schöpfer, der für sie sein Blut vergossen, nichts wissen. Da lebt mir mein Herz, und ich könnte mich freuen, über dem Geschäfte zu verhungern, zu verschmachten oder zu Tode gemartert zu werden.“ Besonders sehnte er sich – vorzüglich wohl seit er die westindische Mission als Aufseher besucht – nach einer Sendung zu den Negern. Durfte er nun auch die eigentlichen Wege der persönlichen Heidenmission nicht so wie seine Brüder Rauch, Büttner, Mack u. a. begeben, so hat ihn doch an Willigkeit und Treue die Beschwerden und Gefahren der bahnbrechenden Reisen durch wirthlose Gegenden auf hunderte von deutschen Meilen zu ertragen, an väterlicher Pflege der christlichen Indianer, an Theilnahme an ihren Leiden von den Weißen und an jeder Art von Schmach, welche auf dem Werke ruhte, niemand übertroffen; konnte er nicht den heidnischen Sprachen so obliegen, daß er wie Mack oder Zeisberger hätte darin predigen und dichten mögen, denn er bediente sich der englischen Sprache, so scheint ihm doch in dem, daß er in Gedanken und Gefühlen den Heiden um des Herrn willen Heide zu werden begabt und getrieben war, nicht so leicht ein Andrer es gleich gethan zu haben. In Wahrheit war es ihm sammt der von ihm geleiteten Gemeine gegeben, nachdem sie durch viel Trübsal, durch böse und gute Gerüchte gegangen, alle ihre Feinde zu ermüden und zu überwinden.“

Spangenberg wurde 1762 nach Europa zurückgerufen. Kaum zu Herrnhut angekommen besuchte er die Grabstätte Zinzendorfs. Obgleich er auch von da an mit seinem Leben in den Dienst der Unität ganz aufging, und dem was unter Gebet vor dem Herrn zu Schluß und Spruch gekommen war, sich jederzeit mit Freuden unterwarf, so ist doch gewiß, daß soweit der Graf einen Nachfolger haben konnte und sollte Spangenberg es war. Die Brüder nahmen ihn, so oft er als Mahner und Rather in seiner vollen Freimüthigkeit auftrat, dankbar auf, und auf dem von ihm am wenigsten überschaften Gebiete der Gelehrsamkeit, war er ihnen als Geschichts- und Lebensbeschreiber, als Glaubenslehrer und Vertheidiger ohnehin nicht ersetzlich. Die Declaration über die Beschuldigungen gegen die Brüder, die Lebensbeschreibung des Grafen (v. 1764 an, 8 Theile) und das Vorbild der Glaubenslehre (Idea fidei fratrum) sind die bleibendsten Denkmale seines großen Fleißes und seiner verständigen treuen Hingebung für alles, was dem Brudervolke nah zu gehen schien. Unbestochne Wahrheitsliebe spricht aus allen diesen Schriften. Früher hatte Spangenberg, wenn die Gemeine Widerspruch und Unglimpf erfuhr, den Grundsatz gelten lassen, nicht alles beantworten, sondern nur „stille fortmachen.“ Als er aber in Folge eigner Beunruhigung über so manches, das vorgefallen war, ans Prüfen ging, und fand wie die Sachen wirklich standen, gab er sich mit großem Erfolge daran, im Großen und vollständig der Welt Erklärung zu geben. Seine Schriften von dieser Art haben bei den Brüdern selbst sowie außerhalb wesentlich dazu beigetragen den Frieden und das gute Gewissen zu stärken. Man kann von seiner Abbildung der Bruderlehre kaum sagen, daß sie ein gelehrtes Werk sei, die Gelehrsamkeit, die er besitzt, bleibt ganz im Hintergrund, an der damals unter den Gläubigen Allen herrschenden Enthaltung von Schulausdrücken und zugespitzten Bestimmungen nimmt er auch Theil, ein Lehrgebäude ist, was er gibt, fast nur im katechetischen Sinne, nur daß er sich durchaus nicht erlaubt, was die Theologen der Zeit fast alle, den Bestand der Lehre und Geschichte der h. Schrift zu sichten. Hat er irgend einen Anlaß durch Reden und Briefe in die weitere Kirche herein als Zeuge zu wirken, so fühlt man ihm den Zorn und Unwillen über die zunehmende Zweifelei und Vernünftelei an; denn in ihm wird der Beruf der Brüdergemeine, die Leuchte der Gnaden- und Versöhnungswahrheit mitten unter den Dämmerungen, ja Finsternissen der Aufklärungszeit durchscheinen zu lassen und für das reine sanfte Feuer der Heilandsliebe einen Heerd auf bessere Zeiten zu bewahren, ein ganz persönlicher. Wie oft hat er mit freimüthiger Herzensberedtsamkeit auch Professoren und Pastoren über ihre Halbheit und Untreue gestraft, und in dieser Hinsicht verständigt sich sein katholischer Bruder ganz mit ihm, der gehofft hatte, als Spangenberg Neuwied besichtigen sollte, noch einmal ihn zu sehen und zu umarmen, aber darüber starb. Nur in immer engern Kreisen konnte er als Mahner und Lehr-Vater auftreten. Mit rührender Zärtlichkeit und Vorliebe wendet er sich je später je mehr an die Kinderschaar der Gemeine. Spangenberg wußte und fühlte wie Zinzendorf lebhaft und tief, welche eigenthümliche und schwere Aufgabe der Bruder-Kirche in Ansehung der Erziehung zugefallen war. Besonders Eine schöne Kinderpredigt ist im Gedächtniß geblieben, wo er über den Segensspruch, dein Alter sei wie deine Jugend redet und ihn besonders dahin wendet, daß sie Kinder bleiben und dadurch es immerhin werden sollen. Das mit er recht als Patriarch endigen möchte, trieb ihn als schon längst Leiden der Entkräftung ihn ins Krankenzimmer einschränkten, von wo aus der Vielbesuchte nicht aufhörte die Conferenz zu berathen, ein Verlangen noch einmal zu seinen Brüdern, auch den geringsten zu sprechen. Man fuhr ihn auf seinem Alters-Stuhle auf ein Erntefeld unter die Schnitter und die Garben; er sprach zu ihnen von der Feldarbeit, die er in Amerika selbst gerne mit gethan, ermunterte sie zum Lobe, stimmte an Nun danket Alle Gott, und ertheilte ihnen den Segen. Bald darauf schlief er in die Ewigkeit hinüber; er starb d. 18. September 1792 im 88. Jahre. Spangenberg ruht auf dem Hutberge. Man sang dem auserwählten Knechte ein sehr feierliches Schlaflied.“

C. J. Nitsch in Berlin.

La Roche, Simon – Umriß der Lebensgeschichte des Herrn Dr. Chr. Gottlieb Blumhardt, Inspektor an der Missionsanstalt zu Basel.

Christian Gottlieb Blumhardt war geboren den 29. April 1779 in Stuttgart, im Königreich Würtemberg. Sein Vater, Matthäus Blumhardt, war Schuhmacher, ein armer, aber gottesfürchtiger und frommer Mann, dem sein eigenes Seelenheil und das zeitliche und ewige Wohlseiner Kinder innig am Herzen lag. In noch höherm Maaße war dieß der Fall bei der Mutter des Vollendeten; ob sie wohl aus niedrigem Stande war, und keine Erziehung genossen hatte, so hatte doch der stille, ununterbrochene Gebetsumgang mit ihrem Heiland ihren Geist so veredelt, ihren Verstand so kräftig entwickelt, ihr Gemüth so reich und feinfühlend gemacht, daß sie zu den ausgezeichneteren Personen ihrer Vaterstadt gehörte, und ihr Umgang von den frommen Predigern der Stadt gesucht wurde. Der Vollendete war unter sechs Geschwistern das zweitgeborene, unter den Söhnen aber der älteste. Seine Mutter hatte dieses Kind noch unter ihrem Herzen mit ihren Gebeten besonders gesegnet, und so blieb er auch von Anfang seines Lebens an bis an ihr Ende ihr Liebling; – sie legte in seinem zarten, für Liebe so empfänglichen Herzen den ersten Keim der Gottesfurcht, unterrichtete ihn mit großer Weisheit und gewinnender Liebe in den ersten Elementen der biblischen Geschichte und der göttlichen Offenbarungen, und segnete, bekräftigte und befruchtete den ausgestreuten Samen mit ihren Gebeten. So kam es, daß in ihm schon in der frühesten Kindheit eine heilige Scheu vor Gott, und eine Liebe zum Heiland gepflanzt wurde, die ihn sein ganzes Leben hindurch begleitete; und dazu eine so brennend heiße Liebe zu seiner Mutter, daß dem Vollendeten noch in den Tagen seines Alters Thränen in die Augen traten, wenn er von seiner theuren Mutter sprach. Dabei war freilich die leibliche Constitution des Entschlafenen schon frühe schwächlich, kränkelnd und zart, was die Ursache seyn mochte, daß er als Kind und noch als reiferer Knabe ausnehmend ängstlich war, und vor fremden Leuten sich scheu zurückzog.

Nachdem er durch die Mutter selbst in den ersten Elementarkenntnissen unterrichtet worden war, wurde er in seinem 10. Jahre in die Schule geschickt, wo ihn seine lebensfrohen Mitschüler oft zum Spott hatten um seiner Aengstlichkeit und kleinen, schwächlichen Leibesgestalt willen, während er an Fleiß und Kenntnissen bald alle Andern hinter sich hatte. Doch das Herbste war ihm noch vorbehalten. Die theure Mutter, an der seine ganze Seele hing, verfiel in eine tiefe Schwermuth, verlor den gesunden Gebrauch ihrer Geisteskräfte, und wurde von einer verzweiflungsvollen Todesangst zerrüttet. Dieß zerschmetterte das zarte, liebende Gemüth des Kindes; ein namenloser Schmerz und eine heiße Sehnsucht nach dem Tode bemächtigte sich seiner. Thränen und Geschrei waren jetzt seine Speise. Die Ewigkeit und der Himmel waren seine liebsten Gedanken; und trat er unter seine Mitschüler hinein, so zerriß es ihm das Herz, sie so fröhlich zu sehen, und er begriff nicht, wie man in dieser Welt lachen könne. Dieser traurige Zustand seiner Mutter dauerte drei Jahre; dem Vater hatte der häusliche Jammer, die Armuth, die Profession rc. nicht zugelassen, sich der Kinder anzunehmen, und so waren diese, gleich verirrten Schafen, ohne Hülfe. Diese Erfahrungen hinterließen in dem Gemüthe des Entschlafenen einen unauslöschlichen, schwermüthigen, ernsten Zug, und selbst auf seinem Angesichte blieben die Spuren des tiefsten Schmerzes von der Jugend her eingeprägt. Aber lange hernach schrieb er selbst: „Es freut mich im Innersten meiner Seele, in dem Frühling meines Lebens diese Leidensperiode durchseufzt zu haben. Es war Gewinn, daß der HErr mein jugendliches Herz durch Leiden bilden wollte; denn ich gewöhnte mich dabei an’s Himmlische und Unsichtbare.“

Nach drei schweren, thränenreichen Jahren genas die Mutter auf eine unerwartete Weise; damit kehrte auch Trost in das Herz des Kindes zurück, und er fing nun in seinem dreizehnten Jahre mit allem Ernste an, sich zu fragen, welchen Beruf er ergreifen solle? – Sein Vater hatte schon frühe gehofft, durch diesen seinen ältesten Sohn eine Stütze im Handwerk zu erhalten, und jetzt wurde wirklich Anstalt gemacht, ihn zu dieser Arbeit wenigstens vorzubereiten. Trotz der großen Abneigung seines Herzens dagegen, wagte der Knabe doch nicht, seinem Vater zu widersprechen; ein Versuch wurde gemacht, aber er war dabei so linkisch und ungeschickt, daß der Vater ihn schon nach einigen Stunden aus der Werkstätte unwillig wegschickte mit den Worten: „Man kann dich zu nichts brauchen!“ – Halb wehmüthig, halb freudig eilte der Knabe hinweg, machte sich mit allem Eifer wieder an’s Lernen, und versteckte sich oft auf dem Estrich, um in seinen wenigen Büchern zu lesen. Von einem Mitschüler wußte er sich in jener Zeit eine lateinische Grammatik zu entlehnen, die er mit eisernem Fleiß durchlas und auswendig lernte, und zwar ohne daß Jemand es ahnte. Nur seiner Mutter theilte er es einmal mit, und sie brachte es bei dem Vater dahin, daß er bei einem Verwandten lateinische Lectionen erhielt. Da dieser ihm gute Zeugnisse gab, so willigte der Vater ein, seinen Sohn Schulmeister werden zu lassen, und mit Wonne begab sich der bald vierzehnjährige Knabe zu einem Schullehrer, der ihn zum Schulfache zubereiten sollte, und ihm bald die ABC-Schüler zum Unterricht übergab; nebenbei lernte er zu Hause unter dem Lärmen der Handwerksgesellen seines Vaters immer das Lateinische fort. Unter dem Allem wurde auch sein Gemüth heiterer und mittheilungsbedürftiger. Seine Lehrer rühmten und erhoben ihn um seines Fleißes und seiner Fähigkeiten willen, bereiteten ihm aber dadurch einen Kampf in seinem eigenen Innern, wovon er wenige Jahre nachher schreibt: „Die Selbstgefälligkeit wollte in mir Raum gewinnen; aber ich werde die Waffe gegen dieses Ungeheuer nur mit meinem Tode niederlegen.“

Inzwischen befriedigte seine gegenwärtige Lage seinen Geist, der nach Fortschritt brannte, keineswegs; was er in seinen damaligen Verhältnissen lernen konnte, das hatte er bereits sich angeeignet, und doch hätte er gerne täglich etwas an Kenntnissen gewonnen. Darum correspondirte er im Stillen mit einem Vetter, der Reallehrer in Nürtingen war, ob er ihn nicht in seinen Unterricht nehmen wollte; er wolle mit der Zeit das Kostgeld aus eigenem Erwerb bezahlen. Der Vetter sagte ihm zu, und voll Entzücken theilte er es seiner Mutter mit, und diese dem Vater. Aber dieser schüttelte den Kopf, und gab seine Einwilligung nicht. Jetzt trat der tiefbetrübte vierzehnjährige Knabe vor seinen Vater hin und sagte: „Er wolle nun in Gottes Namen Schuhmacher werden“. Dieß brach dem Manne das Herz, und mit Thränen gab er jetzt Alles zu. Am 23. April 1792 segnete ihn unter unzähligen Thränen seine Mutter zum Abschied, und der Vater begleitete ihn selbst nach Nürtingen unter zärtlichen Ermahnungen.

Hier begann eine neue Lebensperiode für den Vollendeten; der treffliche Schulmann, bei dem er jetzt war, leitete ihn in ein geordnetes Arbeiten mit weiser Behandlung ein, und bald hatte der helle Kopf des Knaben, sein eiserner Fleiß und seine Treue die andern ältern Mitschüler überflügelt. „Mein Leben,“ schreibt er selbst, „war damals regelmäßig und einfach. Ich fühlte mich in meiner Einsamkeit selig, weil ich mich ganz in meine Arbeiten hineingeworfen hatte.“ Ein würdiger Sohn seiner heißgeliebten Mutter zu werden, war sein süßester Gedanke. Aber des HErrn geheimnißvolle Hand, die ihn frühe schon ganz allein an Ihn, den Heiligen in Israel, gewöhnen wollte, nahm ihm bald auch dieß Theuerste auf Erden. Der letzte, mit zitternder Hand geschriebene Brief seiner Mutter beschied ihn eilig nach Stuttgart; er lief fast bewußtlos vor Angst nach seiner Vaterstadt, und kam eben noch zu ihren letzten schweren Stunden. Das letzte Wort von ihren Lippen: „Kind, bleibe dem Heiland getreu!“ hat er nie vergessen. Ihr Tod, im Jahr 1793, machte ihn, wie er sagte, Ewigkeitsbegieriger, Heimwehkranker. Sein Herz war mehr droben im Himmel, als unten auf Erden, und noch lange Jahre nachher erregte die Erinnerung an diesen Verlust die schmerzlichsten Empfindungen. Aber eben dadurch wurde auch sein Gemüth immer klarer, seine Arbeit immer treuer und gesegneter.

In seinem sechzehnten Jahre (1794) verließ er Nürtingen, weil er nach weiteren Fortschritten in der Wissenschaft begehrte. So kommt er nach Stuttgart, aber ohne Freund, ohne Rath, ohne bestimmte Berufsarbeit. Sein Vater konnte ihn nicht unterstützen um seiner Armuth willen. Darum suchte der Entschlafene durch Stundengeben sich etwas zu erwerben; aber nur mit Mühe konnte er in einigen Familien Eingang finden, deren Kindern er Privatlectionen gab, bis ihm nach langem schmerzlichem Harren der HErr einen treuen Berather und Gönner zuführte, der ihm seine Bibliothek zum Gebrauche anbot, den Zutritt zum Gymnasium verschaffte, und selbst Lectionen in der griechischen Sprache gab.

Dieß erfüllte sein Herz mit dem gerührtesten Dank: er faßte neuen Muth, erwarb sich durch Stundengeben die Mittel zum Studiren, und arbeitete von Morgens 5 Uhr bis in die späte Nacht hinein. Umgang hatte er fast mit Niemand; seine Altersgenossen schienen ihm zu gedankenlos, und er suchte darum am liebsten reife, erfahrene, fromme Männer auf. Von ihnen wurde er in ihre religiösen Zusammenkünfte eingeführt, in denen seine Seele sich unbeschreiblich wohl fühlte, und tiefe Eindrücke von der Süßigkeit des Evangeliums empfing. Da er aber jederzeit mehr dachte, als empfand, so rang er damals vor Allem im Gebet, in ein klares, religiöses Denken und Leben eingeleitet zu werden.

Mittlerweile war er in sein neunzehntes Lebensjahr vorgerückt, und er dachte ernstlich daran, auf der Landesuniversität Tübingen die Theologie zu studiren, zu der er eine brennende Vorliebe hatte. Allein die Armuth seines Vaters stellte ihm große Schwierigkeiten in den Weg; schwerer noch und fast niederdrückend fiel auf ihn eine Verordnung des damals regierenden Herzogs, daß nämlich arme Bürgersöhne nicht die Theologie studiren dürften. Er schrie zu Gott, und rang mit ihm um Hülfe und Licht. Und siehe da, sechs Wochen nach der Publikation jenes Gesetzes hoben die Landstände dasselbe wieder auf.- Nun stand nur noch Ein großes Hinderniß im Wege. Seine Stimme war seit zwei Jahren so leise und heiser, daß man ihn auch beim Nahestehen kaum verstehen konnte. Alle ärztliche Hülfe war vergebens gewesen; die Zeit der Universitätsprüfung nahete heran, wobei Jeder, der da Aufnahme in das Tübinger theologische Seminar wünschte, eine öffentliche Abschiedsrede im Gymnasium zu Stuttgart halten mußte, – und doch wurde seine Stimme nicht besser. Seine Noth stieg; die Themate zu den Reden wurden ausgetheilt, – mit Zittern erbietet auch er sich, einen Vortrag zu hatten. Unter Seufzen zu Gott arbeitet er die Rede aus, geht in den Wald, und versucht, laut zu schreien, braucht Medizin aller Art, aber Alles vergebens. Noch einmal fleht er seinen Arzt um Hülfe an; dieser weist ihm hoffnungslos noch das letzte Mittel an. Er eilt nach Hause, wendet das Mittel unter Thränen und Gebet an, daß ihm die Kehle ganz wund wurde, – und siehe da, ein hellerer Ton seiner Stimme läßt sich erst nur von Zeit zu Zeit hören, er übt und übt, bekommt die Stimme immer mehr in seine Gewalt, und kann endlich laut und vernehmlich reden. Der Tag der Prüfung ist da; er tritt getrost auf, und zum Erstaunen aller Anwesenden trägt er mit einer hellen, klaren Stimme den Aufsatz vor. Darauf eilt er in’s freie Feld, fällt auf die Kniee und dankt Gott, – und als er nach Hause kommt, eilen ihm Vater und Geschwister schon mit der Botschaft entgegen, daß er in das theologische Seminar zu Tübingen aufgenommen sey.

Mit tiefem, heißem Danke bezog der Vollendete die Universität, und erwarb sich in kurzer Zeit die Liebe und Achtung aller seiner Vorgesetzten und Lehrer. Mit einem eisernen Fleiß arbeitete er sich in seine Studien hinein, und gewann einen immer reicheren Schatz von Kenntnissen. Einige wenige Freunde sammelten sich um ihn, denen er ein Vorbild der Gottesfurcht, Bescheidenheit, Demuth und Treue war, und mehrere seiner Universitätsgenossen rühmen noch heute, wie er für sie zum geistlichen Führer geworden sey. Von seinen frommen und gelehrten Lehrern, dem seligen Storr und Schnurrer, redete er allezeit mit gerührtem Dank und tiefer Hochachtung bis in die letzten Wochen seines Lebens hinein.

Im Jahr 1803, nach einem fünfjährigen gesegneten Aufenthalt im Seminar zu Tübingen, wurde er in seinem vierundzwanzigsten Jahre von einigen Freunden in Basel zum Sekretär der deutschen Christenthumsgesellschaft daselbst berufen, welchem Rufe er freudig folgte. – Kränklich und schwächlich dem Leibe nach, aber reif und stark im Geiste, trat er mit seinem bis in den Tod hinein ihm unbeschreiblich theuren Freunde, Herrn Spittler, in sein neues Amt ein, und wirkte mit ihm mit aufopfernder Liebe und mit stillem Segen in dieser ihm so liebgewordenen Stadt. Viele denken noch jetzt mit Dank an die Zeit seines damaligen stillen Wirkens, und segnen ihn noch im Grabe für den Trost, und die Erquickung, die der mit Leiden frühe Vertraute ihnen durch Wort und Liebe brachte. Auch in öffentlicher Predigt hat der Vollendete damals manches köstliche, erquickende Wort geredet, und seine „Homilien über die Auferweckung des Lazarus“, die er damals hielt, und dann im Druck erscheinen ließ, sind schon Tausenden nahe und ferne zum Segen geworden. Namentlich waren auch die Religionsstunden, welche der Entschlafene in vielen hiesigen Familien den Kindern ertheilte, reich gesegnet; – an Krankenbetten war er ein wohlbekannter lieber Tröster, und auch in die Ferne hinaus wirkte er durch Correspondenz und durch die „Basler Sammlungen“ in mannigfaltigem Segen. Zu der damaligen Gründung der hiesigen Bibelgesellschaft wirkte er besonders thätig mit. Es sind noch lebendige Zeugen da, die das Andenken an jene Zeit im Herzen mit Thränen segnen.

Im Jahr 1807 wurde er vom würtembergischen Consistorium in sein Vaterland zurückberufen, wo er eine ungetheilte Achtung und Liebe unter den edelsten Männern genoß; er wurde in verschiedenen Landgemeinden Vicar, wirkte auch dort im Segen, und sammelte sich schon frühe eine Garbe um die andere für die Ewigkeit.

Ums Jahr 1809 wurde er zum Pfarrer an der Gemeinde Bürg, bei Neustadt in Würtemberg, ernannt, und verehlichte sich zugleich mit der nun tief traurenden Witwe, einer geborenen Julie Maier, von Tübingen. Mit freudigem Eifer trat er sein Amt an, und wurde Hunderten ein Vater, Tröster, Freund und Berather. Während er aber einerseits das Evangelium mit der ihm so eigenen Klarheit und Eindringlichkeit verkündigte, und die Seelsorge in seiner Gemeinde mit Treue und Segen besorgte, arbeitete er auf der andern Seite mit angestrengtem Fleiße an der Ausbildung seines eigenen Geistes fort, übersetzte mehrere ausgezeichnete englische Werke ins Deutsche, und ließ sie im Druck erscheinen, und dehnte so seinen Wirkungskreis immer weiter aus. Vor Allem aber wurde er damals seinen jüngeren Geschwistern, die jetzt nach und nach auch ins selbstständige Leben übertraten, ein Vater; allenthalben rieth er, half, tröstete, ordnete, und sprach Muth ein, und diese treue, väterlich-berathende Liebe haben die Seinen bis in seinen Tod empfinden dürfen, und fühlen nun doppelt schmerzlich seinen Verlust.

Inzwischen bildete sich in Basel mitten unter dem Kriegsgetümmel des Jahres 1815 ein Missionsverein von mehreren Freunden des Reiches Gottes, der mit dem Gedanken umging, ein Institut zur Bildung von Missionarien im Glauben zu gründen. Der Plan kam zur Reife, und es kam nun nur darauf an, einen Mann zu finden, der die Leitung der Anstalt übernähme. Die Wahl fiel einstimmig auf den Vollendeten, an welchen noch im Oktober desselben Jahrs der Ruf erging. Mit Freuden sagte er zu, und griff im Glauben da zu, wo nur im Glauben konnte gehandelt werden. Das Jahr darauf (1816) zog er mit drei jungen Männern aus Würtemberg, die sich zum Missionsdienste angeboten hatten (den Erstlingen der hiesigen Anstalt) hier ein, und begann im Namen Gottes das Werk, von dem der Vollendete selbst noch mit sterbenden Lippen sagte: „Der HErr hat es gegründet; seyd nur getrost – es wird bestehen, und noch auf viele Völker und Nationen wird das selige Licht des Evangeliums von diesem Hause ausgehen, bis der HErr kommt!“

Was sollen wir weiter von der Zeit reden, die er seitdem, fast 23 Jahre lang, in dieser Stadt gewandelt hat? Wir haben seine Arbeit und seine Werke gesehen, wir haben seine schonende, tragende, helfende Liebe gefühlt, seine Demuth, seinen Glauben, seine feinfühlende Zartheit kennen gelernt. Aber seinen Umgang mit dem HErrn, seine Gebete im Kämmerlein, seine Sorgen, seine Thränen kennen Wenige, – nur der HErr kennt sie ganz. Seine demüthige äußerliche Erscheinung ließ freilich oft kaum erkennen, welches durch Leiden geläuterte Gold hinter dieser unscheinbaren Hülle lag; und darum mochten ihn Manche, die weder seine inneren noch äußeren Lebensführungen kannten, oder ihn überhaupt nur nach gewissen Seiten hin beurtheilten, leicht verkennen. Aber auch wo er verkannt wurde, beugte er sich vor Gott und äußerte oft, daß die Leute noch zu schonend mit ihm verführen.

Eine große Zahl von Missionszöglingen stand im Laufe der 23 Jahre unter seiner väterlichen Pflege längere oder kürzere Zeit, und da ist keiner unter ihnen, der nicht ein Gegenstand seiner besondern Aufmerksamkeit, seiner speziellen Gebete gewesen wäre. Und seitdem in allen Welttheilen diese Söhne seines Herzens zerstreut sind, hat er oft seine betenden Hände nach allen Richtungen hin ausgereckt, und Segen über sie herabgefleht; ihre Sorgen und Kämpfe machte er zu seinen eigenen, und ihre Freuden waren seine Freuden. Allezeit munterte er sie mit seiner Liebe auf, stärkte sie, und, wenn schon oft sein eigenes Herz im Stillen blutete, so gingen doch seine Lippen von Worten heitern Trostes über. Unter den Missionsfreunden, mit denen er arbeitete, wandelte er allezeit mit Demuth, und bot ihnen immer ein Herz voll zarter Liebe an; sein Rath, wenn er darum ersucht wurde, war immer durchdacht und reif, und oft hat sein heller Blick auch da noch einen Ausweg gefunden, wo man zagend stille stehen wollte.

Unter allen den mannigfaltigen Arbeiten, die mit jedem Jahre auf eine überwältigende Weise sich anhäuften, fand der Entschlafene doch noch immer Zeit, manche andere für das ganze Missionswerk unsrer Tage wichtige Arbeit auszuführen. Neben den 23 Jahrgängen des Missionsmagazins hat der Entschlafene noch das werthvolle Werk einer „Missionsgeschichte“ in fünf Bänden ausgearbeitet, und bis auf den Punkt (die Zeit der Reformation) fortgeführt, den er sich von Anfang an als Ziel festgesetzt hatte. Aber so schwer auch seine Berufsarbeit auf ihm lag, so war er doch allezeit für seine Freunde zugänglich, und sowohl sie, als die unzähligen Besuche, die er zu empfangen hatte, erfuhren stets neue Beweise, wie die Liebe das Element seines Lebens geworden war.

Vorzüglich erfuhr dieß seine eigene Familie. Nachdem er schon in den ersten Jahren seiner Ehe zwei liebenswürdige, hoffnungsvolle Kinder durch den Tod verloren hatte, bescheerte ihm der Herr im Jahr 1826, gerade während eines Missionsfestes, in der nun vaterlosen Tochter Julie ein neues Zeichen seiner Gnade; – mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit hing sein Vaterherz an diesem einzigen Kinde, und seine schwersten, heißesten Leidensstunden wurden ihm durch den Anblick dieses Kindes, des Gegenstandes seiner brünstigsten Gebete versüßt. Seit der Geburt dieser Tochter fing aber die theure Gattin des Entschlafenen zu kränkeln an, und eine lange Reihe von Leidensjahren, die mit schwererem oder leichterem Drucke bis auf diese Stunde anhielten, führte die beiden Ehegatten in einen Ofen der Trübsal, die nur der HErr kennt. Aber wenn auch der Anblick der leidenden Gattin sein liebendes Herz tief niederdrückte, so war doch sein Trost, seine friedensvolle Heiterkeit stets eine Erquickung für die theure Kranke, die sie freilich nun doppelt schmerzlich vermißt. Noch sterbend empfahl sie der Entschlafene einem nahen Verwandten als eine Mutter, und die verwaiste Tochter als ein Kind, und gab ihm darin ein Vermächtniß, das ihm ewig theuer bleiben wird.

Seit mehreren Jahren nahm die Kraft des Vollendeten unter der allzugroßen Last zusehends ab; die schwächliche Leibeshütte wankte sichtbar. Aber sein reger Geist arbeitete fort; eine Arbeit um die andere wurde beendigt, alles mehr und mehr in ein geschlossenes Ganze gebracht. Im Laufe des gegenwärtigen Jahres brach seine Leibeshütte mehrere Mal unter neuen auf ihn einstürmenden Sorgen und Schmerzen fast zusammen, und nur die gnädige und mächtige Hand Gottes hielt ihn aufrecht. Aber in der Nacht vom 3. auf den 4. November((1838)) trat ein so heftiger Krankheitsanfall ein, daß ein rasches Ende unvermeidlich schien. Mit großer Treue versuchten die wackern Aerzte, unter denen namentlich sein alter, ihm nun auch vorangegangener Freund, Hr. Dr. Stückelberger, ihm die letzte Hülfe zu bringen strebte, die Krankheit zu heben; aber die Hoffnung war gar gering. Mit Ruhe und Klarheit nahm er von seiner erschütterten Gattin und seinem schluchzenden Kinde, so wie von allen Umstehenden einen unvergeßlichen Abschied. Aber der HErr wollte seinen Knecht nicht im Sturme von uns nehmen, und erhörte das Schreien Derer, die um eine längere Fristung seines theuern Lebens flehten. Es wurde besser mit dem Vollendeten, und man faßte Hoffnung. Die freudigste Pflege wurde ihm von den älteren und jüngeren Genossen seiner großen Familie zu Theil, und jeder stritt sich um den Vorzug, dem theuren, innig geliebten Vater noch dienen zu dürfen. Allein neue wiederholte Anfälle zerrütteten bald und schnell den innersten Lebenskern seines gebrechlichen Leibes. Bei dem allem blieb sein Geist ganz klar, seine Ruhe unveränderlich, seine Freude über der Erlösung, die in Christo Jesu uns zu Theil geworden ist, fest und süß; seine Sehnsucht nach dem ewigen Heimathlande wurde brennender, seine Gewißheit, heimfahren zu dürfen, immer bestimmter. Mit einer seligen Heiterkeit machte er noch an dem Tage vor seinem Tode allerlei Anordnungen, wie es während seines Sterbens und nach demselben solle gehalten werden, und am Vorabend seines Sterbetages sprach er noch mit kindlicher Freude von der seligen Aussicht, droben dem HErrn besser dienen zu können, und von der Gemeinschaft zwischen der kämpfenden Kirche hienieden und der triumphirenden Gemeinde droben. Nie werden diejenigen, die oft um ihn seyn durften, solche seligen Augenblicke vergessen.

Endlich am 19. December, Morgens, verlor er die klare Sprache, nicht aber das völlig klare Bewußtseyn. Bibelsprüche und Liederverse waren immer in seinem Munde, und wenn er von der Herrlichkeit des Himmels und seines himmlischen Fremdes sprach, leuchteten seine gebrochenen Augen wieder. Nach seiner Tags zuvor gemachten eigenen Anordnung wurden nun etliche Missionszöglinge berufen, die ihm in seinem Sterbestündlein zur Erquickung etliche Verse aus zweien seiner Lieblingslieder singen sollten. Die Brüder standen um das theure Sterbebette her, und sangen in sanftem Chore:

Christus, der ist mein Leben,\
Und Sterben mein Gewinn; \
Ihm hab‘ ich mich ergeben, \
Mit Freud‘ fahr‘ ich dahin.

Mit Freud‘ fahr‘ ich von dannen \
Zu Christ, dem Bruder mein, \
Daß ich mag zu Ihm kommen \
Und ewig bei Ihm seyn.‘

Und sodann:

Jesus ist für mich gestorben\
Und Sein Tod ist mein Gewinn; \
Er hat mir das Heil erworben, \
Drum fahr‘ ich mit Freuden hin \
Hier aus diesem Weltgetümmel \
In den schönen Gotteshimmel, \
Da ich werde allezeit\
Sehen die Dreieinigkeit.

Mit gebrochener Stimme bat er noch um die Absingung des letzten Verses aus dem ersteren Liede, der dann auch unter Thränen gesungen wurde:

Ach, laß mich an Dir kleben, \
Wie eine Klett‘ am Kleid, \
Und ewig bei Dir leben \
In Deiner Herrlichkeit!

Während des Gesanges und des darauf folgenden Gebetes war seine Seele in stiller Anschauung der zukünftigen Herrlichkeit verloren. „Es bricht herein! Hallelujah!“ stammelte er mit gebrochener Stimme, und um 10 1/2 Uhr schied seine Seele, unter dem Gebete der Umstehenden, sanft und schmerzlos, fast unvermerkt von der Leibeshütte.

Das Andenken dieses Gerechten wird im Segen bleiben, und wir flehen zum HErrn, unserm Friedefürsten: „Laß unser Ende seyn, wie dieses Gerechten Ende! Tröste die theure Witwe und die arme Waise! Ja, bleib‘ mit Deiner Gnade bei uns, HErr Jesu Christ!“

Nachtrag

Unter den zahlreichen Freunden, die mit wehmütiger Theilnahme am 22. December die geliebte Leiche auf dem letzten Gange begleiteten, waren auch zwei von den älteren Zöglingen des Entschlafenen, von denen der eine, Missionar Gobat((Samuel Gobat, späterer Bischof von Jerusalem)), seit einer Reihe von Jahren in Abyssinien, der andere, Missionar Zaremba((Felician Martin von Zaremba, russischer Diplomat, Prediger und Missionar)), in Südrußland gearbeitet hatte.

Nachdem am Grabe von den Zöglingen der Missionsanstalt mehrere Verse gesungen worden waren, wurde der Sarg von den Händen etlicher Brüder in die Tiefe der Erde gesenkt, und im Namen aller anwesenden und abwesenden Zöglinge des Entschlafenen trat Missionar Zaremba auf, und sprach folgendes Gebet am Grabe:

Ewiger, dreieiniger Gott, geoffenbaret in angenommener Menschheit! Wir danken Dir nun nochmals innig für Alles, was Du gethan hast an diesem Deinem Kinde und Knechte; – dafür, daß Deine Menschwerdung und Dein liebreiches Blutvergießen auch ihm gegolten hat; dafür, daß Du zu seiner Zeit ihn berufen hast zur Gemeinschaft Deines Heils; für alle Wirkungen Deines Geistes in seiner Seele; für alles Licht und alle Freude, die Du ihm mitgetheilet; für alle die reichlichen Gaben, die Du ihm anvertrauet; für alle Treue, die Du ihm geschenket, und für die Hoffnung des ewigen Lebens, in welcher er mit einem Hallelujah hinübergezogen ist zum Schauen Deines Angesichts in der ewigen Welt. Diese versammelte Gemeinde dankt Dir für allen Segen und jede geistliche Förderung, die Manchem aus ihrer Mitte und so vielen anderen Christen dieser Stadt, der Schweiz, Würtembergs und des ganzen Abendlandes zu Theil geworden ist von Dir durch seinen Mund, durch seine Feder, durch seinen Wandel, und durch sein Beispiel. Und wir anwesenden Zöglinge der Missionsanstalt danken Dir für Alles, was er durch Dich uns und allen unsern jüngeren und älteren Mitzöglingen geworden ist binnen mehr als 20 Jahren. Wir flehen, HErr, gib, daß in Folge dessen, was in diesem Hause und von diesem Hause aus geschehen ist und ferner noch geschehen wird, jetzt und später Viele aus verschiedenen Völkern ihm begegnen mögen, die, Dich lobpreisend und genießend, ihn erfreuen. Stärke seine lieben Hinterlassenen Alle, ja tröste sie, und lasse Dich herab zu all ihren Bedürfnissen Leibes und der Seele. Und wir bitten Dich, laß uns Alle, die wir hier zugegen sind, wachsen an Dir, der Du das Haupt bist, laß uns treu bleiben, und einstens unsern seligen Antheil finden an jenem großen Tage, nach dem – sammt Allen, die des Geistes Erstlinge haben – die ganze Schöpfung sich sehnet! Laß uns beim Abendmahl der Hochzeit des Lammes und ewig mit ihm und allen Deinen Auserwählten zusammenstimmen in Deiner Anbetung und Lobpreisung. Amen.

Bei der Todesnachricht

Todt, der Allbekannte? – Nein! genesen \
Ist der liebe Kranke: Er lebt dort! – . \
Ist von sturmbewegter Bahn gedrungen \
In den ewig sichern Ruheport.

„Komm nun, komm in Deines Herren Freude, \
„Du getreuer Knecht!“ ertönt’s vom Thron‘ – \
„Ueber wenig (viel!) getreu gewesen \
„Bist Du! nimm nun hin den Gnadenlohn!“

Ja, nach schweren heißen Arbeitstagen \
Kann er jetzt zu Jesu Füßen ruhn! \
Dankt Ihm, der Sein Blut für ihn vergossen, \
Dort im sel’gen freien Wirken nun.

Er sonnt sich im Glanze Seiner Wunden! \
(War’s das Licht wohl, das er strahlen sah?) \
Und sein erster Hauch des ew’gen Lebens, \
War’s ein fortgesetzt „Hallelujah?“

„Christus ist mein Leben,“ stimmte brechend \
Noch sein Herz in’s Chor der Brüder ein; \
Nun singt er mit jenen Engelchören \
Ihm, der Mensch ward – o wie wird ihm seyn!

Er stimmt ein: „Gott sey im Sohne Ehre! \
An den Menschen Wohlgefallen nun! \
Und Sein Friede walte auf der Erde, \
Möge bald auf allen Völkern ruh’n!“

In der Nähe und in weiter Ferne \
Fließt wohl manche Throne, die ihm quillt; – \
Ja, wenn’s Thränen noch dort oben gäbe, \
Wär’s des Dankes Thräne, die ihm gilt.

Welch‘ ein Wiederseh’n mit jenen Boten, \
Die dem Seligen vorangeeilt, – \
Welch‘ Lobpreisen uns’rer Jesu Liebe, \
Der die Herrlichkeit mit ihnen theilt!

Dort mag wohl noch ein gemeinsam Wirken \
In des HErrn Kraft für Sein Reich besteh’n! \
Der Verband in Jesus hier und droben \
Dauert fort, bis wir Ihn kommen seh’n.

Bleib‘, Herr Jesu, bleib‘ mit Deiner Treue \
In dem lieben, vaterlosen Haus! \
Fülle mit dem Reichthum Deiner Gnade \
Selbst die fühlbar große Lücke aus.

Eine Freundin des Entschlafenen.

Trost am Grabe.

Brüder! unser aller Freund, \
Unser Vater ist entschlafen, \
Herz und Auge bitter weint, \
Daß uns solche Schläge trafen. \
Ach wie dieser treue Hirt‘ \
Uns so schmerzlich mangeln wird!

Ist er auch von uns nicht fern, \
Von den Seinen nicht geschieden, \
Ist am Reiche seines HErrn \
Höh’rer Antheil ihm beschieden, \
Steh’n wir dennoch tief betrübt: – \
Er hat uns so treu geliebt!

Ach, wir tragen weinend hin \
Diese nun entseelte Hülle, \
Ferne Brüder mit uns zieh’n \
Auch im Geist zur Grabesstille; \
Ihre Thräne mit uns rinnt. \
Weil wir ja verbunden sind.

Doch beim Aufblick zu dem HErrn \
Trocknen wieder unsre Thränen; \
Was uns drücket nah und fern \
Weiß Er ja, – Er stillt das Sehnen, \
Er, der zu den Heiden spricht: \
Mach dich auf, und werde Licht!

Seine Sache läßt Er nicht, \
Boten sollen ferner gehen; \
Wenn den Schwachen Kraft gebricht, \
Werden Seine Winde wehen; \
Nimmer fehlt’s an Rath und Thal \
Wenn der Hirte selber naht.

Ein Freund des Verstorbenen.

Bartholomäus Ziegenbalg

Bartholomäus Ziegenbalg.

Das südasiatische Wunderland, seit Jahrtausenden Gegenstand neugieriger Einbildung, Schooß der Fabeln, Ziel religiöser Eroberungen und andrer Unternehmungen – Ostindien, von dem alle andere Indien genannt sind, war soeben aus dem Seewege den Europäern zugänglich geworden, als die Reformation der Kirche durch das Evangelium zu Stande kam. Noch dauerte es lange Zeit ehe die Mission des Evangeliums an dortigen Küsten landen konnte. Erst mußten evangelische Völker, See- und Handelsmächte, mußten Holländer, Engelländer, Dänen die indischen Meere beschissen, hier und da eine Insel oder das festländische Ufer mit Niederlassungen besetzen; auch dann noch währte es, wenigstens was das eigentliche Ostindien betrifft, eine gute Weile, bis diese Europäer gegen die dort eingetauschten Güter das Beste, was sie daheim hatten, einführten. Als aber der Dänen-König, Friedrich IV., wirklich den ihm als Kronprinzen von Lütken aus Berlin erweckten menschenfreundlichen Gedanken wieder aufnahm, seine heidnischen Unterthanen auf der Küste Chyromandel mit der Botschaft des Heils zu versehen, und zugleich für die angrenzenden Völker etwas anzubahnen, ward kein Däne noch ein Holländer oder Engelländer zum Manne der Ausführung gewählt, sondern einem Deutschen, einem Sachsen, Ziegen balg mit dem apostolischen Vornamen Bartholomäus, war es vom Herrn verliehn, Bahnbrecher der evangelischen Mission für Ostindien zu werden. Seine Mitarbeiter und die mehrsten seiner Nachfolger im Laufe des 18. Jahrhunderts, den größten Chr. Fr. Schwarz (gest. 1798) nicht ausgenommen, waren von derselben natürlichen und geistlichen Abkunft; denn die meisten Fäden des angesponnenen Missionswerkes liefen damals auf die Männer zurück, welche in der Kirche nach dem Reiche Gottes gesucht und alle treibenden Gedanken der Verkündigung des Heils wieder aufgeweckt hatten, auf Spener und Francke. Vor dem Ersten Theile der seit 1708 erschienenen und später zusammengestellten Berichte der Königl. Dänischen Ostindischen Missionarien findet sich die Abbildung eines Geistlichen, der in den feinen und doch überaus kräftigen und muthigen Zügen seines Angesichts viel deutlicher als durch den pröbstlichen Anzug, was er gewesen, ankündigt. Die Unterschrift heißt: Bartholomaeus Ziegenbalg, Misnensis Saxo, ecclesiae ex Indis collectae Praepositus, B. Z., aus dem Meißnischen, Probst einer indischen Kirche.

Da er ein Erster in der Art und Ausführung seines Berufes wurde, so verdient es desto mehr Beachtung, daß seine ganze Jugendgeschichte schon recht absichtlich von oben her auf Ordination zum Missionar angelegt erscheinen kann. Geboren den 24. Juni a. St. 1683 zu Pulsnitz in der Oberlausitz und sehr bald Waise mußte Bartholomäus schon als Kind von solchen Eltern, wie sie ihm geworden waren, den Eindruck tiefen christlichen Ernstes empfangen haben. Hatte der Vater sich seinen Sarg bei Lebzeiten zimmern und aufstellen lassen, und gab, der Rettung wegen als Kranker während der Drangsal einer Feuersbrunst dareingelegt alsbald den Geist auf; hatte die Mutter den an ihrem Sterbelager stehenden Kindern von einem Schatze geredet, welchen sie hinterlasse, und damit die Hausbibel gemeint, in der sich kein Blatt finde, das nicht von ihren Thränen befeuchtet worden; war endlich die älteste Schwester, die den Knaben aufzog, von ähnlicher Gesinnung: so läßt sich desto eher begreifen, was über ihn berichtet wird, daß ein Verlangen, dem Herrn zu dienen, schon seine frühe Jugend erfüllte. Oft und gern ging er in’s Freie und stieg auf die Höhen, warf sich zum Gebete nieder und flehte um Weisheit. Der Wissenschaft wegen, mit welcher er ebenfalls frühe scheint großen Ernst gemacht zu haben, mußte er gelehrte Schulen besuchen. Camenz, Görlitz, Berlin haben ihn auf Halle vorbereitet, wo er im J. 1703 das Studium begann. Alles aber, was wir an dem Knaben und Jünglinge während seines Schulweges wahrnehmen, erscheint weniger wie Vorbereitung auf Halle als wie Vorbereitung auf Trankebar, seinen nachmaligen Missionsposten. Verhöhnt der frommen Lebensweise wegen von den Altersgenossen in dem Grade, daß es ihm nach und nach unerträglich dünkte, fand er an einem reiferen gleichgesinnten Mitschüler noch zu rechter Zeit Beistand; denn dieser lehrte ihn, Alles über sich ergehen zu lassen. Andre Anfechtungen hatte er allein mit dem Herrn zu bestehen, nachdem der menschliche Schutzgeist von seiner Seite gegangen war; nämlich bei fortgesetztem Studium der h. Schrift war ihm theils sein eignes natürliches Verderben, theils die Ausartung des damaligen Lehrstandes in so abschreckender Gestalt vor die Seele getreten, daß er an dem gewählten Berufe verzagte. Fast ein Jahr hindurch hatte er mit Schwermuth und den falschen Hülfen zu kämpfen, welche man dagegen aufbot; bis ihn der Herr von diesem Uebel ganz von innen heraus genesen ließ. Jetzt mußte er so schließen: gerade, weil der Verfall des geistlichen Standes so groß ist, geziemt es dir destomehr und nicht destoweniger diesem Berufe dich ganz zu ergeben. Der Jüngling konnte sich nicht lange bedenken, welchem Rather er sich eines gründlichen Verfahrens wegen anzuschließen habe. Damals gab es einen Studenten-Vater in Deutschland, einen Helfer und Führer christlich angeregter Jünglinge wie kaum vor ihm oder nach ihm einen andern; an den Professor der Theologie zu Halle August Herman n Francke wandte sich der Gymnasiast, und nicht vergebens. Francke leitete ihn nach Berlin; dort im Friedrichsgymnasium unter den pflegenden Händen des frommen und geistreichen Rectors Dr. Lange fand sich der Boden, in welchem die immer noch zarte Pflanze gedeihen und zu ihrer Blüthe und Frucht auswachsen konnte. Und doch war noch eine schwere Vorprüfung zu bestehen. Dasselbe Unterleibsleiden, welches in späterer Entwickelung die Tage seines dennoch reichen Lebens so schmerzlich verkürzte, war Ursache, daß er noch einmal nahe daran war, den geistlichen Beruf mit einem andern zu vertauschen. Er gedachte Landmann zu werden. Säemann mit Thränen ist er auch wirklich geworden und hat auch mit Freuden geerntet. Seine Freunde wußten ihn von Berlin und Halle aus vor zu schnellem Entschluß zu bewahren, und Francke vermochte es seine Bedenken abermals zu heben; man verschaffte ihm zu Merseburg und Erfurt Anstellungen, wo die Unterrichtsarbeiten mit erholenden Reisen wechseln durften. Und wie mußte nun wohl der zwanzigjährige Jüngling, der die akademischen Studien nicht einmal ganz vollendet hatte, bei persönlicher Bekanntschaft dem unbefangenen Kennerauge des Halle’schen Meisters erschienen sein, wenn dieser im Stande war, ihn dem Könige von Dänemark, der unerwarteter und noch unerhörter Weise einen ersten Boten des Evangeliums für die Tamulen von Halle verlangte, vor allen Andern mit Zuversicht zu empfehlen? Was Ziegenbalg betrifft, so willigte er nach einigem Widerstande herzlich ein. Neben ihm wurde der Mecklenburger Heinrich Plütschau dazu ausersehn, denn der Herr liebt je zwei auszusenden. Aufmunterungen für solchen Beruf gab es zu dieser Zeit, wenn sie nicht im reinen vollen christlichen Gedanken lagen – keine. Von Erfolgen evangelischer Heiden-Mission wußte man nicht. Die übrigen Missionen des Dänen-Königs und die Sendungen der Brüdergemeine waren künftige. Was ein halb Jahrhundert früher der Neu-Engelländer John Eliot, der berühmte Pfarrer von Rorbury b. Boston für die nordamerikanischen Heiden unternommen und ausgeführt hatte, wurde in Deutschland erst einige Jahre nach Ziegenbalg’s Tode bekannter. Unsere Anfänger mußten daher einen vom Heerde der gläubigen Liebe und der Schriftgelehrsamkeit zum Himmelreich, wie er in Halle bestand, reichlich genährten Brand im Herzen tragen, wenn sie die Kalte aushalten wollten, mit welcher die damalige Kirchenwelt und Theologie ihr Beginnen aufnahm. Von einer berühmten Universität her gab man ihnen den Namen Schwärmer, unberufene Apostel, mit auf den Weg; insgemein galten sie für Narren, und in Kopenhagen, von woher doch der Ruf gekommen, wurde, vom Könige, vom Rathgeber desselben in diesen Sachen, dem Dr. Lütken, und einigen stillen Freunden abgesehen, wenigstens die Vergeblichkeit und Unfruchtbarkeit des Unternehmens vor den Ohren des berufenen Paares mit Härte ausgesprochen. Zu der Zeit war es ein anderer Entschluß als heute das Vaterland und Europa zu verlassen und mit dem fabelhaften Indien zu vertauschen. Ziegenbalg ließ es sich damals schon sagen und sagte es sich selbst, wiederholte es dann noch öfter, es müsse genügen, wenn auch nur Eines Heiden Seele dadurch gerettet würde.

Sie segelten dann am 29. November 1705 nach dem Lande ab, das der Herr ihnen zeigen sollte, und kamen nach Aufenthalt am Cap der guten Hoffnung, wo der Anblick der Hottentotten (denen noch lange kein Schmidt, kein v. d. Kemp kommen sollte) sie eher ermuthigte als niederschlug, nach sieben Monaten Reise bei der Dänisch-ostindischen Niederlassung in Trankebar (Tarangen badi) an. Sie hatten eine stürmische und dennoch glückliche, fröhliche Reise hinter sich; Ziegenbalg beschreibt im Briefe vom Cap aus den Reichthum der Erscheinungen auf dem Meere und kündigt eine Schrift über die Zusammenstimmung der Natur- und Gnadenwunder Gottes an, welche er während der Fahrt verfaßt. Voll Verlangen nach den Heiden blickten sie nun auf die vor ihnen liegende Stadt, Ursprünglich gehörte der ehemals kleine Flecken zu dem der Mongolischen Herrschaft zinspflichtigen Fürstenthume Tanschur. Die Dänen hatten ihn des Handels wegen im J, 1620 käuflich erworben, mit Mauern und Castell versehen und rechneten etwa noch 27 Dörfer in der Nachbarschaft zu ihrem Gebiete. Da regierten die dänischen Handelsherren und der Commandant Kassius eine Bevölkerung von Nord-Europäischen Weißen, halbweißen Portugiesen, Muhamedanern und eine Mehrzahl von tamulischen Hindu’s, welche alle in ihrer Weise in Kirchen, Moscheen, Pagoden Gott verehrten. Die Aufnahme, welche unsere Boten bei ihren europäischen Landsleuten fanden, war im Grunde keine; dagegen gab sich die Anziehungskraft, welche sie und die schwarzbraunen Malabaren auf einander übten, sofort zu erkennen. Daß sie Boten des heimischen Königs waren, hatte noch nicht viel zu bedeuten; Colonieen lagen dem Mutterlande damals noch ferner als jetzt, königliche Befehle verloren an Kraft, ehe sie ihre Bestimmung erreichten. Ein äußerliches Staatskirchenthum genossen die Dänen zu Trankebar so gut als die Holländer am Cap. Mehr verlangte man nicht. Einen Verkehrs-Artikel aus dem Christenthume zu machen, schien, dieses Unternehmen im reinsten und ernstlichsten Sinne genommen, auch den deutschen Kaufleuten gar zu bedenklich, welche doch vor Allen sich hätten der Ankunft dieser Missionarien freuen können. Was aber die Malabaren betrifft, so scheint es, sie wurden in demselben Grade, in welchem ihnen das Christenthum durch die Christen verächtlich geworden, zumal durch Ziegenbalgs Persönlichkeit, schon ehe er noch in ihrer Sprache sein apostolisches Gemüth offenbaren konnte, höchlich erbauet. In der That ist dieser Mann, den Jahren nach noch sehr ein Jüngling, nur nach Trankebar gekommen, um da als in seinem rechten Lebenselemente sich zu bewegen. Von Stund an wird er, was er auch bleibt, die Seele des ganzen Unternehmens, ohne sich über seine nächsten Mitarbeiter, Plütschau und dann Gründeler, zu erheben; vielmehr wird die innige Brüderlichkeit, welche sie untereinander in Leid und Freude vor dem Herrn und vor den Menschen zusammenhält, ein Bestandtheil der Erbauung, welche sie Christen und Heiden gewähren, Ziegenbalgs hohe natürliche und geistliche Gaben treten nun ins Licht; das recht ausgewählte Rüstzeug läßt sich nicht allein am großen Gebets- und Glaubensmuthe den sich aufthürmenden Hindernissen gegenüber, und nicht nur an der bewundernswerthen Sprachengabe und Schriftgelehrsamkeit, welche ihm zu Gebote steht, erkennen, sondern an vielen andern unschätzbar wichtigen Eigenschaften eines den Nachkommen zum Vorbilde gesetzten Heidenboten. Welches kühne, tapfere Vordringen, und doch so viel Mäßigung und Besonnenheit! Welche Schlangenklugheit bei so großer Einfalt und Wahrhaftigkeit! Die tiefbewußte göttliche Ueberlegenheit der Lehre und des Kreuzes Christi verbunden mit der herzlichsten Liebe zu den elenden Heiden macht ihn eben so ungeduldig, ihnen an’s Herz zu fassen, ihnen ihr Verderben ganz aufzudecken, als erfindsam, sie wie der erste aller Heiden-Apostel mit ihren eignen Waffen zu schlagen.

Bei solchen Gaben und Gesinnungen mußte der Erfolg seiner Sendung zur Hälfte schon verbürgt sein, wenn Ziegenbalg das Hinderniß der fremden Volkssprache überwunden hatte. Anfangs schien es, die portugiesische Sprache werde hinreichen, um einen Verkehr mit den Heiden zu gewinnen, denn sie hatte, wie fast sämmtliche Seestädte Ostindiens auch Trankebar inne, auch machte es schon Mühe genug, sich in ihren Besitz zu setzen, da die Missionare nur etwas Dänisch vom Schiffe mitbrachten: allein der unermeßliche Vortheil, den es giebt, dem Volke in seiner Sprache zuzureden, mußte einleuchten. Schon im September des ersten Missionsjahres legten sich Beide auf das tamulische oder malabarische; nach acht Monaten hatte die außerordentliche Betriebsamkeit und Gabe Ziegenbalg’s unterstützt von einigen günstigen Umständen persönlicher Bekanntschaft schon gesiegt. Bald durfte er sich in Briefen an Berliner Freunde das Zeugniß geben, er sehe es kommen, daß er sich darin so frei, wie in seiner Muttersprache bewegen werde. Nicht genug, daß dies an sich schon an den weißen Fremdling heranzog, denn man wird bald gewahr, daß ihm das Land und jedes Ruhehaus auf Reisen der Sprache wegen offen steht; er vermag nun auch, was er so eifrig thut, dies in Wissenschaft und Kunst weitgediehene Volk in seinen angeerbten Meinungen ganz auszufinden, die Brammen mit braminischer Gelehrsamkeit zu beschämen und ihnen all‘ ihre Widersprüche urkundlich aufzudecken; das meiste noch ist, daß er jetzt viel vollkommener als es den Katholiken gelungen war, die Bibel tamulisch reden machen, und zumal seit eine Presse für tamulische und portugiesische Schrift von Europa herüber gekommen ist und der mühsamen Abschreiberei ein Ende gemacht hat, ein malabarisches Schriftwesen begründen kann, welches den evangelischen Unterricht und Gottesdienst hinreichend unterstützt. Die Heiden lasen nun bald Luthers Katechismus, lernten evangelische Kirchengesänge, hörten die Dänische Liturgie (von welcher Ziegenbalg, um den Deutschen Kirchenmännern, die ihn der Neuerung verdächtigten, den Mund zu stopfen, nicht ablies) in ihrer Sprache. Dabei ging selbst die europäische Wissenschaft von der Sprache und Bildung Ostindiens nicht leer aus. Aber wie viel hatte Ziegenbalg Bücher von seinem erspartem Gehalte ankaufen, abschreiben, lesen und wiederlesen müssen, während doch schon seinen Tag viele Lehramtspflichten besetzt hielten, ehe er konnte eine tamulische Sprachlehre, zwei tamulische Wörterbücher, eins von 40.000, eins von 20.000 Wörtern, und dergleichen mehreres zu Stande bringen; unangesehn, daß es ihm Pein machte, den Schmutz einer so unzüchtigen Litteratur, als die indische war, zu durchwaden. Man kannte damals im germanischen Europa die innern ostindischen Zustände fast gar nicht; in Widerspruch mit dem spätern Wahne, die Quellen aller göttlichen und menschlichen Weisheit seien dort zu suchen, dachten sich die Deutschen bei dem Namen der Hindu’s kaum etwas anders als eben irgend ein Heidenthum ohne Staat und Wissenschaft. Ziegenbalg verfaßte viele Schriften in der Absicht, seinen Landsleuten eine Borstellung von dem Bildungsgrade und Bildungselende der Indier beizubringen, und dadurch Aufmerksamkeit, Mitleid und Mitwirkung zu erregen. Nicht weniger wünschte er für die nachfolgenden Boten des Evangeliums den Weg der Vorschule zu verkürzen.

Unterdessen hatte die Mission, ehe die Sprachen erlernt waren, ihre Thätigkeit begonnen. Man empfing Besuch in der gemietheten Wohnung von Muhamedanern und Tamulen, man hielt auch Umgänge, indem etwas Portugiesisch und Dolmetschung die Verständigung hergaben. Dabei leistete Modaliappa, wie ihn die ersten Berichte schreiben, ein heruntergekommener Reicher von fürstlicher Abkunft Dienste, ein Mann, der mit ebenso großer Sehnsucht und Wißbegierde nun an die Missionare sich anhing, wie zuvor an jede Spur europäischer Bildung. Mit dem Fortschritt in der Kenntniß und Uebung der Sprachen erweiterte und vervielfältigte sich der Arbeitskreis, nachdem im ersten Jahre fünf Heiden, im folgenden vierzig für das Christenthum gewonnen und getauft worden waren, außerordentlich. Zum innersten Heerde der Mission diente die häusliche Betstunde, welche die Arbeiter zu ihrer Erquickung alltäglich hielten, und eine andre, zu welcher sie Hausgenossen und Freunde zuließen. Angeregte Deutsche drängten sich dazu, und fast scheint es, der dänische Befehlshaber habe die Mission Ziegenbalgs von den Heiden ablenken und auf die deutschen Einwohner beschranken wollen, als er sie einlud in der Zionskirche, die der Dänen-Gemeine gehörte, einen regelmäßigen deutschen Gottesdienst zu halten. Denn Hindu’s gingen sicher in keine europäische Kirche, und in der Missionswohnung den deutschen Gottesdienst zu halten, war nicht gestattet worden. Sogern nun sich die Missionare dazu hergaben, so wenig ließen sie sich abhalten an der Heiden-Gemeine zu bauen, welche der Sprache wegen in allen Classen und Stufen des Unterrichts, in Predigt und Gottesdienst eine zwiefache, eine portugiesische und eine tamulische werden mußte. Nach und nach hatten sie zwei geräumige Wohnungen erworben, und ein Kirchlein erbauet, und einen Dienst am Worte mit Kinder-Unterricht in drei Sprachen, mit portugiesischen und tamulischen Katechumenen-Unterrichte, mit öffentlichen Katechisationen und dreifachem Predigtgottesdienste angerichtet, ohne daß sie aufhörten unter den Heiden in der Stadt und aus Dörfern mit der Botschaft des Heiles einherzugehen und dabei christliche Schriftchen auszutheilen. Dieses Werk erforderte, wie Ziegenbalg in Briefen bekennt, zu Zeiten übernatürliche Darreichung von Kraft, hatte aber auch einen sichtbaren Segen, zunächst den, daß sie wirklich mit allen Religionen, Nationen und Sprachen der Einwohnerschaft in Berührung kamen. Denn sogar die Katholiken und Muhamedaner wurden an den Fenstern und Thüren der Jerusalemskirche ihre Zuhörer und sie verfehlten nicht die Vorträge auch darauf einzurichten. Sie thaten keine Wunder in der Weise des h. Xavier, aber der Herr wirkte durch die Hände ihrer betenden Treue und Selbstverläugnung große Wunder, selbst in den Augen der Widersacher. Denn woher kamen ihnen die Mittel Häuser und Gärten zu kaufen, Kirchen zu bauen, und was viel mehr sagen wollte, den Unterhalt für alle die Kinder, Schüler, Katecheten und Lehrer, Diener und Dienerinnen, eine stets wachsende Missionsfamilie, aufzubringen? Die Heiden, die dem Herrn zufielen, verloren in der Regel ihre vorige Nahrung. Was sich die Missionarien von selbst verboten haben würden, Geld von den Heiden zu nehmen, war ihnen durch ihre Instruction verboten. Als ihr Gehalt waren 200 Thlr. ausgesetzt, eine Summe, die ihnen durch Schuld übelgesinnter Behörden oft nicht zeitig ausgezahlt wurde; auch die vom Könige später bewilligten Zuschüsse für das Missionswerk von Trankebar kamen nicht regelmäßig an und fehlten noch, als man die Kirche baute, so daß die Widersacher eines so eitlen Unternehmens spotteten. Zuweilen war des Morgens kaum ein Fano (zwei Groschen) im Hause, und man wollte doch leben. Allein in der christlichen Schule, aus welcher Ziegenbalg herkam, galt der vornehmlich von den Erfahrungen Aug. H. Francke’s abgeleitete Lehrsatz, bei einem Nothwerk der Liebe zu Ehren des Herrn, könne man, sich selbst nur der Opferfreudigkeit bewußt geworden, sagen, Sorge du, und entweder mit einem Nichts anfangen oder mit wenig Broten an die Speisung von Tausenden gehen. In der That füllte der Herr in einer langen Reihe von Beispielen, die in den Tagebüchern verzeichnet stehen, jeden Mangel aus und bekannte sich zu den oft gemachten Schulden. Erwartete Schiffe, Briefe, Gelder blieben aus, ganz unerwartete trafen ein und schütteten Thau des Trostes auf das schmachtende Land. Eine Wunderhülfe veranlaßt die andre. Denn jemehr man sich in England, in Berlin, Halle und Kopenhagen von dem Segen überzeugt, den die Missionare bei bitterster Armuth und Verlegenheit gehabt, desto angelegentlicher wird dort für Trankebar gesammelt. Aber auch Trostbriefe ohne Geld, jubelnde und mahnende Bezeugungen der Theilnahme von Europa her, vor allen die Schreiben der Gesellschaft zur Fortpflanzung der christlichen Erkenntnis, und der apostolische Sendbrief Francke’s an die neue christliche Gemeine aus den Heiden gereichten den zuweilen ermatteten Kräften zur Hebung. Aller nur irgend Empfänglichen in Deutschland hatte sich, wie aus diesen Schriften, welche uns heute noch vorliegen, erhellet, ein geistliches Entzücken auf die Nachrichten von der ostindischen Misston bemächtigt, und wie verhielt es sich nun mit der verdächtigenden These des gelehrten Magisters, der Mammonsdienst der Ostindienfahrer habe neuerdings einige sogenannte Apostel nach sich gezogen? Die Anfechtungen des Werkes (wie die Mission vorzugsweise genannt wird) trafen immer zunächst Ziegenbalg, wiewohl die Berichte in den meisten Fällen den Namen erschwiegen. Am Bekanntesten ist, daß er gerade als er die tamulische Uebersetzung des N. T. begonnen hatte, auf Befehl des dänischen Commandanten verhaftet und auf dem Castelle eingekerkert wurde, mit dem ausdrücklichen Verbote, im Uebersetzungswerke nicht fortzufahren. Die Beweggründe, die den Befehlshaber bestimmten, eine dem königlichen Willen und der Gerechtigkeit zuwiderlaufende Maaßregel zu ergreifen, bleiben in Dunkel gehüllt, weil Zartheit und Versöhnlichkeit die ersten Berichterstatter abgehalten hat alles herauszusagen. Die Hände des Gebundenen ruheten nicht, Ziegenbalg schrieb im Gefängnisse zwei Aufsätze, den einen über den allgemeinen Christenstand, den andern über den christlichen Lehrstand. Und was das wichtigste ist, er selbst machte sich durch den Gehorsam gegen die ungerechte Obrigkeit, durch die unbestechliche Zeugnißtreue, welche er dem Commandanten gegenüber im Briefwechsel behauptete, vornehmlich durch die rührende Versöhnung des Mannes, jenes Standes, dessen Pflichten und Rechte er beschrieben hatte, nur noch würdiger. Mit der Gefangenschaft endigten noch keineswegs die Mißhelligkeiten und bösartigen Hinderungen, welche die Mission von jener Seite her zu bestehen hatte, so ernstliche Schutzbefehle auch von Zeit zu Zeit von Kopenhagen angekommen waren. Die Mission hatte Stationen ihres Schulwesens auf einigen Dörfern angelegt; aber allem Ansehn nach geschah es im Einverständnisse mit den Behörden, daß heidnische Haufen den Bau hinderten oder wieder zerstörten. Um dennoch die erworbenen Grundstücke zu nutzen, führten die muthigen Missionare ihre Schulkinder hinaus, hielten im Freien Unterrichtsstunden mit ihnen und die dadurch angezogenen Heiden hörten zu.

Indessen hatte sich der Ruf von der tamulischen Predigt des Evangeliums und von der Person des Predigers in Trankebar im Reiche Tanschur und nach andern Richtungen hin verbreitet. Die seit Jahren verfolgten Katholiken jenes Landes kamen zu Ziegenbalg, Trost und Zuflucht bei ihm zu suchen. Letztre konnte er leider nicht gewähren. So aber wie er seinen Beruf fühlte, nämlich das Evangelium als ein verordneter Diener des Herrn soweit wie möglich den Ohren und Herzen der betrogenen Heiden nahe zu bringen, und wo möglich auch die träge Gewissensruhe der Führer des Volks aufzustören, trieb ihn der Geist über die Grenzen des dänischen Gebietes. Folgen wir ihm da. Diese kleinen oder größern Unternehmungen und Reisen lassen ihn am meisten sehen wie er ist. Ziegenbalg wagte sich zeitig gleichsam ‚als Kundschafter nach Tanschur, ohne das durch Zollstätten gegen Fremde abgesperrte Land Zeit seines Lebens für die Mission erobern zu können. In südlicher Richtung hatte er nur eine Tagreise nach Negapatam, einem holländischen Hauptsitze, und dahin haben ihn bei freundlichem Verhältnisse mit den holländischen Herren mehrere Reisen geführt. Auf den Zwischenorten wurde hin und her mit den Heiden verhandelt. Eine viel ergiebigere Verbindung knüpfte sich zwischen Trankebar und der Stadt und dem Gebiete von Madras. Dort gab es engelländische Ansiedelung, auf Neben- und Zwischenpuncten auch holländische. Seit nun die dänischen Missionare, insonderheit Ziegenbalg den Sprachschlüssel zur Aufschließung indischer Herzen errungen hatte, und dieß in England bekannt worden war, ruhete die genannte Gesellschaft für Fortpflanzung der Erkenntniß Christi nicht, bis sie auf dem viel weiteren und offneren engelländischen Gebiete Ostindiens eine Nachfolge auf der Spur der Mission von Trankebar bei Predigern und Freunden des Evangeliums erweckt hatte. Dazu gehörte die persönliche Gegenwart Ziegenbalgs, und dieser war nicht ein Mann, der lange auf sich warten ließ. Hier und von hier aus hat er zu verschiedenen Zeiten Katholiken, Armeniern und Heiden, besonders vielen auf tamulische Predigt gespannten heidnischen Haufen unter Verbreitung biblischer und andrer Schriften Christum verkündet. Von hier aus ist er auch ins Mongolische eingedrungen, hat sich auf den dem h. Thomas geweihten Bergen aufgehalten, und von da manchen Brief nach Europa datirt. Außerhalb der Stadt Trankebar erscheint er in weißem Gewande, überhaupt indisch gekleidet und mit Reise-Dienerschaft, geht nicht leicht ein sogenanntes Ruhe-Haus vorüber, am wenigsten die bei den Götzentempeln versammelten Volkshaufen; oft sucht er die Stätten, wo er Braminen (die Männer vom religiös privilegirten Geschlechte, welche aus dem Gehirn des weltschaffenden Gottes Brama entsprossen sind) zu finden hofft, absichtlich auf. Nicht nur die Volkssprache, in der er Gespräche mit allen Classen an eine zufällig vorliegende Sache anknüpft, und der Ruf von einer neuen Religion, der ihm vorangehet, verschafft ihm durchgehends offne Ohren, sondern auch die gründliche, die Braminen übertreffende Erkenntniß des abgöttischen Zustandes und Volksglaubens, welchen er straft, und die furchtlose Geradheit im Fragen oder Antworten, womit er es thut, setzen in Erstaunen. Durchweg fühlt er sich als einen hier auftretenden Priester des wahren lebendigen Gottes, und verlangt in dieser seiner Eigenschaft offene Thür und Anerkennung. Ziegenbalg hatte zu Trankebar zeitig muhamedanische Besuche empfangen; so war ihm bekannt geworden, daß nicht sehr fern ein Einsiedler, angeblich Sprößling der Familie Muhameds wohne, den die Anhänger dieser Religion beinahe anbeteten. Bald machte sich der Missionar auf, ihn zu besuchen. Er wird angenommen, aber er soll – und diesen Anspruch macht der Heilige selbst, auch noch bei wiederholten Besuchen – Diener und Sonnenschirm zurücklassen, vornehmlich seine Schuhe ausziehen, sogar der König von Tanschur thue das, hier sei heiliges Land. Aber nichts von dem Allen; es gezieme wohl Gott, ist Ziegenbalgs Antwort, dem Moses dergleichen zu gebieten, aber ihnen nicht, am wenigsten könne ein Priester Gottes dem Muhamed eine solche Ehre erweisen. Das Murren wird beschwichtigt und ehe man sich es versieht, sitzt der Apostel des Evangeliums schon zur Seite des in Sammt und Gold gekleideten Heiligen, Dieser will sich rächen und legt dem Missionar wunderliche Fragen vor. Ziegenbalg beantwortet ihm ohne Zögern alles, geht aber endlich selbst ins Fragen über. Es frage sich, was denn Heiligkeit sei, wenn man ein Heiliger sein wolle. Der unwissende muß nach und nach verstummen und nun den Weg zur Heiligkeit und Seligkeit sich predigen lassen, aber sie scheiden dennoch in Freundschaft. Auf einer Reise nach Negspatam durch das Gebiet von Tanschur wird der Missionar an einer Zollstätte angehalten. Die Brahminen zahlen keinen Zoll, wie vielmehr, schließt Z., muß ein Priester des wahren Gottes zollfrei reisen dürfen. Im Gegentheil, antworten die Zöllner, ein Verführer des Volkes sollte doppelt zahlen müssen. Nachdem sie aber seine Predigt ausgehalten, lassen sie ihn dennoch frei passiren. Ein andres Mal nähert er sich einem Haufen Heiden, welche um eine Pagode versammelt sind, ohne sein Haupt zu entblößen; Volk und Brahminen stürmen auf ihn ein und fordern, daß er dem Gotte die schuldige Ehrfurcht erweise. Er verwahrt sich aber feierlich gegen das Vorgeben, dieser Götze sei Gott und irgend einer Ehrenbezeugung würdig; der Ausgang ist ein Zweifeln auf Seiten des Volkes, eine Beschämung der Brahminen, und ein Muhamedaner, der eben gegenwärtig ist, tritt seinen Ausführungen gegen die Heiden ausdrücklich bei. Von Madras aus war Ziegenbalg auf seinen apostolischen Wegen in eine entlegne Stadt vorgedrungen, welche unter einem muhamedanischen Oberen stand. Kaum hatte er vor einer großen gespannten Versammlung seine Verkündigung begonnen, als schon Warnungen von der Obrigkeit eintrafen, die seine Freiheit und sein Leben bedroheten; erst aber nach beendigter Predigt nahm Ziegenbalg seinen offnen freien Rückzug durch Markt und Straßen, ohne daß jemand Hand an ihn legte. Gemeiniglich war das in der Sprache der Heiden abgefaßte Schreiben, welches die Missionare von Trankebar an das indische Volk gerichtet, seiner Ankunft schon vorausgegangen. Ziegenbalg hielt damit nicht zurück; sandte es an Fürsten und Obrigkeiten, erstattete sogar damit die Neujahrs-Wünsche, welche ihm von ausgezeichneten Indiern in Trankebar dargebracht worden waren, obgleich die das Land drückende Abgötterei darin aufgedeckt und die Ermahnung, der jetzt für Indien angebrochnen Heilszeit wahrzunehmen, mit allem möglichen Nachdruck ausgesprochen war. Zuerst hatte ein holländischer Herr zu Negapatam den Missionar mit einer großen dazu eingeladenen Anzahl von Brahminen in Gemeinschaft zu einem Religionsgespräch versetzt. Von daher datirte ein fortgesetzter reicher Briefwechsel zwischen ihm und den indischen Gelehrten, der noch vor uns liegt. Vornehmlich aber die aufbehaltenen Auszüge aus seinen gelegentlichen Unterredungen auf Reisen beweisen die ausgezeichnete Gabe des deutschen Predigers, das Geschäft der Ueberführung schnell und kräftig auszuüben. Redet man ihm von dem großen Umfange, in welchem die Religion Muhameds oder die indische herrsche, so fragt er, ob es ihre Meinung sei, daß in irgend einem Volke die Zahl der Guten die Zahl der Bösen überwiege, oder etwa das umgekehrte^ und so drängt er sie bald zu dem Geständnisse, auf die Zahl komme es in Sachen der Wahrheit und des Gewissens nicht an. Unzählige räumten alles mögliche ein, nur nicht, daß der Hindu während des jetzigen Welt-Zeitalters geistige Kraft zur Sinnesanderung genug besitze, dieses müsse erst vorübergehen; allein er hielt ihnen ausführlich vor: Jetzt sei die angenehme Zeit und das Jahr des Heils eben gekommen, und da man allezeit während dieser Zeit sterbe, so sei auch allezeit für der Seelen Seligkeit zu sorgen. Die Brahminen wenigstens wollten nie zugestehen, daß ihnen die Einheit des unsichtbaren Gottes fremd sei, nur vergegenwärtige er sich vielfach und dieß sei nothwendig, wenn er verehrt werden wolle von sinnlichen Menschen. Von jedem solchen Versuche der Rechtfertigung des abgöttischen Dienstes nimmt Ziegenbalg in neuer Wendung Anlaß, die Kenntniß der indischen Götter, Fabeln, Ceremonieen und Gesetze, die er sich erworben, an ihrem Schaamgefühl zu erproben; denn da diese Götter nach ihren Thaten beurtheilt, schlechter und unreiner als die Menschen seien, so lasse sich schließen, ob und welch ein einiger Gott sich in ihnen vergegenwärtige. Ein letzter Vorwand pflegte zu sein, jede Nation bedürfe und habe ihre eigne Religion, wogegen der Bote Gottes ausführte, es gebe aber alles, was zur Religion am meisten gehöre, nur in der Einzahl, Gott, Menschheit, Welt, Erlösung, rc.; und wenn sie nun geltend machten, es fehle auch in ihrer Mitte nicht an Leuten, welche nur für die andre Welt lebten, Heilige, Enthaltsame, Einsiedler, und diese seien von den Christen kaum zu unterscheiden, so verstand er es trefflich ihnen zu zeigen, daß man eben nur für diese Welt recht tauglich und gut durch himmlische Gesinnung werde. Zwar zählte die Gemeine aus den Heiden, als Ziegenbalg im J. 1714 nach Europa reiste, nur einige Hundert, aber die Zahl der Katechumenen wuchs von Jahr zu Jahr, und in einem weiteren Sinne waren seine Katechumenen schon nicht mehr zu zählen, nämlich diejenigen, welche ausdrücklich sich es gelobten, christlich zu leben ohne die Nationalsitte brechen zu wollen und zu können.

Viele Gründe bewogen ihn im achten Jahre seiner Mission das Mutterland derselben zu besuchen, der hauptsächlichste bestand in der Hoffnung, durch persönliches Erscheinen in kürzerer Zeit und kräftiger die Widersacher des Werkes zu belehren und ihm neue Freundschaft und Hülfe zu gewinnen. Jetzt bereuete der Commandant sein Verhalten, erbat sich und erhielt eine Acte der Amnestie. Nachdem Ziegenbalg dem ausgezeichnetsten der Mitarbeiter, Gründler, die Gemeine übergeben, schiffte er sich unter dem Geleite der Christen und Heiden am 26. October 1714 ein und kam den 1. Juni d. s. J. zu Bergen in Norwegen an. Unterwegs hatte er die tamulische Sprachlehre vollendet. Aber wie ganz anders begrüßt und entläßt man ihn jetzt an allen Orten, wo er eintrifft. In Kopenhagen findet er das Missionscollegium eingerichtet. Mit großen Ehren nimmt ihn Friedrich IV. in seinem Kriegslager vor Stralsund auf und ernennt ihn zum Probste der ostindischen Mission. Bald besucht er Halle und darf Franken wiedersehen. Zu Merseburg verheirathet er sich mit seiner ehemaligen Schülerin, Dorothea Salzmann, die sich mit dem Tagebuche der Rückreise nach Indien, welches sie geführt und wir heute noch mit Erbauung lesen, ein Zeugniß ausgestellt, daß sie des Mannes würdig gewesen. Ueber Holland, wo Ziegenbalg den dritten schweren Krankheitsfall noch glücklich bestehet, geht er nach England, wo ihm König und Erzbischof Ehre erweisen und von Neuem ihre Unterstützung zusagen. Vom 4. März 1716 an finden wir ihn wieder auf dem Schiffe, und am 10. August d. J. heißen ihn die Heiden, zu denen er sich zurückgesehnt, im Hafen von Madras mit lauter Freude willkommen. Hier widmet er sich eine Zeit lang als Rathgeber des Predigers Stevenson einer engelländischen, schon vorbereiteten Mission, und erfreut sich dann des unter der Leitung seines treuen Freundes in allen Stücken geförderten Werkes zu Trankebar. Eine neue Kirche ist im Baue begriffen. Ein neuer Commandant ist der Mission ganz zugethan. Noch sind ihm aber nur drei Jahre gegeben, den Weg des Apostels wieder anzutreten und in der vorigen Weise fortzusetzen. Was beide, Gründler und Ziegenbalg, sich vor dem Herrn gelobt, zu bleiben bis zum Abschied von der Welt, geht bald in Erfüllung. Der erste im Abscheiden wird der bei weitem jüngere und unentbehrlichere; denn in Ziegenbalg wollte der Herr unter anderm auch ein Beispiel davon aufstellen, wieviel ein ihm treuer Knecht, der wenig Zeit hat, dennoch auszurichten und wenn nicht auszurichten, doch anzubahnen vermag. Seit Einweihung der neuen Kirche (Octob. 1718) zog er sich allmählig auf häusliche Arbeit zurück, ermannte sich noch einmal zum Predigen, und ergab sich dann ins Sterbelager. Ueber manchem schönen Bekenntnisse bestand er seinen Kampf, ließ sich am 23. Febr. 1719, nachdem er geäußert, daß es ihm so hell vor den Augen werde als sähe er die Sonne, das Lied: Jesus meine Zuversicht, mit Clavierbegleitung singen, und gab kurz darauf – im 35. Jahre seines Alters – den Geist auf.

C. I. Nitzsch in Berlin.

Otto, Apostel der Pommern.

In der Kirche des Klosters Michelsberg zu Bamberg befindet sich ein Denkmal mit dem in Stein gehauenen Bildnisse des Bischofs Otto I. von Bamberg. Das edle Haupt mit der hohen, ernsten Stirne und den milden, frommen Zügen macht auf den sinnigen Beschauer einen bedeutenden Eindruck. Als diese Kirche vor vielen Jahren durch eine Feuersbrunst zerstört wurde, blieben nur der Hochaltar und Otto’s Denkmal unverletzt. Und ob es damals auch in Trümmer gefallen wäre, die Jahrbücher des Bisthums Bamberg, das über ein Menschenalter von Otto’s Hirtenstab geweidet, zu großer lange noch dauernder Blüthe sich erhob, würden sein Gedächtniß der Nachwelt erhalten haben. Ja selbst, schwiege Bamberg über einen seiner treuesten Hirten, – als Apostel der Pommern hat Otto selbst sich ein lebendiges unvertilgbares Denkmal errichtet.

Otto gehörte zu dem hervorragenden Menschen, die gleichsam aus einem Guß, von einem großen Gedanken begeistert, der Verwirklichung desselben alle Kräfte ihres Lebens widmen. Und der große Gedanke, der ihn bis an’s Ende beseelte, war die Befestigung und Ausbreitung der Kirche des Herrn, die Verklärung Christi in den Herzen der Menschen. Otto’s Leben fällt in jene Zeit, in welcher die vom Papste Gregor VII. ausgegangene Bewegung noch in mächtigen Schwingungen fortwirkte. Er theilte mit den bedeutendsten Kirchenhäuptern seiner Zeit die klare und lebendige Ueberzeugung von der erhabenen Bestimmung der Kirche, mit ihrem Heile die Welt zu überwinden (1. Joh. 5,4.). In seinem rastlosen Streben für die Verwirklichung dieser großen Aufgabe darf er Zeitgenossen, wie Bernhard von Clairvaux, Anselm von Canterbury und Norbert von Magdeburg würdig an die Seite gestellt werden.

Otto wurde in der ehemaligen Grafschaft Bregenz um das Jahr 1069 geboren, der jüngere Sohn des reichsfreien Otto und der Adelheid von Mistelbach. Der früh verwaisete, mittellose Knabe empfing seinen ersten Unterricht in einer Klosterschule. Die Hand der Vorsehung führte den Jüngling nach Polen, wo er bei bedeutenden Familien, deren Söhne er unterrichtete, durch Frömmigkeit und Treue, Gewandtheit und Bescheidenheit hohe Achtung gewann. Sie bahnte ihm den Weg an den Hof Herzog Wladislav Hermann II., der ihn zu seinem Kaplan und Geheimschreiber ernannte. Mit des Herzogs Vertrauen beschenkt, vermittelte er dessen zweite Verheirathung mit Sophia, Kaiser Heinrich’s IV. verwittweten Schwester. Er sah den Kaiser an dessen Hoflager zu Bamberg, späterhin öfter in anderen Geschäften. Bald gewann ihn Heinrich IV. so lieb, daß er ihn an seinen Hof in dieselben Aemter berief, die er bei Herzog Wladislav mit so vieler Treue verwaltet. Was aber den Kaiser vornämlich an ihn fesselte, – es spricht für Beide, es war die innige Vertrautheit Otto’s mit der Schrift, besonders mit dem Psalter, den der vielgeprüfte Kaiser vorzüglich werth hielt.

So kam Otto, den Winken Gottes folgend, in die Verbindungen, die ihn später, ohne sein Suchen, auf den bischöflichen Stuhl Bambergs und über Polen als Missionar nach Pommern führten.

Bei seinem Abschiede aus Polen reichlich beschenkt, begann Otto schon damals in größerem Maßstabe die Werke der Bruderliebe (Matth. 25, 34-40.), die sein ganzes Leben auszeichnen; er stiftete in Würzburg ein Spital für arme Reisende. Bei der Vollendung der Domkirche zu Spei er, mit welcher der Kaiser ihn beauftragte, zeigte Otto zuerst die Liebe zu dem edlen romanischen Baustyl, in welchem er später als Bischof so viele schöne kirchliche Bauwerke schuf. Die glückliche Vollführung jenes Auftrages führte ihn zur Würde des kaiserlichen Kanzlers und Siegelbewahrers, und schon jetzt stand ihm die Wahl zwischen den erledigten Bisthümern Augsburg oder Halberstadt frei.

Da starb im Jahre 1102 Bischof Rupert von Bamberg. Wem wird Heinrich IV. Ring und Stab dieses von seinen Vorgängern mit so vieler Liebe ausgezeichneten Bisthums anvertrauen? Der Kaiser bescheidet Bambergs geistliche und weltliche Vorstände zum heiligen Christfest nach Mainz. Am Sonntage vor Weihnachten strömt die gläubige Menge in die Kirche des Klosters Michelsberg zu Bamberg, von dem Herrn sich einen würdigen Bischof zu erflehen; da empfängt zu Mainz der Kaiser die Abgeordneten Bambergs. „Viele Hohe von Geburt strebten nach eurem Bisthum, ich aber wollte dasselbe nur einem Mann verleihen, der sich durch Eifer für die Kirche und Weisheit, durch frommen Wandel und Regierungsgabe auszeichnet.“ Er ruft seinen Kanzler und belehnt ihn mit Ring und Stab. Und als Otto seine Unwürdigkeit bekennt, Beringer von Sulzbach aber, einer der Bambergischen Abgeordneten sein Erstaunen äußert, daß die Wahl einen Mann von so unbekannter Herkunft getroffen; da spricht der Kaiser das kräftige Wort: „Ich will es, ich bin sein Vater, Bamberg soll seine Mutter sein, dies Bisthum ist ihm von der Vorsehung bestimmt.“

Am 2. Februar 1103 hielt Otto, begleitet von mehreren Bischöfen und anderen geistlichen und weltlichen Großen seinen feierlichen Einzug in Bamberg. Alles begrüßt ihn mit hoher Freude, er aber steigt beim Eingange der Stadt vom Rosse, zieht die Schuhe ab (2 Mos. 3, 5.) und wandert an dem scharfen Wintertage über hochliegenden Schnee barfuß in die Domkirche zur Uebernahme des Bisthums.

Es war für ihn ein schwerer Gang, nicht blos, weil er seine Unwürdigkeit aufrichtig fühlte; auch Gewissensunruhe beschwerte sein Herz wegen des Streites über die Belehnung der Bischöfe mit Ring und Stab, der zwischen dem Kaiser und dem Papste herrschte. Mit den meisten Geistlichen seiner Zeit von ernsterer Richtung billigte er die Grundsatze der gregorianischen Kirchenlenkung, und betrachtete sich deshalb nicht eher als wirklichen Bischof von Bamberg, als bis er drei Jahre später in Rom vom Papste PaschaIis II. die Weihe und oberbischöfliche Bestätigung empfangen hatte. Inzwischen war (1106) der unglückliche Heinrich IV. gestorben, und hatte den Kampf mit dem Papste auf seinen Sohn und Nachfolger Heinrich V. vererbt. Und es war gewiß eine schöne Frucht der Friedensliebe (Röm. 12, 18) und Klugheit (Matth. 10,16.) des Bischofs Otto, daß er ohne Verläugnung seiner Grundsätze mit dem Papste und Kaiser zugleich zum Wohle seines Sprengels und zur Förderung seiner Unternehmungen fast immer in gutem Verhältniß blieb.

Otto war eine reich begabte Persönlichkeit. Von hoher, edler Gestalt und einnehmenden Sitten, trug seine Erscheinung bei allem Ernste, der in seinem Wesen lag, das Gepräge herzlicher Demuth und einer tiefen Milde, die ihm bald die Herzen gewann. Sie mäßigte seinen glühenden Eifer für die Kirche, und den kühnen Muth, der ihn mehrmals dem Märtyrertode nahe brachte. Oft, wenn seine Umgebung die Standhaftigkeit verlor, stand er besonnen inmitten der ihn umgebenden Gefahren, und flößte durch seine ruhige Würde den Zagenden neues Vertrauen ein. Was ihm an umfassender Gelehrsamkeit fehlte, ersetzte er durch hervorragende praktische Tüchtigkeit und einen reichen Schatz an Erfahrung. Als Bischof zeichnete er sich aus durch seinen Eifer für den Religionsunterricht des Volkes in der Landessprache, und er selbst besaß in hohem Grade die Gabe, volkstümlich zu predigen. Gegen Andere überaus mildthätig und leutselig, in seinem eignen Leben höchst einfach, übte er gegen sich selbst eine große Strenge, und beschränkte seine Bedürfnisse bis auf das Unentbehrlichste. Durch solche Entsagung und eine haushälterische Sparsamkeit gelang es ihm, die reichen Einkünfte des Bisthums und die vielen, ihm zufließenden Geschenke fast ausschließlich im Dienste seines. Heilandes und der Kirche zu verwenden, und so große Unternehmungen durchzuführen, die den Ruf seiner Frömmigkeit unter seinen Zeitgenossen weit verbreitet und der Nachwelt überliefert haben.

Das Wort Christi: „Arme habt ihr allezeit bei euch“ schwebte seinem mildthätigen Herzen beständig vor. Einst, während der Fasten brachte man ihm einen sehr theuren Fisch zur Tafel. „Fern sei es, sprach er zu seinem Haushalter, daß der elende Otto heute allein so viel Geld verzehren sollte. Bring diesen kostbaren Fisch meinem Herrn Christus (Matth. 25, 40.), welcher mir theurer sein muß, als ich mir selbst bin. Bring ihn demselben, wo du Einen auf dem Krankenlager findest. Mir, als einem Gesunden, ist mein Brot genug.“ Zu einer anderen Zeit ward ihm ein köstlicher Pelz zum Geschenk gesendet. „Ich will die kostbare Gabe so gut aufbewahren, rief der Bischof, daß keine Diebe sie stehlen und keine Motten sie verzehren können“ (Matth, 6, 20.), und warf den Pelz einem armen, gichtbrüchigen Mann um.

Seine Fürsorge für die Armen seines Sprengels ging so weit, daß er von allen einzelnen Kranken in Bamberg, ihren Leiden und sonstigen Umständen ein genaues Verzeichniß hielt, um so für die besonderen Bedürfnisse jedes Einzelnen sorgen zu können. Das war kirchliche Armenpflege um Christi willen, aus deren Verfall die meisten Uebel unserer Zeit entstanden sind, und deren Wiederherstellung eine dringende Forderung unserer Tage ist. Otto beförderte auch insbesondere die Ausbreitung des Benedictiner-Ordens, der sich zur Zeit seiner Blüthe so hohe Verdienste um die Unterweisung der Jugend, um die Erhaltung der wissenschaftlichen Schätze des Alterthums erworben hat. Besonders trug er die schön gelegene Benedictiner-Abtei Michelsberg zu Bamberg auf. dem Herzen, die er zu einer Musteranstalt klösterlicher Zucht erhob. Unter den vielen Kirchen und Klöstern, die er theils neu erbauen, theils wiederherstellen ließ, nennen wir hier nur die Domkirche in Bamberg, welche noch heute in ihrer Einfachheit, Zierlichkeit und Stärke von Otto’s Baukenntniß und kirchlicher Kunstliebe zeugt.

So wirkte Otto, ein rechter Bischof, segensreich für die ihm anvertraute Heerde, als ihm der Erzhirte Christus noch ein weiteres Feld kirchlicher Thätigkeit anwies. Von Herzog Boleslav III. von Polen, dem Sohne Wladislav Hermann II., erging die dringende Einladung an den Bischof, die noch heidnischen, damals unter Polens Oberhoheit stehenden Pommern für die Kirche Christi zu gewinnen. Die Jugenderinnerung an den Freund seines Vaters hatte den Herzog auf den rechten Mann gelenkt. Am Schlüsse des Bamberger Reichstages im Frühling 1124 eröffnete Otto dem Kaiser und den versammelten Großen seinen Entschluß, nach bereits vom Papste empfangener Ermächtigung die Mission für die heidnischen Pommern zu übernehmen. Er rüstet sich zur Reise, er wählt als Begleiter den talentvollen Sefrid und fünf andere Geistliche, sorgt umsichtig und rastlos für alle Reisebedürfnisse, auch für Meßgewänder, Bücher, Kelche und andere Kirchengerathe. Er kauft zu Geschenken für die Pommern seine Tücher und andere kostbare Gegenstände; denn er will durch Freigebigkeit den Verdacht entfernen, der früheren Missionaren in jenem Lande geschadet, als suche er nicht die Pommern, sondern das Ihre (2 Cor. 2, 14.). Er übergiebt die Leitung des Bisthums dem Abte Hermann von Michelsberg, und tritt die für jene Zeit große, beschwerliche und gefahrvolle Reise an.

Der Ruf seiner Frömmigkeit, ausgezeichneter Gaben und Wohlthätigkeit ging ihm vorauf. Wo er rastete, strömte die gläubige Menge zusammen, um den verehrten Bischof zu sehen, der alle Herrlichkeit seines berühmten Sitzes verließ, mm sie mit dem Dornenwege des Missionars zu vertauschen. In den Sprengeln anderer Bischöfe verlangt man von ihm die Einweihung neuer Kirchen, das Sakrament der Firmung. Sein Zug geht über den Böhmerwald nach Prag. Hier empfängt ihn Bischof Meginhard in feierlicher Versammlung des Volkes und der Geistlichkeit und lange hat die Ueberlieferung den Tag seiner dortigen Anwesenheit aufbewahrt. Ueber das Glatzer Gebirge gelangt er, an der Gränze von Abgeordneten Boleslaus III. empfangen, nach dem damals polnischen Breslau. Von dort erreicht er Posen. Zahllos hat sich das Volk versammelt, und nimmt mehrere Wochen die Werke seines Hirtenamts in Anspruch. Barfuß kommt ihm bei seiner Annäherung an Polens Hauptstadt, Gnesen, der Herzog, die Geistlichkeit, das Volk entgegen, und bittet um seinen Segen und das Sakrament der Firmung. Er hält seinen Einzug in die Hauptkirche zu St. Jakob, wo die Gebeine des heiligen Adalbert, des Märtyrers unter den Preußen ruhen. Bereit, ihm nachzufolgen, fleht er den Herrn mit der Gemeinde an um das Gelingen seines Werkes. Nach einer mühevollen Reise, auf ungebahnten Wegen, durch sumpfige und waldige Gegenden gelangt Otto endlich an die Gränze von Pommern, zu dem Schlosse Uscz an der Netze. Hier ist die erste Zusammenkunft mit dem Herzoge des Landes, Wartislav, der durch des Bischofs Leutseligkeit gewonnen, den Boten des Heiles willkommen heißt.

Die Thüre war aufgethan, und freudigen Muthes zog der Apostel mit seinen Gefährten in das südöstliche Pommern ein. Bei Pyritz hatte ein heidnisches Fest Tausende versammelt. Hier errang Otto’s Verkündigung des Herrn den ersten Sieg. Viele meldeten sich zur Taufe. Der Bischof und die Priester seiner Begleitung widmeten sich mehrere Tage dem ersten Unterrichte und am 15. Juni 1124 taufte Otto zuerst die Pommern aus jener Quelle, welche noch heute, von uralten Linden umgeben, den Namen des Ottobrunnens tragt, und durch König Friedrich Wilhelm III. 1824 mit einem sinnigen Denkmal geschmückt ward.

An dieser Quelle predigte auch Gützlaff, der neuere Apostel China’s, dessen Geburtsstadt Pyritz ist, im Sommer 1850 das Wort des Lebens seinen ehemaligen Landsleuten, die, wie einst bei Otto’s Aufenthalt, zu mehreren Tausenden herbeigekommen waren, gedachte der Segnungen, die von hier aus über Pommern einst ausgegossen wurden, und ermunterte zum Gebete für die Heiden, denen der Brunnen des Heils noch nicht eröffnet ist.

Otto ließ in Pyritz einen Altar errichten, stellte einen Priester an und brach nach einer kraftvollen Abschiedspredigt gen Cammin auf. In dieser damaligen Residenz Wartislavs, dem späteren Sitze der Bischöfe von Pommern, hatte bereits Haila, die christliche Gemahlin des Herzogs, dem Boten des Heils vorgearbeitet. Vierzig Tage reichten kaum hin, den vielen zum Unterrichte und zur Taufe sich Meldenden das Sacrament zu ertheilen. Der Herzog entsagte der Vielweiberei und Otto konnte den Grund zur ersten Kirche für Pommern legen. Ungünstiger war seine Aufnahme in Wollin (Julin), Otto selbst war dem Märtyrertode nahe und mußte unverrichteter Sache nach Stettin, der wichtigsten Stadt des Landes, sich einschiffen. Auch hier Anfangs wenig Geneigtheit für die Annahme des Evangeliums. Allein Otto’s glühender Eifer erkaltete nicht, er verkündigte häufig auf dem Markte das Wort, er predigte durch seine ehrfurchtgebietende Persönlichkeit, durch Werke der Barmherzigkeit, er nahm sich besonders des Unterrichts der Jugend an; auch äußere Umstände wirkten ein. Und als der Bischof nach fünfmonatlichem Aufenthalte Stettin verließ, waren die heidnischen Tempel, Bildsäulen, Gesellschaftshäuser zerstört, die Mehrzahl der Einwohner getauft, zwei Kirchen gegründet, mit Priestern versehen. Jetzt nahmen die Wolliner den Apostel mit willigeren Herzen auf, so daß er hier die Erbauung zweier Kirchen anordnen, ja, den Gedanken fassen konnte, daselbst ein Bisthum zu errichten. Nachdem er noch zu Gollnow, Belgard, Naugard, Colberg das Wort des Herrn gepredigt und den Grund zu christlichen Kirchen gelegt, macht er eine Besuchsreise in den neuen Gemeinden, empfiehlt dem Herrn und den eingesetzten Priestern die junge Kirche in Pommern, und kehrt über Polen nach Bamberg zurück, wo er am 28. März 1125 mit großer Freude empfangen wurde.

In ganz Franken hatte indeß die Pest höchst verderblich gewüthet. Otto’s Hirtenliebe zeigte sich hier im schönsten Lichte. Tag und Nacht besuchte er selbst die Kranken, nahm der Armen sich an, ja, versagte sich selbst alle entbehrliche Speise, damit es den Leidenden daran nicht fehle.

So arbeitete er rastlos drei Jahre für das Wohl der ihm zunächst befohlenen Heerde, – da rief ihn die Sorge für seine kirchliche Pflanzung in Pommern noch einmal in dieses Land. Die Umwandlung war zu rasch erfolgt, an einer genügenden Anzahl tüchtiger Lehrer hatte es gefehlt. Die junge Gemeinde zu befestigen, die Abtrünnigen zum Gehorsam Christi zurückzuführen, brach Otto im März 1128 wieder gen Pommern auf; diesmal den Weg durch Deutschland nehmend über Halle, Magdeburg, Havelberg. In Magdeburg sahen sich die beiden geistesverwandten Kirchenhäupter, Otto und Erzbischof Norbert.

Von Havelberg gelangte der Pommern-Apostel durch eine waldige und seenreiche Gegend diesmal an die westliche Gränze Pommerns, nach Dem min, wo das Heidenthum noch herrschte. Der aus einem Kriege mit den Lutiziern zurückkehrende Herzog Wartislav führte, als er mit Otto hier zusammentraf, viele Gefangene mit sich. Sie waren diesmal die Erstlinge der Missionsthäitigkeit des Bischofs. Die Losgekauften wurden als Christen den Ihrigen zugesendet. Zum Pfingstfeste finden wir Otto auf dem Landtage zu Usedom, wo er die Landstände bewegt, die freie Verkündigung des Christenthums in ganz Pommern zu bewilligen. Jetzt sendet der Bischof in der Regel zwei Priester vor sich her, und geht über Wolgast, wo die Götzentempel fallen, nach Gutzkow. Das Evangelium errang hier einen besonders schönen Sieg, Otto konnte eine neuerbaute Kirche weihen, Werke der Barmherzigkeit üben und den Neubekehrten Christum vor die Augen malen.

Nach einem mißglückten Versuche, mit dem Evangelium auch nach der Insel Rügen vorzudringen, vertheilte Otto den größten Theil der ihn begleitenden Geistlichen nach Demmin und anderen Orten zur Fortsetzung des Missionswerkes; er selbst begab sich mit den übrigen nach Stettin.

In dieser Stadt, in der heidnische Priester die Abgefallenen zur Wuth gereizt und die meisten, noch treuen Anhänger der Kirche eingeschüchtert hatten, drohten dem Apostel Verfolgung und Märtyrerthum. Auch zagten seine Begleiter; aber im Namen des Herrn schritt Otto ihnen voran, und nahm seine Herberge in der von ihm vor der Stadt erbauten Kirche zu St. Peter und Paul.

Der Ruf seiner Anwesenheit verbreitete sich in der Stadt, die heidnische Partei sinnt auf Verrath, doch fuhren die Gutgesinnten den Bischof in die Stadt. Er predigt auf dem Markte; das Wort entwaffnet die zu Aufruhr und Mord bereiten Gegner, Otto segnet die beruhigte Menge und weiht die durch Heiden beschimpfte St. Adalberts-Kirche wieder ein. Am anderen Tage beschließt eine Volksversammlung die gänzliche Ausrottung des Heidenthums. Otto, voll des Glaubens, der die Welt überwunden hat, predigt abermals, und die Abtrünnigen und Unschlüssigen kommen zur Neue. Der Bischof, mehrmals dem nahen Tode entronnen, hat die Freude, die Hauptstadt des Landes wiedergewonnen und fester auf den ewigen Fels gegründet zu haben. Jetzt errichtet er den Bischofssitz in Mollin, legt dem ersten Pommerschen Bischof Adalbert die Fortführung des Werkes auf’s Herz und eilt nach einer Besuchsreise durch die neuen Gemeinden zurück in das ihn sehnlich erharrende Bamberg.‘

Hier warteten seines Eifers und seiner Einsicht zahlreiche Arbeiten als Bischof und als Reichsstand. Er widmete sich ihnen, wenngleich durch ein Leben voll Mühe und Entsagung frühe körperlich alternd, mit gewohnter Thatkraft und Geistesfrische. Er fuhr fort mit der Stiftung von Hospitälern, mit der Gründung von Kirchen, mit der Ausstattung der von ihm erbauten Klöster; er nahm sich der Verfolgten an, er blieb ein Vater der Armen, er weidete seine geliebte Heerde. Dabei wurde er vom Papste wie vom Kaiser zu wichtigen Geschäften verwandt. In dieser mannigfaltigen Thätigkeit lag ihm die junge Pommersche Kirche stets auf dem Herzen. Auch sie erfreute sich fortwährend seiner bischöflichen Sorgfalt und milden Hand, Als einst Pommersche Christen in heidnische Gefangenschaft gerathen waren, sandte er das Lösegeld zu ihrer Loskaufung. Je mehr er die Annäherung des Zieles seiner Wallfahrt fühlte, um so reger ward sein frommer Eifer, die begonnenen Werke zur Vollendung zu führen. Dem siebzigjährigen, von rastloser Arbeit für die Heerde Christi müden Greise entfiel der treugeführte Hirtenstab am 30. Juni 1139.

Nicht die äußere Ausbreitung der Kirche und der Herrschaft des Papstes hatte er erstrebt, wie Kurzsichtige und Beschränkte geurtheilt haben, – nein, das lag ihm am Herzen, daß Gottes Reich zu den Menschen komme in Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem heiligen Geiste. Dafür zeugt laut sein eigner Wandel, dafür seine ganze Wirksamkeit bis an sein selig Ende. Und wenn Papst Clemens III. ihn auch nicht in die Zahl der Heiligen aufgenommen hätte, das Andenken an ihn, als ein Ehren-Gefäß des heiligen Geistes, würde uns dennoch heilig sein. Ja, wenn einst Bamberg nicht mehr sein wird, wenn die Orte, die in Pommern seinen Namen tragen, die St. Otten (Schloß-)Kirche und die Ottoschule in Stettin, das Ottostift und das Denkmal am Ottobrunnen in Pyritz, als Menschenwerke zergehen werden (Z. Petri 3, 10), dann wird die Krone des Lebens noch glänzen auf dem Haupte des seligen Zeugen, der in der Anfechtung bewährt und seinem Heilande treu gewesen ist bis an den Tod.

 

.H. Lengerich in Demmin.

Liudger

Schon vor mehr als zwei Jahrhunderten war das Licht des Evangeliums über den Bewohnern des Rheinufers, den ripuarischen Franken aufgegangen, als das Sachsenland (Westfalen) noch immer in tiefer heidnischer Finsterniß dalag. Unter den westlich wohnenden Friesen hatten Willibrord und Winfried Bonifacius nicht fruchtlos gearbeitet; im Gebiete der südöstlich wohnenden Katten war von Bonifacius und seinem Schüler, dem Abt Sturm von Fulda mancher Stein zum hehren Gottesbaue gelegt und selbst im Norden unter Friesen und Dänen war die Botschaft des Heils in Christo nicht unbekannt geblieben, bis sie unter Willehads Pflege in Bremen die ersten Wurzeln schlug. So glich das Gebiet der Sachsen einer ringsumlagerten Festung, welche beharrlich dem sanftwöchigen und demüthigen Könige den Einzug in ihre Thore verwehrte. Suitbert machte einen vergeblichen Versuch bei den Bructerern (in der jetzigen Grafschaft Mark) Eingang zu finden, er mußte sich nach dem fränkischen Kaiserswerth zurückziehen. Die Arbeiten des Abt Sturm erlagen meist selbst den verwüstenden Ueberfällen der östlichen Sachsen und die angelsächsischen Brüder Ewald (Heuwald), die Gefährten Willibrords, büßten ihren Versuch, von Friesland aus das Sachsenland mit dem Evangelium zu erfüllen, mit ihrem Leben. Der unbeugsame Sinn dieses naturkräftigen deutschen Stammes und das pietätsvolle Festhalten an dem von den Vätern Ueberkommenen, wonach man alles Fremde besonders alles Fränkische entschieden abstieß und abwies, der Widerwille gegen die Anbetung vor bildlichen Zeichen und in geschlossenen Tempelgebäuden, dem der christliche Gottesdienst verächtlich war, die Weigerung des kirchlichen Zehnten, der als Zeichen schmachvoller Knechtschaft angesehen ward, der enge Zusammenhang des religiösen und politischen Lebens – das waren in Karls d. Gr. Augen alles Hindernisse, die mit der Schärfe des Schwerdtes weggeräumt werden mußten. Vielleicht gut gemeint aber nicht minder verkehrt! „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.“ Darum war durch den 32jährigen Krieg und Sieg im Grunde wenig gewonnen und den ersten Stein des wirklichen Baues aufzuführen, mußte der Herr ein anderes Rüstzeug bereiten und berufen als Kaiser Karl, das war Liudger (nach westfäl. Mundart Lüdger gesprochen).

Wursing (Würsching) mit dem Beinamen Ado, ein vornehmer Mann unter den Friesen, war schon als Heide gottesfürchtig wie der Hauptmann Cornelius. Als ein Richter von strenger Gerechtigkeit, als Wohlthäter der Armen, als Vertheidiger der Unterdrückten ward er der Gegenstand der allgemeinen Liebe des Volkes aber auch des Hasses des ungerechten und grausamen Königs Radbod. Vor seinen Nachstellungen mußte er sich durch die Flucht zu den Franken retten. Das war so Gottes Gnadenwille und – weg. Denn daselbst ward er mit Willibrord und Winfried bekannt, vom Worte Gottes ergriffen und mit seinem ganzen Hause getauft. Nach Radbods Tode kehrte er dann als der Erstling der künftigen Gemeinde in sein Vaterland zurück und leistete den Missionsarbeiten jener beiden Glaubenszeugen gesegneten Vorschub. Sein Sohn Thiatgrim und dessen Gattin Liafburg wandelten in den Wegen des Vaters. Als sie zu Wirum in Ostfriesland wohnten, ward ihnen ums Jahr 744 ein Knäblein geboren, dem sie in der Taufe den Namen Liudger beilegten. Schon vor seiner Geburt erfuhr er die sonderlichste Bewahrung Gottes, als Liafburg ihrem von langer Reife zurückkehrenden Gatten entgegeneilte und über der Thürschwelle so gefährlich zu Falle kam, daß ihr ein Pfahl in die Hüfte ging, und sie für todt hinweggetragen werden mußte. Die fromme Mutter mochte darüber dieselben Gedanken in ihrem Herzen bewegen wie die Mutter des theuren Gottesmannes Chr. Scriver bei einer ganz ähnlichen Erfahrung. Von ihr nicht blos zum Diener des Evangeliums bestimmt, sondern auch mit treuer Sorgfalt von frühster Jugend an erzogen, wuchs Liudger zu einem hoffnungsvollen Jünglinge heran.

Ein ebenso großer Fleiß als reiche Begabung und Lernbegierde erfüllte die Eltern mit hoher Freude. Wenn er mit seinem jüngern Bruder Hildegrim den Erzählungen der Mutter von den Werken und Wegen Gottes aus der Zeit des Alten und Neuen Bundes, von den Worten und Wundern unsers geliebten und gelobten Heilandes lauschte, erglänzten ihm Aug‘ und Angesicht. So ward er mit der Milch des Evangeliums genährt, zu weiterer Ausbildung nach Utrecht zum frommen Abt Gregor, dem Schüler und Nachfolger des Bonifacius, gesandt. Dessen ganze Liebe gewann der begeisterte und begabte Jüngling. Da kam ums Jahr 760 ein Angelsachse Alubert nach Utrecht, mit dem Entschlüsse das Werk des Bonifacius unter den Friesen fortzuführen. Gregor aber rieth ihm, erst wieder nach England zurückzugehen, um sich dort zum Bischofe weihen zu lassen. Dem gab er unsern Liudger als Begleiter mit, auf daß derselbe ein Jahr lang den Unterricht des berühmten Alcuin zu York genießen möchte. Mit Kenntnissen bereichert und zum Diakon geweiht, kehrte er dann nach Gregor’s Befehlt zurück. Aber es war ihm, wie wenn einer aus einem lieblichen Traume geweckt wird und ein tiefes Heimweh ergriff ihn auf dem heimischen Boden nach dem geliebten York. Erst nach 10 Jahren durfte er die Erfüllung seines sehnlichen Wunsches erfahren und aus Gregor’s Erlaubniß noch einmal 3 1/2 Jahr den Umgang und Unterricht Alkuins in York genießen. Und das war nach Gottes Rath von großer Bedeutung für ihn wie für das Werk, wozu ihn der Herr berufen hatte. Alcuin war es, der in echt evangelischem Sinne wider die oft sehr äußerliche Weise der Heidenbekehrung eiferte und in seinen köstlichen Briefen an Kaiser Karl, seine Bischöfe und Beamten den allein rechten und erfolgreichen Weg der Missionsarbeit anwies. „Drei Dinge müssen beisammen sein (schreibt er einmal mit Berufung auf Matth. 28,19.): die Verkündigung des Glaubens, die Mittheilung der Taufe und die Verhaltung der Gebote des Herrn. – Der Glaube ist etwas Freiwilliges, nichts Erzwungenes. Der Mensch kann zum Glauben gezogen, nicht gezwungen werden. Zur Taufe kann man gezwungen werden, aber das nützt für den Glauben nichts. – Darum müssen die Prediger der Heiden das Volk auf eine freundliche und weise Art im Glauben unterrichten. – Wenn man es sich so angelegen sein ließe, das sanfte Joch und die leichte Last Christi den hartnäckigen Sachsen zu verkündigen, wie man es sich angelegen sein läßt, den Zehnten von ihnen einzutreiben oder die geringste Uebertretung der auferlegten Satzungen zu strafen (man ahnte das Fleischessen in der Fastenzeit mit dem Tode!), so würden sie sich nicht so sehr gegen die Taufe sträuben.“ – „Seid Glaubenszeugen, nicht Zehnteneintreiber!“ ruft er einmal dem Erzbischof Arno von Salzburg zu. Das war die rechte Schule für Liudger, aus der er mit reichem Segen 776 zurückkehrte, um zunächst seinem eignen Landsleuten die Botschaft des Heils zu bringen.

In Cöln zum Priester gemacht, zog er aus, um die von den Sachsen zerstörte Kirche und Gemeinde in Deventer wiederherzustellen. Fast 7 Jahre bearbeitete er den Acker, welcher mit dem Märtyrerblute des Bonifacius befruchtet war, indem er zur Herbstzeit alljährlich 3 Monate in der Lehranstalt zu Utrecht mit dem ihm anvertrauten Pfunde seiner Kenntnisse und Lehrgaben treulich wucherte. Um diese Zeit hatte er einen bedeutsamen Traum. Er sah seinen väterlichen Freund Gregor, der eben (781) zu seiner Ruhe eingegangen war, auf ihn zukommen und vernahm von ihm den freundlichen Zuruf: „Bruder Liudger, folge mir!“ Liudger stieg mit ihm auf einen Hügel, Da sprach Gregor, indem er eine Menge kleiner Stücke Pergament und Tuch vor ihn hinwarf: „Sammle sie zu Haufen!“ Liudger brachte drei große Haufen zusammen und nun verschwand Gregor mit den Worten: „Theile Alles gut ein im Werke des Herrn und Du wirst die Fülle haben!“ Als er erwacht, theilte er den Traum seinem Mitarbeiter Marthelm mit. Dieser deutete ihn also: „Die drei Haufen, die Du gemacht hast, bedeuten drei Völkerschaften, welche Deiner geistlichen Pflege anvertraut werden.“ In diesem Sinne ist er erfüllt. Dazwischen fällt aber noch eine Zeit, in welcher die so geweckten Hoffnungen scheinbar ganz begraben werden sollten. So geht’s in Gottes Rath und Reich, Ein neuer Einfall der Sachsen zerstört 782 die junge Pflanzung in Friesland und nöthigt Liudger das Land vorerst zu meiden. Diese Mußezeit benutzt er mit seinem Bruder Hildegrim und seinem Schüler Gerbert zu einer Reise nach Rom. Alcuins Schule gleichsam zu ergänzen, sollte er den damals schon so traurigen Verfall der Kirche an ihrem Hauptsitze sehen. Bekümmerten Herzens zog er sich in das Benedictinerkloster Monte Cassino zurück und widmete seine Zeit dem Studium und Abschreiben der heil. Schrift und der Werke der Kirchenväter. Als er dann 785 sich seiner Heimath wieder zuwandte, hatte Kaiser Karl abermal die Sachsen besiegt. Der Kaiser, der nun wohl mehr und mehr eingesehen, was noth that, um die Sachsen für den Herrn Jesum zu gewinnen, bestimmte Liudger auf Alcuins Empfehlung zum Bischof über die westlichen Sachsen, indem er ihm zugleich die Aufsicht über die angrenzenden fünf friesischen Gaue übertragen ließ. Sieben Jahre arbeitete er nun mit heiligem Eifer auf seinem weit ausgedehnten Arbeitsfelde und ersah sich Mimigardefort, einen Complex von fünf Gehöften in Westfalen, zum Anhaltepunkte für die sächsische Mission, als ein verwüstender Zug der sächsischen Häuptlinge Unno und Eilbrat ihn abermal zur Flucht selbst aus Friesland nöthigte. Da reifte in ihm der Plan einer festern, gesichertern Gründung, welche ebensosehr zum Zufluchtsorte bei Verfolgungen aus Friesland und Sachsen dienen, als zugleich die Strahlen des evangelischen Lichtes in diese beiden Länder aussenden könnte. Dies Bedürfniß befriedigte weder das ihm 793 zum Zweck einer kirchlichen Stiftung geschenkte kleine friesische Erbgut in Wigtmund an der Issel hart an der Grenze von Sachsen, noch auch ein Koten, den er in Franken nahe bei dem jetzigen Neuss an der Erft erwarb. Darum brachte er um 796 durch Kauf und Tausch ein Stück Landes an der Ruhr an sich, welches in Franken gelegen doch ebenso wohl das sächsische als das friesische Gebiet berührte. Da erhob sich dann das berühmte Stift Werthina (Werden) mit der Kirche und dem Kloster, in welchem er unter der Ordensregel des Benedikt Geistliche sammelte und für die Verkündigung des Evangeliums heranbildete. Dabei finden wir ihn aber doch stets und unablässig auf Missionsreisen in Westfalen, deren eine 798 ihn weit nach Norden hinaufführte, nach Minthium (Minden), wo Karl d. Gr. gerade sein Heerlager aufgeschlagen hatte. Dieser Reise verdankt auch wohl das Kloster Helmstädt im Braunschweigischen seine Entstehung, dessen bleibende Abhängigkeit von dem so weit entfernten Werden nur bei einer Gründung von der eignen Hand Liudgers erklärlich wird. Im Sachsenlande aber sammelte der treue Knecht des Herrn mit rastlosem Eifer hin und her Häuflein derer, die sein Wort annahmen und gläubig wurden an den Herrn Jesum, besonders in der Gegend zwischen Werden und Mimigardefort, durch die ihn sein Weg am häufigsten führte. In dem zum Bischofssitze ersehenen Mimigardefort nämlich erbaute er ein Kloster (monasterium daher: Münster), nachdem er selbst (wahrscheinlich i, J. 802) in Cöln sich auf vieles Zureden mit der Bischofswürde hatte betrauen lassen. Doch blieb das Kloster Werden stets seine eigentliche Heimath. Von da aus reiste er mit der Botschaft des Heiles im Munde in die Gaue der heidnischen Sachsen; dahin kehrte er zur Ruhe und Sammlung nach seinen ermüdenden Reisen wieder zurück; da pflegte er in den Erholungszeiten die hoffnungsvolle Pflanzschule der Glaubensboten, mit welchen er die von ihm ins Leben gerufenen jungen Christengemeindlein versorgte. In diesen ging’s doch zumal sehr schwach her. Krankte die Kirche jener Zeit schon an manchen Irrthümern, so kränkelten auch ihre jungen Saaten. Man schonte der heidnischen Gebrauche und Sitten gar sehr, wie es die römische Kirche später in noch höherm Maaße gethan, man legte großes Gewicht aus die äußern Satzungen der Kirche, man fing schon an das Verdienst Christi durch die Verehrung der Heiligen zu verdunkeln und was deß mehr war. Davon hielt sich selbst der Schüler Alcuins nicht frei. Sehen wir doch diese Missionare unsres deutschen Volkes sich auf allen ihren Reisen mit den Reliquienkästchen, den Knochen der Heiligen tragen. Aber in Liudger war bei alle dem ein guter Grund und er legte guten Grund darin und damit, daß das Wort Gottes seiner Augen Licht und seines Lebens Kraft war. Das trieb er täglich mit seinen Zöglingen und in den jungen Gemeinden, wie er’s außer von Alcuin auch von dem ehrwürdigen Gregor gelernt hatte, dem er noch in einer Lebensbeschreibung ein erkenntliches Denkmal setzte.

Unermüdet wie er war, finden wir Liudger bis an sein Ende in seiner Missionsarbeit. Auch im Frühling des Jahres 809 nahm er den Wanderstab wieder in die Hand, ob seine Gesundheit auch sehr geschwächt war und einen ruhigen Aufenthalt in Werden erheischt hätte. In der Nähe von Münster verkündigt er am Tage des Herrn – es war der 25. März – noch in Coesfeld und Nachmittags in Billerbeck das Evangelium. Da brach die schwache Hütte unter der Arbeitslast zusammen. Der Diener Christi unter den Heiden ward geopfert über dem Opfern des Evangeliums. Der Herr rief den treuen Arbeiter in der folgenden Nacht in seinem 65. Lebensjahre aus der unruhvollen Arbeit ab und hieß ihn eingehen in Seine ewige Ruhe. Die sterbliche Hülle dieses Apostels der Friesen und Sachsen wurde, nachdem er zuerst in der Marienkirche zu Münster aufbewahrt, seinem eignen Wunsche gemäß in Folge kaiserlichen Befehls, den sein Bruder und Nachfolger Hildegrim (bis dahin Bischof in Chalons) auswirkte, nach Werden gebracht und daselbst an der östlichen Seite der von ihm erbauten Kirche bestattet. Ihn selbst aber haben wir unter denen zu suchen, welche die Verheißung überkommen haben: „die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz und die Viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.“

A. Nische in Lippspringe.

Die Knechte Christi auf den Nikobarischen Inseln.

Ein Lebensbild aus der Missionsgeschichte.

Nach englischen Quellen geschildert. Von Dr. Ch. G. Barth.

Die wahre Christenliebe hat, wie Briareus, hundert Arme und streckt sich helfend und rettend nach allen Seiten hin aus. Selten ist dieß so augenscheinlich hervorgetreten, wie in der ersten Hälfte und um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als die erneuerte Brüdergemeine in Herrnhut in ihrem ersten Feuer- und Liebeseifer stand. Was von ihren Versuchen, Lebensverbindungen in allen Welttheilen anzuknüpfen und fruchtbare Ableger von dem am Hutberg aufgewachsenen Baume an allen Meeren einzupflanzen, Bestand hatte und noch jetzt in Blüthe steht, liefert nur ein sehr unvollständiges Bild von dem Umfang, auf welchen sich ihre Thätigkeit erstreckte. Sie hat nicht bloß unter den Eskimos in Grönland und Labrador unter den Negern in Westindien und Surinam, unter den Hottentotten in Südafrika, und unter den Esthen in den russischen Ostseeprovinzen das Panier der Liebe Christi aufgesteckt; auch im Arawakkenland in Südamerika, im heißen Sand der dänischen Goldküste und im Brüdergarten in Tranquebar ruhen die Gebeine ihrer Friedensboten; in Algier und Egypten, in Persien und unter den Kalmücken der goldenen Horde, in Ceylon und auf den nikobarischen Inseln hat sie den guten Samen auszustreuen versucht, und in den erstorbenen Kirchen des Morgenlandes, bis nach Abessynien hinab, mit ihrer „kleinen Kraft“ daran gearbeitet, den umgestoßenen Leuchter des Evangeliums wieder aufzurichten.

„Ein Archimandrite
Betet die andere Bitte“,

singt Zinzendorf in einem seiner längstcassirten Lieder; ein andersmal:

„- – Hanüken, Heiducken
Beugen die Tschakanen
Vor des Kreuzes Fahnen“;

oder

„Der Mohr in Delmina
Wartet auf Hilfe“;

oder

„Der Dey von Algieren
Oeffnet seine Thüren“;

und das Lied schließt mit folgenden glaubensmuthigen Worten:

„Und daß wir’s kurz sagen:
Ameninadib’s Wagen
Fahre mit dem led’gen Chor
Ueber Thür und Thor,
Ueber Stock und Stein,
Wo sie sollen seyn,
Glücklich hinein,
In Jesu Namen! Amen.“

An Männern zu solchen halsbrechenden Unternehmungen fehlte es damals in der Gemeine nicht; und wenn in Gegenden, von denen Zinzendorf singt:

„Kennt ihr die Triften,
Wo das Crocodil im Schilfe
Und Satan lau’rt in Lüften,
Menschen zu vergiften?“;

ganze Reihen von Streitern niedersanken, so meldeten sich gewöhnlich noch einmal so viele, um die Lücken wieder auszufüllen. Damals hieß es:

„Es wurden zwanzig ausgesä’t,
Als wären sie verloren;
Auf ihren Gräbern aber steht:
Dieß ist die Saat der Mohren“.

Wenn aber auch die meisten dieser Versuche vor Menschen-Augen mißlangen und keine oder wenig sichtbare Frucht davon überblieb, so wissen wir einestheils, daß nicht alle Frucht der thätigen Christenliebe hienieden schon zum Vorschein kommt, daß über manche erst die Winternacht des Todes ergehen muß, wie bei der Zeitlose, ehe die Frucht im ewigen Frühling zum Tageslicht gelangt; anderntheils ist auch das Gelingen nicht der sichere Maaßstab für den Werth und die Gottgefälligkeit christlicher Unternehmungen. Alle jene Versuche stehen wenigstens da als bedeutsame Lebenszeichen aus der Periode der Brüdergemeinen, in welcher sie sich ganz besonders von der Liebe Christi gedrungen zeigte, mit dem rettenden Arm der Liebe in alle Regionen des Völkerlebens hineinzureichen. Von einem derselben, der Mission auf den nikobarischen Inseln, wollen wir dießmal eine Schilderung geben, und benützen dazu eine Reihe von Briefen, welche einer ihrer tüchtigsten Sendboten Johann Gottlieb Hänsel, an den sel. Bruder Chr. Ignaz Latrobe in London gerichtet hat^‘

Die nikobarischen Inseln liegen am Eingang des bengalischen Meerbusens, unter 8° nördlicher. Breite und ungefähr 94° östlicher Länge von Sumatra. Nancauwery, die Insel, wo die Mission ihren Sitz hatte, ist eine der südlichsten, und bildet mit Comarty einen bequemen Hafen, da sie ostwärts von der großen, aber schmalen Insel Trikut, welche flach und an Cocosbäumen reich ist, westwärts aber von der großen Insel Katsoll geschützt wird. Die Schiffe können hier mit aller Sicherheit vor Anker liegen. An der Nordwestspitze von Nancauwery, hinter einem kleinen Berge und nahe an dem Hauptlandungsplatz, lag die Ansiedlung der Brüdermission, von den Einwohnern „Tripjet“, oder die Wohnung der Freude, genannt. Sie wurde gegründet im Jahr 1758, und zwar in Folge wiederholter Bitten und Aufforderungen von Seiten eines sehr vornehmen und angesehenen Mannes am königl. dänischen Hofe.

Schon im Jahr 1756 wurde auf diesen Inseln ein dänisches Handlungs-Comptoir errichtet, und zugleich erhielten sie den Namen „Friedrichs-Eilande“. Aber schon dieser erste Versuch mißglückte, indem beinahe alle von Tranquebar dahingeschickte Colonisten früh hinwegstarben. Die Brüder ließen sich jedoch dadurch keineswegs abschrecken. Durch Unterhandlungen mit der Dänisch-Asiatischen Compagnie erhielt die Brüder-Unitäts-Direktion in einem königlichen Edikt die Zusicherung aller Privilegien und Freiheiten, deren sie zur ungehinderten Ausbreitung des Evangeliums unter den Heiden bedurften. Nun hieß es in Herrnhut: Im indischen Archipel wird eine neue Mission errichtet: wer ist geneigt, seine Dienste dazu anzubieten? Und alsbald fanden sich auch einige Brüder, welche freiwillig die schwere Aufgabe übernahmen. Am 2. Juli 1760 kamen sie in Tranquebar an und wurden von dem dänischen Statthalter und sämmtlichen Einwohnern aufs Freundlichste empfangen. Da man zur Unterhaltung der anzulegenden neuen Mission ein Etablissement an der Küste von Coromandel wesentlich nothwendig fand, so kauften sie ein Ackerfeld, etwa eine Meile von Tranquebar entfernt, bauten sich ein Wohnhaus nebst den nöthigen Nebengebäuden und Werkstätten, und unterhielten dieselben durch Handel und verschiedene Handarbeiten. Der Ort erhielt den Namen: „Der Brüdergarten“. In meinen Sammlungen befindet sich eine sauber gearbeitete silberne Cigarrenröhre von einem tamulischen Silberarbeiter, der seine Kunst im Brüdergarten gelernt hat.

Noch in demselben Jahr kam eine zweite Gesellschaft von Missionaren nach; weil aber die dänisch-ostindische Compagnie ihr Etablissement auf den Nikobaren nicht so bald wieder erneuern konnte, so war die erste Aufgabe der Brüder, die sicherlich mit zu den schwersten des Missionsberufes gehört, – Warten, wie denn überhaupt diese Archipelagianer weder Pelagianer noch Semipelagianer seyn durften, sondern im beständigen Bewußtsein ihrer absoluten Abhängigkeit von der freien Gnade Gottes leben und zu allen ihren Schritten Seine Winke abwarten mußten. Erst im Jahr 1768 kam die neue dänische Niederlassung zu Stande, und nun machten sechs Brüder den Anfang der nikobarischen Mission und ließen sich in Nancauwery nieder. Bevor wir aber den weiteren Gang dieses Glaubenswerkes verfolgen, müssen wir uns nach der natürlichen Beschaffenheit der Inseln, ihren Produkten und Einwohnern, ein wenig umsehen, weil wir nur dadurch eine richtige Vorstellung von den Schwierigkeiten des Unternehmens bekommen.

Der größte Theil der nikobarischen Inseln ist gebirgig, und einige Berge sind von beträchtlicher Höhe. Nur Tricut, Tafouin und Karnikobar sind flach und mit Cocoswäldern überdeckt. Diese Bäume wachsen indeß auch auf den übrigen Inseln häufig, und außerdem die Arakapalmen nebst einer Menge von Bauhölzern aller Arten, einige bis zu unglaublicher Stärke. Die Thäler und Bergrücken sind mit diesen Wäldern so überzogen, daß an manchen Orten das Sonnelicht keinen Weg durch ihr Laubgedränge finden kann. In einigen Gegenden sind die Wälder mit vielem wilden Strauchwerk so dicht durchwachsen, daß sie wie ein zusammenhängendes Gewebe aussehen und in ihrem Innern völlige Dunkelheit herrscht. Schon dieß trägt zur Ungesundheit des Clima’s merklich bei, indem der Luftzug fortwährend gehemmt ist. Die Eingebornen selbst empfinden die nachtheiligen Wirkungen davon; noch weit mehr aber die Europäer.

Der nutzbarste Baum der Inseln ist die Cocospalme. Sie wächst leicht und schnell, und gedeiht am besten an den Seeküsten, wo viele Wurzeln und Blätter und Stiele von der Fluth angeschwemmt werden. Die Nuß, welche in den Sand fällt, wird bald überdeckt, und wächst in kurzer Zeit kräftig empor. Wird sie verpflanzt, so bekommt man nach fünf Jahren eine reiche Fruchtärnte. Die reifen Nüsse werden an dem Hause aufgehängt; und in kurzer Zeit treiben sie Stiele und Zweige, welche man, wenn sie etwa eine Elle lang sind, in die Erde steckt, wo sie dann schnell in die Höhe wachsen. – Ein anderer schöner und nützlicher Baume ist der Mangobaum, dessen Frucht eine angenehme Speise und zugleich eine heilsame Arznei liefert. Der eßbare Theil derselben liegt in einer Schaale, welche mit einer dicken, fleischigten Rinde umgeben ist. Der Geschmack ist gewürzhaft, überaus angenehm süßsäuerlich; und diese Frucht ist so gesund, daß man nicht leicht fürchten darf, zu viel davon zu essen. Die Schaale ist bitter und zusammenziehend. Die nikobarischen Zauberärzte geben sie in Wasser gekocht gegen die Fieber, denen die Einheimischen sowohl als die Fremden häufig ausgesetzt sind. – Außer den hier genannten Bäumen sind die Inseln reich an Wurzeln, Fruchtpflanzen und Kräutern, welche die Zauberer wohl zu gebrauchen wissen.

Tiger, Leoparden und ähnliche reißende Thiere, die an der Küste von Coromandel so zahlreich vorkommen, gibt es auf den Nikobaren äußerst selten. Auf den südlichsten Inseln, Sambelong, Tacop und Katsoll, hat man zuweilen Monkius gefunden. Auf den übrigen Inseln sind zahlreiche Heerden von Ochsen, die von den Dänen herüber gebracht worden und nun, nachdem die Colonie verlassen ist, wild in den Wäldern herumlaufen. Sie haben sich unglaublich vermehrt; und da die Wälder ihnen das vortreffliche Futtergras gewähren, so gelangen sie, besonders die Auerochsen, zu einer ungewöhnlichen Größe und Stärke. Miss. Hänsel versuchte mehrmals, einige zu schießen, um ihr Fleisch für den Tisch zu bekommen; aber immer vergeblich. Hunde und Schweine haben alle Inseln. – In manchen Gegenden gibt es viele Schlangen; sie sind aber minder zahlreich und zum Theil nicht so giftig als die auf der Küste von Coromandel. Der Grund davon liegt wahrscheinlich in der Gewohnheit der Insulaner, zwei- oder dreimal des Jahres das hohe Gras auf den Anhöhen anzuzünden und abzubrennen, wodurch eine Menge Schlangenbrut vernichtet wird. „Eine Art der gefährlichsten Schlangen“, sagt Miss. Hänsel, „fiel mir vor andern auf. Sie ist grün, ihr Kopf und Maul breit wie ein Froschmaul, ihre Augen sind sehr roth. Ihr Biß ist so giftig, daß ich ein gebissenes Weib in einer halben Stunde todt hinfallen sah. Das unglückliche Weib war auf einen Baum gestiegen, um Früchte zu pflücken, und wurde von der Schlange, die sie nicht bemerkte, in den Arm gebissen. Da sie die Gefahr kannte, stieg sie augenblicklich vom Baum herab, war aber sogleich wie verrückt. Man brachte sie unverzüglich zu mir, und während ich durch Blasenpflaster und andere Mittel das Gift auszuziehen versuchte, starb sie unter meinen Händen.“

Hänsel hat nur wenige Scorpionen, aber unter ihnen einige von der größten Gattung, gesehen, rothfarbig und äußerst giftig. Eines der fürchterlichsten Thiere dagegen, das Crocodil oder der Alligator, findet sich in großer Menge. Karnikobar und alle Inseln, welche viele Ströme und Süßwasser-Seen haben, wimmeln von diesen Thieren. Sie sind von zweierlei Art: der schwarze Kaiman und das eigentliche Crocodil. Das letztere greift nicht leicht lebendige Geschöpfe an, und ist mithin minder gefährlich. Davon sah Hänsel selbst einen Beweis. Er ging in Queda längs der Küste, und sah einem Haufen schwimmender und in’s Wasser springender Kinder zu. Plötzlich erblickte er ein großes Crocodil, das aus dem Wasser auf die Kinder zukam. Erschrocken schrie er laut auf, und winkte einigen nahestehenden Chinesen zu, sie sollten den Kindern zur Hilfe eilen. Diese lachten ihn aber als einen unwissenden Fremdling aus. In der That sah er bald darauf das Ungeheuer unter den spielenden Kindern, und die letzteren ohne Furcht mit dem Thiere beschäftigt, um es fortzujagen. – Der Kaiman ist kleiner, aber sehr verwegen, und fällt jedes lebende Wesen an, das ihm begegnet.

Die nikobarischen Fledermäuse sind von riesenhafter Größe. Hänsel sah einige, deren ausgestreckte Flügel 5-6 Fuß vom Rücken an maßen; der Körper war einer gemeinen Katze ähnlich. Es sind zwei Arten; die eine mit einem Hundskopf, die andere mit einem Katzenkopf. Jene erheben, wenn sie fliegen, ein bellendes, diese ein Katzen-Geschrei. Nie hat Hänsel mehrere Thiere dieser Art beisammen angetroffen. Sie sehen äußerst häßlich aus, setzen sich am liebsten, und sehr tölpisch, auf Mangobäume, deren Frucht sie essen, und brechen die dünneren Zweigen ab, bis sie einen Ast finden, der sie trägt.

Von den Vögeln nennen wir nur die Hirlem- oder sogenannte Nikobarschwalbe (hirundo edulis,  Linn.). Diese kleine Schwalbe ist die Erbauerin des berühmten Vogelnests, der Hauptleckerspeise bei den indischen und chinesischen Gastmahles Sie baut diese Nester in Spalten und Höhlungen der Felsen, am liebsten in denen gegen Süden. Die letzteren sind gewöhnlich die feinsten und besten. Hänsel hat zuweilen auf einem Spaziergang so viele derselben gesammelt, daß sie zusammen fünfzig Pfund wogen. Sie sind klein, und sehen ganz so aus wie unsere gemeinen Schwalbennester. Wenn sie vollkommen gut sind, so gehen zwölf auf ein Catty (1 3/4 Pfund). „Die wahren Bestandtheile dieser Nester habe ich“, sagt Hänsel, „durch alle meine Untersuchungen nicht erforschen können, und ebensowenig haben mich die Muthmaßungen der gelehrten Naturforscher darüber befriedigt. Diese Schwalben haben außerordentlich kurze Beine; und wenn sie auf der Erde liegen, können sie sich nicht wieder aufrichten. In solcher Lage habe ich sehr viele gefangen; und sobald ich sie in die Höhe hielt, flogen sie davon. Schon dieser Umstand widerlegt die Vermuthungen der Naturforscher, daß sie das Material zu ihren Nestern an den Küsten oder von den Meeresklippen holen. Am wahrscheinlichsten ist mir, daß sie zu ihren Nestern hauptsächlich das Gummi eines gewissen Baumes gebrauchen, den Einige die Nikobar-Ceder nennen und der auf den südlichen Inseln sehr häufig wächst. Das Nadellaub dieses Baumes ist hart, schwarz und sehr schwer. Vom December bis zum Mai ist der Baum mit Blüthen überdeckt und trägt dann eine Art Tannenzapfen, die jedoch mehr großen Beeren voll Augen oder Pusteln ähnlich sind und einen gummiartigen Saft ausschwitzen. Ich habe in der Blüthe- und Fruchtzeit eine unzählbare Menge der kleinen Schwalben um diese Cedern herum fliegen und flattern sehen, wie die Bienen um blühende Gesträuche. Dadurch bin ich in der erwähnten Vermuthung bestärkt worden.“

Wie die Bienen in ihrem Bienenstocks so leben diese Vögel in den Felsenhöhlen, wo man sie ein- und ausfliegen und ihre Nester dicht aneinander, ganz nach der Weise der See- und Hausschwalben, bauen sieht, Die Henne baut ein nettes, wohlgestaltetes, zum Eierlegen und Brüten gut eingerichtetes Nest; das Hähnchen baut ein anderes, kleineres und gröberes daran: denn diese Nester werden nicht bloß zum Eierlegen gebaut, sondern auch zur Ruhestätte, wenn die Schwalben sich niederlassen wollen. Wenn ihnen ihr Nest weggenommen wird, so fangen sie alsbald an, ein neues zu machen, und bringen es mit ihrem Fleiß schon am ersten Tage so weit, daß es sie trägt, wiewohl sie zur gänzlichen Vollendung gegen drei Wochen brauchen. Während des Nordostwindes sind sie alle in Bewegung und fliegen munter umher; sobald aber der Südwestwind weht, sitzen oder liegen sie wie erstarrt in ihren Nestern und zeigen nur durch eine Art zitternder Bewegung des ganzen Körpers, daß sie noch leben. Wenn man sie in diesem Zustand aus dem Nest nimmt und auf die flache Hand legt, so merkt man keine andere Spur von Leben als dieses Zittern, und wenn man sie wieder ins Nest hineinbringt, so fallen sie gewöhnlich auf die eine oder andere Seite. Werden sie in solchen Zeiten ihrer Nester beraubt, so kommen sie unvermeidlich um.

Daß wir hier von den Naturprodukten der Inseln so ausführlich reden, hängt mit der ganzen Einrichtung dieser Mission aufs Genauste zusammen. Die Brüdergemeine hatte es von Anfang an bei allen ihren Missionen darauf abgesehen, daß sie durch Gewerbsthätigkeit und Handel ihre Kosten so viel als möglich selbst decken sollten, denn keine Missionsgesellschaft mit großen Revenuen diente ihnen zu Stütze und Hinterhalt, und die Gemeine selbst bestand größtentheils aus armen Leuten, die auch sonst noch allerlei Opfer zu bringen hatten. Auf den nikobarischen Inseln nun beruhte der Unterhalt der Mission großentheils auf der Einsammlung und dem Verkauf der dortigen Naturprodukte. Hänsel besorgte dieses Geschäft zu seiner Zeit mit einigen andern Brüdern; und wiewohl er keine naturhistorischen Kenntnisse dazu mitbrächte, so wurde er doch durch lange Uebung in den Stand gesetzt, gehörig zu unterscheiden, welche Artikel den Naturforschern erwünscht seyn würden. „Ich erkenne“, sagt er „mit tiefem Danke den Segen, welchen der Herr auf diese meine Beschäftigungen zum Besten der Mission legte, indem aus England, Holland, Dänemark und andern europäischen Ländern große und häufige Bestellungen kamen, durch deren Ertrag ein großer Theil der Missionsausgaben bestritten werden konnten.“ Er fährt dann, fort: „Bei meinen häufigen Spaziergängen an der Seeküste begegnete es mir oft, daß ich von der Nacht überfallen wurde, und nicht ohne große Beschwerden wieder hätte nach Hause kommen können. Aber ich vermißte darum nicht mein weiches Bett. Der größte Theil des Ufers besteht aus einem sehr seinen, weißen Sand, der vollkommen rein und trocken ist. Ich machte mir ohne Mühe eine für meinen Körper passende Grube, mit einet kleinen Erhöhung statt des Kopfkissens, legte mich dann hinein und häufte den Sand über mir zusammen. So lag ich bis an den Hals vergraben. Mein treuer Hund legte sich quer über mich hin, bereit, bei der geringsten Wahrnehmung sogleich Lärm zu machen. Ich schlief aber auch ohnehin in der völligsten Furchtlosigkeit. Crocodile und Kaimans besuchen nie die offene Küste, sondern halten sich in schilfigen und sumpfigen Orten auf; auch sind, wie gesagt, sonstige Raubthiere seltener. Die einzige Unannehmlichkeit dieser Nachtlager war das nächtliche Umherkriechen einer ungeheuren Menge von Krabben, größeren und kleineren, deren Kratzen mich zuweilen, wenn sie mir über’s Gesicht liefen, aus dem Schlaf weckte. Mein Hund belauerte sie aber sehr sorgfältig, und wenn sich mir eine nähern wollte, machte er sich schleunig über sie her und schleudert sie weit weg. Oder wenn es eine der größeren Krabben war, die der Hund sich fürchtete mit der Schnauze zu fassen, so suchte er sie durch Bellen zu erschrecken und wegzuscheuchen. Ich habe gar manche liebe Nacht in dieser Art von Gräbern zugebracht, und die erquickendste Ruhe genossen. Tiefer in’s Land hinein, und auf verschiedenen andern Inseln, wäre jedoch diese Nachtherberge, zumal ohne Gesellschaft, wegen der wilden Thiere in den Wäldern nicht zu empfehlen. Ich kann nicht dankbar genug die gnädige Bewahrung Gottes auf meinen häufigen Wanderungen zu Wasser und zu Lande preisen. Eine dieser Bewahrungen muß ich doch erzählen.

„Auf einer meiner Reisen stieß aus Unvorsichtigkeit ein dänisches Schiff auf unsern Schiffshintertheil und zerbrach unseren Flaggenmast. Wir fuhren daher in einen Meerbusen, wo einige unserer Leute an’s Land stiegen, um einen Baum zu einem andern Mast umzuhauen. In der Hoffnung, etwas Frisches von Wildbrät für unsern Tisch zu finden, begleitete ich sie und nahm meine Doppelbüchse mit. Während sie mit dem Baume beschäftigt waren, setzte ich mich am Rand des Waldes nieder. Bald entdeckte ich in dem hohen Gras einen Gegenstand, den ich nicht erkannte, den ich aber für einen Hasen hielte. Ich setzte mein Gewehr an und wollte es gerade losbrennen, als das Thier aufsprang. Ein Tiger stand vor mir. Ich blieb unbeweglich und zitternd stehen, in der gewissen Erwartung, die Bestie werde mich anpacken und zerreißen. Aber Gottes Auge wachte über mir. Das Thier schien nicht minder erschrocken als ich selbst, sah mich ein paar Augenblicke starr an und drehte dann bedächtig um. Es schlich sich gerade so weg wie eine erschrockene Katze, mit dem Bauch auf der Erde, verstärkte dann seine Schritte, und eilte in den tiefen Wald hinein. Vor Zittern und Herzklopfen hatte ich Mühe das Ufer wieder zu erreichen. Als ich an’s Wasser kam, fand ich ein niedriges Strauchgebüsch vor mir. Ich ging auf die andere Seite des Boots, um meinen Leuten, welche den gefällten Baum durch’s Wasser zogen, zu Hilfe zu kommen. Kaum war ich in’s Boot gestiegen, als ich auf der Gebüschseite, wo ich zuerst gewesen war, einen ungeheuern Kaiman erblickte, dessen Raub ich dort drüben unfehlbar geworden wäre. Voll Dank und Lob in meiner Seele für diese abermalige Lebensbewahrung schoß ich mein Gewehr auf den Kopf des Ungeheuers ab, das sich auch sogleich in’s Wasser stürzte und stark blutete. Wir sahen es glücklich an’s Ufer kommen und durch den Schlamm in’s Gesträuch kriechen. – Das Fleisch des Crocodils und des Kaiman ist, gut gekocht, gesund und wohlschmeckend. Ich aß es als Schweinefleisch und anfänglich mit Wohlgeschmack; in der Folge aber, nachdem ich das furchtbare, grausenerregende Thier selbst kennen gelernt hatte, konnte ich mich nicht mehr überwinden, davon zu essen. Sonst jedoch wird es von Einheimischen und Europäern gern genossen.“

Br. Hänsel betrieb die Sammlung und Zubereitung von Schlangen, Krabben, Spinnen und andern Thieren, die theils ausgestopft, theils im Weingeist aufbewahrt oder getrocknet wurden, als ein zum Bestand der Mission nothwendiges Gewerbe. Im Brüdergarten bei Tranquebar hatte er einen zu diesem Geschäft besonders eingerichteten Schuppen, und arbeitete da zuweilen mit zwei oder drei Malabar-Knaben als Gehülfen. Er hatte u. A. gegen achtzig verschiedene Schlangengattungen, von der Größe eines kleinen Wurms bis zu 16-20 Fuß Länge, neunzig Gattungen von Krabben und über vierzig von Spinnen gesammelt. Wo er ging und stand, in den Wäldern, an den Ufern, zu Land und auf dem Wasser, war er gewohnt, auf alles, was er sah und hörte, aufmerksam zu seyn, und durch fortgesetzte Uebung lernte er alle Arten von Thieren ohne Nachtheil für sein Leben zu fangen. Was er von den Schlangen sagt, wollen wir ihn mit seinen eigenen Worten erzählen lassen.

„Auf die Schlangenjagd ging ich frei von Furcht: ich verwahrte bloß meine Füße mit starken Stiefeln, und wenn ich die Schlangen verhindern konnte, in ihre Höhlen zu schlüpfen, und sie durch Reizung zum Zorn dahin brachte, daß sie auf mich losgingen, so war ich meines Fangs gewiß. Ich hielt ihnen meinen Hut vor, welchen das Thier mit Heftigkeit anpackte; sogleich riß ich ihn wieder weg, und nur selten mißglückte es mir, durch schnelles Ziehen die Zähne der Schlange mit herauszureißen, weil diese nur sehr locker in den Zahnhöhlen sitzen. Jedoch wird sowohl hier als auch späterhin große Behutsamkeit und Vorsicht erfordert, um nicht von den Zähnen der getödteten Schlange verletzt zu werden, während man den Kopf bearbeitet und die Zähne wieder versetzt. Denn eine solche Verwundung ist, selbst lange Zeit, nachdem die Schlange getödtet worden, sehr gefährlich, zuweilen tödtlich, wovon ich die traurigsten Beispiele gesehen habe.“

„In der Nähe von Tranquebar ist eine kleine Schlange, welche man Split-naka, Spaltschlange, nennt. Sie ist schwarz, mit einem weißen Streifen längs des Rückens. Ihr Biß ist überaus giftig. Da sie schlank ist, kann sie in die kleinsten Löcher oder Spalten hineinkriechen, und kommt daher häufig in die Stuben und Kammern, um Futter zu suchen. In meiner Arbeitsstube war eine Thür an einer finstern Stelle. Eines Abends, als ich diese Thür öffnen wollte, fühlte ich plötzlich einen Stich in meinem Finger, und zu gleicher Zeit einen heftigen elektrischen Schlag, als ob ich mitten entzwei gespalten wäre. Da ich an keine Schlange dachte, fragte ich meinen malabarischen Dienstknaben, was sie an der Thüre gemacht hätten. Sie behaupteten, sie hätten nichts gethan. Ich versuchte zum zweiten Mal, die Thüre zu öffnen, wurde aber noch heftiger verletzt und merkte, daß meine Finger bluteten. Nun ging ich in meine Stube zurück und zog das Blut aus, bis es nicht mehr floß. Ich benetzte die Wunde mit Terpentingeist, verband sie, und verrichtete, ohne weiter daran zu denken, meine Geschäfte. In der Nacht aber fühlte ich Geschwulst mit großen Schmerzen. Am Morgen darauf glaubte ich einen unangenehmen Bisamgeruch wahrzunehmen, als ich wieder zu der Thüre kam, war der Geruch unerträglich. Ich ließ ein Licht bringen und erblickte nun die Ursache dieses Unfalls. Ein etwa sechs Zoll langes Stück vom Kopf und Leib einer jungen Spaltschlange hing völlig todt am Schlüsselloch, und bald darauf fand ich das Thier selbst zusammengewickelt, stark verwundet und todt. Blos durch das unverzügliche Ausziehen des vergifteten Blutes an meinen Fingern und durch den Gebrauch des rechten Heilmittels, ohne die wahre Ursache des Uebels zu wissen, hatte ich mein Leben gerettet, wofür ich die gnädige Leitung des Hüters unsers Lebens anbete. Ich habe mehrmals gehört und glaube es auch, daß der Biß jeder andern Schlange mehr oder minder von einem ähnlichen elektrischen Schlag begleitet sei, weil das Gift augenblicklich in die ganze Blutmasse eindringt.

Von den übrigen merkwürdigen Schlangenarten führe ich noch die wix-snake an. Sie ist grün, 4 – 6 Fuß lang, schlank, und springt in horizontaler Bewegung von Baum zu Baum, weßhalb sie auch die „fliegende Schlange“ genannt wird.

Die sogenannte „doppelköpfige Schlange“ hat nicht zwei wirkliche Kopfe; aber sie ist vorn und hinten gleich dick und, gleich einigen Raupengattungen, mit einer Art von Schwulst an ihrem Hintertheil versehen, was Manchen bei dem ersten flüchtigen Anblick als ein zweiter Kopf erschienen seyn mag; diese Schlange ist roth, träge und sieht beinahe einer langen Bratwurst ähnlich. – Die „Mauerschlange“ kriecht mit großer Leichtigkeit auf den Mauern und ist klein und gefleckt. Das Gift aber dieser Schlangen greift hauptsächlich das Blut an, während es für eine gesunde äußere Haut eben nicht sehr nachtheilig ist. Aber nur selten arbeitete ich an einer der größeren Schlangen, um sie auszustopfen, ohne von dem außerordentlichen und eckelhaften Bisamgeruch ihres Fleisches krank zu werden, so frisch dieses auch seyn mochte“.

Was Missionar Hänsel von den Bewohnern der Nikobaren sagt, das gilt im Durchschnitt auch heutzutage noch, namentlich in Betreff ihrer Sitten und Religion, denn seit der Auflösung der dortigen Brüdermission sind keine weiteren Missionsversuche auf jenen Inseln gemacht worden, und daß das Heidenthum sich nicht von selbst zu besseren Zuständen entwickle, etwa wie die Blüthe zur Frucht, das lehrt uns die Geschichte überall.

Die Einwohner der nikobarischen Inseln sind ein freies, völlig unabhängiges Volk; doch hat jedes Dorf seinen Capitain. Es finden sich zwar überall Mehrere, die sich für besser und geschickter halten als ihre Mitbürger und sich darum den Rang eines Capitains anmaßen; allein das Volk erkennt an jedem Ort nur Einen für den Omjah Karu, d. h. den großen Hausvater, dem aber dennoch Niemand Gehorsam schuldig zu seyn glaubt, denn kein Nikobarer, Mann oder Weib, erkennt einen Gebieter über sich an. Der Kapitaln muß daher in Allem, was er anordnet, äußerst behutsam verfahren, und nur durch die allerliebreichsten Vorstellungen kann er die Befolgung seiner Forderungen bewirken. Sein einziges Vorrecht ist, daß er bei der Ankunft eines Schiffes zuerst an Bord steigen und den Handelsvergleich schließen darf, wenn seine Landsleute etwas auszutauschen haben.

Die Leute sind größtentheils gutmüthig und friedlich gegen einander gesinnt. Daneben sind sie gleich andern heidnischen Völkern der Völlerei und der Unzucht ergeben, und wenn sie Recht zu haben meinen, rach- und mordsüchtig, aber zugleich faul und nachlässig. Ihre Zunge wissen sie besser zu gebrauchen als ihre Nachbarn. Ihre Häuser sind meistens geräumig, sechs Fuß oder noch höher über der Erde auf Pfeilern erbaut, aber nicht viereckig wie die Malayenhäuser, sondern rund. Sie steigen auf Leitern hinein, welche sie nach sich heraufziehen. Jedes Haus hat nur Eine Stube, welche aber von mehr als Einer Familie bewohnt wird. Eltern und Kinder, besuchende Gäste, Junge und Alte, liegen hier alle nackt beieinander auf einem Lager von Palmblättern, die meisten ohne weitere Bedeckung. Ihr ganzer Hausrath besteht aus Töpfen, welche die Weiber verfertigen, einigen geglätteten Cocosnußschalen als Wassergefäßen, aus Beilen, Säbeln, Messern und einer guten Anzahl Spieße. Jede Familie besitzt zwei oder drei Palongs oder Boote. Ihre gewöhnliche Speise ist eine Art Brod, das von der Frucht eines Palmbaumes (pandans) gemacht und sehr wohlschmeckend ist. Außerdem aber genießen sie auch eine Menge anderer Baum- und Strauchfrüchte. Allerlei Gattungen von Geflügel sind im Ueberfiuß vorhanden. Man füttert es mit Cocosnüssen, und das Fleischgift sehr schmackhaft. Die See liefert den Insulanern eine große Menge eßbarer Fische und Krabben, so daß sie hinlängliche Mittel haben, ihrem Gott, welches ihr Bauch ist, reichlich zu opfern. – Die Kleidung der Männer ist ein schmales Stück Baumwollenzeug, etwa drei Ellen lang. Dieses wickeln sie zweimal um den Unterleib, ziehen es dann zwischen den Schenkeln durch und lassen das Ende hinter sich schleppen. Die Weiber tragen gewöhnlich ein Stück blauen Kattuns um den Unterleib, so daß es wie eine Schürze herabhängt, aber nicht völlig bis an die Kniee reicht. Sie bilden sich sehr viel ein auf ihre feine Haut, die sie auch wirklich sehr rein halten, und auf der sie weder Schminke noch Farbe anbringen. Beide Geschlechter leben von Kindheit auf ohne allen Zwang miteinander und üben sich frühzeitig in den zügellosesten Ausschweifungen, oft zum Verderben ihrer Gesundheit und zur Abkürzung ihres Lebens. Gewöhnlich heirathen sie nicht eher, als bis die Jugendblüthe verwelkt ist. Hänsel versichert, er habe nur Wenige gekannt, die früher in die Ehe traten, sich gegenseitig treu blieben und ihre Familie in Zucht und Ordnung hielten.

Als Wilde können sie unbedenklich zu der gutgearteten Menschenklasse gerechnet werden. Sie sind dienstfertig und gefällig, besonders gegen ihre Freunde. Zum Beleg dafür erzählt Hänsel folgenden Umstand: „Wir kauften gewöhnlich von ihnen, was wir bedurften, und bezahlten es mit Taback. Aber auch wenn sie nichts zu verkaufen hatten, kamen sie dennoch, um ihre Portion Tabak zu holen, die wir ihnen auch nie versagten, bis wir endlich in Folge des Ausbleibens eines Schiffes, selbst daran Mangel litten. Wir erklärten daher dem Capitain des Dorfes, wir könnten fernerhin nichts von ihnen kaufen, weil wir keinen Tabak mehr zur Bezahlung hätten. Der Capitain macht dieß sogleich dem ganzen Dorfe bekannt. Deßungeachtet kamen schon am folgenden Tage viele Einwohner mit großen Vorräthen, legten ohne Bezahlung oder Antwort von uns abzuwarten, ihre Früchte und andere Lebensmittel um unser Haus herum, und gingen dann wieder weg. Wir ließen sie wiederkommen und setzten ihnen unsere Lage auseinander. Ihre Antwort war: „Als ihr mit Tabak versehen waret, gabet ihr uns, was ihr entbehren konntet. Jetzt habt ihr keinen; wir aber haben noch genug von unsern Artikeln, und ihr sollt haben, so viel ihr brauchet, bis ihr wieder mit Taback versorgt werdet.“ Sie hielten treulich ihr Versprechen. Eine solche Gesinnung würde man nicht leicht von einem Volk wie dieses erwarten. Auf gleiche Weise zeigten sie bei allen Gelegenheiten ihre Zuneigung zu uns.“

Traurig war, als die Missionare auf die Inseln kamen, der Zustand des Volkes hinsichtlich der Religion. Ihre Begriffe von einem göttlichen Wesen waren höchst ungereimt und verworren. Man hatte Mühe zu erforschen, welche Vorstellungen sie sich von dem Dasein und den Eigenschaften desselben machten, und sie zeigten nicht die geringste Neigung, mehr von Ihm zu erfahren. Dennoch waren sie nicht eigentliche Götzenanbeter wie die meisten orientalischen Völker. Auch hatten sie in ihrer Sprache kein Wort, ihre Vorstellung von Gott zu bezeichnen. Wenn sie von Ihm redeten, gebrauchten sie das Wort knallen, das aber nichts weiter bedeutet als: Oben, in der Höhe. So heißt z. B. knallen maade: oben auf dem Berge, Knallen uniga: auf dem Wipfel des Baums, knallen gamalee: auf der Oberfläche der See. Sie glaubten jedoch, daß, dieser ihr unbekannter Gott gut sei und ihnen nicht schaden wolle. Worin aber diese Güte bestehe, wußten sie nicht, und begehrten nicht es zu wissen. Wenn sich daher die Missionare bemühten, ihnen, so gut sie konnten, die Güte Gottes deutlich, zu machen, welche aus Erbarmen über den unglücklichen Zustand der Menschen die Mittel zu ihrer Errettung ihnen offenbare, wenn sie von dem Heiland Jesus Christus, und was er zu ihrer Seligkeit gethan und gelitten, redeten, so hörten zwar die Insulaner mit Ehrfurcht und Verwunderung zu; aber daß sie sich dieß auch zueignen und durch Hinzunahen zu Ihm die Seligkeit suchen sollten, das vermochte man ihnen nicht einleuchtend zu machen. Wenn man ihnen sagte, man sei aus keiner andern Ursache zu ihnen gekommen, als um sie mit ihrem Schöpfer und Erlöser bekannt zu machen und ihnen die fröhliche Botschaft von ihrer Seligkeit zu bringen, sie sollten doch auf diese im Namen Gottes zu ihnen geredeten Worte achten, – so lachten sie die Missionare aus. „Wenn wir böse Menschen wären“, sagten sie, „dann könnte uns Alles, was ihr von einem gekreuzigten Heiland sprechet, nicht helfen; aber wir sind gut und haben nie etwas Böses gethan; das wissen wir gewiß“, Hielt man ihnen entgegen, sie hätten erst vor kurzer Zeit einige Personen gemordet, ihre todten Leichname mit Spießen durchbohrt und auf unbarmherzige Art verstümmelt; ob denn das etwas Gutes sei? – so erwiederten sie: „Das versteht ihr nicht; die Getödteten waren nicht tauglich, zu leben; es waren Gomoy,“ d. h. Kannibalen.

Alle Widerwärtigkeiten und Gefahren schreiben die Insulaner dem Teufel zu, der jedoch unter der Macht ihrer Zauberer stehe. Sie nennen die letzteren gewöhnlich mit dem von den Portugiesen entlehnten Namen Padre’s. Wenn diese irgend eine Krankheit durch ihre Zaubermittel nicht heilen, mithin, wie sie meinen, den Teufel nicht fangen oder verjagen können, so sehen sie darin einen Beweis, daß der Teufel in einen Mann oder eine Frau eingekehrt sei und durch seine Zaubermacht alle Genesungskräfte aus dem Leibe des Kranken heraussauge. Der Padre sucht jetzt den Besessenen zu entdecken, und findet ihn bald in irgend einer Person, der er feind ist. Die Aussprüche eines solchen weisen Mannes gelten bei Allen als die Stimme der Wahrheit: der bezeichnete Unglückliche wird daher ohne weitere Untersuchung hingerichtet. In der Nähe der Missionare waren jedoch diese Hinrichtungen seltener als auf andern Inseln. Sie suchten das Volk zu belehren, daß der Teufel sich überall als Vater der Lügen und als Mörder von Anfang beweise, und daß, so lange sie sich nicht zu dem wahren Gott bekehrten, sie als Knechte des Satans gezwungen wären, nach Seinem Willen zu handeln. Wirklich schienen sie immer nur an den Teufel zu denken, und mit ihm umzugehen, so oft sie irgend etwas in religiöser Absicht verrichteten. Sie schreiben selbst die Schöpfung der Welt dem Ewee oder bösen Wesen zu. Bei jeder bösen, verkehrten, verbrecherischen That sagen sie sogleich: „Der Teufel, nicht ich, hat es gethan“. Werden sie überführt, daß sie selbst, ihre eigene Hände es gethan haben, so ist ihre gewöhnliche Antwort: „Der Ewee hat mich nicht besser erschaffen; ich kann also zuweilen nicht anders als Böses thun“.

Sie reden von vielerlei Gattungen von Teufeln, erklären aber alle für boshaft und immer geneigt, ihnen zu schaden, wenn sie nicht zum Glück so große und mächtige Padre’s unter sich hätten, welche den Teufeln überlegen und im Stande seien, sie zu fangen und sich zu unterwerfen. Es ist den Zauberern leicht, diese hohe Meinung des unwissenden Volkes zu nähren, da sie wirklich durch ihre Geschicklichkeit in Erstaunen setzen und unstreitig die geübtesten Taschenspieler auf dem ganzen Erdboden sind. Wer jemals in den ostindischen Provinzen gereist ist, kennt die unglaubliche Kunst und Gewandtheit, womit die Gaukler das Volk zu belustigen und zu fesseln wissen. Auf den nikobarischen Inseln aber, wo diese Gaukelkünste als ein Haupttheil der Religionsübung behandelt werden, wird der Betrug so weit getrieben, daß die Missionare selbst oft staunend dastanden und bei dem, was sie sahen, ihren eigenen Augen nicht trauten. Miss. Hänsel erzählt einige Beispiele davon.

„Ich ging nicht absichtlich in ein Haus, in welchem einer dieser Zauberer beschäftigt war, ein krankes Weib zu curiren. Ich war entschlossen, ihn so scharf als möglich zu beobachten. Beide, den Arzt und die Kranke, traf ich völlig nackt an. Nach vielerlei fürchterlichen Grimassen hielt der Zauberer ein sehr breites Stück Holz in die Höhe und sagte, er habe es soeben aus dem Körper der Kranken gezogen, und dieses Stück Holz sei durch eine Verzauberung die Ursache ihrer Krankheit gewesen. Ich wußte mit völliger Gewißheit, daß der Gaukler bei seinem Eintritt nichts in seiner Hand und um sich her gehabt hatte; und es war unmöglich, daß ein Stück von dieser Größe in dem engen Gemach, wo wir waren hätte verborgen sein können.

„Ein anderes Mal sah ich einen Zauberer unter ähnlichen Umständen auf einmal drei große Steine emporhalten, welche er gleichfalls aus dem Leibe eines Kranken herausgezogen zu haben vorgab. – Jenem ersterwähnten kranken Weibe gab der Zauberer nachher einen Kräutertrank, und sie genas vollkommen. Ihre Genesung wurde aber, wie, leicht zu erachten, nicht den Kräutern, sondern der Zauberkraft zugeschrieben.

„Nach meinem fünfjährigen Aufenthalt auf der Insel Nancauwery fingen meine Beine an entzündet zu werden und ungeheuer anzuschwellen, eine in Ostindien unter dem Namen cochinleg bekannte Krankheit. Die Geschwulst ging in Eiterung über, welche mich mit unerträglichen Schmerzen peinigte, bis endlich die Geschwüre aufbrachen. In meiner Schmerzenslage kamen einige Padre’s zu mir, bemitleideten mich und boten mir ihre Dienste an mit dem Betheuern: wenn ich mich ihrer Cur unterwerfen wollte, so würden sie mich in kurzer Zeit wieder herstellen. Da ich ihre Geschicklichkeit in medicinischen Künsten und ihre große Kräuterkenntniß kannte, so entschloß ich mich endlich, mit einem von ihnen, Namens Philipp, der uns als Sprachlehrer diente, einen Versuch zu machen, jedoch mit ausdrücklicher Ablehnung aller abergläubischen Cermonien. Er nahm diese Bedingung an, und begann sogleich die Cur, indem er mit sehr bedeutenden und feierlichen Mienen, ganz eines solchen Künstlers würdig, mich überall betastete und bei jeder Händebewegung seine Gesichtszüge veränderte, so daß ich mitten in meinen folternden Schmerzen bei seinen Grimassen überlaut lachen mußte. Bis jetzt war aber alles nur Vorbereitung gewesen; jetzt erst begann das Werk selber. Er strich meine Beine mit seiner flachen Hand von dem Knie herunterwärts, während er immer murmelte. Hierauf leckte er mit seinem Munde die kranken Theile, und begleitete diese Operation mit einer auffallenden Art von Knurren oder Grunzen. Diese Behandlung schien mir wohlthuend, und ich fühlte wirklich Erleichterung. Plötzlich richtete er sich auf und zeigte der ganzen Gesellschaft eine Topfscherbe, welche er aus meinen Beinen herausgezogen zu haben behauptete, versicherte auch, bald noch mehrere dergleichen herauszubringen. Ich schrie laut: „Halt ein, dir Betrüger! Du sagst, daß mein Körper mit Scherben angefüllt sei, und dieses zerbrochene Stück hast du aus deinem Munde herausgezogen. Thue deinen Mund auf, so werden wir die übrigen Stücke sehen!“ – Bestürzt stand der Gaukler vor mir und eilte aus dem Hause, sogar von seinen vormaligen Bewunderern ausgelacht. Er ließ sich erst nach vierzehn Tagen wieder sehen.“

Da es mehrmals geschah, daß, nachdem eine Zaubercur mislungen, einer der Missionare den Kranken durch einfache Arzneimittel unter dem Segen Gottes wieder herstellte, so wurden sie vom Volk als vorzüglich große Zaubermeister betrachtet. Was aber die Insulaner am allermeisten anstaunten, war der Umstand, daß ihnen die Missionaren aus ihrem Kalender den Tag und die Stunde der Sonnen- oder Mondfinsternisse voraussagen konnten, von deren Ursache sie die albernsten Begriffe haben. Sie glauben nämlich, der Teufel komme, um die Sonne oder den Mond zu fressen, und sei schon darüber her, den Rand zu benagen; er müsse daher bei Zeiten weggescheucht werden. Zu diesem Zweck versammeln sich alle ihre Padre’s und richten unter den fürchterlichsten Geberden ihre Spieße gegen den verfinsterten Körper. Das gesammte Volk läßt zu gleicher Zeit mit großem Ungestüm eine Schreckensmusik erschallen, um den gefräßigen Räuber wegzuscheuchen, was ihnen auch, wie sie glauben, nach einer Weile jedesmal gelingt. Wenn man ihnen die wahren Ursachen dieser Verfinsterungen begreiflich zu machen suchte, und sie auch wirklich etwas davon zu fassen schienen, so blieben sie deßungeachtet bei der Behauptung, daß zwar die Missionare die größten Padre’s seien, daß aber doch ihre eigenen Padre’s durch ihre Kunst die Sonne oder den Mond aus den gierigen Händen des Teufels befreit hätten. Alle Gegenvorstellungen und Belehrungen, wie diese Himmelskörper nach der eigenen Anordnung ihres Schöpfers ihr Licht wieder erhalten, waren fruchtlos.

Die Austreibung des Teufels aus einer kranken Person oder Familie ist eine eben so sonderbare als alberne Cerimonie. Der Padre ruft zu diesem Behuf alles junge Volk des Ortes herzu, um sich bei Erbauung eines kleinen Floßes aus dünnem Holz helfen zu lassen. Drei Stangen werden aufgerichtet, welche die Masten vorstellen, und einige Bambus quer übereinandergelegt. Die Masten werden mit jungen weißen Cocosblättern behangen. Dieses Spielwerk, welches sie Hanmai, nennen, wird zwischen zwei Palongs gestellt, deren jedes von einer Anzahl tapferer und starker junger Leute mit einem Stück von Xatan (ostindischem Rohr) gerudert wird. Jeder Ruderer hält fünf Spieße neben seinem Ruder. So bleiben sie alle mit sehr ernsthafter Miene stehen, auf die weiteren Befehle des Padre wartend. Dieser hat unterdessen sein großes Werk, das er für leicht oder schwer ausgiebt, je nachdem der Kranke reich oder arm ist, bereits begonnen. Er ist völlig nackt, über und über bunt bemalt, und absichtlich furchtbar entstellt, um den Teufel zu schrecken. Er hält mit beiden Händen einen kurzen dicken Prügel empor und tanzt mit schauerlichen Bewegungen und Geberden, unter entsetzlichem Brüllen und Heulen, umher. Endlich ist er so glücklich, den Feind bei einem Bein oder Arm oder gar bei den Haaren zu packen. Das arme, unwissende Volk läßt sich willig täuschen, und glaubt alles zuversichtlich, ohne darauf zu merken, was die Hand des Betrügers wirklich faßt. Nun rennt die ganze Gesellschaft zum Wasser hin, und der Padre legt den vorgeblichen Teufel auf das Floß, an welches die Palongs sogleich mit der größten Geschwindigkeit anrudern. Hierauf wird der Gefangene weit in die See hinaus geworfen, und die Palongs fahren mit der vorigen Eilfertigkeit ans Ufer zurück. Zwei Tage lang kann der Feind diese unglimpfliche Behandlung überleben und lebendig wieder ans Land kommen; aber am dritten Tage muß er sterben. Gelingt es ihm, an einem andern Ort zu landen, dann richtet er hier von neuem dasselbige Unglück an, wie in dem vorigen Dorfe. Die traurige Folge dieses vermeinten schlimmen Ausgangs ist die bittere Feindschaft, welche dadurch zwischen beiden Dörfern entsteht, und die nur durch einen fürchterlichen Kampf wieder ausgesöhnt werden kann. Das letztere Dorf schickt eine Aufforderung an das erstere, und bestimmt einen Kampftag. Die Kapitäne aller umliegenden Dörfer wählen die Kämpfer; und auch andere Personen, welche diese günstige Gelegenheit, ihre Streitigkeiten auszumachen, benützen wollen, werden aufgefordert, zu erscheinen. Kläger und Beklagter, jeder mit einem langen Mangostock bewaffnet, kommen nun zusammen. Zwei Kämpfer treten hervor und schlagen sich gegenseitig auf Kopf und Rücken, bis einer von ihnen sich überwunden giebt. Dann folgt das zweite, diesem das dritte Kämpferpaar, und so fort bis zum Ende. Nunmehr ist die Rache auf immer entschieden, und Jedermann ist überzeugt, daß der besiegte Theil der schuldige war. Der Friede ist wieder hergestellt; alle Parteien sind vollkommen beruhigt und ausgesöhnt; und nichts in der Welt kann sie von der Thorheit und Ungerechtigkeit dieser Entscheidung überzeugen.

So war der Schauplatz beschaffen, auf welchem die Missionare ihre Arbeit im Jahr 1768 beginnen wollten, und nun kehren wir wieder zu ihnen zurück. Wir haben oben erwähnt, daß in diesem Jahre sechs Brüder sich auf der Insel Nancauwery niedergelassen hatten. Im folgenden Jahr kamen mehrere Offiziere und Soldaten der ostindischen Handels-Compagnie von Tranquebar her mit einer großen Waarenladung zu ihnen. Sie starben aber in kurzer Zeit so dahin, daß nach zwei Jahren nur noch zwei Soldaten und vier Malabaren sich am Leben befanden. Dieses abermalige Mißgeschick schreckte die Compagnie ab, und der Plan, eine Faktorei auf den nikobarischen Inseln anzulegen, wurde für immer aufgegeben. Die Brüder, welche dort blieben, wurden mit dem Verkauf der zurückgelassenen Güter beauftragt, und hatten bei diesem Geschäft unzählig viel Noth und Mühseligkeiten zu erfahren. Im Jahr 1773 endlich wurden sie von diesen ihrem Beruf fremdartigen Geschäften befreit, als ein Schiff von Tranquebar anlangte, das die noch vorräthigen Waaren zurücknahm und dagegen ihnen den längst gewünschten Vorrath an Lebensbedürfnissen brachte. Weil jedoch die fernere Versorgung der Brüder mit den nothwendigsten Lebensmitteln immer höchst unsicher war, so entschlossen sie sich, zur jährlichen Herbeischaffung derselben ein eigenes Schiff zu halten. Herr Holford, ein Engländer, in Tranquebar wohnhaft, leistete ihnen hierbei wesentliche Dienste. Er vereinigte sich mit ihnen zur Ausrüstung eines kleinen Schiffes, das im Jahr 1775 in Nancauwery eintraf und mit einer Ladung dortiger Landesprodukte zurückfuhr, wiewohl dadurch die Ausrüstungskosten bei weitem nicht gedeckt wurden. Herr Holford war aber noch nicht muthlos gemacht; er schickte im folgenden Jahr ein zweites Schiff nach, das jedoch durch ungünstige Winde und Strömungen sich genöthigt sah, vor Junkceylon zu ankern und daselbst auszuladen. Ein drittes Schiff war nicht glücklicher. Durch diese Mißgeschicke und durch die beständige Unsicherheit ihres äußern Bestehens sahen sich endlich die Missionare zu der für sie traurigen Nothwendigkeit gebracht, im Jahr 1787 die Mission gänzlich aufzuheben.

Im Januar 1779 kam Missionar Hänsel in Begleitung des Bruder Wangemann in Nancauwery an und fand daselbst die Missionäre Liebisch, Heyne und Blaschke. Letzterer war sehr krank und ging daher mit dem Schiff nach Tranquebar zurück, wo er bald darauf seinen Lauf endete. Kurz nachher wurde auch Bruder Liebisch krank und ging gleichfalls aus der Zeit. Sie waren jetzt nur noch drei an der Zahl, und Hänsel selbst wurde bald Anfangs von einem so heftigen Fieber befallen, daß die Brüder sein Ende als gewiß erwarteten und thränenvollen Abschied von ihm nahmen, nachdem sie ihn in einem herzlichen Gebet dem Herrn empfohlen hatten. Nach dem Gebet überfiel ihn eine starke Ohnmacht. Da man ihn jetzt für todt ansah, nahm man ihn aus dem Bette heraus, und schon hatte man ihn auf die Bahre gelegt, als er wieder erwachte und sich bei den Unterstehenden erkundigte, was sie denn mit ihm vorhätten und warum sie weinten. Seine Genesung schritt sehr langsam vorwärts, und während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes in Nancauwery fühlte er sich nie völlig gesund. „Nachdem es“, sagt er in seinen Briefen, „dem Herrn gefallen hatte, auch unsern Bruder Wangemann heimzurufen, war ich mit Bruder Heyne allein. Wir waren beide krank und litten an den nöthigsten Lebensbedürfnissen Mangel. Aber Gott, unser Heiland, vergaß unser nicht. Er stärkte unsre Herzen, und tröstete uns so kräftig durch das lebhafte Gefühl Seiner Gnadengegenwart, daß wir oft vor Fröhlichkeit Loblieder sangen. Die felsenfeste Ueberzeugung erfüllte uns, daß Er, der keinen Sperling ohne Seinen Willen auf die Erde fallen läßt, auch uns, Seine armen, aber von Ihm werthgeachteten Kinder nicht verlassen werde. Und diese Seine eigene gnädige Verheißung hat sich an mir so oft und wundervoll als Wahrheit bewiesen, daß ich, ungeachtet aller in Ostindien und auf den nikobarischen Inseln siebenzehn Jahre hindurch erfahrenen Trübsale und Nöthen, tiefbeschämt und gerührt anbetend zu Seinen Füßen niederfalle und ausrufe: Der Herr hat Alles wohlgemacht! Mir hat es an keinem Guten gemangelt. Hallelujah Ihm, meinem Gott und Heiland! Amen“.

Das für Nancauvery abgeschickte Schiff kam erst im Jahr 1781 an. Es brachte nur einen sehr kleinen Vorrath von Lebensmitteln, keinen Wein noch andere stärkende Getränke, denn das Schiffsvolk hatte den größten Theil der für die Mission bestimmten Vorräthe auf der langen Fahrt und dem viermonatlichen Aufenthalt in Queda selbst verzehrt. Die Missionare fühlten sich aber froh und glücklich durch die Ankunft des Br. Steinmann, eines noch muntern und für den Missionsdienst in jeder Hinsicht sehr brauchbaren Mannes. So viel Gutes sie sich aber auch von ihm versprechen mochten, so gefiel es dennoch dem Herrn, ihn in weniger als vier Wochen durch den Tod von ihrer Seite zu nehmen. Man kann sich denken, wie ihren Herzen dabei zu Muthe war. Aber der Herr bewährte sich als ihr Trost und Beistand. Er half im Innern und im Aeußern durch, so daß sie Tag vor Tag ihr tägliches Brod hatten, und auf ihrem Krankenlager war Er ihr Arzt. „Vergebens zwar“, schreibt Hänsel, „würde ich die zahllosen Thränen zu zählen versuchen, die ich in dieser Zeit der Noth und Trübsal zu Seinen Füßen weinte. Aber ich bekenne offenherzig, daß ich nicht wage, für alle diese Thränen ohne Ausnahme mit David zu bitten: „Sammle sie in dein Krüglein!“ oder für alle mit David zu fragen: „Stehen sie nicht geschrieben in Deinem Buche?“ Ich erkannte noch nicht völlig die Wege des Herrn mit seinen Kindern, und noch fehlte es mir oft an der unbedingten, willenlosen Ergebung in Seine Führungen. Thränen des Unglaubens, des Mißtrauens, des Eigenwillens mischten sich daher nicht selten in mein Weinen und Seufzen vor dem Herrn. Doch darf ich mit Freudigkeit bezeugen, daß der Heiland das Eine und Alles meiner Seele und der einzige Gegenstand meiner Sehnsucht und Liebe war. Er hat mich mit Langmuth und mit göttlicher Geduld getragen.“

Die Missionare arbeiteten nun, soviel sie vermochten, an der Urbarmachung und Bepflanzung ihres Ackers, um sich das für die Küche Nöthige zu verschaffen; und weil sie nur drei Diener zum Kochen, Waschen und zu den übrigen Arbeiten hatten, mußten sie oft weit über ihre Kräften thun, zum Nachtheil ihrer Gesundheit. Es war aber nicht zu ändern. Zu gleicher Zeit beschäftigten sie sich eifrig mit Erlernung der Sprache, von dem heißen Verlangen beseelt, den armen Heiden recht bald die überschwängliche Liebe Gottes in Christo Jesu anpreisen zu können. Erst im Jahr 1783 hatten sie die Freude, die drei Brüder Heinrich, Fleckner und Raabs als ihre Missionsgehilfen brüderlich zu umarmen. Ihre Seereise war mit vielen Widerwärtigkeiten verknüpft gewesen. Das Schiff wurde auf der Rhede von Junkceylon von einem französischen Kaper durchsucht und als gute Prise erklärt, weil man einige alte englische Zeitungsblätter in dem Koffer eines an Bord befindlichen Engländers, Namens Wilson, fand, der aus der Gefangenschaft bei Hyder Ali entflohen war. Dieß war für die Franzosen ein hinreichender Grund, sich eines neutralen dänischen Schiffes zu bemächtigen, und alle Mühe, es wieder zu erlangen, war vergeblich. Nach langen und vielen Verdrießlichkeiten entschlossen sich die drei Brüder, gemeinschaftlich mit dem Schiffer ein Malayenschiff um 75 Dollars anzukaufen. Auf demselben schlichen sie sich, wiewohl wider den Willen des malayischen Prinzen, bei Nacht hinweg. Die armen Missionare erhielten nun, statt der erwarteten Lebensmittel, drei weitere Personen, die sie ernähren mußten. Aber die Freude über die lieben Gehilfen ließ sie alles vergessen, und sie thaten alles Mögliche, um sie zu erquicken. Da aber das gekaufte Schiff durchaus neue Segel bedurfte, indem die mitgebrachten alt und gänzlich unbrauchbar geworden waren, so gaben sie ihren ganzen Vorrath von Leinen und Segeltüchern, sogar ihre Bettücher, dazu her, und beschäftigten sich zehen Tage lang mit Verfertigung neuer Segel und völliger Instandsetzung des Schiffs zur Reise. Die Brüder Raabs und Heyne sahen sich durch ihre Gesundheitsumstände genöthigt, mit diesem Schiff nach Tranquebar zurückzugehen. „Ich vergesse nie“, sagt Hänsel, das Wehmuthsgefühl bei dem Abschied von meinem zärtlich geliebten Bruder Heyne, mit dem ich so lange Zeit Freude und Leid getheilt und mit dem ich mich unzählig oft in Stunden der Angst und Gefahr im Herrn erquickt hatte.“

„Die drei folgenden Jahre“, fährt er fort, „verbrachte ich in fruchtlosen Bemühungen, den Eingebornen das Evangelium von der Erlösung durch Jesum Christum zu verkündigen. Aber wenn ich von der Fruchtlosigkeit unserer Arbeit zur Bekehrung der armen blinden Nikobaren rede, so darf ich nicht vergessen, uns Missionaren selbst einen Theil der Schuld beizulegen. Ich meines Theils bekenne es mit tiefer Scham und Reue, daß oft, und nur alle zu früh, mein Glaubensmuth zu wanken anfieng, besonders darum, weil das Band der Liebe unter uns Missionaren nicht immer festgeknüpft blieb. Wie kann ein Missionar von der Liebe Christi mit Kraft und Eindringlichkeit zeugen, wenn sein Herz nicht selbst in dieser Liebe lebt? Wir hatten freilich mit Mangel, Noth, Trübsal und Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen; aber wir wußten ja doch, welcher Trost, welche Stärkung, welcher Segen des Herrn in der brüderlichen Eintracht und in dem „gegenseitig einander unterthan seyn in der Liebe“ liege. Daß doch alle unsere Brüder am Dienst unter den Heiden nie vergessen möchten, daß brüderliche Liebe und Eintracht das köstlichste Kleinod in allen Missionen ist, und daß kein Opfer des eigenen Willens zu groß erscheinen sollte, um dieß Kleinod zu bewahren!“

Die Vogelnester, von welchen oben die Rede gewesen ist, lockten eine große Anzahl von Malayen und Chinesen, welche dieselben begierig aufkauften, an die Küsten der nikobarischen Inseln. Diese Fremden brachten nichts als Streit und Verwirrung unter die Insulaner, am meisten durch ihre häufigen Betrügereien und Meuchelmorde, wodurch die Missionare mit viel Unruhe und Noth heimgesucht wurden. In der Regel kamen 15-16, in einem Jahr sogar 19 große Boote voll solcher Vagabunden nach Nancauwery. Nachdem sämmtliche Offiziere und Soldaten, welche die Missionare auf die Insel begleitet hatten, gestorben waren, und die Missionare erklärten, daß sie ihren Posten nicht verlassen wollten, trug das Gouvernement von Tranquebar ihnen an, es sollte jederzeit einer von ihnen das Amt eines königlich dänischen Residenten und Statthalters der Insel übernehmen. Das Patent wurde jedesmal vom König selbst unterzeichnet. Nachdem die Brüder Völker, Armedinger und Blaschke dieses Amt geführt hatten, kam es an Bruder Hänsel. Er versuchte in einer Adresse an den Gouverneur von Tranquebar den Posten abzulehnen, weil er den Geschäften seines Missionsberufs hinderlich zu sein schien; die Ablehnung wurde aber nicht angenommen. Welche Noth und Plage dieses Amt auf die Missionare häufte, erhellt aus folgenden Beispielen.

Als die Dänen ihre erste Niederlassung in Karnikobar, einer Insel von 75 englischen Meilen Umfang, errichteten, brachten sie eine große Anzahl Kanonen dahin. Nach dem Tode sämmtlicher Soldaten verfaulten die Laffetten, und Hänsel sah 17 solcher Stücke im Grund liegen. Von Zeit zu Zeit kamen die Malayen und stahlen sie weg. Nun geschah es, daß ein Nakata, General des Königs von Queda, wie er sich selbst nannte, mit einem großen Boot nach Nancauwery kam. Da die Eingebornen den Missionar benachrichtigten, daß derselbe nicht weniger als fünf von diesen Kanonen an Bord hatte, hielt Hänsel es für seine Pflicht, sich diesem Diebstahl zu widersetzen, und sprach deßwegen mit dem Nakata. Dieser gerieth in große Wuth, und fing an, sich einer drohenden Sprache zu bedienen, indem er sich auf die Befehle seines Königs berief. Hänsel antwortete: „dein König weiß sehr wohl, daß er, da er hier nichts niedergelegt, auch kein Recht hat, etwas von hier wegzunehmen; und wenn du darauf beharren würdest, so müßte ich den König von Dänemark davon benachrichtigen.“ Hierauf verließ er ihn, hörte aber, der General habe nachher gedroht, diesem Bericht zuvorzukommen, denn wenn der Missionar einmal todt sei, würde er sich schon stille halten. Auch die Eingebornen versicherten, der Mann habe im Sinn, den Missionar zu tödten, sie wollten ihm aber zu seiner Vertheidigung Beistand leisten. Hänsel erwiederte: „So sehr ich auch für eure Anhänglichkeit dankbar bin, so seid ihr doch, wie wir, viel zu schwach, um den teuflischen Einfluß zu hintertreiben, der in diesen mordsüchtigen Leuten wirksam ist. Uns’re Hoffnung aber ist auf Gott, unsern Heiland, gestellt, der unendlich mächtiger ist als der Teufel, und uns gegen alle Anschläge der gottlosen Menschen beschützen kann.“ Er benutzte diese Gelegenheit, um ihnen das Evangelium zu predigen. Sie. hörten mit Aufmerksamkeit und Verwunderung zu, und blieben bei den Missionaren bis spät in die Nacht, da man dann den Wunsch gegen sie äußerte, sie möchten nach Hause gehen. Sie waren kaum dazu zu bewegen. Den weitern Verlauf müssen wir mit den eignen Worten des Missionars erzählen.

„Sobald sie weggegangen waren, machten wir uns nach unserer gewöhnlichen Abendandacht bereit, zu Bette zu gehen. Auf einmal hörten wir draussen einen Lärm, und unmittelbar darauf ein gewaltiges Pochen an die Thüre. Bei Eröffnung derselben erschrack ich nicht wenig, eine große Anzahl Malayen vor mir zu sehen, welche den Eingang umringten. Ich schrie im Stillen zum Herrn, Er wolle uns gegen ihre Anschläge beschützen; aber obgleich meine Furcht groß war, nahm ich eine gebietrische Miene an, indem ich mich bei der Thüre in den Weg stellte, als ob ich entschlossen wäre, sie nicht hereinzulassen. Der Vorderste jedoch drang herein. Nun näherte sich der Nakata selbst. Verrätherisch streckte er mir seine Hand entgegen; als ich ihm aber die meinige bot, ergriff er sie fest und zog mich in das Haus. Die Malayen nahmen sogleich alle Sitze ein, und ich stand vor ihnen. Ich hatte keine andere Hoffnung als auf die Barmherzigkeit Gottes, zu dem ich in dem prüfungsvollen Augenblick um Hilfe seufzte. Mittlerweite drängten sich noch mehrere in das Zimmer und setzten sich auf den Boden nieder, während sie mich mit großer Sorgfalt und Aufmerksamkeit bewachten. Sie waren mit Degen oder Dolchen bewaffnet. Wiewohl ich ein festes und unerschrockenes Aussehen behielt, so kann ich doch meine damaligen Empfindungen nicht beschreiben, denn ich erwartete jeden Augenblick, ein Opfer ihrer Wuth zu werden. Der Nakata wandte sich zu mir mit den Worten: er sei hieher gekommen, um zu fragen, wessen Eigenthum die Kanonen sein sollen, mein oder sein? – Ich antwortete, er sei zu der unrechten Person gekommen, um diese Fragen zu machen, denn ich sei eigentlich nur ein Diener des Königs von Dänemark, wie er, nach seinem eignen Vorgeben, auch nur ein Diener des Königs von Queda sei, darum könne keiner von uns entscheiden, wessen die Kanonen sein sollen. Unsere beiderseitigen Herren, und sie allein, seien im Stande, diesen Punkt zu bestimmen. Er habe mir gesagt, daß er Befehl empfangen habe, sie zu holen, und ich könne ihn versichern, daß ich Befehl habe, mich dem zu widersetzen. Wir beide hätten daher nur unsre Pflicht gethan. Alles hänge nun davon ab, ob mein König oder sein König dazu befugt sei, auf diesen Inseln Befehle zu ertheilen und die fraglichen Kanonen in Anspruch zu nehmen. Bei dieser Antwort wurde er ganz wüthend und fing an davon zu sprechen, wie leicht es den Malayen nun sei, uns alle zu tödten. Einige von ihnen zogen sogar ihre Dolche und zeigten mir, wie dieselben mit Gift bestrichen seien. Sie sahen in der That eher einem Heer von Teufeln ähnlich als einer Gesellschaft menschlicher Geschöpfe. Auf einmal sprangen sie alle auf und waren im Begriff auf mich loszustürzen. Während ich den Ausgang mit Stillschweigen erwartete, meine Seele dem Herrn befahl und Ihn um Errettung anrief, sah ich zu meiner großen Verwunderung, daß sie alle nacheinander sich fortmachten und mich ganz erstaunt über ihr sonderbares Benehmen allein stehen ließen. Nie werde ich diesen schreckhaften Augenblick vergessen, und noch diesen Augenblick denke ich mit Schauder daran. Sobald sie alle weg waren und ich mich sicher sah, fiel ich auf meine Kniee und dankte mit Thränen Gott meinem Heiland, der mein Gebet erhört und mich aus den Händen dieser Wilden befreit hatte. Meine Brüder, die auf eine den Umständen sehr angemessene Weise in den Wald geflohen waren, als die Malayen zuerst ins Haus stürmten, kehrten nun zurück, und wir weinten vor Freude, einander lebendig wieder zu sehen.“

„Nachdem wir uns von unserem Schrecken wieder etwas erholt hatten, ging ich in das Dorf und erzählte unserm alten nikobarischen Hauptmann Jan, was vorgefallen war, worauf er in alle benachbarten Dörfer Boten sandte. In kurzer Zeit strömten große Haufen wohlbewaffnet herbei, die sofort jede Nacht am Landungsplatz Wache hielten. Hätten die Malayen es gewagt, wieder ans Land zu kommen, so würde nicht Einer von ihnen sein Leben gerettet haben. – Am folgenden Morgen sah man das Boot des Nakata nebst zwei andern unterhalb Trikut, mehrere Meilen von uns, vor Anker liegen. Wie wir nachher von den Leuten hörten, so hatte der Nakata geäußert, der dänische Resident zu Nancauwery sei ein sehr großer Zauberer, denn er habe ihre Hände gebunden, daß sie nichts mit ihm hätten anfangen können. Doch nicht ich war es, der ihre Hände band, sondern Gott, der das Geschrei eines armen, hilflosen und zitternden Kindes, das sich allein auf Seine Macht und Erbarmung verließ, anhörte.“

Nachdem die Malayen in einem gewissen Jahr durch schlechte oder ehrliche Mittel eine ziemlich ansehnliche Ausbeute von Vogelnestern davongetragen hatten, kamen im folgenden Jahr nicht weniger als 19 große Boote in die Nikobarstraße, um Vogelnester einzusammeln. Hänsel war ihnen aber schon zuvorgekommen. Sobald der Nordwestwind sich erhob, reiste er nach den südlichen Inseln, wo er einen Monat verweilte und nicht nur eine ungeheuere Menge Nester sammelte, sondern auch alle diejenigen einkaufte, welche die Eingebornen zum Verkauf brachten. Die Malayen erreichten deßwegen ihren Zweck nicht und bekamen nur wenige. Man erwartete, sie würden dadurch den Muth verlieren und fernere Versuche aufgeben; aber man täuschte sich. Während Hänsel zu Manjoul, einer kleinen Insel östlich im Kanal von St. George, sich befand, langte ein großes Boot mit ungefähr 69 Malayen daselbst an, commandirt von einem Nakata, der sich Sayet Ismael, einen Priester des Königs von Queda, nannte. Hänsel sagt, er sei der höflichste und gesittetste Malaye gewesen, mit dem er je umgegangen. Er rieth demselben da zu bleiben, wo er war, eine ordnungsmäßige Uebereinkunft mit den Insulanern zu treffen, den Preis der Vogelnester getreulich zu bezahlen und unter seinen Leuten gute Zucht zu halten, damit alle Ursache zur Klage abgeschnitten werde; auf diese Weise werde er gewiß eine reiche Ladung bekommen. Sayet Ismael nahm den Rath an, und verschaffte sich eine beträchtliche Anzahl von Nestern, während diejenigen, die nach ihm kamen, keine erhalten konnten.

Unter den letzteren war ein Mann, der sich den Titel eines Prinzen von Queda gab und zwei Nakata’s, mehrere Weiber und eine zahlreiche Schiffsmannschaft an Bord seines großen Bootes hatte. Er beging allenthalben die gröbsten Handlungen der Grausamkeit, und ermordete in Karnikobar zwei Personen, was bald bekannt wurde. Kurz darauf kam er auch in die Nachbarschaft der Missionare, und warf Anker unterhalb Trikuts, wo er sich des Bootes von Sayet Ismael bemächtigte. Dieser, nachdem er sein Palong (kleineres Boot) mit acht Säcken Reis, zwei Säcken mit Nestern und anderen Waaren nach Nancauwery geschickt hatte, folgte bald selbst nach und rief den Schutz der Missionare an. So geschah es, daß der Unterdrückte Hilfe suchte bei denen, die selber in einem wehrlosen Zustand waren. Sie ließen den Priester eines ihrer Negerhäuser bewohnen, wo er sich ganz ruhig hielt. Inzwischen hörte der Prinz, die Missionare hätten eine große Menge Nester bekommen, und hielt es für keine schwere Sache, sie auszuplündern. In dieser Absicht landete er mit zwei großen Booten, die mit einigen der wildesten aus der malayischen Rasse angefüllt waren. Von ihrem Zusammentreffen soll uns Missionar Hänsel wieder selbst erzählen.

„Sie zogen herein, besetzten unser Haus ohne Komplimente und schienen eine entschiedene Banditenhorde zu seyn. Ich war allein in ihrer Mitte und rief zum Herrn um Beschirmung. Während ich im Zimmer hin- und herging, fragte mich der Prinz, ob ich Vogelnester habe. Ich bejahte es, worauf er vorgab, er sei gekommen, sie mir abzukaufen, und wünsche sie daher zu sehen. Als ich während dieser Unterredung zufälligerweise gegen die Thüre vorwärts ging, meinte einer unsrer Diener, der bei derselben stund, ich wolle ihm einen Wink geben, die Eingeborenen zu unsrem Beistand herbeizurufen, obwohl ich in der That so bestürzt war, daß ich ihn nicht einmal wahrgenommen hatte. Er rannte sogleich in das Dorf und rief die Leute zusammen. Inzwischen sprach ich in einem entschiedenen Ton mit dem Prinzen, vergaß alle seine hohen Titel, und versicherte ihn, er würde nicht ein einziges Nest von mir bekommen. Zugleich rückte ich ihm scharf vor, daß er zu Karnikobar zwei Menschen getödtet habe, die unter dem Schutz meines regierenden Herrn gestanden hätten. Er gerieth in Hitze und sagte, er wolle mir bald zeigen, daß er es in seiner Macht habe, sich aller meiner Vogelnester zu bemächtigen; und was die zwei Menschen betreffe, die er zu Karnikobar erstochen, so sei er nicht verbunden, mir wegen dieser That zur Rede zu stehen. Kaum hatte er diese beleidigenden Worte ausgesprochen, als ganz unerwartet eine Anzahl von Eingebornen mit gezogenen Säbeln zu den Fenstern hereinsprangen. Die Malayen, über die Maßen erschrocken, fragten, was das zu bedeuten habe. Ich erwiederte: sie kommen, um zu verhüten, daß ihr nicht noch mehr Mordthaten begehet. In kurzer Zeit war das Haus von Eingebornen umringt: sowohl Männer als Weiber waren mit Säbeln, Speeren und Prügeln bewaffnet, und ihre Zahl nahm immer noch zu. Der Prinz und seine Leute fingen nun an, sich auf’s Bitten zu legen, wir möchten sie doch unter unsern Schutz nehmen. Zuerst gab ich ihnen keine Antwort, um sie wegen ihrer niederträchtigen und verrätherischen Streiche zu strafen, worunter ich besonders namhaft machte, daß sie ihre eigenen Landsleute plünderten. Ich sagte: Wer kann sich denn auf euer Wort verlassen? Ihr verdient es, von der Hand derjenigen bestraft zu werden, die ihr so oft durch euere Ungerechtigkeit gereizt habt; und ich dürfte nur meine Hand aufheben, nicht Einer von euch sollte entkommen. – Da sie überzeugt waren, daß sie in meiner Gewalt seien, so hielten sie an mit Bitten, und der Prinz erbot sich, alles zurückzugeben, was er geraubt hätte. „Wie können Sie“, sagte ich, „das Leben denen zurückgeben, die Sie ermordet haben? Doch Sie sollen einmal Ihr Wort halten und das Boot, das Sie dem Sayet Ismael nahmen, mit seiner ganzen Ladung wieder herbeischaffen.“ – Nun ließ ich den Sayet Ismael kommen und erklärte dem Prinzen, seine Leuten könnten ungehindert zu ihren Fahrzeugen gehen, er selbst aber müsse bei mir bleiben, bis das Boot des Priesters hiehergeschickt und ihm überliefert sei. Er erschrack darüber sehr und sagte, wenn ihm nicht erlaubt werde, seine Leute zu begleiten, so würden die Eingeborenen ihn gewißlich tödten. Zuletzt, als Sayet Ismael selbst flehentlich für ihn bat, gestand ich es zu, daß sie miteinander weggehen könnten, und ging hinaus, um die Eingeborenen zufriedenzustellen. Es war keine kleine Aufgabe, ihren Unwillen gegen diese Räuber, die sich nunmehr in ihrer Gewalt befanden, zu besänftigen; auf mein Zureden jedoch machten sie von selbst einen Durchgang für die Malayen. Ihr Anblick war in der That furchtbar, als sie so auf beiden Seiten standen, mit Speeren und Prügeln bewaffnet. Die Malayen jedoch fürchteten sich immer noch, das Haus zu verlassen, bis ich mich nach vielem Bitten dazu verstand, sie zu ihren Fahrzeugen zu begleiten. Der Prinz ergriff meine Hand und wollte mich nicht fahren lassen, bis er in dem Boote war.

Ich muß gestehen, daß ich durch diesen unwillkommenen Besuch nicht wenig in Furcht gesetzt war; aber Gott war meine Zuflucht, und hätte er mir nicht Geistesgegenwart genug geschenkt, um allen Schein von Furcht, die ich doch wirklich empfand, zu verbergen, so würden wir wahrscheinlich ein Opfer des rachgierigen und mordsüchtigen Geistes dieser Unmenschen geworden seyn.

„Sayet Ismael kehrte noch in derselben Nacht nebst seinem wiedererlangten Boot und dessen Ladung zu uns zurück, dankbar für die Gerechtigkeit, womit er behandelt worden; und da er uns seine Dienste anbot, so vertrauten wir ihm ein Packet Briefe für unsere Brüder in Europa an, das er auch, wie sich nachher zeigte, richtig beförderte, indem dieselben pünktlich an ihre Adressen gelangten. Der Prinz hat auf dem Wege nach Trikut von nichts gesprochen als von der wunderbaren Macht der Missionare, und erklärt, er werde gewiß nie mehr einen Fuß auf Nancauwery setzen.

Hören wir nun noch, wie Missionar Hänsel die Auflösung der Mission zu Nancauwery schildert.

„Unser äußeres Durchkommen wurde von Tag zu Tag schwieriger und unsicherer. Meine Gesundheit war durch die erlittene Angst und die Anstrengung über Vermögen so zerrüttet, daß es mir und Andern oft schien, als sei ich meinem Ende nahe. Diese Aussicht, bald in die ewige Ruhe einzugehen, war mir Erquickung in allen Leiden und Krankheiten, und ich wußte nichts Süßeres als die gewisse Erwartung, in Kurzem abscheiden zu dürfen und bei Christo zu seyn. Ich fühlte Seinen Frieden, und war der Vergebung meiner Sünden gewiß; ich harrte daher mit Sehnsucht und Freude meinem letzten Stündlein entgegen. An meinen Beinen hatte ich eiternde Geschwüre, neben immerwährenden Obstruktionen und Schmerzen in den Eingeweiden, und in diesem Zustande hoffte ich von Tag zu Tage auf meine Erlösung. Unerwartet kam ein dänisches Schiff in unsern Hafen und mit demselben Bruder Sirius, der von der Unitäts-Direktion beauftragt war, die Lage der Mission zu untersuchen und nach Befund derselben diejenigen von uns, die noch am Leben wären, zurückzuführen. In dieser Rückreise sah ich die einzige Möglichkeit meiner Wiederherstellung; und sie wurde beschlossen. Als einen Halbsterbenden brachte man mich an Bord des Schiffes. Wir segelten am ersten Tage bis Queda. Die Bewegung des Schiffes vermehrte aber meine Schmerzen so sehr, daß ich keine andere Lage ertragen konnte, als auf dem Verdeck ausgestreckt zu liegen. In diesen traurigen Umständen las ich einst in dem Buche von van Swieten, daß er den fortgesetzten Gebrauch von Honig bei Obstructionen sehr heilsam gefunden habe. Gleich nach unsrer ersten Landung benützte ich diese Anweisung, kaufte einen guten Vorrath von Honig ein, und vermischte denselben mit meinen täglichen Speisen und Getränken. Jene bestanden größtentheils aus Reis in Wasser gekocht. In den ersten Tagen wirkte der Honiggenuß große Magenschwäche und Erbrechen; in der Folge aber, da ich dennoch unausgesetzt fortfuhr, fühlte ich täglich mehr die kühlende und heilende Kraft dieses Mittels. Eine Wohlthat war es für mich, daß ich in Queda mich mit Honig reichlich versehen konnte.

Wir fuhren von hier nach Nancauwery zurück, wo ich meinen Bruder Sixtus im Grabe liegend fand. Er war zehen Tage nach meiner Abreise vom Herrn heimgerufen worden. Bruder Heinrich begleitete mich nach Tranquebar, und Bruder Fleckner blieb allein zurück. Gleich nach unserer Ankunft in Tranquebar stellten wir dem Statthalter die Nothwendigkeit vor, das Schiff unverzüglich zur Verfügung der Mission zurückkehren zu lassen. Er bewilligte es und im Mai 1785 wurden die Brüder Heinrich, Rudolphi und Sörensen dahin abgefertigt, welche dann den Bruder Fleckner ablösten. Er und Sörensen beschlossen ihren Pilgerlauf kurz nach einander.

„Im September wurde ich abermals mit Aufträgen nach Nancauwery geschickt. Unser alles steinernes Haus wurde nunmehr in ein Magazin verwandelt, und die Missionare erhielten eine sehr bequeme Wohnung, nebst hinlänglichen Mundvorräthen. Aber die Aussicht zur Bekehrung der Heiden blieb nach wie vor dunkel.

Nach meiner Rückkehr nach Tranquebar im Jahr 1786 verließ auch Bruder Rudolphi die Nikobaren, und folgte mir. Bald darauf endigte Bruder Heinrich seinen Pilgerlauf, und jetzt war nur noch ein Missionar übrig.

Der Heimruf so vieler thätigen Missionsarbeiter, das gänzliche Mißlingen des Hauptzwecks der Mission, nebst noch andern Gründen, befestigten nunmehr den Entschluß die Mission gänzlich aufzuheben. Ich wurde beauftragt, nach Nancauwery zu reisen, um den Bruder Kraph nebst allen der Mission zugehörigen Effekten abzuholen. Keine Worte beschreiben die Wehmuth, welche meine Seele bei diesem Geschäft erfüllte. Lebhaft schwebten vor meinem Gemüth die unzählbaren Thränengebete und Seufzer so vieler treuen Knechte des Herrn für die Rettung und Bekehrung dieser armen blinden Heiden. Ich betrachtete unseren Gottesacker, in dem die Gebeine von 12 geliebten Brüdern und Mitarbeitern ruhten. Unwillkürlich strömten Thränen aus meinen Augen und ich rief laut: „Wahrlich das ist keine vergebliche Saat!“

„Mein letzter Abschied von den Eingebornen, welche aus allen umliegenden Inseln herzuströmten, war überaus rührend. Alle weinten und schluchzten vor Wehmuth; und Alle baten flehentlich, die Brüder möchten doch bald wieder kommen. Wir fühlten uns durch ihre Liebe sehr erfreut, und überzeugten uns von Neuem von dem großen Unterschied zwischen ihnen und ihren wilden grausamen Nachbarn, den Malayen.“

Nach allem diesem werden unsere Leser die Frage bereit halten, an welchen Hauptschwierigkeiten die Mission auf den nikobarischen Inseln gescheitert sei. Wir wollen darauf wieder den wackern Hänsel antworten lassen. Er schreibt: „Die Hauptursachen des Mißlingens der Mission waren: 1) Die fast unüberwindliche Schwierigkeit, die Sprache des Landes zu erlernen. Wir hatten zwar den Vortheil, mit einigen Eingebornen in einer Bastardmundart der portugiesischen Sprache reden zu können; allein dadurch wurde unser Hauptzweck, das Volk insgesammt im Evangelium zu unterrichten, nicht gefördert. Hiezu war uns Kenntniß und Uebung in ihrer eigenen Landessprache nothwendig. Wir nahmen, um diese Uebung zu erlangen, einen ihrer Zauberer oder Padre’s, Namens Philipp, zum Sprachlehrer an. Einige von uns Missionaren machten ziemliche Fortschritte, ungeachtet der großen. zum Theil durch die Landeseinwohner selbst vermehrten Schwierigkeiten. Die Sprache der Nikobaren ist an und für sich arm an Worten und Ausdrücken. Ueberdieß sind die Menschen hier so träg, daß das Reden selbst ihnen beschwerlich scheint. Wenn und so lange sie ihre Gedanken durch Zeichen und Mienen hinlänglich auszudrücken glauben, haben sie keine Lust, die Lippen zu bewegen. Wenn ein Fremder sie in ihren Häusern besucht, so bleiben sie stille sitzen und sehen ihn an oder winken ihm allenfalls, sich niederzusetzen und mit ihnen zu essen. Hier kann er dann Stundenlang sitzen, ohne einen Laut zu hören, wenn er nicht selbst zu reden anfängt und sie gerade aufgelegt sind zu antworten.

Hiezu kommt, daß Männer und Weiber fast beständig ein großes Stück Taback oder Betel oder eine Areka-Nuß im Munde haben, was ihr Sprechen so unverständlich macht, daß man bei einer Frage nach dem Namen der umgebenden Gegenstände statt wirklicher Worte fast immer einen und denselben unverständlichen Laut zur Antwort bekommt. Unsern Padre Philipp mußten wir daher gewöhnlich bitten, seinen Taback aus dem Munde zu nehmen, damit wir verstehen konnten, was er uns vorbuchstabirte. Sprachlehren und Wörterbücher fanden wir natürlich nirgends; und wir selbst konnten auch keine verfertigen, da unsere Kenntniß der Sprache immer höchst unvollkommen blieb. Ich muß bekennen, daß kein Einziger von uns der nikobarischen Sprache hinreichend mächtig geworden ist, um den Einwohnern den Rath Gottes zu ihrer Seligkeit verkündigen zu können.

Der zweite Beweggrund zur Aufhebung der Mission war die Ungesundheit des Clima’s, welche die meisten unserer Missionare wegraffte, theils noch ehe sie die Sprache gelernt hatten, theils nachdem sie so weit waren, daß sie mit den Eingebornen zur Noth sprechen konnten. Zwölf Brüder fanden ihr Grab in der kurzen Zeit unsers Aufenthalts in Nancauwery, und vierzehen gingen bald nach ihrer Rückkehr nach Tranquebar an den Folgen des mitgebrachten bösartigen Fiebers in die Ewigkeit. Dieses Fieber, von welchem hier jeder Ausländer befallen wird, ist mit heftiger Beklemmung im Kopf, gänzlicher Ermattung und beständigem Uebelbefinden begleitet. Alle Geisteskräfte werden geschwächt und abgestumpft; und dieß macht das Erlernen der Sprache schwer, oft ganz unmöglich.

Unsere Lebensart, besonders die allzugroße Anstrengung im Ackern, Graben, Pflanzen und andern Handarbeiten, zu welchen Noth und Bedrängniß uns antrieb, war nicht minder eine Hauptquelle unserer Kränklichkeit und vieler gastrischen Zufälle. Mehrere von uns bekamen Magengeschwülste und Verhärtungen unter den Rippen. Alle, die mit diesen Uebeln behaftet waren, starben unfehlbar entweder auf der Insel oder bald nach ihrer Abreise. Ich meines Theils blieb zwar von diesen Zufällen frei; aber außer mehreren Krankheiten bekam ich ein hartnäckiges viertägiges Fieber, an dessen Nachwehen ich noch bis zum heutigen Tage leide. Als ich dem Br. Betschler in Tranquebar meine Krankheit anzeigte, schrieb er mir zur Antwort: „Mein Freund! Wenn Sie das Nikobarfieber gehabt haben, so rechnen Sie darauf, daß Sie es Zeitlebens behalten werden, und wenn Sie noch hundert Jahre lebten.“ – Meine Erfahrung beweist, daß er Recht hatte, denn noch jetzt, nach bald vierzig Jahren fühle ich regelmäßig in jeder vierten Nacht Anwandlungen meines Fiebers, wenn gleich nicht in der Heftigkeit wie vormals in Nancauwery, wo es mich oft so angriff, daß ich von Stunde zu Stunde mein Ende erwartete. Seit meiner Rückreise nach Europa verminderte sich die Stärke der Anfälle; seit ich aber in den dänisch-westindischen Inseln im Dienst der Mission lebe, wirkt die Hitze des hiesigen Clima’s auch auf diese Fieberanfälle sehr nachtheilig. Sie verursachen mir viele schlaflose Nächte; und selbst mein Schlaf ist von Träumen begleitet, die an Verwirrtheit des Kopfes gränzen.

Während ich aber über das gänzliche Fehlschlagen unserer Bemühungen auf den Nikobaren traure, preise ich den Herrn für die großen Gnaden, die ich seither in Westindien erfahren habe, wo ich mit Freuden die Macht des Wortes von Seinem Kreuze in der Bekehrung von hundert und tausend Negern anschaute, denen ich es verkündigen durfte.“

Wir haben dieser Schilderung oben die Aufschrift gegeben: Ein Lebensbild aus der Missionsgeschichte; wir hätten sie auch ein Sterbensbild nennen können, da den meisten Brüdern der Arbeitsfaden, gleich nachdem er angeknüpft worden, wieder abgeschnitten wurde. Wenn aber auch der Lebenslauf eines Knechtes Christi so kurz wäre wie ein Flintenlauf, – ist nur die rechte Kugel hinein geladen, so wird das Ziel dennoch erreicht. Was könnten wir dagegen sagen, wenn es dem Herrn einmal gefallen hätte, eine Mission in umgekehrter Richtung wirken zu lassen, so daß durch sie nicht die Heiden, sondern die Heidenboten recht bekehrt und geläutert werden sollten? Wo berechtigt uns denn die heilige Schrift, unsere Blicke durch die Bretter, mit denen das Erdenleben verschlagen ist, begränzen zu lassen? Wir sind hier in einer Vorbereitungsschule für die Ewigkeit, wo es auch wieder zu arbeiten geben wird, wo die Knechte Christi priesterlich und königlich zu wirken haben, wo der Eine über fünf, der Andere über zehen Städte gesetzt werden soll. Wenn nun Er, dem Alles dienen muß, einen Seiner Knechte in der Hitze einer solchen Prüfung läutern und ausreifen will für die besondere Bestimmung in der unsichtbaren Welt, die ihm aufbehalten ist, so wird man auch eine solche Mission, die für die Erde ohne sichtbare Frucht geblieben ist, keine vergebliche nennen können. Vielleicht war dazu gerade die nikobarische Prüfungsflamme geeignet und erforderlich. Verfehlt? – o nein; Ihm mißlingt nichts; Er hat noch niemals was verseh’n in Seinem Regiment; und wann wir einmal Seine Absichten im hellen Licht der Ewigkeit klarer durchschauen, so werden wir gewiß auch von dieser Mission, wie jetzt schon im Glauben, mit voller Ueberzeugung rühmen dürfen: Der Herr hat Alles wohl gemacht!

Christoterpe

Ein Taschenbuch für christliche Leser

Auf das Jahr 1851

Heidelberg

Verlag von Karl Winter