Nikolaus Selneccer

Nikolaus Selneccer

der Sohn eines Actuars, war am 6. Dec. 1530 zu Hersbrück in Franken geboren. Er besuchte die Schule zu Nürnberg und spielte schon damals regelmässig in der dortigen Burgkapelle die Orgel, wodurch er nicht bloss einem innern Triebe genügte, sondern auch ein jährliches Stipendium von acht Thalern und zwei Fudern Holz erwarb. Von Nürnberg ging er zu theologischen Studien nach Wittenberg, wo er vorzüglich Melanchthon hörte und 1554 Magister wurde. Als solcher begann er bald mit grossem Feuer zu lehren, in’s Besondere exegetische Vorlesungen zu halten. Aber dem Muthe, mit dem er arbeitete, fehlte noch die Demuth. Er sollte sie erst lernen unter dem Kreuz und der Angst des Pfarramtes. 1558 trat er in dasselbe als zweiter Hofprediger zu Dresden ein. Wie es ihm zur Schule der Beugung wurde, beschreibt er selbst in seinen Betrachtungen zum 67. Verse des 119. Psalms folgendermaassen: „Ehe ich gedemüthigt ward, irrete ich; nun aber halte ich dein Wort. Ach, dass doch nur Alle möchten darauf merken und an Anderer Schaden klug werden! O, du liebes Verslein, wir meinen, es sei viel Vernunft, Weisheit, Kund und Frömmigkeit in uns; wenn wir aber ein starkes Kreuz bekommen, Herzensangst, geistliche Traurigkeit und Schwermuth haben, so sehen wir, dass wir weit geirret und Nichts in uns ist, dadurch wir uns selbst rathen und helfen können, wo nicht der heilige Geist durch das Wort Gottes uns beisteht und hilft. Ich für meine elende Person muss frei bekennen, dass es also ist. Da ich noch frei und ohne Amt war, däuchte mich Nichts zu schwer zu sein, davon ich nicht hätte wollen reden und disputiren in dem göttlichen Worte. Da nahm ich mir für, bald Ritter zu werden in den höchsten Streithändeln und däuchten mich aller andern Lehrer Meinungen nicht so gut als eben meine, so ich doch jung und ein Schüler war. Ich unterstand mich auch, von Stund an zu schreiben in die heilige Schrift und zu lesen öffentlich die Geschichte der Apostel, den Matthäum, Johannem, Danielem und Andere. Da war es köstlich Ding, da war ich „Magister Magistrorum“ und hatte Alles auf ein Nägelein geschrieben und ausgesoffen. Da ich aber zum Predigtamte berufen ward, und ich nicht allein mit leiblichen Krankheiten und anderen Unfällen heimgesucht, sondern auch mit gefährlichen Gedanken und Todesangst geplagt war und Solches nicht ab-, sondern täglich zunahm, also dass ich fast vor keinem Menschen mehr tauglich und mir das Gesicht verging, und ich allen Muth und Herz verloren und schier weder predigen noch sonst mein Amt ausrichten konnte, da ward ich in die Schule gefüht und lernte „Nil sum“ (ich bin ganz und gar Nichts), und wiewohl mir solches Kreuz einen grossen Schaden an meiner Gesundheit und am Leben gethan, doch danke ich Gott von Herzen, dass er mich also gedemüthiget und aus meiner Jugend, NB. Frevel, Uebermuth und Stolz, geführet hat, und bin allerdings gar wohl zufrieden, wenn ich nur ein wenig kann meines Amts abwarten, wiewohl es mir sauer wird, und habe jetzt, Gott sei Lob, das blosse Wort Gottes, daran ich mit andern Gläubigen mich halte, wider alle Anfechtung des Teufels, des Todes, der Ketzer und der Welt. Solches scheue ich mich nicht zu bekennen. Es ist ja wahr und ist mein Trost, dass ich lese, dass Dergleichen auch Anderen widerfahren, wie Taulerus schier zwei Jahr nicht hat dürfen unter die Leute gehen und hat weder predigen, noch lehren können aus lauter Blödigkeit, dass man ihn auch für einen wahnsinnigen Menschen hielt. Sirach redet auch also (34, 12-15): „Da ich noch im Irrthum war, da konnte ich Viel lehren und war so gelehrt, dass ich nicht Alles sagen konnte, und bin oft in Gefahr des Todes darüber kommen, bis ich davon erlöset worden bin. Nun sehe ich, dass die Gottesfürchtigen den rechten Geist haben; denn ihre Hoffnung steht auf Dem, der ihnen helfen kann.“

Mit dem heiligen Muthe, der in der Demuth nicht unterging, sondern wuchs, verwaltete Selneccer sein Hofpredigeramt zum grossen Segen seiner Gemeinde. Unerschrocken strafte er die Sünden des Hofes, und Churfürst August grollte ihm darum nicht. Einen ausgezeichneten Beweis seines Vertrauens gab er ihm u.A. dadurch, dass er ihn beauftragte, dem Kaiser Maximilian, welcher so manche Proben freundlicher Gesinnung gegen die Protestanten gegeben und den Grundsatz ausgesprochen hatte, „dass Gott allein die Herrschaft über die Gewissen zustehe,“ die von Selneccer eben vollendete Psalmenerklärung zu überreichen. Letzterer machte bei dieser Gelegenheit den Kaiser auf seine hohe Aufgabe aufmerksam und hatte die Freude, dass ihm jener in Gegenwart des Vice-Canzlers Zasius andächtig zuhörte und nach Beendigung seiner Rede erwiderte: „Wir hören, dass ihr uns des vortrefflichen Kaisers Constantin des Grossen, Theodosius und Marcianus, um deroselben Exempel nachzufolgen, erinnert, welches ich billig als ein Zeichen der Liebe gegen mich erkennen. Allein, wer bin ich? Und was kann ich thun? Bittet für mich Elenden, dass ich Eurer Lehre durch göttliche Gnade lebe und sterbe.“

Dankbar erkannte S. das ihm vielfach von dem Churfürsten bewiesene Wohlwollen; aber das Umsichgreifen des Krypto-Calvinismus unter den chursächsischen Theologen vermochte er nicht zu ertragen, zumal, da derselbe durch den Leibarzt Peucer auf August Einfluss zu gewinnen begann. Er bat daher um seine Entlassung und nahm in einer Predigt über Ps. 141, in welcher er einerseits mit Beziehung auf V. 5. („der Gerechte schlage mich freundlich und strafe mich, Das wird mir so wohl thun als ein Balsam auf meinem Haupte“) das unerschrocken geübte Strafamt rechtfertigte, andererseits für alle empfangene Liebe dankte („Alles gute ich empfangen han Von Obrigkeit und Unterthan; Wider Niemand ich Etwas hab‘, Danksagen ist mein Wiedergab.“), von seiner Gemeinde Abschied, um sich nach Jena zu begeben, wo er am 26. März 1565 eine theologische Professur übernahm. Aber hier verfolgten ihn die Hyperlutheraner noch mehr, als in Leipzig die Calvinisten. Er wurde als Philippist verschrieen, als „Seelhenker“ gebrandmarkt und 1568 seines Amtes entsetzt. Jetzt erst mochte ihm sein Abgang von Dresden übereilt und das Arbeitsfeld in Chursachsen nicht ganz unergiebig erscheinen. Er kehrte desshalb als Professor, Superintendent und Pastor an der Thomaskirche zu Leipzig dahin zurück. 1570 wurde er in Wittenberg zum Doctor der Theologie promovirt, und noch in demselben Jahre nahm er auf die Einladung des Herzogs Julius von Braunschweig vom Churfürsten Urlaub zur interimistischen Verwaltung der Generalsuperindentur und des Hofpredigeramtes in Wolfenbüttel. Leider trat er hier zu Andreä und Chemnitz nicht in das freundlichste Verhältniss. Gleich nach seiner Ankunft von Wigand in einem Briefe an Chemnitz des Philippismus verdächtig gemacht, sah er sich von einer vielseitigen Verstimmung umgeben. Bald verbreitete sich ziemlich allgemein die Ansicht, Selneccer wolle die in der Kirchenordnung den symbolischen Büchern vorgedruckte, von Chemnitz ausgearbeitete Declaration abschaffen, ja an die Stelle der Kirchenordnung das Corpus doctrinae Philippicum einführen. Hat S. Wirklich diese Absichten gehabt, so wurde er doch durch einen von den Wittenbergern herausgegebenen lateinischen Katechismus, in welchem sie mit dem Calvinismus offen hervortraten, vollständig umgestimmt und gab auf einem am 8. Dec. 1570 zu Riddagshausen gehaltenen Convente die Erklärung, „er habe es mit dem Corpore Philippi nicht also gemeinet, dass es norma doctrinae sein sollte, sondern, dass man’s als nützlich lesen möchte, aber nach der Declaration, so in der fürstlichen Kirchenordnung eingeleitet, reguliren sollte.“ „Letztlich hat auch D.Selneccer gebeten, wenn D. Chemnitius oder das Ministerium Brunsvicense Etwas von ihm hörten, dass sie es ihm selber schreiben, oder ihn an einen Ort bescheiden, und es mit ihm reden, oder durch Mittelpersonen mit ihm reden lassen möchten, dass es nicht sobald an den durchl. Herzog gelangte“ (Rehtmeyer). Als indessen trotz dieser und anderen entschiedenen Gegenerklärungen, sowie der gewissenhaftesten Amtsführung die Gerüchte vom Kryptocalvinismus Selneccer’s immer noch nicht verstummten, nahm er 1572 seinen Abschied. Schon war Timotheus Kirchner von Jena an seine Stelle berufen, als sich Selneccer noch wiedergewinnen liess, um mit jenem die früheren Ämter in der Art zu theilen, dass die Generalsuperindentur von Gandersheim und Alfeld von Selneccer, die über Wolfenbüttel, Helmstedt, und Bokenam von Kirchner verwaltet wurde. Doch schon 1573 ging Jener nach Oldenburg, visitirte dort die Kirchen, ordnete den Lehrbegriff und die Ceremonien, verweilte dann kurze Zeit wieder in Wolfenbüttel und wurde noch in demselben Jahre wieder nach Leipzig zurückberufen. Der Rath, welchen er dem Herzoge gegeben hatte, die in der Kirchenordnung von 1569 bloss angeführten symbolischen Bücher vollständig abdrucken zu lassen, wurde im Corpus doctrinae Julium 1576 durch Chemnitz ausgeführt.

Bedeutsame Ereignisse traten gleich nach dem Zeitpunkte ein, in welchem Selneccer nach Leipzig zurückgekehrt war. Die Wittenberger Theologen brachen in der Schrift Exegesis perspieua contraversiae de eoena Domini (1574) ganz entschieden mit der lutherschen Abendmahlslehre, und diese mit fast allgemeiner Entrüstung der protestantischen Stände aufgenommene Thatsache heilte den Churfürsten gründlich von seinen calvinistischen Sympathien. Er liess den Geheimrath Cracau, den Kirchenrath Stössel, den Hofprediger Schütz und den Leibmedicus Peucer gefangen setzen, hielt zu Torgau im September einen Landtag, auf dem die Theologen 30 luthersch-rechtgläubige Artikel unterschreiben mussten, und verjagte die unbeugsamen, unter ihnen die Wittenberger Professoren Christoph Pezel und Caspar Cruciger. Eine von ihm geschlagene Denkmünze, auf welcher der Teufel mit Christus und der Churfürst mit den Wittenbergern ringt, verherrlichte den Sieg über den Calvinismus. Von nun an wandte sich sein ganzes Vertrauen Selneccer zu, der ebensoweitvom Kryptocalvinismus als von dem Hyperorthodoxismus einiger Theologen entfernt war, die in den Torgauer Artikeln noch Häresieen witterten. Peucer, der, mit dem Verachte calvinistischer Conspiration am schwerstern graviert, bis zum Ende des Jahres 1585 in verschiedenen Kerkern schmachtete, wurde im Leipziger Schlossgefängniss auch von Selneccer besucht, der mit ihm über die Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Abendmahle vergeblich disputirte.

An dem Concordienwerke, das der Churfürst nach Beseitigung der Philippisten mit grossem Eifer betrieb, nahm Selneccer den lebhaftesten Antheil. Er war auf den Conventen zu Maulbronn (Januar 1576), Lichtenberg (Febr. 1576) und Torgau (Mai 1576) zugegeben, half zu Kloster Bergen (März bis Mai 1577) die Concordienformel vollenden und verbesserte die lateinische Uebersetzung derselben von Lucas Osiander (1582). Leider war er hierbei an die Octav-Ausgabe der Augsburgischen Confession von 1531 gerathen, welche nicht unbedeutende Abweichungen vom ursprünglichen Texte enthielt. Doch verbesserte er, nach geschehener Erinnerung, seinen Irrthum bald, indem er 1584 eine neue Uebersetzung auf Grund der ungeänderten Ausgabe ans Licht stellte. Sie steht in allen späteren Editionen des Concordienbuches mit Ausnahme der Müllerschen vom Jahre 1705.

Aber der Tod des Churfürsten August (1586) unterbrach noch einmal die Fortschritte des Luthertums. Christian I., von seinem Kanzler Crell ganz beherrscht und für den Calvinismus gestimmt, zog heimliche und offene Anhänger des reformirten Lehrbegriffes ins Land, bereitete wieder luthersche Institutionen vor, wie sie später in der Herausgabe eines calvinisirenden Katechismus, in der Abschaffung des Exorcismus und in der Bibelerklärung von Heinr. Salmuth hervorgetreten sind, und verbot den lutherschen Predigern die Kanzelpolemik. Selneccer vermochte nicht zu gehorchen und wurde deshalb 1589 seines Amtes entsetzt. Nachdem er eine Zeit lang an verschiedenen Orten, u.a. in Braunschweig, im Exile gelebt und darauf die Superintendentur in Hildesheim übernommen hatte, änderte plötzlich der Tod Christian’s, am 25. Sept. 1591, die Lage der Dinge in Sachsen. Sowohl die churfürstliche Wittwe, Sophie, als auch der zum Landesadministrator ernannte Herzog Friedrich Wilhelm aus der ernestinischen Linie waren dem Calvinismus abhold. Crell wurde auf den Königstein transportirt, die gefangenen lutherschen Prediger wurden befreiet, die calvinischen Theologen dagegen verjagt oder, wie die Professoren Pierius zu Wittenberg und Gundermann zu Leipzig, die Hofprediger Johann Salmuth und David Steinbach, eingekerkert. Zur Abhaltung einer allgemeiner Kirchenvisitation wurde vor Allen Selneccer ersehen und desshalb zurückberufen. „Seines Herzens Begierde und Verlangen ist hiemit wirklich erfüllet worden. Denn er ihm eine geraume Zeit llein gewünschet, vor seinem Ende sein liebes Leipzig noch mit Augen zu sehen und, da es möglich, gleichsam in den Armen seiner lieben vertraueten Gemeinde allhie in Leipzig abzuscheiden; welcher Ursachen halben er auf dieser seiner letzten Reise zu Braunschweig, als er daselbst mit höchster Schwachheit befallen, kaum mit grosser Mühe hat können beredet werden, sich einen oder zween Tage allda aufzuhalten und in guter Ruhe die Kräfte des Leibes zu erholen. Denn er immer besorget, er möchte unter Wegen bleiben, und gebeten, man wollte ihn ja nicht verkürzen; denn er zu Leipzig zu sterben und begraben zu werden Verlangen trage. So muss ihm Das vor seinem Ende ein grosser Trost und besondere Freude gewesen sein, dass durch obgedachte seine Beschreibung und Erforderung zum vorstehenden Visitationswerk er gleichsam öffentlich in diesen Chur- und Fürstlichen Landen wiederum ausgesöhnet, und ihm hiemit das öffentliche Zeugniss seiner vor Diesem geleisteten Treue gegeben worden, dabei alle seine und reiner lutherscher Lehre Feinde zu prüfen haben, wie unchristlich und ungebührlich sie vor Diesem mit Verfolgung dieses Mannes gehandelt haben.“ (Leichenpredigt.) Vier Tage nach seiner Ankunft in Leipzig, den 24. Mai 1592, ist S. „in seligem und beständigem Erkenntniss, Anrufung und Bekenntniss Jesu Christi abgeschieden, und hat es mit ihm nach seinem eigenen Verslein geheissen:

In vita et morte es tu mea Christe salus.
Im Tod und Leben, Herr Jesu Christ
Allein Du mein Trost und Heil bist.“ (Das.)

Am 26. Mai wurde er in der St. Thomaskirche feierlich bestattet, wobei ihm Professor Georg Mylius (Müller) aus Jena die Leichenpredigt hielt.

Zu seinen Wahlsprüchen gehörte ausser dem genannten der 16. Vers des 31. Psalms: In manibus tuis sortes menae. Er erweiterte ihn zu dem Distichon:

Sum tuus inque tuis manibus mea tempora vitae;
Nemo nocere mihi te prohibente potest.

Sein Namenssymbol war: Dominus Novit Suos (Doctor Nicolaus Selneccer). Überhaupt ein Freund von Sprüchen kleidete er selbst die in ihm lebendige, schon anderthalb Jahre vor seinem Tode ausgesprochene Ahnung, nach sechs verschiedenen Amtsführungen die siebente nicht zu erleben, in den Vers:

Septima me laeto civem assignabit Olympo.
Die siebente Stelle wird mir geben
Die Bürgerschaft in jenem Leben.

S.’s Gattinn, Margarethe, war eine Tochter des Dresdener Superintendenten Daniel Greser. Sie wurde 1559 mit ihm verbunden und gebar ihm drei Söhne, Daniel, Georg und Nicolaus, von denen der letzte ihn ins Exil begleitete, zu Hildesheim studirte und später Prediger in Leipzig war.

S. war von so kleiner Gestalt, dass er das Doctor Selneccerle genannt zu werden pflegte. Gleichwohl imponirte er, wenn er redete. Denn seine Worte waren voll Geist und Kraft, und blieben sich selber treu; „denn D. Selneccer ist nicht ein Vertumnus und Polypus, ein Wetterhahn und Wendehals gewesen, der heute Dies, bald morgen ein Anderes in der Lehre christlicher Religion angenommen, approbiret und unterschrieben hätte; nicht hat er sich als ein Rohr gehalten, das der Wind hin und her wehet,auch nicht als ein Mensch in weichen Kleidern, der um Herrengunst, zeitlichen Geniesses und weltlicher Ehren willen zu allem unbilligen Fürnehmen und Veränderungen in Religionssachen sich hätte bewegen und vermögen lassen, sondern in einmal erkannter und bekannter reiner, allein selig machender Lehre der evangelischen Wahrheit, wie diese einmal durch den theuern Mann Gottes und hohen Propheten Martinum Luther aus Gottes Gnaden an Tageslicht gebracht worden, ist er die Zeit seines Lebens allhier auf Erden und bei seinen geleisteten Kirchen- und Schuldiensten fest, treu, aufrecht und beständig geblieben und bis in seinem letzten Athem verharret.“ (Leichenpred.) Seine Grabschrift, die ihn einen unwandelbaren Vertheidiger des Testamentes Christi nennt (testamente Christi assertor constantinissimus), gilt auch in besonderer Beziehung auf seine Predigten. Nicht überall freizusprechen von Cathederdoctrin sind sie doch im Ganzen heilslebendig und warm. Die herrschende Methode ist die Betrachtung des Textes unter beigeordneten Lehrstücken desselben.

S. schrieb Commentare zu vielen Büchern des alten und fast sämmtlichen Büchern des neuen Testaments. Catalogus praecipuorum conciliorum. Lips. 1564. 8. De justificatione et bonis operibus. Lips. 1570. 8. Verschiedene Schriften über das heil. Abendmahl, u.a.: Kurzes, wahres und einfältiges Bekenntniss von der Majestät, Auffahrt, Sitzen zur Rechten ottes und vom Abendmahle unseres Herrn Jesu Christi. Heinrichsstadt 1571. 4. (Hierin heisst es: „3. Christus ist aufgehoben, gen Himmel gefahren oder in den Himmel aufgenommen und durch die Rechte Gottes erhöhet. Dieses Auffahren heisst nicht über sich hinaufsteigen, als wenn Einer an einer Leiter oder Treppen auf einen Söller über sich steiget, sondern zu den höchsten Ehren kommen und neue, unermessliche Gewalt bekommen. 4. Er hat den Himmel eingenommen, der Himmel aber, als ein gewisser, erschaffener Ort, hat ihn nicht eingenommen oder an einen gewissen Ort beschlossen, dass er derwegen mit seinem Leib, wo, wenn und wie er will, auf Erden nicht mehr sein könne; sondern er ist ein Herr des Himmels, ja über alle Creaturen im Himmel und Erden. Ich fahre auf, spricht er, zu meinem Vater, das ist: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. 9. Christus sitzt nicht auf einem sonderlichen Stuhl seiner Menschheit nach, an einem gewissen, umschränkten Ort und nach dem Cirkel abgemessenen Revier, sondern der ganze Himmel ist nun sein Stuhl, und seine Majestät und Gewalt ist unendlich, und er ist allmächtig, wahrer Gott und Mensch. 10. Christus, Gottes und Marien Sohn, ist an allen Orten, und bei uns allzeit gegenwärtig, laut seiner Verheissung: Ich bin bei euch bis zu Ende der Welt, nicht allein nach seiner göttlichen Natur, sondern auch, da er laut seines Wortes sein will, und dahin er sich mit seinem Wort auch nach seiner menschlichen Natur selbst verbunden und versprochen hat, als im Abendmahl; obgleich Solches geschieht wider und über alle natürliche Eigenschaft eines menschlichen Leibes.“). Institutiones christianae religionis. Francof. 1573. 8. Unterricht von der Person Christi. Leipz. 1577. 8. Evangeliorum et epistolarum omnium harmoniae, explicationis et homiliarum partes II. Francof. 1577. 8. Espistola ad Ambrosium Wolffium, Luthero-Mastygem. Lips. 1580. 8. Warnung auf der Anhaltischen Theologen unchristl. Antwort. Leipz. 1585. 4. Ehespiegel, christliche Lehre. Eisl. 1589. 4. Paedagogia christiana. Francof. 1567. 8. Kurze Summarien und Gebetlein über den Psalter. Leipzig 1605. Leipzig. 1575. 8. Predigten von dem christlichen Buche der Concordien. Leipzig 1581. 4. Psalmpredigten: Fünfte Auflage. Leipzig 1623. Passionspredigten. Leipzig 1587. 4. Verschiedene einzelne Predigten, z.B. Predigt vom heiligen Abendmahle. Leipz. 1577. 4. Desgl.: Drei Predigten vom heil. Abendmahle. Leipz. 1580. 4. Drei Predigten vom reichen Manne etc. Leipz. 1580. 4. Viele Casualreden. Kirchenlieder.

D.Leuckfeld. Antiquitates Gandersheimiensis, p. 318. Rehtmeyer a.a.O. Bd. 3. S. 344 ff. Zeumeri vitae professorum Jenesium, p. 63. Christl. Predigt bei der Leiche des ehrwürdigen und hochgelahrten Herrn Nicolai Selnecceri, gehalten von Georg Müller (Mylius). Leipz. 1592. 4. Heinrich Thiele, D. Nic. Selneccer’s geistliche Lieder, mit einer kurzen Lebensbeschreibung des Verf. Halle 1855. 16.


Die bedeutendsten Kanzelredner
der
lutherschen Kirche des Reformationszeitalters,
in Biographien und einer Auswahl ihrer Predigten
dargestellt
von
Wilhelm Beste,
Pastor an der Hauptkirche zu Wolfenbüttel und ordentlichem Mitgliede der
historisch-theologischen Gesellschaft zu Leipzig
Leipzig,
Verlag von Gustav Mayer.
1856

Brüder Serres

Es gibt hier drei Brüder, die Herren Serres; es wäre schwer zu sagen, welcher der weiseste und der frömmste von den Dreien ist. Es sind fast drei Jahre her daß sie hier weilen und alle Mühseligkeiten und alle Schmach dieser Hochgerichte erlitten haben. Und in all dem: niemals haben sie gemurrt.
Butaud de Lensonniete an die Räte von Zürich, am 12. März 1692.

Als sich die Reformierten Frankreichs durch den Abbau und den Rückruf des Edikts von Nantes durch König Ludwig XIV. vor die Wahl «Glaube oder Heimat» gestellt sahen, da bevölkerten sich in den Jahren und Monaten vor und nach dem 18. Oktober 1685 die Wege, die nach der Schweiz oder nach Holland und England in die Freiheit führten, mit flüchtigen Menschen jeden Alters und Standes. Einzeln oder in kleineren Gruppen, in mancherlei Verkleidung als Händler, Viehtreiber usw. zogen sie den Weg ihrer Sehnsucht, des Tags sich in Wäldern bergend, nachts auf Schleichwegen, in der Tasche wohlverwahrt ein Itinerarium , das ihnen den sichersten Weg wies, oder, wenn es die Mittel erlaubten, einen der Wege kundigen Führer zur Seite. Tausenden glückte die Flucht. Mit Frohlocken des Herzens betraten sie den rettenden Boden jenseits der Landesgrenze, fielen wohl im Lobe dessen, der ihnen die Kraft zur Flucht gegeben und sie in Not und Gefahr behütet hatte, nieder und küßten im Überschwang der Freude die Erde des Landes, das ihnen die Freiheit verhieß und Heimat oder doch Brücke in eine neue Heimat werden sollte. Andere Tausende freilich mußten umkehren, ehe sie die Grenze erreicht hatten, oder fielen geldgierigen oder fanatischen Menschen in die Hände, die sie vertrieben oder der Gewalt der Schergen überlieferten. Jahrelange, noch öfter lebenslängliche Kerkerhaft wartete ihrer – vor allem der Frauen – der Männer die unsäglich harte Fron als Ruderer auf den Galeeren der königlichen Flotte zu Marseille. Einer dieser Fluchtwege führte über Savoyen nach Genf.

Diesen Weg hatten jene sieben Männer und die Frau eines der Sieben eingeschlagen, die am 11. Januar 1686 zu Grenoble vor dem Parlament des Dauphins standen. Alle waren sie an der Grenze gegen Savoyen, in St-Etienne-de Corsare, anfangs des Wintermonats 1685, auf der verbotenen Flucht ergriffen worden. Dieses Dorf, am Fuß des Massivs der Chartreuse gelegen, nahe von Grenoble, war eines jener Grenzgebiete, um dessen Besitz sich Frankreich und Savoyen damals stritten. Flüchtlinge konnten wohl wähnen, sie wären schon außer Landes und gerettet im Augenblicke, da sie ihren Fuß auf diesen Landstrich setzten. Dieser Irrtum wurde jenen acht Flüchtlingen zum Verhängnis. Unter der Anklage, daß sie trotz der strengen Weisungen des Königs das Land hätten verlassen wollen, wurden sie verurteilt, die Männer zu den Galeeren: obenan drei Brüder Serres aus Montauban in Südfrankreich, nämlich David lebenslänglich, die beiden andern, Pierre und Jean, je zu zehn Jahren. In Wirklichkeit freilich kam dies auf eins hinaus, denn die auf eine bestimmte Zeit Verurteilten wurden nach Ablauf dieser Frist kaum je freigelassen, sondern blieben bis zu ihrem Tode im Kerker oder auf den Galeeren.

Die drei Brüder Serres standen damals im Alter von 26, 2l und 18 Jahren. Ihre Eltern, ihre Schwestern, ihr Vaterhaus, ihre Vaterstadt sollten sie nie wiedersehen! Sie waren Glieder einer begüterten Familie, Söhne des Tuchdruckers Pierre Serres und seiner Gattin Anna Aignan. Mit noch drei Schwestern waren sie in gefreuten Verhältnissen aufgewachsen und hatten eine sorgfältige Erziehung und Ausbildung genossen. Als der Sturm der Verfolgung hereinbrach, beeilten sich die Eltern, zum großen Schmerz ihrer Kinder, ihren reformierten Glauben abzuschwören. Damit retteten sie ihre irdischen Güter, aber um einen Preis, der in den Briefen der Söhne nur leise angedeutet wird, wenn darin von Tränen die Rede ist und von Betrübnis, welche die Briefe der Söhne in den Herzen der Eltern weckten. Denn sie, die drei Söhne, hatten im festen Entschlusse, ihrem Glauben treu zu bleiben, im Oktober 1685 unverzüglich die Heimat verlassen.

Der Weg, den die drei Brüder nach ihrer Verurteilung zunächst gehen mußten, führte sie nach Marseille, der Hafenstadt der königlichen Galeeren. Pierre, der älteste, l’aine genannt, kam auf die Galeere «La Fortune» und wurde um seiner Standhaftigkeit willen sogleich als einer der Widerspenstigsten betrachtet und demgemäß behandelt. Vierzehn Jahre lang saß er, die Wintermonate, da die Galeeren im Hafen ruhten, ausgenommen, an der Ruderbank und litt all die Nöte und Leiden, die der harte Dienst und das Meer in seiner Unbill mit sich brachten, und dazu die weit schlimmeren Leiden durch herzlose Menschen, Weltliche wie Geistliche.

Seine Glaubenstreue zu bewähren, bekam Pierre Serres bald reiche Gelegenheit. Die Messe, welche die Priester im Mittelgang der Galeeren zu lesen pflegten, wurde immer wieder Anreiz, die Reformierten zu quälen. Mit Sperberaugen wachten die Geistlichen darüber, ob diese hartnäckigen Reformierten während der sogenannten Wandlung, da die Hostie erhoben wird, ihr Bonnet, ihre Kappe, die ihr glattgeschorenes Haupt vor Wind und Wetter schützen sollte, auch wirklich lüften würden. Und da die Reformierten der Messe so gut wie möglich auswichen oder sich vom Priester abwandten, geschah es wohl, daß diese, ungeachtet ihres feierlichen Ornates, ihnen nacheilten, um sie in die Nähe ihrer Zeremonie zu reißen.

Es war im vierzehnten Jahre seines Dienstes auf der Galeere, daß Pierre Serres und zwei seiner Gefährten bekannt wurde, es würde ihnen andern Tags die Bastonnade erteilt, jene schreckliche Auspeitschung mit Stöcken (batons) oder mit in Pech gehärteten Stricken, aufgespannt auf einer Bank, ausgeführt durch Türken oder Mohren, die man im Sklavenhandel gekauft oder an den Küsten Afrikas geraubt hatte. Die drei zum Opfer einer solchen Tortur ersehenen Männer beschlossen auf diese Kunde hin, eher zu sterben, als der unevangelischen Zeremonie ihre Verehrung zu erweisen. So empfingen die drei am folgenden Morgen ihre sechzig, siebzig und achtzig Hiebe auf den entblößten Rücken, und abermals am zweiten Morgen. Und diese Tortur würde auch am dritten Morgen wiederholt worden sein, hätte nicht ein Einsichtiger und noch nicht aller Menschlichkeit Verschlossener veranlaßt, daß die drei Männer mit ihren zerfleischten Rücken ins nahe Galeerenspital verbracht wurden, aus Sorge, sie würden eine dritte Auspeitschung nicht überleben. Am Tage nach dieser Mißhandlung, am 8. Oktober 1700, schrieb Pierre Serres an die Brüder und Schwestern in Jesus Christus:

«Ich schreibe Euch, die Fesseln an den Händen und die Wundmale meines göttlichen Jesus auf meinem Rücken eingeprägt. G. und ein anderer sind vor mir hier durchgekommen, die nach vier Stockschlägen gehorcht haben. Der Major ist zu mir gekommen. Er machte mir Grobheiten, auf die ich kurz, aber ruhig antwortete, er möge seinen Auftrag ausrichten. Meine Entschlossenheit hat ihn gegen mich aufgebracht. Er ließ deshalb die rauhesten Schläge auf mich niederhageln. Ich sah mich dem Tode nahe. Er wollte mich mürbe machen, indem er mit Schlagen aufhören ließ. Doch mein Entschluß, festzubleiben, versetzte ihn in Wut. Denn meine Standhaftigkeit wurde den andern zum Vorbild und machte ihnen Mut. Doch nein, ich täusche mich, das ist die Gnade des Himmels. Wie muß ich meinem Gott danken für die unschätzbare Gnade, daß er mich für die Sache des Ruhmes des Herrn leiden ließ. Daß das ganze Christenvolk ihn mit mir lobe! Darum bitte ich Euch, im Herrn Geliebte, insbesondere gläubige Seelen, bittet ihn für mich um die Gnade, daß ich aushalte bis zum Ende, denn ohne dies würde alles andere ohne Frucht bleiben und würde mich mit ewiger Schande bedecken. Während der Major noch daran war, unsere Brüder zu mißhandeln, und man mir auf seinen Befehl die Handschellen anlegte, stieg einer vom Herrn Intendanten hier herauf namens Regie, der dem Herrn Major etwas ins Ohr flüsterte und ihm eine Schrift zeigte. Dann frug man mich, und der Major sagte mit drohender Stimmc: ,Ah! So! Das ist da Herr Serres, gut, ich habe ihm gute Hiebe ausgeteilt, aber heute abend werde ich ihm das Rückgrat eindrücken auf eine Art, die er noch besser fühlen wird ! – So bereite ich mich, liebe Brüder, auf den Tod vor. Man hat es auf mich allein abgesehen, mehr als auf alle meine Kameraden zusammen. Man glaubt, daß ich heut oder morgen im Chateau d’If  sein werde, nachdem man mich in die Gehenna (61) gelegt. Ich möchte, daß dies jetzt geschehe. Dies würde mir die Folter ersparen, für die man kein Wort finden kann. – Ich habe meinen Brüdern gedient unter Gefahr meines Lebens, sei’s in den Kerkern, sei’s hier. Ich habe sie nach meinem besten Vermögen ermahnt. Ich habe ihnen als Vorbild gedient. Gebe der Vater des Erbarmens, daß ich mich nicht verleugne. Fleht im Namen des Herrn um den Beistand Gottes, damit ich siegreich hervorgehe. Erhebt Eure Hände und laßt sie nicht sinken, bis ich den Sieg errungen habe. Begleitet mich mit Euern Wünschen in meinen Kerker, sofern ich dahin muß. Ich werde Euch nicht aus den Augen verlieren: ewig werde ich die Erinnerung an Eure Guttaten, Eure Liebe und Freundlichkeit bewahren. Möge Euch Gott dafür reichlich lohnen in diesem Leben und mit ewiger Seligkeit im künftigen.»

Zwei Tage nach dieser Mißhandlung wurde Pierre Serres ins Spital gebracht und von dort, kaum daß er seiner Sinne wieder mächtig war, in ein Kerkerloch des Chateau d lf geworfen. So hatte es der König selber befohlen, daß Leute dieser Art in diese Festung eingeschlossen und mit der Strenge behandelt würden, wie sie es verdienten, und daß man alle ihre Bücher und Ermahnungen (d. h. wohl erbauliche Schriften), die man gefunden, verbrenne. Damit wird bestätigt, daß Pierre Serres kein Staatsverräter war, der mit fremden Mächten konspirierte. In Wahrheit war er ein aufrechter, in seinem Glauben unerschütterlicher Protestant und als solcher Helfer seiner Gefährten. In jenen Jahren hatte sich unter den Reformierten, die in Kerkern oder auf Galeeren litten, eine Gemeinschaft zur gegenseitigen Hilfe und Stärkung gebildet. Die «Ordnung» dieser Bruderschaft betitelt sich «Weisungen, aufgestellt durch die Bekenner, die für die Wahrheit des Evangeliums leiden», datiert vom 20. Februar 1699. Ohne Zweifel haben die drei Brüder Serres an der Gründung dieser Bruderschaft Anteil gehabt. Pierre war Mitglied des leitenden Ausschusses, man möchte sagen der Kirchenpflege. Der Eingang zu dieser Ordnung lautet sehr bestimmt: «Wir verpflichten uns, einander als Hirten zu dienen nach der Mahnung des heiligen Paulus, daß einer auf den andern achthaben soll, um uns zur Liebe und zu guten Werken zu ermuntern. Wir verpflichten uns, in einem Geiste der Liebe über die Aufführung unserer ganzen Körperschaft sorgsam zu wachen, die Lasterhaften zurückzugewinnen und zu bessern, die Schwachen und Wankenden zu ermutigen und zu stärken, die Kranken zu trösten und die, die besonders verfolgt sind, die Lässigen und die Ärgernis geben, auszustoßen, damit Gott, der uns begnadet hat, nicht nur an Christus zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden, ebensosehr verherrlicht werde durch die Reinheit unserer Sitten und durch unsere Standhaftigkeit wie durch unsere Leiden und Fesseln.» Die folgenden sechzehn Artikel sind gleichsam die Ausführungsbestimmungen zu dieser Präambel. Sie verbieten u. a., während des Meßopfers die Kappe abzuziehen; sie ordnen die Behandlung derer, die Ärgernis geben, den Sonntag nicht heiligen, einem Worte Gottes nicht gehorchen; sie gebieten ferner die Unterweisung der unwissenden Brüder, die Pflege der Kranken; sie empfehlen, Lebensläufe der auf den Galeeren leidenden Glaubensgenossen zu schreiben, u. a. m. Es war kaum Zufall, daß wenige Monate nach der Gründung dieser Bruderschaft der Sturm der Bastonnade auf Pierre Serres als auf einen Hauptförderer dieser geistigen Widerstandsbewegung niederging. Hören wir nun, was er selber, viele Monate später, an den Lausannes Pfarrer Benoit darüber schreibt: «Ich kam also Sonntag, 10. Januar 1700, ins Spital. Als man jeden von uns in ein Bett gelegt, fand sich Pater Leduc ein, zufällig oder absichtlich, und trat an das Bett, auf das man mich legte. Als dieser Schändliche mich, also schwarz wie seine Soutane, sah, hatte er, der über alles im Bilde war, die Unverschämtheit, wie zum Spotte mich zu fragen, was mir fehle, wo ich doch die Augen und das Mitleiden aller Leute im Spital, Gesunder und Kranker, auf mich zog. Ich erwiderte ihm kein Wort. ,Oh‘, sagte laut ein Forcat,sehen Sie es nicht, was er hat? Das kommt von den Auspeitschungen, die er für seinen Glauben erlitten hat !‘ – ,Aber wer ist so unmenschlich und hat Ihnen das angetan?‘ fragte der gute Pater, und warum das?‘ -,Weil ich Euren Geheimnistuereien und Euren Göttern von Holz und Erz keine Ehre erweisen wollte! Und da Sie also Urheber (dieser Schläge) sind, fügen Sie doch nicht zu dem schlechten Dienste, den Sie mir geleistet haben, noch Ihren Hohn hinzu. Sie, der, wenn Sie sich noch schämen könnten, sich vor Scham verkriechen sollten! Nie haben Sie etwas Wahnwitzigeres begangen als mit dem, was Sie da unternommen haben.‘ – Als er sah, daß ich ihm nicht auswich, erbleichte er wie ein Blatt Papier. Doch um das letzte Wort zu haben, sagte er, er sei nicht schuld, und überhaupt, ich solle bei der Messe die Kappe abnehmen und mich über ihre Zeremonien nicht lustig machen. Man würde uns schon noch lehren, die Kappe zu lüften. Dies seien die Befehle des königlichen Hofes und nicht ihre. – Ich wollte ihm nicht weiter antworten und war dazu überdies auch nicht in der Verfassung. Schließlich, als man die Heilmittel brachte, zog er sich zurück.» Diese Heilmittel bestanden in heißen Umschlägen von Essig und Gewürzen, um das Eitern der Wunden zu verhüten. Den Pater Leduc lösten andere Geistliche ab, die den beiden Geschlagenen zum Troste ankündeten, sie würden, wenn sie geheilt wären, aufs neue auf die Galeeren geschickt, um das Opfer ihres Ungehorsams zu vollenden . . .

Diese Drohungen wirkten in Pierre Serres das Gegenteil: er faßte nun, so gesteht er in jenem Briefe, alles zusammen, was er an Erleuchtung und Kraft des Geistes in sich hatte, um sich gegen die Gewalt und Wut seiner Peiniger zu wappnen. Er entsann sich jener Worte des Apostels Paulus, er sei Gott, Engeln und Heiligen (d. h. den Christen) zum Schauspiel geworden (1. Kor. 4, 9). Ihrer aller Augen fühlte er auf sich gerichtet; er hörte ihren Zuruf, fest zu bleiben, damit ihm die Krone nicht entrissen würde, der Liebe Gottes gewiß, daß er einen herrlichen Sieg davontrüge und daß sie ihm entgegenkämen, um ihn in ihren Chor aufzunehmen, allen voran der göttliche Meister: «Komm, du treuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen; ich will dich über vieles setzen; gehe ein zur Freude deines Herrn!» In diese beseligenden Gedanken hinein tappte ein Priester; hinter ihm kamen zwei Aufseher der Galeere und sagten ihm an, er würde, sobald er hergestellt, wieder auf die Galeere geführt. «So laute die Weisung des Hofes, daß unsere noch blutenden Wunden wieder aufgerissen würden. Entweder müßten wir gehorchen oder unter Stockschlägen unser Leben aushauchen.» Wir wissen, daß dem nicht so war. Serres wurde vielmehr auf Befehl des Königs eingekerkert und sollte es noch zwölf Jahre lang bleiben. Mehr denn je bedurfte er der Kraft, die ihm aus der Erinnerung an diejenigen zuströmte, die vor ihm gellitten. «Alles predigt uns Geduld. Der Diener ist nicht größer als der Meister. Hat man ihn verfolgt, verfolgt man auch die Diener. Hat er das Kreuz getragen, sollten wir das unsrige nicht tragen? Paulus ermahnt uns, ihn nachzuahmen, wie er Christus nachgeahmt hat. Wie viele Leiden hat er erduldet. Ihre Zahl ist wunderbar und ihre Weise schrecklich. Aber dennoch wird er Sieger. Gott hilft ihm. Vermochte er nichts aus sich selbst, so vermochte er alles durch Christus. – Wir leiden, aber nach allem Anschein haben wir mehr als zwei Drittel des Weges hinter uns. Zwanzig Jahre sind vergangen; zehn werden unsere Leiden enden, ich müßte mich denn täuschen. – Wiewohl wir die schönste Blüte unseres Lebens in Ketten und Leiden verbracht haben – was vergangen ist, ist vergangen, und wir haben diesen Gewinn vor den Reichen, daß wir dies Leben leichteren Herzens verlassen; Gottes Kind sein zu dürfen, das übertrifft, ob arm, ob reich, alles andere. Darum wollen wir mit unserem Lohn zufrieden sein, weil wir für die Ewigkeit geschaffen sind und weil unser im Himmel ein besseres Los wartet.»

Vom zweiten der drei Brüder, von David, le puine, der Nachgeborene, genannt, wissen wir, daß er zunächst auf die Galeere «La Favorite» kam und im Jahre 1690 krank lag, so daß es schwer war, über ihn Nachricht zu erhalten, denn er wurde streng überwacht. Aber trotz seiner Krankheit wurde er mit seinem jüngsten Bruder Jean zur Ausfahrt der Flotte nach Rouen bestimmt, wo er über den Winter 1690/91 weilte. Von einer Dame De na Roque, welche die Glaubensgenossen öfters besuchte, empfing er mancherlei Hilfe. (Während der Wintermonate wurden die Galeerensträflinge losgekettet und lebten des Tags, die reformierten in leichteren Ketten, in kleinen Buden am Strand, wo sie allerlei Arbeiten ihres einstigen Berufes oder Gewerbes trieben. Dieser Umstand mag den Verkehr der Außenwelt mit den Sträflingen erleichtert haben ) Warum wurde David Serres so streng überwacht? Warum wurde auch ihm, besonders im Jahre 1692, die Bastonnade erteilt, wie wir es aus dem Dankbrief eines Edelmanns aus der Normandie an die Räte von Zürich erfahren? Auch David wurde beschuldigt, mit Staatsfeinden geheime Verbindungen zu unterhalten. Diese alarmierende Nachricht lesen wir in einer Depesche des Ministers de Montolieu vom März 1696, der findet, solche Fromme wären auf jeden Fall besser in Festungen verwahrt als auf den Galeeren, wo ihnen jeder Verkehr frei sei. Doch es konnte kein Beweis dieser Beschuldigungen erbracht werden. In den Briefen an seine Freunde fand man nichts Belastenderes als sehr verständliche Klagen über die harte Behandlung der zu den Galeeren verurteilten Glaubensgenossen. Trotzdem wurde David in ein besonderes Gefängnis im Spital eingeschlossen und angekettet. Auf einem Schweizer, der ihn besuchte, fand man ein Neues Testament. Aus Furcht bekannte dieser, das Buch von David Serres empfangen zu haben. Dies war also die ganze Schwere seines Verbrechens, den Glaubensgenossen Bibeln und erbauliche Bücher geliehen zu haben. Nun setzte eine strenge Untersuchung ein. Gleichzeitig fiel die Anweisung auf eine Unterstützung eines Verwandten von Serres in die Hände der Richter. Freimütig gestand David, die Gelder, die er von Freunden in der Stadt empfangen, mit den Büchern an seine Leidens- und Glaubensgenossen verteilt zu haben. Er erfülle damit nur eine Liebespflicht. Mit keiner Silbe aber nenne er die Spender und Vermittler dieser Gaben und Schriften; und hiebe man ihn in Stücke, niemals erführe man es von ihm. Dennoch wollte der Verdacht verräterischer Tätigkeit nicht verstummen. Im Juli desselben Jahres erhob sich ein neuer Sturm wider David, auf Grund der Verleumdungen eines gemeinen Sträflings. Ein Soldat und zwei Matrosen wurden verhaftet, der erste, weil er Papiere, die er auf David gefunden, zu dessen Gunsten zerrissen und ins Meer geworfen; die andern, weil sie David Botendienste geleistet hatten. Sie wurden an Ketten gelegt und auf Galeeren verschickt. David wird gewarnt: er möge sich vorsehen; es sei beabsichtigt, ihn so zu verwahren, daß er des Lichts, dessen er sich bisher noch erfreut, beraubt würde. So erfahren wir es aus einem Briefe seines jüngsten Bruders Jean, und er fügt darin bei: sein Bruder David hätte ihm auf einem kleinen Kästchen mit Kreide Lebewohl gesagt, da er nicht glaube, ihn je wieder sehen zu dürfen. So tief Jean diese Nachricht betrübt, der Schluß des Briefes hätte alle trüben Gefühle in Freude ersticken lassen: wohl habe er dem wahren Schmerz darüber Ausdruck verliehen, daß er uns verlassen müsse, aber da es im Dienste des Meisters geschehe, der will, daß wir Vater, Mutter, Schwestern und Brüder und uns selber verleugnen, wenn es gilt, ihm nachzufolgen, so habe er den Schmerz der Pflicht aufgeopfert und ihm, dem Bruder, durch diesen so heiligen Entschluß ein vollkommenes Vorbild der Ergebung und des Gehorsams unter die Befehle des Herrn aller Dinge gegeben. Wirklich erfüllte sich, was David befürchtet hatte. War die Gefangenschaft anfänglich noch leidlich erträglich, so wurde sie nach kurzer Zeit verschärft. Er wurde in ein noch dunkleres Verlies eingeschlossen. Warum? Im gleichen Kerker war ein alter Herr, ein Abbe de Maupeou, gelegen. Dieser fiel eines Tages in tödliche Krankheit. Als man ihn zwingen wollte, zu beichten und zu tun, was man die Pflicht nennt, wollte er unbedingt nichts tun, so daß man wohl fühlte, er sei andern Sinnes geworden. Wer konnte Urheber dieser Wandlung sein? Doch einzig David Serres, mit dem sich der Abbe oft unterhalten hatte. Nun gab’s Lärm. Man schrieb, wie Serres vermutete, an den Hof nach Paris. Aber der Abbe blieb entschlossen, zu leben und zu sterben, ohne jene Pflicht gegen die römische Kirche zu erfüllen. Aber auch Serres blieb standhaft. Nur selten drang eine Kunde aus seinem Kerker zu seinen Brüdern. Im Jahre 1699 empfängt der Jüngste ein Lebenszeichen durch einen Freund, der in das Gemach des Bruders hatte eindringen können, ohne zu ahnen, daß David dort lag, der ihn aber erkannte und voller Freude umarmte. Er befinde sich, Gott sei Dank, wohl. Sein Gemach habe ein Fenster und spende etwas Licht; er könne trotz der Kette, die im Hintergrund der Mauer befestigt sei, umherwandern. Vorübergehend durfte David sogar wieder im erträglicheren Spitalgefängnis weilen, bis am 20. Juli vom Hofe Weisung kam, daß der genannte Serres, der im Gefängnis des Galeerenspitals liege und sich zum Prediger aufgeworfen habe, in die Zitadelle von Marseille übergeführt werde. Also auch David war gleich seinem Bruder Pierre kein Landesverräter, aber ein tapferer Mann, der es wagte, den Genossen seines Glaubens als Prediger, als Mahner und Tröster im Sinne jener Bruderschaft zu dienen, und der überdies in einer Eingabe die Stimme gegen die barbarische Behandlung der Reformierten erhoben hatte! So maßvoll jene Schrift auch abgefaßt war und so ehrerbietig, man fahndete begreiflicherweise nach ihrem Verfasser. David Serres bekannte sich ohne Zögern als ihren Urheber. Einem derart gefährlichen Manne mußte das Handwerk gelegt werden: also Einkerkerung in die Festung St-Nicolas. Ein Brieflein des Bruders Jean vom 17. Mai 1702 berichtet kurz über Davids Ergehen in diesem Verlies: «Herr von Lensionnere ist immer noch im Fort St-Nicolas, mit meinem Bruder, dem Nachgeborenen (also David). Sie speisen zusammen und trösten einander durch fromme Gespräche. Aber dieser liebe Bruder liegt in einem sehr schlimmen Loch, vollständig des Lichts beraubt und so feucht daß sogar die Kleider an ihm faulen. Es ist ein großes Wunder, daß Gott ihm das Leben erhält in einer so schrecklichen Höhle, denn sie liegt 17 oder 18 Fuß unter der Erde. Ich hatte das Glück, sie (die beiden Gefangenen) zweimal zu besuchen, und ich kann Ihnen versichern daß sie da sehr zufrieden und dem Willen Gottes sehr ergeben leben.» David Serres gibt selber nachher in einem längeren Briefe Kunde von seinem Ergehen. Der Arzt des Spitals hat ihn besucht und dem ihn begleitenden Major gegenüber seiner Verwunderung Ausdruck gegeben, daß ein Mensch in diesen Höhlen leben könne. Serres erzählt dem Arzte, daß er bereits fünf seiner Zähne dieser feuchten Luft habe opfern müssen. Darauf der Arzt: wenn Serres länger hier bleibe, werde er nicht bloß alle Zähne, sondern auch den Verstand verlieren. Wirklich sind etliche Gefangene irrsinnig geworden. Die Cachots, die Löcher dieser Festung, seien, erzählt Serres, jetzt noch weit finsterer und schrecklicher als zur Zeit, da ihr guter Bruder Ragatz (38) hier eingeschlossen gewesen. Denn als eines Tages ein an Serres gerichtetes Billet in die Hände der Aufseher gefallen sei, habe man die Gitter der Fenster vollends geschlossen. Nun vermöge das Licht nur noch durch zwei Spalten einzudringen, die so eng seien, daß man kaum den kleinen Finger hineinstoßen könnte. Begreiflich, daß man in diesen Löchern weder lesen noch schreiben könne. Von einer Lampe keine Spur. Den Bitten des menschlich fühlenden Arztes, Serres einige Erleichterungen zu gewähren, schenkte der Kommandant der Festung kein Gehör. «Die Härte unserer Peiniger ist so groß, daß, wenn es Gott, der wunderbar ist an Rat und reich an Mitteln, nicht gefällt, uns aus ihren Händen zu befreien oder ihnen mildere Gefühle einzuflößen, wir nicht hoffen dürfen, die geringsten Erleichterungen zu erlangen. Wir müssen uns darauf rüsten, unsere Tage in diesen traurigen Grüften zu beenden, vielleicht sogar ohne Heilmittel. – Unsere Brüder in den anderen Festungen und auf den Galeeren haben es kaum besser als wir. Setzten wir nicht die Hoffnung auf Christus statt einzig auf dieses Leben, wir wären die elendesten aller Menschen, denn was für ein größeres Elend kann man sich denken als dieses: mit Ketten beschwert zu sein, gefressen von den Würmern, der Wut eines barbarischen Aufsehers ausgeliefert, den Leiden und unerträglichen Arbeiten unterworfen, in Gesellschaft von Gottlosen und Verbrechern, die ständig Flüche und Zoten im Munde führen, welch größeres Elend als dieses, durch Jahre hindurch des Tageslichts beraubt zu sein, Beute des Geizes und der Härte eines unbarmherzigen Wächters und sich sozusagen jeden Augenblick sterben fühlen! – Uns auf einen Schlag töten wäre menschlich und süß. Aber man will uns langsam, nach und nach durch die Bitternis einer langen und harten Sklaverei verderben lassen.» Diesen Ausbrüchen der inneren Not im Ausblick auf eine düstere Zukunft läßt David Serres aber die freudige Hoffnung des Eingangs in eine höhere Welt folgen! «Was sind im Grunde diese Leiden, verglichen mit den ewigen und unendlichen Gütern, die unser warten? Und was für Grund haben wir nicht, uns mitten in unserem Elend zu trösten und zu freuen im Gedanken daran, daß wir nach diesem kurzen und traurigen Dasein in den Besitz eines unendlich glückseligen Lebens eingehen, das nimmer aufhört ?» Und so vermag David in einem späteren Briefe seinen jüngsten Bruder, der damals im Gefängnis des Spitals krank lag, zu trösten: es sei doch besser, in diesem Kerker zu liegen, als auf die Galeeren zurück zu müssen mit all ihrer Not, ihrem Schmutz, mit den tausend Flüchen und Gemeinheiten, die man dort täglich anhören müsse. «So fühle ich mich auch hier in meinem dunklen und feuchten Kerkerloch, wo ich schier lebendig verfaule, doch glücklicher, als wenn ich noch an jenem schwimmenden Galgen wäre, wo ich an Leib und Seele gemartert worden bin.»

Der Jüngste der drei Brüder, Jean, «le cadet» geheißen, diente zunächst nacheinander auf verschiedenen Galeeren, zuletzt auf der «Grande Reale» (der «Großen Königlichen») und verbrachte, wie wir schon erzählt haben, den Winter 1690/91 mit seinem Bruder David in Rouen. Als ein noch sehr jugendlicher Mensch scheint er größere Rücksicht erfahren zu haben als seine Brüder. Geschah dies in der Absicht, ihn leichter in seiner Überzeugung wankend zu machen, so sahen sich seine Verfolger getäuscht. Er blieb an Treue und Standhaftigkeit keineswegs hinter seinen Brüdern zurück. Und mehr als sie war er als Ruderer den Unbilden und Nöten seines Dienstes ausgesetzt. Er erlebte auf einer kriegerischen Unternehmung im Mittelmeer alle Schrecken und Ängste der stürmischen See, und dies in unmittelbarer Gefahr, von der spanischen Flotte aufgeholt und aufgerieben zu werden. Da kam in höchster Not Befehl zum Rückzug der Flotte in den Hafen von Marseille, nachdem sieben Galeeren beinahe Schiffbruch erlitten hatten. Schließlich entging auch Jean Serres dem Los, das schon seine Brüder getroffen, nicht: 1702 ward er eingeschlossen, zuerst in den Cachots des Spitals, die er als einigermaßen erträglich schildert, und wo er bessere Gelegenheit fand, seine schwachen und kranken und sterbenden Brüder zu trösten. Ja selbst einen geistig so hochstehenden Dulder wie den edlen, tief frommen Isaac Le Febvre der hoffnungslos krank im Fort St-Jean darniederlag, weiß der junge Serres in einem uns noch erhaltenen Briefe aufzurichten. Aus der milderen Haft im Spitalgefängnis waren Jean Serres im Jahre 1706 ins Chateau d’If eingeschlossen, wo schon seit sechs Jahren sein ältester Bruder schmachtete. So lagen nun alle drei Brüder in finsteren Kerkern, man mochte sagen lebendig begraben, weil sie nicht bloß ihrem Glauben unerschütterlich die Treue hielten, sondern ihren Leidens- und Glaubensgenossen Freunde, Helfer, Seelsorger, Brüder geworden waren. Gerade Jean, der jüngste, muß mit besonders wachen Sinnen und mit unermüdlichem Bemühen alles beobachtet und erfragt haben, was er an Mitteilungen über das Los seiner leiblichen und der übrigen Brüder in Erfahrung bringen konnte. Im Jahre 1709 waren nach seinen Nachforschungen noch zwanzig dieser Brüder in den Kerkern des Spitals und des Chateau d’If. Sieben waren innerhalb zwei Jahren ihren Leiden erlegen. Und von den dreizehn sagt Jean, daß die meisten sich am Rande des Grabes befänden und glücklich zu preisen seien, wenn sie mit glühendem Verlangen nach der allein uns rettenden Gnade Gottes bekennen dürfen: «Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt.» Ihm und seinen Brüdern schlug endlich die Stunde der Befreiung. Warum sollten sie nicht hoffen, noch einmal frei zu werden? Waren nicht wider Erwarten einzelnen ihrer Gefährten die Ketten gelöst worden? War nicht da und dort einem das Tor seines Kerkers geöffnet worden? Im Frühling 1700 war der Zürcher Oberländer Jakob Mahler (64), im Sommer des gleichen Jahres der in Tamins heimatberechtigte Paul Ragatz freigelassen worden, jener durch Fürsprache seiner heimatlichen Obrigkeit, dieser dank der hohen Gunst, deren sein Bündner Landsmann General Stoppa (40) beim König genoß. Zwei Jahre vor ihnen war der edle Elie Neau aus dem Chateau d’If entlassen worden, angeblich aus Gnade Ludwigs XIV., in Wahrheit auf Druck des englischen Königs, Wilhelms III. von Oranien „. Aber jene beiden waren Schweizer Bürger, Elie Neau war schon vor seiner Gefangennahme englischer Bürger gewesen. Was aber hatte ein Untertan Ludwigs XIV. zu hoffen? Denn ihm und seinen Ratgebern galten die gefangenen und rudernden Hugenotten schlechthin als Rebellen, als aopiniatres», als Übertreter der königlichen Gesetze und Befehle, gleichviel, ob sie auf der Flucht ins protestantische Ausland oder in einem nächtlichen Gottesdienst in irgendeiner verborgenen Waldschlucht ergriffen worden waren. Was sie zur Flucht getrieben und in jene Versammlungen geführt, die Treue zu ihrem Glauben, das zählte nicht. Hartnäckig hielt man an der Fiktion fest: jene Männer und Fraue sind Widerspenstige; sie leiden nur, was sie verdient haben. Aber wie das Licht durch die kleinste Ritze dringt, so fanden die Notschreie dieser tapferen Glaubenszeugen ihren Weg durch die Kerkermauern in die Welt hinaus. Die Wahrheit über ihre unmenschliche Behandlung konnte der Welt auf die Dauer nicht verborgen bleiben. Ergreifende Schilderungen ihrer Leiden wurden in Abschriften und bald genug im Druck in den Ländern des Protestantismus verbreitet. Sie weckten überall Mitgefühl und Empörung. Gerade um 1700 herum mehren sich diese Stimmen. Die Schicksale des Konvertiten Jean Bion (61), des angesehenen Louis de Marolles des edlen Isaac Le Febvre rütteln die Gewissen auf. Weitherum wird für die Glaubensgenossen, die auf Galeeren und in Kerkern für ihre Überzeugung leiden, gebetet! Man bewundert ihre Treue; man bangt um die, die täglich in der Versuchung des Abfalls stehen; man preist Gott, der ihnen die Kraft gibt, zu widerstehen; man bestürmt nicht nur den Himmel, man bestürmt die Gesandten des französischen Hofes. Aber in Versailles hat man für solche Stimmen kein Ohr. Man verbittet sich jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Staates. Nach außen steht man mit halb Europa im Kriege. Doch auf die Friedensschlüsse eben dieser Kriege, die doch einmal enden müssen, setzen nun die Reformierten ihre Hoffnung, die in den Kerkern und auf den Galeeren, und erst recht die unzähligen Refugianten in der Schweiz, in Holland, in England, in Deutschland, die das Heimweh nach dem schönen Frankreich schier verzehrt. Und in ihrer Hoffnung werden sie bestärkt durch ihren eifrigsten Fürsprecher, Jacques de Rochegude in Vevey, einen ehemaligen Offizier im Heere Ludwigs XIV., um seiner Glaubenstreue willen eingekerkert, aber nach kurzer Gefangenschaft entlassen und an die Schweizer Grenze gestellt, da er die ihm angebotene Rangerhöhung im Heere um den Preis der Untreue gegen seinen Glauben ausschlägt. Unermüdlich reist er, bald im Auftrage der Evangelischen Orte, bald aus eigenem Antrieb, an die protestantischen Fürstenhöfe, wirbt in Briefen und in Vorträgen vor Königen und Parlamenten für sein hohes Ziel, die Freilassung der armen eingekerkerten und im Ruderdienst sich aufreibenden Glau bensfreunde, ja für die völlige Wiederherstellung der reformierten Kirche Frankreichs und damit für die Heimkehr der in aller Welt zerstreuten Refugianten und Exulanten. Und wie oft wird seine Hoffnung getäuscht; nie aber wird sein Glaube erschüttert! Der pfälzische Erbfolgekrieg wird beendet, ohne daß im Friedensvertrag zu Rijswijk der Reformierten gedacht wird. Als der spanische Erbfolgekrieg dem Ende zuneigt, da schwillt die Hoffnung der nach Freiheit Lechzenden wieder mächtig an, und noch rastloser arbeitet de Rochegude für die Erfüllung ihrer Hoffnung.*

Öffnet man im Staatsarchiv zu Zürich z. B. eine jener Mappen mit den vergilbten Dokumenten und Briefen jener Jahre zwischen 1700 und 1714, liegen immer wieder die Briefe dieses Mannes vor einem, der nur noch diese eine Aufgabe seines Lebens kannte, um sich dann, wenn sie vollendet sei, wie er einmal schreibt, in einen stillen Winkel zurückzuziehen.

In der Königin Anna von England fanden de Rochegude und alle die Freunde der verfolgten Reformierten eine warm empfindende Förderin ihrer Ziele. Die Schilderung von der Not der Galeriens, die de Rochegude ihr vortrug, griffen ihr ans Herz. Es bedurfte der Bitten der Exzellenzen von Zürich und Bern und der protestantischen Fürsten wahrlich nicht mehr, diese «Beschützerin des Glaubens» für die Freilassung der reformierten Gefangenen zu bewegen. Und doch – zunächst schien wiederum alle Hoffnung fehlzuschlagen. Am 11. April 1713 wird der Friede zu Utrecht geschlossen. Und wieder kein Wort zugunsten der Reformierten! Wie Wunsch und Wille Königin Annas dem französischen Machthaber dennoch kund wurden, entzieht sich unserer Kenntnis. «La lose est faite» – die Sache ist in Ordnung – wird de Rochegude vom englischen Schatzmeister versichert. Und wirklich: am 17. Mai 1713 erläßt Ludwig XIV. Weisung, daß 136 Forcats in Freiheit gesetzt werden sollen, unter der Bedingung, sie müßten sich sofort und unverzüglich in fremde Länder begeben; wo nicht, würden sie wieder auf die Galeeren zurückgeführt, wo sie dann lebenslänglich bleiben müßten. So ergriffen denn am 20. Juni die ersten 36 Freigelassenen den Wanderstab und erreichten über Piemont und Savoyen am 20. Juli Genf, wohin ihnen die übrigen auf dem Fuße nachfolgten. Wie Boten Gottes wurden sie empfangen und mit Zeichen brüderlicher Liebe überschüttet. Am 11. August trafen ihrer 24 in Zürich ein. In der Schar dieser Glücklichen gingen auch die Brüder David und Jean Serres. Den Leitern der Republik und Kirche Zürichs waren diese nicht ganz fremd. Schon zwei Jahre zuvor trug eine Bittschrift von zehn Galeriens aus Marseille die Unterschrift der Brüder Serres. Vor der Stadt draußen wurden die 24 Heimatsuchenden vom Pfarrer und von den Ältesten der Französischen Kirche in Zürich empfangen und durch die Stadt zum Rathaus geführt. Viel Volk säumte die Straße, und es war nicht bloße Neugier, was die Leute auf die Gassen trieb. Im Rathaus nun wurden die Glaubensbrüder vom französischen Pfarrer und von Joh. Ludwig Hirzel begrüßt. David und Jean Serres zogen mit fünf ihrer Freunde bald weiter. Ihr Ziel war England. Von Frankfurt aus richteten sie am 19. September einen von tiefer Ehrerbietung beseelten Dankbrief an Joh. Ludwig Hirzel und baten die Herren von Zürich inständig, ihren Schutz auch den Brüdern angedeihen zu lassen, die noch in Fesseln und Kerkern liegen. Einer dieser 24 Freigelassenen, Jean-Baptiste Bancilhon aus Florac schilderte nachträglich in einem Briefe an ein Fräulein von Goton (datiert von London, 6. Dezember 1713) die Erlebnisse der Reise, die sie über Genf, Bern, Zürich und Holland nach England führte. Was Bancilhon von ihrer Aufnahme in Zürich erzählt, sei als ansprechendes Zeitbild hier eingeschaltet: «Man mußte sieben Tage in Zürich bleiben, da keine Wagen für die Weiterreise zur Verfügung standen. So hatten wir Zeit, hier viele Leute zu sehen. Eines Morgens machten wir einem dieser Herren unsere Aufwartung.Wir trafen ihn in seinem Kabinett über dem Studium. Er bezeugte uns seine Freude über unsere Freilassung. ,Ich pflege jeden Morgen‘, sagte er, ,einige Stunden zu meditieren; Sie sind oft in meinen Gedanken vor mir erschienen; erst vor wenigen Tagen dachte ich an den Hof von Versailles und im selben Augenblick an Ihre Ketten, und wie ich Ihr Los mit dem dieser ,freien‘ Menschen verglichen habe, sagte ich bei mir selber, daß Sie unendlich viel glücklicher seien.‘ – Er sagte uns noch tausend andere schöne Dinge über die Religion. Diese Herren widmen ihre Morgenstunden der Lektüre und Meditation und begeben sich dann ins Rathaus an die Arbeit an ihren Staatsgeschäften. Kein Wunder, daß sie diese so wohl leiten, da sie vor allen Dingen Gott erst um Rat fragen. Herr Bürgermeister Escher beehrte uns mit seinem Besuche am Vorabend unserer Abreise und gab uns 21 Louisdor für 21 unserer Brüder, die hier schon versorgt und bedacht waren; ,ich bin dankbar‘, sagte er, ,wenn Sie sie ihnen selber geben, um ein Gerede zu verhüten. Wir leben in einem kleinen Lande‘, sagte er, ,drum sind wir auch nicht sehr reich; aber wir suchen etwas zu sparen, um es in der Not herzugeben; wir haben hier weder Kutschen noch Diener; ich habe hier für mich nur eine Magd.’»

Der Brief trägt die Unterschrift von Serres le puinc, Scrres le jeune, Damouyn, Sabatier, Bancilhon, Rullanel und Bousquet.

Über Rotterdam und Denhaag erreichten die sieben Aufrechten am 21. Oktober London, wo sie in Gegenwart von Henri de Mirmand, einem nach Neuchatel geflohenen Adeligen, und dem uns bekannten de Rochegude der Königin ihren Dank abstatteten. Es war Jean Serres, der im Namen der Befreiten diesen Dank aussprach, «tres humblement», sehr ehrerbietig, wie der Brief sich ausdrückt, der uns diese Szene schildert, und die Königin zugleich anflehte, der großen Zahl derer zu gedenken, die noch immer auf den Galeeren und in den Gefängnissen zurückgeblieben waren. «Sie (die Königin) gab uns mit der Hand ein Zeichen (ihrer Zustimmung) und sprach einige Worte auf eine sehr huldvolle Weise; doch war es uns nicht möglich, sie zu verstehen.»

Die beiden Brüder, die von den Generalstaaten der Niederlande ein Jahresgehalt von je 400 Florin und ein Jahr Urlaub für England erhalten hatten, blieben nun zunächst in London. Von dort aus waren sie für die Freilassung der noch nicht befreiten Brüder tätig. Denn von ungefähr 400 um des Glaubens willen Gefangengehaltenen war nun kaum die Hälfte entlassen worden. Am 1. Mai 1714 betrat eine zweite Gruppe von 44 Freigelassenen in Genf den Boden der Freiheit. Pierre Serres, der älteste der drei Brüder, war in dieser Nachhut. Das Zürcher Staatsarchiv bewahrt ein in schöner Schrift abgefaßtes Memorial, das zur Information über die noch nicht Freigelassenen diente. In acht Klassen, je nach der Art ihres Vergehens, werden links die schon Freigelassenen, rechts die noch Zurückgehaltenen mit ihren Namen aufgeführt. Pierre Serres Sache wird in einem besonderen Zusatz sehr geschickt verfochten. Es wird auf den Umstand hingewiesen, daß David Serres, der seinerzeit zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurteilt wurde, nunmehr frei sei, während Pierre, dessen Strafzeit auf zehn Jahre beschränkt war, noch immer gefangen liege. Alle drei Brüder seien wegen des gleichen Vergehens verhaftet und verurteilt worden, folglich seien sie wohl auch gleicher Schuld teilhaftig.

So öffnete sich also auch für Pierre das Tor seines Kerkers, am 7. März 1714. Am 26. März führte ihn eine Barke nach San Remo. Über Genf und Holland gelangte Pierre nach London, wo er König Georg I. vorgestellt wurde der seiner am 11. August 1714 verstorbenen Mutter auf dem Throne Englands gefolgt war. Wie vor Monaten seinem Bruder Jean fiel nun auch Pierre der Auftrag zu, den Dank für die königliche Fürsprache abzustatten. Im Winter 1715 finden wir Pierre in Amsterdam; am Neujahr 1716 weilen alle drei Brüder in London. An diesem Tag übermittelt deRochegude den Brüdern zu Marseille, die noch gefangen sind, den Gruß der drei Befreiten: «Es grüßen Euch ganz besonders die drei würdigen Serres; sie halten sich nicht für völlig frei, bis sie Euch in voller Freiheit sehen!»

Und nun in Kürze das, was wir vom Lebensabend der drei Brüder wissen:

Pierre, der ebenfalls mit einer Pension der Generalstaaten bedacht worden war, ließ sich in London nieder, verheiratete sich dort und starb am 17. August 1741 im Alter von 81 Jahren.

David blieb in Amsterdam, ehelichte eine Margareta Morel. Am 9. Mai 1733 segnete er das Zeitliche, im Alter von 68 Jahren. Daß er, wie sein Biograph Gaston Tournier berichtet, 1724 zum zweitenmal in Zürich geweilt habe und von dort mit einem Reisegeld nach Magdeburg entlassen worden sei, beruht offensichtlich auf einem Irrtum

Jean Serres, der Jüngste, scheint ledig geblieben zu sein. Er wurde nach seiner Freilassung in Winchester in England heimisch. Der Pfarrer der Kathedrale, Reverend Cheyncy, schenkte ihm seine Freundschaft. Als Dank für empfangene Hilfe verehrte Jean diesem hohen Kirchenmann den kostbarsten Schatz, den er aus der Gefangenschaft gerettet hatte: sein Neues Testament. Es war ihm einst von dem nach Holland geflüchteten Pfarrer David Martin in Utrecht geschenkt worden. Martin selber hatte es übersetzt oder doch mit Erläuterungen herausgegeben. «Ich empfing es trotz der Strenge, mit der man mich beobachtete, um zu verhüten, daß ich mich der Tröstungen freuen könnte, die meine so lange und so beschwerliche Gefangenschaft nötig hatte. Das heilige Buch blieb viele Jahre bei mir in meinen Ketten. Aber das Wort der Wahrheit, das es einschließt, war keineswegs gebunden. Es ließ mich über Lüge und Irrtum der Papisten, so wütig sie mich anfielen, triumphieren. Nachdem Gott endlich meine drückenden Ketten zerbrochen, nahm ich es mit mir als Zeuge eines Wunders seiner Vorsehung, die mich in tausend unermeßlichen Gefahren behütet hatte. Ich hoffe, Sie werden das, was ich Ihnen da sage, als ein sehr kostbares Geschenk mit Freuden annehmen. Mein Wunsch: möchten Sie mindestens so viele Jahre lang darin lesen dürfen, wie ich darin gelesen habe, und das ewige Leben, dessen Quelle es ist, daraus schöpfen.» Er habe das Buch wieder ausgebessert, vielleicht neu gebunden, bemerkt Jean Serres in seinem Briefe so nebenbei. Wie sollte es auf Galeeren und in Kerkerlöchern nicht Schaden genommen haben, nicht lose geworden sein vom vielen Lesen und, wer weiß, nicht gelitten haben von heißen Tränen, die auf seine Blätter fielen? Dem Buch legte Jean noch das Zeugnis seiner Freilassung bei, datiert von jenem denkwürdigen 20. Juni 1713. Jean starb am 6. Februar 1754, 86jährig. An ihn erinnert in der Kathedrale zu Winchester eine Gedenktafel. In lateinischer Sprache gibt sie der Nachwelt Kunde von seiner Glaubenstreue in 27 Jahren harter Fron und bitterer Not.

Johannes Spangenberg

Johannes Spangenberg, geb. den 3. März 1484 zu Hardegsen im Fürstenthum Göttingen, empfing seine erste Erziehung von unbemittelten, aber wohl gesinnten Ältern. Von seinem Vater, Tilemann Spangenberg, ist noch der Ausspruch aufbehalten: Unsere Geistlichen sollten Seelsorger sein, sie sind aber Leib- und Seelwürger. Johannes besuchte zuerst die Schulen zu Hardegsen und Göttingen. Erfolgreich benutzte er hier den Sprachunterricht des M. Wüstefeld. Dabei trieb er Privatstudien mit grosser Originalität. Seinem Gedächtniss zu Hilfe zu kommen, erfand er eine eigene Mnemonik, zu der er die Bilder aus der Johanniskirche entnahm.

Von Göttingen ging er nach Einbeck, wo er gleichfalls ausser der Schule noch andere Lehrquellen zu benutzen wusste. Von einem Küster empfing er unentgeltlichen Unterricht in der Musik und von einem kunstsinnigen Kürschner die ersten Ideen von Poetik. Zugleich förderte er sich wissenschaftlich und praktisch durch ertheilten Privatunterricht.

Noch sehr jung bekleidete er eine Zeit lang den Rectorat in Gandersheim und bezog dann die damals so blühende Universität zu Erfurt, wo er sich dem eben wieder höher aufgehenden Lichte der Sprachwissenschaften zuwandte, mit deren Studium er das der Gottesgelahrtheit, so weit ein solches in jenen Zeiten möglich war, auf’s innigste verband.

Nach Beendigung seiner academischen Studien wurde er Rector und bald darauf (1521) Mittagsprediger zu Stolberg. Schon als Rector hatte er oft gepredigt und Gedanken ausgesprochen, die vom Wittenberger Geiste berührt waren. In seiner Stellung als Prediger gab er sich mit ganzer Seele der lutherschen Lehre hin. Er predigte täglich und verbreitete die reformatorischen Ansichten überdies durch geistliche Lieder.

Im Jahre 1534 wurde er zum ersten Prediger an die Blasiuskirche zu Nordhausen berufen. Hier erwarb er sich nicht nur durch seine Predigten, sondern auch durch Stiftung eines Privatinstitutes, durch Gründung des Gymnasiums und durch Abfassung guter Schulbücher grosse Verdienste. Von den Reformatoren wurde er sehr hochgestellt. Luther schrieb 1542 eine Vorrede zu Spangenberg’s Postille, und Melanchthon rühmt seine Gelehrsamkeit und Sittenreinheit, ins Besondere seine Freiheit vom Ehrgeiz.

Luther’s letzte Reise veranlasste seine Vocation nach Eisleben. Hier hatte Caspar Güttel, von Luther „der fromme Doctor Caspar“ genannt, die evangelische Predigt eingeführt und als Superintendent jene Mansfeldsche Kirchenordnung abgefasst, die Luther 1546 approbirte. Güttel war 1541 gestorben, und sein Nachfolger zu St. Andreas, Simon Wolferinus, lebte seit 1543 mit Friedrich Rauber, Pastor zu St. Petri, in einem heftigen Streite über die Reste von Brodt und Wein nach dem heil. Abendmahle, welche jener zum gemeinen Gebrauche verwenden wollte. Nachdem er schon früher und noch 1546 vergeblich zum Frieden von Luther ermahnt war, bewirkte dieser Wolferinus‘ Entlassung und die Berufung Spangenberg’s zum Pastor zu St. Andreä und zum Superintendenten der Mansfeldschen Kirche. Wie sehr er sich um dieselbe verdient gemacht hat, beweist ein Brief Melanchthon’s, den er nach dem am 13. Juni 1550 erfolgten Tode Spangenberg’s an die Mansfelder schrieb. Es heisst darin u. A.: „Eure Kirche hatte den bedeutenden und hochachtbaren Greis, Güttel, der zuerst die reine Lehre Euch verkündete. Nachher stand der nach Luther’s Urtheile verehrungswürdige Greis, Johannes Spangenberg, Euern Gemeinden vor. Seine Bücher zeugen von ihm und ihr wisset, dass er von dem ehrwürdigen Dr. Luther, dem Dr. Lange von Erfurt, dem Dr. Pommer und den übrigen Lehrern von ganz Sachsen anerkannt worden ist. Damit nun die Nachkommen wissen, dass ihr diesen Zeugen der Wahrheit gehabt habt, und die von ihm empfangene Lehre bewahren (wie Paulus befiehlt, die Beilage treulich zu bewahren), so ermahne ich Euch, dass Ihr seinen Namen und die Zeit seiner Amtsführung in Euern Denkmälern anmerkt und Sorge traget, dass seine Schriften aufbehalten werden.“

Spangenberg’s Sohn ist der berühmte Prediger und Historiker Cyriacus Spangenberg.

Die bedeutendsten Kanzelredner
der
lutherschen Kirche des Reformationszeitalters,
in Biographien und einer Auswahl ihrer Predigten
dargestellt
von
Wilhelm Beste,
Pastor an der Hauptkirche zu Wolfenbüttel und ordentlichem Mitgliede der
historisch-theologischen Gesellschaft zu Leipzig
Leipzig,
Verlag von Gustav Mayer.
1856

Philipp Jakob Spener

Philipp Jakob Spener

Oberhofprediger zu Dresden, später Propst zu Berlin

(Geb. 13. Jan. 1635, gest. 5. Febr. 1705.)

„Gleichwie der Leib ohne Geist todt ist, also auch der Glaube ohne Werke ist todt.“
(Jak. 2, 26.)

Philipp Jakob Spener wurde am 13. Januar 1635 zu Rappoltsweiler im Oberelsaß geboren. Seine frommen Aeltern, der gräfliche Rath Johann Philipp Spener und Agatha, widmeten ihr Kind dem Herrn, von dem sie es empfangen hatten, daß er einst Prediger seines Wortes werden sollte. Gern hat er deswegen das Wort des Apostels Paulus auf sich angewandt: „Da es aber Gott wohlgefiel, der mich von meiner Mutter Leib hat ausgesondert, und offenbarte in mir, daß ich ihn durch das Evangelium verkündigen sollte, also fuhr ich zu, und besprach mich nicht darüber mit Fleisch und Blut.“ Die verwittwete Gräfinn von Rappoltstein, der das Städtchen Rappoltsweiler gehörte, übernahm Pathenstelle bei dem Knaben, und als solche hat sie, wie es leider jetzt wenig geschieht, sich bestrebt, ihn zu seinem Heilande hinzuführen. Er mußte fast täglich zu ihr aufs Schloß kommen. Dann erzählte er ihr, was er des Tages gelernt und erlebt hatte, und sie ermahnte ihn, wie eine Mutter ihr Kind. Der Abschied von seiner Pathin war der erste Schmerz, der ihn traf. Im November 1648 hatte er acht Tage lang nicht zu ihr kommen können, weil sie krank darnieder lag. Aber da verlangte es sie, ihn noch einmal zu sehen, und sie ließ ihn aufs Schloß kommen. Sie lag todtenbleich auf ihrem Bette, legte stumm, – denn sie konnte schon nicht mehr reden, – ihre Hand auf des Knaben Haupt, und gab ihren Geist auf. Tief erschüttert stand Spener da; er verlor alle Lust zum Leben, und wollte auch sterben. Lange trauerte er, und konnte vor Schwermuth nicht an seine Arbeiten gehen, denen er sonst mit großem Eifer oblag.

Unter den Augen seiner Aeltern wuchs der Knabe in der Furcht Gottes heran. Eine ungeheuchelte Demuth, eine ernste Gewissenhaftigkeit, eine heilige Furcht vor der Sünde begleiteten ihn auf allen Schritten und Tritten. Er war noch keine zwölf Jahre alt, da floh er erstarrt von einem Tanzlokale, als dem Orte, wo der Satan schon viele tausend Seelen zu Falle gebracht hat. „Weg mit der Thorheit!, sagte Spener, ich habe so viel mit der Besserung meines Herzens und mit dem Tode zu thun, daß ich des Tanzens wohl vergesse.“ er hat seitdem an solchen Vergnügungen nicht mehr Theil genommen; noch kurz vor seinem Tode erzählte er Freunden davon, um zu zeigen, daß er in seiner Jugend auch böse gewesen sei. Spener kannte bessere Freuden und Erholungen. Wenn er seine Arbeiten fertig hatte, so dichtete er fromme Verse. Doch hat er, ehe er das älterliche Haus verließ, alle seine Lieder verbrannt. Sie befriedigten ihn nicht, uns sollten Andern nicht zur Last fallen. Auch später hat er noch viele seiner Werke vernichtet. Möchten ihm doch darin viele unserer heutigen Dichter nachfolgen!

Im Mai 1650 bezog Spener, gründlich von dem frommen gräflichen Hofprediger, Stoll, seinem nachmaligen Schwager, vorbereitet, das Gymnasium zu Colmar, und Ein Jahr später die Universität Straßburg. Hier wurde er von seinem Oheim, dem Professor der Rechte, Johannes Rebhahn, wie ein Sohn aufgenommen. Er mußte bei ihm wohnen, und an seinem Tische essen, und durfte, was ihm noch besonderer Wichtigkeit war, noch Belieben seine große Büchersammlung benutzen, erhielt auch väterlichen Rath und Anleitung in seinen Studien.

Während sonst auf den Universitäten unter den Studenten viel Leichtsinn und Rohheit zu Hause ist, stand Spener unter ihnen, wie eine Blume in der Wüste. Schon sein Lehrer Stoll hatte ihm gesagt: „am Sonntage dürfe man nichts thun, wodurch man gelehrter, sondern nur das, wodurch man besser und frömmer werde.“ Dieses Wort bewahrte er in einem feinen, guten Herzen. Wenn er den öffentlichen Gottesdienst, den er nie ohne Noth versäumte, besucht hatte, so verwandte er die übrigen Stunden für den stillen Gottesdienst in der Kammer, weil der ganze Tag dem Herrn gehöre. Dann las in er in der heil. Schrift, oder auch in Erbauungsschriften. Bald sammelten sich um ihn gleichgesinnte Freunde. Da kamen sie zusammen, sangen, beteten, und betrachteten gemeinschaftlich die h. Schrift. Einer um den Andern erklärte eine Bibelstelle, wozu sie sich schriftlich vorbereiteten. So konnte Spener später schreiben: „Ich kann meinem Gott für den bei dieser Sonntagsfeier während meiner Universitätszeit mir ertheilten Segen nimmermehr zur Genüge danken. Ach, der Herr erbarme sich doch in diesem Stücke der Verderbniß unsers Christenthums auf den Schulen!“ – Und vom Sonntage aus verbreitete sich eine Gottesruhe und rüstige Arbeitsfreudigkeit über die Wochentage. Mit seinen Genossen kam er nicht viel zusammen. Am liebsten saß er wochenlang ohne Unterbrechung hinter seinen Büchern, in seiner „so süßen Einsamkeit,“ wie er selbst sagt. Da dieser eiserne Fleiß durch ein glückliches Gedächtniß unterstützt wurde, so konnte es nicht fehlen, daß er sich einen seltenen Vorrath von Gelehrsamkeit sammelte. Drei Jahre brachte er mit den Vorwissenschaften zur Gotteslehrsamkeit zu. Besonders trieb er das Hebräische und Griechische; jene Sprache wurde im schon nach drei Viertel Jahren so geläufig, daß er Erklärungen des Alten Testaments darin vortragen konnte. Mit großem Eifer trieb er auch Geschichte, und da zog ihn vor Allem die Geschichte unsers deutschen Volkes an. Er war noch nicht achtzehn Jahre alt, so wurde ihm schon der Ehrenname eines Magisters zu Theil, mit dem das Recht verbunden war, andern Studenten Vorträge zu halten. So ausgerüstet, gab er sich erst im vierten Jahre seiner Studienzeit an das besondere Studium der Theologie. Da hat er mit seiner Vernunft, welche sich nicht beugen wollte unter den Gehorsam des Glaubens, manche Kämpfe durchmachen müssen. Aber er hielt fest am Gebet, indem er hoffte, daß sein Glauben den festen Anker wiederfinden würde. Und der Herr ließ es dem Aufrichtigen gelingen, sodaß er die Weisheit dieser Welt für Thorheit erkannte, und sich nur um so fester auf seinen Herrn und Meister gründete.

Da Speners Aeltern viele Kinder hatten, so konnten sie ihn nur wenig mit Geld unterstützen. Deswegen ertheilte er wohlhabenden Studenten Unterricht, und machte es sich möglich, auch die Universitäten zu Freiburg, Tübingen, Genf und Basel zu besuchen. An allen diesen Orten hielt er mit vielem Beifall Vorlesungen über verschiedene Gegenstände der Theologie.

Im Jahre 1654 wurde Spener der Hofmeister der beiden Brüder, Herzog Christian und Ernst Johann Karl, Pfalzgrafen bei Rhein, die unter seiner Leitung in Straßburg ihre Studien betrieben. Nachdem er anderthalb Jahre dies Amt gewissenhaft verwaltet hatte, zogen jene nach Frankreich. Spener ging auf den Rath einiger Lehrer nicht mit, weil sie meinten, er werde in dem verweltlichten Frankreich eher Rückschritte als Fortschritte machen. In dieser Zeit, am Johannistage 1655, hielt er seine erste Predigt über Luc. 1, 74. 75. „Daß wir, erlöset aus der Hand unserer Feinde, ihm dieneten ohne Furcht unser Lebenlang, in Heiligkeit und Gerechtigkeit, die ihm gefällig ist.“ Er bekannte später, daß ihm Gott durch diesen Text die Summe dessen vor die Seele geführt habe, was zu lehren, vorzugsweise seine Lebensaufgabe seyn würde. Uebrigens predigte er als Student sehr selten. Höchstens alle Vierteljahre ließ er sich dazu bewegen. „Er müsse durchaus erst selbst lernen, bevor er andern predige,“ war seine Meinung. ER schrieb seine Predigten vorher immer ganz nieder, und hielt sie wöchentlich, wie er sie abgefaßt hatte. Wenn er einmal auf der Kanzel ein nicht geschriebenes Wort vorbrachte, so merkte er es hernach in seinem Manuscipte an, „um immer auf das Genaueste zu wissen, was er an heiliger Stätte geredet.“ Er betrat nie die Kanzel ohne Furcht, er möchte stecken bleiben. Diese Schüchternheit hat ihn auch im Alter nicht verlassen.

Spener fuhr mit rastlosem Eifer in seinen Studien fort, sodaß seine Gesundheit anfing, geschwächt zu werden. Dies wurde bald noch schlimmer durch die Uebungen in der Mäßigkeit, die er anstellte. An jedem Sonntage genoß er den ganzen Tag auch nicht das Geringste, und erst des Abends besänftigte er den beißenden Hunger durch einen Bissen Brodes. Dies hielt er, ohne ein Gelübde abgelegt zu haben, Ein volles Jahr aus. Da brachen seine Kräfte fast zusammen, sodaß er ärztliche Hülfe suchen mußte. Er bereute bitter diesen frommen Unverstand, durch den er seinem Leibe so großen Schaden zugefügt hatte.

Da durch seine jahrelange Zurückgezogenheit seine natürliche Schüchternheit sich von Tage zu Tage steigerte, so redeten ihm seine Verwandten zu, da sie meinten, er mochte zur Führung eines kirchlichen Amtes unbeholfen werden, eine größere Reise nach Frankreich zu unternehmen. Nach langem Sträuben ließ er sich überreden, und Ostern 1660 trat er die Reise an, zunächst nach der Schweiz. Aber in Genf überfiel ihn eine heftige Gichtkrankheit, daß er drei Monate lang im Bette liegen, und die heftigsten Schmerzen erdulden mußte. In Folge dessen stand er von seiner Reise nach Frankreich ab, besuchte noch verschiedene Orte in der Schweiz, und kehrte im November 1661 nach Straßburg zurück. Diese Reise ist von dem größten Einflusse für sein künftiges Leben gewesen. Viele berühmte und gelehrte Leute hatte er kennen gelernt. Besonders war man ihm in Genf mit großer Liebe entgegen gekommen. Nicht allein die Professoren, sondern auch die Vornehmsten der Stadt hielten ihn ihrer Freundschaft werth. Er aber wurde durch solche Ehren desto demüthiger, und pries die gnädige Gottestreue, die ihm fremde Herzen so liebreich aufgeschlossen hatte.

Unterdeß war Spener in’s zwölfte Jahr Studiosus der Theologie. Er war fest entschlossen, sich in seinem Leben niemals um ein geistliches Amt zu bewerben. Denn er lebte der innersten Zuversicht, daß der Herr der Kirche diejenigen, die er zu Verkündigern seines Worts haben wolle, auch schon selbst suchen und hervorziehen werde. Zudem war ihm der Gedanke, der vor Gott verantwortliche Seelsorger einer ganzen Gemeinde zu werden, zu schwer und zu gewaltig. „Der Herr möge ich doch nicht zu einem so schweren Amte ausersehen, und ihm einen solchen geistlichen Wirkungskreis erweisen, wo er zwar Arbeit, und selbst die schwerste, aber nur keine Seelsorge zu übernehmen habe,“ das war sein stetes Anliegen an Gott. Als im Jahre 1663 die Frühpredigerstelle an der Thomaskirche in Straßburg, mit der keine Seelsorge verbunden war, erledigt wurde, wurde er ohne sein Zuthun für dieselbe berufen. Drei Jahre lang hat er im Segen in Straßburg gewirkt. Während dieser Zeit ließ er sich zum Doktor der Theologie ernennen, und trat in den Ehestand, beides auf Einen Tag, und zwar auf dringliches Verlangen seiner Verwandten und Freunde. Denn gegen das erste sträubte sich seine Bescheidenheit und Demuth, gegen das zweite seine natürliche Scheu und das Mißtrauen in sich selbst, daß er kein Weib würde glücklich machen können. Jungfrau Susanna, Tochter Johann Jakob Erhardt’s , welcher Mitglied der Stadtbehörde war, wurde am 23. Juni 1665 Speners Ehefrau. Ihre Ehe war eine überaus glückliche und gesegnete.

Im Jahre 1666 wurde Spener als Pfarrer und Senior des geistlichen Ministeriums nach Frankfurt am Main berufen. Ehe er den Ruf annahm, befragte er auf’s Strengste sein Gewissen, ob derselbe von Gott käme, und wollte die Entscheidung der beiden Städte Straßburg und Frankfurt die Stimme Gottes seyn lassen. Erst, nachdem dies geschehen war, schrieb er: „Ich habe redlich im Namen des Höchsten, mit welchem ich in meinem Gebete dieses ganze Werk bisher fast allein bedacht habe, diesen Entschluß gefaßt einem anerkannt göttlichen Berufe, wie es ohnedies die Gewissenspflicht mit sich bringt, nicht aus dem Wege zu gehen, sondern ohne Rücksicht auf alles Andere der Stimme dessen zu folgen, der, wie er mich Anfangs hier auf die Kanzel durch ordentlichen Beruf gesetzet, also seine ungebundene Hand über seinen Knecht sich vorbehalten hat, ihn auch anders wohin nach seinem Willen zu schicken.“ Es war keine geringe Aufgabe für Spener, sein neues Amt mit freudigem Muthe anzutreten. Er sollte als ein junger Mann von ein und dreißig Jahren, ohne besondere Erfahrungen, den Vorsitz in dem Kirchenrathe führen, dessen Mitglieder zum Theil doppelt so alt waren, wie er selbst. Da errang er sich im Gebet Licht und Kraft von Oben. Und der Segen Gottes floß reichlich auf seine Arbeit nieder.

Er fing an, da Wort Gottes muthig zu reden zur Zeit und Unzeit, nicht das, wonach den Leuten die Ohren jücken, sondern das, was sie zu einem neuen Leben wiedergebären kann. Aber er war nicht nur ein guter Hirte auf der Kanzel, sondern, was ungleich wichtiger ist, auch unter der Kanzel und in den Häusern. Im August 1670 kamen einige Männer zu ihm, um ihm ihre Noth zu klagen wegen Mangels an christlicher Geselligkeit. Ueberall, sagten sie, wo man mit Leuten zusammen käme, würde nur über eitle und nichtige Dinge gesprochen. Wenn aber Einer von der Gottesfurcht spreche, der werde verspottet. Sie wünschten sehnlichst eine Gesellschaft zu finden, wo man frei über das Eine, was Noth thue, sprechen könnte. Spener erbot sich mit Freuden, die Heilsbegierigen in seiner Studierstube zu empfangen, mit die Versammlungen zu leiten. Diese fanden im Angang Montags und Mittwochs statt. Montags wiederholte er die Predigt, um sie dadurch tiefer in die Seele seiner Zuhörer einzudrücken. Dann wurden Stellen der h. Schrift vorgelesen, und in freier, brüderlicher Besprechung erbaulich erklärt. Diese Versammlung hieß man collegia pietatis, d. i. fromme Zusammenkünfte. Anfangs nahmen nur Wenige daran Theil; später wurden sie äußerst zahlreich von allen Ständen besucht, von Studenten, Juristen, Medicinern, Kaufleuten, Handwerkern, Beamten, Männern und Frauen, Greisen und Kindern. Die Frauen hatten einen besonderen Platz, wo sie den Blicken der Männer so ziemlich verborgen blieben. War ein Abschnitt der h. Schrift vorgelesen, so „bringen die Geübteren, sagt Spener, ihre Meinung zu Diesem oder Jenem vor. Alles in größter Einfalt. Will Jemand etwa bloß neugierige, spitzfindige, und zur Erbauung undienliche Fragen thun, so werden diese sogleich abgeschnitten, und gezeigt, wie wir durch Besprechung solcher Dinge z u unserer Besserung nicht das Geringste gewinnen… Sorgfältig wird verhütet, daß in unserer Versammlung sich Niemand ein Urtheil über irgend einen Mitbruder erlaube, welches das Gefährlichste seyn, und das ganze gute Vorhaben zerstören würde; sondern wir haben in solcher Uebung allein mit uns selbst zu thun, und es wird nur im Allgemeinen gezeigt, wie ein Jeder seine christliche Liebe in sanftmüthiger Zurechtweisung seines irrenden Bruders erweisen möchte und müßte. Dadurch wird auch dahin gearbeitet, daß unter denen, die zusammen kommen, eine viel innigere, christliche Freundschaft gestiftet werde, sodaß Jeder aus herzlicher Liebe auch auf seinen Mitbruder Acht gebe, und wo er ihn in Gefahr, oder auf Irrwegen sieht, ihn brüderlich erinnere, der Andere aber solche aus liebreichem Vertrauen kommende Zurechtweisung auch brüderlich aufnehme.“

Die collegia gewannen bald eine solche Bedeutung, daß alle Fremden, die nach Frankfurt kamen, nicht eher wieder abreisten, bis sie dieselben besucht hatten. Und so wurde fast keine Zusammenkunft gehalten, wo nicht fürstliche, königliche, kaiserliche Räthe und Minister, selbst Grafen und Fürsten, außerdem Professoren, Superintendenten und Prediger aus allen Gegenden Deutschlands daran Theil genommen hätten. So wurden sie ein Salz der evangelischen Kirche. An vielen andern Orten, in Augsburg, Essen, Wertheim, Hamburg, Amsterdam, Nymwegen u. a. wurden sie eingerichtet.

Aber ohne Widerstreit räumte der böse Feind dem Herrn das Feld nicht. Man nannte Spener und seine Genossen Quäker; weithin verbreitete sich das Gerücht von einem Frankfurter Schwarm, dessen Vater Spener sei. Es gab keine Verlästerung oder Verläumdung, mit der der aufrichtige Knecht Gottes nicht überschüttet wurde. Nun waren freilich Einige unter denen, die seine Versammlungen besuchten, die die evang. Kirche für Babel erklärten, und deswegen meinten, aus derselben austreten zu müssen. Spener selbst aber erkannte bald die große Gefahr, die daraus für die Kirche Gottes hervorging, predigte mit allem Eifer in Wort, That und Schrift dagegen, und ließ es nicht besonderen Ermahnungen, Bitten und Warnungen gegen Einzelne fehlen. Es that ihm bitter weh, daß er so viel Undank und Verläumdung erfahren mußte. „Es kann Niemand ermessen, sagt er einmal, wie mir oft zu Muthe gewesen, wie ich mich als Prediger einem Schiffer ähnlich sahe, der das Ruder verloren hat, und nur allein Gottes Regierung sich und sein Schifflein übergeben muß. – Ich muß es also Alles auf Gebet und Geduld ankommen lassen, bis der Herr andere Wege zeigen wird.“

Da fügte es sich, daß im Jahre 1675 ein Buchhändler eine neue Ausgabe von Arndt’s Postille vom wahren Christenthum veranstalten wollte, und Spenern bat, dieselbe mit einer Vorrede zu versehen. Aber noch in demselben Jahre ließ Spener, auf dringendes Verlangen Vieler, diese Vorrede als eine besondere Schrift erscheinen, die den Titel führt: Pia desideria (d. i. fromme Wünsche), oder herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren, evangelischen Kirche, nebst einigen dahin abzweckenden christlichen Vorschlägen. In dieser Schrift schüttet er sein ganzes Herz aus. Er schildert darin den verderbten Zustand der deutschen, evangelischen Kirche, und geht dann dazu über, folgende sechs Heilmittel vorzuschlagen:

1) Das Wort Gottes muß reichlicher unter die Gemeinden gebracht werden, und zwar dadurch, daß in der Familie die h. Schrift und besonders das neue Testament fleißig gelesen werde. Auch sollten zu gewissen Zeiten in der Gemeinde die biblischen Bücher nach einander ohne weitere Erklärung verlesen, und die kirchlichen Versammlungen, wie sie Paulus 1. Cor. 14,26 ff. beschreibt, wieder eingeführt werden.

2) Die Aufrichtung und fleißige Uebung des geistlichen Priesterthums. Das heißt: die ganze Gemeinde soll an der Auferbauung des Reiches Gottes Theil nehmen, weil nicht nur der Priester, sondern alle Christen von ihrem Erlöser zu Priestern gemacht, mit dem h. Geist gesalbt, und zu geistlichen und priesterlichen Verrichtungen berufen sind.

3) Den Leuten muß eingeprägt werden, daß das Christenthum nicht im Wissen, sondern in der That bestehe.

4) Weisliches Verhalten in Religionsstreitigkeiten. Dies besteht in eifrigem Gebet für die Irrenden, in steter Vorschrift, alle Aergernisse zu meiden, in einer zwar bescheidenen, doch nachdrücklichen Vorstellung unserer Wahrheit, die wir bekennen; Alles mit herzlicher Liebe gegen alle Ungläubigen und Irrenden.

5) Christlichere Erziehung der Hirten des Volks auf Schulen und Universitäten.

6) Die Predigten sollten erbaulich seyn, damit ihr wahrer Zweck: Glaube und dessen Früchte befördert werde. Außerdem drang er noch auf Wiederherstellung der Kirchenzucht und bessere Erziehung der Kinder.

Dies ist ein kurzer Auszug aus Speners: pia desideria. Diese Schrift erregte das größte Aufsehen in der ganzen evang. Kirche. Eine große Zahl hochgestellter Geistlichen, Professoren, Generalsuperintendenten, Consistorialräthe, Stadt- und Hofprediger gaben ihre freudige Theilnahme kund. Acht Universitäten sprachen ihre Billigung aus. Die Briefe, die an Spener kamen, häuften sich so, daß er sie bald nicht mehr bewältigen konnte.

Auf der andern Seite aber erhob sich ein scharfer Widerspruch. Speners Lehre wurde nicht allein verdächtigt, sondern als eine durchaus ketzerische verschrien, durch die der evangelischen Kirche die größte Gefahr entstehe; nur wollte Keiner die Ketzereien nachweisen. Am meisten that es Spener wehe, daß einige Geistliche es am Aergsten trieben. Er hatte frei und muthig das Verderben des geistlichen Standes aufgedeckt. Das erbitterte sie gewaltig; den sie waren nicht gesonnen, sich zu bessern. Dazu kam die Furcht, daß die Gemeinden selbst von ihnen andere Predigten und ein anderes Leben verlangen würden. Unter ihnen machte sich am lautesten ein Diakonus in Nordhausen, Dilfeld. Er führte den Streit auf höchst gehässige Weise; aber in Speners Antworten paarte sich Liebe, Milde und Sanftmuth, sodaß jener wider Willen Steine zum Bau des Gottesreichs herbeitragen und schweigen mußte. Und als drei Jahre nachher in Nordhausen die Pest ausbrach, und Spener daran gedachte, daß sein Gegner in seiner Verblendung von Gott abgerufen werden möchte, schrieb er ihn an, und ermahnte ihn mit liebreichen Worten zur Buße. Dilfeld antwortete zuerst trotzig, erklärte aber endlich, der Streit gereue ihn, und starb bald darauf.

So wirkte Spener durch die Schrift; und seine Kämpfe dienten nur dazu, die Wahrheit in desto helleres Licht zu setzen. Er selbst aber entschlug sich alles Ruhms; nur freute er sich in Demuth, Gottes Streiter und Rüstzeug zu seyn. Was er schrieb, das lebte er auch. Einige Male brachen in Frankfurt pestartige Krankheiten aus. Da gingen seine Amtsbrüder, aus Furcht für Leben, weniger zu den Kranken. Spener aber wanderte oft ganze Tage von Haus zu Haus, tröstete, theilte das h. Abendmahl aus, und saß lehrend und betend an den Betten der Kranken. Er blieb von den Seuchen verschont, aber seine Kräfte brachen durch die Anstrengungen zusammen. Gegen Ende 1678 wurde er neun Wochen auf das Krankenlager geworfen. In der Adventszeit 1684 wurde er abermals von einer heftigen Krankheit ergriffen, die ihn dreißig Wochen lang ans Bett fesselte. Alle Arznei war vergeblich; der Tod schien gewiß. Erst gegen den Frühling brach sich die Krankheit. Als er genesen war, sagte ein Freund zu ihm, er hätte gewiß während seiner Krankheit einen Blick in die Ruhe der Heiligen gethan: „Ach! seufzte Spener, diese Gnade ist mir nicht widerfahren. Alles, wofür ich gleichwohl dem himmlischen Vater demüthig zu danken habe, und dessen ich auch nicht einmal werth bin, bestand darin, daß mir Gott die ganze Krankheit hindurch ein zufriedenes Herz gegeben hatte, daß ich, in gewisser Zuversicht der Liebe meines Gottes und Heilandes und in fröhlicher Hoffnung des verheißenen Heils, mich vor dem Tode nicht entsetzte. Ja, hätte mich der Herr auch hier abgerufen, so hätte ich in jetziger, trauriger Zeit meinen Tod für eine Gnade gehalten, weil ich durch denselben vor machen weiteren Schmerzen wäre verschont worden. Daher habe ich auch während meiner langen Krankheit niemals recht innig und dringlich um meine Wiedergenesung zu bitten vermocht.“ Erst nach acht Monaten, im Sommer 1685, konnte er zum ersten Mal die Kanzel wieder betreten.

Kurze Zeit darauf erhielt er vom Churfürsten von Sachsen, Georg III., einen Ruf als Oberhofprediger, churfürstlicher Beichtvater, Kirchenrath und Consistorial-Assessor. Erst nach äußerst gewissenhafter Prüfung, und nachdem eine Commission von fünf frommen Theologen die Berufung für eine göttliche erklärt hatte, zog Spener im Juni 1686 nach Dresden. Er ging nicht ohne schwere Sorgen. Als er vormals in Frankfurt, seufzend über die Knechtschaft der Kirche unter Satans Herrschaft, des Nachmittags in die Betstunde ging, und den Herrn fragte, „Wirst Du dich nicht bald erbarmen, wie sich ein Vater erbarmt über Kinder?“ da klang ihm der Gemeindegesang entgegen, und zwar der 4. Vers aus Luthers Lied: „Auch Gott, vom Himmel sieh darein!“ und richtete ihn auf. Mit bangem Gefühle betrat er nun Sachsen. Da erscholl ihm beim Eingange in dies Land von einem Schülerchor derselbe Vers entgegen:

„Darum spricht Gott: Ich muß auf seyn;
Die Armen sind verstöret!
Ihr Seufzen dringt zu mir herein;
Ich hab‘ ihr Klag gehöret.
Mein heilsam Wort soll auf dem Plan
Getrost und frisch sie greifen an,
Und seyn die Kraft der Armen!“

Diese Worte drangen wie eine Stimme Gottes in seine betrübte Seele, und gaben ihm Trost und Frieden. Seitdem ließ er sich wöchentlich zu Dresden dieses Lied von einem Schülerchor vor seinem Fenster singen.

Speners Aufgabe am sächsischen Hofe war keine leite. Die Hofleute haßten ihn im Voraus, weil er als strenger Sittenrichter bekannt war. Seine geistlichen Amtsbrüder empfingen ihn mit Mißtrauen und Neid. Einige erklärten sogar öffentlich von der Kanzel herab, daß sie mit ihm keine Freundschaft halten könnten. Rührend sagte Spener darüber: „Ich muß es dem Herrn befehlen, bis der die Gemüther auch mir zulenken, und mir eine solche herzliche Freude bereiten wird. Könnten die lieben Männer in meine Seele sehen, sie ich gegen sie gesinnt bin, so würde man vielen Verdacht fallen lassen, und sich näher zu mir halten!“ Indessen predigte er im Namen des Herrn ohne Menschenscheu das Wort des Lebens. Und Gott gab seinen Segen dazu. Nicht nur in Dresden, sondern in ganz Sachsen wurde eine starke Bewegung sichtbar. Einen ganz besonderen Segen legte Gott auf die Katechismus-Examina, die Spener, da er die frommen Zusammenkünfte in Dresden nicht einführen zu können glaubte, für die Erwachsenen einrichtete. Anfangs nahmen nur wenige Leute an demselben Theil, die er zu sich in sein Haus einlud. Weil es für Erwachsene immer eine gewisse Verlegenheit ist, sich einem solchen Examen zu unterwerfen, so ging der rastlose Mann zu den Einzelnen hin, und frage sie in ihrem Hause, bis sie den nöthigen Muth hatten, auch in Gegenwart Anderer zu antworten. So wuchs die Theilnahme in diesem Werke von Tag zu Tag. In andern Städten un auf dem Lande wurde das schöne Beispiel nachgeahmt; na am Ende 1678 wurde durch den allgemeinen Landtag die Einführung der Examina beantragt. Der Churfürst genehmigte den Antrag; fürstliche Ungnade und unausbleibliche Strafe sollte die Ungehorsamen treffen.

Die Freude Speners über diesen Fortschritt sollte jedoch bald getrübt werden. Er untersuchte im Sommer 1687 den Stand der Universität Leipzig, und hielt bei dieser Gelegenheit eine Predigt. Er sagte darin, das Studium der h. Schrift müsse allen andern Studien vorgezogen werden, und die Studenten müßten es einsehen, daß ohne thätige und rechtschaffene Gottseligkeit das Studium der Theologie nicht mit Segen betrieben werden könnte. Die einfache Predigt brachte über alle Maßen reichliche Frucht. Einige junge Lehrer an der Hochschule, unter ihnen A. H. Francke, begannen, dadurch angeregt, die collegia philobiblica, d. i. Bibelliebende Vorlesungen, in denen sie die Bibel praktisch und erbaulich zu erklären strebten. Der Zudrang der Studenten zu denselben war außerordentlich; auch die Bürger schlossen sich ihnen an. Prediger und Professorenwaren ergrimmt. Alle jene fromme Leute wurden Pietisten gescholten. Man brachte es dahin, daß jene jungen Männer aus Leipzig verwiesen wurden. Spener aber nannte man höhnisch den Patriarchen der Pietisten. Berge von Acten wurden in dieser Sache geschrieben. Der Churfürst ließ sie Spenern zusenden. Er sollte die Klagen untersuchen, und sein Urtheil abgeben. Die Hauptpunkte der Anklage waren: 1) daß der Pietismus eine Sekte, also eine Ketzerei sei; 2) daß durch die biblischen Vorlesungen Franckes und seiner Freunde, so wie 3) durch die Hausversammlungen der Bürgersleute Unordnungen in der Kirche, wie in dem Gemeindewesen entstanden wären.

Spener widerlegte auf entschiedenste den Vorwurf der Ketzerei, deckte alle Verläumdungen gegen ihn selbst und gegen seine Freunde auf, und gab den Pietisten das Zeugniß, daß sie lebendige Glieder am Leibe Christi seyen. Er erklärte aber auch, daß diejenigen Zusammenkünfte, welche von keinem Geistlichen geleitet würden, verboten bleiben sollten.

Aber seine Rechtfertigung half nicht. Die Widersacher fuhren fort, unermüdlich mit Haß, Lug und Verläumdung Spenern und sein Streben zu überschütten, und um so dreister, als auch der Churfürst anfing, ihm abhold zu werden. Spener hatte nämlich, überwältigt von seinem Gewissen, am 1. Bußtage des Jahres 1689 einen Brief an den Kurfürsten, als an sein Beichtkind, gesandt. Er stellte ihm den Zustand seiner Seele vor Augen, und hielt ihm in beweglicher Sprache die am Hofe herrschenden Sünden vor. Der Kurfürst wurde aber von den Weltkindern an seinem Hofe aufgestachelt, und schwur in seinem Zorn, er wolle seinen Beichtvater nie mehr hören. Spener war tief betrübt, aber stille in Gott; denn er hatte zu Gottes, nicht zu seiner Ehre, jenen Brief geschrieben. Er ließ ich aber diesen Vorfall zur eigenen Demüthigung dienen. „Ich sehe nun wohl, schreibt er an einen Freund, daß Gott vorhatte, mich durch diese scheinbare Erhöhung innerlich, und auch wohl äußerlich desto mehr zu demüthigen. Nun der Herr ist heilig und gütig in Allem, was er thut. Der sei auch in Allem, mag es mit unserm eignen Rathe übereinstimmen, oder nicht, gepriesen in Zeit und Ewigkeit!“

In dieser Trübsal erhielt er vom Kurfürsten Friedrich I. von Brandenburg, nachmals Friedrich I. König in Preußen, im Jahre 1691 einen Ruf als Propst an die Nikolaikirche in Berlin.  Johann Georg war herzlich froh, den lästigen Bußprediger los zu werden. Am 3. Juni verließ dieser Dresden, und hielt am 21. zu Berlin seine Antrittspredigt. Seine Wirksamkeit hier war in jeder Hinsicht eine segensreiche. Seine Predigten waren stets ungemein zahlreich besucht, seine Katechismus-Examina hatten einen herrlichen Fortgang. Seine Aufsicht über die Stadtschulen und Landkirchen war von großem Segen begleitet. Die Besetzung vieler geistlichen Stellen war ihm ausschließlich anvertraut, und er sandte den Heerden treue Hirten. Aber wichtiger als alles dies war der Einfluß, den er ausübte, als an die vom Kurfürsten gestiftete Universität Halle Lehrer der Gottesgelahrheit berufen werden sollten. Durch ihn kam A. H. Francke dahin. Da wurde zu Halle ein neues Geschlecht von Hirten und Seelsorgern herangebildet, und dadurch die Gestalt der Kirche erneuert.

Am 3. Sonntage nach Trinitatis 1704 hielt Spener seine letzte Predigt von Christo, wie er den bußfertigen Sünder in Gnaden annehme. Bevor wir sein Ende erzählen, wollen wir noch einen Blick in das Stillleben seines Hauses thun.

Er stand jeden Morgen um halb sechs Uhr auf. Nachdem er in seiner Kammer schon vor Gott sein Herz ausgeschüttet, trat er in seinen Familienkreis, um mit ihnen zu beten und zu singen. Den Gesang liebte er so sehr, daß man ihn oft allein in seiner Stube ein geistliches Lied anstimmen hörte. Der ganze Morgen war der Arbeit gewidmet, und darin ließ er sich nur in Nothfällen unterbrechen. Viele Zeit nahm im die Beantwortung seiner Briefe fort, deren Zahl sich jährlich auf tausend belief. Um zwölf Uhr aß er zu Mittag. Seine Gespräche während des Essens waren mehr ernst, als heiter. Nach der Mahlzeit sang er das Lied: „Alle Menschen müssen sterben;“ darnach das fröhliche: „Verzage nicht, o Häuflein klein!“ Des Nachmittags fand Jedermann Zutritt bei ihm. Dann kamen meist Fremde, die oft weit hergereist waren, um ihn kennen zu lernen. Darüber ging der Tag zu Ende. Nach dem Abendessen sang er mit den Seinen: „Wachet auf, ruft ins die Stimme,“ und auf seinem Kämmerlein that sich noch einmal sein Herz auf zu dem Gesange:

„Mit Fried‘ und Freud‘ fahr ich dahin,
Ist’s Gottes Wille.
Getropft ist mir mein Herz und Sinn,
Sanft und stille.

So stark war sein Eifer für’s Arbeiten, daß er sich keinen Ausgang zur Erfrischung in freier Luft erlaubte. Man erzählt, in all den Jahren seines Berliner Amts sei er nur zweimal in dem Garten hinter seinem Pfarrhause gewesen. Die nöthigen Leibesbewegungen suchte er sich durch Auf- und Abgehn auf seinem Zimmer zu verschaffen. Wenn er in der Stadt etwas zu thun hatte, ging er zu Fuß, und war auch bei Sturm, Regen und Schnee nicht zu überreden, sich in einen Wagen zu setzen. Er schämte sich dessen. – Nur für das Gebet hatte er immer Zeit. Der Fürbitte für Andere widmete er besondere Stunden. Dabei war er so ängstlich und innig, daß er im Beten sein Angesicht nach der Gegend wandte, wo die wohnten, für die er betete. Weil er nun leicht Jemand vergessen konnte, so trieb ihn seine Gewissenhaftigkeit, die, welche er in sein Gebet aufzunehmen pflegte, nach den Ländern und Provinzen ihres Wohnorts, in mehrere Klassen einzutheilen. Und diese unterschied er dann wieder, je nachdem ihnen, wie er meinte, mehr oder weniger Fürbitte noth that. So betete er für Einige die Woche Einmal, für Andere mehrere Mal, für Einzelne täglich, für seine liebsten Freunde dreimal täglich. – Oft wurde ihm auch während der Arbeit sein Herz so voll, daß er aufstand, um vor seinen Gott hinzutreten. – Mit seiner Gattin Susanna lebte er in glücklicher Ehe, und ging an ihr mit dankbarer, inniger Liebe. Als einst Jemand ihm zu verstehen gab, daß ich das Gerücht verbreitet habe, er, Spener, bereue seine Verheirathung, fuhr er auf, und sprach: „es ist weder in mein Herz, noch meines Besinnens, in meinen Mund gekommen, zu sagen, daß es mich gereue, in den Ehestand getreten zu seyn. Auch könnte ich solches nicht sagen ohne Undankbarkeit gegen Gott, der mich darein berufen, und in demselben mir seine Gnade vielfältig bewiesen hat. Ja, Gott hat in meinem Ehestande mir mehr Gutes erzeigt, als in meinem ledigen Stande. Daher danke ich herzlich für solchen Beruf.“

Anfangs Juni wurde er krank; er meinte, sein Ende sei da. Er ließ alle seine Collegen an der Nikolaikirche zu sich kommen. Er sagte ihnen, daß er Gott danke, in der evangelischen Kirche erzogen zu seyn; er habe sich bestrebt, getreulich nach der h. Schrift und den symbolischen Büchern zu lehren, und setzte hinzu: „So ich sollte Jemand unter euch beleidigt haben, so bitte ich denselben um herzliche Verzeihung. In meiner Seele habe ich mich niemals auf meine eigne Gerechtigkeit verlassen. Zwar hat man mir die Ehre angethan, mich, weil ich von Jugend auf einen stillen, zurückgezognen Lebenswandel führte, Andern zum Exempel vorzustellen; aber dies ist nichts, nichts, nichts, als nur die Barmherzigkeit Gottes in Christo Jesu, darauf ich mich verlassen. Von allem Guten, das etwa durch mich geschehn ist, reche ich mir selbst nichts zu; mir gebühret nichts davon, als was daran fehlet.“

Im Januar 1705 wollte Spener einem Freunde den Tod eines andern Freundes melden. Als er im Schreiben an das Wort Tod kam, ergriff ihn plötzlich eine große Schwachheit, sodaß er ins Bett wanken mußte. Am 13. Januar beschloß er sein siebenzigstes Lebensjahr. Als die Wanduhr die fünfte Abendstunde schlug, in der er geboren war, traten Thränen der tiefsten Rührung in seine Augen, und laut betend lobte und dankte er Gott für alle Gnade, die er ihm erwiesen hatte. Dann legte er ein Bekenntnis seine vielen Sünden ab, und bat in Demuth als der geringste Knecht um Verzeihung. So weich war sein Herz, daß er mit den rührendsten Worten klagte, er habe dem Werke Gottes so wenig, ja gar nichts genützt, und die größte Zeit seines Lebens nicht zu des Herrn Ehre und Verherrlichung verwendet. Seine Frau fragte ihn, ob er auch denen, von welchen er in Schrift und Wort so schwer gekränkt sei, von Herzen vergeben hätte: „Ach ja, antwortete er, und ich wünsche, daß Gott sie bekehren möge.“

Am 4. Februar nahm seine Schwäche sichtlich zu. Er ließ sich das hohepriesterliche Gebet Jesu (Joh. 17.) dreimal vorlesen. Es war ihm das herrlichste Kapitel im neuen Testament. Doch hatte er nie darüber gepredigt. „Er verstände es nicht, sagte er, und das rechte Verständnis desselben übersteige auch das Maß des Glaubens, welches der Herr den Seinen auf ihrer Wallfahrt mitzutheilen pflege.“ Gegen Abend fiel er in einen sanften Schlaf, der bis an den Sonntag-Morgen dauerte. Da genoß er einige Nahrung, und ließ sich von dem Bett auf einen Stuhl setzen. Als man ihn wieder ins Bett legen wollte, schlossen sich seine Augen; Hände und Füße streckte er grade von sich. So starb er unter den Händen der Seinen, ohne den geringsten Schmerzenslaut. Es war Sonntags früh, am 5. Februar 1705.

Am 12. Februar wurde er auf dem Nikolaikirchhofe beerdigt. Der Propst, Dr. Lichtscheid, hielt die Grabrede über die Worte: „Mein Knecht Moses ist gestorben.“ Drei Tage darauf hielt ihm sein Adjunct Blankenberg die Gedächtnispredigt über Röm. 8, 10: „So aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar todt um der Sünde willen; der Geist aber ist das Leben um der Gerechtigkeit willen.“ Den Text hatte er selbst gewählt. Alle Ehrenbezeugungen sollten nach seinem Willen unterbleiben. Auch wollte er nicht schwarz gekleidet um Sarge liegen, noch auch, – wie es Sitte war, – den Sarg schwarz angestrichen haben. „Ich habe, sagte er, Zeit meines Lebens über den Zustand der Kirche genug getrauert; da ich nun in die triumphirende Kirche eingehe, so will ich durch ein weißes Sterbekleid, und durch einen hellen Sarg bezeugen,, daß ich in der Hoffnung einer Besserung der Kirche auf Erden sterbe.“

Dr. Theodor Fliedner,
Buch der Märtyrer,
Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth,
1859

Charles Haddon Spurgeon

Charles Haddon Spurgeon

Kurz gefasste Lebensgeschichte des Predigers Charles Haddon Spurgeon.

Sein Stammbaum.

Wahre Gottseligkeit in einem Hause führt gewöhnlich zur Gottseligkeit in den Herzen derer, die den Haushalt bilden. Die Familie Spurgeon kann drei Jahrhunderte hindurch ununterbrochen auf gläubige Vorfahren zurückblicken. Der Einfluß der aufeinander folgenden Geschlechter auf ihre Umgebung sowohl wie auf ihre Nachkommen ist unberechenbar gewesen, und in unsren Zeiten gewahren wir in dem Leben und Wirken derer, welche die Familie gegenwärtig repräsentieren, noch immer die Segensfülle, welche als die Erhörung der Gebete vieler vorangegangenen Geschlechter zu betrachten ist.

Jene gottseligen, ernsten und heldenmütigen Männer, welche vor zwei Jahrhunderten aus den Niederlanden auswanderten und sich zum Teil in Norfolk, zum Teil in Essex in England niederließen, waren Männer, welche Gott täglich um Rat fragten und der göttlichen Führung willig folgten. Ihr treuliches Ausharren unter heftigen Verfolgungen und Trübsalen zeigte deutlich, daß sie sich an den Arm des Allmächtigen zu klammern pflegten.

„Als ich kürzlich mit einem christlichen Bruder sprach,“ sagte Spurgeon in einer seiner späteren Predigten, „schien derselbe recht glücklich, mir sagen zu können, daß er einer Familie entstammte, welche während der Verfolgung unter Herzog Alba von Holland herüber kam. Da ich gleicher Abstammung bin, fühlte ich eine Art Brüderschaft mit ihm. Ich bekenne, daß unsre Vorväter arme Weber waren; aber ich will doch lieber von jemand abstammen, der um seines Glaubens willen gelitten hat, als das Blut aller Herrscher in meinen Adern rollen haben.“

Unser Spurgeon ist ein direkter Nachkomme der Essexlinie, welche seit mehr denn einem Jahrhundert ihre Repräsentanten zu den Predigern des göttlichen Wortes zählt. Spurgeons Großvater hieß James Spurgeon, und er war ein ehrwürdiger Prediger nach echt puritanischem Muster. Er wurde am 29. September 1776 zu Halstead in Essex geboren und war von seiner frühesten Jugend an ein ernst gesinntes Kind, das dem gottseligen Vorbild seines Vaters folgte. Im Alter von 26 Jahren fühlte er sich durch Gottes Geist zum Predigtamt berufen, und nachdem er einige Jahre eine theologische Hochschule besucht hatte, nahm er einen Ruf von der fast leblos gewordenen Independentengemeinde zu Clare in Suffolk an, welche unter seiner Wirksamkeit wunderbar aufblühte. Der Ruf von seiner Frömmigkeit und von seinem großen Einfluß verbreitete sich derart, daß er im Jahre 1810 zu dem sehr verantwortlichen Posten nach Stambourn in Essex berufen wurde, wohin er im nächsten Jahre ging, und wo er unter großem Segen über 50 Jahre wirken durfte. Als er an dieser Gemeinde sein 50jähriges Prediger-Jubiläum feierte, war es sein Großsohn, der ihm eine denkwürdige Festpredigt hielt. Sein guter Einfluß blieb bis an sein Lebensende unvermindert. Der ehrwürdige Greis wurde von verschiedenen Seiten eingeladen, und er predigte an keinem Ort, ohne nachher zu erfahren, daß der Herr seine Predigt mit besonderem Segen begleitet hatte. Er hatte eine vorzügliche Stimme, und seine Predigten waren stets ernst und praktisch, und sein freundliches und sanftes Wesen machte ihn zum Lieblinge aller, die ihn kennen lernten. Er starb geehrt und geliebt am 12. Januar 1864 im Alter von 87 Jahren.

John Spurgeon, der Vater unsres Charles Haddon, wurde 1811 geboren und überlebte seinen Sohn. Ein hohes Alter ist ehrenvoll, besonders wenn es im Dienste Gottes erreicht wird, und die Spurgeons scheinen zu dieser Auszeichnung bestimmt zu sein. John Spurgeon folgte viele Jahre hindurch einem zeitlichen Berufe, aber 16 Jahre lang predigte er des Sonntags der Independenten-Gemeinde zu Tollesbury in Essex. Dann gab er sein Geschäft auf und widmete sich ganz dem Dienste des Herrn, in welchem er sich für die Sache des Herrn nützlich machte. Insbesondere widmete er sich der Jugend und pflegte sie mit hingebender, liebevoller Sorgfalt. Seine letzte Stellung hatte er an einer Independenten-Gemeinde in London inne, wo es ihm oft vergönnt war, mit seinem ältesten Sohne, Charles Haddon, zusammen zu sein.

Die Mutter von Charles H. Spurgeon zeichnete sich ebenfalls durch ihre aufrichtige Frömmigkeit und Demut aus und war wegen ihres Erfolges in Werken christlicher Liebesthätigkeit, denen sie sich hingab, so lange Gesundheit und Kräfte es ihr gestatteten, allgemein bekannt und beliebt. Ihr Sohn Charles schien von ihren ausgezeichneten Charakterzügen, wie Hingabe, Einfalt und Gottseligkeit, viel geerbt zu haben. John Spurgeon und Frau brachten schon frühe große Opfer, ihre 17 Kinder, davon Charles das älteste war, gut und gründlich zu erziehen, und sie genossen später den Lohn ihrer freudigen Selbstverleugnung. Frau Spurgeons Sorgfalt hinsichtlich ihres ältesten Sohnes war besonders rührend und ernst. Eine Tages, nachdem Charles schon bekehrt worden war, sagte sie unter andrem zu ihm: „Ach, Charlie, ich habe oft darum gebetet, daß du bekehrt werden möchtest, aber nie darum, daß du Baptist werden möchtest.“ Charles antwortete darauf: „Gott hat dein Gebet erhört, liebe Mutter, und in seiner bekannten Freigebigkeit hat Er dir mehr gegeben, als du von Ihm erbeten hast.

Geburt und Kindheit.

Charles Haddon Spurgeon wurde am 19. Juni 1834 zu Kelvedon in Essex geboren. In den Dörfern Englands sind manche der ausgezeichnetsten Männer des Landes geboren und erzogen worden. Dort wurden ihre Fähigkeiten entwickelt und der Grund zu ihrer späteren Größe gelegt. Kelvedon hat eine Einwohnerzahl von etwa 2000 Seelen. Charles hatte einen jüngeren Bruder, James Archer; beide waren von sehr verschiedenem Bau und auch in ihrer persönlichen Erscheinung einander sehr ungleich. Charles war der stärkere von beiden, und die Buben des Ortes pflegten ihnen recht charakteristische Namen beizulegen. Von zweien seiner sechs Schwestern wird gesagt, daß sei hinsichtlich ihrer Figur und ihrer geistigen Energie ihrem Bruder Charles ähnlich seien.

Als Charles alt genug war, um das elterliche Haus verlassen zu können, wurde er der Obhut seines Großvaters in Stambourn anvertraut. Dieser ehrwürdige Herr liebte seinen Enkel inbrünstig, und als beide näher miteinander bekannt wurden, war es schwer, zu sagen, welcher von beiden den andren am meisten liebte. Im Predigerhause war eine jugendliche Tante, die sich des Knaben ganz besonders annahm, und dieser entwickelte sich bald zu einem gedankenvollen, ernsten Knaben, der die Bücher mehr als das Spiel liebte. Die merkwürdige Frühreife des Kindes zog bald die Aufmerksamkeit aller auf sich, die mit ihm in Berührung kamen. Er setzte die ernsten Diakonen und Matronen, die seinen Großvater besuchten, in Erstaunen durch die verständigen Fragen, die er aufwarf, wie durch die treffenden Bemerkungen, die er machte. Von zuverlässiger Seite wird erzählt, daß er, ehe er sechs Jahre als war, Sünder auf offener Straße zurechtwies. Das folgende, merkwürdige Beispiel trug sich zu, als er noch bei seinem Großvater war. Ein Mitglied der Gemeinde seines Großvaters zu Stambourn, namens Roads, hatte zum tiefsten Leidwesen seines Predigers die Gewohnheit, das Wirtshaus zu besuchen, um sein „Tröpfchen Bier“ zu trinken und dort seine Pfeife zu rauchen. Der gottselige Prediger hatte bei dem Gedanken an den weltförmigen Wandel dieses Mitgliedes oft zu seufzen. Dem kleinen Charles entging der Kummer seines Großvaters nicht, und er nahm ihn selbst zu Herzen. Eines Tages rief er plötzlich aus, so daß der gute alte Herr es hörte: „Ich will doch den alten Roads töten!“ „Hscht, Hscht, mein Junge,“ sagte der Großvater; „so mußt du nicht reden. Du weißt, daß das sehr unrecht wäre; die Polizei wird dich festnehmen, wenn du etwas Unrechtes thust.“ „O, ich will gewiß nichts Schlechtes thun; aber töten will ich ihn doch, ja, das will ich.“ Der gute Großvater wurde stutzig; aber er fühlte sich sicher, daß das Kind nichts thun werde, das es als Unrecht erkenne, und so ließ er es hingehen, mußte aber vor sich hinmurmeln: „Merkwürdiges Kind!“ Bald darauf wurde er jedoch an die obige Unterredung wieder erinnert, als das Kind bei ihm eintrat und sagte: „Den alten Roads habe ich getötet; der wird meinen lieben Großpapa nicht mehr betrüben.“ „Mein liebes Kind,“ sagte der besorgte Mann; „was hast du gethan? Wo bist du gewesen?“ „O, ich habe nichts Unrechtes gethan, Großpapa,“ sagte der Kleine; „ich bin im Werk des Herrn beschäftigt gewesen, das ist alles.“ Mehr war aus dem kleinen Charles nicht herauszubringen. Aber es dauerte nicht lange, da klärte sich das Geheimnis auf. Der „alte Roads“ kam, um seinen Pastor zu sprechen, und mit niedergeschlagenen Augen und offenbar betrübtem herzen erzählte er die Geschichte, wie er getötet worden war, in etwa folgender Weise: „Es thut mir wirklich sehr leid, mein lieber Herr Pastor, daß ich Ihnen so viel Kummer und Schmerz gemacht habe. ich weiß, es war sehr unrecht von mir; aber ich habe Sie stets lieb gehabt, und wenn ich das bedacht hätte, würde ich nie gethan haben, was ich gethan.“ Durch seines Pastors freundliche Worte ermuthigt, erzählte er folgendes: „Ich saß da in der Bierstube, rauchte meine Pfeife und hatte meinen Krug Bier vor mir, als das Kind hereintrat – o zu denken, daß ein alter Mann, wie ich es bin, sich von solchem Kinde strafen lassen muß! Nun, er zeigte mit seinem Finger auf mich, gerade so, und sagte: „Was hast du hier zu thun, Elia? Hier als ein Mitglied der Gemeinde zwischen den Ungläubigen zu sitzen und dem Prediger das Herz zu brechen! Ich müßte mich schämen, aber ich möchte gewiß meinem Prediger das Herz nicht brechen!“ Und dann ging er wieder weg. Anfangs ärgerte mich das; aber ich fühlte, daß das alles wahr war, und daß ich schuldig sei. Und so konnte ich mein Bier nicht anrühren, sondern ging eiligst davon, suchte einen einsamen Ort auf und warf mich dem Herrn zu Füßen, um meine Sünde zu bekennen und seine Vergebung zu erflehen. Und ich glaube, daß der Herr mit in seiner Barmherzigkeit vergeben hat, und nun komme ich, um auch Sie um Vergebung zugesichert wurde, daß beide auf ihren Knieen den Herrn für diesen wunderbaren Vorgang priesen, und daß der fromme Prediger hinfort kein treueres Glied und keinen treueren Helfer in der Gemeinde hatte, als den „alten Roads.“

Im Alter von sieben Jahren kam Charles wieder in seines Vaters Haus, damals in Colchester, zurück, wo sich bessere Gelegenheit zu seiner Ausbildung bot. Im Jahre 1844 verbrachte er indessen sein Sommerferien bei seinem geliebten Großvater, und während dieser kurzen Zeit trug sich nachfolgendes merkwürdiges Ereignis zu, das wir hier niedergeben, wie Spurgeon es am Sonntag, den 10. Juli 1887, selber erzählt hat.

Vorgang und Prophezeiung.

„Als ich mich als zehnjähriger Knabe bei meinem Großvater aufhielt, kam an einem Sonnabend Herr Knill, ein gewaltiger Prediger des Evangeliums, der als Missionar in St. Petersburg gewirkt hatte und im Dienst der Londoner Missionsgesellschaft stand, in unser Dorf, um zu predigen. Er war ein großer Seelengewinner und er machte bald den Knaben ausfindig. Er fragte mich: „Wo schläfst du? Ich möchte dich morgen früh wecken.“ Ich zeigte ihm mein kleines Zimmer. Um 6 Uhr weckte er mich und ging mit mir in die Laube. Dort sprach er in der gewinnendsten Weise zu mir von der Liebe Jesu und von der Seligkeit des Vertrauens auf Ihm, und davon, wie selig es sei, Ihn schon in der Kindheit zu lieben. Dann beteten wir, und er bat den Herrn, daß ich Ihn erkennen und Ihm dienen möchte. Und während er für mich betete, legt er seinen Arm um meinen Nacken. Er schien nicht zufrieden, wenn ich mich in den Pausen zwischen den Gottesdiensten nicht zu ihm hielt, und mein kindisches Geplauder hörte er in geduldiger Liebe mit an. Am Montag-Morgen that er, wie er tags zuvor gethan hatte und ebenso am Dienstag-Morgen. Dreimal unterwies er mich und betete mit mir, und ehe er wieder abreisen mußte, war mein Großvater von seiner Vertretungsreise zurückgekehrt, und die ganze Familie war zur Morgenandacht versammelt. Bei dieser Gelegenheit nahm mich Herr Knill vor aller Augen auf seine Knie und sagte: „Dieses Kind wird eines Tages das Evangelium predigen und wird es großen Versammlungen verkündigen. Ich bin überzeugt, daß er in Rowland Hills Kapelle, wo ich jetzt Prediger bin, predigen wird.“ Er sprach sehr feierlich und forderte alle Anwesenden zu Zeugen dessen auf, was er gesagt hatte. Darauf gab er mir ein Geldstück (50 Pfennig) als Belohnung, wenn ich das Lied:

„Gott handelt oft geheimnisvoll,
Um seine Wunder zu verrichten,“

auswendig lernen wolle. Ich mußte ihm versprechen, dieses Lied singen zu lassen, wenn ich in Rowland Hills Kapelle predigen würde. Man denke: ein solches Versprechen von einem Kinde! Mußte das nicht als ein müßiger Traum erscheinen? Die Jahre vergingen. Ich hatte noch nicht lange in London gepredigt, als Dr. A. Fletscher in der Surrey-Kapelle (es war dies Hills Kapelle) die Jahrespredigt an die Kinder zu halten hatte. Aber er war krank geworden, und so wurde ich in der Eile gebeten, die Predigt halten zu wollen. „Ich will es thun,“ sagte ich, „wenn die Kinder singen wollen: „Gott handelt oft geheimnisvoll“ etc.; denn ich habe vor langer Zeit das Versprechen gegeben, daß es gesungen werden soll.“ Und so geschah es. Ich predigte in Rowland Hills Kapelle und jenes Lied wurde gesungen. Die Empfindungen, die ich bei jener Gelegenheit hatte, kann ich nicht beschreiben. Doch das war eigentlich nicht die Kapelle, welcher Herr Knill gemeint hatte. Ganz von mir ungesucht lud mich der Prediger von Wotton-under-Edge, welches Hills Sommeraufenthalt war, ein, dort zu predigen. Ich ging unter der Bedingung, daß die Versammlung singe: „Gott handelt oft geheimnisvoll“ – und es geschah auch. Darauf ging ich, um für Herrn. R. Knill, welcher damals in Chester war, zu predigen. Welche Versammlung das war! Beachtet, er predigte in dem Theater! Der Umstand, daß er in einem Theater predigte, beseitigte in mir alle Furcht, in weltlichen Gebäuden zu predigen und gab mir Mut zu den Feldzügen in Exeter Hall und Surrey Musik Hall.“

Seine Schulzeit.

Als Spurgeon zu Hause war, brachte ihn sein Vater in eine Schule in Colchester, die unter der Leitung eines Herrn Henry Lewis stand. Hauptlehrer war Herr Leeding, welcher später eine Anstalt für junge Edelleute zu Cambridge gründete. Während seiner vierjährigen Schulzeit erwarb sich Charles gute Kenntnisse in der lateinischen, griechischen und französischen Sprache. Alle Kenntnisse, die er sich aneignete, verdankte er Herrn Leeding. Bei den Schulprüfungen war er unausgesetzt der Erste der Schule, der den Preis gewann. Im Jahre 1848 verbrachte er einige Monate in einem landwirtschaftlichen Institut zu Maidstone, das unter der Leitung eines Verwandten stand. Im Jahre 1849, in seinem 15. Lebensjahre, kam er als Hilfslehrer nach Newmarket, und während er hier mit charakteristischer Gründlichkeit seinen Berufspflichten oblag, gelang es ihm dennoch, unter viel Selbstverleugnung beträchtliche Fortschritte in klassischen und anderen Studien zu machen. Hier war es auch, wo er die feurigen Kämpfe mit dem Unglauben zu bestehen hatte, aber sich unter viel Gebet um Hilfe an Gott wendend, überwand er jene höchst gefährlichen Versuchungen, die dann auf immer verschwanden. Während seines Weilens in Newmarket trat er auch in die Mitbewerbung um einen Preis ein. Seine schriftliche Arbeit war betitelt: „Der Antichrist und seine Brut; oder das Papsttum entlarvt.“ Es waren ihrer nur drei Mitbewerber. Er gewann den Preis zwar nicht, aber nach zwei Jahren wurde ihm seine Arbeit nebst einer schönen Geldspende zurückgesandt, um ihn zu ermutigen, weiter zu schreiben.

Gegen Ende des Jahres 1849 mußte die Schule wegen einer ausgebrochenen Fieberkrankheit geschlossen werden, und Spurgeon kehrte nach Colchester zurück. Die getroffenen Vorsichtsmaßregeln waren jedoch nicht wirksam genug gewesen, denn er wurde vom Typhus ergriffen und niedergeworfen. Aber Er, dessen Name Jehovah Rophi ist, machte nicht nur, daß sein jugendlicher Knecht sagen konnte: „Lobe den Herrn, meine Seele, der alle deine Gebrechen heilt,“ sondern veranlaßte auch, daß er mit besonderem Nachdruck hinzufügen konnte: „Der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.“ Hier müssen wir Spurgeon in seiner unnachahmlichen Weise die Geschichte seiner Bekehrung selber erzählen lassen.

„Es gefiel Gott, mich in meiner frühen Jugend von der Sünde zu überzeugen. Ich lebte als ein elendes Geschöpf, das keine Hoffnung, keinen Trost finden konnte. Mein Herz war zermalmt; sechs Monate lang betete ich unter großer Angst von ganzem Herzen und fand keine Erhörung. Ich war entschlossen, jede Versammlungsstätte in Colchester zu besuchen, um den Weg des Heils zu finden; ich war zu allem bereit, wenn Gott mir nur vergeben wollte.

Endlich – es war an einem schneeigen Tage; es war solches Schneetreiben, daß ich nicht dahin gehen konnte, wohin ich wollte; ich mußte stillstehen, und das war ein für mich reich gesegnetes Stillstehen – fand ich eine einsame Straße und wandte mich in einen Hof, wo eine kleine Kapelle stand. Irgend wohin mußte ich gehen, aber diesen Ort kannte ich bisher nicht. Es war die Kapelle der Primitiv-Methodisten. Von diesen Leuten hatte ich mancherlei gehört, unter andrem auch, daß sie so laut sängen, daß der Gesang Kopfweh verursache; aber ich fragte nichts danach, wenn ich nur erführe, wie ich gerettet werden könne. Ich ging hinein, und als ich dasaß, begann der Gottesdienst, aber es kam kein Prediger. Endlich betrat ein sehr schwächlicher Mann die Kanzel, schlug seine Bibel auf und las diese Worte: „Blicket auf mich, aller Welt Ende, so werdet ihr selig.“ (Engl. Übersetzung.) Seine Augen auf mich richtend, als ob er mein ganzes Herz kenne, sagte er; „Junger Mann, du bist bekümmert.“ Gewiß war ich das. „Du wirst deinen Kummer nicht verlieren, wenn du nicht auf Christum blickst.“ Und dann seine Hände aufhebend, rief er, wie es ein Methodist nur tun kann: „Blicke! Blicke! Blicke!“ „Es ist nur Blicken,“ sagte er. Da mit einem Male sah ich den Weg des Heils, und o, wie ich in jenem Augenblick vor Freude hüpfte! Ich weiß nicht, was er sonst noch sagte; ich achtete nicht sonderlich darauf, da ich ganz von dem einen Gedanken in Anspruch genommen wurde. Als die eherne Schlange aufgerichtet war, blickten sie nur und wurden geheilt. Ich wäre bereit gewesen, fünfzig verschiedene Dinge zu thun, aber als ich das Wort hörte: „Blicke!“ wie reizend erschien mir dieses Wort! ich blickte, bis ich mir fast die Augen ausgesehen hatte, und noch im Himmel will ich mit unaussprechlicher Freude weiter blicken. ich fühlte mich nun verpflichtet, niemals eine Predigt zu halten, ohne zu Sündern zu sprechen. Ich denke, ein Prediger, der eine Predigt halten kann, ohne Sünder anzureden, weiß nicht, wie er predigen muß.“

Es mag unsre Leser interessieren zu erfahren, daß die nämliche Kanzel, von welcher herab jene denkwürdige „Blick“-Predigt gehalten wurde, noch heute – sollen wir sagen als eine heilige Reliquie? – in dem von Spurgeon gegründeten Waisenhause aufbewahrt wird.

Im Jahre 1856, an dem Jahrestage seiner Bekehrung, predigte Spurgeon vor seiner Gemeinde über denselben Text, in welcher Predigt er erzählte, was sechs Jahre zuvor an demselben Tage und zur selben Stunde geschah. Der Text steht Jes. 45,22. Im Oktober 1864 predigte Spurgeon vor 500 Zuhörern in derselben Kapelle, in welcher er bekehrt worden war, über denselben Text.

Voll von seiner neugefundenen Freude kehrte Spurgeon zu seiner Stellung in Newmarket zurück und widmete sich fortan dem Dienste seines Herrn und Meisters. Es ist kaum nötig, zu sagen, daß er die erste Gelegenheit wahrnahm, um öffentlich ein Bekenntnis seines Glaubens an Christum abzulegen, und sich mit dem Volke Gottes zu verbinden. Seine Aufgabe in der Schule, in welcher er inzwischen zum Vertreter des Direktors heraufgerückt war, beschäftigte ihn früh und spät; aber von der Liebe Christi gedrängt, ergriff er trotz dessen jede Gelegenheit, Seelen für den Heiland zu gewinnen. Zur Erreichung dieses Zieles erschien ihm die Verbreitung von Traktaten als das beste Mittel, und wenn er ausging, nahm er stets eine Menge dieser „Boten der Barmherzigkeit“ mit und verteilte sie.

Sehr bald zog die Sonntagsschule seine Aufmerksamkeit auf sich und seine Ansprachen an die Kinder waren so interessant und belehrend, daß die Kinder ihren Eltern nicht genug davon zu erzählen wußten, und bald kamen auch diese, um den „Lehrer“ zu sehen und schon von seinen ersten Worten und von seiner geistreichen Art bezaubert zu werden.

Nächst seiner Bekehrung war seine Überzeugung von der Schriftmäßigkeit der Taufe der Gläubigen der Umstand, welcher für seine zukünftige Laufbahn von so großer Bedeutung wurde. Er war bisher ein Anhänger der Säuglingstaufe gewesen. Sobald er es jedoch als seine Pflicht erkannte, sich untertauchen zu lassen, wohin er durch das Forschen im Worte Gottes kam, beeilte er sich auch, seines Herrn Befehl zu erfüllen. Am 3. Mai 1850 wurde er zu Isleham von dem Baptistenprediger Cantlow daselbst öffentlich getauft. Er war damals noch nicht ganz 16 Jahre alt. An diesem für ihn so denkwürdigen Tage schrieb er seinem Vater: „Es ist mir sehr lieb, daß der Tag, an welchem ich öffentlich den Namen Jesu bekenne, der Geburtstag meiner lieben Mutter ist,“ und er drückte die Hoffnung aus, daß er beiden ein Angeld auf viele herrliche und glückliche zukünftige Tage sein werde.

Nach Ablauf eines Jahres in Newmarket wurde er Hilfslehrer seines früheren Lehrers und Freundes H. Leeding, der jüngst eine Anstalt zu Cambridge eröffnet hatte. Hier bestand ein Verein, der sich „Laien-Prediger-Verein“ nannte, und obgleich Spurgeon noch jung war, wurde er doch als Mitglied aufgenommen. Er begleitete gern etliche dieser Prediger, und bald nachdem er sein 16. Lebensjahr zurückgelegt hatte, fing er selber an zu predigen.

Seine Erfahrung bei der ersten Predigt.

Da dies einer der wichtigsten Schritte in Spurgeons Leben war, wird sich der Leser freuen, die Umstände, welche zu seinem ersten Predigtversuch führten, von ihm selber zu erfahren. In seiner Einleitung zur Predigt über den Text 1. Petri 2, 7 im Jahre 1873 bemerkt Spurgeon: „Ich erinnere mich sehr wohl, daß ich bei meinem ersten Versuche, zu predigen, vor mehr denn 22 Jahren mich auf diesen Text bezog. Ich war ersucht worden, einen jungen Mann nach Teversham, nicht weit von Cambridge, zu begleiten. Ich konnte nicht anders vermuten, als daß dieser junge Mann an jenem Abend die Predigt halten werde, und so sagte ich unterwegs zu ihm, daß ich hoffe, der Herr werde seine Worte segnen. „O, mein Lieber!“ sagte er, „ich habe in meinem Leben noch nicht gepredigt, und denke auch nicht daran, es heute zu thun. Ich bin einfach aufgefordert worden, Sie zu begleiten, und ich wünsche, daß Gott in Ihrer Predigt mit Ihnen sei, und Sie segnen werde.“ „Nein,“ erwiderte ich, „ich habe noch nie gepredigt, und glaube kaum, daß ich dazu im Stande bin.“ Wir gingen zusammen, bis wir an den bestimmten Ort kamen, und innerlich zitterte ich, wenn ich daran dachte, was nun werden würde. Als wir die Versammlung zusammen fanden und nun kein andrer da war, der von Jesu sprechen konnte, und als ich fand, daß man von mir erwartete, ich würde predigen, obgleich ich erst 16 Jahre alt war, so predigte ich, und der Text, den ich soeben verlesen habe, war mein Text: „Euch nun, die ihr glaubet, ist Er köstlich.“

Er wurde in den Dörfern um Cambridge her bald bekannt und beliebt; große Scharen wurden angezogen, ihn zu hören, und obgleich er noch sehr jung war, ergingen doch viele Einladungen aus benachbarten Städten und Dörfern an ihn, bei besonderen Gelegenheiten da und dort zu predigen. Die kleine Baptistengemeinde zu Waterbeach, einem Ort von ca. 1500 Seelen, sah in dem „Knaben-Prediger“ einen jungen Mann, der ganz ihren Bedürfnissen entsprach, und sie beeilte sich, sich ihn als ihren Prediger zu sichern.

Die Hochschul-Frage.

In nachstehendem geben wir Spurgeons eignen Bericht über einen Umstand, den man wohl als „eine wunderbare Vorsehung“ bezeichnen kann.

„Bald nachdem ich 1852 angefangen hatte, in Waterbeach das Wort zu verkündigen, wurde mir von meinem Vater und andren entschieden geraten, das College in Stepney (jetzt Regents Park) zu besuchen, um mich gründlicher auf das Predigtamt vorzubereiten. Davon überzeugt, daß die Wissenschaft kein Hindernis ist, sondern nur brauchbarer machen kann, war ich geneigt, sie mir zu eigen zu machen, wenngleich ich glaubte, daß ich auch ohne diese Ausbildung nützlich sein könne. Ich stimmte also den Freunden zu, daß ich mich durch die Ausbildung nützlicher machen könnte. Dr. Angus, der Vorsteher des College, kam nach Cambridge, wo ich damals wohnte, und es war vereinbart worden, daß wir uns im Hause des Verlagsbuchhändlers Herrn Macmillan treffen wollten. Indem ich über die Sache nachdachte und darüber betete, trat ich genau zur bestimmten Zeit in das Haus ein und wurde in ein Zimmer gewiesen, wo ich geduldig einige Stunden wartete. Mein Gefühl von meiner Unbedeutendheit und von der Größe des Londoner Direktors hielt mich davon ab, die Klingel zu ziehen und nach der Ursache der ungewöhnlich langen Verzögerung zu forschen.

„Als meine Geduld endlich erschöpft war, setzte ich die Klingel in Bewegung, und als die Dienerin erschien, wurde dem wartenden achtzehnjährigen Jüngling bedeutet, daß Dr. Angus lange in einem andren Zimmer gewartet habe, daß er nicht länger habe warten können und mit dem Zuge bereits nach London zurückgefahren sei. Das thörichte Mädchen hatte der Herrschaft nicht gesagt, daß jemand gekommen sei, den sie in das Wartezimmer geführt habe. Infolgedessen fand die Unterredung nie statt, obgleich sie von beiden Seiten beschlossen worden war. Ich fand mich in jenem Augenblick nicht wenig enttäuscht; aber seitdem habe ich dem Herrn wohl tausendmal von Herzen für die seltsame Vorsehung gedankt, durch welche meine Schritte auf einen andren und viel besseren Pfad gelenkt wurden.“

Dieser Punkt der besseren Ausbildung war sowohl von Spurgeon selbst, wie von seinen Eltern sehr sorgfältig erwogen worden, wie das aus verschiedenen Briefen aus dieser Zeit hervorgeht. In einem Briefe, den er im November 1852 an seine Mutter schrieb, sagt er: „Ich freue mich je länger, je mehr darüber, daß ich nicht in das College eingetreten bin,“ und weiterhin fügt er hinzu: „Ich habe alles, was das Herz sich nur wünschen kann; ja, Gott gibt mehr, als ich wünsche. Meine Versammlungen sind so gut besucht, wie je zuvor. So lange ich in Waterbeach geweilt habe, habe ich jeden Tag ein andres Haus als mein Heim betrachten dürfen. Zweiundfünfzig Familien haben mich aufgenommen, und sechs fernere Einladungen konnte ich nicht mehr annehmen.“ Das alles war für den Jüngling von 18 Jahren sehr ermutigend. Aber es bereitete sich eine große Veränderung vor, die für sein ganzes späteres Leben entscheidend sein sollte. Bei der Jahresversammlung der Sonntagsschul-Union zu Cambridge im Jahre 1853 wurde der junge Prediger von Waterbeach aufgefordert, eine Ansprache zu halten. Unter denen, auf deren Gemüt diese Ansprache einen dauernden Eindruck machte, war Herr Gould von Loughton. Dieser begegnete bald darauf in London einem Diakon an einer berühmten Baptistengemeinde in Southwark, die zur Zeit keinen Prediger hatte, und sprach gegen ihn seine Meinung dahin aus, daß der jugendliche Evangelist von Cambridgeshire sehr wohl befähigt sei, der Gemeinde in New Park Street zu dienen. Diese Gemeinde existierte seit 1652, und unter ihren Predigern hatte es hervorragende Männer Gottes gegeben. Zu der Zeit aber, von welcher wir schreiben, war die Gemeinde sehr zurückgekommen; ihre Herrlichkeit schien dahin zu sein. Die Diakonen erwogen alles, was Herr Gould über den jungen Waterbeacher Prediger mitgeteilt hatte, und so erging bald eine Einladung an ihn, zu kommen und in New Park Street zu predigen.

Seine Berufung nach London.

Als Spurgeon zu Waterbeach diese Einladung bekam, hielt er das für einen Irrtum und nahm an, daß der Brief für irgend welche andre Person bestimmt sein müsse; aber seine Diakonen verstanden die Sache besser und sagten ihm, daß seiner eine von ihm ungesuchte Beförderung warte. Er reiste also nach London, um im Herbst 1853 auf einen Sonntag die Kanzel in der New Park Street Kapelle einzunehmen. Die Kapelle, welche bequem tausend Personen Platz bot, konnte kaum einen ermutigenden Eindruck auf den Prediger machen, denn von glaubwürdiger Seite ist gesagt worden, daß die Vormittagsversammlung, wenn alle Anwesenden gezählt wurden, bei dieser Veranlassung von etwa 200 Zuhörern besucht war. Aber der Eindruck, welchen die wenigen Getreuen während des ganzen Gottesdienstes und insbesondere während der Predigt erhielten, war ein so gewaltiger, daß die Versammlung am Abend nahezu noch einmal so groß war und die Leute sich über das, was sie hörten, verwunderten. Die Diakonen luden Spurgeon infolgedessen ein, ihnen noch drei fernere Sonntage zu predigen, und nachher bat die Gemeinde ihn einmütig, sie für weitere sechs Monate zu bedienen, indem sie auf seine mögliche Wahl hindeutete. Das aber war überflüssig, da die Gemeinde ihn schon vor Ablauf dieser Zeit einstimmig zu ihrem Prediger erwählte. In seinem Briefe, in welchem er die Annahme der Wahl mitteilte, sagte er: „Ich lege mich in die Hände unsres Bundesgottes, dessen Weisheit alle Dinge lenkt. Er soll für mich wählen, und so weit ich urteilen kann, ist dies seine Wahl.“

Ehe drei Monate vergangen waren, hatte sich der Ruf des jungen Predigers, der noch nicht ganz 20 Jahre alt war, über ganz London verbreitet. Im Herbst dieses Jahres hielt er eine Predigt über die Worte: „Ist jetzt nicht die Weizenernte?“ Die Predigt wurde gedruckt, und war die erste einer Reihe von Predigten, welche beständig zunahmen und immer weiter verbreitet wurden, so daß nun 43 Jahresbände seiner Predigten herausgegeben und zu Millionen verbreitet worden, ihren Weg über den ganzen Erdkreis gefunden haben und in viele Sprachen übersetzt worden sind. Die Totalsumme der einzeln nacheinander herausgegebenen Predigten ist 2550. Von verschiedenen Predigten sind mehr als 100 000 Exemplare verkauft worden; aber der durchschnittliche wöchentliche Verkauf beläuft sich auf 25 000 Exemplare, ein Resultat, das in der Geschichte der Predigtlitteratur einzig dasteht. Kein andrer Prediger in irgend einem Lande oder zu irgend einer Zeit hat ein solches Resultat zu verzeichnen.

Innerhalb eines Jahres war nicht nur die Kapelle in New Park Street bis auf den letzten Platz gefüllt, sondern an jedem Sonntage mußten Hunderte enttäuscht umkehren, weil sie keinen Einlaß finden konnten. Die Kapelle mußte deshalb vergrößert werden, und während dieser Vergrößerung wurde für die Zeit von etwa drei Monaten die Exeter Hall benutzt. Da nach der Eröffnung der vergrößerten Kapelle die andrängenden Scharen so groß waren, wie je zuvor, wurde es für notwendig erachtet, die sehr geräumige Musik Hall in Royal Surrey Gardens zu mieten.

Hier ereignete sich beim ersten Sonntag-Abendgottesdienst am 19. Oktober 1856 ein betrübender Zwischenfall. Von feindlicher Seite erscholl plötzlich ein falscher Feuerruf, welcher einen derartig panischen Schrecken verbreitete, daß bei der entstandenen Unruhe und Verwirrung sieben Personen getötet und 28 andre verletzt wurden. Das Nervensystem des Predigers selbst wurde so mächtig erschüttert, daß er eine Zeitlang ganz daniederlag. Durch Gottes große Barmherzigkeit wurde er jedoch wiederhergestellt, so daß er schon am 31. Oktober die Kanzel wieder besteigen konnte. Um in Zukunft jeden blinden Lärm zu verhüten, wurde die Bestimmung getroffen, daß die Gottesdienste in der Musik Hall am Sonntag-Vormittag gehalten würden. Obgleich diese Tageszeit großen Versammlungen am wenigsten günstig ist, kamen die Leute doch Sonntag für Sonntag in mengen bis zu zehntausend zusammen, um die Geschichte von der erlösenden Liebe zu hören. Das beste von allem war, daß viele für den Herrn gewonnen wurden.

Im Dezember des Jahres 1859 beschloß die Direktion der Musik Hall, an den Sonntag-Abenden das Gebäude für Vergnügungen zu öffnen, und von da ab sahen sich Spurgeon und seine Freunde aus Gewissensbedenken genötigt, dies Gebäude aufzugeben und die Gottesdienste wieder nach Exeter Hall zu verlegen, bis das Metropolitan Tabernakel eröffnet werden konnte. Kurze Zeit, nachdem Spurgeon Musik Hall verlassen hatte, wurde fast das ganze Gebäude durch einen Brand zerstört. Der den Flammen entrissene Teil wurde zu einem Hospital umgewandelt.

Als Spurgeon, ohne daß er je danach getrachtet hätte, so außerordentlich populär geworden war, wurde zu tausenden von Malen die Frage aufgeworfen: „Wer ist dieser Spurgeon eigentlich?“ Man suchte ihn zu veranlassen, einen kurzen Bericht über sein Leben zu veröffentlichen, aber dazu konnte er sich nicht entschließen. Endlich stimmte er doch zu und gab unter Mithilfe seines Vaters und Großvaters die geforderte Auskunft in einem kurzen Abriß seines Lebens und Wirkens und fügte einen Auszug des Glaubensbekenntnisses der Baptisten hinzu, welche Schrift in beinahe 10 000 Exemplaren in einem Jahre abgesetzt wurde. Dieses Schriftchen diente dazu, die Neugierde hinsichtlich des Vorlebens des jungen Predigers zu befriedigen, und seit dieser Zeit hat die Presse unaufhörlich die Resultate seiner mannigfaltigen und ausgedehnten Arbeiten bekannt gegeben.

Jahrelang wurde er fast unbarmherzig durch die Feder und den Stift karikiert. Es war dies meistens die Kundgebung der bitteren Feindschaft derer, welche die Bedeutung seines Werkes nicht verstanden und die ihn lächerlich zu machen suchten; andrerseits enthielten diese Skizzen viele Wahrheit. Eine dieser Zeichnungen trug die Überschrift: „Schwefel und Sirup“ (Brimstone and Treacle), eine andre: „Fang’ sie lebendig! O!“ (Cach `em alive O!) In der ersteren wurde Spurgeon unter dem Schwefel dargestellt, weil er in seinen Predigten die einfache Wahrheit zum Ausdruck brachte und sagte: „Die Gottlosen müssen zur Hölle gekehrt werden, und alle Heiden, die Gottes vergessen.“ Sirup stellte den Geistlichen Bellew dar, welcher die Gesellschaft moderner Prediger seiner Zeit repräsentierte, die sanfte und süßliche Dinge predigen konnten. Die andre Zeichnung stellte Spurgeon dar, wie er beim Predigen eine Art Hut von geleimtem Fliegenpapier auf dem Kopfe trug. Sie sollte anzeigen, wie die Leute zu Tausenden sich scharten, um dem beliebten Prediger zuzuhören.

Alle diese Dinge trugen dazu bei, den Ruf des Predigers zu verbreiten, bis derselbe in jeden Teil von England gedrungen war, und es gab nur wenige Zeitungen von Einfluß, in welchen nicht irgend welcher empfehlende Artikel enthalten war. Selbst die „Times“ fühlte sich veranlaßt, die Frage aufzuwerfen, wie es denn komme, daß die St. Paul Kathedrale und die Westminster Abtei verhältnismäßig leer bleiben, während der junge freikirchliche Prediger jeden Sonntag 10 000 Leute um sich sammeln könne, um ihnen in Musik Hall zu predigen.

Alle diese Umstände dienten dazu, die Anziehungskraft Spurgeons zu vermehren, so daß es als absolut notwendig erkannt wurde, für eine so große und rapid anwachsende Gemeinde und für die großen Scharen, die sich drängten, seine Predigten zu hören, ein entsprechendes Gebäude zu beschaffen.

Seine Eheschließung.

Das Jahr 1856 war in dem Leben Spurgeons ein besonders denkwürdiges. Es war das Jahr seiner Verheiratung, ebenso das Jahr, in welchem er die Predigt bei dem Jubiläum seines Großvaters und die Predigt bei der Centenarfeier in Whitefields Tabernakel in Tottenham hielt. Die Katastrophe in Surrey Gardens, die sich im Oktober desselben Jahres zutrug, haben wir bereits erwähnt. Während der ersten Woche des Jahres erfreute sich Spurgeon großer Versammlungen zu Bath. Die zweite Woche wurde durch einen Gottesdienst denkwürdig, der in seiner Kapelle gehalten wurde, an welchem besonders die Jugend ein sehr lebhaftes Interesse hatte. Am Vormittag des 8. Januar nämlich wurde Spurgeon mit Fräulein Susanna Thompson durch Dr. Alexander Fletcher getraut. Ein interessanter Bericht über diese Feier erschien am 11. Januar in „Christian Kabinet“. Etwa 2000 Personen konnten bei dieser Gelegenheit keinen Platz mehr in der Kapelle finden. Die beiderseitigen Eltern waren gegenwärtig. Nie dürften zwei Personen einander Herz und Hand gereicht haben, welche so zu einander gepaßt hätten, wie diese beiden. Die Zwillingsknaben Charles und Thomas Spurgeon, bilden die einzige Nachkommenschaft aus dieser Ehe.

Das „Metropolitan Tabernakel“.

Die Geschichte des Metropolitan Tabernakels ist an und für sich ein an Interessantem und merkwürdigen Ereignissen so reiches Thema, daß über die Umstände, die seinen Ursprung, sein Wachstum, seine Vollendung und seine schuldenfreie Eröffnung begleiteten, ein langes und lehrreiches Kapitel geschrieben werden könnte. Die Dinge, die sich da zutrugen, waren sowohl für Staats-, wie für Freikirchliche eine Ursache großen Erstaunens. Im Oktober 1856 wurde die erste große Versammlung gehalten, in welcher die notwendigen Schritte zur Errichtung eines großen Tabernakels erwogen wurden. Der Vorschlag wurde von Spurgeons Freunden sehr warm begrüßt und sehr bald zeigte sich in jedem Teil des Landes unter evangelischen Christen verschiedener Benennungen große Sympathie dafür, und die reichlich fließenden Gaben von reich und arm, von dem einfachen Landmann bis zum Grafen von Shaftsbury, zeugten von der christlichen Liebe. Es ist wahr, es gab viele, welche über die Idee, ein Bauwerk mit 5000 Sitzplätzen zu errichten, lächelten, und nicht wenige schüttelten den Kopf und weissagten den baldigen Verfall des Predigers und seines Planes. Aber ohne Rücksicht auf die sich zeigenden Hindernisse wurde das Werk in Angriff genommen. Spurgeon bereiste das Land und predigte täglich unter dem Versprechen, daß die Hälfte sämtlicher Kollekten dem neuen Tabernakel zugewandt werden solle. Am 16. August 1859 wurde von Sir Samuel Morton Peto der Grundstein gelegt. Im Jahre 1860 fand in dem Gerippe des neuen Gebäudes eine große enthusiastische Versammlung statt. Die Eröffnungsgottesdienste begannen im März des Jahres 1861 und wurden fünf Wochen lang täglich fortgesetzt, und am Ende dieser Zeit hatte der Schatzmeister die Summe von 31 332 Pfund Sterling (626 650 Mark) – den freiwilligen Gaben des Volkes – in seinen Händen, und das herrliche Tabernakel mit 5500 Sitzplätzen und weiteren 1000 Stehplätzen war schuldenfrei. Als das Tabernakel eröffnet wurde, zählte die Gemeinde 1178 Mitglieder; im Dezember des Jahres 1886 betrug die Mitgliederzahl 5351 trotz der beständigen Abzweigung zur Bildung neuer Gemeinden, die von den Studenten des Prediger-Seminars bedient wurden, trotz der vielen Sterbefälle und der Tausende von Mitgliedern, welche im Lauf der Zeit London verließen, um in entferntere Gegenden zu ziehen.

Das Metropolitan Tabernakel ist ein wundervolles Bauwerk. Unter dem großen Versammlungsraum befinden sich ein Betsaal mit 900 Sitzplätzen, ein Sonntagsschulsaal, in welchem 1000 Kinder unterrichtet werden, verschiedene Klassenräume, eine Anzahl von Vorhallen und Zimmern, eine Küche mit allem Zubehör für Theeversammlungen und in zwei weiteren Stockwerken Räumlichkeiten für Mütter-Versammlungen und für andre Thätigkeitszweige, die aufzuzählen und zu beschreiben viel Raum beanspruchen würden; denn mit der Tabernakelgemeinde stehen viele Evangelisations- und Wohlthätigkeitsbestrebungen in Verbindung, die beständig gepflegt werden. Die „Baptisten-Landmission“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, in den Dörfern durch Predigten im Freien und in den Häusern zu evangelisieren, und dadurch ist viel Gutes geschehen. Der „Evangelisten-Verein“ ist thätig in öffentlichen Sälen, in Wirtshäusern und an den Straßenecken und sendet auf eingehende Bittgesuche Helfer an die Gemeinden, die der Hilfe bedürfen. Die Gemeinde und die Sonntagsschule tragen willig zur Mission unter den Heiden bei. Ebenso ist eine kleine Hilfsmission für die Bekehrung der Juden thätig und eine Wohlthätigkeitsgesellschaft für die Arbeiterklassen, welche bei Krankheiten und Sterbefällen für Zahlung der Unkosten Sorge trägt.

Mit dem Tabernakel stehen 28 Missionsstationen und 24 Sonntagsschulen und Schulen für Verwahrloste in Verbindung, und namentlich durch letztere geschieht Unberechenbares für die armen und vernachlässigten Klassen. Da ist ferner ein Verein junger Männer, eine Kinder- und eine Lehrer-Bibliothek und ein erfolgreich wirkender evangelischer Mäßigkeitsverein. Die Geschichte der vielen Unternehmungen zu Haddon Hall, Bermondsey und Richmond Street, Walworth – ohne andre zu erwähnen – würde allein ein längeres Kapitel erfordern.

Die Frauen nehmen an dem Werk großen Anteil; sie unterhalten einen Verein für Mütter, einen Wohlthätigkeitsverein zur Linderung der Not der Armen und zum Besuche der Kranken, und einen „Verein für Bekleidung armer Prediger“, welcher bedürftige Prediger mit ihren Familien mit Kleidungsstücken versieht; ferner unterhalten sie eine blühende Hilfsstation zur Förderung der Zenana-Mission in Indien und China.

Das „Pastors College“.

Wohl von keinem Institut kann man so bestimmt sagen, daß es durch die göttliche Vorsehung ins Leben gerufen worden sei, wie von der Anstalt für theologische Studenten, die ebenfalls mit Spurgeons Tabernakel in Verbindung steht. Sie hatte ihren Ursprung in einem dringenden Bedürfnis, und dieses kam dem jungen Prediger auf folgende Weise zum Bewußtsein. Ehe er drei Monate in der New Park Street Kapelle gepredigt hatte, waren viele recht begabte Jünglinge bekehrt, getauft und in die Gemeinde aufgenommen worden. Von der Liebe Christi gedrungen und von dem Eifer des Predigers angespornt, begannen etliche von ihnen ernstlich, das Wohl andrer zu suchen. Einer dieser jungen Leute, namens Medhurst, fing mit der Straßenpredigt an, und darin ermutigt, als er sah, welcher Segen darauf lag, wandte er sich an, Spurgeon und bat um Unterricht, um zu diesem Werk befähigter zu werden. Er fand den Prediger bereit, ihn zu diesem Zweck zu unterstützen. so wurde Medhurst Spurgeons erster Student und bildete in Wirklichkeit sein College. Da er an eine große und erfolgreiche Zukunft glaubte, so wünschte er, daß er mehreren für das Werk des Herrn behilflich sein könne. Er hatte außer seinem eignen Gehalt keine Mittel, das Werk zu fördern, aber eines Tages legten er und einige Freunde die Summe von 20 Pfund Sterling (M 400) zusammen, um Bücher anzukaufen und so das Werk des College zu beginnen. Es dauerte nicht lange, als Medhurst einen Ruf als Prediger erhielt, den er auch annahm, und er wirkt im Werk des Herrn noch heute in großem Segen zu Portsmouth. Er war der erste von 742 Studenten, welche unter Spurgeons Leitung für den Predigerberuf herangebildet worden sind.

In Erwägung seiner eignen vielen pastoralen Pflichten besuchte Spurgeon den Prediger George Rogers in Camberwell und teilte ihm seine Gedanken über die Ausbildung junger Leute mit. Dieser ging mit Herz und Seele darauf ein und nahm die ihm angebotene Stelle als theologischer Lehrer an. Die ersten Studenten wohnten in seinem Hause. Jede Woche pflegten die jungen Männer einmal zu Spurgeon ins Haus zu kommen, um Belehrungen und Anweisungen von ihm zu erhalten, die ihnen nützlich waren. Diese Weise behielt er jahrelang bei. Herr Rogers, welcher von den Studenten, die er unter seiner Obhut hatte, innig geliebt wurde, hat diesem wichtigen Werk seine beste Kraft ein Vierteljahrhundert hindurch widmen können.

Als die Zahl der Studenten sich mehrte, wurden auch größere Räumlichkeiten nötig als die Klassenräume im Tabernakel sie bieten konnte, und im Jahre 1874 wurde das jetzige Seminargebäude errichtet. Spurgeon hatte von vornherein gewohnheitsmäßig einen großen Teil seines Einkommens der Unterstützung des Seminars zugewandt. Viele Leser seiner Predigten und andrer Werke erwiesen ihm ihre Liebe dadurch, daß sie sein „Lebenswerk“ durch pekuniäre Mittel unterstützten, und außerdem wurden die gewöhnlichen Kollekten bei den Versammlungen im Tabernakel demselben Zweck zugewandt. Im Jahre 1869 betrugen diese die Summe von M 37 380 (1869 Pfund Sterling) und entsprachen seitdem stets der Jahreszahl.

Ein Zug dieses Werkes des Volle darf bei Umgehung vieler interessanter Daten nicht unerwähnt bleiben, und das ist der missionierende Charakter desselben. Wir gebrauchen dieses Wort in seinem weitesten Sinn. Von vornherein hat Spurgeon stets gesucht, den Studenten die Pflicht nahezulegen, ein neues zu pflügen, neuen Boden aufzubrechen und nicht damit zufrieden zu sein, auf andrer Grund und Boden zu bauen, oder in die Arbeit andrer einzutreten, sondern die Grenzen des Reiches des Erlösers auszudehnen, indem sie die Gnadenbotschaft in entfernte Länder und unter die Heiden trügen. Die veröffentlichte Liste der abgegangenen Studenten weist denn auch nach, daß 140 in die Heidenländer gegangen sind, und daß von dem im Lande Gebliebenen 150 neue Gemeinden gegründet haben, während wieder andre an Orten das Interesse für die Sache des Herrn neu beleben konnten, wo es beinahe erloschen war.

Während dieser Erfolg, der schwerlich überschätzt werden kann, ein beständiger Grund zur Dankbarkeit gegen das große Haupt der Gemeinde ist, hat er dem Präsidenten des College doch auch große Sorgenlasten aufgebürdet. Jede neu gegründete und heranwachsende Gemeinde machte die Errichtung von Kapellen und Schulen nötig, und war stets gleichbedeutend mit einer Bitte an Spurgeon, pekuniär zu helfen, und zwar wesentlich zu helfen, bis die Gemeinden in der Lage waren, sich selbst zu erhalten. Doch unter all diesen Lasten wußte der Herr seinen Knecht zu erhalten und ihm in Erhörung seiner ernsten Gebete und seines kindlichen Vertrauens die Mittel für die Bedürfnisse der Gemeinden zur Verfügung zu stellen.

Das Waisenhaus in Stockwell.

Hinsichtlich der Bedeutung und Wichtigkeit stehen die Waisenhäuser in Stockwell nur denen von Georg Müller zu Bristol nach. Wir wollen kürzlich ihren Ursprung andeuten. Frau Hillyard, die Witwe eines englischen Geistlichen, welche sich der Baptistengemeinschaft angeschlossen hatte, stellte Herrn Spurgeon zur Gründung eines Knaben-Waisenhauses die Summe von 20 000 Pfund Sterling (M 400 000) zur Verfügung. Anfangs schreckte Spurgeon vor einer solchen schweren Verantwortung zurück, aber infolge einer Unterredung mit der Dame kam er zu der Überzeugung, daß ihre Absicht unveränderlich war. Die Summe wurde angenommen, ein Schatzmeister wurde erwählt und das Werk, ein derartiges Institut zu gründen, in Angriff genommen. Es wurde ein am Clapham Road in Stockwell gelegenes 2 ½ Morgen großes Grundstück angekauft, und im Sommer 1867 wurde der Grundstein von mehreren Häusern gelegt. Der Plan zu den Waisenhäusern war in einem Jahr gereift, und viele freigebige Freunde wirkten mit Freuden mit dem Prediger zusammen und vermehrten die Gabe der Madame Hillyard. Verschiedene Familien trugen je 500 Pfund zum Bau eines solchen Hauses bei, und diese Häuser sind nach den Namen der Geber benannt worden. Es gab kaum einen freudenreicheren Tag für * Spurgeon*, als den 9. August 1867, als der Grundstein zu diesen ersten Häusern gelegt wurde, denn es versammelten sich eine große Menge Freunde, um ihn bei dieser Gelegenheit durch ihre Sympathien und reiche Gaben zu erfreuen. Das dringende Bedürfnis dieses Instituts zeigte sich in der Thatsache, daß, als das erste Haus fertig war, um bezogen werden zu können, dem Schatzmeister 200 Bittgesuche um Aufnahme vorlagen. Von vornherein war als Grundregel aufgestellt worden, daß die Bedürftigsten ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis aufgenommen werden sollten. Erst vom Jahre 1879 ab wurden auch Mädchen aufgenommen und zu ihrer Aufnahme neue Gebäude errichtet, so daß 240 Knaben und 230 Mädchen Platz finden konnten. Die Ausgaben belaufen sich jährlich auf ca. 10 000 Pfund Sterling (M 220 000), und Gott sendet das Geld durch seine Kinder auf vielfache Weise und oft durch eine ganz besondere Vorsehung. Es laufen so viele Bittgesuche ein, daß von ca. 10 Gesuchen nur zwei berücksichtigt werden können, weshalb es geboten ist, die bedürftigsten Fälle auszuwählen. Die Waisen selbst sammeln für die Fonds, und jeder, der die Anstalt verläßt, gibt die Erstlinge seines (ihres) Verdienstes als Dankopfer an das Institut ab. Eins des interessantesten Feste Londons ist das Jahresfest in den Waisenhäusern, das im Juni stattfindet. Wer es einmal mitgemacht hat, kann es nicht wieder vergessen, denn es ist eine wirkliche Freude.

Die Armenhäuser.

Ganz in der Nähe des Tabernakels und nahe der Eisenbahnstation „Elephant and Castle“ steht eine schöne Reihe von Gebäuden, die aus Schulen und Armenhäusern bestehen. Den Mittelpunkt bilden die Armenhäuser, in welchen sich Räume zur Aufnahme von Frauen befinden, die über 60 Jahre alt sind, und deren Namen im Gemeindebuch des Tabernakels stehen. In der New Park Street waren nur sechs Armenhäuser. Nach Verlegung der Gemeinde und der Versammlung nach dem Tabernakel und dem Verkauf des Eigentums in New Park Street bestimmte Spurgeon, daß in den neuen Gebäuden Raum für mehr Insassen geschaffen werde, was denn auch geschehen ist. Zur Unterstützung derselben dient ein gewisser Fonds. Da die Häuser nahe bei dem Tabernakel gelegen sind, können die Insassen ohne besondere Mühe den Gottesdiensten beiwohnen. Als Spurgeon sein 25jähriges Dienstjubiläum feierte, überreichten ihm seine Freunde als Zeichen ihrer Achtung und Liebe ein Geldgeschenk von 6233 Pfund Sterling (ca. M 125 000). Seine gewohnte Freigebigkeit veranlaßte ihn, die Summe von M 100 000 dem Fonds der Armenhäuser zu überweisen, um den armen Frauen darin eine wöchentliche Zulage zu verschaffen; den Rest der Summe überwies er andren Zweigen.

Die Tagesschule, welche mit den Armenhäusern in Verbindung steht, ist ein wertvolles Institut, ein großes Geschenk an die Freikirchlichen und ihre Kinder in der Umgegend. Der Unterricht, welcher dort erteilt wird, ist ein sehr gründlicher und der Preis dafür sehr gering.

Spurgeons Zwillingssöhne.

Die beiden Söhne des C. H. Spurgeonschen Ehepaares sind eine Quelle vieler Freuden für ihre Eltern gewesen. Um ihre Bekehrung wurden viele Gebete beständig zum Herrn hinaufgesandt, und ebenso ist viel Sorgfalt auf ihre spätere Nutzbarkeit verwendet worden. Indem die Eltern bemüht waren, ihre Gesinnung und ihre Urteilsfähigkeit zu bilden, berief Gott sie durch seine souveräne Gnade zum neuen Leben; sie wurden in die Gemeinde des Tabernakels aufgenommen und beide ergaben sich dem Dienst des Herrn.

Nachdem sie die Schule verlassen hatten, um einen Beruf zu erwählen, verwandten sie alle Zeit, die sie nur erübrigen konnten und ihre Kraft zu evangelisierender Thätigkeit; sie gründeten in der Nähe des Vaterhauses eine Missionsgemeinde und eine Schule und erzielten besondere Erfolge. Ebenso nahmen sie häufig Einladungen an, an andren Orten zu predigen. Im Jahre 1879 wurde der Erstgeborene, Charles, Prediger in Greenwich, in der Nähe von London, wo er jetzt eine große und blühende Baptistengemeinde hat. Thomas, dessen Gesundheit in England nur schwach war, ging nach Australien, wo er unter Gottes Beistand ein großes Werk ausgerichtet hat. Er baute in Auckland, Neu-Seeland, ein großes Tabernakel und war mehrere Jahre hindurch Pastor einer der größten Gemeinden in jener Kolonie.

Während der notwendig gewordenen Abwesenheit seines von der Riesenarbeit niedergeworfenen Vaters, der in einem wärmeren Klima Ruhe und Erleichterung seiner Schmerzen suchen mußte, vertrat ihn sein ältester Sohn Charles oft in seinem Tabernakel, wo man seine Predigten gerne hörte. Ebenso vertrat auch Thomas Spurgeon seinen leidenden Vater, wenn er sich gerade aus Anlaß der Krankheit desselben in England befand. Und nachdem der treue Gottesmann C. H. Spurgeon seine viel umfassende und wunderbar reichgesegnete Arbeit im Werk des Herrn beendet und am Sonntag, den 31. Januar 1892, von seinem Herrn heimgeholt worden war, wurde Thomas Spurgeon im Jahre 1893 zum Prediger an dem Metropolitan Tabernakel erwählt, welche Stellung er noch heute bekleidet.

Das Evangelium für allerlei Volk. Sechzig kurze Predigten von C.
H. Spurgeon nebst einer kurz gefaßten Lebensgeschichte von dem
Heimgegangenen und einer Vorrede von seinem Sohne und Nachfolger im Amte
Thomas Spurgeon.
Ins Deutsche übertragen vom Hermann Liebig.
Verlagsbuchhandlung von I. G. Oncken Nachfolger (G.m.b.H.)
Hamburg-Borgfelde. 1898
Autorisierte Ausgabe mit Genehmigung aller Rechte von Mrs. C. H.
Spurgeon und der Firma Paßmore & Alabaster, London. Juni 1898

Matthäus Stach

(geb. 4. März 1711, gest. 21. Decbr. 1781.)

Christian David, Christian Stach, Johann Beck und Friedrich Böhnisch, die ersten Missionare der Brüdergemeinde in Grönland.

Ob sie (die Weissagung) verziehet, so harret ihrer! Sie wird gewißlich kommen, und nicht verziehen.“ (Hab. 2, 3).

Auf ähnliche Weise, wie die Mission in Westindien, wurde auch die Mission der Brüdergemeinde in Grönland angeregt. Bei der Anwesenheit des Grafen Zinzendorf in Kopenhagen im Jahre 1731 hörte er nämlich viel von den Schwierigkeiten, mit denen der treue Missionar Egede in Grönland zu kämpfen hatte, und machte die Bekanntschaft von zwei getauften Grönländern. In jener Versammlung zu Herrnhut, in der er die Mission auf St. Thomas der Gemeinde ans Herz legte, erzählte er auch, was er von Grönland gehört hatte. Dadurch erweckte Gott in den Herzen der Brüder Matthäus Stach und Friedrich Böhnisch einen mächtigen Trieb, an der Bekehrung der Grönländer zu arbeiten. Sie theilten sich gegenseitig ihre Sehnsucht mit, vereinigten sich darüber im Gebet, und legten der Gemeinde ihren Wunsch schriftlich vor. Hier erhoben sich freilich viele Bedenken, sodaß ein Jahr verging, ehe sie abreisen konnten. Böhnisch hatte unterdeß eine andere Sendung übernommen. Deßwegen fand sich Christian David bereit, Matthäus und dessen Vetter Christian Stach zu begleiten. „Unsere Abfertigung, sagt Matthäus Stach, währte nicht lange; nur die zwei letzten Tage hielt der Graf mit mir einige gesegnete Unterredungen, besonders über die Bewahrung des Leibes und der Seele, die mir zu einem bleibenden Segen gereichten.“

Matthäus Stach war am 4. März 1711 in Mähren geboren. Sein Vater diente den dort zurückgebliebenen Brüdern, doch sehr in der Stille, im Wort und in der Lehre. Seine Kinder unterrichtete er selbst, weil er sie nicht in die katholische Schule schicken wollte. Einst sah er seinen Matthäus weinen. Als ihm dieser auf seine Frage antwortete: er weine, weil er ein so kleines Stück Kuchen bekommen hätte, sagte er: „Mein Sohn, wenn du so über deine Sünden weintest, das war die besser,“ und gab ihm noch ein Stück. Aber die Worte machten einen so tiefen Eindruck auf ihn, daß er von da an oft um seine Seligkeit bekümmert war. Im Jahre 1728 hörte er, daß ein Bruder aus Herrnhut nach Mähren gekommen war. Da entschloß er sich nebst zwei Andern, mit demselben nach Herrnhut zu gehen. Hier ging es ihm zuerst im Äußern, da er sich mit Wollespinnen ernähren mußte, sehr kümmerlich, sodaß er kaum das nothdürftige Brod verdienen konnte. Dies hatte ihm der Bruder schon in Mähren vorher gesagt; aber er war entschlossen, seine Seele zu retten, wenn er auch Hungers sterben sollte. „Dieser Entschluß, schrieb er hernach, fiel mir immer wieder ein; aber der liebe, himmlische Vater half von Zeit zu Zeit so, daß es nicht einmal bis zum Hungern kam.“ Von seinem innern Erlebnissen der damaligen Zeit schreibt er: Der Hauptpunkt in allen Versammlungen war, daß man nothwendig die Gewißheit der Vergebung der Sunden haben müsse. Wenn ich dann von Jemand erzählen hörte, was für Kummer und Angst bei ihm vorhergegangen sei, ehe er zu dieser Gewißheit gelangte, so nahm ich es als die Methode an, sich zu bekehren, und that, was ich nur thun konnte, mit Wachen, Fasten und Beten, um in mir eine genugsame Angst über meine Sünden zu erzwingen. Wo ich ging und stand, verfolgte mich das Gesetz, und je mehr ich mich darunter mühete, desto größer wurde meine ängstliche Ungewißheit. Wollte ich essen, so hieß es bei mir: Du sollst fasten! Wollte ich schlafen, so hieß es: Du sollst wachen! Wenn ich vor meinem Brette, worauf ich sonst schlief, auf den Knien lag und betete, dann sollte ich die Nacht hindurch fortbeten. Schlief ich dann darüber ein, dann war alle meine Hoffnung, jemals bekehrt zu werden, wieder verloren. In diesem Zustande schrieb ich an einen Arbeiter, und klagte ihm meine Noth. er antwortete unter Anderm: „Wenn dich hungert, so iß! Wenn dich dürstet, so trinke! Und wenn es Zeit zum Schlafen ist, so schlafe!“ Ich aber dachte, auf die Weise wird aus meiner Bekehrung Nichts, und fuhr fort, mich zu mühen, bis ichs so müde wurde, daß ich Alles aufgab, und zum Heiland schrie: „Ach erbarme dich meiner! Ich bin verloren!“ Und da trat der Freund meiner Seele, der mich gewiß sehnlich gesucht hatte, mir so lebhaft vor’s Herz, daß ich von Friede, Freude und Liebe auf eine nicht auszusprechende Weise durchdrungen wurde.“ Nun entstand auch bald der Trieb in seinem Herzen, das Evangelium unter die Heiden zu bringen. Als im Jahre 1733 der Ruf Gottes an ihn erging, unter die Grönländer zu gehen, griff er gleich mit beiden Händen zu.

Am 19 Januar 1733 reiste Stach mit seinem Vetter Christian Stach unter Begleitung des Bruders Christian David nach Grönland ab. Von Hans Egede, von dem an seinem Orte erzählt ist, freundlich empfangen, erbauten sie sich sogleich nach grönländischer Weise aus Rasen und Stein ein Haus, und nannten den Ort Neu-Herrnhut. Von ihrer damaligen Herzensstellung giebt ein Brief Zeugniß, den sie mit dem zurückkehrenden Schiffe an die Gemeinde schickten, dem wir folgende Stelle entnehmen: „Es heißt wohl recht bei uns: Verliere gar den Weg, nur nicht den Glauben! Ja hier ist der Weg noch gar verschlossen. Wir haben das zu unserer täglichen Loosung: Laß alle unsere Sinnen stille werden! Für unsere Person ist uns sehr wohl; aber unser Sinn geht dahin, Seelen zu gewinnen, und dazu können wir noch nicht kommen. Wir werden aber durch Gottes Gnade nicht verzagen, sondern der Hut des Herrn warten, und wollen von seinem Angesicht nicht weichen. Ist der Heiden Zeit gekommen, so muß die Finsterniß in Grönland Licht, und die Kälte selbst zur Hitze werden, und die eiskalten Herzen der Menschen erwärmen und zerschmelzen. Wir sind offenbar vor den Augen des Herrn. Alle Menschen halten uns zwar für Thoren, sonderlich die, die schon lange in diesem Lande gewesen sind, und dieses Volk kennen; aber wir freuen uns darüber und denken: wo der Durchbrecher ist, da muß Lust und Weg werden, wo es noch so verkehrt aussieht.“ – Ihr erstes Streben war nun, die grönländische Sprache zu lernen, worin Egede sie treulich unterstützte. Man kann sich aber denken, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hatten, die nie eine Grammatik gesehen hatten, und nun von einem dänischen Lehrmeister, dessen Sprache sie zugleich mit zu lernen hatten, die so sehr schwierige grönländische Grammatik lernen mußten. mit den Grönländern hatten sie wenig Gelegenheit zum Umgang, da diese beständig umherzogen, um dem Fischfang und der Jagd nachzugehen, und sich nicht bewegen ließen, bei ihnen zu wohnen. – Eine harte Prüfung ihres Glaubens war jener Ausbruch der Blattern, die ein grönländischer Knabe von Dänemark in sein Vaterland gebracht hatte, und die furchtbar verheerend um sich griffen. In der Gegend von vier Meilen um die Colonie belief sich die Zahl der Todten auf 500. Die Brüder nahmen so viel Kranke in ihre Wohnung, als sie konnten. Einige erkannten auch die Wohlthat dankbar an; allein, sobald sie gesund geworden waren, verließen sie die Brüder, ohne daß ihre Reden einen Eindruck auf sie gemacht hatten. Bei seinem Elend blieb das Volk in seiner geistlichen Stumpfheit. – Zudem wurden die Brüder nun selbst nach einander krank an einem Ausschlag, sodaß sie kaum die Glieder regen konnten, und oft das Bett hüten mußten. Doch konnten sie sich gegenseitig pflegen, und Egede bewies sich als treuer Freund in der Noth. In solchen kummervollen Umständen wurde das erste Jahr zurückgelegt, und das zweite angefangen. Da kamen ihnen noch zwei Brüder zur Hülfe, Friedrich Böhnisch und Johann Beck.

David Straiton

(gest. 1534)

„Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Todten, so wird dich Christus erleuchten“
Eph. 5,14

David Straiton war von Natur nichts weniger als ein frommes Kind des Herrn, vielmehr ein Mann rauhen Sinnes, und als Verächter aller Religion allgemein bekannt. Da er an der Seeküste von Angus einige Fischerboote besaß, so verlangte der Bischof von Murray den Zehnten von seiner Fischerei. Straiton wurde über solches Ansinnen so aufgebracht, daß er seinen Leuten befahl, jeden zehnten Fisch, den sie fingen, in die See zu werfen. Dann ließ er dem Bischof sagen: Wollt Ihr Euren Zehnten haben, so kommt, und holt ihn Euch selbst aus der See.„ Sofort ließ ihm der Bischof die Drohung zugehen, ihn wegen Ketzerei zur Untersuchung zu ziehen. „Ketzerei“ – das war unserm Straiton ein unbekanntes Ding; denn um solche Sachen hatte er sich nie bekümmert. Jetzt aber bekam er Lust, sich danach zu erkundigen, was denn eigentlich die Ketzerei zu bedeuten habe. Zu seinem Heile wandte er sich mit dieser Frage an den rechten Mann, Johann Erskine von Dun, welcher nachmals einer der Leiter der schottischen Reformation geworden ist. Der Herr segnete den Umgang Straitons mit diesem Manne, und machte aus dem Religionsverächter einen reuigen Sünder. Allein noch fehlte es dem Bekehrten an Muth, seine Sinnesänderung offen vor den Menschen auszusprechen. Auch dazu führte ihn der Herr.

Um diese Zeit nämlich hatte die neu erschienene, englische Übersetzung des neuen Testamentes auch in Schottland Eingang gefunden, und verbreitete im Geheimen den evangelischen Glauben. Ein Exemplar des kostbaren Buches diente mehreren Familien. Zur stillen Nachtstunde pflegten sich die Freunde des Evangeliums in einem Privathause zu versammeln, und, wenn sie vor Kundschaftern sich sicher hielten, holten sie das Gottesbuch aus dem Versteck. Einer las vor, die andern hörten mit stiller Andacht zu. Eines Tages nun ging Straiton, der selber nicht lesen konnte, mit einem Bruder in Christo nach einem einsamen Platze in freien Felde, um sich dort aus dem Neuen Testamente vorlesen zu lassen. Da traf es sich, daß dieser die Worte unseres Heilandes las: „Wer sich aber mein und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen, sündigen Geschlechte, deß wird sich auch des Menschen Sohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters, mit den heiligen Engeln.“ (Mark. 8,38). Diese Worte beugten Straiton zur Erde; er fiel auf die Knie, streckte seine Hände zum Himmel empor und bat den Herrn um Vergebung seiner Schwachheit. „O Herr!“ flehete er, „ich bin gottlos gewesen, und gerechterweise kannst du deine Gnade mir entziehen; aber, Herr, um deiner Güte willen, laß mich nimmer aus Furcht vor dem Tode oder leiblichen Schmerzen dich und deine Wahrheit verleugnen!“ Und der Herr gab ihm Bekenntnißtreue und Zeugenmuth. Nach Edinburgh vor das bischöfliche Gericht geführt, weigerte er sich standhaft, zu widerrufen, vertheidigte kühn die evangelische Wahrheit, und wurde deshalb verurtheilt, gehängt und dann verbrannt zu werden. Am 17. August 1534 starb er zu Edinburgh den Märtyrertod, aus keiner andern Ursache, als weil er behauptete: „Christus allein ist des Sünders Gerechtigkeit.“

Dr. Theodor Fliedner,
Buch der Märtyrer,
Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth,
1859

Georg Spalatin

Georg Spalatin

Georg Burckhard, nach seinem Geburtsort Spalatinus genannt, der einflußreiche Rathgeber dreier Churfürsten, der vertraute Freund Luther’s und thätige Förderer der deutschen Reformation, war der Sohn eines Rothgerbers in Spalt, einer Landstadt des Bisthums Eichstätt, und wurde geboren am 17. Januar 1484.

Nachdem er seine Vorbildung auf der Sebalder Schule in Nürnberg erhalten hatte, bezog er 1499 die Universität Erfurt, wo er nach Jahresfrist bereits die Ehren des Bacealaureats davon trug. Ob er mit Luther, welcher 1501 an demselben Musensitze sich einfand, damals schon in nähere Berührung gekommen ist, läßt sich nicht ermitteln; aber früher oder später mußten beide sich finden, denn sie waren für einander bestimmt. Als die Universität Wittenberg eröffnet wurde, sah man ihn als der Ersten einen dahin eilen und 1502 zum Magister promoviren; später kehrte er aber nach Erfurt zurück, um sich nun vor Allem auf das Studium der Rechte zu werfen und dann erst zu seinem Hauptfach, „der heiligen Theologie“, überzugehen. Durch seine treffliche Begabung und seinen eisernen Fleiß hatte er schon damals die Augen der angesehensten Männer auf sich gelenkt, wie er denn namentlich bei dem Humanisten Mutianus für einen ebenso „unterrichteten“ als „durch und durch rechtschaffenen“ jungen Gesellen galt: ein Urtheil, welches ihm zu nicht geringer Empfehlung gereichte.

Die ersten öffentlichen Aemter, welche Spalatin bekleidet hat, sind nur Vorstufen seines höheren Berufs gewesen; es war, als könnte er nicht frühzeitig genug zu der Stellung gelangen, in welcher er bei Anbruch der Reformation bereits festen Fuß gefaßt haben mußte. Im Jahre 1507 zum Priester geweiht, dann als Pfarrer nach Hohenkirchen am Fuße des Thüringer Waldes berufen und 1508 zum Präceptor der Novizen in dem nahe gelegenen Kloster Georgenthal ernannt, befand er sich, als abermals ein Jahr um war, bereits in Wittenberg als Lehrer des sechsjährigen Churprinzen Johann Friedrich. Hier fängt nun sein Lebensgang an sich dem entscheidenden Wendepunkte zu nähern. Vom Jahre 1511 an beauftragte ihn Churfürst Friedrich, welcher jetzt Gelegenheit gehabt hatte, ihn näher kennen zu lernen, die Studien seiner beiden Neffen Otto und Ernst von Braunschweig-Lüneburg zu leiten, und bald darauf verlieh er ihm nicht nur ein Kanonikat an dem Georgenstifte in Altenburg, sondern er ernannte ihn auch zu seinem Hofkapellan, Geheimschreiber und Bibliothekar. Ein großes Feld vielseitiger Thätigkeit, welches dadurch eine noch weitere Ausdehnung erhielt, daß der Churfürst ihn zugleich veranlaßte, die Geschichte seines Regentenhauses zu schreiben, hatte sich jetzt vor ihm eröffnet.

Die Wahl derjenigen, welche in Zeiten großer welthistorischer Bewegungen einflußreiche Stellungen einzunehmen bestimmt sind, vollzieht sich nicht ohne Gottes wunderbare Fügung. Spalatin gehörte nicht zu den Persönlichkeiten, welche schon bei ihrem ersten Auftreten imponiren; er war mehr klein als groß, mehr mager als schmächtig; nur sein großes, leuchtendes Auge, seine hohe, gewölbte Stirn und sein offenes, einnehmendes Angesicht konnten jene Erwartungen von ihm erregen, welche er fortan unter den schwierigsten Verhältnissen gerechtfertigt hat. Denn er war ein Hofprediger, welcher ohne Menschenfurcht seines Amtes wartete, und ein Geheimschreiber, dem man Alles anvertrauen konnte. Vielseitig gebildet und der alten Sprachen, wie des Deutschen mächtig, ein scharfer Beobachter und immer sogleich bei der Sache, eine poetische Natur und doch zugleich äußerst gewandt in Geschäften, vorsichtig bis zur Aengstlichkeit, aber, wenn er sich einmal entschieden hatte, eben so unerschütterlich in seiner Ueberzeugung und in seinem Thun, vereinigte er Eigenschaften in sich, welche für seine Stellung von unschätzbarem Werthe waren. Was aber schwerer als Alles wog, das war sein durchaus lauterer und zuverlässiger Charakter! Nie ist dasselbe Maß von Klugheit mit einem höheren Grade von Redlichkeit verbunden gewesen.

Daß der Churfürst wußte, was er an ihm hatte, bewies das Wohlwollen, dessen er ihn würdigte. Wenn er sich öffentlich zeigte, sah man fast immer Spalatin an seiner Seite; im Cabinet aber ließ er Alles durch seine Hände gehen und legte großes Gewicht auf seinen Rath: ein Vertrauen, welches der treue Diener durch eine auf persönliche Verehrung gegründete Ergebenheit vergalt. „Friedriche,“ hat er einmal gesagt, „kann man viele finden, aber schwerlich einen, welcher mit dem unsrigen zu vergleichen wäre.“

Um dieselbe Zeit hatte sich aber auch bereits zwischen ihm und Luther ein auf den tiefsten Motiven ruhendes festes Verhältniß gebildet. Im Jahre 1508 war letzterer als Professor nach Wittenberg berufen worden, und bald darauf begann jener lebendige geistige Verkehr zwischen den beiden Männern, welcher ohne Unterbrechung bis zum Tode des ersteren fortgedauert hat. Schon in Erfurt hatte Spalatin „um sein theures Geld“ sich eine Bibel gekauft; jetzt war es Luther, welcher ihm auf seine Anfrage, wie er Theologie studiren solle? rieth, allezeit mit Gebet zu beginnen, die heil. Schrift vom Anfang bis zum Ende durchzuarbeiten, von andern Schriften aber vorzugsweise Augustin, Hieronymus und Ambrosius, Cyprian, Hilarius und Tauler zu lesen. Von diesem Augenblick an gehörten sie einander. „Unser Spalatin“, pflegte man zu sagen, „verehrt und befragt Luther wie ein Orakel;“ dieser aber gab sich jenem mit aller Liebe, deren seine starke Seele fähig war, hin. Nie haben zwei Männer häufigere und eingehendere Briefe gewechselt, als diese beiden; denn sie waren einander unentbehrlich geworden. Welchen Werth schon diese Correspondenz, so weit wir dieselbe noch besitzen, für das Verständniß der Reformation hat, sei nur im Vorübergehen angedeutet.

So waren denn nach jeder Seite hin die Fäden angeknüpft, welche einen so wichtigen Einschlag in dem Gewebe der nachfolgenden Ereignisse bilden sollten. Welche Stellung der Churfürst zu Luther einnahm, ob diese beiden so ungleichen Charaktere einander verstanden, und ob der erstere den letzteren gewähren ließ, oder nicht? wie viel hing davon ab! Friedrich war aber eine bedächtige, zurückhaltende Natur, welche mit feinem Tact behandelt sein wollte, und Luther stand ihm in mehr als einer Hinsicht fern: es bedurften deshalb beide eines Vermittlers, welcher in gleichem Maße das Vertrauen des Einen wie des Andern besaß und sie auf die edelste Weise einander anzunähern vermochte. Dazu war Spalatin durch Gottes augenscheinliche Fügung berufen worden, und was er in dieser Hinsicht geleistet wie er überhaupt als Rathgeber des Hofs in Kirchen-, Schul-, Universitäts-, literarischen und öffentlichen Angelegenheiten bald durch eingelegte Fürsprache, bald durch ausgestellte Gutachten, bald durch seine persönliche Anwesenheit bei den bedeutendsten Reichstagen und Conventen, deren Verhandlungen er mit der Genauigkeit eines Historikers und mit der Gewissenhaftigkeit eines vereideten Dieners aufzeichnete, nach allen Seiten hin fördernd in den Gang der Reformation eingegriffen hat, das wird um des Herrn willen, dessen auserwähltes Werkzeug er gewesen ist, nimmermehr vergessen werden dürfen.

Wir begleiten nun Spalatin zu den öffentlichen Versammlungen, welche ihm Gelegenheit gegeben haben, die Sache Luther’s mit der Wärme eines gleichgesinnten Freundes zu vertreten.

Während des Augsburger Reichstages von 1518 gelang es Friedrich dem Weisen, Luther’s Citation nach Rom rückgängig zu machen; Spalatin war es gewesen, welcher ihn zu diesem ersten entscheidenden Schritte bewogen hatte. Daß man auch in Rom das Ansehen, in welchem er bei seinem Fürsten stand, bereits kannte, beweist das an ihn gerichtete Breve, in welchem bald darauf der Papst ihn aufforderte, „des Teufelskindes übermäßigen Frevel mit dämpfen zu helfen.“ Luther hatte sich schon darauf gefaßt gemacht, nach Frankreich flüchten zu müssen; Spalatin hielt ihn zurück. Im Hause des letzteren zu Altenburg und unter seiner persönlichen Vermittlung fand sodann am 3. Januar 1519 die Verhandlung zwischen Luther und Miltitz statt, welche mit einem augenblicklichen Waffenstillstand endigte. Noch in demselben Jahre begleitete Spalatin den Churfürsten zur Kaiserwahl nach Frankfurt, 1520 zur Krönung Carl’s V., 1521 zum Reichstag nach Worms, 1523 und 1524 nach Nürnberg; schon die bloße Aufzählung dieser Staatsactionen läßt ersehen, in wie Vieles er eingeweiht war. Als es in Worms sich darum handelte, ob Luther kommen sollte, oder nicht, glaubte zuletzt auch er ihn abmahnen zu sollen; nachdem aber jener, entschlossen, „allen Pforten der Hölle und allen Mächten, die in der Luft herrschen, zu trotzen,“ sich dennoch gestellt hatte, wich Spalatin Tag und Nacht nicht von seiner Seite, wie denn auch er es war, durch welchen ihm eröffnet wurde, daß man den Plan gefaßt habe, ihn zu verbergen. Auf der Wartburg sah sich Luther fast von allen seinen Freunden abgeschnitten, nur von demjenigen nicht, welcher jetzt bereits im vollsten Sinne des Worts sein Vertrauter war. Durch ihn erhielt er die Arzneimittel, deren er auf seinem Patmos bedurfte; durch seine Hände gingen die Schriften, welche Luther zum Druck befördert wissen wollte. Dabei kam es denn wohl auch zu Zeiten vor, daß beide in ihren Ansichten von dem, was räthlich sei, weit aus einander gingen. Daß der Churfürst und Spalatin noch eine Zeitlang fortfuhren, Reliquien zu sammeln, mag außer Betracht bleiben; denn 1522 hatte es auch damit ein Ende. Von desto größerem Belang war aber der Umstand, daß man bei Hofe erst lernen mußte, wie Glaubenssachen zu behandeln seien. Es waren besonders zwei Punkte, um derentwillen Luther und der letztere mehr als einmal scharf an einander geriethen. Die „menschlichen Gedanken“, mit welchen dieser „sich das Herz abfraß“, und die Fesseln, welche man ihm von oben her anlegen wollte, während er im Sturmschritt vorzugehen gedachte, fand er unerträglich. Der vorsichtige Fürst und sein rücksichtsvoller Rathgeber fürchteten für ihn und seine Sache; er aber wollte von dem Arm, welcher Fleisch ist, eben so wenig geschützt als gehindert sein. „Wenn das Evangelium,“ schreibt er an den letzteren, „der Art wäre, daß es durch die Potentaten der Welt fortgepflanzt würde, hätte Gott dasselbe nicht Fischern befohlen.“ Spalatin sucht ihn, da er anfängt, einen „Kehr ab“ und „Hefenstürzer“ nach dem andern gegen „den Antichrist“ und seinen Anhang ausgehen zu lassen, im Auftrag des Fürsten zur Mäßigung zu stimmen; Luther antwortet: „Du wirst aus einem Schwert keine Feder, noch aus dem Kriege Frieden machen. Das Wort Gottes ist Schwert, Krieg, Untergang, Aergerniß, Verderben, Gift und (wie Amos sagt) wie der Bär auf dem Wege und die Löwin im Walde, so begegnet es den Kindern Ephraim.“ Er klagt seinen besten Freund des Unglaubens und der Weltklugheit an; er will, ehe er weicht, lieber ihn und den Fürsten selbst und alle Creatur verlieren, und Spalatin läßt sich nicht nur Alles von ihm sagen, sondern er beugt sich auch vor Luther’s gewaltigem Glauben. Je heftiger er von ihm getadelt worden ist, desto eifriger spricht er bei dem Churfürsten für ihn.

Von der Wartburg zurückgekehrt, unterließ Luther nicht, auch den Rath des sprach- und sachkundigen Spalatin bei Uebersetzung der h. Schrift in Anspruch zu nehmen. Bald darauf – im Winter 1524 – begleitete letzterer den Churfürsten noch zum Reichstag nach Nürnberg; fast hätte aber schon um diese Zeit sein Verhältniß zum Hofe sich gelöst. „Ich werde,“ klagt er, „mit Gottes Wort zu handeln, je länger je blöder, und laß mich je länger je mehr bedünken, daß viel mehr Stärke, Lehre, Kunst und Frömmigkeit dazu gehöre, denn ich armer Schweiß bei mir befinde.“ Luther wußte aber dem zur Schwermuth geneigten Manne durch das Glaubenswort: „Christus hat Dich berufen; diesem weiche!“ und durch andere gewichtige Gründe so gewaltig zu imponiren, daß er in seiner Stellung verblieb. Als nach kurzer Zwischenzeit (5. Mai 1525) sein „gnädigster, liebster Herr,“ der ihm noch auf dem Todtenbette einen Jahrgehalt von 160 Goldgulden aussetzte, starb, mußte es ihm zu großer Beruhigung gereichen, bis an’s Ende bei ihm ausgeharrt zu haben.

Der jetzt erbetene Abschied wurde ihm von dem Nachfolger, Johann dem Beständigen, gewährt, und bald darauf sah er sich mit Zustimmung desselben von dem Rathe zu Altenburg als erster evangelischer Oberpfarrer der Stadt berufen. Bei diesem Anlaß war es, wo Luther ihm vor dem Churfürsten das Zeugniß gab: „Die Person ist wohl gelehrt, wohl beredt, dazu sittig und züchtig und, das am höchsten mich bewegt, hat ein gutes rechtschaffenes Herz, denn er das Wort Gottes und die Seelen mit Treuen meint.“ Das Amt war beschwerlich, Altenburg „schier ganz gefressen von Bettlern,“ und er ein von Herzen demüthiger Mann, – „wie sehr hätte ich gewünscht,“ sagt er, „daß man weit Tüchtigere als mich ausgesucht hätte!“ – nur die Zusprache der Freunde und der Trost, welchen er in dem Worte fand: „Wisse, daß ich dich berufen habe!“ konnte ihn ermuthigen, anzunehmen. Am 13. August 1525 hielt er seine Antrittspredigt; am 19. November trat er „nach dem Vorbild der frömmsten Menschen früherer und jetziger Zeit“ mit Katharina, einer gebornen Heidenreich oder Streibel von Altenburg, einem armen, aber ehrbaren einzigen Töchterlein, in den Ehestand. Luther und Melanchthon beglückwünschten ihn; die päpstlich gesinnten Domherren aber, welche ihm überhaupt bis zum Jahre 1533 durch „ihr elendes ceremonisches Unwesen“ vielen Verdruß verursachten, beantworteten die bedingte Einladung zur Hochzeit mit einer höhnischen Ablehnung. Die von „den Baalspriestern“ verdammte Ehe mit seiner „vielgeliebten Kette“, wie Spalatin nach Luther’s Vorgang seine Käthe nannte, wurde von Gott mit zwei Töchtern gesegnet.

Die Arbeitslast, welche seiner in Altenburg gewartet hatte, verdoppelte sich, als er 1528 zum Superintendenten des ganzen Kreises ernannt wurde. Ein Glück für ihn war es, daß er bei seinem eben nicht starken Körper einer guten Gesundheit genoß; er hatte sich aber auch so sehr an dieselbe gewöhnt, daß er schon bei einem starken Katarrh sagen zu müssen glaubte: „Mein frommer Gott hat mich unter die Sporn genommen.“ Kann er sich einen Augenblick losreißen, so widmet er ihn seinem Schooßkinde, der Bibliothek in Wittenberg, und seine Freude ist eine zweifache, wenn er nicht nur sie wieder eingesehen, sondern „Gottlob auch unsern lieben Herrn Doctor Martinus gesund und fröhlich gefunden hat.“ Solche Erholung war dem vielbeschäftigten Manne um so mehr Bedürfniß, da auch Churfürst Johann sich vorbehalten hatte, ihn zu allen wichtigen kirchlich-politischen Verhandlungen mitzunehmen. In Folge dessen finden wir ihn 1526 auf dem Reichstag in Speyer, wo er, unbeirrt durch den „Christushaß der Pharisäer,“ unter dem Zudrang vieler Tausende in der Herberge seines Herrn „das in Ewigkeit bleibende Wort Gottes“ predigt. Während der Jahre 1527-29 hatte er als einer von den für das Oster- und Voigtland ernannten Visitatoren alle Hände voll zu thun; 1530 aber wohnte er dem großen Reichstag in Augsburg als einflußreicher Rathgeber und standhafter Bekenner bei. Ihm verdanken wir die eingehendsten Berichte über den Gang der Verhandlungen; von ihm stammt das Wort: die Verlesung der Confession sei „der allergrößten Werke eines, das je auf Erden geschehen;“ durch ihn erhielt Luther die genaueste Kenntniß von Allem, was vorging; an ihn hat letzterer „aus dem Reiche der Vögel und Dohlen“ damals seine herrlichsten Briefe geschrieben. Als eintrat, was sein vorschauender Geist geahnt, hat er Spalatin ermahnt: „Sei stark in dem Herrn; der Zorn der Könige und Fürsten ist ein günstiges Vorzeichen;“ als die Gegner immer offener mit ihren „wälschen Listen“ hervortraten, hat er mit den übrigen Freunden auch ihn von diesem Convent absolvirt und gesagt: „Kommt nur im Namen des Herrn, welcher auch die Drohungen der Menschen zu nichte machen wird, gleichwie er die Pforten der Hölle überwältigt hat!“

Kaum von Augsburg zurückgekehrt, mußte Spalatin den Churprinzen Johann Friedrich über Cöln, wo derselbe einen Protest gegen die Königswahl Ferdinand’s zurückließ, nach Jülich begleiten; 1532 aber rief ihn der Churfürstentag nach Schweinfurt, wo er während seines sechswöchentlichen Aufenthalts fast täglich, zuerst in der Liebfrauenkapelle, dann um des großen Zulaufs willen unter freiem Himmel, das Evangelium predigte und dadurch den ersten Anstoß zur Reformation des dortigen Kirchenwesens gab. Ein bleibendes Denkmal dieser Thatsache ist die Schrift: „Ein getreu Unterricht aus Gottes Wort von allem dem, das ein Christenmensch wissen soll,“ welche er zunächst für die wegen versagter beiderlei Gestalt des Sacraments ohne geistlichen Beistand dahin sterbenden Pestkranken verfaßte. Von Schweinfurt aus begab er sich mit dem Churprinzen zum Reichstag nach Nürnberg, wo er während der Friedensverhandlungen viel mit Osiander verkehrte und sich lebhaft mit den kirchlichen Verhältnissen der Stadt beschäftigte. Am 23. Juli 1532 wurde der Friede geschlossen; am 16. August starb Johann der Beständige, und es gelangte nun Johann Friedrich zur Regierung, welcher nicht genug eilen konnte, dem Lehrer seiner Jugend Beweise eines Vertrauens zu geben, das eben so groß war als seine Dankbarkeit. Kaum hatte 1533 der päpstliche Nuntius Rangoni in Weimar Audienz verlangt, um wegen des Concils zu unterhandeln, so wurde schleunigst Spalatin von Altenburg herbeigerufen, und als dies vorüber war, nahm die zweite Kirchenvisitation im Öster- und Voigtland seine ganze Thätigkeit in Anspruch. Die Commission, deren angesehenstes geistliches Mitglied er war, hatte den Vollzug der früheren Anordnungen zu controliren; es war aber nebenbei noch eine Menge von schwierigen Fragen, welche zu einem lebhaften Briefwechsel mit Luther Anlaß gaben, zur Entscheidung zu bringen. Im Jahre 1534 begleitete er, erfüllt von patriotischen Erinnerungen an „den theuren deutschen Fürsten Arminius,“ seinen Herrn nach Cadan und Cleve, 1535 zur Belehnung nach Wien, von dort nach Schmalkalden zur Beschlußfassung über Vergerio’s Propositionen und endlich zum Zweck des Ankaufs von werthvollen Büchern sowohl als Handschriften sogar nach Venedig. Im Jahre 1536 erhielt die Universität Wittenberg eine neue Dotation; Spalatin, welcher bei diesem Anlaß auch der Concordie beitrat, war es, der die churfürstliche Verleihungsurkunde auf dem Schlosse verlas. Während der ersten Februarwochen des Jahres 1537 wohnte er, wie immer, als Schriftführer, dem Schmalkaldischen Convente bei, – die Artikel hatte er schon vorher mit unterzeichnet; – dann eilte er auf den Wunsch des Herzogs Heinrich als Visitator nach Freiberg, wo er nicht ohne Mühe, aber mit dem gesegnetsten Erfolge das ganze Kirchenwesen ordnete; die letzte größere Arbeit aber, zu welcher er beigezogen wurde, war die Reformation der Meißner Lande, welche unter seiner thätigen Mitwirkung von den alten Mißbräuchen gereinigt wurden und eine dem Vorbild der chursächsischen angepaßte Kirchenordnung erhielten. Als dieses Werk vollbracht war, zog er sich, der unaufhörlichen Reisen müde, aber auch jetzt noch an allen kirchlichen und politischen Ereignissen der Zeit den regsten Antheil nehmend, mehr und mehr auf seine nächsten amtlichen Obliegenheiten und seine umfassenden geschichtlichen Arbeiten, deren er bekanntlich auch neben einer ansehnlichen Zahl von Uebersetzungen und andern Schriften viele hinterlassen hat, zurück. Nur die Visitationen in Zeiz und im Amte Wurzen haben ihn 1541-42 noch einige Male über die Gränzen seines Sprengels hinausgeführt.

Der Tod des von Sorgen, Reisen und Arbeiten aufgeriebenen Mannes erfolgte am 16. Januar 1545. Ein schwieriger Ehefall, über dessen Entscheidung er sich Gewissensbedenken machte, und die Besorgniß, als ob man ihm am Hofe nicht mehr gewogen sei, hatten ihn auf das Krankenlager geworfen. Ueber den ersteren tröstete ihn Luther, schriftlich und mündlich; die Fortdauer seiner fürstlichen Zuneigung verbürgte ihm Johann Friedrich durch seinen Leibarzt, welchen er an ihn abordnete, durch einen Eimer des besten Weins, an welchem er sich erquicken sollte, und durch ein eigenhändiges Schreiben, welches seine erprobte Treue in den ehrendsten Ausdrücken anerkannte. Jetzt konnte er ruhig sterben, zumal da er von seiner „lieben Hausfrau“ und seinen beiden Töchtern, welche mit andern Freunden sein Lager umstanden, wußte, daß sie auch nach seinem tödtlichen Abgang „ein Ränftlein Brods“ haben würden. Seine Grabstätte hat man ihm in der Bartholomäuskirche bereitet, sein Gedächtniß hat ihn überlebt; denn er gehört in erster Linie mit zu denjenigen, deren Namen unzertrennlich von dem Werke der Reformation sind. Viele haben ihn im Leben geliebt, Fürsten und Herren ihn mit Gunstbezeugungen überhäuft, die bedeutendsten Männer des Jahrhunderts ihn gesucht; aber höher als die Anerkennung aller Uebrigen ehrt ihn heute noch das Urtheil und die Freundschaft Luther’s. Er nennt ihn „wegen seiner Frömmigkeit, Gelehrsamkeit und Treue den Liebsten unter den Lieben, den Diener Christi am sächsischen Hofe, den treuesten Knecht Gottes,“ wie er denn um seinetwillen auch Altenburg zu den Städten gezählt hat, „welche auf zwei Augen stünden,“ und ihn zu den Männern, „dergleichen man, wenn sie stürben, nicht leichtlich wieder bekommen werde.“

Ch. H. Sixt in Nürnberg, später in Anspach

Die Zeugen der Wahrheit
Dritter Band
Piper, Ferdinand (Herausgeber)
Verlag von Bernhard Tauchnitz
Leipzig 1874

William Thorpe

Unter der großen Zahl von Liebhabern der Gottseligkeit, von Bekennern und Märtyrern des Evangeliums, welche durch Wiclif zur Erkenntniß der Wahrheit geführt worden sind, ist derjenige Mann, dessen Name oben steht, weit genauer, als viele andere, bekannt. Und zwar um deßwillen, weil die Geschichte seines Lebens und der von ihm erduldeten Verfolgungen durch Aufzeichnungen von seiner eigenen Hand, welche auf uns gekommen sind, uns näher gerückt ist. Dieselben wurden durch Freunde des Mannes sorgfältig aufbewahrt, vielfach abgeschrieben, und zur Zeit der englischen Reformation von Wilhelm Tyndale, dem Uebersetzer der Bibel in’s Englische, 1536, im Druck herausgegeben. Diese Schrift wurde im 16. Jahrhundert eine in England beliebte Lektüre. Jene eigenhändigen Aufzeichnungen Thorpe’s sind denn auch die Quelle, aus welcher wir die zuverlässigsten Nachrichten über seinen Lebensgang und seine Gesinnung zu schöpfen im Stande sind.

Wilhelm Thorpe mag etwa um das Jahr 1360 geboren sein, denn er ist noch ein persönlicher Schüler Johann Wiclif’s gewesen, der im Jahre 1384 gestorben ist. Seine Eltern scheinen fromme und wohlhabende Leute gewesen zu sein; ersteres ergibt sich aus dem Umstand, daß sie nichts sehnlicher wünschten, als daß ihr Sohn Wilhelm seiner Zeit ein Priester werden möchte; letzteres läßt sich aus der Thatsache schließen, daß sie ihn mit nicht geringen Kosten in verschiedene Schulen schickten. Allein dem Sohn selbst war es, als er das jugendliche Alter erreicht hatte, nur gar nicht nach Wunsch, Priester werden zu sollen; und das setzte oft harte Worte und eine unfreundliche Behandlung von Seiten der Seinigen. Endlich aber verstand er sich doch, in Folge vielen Zuredens aber auch mancher Drohungen, dazu, seine Eltern um Erlaubniß zu bitten, daß er zu solchen Männern gehen dürfte, welche für weise und tugendhafte Priester galten, um von ihnen Rath und Anweisung zu dem priesterlichen Beruf zu empfangen. Mit Vergnügen ertheilten Vater und Mutter ihre Einwilligung zu diesem Vorhaben, spendeten ihm das nöthige Reisegeld, und entließen ihn mit ihrem Segen. Nun begab sich der Jüngling nach Oxford, und suchte Männer auf wie Johann Aston, Nicolaus von Hereford, Johann Purvey und andere Gesinnungsgenossen und Verehrer von Wiclif, vorzüglich aber den letzteren selbst. Er schloß sich an Wiclif und seine Freunde voll Verehrung an, und machte es sich zur nächsten Aufgabe, Wiclif’s Lehre sich einzuprägen, weil er sich je mehr und mehr davon überzeugte, daß diese die Reinheit der apostolischen Kirche im höchsten Grade an sich trage. Zugleich widmete er sich persönlich dem freundschaftlichen Umgang mit Wiclif, als dem tugendhaftesten, gottseligsten und weisesten Manne, den er jemals kennen gelernt habe. Und er blieb so lange im Umgang mit ihm selbst und dessen Freunden, bis er hoffen durfte ihre Lehre und Lebensweise sich gründlich angeeignet und nicht allein von ihrer Gelehrsamkeit sondern auch von ihrer Gottseligkeit und ihren heiligen Uebungen Nutzen für sich gezogen zu haben. Insbesondere vermochte ihn das Vorbild Wiclif’s und seiner Schule dazu, dem Studium der Schrift das angestrengteste Bemühen zu widmen. Und als er Oxford verließ, stand sein Entschluß fest, derjenigen Lehre und Lebensweise sein Lebenlang treu zu bleiben, welche er von Wiclif überkommen hatte. Diesen Vorsatz hat er in der That mindestens 20 Jahre lang beständig gehalten, bis er gerade deshalb als ein „Lollarde“, wie man’s nannte, in Untersuchung gezogen und in einen Kerker geworfen wurde, aus dem er wie es scheint nicht mehr entlassen worden ist. Insbesondere hat er es für seine Pflicht gehalten, als Reiseprediger, oder wie Wiclif selbst diese seine Freunde zu nennen pflegte, als einer der „armen Priester“ (ohne Pfründe und Gehalt), bald da bald dort aufgetreten, und Gottes Wort, wie er es in Wiclif’s Schule verstehen gelernt hatte, in englischer Sprache dem Volk zu verkündigend) Thorpe hatte theils im Norden Englands theils in anderen Gauen als Reiseprediger gearbeitet, da wurde er 1397 in London verhaftet; indessen ist er, nachdem Erzbischof Arundel von Canterbury verbannt worden war, vom Bischof von London, auf Verwendung der Freunde des Reisepredigers, ohne weiteres wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Als aber Thomas Arundel zurückgekehrt und wieder auf den erzbischöflichen Stuhl erhoben worden war, ist Wilhelm Thorpe etwa im Jahre 1406 auf’s neue festgenommen und anfänglich zu Shrewsbury, im Westen Englands, in’s Gefängniß gelegt worden. Allein der Erzbischof Thomas Arundel ließ ihn im Jahre 1407 auf seine Burg Saltwood in der Grafschaft Kent, unweit der Südküste Englands bringen, um in eigener Person ihn in’s Verhör zu nehmen und ihn wo möglich zu bekehren. Dieser Mann, aus dem gräflichen Geschlechte der Arundel, hatte es sich zur Pflicht und zur Lebensaufgabe gemacht, England von den Lollarden zu reinigen und diese auszurotten, was ihm jedoch keinesweges gelungen ist. Er hat denn auch seinen Gefangenen, Thorpe, zu wiederholten Malen vor sich kommen lassen, ihn theils unter vier Augen theils in Gemeinschaft mit einigen Priestern vernommen, und bald in wohlwollendem zutraulichem Ton, mit gleißnerischer Güte, bald in inquisitorischer, herrischer und feindseliger Weise mit ihm gesprochen, wobei man es an heftigen Vorwürfen, fanatischen Auslassungen und gewaltthätigen Drohungen nicht fehlen ließ. Allein Wilhelm Thorpe ließ sich eher brechen als beugen, und er ist nicht der einzige Lollarde gewesen, der seiner Ueberzeugung bis zum Tode getreu blieb. Auf Ansuchen von Freunden, die theils schon unterwegs, während er von Shrewsbury nach der Grafschaft Kent transportiert wurde, ihn sprachen, theils auf Saltwood ihn je und je im Gefängnis! besuchen durften, setzte er im Kerker eine Art Denkschrift und Tagebuch auf über seine Erlebnisse, insbesondere über die Verhöre und seine Verantwortung vor dem Erzbischof. Diese Schrift ist in hohem Grade anziehend, sowohl durch die schlichte naive Form des Berichts und der ganzen Darstellung, als durch den lehrreichen Inhalt. Namentlich erregt die Geistesgegenwart und Ruhe, die Klarheit Wärme und Entschiedenheit, mit welcher der Gefangene sich verantwortet, zumal bei den verschiedenen Tönen, welche der Kirchenfürst ihm gegenüber anschlägt, wahre Seelenfreude und Bewunderung für den Geist Christi, welcher in diesem Bekenner gelebt hat. Thorpe läßt sich in keiner Weise imponieren, läßt sich nicht durch wohlfeile Dialektik werfen; er setzt den schmeichelnden Zureden und den drohendsten Einschüchterungen eine in Gottes Wort gebundene Freimüthigkeit, eine zum Leiden um der Gerechtigkeit willen entschlossene Bekennertreue entgegen. Und es ist merkwürdig, mit welcher Klarheit und sittlichen Ueberlegenheit er seine obwohl nicht in allen Lehren fehlerfreie, aber doch in der Hauptsache biblische und evangelische Denkart in dem Geisteskampf, wozu das Verhör sich gestaltet, zu vertreten weiß.

Da nun Thorpe den Widerruf und die unbedingte Unterwerfung unter die Autorität der Kirche standhaft verweigerte, und nur auf Grund des Wortes Gottes sich eines Besseren belehren lassen wollte, so gab der Erzbischof schließlich seine erfolglosen Bemühungen auf. Als Thorpe nach dem letzten Verhör wieder in den Kerker gebracht wurde, führte man ihn in ein garstiges Gelaß, worin er nie zuvor gewesen war. Ohne Zweifel wollte man ihn dadurch vollends mürbe machen. Allein als die Thüre hinter ihm zugeriegelt und er ganz allein war, wandte er sich zu Gott und dankte ihm mit großer Freudigkeit, nicht allein dafür, daß er ihn von der Gegenwart, dem Spott und den Drohungen seiner Feinde befreit hatte, sondern noch viel mehr dafür, daß Gottes Gnade ihn unter den gleißenden Schmeichelreden wie unter den Drohungen der Widersacher standhaft erhalten hatte.

Hiemit schließen die eigenen Aufzeichnungen Thorpe’s.

Ueber seine letzten Lebensschicksale lassen uns die Urkunden völlig im Dunkeln. Frei ist er schwerlich je wieder geworden. Andererseits ist kaum anzunehmen, daß er, wie manche andere Lollarden, als „hartnäckiger Ketzer“ öffentlich verbrannt worden sei; denn in diesem Falle würden sicherlich Synodalakten oder sonstige Urkunden irgend eine Notiz davon erhalten haben. Eher mag er im Kerker sei’s durch Hunger sei’s durch Henkersqualen heimlich um’s Leben gebracht worden sein. Das letztere hat er offenbar selbst gefürchtet. Denn in seinem Testamente, welches uns gleichfalls erhalten ist, erklärt er seinen festen Entschluß, „zum Beweis der Wahrheit seiner Ueberzeugung, demüthig und freudig zu leiden, daß sein armer Leib gefoltert werde, wo Gott will, und von wem, und wann und wie lange er will, und welche zeitliche Strafe und Tod er will, zur Ehre seines Namens und zur Erbauung seiner Kirche.“ Schließlich bittet er alle Gläubigen, welche sein Testament lesen oder hören, um ihre andächtige Fürbitte, „daß ihm möge gegeben werden Gnade, Weisheit und Klugheit von oben, damit er sein Leben beschließen möge in der Wahrheit die er bezeugt hat, und um seiner Sache willen, in wahrem Glauben, beständiger Hoffnung, und vollkommener Liebe!“

Auch das Dunkel, das über seinem jedenfalls 1407 erfolgten Ende liegt, gehört zu dem tragischen Charakter seines Geschicks. Jedenfalls kann darüber kein Zweifel bestehen, daß Wilhelm Thorpe der Wahrheit treu geblieben ist bis an den Tod.

Gotthard Lechler in Leipzig.

 

Lobegott Friedrich Constantin Tischendorf

Tischendorf: Lobegott Friedrich Constantin T., geboren am 18. Januar 1815 zu Lengenfeld im sächsischen Voigtlande, † am 7. December 1874 zu Leipzig. Der Sohn eines Arztes, erhielt T. seine erste Schulung in Lengenfeld. Nach seiner Confirmation im J. 1829 bezog er das Gymnasium in Plauen; hier blieb er stets Primus; er hielt sich den meisten seiner Mitschüler gegenüber reserviert. Auf der Schule zeigte er in den classischen Studien den größten Fleiß und drang auf die Notwendigkeit dieser Studien bei seiner Abiturientenrede, doch hatte er zu gleicher Zeit Zeichen nicht geringer dichterischer Begabung an den Tag gelegt; nach seinem Bändchen Gedichte, das er im J. 1838 veröffentlicht hat und einem Büchlein „Der junge Mystiker oder die drei letzten Festzeiten aus seinem Leben“, vom J. 1839 beschränkte er seine Muse größtentheils auf die Feier der Familienfeste. Er errang zu Michaeli im Jahre 1836 einen Preis für eine lateinische Arbeit über die Lehre des Paulus von der genugthuenden Kraft des Todes Christi, im J. 1838 zu Ostern, gegen sieben Mitbewerber, einen für eine Arbeit über „Christum das Lebensbrod“. Eine Zeit lang als Lehrer bei seinem zukünftigen Schwiegervater in der Nähe von Leipzig thätig, hat er im J. 1839 die Vorarbeiten für eine kritische Ausgabe des griechischen Neuen Testamentes angefangen. Seine Habilitation fand im folgenden [372] Jahre statt und seine Licentiatenschrift erschien als Vorwort zu dem griechischen Neuen Testament, das die Jahreszahl 1841 trug.

Am 30. October 1840 reiste er nach Paris ab und brachte über vier Jahre in Paris, England, Italien und dem Osten zu, Handschriften verschiedener Art, hauptsächlich aber des Neuen Testaments vergleichend, abschreibend, und wo das möglich war, anschaffend, um auf jede Weise den Gelehrten des Westens mit Urkundenmaterial zu dienen. Im J. 1849 besuchte er wieder Paris, London und Oxford. Das Jahr 1853 sah ihn noch einmal auf dem Sinai. Im J. 1854 arbeitete er in Wolfenbüttel und Hamburg, im J. 1855 in London, Oxford und Cambridge, im J. 1856 in München, St. Gallen und Zürich. Anfang 1859 reiste er zum dritten Male nach dem Sinai und blieb bis zum Herbst im Osten. Nach dieser Zeit besuchte er gelegentlich Rußland, England und Italien. So weit mit wenigen Worten seine Reisen, die in einem Maße, das heute kaum mehr möglich sein würde, vielfach das Gepräge literarischer Entdeckungsreisen trugen. Wenden wir uns zu seinen Schriften.

Eine Anmerkung Lachmann’s in einem Artikel in den „Theologischen Studien und Kritiken“ scheint daß Ziel gesteckt zu haben für Tischendorf’s erste große Veröffentlichung, den Codex Ephraemi, eine Palimpsesthandschrift auf der Pariser Bibliothek, enthaltend Bruchstücke aus der Bibel; der N. T. Theil erschien im J. 1843, der A. T. im J. 1845. Der andere, von Lachmann erwähnte Pariser Codex, der Claromontanus, wurde von T. sofort bearbeitet, doch hat er erst im J. 1852 einen Verleger dafür gefunden. Daß Jahr 1846 brachte die „Monumenta sacra inedita“ aus neun alten Handschriften, und den „Codex Friderico-Augustanus“ oder 43 Blätter der jetzt als der „Codex Siniaticus“ bekannten Handschrift. Verweilen wir einen Augenblick dabei. Diese 43 Blätter fand T. im Sinaikloster in einem Abfallkorb und erhielt sie als Geschenk von den Mönchen. Ein weiteres Stück wollten sie ihm nicht geben, doch hat er ein Blatt daraus abgeschrieben. Bei der Herausgabe des nach dem sächsischen König genannten Codex sagte er nur, daß diese Blätter stets in Aegypten oder in der Nähe von Aegypten sich befunden zu haben schienen, und es ist zu bemerken, daß diese Angabe nicht, wie ihm bisweilen vorgeworfen worden ist, unwahr gewesen ist. Die Reise vom J. 1853 galt der Erwerbung der übrigen Blätter, aber er fand keine Spur davon. Auch im J. 1859 war er im Begriffe das Kloster enttäuscht zu verlassen, und die Kamele waren schon bestellt, als er unerwartet den Schatz vor sich sah, vermehrt durch daß vollständige Neue Testament sowie den bis dahin fehlenden griechischen Barnabas und einen Theil des Hermas. Es wird nunmehr im Orient und im Occident immer wieder mit allen möglichen Variationen behauptet, T. habe diese Handschrift sofort in die Tasche gesteckt und also aus dem Kloster unvermerkt getragen, und daß die Mönche sie umsonst reclamiert haben. Dem gegenüber genügt es zu sagen, daß T. den Codex überhaupt nicht aus dem Kloster getragen hat. Nachdem er wieder in Kairo war, hat der Klostervorsteher durch einen Kamelreiter den Codex nach Kairo bringen lassen. Dort hat T. je einige Blätter auf einmal mit zwei deutschen Gehülfen abgeschrieben, und bei ihrer Wiedergabe weitere erhalten. Erst mehr als sieben Monate später übergaben ihm die versammelten Mönche in Kairo die Handschrift zur Veröffentlichung und zur Weitergabe an den russischen Kaiser. Die Handschrift wurde erst aus dem auswärtigen Amt auf die kaiserliche Bibliothek getragen, als im J. 1869 die russische Regierung die Quittungen für daß übliche orientalische „Gegengeschenk“ in den Händen hatte. (Genaueres findet man in Tischendorf’s N. T. Gr. edit. VIII. crit. mai. vol. 3, p. 345-354.) Die Ausgabe des „Codex Siniaticus“ ist vom J. 1862 in vier Folianten. Daß Neue Testament erschien einzeln im J. 1863. [373] Um zu den Schriften zurückzukehren: T. veröffentlichte im J. 1847 den „Codex Palatinus“ der lateinischen Evangelien, im J. 1850 den „Codex Amiatinus“ desselben Textes, im J. 1852 den Gr.-Lat. „Codex Claromontanus“ (s. o.) der Paulinischen Briefe, und im J. 1855 einen Band „Anecdota sacra“ sowie in den Jahren 1855-1870 sieben Bände einer neuen Sammlung von den „Monumenta sacra“. — Im J. 1851 sah seine von der Haager Gesellschaft gekrönte Preisschrift über die apokryphischen Evangelien das Licht, und seine Ausgabe der apokryphischen Apostelacten, denen im J. 1853 die apokryphischen Evangelien, im J. 1866 die apokryphischen Apokalypsen folgten. – Seine Ausgabe des Hermas erschien im J. 1856, und des Clemens Romanus im Jahre 1873. – Ohne einiger Einzelpredigten zu gedenken, erwähnen wir noch eine Abhandlung über den Uebergang der Israeliten durchs Rote Meer vom J. 1847, eine über Pilati Urtheil „circa Christum“, vom J. 1855, zwei Reisebücher vom J. 1846 (in 2 Bänden) und vom J. 1862, ein Bändchen „Philonea inedita“ und ein populäres Büchlein „Wann wurden unsere Evangelien verfaßt?“ daß im J. 1865 erschien und in Tausenden von Exemplaren Deutsch, Französisch, Englisch, Schwedisch, Dänisch, Holländisch, Italienisch, Russisch und Türkisch verbreitet wurde. – Die acht Ausgaben seines griechischen Neuen Testaments find auf folgende Weise zu zählen: I. Leipzig 1841; II. III. eine protestantische und eine katholische Ausgabe, beide in Paris, 1842; IV. Leipzig 1849; V. Leipzig (Tauchnitz) 1850, 1862 u. s. w. bis heute; VI. Leipzig (Mendelssohn: Triglotte und „Academia“ 1854, 1855 u. s. w. bis heute; VII. Leipzig „maior rt minor“ VIII. Leipzig 1869-1894 „maior rt minor“. Von diesen sind nur IV, VII und VIII noch besonders zu beachten, indem V und VI sich heute nach VIII richten. Der Text von VIII ist unzweifelhaft der beste, den T. herausgegeben hat; er hat den „Codex Siniaticus“ keineswegs darin so sclavisch benutzt wie gelegentlich behauptet wird.

Die akademische Thätigkeit hat er nie gepflegt. Er war fünf Jahre ordentlicher Professor, ehe er ein vierstündiges Colleg angekündigt hat; ein anderes vierstündiges hat er im 12., ein anderes im 14. Ordinariatsjahr an- gekündigt. Die angekündigten Collegien wurden aber häufig, wegen der Fülle anderer Arbeit, nicht gehalten.

Von dem unberechtigten Vorwurf unredlicher Erwerbung von Handschriften ausgehend, haben einige dem Todten ein feines Ehrgefühl absprechen wollen. Der Verfasser dieser Biographie hat zwar T. nie gesehen, hat aber bei Freund und Feind fleißig nachgeforscht und Tischendorf’s Privatbriefe ohne Beschränkung untersucht. Ueberall trat ihm ein vollkommener Ehrenmann entgegen.

Seine ihm häufig übelgenommene Vorliebe für Auszeichnungen scheint doch wenigstens nur harmloser Natur gewesen zu sein. Wenige Gelehrte haben früh und spät so angestrengt gearbeitet wie er; Ehrgeiz der so wirkt, ist dankenswerth. Caspar René Gregory.

Allgemeine Deutsche Biographie,
herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften,
Band 3 (1876)und andere Bände