Israel Hartmann

Israel Hartmann wurde 1725 geboren in Plieningen, wo sein Vater Richter, Metzger und Wirt war. Als er heranwuchs, ließ es seine fromme Mutter sich angelegen sein, ihm von den großen Gottesmännern der biblischen Geschichte, besonders aber vom Heiland zu erzählen und Gottes Wort seinem jugendlichen Herzen einzupflanzen. Und er selber bezeugt: „Ich fühlte eine Lust zum Guten in mir, und wenn ich etwas Gutes hörte, so war mir wohl, denn dies ging mir zu Herzen.“ Aber im weiteren Verlauf überwucherten die Dornen des Leichtsinns bald den guten Samen. Erst als er etwa 13 Jahre alt war, fing er wieder an, ernstere Gedanken zu hegen. Er hatte von Vikar Moser eine Predigt über den reichen Mann gehört und aus derselben hatte sich ein einziges Wort wie ein Widerhaken an sein Herz gehängt. Es war das Wort: „Ewigkeit.“ Es ließ sich durch nichts mehr verdrängen und zuckte ihm oft wie ein Blitz durchs Herz.

Daher fing er an, sich von seinen Kameraden zurückzuziehen und bald fand er in einem frommen Knaben einen treuen Freund, dem er sein Herz öffnete und den er „besser verstand, als alle seine Lehrer.“ Besondere Förderung empfing er von Vikar Moser, welcher zwar den eigentlichen Konfirmandenunterricht nicht zu erteilen hatte, aber doch die Konfirmanden öfters zu sich kommen ließ, um ihnen nachzuhelfen, dann auch wohl einen bei sich behielt, ganz kindlich und vertraulich mit demselben redete und zuletzt mit ihm betete. So lernte auch Israel aus dem Herzen beten und setzte sich vor, sich Gott ganz zu ergeben. Der Tag der Konfirmation selber war für ihn ein rechter Tag des Segens.

Was sollte nun weiter mit ihm werden? Seines Herzens Wunsch war: „Ach wenn meine Eltern nur ein weniges auf mich wendeten und mich für die Schule erziehen ließen! O was wollte ich tun, wenn ich in einer Schule wäre!“

„Ich wollte damals alles bekehren und dachte, wenn ich doch nur alle die Meinen und alle Menschen auch so glücklich machen könnte, wie ich mich fühlte. Ich dachte, die Pfarrer und Schulmeister sprechen so undeutlich und nie warm genug von der Liebe Jesu zu den Menschen. Ich stellte mir vor, ich wollte eine neue Welt schaffen, wenn ich nur Schullehrer werden dürfte.“ So wünschte Israel. Aber sein Vater wollte nichts davon wissen, sondern verlangte, dass er wie alle seine Brüder Metzger würde. Endlich ließ sich aber der Vater durch die Mutter und den ältesten damals in herzoglichem Dienst in Stuttgart stehenden Sohn doch bewegen, auf des Knaben Wunsch einzugehen.

Er wurde einem Schullehrer des Orts übergeben, um sich unter dessen Leitung auszubilden. Bald aber wurde seine Freude getrübt durch den Tod seiner Mutter, welche 1740 zur Ruhe des Herrn einging. Doch fuhr er unverdrossen im Lernen und in der Schularbeit fort und wurde schließlich als Schulgehilfe in Plieningen verwendet. Er hatte viel zu tun, denn es waren 200 Kinder da und der Schullehrer selbst kam nur wenig in die Schule. Aber Israel fing sein Amt mit Lust und Feuer, vor allem mit stetem Aufsehen auf den Herrn, und mit Gebet um Weisheit, Ernst und Liebe an. So blieb das Gedeihen nicht aus. Bald aber regte sich Feindschaft. Es hieß: er sei ein Pietist, er lasse die Kinder zu viel lernen usf. Daher wars dem jungen Provisor sehr bange auf die Visitation. Und in der Tat benutzten die Feinde die Gelegenheit, um dem visitierenden Spezial Fischer allerlei Klagen gegen Hartmann vorzubringen.

Als letzterer vor Fischer erschien, da redete ihn dieser mit großer Freundlichkeit an: „Es sind heute sehr viele Klagen gegen Ihn geführt worden. Alle freuten mich in Absicht auf die Schule. Ich wünschte, dass allerorten meiner Diözese solche Klagen geführt würden. Wenn sie mir schon nicht in Absicht auf die Kläger gefallen konnten, so freute michs doch für Ihn, dass sie Ihm damit ein so gutes Zeugnis gaben. Habe Er Zutrauen zu mir. Was ich Ihm von heute an dienen kann, das will ich tun. Mein Haus soll Ihm offen stehen und Er darf zu mir kommen, wann Er will.“ So wurde Israels Bekümmernis in Freude verkehrt. Der Spezial wurde nachmals Oberhofprediger und Konsistorialrat und nahm sich auch in dieser Stellung Hartmanns immer an, wie ein Vater seines Kindes.

In Plieningen wollte sich die Feindschaft gegen den pietistischen Provisor nicht legen, so dass Spezial Fischer demselben unter der Hand ein Plätzchen in Echterdingen verschaffte 1745. Hier arbeitete er nicht nur mit demselben Eifer unter der ihm anvertrauten, gleichfalls 200 Kinder zählenden Schar, sondern er errichtete auch eine Sonntagsschule, zu welcher er die Erwachsenen einlud, und abends erbaute er sich dann mit den Gott suchenden Seelen des Orts. Luthers, Arnds, Scrivers und Bunyans Schriften waren nächst dem Worte Gottes seine Nahrung; auch Bengels Schriften, Storrs Predigten u. ff., sowie der Umgang mit dem damals in Walddorf stehenden Ötinger brachten ihm viele Förderung. –

Schon 1748 wurde er nach Oberrieringen berufen, wo er eine eigene Schule bekam. Hier lernte er zum ersten Mal Mitglieder der Brüdergemeine kennen und genoss überhaupt viel Gutes aus dem Umgang mit Brüdern und Freunden, so dass er dort eine schöne und gesegnete Zeit hatte. In der Erntevakanz 1750 entschloss sich Israel seinen ältesten Bruder zu besuchen, der in des Herzogs Diensten auf dem Gestüt Offenhausen stand. Im Augenblick der Abreise fuhr ihm plötzlich der Gedanke durchs Herz: „diesmal kommst du nicht wieder wie du gehst; es wird dir ein Vorschlag zu einer Heirat gemacht werden.“ Sein Gemüt wurde auf eine ungewöhnliche Weise davon bewegt, dass er noch einmal umkehrte, in seine Stube ging und Herz und Weg im Gebet dem Herrn befahl.

Dann machte er sich auf, besuchte Freunde in Stuttgart, und als bei diesen nichts Besonderes berührt wurde, dachte er: „Nun ists vorbei!“ und reiste mit leichterem Herzen weiter. In Offenhausen wurde er von seinem Bruder Georg und dessen Frau aufs herzlichste empfangen. Sie hatten einander viel mitzuteilen; unter anderem erzählte Georg viel Gutes von einem Pfarrer Burk in Kohlstetten, mit dem sie manchmal zusammenkämen. Endlich begann auch die Schwägerin: „Lieber Israel, ich möchte dir gern etwas sagen.“ „Will hören,“ war die Antwort. „Nun,“ fuhr sie fort, ich möchte dir gern etwas erzählen von der Schwester des Herrn Pfarrers in Kohlstetten.“ „Das mag anstehen,“ meinte Israel, „ich brauche noch nichts davon zu wissen, bis ich erst einen Dienst habe.“ „Hab‘ ich dirs nicht gesagt,“ fiel nun Georg ein, „dass mit ihm nichts zu machen ist?“ Indes die Schwägerin gab nicht so leicht nach, sondern fuhr fort, von der Agnes Rosine, einer Freundin ihrer Tochter, zu erzählen. Aber Israel wollte nichts davon wissen, so dass die Geschwister am Ende schwiegen. In Israels Herz war doch eine Unruhe zurückgeblieben. Als er am dritten Tag abreisen wollte, sagte sein Bruder: „Du wirst doch über Neuffen reisen, um meine Tochter zu sehen?“ Diese, die Freundin der Agnes Rosine, war nämlich eben bei letzterer und deren Mutter, der Witwe des Präzeptors Burk, auf Besuch. „Nein,“ antwortete Israel, „das will ich nicht, weiß auch keinen Weg.“ Schließlich ließ er sich aber doch durch seinen Bruder, der ihn noch mehrere Stunden weit begleitete, bewegen, über Neuffen zu reisen und bei der Frau Präzeptor Burk nach seiner Nichte zu sehen.

Er blieb einige Stunden in Neuffen, lernte Mutter und Tochter kennen und setzte dann seine Heimreise fort. In Oberriexingen angelangt, wollte er kalt und ruhig bleiben, aber sein Herz folgte nicht mehr. Da wandte er sich nach öfterem Gebet an die Mutter Burk und offenbarte ihr seines Herzens Wunsch. Weder die Familie noch die Tochter wiesen den Antrag zurück, doch stands noch einige Zeit an, bis das entscheidende Wort erfolgte. Hartmann wartete geduldig der weiteren Führung des Herrn; er wollte nichts erzwingen, begehrte auch keine außerordentlichen Überzeugungen vom Willen Gottes.

So schrieb er während dieser Wartezeit im Januar 1751 an Agnes Rosine: „Letzthin habe ich den Herrn gebeten, mit mir und Ihnen zu tun, als wenn es seine eigene Sache wäre. Und darauf bekam ich ein Herz, Ihnen zu schreiben. Übrigens bekümmere ich mich nimmer so viel, einen besonderen, nach meinem Willen bestimmten, Willen Gottes zum Grund zu legen. Der Wille Gottes ist die Ordnung Gottes. Wer in seiner Ordnung ist, der tut seinen Willen. Der gebahnte Weg, den Abraham, Isaak, Jakob, David und alle Gläubigen gegangen, führt ganz sicher die, welche die Ordnung Gottes zum Leben angenommen „

Im Spätjahr 1751 wurde endlich Hartmann als Schulmeister nach Rosswaag berufen und nun hielt er förmlich um die Hand von Agnes Nosine an. Er erhielt das Jawort und am 2. November wurde der Ehebund geschlossen. Israel trat dadurch zugleich in nahe Verwandtschaft mit dem edlen Philipp David Burk, dem Bruder seiner Braut. 4 Jahre blieben die jungen Eheleute, zu denen auch die Mutter Burk übersiedelte, in Rosswaag. Endlich wollte aber Hartmanns Gehalt von jährlichen 120 fl. für die sich mehrende Familie kaum mehr zureichen. Zwar litten sie nie Mangel, denn ihr Herr ließ sie nicht zuschanden werden, aber doch sehnten sie sich nach einer Verbesserung. Daher entschloss sich Hartmann, seine Lage offen seinem Gönner, dem Oberhofprediger Fischer, darzulegen. Es stand nicht lange an, so erhielt er einen Ruf ans Waisenhaus in Ludwigsburg. 1755 trat er dort ein und hatte es nun hinsichtlich des Auskommens besser, musste sich aber in das Anstaltsleben schicken. „Ich schulte und ließ mich schulen, denn es kamen manchmal Dinge vor, die mir nicht in Kopf und Herz wollten.“ Doch wurden ihm in der Hauptsache keine Hindernisse in den Weg gelegt und er durfte nach Herzenslust den Samen der Wahrheit in die Herzen der Kinder ausstreuen. Und diese Arbeit an den Kindern blieb viele Jahrzehnte hindurch seines Herzens höchste Pflicht und Freude. Doch vergaß er darüber seine eigene Familie nicht.

An seiner Gattin hatte er eine treue Gehilfin, mit welcher er im Herrn eins war; und besonders die letzten Stunden der Woche waren ihm teuer, in welchen er mit seinem lieben Weib aus der Schrift sich erbaute und auf den Sonntag vorbereitete. Die zehn Kinder, welche ihnen geschenkt wurden, suchten sie in der Zucht und Vermahnung zum Herrn aufzuziehen, legten sie fleißig im Gebet dem himmlischen Erzieher ans Herz, und wo es not tat, da schritt der sonst so milde Vater auch strafend ein, zumal die ängstliche zärtliche Mutter zu nachsichtig gegen die Kleinen war.

An Kreuz fehlte es freilich nicht im Kreise der Familie.

Nicht nur verlor Israel in Zeit von 5/4 Jahren 4 Kinder durch den Tod und unter ihnen einen ganz besonders lieblichen Knaben, dessen Abscheiden dem Vater das Herz fast zerschnitt, sondern bald nach dem Tod des letzteren verunglückte der älteste Sohn durch einen Sturz so, dass er in Lebensgefahr schwebte. Nachdem derselbe wieder genesen, erkrankte die Mutter schwer, und als sie sich wieder etwas erholt hatte, legte der Vater sich auf ein noch härteres Lager, auf welchem er 3 Wochen lang seiner nicht mehr bewusst war und nach 5 Monaten nur so genas, dass er noch Jahre lang an Nervenreizbarkeit litt.

Besonders viel Kummer machte ihm die Entwicklung seines ältesten Sohnes Gottlob David, eines hochbegabten Jünglings. Derselbe war in der Einfalt des alten Bibelglaubens auferzogen, meinte aber, als er zum Studium der Theologie die Universität bezogen hatte, sich über die Schranken der engherzigen Ansichten früherer Tage erheben zu müssen. Zwar hing er auch jetzt noch mit großer Achtung und Liebe an seinen Eltern, bewies ihnen auch in äußeren Dingen immer noch einen rührenden Gehorsam, aber ihren Glauben hatte er eben nicht mehr. Einen guten Einfluss übte indessen Lavater, mit dem er in Verbindung getreten war, auf ihn aus, und die Eltern seufzten und beteten für ihn. 1774 folgte er einem ehrenvollen Ruf als Professor der Philosophie an die Universität Mitau, starb aber 1775 nach kurzer Wirksamkeit, erst 23 Jahre alt, an einem hitzigen Fieber. In demselben Jahr lastete noch ein anderes schweres Kreuz auf ihnen, indem die älteste Tochter, eine begnadigte Seele, etliche Monate geisteskrank war. Es war eine Zeit, da Israel fast zusammenbrach, doch half Gott durch und machte in diesen Schmelztiegeln seinen Knecht nur desto brauchbarer für seinen Dienst auch in weiteren Kreisen.

Israel beschränkte seine Tätigkeit nicht auf die Arbeit, welche ihm im Waisenhaus oblag. Er stiftete auch noch viele Jahre lang besonderen Segen durch die Erbauungsstunden, welche er alle Sonntage im Waisenhaus hielt. Viele gedrückte Seelen, die sonst durch Stand, Rang und Verhältnisse geschieden waren, kamen hier zusammen; arme Bürgerfrauen und adelige Fräulein, einsame Handwerksburschen und Geheime Räte lauschten den Worten des erfahrenen Israel.

Nach vielen Jahren bekam er einmal einen Brief von einer adeligen Dame, worin sie ihm dankte für den reichen Trost, den sie damals zur Zeit ihrer Jugend, in Tagen, da es ihr nicht nach Wunsch gegangen sei, durch ihn empfangen habe. In einer solchen Erbauungsstunde lernten auch Hartmann und der berühmte Reichshofrat Friedrich Karl von Moser, ein Sohn des bekannten I. I. Moser, sich kennen. Israel hielt gerade die Stunde, als Moser eintrat, sich mit in den Kreis setzte und zuhörte. Nach dem Schlussgebet umarmte er den greisen Hartmann mit bewegtem Herzen und blieb noch lange bei ihm.

Mit Phil. Matth. Hahn, welcher in Kornwestheim wirkte, stand Hartmann in brüderlicher Gemeinschaft, und auch mit andern berühmten Gläubigen kam er in Verbindung, zum Teil durch seinen früh verstorbenen ältesten Sohn, welcher sich mit vielen Gelehrten in Bekanntschaft zu sehen gewusst hatte und von ihnen wegen seiner Kenntnisse sehr geachtet worden war. So namentlich mit Lavater, welcher den trauernden Vater auch immer wieder über den inneren Zustand des verstorbenen Sohnes zu beruhigen suchte durch Hinweisung auf den edlen Kern, der in dem Dahingegangenen immer noch gelegen.

Ebenso hatte sich schon längst ein Band der Liebe zwischen Hartmann und dem Professor Jung, genannt Stilling, geknüpft, obwohl sie einander persönlich nicht kannten. Da wurde Hartmann einmal von dem frommen Geheimen Rat von Seckendorf aufgefordert, mit ihm einen Besuch bei Stilling in Kaiserslautern zu machen. Sie kamen morgens um 4 Uhr daselbst an und begaben sich um 6 Uhr zu Stillings Haus, wo noch alles ruhte. Sie klopften dreimal an der Haustüre, da schaute Stilling heraus und fragte, was sie wollen. „Herrn Professor Jung sprechen,“ war die Antwort. Heiter kam Stilling den Unbekannten entgegen. „Woher kommen Sie?“ „Aus Schwaben. Wir reisen inkognito.“ Er ging zu seiner Frau. „Jetzt wäre es doch Zeit,“ meinte Hartmann, „dass wir uns ihm entdeckten, sagen Sie ihm Grüße von Hartmann in Ludwigsburg.“ Stilling kam zurück. „Hartmann von Ludwigsburg grüßt Sie,“ sagte nun Seckendorf. Aber Stilling erwiderte, indem er auf Hartmann hinsah: „Sind Sie es nicht? Sie sind ja Hartmann!“ fiel ihm um den Hals und drückte ihn. „Ach Gott! Hartmann ists! welche Freude!“ rief er; dann begrüßte er auch Seckendorf. Sie brachten ein paar reichgesegnete Tage mit den Familien Stillings und des mit diesem eng verbundenen Hofrats Schmidt zu.

Überhaupt war damals eine Zeit, wo sich die Gläubigen aller Arten enger zusammenzuschließen anfingen, weil sie fühlten, dass die Macht des Unglaubens immer weiter hereinbreche. Es wurde daher 1779 die sogenannte deutsche Christentumsgesellschaft gegründet, zu der sich eine große Anzahl der gläubigen Männer Deutschlands und der Schweiz verbanden und welche die „Basler Sammlungen“ als ihr Gemeinschaftsblatt herausgab. Hartmann hatte zuerst Bedenken gegen dieses Unternehmen; allein er betete ernstlich darüber und als der eifrige Vikar Conz, welcher anstatt Beckhs am Waisenhaus arbeitete, seinem Schulmeister den Vorschlag machte, dass sie sich auch an die Christentumsgesellschaft anschließen wollten, da ging Hartmann gerne darauf ein. So kam der kleine Kreis der sich anschließenden am 21. Juli 1780 zum ersten Mal im Hause des Kaufmanns Sprösser zusammen. Es waren ihrer sechs. Der Vikar betete über ihnen und der Herr bekannte sich zur Arbeit des kleinen Häufleins.

Conz stand damals im ersten Eifer der Bekehrung, drang sehr auf Heiligung und redete viel von dem herrlichen Stand der Kinder Gottes und ihren großen Aussichten in die Zukunft. So viel auch sein inneres Leben noch Jugendliches hatte, waren doch seine Predigten auch dem in geistlicher Erfahrung viel weiter vorgerückten Hartmann eine Erquickung und Stärkung. Er kam später nach Gaildorf und in das jetzt badische Unter-Öwisheim, wo er 1814 als Pfarrer starb. Conz wurde zuletzt ein inniger Freund von Herrnhut, gab seine frühere Redeweise als eine gesetzliche und nicht wirklich fruchtbringende auf und predigte ganz im Sinn und Geist der Brüdergemeine.

Im Lauf des Jahres 1782 traten in Hartmanns Haus allerhand Veränderungen ein. Zuerst verheiratete sich seine älteste Tochter, welche auch unter den Leiden des Ehestandes und wiederholter Geisteskrankheit einen Segen der Ewigkeit in sich trug. Dann traten 1786 seine zwei andern Töchter in glückliche Ehen, die eine mit Kaminfeger Weigle in Ludwigsburg, die andere mit Präzeptor Georg Andreas Werner in Tübingen und wurden Mütter gläubiger und gesegneter Familien. Dagegen starb 1790, drei Monate nach seiner Verheiratung, sein Sohn Gottfried. Das Jahr 1795 brachte eine noch schmerzlichere Lücke: die Mutter Hartmann erkrankte im März am Schleimfieber, während ihr Gatte selbst unwohl war.

Noch vom Bette aus wollte sie für ihn sorgen. Da sagte er: „Liebe, du hast viel an mir getan; lass es genug sein! Ich danke dir herzlich für alles, alles; ich kann es dir nicht vergelten, Gott vergelte es dir!“ Nach einiger Zeit fragte sie: „Werde ich sterben?“ „Der Herr Doktor sagt, es könnte sein,“ antwortete er ihr. Vor Husten und Beängstigungen konnte sie nichts sagen. „Herr Jesu, erbarme dich, hilf mir!“ seufzte sie. In der Nacht wurde sie unruhig, gegen Morgen aber fiel sie in einen Schlaf, aus dem sie nicht mehr erwachte. „O Herr, stärke mich, tröste mein Herz!“ betete Israel und der Herr tröstete ihn; doch heilte die Wunde hienieden nie mehr ganz und sein Sehnen ging fortan nur desto mehr aufwärts.

In demselben Jahr durfte er die Freude erleben, dass sein jüngster Sohn eine vorteilhafte Anstellung fand. Israel selber aber arbeitete in seiner niederen Stellung unverdrossen fort, bis der immer frecher und feindseliger auftretende Unglaube des Zeitgeistes auch gegen den einfachen aber doch weithin einflussreichen Waisenschulmeister sich erhob.

50 Jahre lang hatte er unangefochten an dem Waisenhaus gearbeitet und Erbauungsstunden gehalten; da wurde ihm ein Gehilfe beigegeben und durch ein herzogliches Dekret Bericht über seinen Pietismus von ihm verlangt. Das Halten von Erbauungsstunden wurde ihm nun verboten, 4 Wochen nachdem er sie selber hatte eingehen lassen.

„Mein Christentum gründet sich weder aufs Stundenhalten noch aufs Stundengehen, so sehr ich mich je und je durch eins oder das andere gestärkt fühle. Nun halte ich mich allein an den, der der unbewegliche Grund meines Glaubens ist.“ Sein Geistesblick richtete sich immer fester auf die Ewigkeit. Viele, mit denen er verbunden gewesen, waren schon daheim, so Lavater, ferner der oben erwähnte Reichshofrat von Moser, der seine letzte Lebenszeit in Ludwigsburg zugebracht und fast täglich mit Hartmann verkehrt hatte. So sehnte er sich auch heim. „Da sitze ich Einsamer oft so ganz leer,“ seufzte er, „das Einzige und Beste, das mir bleibt, ist, dass mich Gott selig gemacht hat nach seiner Barmherzigkeit. Ich reife eben sehr langsam.“

Am Karfreitag 1806 genoss er noch in der Kirche das heilige Abendmahl; abends besuchte ihn ein Freund, mit dem er in gewohnter Weise sich unterhielt. Heiter legte er sich zur Ruhe, in der Nacht aber nahm ihn der Herr unversehens heim am 4. April 1806.

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