Christoph Handel

In Steinhofers Lebensgang haben wir gehört, welch offene Türe sein Zeugnis in Oettingen fand. Die folgenreichste Frucht, die ihm dort zuteilwurde, war die Erweckung des Bäckers Christoph Handel. Derselbe war 1720 geboren und verheiratet mit Elisabeth geb. Fritz, welche ihm drei Kinder gebar. Die herzergreifenden Predigten des gesalbten Zeugen ergriffen den jungen Mann und er wurde gründlich erweckt. Mit allem Fleiß und großer Treue kaufte er die Gelegenheiten, die Gott durch Steinhofer der Gemeinde zu ihrer Förderung bot, aus und machte sich den Mann Gottes zu nutz, so viel er vermochte. Daher konnte er auch, als Steinhofer Oettingen verließ und alles trauerte, die Äußerung tun: „Mir geht er wohl, ich hab mein Teil empfangen.“ Die in ihn gepflanzte Lebenswurzel grünte fort auch ohne die weitere Pflege des menschlichen Meisters und Christoph wurde selber ein Vater in Christo.

Er war bis zu seinem 1800 erfolgenden Tod einer der tüchtigsten Träger und Beförderer des christlichen Lebens und besonders des Gemeinschaftslebens in seiner Gemeinde, ja in einem weiten Umkreis; einer jener Laien, in denen der von den eigentlichen Dienern des Worts gesäte Samen sich so nach deren Sinn und Art und doch wieder so selbständig entwickelte, dass sie Mithelfer ihrer geistlichen Väter wurden, in späteren Zeiten jedoch, da die Diener der Kirche sich großenteils wenig mehr um wahrhaft christliches Leben kümmerten oder demselben sogar abgeneigt waren, es von sich aus auf der echtkirchlichen und schriftmäßigen Grundlage, von welcher die Kirchendiener großenteils abgewichen waren, weiter führten und pflegten.

Viele Züge aus seinem still und einfach verlaufenden Leben zeigen, welch aufrichtiger, nüchterner, nachdenkender, der Geisteszucht gehorsamer Sinn in ihm lebte. Im Anfang seines Hausstandes kam Christoph auf den Gedanken, er wolle, um sein Vermögen höher zu treiben, eine feilgewordene Ölmühle kaufen. Zwar sagte ihm sein Gewissen: „Du solltest einfach bei deinem Beruf bleiben“, allein er übertäubte diese Stimme durch die Antwort: „es ist ja doch das Ölmachen kein sündliches Gewerbe, warum sollte es denn mir gerade verboten sein.“ Er kaufte die Mühle, musste aber, weil er das Geschäft nicht verstand, einen erfahrenen Mann dazu halten. Als er Einnahme und Ausgabe gegen einander rechnete, da fand sichs, dass er Verlust hatte. „Siehe da,“ sagte ihm jetzt sein Gewissen, „du hättest mir folgen sollen.“ Aber noch achtete er nicht auf diese Stimme, sondern dachte: „Ich will das Geschäft selber erlernen, damit ich keine fremden Leute mehr brauche.“ Er hatte kaum damit angefangen, als ihm ein Stempel die Hand zerquetschte. Nun gingen ihm die Augen auf. Er entließ seinen Knecht und verkaufte die Mühle mit Verlust. Seine Hand wurde wieder heil und er war froh, die Versuchung zum Reichwerdenwollen los zu sein und wieder in seinem Beruf zu arbeiten.

Eine ähnliche Erfahrung machte er später mit seinem Sohne. Es war nämlich in Oettingen Sitte, dass vermöglichere Bauern in der Heuernte ihre Wiesen zum Abmähen verakkordierten, wozu sich Taglöhner oder die Söhne armer Leute gebrauchen ließen. Nun hatte Christophs Sohn mit einigen solcher Söhne Bekanntschaft, die ihn beredeten, auch mit ihnen ins Mähen zu gehen. Er sagte es dem Vater und bat um seine Erlaubnis. Dieser aber antwortete: „Es kann nicht sein; diese Arbeit gehört den Armen; es wäre nicht recht, wenn du ihnen die Gelegenheit, etwas zu verdienen, wegnähmest; auch geht es oft unordentlich und leichtsinnig dabei her.“ Das gefiel aber dem Sohn nicht; er ging, ehe noch der Morgen graute, mit seinen Kameraden ins Mähen. Nach etlichen Stunden brachte man ihn auf einem Pferd sitzend zurück; ein hinter ihm Mähender hatte ihn unvorsichtigerweise in den Fuß gehauen, so dass der Schnitt bis auf den Knochen ging. Christoph war nicht sehr überrascht, sagte vielmehr: „Nun, denke ich, bist du so getroffen, dass du mir nicht mehr ins Mähen gehst.“ Er hatte den Sohn 6 Wochen lang im Bett, und meinte: „Die Kur ist ihrer Kosten wohl wert.“ Wirklich gab der Sohn seine leichtsinnige Kameradschaft auf und trat in die Fußstapfen seines frommen Vaters.

Noch in jüngeren Jahren wurde Christoph mit anderen Bürgern zum Jagen aufgeboten, wie solches oft geschah, wenn der Herzog irgendwo dem Jagdvergnügen nachgehen wollte. Da nun Regenwetter einfiel, wurden die Bauern einstweilen ins nächste Dorf entlassen, mit der Weisung, auf den ersten Ruf wieder bei der Hand zu sein. Sie quartierten sich rottenweise in Scheunen ein. Als das Regenwetter nachgelassen hatte, ritt ein Jäger durchs Dorf und gab mit seiner Peitsche das Zeichen zum Aufbruch. Die Bauern hörten das wohl, zeigten aber keine Lust Folge zu leisten, sondern blieben liegen. Es wurde daher ein zweiter Jäger mit dem verschärften Befehl abgeschickt, sie herzutreiben. Christoph hatte schon das erste Mal seine Kameraden zu überreden gesucht, dem Befehl zu folgen, aber sie meinten, es seien ja noch Leute genug da, man werde sie nicht gerade vermissen, vielleicht könnten sie durchschlüpfen. Allein der zweite Jäger nahm es genauer und fing an, die Scheunen zu durchsuchen. Er traf zunächst die Scheune, worin Christoph mit seinen Kameraden war, öffnete sie mit Gewalt, stellte sich unter die Tür und gab jedem der herausgehenden etliche kräftige Hiebe mit seiner Peitsche; merkwürdigerweise ging nur Christoph, welcher gewarnt hatte, leer aus. Als er aber nachher mit andern beordert wurde, Netze aufzustellen und etliche die Gelegenheit benützten, sich im Gebüsch zu verstecken, da kam auch ihm der Gedanke, auf ähnliche Weise mit guter Manier wegzukommen; er ließ sich aber nicht das Mindeste merken, sondern wartete nur auf Gelegenheit. Plötzlich kam ein Jäger herbei und gab ihm eine derbe Ohrfeige. Christoph setzte denselben zur Rede, was er ihn denn schlage, er tue doch seine Schuldigkeit. „Ja,“ sagte der Jäger, „du bist der rechte, ich sah dir an, dass du auch entlaufen wolltest.“ Nun merkte Christoph, dass Gott bei seinen Kindern oft schon die Gedanken straft.

Einmal fing Christoph, welcher neben der Bäckerei auch Weinbau betrieb, das Weinschenken an, weil er im Herbst seinen Wein nicht vorteilhaft verkaufen konnte; da gerade Soldaten im Quartier lagen, fehlte es nicht an Zuspruch, aber die Gäste führten sich nicht zum Besten auf. Öfters, wenn Christoph am Abend vom Holzmachen im Wald nach Haus ging, betete er: „Ach Gott! schick mir doch heute sittsamere Gäste zu!“ Allein sein Gebet wurde nicht erhört, im Gegenteil je mehr er betete, desto ärgerlicher wurde der Unfug seiner Gäste. Wie er nun wieder abends beim Nachhausegehen so betete, hieß es in seinem Innern: „Was hast du für ein unnötiges Beten? Tu deinen Schild weg, so hast du Frieden.“ Nun war es sein Erstes, dass er den Wirtshausschild wegschlug, und er hatte Ruhe von innen und außen.

Bei der großen Teurung in den siebziger Jahren wurde allen Bäckern eine Brottaxe gemacht, bei der sie nicht bestehen konnten. Auch Christoph hatte Verlust bei seinem Handwerk. Die Sache machte ihm zu schaffen; endlich aber dachte er, er wolle von jetzt an dem Herrn Jesu backen und fortmachen, es koste, was es wolle. Nach Ablauf der teuren Zeit hatte er 100 fl., die er zum Fruchteinkauf hatte aufnehmen müssen, völlig eingebüßt. Doch er beruhigte sich mit dem Gedanken: „ich habe ja dem Heiland gebacken.“ Im darauf folgenden Jahr trugen seine Bäume ungewöhnlich viel Obst und als er zusammenrechnete, was er hatte verkaufen können, so waren es gerade 100 fl.

Bei großer Sommerhitze war er einmal mit Weib und Kindern im Wald, um Holz zu fällen. Er arbeitete auf einem hohen Berg, eine Stunde von der nächsten Wasserquelle. Als mittags alle außerordentlich Durst bekommen hatten, gewahrten sie zu ihrem Schrecken, dass sie den Wasserkrug mitzunehmen vergessen und nichts zu trinken hatten, als ein Fläschchen mit Wein. Da betete Christoph um Segen und hieß dann ein jedes herzhaft so viel aus dem Fläschchen trinken, bis es genug habe; zuletzt nach allen trank auch er und löschte seinen Durst hinlänglich. Alle fühlten sich so erfrischt, dass sie wacker wieder an die schwere Arbeit gehen konnten. Da fragte eines der Kinder: „Warum betetest du denn diesmal mit so besonderen Ausdrücken um Gottes Segen? Würdest du allemal so beten, so brauchten wir den Wasserkrug nicht mitzutragen.“ Der Vater aber antwortete: „Diesmal tat ichs im Glauben, weil es uns not tat, wollte ich aber deinem Rate folgen, so wäre es eine Versuchung Gottes.“

Christoph hielt viel darauf, mit allen seinen Nachbarn in gutem Einvernehmen zu stehen und wartete nicht, bis andere von freien Stücken ihm Liebe erzeigten, sondern ließ es sich manches Opfer kosten, ihre Liebe zu erkaufen. So hatte er in seinem Hof eine sehr bequeme bedeckte Treppe, welche den Eingang in sein Haus bildete, aber seinen Nachbarn beim Einfahren in den Hof äußerst hinderlich war. Nachdem er eine Weile zugesehen, wie sich die Leute behelfen mussten, ließ er, ohne dass jene auch nur ein Wort gesagt hätten, seine bedeckte Treppe wegbrechen und an einem für ihn ungleich weniger bequemen Ort den Eingang herrichten. Diese nachbarliche Freundlichkeit gewann ihm so die Herzen seiner zwei Nachbarn, dass sie freiwillig sich erboten, ihm alle zu der Veränderung nötigen Baumaterialien unentgeltlich beizuführen. Christoph aber, der ihren Charakter aus Erfahrung kannte, wollte nicht, dass sie nachher denken möchten: „wir haben es wieder wettgemacht,“ und nahm daher ihr Anerbieten nicht an. Doch durfte er sonst ihre Liebe von da an immer wieder erfahren.

Christoph hatte im Uracher Tal eine Baumwiese. Er benutzte daher die Stunden, welche durch die obrigkeitlich festgestellte Ordnung ihm zum Bewässern derselben zugeteilt waren, pünktlich. Es waren Nachtstunden. Da galt es dann, manchem Nachbar, der ohne Fug und Recht dem Wasser die Falle auf seine Wiese geöffnet hatte, dieselbe zu schließen. Einst war er wieder auf seiner Wiese, da hörte er zwei Männer reden; sie nennen seinen Namen und er steht still. Sagte er ja öfters: „Wenn ich nur meinen Namen höre, so ists mir: Was will der liebe Gott wieder von dir?“ Die zwei Männer zollen dem Christoph manche Anerkennung, doch schließt der eine mit dem Wort: „Er ist halt auch ein rechter Wässerer!“ Christoph fasste das zu Ohren und lernte von da an auch verleugnen, wo anerkannte Rechte für ihn sprachen.

In einer anno 1783 zu Tübingen beim Helfer Ernst Bengel stattfindenden erbaulichen Konferenz, an welcher Pfarrer Joh. Cammerer von Dutzlingen, Joh. Jak. Eytel von Neubulach, Andreas Tim. Stängel, Helfer in Metzingen, und unser Christoph teilnahmen, äußerte letzterer: „Wenn mich der Geist Gottes überzeugt, dass ich ein Sünder bin, so kann ich freilich nicht neben aus, sondern muss Ja und Amen dazu sagen. Wenn mich aber der Nachbar oder das Weib oder die Kinder oder das Gesinde als einen Sünder hinstellen wollen, so widersetze ich mich und will durchaus nicht Sünder sein. Aber wenn ich mich gleich widersetze, so ist doch alles umsonst. Ich erhalte nicht eher Frieden, als bis ich mich bei jeder Gelegenheit, von wem es auch geschieht, zum Sünder machen lasse. Und wenn ich dann die Sünde auf mich nehme, so empfinde ich ein Seligsein im Gefühl der an mir erkannten Sünde. Mein Herz wird von keiner Anklage mehr gedrückt, sondern durch Gottes Freundlichkeit erquickt. Da denk ich allemal: Siehe dies ist die Kraft der Versöhnung Christi. Gott ist nichts als Freundlichkeit und Güte, sobald ich meine Schuld erkenne. Ich darf mich alsdann wegen der Versöhnung nicht müde arbeiten, er kommt mir selbst damit entgegen und schenkt mir Versicherung derselben durch seinen Geist.“

Ein andermal äußerte er: „Ein Holzhacker, wenn er ein schweres Stück Holz spalten will, haut es nicht auf der Seite an, wo es rau und astig ist, sondern er sucht einen solchen Fleck zu treffen, wo die Axt leicht eindringt und das Holz bald springt. Das sollte man auf die Behandlung des Nebenmenschen übertragen, aber selten sei man so klug, um den Vorteil des Holzhackers sich zu nutz zu machen; denn wenn man Fehler und Unarten bei Nebenmenschen bemerke, so gehe man gar zu gerne gerade auf diese los, haue ohne Vorsicht darein, und treffe deswegen auch den rechten Fleck nicht, sondern verwunde sich selbst, wie ein ungeschickter Holzhauer, dem das Scheit ins Gesicht springt.“ Ein andermal: „In der Heiligen Schrift finden wir zweierlei Arten von Buße, davon aber nur die eine gültig ist, die andere aber, obgleich sie bei vielen Menschen getroffen wird, nichts hilft. Die erste besteht darin, dass der Mensch durch jeden geringeren oder gröberen Fehler auf seinen gänzlich verdorbenen Zustand immer mehr aufmerksam gemacht wird, sich als einen totalen Sünder kennen lernt, in welchem von Natur durchaus nichts Gutes wohnt, und dass er sich gerade so, wie er sich fühlt und ist, dem Herrn Jesu hingibt. Dies ist die seltenere, aber vor Gott allein gültige Buße. Die andere, weit häufigere ist so beschaffen, dass wenn die inwohnende Sünde einen heftigen Ausbruch nimmt, man über diese Frucht des Todes zwar sehr beschämt, niedergeschlagen und reumütig gemacht wird, dabei aber nur eben diesen Fehler bereut, und sich nicht auf sein ganzes Verderben bringen lässt.“ Wieder einmal: „So lange Satan noch Zutritt zu dem Thron Gottes hatte, so bestand sein Geschäft darin, die Gläubigen zu verklagen. Jetzt, da er aus dem Himmel geworfen ist, hat er es umgekehrt und sucht Gott selbst seinen Kindern verdächtig zu machen und ihr Zutrauen zu schwächen. Er ist somit noch immer ein Verkläger.“

Wie Handel die Weckung seines geistlichen Lebens dem trefflichen Steinhofer verdankte, so die Förderung und tiefere Gründung nicht zum wenigsten dessen Amtsnachfolger Joh. Ludw. Fricker, welcher, obgleich bedeutend jünger als Steinhofer, doch mit diesem in brüderlicher Gemeinschaft stand, aber noch enger sich an Ötinger als geistesverwandter Schüler angeschlossen hatte.

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