Johann Ludwig Fricker

Fricker gehörte einer gottesfürchtigen Stuttgarter Familie an. Sein Vater, ein Wundarzt, stammte aus Kornwestheim, hatte sich aber in Stuttgart niedergelassen. Von den sieben Kindern, welche ihm seine Gattin, eine Tochter des Pfarrers Haisch zu Darmsheim, schenkte, war der am 14. Juni 1729 geborene Johann Ludwig das jüngste. Die Eltern ließen es sich angelegen sein, ihre Kinder von frühester Jugend auf zur Gottesfurcht und Ehrbarkeit anzuhalten. Johann Ludwig war zart und schwächlich und in seinen ersten Lebensjahren ein sehr streitiges Kind; aber eine einzige scharfe Züchtigung, die er von der Mutter erhielt, brach seinen ungebärdigen Sinn auf einmal. Den Vater verlor er schon im 9. Jahr, daher erhielt er nicht nur seine Erziehung, sondern auch den ersten Unterricht im Deutschen und Lateinischen von der frommen Mutter, welche selber in ihrer Jugend Latein gelernt hatte.

Sie weckte in ihm die erste Lust zur Wissenschaft. Zuweilen redete sie mit ihm tief eindringende Worte von der himmlischen Weisheit, hielt auch manchmal in seiner Gegenwart den älteren Geschwistern mit ernsten und beweglichen Worten ihre Unarten vor und bezeugte ihnen, wie viel ihr daran liege, dass diejenigen, welche sie unter dem Herzen getragen, dem Herrn bewahrt bleiben. Auf diese Weise wurde dem Knaben frühzeitig der Stachel der Wahrheit und der Furcht Gottes tief ins Herz gedrückt, dass er denselben nie mehr los wurde.

Da man an Johann Ludwig bald besondere Gaben bemerkte, wurde er zum Studium der Theologie bestimmt. Weil jedoch auch sein älterer Bruder Jakob Friedrich sich derselben gewidmet und bereits die Wohltat der Klosterschulen genossen hatte, so fand Johann Ludwig nach der damals geltenden Ordnung keine Aufnahme in einer derselben, obgleich seiner unbemittelten Mutter eine solche Erleichterung der Studienkosten des Sohnes zu gönnen gewesen wäre. So musste er in Stuttgart bleiben und dort das Gymnasium besuchen. Er benutzte seine Zeit fleißig und zeigte schon damals besondere Begabung für Mathematik, Philosophie und Musik. –

Im Oktober 1747 bezog er die Universität Tübingen und wurde aus besonderer Vergünstigung in das Stift aufgenommen; er blieb jedoch unlokiert d. h. er wurde nicht der betreffenden Jahresabteilung förmlich eingereiht und verlor so auch die Aussicht, Repetent zu werden und in höhere Kirchenämter vorzurücken. Zuerst widmete er sich der Philosophie und Naturwissenschaft, von 1749 an der Theologie. Schon während dieser Studienzeit schrieb er verschiedene mathematische und philosophische Abhandlungen, von denen Einzelnes hernach durch Oetinger veröffentlicht wurde, manches aber, wie selbst Oetinger sagte, so tief war, dass wenige es erreichen. Übrigens machte er die Theologie zu seinem Hauptstudium, stellte sich als ein aufmerksamer und nachdenkender Jünger in die Schule Jesu hin und gelangte zu einer so hohen und erfahrungsmäßigen Erkenntnis in geistlichen Dingen, dass alle die ihn hörten, in Verwunderung gesetzt wurden.

Von reichem Segen war für Fricker der Umgang mit einem Kreis gläubiger Studierender, unter welchen besonders der Magister Fronmüller und die Repetenten Karl Heinrich Rieger und Magnus Friedrich Roos hervorragten. Ein Halbjahr nach Frickers Eintritt im Stift hatte daselbst eine Erweckung stattgefunden; und bald darauf war Prälat Bengel nach Tübingen gekommen und hatte den erweckten Studenten eine Stunde gehalten, die köstliche Erinnerungen zurückließ. So kam auch Fricker in Berührung mit diesem Altvater, dessen Schriften von dem jungen Theologen eifrig studiert und in Herz und Sinn aufgenommen wurden. Viel verdankte Fricker auch dem frommen Orgelbauer Hausdörfer, der ein wahrer Studentenvater gewesen zu sein scheint. In seiner Profession war er der größte Meister seiner Zeit, unerschöpflich an Erfindungen. Fricker, der auch als Musiker einen Zug zu ihm hatte, nennt ihn einen gewissenhaften und geschickten Meister, einen Mann, der Gott von Herzen fürchte und auf den man sich daher verlassen dürfe. Die beiden Männer blieben lebenslänglich mit einander verbunden.

Besondere Anregung und Förderung suchte und fand der tiefdenkende Student bei Oetinger in Walddorf und später bei Steinhofer in Oettingen. Trotzdem währte es lange, bis Fricker zum wahren Frieden Gottes und zur rechten Kraft des Christentums gelangte. Besonders die Esslust, wissenschaftliche Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit bereiteten ihm viele Kämpfe. Durch den Umgang mit den Brüdern im Stift kam er zu einer gründlicheren Erkenntnis seines Sündenelendes; auch hatte er die grobe und arge Welt schon unter den Füßen; aber er konnte den Unterschied zwischen Rechtfertigung und Heiligung lange nicht begreifen. Aus dieser Verwirrung half ihm der Herr erst später ganz heraus.

„Ich fiel beim Gefühl meiner inneren Heuchelei in eine etliche Wochen anhaltende Angst des Todes, bekam aber darunter verborgene Eindrücke von Gottes Nähe, und wurde durch lauteres Predigen von der Gnade in Christo gestärkt. Einige Zeit hernach, da mir Gott Menschenliebe ins Herz gab, auch das Böse an andern willig zu dulden, ging mir erst ein heiteres Verständnis von Gottes Huld und von der Vergebungsgnade auf.“ Fricker kam erst auf praktischem Weg, bei der wirklichen Ausübung der Versöhnlichkeit gegen andere, zum Verständnis der Sündenvergebung. „Man muss eben,“ fügt er hinzu, „mit ganzem, gesundem Verstand ein Sünder nach seiner besonderen Naturart werden, und mit Verstand gleichfalls die Begnadigung fassen, wenn sie halten soll.“

Im Herbst 1752 vollendete Fricker seine Studien in Tübingen und bekam alsbald Gelegenheit, von seinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen Gebrauch zu machen. In Wiesentheid in Franken lebte damals ein genialer Schreiner und Mechaniker Namens Netztfell, welcher eine Planeten-Maschine in Holz ausgeführt hatte und nun dem Kaiser zu Wien, welchem man dieselbe sehr gerühmt hatte, eine solche verfertigen sollte. Um aber dem Werk die möglichste Vollkommenheit zu geben, wandte sich der Graf von Castell, der bei Netztfells Unternehmen beteiligt war, an Oetinger, ob er nicht einen Studierenden wüsste, welcher in der Mathematik und Astronomie tüchtige Kenntnisse hätte und imstand wäre, die Berechnung genauer zu machen als der darin weniger geübte Netztfell. Oetinger schlug Fricker vor und dieser begab sich 1752 nach Wiesentheid. Er musste, da Netztfells Berechnungen mangelhaft waren, die halbe Maschine umarbeiten, aber das Werk versprach dann auch ein Meisterwerk zu werden.

Während nun Netztfell nach Frickers Berechnungen das Modell ausführte, machte letzterer mit seinem Freunde Seiz (S. 21) eine Reise nach Norddeutschland, hauptsächlich nach Berlin, wo er in der Realschule seine pädagogischen Kenntnisse zu erweitern suchte. Während dann Seiz noch länger im Norden verweilte, kehrte Fricker zu Netztfell, welcher mittlerweile das Modell vollendet hatte, zurück und brachte dasselbe in Gemeinschaft mit dem Künstler nach Wien, wo es so großen Beifall fand, dass Netztfell reich belohnt wurde und alsbald den Auftrag erhielt, die Maschine nun auch in Metall zu fertigen. Fricker wurde aber in Wien die Zeit zu lang. Es zog ihn fort nach Mähren zu dem katholischen Pfarrer Divisch, der in mancher Hinsicht ein Geistesverwandter Oetingers war. Divisch gewann den lernbegierigen Jüngling sehr lieb, und dieser fand bei jenem reiche Nahrung für seinen Wissensdurst.

Divisch war ein großer Naturforscher und besaß namentlich hinsichtlich der Witterungsverhältnisse und der Elektrizität außerordentliche Kenntnisse, so dass Oetinger von ihm sagt: „Uns ist von glaubwürdigen Personen versichert worden, dass Divisch nach Belieben habe donnern, blitzen und regnen lassen. Dieses hat nicht anders geschehen können, als durch das Geheimnis der Wirkung in die Ferne, vermittelst dessen er die Wolken von entfernten Orten herbeigezogen hat. So auch hat er oft den Horizont von drohenden Wolken befreit.“ Solche Dinge fanden bei Oetingers Schüler einen empfänglichen Boden. Fricker fühlte sich von Divisch sehr angezogen. Das wurde aber für ihn eine Quelle schwerer Religionsanfechtungen. K. F. Harttmann erzählt darüber: „Als Fricker mit Divisch umging und sah, dass auch bei diesem Manne Wahrheit sei, so wurde er sehr nachdenklich darüber. Und weil er damals noch sehr unruhig war, so kam er auf den Gedanken, wenn denn auch bei den Katholiken Wahrheit sei, so wolle er zu diesen gehen. In dieser Unruhe und Bekümmernis betete er zu Gott, ihm doch eine Gewissheit zu schenken; da es ihm denn unter dem Gebet worden, als sähe er sein eigenes Herz und aus demselben eine helle, sanfte und blaue Flamme hervorbrechen; worauf er eine ziemliche Beruhigung und Frieden bekam.“ In der Anfechtung suchte und fand er den verschütteten Glaubensfunken, den die Treue Gottes zu rechter Stunde zu einer Flamme anfachte, dass er Meister wurde über die ihn umtreibenden Zweifel. Das stellte sich ihm in Form eines Gesichtes dar.

Nach einem Aufenthalt von mehreren Monaten verließ Fricker den merkwürdigen Mann und besuchte die berühmten Bergwerke zu Kremnitz, um seine Kenntnisse in der Naturwissenschaft zu erweitern. Darauf kehrte er in die Heimat zurück und übernahm 1753 die Stelle eines Hofmeisters im Hause des Oberkriegskommissärs Johann Christoph Oetinger in Stuttgart, eines Bruders des Prälaten. Die Stellung Frickers daselbst war keine ganz leichte; denn der Oberkriegskommissär war seinem Bruder in Gesinnung und Denkart wenig ähnlich. Auch ging es bei der Arbeit an den zwei Söhnen des Hauses, welche Frickern anvertraut waren, nicht ohne Not und Schwierigkeiten für ihn ab. Fricker lernte da etwas Geduld. („Die braucht er so gut als Elektrizität und Astronomie“ meinte Oetinger.) 1 1/2 Jahre hielt er dort aus, dann trieb es ihn weiter. Er ging nun wieder ins Ausland (im Frühjahr 1755). Eine in Amsterdam wohnende reiche Kaufmannsfamilie, van der Vliet, nämlich bedurfte eines Hofmeisters, wandte sich an Steinhofer und dieser empfahl den jungen Fricker. Der Aufenthalt im Hause van der Vliet war für ihn sehr lehrreich. Er hatte dort Gelegenheit, Leute von den verschiedensten christlichen Parteien kennen zu lernen. Van der Vliets selber waren strenggläubige Mennoniten und Fricker scheint vom Einfluss derselben nicht unberührt geblieben zu sein. 1757 ging er mit dem ältesten Sohne des Hauses nach London, um die englische Sprache zu lernen und die Merkwürdigkeiten dieser Weltstadt zu sehen.

Hier wurde er mit dem Methodismus bekannt und von den beiden Begründern desselben Wesley und Whitefield so hingenommen, dass er darüber einige Zeit die Heimat und selbst den hochgeschätzten Oetinger vergaß. Die Berührung mit so vielerlei verschiedenen Richtungen und Parteien brachte aber schließlich Fricker in einen neuen schweren inneren Kampf.

  1. F. Hartmann schreibt darüber: „In Amsterdam und London ging Fricker viel mit allerlei Sekten, Arminianern, Mennoniten, Methodisten rc. um. Da er nun manches Güte bei diesen gefunden, wurde er in seinem Grunde schwankend gemacht und wusste nicht, wo er sich hinschlagen sollte. Dieses trieb ihn wieder zum Gebet und er rief Gott an, er möchte ihm doch einmal etwas fixes (festes) geben; es wäre Zeit, dass dasjenige einmal bei ihm herausbräche, was seine eigentliche Bestimmung von Gott wäre. Unter diesen Gedanken sah er unter einem Baum eine Person, die ihm vollkommen gleich sah. Wie er sie nun eine Weile betrachtet, so merkt er, dass sich bei ihr alle Lineamente in der Schnelle geändert und eben eine solche Gestalt bekommen, wie er sie gegenwärtig habe; und von da an habe er auch eine große Veränderung an sich gespürt und habe sich auf einmal der ganze Plan bei ihm angelegt, den er jetzt noch habe.“

Nachdem Fricker etwa ein Jahr sich in England aufgehalten hatte, kam er wieder nach Holland und blieb das selbst 2 Jahre, mit Privatunterricht beschäftigt. „Da war,“ sagt Oetinger, „eine Jungfer Völkel: die musste er in meinen Schriften informieren und alle Tage darüber Stunden halten.“ Fricker besuchte noch die niederrheinischen Städte Wesel, Duisburg, Elberfeld, Barmen, Mühlheim, also die Gegend, wo Tersteegen in so reichem Segen wirkte. Ihm zu lieb scheint auch Fricker hierher gereist zu sein, kam aber auch namentlich mit dem bekannten Dr. Collenbusch in nähere Berührung. Der war schon lang von der Gnade ergriffen, lernte aber erst durch Fricker das Geheimnis der Heiligung oder Christum in uns kennen.

Oetinger sagt: „Dr. Collenbusch hat durch Frickers Seelenlehre die Wiedergeburt in Übung, ist auch sehr erfahren in geistlichen Dingen.“ Der Einfluss Frickers, welcher den tief denkenden Arzt auch mit Bengels und Oetingers Schriften bekannt machte, trug ohne Zweifel mit zu dem eigentümlichen Lehrsystem bei, welches Collenbusch allmählich ausbildete und in welchem das stellvertretende Leiden Christi umgangen, also im Grund alles auf den Christus in uns gestellt wurde. Besonders eng verbunden wurde Fricker auch mit Matthias Jorissen, einem jungen Theologen aus Wesel, welcher von Fricker sich geistlich beraten ließ, ein treuer Zeuge der Wahrheit wurde und noch 50 Jahre später als hochbetagter Greis dankbar auf die Liebe zurückblickte, die er von Fricker erfahren. Der eigentliche Mittelpunkt aber, um welchen sich die Gläubigen der Rheinlande zu sammeln pflegten, war das Haus des lutherischen Pastors Henke zu Duisburg, welchem auch Tersteegen als vertrautester Freund und als Pate seiner Kinder besonders nahe stand. Fricker fand ebenfalls Zugang in seinem Haus und trat mit Henke in ein so brüderliches Verhältnis, dass sie auch später noch in brieflichem Verkehr blieben.

Endlich im Sommer 1760 richtete er seine Schritte der Heimat zu, reiste aber über Franken, wo er bei seinem alten Bekannten Netztfell und dem Grafen von Castell verweilte, und kam endlich nach 6jähriger Abwesenheit zurück nach Württemberg. Seine bereits 77jährige Mutter vergoss Freudentränen, als er unerwartet zu Stuttgart ihre Stube betrat. Bald darauf am 9. Februar 1761 starb Oberhelfer Baumann in Kirchheim u. T. und Fricker wurde sogleich auf die erledigte Stelle als Amtsverweser beordert. Bis ein neuer Oberhelfer kam, verging ein halbes Jahr, während dessen Baumanns Witwe noch in der Amtswohnung bleiben durfte und den Amtsverweser als Tisch- und Hausgenossen in ihrer Familie hatte.

Fricker trat da in ein vielversprechendes Arbeitsfeld. Baumann hatte in großem Segen gearbeitet; ebenso der Dekan Seeger, ein treuer Seelsorger, „ein alter und ehrwürdiger Bruder“; auch der Vikar des Dekans hielt sich zu den Brüdern. Fricker selber fand bald guten Eingang in der Gemeinde.

Er schreibt: „Mich hört alles gerne. Die Welt deutet den Tadel, welchen ich über ihre Werkgerechtigkeit ausspreche, auf die Frommen und denkt, ich sei doch unparteiisch, weil ich den Frommen auch ihre Lektion gebe. Die Halbfrommen stutzen zwar, fühlen aber doch die klare Schriftwahrheit, und die recht einfältigen oder durchs Wort erleuchteten Seelen finden mehr Nahrung und Kraft an meinen Reden, als ich ihnen meines Wissens gebe.“ Später: „Hier halten wir auch im Haus besondere Kinderstunden, da die Kinder häufig zulaufen, auch viele Frauenspersonen mit Nähen usw.“

Nach Besetzung der Oberhelferstelle wurde Fricker Vikar in Uhingen. Bald aber (1762) erhielt er die Ernennung auf die Helferstelle in Oettingen bei Urach und nicht lange danach trat er in den Stand der Ehe mit der Witwe Baumann, welche ihm aus erster Ehe zwei Töchter beibrachte und später einen Sohn gebar.

Fricker arbeitete in Oettingen 1762-1764 als Helfer und 1764-1766 als Pfarrer. In seinem Predigtamt zeugte er mit großem Eifer gegen das falsche und mit Ungerechtigkeit vermischte Christentum der rohen und ehrbaren Welt, führte das von seinen Vorgängern, Steinhofer und Raser<mfn>Johann Friedrich Naser war Nachfolger Steinhofers, wirkte aber nur zwei Jahre in Oettingen von 1753-55, und starb erst 32 Jahre alt.</mfn> angefangene Zeugnis von Christo mit aller Treue fort, stellte aber dabei den erweckten Seelen ihre noch unerkannte und in ihnen tief verborgene Tücke des Herzens und eigene Gerechtigkeit als Hindernis an der wahren Gerechtigkeit und am wahren Genuss der freien Gnade Gottes in Christo immer genauer ins Licht. Er suchte sie in ihren inneren Sinnen aufzuwecken und zu üben, auf dass sie nicht am Bildlichen und Sinnlichen hängen bleiben, sondern ihr Sinn selbst immer neuer und geistlicher würde, indem er sie zu überzeugen suchte, dass die aufweckenden und gefälligen Redensarten eines schon gefassten Sinnes nichts nützen, sondern jeder wahrhaftige Blick auf Jesum unter dem Gefühl ihres Nichts erst geboren werden müsse; daher sie nur Seele und Geist oder den zweifachen Willen (Röm. 7) besser in ihnen scheiden lassen müssen. Die geübteren Herzen wusste er zu einem vollkommenen Verständnis des Gesetzes der Freiheit in Christo zu führen, indem er sie in einer reinen Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes, wie sie in dem Angesichte Jesu Christi sich spiegelt, stärkte und durch den Glauben an Jesum zur Ähnlichkeit mit ihm, und eben damit dem Ebenbilde Gottes, ihrem eigentlichen Ziele, näher brachte.

Fricker schrieb an seinen Freund Repetent Bauder: „Hier ist das ganze Alte Testament auch historisch wie ein böhmisches Dorf. O, was wird mit dem unverständigen und unreifen Evangelisieren versäumt! Genug Evangelisierens für die heutige Zeit, wenn ich bezeuge, sie können nicht auf einmal vollkommen werden, und es passiere bei Gott für Vollkommenheit, wenn sie aufrichtig gegen Gott und gegen sich seien. Übrigens muss man die ganze Anstalt Gottes und Haushaltung von Anfang her historisch mit chronologischen, psychologischen und theosophischen Strikturen (Anwendungen) den Menschen nach und nach einprägen, so werden sie endlich merken, was das Reich Gottes im N. T. sagen will. Wir sollten viel von der Theokratie des Volks Israel reden, um vorbereitungsweise eine Idee zu pflanzen, was ein Reich Gottes sei.“

Fricker beschränkte sich jedoch nicht auf die vorgeschriebene Arbeit. Er hielt gleich von Anfang an eine außergewöhnliche Bibelstunde in der Kirche, welche sehr zahlreich besucht wurde. Daran soll nun, wie die Überlieferung sagt, der Pfarrer des Orts sich gestoßen haben, vermutlich weil er die Sache als eine unleidliche pietistische Neuerung ansah; er glaubte als Parochus derselben entgegentreten zu müssen und ließ daher eines Tags, als die Bibelstunde gehalten werden sollte, die Kirchentüren schließen. Als nun Fricker kam, die Menge vor der Kirche stehen sah und hörte, was geschehen war, habe er ohne Widerrede umgewandt, sich mit der ganzen Versammlung in die Kelter begeben und da die Bibelstunde fortgesetzt. Doch wurde der Pfarrer anderes Sinnes; er wollte vor seinem bald darauf erfolgten Tode seinen Helfer sogar zum Pfleger seines Sohnes bestellen. Frickers Arbeit war nicht ohne Frucht. „Die Wahrheit,“ schreibt er im April 1763, „dringt bei denen ein, die ein Ohr haben zu hören; wer aber seit so gewaltigen Angriffen durch den seligen Steinhofer und Raser sich verschlossen hat, ist schwer zu gewinnen, ob es schon am Aufwecken nicht fehlt. Soviel ist gewiss, dass die meisten Rechtschaffenen seit den 14 Monaten meines Hierseins sich in ihren ersten Grund mit neuer Kraft und Licht gefunden, und manche Eigenliebige und Falsche von ihrer Höhe herabgefallen sind. Dazu dienen allerlei Schickungen und Führungen von außen und innen.“

Im Frühjahr 1764: „Diesen Winter hatte ich eine mit Männern und Weibern abwechselnde sonntägliche Privatstunde im Haus über die Offenbarung, da ich 3, 4, 6 oder mehr Kapitel auf einmal, der Historie nach, zusammenfasste. Es ging auch dieses nicht leer ab und kommt nun allmählich bei hiesigen Erweckten ein Schriftgeschmack auf. Doch wissen sich eben die meisten nicht in geschichtliche Dinge zu finden, sondern nehmen immer wieder so gut sie können mit ihrem Seelenhunger das heraus, was ins Innere lauft.“ – „Von hiesigen Umständen,“ schreibt er 12. Juni 1765 an Jorissen, „könnte ich Ihnen viel Gutes erzählen; zu schreiben ists zu weitläufig. Gottes Reich wächst in unserm ganzen Lande in die Breite, Tiefe und Höhe zugleich; doch nicht gar schnell. Es läuft bei Kindern Gottes immer mehr in die Einfalt und Einigkeit des Verständnisses durch den Geschmack des unverfälschten und bloßen Wortes Gottes hinein, dabei Oetingers Arbeiten vieles wirken. Hier sind drei erleuchtete Männer, von denen ich durch Umgang den reinen Sinn der Weisheit lerne. Ferner sind gegen zehn oder zwölf sehr richtig und lauter wandelnde Brüder, aber mehr als 30 oder 40 Männer, die sich seit ihrer Erweckung wiederum in mancher Dunkelheit verloren und doch als Zeugen der Wahrheit gegen die Welt nach und nach zurecht stellen lassen. Man treibt aber einander nicht viel auf. Weibsleute sind mehr als 100, welche einen guten Sinn haben, aber doch in weiblichen Unarten stecken. In den öffentlichen Erbauungsstunden habe ich wenigstens 2, öfters aber 300 Zuhörer. Denn die Überzeugung von der Notwendigkeit der Wiedergeburt und des lebendigen Glaubens an Jesum ist hier etwas Allgemeines. Viele der Unbekehrten gehen nur darum selten in die Kirche, damit ihre Verdammnis nicht so groß werde. Andere, da man ihnen ihr falsches und totes Wesen aufdeckt, entschuldigen sich damit, man predige ja nur den Heiligen; sie können diese Sprache nicht verstehen. Hingegen kommen viele ganz Unbekehrte sehr oft in die Erbauungsstunde, worauf viel Schmach liegt.“

Zu den von Fricker am meisten geschätzten Brüdern der Oettinger Gemeinschaft gehörte Handel, welcher oft Frickers Begleiter war, wenn derselbe in der Umgebung Brüderbesuche machte. Auf einer solchen Wanderung, da die beiden auf die Höhe der Alb hinaufstiegen, setzte sich Fricker plötzlich mitten auf der Glemser Steige nieder, schrieb mit Bleistift eines seiner Lieder in seine Brieftasche und las es seinem verwunderten Begleiter vor. Es war das Lied: „Spötter ohne Ruh,“ über Jakobi 1, 12-17.

Ein anderer tüchtiger Bruder war der Händler Johann Jakob Haas. Ihm konnte Fricker an seinem Grabe 24. Oktober 1763 das Zeugnis geben, dass sein Stand dem entsprochen habe, was 1 Petri 1, 3-9 über die Verfassung eines rechten Christen geschrieben stehe, dass er wiedergeboren gewesen sei zu einer lebendigen Hoffnung, dass ihm alle Widerwärtigkeiten und Versuchungen zu seiner Glaubensbewährung gedient haben, und dass ihn die Liebe Jesu, den er nicht gesehen, geschäftig gemacht habe, auch andere zu erleuchten. Von einem ebenso brauchbaren Gehilfen schreibt Fricker 1766: „Zum Preis des Herrn kann ich bezeugen, dass das Werk hier wacker vor sich geht und nicht nur ein Kirchlein immer genauer sich anschließt und ohne mein besonderes Zutun sich nährt und pflanzt, sondern auch die ganze Gemeinde viel mehr Überzeugung vom Wort bekommt, als bisher geschehen. Gott gebraucht ein ausnehmendes Werkzeug dazu, wie der sel. Haas gewesen, Namens Johann Adam Daumüller. Er ist im natürlichen Verstand sehr lebhaft, aber nicht nach der buchstäblichen Lehrweise, und behält alles mehr im Sinn als im Gedächtnis.“

Im April 1766 schreibt er an Jorissen: „Hier kann man erkennen lernen, wie die Weisheit Gottes die Ungelehrten durch die allergeringsten Haus- und Feldumstände lehrt. Wollten Sie aber eine genauere Beschreibung von meinem Haus und von den Oettinger Leuten usf. haben, so befindet sich in Düsseldorf eine Jungfer Jakobine Klein, welche sich zwei Jahre lang hier aufgehalten und eine gute Impression von der hiesigen Art des Christentums bekommen hat. Seitdem sie fort ist, ist das Werk Gottes hier in einen noch besseren und richtigeren Gang gekommen.“ Freilich schon ein Vierteljahr später lautet es anders (3. Juli 1766): „Dass Sie die Jungfer Klein haben kennen gelernt, ist mir lieb. Sie hat großes Wesen vom Reich Gottes allhier gemacht; aber es ist sehr verborgen und es geht nicht mehr so zu, wie zu ihrer Zeit; sondern räudige und gesunde Schafe laufen durcheinander in Gemeinschaft. Der Herr wirds schon auseinander lesen. Die recht gesunden verlieren nichts, sondern werden besser.“

Auch in Hülben, dem Filial von Oettingen, brachte der von Fricker ausgestreute Samen köstliche Früchte. Während er als Oettinger Helfer die Filialgemeinde zu versehen hatte, kam er natürlich oft in das dortige Schulhaus, welches für den Geistlichen das Absteigequartier war. Der Schulmeister Wilhelm Kullen und seine Gattin waren damals noch unerweckte Leute; aber das Wesen ihres eingekehrten, nicht viele Worte machenden Pfarrers und sein entschiedenes Zeugnis der Wahrheit blieb nicht ohne Eindruck.

Die Schulmeisterin entdeckte endlich Frickern ihr Herz; dieser aber sagte nur: „Frau Schulmeisterin, lese Sie die Römerepistel!“ Als sie damit fertig war, meinte sie: „Herr Pfarrer, die Römerepistel ist für die Oettinger, aber nicht für die Hülbener.“ Sie meinte wohl, es gebe in ganz Hülben keinen Menschen, der so schlimm sei, wie der Römerbrief gleich in den ersten Kapiteln den natürlichen Menschen beschreibt; in Oettingen möge es etwa solche Leute geben. Fricker antwortete: „Frau Schulmeisterin, lese Sie die Römerepistel noch einmal!“ Und es stand nicht lange an, so musste sie sagen: „Herr Pfarrer, die Römerepistel ist auch für die Hülbener, ist auch für mich!“ Fricker sagte: „Nun ist Ihr ein Licht aufgegangen und beim Licht lernt man.“ Ihrem Beispiel folgte auch ihr Gatte. Ihr Haus wurde schließlich das Stammhaus für das geistliche Leben, das von da an in Hülben sich viele Jahrzehnte lang entfaltete und die ganze Umgegend auf weithin befruchtete.

Fricker pflegte auch mit gleichgesinnten Amtsgenossen z. B. K. H. Rieger, Hellwag, Huzelin, M. F. Roos, Denk, brüderliche Verbindung. Im April 1763 schreibt er diesem Brüderkreis: „Die liebreiche Aufnahme in eure Korrespondenz ist mir ein wichtiger Ersatz dessen, was mir sonst an Umgang mit meinesgleichen entgeht. Mit dem lieben seligen Seiz habe ich mich genau und wohl verstanden; der Herr wird auch euch für die Huld segnen.“ Freilich tauchten wie zwischen Oetinger und den älteren Schülern Bengels, so auch zwischen Fricker, der in Oetingers Fußstapfen trat, und den jüngeren Schülern Bengels bald allerlei Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse auf.

Er schreibt am 25. Oktober 1765 an Jorissen: „Ich muss eine Zeit her erfahren, dass sich die gelehrten Brüder in meinem Lande, deren die meisten geraden Herzens sind, an mir stoßen und mich nicht verstehen wollen. Ich merke, dass ich durch Umgang mit einfältigen Seelen und ungelehrten, aber in der Gnade Jesu wohl gegründeten Brüdern dazu komme, dass ich viel gerader aus dem Herzen von der Wahrheit reden lerne, als ichs sonst getan. Da will mir der Anstoß mit gelehrten Brüdern sehr empfindlich fallen. Es ist mir manchmal, wie wenn sie um ihrer angewöhnten Lehrform und daraus vermeinten Deutlichkeit willen fast keinen gesunden Menschenverstand mehr hätten. Ich ziehe mich von ihnen aber durch die Barmherzigkeit des Herrn nicht zurück, sondern bleibe in der Bruderliebe und richte nicht über sie weiter als so viel, dass sie doch den Herrn und die Wahrheit, so weit sies erkennen, von Herzen lieben und suchen. Aber mein feuriger Eigensinn wird gewaltig darunter zerquetscht und zermalmt. Unter allem diesem spüre ich hingegen, wie ich zu einer gewissen innerlichen Freiheit des Geistes durchzubrechen anfange, Kinder Gottes ohne zärtliche Anhänglichkeit und bloß im Herrn selber zu lieben, mich von ihnen gerne richten und verdammen zu lassen. Denn viele sehen mich schon als einen schädlichen Menschen an, der junge Studenten<mfn>Wie seinerzeit zu Steinhofer, so kamen auch zu Fricker erweckte Studenten von Tübingen, um seine Belehrung zu genießen. Er war freilich anderer Art, als Steinhofer; er war wesentlich Theosoph wie Böhme und Oetinger; daher wohl auch das Misstrauen anderer Pfarrbrüder, welche sich einfach an die Bibel und die kirchliche Lehre hielten.</mfn> verderbe. ich muss leiden, dass manches Kind Gottes meine Freiheit in Christo auskundschaftet und hintennach verspottet oder über mich urteilt, ich sei eben ein besonderer Mensch, habe nicht ordentlich studiert, habe auf Reisen ein freidenkerisches Wesen angenommen, habe besondere natürliche Gaben u. dergl., dass man andere vor mir warnt usw. Aber ich sehe wohl, ich verliere an der Gemeinschaft des Herrn und am wahren Segen nichts, ob man schon mir auch vorwirft, wie viel ich denn neuerweckte Seelen in meiner Gemeinde habe? Ich habe wenigstens gegen 12 neu angefasste. Das ist in meinen Augen gar nicht wenig; aber ich lasse es nicht so bekannt werden.“ Am 3. April 1766: „Bei manchem der Brüder, mit dem ich in Verstöße geraten, hat sich die Liebe auf recht göttliche Art erneuert, doch so, dass man jetzt erst merkt, wie erstaunlich verschieden man ist im Denken, Amtsführung, Gesuch, Sprache usw. Mit andern stehe ich noch gleichsam in einem hangenden, nicht vollkommen ausgesöhnten Stand. Aber es ficht mich nicht an. Es findet sich alles in Gott wieder, was sich durch die subtile Verunreinigung von Babel her 100 Meilen Wegs voneinander verloren. Man muss eben nicht so schnell von außen Frieden machen und nur menschenfreundlich werden; sondern die Wahrheit will durch allerlei Höllenriegel, die ihr von der Vernunft und dem fleischlichen Sinn vorgeschoben werden, selbst durchbrechen. Da wird sie hernach auch zugleich der Versöhnungsgrund.“ Etliche Wochen später: „Ich habe zwar von den Verstößen mit meinen Brüdern im Land viel Nutzen gehabt, und wo der Verstoß am heftigsten, war der Nutzen am größten, und da wird wirklich die Liebe recht eifrig und gerad, aber der Herr kann uns nicht so eben auf unserm guten Fußpfad fortbringen. Es muss unser Herz in der Bruderliebe und Wahrheit probiert werden; das geringste Urteil über den andern muss offenbar werden, dass wir uns erst recht in unsrer Torheit und Eigensinn finden mögen.“

Nur 4 Jahre dauerte Frickers Wirksamkeit im eigentlichen Predigtamt. Im Frühjahr 1766 erkrankte er an einem Katarrhfieber, das sich nicht mehr recht geben wollte. Zu Ende Mai schreibt er an Jorissen: „Ich bin seit einem Vierteljahr an einem Katarrhfieber krank. Vor acht Tagen bekam ich einen Rückfall mit großer Hitze, welche nun gebrochen ist. Der Katarrh ist noch sehr heftig. Was der Herr weiter vor hat, will ich erwarten. Er handelt barmherzig mit mir; er wird mich reinigen in seiner Versöhnungsgnade, dass ich selbst in meinem Gang gewisser und in seinem Amt durch seinen Geist brauchbarer werde.“ Am 3. Juli berichtet er demselben: „Es bessert sich merklich, doch langsam, und ich habe alle Kräfte des Leibes verloren. Die Barmherzigkeit des Herrn nimmt sich aber meiner Seele dabei treulich an und führt mich durchs Gefühl meines Verderbens in die Gnade der Versöhnung genauer ein, dass ich ernstlicher im Licht Gottes und der Gnade Jesu mich halten lerne.“ An seine Korrespondenzbrüder: „Ich bin nun auch einer von den kranken Brüdern geworden, die der andern Liebe so besonders angelegen sind. Die innerliche Gemütsursache beim Anfang meiner Krankheit brachte die Versicherung mit sich, dass sie nicht zum Tode sei, sondern zu besserer Gründung und Geradstellung in der Wahrheit. Aber ach, wie langsam geht das! Was ist das für eine Geduld Gottes über mich und für ein Nachgehen! Die Brüder haben meistens über meine Krankheit gestutzt, weil ich manchem im vorigen Jahr wehe getan und jetzt vom Herrn in die Zucht genommen worden. Sa ich erkenne selbst, dass sie mir zu diesem Zweck recht heilsam ist; doch finde ich keine Beschuldigung in meinem Gewissen, dass mein Herz gegen irgendeinen in Unfrieden und Unruhe geraten wäre, ob ich schon die genaue zärtliche Liebe nicht getroffen; aber wenn man das: habt Salz bei euch selbst usf. auch bei Brüdern in einen engen Sinn zieht, so verliert man die genaue Herzensgemeinschaft endlich gar.“

Die treueste Pflege von Seiten der liebenden Gattin und alle Sorgfalt der geschicktesten Ärzte vermochte dem hektischen Fieber, das seine Kräfte verzehrte, nicht Einhalt zu tun. Er selber aber genoss stillen Frieden und ergab sich ganz in den Willen des Herrn. Endlich ward es auch ihm gewiss, dass die Krankheit sein Ende herbeiführen werde. Sein Freund Viktor Köstlin, Diakonus in Esslingen, ein echter Sohn des trefflichen Seniors Kosman Friedrich Köstlin, wurde Ende August durch eine Lungenentzündung auch auf das Krankenlager geworfen und ging mit raschen Schritten seiner Auflösung entgegen. Auf seinem Sterbette betete er noch: „O lieber Heiland, ich flehe als ein armer unwürdiger Sünder, als ein schwacher Anfänger, wie wenn ich das erste Mal deinen Namen anriefe: Es wird noch einer deiner treuen Knechte in diesen Tagen aus der Welt gehen, erlaube uns, dass wir dich sehen. Ich bin freilich noch lange nicht wie Seiz, den du auch so frühe aus der Welt genommen; doch hoffe ich, du werdest auch für mich die rechte Stunde treffen.“ Köstlins Ahnung ging in Erfüllung. Er selber starb am 1. September und Fricker am 13. September 1766.

Köstlins Ausspruch machte diesem den tödlichen Ausgang seiner eigenen Krankheit gewiss und als ihn jemand fragte: „hast du noch kein näheres Zeugnis von der Gewissheit deines Sterbens empfangen?“ so antwortete er: „ja durch den Köstlin.“ „Bist du es zufrieden, wenn dich der Herr heimruft?“ „Ja, hier bin ich, wenn er Lust zu mir hat.“ Sein ganzes Bezeugen war Stille mit merkbarem, anhaltendem Aufsehen auf Jesum, dem er auch im Sterben ähnlich sein wollte. Sein intimster Freund, Pfarrer Huzelin von Steinenbronn, hielt ihm die Leichenpredigt über den von dem Verstorbenen gewählten Text Ps. 25, 9 f.: „Der Herr leitet die Elenden im Recht und lehrt die Elenden seinen Weg. Alle Wege des Herrn sind Güte und Wahrheit denen, die seinen Bund und seine Zeugnisse halten.“

Fricker hinterließ nur wenig Schriftliches. Am bekanntesten wurde seine „Weisheit im Staube“ d. i. Anweisung, wie man in den allergewöhnlichsten und gemeinsten Umständen, die man gleichwie Staub gering ansieht und wenig beachtet, auf die einfältig leitende Stimme Gottes bei sich merken soll. Das Schriftchen war in gewissem Sinn die Frucht seines Umgangs mit den Brüdern in seiner Gemeinde, welche ihm als lebendige Exempel einer schriftmäßigen Sittenlehre erschienen und aus deren Führungen und Reden er nach und nach manches auffasste. Er sah es als einen Mangel seiner Zeit an, dass viele Erweckte bei der Rechtfertigung stehen bleiben und sich nicht im Wachstum ihres Sinnes recht erweitern lassen und daher manchen Leichtsinn, Rückhalt, Selbstklugheit für Freiheiten halten oder höchstens für Fehler, die man eben nicht vermeiden könne, und auf der andern Seite alle Anweisungen, welche zeigen, wie wir nach dem Sinn Jesu in der Welt sein sollen, für etwas Gesetzliches ansehen. Diesem Abweg zu begegnen, stellte Fricker seine Anweisungen zusammen, ohne sie jemand aufdrängen zu wollen.

„Regeln oder Anweisungen,“ meint er, „sind gesetzlich, wenn sie kurzum auf gewisse Taten und genaue Ausübungen dringen. Sie können aber evangelisch sein, wenn sie nur den Sinn des Menschen durch Vorhaltung des Sinnes Gottes, wie er sich bei diesem oder jenem Umstand von selbst eröffnet, einzurichten suchen; denn da wird dem Menschen lauter Glauben durch ein Gemerk, dass dieses oder jenes wirklich Gottes Sinn ist, anerboten.“ Welche feine und tiefe Weisheit Fricker wirklich aus dem Staub der geringsten Umstände geschöpft hat und der Gemeinde darbietet, zeigt schon der erste Abschnitt der „Weisheit im Staube.“

1) „Ohne die Erkenntnis Gottes und Christi hast du kein geistliches oder innerliches Leben. Stelle Gott nicht so von dir und von der ganzen Welt hinweg, als einen gewaltigen Herrn, dem du etwa zuerst ums Brot, hernach um deiner Sünden willen gute Worte geben oder wieder etwas erstatten müsstest. Merke wie er sich in seinem Wort als die Quelle alles Lebens geoffenbart. Er ist in allem und durch alles; er wirkt in allem dahin, dass er dich auf dein Hauptanliegen und zur rechten Hilfe bringe.

2) Erkenne die in Christo über alle Welt geschehene Versöhnung, welche Gott nun einem jeden anbietet, und merke dagegen auf den Mangel und Schwachheit deines Glaubens. Bist du nicht gleich verzagt und verdrossen, wenn du ein Vergehen oder Unart an dir sehen musst? Der Herr hat so viel Geduld und Vergebung für dich, und du willst aus Ungeduld und innerlichem Grimm ohne Beugung und Erkenntnis deiner selbst dahin fahren? Halte doch still unter der äußersten Verwirrung, Finsternis und Gefangenschaft, so wird der Überschwang der Gnade dir offenbar werden.

3) Besonders irre dich nicht an Gottes Führung. Du willst z. E. Gott ruhig dienen und alles ist dir doch im Weg? Ja, das ist eben Gottes Weg mit dir, dass du sollst beunruhigt werden, damit du darunter dein Herz erst kennen lernest, darum muss oft so gar vieles gerade deinem bestgefassten Sinn entgegenlaufen; dein Inneres muss immer tiefer ausgerührt, vom Licht Gottes durchsucht und mit dem Blut Christi durchläutert werden.

4) Bei der göttlichen Führung, wenn dir manchmal etwas klar wird, mache dir nichts zur Regel. Begegnet dir heute ein Gleiches wie gestern, so gib acht, ob der Herr dir nicht etwas weiteres zeigen will. Der Sinn des Geistes ist unendlich, er dreht sich immer und will dich gleich wieder in etwas Helleres, Zarteres und Göttlicheres führen aus den besten noch menschlichen Meinungen.

5) Bleibe nicht am Bildlichen in der Erkenntnis hangen. Jeder wahrhafte Blick auf Jesum muss in dir unter dem Gefühl deines Nichts erst geboren werden. Aufweckende und gefühlige Redensarten eines schon gefassten Sinnes nützen nichts; denn der Sinn muss selbst immer neuer und geistlicher werden. Lass nur besser Seele und Geist, oder den zweifachen Willen in dir (nach Röm. 7) scheiden, und bleibe in dieser Geburt unter dem Kreuz Jesu stehen, so werden dir alle Worte Jesu nach einem immer weiteren, reineren und völligeren Verständnis aufgeschlossen werden.“

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