Stephan Agricola

Stephan Agricola

Stephan Agricola, sonst Castenbauer genannt, war in Bayern geboren und Lutheri Zeitgenosse, studirte zu Wien, wurde Baccalaureus Theologiae und trat in den Augustinerorden, reisete nach Italien, studirte noch drey Jahre zu Bononien und ward zu Venedig mit grossem Ruhme Doctor der Gottesgelahrheit. Er soll zu Wien lange Zeit die Theologie gelehrt und an die zehn Jahre das Dekanat der theologischen Fakultät bekleidet haben, auch vielleicht vorher schon, Lector Theologiae bey den Augustinern zu Regensburg gewesen seyn. Hierauf wurde er Beichtvater der Prinzessin Anna, König Ludwigs in Ungarn Schwester, der Braut und nachmaligen Gemahlin Kaisers Ferdinand des Ersten. Eben dieses Amt versah er hernach bey dem Erzbischof und Kardinal Matthäus Lang zu Salzburg, bey welchem er anfangs in großen Gnaden stand. Die Hohnsprache, mit welcher Johann Eck auf Luthern in Schriften und Predigten losstürmte, bewog ihn und viele Mönche, Luthers Bücher zu kaufen. Er fand die alten Volksmeinungen und Vorurtheile und die seit Jahrhunderten verunstaltete Religion, mit Luthers Schriften in hellem Widerspruch stehen, wurde evangelisch gesinnt, fing an, die Mißbräuche in Predigten anzugreifen und die Wahrheit muthig zu vertheidigen. Darüber ward die katholische Geistlichkeit erbittert, und der Erzbischof ließ ihn nach Mühldorf am Inn ins Gefängniß bringen, worinn er beynahe drey Jahre blieb. Hier wurden ihm auf Befehl des Erzbischofs durch den D. Nicolaus Reibeisen vier Artikel zum Bekenntniß vorgelegt, welche das Ansehen des Pabstes, der Concilien und der Kirchenväter betragen, und da er sich weigerte sie anzunehmen, wurde er mit der Tortur, Schwerd und Feuer bedrohet. Man schob endlich die Schuld des Bauernaufstandes im Salzburgischen auf den Agricola, um ihn unter diesem Vorwande in einem alten Thurm an der Stadtmauer zu Salzburg lebenslang zu verwahren; heimlich aber machte man Anstalt ihn samt dem Thurm mit Pulver in die Luft zu sprengen, und dann vorzugeben, es sey Feuer vom Himmel gefallen, den Ketzer zu verbrennen. Der Blitz schlug aber in den Thurm, ehe Agricola in denselben gebracht war. Die Sache wurde durch den dazu erkauften Mann, der das Pulver anzünden sollte, entdeckt, es entstand ein Aufruhr und man mußte im Jahre 1524 den Gefangenen, aus Furcht vor dem Volk loslassen.

Er wurde in demselben Jahre Prediger an der Annenkirche in Augsburg, disputirte 1527 auf obrigkeitlichen Befehl mit den Widertäufern, und wurde 1529 auf das Colloquium nach Marburg gesandt. 1530 mußte er währen des Reichstages mit den übrigen evangelischen Predigern die Stadt Augsburg verlassen und kam in Markgraf Georgs zu Brandenburg Dienste. Im folgenden Jahre wurde er nach Augsburg zurückberufen. Als aber Oekolampad und Bucer sich Freunde in Augsburg erwarben und Michael Cellarius ihm Verdruß machte, verließ er mit Urban Regius und Johann Rana noch in selbigem Jahre die Stadt. Markgraf Georg berief ihn als Prediger nach Hof, wo er 1537 die schmalkaldischen Artikel unterschrieb.

Endlich brauchte ihn der Pfalzgraf Otto Heinrich bey dem Reformationswerke in der obern Pfalz und schickte ihn nach Abschaffung des letzten katholischen Plebani Paul Hirschbecks 1542 nach Sulzbach, wo er die erste evangelische Predigt am 2. Sonntage nach Trinitatis hielt, und 1547 berief ihn Graf Albrecht von Mansfeld nach Eisleben, dort starb er in den Ostertagen 1547.

Geschichte des auf dem Reichstage zu Augsburg im Jahre 1530 übergebenen Glaubensbekenntnisses der Protestanten, nebst den vornehmsten Lebensnachrichten aller auf dem Reichstage zu Augsburg gewesenen päpstlich und evangelisch Gesinnten. Von Heinrich Wilhelm Rotermund, Pastor Primarius am Dom zu Bremen, der Theologie und Philosophie Doctor. Hannover im Verlage der Helwingschen Hof-Buchhandlung 1829

Kommentare sind geschlossen.