Sebastian Fröschel

Sebastian Fröschel

Sebastian Fröschel, geb. zu Amberg den 24. Febr. 1497, studirte zu Leipzig vorzüglich unter dem durch Gelehrsamkeit und Lauterkeit ausgezeichneten Georg Heltus von Forchheim, welchem auch Camerarius, Fröschel’s Studiengenosse und Freund, Creutzinger und Fürst Georg von Anhalt einen bedeutenden Theil ihrer Bildung verdankten. 1519 wurde er als junger Magister durch die Disputation Luther’s und Carlstadt’s mit Eck, die er mit der grössten Spannung anhörte und in einer besonderen Druckschrift beschrieben hat, für die reformatorische Bewegung gewonnen. Vom Bischofe zu Merseburg, dem Fürsten Adolph von Anhalt, 1521 zum Priester geweihet, gab er bald durch evangelisches Wesen, vorzüglich durch Einstellung der Privatmesse, Anstoss. Den Verfolgungen der Mönche entging er durch seine Übersiedelung nach Wittenberg (1522), wo er unter den Reformatoren gründlich studirte. In der ersten Zeit war es vor Allen Bugenhagen, der durch die Erklärung der Paulinischen Briefe segensreich auf ihn einwirkte, auch ein grosses Wohlgefallen an Fröschel fand, was er u.A. dadurch bewies, dass er ihn an seinen Tisch nahm.

Auf Bitten der evangelisch Gesinnten in Leipzig hielt Fröschel um Michaelis 1523 in der vor dem Grimmaer Thore belegenen Hospitalkirche eine Predigt. Durch Verschluss der Kirche wurde eine zweite verhindert, aber ein Volksauflauf herbeigeführt, den Fröschel selbst zerstreuen half. Er wurde hierauf vor den Bischof nach Merseburg gefordert. Vierzig berittene Bürger waren bereit, ihn zu begleiten, aber nur zwei liess er sich gefallen. Im Verhöre warf ihm der Bischof u.A. vor, er predige nicht das Evangelium, sondern eine neue Lehre, und auf seine Frage, welches die neue Lehre sei, erwiderte der Bischof: Die, dass uns Christus allein selig mache. In Leipzig, wohin Fröschel ungestört zurückgekehrt war, wurde er auf den Befehl des dort erschienen Herzogs Georg verhaftet. Die Rathsherren waren gerade auf des Stadtrichters Hochzeit und sandten ihm Speise und Getränk in’s Gefängniss; aber Fröschels mochte Nichts geniessen. Er fragte den Gefängnisswärter nach der Ursache seiner Haft und erhielt zur Antwort: Lieber Herr Magister, verleugne Er Seinen Herrn Christum nicht, sondern bekenne Er ihn frei und öffentlich. Daraus erkannte Fröschel, warum er gefangen war, und sein Herz wurde fröhlich. Er ass und trank und las darauf in voller Ruhe seinen Paulus. Bald darauf wurde er auf das Schloss vor den Herzog beschieden. Dieser warf ihm vor, wie er, der in seiner Universitätsstadt Leipzig ein schön Fröschlein gewesen, in der Ketzergrube zu Wittenberg durch eingesogenes Gift zu einer Kröte geworden sei, welche Kirchen und Schulen in Leipzig habe vergiften wollen. „Wir befinden,“ so lauteten die Anklagepunkte: „1. dass ihr ungehorsam gewesen seid Uns, indem ihr wider unser Gebot in Wittenberg studirt habt, 2. dem Bischofe zu Merseburg, dass ihr wider sein Gebot in Leipzig gepredigt habt, 3. der heiligen römischen Kirche, dass ihr keine Platte habt, daraus denn folgt, dass ihr mehr luthersche Zeichen und Stückwerk an euch habt.“ „Darum haben wir euch“ – so lautete das auffallend milde Urtheil – „also strafen wollen, dass sich das ganze Land daran stiesse. Aber aus Fürbitte unserer Universität, deren Gliedmaass ihr auch seid, wollen wir euch diese Gnade erzeigen, dass ihr euch morgen bei Tage aus unserer Stadt und Land wegmachet und euch darinnen nicht finden lasset, so lange bis Das anders wird. Wo man euch indessen darinnen ergreift, soll man euch an den Pranger binden und daran eine Platte, so gross und breit, als ein Abt hat, raufen und mit Ruthen zum Lande hinausstreichen. Darnach wisset euch zu achten.“ Fröschel kehrte nach Wittenberg zurück und wurde 1524 auf Bugenhagen’s Vorschlag als dritter Diaconus an der Stadtkirche zu Wittenberg angestellt. Seine Hauptfunctionen bestanden in der Vesperpredigt, im Beichtehören, in der Seelsorge bei den Gefangenen und der Krankenhauspredigt. Sein Beruf und die Freundschaft der Reformatoren machten dem überaus anspruchslosen Manne den Aufenthalt in Wittenberg so theuer, dass er keine Vocation in eine andere Stadt annahm, obwohl er erst 1546 Archidiaconus wurde und ein weiteres Aufsteigen in Wittenberg nicht erwarten konnte. Überdies hatte er „die Münzen anderer Orte kennen gelernt.“ In der Widmung seiner drei Predigten von den Engeln u.s.w. an den Rath zu Wittenberg vom 1. Mai 1563 spricht er seine grosse Freude über das ihm beschiedene Leben, Lernen und Wirken in dieser Stadt folgendermaassen aus: „Ich danke dem allmächtigen, wahrhaftigen, lebendigen Gott, ewigem Vater unsers Herrn Jesu Christi, Schöpfer und Erhalter aller Dinge, sammt seinem ewigen Sohne Jesus Christo und heiligen Geiste für alle seine Wohlthaten, so er mir und den Meinen mein ganzes Leben lang erzeiget und beweiset hat, sonderlich für diese nachfolgende Stücke: Erstlich, dass er mich armen, elenden Menschen vor 41 Jahren gen Wittenberg gebracht, dass ich daselbst in Kirchen und Schulen diese grossen, trefflichen, gelehrten, heiligen Männer gesehen und gehört habe, als unsern lieben Vater und Herrn Doctor Martinum Luther seligen, den theuern Mann, Herrn Philippum Melanthon seligen, Doctor Johannem Bugenhagen Pomeranum und Pastorem der Kirchen zu Wittenberg, item Doctor Justum Jonam, Thumprobst seligen, item Doctor Caspar Creutziger seligen, item Doctor Johannem Försterum seligen, item Doctor Georgium Majorem, Doctorem Paulum Eberum, jetziger Zeit der Kirche zu Wittenberg Pastorem, Doctorem Paulum Crellium und Andere viel mehr, welche ich alle nicht allein gesehen und gehört habe, sondern auch unter und neben ihnen Allen im Ministerio ecclesiastico durch Gottes Gnade nach meinem geringen Vermögen treulich gedient habe, mit Predigen, Sacramentreichen, Beichthören, Kranke zu besuchen, Gefangene zu trösten, also, dass ich nun der älteste Diener des heiligen Evangelii zu Wittenberg bin, Gott sei Lob, der gebe forthin länger mir Gnaden. Amen. Ich mag mich auch Dieses dabei rühmen, Christo Jesu zu Lob und Ehren, der solches Alles selber gethan und ausgerichtet hat, dass alle Kranken, so ich besucht habe, diese 39 Jahr über, und so entschlafen und verschieden sind, seliglich in Christo entschlafen sind. Dazu alle Gefangenen, die man allhie zu Wittenberg und anderswo gerichtet hat, bei denen ich gewesen bin (derer sehr viele sind), dass derselben keiner ein unchristlich Ende genommen, sondern alle wohl und christlich gestorben in rechtem Erkenntniss und Anrufung Christi, und mit diesen Worten ihren Geist aufgegeben: O Herr Jesu Christe, in deine Hände befehle ich meinen Geist, du hast mich erlöset, Herr, du treuer Gott“ u.s.w. Ein anderes Mal erklärte er sich bei seiner mässigen Einnahme für glücklicher, als wenn er anderswo die Einkünfte eines Cardinals bezöge. Diese Zufriedenheit trübte sich auch da im Geringsten nicht, als nach Bugenhagen’s Tode (1558) bei der Besetzung des Pastorats an der Stadtkirche Paul Eber ihm vorgezogen wurde. Er starb nach einer gesegneten, über Wenigem getreuen Wirksamkeit am 20. Dec. 1570.

Fröschel war weder durch Gelehrsamkeit, noch durch glänzende reformatorische Thaten hervorragend. Sein ganzes Element war die pastorale Praxis. Alle Wissenschaft, die ihm aus dem verehrten Kreise, in dem er verständnissinnig sich bewegte, so reichlich zufloss und alle Erfahrungen, die in Wittenberg’s frohen und trüben Tagen und durch die specielle Praxis selbst ihm dargeboten wurden, machte er in demüthiger Stille und Treue für seinen Beruf fruchtbar. Zu den weltgeschichtlich so viel beschäftigten Reformatoren in Wittenberg bildete er eine nothwendige Ergänzung. Besonders begabt war er als Privatseelsorger für alle Stände und in den verschiedensten Situationen. Auch Bugenhagen’s letzte Stunden hat er durch seinen Zuspruch erleichtert. Als Prediger zeichnete er sich durch Lehrhaftigkeit, Glaubesinnigkeit, Übersichtlichkeit und Verständlichkeit seiner Vorträge aus. Luther hörte sie fünf Jahre lang, und Bugenhagen sprach sich besonders lobend über seine Katechismuspredigten aus. Letztere trug Fröschel aus Luther’s und Melanchthon’s Schriften in eine Form zusammen, die er in späteren Vorträgen beibehielt, „wie denn Solches zu fruchtbarer Unterrichtung der einfältigen und jungen Leute D. Martinus Luther selbst für hochnöthig geachtet und oft gesagt hat, dass Dieses den ungelehrten Laien eine grosse Verhinderung sei, so man den Katechismus eine Weile auf diese Weise, eine Weile auf eine andere handele und also das gemeine, ungelehrige Volk mit solcher Ungleichheit nur irre und zu lernen unlustig mache. Da ich nun auf nachgeschriebene Weise den Catechismus einmal, zwier gepredigt, hat dieselbe meinem lieben Pastori D. Bugenhagen Pommern seligen so wohl gefallen, dass er mir befahl, bei derselben zu bleiben, auch andere meine Mitdiener des heiligen Evangelii eben dieselbe Weise zu gebrauchen vermahnet“ (Vorrede zu den Katechismuspredigten).

Die Definition zu allen Predigten Fröschel’s hat Melanchthon geliefert, zu denen über das ganze Evangelium Matthäi sogar die vollständigen Skizze, so dass die 1558 lateinisch erschienen Vorträge zu den Werke Melanchthon’s gerechnet werden. Die Methode Fröschel’s ist vorherrschend die thematisch-synthetische. Hierin könnte, in Verbindung mit dem Melanchthonschen Einfluss, die Annahme von einer synthetisch predigenden Melanchthonschen Schule einen Anhaltspunkt finden, wäre der Fall nicht zu selten und hätten nicht andere, von Melanchthon dialectisch influenzirte, Prediger die analytische Form beibehalten oder (wie Major und Georg von Anhalt) nur so geringe Ansätze und Anfänge der synthetischen Methode aufzuweisen, wie sie auch bei Rednern vorkommen, die man als specifisch-melanchthonisch weder betrachten kann, noch betrachtet hat (vgl. Urbanus Rhegius und Cölius). Auch sind Fröschel’s Predigten keineswegs bis in’s innerste Geäder von Melanchthonscher Dialectik durchzogene Producte; vielmehr bilden die nach Melanchthon’s Definition entworfenen Skizzen nur den Halt seiner Betrachtungen und biblischen Ausführungen. Fröschel war eine durch und durch erbauliche Natur, im Grunde mit Luther verwandter, als mit Melanchthon. Aber er benutzte die Handreichung Melanchthon’s, seine Gedanken in Ordnung zu bringen, was demnach nicht durch einen dialectischen Denkprocess, sondern durch Anknüpfung an ein Schema geschah. Einigen Predigten fehlt der Text, dessen Stelle die Definition vertritt; die aus derselben abgeleiteten Sätze werden aber reichlich mit Bibelstellen belegt.

Von Fröschel’s Schriften sind zu merken: Kurze Auslegung etlicher Capitel des Evangelisten Matthäi, als das 5. 6. 7. und 8., geprediget durch M. Seb. Fröschel. Wittenb. 1559. 8. Katechismus, wie der in der Kirche zu Wittenberg nun viele Jahre, auch bei Leben D. Martini Lutheri, ist gepredigt worden, durch S. F. Wittenb. 1559. 8. Von den heiligen Engeln, vom Teufel und des Menschen Seele. Drei Sermon, mit des Herrn Philippi Melanthon Erklärung geprediget. Wittenberg 1563. 8. (Diese Predigten sind nicht erst 1563, sondern „viele Jahre auf das Fest Michaelis mit Gottes Hilfe gethan.“) Vom Königreiche Jesu Christi und seinem ewigen Priesterthum. Wittenb. 1566. 8.

Siehe Curiöse Nachr. von dem Leben eines der ältesten Diener des Evangelii zu Wittenb. M. Sebastian Fröschel’s. Leipz. 1722. 8. Rotermund, Erneuertes Andenken der Männer, die für und gegen die Reformation gearbeitet haben. Bd. 1. Bremen 1818. S. 375 ff.

Die bedeutendsten Kanzelredner der lutherschen Kirche des Reformationszeitalters, in Biographien und einer Auswahl ihrer Predigten dargestellt von Wilhelm Beste, Pastor an der Hauptkirche zu Wolfenbüttel und ordentlichem Mitgliede der historisch-theologischen Gesellschaft zu Leipzig Leipzig, Verlag von Gustav Mayer. 1856

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