Berthold Haller

Berthold Haller

Wie wunderbar weise und oft gar nicht nach der Menschen Gedanken der Herr seine Rüstzeuge wählt, das zeigt sich auffallend in der Geschichte der Kirchenverbesserung von Bern. Was der Glaubenstrotz eines Luther, der Feuereifer eines Zwingli, die eiserne Unbeugsamkeit eines Calvin unter den gegebenen Umständen wohl eher verdorben als erzwungen hätten, das gelang dem stillen, geduldigen Wirken eines weit weniger hervorragenden Mannes, dessen Lebensbilde wir daher am Liebsten die Worte vorsetzen möchten: Wir tragen aber solchen Schatz in irdischen Gefäßen, auf daß die überschwengliche Kraft sei Gottes und nicht von uns.

Bertold Haller war 1492 in dem schwäbischen Dorfe Aldingen von unbemittelten Eltern geboren, besuchte zuerst in dem nahen, den Schweizern verbündeten Rotweil die Schule des Mich. Roth, nachher die noch berühmtere unter G. Simmler zu Pforzheim, wo er auch den jungen, sinnverwandten, ihm lebenslang befreundeten Ph. Melanchthon kennen lernte. Zwei Jahre lang studirte er in Cölln, wurde dort Baccalaureus der Theologie, kehrte sodann noch Rotweil zurück und lehrte einstweilen in der Schule mit dem Vorsatze, später noch seine Studien in Freiburg fortzusetzen. Eben eröffneten sich ihm dafür günstige Aussichten, als Mich. Roth, nach Bern berufen, ihn bewog mitzugehen und ein nicht eben glänzend bedachtes Lehramt anzunehmen, welches ihm jedoch erlaubte, den Umgang und Unterricht seines geliebten Lehrers fortzugenießen. Im Jahre 1513 zu Bern angelangt, erwarb er sich, obwohl nur mittelmäßig gelehrt, durch sein sanftes, anspruchloses, fleißiges Wesen, wozu sich eine schöne Gestalt und ein beredter Mund gesellte, bald ansehnliche Gönner, so daß er nach und nach Kaplan der Pfisternzunft, Chorherr an St. Vinzenzen Münster und 1521 endlich auch Leutpriester wurde. Ihm standen zur Seite sein Landsmann, der kluge Arzt und Geschichtschreiber Val. Anshelm und der eifrig evangelische Barfüßer-Prediger Sebast. Meyer, nach dessen Vorgang Haller anfing, auf das Wort Gottes zurückzugehen, die 10 Gebote nach Luthers Auslegung zu erklären und die Misbräuche und Irrthümer mit schonender Hand und ohne voreilige Neuerungen aufzudecken.

Vieles hatte schon dem Evangelium in Bern vorgearbeitet, so der Betrug mit dem Schädel der St. Anna, der Greuel der Jezzergeschichte, das schreiende Aergerniß des Samsonschen Ablaßhandels. Franz Kolb, der strenge Sittenprediger, war zwar freiwillig weggegangen, aber Johannes Haller von Weil, Pfarrer zu Amsoldingen, trug die Fahne der Wahrheit hoch, ihn schäzten und schüzten die edlen Geschlechter von Wattenwyl und Mai und der Dichter und Maler Nikolaus Manuel schwang seine satyrische Geißel. Allein die Berner, mistrauisch gegen die Geistlichkeit und streng gegen ihre Uebergriffe, hingen dennoch als ein „tapfer und ungelehrt Volk“ mit ungemeiner Zähigkeit am Glauben der Kirche. Haller hatte daher keinen leichten Stand, indem er denselben, wenn auch mit großer Vorsicht nach der ihm gewordenen Erkenntniß anzugreifen wagte. Gelangte er doch selbst nur schrittweise durch das Lesen der h. Schrift und der Arbeiten Zwingli’s, so wie durch dessen persönliche Bekanntschaft und belehrenden Briefwechsel zu klarer und fester Ueberzeugung. Bald hieß er auch ein Schüler Zwingli’s und die Anfeindungen aus diesem Grunde wurden so stark, daß er schon ernsthaft daran dachte, Bern zu verlassen und mit Dr. Th. Wyttenbach von Biel in Basel den Sprachen obzuliegen. Wiederum war es Zwingli, der ihn an seinem Posten festhielt, ihm brieflich Geduld und Ausharren predigte und ihm anrieth, durch die äußerste Sanftmuth den stolzen und trotzigen Sinn der Berner zu gewinnen, die man nicht so rauh und scharf anfassen dürfe, wie er selbst wohl mit seinen Zürchern zu thun wage. Kaum hätte indessen der schüchterne Haller lange ausgehalten, ohne das Beispiel und die Unterstützung des kräftigern Meyer. Wie dieser unter viel Widerspruch, besonders der Dominikaner, die Glaubensartikel und die Briefe Pauli auslegte, so begann Haller gleichfalls in Abweichung von der bisherigen Uebung über das Evang. Matthäi fortlaufend zu predigen. Er sollte darüber vor dem Rathe sich verantworten, welcher ungleich gesinnt, mehrentheils jedoch der neuen Lehre abgeneigt war; viel Volks versammelte sich bei’m Rathhause, die Sitzung war stürmisch; Haller’s Freunde gaben ihm den Wink sich zurückzuziehen und zu Hause unter ihrer Bewachung sich stille zu verhalten. Der Sturm ging unschädlich vorüber; auch das Auslieferungsbegehren des Bischofs von Lausanne wies man ab mit dem Anerbieten, ihm zu Bern selbst gut Recht zu halten. So geschah es wirklich mit G. Brunner, Pfr. zu Kleinhöchstetten, welcher heftigen Predigens wegen angeklagt, vor eine geistlich-weltliche Commission gestellt – Haller war Mitglied und Aktuar derselben – und von ihr freigesprochen wurde. Die Sache des Evangeliums schien in stätem, wenn auch langsamem Wachsen begriffen; die Prediger wurden zwar nicht sehr begünstigt, aber doch gegen die Zumuthungen der Bischöfe und altgesinnten Eidgenossen, so wie gegen Verleumdungen ihrer Widersacher in Schutz genommen; Haller konnte rühmen, die Berner hätten einen wahren Hunger nach dem Worte Gottes und bald werde es schwer halten, die reine Lehre zu unterdrücken, wie sehr auch ein großer Theil des Adels aus weltlichen Rücksichten ihr feind sei. Allein diese Gegenparthei sah die Gefahr und regte sich heftiger; Befürchtungen und Zuflüsterungen, wie sie z. B. der Vikar von Constanz, Joh. Faber ausstreute, „jetzt gehe es über die Pfaffen her und darnach über die Junker“, machten auch Wohlgesinnte stutzig und rückgängig; die Eidgenossen warnten und drohten, die alte Ordenseifersucht gegen die Barfüßer stachelte die Dominikaner zu leidenschaftlichen Angriffen von der Kanzel, welchen Meyer oder in dessen Abwesenheit Haller mit Nachdruck die Stange hielt. Immer schroffer gingen die Partheien auch im gemeinem Leben auseinander, immer ernstlicher wurde die bürgerliche Einigkeit, das Band des Gemeinwesens mit Auflösung bedroht, immer mehr das Volk durch die zweispältige Lehre beirrt und beunruhigt. Um diesen gefährlichen Riß zu heilen, erließ der Große Rath auf St. Viti und Modesti 1523 eine Verordnung, „daß nichts Anderes, denn allein das h. Evangelium und die Lehre Gottes öffentlich und unverborgen, und was sich Jeder getraue, durch die h. Schrift zu beschirmen, verkündet werden solle, und alle andern Lehren, Disputationen und Stempeneien, dem h. Evangelium und Schriften ungemäß ganz und gar zu unterlassen, sie seien von dem Luther oder andern Doktoren geschrieben und ausgegangen.“ – Dieß sollte gelten bis zu fernerer Erläuterung und wer dawider handle, den Andern Bub, Ketzer oder Schelm heiße, auf der Kanzel lehre, was er aus göttl. Schrift nicht erweisen könne, der sollte im Predigtamte eingestellt und sonst bestraft werden. – Offenbar war es damit zumeist auf die neuen, lutherischen Lehrer abgesehen, denen die Altgläubigen ein für allemal den Mund zu stopfen meinten, ohne Ahnung, daß sie mit dem folgenschweren Satz des alleinigen Ansehens der h. Schrift den Grundstein der Reformation in Bern unwiderruflich festgelegt hatten. So fängt der Herr die Klugen in ihrer List! Bald konnten sie es merken am unveränderten, ja noch freudigern, weil gesetzlich gesicherten Auftreten der evangelischen Lehrer, „und da sie es merkten, sagt ein Zeitgenosse, hat es sie bald gereut“.

Ein großer Schritt vorwärts war geschehen; aber wie Zwingli bei aller Freude darüber es seinen Vertrauten in Bern ankündigte, erst jetzt mußten die stärksten Rückwirkungen eintreten und ihre Geduld auf harte Proben gestellt werden. Die kathol. Orte lagen Bern mit Klagen und Hindeutungen auf Zürichs angeblich betrübten Zustand fortwährend in den Ohren. Auf einem Tage wurde sogar beschlossen, Zwingli gefangen zu nehmen, wo man ihn betreffe. Ein Gespräch im Nonnenkloster der Insel, wobei Haller, Meyer und Wyttenbach ihre Ansichten über das Verdienst der Ehelosigkeit, der Gelübde und des Klosterlebens aussprachen, wurde entstellt herumgetragen und von den Feinden der Prediger benutzt, um sie unter dem Vorwand eines alten Gesetzes als Verführer einer Nonne der Insel auf Tod und Leben zu belangen, – aus Gnaden jedoch, hieß es, wolle man sie nur – unverhört verweisen. Ihre Freunde schlugen sich in’s Mittel und bewirkten, daß sie angehört und mit dem Verdeuten entlassen wurden, ihrer Kanzel zu warten und des Klosters müßig zu gehen. Dafür aber mußte Anshelm bald hernach wegen ähnlicher unvorsichtiger Reden seiner Frau die Stadt verlassen. Immer noch hatte die alte Parthei im Kleinen Rathe die Oberhand, während die neue im Großen und in der Bürgerschaft zahlreiche aber vorsichtige Anhänger zählte. Daher ein sonderbares Schwanken, daher das Anschließen Berns an die kathol. Orte und doch wiederum Zusicherungen an Zürich, daß die feindselige Sprache nicht halb so ernstlich gemeint sei; daher die öftern strengen Strafbestimmungen gegen verehelichte Priester, Uebertretung der Fasten u. s. w., während man sich doch zugleich die freie und lautere Predigt des Gotteswortes ausdrücklich und ohne den Widerspruch zu merken vorbehielt. Man suchte beide Theile ängstlich in Schranken zu halten; ein Auftritt in der Dominikanerkirche, wo zwei Freunde des Evangeliums den Prediger Hans Heim der Unwahrheit beschuldigten, führte nach stürmischen Verhandlungen des Rathes dahin, daß zwar Heim – aber auch Meyer ihres Dienstes entlassen wurden.

Haller befand sich nun allein in der schwierigsten Lage, welcher er von Anfang an kaum gewachsen gewesen wäre. Doch der Herr hatte ihm bisher Freunde und Stützen gegeben und durch diese war er an Wissen und Charakter dermaßen erstarkt, daß er den Kampf auch einzig aufnehmen und fortführen konnte. Wirklich begann für ihn eine mehrjährige Prüfungszeit, von der er selbst sagt, daß er unter stäter Gefahr des Todes oder der Verbannung nur durch Gottes Gnade gestärkt worden sei, der Gemeinde sein Wort zu verkünden. Die Regierung, noch immer „weder luther noch trüb“, schützte ihn zwar wider die geistlichen Obern; mehrere Anschläge auf sein Leben vereitelte nächst Gott die treue Wachsamkeit seiner Anhänger; aber er verlor auch noch einen Gönner und Gehülfen um den andern: so starb der edle Schultheiß Joh. von Wattenwyl, so mußte G. Brunner, so 1525 der verheirathete Joh. Haller das Land räumen. Zu Allem gesellten sich noch die Wiedertäufer, denen Haller, unterstützt durch Wyttenbach, Oekolampad und Zwingli, um der Ehre und des Fortgangs der evangelischen Sache willen die Spitze bieten mußte. Dennoch hielt er sich wacker und nahm so weit zu an Erkenntniß und Glaubenstreue, daß er auf eine Rede der Zürcherischen Boten gegen Ende des Jahres aufhörte, Messe zu lesen. Um so mehr wurde die alte Parthei gereizt, das Letzte aufzubieten, um den evangelischen Prediger und seinen Anhang aus ihrer gesetzlichen Stellung vollends zu verdrängen. Es gelang auch für den Augenblick. Bern hatte im April 1525 ein sogenanntes Reformationsmandat, welches die kathol. Orte entworfen, freilich sehr gemildert und gemäßigt angenommen: namentlich behielt man sich auch jetzt den freien Gebrauch des Wortes Gottes und anderer Schriften ihm gemäß, so wie das Recht vor, taugliche Prediger desselben anzustellen. Das eben gefiel den Eidgenossen übel. Sie bestürmten daher die Berner mit Vorstellungen, um sie ganz von Zürich zu trennen; sie beschlossen auch ihrerseits, ein Gespräch zu Erhaltung des alten Glaubens zu veranstalten. Um die Berner dafür zu gewinnen, kamen am Pfingstmontag 1526 ihre Gesandten ungeladen nach Bern und zugleich mit ihnen, von den Gleichgesinnten veranlaßt, zahlreiche Ausschüsse des Landes. Jene begehrten, diese riethen, die Stadt möchte zum römisch-katholischen Glauben zurückkehren und sich an die alten Orte anschließen. Der Plan war so wohl angelegt, griff so gut in einander und wurde so rasch ausgeführt, daß die überstürzten Berner erklärten, bei‘ m kathol. Glauben nach Inhalt des letztausgegangenen Mandates zu verbleiben; doch sollte man gegen die Zürcher des Glaubens halb nichts Unfreundliches vornehmen. – Alles schien nun auf’s Neue in Frage gestellt, fremde verheirathete Priester mußten das Land meiden, auf verdächtige Bücher und Personen wurde streng geachtet; die Anhänger des Alten verkündigten frohlockend Berns Rückkehr und Hallers angeblichen Widerruf.

Eilig wurde jetzt das Gespräch betrieben. Haller sollte bis dahin allen Umgang meiden, dann aber – wenig fehlte, in eigenen Kosten – mit P. Kunz Pfr. von Erlenbach nach Baden reisen, nicht so wohl um zu disputiren, als vielmehr „um Erläuterung seiner Lehre zu geben und Unterricht in der Wahrheit zu empfangen.“

Ihn begleiteten nebst den Rathsboten mehrere seiner Freunde. Der Gang und Ausgang des Gespräches ist bekannt. Haller stritt mit Eck über das Meßopfer, welches angegriffen zu haben er eben beschuldigt war; wich jedoch aus, als Eck ihn hinterlistiger Weise über seine Ansicht vom Abendmahl ausforschen wollte. Bei seiner Rückkehr vor den Rath berufen, sollte er entweder Messe lesen oder wegziehen; Haller appellirte an den Gr. Rath und erklärte eher vom Amte als von der erkannten Wahrheit weichen zu wollen; die zahlreiche evangelische Bürgerschaft, nur für den Augenblick eingeschüchtert, regte sich laut zu seinen Gunsten; man nahm ihm daher seine Chorherrnpfründe, bestätigte ihn jedoch zum vierten Male als Prediger, und schon fing er an wieder für die Stadt, weniger für das Land zu hoffen. Bereits hatten auch einige altgesinnte Berner von Einfluß im Unmuth über das laue Wesen die Stadt verlassen.

In ihrem Siegesübermuthe mußten die kathol. Orte selbst einen neuen, dießmal entscheidenden Umschwung der Dinge in Bern herbeiführen. Man traute hier weder den Abschriften noch der in Luzern zu veranstaltenden Ausgabe der Badener Akten und drang daher auf Mittheilung eines der Originale. Die ausweichenden und abschlägigen Antworten mehrten das Mistrauen und hierzu kam noch allerlei Schimpf und üble Nachrede. Als nun vollends die Orte nicht nur mahnten, die Mandate zu erfüllen, die neuen Lehren und Lehrer abzustellen u. s. w., sondern auch wie früher die Einberufung der Landesausschüsse verlangten und im Weigerungsfalle drohten, Alles selbst den Gemeinden zu berichten, – da floß endlich das Maaß über. Am Montag vor Himmelfahrt 1527 wurde mit Beistimmung des Landes das erste Mandat von 1523 mit Aufhebung der spätern wiederum in Kraft gesetzt und befohlen, „das Wort Gottes frei, offen und unversperrt zu predigen, obwohl solch Predigen gegen die Satzungen, Lehren und Ordnungen der Menschen wäre.“ Zugleich wurden bei einer Erneuerung des Kl. Rathes nach veränderter Wahlart mehrere entschiedene Gegner des Evangeliums entfernt. Haller, bereits vorher durch Zwingli getröstet, daß die Erlösung sich nahe, wirkte natürlich wieder mit doppeltem Muthe, um so mehr, da ihm Kolb, von Nürnberg zurückgekehrt, zur Seite stand.

Immer rascher eilte die Bewegung von da an ihrem Ziele entgegen. Zu Stadt und Land erhoben sich täglich mehr Stimmen um Abstellung der Messe; Farel predigte mit Erfolg in Aelen, Brunner kehrte zurück, das Ansehn der Bischöfe war tief gesunken, die Klöster wurden bevogtet. Nur Eins hinderte noch die Entscheidung, nemlich die Ungleichheit in Lehre, Gebräuchen und Auslegungen auf evangelischer Seite. Dieß so wie die Unruhe der Gemüther und die unerträgliche Halbheit des ganzen Zustandes drängte die Regierung zum letzten Schritt, zu einem Religionsgespräche in Bern selber. Trotz der Ablehnung der eingeladenen Bischöfe, der Widerreden eines Eck, Cochläus und Murner, trotz der Vorstellungen und des verweigerten Geleites der kathol. Orte so wie der kaiserlichen Vertröstung auf eine allgemeine Kirchenversammlung wurde es veranstaltet. Haller hatte noch von Baden her eine Scharte auszuwetzen, da man ihm das Verschweigen seines Glaubens vom Abendmahl zum schweren Vorwurfe machte. Von Zürich begehrte er vorher gelehrte Hülfe und erhielt sie in der Person Dr. Seb. Hofmeister’s. Am 7. Jan. 1528 wurde das Gespräch eröffnet und dauerte volle 19 Tage. Anwesend waren Zwingli, Oekolampad, Capito, Bucer, Farel, Joach. von Watt u. a. – Von den Gegnern nur Wenige. Haller führte in seiner Reche das Wort über die Kirche, die Erlösung allein durch Christum, das Meßopfer, das Fegefeuer; er hielt auch die Schluß- und Dankrede, worin sich die ganze Milde und Lindigkeit seines Sinnes aussprach; er ermahnte, nicht nur den Gottesdienst und die Lehre, sondern Herz und Leben zu reformiren, und beschwor seine Amtsbrüder, die Heerde Christi nicht als Herren, sondern als Hirten und Vorbilder zu weiden. Die Präsidenten erklärten auf Befragen, die Wahrheit sei heiter an den Tag gekommen und die Reformation tapfer anzugreifen. Dieß geschah unverzüglich durch eine Verordnung zu Stadt und Land ohne viel Beschwerung der Gewissen, denn das alte Wesen zerfiel von selber; es folgten Sittenmandate und reichlich wurde aus den überflüssigen Kirchengütern für Arme und Schulen gesorgt. Zu Ostern genoß Haller mit seiner Gemeinde das erste Abendmahl nach der Einsetzung des Herrn und Tags darauf wurde das Regiment in evangelischem Sinne erneuert. Haller’s eigentliches Lebenswerk war nun vollbracht; nach langem, geduldigem Kampf hatte der Herr sich gerade durch den Schwachen mächtig erwiesen. Das Errungene zu befestigen, verwandte er noch den kurzen Rest seines Lebens, seine letzten, durch Krankheit geschwächten Kräfte. Ihn zu unterstützen wurden Hofmeister und Megander von Zürich berufen. Er bereiste das Land, visitirte die Pfarrer, suchte die neuen Einrichtungen durchzuführen. Dieß hielt meistens nicht schwer; nur im Oberland, in der Nähe der alten Orte und von diesen angefacht, entstanden gefährliche, mit Mühe gedämpfte Unruhen, wobei Haller’s Name nicht geschont wurde. Auch in Solothurn predigte er einen Monat lang das Evangelium – im Ganzen ohne Erfolg, denn die Solothurner hatten, wie sie selbst sagten, noch den Verstand nicht. In den öftern Verhandlungen mit den Wiedertäufern, in der Frage über Einführung des Bannes neigte sich Haller stets auf die mildere Seite. Mit schwerem Kummer sah er die Spannung zwischen den evangel. Städten und den kathol. Ländern wachsen; er suchte mit aller Anstrengung Bern vom Kriege zurückzuhalten, darin ganz unähnlich seinem Freunde Zwingli, seinem Gehülfen Megander, mit welchem er deßhalb in ernste Mishelligkeiten gerieth. Und als der unselige Bruderzwist dennoch losbrach und mit der Schlacht bei Cappel, dem Tode Zwingli’s, dem bald Oekolampad folgte, mit vereinzelten, der evangel. Sache nachtheiligen Friedensschlüssen, mit dem Erkalten der Freundschaft zwischen Zürich und Bern endigte, da fühlte alle diese Schläge Niemand schmerzlicher als Haller, dem es nur mit Mühe gelang, die beiden Schwesterstädte versöhnen zu helfen. Zum Troste gereichte ihm dagegen die Vollendung der Reformation durch die berühmte Berner Synode, auf welcher unter Capito’s persönlicher Mitwirkung eine musterhaft evangelische Kirchenordnung gegeben wurde. Weniger gefielen ihm die Einigungsversuche der Straßburger, er trat vielmehr Bucer’n darin unverholen entgegen, nicht weil er dem Frieden mit Luther abgeneigt war, sondern weil er ihn nicht mit zweideutigen Formeln, welche nur die Wahrheit verdunkeln und den gemeinen Mann im Glauben irre machen, erkaufen und begründen mochte. Ueberhaupt haßte er allen bloß gelehrten Kram, während er doch oft bis in die Nacht nützlichen und erbaulichen Studien oblag. Gegen das Jahr 1536 erkrankte Kolb, und Haller, obschon selbst leidend und eine schwere Last tragend, übernahm doch einen Theil seiner Geschäfte. Noch betrieb er mit Eifer die Rettung des hartbedrängten Genfs; noch erlebte er dieselbe und der Größere, der nach ihm kommen sollte, war bereits dorthin auf dem Wege; aber kurz nachher, kurz nach Kolb’s Hingang, wobei ihn bereits die Ahnung des seinigen ergriff, schied auch er am 26. oder genauer am 25. Februar 1536 Abends um 11 Uhr im 44. Lebensjahre.

Haller heirathete spät und hatte keine Nachkommen – die noch blühende Familie seines Namens stammt von Joh. Haller von Amsoldingen; auch Schriften hinterließ er keine – dazu fehlte ihm die Zeit und das Selbstvertrauen. Sein großer Namensverwandter, Albr. v. Haller, wurde durch Denkmale geehrt; er selbst besitzt keines. Aber die bernische Kirche in ihrer schlichten, klaren Einfalt, ihrem anspruchlosen Wesen und Wirken, ihrem Dulden auf Hoffnung, ihrem Siegen im Erliegen, – sie trägt bis heute die unverkennbaren Züge ihres ersten Begründers, sie ist sein ächtes Geisteskind und lebendiges Monument.

F. Trechsel in Vechingen, jetzt in Bern.

Evangelisches Jahrbuch für 1856
Herausgegeben von Ferdinand Piper
Siebenter Jahrgang
Berlin,
Verlag von Wiegandt und Grieben
1862

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