Johann Hus

Johann Hus

Der Name Johannes Hus pflegt Empfindungen, Vorstellungen und Bilder in uns zu wecken, welche denen nicht unähnlich sind, die der Name Johannes Baptista in uns hervorruft. Wir vernehmen im Geist die „Stimme eines Predigers in der Wüste;“ eine tief ernste Prophetengestalt taucht vor unsrer Seele auf; wir denken an Morgendämmerung, Vorläuferamt und Bahnbereitung, und sehen zwei Zeitalter unter heftigen Krämpfen und tragischen Zusammenstößen mit einander um die Herrschaft ringen.

In das 15. Jahrhundert versetzen wir uns im Geist zurück. Wie überaus traurig es da um die Kirche Christi auf Erden aussah, ist kaum zu sagen. Der Weinberg des Herrn glich einer Wüste. Dornen und Disteln überwucherten ihn, statt fruchttragender Reben. Die Priesterschaft war verweltlicht, ja verwildert. Die Päpste, deren Anmaßungen alle Grenzen überschritten, führten ein Leben, das kaum anstößiger und greulicher sein konnte. Die Geistlichkeit trat ihnen größtentheils auf dem Wege des Verderbens nach. Simonie, Gelderpressungen aller Art und Concubinate waren an der Tagesordnung. Die Kirchenversammlungen schienen nur der Bachanalien und Orgien wegen gehalten zu werden, die man damit zu verbinden wußte. Nährend des Concils zu Kostnitz hielten sich in dieser Stadt nicht weniger als 50,000 Fremde auf, und unter diesen ein nicht geringer Schwarm liederlicher Dirnen. Um dieselbe Zeit sah die Kirche statt eines, drei vorgebliche Statthalter Christi an ihrer Spitze, die sich wechselseitig mit dem Bann belegten und einander verfluchten. Das arme Volk, methodisch in die Bande des krassesten Aberglaubens geschmiedet, verschmachtete „wie Schaafe, die keinen Hirten haben.“ Was Wunder, daß während ein Theil desselben, alle Zügel der Zucht und Sitte von sich werfend, in die Fußtapfen seiner verderbten Leiter trat, und allen Lastern sich hingab, in einem andern und bessern Theile des unbefriedigte Bedürfniß nach dem Brod und Wasser des Lebens in der lauten und immer lauterern Forderung einer Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern sich Luft machte.

Als hervorragende Organe dieses Verlangens nach einer Wiedergeburt des ganzen Kirchenthums begegnen uns schon früher, ob auch des Zieles ihrer Sehnsucht in verschiedenen Graden der Klarheit sich bewußt, in Italien die Dichterfürsten Dante und Petrarka, in England Wiclif und sein zahlreicher Anhang, und in Deutschland die sogenannten „Gottesfreunde“, welche freilich, gleich den „Brüdern des gemeinsamen Lebens“ in den Niederlanden, mehr in stillerer Weise, und mit Reformation an sich selbst beginnend, einer bessern Kirchenzukunft vorarbeiteten. Vor allen andern aber war es die mährisch-böhmische Kirche, diese im neunten Jahrhundert durch den Dienst der trefflichen Evangelisten Methodius und Cyrillus in fast urchristlicher Reinheit gegründete, und nach Jahrhunderte lang dauernden Kämpfen erst der römischen Priesterherrschaft unterworfene, in der die Flamme des Begehrens nach der Rückkehr zu ihren früheren Zuständen und ihrer ursprünglichen Gestalt mächtig emporloderte. Als einer der ersten Träger und Vorfechter der reformatorischen Richtung begegnet uns hier der Prager Archidiakonus Johannes von Milic, dieser freiwillige Reiseprediger in härenem Gewand, und mit der in heiliger Entrüstung über die beispiellose geistliche Verwahrlosung des Volks entbrannten Seele, dessen feurigem Worte es gelang, einem nur von versunkenen Weibern bewohnten und „klein Venedig“ genannten ganzen Stadttheil von Prag dergestalt sittlich umzugestalten, daß man demselben fortan als einem Sitze wahrer Frömmigkeit, den Namen „klein Jerusalem“ beilegte, und der, ein anderer Samuel, in einem freien Verein von 2 bis 300 jungen Männern, welche er zu Boten des lauteren Evangeliums heranbildete, eine Art Prophetenschule gründete, nachdem er, auch als ein Vorgänger Luthers, kurz vorher bei seiner Anwesenheit in Rom an die Pforte der Peterskirche einen Anschlag mit. der Eröffnung hatte anheften lassen, daß er an einem bestimmten Tage den inmitten der Kirche bereits heraufsteigenden Antichrist zu bezeichnen, und vor ihm zu warnen gedenke. Dem Johann von Milic gesellte sich als Gesinnungsgenosse ein aus Oesterreich berufener Deutscher, Conrad von Waldhausen bei, der zuerst in Wien und später in Prag mit aller Macht gegen den todten kirchlichen Werkdienst zu Felde zog, nur diejenigen für Kinder Gottes erkennen wollte, die vom heiligen Geist getrieben würden, und insonderheit den damals zu großem Einfluß und Ansehn gelangten, aber tief verderbten Orden der „Bettelmönche“ dieses „lecke Schiff“, wie er ihn nannte, mit großem Erfolg befehdete. Der dritte im Bunde dieser vorlaufenden Zeugen der reinen Wahrheit war Matthias von Janow, der während jene beiden mehr eine praktische Thätigkeit entwickelten, vorzugsweise den Hebel einer erleuchteten Wissenschaft an das entartete Kirchenthum setzte, und in seinen Schriften, wenn auch nur keimartig erst schon alle die Principien durchscheinen ließ, welche später in der deutschen Reformation zu ihrer vollen Entfaltung kamen. Die Hinlänglichkeit des Glaubens an den gekreuzigten Christus zur Seligkeit, die Nothwendigkeit der Niedergeburt durch den heiligen Geist, das allgemeine geistliche Priesterthum aller Gläubigen, so wie die Unmittelbarkeit ihres Verhältnisses zu Christo waren ihm geläufige Ideen, und eine tiefe Anschauung vom Wesen des Glaubens als eines neuen mit innerer Nothwendigkeit alle christlichen Tugenden als seiner natürlichen Blüthen und Früchte aus sich heraussetzenden Lebens, machte ihn zum abgesagtesten Feinde der falschen Geistlichkeit und mechanischen Werkdienerei seiner Kirche.

Mit der geistlichen Milch dieser drei trefflichen, zwar von dem Einflusse der Ideen des Engländers Wiclif nicht völlig unberührt gebliebenen, aber nichtsdestoweniger mit dem Gepräge einer vollen Urwüchsigkeit und Ursprünglichkeit auftretenden Herolde der göttlichen Wahrheit, sonderlich des letztgenannten, ward der Mann groß gesäugt, der an sittlichem Ernst, heiligem Eifer und wissenschaftlicher Ausrüstung jenen als ein vollkommen Ebenbürtiger zur Seite stand; an energischem und erfolgreich reformatorischem Eingreifen aber in das Leben des Volkes es ihnen noch zuvorthat. Dieser Mann war, – wie Bußdrommetenton klingt uns sein Name an, – Johannes Hus, der, am 6. Juli 1369 in dem böhmischen Flecken Husinec arm und niedrig geboren, von Kindheit auf unter seinem elterlichen Hüttendache die Luft einer erleuchteten Gottseligkeit athmete, und namentlich an seiner frommen schon früh verwitweten Mutter seine erste Führerin auf dem Wege des Lebens fand. Dieselbe weihete, als unbewußte Dolmetscherin einer göttlichen Berufung, den geliebten Knaben schon in der Wiege dem Dienste des Herrn, und begleitete ihn nachmals selbst mit vielen Thränen und Gebet auf die Hochschule zu Prag. Zwei Richtungen lagen hier damals miteinander im Streit: die streng kirchliche, welche vorzugsweise von den deutschen und die reformatorische, die mehr von den wissenschaftlich geförderten böhmischen Theologen vertreten ward. Hus, schon durch den mütterlichen Einfluß bestimmt, wählte sich seine Lehrer unter den letztern, studirte so gründlich als eifrig die Bibel und vertiefte sich außerdem in die Schriften der Kirchenväter, namentlich des Augustimus. Im Jahre 1396 zum Magister promovirt, begann er bald darauf selbst Vorlesungen zu halten, und wurde im Jahre 1401 als Prediger an die Bethlehems-Kapelle berufen, welche von zwei Privatleuten mit der ausdrücklichen Bestimmung gegründet worden war, daß daselbst „dem armen Volke in seiner Landessprache das Wort Gottes gepredigt werden solle.“ Dieser praktische Beruf weihte ihn erst recht in die geistlichen Nothstände des verwahrlosten Volks, so wie in die unerhörte Entartung und Verweltlichung des Klerus ein, und es kam ein Ergrimmen über ihn, wie das, welches einst den Knecht Gottes, Moses, erfaßte, da er vom heiligen Berge herniederstieg, und das Geschrei des Singetanzes um das goldne Kalb herum vernahm. Seine allezeit auf Reform und Heiligung des Lebens dringenden, vom tiefsten Glaubensernst getragenen, und durch einen von Schritt zu Schritt in der Furcht Gottes geführten strengen Wandel mächtig besiegelten Predigten, machten nicht weniger durch die Barmherzigkeit, die sie athmeten, als durch den glühenden Eifer um die Ehre des Herrn und seines Hauses, der sie durchflammte, einen Eindruck auf das Volk, wie er bis dahin kaum erhört war, und schaarten binnen Kurzem eine Gemeinde von Tausenden um ihn her. Seine kirchlichen Vorgesetzten ließen ihn gewähren, so lange er sich darauf beschränkte, die Laster der Laien, der hohen wie der niedern, zu geißeln. Selbst der Erzbischof von Prag, Zbynec von Hasenburg, obwohl ein Weltmann und aller geistlichen Gesinnung baar, sah es nicht ungern, daß Hus gegen die groben Mißbräuche und den krassen Aberglauben in der Kirche zu Felde zog. Als er aber anhub, auch dem Klerus seine Sünden vorzuhalten, Armuth, Selbstverleugnung und Kreuzigung des Fleisches sammt den Lüsten und Begierden ihnen zu empfehlen, und, wie weiland Paulus vor Felix, vor ihnen „von der Gerechtigkeit, der Keuschheit und dem zukünftigen Gericht“ zu reden, da wandte sich das Blatt, und sein hoher Gönner wurde sein erbittertster Feind und Widersacher.

Im Jahre 1408 begab sich etwas, wodurch eine bedeutende Steigerung der reformatorischen Gährung in Böhmen herbeigeführt wurde. Die Ausländer nämlich bei der Prager Universität, fast alle „hochkirchlich“ gesinnt und der neuern theologischen Richtung abhold, wurden plötzlich ihres bisherigen Uebergewichts über die Böhmen dadurch beraubt, daß ihnen kraft eines Edikts des Königs Wenceslaus bei amtlichen Verhandlungen und Beschlußnahmen nur eine Stimme gegen die den Böhmen bewilligten drei belassen wurde. Dies setzte böses Blut, und hatte zur Folge, daß sofort die Lehrer und Studenten deutscher Nation, viele Tausende an der Zahl, Prag verließen, und in ihr Vaterland, wo sie, beiläufig bemerkt, zur Stiftung der Universität Leipzig die Veranlassung gaben, zurückkehrten. Die böhmische Parthei war jetzt die herrschende in Prag, und erwählte den Hus zum Rektor der Universität. Aber nur zu bald ging sie selbst, die bisher nur durch das gemeinsame nationale Interesse zusammengehalten worden war, in zwei Lager aus einander, indem jetzt die bis dahin verdeckt gehaltenen und mehr in den Hintergrund gedrängten religiösen und kirchlichen Gegensätze Raum gewannen und sich auf das Heftigste geltend machten. An Stelle seiner abgezogenen deutschen Gegner sah Hus mit einem Male einen hellen Haufen seiner bisherigen Freunde wider sich in Schlachtordnung aufgestellt, und mußte sich von ihnen nicht allein als einen Häretiker verdächtigen hören, sondern auch mit der perfiden Beschuldigung belastet sehen, daß er es sei, der durch Einwirkung auf den König die nunmehrige Verödung der Universität herbeigeführt habe.

Von allen Seiten brach jetzt der Sturm wider ihn und seine Gesinnungsgenossen los. Die Prager Geistlichen klagten ihn bei dem Erzbischof an, daß er das Volk gegen die Geistlichkeit aufreize, Nichtachtung der Kirche und ihrer Strafgewalt predige, Rom als den Sitz des Antichrists bezeichne, jeden Kleriker, der für die Spendung des Sakraments Zahlung fordere, für einen Ketzer erkläre, und den Ketzer Wiclif preise und selig spreche. Sofort wurde Untersuchung wider ihn eingeleitet, und nicht lange darauf erschien auf Betrieb des Erzbischofs eine päpstliche Bulle, welche diesem u. A. aufgab, alle Geistlichen, welche wiclifitischen Häresien anhingen, verhaften zu lassen, und das Predigen in Privatkirchen auf das Strengste zu untersagen. Der Erzbischof begann trotzdem, daß der König auf eine von der Universität aus an ihn ergangene Vorstellung hin sein Veto eingelegt, die Vollziehung jener Bulle damit, daß er in seinem Palaste 200 Bände, unter denen neben den Schriften Wiclifs auch diejenigen des von Milic und Anderer sich befanden, verbrennen ließ. Aber dieses Autodafé diente nur dazu, das Interesse und den Enthusiasmus für Wiclif und dessen Geistesverwandte in Böhmen noch mehr zu steigern. Hus übersandte dem Papst Johann XXIII. eine gründliche und umfassende Appellation, in der er erklärte, daß er von Herzen zum Widerruf geneigt und bereit sei, sobald man ihn aus der Schrift eines Irrthums zeihen könne. In der That war ihm, dessen Richtung und Thätigkeit eine durchaus praktische war, noch kein direkter Angriff gegen die herrschende Kirchenlehre vorzuwerfen. Daß diese Lehre mit der heil. Schrift in Widerspruch stehe, dessen war er sich noch nicht bewußt geworden. Die kirchliche Tradition erschien ihm nur „als die geschichtliche Entwickelung der ihrem Wesen nach in der Schrift enthaltenen Wahrheit.“ Ihm ging es lediglich um Abstellung von Mißbräuchen und Verunstaltungen, und namentlich um eine Wiedergeburt des religiösen und kirchlichen Lebens. Allerdings aber wurde er bei seinem Streben nach diesem Ziel unbewußt von Principien geleitet, die reformatorischer waren, als er selbst. Denn, bildet die heil. Schrift, wie dies sein Glaube war, die in letzter Instanz absolut entscheidende Autorität; befindet sich die wahre Kirche überall, wo der Geist Gottes die Herzen regiert; ist das Verhältniß jedes gläubigen Laien zu Christo ein unmittelbares und keinerlei menschlicher Intercession bedürftiges, und steht es dem Priester nur zu, die Absolution in bedingter Form zu ertheilen: so ist dem römischen Kirchenthum der Boden ausgeschlagen. Darum half es dem tapfern Zeugen nichts, daß er nachzuweisen wußte, wie er als guter Katholik an die Brodverwandlung in der Messe, an die Fürbitte der verklärten Heiligen, an die Nothwendigkeit und Heiligkeit des Cölibats, und wer weiß, an was alles sonst noch glaube, und wie ihm niemals eingefallen sei, an den hierarchischen Verfassungsbau seiner Kirche, den er nur von fremdartigen Ansätzen gereinigt zu sehn wünsche, die rüttelnde Hand zu legen. In den furchtbarsten Formeln wurde über Hus der Bann und das Interdikt ausgesprochen. Er sollte ausgeliefert, die Bethlehemskirche sollte von Grund aus zerstört, und nirgends, wo man ihm ein Asyl eröffne, das Sakrament gereicht, noch ein kirchliches Begräbniß gewährt werden.

Auf dringendes Anrathen des Königs, der voraussah, daß das gegen Hus eingeschlagene Verfahren die bedenklichsten Unruhen in seinem Lande hervorrufen werde, legte sich letzterer, nachdem er von dem Urtheil der römischen Curie an Christus, den ewigen Hohenpriester, appellirt hatte, eine freiwillige Verbannung von Prag und seiner Gemeine auf; unterließ aber nicht, letztere so wie seine Gleichgesinnten überhaupt von den Schlössern der Ritter aus, wo man ihm mit Freuden Herberge und Schutz gewährte, in herrlichen glaubensstarken Briefen zum Beharren auf dem Wege der Wahrheit zu ermahnen.

Unterdessen rückte der November des Jahres 1414 heran, auf welchem „zur Herstellung der kirchlichen Einheit und zur Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern“ vom Papst Johann XXIII. und von dem Kaiser Sigismund ein allgemeines Concil nach Kostnitz ausgeschrieben war. Hier sollte denn auch der Prozeß wider Hus zu seinem Austrage kommen. Unter dem Schirm eines kaiserlichen Freibriefs, der ihm hin und zurück ein sicheres Geleit verbürgte, und welchen er u. a. mit den Worten erwiederte: „Ich will demüthig meinen Hals daran setzen, und unter dem sicheren Geleite des Schutzes Eurer Majestät unter Verleihung des Höchsten auf dem Concil erscheinen“, machte sich Hus am 11. Oktober des genannten Jahres, begleitet von den treuen Rittern Wenzel von Duba und Johann von Chlum, so wie von dem Sekretär des letzteren und dem Abgesandten der Prager Universität, dem Pfarrer Johann Kardinalis v. Reinstein, lauter gleichgesinnten Männern, getrosten Muthes nach Kostnitz auf den Weg. Seine Reise durch Deutschland glich hin und wieder einem Triumphzug; denn auch hier fehlte es im Volke nicht an Tausenden, die längst mit brennendem Verlangen einer Reformation der Kirche entgegenharrten. Am 3. November langte Hus an dem Orte seiner Bestimmung an. Aber seine bittersten Gegner aus Böhmen, u. a. Palec, der gleich nach seiner Ankunft in einem öffentlichen Anschlag an den Kirchthüren den Hus für den verstocktesten Häretiker erklärte, waren ihm schon vorangeeilt. Während der ersten vier Wochen geschah in der Sache unsres Freundes nichts, und so fand er vollkommene Muße, sich auf die bevorstehenden Verhöre vorzubereiten. Am 28. November aber wurde er plötzlich, trotz des entschiedenen Protestes, den, auf den kaiserlichen Geleitsbrief trotzend, der Ritter von Chlum dawider einlegte, im Namen des Papstes seiner Freiheit beraubt, und bald darauf in ein am Rheinufer gelegenes Dominikanerkloster abgeführt, und daselbst in einen scheußlichen, an eine Cloake grenzenden, und mit einer verpesteten Luft angefüllten Kerker geworfen. Auf Verwendung des Rittes von Chlum befahl zwar der Kaiser mit dem Ausdruck tiefster Entrüstung die sofortige Losgebung seines Schützlings; aber umsonst. Die Furcht vor dem mächtigen Klerus benahm dem Kaiser den Muth, seinen Willen energisch durchzusetzen. Erst als der arme Gefangene in eine schwere Krankheit versiel, wurde ihm ein etwas luftigerer Raum im Kloster zum Gefängniß angewiesen. Hier erkrankte er auf’s neue; fand aber bei seinen Gegnern so wenig Schonung, daß sie ihn fast täglich überfielen und mit den herbsten Anklagen ihn behelligten.

Am 21. März 1415 entfloh der Papst Johann, um dem Prozesse auszuweichen, den man ihm seines abscheulichen Lebens halber zu machen im Begriffe stand. Hus verlor dadurch seine bisherigen Gefangenwärter, die ihn wahrhaft liebgewonnen und die treuste Sorge ihm gewidmet hatten. Wie es ihm an Lebensmitteln jetzt gebrach, so glaubte er auch befürchten zu müssen, der päpstliche Hofmarschall, der seinem Herrn nach Schaffhausen nachzog, habe vor, ihn mit sich fortzuschleppen. Er beeilte sich, dem Ritter von Chlum diese seine Besorgniß mitzutheilen, und dieser rief für seinen Freund auf’s neue den Schutz des Kaisers an. Nach einer Berathung mit dem Concil entschloß sich aber Sigismund zu weiter nichts, als daß er den Gefangenen der Obhut des Bischofs von Konstanz übergab, welcher ihn nach dem Schlosse Gottlieben abführen, und dort in einen Thurm werfen ließ, wo er bei Tage so gefesselt war, daß er sich nur wenig bewegen konnte und des Nachts in seinem Bette mit den Händen an einen Pfahl gekettet wurde. „Jetzt erst“, schrieb er von dort an seine Freunde, „lerne ich den Psalter recht verstehn, recht beten, und die Leiden Christi und der Märtyrer mir recht vergegenwärtigen; denn es sagt Jesaias, der Prophet: Anfechtung lehrt auf’s Wort merken!“ – Erst Anfangs Juni wurde er aus seinem schauerlichen Kerker, wo er dem mittlerweile aufgegriffenen Papst Johann seine Stelle abtrat, erlöst, nach Kostnitz zurückgebracht, und in einem Franziskanerkloster eingesperrt. Hier bestand er denn vor dem versammelten Concil sein erstes Verhör. Seine Schriften wurden ihm vorgelegt, und aus denselben eine Reihe von Anklagepunkten wider ihn hergeleitet. Er verantwortete sich unter steter Berufung auf Gottes Wort und die Kirchenlehre so gründlich und umfassend, daß seine Feinde, die ihm am Ende nur ein wildes Geschrei entgegen zu setzen hatten, es als eine erwünschte Erlösung aus peinlichster Verlegenheit begrüßten, da der Antrag gestellt wurde, man möge, weil die Ordnung nicht wieder herzustellen sei, die Sitzung aufheben, und ein zweites Verhör auf den 7ten desselben Monats anberaumen.

Der 7. Juni erschien. Der Kaiser Sigismund wohnte diesmal dem Concil persönlich bei. Die beiden böhmischen Ritter, die treuen Freunde des Verklagten, fehlten auch nicht. Um die sakramentliche Brodverwandlung handelte es sich zuerst. Hus konnte mit allem Grund alle seine Zuhörer zu Zeugen aufrufen, daß er diese Lehre je und je vorgetragen, und lediglich auf einen würdigen Genuß des Sakraments gedrungen habe. Man beschuldigte ihn darauf, die Irrthümer Wiclifs verbreitet zu haben. Aber auch hier durfte er mit gutem Gewissen bezeugen: „Ich habe weder die Irrthümer Wiclifs noch irgend eines Andern gelehrt. Wenn Wiclif in England Irrthümer lehrte, so ist dies die Sorge der Engländer und nicht die unsre.“ Es ward ihm ferner vorgeworfen, er habe von der Gerichtsbarkeit des Papstes an Christus appellirt. Hus gestand dies fröhlich ein; meinte aber, daß es eine gerechtere und wirksamere Appellation nicht gebe, als diejenige an Den, der einst das letzte Urtheil über Alle sprechen werde. Die Versammlung brach darob in Hohngelächter aus. Hus wurde endlich, ganz den Regeln römischer Taktik gemäß, auch politisch als ein Aufwiegler des Volks, als ein Mann der Revolution verdächtigt; aber von dieser Anklage sich zu reinigen, verursachte ihm die geringste Mühe. „Aber hörte ich dich nicht sagen“, herrschte ihn mit lauter Stimme, damit der Kaiser es vernehme, der Cardinal D‘ Ailly an, „daß, wenn du nicht freiwillig nach Constanz habest kommen wollen, weder der Kaiser noch der König dich dazu hätten zwingen können?“ Hus entgegnete: „Ich sagte, wenn ich nicht freiwillig hierher gekommen wäre, so hätte ich leicht an irgend einem verborgenen sicheren Orte zurückbleiben können, da in Böhmen so viele wohlwollend gegen mich gesinnte Ritter sich bereit erklärten, hinter den Mauern ihrer Schlösser mich zu bergen.“ „Sehet die Unverschämtheit des Mannes“, schrie der Cardinal. Ein Murmeln des Unwillens ging durch die Versammlung. Da erhub sich der edle Ritter von Chlum, bestätigte das von Hus Gesagte, und trat tapfer für ihn in den Riß. Diese letztere Verhandlung machte aber auch auf den Kaiser einen verstimmenden Eindruck. Er nahm das Wort, dankte den Prälaten, daß sie die seinerseits dem Hus ertheilte Versicherung, er werde vor dem Concil sich frei vertheidigen dürfen, treulich wahr gemacht, fügte die Bemerkung hinzu, daß zwar nach der Ansicht Mancher der Kaiser nicht berechtigt sei, einen Häretiker oder der Häresie Verdächtigen irgendwie in Schutz zu nehmen, und ertheilte dann dem Hus den Rath, daß er nichts hartnäckig vertheidigen, sondern in Allem, was gegen ihn vorgebracht, und durch glaubwürdige Zeugen bestätigt worden sei, mit gebührendem Gehorsam dem Ansehn des Concils sich unterwerfen wolle. Wenn er das thue, so werde der Kaiser dafür Sorge tragen, daß er vor dem Concil auf eine gnädige Weise und mit einer leidlichen Buße und Genugthuung entlassen werde; wo aber nicht, so würden die Leiter des Concils schon wissen, was sie mit ihm zu machen hätten, und er, der Kaiser, werde nie seine Irrthümer in Schutz nehmen, sondern eher mit dieser seiner Hand ihm den Scheiterhaufen bereiten, als länger ihm erlauben, so hartnäckig zu verfahren, wie bisher. Darauf Hus, nachdem er dem Kaiser für das ihm verheißene sichere Geleit seinen ehrfurchtsvollen Dank bezeugt: „Ich rufe Gott zum Zeugen an, daß es mir nie in den Sinn gekommen ist, etwas hartnäckig zu vertheidigen, sondern daß ich freiwillig mit dem Vorsatz hierher gekommen bin, ohne irgend ein Bedenken meine Meinung zu ändern, wenn ich eines Besseren belehret würde.“ Hus wurde hierauf der Obhut des Bischofs von Riga übergeben, und in sein Gefängniß zurückgeführt.

Am 8. Juni erschien Hus zum drittenmale vor dem Concil, wo ihm diesmal wo möglich noch schärfer zugesetzt wurde als zuvor. Einen besonderen Anstoß schien man an dem in einer seiner Schriften ausgesprochenen Satz genommen zu haben, daß, wenn ein König, Papst oder Bischof in einer Todsünde sei, er weder König, Papst noch Bischof sei. Man deutete diese Behauptung so, als wolle er es von der subjectiven Beschaffenheit der Träger jener Aemter und Würden abhängig machen, ob ihnen dieselben zu belassen seien oder nicht. Auch den Kaiser entrüstete jener Ausspruch sehr. „Es lebt ja Niemand ohne Sünde!“ rief er mit der Betonung und Miene des heftigsten Unwillens aus. Hus entgegnete, wie ihm nicht eingefallen sei, das, was er in dem fraglichen Satze ausgesprochen habe, im rechtlichen oder juridischen Sinne zu verstehen; sondern wie er nur habe sagen wollen, wer allein der Idee eines rechten Königes oder Papstes, oder Bischofes entspreche. Doch diese Rechtfertigung wurde mit Hohn zurückgewiesen. Mit scharfen Waffen ging besonders der berühmte Kanzler der pariser Universität, der große Jurist Gerson, auf den Codex des positiven Kirchenrechts gestützt, wider unsern Verklagten an, und sprach, vorausschickend, daß er sich auf die Untersuchung des Sinnes, in welchem Hus dies und das gemeint haben möge, nicht einlassen könne, mit vornehmer Miene seine Meinung dahin aus, daß, wo zum Umsturz aller bürgerlichen Verfassung hinführende Irrthümer verkündigt würden, wie Hus sie hege, nichts Andres übrig sei, als daß die weltliche Obrigkeit sich darauf besinne, daß sie das Schwerdt nicht umsonst trage. Es wurde an Hus jetzt in feierlicher Weise die Aufforderung zum Widerruf und zur Unterwerfung unter das Urtheil des Concils erneuert. Er aber wiederholte, daß er nimmer widerrufen könne, was er nie gelehret habe, und daß, was er gelehret, ihm weder aus der Schrift, noch aus der Kirchenlehre als irrthümlich nachgewiesen worden sei. Gänzlich erschöpft durch diese fruchtlosen Verhandlungen, in denen er immer auf’s neue dieselben Anschuldigungen gegen sich vernehmen, seine bündigsten Widerlegungen aber nur mit Spott und Gelächter erwiedern hören mußte, schwieg er endlich nach dem Vorbilde seines Herrn und Meisters, und wurde dann in sein Gefängniß zurückgeführt. In diesem Augenblick drängte sich der hochherzige Ritter von Chlum zu ihm heran, und drückte ihm, tief ergriffen von der ganzen prophetischen Erscheinung des theuren Mannes, sowie von seiner trefflichen Vertheidigung in einer Weise die Hand, die allerdings mehr sagte, als Worte. „O welche Freude“, schrieb Hus bald darauf an seine Freunde, „machte mir der Händedruck des Herrn Johannes, der sich nicht scheute, mir elendem, verworfnem und gleichsam von Allen ausgestoßenem Ketzer in meinen Fesseln die Hand zu reichen.“

Nachdem Hus nun auch den Kaiser entschieden wider sich eingenommen wußte, so konnte er sich’s in seinem Kerker nicht mehr verhehlen, daß er nun täglich, ja stündlich sein Todesurtheil zu erwarten habe. Seine während dieser Zeit an seine Gesinnungsgenossen geschriebenen Briefe athmen jedoch die kindlichste Ergebung und den tapfersten und freudigsten Glaubensmuth. Da er vor seinem Tode noch zu beichten begehrte, erbat er sich zum Beichtiger seinen bittersten Feind den Palec oder einen Andern. Man sandte ihm einen Doktor der Theologie, einen Mönch, der gerührt und liebevoll seine Beichte anhörte, und auch, als Hus seine wohlgemeinte Bitte, er möge doch widerrufen, ablehnen mußte, keinen Anstand nahm, ihm in unbedingter Weise die Absolution zu ertheilen.

Am 6. Juli wurde Hus auf’s neue vor das Concil geführt. Die Versammlung bot diesmal einen feierlicheren Anblick dar, als bisher. Der Kaiser saß, umgeben von den Fürsten mit den Reichsinsignien auf seinem Thron. In der Mitte des Saales ragte ein Pfahl, an dem die Priestergewänder hingen, in welche Hus vor seiner Degradation gekleidet werden sollte. Auf’s neue wurden die Klageartikel gegen ihn verlesen, und er für einen Anhänger Wiclifs erklärt. Er wollte reden, aber ward gebieterisch zum Schweigen verwiesen. Er sank auf seine Kniee, und betete: „O Christus, dessen Wort von diesem Concile öffentlich verdammt wird, auf’s neue appellire ich an Dich, der Du, als Du von Deinen Feinden gemißhandelt wurdest, an Deinen Vater appellirtest, und Deine Sache diesem gerechtesten Richter übergabst, damit auch wir, durch Unrecht unterdrückt, Deinem Vorbilde gemäß, zu Dir unsre Zuflucht nehmen sollten!“ Als er in seiner Antwort auf den wider ihn ausgesprochenen Vorwurf, daß er im Banne noch die Messe gelesen habe, noch einmal des Geleitsbriefs gedachte, der ihm zu Theil geworden sei, und dabei den Blick auf den Kaiser richtete, erröthete dieser heftig. Als endlich das Urtheil über ihn erschollen war, rief er auf den Knieen: „Herr Christus, verzeihe meinen Widersachern. Du weißt, daß ich fälschlich von ihnen angeklagt worden bin, und daß sie erlogene Zeugnisse und Verläumdung gegen mich gebraucht haben. Verzeihe ihnen um Deiner großen Barmherzigkeit willen.“ Dieser lautere Erguß wahrhaftiger Feindesliebe wurde von Vielen der Versammelten laut verlacht. – Sieben Bischöfe begannen nun, an dem treuen Zeugen den Akt der Ausstoßung aus dem geistlichen Stande zu vollziehen. Sie legten ihm die priesterliche Gewandung an. Ihm stand dabei das Bild seines Heilandes im Purpurmantel und in der Dornenkrone vor der Seele. Sie forderten ihn noch einmal zum Widerrufen auf. „Wie könnte ich widerrufen“, entgegnete er, „dessen ich mich nicht schuldig weiß?“ Nun rissen sie ihm unter verfluchenden Formeln die einzelnen Stücke des Ornates wieder vom Leibe ab. Als sie ihm mit den Worten: „Wir entziehen dir, verdammter Judas, den Kelch des Heils“ den Abendmahlskelch aus den Händen nahmen, sprach er: „Ich vertraue auf Gott, meinen Vater und meinen Herrn Jesum Christum, daß er den Kelch seines Heils nicht von mir nehmen wird; hoffe vielmehr, denselben noch heute in seinem Reich zu trinken!“ Als ihm hierauf die mit Teufelsfratzen bemalte, und mit dem Worte: „der Häresiarch“ (das Ketzerhaupt) bezeichnete Mütze aufgesetzt wurde, sagte er: „Mein Herr Christus trug meinetwegen die Dornenkrone; wie sollte ich nicht diese leichtere, obgleich schmachvolle, um seines Namens willen tragen? Ich will es thun, und thue es gerne!“ „So übergeben wir denn deine Seele den Teufeln!“ sprachen die Bischöfe. „Und ich“, rief er, die Augen zum Himmel erhebend, „befehle in Deine Hände, Herr Jesus Christus, meine durch Dich erlöste Seele!“

Als ein nunmehr von der Kirche Ausgestoßener wurde Hus jetzt dem weltlichen Arm übergeben. Auf kaiserliches Geheiß überantwortete ihn der Herzog Ludwig von Baiern den Gerichtsdienern. Da er, von diesen abgeführt, vor der Kirchthüre seine Bücher verbrennen sah, konnte er dazu nur mitleidig lächeln. Auf dem Richtplatz angelangt betete er knieend einige Psalmen, und mit besonderem Nachdruck den 51sten und 31sten. Oefter wiederholte er die Worte: „Herr, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ „Was hat er nur gethan?“ hörte man wiederholt in der umherstehenden Volksmenge sagen: „wir hören ihn ja so andächtig beten und -reden!“ Von den Henkern zum Aufstehn vom Gebete ermahnt, rief er mit lauter Stimme: „Herr Jesus Christus, nun stehe mir bei, daß ich diesen grausamen und schmachvollen Tod, zu welchem ich um der Predigt Deines Wortes willen verdammt worden bin, kraft Deiner Hülfe mit starker und standhafter Seele erdulde!“ Nachdem er dann seinen Gefangenwärtern für ihre liebreiche Behandlung herzlich Dank gesagt, und noch einmal vor allem Volk bezeuget hatte, daß er lediglich um der Predigt der lauteren Gotteswahrheit willen den Tod erleide, bestieg er in heldenmüthiger Fassung den Scheiterhaufen, und gab mit den Worten: „Gern trage ich diese Ketten um Christi willen, der ja weit schwerere für mich getragen hat“, geduldig wie ein Lamm der Ankettung seines Leibes und Halses an den Marterpfahl sich hin. In diesem Augenblicke sprengte der Reichsmarschall von Pappenheim zu ihm heran, und eröffnete ihm noch einmal unter der Bedingung des Widerrufs eine sichere Aussicht auf Gnade und Verschonung. Hus aber erwiederte: „Welchen Irrthum sollte ich widerrufen, da ich mir keines Irrthums bewußt bin? denn ich weiß, daß, was falsch gegen mich vorgetragen wird, ich nie gedacht, geschweige denn gepredigt habe. Das war aber das vornehmste Ziel meiner Lehre, daß ich Buße und Vergebung der Sünde die Menschen lehrte nach der Wahrheit des Evangeliums Jesu Christi und der Auslegung der heiligen Väter; deshalb bin ich bereit, mit freudiger Seele zu sterben!“ – Es wurde nun der Holzstoß angezündet. Hus begann mit lauter Stimme zu singen: „Jesu, Du Sohn des lebendigen Gottes, erbarme Dich meiner!“ Zum dritten Male öffnete er zu diesem letzten Seufzer seinen Mund, da erstickte die durch den Wind ihm zugeführte Flamme seine Stimme. Aber lange noch sah man seine Lippen betend sich bewegen. Endlich neigte er sein Haupt, und war mit Frieden in die triumphirende Kirche eingegangen. Der Rachedurst einer dämonisch entbrannten Priesterschaft war jedoch noch nicht gekühlt. Man nahm die Asche des hingeopferten Blutzeugen, und streute sie, damit nichts Verunreinigendes von ihm zurückbliebe, in die Fluthen des Rheins. So trat der Mann von seinem irdischen Kampfplatze ab, dem hundert Jahre später der deutsche Vollender seines Werkes mit vollem Grunde nachrühmte: „Aus dem Blute des Johannes Hus ward uns das Evangelium geboren, das wir gegenwärtig haben.“ Seine Mörder entgingen der Zornesruthe Gottes nicht. Wie der Fluch aller Edlen sie traf, so erhob sich ganz Böhmen wider sie wie Ein Mann; und der Kaiser selbst ging ruhm- und ruhelos zu Grabe, und sah in seiner Person seinen Herrscherstamm erlöschen. Allerdings war Hus mehr ein Eiferer um das Gesetz, als im vollen Sinne des Wortes ein Evangelist; und unbezweifelt würde seine Wirksamkeit eine noch ungleich durchgreifendere, tiefere und nachhaltigere gewesen sein, wenn ihm die innerste Herrlichkeit des Evangeliums, wie sie uns aus dem Artikel von der Rechtfertigung des Sünders vor Gott aus lauter Gnade allein durch den Glauben an Jesum Christum schon in voller Klarheit aufgegangen wäre, was sie noch nicht war. Jedoch der Eine legt den Grund, und ein Andrer bauet darauf. Unbestritten gehört ihm das Verdienst, der deutschen Reformation, auf welche und auf deren Koryphäen insbesondere mehr als ein weissagend Wort, das aus seinem Munde ging, gedeutet werden darf, die Bahn gebrochen zu haben. Ein dreifaches Auferstehn ist ihm geworden. Mit der Märtyrerkrone geschmückt steht er heute, die Siegespalme schwingend, am Stuhle Gottes. Sein Geist trat verklärt und zur vollen Erleuchtung durchdrungen in Luther, seinem großen und sieggekrönten Nachfolger, für den Hort der ewigen Wahrheit auf’s neue in die Schranken, und sein Bild lebt bis zur Stunde frisch und unvergänglich fort, wie in den Herzen Aller, die zur Fahne des Reiches Gottes schwuren, so auch – ein Saatkorn, das noch reiche Erndten treiben wird, – in den Herzen – seiner Böhmen. –

Fr. W. Krummacher in Potsdam

Evangelisches Jahrbuch für 1856
Herausgegeben von Ferdinand Piper
Siebenter Jahrgang
Berlin,
Verlag von Wiegandt und Grieben
1862

 

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