Le Febvre, Isaac

Le Febvre, Isaac

„Man legt unsere Füße in Ketten, aber nicht in Ketten legen kann man unsere Seelen. Man schließ uns in düstere Kerker ein, aber man kann nicht verhindern, das uns Gott in seiner Liebe besucht und daß die heiligen Engel unsere treuen Gefährten sind.“
Aus einem Brief vom Januar 1702.

Im Jahre 1703 erschien anonym zu Rotterdam die „Histoire des souffrances et de la mort du fidele confesseur et martyr, M. Isaac Le Febvre“ (Geschichte der Leiden und des Todes des treuen Bekenners und Zeugen Herrn Isaac Le Febvre). Verfasser war Etienne Girard, weiland Pfarrer zu Corbigny, der Heimat Le Febvres, nunmehr in Holland lebend, wohin er noch vor dem Rückruf des Edikts von Nantes geflohen war. Girard hat sein Buch offenbar hastig geschrieben, und er schweift bisweilen weit aus, aber es ist durch die enge Freundschaft, die ihn mit Le Febvre verbunden, und durch die vielen Auszüge aus Le Febvres Briefen doch von unschätzbarem Werte.

Isaacs Vater, Pierre Le Febvre, ursprünglich Bürger von Paris, hatte sich in Chateau-Chignon im Nivernois niedergelassen. Dort wurde ihm als erstes Kind aus seiner Ehe mit Marie Elinard um das Jahr 1648 sein Sohn Isaac geboren. Ihm folgten drei Töchter aus derselben Ehe und abermals ein Sohn und drei Töchter aus einer weiten Ehe. Inmitten dieser kinderreichen Familie empfing Isaac eine sorgfältige fromme Erziehung, zu der das Vorbild des Vaters wohl das Beste beitrug. Vater und Mutter starben, nachdem sie, wie der Sohn schreibt, in christlicher Demut vor Gott gewandelt und seinem Willen gedient, in der Gemeinschaft der wahren, d. h. für Le Febvre reformierten Kirche. „Gott nahm die, die mir das Leben geschenkt, frühzeitig zu sich, aber ich weiß, daß ihre Frömmigkeit vorbildlich war und ihr Wandel erbaulich und fern von den eiteln Zerstreuungen der Welt.“ Und vom Vater schreibt Isaac an seinen Pfarrer: „Sie wissen, welches die Rechtschaffenheit, der Eifer, die Geduld und das Ende meines seligen Vaters war. Ich kann nicht ohne Ergriffenheit davon sprechen. Doch das Gedächtnis an ihn ist mir zu teuer, als daß ich es mit Stillschweigen übergehen könnte. Sie besuchten ihn am Sterbebett oder besser an Bett des Lebens, und ich weiß noch wohl, wie Sie beim Weggehen ihm dies Zeugnis gaben: Ich kam, um einen Kranken aufzurichten und zu trösten, aber der Kranke richtet mich auf d tröstet mich selbst. So wie Sie ihn damals sahen, so war er durch die ganze Zeit seiner Krankheit, die sehr lang und sehr hart war, immer ergeben, geduldig und seine Seele willig in die Hände seines Schöpfers zurückgebend. Von Natur war er heftig und ungeduldig, aber die Gnade Gottes hob ihn stark über ihn hinaus, daß sie ihn zum geduldigsten Menschen der Welt machte im heftigsten Schmerz eines Stein- und Kolikleidens, das ihm Nieren und Eingeweide zerriß. Der arme Mann war zur Hälfte gelähmt: ich trug ihn oft von einem Bett zum andern, denn er fand darin etwas Linderung. Alle diese geringsten Dienste waren ihm so angenehm, und er war darob so zufrieden, daß er mich nicht aus den Augen verlieren wollte . . . Vier Tage und vier Nächte lang lag er im Todeskampf, immer die Augen gen Himmel gerichtet mit dem Antlitz nicht eines Sterbenden, sondern eines Verzückten. Riß man ihn durch Mittel aus seinem Schlafe, dann erkannte man, daß er mit Herz und Mund nur nach Gott lechzte. Und im Augenblicke, da Gott die Seele seines Dieners zu sich nahm, sprach er zu mir die Worte, die ich ihm mit lauter Stimme nachsprach: Herr Jesus, nimm meinen Geist in deine Hände!“

Nach philosophischen Studien in Genf und juristischen in Orleans erlangte Le Febvre zu Paris in aller Form Rang und Rechte eines Advokaten des Pariser Gerichtshofes. Im Dienste der reichen Marquise von St-Andre-Montbrun, der Witwe des ersten Hauptmanns der Grands-Mousquetaires, die große, in verschiedenen Provinzen des Landes zerstreute Güter ihr eigen nannte, reiste Le Febvre in die Provinzen von Poitou und Saintonge bis an die Nordküste Frankreichs. Auf Grund falscher Rapporte wurde er eines Tages vor den Intendanten von Rochefort geladen. Es scheint, daß seine Reisen den Verdacht erweckt hatten, er benütze diese Fahrten, um die Glaubensbrüder in ihrem Bekenntnis zu stärken. Man stand ja am Vorabend des Widerrufs des Edikts von Nantes. Die drohende Verfolgung der Reformierten hatte sich schon zu deutlich in mancherlei Unterdrückungen und Beschränkungen ihrer Rechte abgezeichnet. Wiewohl an heftigen Fiebern erkrankt, folgte Le Febvre der Aufforderung. Er wußte sich zu rechtfertigen und wurde sogleich wieder entlassen. Die Rückkehr in die Heimat führte ihn über Paris in eben den Tagen, da mit dem Widerruf des Edikts von Nantes der Sturm über die reformierte Kirche Frankreichs unerhört heftig losbrach. Seinem Freunde, dem Pfarrer Girard, hat Le Febvre viele Jahre später aus seiner Gefangenschaft in Marseille ausführlich von seinen Erlebnissen jener schicksalsschweren Tage erzählt: „Der Geist des Schreckens und der Schwachheit regierte in den Provinzen, als ich sie verließ und ich in Paris die Ehre hatte, Sie zu sehen. Ich hatte gehofft, in dieser Stadt mehr Standhaftigkeit und Festigkeit zu finden; doch die Bestürzung war allgemein, und ich wurde gezwungen, abzureisen. O welch traurige Erinnerung! Von jenem Tage an bis zum Tage meiner Verurteilung zu den Galeeren litt mein Herz ununterbrochene Qualen.“ Drei Monate lang hielt Le Febvre die Ordnung der Geschäfte der Frau von St-Andre, die sich ganz auf ihn verließ, fest. Man gab sich alle Mühe, ihm, der in Burgund als Reformierter wohl bekannt war, den Religionswechsel hoher Persönlichkeiten bekanntzumachen. „Ich sah nichts als Abfall zur Rechten und zur Linken. Die Frömmsten erlagen der Macht der Versuchung. Die Angst packte mich. Die Zedern fallen, sprach ich in meinem Schmerze, was wird aus dem Schilfrohr ?“ Frau von St-Andre wurde von höchster Stelle, vom Intendanten von Burgund aus, zugesetzt, höflich, aber unzweideutig drängend: Von zwei Dingen sei eines zu wählen: den Glauben preisgeben oder entschlossen sein, Güter und Freiheit zu verlieren, ja in eigener Person zu leiden! Sie wolle sich bedenken, sagte Frau von St-Andre. Man gab ihr fünfzehn Tage Frist. Von allen Seiten bedrängt, entschloß sie sich, im Wiederanschluß an die römische Kirche Linderung zu suchen. Isaac Le Febvre aber wurde vom Bischof in wütenden Briefen an Frau von St-Andre angedroht, man würde ihn mit einem Dutzend Bogenschützen holen, wenn er nicht klein beigäbe. „Worüber beklagen Sie sich?“ entgegnete der Bischof einem Gönner Le Febvres, als dieser für seinen Freund eintrat, der kein Verbrecher sei oder dann seien sie alle Verbrecher, wenn es ein Verbrechen sei seinem Glauben anzuhangen: „Worüber beklagen Sie sich? Sie haben noch nicht bis aufs Blut widerstanden!“ Und wirklich, im bewaffneten Zuge der mit der Ausführung der königlichen Dekrete gegen die Reformierten beauftragten hohen Beamten ritt auch der Herr Bischof von Dijon. „Welch herrlicher Aufzug!“ bemerkt Le Febvre ironisch, „welch schöner Troß für einen Geistlichen! Sind die Apostel mit Trabanten dieser Art zur Bekehrung der Heiden ausgezogen?“ Le Febvre wird von jenem Gönner gewarnt: Der Bischof sei mit seinen Bogenschützen und Spießgesellen unterwegs. Le Febvre sei ganz besonders bedroht. Er rate ihm, sich zu entfernen. „zwei Stunden vor Ankunft dieser großen Gesellschaft verließ ich La Nocle. Ich befand mich in einer großen Ratlosigkeit: Ich liebte die Wahrheit (des reformierten Bekenntnisses) über alles, doch ich hatte keine Veranlagung zum Martyrium und sah das Heil einzig in der Flucht.“

Diesem Ansinnen widersetzte sich Frau von St-Andre, die nur an ihren Vorteil dachte und erklärte, er würde sie in Verzweiflung stürzen, wenn er sie verließe. „Wohin gehen Sie? Sie eignen sich nicht für die Galeeren. Fühlen Sie Neigung zum Martyrium? Fünfzehn Tage Kerker werden Sie umbringen. Sehen Sie, ob Sie nicht das gleiche zu tun sich entschließen können, was wir getan haben“ (nämlich den Glauben abzuschwören). „Ich erwiderte ihr, ich hätte keinerlei Neigung zum Martyrium, aber Gott schenke Kräfte. Es sei mir unmöglich, zu tun, was sie getan habe, denn ich müßte glauben, ich würde verdammt.“

Noch rief ihn indessen die Pflicht zu seiner Schwester nach Chateau-Chignon, die, von den Sendlingen des Bischofs, vom Priester des Orts und vom eigenen Gatten um ihres Glaubens willen bedrängt, nach seinem Beistand verlangte. Überdies riefen ihn auch die eigenen häuslichen Angelegenheiten dahin zurück. Auch war die Pacht von Gütern der Frau von St-Andre zu erneuern. Der Bischof sei ihm wohlgesinnt, ließ sie ihren Sachwalter wissen. Er habe bedauert, ihn nicht getroffen zu haben. Er werde es verhindern, daß Le Febvre in seinem Sprengel irgend etwas Gewaltsames angetan würde. Den Rat des Pfarrers von La Nocle, dem Bischof in seinem Palast die Aufwartung zu machen, schlug Le Febvre vorsichtigerweise aus, was von jenem mit zornigen Briefen gegen ihn erwidert wurde: Wenn dieser Mann sie, d. h. den Bischof und den Intendanten, nicht innerhalb vier Tagen zufriedenstelle, würde man ihn in ihrem, der Madame, Hause verhaften, was für sie eine kummervolle Sache sein würde. Es gebe göttliche und menschliche Gesetze, ihn zu zwingen, das zu tun, was sie, Frau von St-Andre getan habe.

Nun wußte Isaac Le Febvre, was die Stunde geschlagen hatte. Er wählte unverzüglich den mit schwersten Strafen verbotenen Weg in die Fremde, und zwar den nächsten Weg in die Eidgenossenschaft. Am 4. Februar, einem Sonntag, wurde Le Febvre nahe der Schweizer Grenze, bei Pontarlier, angehalten und zugleich mit einem Schweizer, namens La Tour aus dem Neuenburgischen, verhaftet. Man führte ihn nach Besancon. Was er auf sich trug wurde ihm abgenommen, seine Waffen und sein ganzes Gepäck . Dann wurde er in Ketten und ins Gefängnis gelegt, mit etlichen Leuten, die ihren Glauben abgeschworen hatten und ihrer Freilassung harrten. Nach drei Wochen wurde er auf die Anklagebank gesetzt und ihm noch am selben Tag das Urteil eröffnet. Die Depesche an den Intendanten der Galeeren vom 3. April lautet kurz und bündig: „Das Parlament von Besançon hat zu den Galeeren verurteilt den genannten Le Febvre Advokat von Chignon, der beim Verlassen des Königreichs verhaftet worden ist und als gefährlicher Mann gilt. Versäumen Sie nicht, dem Aufseher und Unteraufseher der Galeere auf der er angekettet werden wird, zu empfehlen, gut auf ihn zu achten, daß er sich nicht davonmacht.“

Am Tage nach der Eröffnung dieses Urteils zu lebenslänglichem Galeerendienst wurde Isaac Le Febvre in ein elendes Kerkerloch geworfen und an beiden Füßen in Ketten gelegt. Zum physischen Schmerz den er litt, fügten die Peiniger ihren Spott: Wenn man schon überzeugt sein wolle, im rechten Glauben zu stehen, sollte man auch zu leiden wissen, selbst bis zum Tode. Dies Wort traf den Gefangenen tief, aber anders, als es die Spötter gemeint hatten: Le Febvre fühlte sich durch dieses Wort gestärkt. Was sie sagten, sei wahr, erwiderte er; er sei auf dem Wege, so zu leiden. Nun saß dieser edle Mensch in der Nacht eines Kerkers, den er mit gemeinen Verbrechern teilte, selber wie ein solcher behandelt. Aber siegreich erhob sich sein Geist über die Demütigungen, denen er täglich ausgesetzt war. Am 12. Mai 1686 schreibt er seinem Pfarrer: „Nichts Empörenderes ist möglich als die Behandlung, die man gegen mich übt. Je schwächer man mich sieht, um so mehr sucht man meine Gefangenschaft zu erschweren. Seit etlichen Wochen läßt man niemanden zu mir. Gäbe es einen Ort, wo die Luft noch verseuchter ist als hier, man würde mich dorthin bringen. Indessen hat die Liebe zur Wahrheit immer die Oberhand in meiner Seele. Gott, der mein Herz kennt und die Lauterkeit meines Sinnes, stärkt es mit seiner Gnade. Er kämpft gegen mich, aber er kämpft auch für mich. Meine Waffen sind die Tränen und Bitten. Mein Glaube ist schwach, und ich bin ein armen Sünder. Aber dieser gütige Gott, das Asyl der Betrübten, die einzige Zuflucht der Elenden, der den glimmenden Docht nicht auslöscht und das schwache Rohr nicht zerbricht, wird Erbarmen mit mir und meinen großen Schwächen haben. Weil ich auf ihn hoffe, wird er nicht zulassen, daß ich beschämt werde. Ich lasse ihn nicht, ehe er mich gesegnet hat.“ An Versuchen, den Verurteilten in seiner Treue zu erschüttern, fehlte es auch jetzt nicht. Heute legte man ihm nahe, sich an den Intendanten um Linderung seiner Einkerkerung zu wenden, morgen gar, den König um Freilassung zu bitten. Solchen Ansinnen widerstand Le Febvre in unerschütterter Ruhe und Festigkeit: Er wußte wohl, daß all dies nur durch den Widerruf seines Bekenntnisses erkauft werden konnte. Lieber will er seine Lebenstage in Ketten enden, als seinen Glauben, der ihn bisher in Freud und Leid beglückt und getragen, zu verlassen. Aus dem Gefängnis zu Besancon wurde Le Febvre am 30. Mai 1686 nach Dijon übergeführt. „Ich bin wie gelähmt“, meldete er anfangs Juni seinem Freunde, „am ganzen Leibe leide ich heftige Schmerzen, und hätte mir nicht der Herr in Aussone Erleichterung gewährt, man hätte mich nicht mehr lebendig nach Dijon gebracht. In Aussone wurde ich der Ketten entledigt und auf ein Pferd gesetzt aus dem Karren, in dem ich vorher in einer tödlichen Lage und von allen Seiten gepreßt, gelegen hatte. Doch was auch kommen mag, wir setzen unser Vertrauen auf Gott, auf ihn allein hoffen wir. Ich hatte einige Fieberanfälle, heftiger als gewöhnlich: aber Gott wird mich nicht verlassen.“

Auch hier legte man ihm nahe, eine Bittschrift an den Intendanten zu richten, um für die bevorstehende Reise nach Marseille, dem Ziel der zu den Galeeren Verurteilten, eine mildere Behandlung zu erlangen. Doch davon wollte Le Febvre nichts wissen. „Wir fürchten diese ganze Zurüstung, mit der man uns droht, nicht; der Anblick eines jähzornigen Galeerenaufsehers und eines Trupps entmenschter Trabanten hat für uns nichts Furchterregendes. Was mir weit mehr Mühe macht, sind die Lästerungen der Verbrecher, mit denen wir zusammengebunden sind.“ Dankbar empfand er die milde, menschliche Behandlung, die ihm der Gefängniswärter zu Dijon schenkte. „Ich würde meine Gefangenschaft nur leise spüren, dränge nicht das Klirren der Kette ständig an mein Ohr und würde mich der ehrwürdige Pater Jesuit weniger häufig besuchen.“ So mag er denn der „Kette“, das will sagen dem Transport im Zuge der neu zum Galeerendienst Verurteilten mit Ergebung entgegengesehen haben. Auf diese neue und, wie er ahnen mochte, lange und schwere Probe seiner Glaubenstreue rüstete er sich auf seine Weise: er versuchte, die Freunde in Briefen zu trösten und sie zur Festigkeit zu mahnen. In Chalon-sur-Marne wurde er anfangs August 1686 in die von Paris kommende „Kette“ eingereiht und zunächst mit einem Dragoneroffizier zusammengebunden. Dieser war zu den Galeeren verurteilt worden, weil er den Schwestern eines angesehenen Edelmanns, eines Verwandten der Frau von St-Andre, die Flucht aus dem Lande erleichtert hatte. Wiewohl katholischen Glaubens, wurde er nicht minder hart behandelt als die reformierten Gefangenen. Am zweiten Morgen wurde Louis de Marolles, der schon zu Paris die Fahrt mit Fiebern angetreten hatte, Le Febvres Gefährte. Nach mühseligem Märsche, da nur für kurze Zeit, etwa von Lyon bis Valence, durch die Fahrt auf der Rhone unterbrochen wurde, gelangte die „Kette“ am 20. August nach Marseille. Hier mußten die beiden Freunde ihrer Schwäche wegen ins Galeerenspital eingeliefert werden. „Es kommt mir vor“, schrieb Le Febvre noch gleichen Tags seinem fernen Freunde nach Holland, als seien mehr als sechs Monate seit der Abreise von Dijon; ich sah mich in meinen Schmerzen dem Tode nahe; die Wärter hielten mich für tot. Ohne den kurzen Aufenthalt zu Avignon hätte ich nichts als einen grausamen Tod erhoffen können. Nach langen Bitten erlaubte mir Herr von St-Premil, der Leiter der ,Kette‘, eine Sänfte zu nehmen unter der Bedingung, daß ich den Wächter bezahle. So ward mir das Geld eine große Hilfe.-Ich konnte zweimal 24 Stunden von dem, was man einem hier gibt, weder essen noch trinken und vermochte kein Auge zu schließen.-Mein Leben gilt mir nichts; ich ließe es mit Freude, wenn dies Gottes Wille wäre: doch der Herr tut Wunder, um mich zu erhalten. Grüßen Sie die Brüder und beten Sie für mich. Man fährt fort, mit mir über Glaubensfragen und von Glaubenswechsel zu reden. Wie lange noch, Herr?“

Schwerkranke wurden im eigentlichen Galeerenspital untergebracht. Das Haus umfaßte Spital, Kloster und Zuchthaus in einem. Religiöse Übungen gehörten zur täglichen Ordnung: Messen in den Kammern der Kranken, erbauliche Vorlesungen während der Mahlzeiten und Andacht in der Kapelle jeden Abend Dem läuten des Glöckleins, dem Geleier des gemeinsamen Gebetes antwortete das Klirren der Ketten, die man für die Nacht den Sträflingen wieder an die Füße legte. Die Leichterkrankten verstaute man auf besonderen Galeeren. Unglaublicher Schmutz muß da geherrscht haben, traf doch im Jahre 1686 der damalige Intendant der Galeeren 1300 Sträflinge in scheußlichem Schmutz und in Verpestung zusammengepfercht. Isaac Le Febvre lag nun mit Louis de Marolles im Spital in derselben Kammer, Bett an Bett. Sie aßen aus demselben Topf und waren bald ein Herz und eine Seele. Sie halfen einander im Leiblichen und Geistigen nach ihrem besten Vermögen. „Die Gefangenschaft, in der wir liegen, und unsere häufigen Krankheiten hindern uns nicht, daß Wir uns unterhalten.“ Le Febvre bittet einen seiner Freunde, doch die Gattin de Marolles zu besuchen und ihr zu ihrer Beruhigung zu sagen, das er sein möglichstes tue, um ihrem Gatten zu dienen, der, wie sich Le Febvre ausdrückt, einer der besten und erleuchtesten Christen sei die er kenne. Wie gern hätten die beiden Freunde auch den andern Kranken beigestanden! Doch eben dies wurde ihnen verwehrt. „Es ist nicht mehr gestattet, Frömmigkeit noch Liebe zu üben. Man darf nicht mehr aufrichtig sein (d. h. offen zu den andern reden); doch indem ich die Vorsehung verehre, die alles weise ordnet, hoffe ich immer, daß sie das Böse zum Guten wende. Unsere Leiden sind groß, aber unsere Sünden sind noch weit größer, und Gott muß uns mit harten Schlägen treffen, um uns von der Erde zu lösen.“ Auch Le Febvre selber lag oft krank. „Ich falle von einem Rückfall in den andern; ich sah mich an der Pforte des Todes. Der Herr Spitalarzt gab sich große Mühe mit mir und wunderte sich, daß ich nicht klagte. Ich könnte nicht gehen; seit zwei Tagen fühle ich mich ganz zerschlagen; doch glaubt nicht, unsere Lage sei so schlimm, wie die Weltkinder denken, und daß wir sehr zu beklagen seien.- Gott, der unsere Aufrichtigkeit kennt, hat Erbarmen mit unseren Schwächen; er stützt uns und nimmt uns bei der Hand, und so ist der Tod für uns nicht mehr der König der Schrecken.“ Ehe die beiden Freunde von ihrer Krankheit ganz genesen waren, wurden sie getrennt und aus dem Spital herausgeholt, trotz der Fürbitte des Arztes, der wohl sah, wie schwach sie noch waren. Le Febvre wurde der Galeere „La Grande Reale“ zugeteilt. „Gestern“, schreibt er am 17. September, „hielt ich hier (auf der ,Grande Reale‘) meinen Eintritt, wo ich zuerst mit der Kette belastet wurde. Man beklagt uns. Ein Offizier sagte mir, wenn wir wegen eines Verbrechens hier wären, könnten wir auf jede Art Erleichterung rechnen. All dem und meinen Leiden setze ich den Willen Gottes entgegen. Wenn Armut, Krankheit, Schmerzen und die Gefangenschaft die Mittel sind, deren er sich zu meinem Heil bedient, warum sollte ich sie zurückweisen? Wenn Gott mich zu sich rufen will, will ich getrost sterben. – Ich bin gezwungen, auf einem Brett zu liegen, das nicht mehr als zwei Fuß breit ist; ich habe nichts, mich zu decken; doch die Sträflinge neben mir haben sich für mich abgedeckt, und wenn die Läuse und Flöhe mich nicht belästigten, könnte ich einen tiefen und ruhigen Schlaf tun trotz des Lärms auf den Galeeren.“ Auf der „Grande Reale“, dem Sammellager für die neu eingetroffenen Verurteilten, wurde Le Febvre von den Offizieren der andern Galeeren auf seine Eignung zum Ruderdienst geprüft, doch als zu schwach befunden. Durch die Gunst seiner Freunde ward er bald auf die Galeere „La Magnifique“ verbracht, wo er eine menschlichere Behandlung fand und sich freier bewegen durfte. Um so schärfer bewachten ihn die Väter der Mission, mit dem Erfolg, daß ihm jeder Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten ward. Und was sein Freund nach einer Unterredung mit dem Bischof erlebte, bekam auch er zu kosten: erneute strenge Behandlung, was Louis de Marolles am 24. Oktober seiner Gattin berichtet: „Herr Le Febvre und ich sind nicht mehr entkettet des Tages, geschweige des Nachts; wir dürfen nicht mehr ans Land gehen; wir empfangen und schreiben keine Briefe mehr, die nicht gesehen (d. h kontrolliert) würden.“ Diese Weisungen erfolgten unmittelbar nach Le Febvres Besuch beim Bischof. Zu Anfang 1687 liegt Le Febvre wieder auf der „Grande Reale“, die Füße in Ketten, die Hände in Handschellen, deren „ jedoch bald wieder entledigt wurde; nur nachts lag er noch in Ketten. „Man brachte mich auf eine Galeere, wo ich auf eine ganz andere Art behandelt und beobachtet und angeschlossen wurde als vorher. Man belastete mich mit Eisen und Ketten; man ließ mich auf dem Boden schlafen und hinderte mich trotz der Kälte, mich zu bedecken; man warf mir grobe Beleidigungen ins Gesicht; man hob den Knüttel gegen mich; das Fieber packte mich, und mein Leib war lauter Schmerz. In diesem Zustand erhob sich meine Seele über die sichtbaren Dinge und suchte Gott, ihren Herrn, ihre einzige Hoffnung. Die Tröstungen, die uns der Herr Jesus gibt, wachsen im Verhältnis zu den Leiden, die wir für ihn erdulden. Er besänftigte mich in all meinen Ängsten und sprach zu meiner Seele, er sei ihr Retter. Auf der einen Galeere hatte ich die Hilfe der Menschen erfahren, auf der andern erfuhr ich die Hilfe Gottes. Wie groß ist die Treue meines Gottes; er ist bei denen, die auf ihn harren, um sie zu stützen und zu schützen und sie im Besitze ihres Heils zu erhalten. Er ist der starke, wunderbare Gott, der uns durch die Finsternisse zu seinem herrlichen Lichte führt, und in den Schrecken der Galeeren läßt er uns unaussprechliche Güte kosten. Ich konnte in Wahrheit sagen: wenn ich schwach bin, bin ich stark. Ich verbrachte mehrere Tage in diesem Zustand, und schließlich fand ich, daß ich gut schlief und daß nichts, was ich aß, mich belästigte. Ich mache hier halt. Ich habe genug gesagt, um Ihnen Freude zu machen und Sie zu nötigen, Ihre Gebete und Bitten zu verdoppeln. Ich füge bloß noch bei daß ich die Schwachheit selber bin; ich habe Kämpfe gegen außen und Ängste in meinem Inneren; oft betrübt sich mein Herz, meine Seele bangt und ist voller Schwachheit und Dürre. – Ich beschwöre Sie darum durch die Liebe, die Sie zu mir haben, ohne Unterlaß zu bitten nicht bloß für mich, sondern auch für die lieben Genossen meines Leidens. – Wir haben alles zu fürchten, von uns selber und von denen, deren Eifer nicht nach Gott geht. Man fügt die List zur Gewalt, um uns unserem Glauben untreu zu machen, von dem wir doch überzeugt sind, daß in ihm unser Heil liegt. Es gibt hier mehrere Zeugen, deren Lage der meinen gleich ist. Das sind Bekenner, die ihren Glauben und ihre Hoffnung unerschütterlich bewahren und entschlossen sind, wenn es der Herr will, alles, selbst den Tod, für das Wort Gottes und das Zeugnis von Jesus zu leiden. Wir versuchen, das Ziel unseres Laufs zu erreichen; der Lauf ist schwer und der Weg ist rauh, aber wir richten unsere Augen auf den Herrn Jesus, den Meister und Vollender unseres Glaubens, wir setzen unsere Zuversicht auf den, der die Toten auferweckt und die Dinge, die nicht sind, ruft, als wären sie.“

Im April 1687 wurde Le Febvre gleich seinem Freunde de Marolles aus der Galeere herausgeholt, um für den Rest seines Lebens in die Nacht und Tiefe einer Festung verwahrt zu werden. Für den Dienst als Ruderer auf einer Galeere waren beide körperlich zu schwach. Warum wurden sie nicht in das Spital zurückgeführt? Kein Zweifel: man fürchtete den Einfluß, den sie durch ihren ungebrochenen Geist hier wie dort auf die Mitgefangenen ausüben mußten. Um die beiden jeder Gemeinschaft zu berauben, wurden sie in zwei weit auseinanderliegende Festungen verbracht: Louis de Marolles in die Festung St-Nicolas, wo er im Frühsommer 1692 den Entbehrungen und Leiden, denen er fünf Jahre lang ausgesetzt gewesen war, erlag. Am 3. März forderte der Minister Seignelay vom Intendanten der Galeeren Auskunft über Le Febvre: der Vorsteher der Mission in Marseille habe ihm geschrieben, der genannte Le Febvre sei sehr widerspenstig. es sei nötig, ihn einzusperren. „Lassen Sie mich wissen, ob er von der Art des Herrn de Marolles ist, über den Sie Befehl erhalten haben, ihn in die Zitadelle zu legen, und ich werde Ihnen die Absichten Seiner Majestät über diesen Mann (wörtlich: dieses „Subjekt“) kundtun.“ Am 20. März schreibt derselbe Minister wie folgt über Le Febvre: „Seine Majestät war sehr erstaunt, vom Vorsteher der Mission zu Marseille den Widerstand zu vernehmen, den der genannte Le Febvre leistete, da er seine Mütze vor dem heiligen Sakrament, das ein Feldpater zu einem Kranken in das Spital trug, nicht abnahm, und daß Sie dies geduldet haben, ohne mir davon Anzeige gemacht zu haben. Dies ist eine Handlung, die hundert Stockschläge verdient, und Ihre Majestät will nicht, daß Sie dies ungestraft lassen.“ Das war eine deutliche Sprache; und wem Le Febvre und ihre Gefährten die unmenschliche Behandlung zu danken hatten, wird aus diesen Depeschen des Pariser Hofes klar: wie Sperber wachten die geistlichen Herren und ihre willigen Sklaven über jeden Schritt, den die Reformierten taten, über jedes Wort, das sie mit ihren Brüdern sprachen, vor allem darüber, ob sie während des Meßopfers oder, wie es gegen Le Febvre geklagt wird, beim Vorübergehen des Priesters mit der Hostie die nach ihrem Empfinden gebührende Ehrfurcht erwiesen. Aber eben dies durften und konnten diese Bekenner nicht tun, wenn sie dem die Treue halten wollten, um dessentwillen sie auf den Galeeren und in Kerkern litten. Wir dürfen annehmen, daß Herr Bégon, der Intendant der Galeeren, dem menschliches Mitgefühl auch für die unglücklichen reformierten Gefangenen nicht fremd war, den Weisungen aus Paris nicht ohne schmerzliche Bewegung nachkam, als er Isaac Le Febvre in einen Turm der Festung St-Jean einschließen ließ. Das Kerkerloch, in dem der nunmehr 39-jährige, durch Krankheit und harte Behandlung geschwächte Mann für den Rest seiner Erdentage, man möchte sagen, lebendig begraben wurde, hatte ehedem als Pferdestall gedient, war aber seiner Feuchtigkeit wegen für Rosse als ungesund befunden worden. Noch waren Futtertraufe und Krippe in die Wand eingebaut. Licht und Luft konnten nur durch ein Gitter ob der Türe spärlich eindringen. „Dieser Ort ist sehr düster und feucht“ so schildert Le Febvre selber seinen Kerker, „die Luft ist verseucht und verbreitet einen üblen Geruch. Alles hier wird faul und schimmlig. Die Abläufe und Brunnen sind über mir. Ein anderes Feuer als das der Kerze habe ich hier nie gesehen.“ – Die ersten paar Nächte legte sich Le Febvre in die Krippe. Später dienten wochenlang eine kurze Kiste und zwei Strohstühle ihm als Lagerstatt, gegen Frost und Kälte nur durch „die Kleider des Königs“, d. h. die kärglichen Sträflingskleider, dürftig geschützt. Bald stellten sich rheumatische Leiden und ständige Fieber ein. „Doch Gott bediente sich dieser Üben, um mein Leben von der Erde zu lösen und mich zu lehren, in gläubiger Ergebung in seinen Willen zu verharren.“ Mit diesen Worten schließt der Gefangene die Schilderung seines Verlieses und seiner neuen Lage.

Die ungenügende Ernährung tat das Ihre, um seinen Körper in kurzem so auszumergeln, daß er nur noch Haut und Knochen war. Dazu trat die fast völlige Absonderung von der Umwelt. Niemand wagte ihn zu besuchen und zu sprechen. So gab es wohl anfangs Augenblicke, da er den Tod als seinen besten Freund und als Glück ersehnen mochte. „Der Tod ist nichts“, schrieb er im Hinblick auf sein Elend einer lieben Verwandten. „Jesus Christus hat ihn für mich überwunden, und wenn es Zeit ist, wird er mir die notwendige Kraft geben, um ihm die Maske, die er in den großen Anfechtungen trägt, vom Gesicht zu reißen. ,Maior est metus vitae quam mortis‘: Die Furcht, noch länger zu leben, ist größer als die Furcht, bald zu sterben. Indessen ist es besser, das Leben zu erleiden, als den Tod herbeizuwünschen.“

In solchen Stunden, da er sich dem Tode nahe sah, bat er alle, die er durch seine Schwächen beleidigt zu haben wähnte, um Vergebung. „Und ich erkläre vor Gott, daß ich allen, die mich irgendwie beleidigt haben, von Herzen verzeihe. Es hat nicht den Anschein, daß ich noch weiter gehen kann, wenigstens nicht, wenn der Herr das Herz derer, die mir zu essen geben, nicht mit Mitleiden rührt. Die Lebensmittel, die sie mir bringen, sind voll Unsauberkeit aller Art.“ Diese Klage über ungenügende und verdorbene Nahrung kehrt in Le Febvres Briefen öfters wieder. Man hatte ihm beim Eintritt in den Kerker eröffnet, daß der König ihn nicht beköstigen werde. Darum ward ihm gestattet, seine Freunde um Hilfe zu bitten. Es war vor allem ein gewisser Verwandter, der sich seiner hierin hilfreich annahm. Mit seinem Verköstiger hatte Le Febvre ein Abkommen getroffen, daß ihm für zehn, später für fünf Sous im Tag das notwendige Essen geliefert werde, da er einfach zu leben gedenke, wie es einem Mann in seiner Lage gezieme. „Man verfolgt mich seit etlichen Jahren grausam durch die Verderbnis der Lebensmittel, die man mir gibt, sei’s zum Essen, sei’s zum Trinken“, schrieb er um 1699, „aber der Herr stärkt meine schwache Natur auf wunderbare Weise. Gott tröstet mich und hilft mir fühlbar. Er gibt mir die Kraft, meine Anfechtungen in Frieden und Geduld und unbesieglicher Beharrlichkeit zu ertragen, und wenn ich Ihnen sage, daß ich öfters zufrieden und glücklich bin, und daß ich mich nicht entsinne, je traurig gewesen zu sein, so sage ich Ihnen die Wahrheit.“ In solchen Stunden sang er wohl den 30. oder 135. Psalm, die dem Ausdruck gaben, was ihn beseelte und beglückte: die Gewißheit, daß Gott ihn nicht vergessen habe, daß er beständig in seiner Nähe sei und ihn stütze. In einem Brief vom 1. Juni 1700 rührt Le Febvre wieder an die ungetreue und nachlässige Art seiner Behandlung: „Die, welche es unternommen haben, mich zum Abfall von meinem Glauben zu führen, sagen und machen, was sie wollen; sie haben sich eine Gewohnheit daraus gemacht, das böse zu tun, und die ganze Genugtuung, die man mir gewährt hat, besteht darin, daß man mir durch die Tochter meines Kostgebers sagen ließ, man gäbe mir das Wasser so, wie es auch der Herr Kommandant der Festung trinke, und sie gäben mir das beste dessen, was sie selber äßen; ich sei eben krank und unwillig; alle Welt wünsche nur meine Freiheit, und es liege nur an mir. Doch wenn man mir die augenscheinlichsten und handgreiflichsten Dinge abstreitet, kann ich eben nichts erwidern, als ich sei hier zum Leiden.“ Er könne, sagt er weiter, den Verdacht nicht unterdrücken, man wolle ihn auf diese Weise loswerden, wie man es mit seinem Freund de Marolles getan, den man fasten und beinahe Hungers sterben ließ. Doch hätte es Gott gefallen, ihn trotz der Gewalttätigkeiten seiner Verfolger um so länger am Leben zu erhalten, zum Troste seiner lieben Leidensgefährten und zur Erbauung der Kirche Gottes. „Ich werde immer mit der gleichen Heftigkeit verfolgt“, lesen wir in einem dritten Briefe, „man hat mir jede Art von Verkehr mit den Lebenden und selbst mit den Toten verboten. Gewißlich ließe man keinen Verbrecher leiden, was man mich leiden ließ. Aber der Herr, der mein Gott, mein Beschützer und Befreier ist, kam mir zu Hilfe. Er hatte Erbarmen mit meiner Schwachheit und hat mir eine Geduld gegeben, die ich niemals zu hoffen gewagt haben wüßte. Ihm sei Lob und Ehre in Zeit und Ewigkeit! – Er versucht mich nicht über Vermögen, er prüft mich zu meinem Heil, und ob ich lebe oder sterbe, so leb‘ und sterb‘ ich ihm.“ So spielten die Peiniger mit Leib und Seele des Gefangenen: für Wochen und Monate war die Behandlung milder. Aber jäh wurde sie wieder unmenschlich hart. Heute schlug schwerste Krankheit den Armen, und wiederum hatte er Tage leiblichen Wohlbefindens. Zuzeiten war er der Gemeinschaft lieber Menschen durch Briefe und Besuche gewiß, dann aber kamen wieder Wochen und Monate, da er von aller Welt abgeschlossen war. Doch all dies konnte seine Treue nicht erschüttern und seinen Mut nicht brechen. Denn unablässig lebte und webte sein Geist im Reiche der göttlichen Dinge. Über keinem Buche saß er in der Stille seines Kerkers mit solch gesammeltem Geiste wie über seiner Bibel. Wie muß es ihn getroffen haben, wenn wieder einmal nach verbotenen Büchern gefahndet und ihm alles geistige Rüstzeug entrissen wurde. In blindem Eifer griffen die Wärter nach allem, was Gedrucktes oder Geschriebenes bei ihm zu finden war. Zwiefach war die Frucht von Le Febvres Arbeit um die Wahrheiten des Evangeliums: ein unstillbares Verlangen nach persönlicher Heiligung und Nachfolge Christi ein immer tiefer und fester Sich-Gründen im Vertrauen auf die Macht Gottes, und ein Trieb, die Genossen seiner Leiden aus demselben Quell zu stärken, aus dem er selber seine besten Kräfte schöpfte. „Ich trete nun ins zehnte Jahr meiner Leiden“, schreibt unser Bekenner ums Jahr 1696, „durch Gottes Gnade habe ich weder den Geist noch den Glauben, ja nicht einmal meine Gesundheit verloren. Der Herr hat meiner Schwachheit geschont, er hat mit meiner Gebrechlichkeit Erbarmen gehabt. Er wird vollenden, was er begonnen. Wäre ich nur vom Gewichte meiner Sünden befreit und könnte ich mich von den Gedanken der Welt losmachen, ich wäre unendlich viel glücklicher, als ich jemals in der Welt gewesen bin.- Aber ich bekenne mit Schmerz und Verwirrung: ich bin ein Mensch von schwachem Glauben und ein großer Sünder, ich sehnte mich nach der sichtbaren und zeitlichen Freiheit mit mehr Eifer und Glut.“ La Febvres Briefe sind voll ergreifender Bekenntnisse seines Ringens nach Heiligung und seiner freudigen Gewißheit der Gemeinschaft mit seinem Schöpfer. „Ich erwarte alles von der Gnade meines Gottes; ich erhoffe alles von Jesus Christus meinem Heiland, der mein Fleisch zu meinem Gehorsam formt und die Krankheiten meiner Seele heilen wird. Ich müßte verzweifeln, hätte ich diesen großen Arzt nicht. – Niemals hat er mich verlassen. Er hat mich gesucht, als ich ihn noch in keiner Weise suchte. Er hat mich in den Dienst der Verteidigung seiner Wahrheit gestellt trotz meines Widerstandes und meiner Furchtsamkeit. Wird er mich verlassen, wenn ich ihn suche und wenn ich ein ernsthaftes Verlangen habe, ihm zu dienen, so daß ich nichts so sehr fürchte, als irgend etwas mehr zu fürchten als ihn? Gott ist stärker als alle, und nichts kann mich aus seiner Hand reißen. Ich hoffe es von seiner Güte, von der „ mir so viele Beweise gegeben hat. – Er hat sich mir als mein Beschützer erklärt seit jenem Tage, da die Mächtigen sich auf ihren Richterstuhl setzten, um mich zu richten. Man drückte mich auf die Anklagebank nieder, man sagte zu mir, ich hätte nur noch diesen Augenblick, um eine Verurteilung zu den Galeeren zu vermeiden. Ich erwiderte dem Gerichtshofe, ich könne die Stimme meines Gewissens nicht verraten. Ich wurde von den Menschen verurteilt und vor Gott gerechtfertigt. Und all dies hat zur Erbauung seiner Kirche und meines eigenen Heils gedient. Ich habe in all dem verstanden, daß das Leben meiner Seele, meine Ruhe und ihr wahres Glück; darin liegen, dem Willen Gottes zu dienen, einzig seinen weisen Geboten zu folgen und mich unverbrüchlich an ihn anzuklammern. Dies ist die Frucht, die ich von meinen Leiden pflücke, daß ich bekennen darf: der Gläubige ist nie glücklicher, als wenn er seine Zuversicht in seinem Leiden zu Gott setzt.“ Louis de Marolles rühmt einmal von seinem Freunde: „Le Febvre schreibt als vollkommener Theologe, und was am meisten zu werten ist: er übt, was er sagt.“ Fragte man, wo er seine erstaunliche Kenntnis der Bibel und der theologischen und religiösen Probleme gewonnen, erwiderte Le Febvre wohl in seiner Bescheidenheit: „Ich habe die Dinge, die ich sage, weder studiert noch gelernt bis zu dem Tage, da ich Forcat und Gefangener Jesu Christi wurde. Ich bin nicht der einzige, der in Ketten reden und auf dem Meere beten gelernt hat; meine lieben Gefährten haben dieselben Gnadengaben empfangen.“ an Schriften, die Le Febvre in seiner langen und schweren Kerkerhaft geschrieben, werden von seinem Biographen Girard u. a. genannt: eine Paraphrase der Psalmen, eine Bearbeitung von Thomas a Kempis‘ berühmtem Andachtsbuche „Von der Nachfolge Christi“ in Versen, Epigramme auf Wilhelm von Oranien und eine Abhandlung über die Notwendigkeit der Leiden. Ein Teil seiner Arbeiten soll seinen Aufpassern in die Hände gefallen, etliches jedoch durch Freunde gerettet worden sein. Jedenfalls besaß die Genfer Bibliothek noch im Jahre 1790 die oben namentlich erwähnten Schriften außer dem Traktat über die Notwendigkeit der Leiden. Übrigens war Le Febvres gewandte Feder seinen Verfolgern willkommener Vorwand, seine Einkerkerung zu rechtfertigen: Wiederholt wurde ihm erklärt, man habe ihn und Leute wie Louis de Marolles nicht ihres Glaubens wegen aus den Galeeren herausgeholt und in Festungen eingeschlossen, sondern weil sie Briefe ins Ausland und Gedichte gegen den König geschrieben hätten. Auf solche Vorwürfe konnte Le Febvre ruhig erwidern, erst seitdem er im Fort St-Jean liege, habe er Briefe ins Ausland geschickt. Was die Gedichte gegen den König betreffe – es sei wahr, er habe einmal ein – zwar schlechtes – Sonett auf den König gedichtet, aber nicht gegen ihn, sondern zu seinem Lobe, freilich mit einem Appell, der dem König bitter munden mußte, sollten ihm Le Febvres Verse überhaupt zu Gesichte gekommen sein. Der Dichter endete sein Sonett also:

„ Lieutenant du Tres-haut, ta colere est terrible
Quoi! toujours glorieux, et toujours invincible.
Peux-tu prendre plaisir a nous pousser a bout,
Sur toi-meme tu dois remporter la victoire
Et l’on ajoutera ce vers a ton histoire:
Louis est un vainqueur qui ttiomphe de tout.“

Seinen Glaubensbrüdern, ob sie nun auf den Galeeren oder wie er in der Nacht einer Festung für ihren Herrn zeugten, war Le Febvre ein innig mitfühlender, mittragender Tröster und Seelsorger. Soweit sein Vermögen reichte, suchte er sie in Briefen und durch mündliche Grüße zu stärken. Welch tiefe Gemeinschaft verband ihn mit Louis de Marolles! „Als man uns aus dem Spital herausholte, um uns für immer zu trennen, da wollte de Marolles mich umarmen und mir Lebewohl sagen. Ich erwiderte ihm: Wir verlassen einander nicht; wir werden uns in Wahrheit wiedersehen, am großen Tag des Herrn.“ Da war Pierre Mauru, ein junger Mann aus dem werktätigen Volke, gleich ihm auf der Flucht nach der Schweizer Grenze verhaftet und zu lebenslänglichem Galeerendienst verurteilt, mit ihm und de Marolles Glied der „Kette“ auf dem Wege nach Marseille. Jung und kräftig, diente Mauru ein tolles Jahrzehnt auf den Galeeren, bis schwere Krankheit ihn ins Spital brachte, wo er Le Febvre wieder begegnete und ihm in einem ergreifendem Briefe den Leidensweg, den er so tapfer wie irgendein Märtyrer zu Ende ging, schilderte. „Es ist unfaßbar“, schreibt Le Febårc über diesen einfachen Mann, „die Geduld dieses Bekenners Jesu Christi in dem Gott die Herrlichkeit und den Reichtum seiner Gnade entfaltet hat!“ In den Tagen, da die Laufbahn dieses jungen Bruders sich vollendete, waren sie einander mit ihren Fürbitten nahe. Im Sterben seines Bruders mag Le Febvre sein eigenes Ende vorausgeschaut haben – den Tod in der Stille und Einsamkeit des Kerkers – und dennoch an Gottes Hand!

Zum engeren Freundeskreis Le Febvres zählten auch die drei berühmten Brüder Serres aus Montauban, David, Pierre und Jean, die mit besonderer Heftigkeit verfolgt wurden, weil sie die Widerstandskraft ihrer Mitgefangenen in Wort und Schrift unermüdlich zu stärken bemüht waren. Pierre war Mitglied des leitenden Ausschusses jener 1699 gegründeten Bruderschaft der auf Galeeren und in Kerkern leidenden Bekenner. Wie viele Namen der Glieder dieser Kirche der Zerstreuung begegnen uns in den Briefen Le Febvres: die Lensonniese, Sabatier, Bancillon, Musseton, Elie Neau, auch unser Schweizer Landsmann Paul Ragatz, der gleich ihm in einem schaudererregenden Loch, erst im Fort St-Nicolas, dann im Wasserschloß Chateau d’If eingeschlossen war, bis er endlich auf Fürbitte des Bündner Generals Stoppa 1700 freigelassen wurde „. Um Le Febvres Freilassung haben sich seine Verwandten und Freunde immer wieder bemüht. Le Febvre hat sie wiederholt vor solchen Versuchen gewarnt, weil er, nicht zu Unrecht, als Wirkung nur neue Belästigung fürchtete. Eines aber hat er mit heißer Sehnsucht erhofft: daß der ganzen reformierten Kirche seiner Heimat ihre Freiheit wieder geschenkt würde. Die Nachricht, daß 1697 der Friede zu Rijswijk, der dem langen Krieg zwischen Frankreich und England-Holland ein Ende setzte, der Kirche die erhoffte Freiheit nicht gebracht, hat auch Le Febvre schmerzlich berührt. Wohl öffnete sich einigen wenigen seiner Brüder der Kerker: 1698 und 1700 wurden nacheinander Elie Neau und Paul Ragatz frei. Die Türen seines Kerkers aber blieben strenger bewacht als je, so streng, daß die Wache, welche die Pforten des Hauses des Gouverneurs zu bewachen hatte, zugleich den Eingang zu Le Febvres Gefängnis hüten mußte. Der Sergeant, der ihm sein karges Essen zutrug, war immer von zwei bis drei Musketieren begleitet, und sooft die Wache ihre Runde machte, mußte sie auch nach Le Febvre schauen und ihn anrufen. So war er während der letzten Jahres so gut wie vollständig von der Welt abgeschlossen. Kein Brief erreichte ihn mehr, und keiner seiner eigenen Briefe konnte mehr an die fernen Freunde weitergeleitet werden. Nur eine Schweizerin, die Gattin des Lyoner Kaufmanns Hans Konrad Zollikofer, durfte den Einsamen und Kranken noch besuchen, doch nie so, daß sie ohne Zeugen und unbefangen mit ihm hätte sprechen dürfen. So wußte man eigentlich nur, daß er noch lebe, aber täglich schwächer werde. Der letzte Brief, den sein Pfarrer von ihm empfing, ist datiert vom 8. Januar 1701: „Es ist wahr, ich bin zu leiden entschlossen, und zwar alles, Leben und Tod; auch das ist wahr, daß ich das Gute erwidere für das Böse, so gut ich es vermag, und daß ich niemandem Grund zum Klagen gebe. Doch so gut ich versuche, recht zu leben und zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes zu gelangen, so mache ich mir doch viel Mühe und komme ich nur wenig voran.“ Herzlich dankt er seinem Verwandten für die ihm gewährte Hilfe, und besonders innig grüßt er seinen Seelsorger, als fühlte er, dieser Gruß würde sein letzter sein.

Frau Zollikofer fand unseren Märtyrer in seinen letzten Wochen, so wie sich Stephanus hielt, als ihn die Verfolger umringten: voll Glaubens und Heiligen Geistes und von Liebe glühend selbst zu seinen Verfolgern. Das letztemal, als Frau Zollikofer ihn sah, zwei Tage vor seinem Tode, erschien er ihr sehr schwach und abgemagert, doch heiteren Geistes, so daß sie erbaut von ihm schied, ihn der Gnade Gottes empfehlend und den Freunden, die für ihn sorgten. Als ihm am Abend des 14. Juni 1701 eine Suppe gebracht wurde, äußerte er noch klaren Geistes zu dem, der ihm diente, er werde wohl den Morgen nicht mehr erleben. Noch war es wider Erwarten möglich, ihm einen Brief seines Pfarrers zu überreichen. Doch ihn zu lesen fand er nicht mehr die Kraft. Er gab das Blatt dem Überbringer zurück, damit nichts dergleichen auf ihm gefunden würde. In der Nacht wollte ihm die Tochter des Gefangenenwärters Wein bringen: da fand sie ihn tot! Wie sie es versprochen, sorgte seine Schweizer Freundin für ein ehrliches Begräbnis. Durch ihre Fürsorge wurde sein Leichnam in ein Leichentuch und in einen Sarg gelegt. An Stelle der vier Türken, die zuerst von einer Galeere zur Bestattung aufgeboten worden waren, wurde vier Glaubensbrüdern erlaubt, ihrem Bruder diesen letzten Dienst zu erfüllen. In einer Ecke der Festung, nahe dem Graben, wurde sein Leib in die Erde gebettet.

Als der Gouverneur den toten Bekenner auf seinem Lager liegen sah, sprach er voller Bewunderung zu seinen Begleitern: „Wie erstaunlich, daß dieser Mann so lange in einer Strafe von sechszehn Jahren und zwei Monaten, da er in diesem Kerker war, zu leben vermochte.“

Was ihm die Kraft dazu gab, möge Le Febvre selber noch einmal bekennen: „Man legt unsere Füße in Ketten, aber unsere Seele kann man nicht fesseln noch sie hindern, zu Gott zu fliegen. Man läßt unseren Leib schwitzen und arbeiten, aber unsere Seele erhebt sich zum Himmel und vereinigt sich mit Gott und freut sich im Gefühle seiner Liebe. Man schließt uns in Kerker ein und sondert uns ab von der Gesellschaft, aber man kann nicht verhüten, daß uns Gott in seiner Liebe heimsucht und daß die heiligen Engel unsere treue Gemeinschaft bilden.“

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