Luise Kurfürstin von Brandenburg

Luise Kurfürstin von Brandenburg

(Geb. 27. November 1627, gest. 18. Juni 1667.)

„Ich weiß, daß mein Erlöser lebt.“ (Hiob 19, 25.)

Der große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg hatte seine Jugend unter den wildesten Stürmen des dreißigjährigen Krieges verlebt. Drum sandten ihn seine Aeltern aus dem verwüsteten und zerrütteten Deutschland zu seiner Ausbildung nach Holland, wo Wohlstand, Künste und Wissenschaften trotz des viel längeren Krieges, welchen dies heldenmüthige Volk wegen seines Glaubens zu führen hatte, in reicher Blüthe stand. Zu der Zeit war Friedrich Heinrich von Oranien Erbstatthalter der Niederlanden, ein Held im Kriege und Frieden und Enkel des edeln Coligny, des in der blutigen Bartholomäusnacht zu Paris ermordeten Admirals von Frankreich. Der Kronprinz lernte des Statthalters liebliche Tochter kennen, die Oranische Prinzeß Luise, deren Schönheit an Leib und Seele sanft war, wie Mondenglanz. Um diese freiete er hernach, und die Oranierinn gab mit Freuden Hand und Herz dem stattlichen, ritterlich edlen und frommen brandenburgischen Fürstensohn. Die erlauchten Aeltern dankten beiderseitig Gott für ihrer Kinder Verbindung. Am 7 Dezember 1646 wurde ihre Hochzeit zu Gravenhaag in Holland gefeiert. Wenige Tage zuvor, am 27. November war die Braut 19 Jahre alt geworden; der Bräutigam zählte 26 Jahre. Der Braut Vater konnte kaum der Trauung beiwohnen, so sterbenskrank war er. Die fromme Luise pflegte ihn bis zu seinem Tode, und dann erst, nachdem sie auch ihre Mutter Amalie den ersten, herbsten Wittwenschmerz gemildert, kam ihr Gemahl, welcher gleich nach der Hochzeit in sein Land und Regiment zurückgekehrt war, sie heimzuholen, im Juni 1647.

Damals hatte der große Kurfürst seine Hofhaltung von der fernen Spree an den Rhein nach Cleve verlegt, um den Friedensverhandlungen zu Münster und Osnabrück näher zu seyn. Und der Kurfürstinn war es traulich, daß von Cleve aus Holland nicht weit war. Hier verlebte sie ungetrübteste Tage. Zu allem Glück der Ehe fügte Gott das reichste: er schenke ihr den Muttersegen.

Am 21. Mai 1648 gebar Luise ihren ersten Sohn. Schon seit mehreren Monaten hatte sie den Rath und die Hut der treuen Mutter unter sich. Das Glück des Kurfürsten war nicht zu ermessen. Alle seine Lande freuten sich mit ihm. Die Taufe des Prinzen wurde mit einem glänzenden Feste gefeiert. Viele Verwandte beider Fürstenfamilien kamen zu Gast ins Clever Schloß. Luise, vom Kurfürsten gefragt, wie sie den Prinzen zu nennen wünsche, erwiderte: „Mein Sohn soll deinen Namen, Wilhelm, erhalten, und auch den Namen Heinrich, wegen meines in Gott ruhenden Vaters.“

Der westfälische Frieden war endlich am 24. Oktober 1648 zu Stande gekommen. Das mahnte den Kurfürsten, seine Residenz wieder in den brandenburgischen Stammlanden zu nehmen; und seine Gegenwart daselbst war dringend nothwendig geworden. Er mußte folgenden Jahres schon voraus dorthin aufbrechen, wie schwer ihm auch die Trennung von Luise und seinem Kinde ward.

Dir Kurfürstinn begab sich im Frühherbste 1649 auf die Nachreise. Es wurde ihr sehr schwer, vom Rheine, aus den Armen ihrer Mutter, aus der Nähe ihrer Heimath, zu scheiden. Aber der schwerste Abschied war ihr noch vorbehalten. Der kleine Kurprinz, der bisher ein frisches Gedeihen hatte, in dem die erste Morgenröthe des geistigen Erwachens schon bedeutungsvoll angebrochen war, erkrankte plötzlich in Wesel. Die Angst der Mutter ist unbeschreiblich. Kein Opfer scheint ihr zu groß. Aber wie sie auch über allen Mitteln, welche die Kunst der Aerzte gegen den Tod ersann, im Gebete gerungen hat, der Leidenskelch sollte nicht vorübergehen. Das Kind starb. – Da hat der allmächtige Gott die jammernde Mutter in jene Schule genommen, in welcher man lernt, was Todesfurcht vertreiben kann. Und was war wohl nöthig, damit sie viele Tausende das Triumphlied des Glaubens lehren konnte: „Jesus, meine Zuversicht, und mein Heiland ist im Leben!“

Kurz nach dem Tode ihres Kindes verfaßte nämlich die fromme Kurfürstinn dieses Lied, welches seitdem überall die evangelische Christenheit am Auferstehungstage des Herrn und auf ihren Friedhöfen singt.

Es stehe darum gleich hier, und zwar ganz so, wie es ursprünglich lautet:

1) Jesus, meine Zuversicht,
Und mein Heiland ist im Leben.
Dieses weiß ich, sollt‘ ich nicht
Darum mich zufrieden geben,
Was die lange Todesnacht
Mir auch für Gedanken macht?

2) Jesus, er, mein Heiland lebt. –
Ich wird auch das Leben schauen,
Sehn, wo mein Erlöser schwebt,
Warum sollte mir denn grauen?
Lässet auch ein Haupt sein Glied,
Welches es nicht nach sich zieht?

3) Ich bin durch der Hoffnung Band
Zu genau mit ihm verbunden;
Meine starke Glaubens-Hand
Wird in ihn gelegt befunden,
Daß mich auch kein Todesbann
Ewig von ihm trennen kann.

4) Ich bin Fleisch, und muß daher
Auch einmal zu Asche werden.
Das gesteh ich; doch wird Er
Mich erwecken aus der Erden,
Daß ich in der Herrlichkeit
Um ihn seyn mög‘ allezeit.

5) Dann wird eben diese Haut
Mich umgeben, wie ich gläube;
Gott wird werden angeschaut
Dann von mir mit diesem Leibe;
Und in diesem Fleisch wird‘ ich
Jesum sehen ewiglich.

6) Dieser meiner Augen Licht
Wird ihn, meinen Heiland, kennen.
Ich, ich selbst, ein Fremder nicht,
Wird in seiner Liebe brennen.
Nur die Schwachheit um und an
Wird von mir seyn abgethan.

7) Was hier kranket, seufzt und siecht,
Wird dort frisch und herrlich gehen;
Irdisch werd‘ ich ausgesät,
Himmlisch werd‘ ich auferstehen;
Hie geh ich natürlich ein,
Dort, da wird ich geistlich seyn.

8) Seid getrost und hocherfreut!
Jesus trägt euch, meine Glieder;
Gebt nicht Statt der Traurigkeit!
Sterbt ihr, Christus ruft euch wieder,
Wenn die letzt‘ Posaun‘ erklingt,
Die auch durch die Gräber dringt.

9) Lacht der finstern Erden-Kluft,
Lacht des Todes und der Höllen,
Denn ihr sollt euch durch die Luft
Eurem Heiland zugesellen;
Dann wird Schwachheit und Verdruß
Liegen unter eurem Fuß.

10) Nur, daß ihr den Geist erhebt
Von den Lüften dieser Erden,
Und euch dem schon jetzt ergebt,
Dem ihr beigefügt wollt werden!
Schickt das Herze da hinein,
Wo ihr ewig wünscht zu seyn!

Vom Grabe des Kindes hinweg, setzte die Kurfürstinn Anfangs November ihre Reise fort. Sie war so überaus glücklich gewesen bei dem Gedanken, mit dem Kurprinzen auf dem Arme ihr Brandenburgisch Volk begrüßen zu können; jetzt war der schöne Mutterstolz auf’s schmerzlichste gedemüthigt. Zwar in unsäglicher Wehmuth, von ihrer Einsamkeit gepeinigt, aber doch still in ihrem Heiland, dem Lebensfürsten, reiste die junge Fürstinn auf rauhen Wegen in rauher Winterzeit weiter.

Zu Tangermünde in der Altmark hatte sie einige Monate Winterrast. Die Stille und der fromme Herzensverkehr mit ihrem Manne that ihr wohl. Und die Trauer verklärte sich in Dem, der die Auferstehung und das Leben ist. Aber noch nicht war der Schnee weggeschmolzen, da mußte sie schon wieder die Beschwerden der Reise ertragen. Ein Vorspiel der vielen und aufreibenden Unruhen ihres Lebens. Sie folgte dem Kurfürsten zur Huldigung nach Minden, Halberstadt und Magdeburg.

Am 10. April 1650 hielt das kurfürstliche Paar seinen Einzug zu Köln an der Spree, d. h. nach jetziger Geographie zu Berlin.

In den Brandenburgischen Marken sah es um diese Zeit über die Maaßen traurig aus. Land und Leute waren durch den langen Krieg, der gerade hier einen ununterbrochenen Tummelplatz hatte, verödet und verwüstet. Selbst nach dem westfälischen Frieden hausten in diesen Gegenden noch mehrere Jahre hindurch schwedische Regimenter mit aller Rohheit verwilderten Kriegsvolkes. Der Kurfürst konnte erst im Jahre 1650 für seine Lande das Friedensfest ausschreiben.

Mit sinnigem, seelenkundigem Takt und wirthschaftlicher Klugheit faßte sie ihre Aufgabe an. Sie begriff, daß mit Geldspenden in die Hand der verkommenen Landeskinder Nichts geholfen sey. Aber sie verwendete ihr Geld, und nicht kärglich, um Pflanzschulen der Hülfe ins Leben zu rufen. Da sollten die gesunkenen Landeskinder den Wunsch und den Muth erst wieder lernen, aufzustehen, selbst zu wandeln und zu handeln.

Der Kurfürst war ein eifriger Jäger. Er liebte es, in seinen Forsten von den Regierungssorgen sich zu erholen. Nicht weit von Berlin, in dem Städlein Boetzow, besaß er ein Jagdschloß, nach Art der Ritterburgen aus schwerfälligem, massiven Gemäuer mit Thurm und Zinnen versehen. Dahin hatte ihn Luise, deren Nähe er nicht entbehren konnte, öfter begleitet. Die Gegend rundum ist reizend. Durch feste Wiesengründe läßt die Havel ihre lichtblauen Wellen in vielen Windungen friedlich daher ziehen, dicht unter den Schloßfenstern vorüber. Dunkle, wildreiche Waldungen tragen in festen Linien bald weiter hervor, bald tiefer zurück. Gern schaute Luise aus der Thurmhöhe des Jagdschlosses über diese liebliche Landschaft hin. Sie sah ein Bild ihrer niederländischen Heimath.

Der Kurfürst bemerkte ihr Wohlgefallen, und schenkte ihr auf Lebenszeit Boetzow mit allen dazu gehörenden Dorfschaften, Seen und Fluren, und zur Abrundung des Besitzthums kaufte er noch das Dorf Kloetzeband von einem Herrn von Gröben. auch gestattete er gern, daß Boetzow von nun an den Namen Oranienburg haben, dagegen Kloetzeband jetzt Boetzow heißen solle.

Dieses Oranienburg ward nun das erstgeborne, und, man kann sagen, mit allem Uebermaß junger Mutterliebe gepflegte Kind der kurfürstlichen Landesmutter. Und das war ihr Erstes, daß sie das Vertrauen vieler Leute, welche nun noch in besonderm Sinne ihre Unterthanen geworden, sich durch ihre ungefärbte Leutseligkeit gewann.

Ihr Plan war zunächst, den gänzlich versäumten und verlernten Bau des Landes wieder in Gang zu bringen. Es kam ihr dabei zu Statten, daß sie ein sehr reiches Erbgut besaß. Das verwendete sie nun eben so fürstlich, als mit kluger Umsicht. Aus Holland, durch seine Kunst, den Boden in mannichfaltigster Weise fruchtbar zu machen, berühmt, ließ sie Gärtner, Ackerer und Hirten kommen. Da schwand Gestrüpp und Gestein aus den Fluren, der Pflug ging wieder durch den Grund, und der Säemann zwischen den Furchen. Die verschlammten Wiesen wurden rein, auf den Auen weideten Heerden, und die Ställe füllten sich mit Vieh. Um das Schloß her sah man bald in reinlichen Gärten das Schöne und Nützliche miteinander frisch aufwachsen.

In der Nähe von Oranienburg liegt das Dorf Zehlendorf, durch die Kriegsjahre ganz verödet, und endlich auch von den letzten Einwohnern verlassen. Luise hatte bei einem ihrer Ausflüge diese traurige Dorfruine gesehen, zugleich aber auch den trefflichen Getreideboden rundumher bemerkt. Sie ließ sich Zehlendorf, das einem Herrn von Götz gehörte, kaufen, und setzte eine Kolonie holländischer und friesländischer Bauernfamilien hinein. Diesen wurden Häuser, Ställe und Scheunen gebaut, auch alles nöthige Ackergeräthe geschenkt. Ihre eigenen Prediger hatten sie sich mitgebracht. Als aber trotz Allem die Holländer sich nicht behaglich fühlten, und die ganze Gemeinde mit ihren Geistlichen sich wieder in die Heimath zurückbegaben, ließen sich ackerbautreibende Westfalen zur Einwanderung willig finden. Und als nun die Landwirthschaft auf der Zehlendorfer Gemarkung fröhlich und einträglich gedieh, fanden sich auch wieder Manche der frühern Bewohner ein. Lutheraner und Reformirte lebten in Frieden zu Einer Gemeinde verbunden; und die kurfürstliche Herrin berief den Pfarrer.

Der Kurfürst sah mit stiller Verwunderung unter den Händen seiner Luise so reichen Landessegen aufblühen. Um den Nutzen, welchen tüchtige Vorbilder gewähren, noch zu mehren, schenkte er seiner Gemahlinn ein großes Stück Land, dicht bei Berlin vor dem Spandauer Thore. Sie wandelte alsbald das Wildland in eine musterhafte Gartenanlage mit einer Milcherei um. Sie that noch weitere Schritte, um auf dem Luisenhof, – den Namen erhielt diese Anlage – eine Art von Ackerbauschule zu errichten. Unter ihrer Aufsicht und Mitwirkung mußten die verständigen Holländer, ihre Verwalter, Anweisungen zur Garten- und Wiesenbenutzung, zur Butter- und Käsebereitung, zur Viehzucht u. s. w. ertheilen.

Von allen ihren Anlagen war ihr das heimathsähnliche Oranienburg am liebsten. Diesem Besitzthum hatte sie auch am reichsten ihren Geist und Geschmack und die Liebeswärme ihres Herzens aufgeprägt. Oft begehrte sie hierin aus dem Geräusch der Residenz. Und um aus diesem tiefen Stillleben alle Erinnerungen an Krieg und Rohheit zu bannen, ließ sie an die Stelle der düstern, schwerfälligen, und Wällen und Gräben umschanzten Burg ein helles, anmuthiges Schlößchen bauen. Und rundum, wo sonst ekelhafte Sümpfe starrten, blühete ein reinlicher Garten. Zur Einweihung dieser neuen Schöpfungen hatte sie ihren lieben Kurfürsten mit einem Volksfeste überrascht. Die Urkunden wissen viel von der einmüthigen Fröhlichkeit dieses Festes zu erzählen. Nicht die Herrinn habe man in ihr erkannt, sondern nur die fürstliche Mutter.

Während Gärten und Blumen um Luisens Schloß glänzten, da zogen eine lange Zeit schwere, schwarze Wolken durch ihre Seele. Denn es schien, als sollte sie kinderlos bleiben. Das Land war traurig bei dem Gedanken, daß sein altes, treugeliebtes Kurhaus verlöschen sollte.

Vom Volke ging ein Liedlein:
„Vom Kurhaus
Geht Stamm und Wurzel aus!
Und wer ist Schuld?“

Der Kurfürstinn konnten diese vorwurfsvollen Stimmen nicht verborgen bleiben. Sie schnitten ihr durch die Seele, gleichwie jener ersten Hanna die Worte ihrer Widerwärtigen, wenn selbige sie „betrübte und ihr sehr trotzte, daß der Herr ihren Leib verschlossen hätte.“ (1. Sam. 1, 6.) Sie verhehlte sich nicht ihrer Hoffnungslosigkeit. Aber ihre Traurigkeit offenbarte sie nur ihrem Gott. Sie rang im Gebet um den allerschwersten Entschluß. Sie glaubte, dem Staate das Opfer der Scheidung von ihrem Manne schuldig zu seyn. Das treue Herz wollte brechen; denn sie sollte einen Besitz entbehren, der ihr unentbehrlich geworden war. Aber in Gott gefaßt, erschien sie vor ihrem Gemahl, und redete ihn mit feierlicher Stimme an: „Ich trage bei Euch auf Ehescheidung an; nehmt Euch eine andere Gattinn, die Euer Land mit einem Thronerben erfreut! Das seyd Ihr Euren Völkern schuldig.“

Der Kurfürst, durch den feierlichen Ton dieser Rede schier außer Fassung gebracht, antwortete ihr nach kurzem Schweigen: „Luise, habt Ihr schon den Spruch unserer Trauung vergessen: Was Gott, der Herr, zusammengefügt, das soll der Mensch nicht scheiden?“

Als sie noch etwas einwenden wollte, erwiderte er mit männlicher Entschlossenheit: „Was mich betrifft, so werde ich den vor Gott geleisteten Eid halten; und so es Ihm dabei gefiele, mich und das Land zu strafen, so müssen wir es uns gefallen lassen.“ Darauf reichte er ihr die Hand, und fügte fast scherzhaft hinzu: „Nun, was noch nicht ist, das kann ja noch werden.“

Da löste sich die unsägliche Angst des treuen Weibes, und an des treuen Mannes Brust flossen unter Schauern der Liebe die lang verhaltenen Thränen reichlich.

Das war die Gottesfurcht eines Fürsten, der dem Herrn Himmels und der Erden nicht ungehorsam seyn wollte, um vielleicht eine Züchtigung und Trübsal aus dem Wege zu gehen.

Wie Hanna‘s Schmerz durch Luisens Seele, so drang nun auch Hanna’s Flehen auf ihre Lippen, jenes bekümmerten, kinderlosen Weibes, welche nachher die glückliche Propheten-Mutter ward. „Wenn der Herr noch auf Erden ginge, wie in den Tagen seines Fleisches, – hörte man die Kurfürstinn sagen, – ich wollte mich noch mehr demüthigen, mehr ihn anflehen, – mehr ihm anhangen, als das Cananäische Weiblein; aber was ich auf leibliche Weise und mit leiblichen Gebärden nun nicht thun kann, daß will ich im Geist und im Herzen thun, in gewisser Zuversicht, daß er auch im Stande der Herrlichkeit ein solcher Hoherpriester und getreuer Heiland sey, der Mitleiden hat, und helfen werde.“ Und daß ihr Gebet um einen Thronerben in eben diesem Geist der Demuth und Selbstverleugnung noch ernstlicher und recht thatsächlich werde, und mehr sei, als ein Hauch der Lippen, nahm sie das Gelübde auf ihre Seele, in Oranienburg etwas Unmögliches zu stiften, so der barmherzige Gott ihre flehentliche Bitte erhören wolle.

Im September 1654 erschien aus dem Haag mit ihrer jüngsten Tochter Luisens Mutter. Sie wollte die keimende Hoffnung der Kurfürstinn mit mütterlicher Verständigkeit pflegen. „Ihr müsset mir, – sagte sie zum Kurfürsten, – eine kleine Regentschaft gestatten, wenn ich etwas Nützliches bewirken soll.“ „Herzlich gern in allen Stücken, erwiderte er, wenn Gott der Herr nur meiner Luise wollte gnädig und barmherzig seyn.“

Hoch erfreut über die geschenkte Hoffnung, ließ der Kurfürst die oberste Geistlichkeit zu sich entbieten, um seine Gemahlinn ihrer und des ganzen Landes Fürbitte zu empfehlen. „Helfet mir mit Gott ringen, sagte er schließlich, daß doch die Fürbitten im Lande von Herzensgrund geschehen!“

Und sie geschahen mit rechter Inbrunst von dem sehnsüchtig harrenden Volke. Der fromme Hofprediger Dr. Joh. Bergius hielt 3 Predigten über 1 Sam. 1, indem er die Kurfürstinn mit der frommen Hanna verglich. Und „das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist.“ Denn gar bald durfte auch Luise mit der Hanna des Alten Testaments frohlocken, und dankend bekennen: „Der Herr führet in die Hölle, und wieder heraus“ (1. Sam. 2, 6.)

Am 6. Februar ist des Kurfürsten Geburtstag. Schloß und Residenz schmückt sich festlich. Von den Thürmen erschallen feierliche Posaunen-Chöre, dem Höchsten zu danken, und ihn zu bitten für den Landesvater. Friedrich Wilhelm weilt tief bewegten Herzens allein in seinen Gemächern. Da tritt seine Schwiegermutter herein, die Fürstinn von Oranien. Eben so fröhlich, wie blaß und matt ist ihr Angesicht, wie’s in der Chronik heißt. Sie spricht: „Luise sendet Euch hier ein Angebinde. Lüftet nur leise die Decke, die darüber liegt; ich muß es mit beiden Armen festhalten.“ Es geht ihm eine heiße Wallung unendlicher Freude durch’s Gemüth, als er einen Sohn erblickt, sein kleines Ebenbild. „O Gott!“ ruft er aus, wie steht es denn um Luisen? ich muß zu ihr!“ Die Fürstinn tritt ihm in den Weg, und spricht: „Als Regentinn heiße ich Euch diesen Euren Sohn mit dem ersten Vaterkuß begrüßen. Luise jedoch dürft ihr zwar sehen, aber nicht mit ihr reden.“ Er tritt leise sein. Die Kurfürstinn schaut ihn mit einem Auge voll heller Wonne an. Still beugt er sich über die junge Mutter, indem große Thränen über seine Wangen fließen.

Alles Volk des Kurfürsten jubelte, und dankte Gott. Die brandenburgischen Stände überreichten eine prächtige Denkmünze, auf welcher der Kurfürst dargestellt ist, wie er mit dem Ausdrucke hoher Freude seiner Gemahlinn die Hand reicht. Zwischen beiden steht der Kurprinz, mit dem einen Händchen des Vaters, mit dem andern der Mutter Hand ergreifend. Die Umschrift heißt:

Der sechste Hornungstag hat geben
Dem Vater und dem Sohn das Leben.

Bei der Taufe, welche in Berlin und im Haag festlich gefeiert ward, empfing der Kurprinz den Namen Karl Emil. Die Kurfürstinn wurde noch drei Mal Mutter. Am 11. Juli 1657 wurde Prinz Friedrich zu Königsberg geboren. Damals sang der fromme Königsberger Dichter, Simon Dach, weniger zwar aus prophetischem Drang, als um seine Huldigung dem Kurfürsten darzubringen:

Sag‘, was bedeutet des Friedrichs Geburt auf dem Königsberge?
Höret des Sehers Spruch: Friedrich wird König einst seyn.

Und dieser ist es wirklich, welcher nachher eine Königskrone sich auf’s Haupte setzte. – Am 19. November 1646, genas Luise eines Zwillingspaares. Aber dem Knäblein folgte bald das Mägdlein ins Grab. Der Kurfürst soll überaus getrauert haben, als das liebliche Ebenbild seiner Luise ihm genommen wurde. Und der mütterliche Schmerz wurde durch den Schmerz des mitleidenden Gatten noch verdoppelt. Ihr letztes Kind, den Prinzen Ludwig, gebar die Kurfürstinn zu Cleve am 8. Juli 1666.

Ihre Kinder galten ihr als die kostbarsten, mit heißem Flehen und Gebet der göttlichen Gnade abgerungenen Kleinodien. So achtete sie die Erziehung derselben als Gottesdienst. Und es gehörte zu ihrem größten Kummer, daß sie so oft zur langen Trennung von ihnen genöthigt war. Es tröstete sie dabei allein die Zuverlässigkeit des Mannes, welchem man die Erziehung der Prinzen anvertraut hatte.

Das war der edle Otto von Schwerin, Pommerschen Adels, festen Charakters, lautern Herzens, frommen Gemüthes, welcher, als das pommersche Land ungerechter Weise Schweden zufiel, Ehren und Güter seiner Heimath verließ, um im Land und Dienst seines rechtmäßigen Herrn, des Brandenburgischen Kurfürsten, zu leben.

Dieser Otto von Schwerin wurde der Elieser des Kurhauses. Friedrich Wilhelm ließ 20 Jahre lang alle wichtigsten und verschwiegensten Geschäfte durch seine Hand gehn. Zugleich war er der Kurfürstinn Oberhofmeister. Die Ausführung vieler ihrer Gedanken legte sie in seine geschickten Hände; besonders hat er um die Schöpfungen in Oranienburg großes Verdienst.

Bewundernswerth ist, bei aller opferfreudigen Zärtlichkeit und Tiefe, die heilige Ruhe, die unter Gottes Hand sich beugende Demuth ihrer Mutterliebe. Auf die Nachricht von ernster Erkrankung des Kurprinzen schreibt sie einst an den bekümmerten Schwerin: „Ich kann mir denken, in welcher Sorge Sie sind; aber Sie haben mit Aeltern zu thun, die versichert sind, daß kein Haar von unserm Haupt fallen kann, ohne Gottes Willen, daß uns nichts von ungefähr geschieht, daß Alles von Seiner Hand kommt. Wir werden nicht die zweiten Ursachen suchen, sondern Denjenigen, der Gutes und Böses schickt, von dem Leben und Tod abhängt.“

Sie hatte tief den Schmerz der Einsamkeit einer Mutter gefühlt, die ohne Kinder ist. So wollte sie sich nun der Einsamkeit von Kindern erbarmen, die ohne Mutter und ohne Vater sind. Sie beschloß ihr Gelübde, das sie bei Erflehung des Prinzen gethan, durch Stiftung eines Waisenhauses zu lösen.

Mit der Ausführung ging es für ihren Eifer viel zu langsam. Die Zeitverhältnisse waren zu ungünstig. Auch wollte sie keine Uebereilung, sondern reelle, verständige, fürstliche und dauerhafte Lösung ihres Gelübdes. Das war aber schon darum nicht leicht, weil ähnliche Anstalten damals in Deutschland noch nicht bestanden. Es galt das Muster erst zu erfinden, und die Bahn zu brechen. Nach 10 Jahren konnte das Waisenhaus zu Oranienburg eingeweiht werden. Sie hatte es ihrem Schlosse gegenüber erbauen lassen; sie begehrte ihren Pflegekindern mütterlich nahe zu seyn. Der Geist der Anstalt, ihre Einrichtung und Wirthschaftlichkeit wird am frischesten unmittelbar aus der Stiftungsurkunde erkannt, welche die Kurfürstinn selbst verfaßt hat.

„Wir Luise von Gottes Gnaden, Markgräfinn und Kurfürstinn zu Brandenburg, geborne Prinzessinn zu Oranien u. s. w., urkunden und bekennen hiermit vor Uns und Unsern Erben, daß wir öfters bei uns erwogen, wie viel und mancherlei in unserm Leben unterlassen wird, was dennoch unser Erlöser Christus von uns fordert, vorab in den Werken der Liebe und Barmherzigkeit. Als wir uns nun vornämlich erinnert, wie Gott der Herr sich selbst einen Vater, einen Helfer und einen Beistand der Waisen zu seyn verheißt, und Allen und Jeden befiehlt, dieselben gebührlich zu verpflegen, daher es dann dem Hiob zur Gottseligkeit zugerechnet, daß er seine Bissen nicht allein gegessen, sondern die Waisen solches mit genießen lassen; und in der Schrift es für einen unbefleckten Gottesdienst geachtet wird, die Waisen in ihrer Trübsal zu besuchen; und Wir dagegen verspüren, wie gar wenig solcher Befehl in Handhabung armer, verlassener Waisen in Acht genommen wird, daß auch deren nicht allen viele kümmerlich umkommen, sondern der Mehrertheil aus Mangel nöthiger Aufsicht und guter Erziehung der bösen Welt zu Theil wird, und an Statt daß sie zu Gottes Ehren leben sollten, nur des Satans Reich vermehren helfen: so haben wir zu der Zeit, da wir Gott, den Allerhöchsten, eben an diesem Ort so herzlich um seinen so lange verweilenden Ehesegen angerufen, der uns auch gnädig erhöret hat, und dem wir dafür nebst allen unsern Nachkommen ewig Lob und Dank sagen wollen, diesen beständigen Vorsatz genommen, Gott dem Allerhöchsten zu Ehren, und Christo, der uns sämmtlichen die Kinder so hoch anbefohlen, zum Gehorsam, allhier zur Erziehung und Erhaltung von 024 Waisen, nicht allein ein Waisenhaus zu erbauen, sondern auch zu deren Verpflegung gewissen Unterhalt zu verordnen, und, wie es damit zu allen Zeiten gehalten werden soll, zu bestimmen; gestalt wir dann hiermit, nachdem durch Gottes Gnade das Gebäude fertig geworden, wir auch das übrige selber, vermittelst dieser unserer Verschreibungen, richtige und beständige Verordnung machen wollen.

Nach dieser Einleitung wird der Plan bis ins Einzelste ausgeführt. Dotirung, Hausgeräth, Kleidung, Pflichten und Rechte der Haus-Aeltern, Berechtigung zur Aufnahme der Waisen, Verwaltung u. s. w. werden so genau verhandelt, daß man über die Wirthschaftskenntniß der Kurfürstinn erstaunen muß.

Doch ihr fürstliches Auge, weit über die Grenzen der nächsten Häuslichkeit hinausgehend, erfaßte mit gleichem Geschick und Eifer die großen Verhältnisse des Staatshaushaltes. Aufgewachsen in der Anschauung des blühenden Handels und Wandels ihrer Heimath, war sie fortwährend darauf bedacht, in die kurfürstlichen Länder die Keime eben solchen Aufschwungs der Volkswirthschaft und der öffentlichen Wohlfarth zu verpflanzen. So legte sie z. B. auf einem ihrer Güter bei Berlin, nach holländischem Muster, eine Papiermühle an. Und was der große Kurfürst gethan zur Hebung des Verkehrs und Handels, besonders die Anlegung des Friedrich-Wilhelm-Grabens, (auch Müllroser Kanal genannt), welcher die Oder mit der Spree verbindet, verdankt das Land dem Rath seiner Gemahlinn. Denn diese kannte den goldenen Segen, welche ihr Holland durch seine berühmten Kunst-Wasserstraßen täglich ärntete.

Es ist allein den Naturen höherer Art eigen, in den kleinsten Dingen so heimlich und tüchtig zu seyn, als seyen für sie die großen nicht da, und zu gleicher Zeit in den großen Dingen so heimlich und tüchtig zu seyn, als seyen die kleinen für sie nicht da. – So bei Karl dem Großen. – Luise war mit derselben Herzensfülle des Hauses, wie des Landes Mutter.

Aber darum konnte Sie eine solche Mutter seyn, weil sie ein solches Weib war, treu und fest, mit voller Kraft und Begeisterung ihrem Manne ergeben. Und auch der Kurfürst, dieser Mann sturmgewohnt, unbeugsam und prächtig, wie die Eichen seiner Wälder; seine Ehren und Sorgen, und sein Leben waren ihm leid, hätte er nicht Alles mit seinem theuren Weib gemeinsam gehabt. Wir haben schon gehört, wie er das Schwerste, was einem Fürsten geschieht, der die Fundamente zu einem Bau der Zukunft legt, wie er leichter die Erlöschung seines Stammes erträgt, als die Scheidung von Luise. Er will sie immer um sich haben, und sie ihn. Es hat sie unsägliche Mühe gekostet, unsägliche Entbehrungen ihr aufgelegt, in dieses rastlos vielbewegte Fürstenleben hineingeschlungen zu seyn; aber Trennung war beiden immer noch viel mühsamer.

Es war nicht eine Zeit friedlicher Entwicklung, sondern der Gewalt, des stürmischen Werdens und Wachsens, als wie im Vorfrühling die Fluthen brausen. Und Friedrich Wilhelm war, so weit das von einem Menschen gesagt werden kann, selbst und allein der Herr, welcher nach festen, nur von ihm verstandenen Zielen mit seiner Regierung hinstrebte. Die verschiedenartigsten, zum Theil sich widerstrebenden Völkerschaften wohnten unter einem Scepter: Rheinländer, Westfalen, Brandenburger, preußische Polen. Jeder dieser Stämme sollte aus seiner Umgebung und Geschichte gelöst, den andern, meist durch weite Ländergebiete getrennten, verbunden werden: für alle mußte Ein gemeinsames Interesse fühlbar, und Eine gemeinsame Geschichte begonnen werden. Die ungemein kraftvolle Person des Kurfürsten selbst und allein war der Brennpunkt, an dessen Feuer diese, oft bis zu den trotzigsten Gegensätzen gespannten Verschiedenheiten zergehen, und in eine lebenskräftige Einheit zusammen schmelzen mußten. Damit der Staat zur freien, frischen Entwicklung komme, galt es oft, die herkömmliche Selbstständigkeit der Ländertheile mit eherner Hand so weit zu brechen, als es zur widerstandslosen Eingliederung in den neu geschaffenen Staatskörper nothwendig war. Es ist ihm gelungen. Indeß seine Völker, indem sie den Verlust mancher alten Rechte zu verschmerzen hatten, ohne sofort der neuen Vortheile froh zu werden, haben ihn mehr gefürchtet und bewundert, als geliebt. Aber es ward alsbald ihr Stolz, daß man ihn den großen Kurfürst nannte.

Aus diesen Umständen erklärt es sich leicht, daß des Kurfürsten Gegenwart an den auseinanderliegendsten Punkten seiner zerstreuten Länder oft sehr nothwendig war. Man hat berechnet, daß er von seiner ganzen, langen Regierungszeit nur 12 Jahre in seinem Residenzschloß zu Berlin verbracht hat, also die übrigen 36 Jahre auswärts in seinen Landen.

Und Luise war, je und dann nur ganz kurze Zeiten ausgenommen, daheim und draußen immer um ihn. Und oftmals in Krieg und Gefahr.

Im Jahre 1655 war sie ihm in das ferne Preußen nach Königsberg gefolgt. und die Mutter mußte ihr jüngst gebornes Kind, den Kurprinzen, unter fremder Obhut zurücklassen. Die Reise ist unendlich beschwerlich. Es gilt als eine Erleichterung, daß die kurfürstlichen Wagen über Knüppeldämme fahren. Kaum in Ruhe nach der lästigen Herbstreise, kommt der Schwedenkönig, Karl Gustav, mit Heeresmacht gen Königsberg mitten im Winter herangestürmt. Nach kurzer Belagerung der Stadt, die sich nicht halten kann, ertrotzt er ein Bündniß des Kurfürsten gegen Polen. Nun schüttelt der erzürnte Polenkönig seine Tartaren-Schwärme über Preußen aus, Brand und Mord unter ihren Händen. Der Kurfürst sieht sich gezwungen, dem schwedischen Bündniß heimlich den Rücken zu wenden, damit er die Polen vom Halse bekommt. Ueber dem Allen beginnt die Pest Königsberg zu geißeln. Er flüchtet seine Luise auf’s Land. Bald erkrankt sie heftig; auf einer Sänfte muß sie wieder zur Stadt gebracht werden. Und hier gebiert sie nun, wie oben gemeldet, am 11. Juli 1657 den Prinzen Friedrich, den nachmaligen König. So hatte sie mitten in dem Wirbel und den Wetterwolken dieser rasch sich folgenden Ereignisse gestanden, ihrem Manne bei allen Aengsten ein Rath und Trost.

Endlich, am 10. November 1657, schien, durch einen günstigen Friedensvertrag mit den Polen, die Herrschaft des großen Kurfürsten gesichert, uns seine Anwesenheit in dem fernen Königsberg nicht mehr nöthig zu seyn. Mitten im strengsten Winter rüstete man sich zur Abreise nach Berlin. Wohl fällt es der vielgeprüften Mutter schwer, ihren kränklichen Säugling Friedrich, dem noch dazu, durch Unvorsichtigkeit seiner Wärterinn, das Rückgrad verkrümmt war, den Gefahren der weiten, beschwerlichen Reise auszusetzen. Aber das Verlangen, ihr zurückgelassenes Kind in Berlin wieder zu sehen, sowie das Drängen ihres Gemahls, läßt sie nicht länger weilen. Und als nun der lang ersehnte Augenblick da ist, als sie in Berlin die Stufen zu ihrem Schlosse hinauf, und durch alle Gemächer eilt, um ihren Sohn zu sehen: da findet sie ihn munter und fröhlich beim Spiel mit seinen Tocken, oder Puppen. Sehnsüchtig breitet sie ihre Hände nach ihm aus, und ruft ihn; aber dem Knaben ist die Mutter unbekannt geworden; er schaut sie verwundert an, und spielt ruhig weiter. Luise dankte für die Verwahrung ihres Karl Emil Gott und der treuen Dienerschaft so beweglich, daß diese in Thränen ausbrachen.

Später im Herbst 1662 treffen wird sie noch einmal in Königsberg. Der Kurfürst hatte die polnische Oberhoheit über Preußen, das peinliche Joch seines stolzen Nackens, abgeschüttelt, und war gekommen, sich als souveräner Herzog von Preußen huldigen zu lassen. Die Großen des Landes, eifersüchtig auf ihre alten Rechte, deren Fortbestehen Friedrich Wilhelm zum größten Theil nicht mehr dulden konnte, waren sehr schwierig, Königsberg offner Empörung nahe. Luise, an der Seite ihres Mannes, tritt furchtlos unter dies gährende Volk, unter den Schwingen des Adlers die Taube. Und das kurfürstliche Paar empfing im Königsberger Schloßhof unter freiem Himmel die Huldigung des Landes.

Vorher, im Winter 1659, war sie, die unerschrockene Genossinn des fürstlichen Feldherrn und Kriegsmannes, ihm in die jütländischen Feldlager gefolgt. Der Krieg gegen die Schweden hatte im September begonnen, und sich über Erwarten in die Länge gezogen. Die Briefe des Kurfürsten, die er von den Schlachtfeldern heimschrieb, waren voll herzlichster Sehnsucht. Das Vierteljahr der Trennung ward ihm zu unerträglichem Schmerz. Im Januar brach die Getreue auf. Durch Frost und Kriegsgefahr eilte die ersehnte Fürstinn in das nordische Jütland. Der Einnahme von Fridericia wohnte sie bei. Doch bald fühlte sie, daß Heerlager und Schlachtfelder zum Aufenthalt für Frauen sich nicht eignen. Ihre Rückkehr geht zur See nach dem Haag. Eine Winterfahrt auf dem nordischen Meer ist nicht ohne Gefahr; das brandenburgische Heer vereinte sich mit ihrem besorgten Kriegsherrn zur Fürbitte, daß der Kurfürstinn Fahrt glücklich werde.

Ihre Mutter hatte sie nach Holland zur Hochzeit einer jüngern Schwester, eingeladen. Aber noch andere Gründe bewegten den Kurfürsten, in diese Reise einzuwilligen. Der Kriegsschauplatz hatte sich tiefer hinein in die unwirthlichen Gegenden Jütlands gezogen. Zufuhren aus der Ferne waren nothwendig; vielleicht auch Beistand zur See, den die holländische Flotte schon einmal geleistet hatte. So konnte die Anwesenheit Luisens in Holland, welches mit steigender Verehrung stolz auf sie war, von großem Vortheil seyn. Es ist ein Zeichen ihrer Herrscherklugheit. Daß sie nicht die Residenz Haag, wo durch diplomatischen Einfluß ihr Blick und Hand leicht hätten unfrei werden können, sondern Groeningen zu ihrem Sitz wählte. Von hier aus war es ihr möglich, den Kurfürst mit der ganzen Armee, falls das Aeußerste eintreffen, ihm nämlich der Rückzug durch Deutschland unmöglich gemacht werden sollte, auf holländischen Schiffen über’s Wasser zu retten.

„ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen; sie ist wie ein Kaufmannsschiff, das seine Nahrung von Ferne bringet: sie thut ihren Mund auf mit Weisheit; sie merket, wie ihr Handel Frommen bringt: ihre Leuchte verlöscht des Nachts nicht.“ Dieses königliche Frauenlob (Sprichw. Salom. 31.) wird mit Fug der Kurfürstinn gespendet. Die kurfürstliche Schatzkammer bereicherte sie mit kostbarem Geschmeide. Die kurfüstlichen Besitzungen mehrte sie beträchtlich durch Güterkauf; in Preußen, wo in der vorangegangenen bösen Zeit die Kammergüter fast ganz verschleudert, oder in Pfandschaft übergegangen waren, löste sie Eins nach dem Andern wieder ein. Es wird ihr möglich durch ihre kluge Sparsamkeit und ausgezeichnete wirthschaftliche Begabung. „Sie ist das Kaufmannsschiff, des Mannes Nahrung aus der Ferne bringend.“ – Ihr heller Verstand, der mit gesundem Blick die schwierigsten Verhältnisse des Staates einfach zu sondern und zu erfassen wußte, ist dem Kurfürsten unentbehrlich geworden. Man erzählt, daß er nicht selten mitten aus der Sitzung seiner Minister zu seiner Gemahlinn geeilt sey, um mit ihr die schwebenden Fragen zu besprechen. Dann gab sie ihren Rath immer in jener rührenden Einfalt, die ihres Werthes sich nicht bewußt ist. Es blieb ihr eine Gewissenssache der Demuth, ihren Einfluß auf öffentliche Angelegenheiten nur durch den Willen des Kurfürsten bestimmen zu lassen, und anders nicht, als nur unter seinen Augen zu üben. Heilig waren ihr die Grenzen, innerhalb welcher das Handeln und Wandeln des Weibes schön bleibt. Mit sicherm Gefühl erkannte sie dieselben. Aber darinnen war sie ihrem Manne eine „Leuchte, die auch des Nachts nicht verlöschet.“

Sie war das keusche Sonnenlicht des Hofes. Vor der Macht ihrer weiblichen Schönheit und Reinheit mußte das Gemeine und Unreine zurückscheuen. Eine Zeit der Reinigung beginnt in den kurfürstlichen Hoflagern, die in den langen Kriegsjahren wild und wüst geworden.

Die schönen Künste, welche vorher nur als Fremdlinge in der brandenburgischen Residenz geachtet waren, machte die rein gebildete, poesie-frische Frau in ihrer Umgebung heimisch. Aus Holland verpflanzte sie die Malerei herüber. Ihr Mann überraschte sie einst mit einem kolossalen Standbild aus feinstem kararischem Marmor, seine Heldengestalt selbst darstellend. Sie gestattete ihm gern, daß er seinen Wahlspruch darüber meißeln ließ: „Domine, fac me scire viam, quo amulaturus sim!“ (Herr, thue mir kund den Weg, auf dem ich wandeln soll!“ Psalm 143, 8.) Sie selbst liebte und übte die Musik. Der Kurfürst, welcher bei der Riesenaufgabe seines Lebens für Förderung der Künste nicht Zeit und Mittel, wie er wünschte, fand, genoß mit zärtlichster Dankbarkeit, was davon seine Luise im darbot.

In dieser geistigen Verklärung ihres Hofes bewegte sie sich mit höchster Anmuth. Wie viele Leidenslast sie auch zu ertragen bekam, das Licht ihrer inwendigen Fröhlichkeit brach doch immer wieder hindurch. Sie hatte eine ganz ungewöhnliche Begabung, ihre reine, holdselige Heiterkeit wie einen Sonnenstrahl aus sich auf Andere scheinen zu lassen, was wohlthuender ist, als es beschrieben werden kann. Und eben darum, und weil sie mit zarter Hand dem Unangenehmen zu wehren, und das Angenehme herbei zu locken verstand, war sie eine fürstliche Meisterinn in häuslichen Festen. konnte sie nicht zu den Festen kommen, so wurden Feste zu ihr gebracht. Darum feierten mehrere ihrer Schwestern ihre Hochzeit im Schloß zu Cleve, da sie gerade dort Hof hielt.

Luise war der freundlichste Weg und der sicherste zur kurfürstlichen Gnade. Mancher im Lande, den die Schärfe des Gesetzes, oder des Kurfürsten eben so feurig aufbrausender, als bald besänftigter Zorn tief verwundet hatte, segnete die milde Herrinn, die ihm aus der Angst geholfen. Von reuigen Verurtheilten ward sie hierzu stets willig gefunden. Die heilige Schrift war der Born, aus welchem Luise ihr Glauben, Lieben und Hoffen schöpfte, in welcher sie ihre Gedanken alle, und all ihr Dichten und Trachten versenkte, daß sie, rein gebadet vom Staube dieser Welt, wieder emporstiegen. In der Schrift fand sie Jesum Christum, den Heiland, ihre Zuversicht, in dessen Hand sie ihre glaubensstarke Hand legte, zu ewiger und seligster Verbindung. Und es erfüllte sich an ihr des Herrn Verheißung: „Wer an mich glaubet, von deß Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen.“

Wie heimathlich sie sich im Schriftwort fühlte, ließ sich ihrer Rede, und läßt sich allem, was von ihr niedergeschrieben ist, abmerken; es ist Alles durchklungen mit Gottes Wort.

Nur wenn sie krank ist, fehlt sie in der Kirche; man liest Gottes Wort, betet und singt in ihrem Krankenzimmer. An den Nachmittagen des Sonntags überdachte sie noch einmal die gehörte Morgen-Predigt, und wandte sie an auf Herz und Haus.

Es war der Kurfürstinn eine immer gewünschte Freude, mit erleuchteten Männern über die höchsten Dinge sich zu unterhalten. Der Hofprediger Stosch berichtet, „er habe wohl viel hundert Stunden in Privat-Audienz mit geistlichen Gesprächen, Fragen und Antworten bei ihr zugebracht; nicht Eine Frage oder Lehre, so zur Prüfung unserer selbst, und zur Erweckung und Uebung der Gottseligkeit diene, sey zwischen ihnen unbesprochen geblieben; keine sey zu nennen, welche die Kurfürstinn nicht aus ihrer innern Erfahrung erläutert hätte.“ Und es ist ihr dabei allen Ernstes, nicht um eitles Wissen und geistreiche Spielereien mit Worten zu thun, sondern um erleuchtete Augen des Verständnisses und um Herzensbesserung. „Ich wiederhole, – sagte sie einst zu Stosch, – daß Ihr alle meine Sünden und Fehler mir vorhaltet, auch wenn nur ein Schein hiervon da wäre. Vergesset nicht, daß Ihr Seelsorger seyd; ich beschwöre Euch bei Gott, Eurem und meinem künftigen Richter.“ Dagegen konnte sie Nichts so sehr erzürnen, – wie ein Mann aus ihrer Umgebung berichtet, – als wenn sie zu hören bekam, daß sektirerische Lehren im Gespräch auch der Christlich-Gesinnten am Hof zu einem leeren Spiel des Witzes und Scharfsinnes gemacht wurden.

Eben so zuwider war ihr auch der gehässige Kanzelkrieg der beiden evangelischen Confessionen. Ihr zartes Gewissen fühlte klar, daß nicht sittlicher Ernst, sondern Leidenschaft die Feueresse dieser Streitigkeiten sey, welche ihr nicht als heilige Kämpfe, vielmehr als elende Zänkereien erschienen.

Sie war mit dem Kurfürsten von Herzen der reformirten Kirche zugethan, jedoch nicht nach der schroffen Dordrechter Ausprägung. Es ist bekannt, daß der Kurfürst die Einigung der ev. Schwesterkirchen in seinen Landen ernstlich gewollt hat. Und als das von ihm in Berlin veranlaßte Liebesgespräch, welches die brennden Punkte ausgleichen sollte, in einen heftigen Streit ausschlug, untersagte er durch ein Gesetz mit demselben Ernst, wie die Verunglimpung der Reformirten auf der lutherischen Kanzel, so auch jede gehässige Deutung der lutherischen Lehre auf der reformirten Kanzel.

Aber stiller und freundlicher pflanzte sich der ev. Glaubensfriede, wo Luisens sanfte Hand herzgewinnend waltete. Der Oranienburger Magistrat hatte ihr ehrfurchtsvoll dankbar das Recht übertragen, den Rektor der lateinischen Schule daselbst zu berufen. Sie stellte an der lutherischen Lehranstalt einen reformirten Oberlehrer an, welcher, nach der damaligen Sitte, zugleich Geistlicher war. Und die geistlichen Lehrer beider ev. Confessionen wohnten und wirkten friedlich unter Einem Dach. Bald geschah es sogar, daß der reformirte Prediger zu Zehlendorf in der lutherischen Kirche zu Oranienburg das heil. Abendmahl spendete. Das war kein Drang und Zwang, sondern nur ein heimliches Wünschen und ein freundliches Zugestehen. Und beides im Liebesgeist jener Sanftmuth, welche vom Herrn selig gepriesen ist, weil sie das Erdreich besitzen wird.

Ueberhaupt, was nur aus dem Heiligthum ihres Innern hervortrat, schien es auch zunächst bloß der äußern Welt anzugehören, hatte immer den Kern einer höheren Weihe, einer religiösen Beziehung. Die Hebung der leiblichen Wohlfahrt ihrer Unterthanen war ihr nur die nothwendige Form der geistlichen, christlichen, sittlichen Pflege derselben. Ihre Dienerschaft, deren zeitliches Vorankommen sie mütterlich besorgte, war zugleich Glied ihrer Hausgemeinde. Aus ihrem Gebet um den ersehnten Kindersegen blühete das Waisenhaus auf. Das Waisenhaus, zunächst eine Zufluchtsstätte für obdachlos und Pflegens gewordene Kinder, wurde alsbald vorbildliche Anstalt christlicher Erziehung. Der Jubel und feurige Dank ihres Herzens für das Gnadengeschenk, das ihr in dem Kurprinzen zu Theil ward, verklärte sich zu einem wöchentlich wiederkehrenden Feiertag. Denn von nun an bringt sie, einem Gelöbnis treu, jeden Dienstag, auf welchen Wochentag sie den Kurprinzen geboren, fern vom Geräusch des Hofes, mit Fasten und Beten und im Gespräch mit ihren Seelsorgern zu.

In der König. Bibliothek zu Berlin wird ein merkwürdiges Zeugniß davon aufbewahrt, wie sie, durch stete Reinigung des Gewissens, aus dem Bad der Wiedergeburt zur vollen Lebensheiligung aufzusteigen sich täglich bestrebt hat. Es ist dies eine, mit dem Geist aus der Höhe gesalbte, geistliche Uebung, von ihrer Hand unter dem Titel niedergeschrieben: Louysen Kurfürstin von Brandenburg tägliches Bußgebet. In derselben heiligen Demuth und Beugung verfaßte sie ein köstliches Bußlied, welches hier folgen soll:

1) Ich will von meiner Missethat
Zum Herren mich bekehren;
Du wollest selbst mir Hülf und Rath,
Hierzu, o Gott, bescheeren,
Und Deines guten Geistes Kraft,
Der neue Herzen in uns schafft,
Aus Gnaden mir gewähren!

2) Natürlich kann ein Mensch doch nicht
Sein Elend selbst empfinden:
Er ist ohn‘ Deines Geistes Licht
Blind, taub und todt in Sünden.
Verkehrt ist Will‘, Verstand und Thun:
Des großen Jammers komm‘ mich nun,
O Vater, zu entbinden!

3) Klopf‘ durch Erkenntniß bei mir an,
Und führ‘ mir wohl zu Sinnen,
Was Böses ich für dir gethan, –
Du kannst mein Herz gewinnen, –
Daß ich aus Kummer und Beschwer‘
Laß über meine Wange her
Viel heiße Thränen rinnen!

4) Wie hast Du doch auf mich gewandt
Dein Reichthum Deiner Gnaden!
Mein Leben dank ich Deiner Hand;
Du hast mich überladen
Mit Ruh‘, Gesundheit, Ehr‘ und Brod, –
Du machst, daß mir noch keine Noth
Bis hierher können schaden.

5) Hast auch in Christo mich erwählt
Tief aus der Höllen Fluthen,
Daß niemals mir es hat gefehlt
An irgend einem Guten.
Und daß ich ja Dein eigen sey,
Hast Du mich auch aus großer Treu
Gestäubt mit Vater-Ruthen.

6) Gegeben zu genießen?
Schenk aber ich Gehorsam dir?
Das zeuget mein Gewissen,
Mein Herz, in welchem Nichts gesund,
Das tausend Sünden-Würmer wund
Bis auf den Tod gebissen.

7) Die Thorheit meiner jungen Jahr,
Und alle schnöden Sachen
Verklagen mich so offenbar:
Was soll ich Armer machen?
Sie stellen, Herr, mir für’s Gesicht
Dein unerträglich Zorngericht
Und Deiner Höllen Rachen.

8) Ich habe meiner Gräuel Qual,
Und schäm‘, sie zu bekennen;
Es ist weder Maaß noch Zahl,
Ich weiß sie nicht zu nennen.
Und ist keiner doch so klein,
Um welchen Willen nicht allein
Ich ewig müsse brennen.

9) Bisher hab ich in Sicherheit
Fein unbesorgt geschlafen,
Gesagt: es hat noch lange Zeit,
Gott pflegt nicht bald zu strafen,
Er fähret nicht mit unsrer Schuld
So strenge fort; es hat Geduld
Der Herr mit seinen Schafen.

10) Dies Alles jetzt zugleich erwacht,
Mein Herz will mir zerspringen,
Ich sehe Deines Zornes Macht,
Dein Feuer auf mich dringen.
Du regest wider mich zugleich
Des Todes und der Höllen Reich,
Die wollen mich verschlingen.

11) Die mich verfolgt, die große Noth,
Fährt schnell ohn‘ Zaum und Zügel.
Wo flieh ich hin? Du Morgenroth,
Ertheil mir deine Flügel!
Verbirg mich wo, du fernes Meer,
Stürzt hoch herab, fallt auf mich her,
Ihr Klippen, Thürm‘ und Hügel!

12) Ach nur umsonst! und könnt ich auch
Bis in den Himmel steigen,
Und wieder in der Höllen Bauch
Mich zu verkriechen neigen:
Dein Auge dringt durch Alles sich,
Du wirst da meine Schand‘ und mich
Der lichten Sonnen zeigen!

13) Herr Jesu, nimm mich zu dir ein,
Ich flieh in Deine Wunden,
Die Du, o Heiland, wegen mein
Am Kreuze hast empfunden,
Als unter Aller Sünden Müh‘,
Dir o Du Gotteslamm, ward sie
Zu tragen aufgebunden.

14) Wasch mich durch Deinen Todesschweiß
Und purpurrothes Leiden,
Und laß mich sauber seyn und weiß,
Durch Deiner Unschuld Leiden!
Von wegen Deines Kreuzes Last
Erquick‘, was du zermalmet hast,
Mit Deines Trostes Freuden.

15) So angethan, will ich mich hin
Vor Deinen Vater machen;
Ich weiß, er lenket seinen Sinn,
Und schaffet Rath mir Schwachen.
Er weiß, was Fleisches Lust und Welt
Und Satan uns für Netze stellt,
Die uns zu stürzen, wachen.

16) Wie werd‘ ich mich mein Lebenlang
Für solcher Plage scheuen?
Durch Deines guten Geistes Zwang,
Den Du mir wollst verleihen;
Der mir vor aller Sünden List,
Und dem, was Dir zuwider ist,
Helf ewig mich befreien.

Der Geist des Herrn kam noch öfter über sie im heiligen Gesange, sodaß sie im dichterischen Aufschwung wie eine Lerche ward, die am Lenzmorgen lobpreisend zum Licht sich erhebt.

In dem Gesangbuch, welches Christoph Runge zu Berlin im Jahre 1653 auf ihren Antrieb herausgab, und das Kernlieder der lutherischen, wie der reformirten Glaubensgemeinschaft enthält, finden sich noch zwei andere von der Fürstinn gedichteten Lieder: 1) das Loblied:
„Gott, der Reichthum Deiner Güte,
Dem ich Alles schuldig halt‘,
Ursacht, daß mir mein Gemüthe
Gegen Dir vor Freude wallt, u. s. w.

Sodann das Lied des Gottvertrauens in der Zeit des Kriegs und der Pest:
Ein Andrer stelle sein Vertrauen
Auf die Gewalt und Herrlichkeit
Und auf Hochmuth zu jeder Zeit
Ich will auf Gott, den Höchsten, bauen, u. s. w.

So tritt die reformirte Fürstinn in den Sängerkreis der lutherischen Kirche, und wünscht, daß derselbe auch aufgenommen sey in den Chor der reformirten Kirche; denn in allen Wäldern des Herrn haben seine Sänger denselben Sang und süßen Schlag. Die Lieder der Fürstinn sind von hoher, poetischer Schönheit, nicht gemacht, sondern aus ihrem, in allen seinen Wechselfällen vom evangelischen Glauben getragenen Leben frisch herausgewachsen. Das güldene Kleinod, welches Luise mit dem Lied: „Jesus, meine Zuversicht“, der evangelischen Kirche geschenkt, hat sie selbst mit ihrem glaubensstarken, geheiligten Sterben besiegelt.

Für den Winter 1665 hatte der Kurfürst eine längere Reise nach Cleve beschlossen, Luise sollte mit ihm gehen. Vorher indeß wollte sie noch einmal alles, was sie geschaffen hatte, besonders das Oranienburger Waisenhaus, besichtigen, und von Allen, wie eine Mutter von ihren Kindern, Abschied nehmen. An allen Orten erfuhr sie ungeheuchelte Beweise der Liebe. Bei ihrer Abfahrt von Oranienburg drängte man sich mehr, denn je, um ihren Wagen, gleich als wüßte man, daß auf diesen Abschied ein Nimmerwiedersehen auf Erden folgen sollte. Allen, namentlich ihren Waisen, reichte sie die mütterliche Hand.

Im October 1665 ward die Reise angetreten. Luise sah heiter aus. Den Sommer 1666 brachte Luise mit ihrem Gemahl in Cleve zu, und gebar hier ihren letzten Sohn Ludwig. Da sie sich noch nicht wieder erholen konnte, widerriethen die Aerzte die beschwerliche Herbstreise nach Berlin zurück. Die Trennung war dem kurfürstlichen Paar ahnungsvoll schmerzlich. Sie fuhr in Begleitung ihrer Mutter den Rhein hinab, um im Haag die rauhe Jahreszeit zu verbringen. Die körperliche Schwäche wollte nicht schwinden; auch im Beginn des Frühlings nicht. Sie ahnte, daß sie diese Krankheit nicht überstehen werde. Eine heftige Sehnsucht nach dem Gatten und den Kindern ergriff ihr Herz. Sie drängte zur Heimreise, welche sie auch bald nach Ostern antrat. Schon in Duisburg verschlimmerte sich ihr Zustand so, daß sie einige Zeit verweilen, und der Forderung des Arztes, den man aus Wesel hatte kommen lassen, folgen mußte. Dem sie begleitenden holländischen Prediger Spanheim sagte sie: „Wenn mir Gott die Gnade erweist, mein Ziel zu erreichen, so will ich gern mit Simeon ausrufen: Herr, nun lässest Du Deinen Diener im Frieden fahren!“ Ein ander Mal: „Gott hat mich zu dem Scheiden in der Schule der Leiden vorbereitet; er hat die Zeichen seiner Ruthe in mein Fleisch gedrückt, aber auch seine Furcht in mein Herz gesiegelt.“ Dann zum Himmel blickend, fuhr sie fort: „Es ist mir lieb, Herr, daß Du mich gedemüthigt hast; aus Deiner Züchtigung erkenne ich, daß Du mich liebest, daß ich Dein Kind bin, daß du Acht auf mich hast, daß Du meinen Tod nicht begehrest, sondern daß Du aus einem tiefen Schlaf mich erweckest. Du hast mir gezeigt, daß das Wesen dieser Welt vergeht, daß aber, wen Deinen Willen thut, in Ewigkeit bleibet.“ Als nach Fortsetzung der Reise ein Rasttag gemacht wurde, und Spanheim über die Worte: „Gott mit uns!“ gepredigt hatte, wandte sie das Gehörte auf sich an: „Gott mit uns!“ Welch ein Trost in so trauriger Einsamkeit, in gefährlichen Wüsteneien, in abmattenden Kindbetten, im Hause des Weinens, bei den tausendfach listigen Ränken! Wohl uns, wenn Gott dann mit uns ist; wenn sein Auge unser Wächter, seine Vorsehung unsere Burg, die Engel unsere Hüter, sein Schatten unser Schirm ist!“

Die Nachricht von ihrem Unwohlseyn erregte in Berlin die größte Bestürzung. Man eilte ihr entgegen. Allen voraus der von Angst beflügelte Kurfürst; er trifft sie schon in Halberstadt; in der Nähe von Ziesar sieht sie ihre Kinder; zu Amt Rellin den Hofprediger Stosch. Dies Reisen im Wagen konnte sie nicht mehr ertragen. In einer Sänfte wurde sie 30 Meilen weit nach Berlin gebracht. Als Spanheim ihn zur Ankunft Glück wünschte, und Hoffnung zur Genesung aussprach, antwortete sie: „Für das Erste danke ich Gott, und das Zweite stelle ich ihm anheim; wenn er die Haare auf dem Haupte zählt, wie vielmehr unsere Tage. Wir vermögen nicht Eine Stunde zu ihrer Länge, noch Eine Elle zu ihrer Größe zuzusetzen. Derselbe hat mir angegeben, eine Zeit lang bei meiner theuren Mutter zu verweilen, und jetzt zu meinem Herrn zurückzukehren; Nun mag er mit mir machen nach seinem heiligen Willen.“

Sie war jung, erst im 40. Jahr, und mit vielen Banden der Liebe in das diesseitige Leben verschlungen. Die natürlichen Sinne sträubten sich wider das Sterben: „Was bitter ist der Tod! Fleisch und Blut erschrickt vor ihm!“ hörte man sie seufzen; aber der wiedergeborne Geist hatte den Muth, sich loszureißen. „Ich nähere mich dem Hafen himmlischer Ruhe, – sagte sie bald darauf freudig; schon sehe ich die Spitzen und Höhen der ewigen Stadt. Wenn ich wieder genese, so werde ich von Neuem in das unruhige Leben, in das ungestüme Meer voller Klippen zurückgetrieben.“ Auch der schmerzliche Gedanke an die Trennung von ihrem Manne verklärte sich ihr je mehr und mehr durch den Glanz der Hoffnung: „Einer von Beiden, – sagte sie, – muß voran; es ist mir nun um so lieber, diejenige zu seyn, die ihm eine Stelle zubereiten kann.“

Der Kurfürst rang in großer Seelenangst mit Gott; daß ihm das Theuerste erhalten bliebe. Man fand folgendes Gelübde von seiner Hand niedergeschrieben: „Nachdem der Höchste meine herzvielgeliebte Gemahlinn gar hart und schwer mit Krankheit heimgesuchet, und daß auch alle menschlichen Mittel umsonst und verloren seyen: so habe ich ein Gelübde dem Höchsten gethan, daß ich, daferne Ihre Liebden von diesem Lager wieder aufkommen, ich Ihr zu Ehren ein Armenhaus bauen, und zur Unterhaltung desselbigen jährlich 6000 Rthlr. verordnen will, so zu ewigen Zeiten von meinen Nachkommen darzustellen ausgefertigt wreden; und damit sie nun dieselbigen desto sicherer bekommen mögen, so verweise ich sie an die Salz-, Bernstein- und Postgelder hiermit dergestalt und also, daß von jedem 2000 Rthlr. jährlich für alle anderen Ausgaben ihnen zum Unterhalt gereicht werden sollen; wie ich dann denen Bedienten, so die Einnahme in Händen haben, ganz ernstlich und bei höchster Strafe anbefehle, solche Gelder alle Jahre richtig abzustatten. Des zur Urkunde habe ich dieses eigenhändig geschrieben und unterschrieben.“
Gegeben zu Berlin den 4. Mai Anno 1667.
Friedrich Wilhelm

Aber der Menschen Gedanken waren nicht Gottes Gedanken. Bevor die Schwachheit überhand nahm, versammelte sie ihre Dienerschaft um sich, dankte für die Treue, und erbaute sie durch ihren Abschied, die Fürstinn ihr Gesinde. Noch ergreifender ist ihr Abschied von den Kindern. Die zwei älteren Prinzen stehn vor ihrem Bette, den jüngsten, noch Säugling, einen lieblich gedeihenden Knaben, reicht man zu ihr hin, daß sie auch ihn segne. Alles ist von Schmerz überwältigt, sie allein in erhabener Ruhe, als gehöre sie schon dem Jenseits an.

Stosch besucht sie täglich. Am 17. Juni empfing sie ihn mit den Worten: „Es ist mir lieb und erwünscht, eines Dieners Christi in Anspruch zu vernehmen. Der Proceß, – fuhr sie fort, – den der Herr mit Elia gehalten, worin er ihn einen Sturm, ein Beben der Erde und ein Feuer hat erfahren lassen, ist auch über mich ergangen; nun hoffe ich, es werde auch ein sanftes Sausen nachfolgen, Er werde mir mit Gnade und Hülfe erscheinen.“

Folgenden Tages kommt Stosch, von Unruhe getrieben, Eine Stunde früher. Sie hieß ihn und die Andern beten. er bat Gott zuerst um leibliche Hülfe. Als er die Wendung nahm, „daß der Herr, wenn es Sein Wille sey, das Ewige für das Zeitliche darreichen möge“, hob sie ihre gefalteten Hände höher. Nach einiger Ruhe schlug sie bei allgemeiner Stille wieder die Augen auf. Da richtete Stosch an die sie Frage: „Ob sie fühle, daß Gott ihr gnädiger Vater sey?“ Sie antwortete Allen hörbar: Ja. Sie sank zurück und lag regungslos. Da brach Stosch das heilige Schweigen; zu dem von Schmerz erstarrten Kurfürsten gewandt, sprach er: „Sie ist Ew. Durchlaucht wie eine Garde auf Wegen und Stegen gewesen; aber der Trost bleibt, daß die letzten Seufzer dieser frommen Seele künftig, um Christi Willen, die Kraft eines täglichen Gebetes haben werden.“ Während dieser Ansprache hatte der Kurfürst Luisens Hand ergriffen; er glaubte sie entseelt, spürte aber ganz deutlich einen dreifachen Druck derselben. Das war ihr letztes Lebenszeichen. Sie starb am 18. Juni 1667, Nachmittags 6 Uhr. Sie ist wenige Monate über 39 Jahre alt geworden; davon die letzten 20 ½ in der Ehe mit dem Kurfürsten.

Der Kurfürst fühlte, daß „die Sonne seines Hauses erloschen sey.“ Er trat später, durch die Macht der Gewohnheit und der Verhältnisse gezwungen, in eine zweite Ehe, mit Dorothee, einer gebornen Prinzessinn von Holstein-Sonderburg. Aber man hörte ihn öfter, vor dem Bild der Verklärten weilend, ausrufen: „O Luise, wie oft vermisse ich Euren Rath!“ Das Volk fühlte seinen Verlust um so schmerzlicher, als ihm schien, Dorothee sei eine Stiefmutter, wie des Kurhauses, so des Landes. Mit desto größerer Eifersucht bewahrte es das Andenken der Hochgefeierten. Es schmückte seine Töchter mit ihrem Namen; bis auf Kind und Kindeskind wurden die Kirchenbücher mit dem Namen Luise erfüllt. In vielen Häusern der brandenburgischen Lande, und nicht bloß in den reichen, sah man ihr Bildniß in Oel gemalt; noch im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts, da man anfing, das Bild der andern neben das ihre zu hangen. Sie ist eng verwachsen mit der Begründung und dem wunderbaren Aufschwung des preußischen Staates. Der große Kurfürst war genöthigt, mit eisernem Pflug tiefe Furchen zu ziehen, durch Felsen und wildes Gestein; sie ist wie Thau und Morgenröthe über seine Saaten, die als eine neue Flur, geschlossen und eigenthümlich, zwischen den europäischen Saaten-Gefilden aufsproßten.

Und wer von dem Glauben durchdrungen ist, jedes Ereigniß in der Geschichte, – auch das nebenhergehende, untergeordnete, – werde eben so gewiß, wie das folgenreichste, durch die göttliche Weisheit bestimmt: dem muß es höchst bedeutungsvoll erscheinen, daß in der Oranischen Fürstinn Luise, der Urenkelinn des edeln Cologny, dieser Märtyrer der französisch reformirten Kirche, unter die Ahnen des Hohenzollerschen Hauses aufgenommen ist, neben jenem Märtyrer-König der lutherischen Kirche. Denn Gustav Adolph ist der Oheim des großen Kurfürsten.

Dr. Theodor Fliedner, Buch der Märtyrer, Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth, 1859

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