Giovanni Mollio

Giovanni Mollio

Wir sind geneigt, die römische Kirche, als eine mächtige Schwester und Bundesgenossin zu lieben, wenn sie dem Unglauben und der Gottlosigkeit gegenüber die Grundwahrheiten des Christenthums vertheidigt und Fürsten und Völker im Zaume hält. Aber wie verzerrt sich sogleich das edle Antlitz dieser stolzen Jungfrau, wenn sie an ihre Untreue gegen das reine Wort Gottes und an ihre Anmaßung gegen den Herrn Jesum Christum erinnert wird, wenn ihre Menschensatzungen an dem heiligen Evangelium geprüft werden und nicht bestehen! Da wird sie zu einer grausamen Isebel, die nach dem Blut der Propheten dürstet, und mit wildem Blicke trägt sie die Fackel in der Hand, mit welcher sie die Scheiterhaufen anzündet, um die Gebeine der treuen Bekenner zu verbrennen. So sehen wir sie besonders in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wüthen: so ist es nach Gottes unerforschlichem Rathschlusse ihr gelungen, das Licht des Evangeliums in Spanien und Italien, wie einst in Böhmen, zu verfinstern und den Geist im Blute zu ersticken.

Ein Opfer jener Wuth ist auch der edle Bekenner Giovanni Mollio geworden.

Das herrliche Toscana, das so viele ausgezeichnete Männer unter seinen Kindern zählt, ist seine Heimath, Montalcino, unweit Siena, sein Geburtsort, nach dem er oft nach italienischer Weise genannt wird. Sein Geburtsjahr, das entweder auf den Schluß des fünfzehnten oder auf den Anfang des sechzehnten Jahrhunderts fällt, kann nicht mehr genau ermittelt werden. Seine Eltern waren arm, aber ihn hatte Gott mit reichen Geistesgaben gesegnet. Die Begierde, dieselben durch das Studium der Wissenschaften auszubilden, sowie die früh erweckte Sorge um seiner Seelen Seligkeit bestimmten ihn in seiner Jugend, in den Franciscaner Orden strenger Observanz zu treten. Mit großem Ernste lag er nun sowohl der Erfüllung seiner Ordenspflichten als dem Studium der Wissenschaften ob, so daß er noch jung zum Professor der venetianischen Hochschule Brescia von seinen Oberen befördert wurde. Hier, wie später in Mailand, erwarb er sich durch seine gründlichen Kenntnisse, sowie durch seine trefflichen Lehrgaben einen rühmlichen Namen. Da dem Franciscaner Orden durch Sixtus IV. (1471-84) der demselben angehört hatte, große Vorrechte eingeräumt waren, namentlich überall, selbst ohne Begrüßung der Ortsgeistlichen, die Seelsorge auszuüben und als öffentliche Lehrer aufzutreten, so eröffnete sich dem reichbegabten jungen Professor ein weites Feld der Wirksamkeit. Aber sein Inneres ward um diese Zeit von einem Geisteszuge ergriffen, der mehr nach der Tiefe als nach der Weite ging. Wie der gleiche Odem Gottes den Frühling bringt sowohl nach den lieblichen Fluren Italiens, als nach den eichenumkränzten Ebenen Deutschlands und nach den Hochthälern der Alpen, so war es auch der gleiche Geist Gottes, der im Zeitalter der Reformation die Herzen in Italien, wie in Deutschland und in der Schweiz mit wunderbarer Macht ergriff und zu dem gleichen Ziele, zu einem lebendigen Glauben hinzog. Von diesem Geisteszuge ward auch Mollio, wie viele andere Glieder seines Ordens, in seinem ernsten Streben nach Wahrheit und nach dem Frieden der Seele ergriffen, indem er mit Schmerzen erfuhr, daß weder das rauhe Franciscanergewand noch die pünktliche Erfüllung der Ordenspflichten die nach der Seligkeit dürstende Seele zu beruhigen und sie ihres Heils zu versichern vermögen. Auch das Studium der neu auflebenden classischen Literatur gewährte ihm den ersehnten Seelenfrieden nicht, wohl aber wurden ihm unter dem Zuge des Geistes die herrlichen Schriftwerke der griechischen und römischen Weisheitsfreunde Wegweiser zu Christo und zu den Schriften des neuen Testamentes hin, die von ihm zeugen. Der Geist, welcher die Umgebung des jungen Professors durchwehte, war ganz geeignet, das Werk der Gnade in seinem Innern zu fördern. In Brescia, der Heimath des evangelischen Wahrheitszeugen Arnold, wie in Mailand, der stolzen Hauptstadt der Lombardei, ja durch ganz Oberitalien hatte sich auch durch das Mittelalter hindurch eine romfreie, dem Evangelio freundlich zugewandte religiöse und kirchliche Richtung erhalten. Unter den schweren Leiden der Kriege, welche im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts über diesen Ebenen sich zerstörend viel hinüber und herüber wälzten, hatte sich diese Richtung bei vielen ernsten Gemüthern zur Ueberzeugung gestaltet, daß den Menschen das Heil allein aus dem Glauben an Christum erblühe. Ueberdies vermittelte der Verkehr zwischen den Städten der Lombardei und denjenigen der benachbarten Schweiz und Deutschlands auch die Bekanntschaft mit der evangelischen Lehre, die in Zürich, wie in Wittenberg mit so großem Nachdruck und Segen verkündigt wurde. So besaß Mailand schon seit 1524 in seiner Mitte Prediger des neuen Glaubens, und in anderen Städten der Lombardei und Venedigs bestanden Versammlungen, in welchen das Evangelium gelesen und erklärt wurde. Diesen evangelischen Kreisen, in welchen der gleiche Geist wehte, der auch sein Inneres ergriffen hatte, schloß sich Mollio an, sie durch sein gründliches Wissen fördernd und von ihnen selbst im Glauben gefördert. Je mehr sich Mollio in das Studium der Schriften des neuen Testamentes und namentlich der paulinischen Briefe vertiefte, desto klarer und muthiger verkündigte er auch in seinen öffentlichen Vorträgen die Lehre von der Rechtfertigung allein aus dem Glauben an Christum. Von Mailand ward Mollio durch seine Oberen für kurze Zeit nach Padua versetzt, wo er ebenfalls einen Kreis von Freunden und Beförderern der evangelischen Wahrheit traf, dem er sich anschloß. Am Ende des J. 1532 ward dann unser Franciscaner Professor nach Bologna versetzt. Obgleich damals der aus der deutschen Reformationsgeschichte hinlänglich bekannte Cardinal Campeggio dieser Stadt und Legation vorstand und seinen einst Carl V. ertheilten Rath „das giftige Gewächs der evangelischen Kirche mit Feuer und Schwert zu vertilgen“ in dieser Stellung selbst eifrig befolgte, so fand sich doch auch in dieser Stadt und namentlich unter den Professoren der Hochschule ein Kreis eifriger und muthiger Freunde der evangelischen Wahrheit, denen sich Mollio anschloß und deren Gesinnungen und Hoffnungen wir aus ihren eigenen Worten kennen lernen wollen.

Mit gespannter Theilnahme verfolgten die Evangelischen in Italien die Entwickelung der evangelischen Kirche in Deutschland und in der Schweiz. Bange war es ihnen für sie, als Carl V. 1530 den berühmten Reichstag zu Augsburg in der Absicht eröffnete, durch Unterdrückung der Predigt des Evangeliums den Frieden in der Kirche wiederherzustellen. „Ganz Italien“ schrieb Paolo Roselli aus Venedig an Melanchthon, „sieht mit ängstlicher Erwartung dem Ausgange Eurer Versammlung entgegen.“ Freudig athmeten sie wieder auf, als die Kunde über die Alpen zu ihnen gelangte, die evangelischen Fürsten und Lehrer haben muthig und mit gutem Erfolge die evangelische Wahrheit bekannt und vertheidigt, so daß der Kaiser nicht mehr daran denke, sie zu unterdrücken, sondern vielmehr den Entschluß gefaßt habe, ein allgemeines christliches Concil zu versammeln, um die längst ersehnte Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern durchzuführen. Als Carl V. daher wieder aus Deutschland nach Italien zurückgekehrt war und mit Clemens VII. in Betreff der Versammlung dieses Concils in Bologna eine Unterredung hielt, da schien den Evangelischen Italiens die Erfüllung ihrer Hoffnung nahe gerückt. Zu dieser Zeit erschien als Gesandter des Kurfürsten von Sachsen bei Carl V. Johann Planitz und zwar, wie in Italien allgemein geglaubt wurde, mit dem Auftrage, den Kaiser zu bestimmen, beim Papste die beförderliche Versammlung dieses Concils auszuwirken. Indem auch die Evangelischen in Bologna diesem Gerüchte Glauben schenkten, wandten sie sich an Planitz in einem Schreiben, das der Feder Mollio’s entflossen sein dürfte, und dem wir zur Kennzeichnung der Gesinnung und Hoffnungen dieser Männer einige Stellen entheben wollen. Nach Erwähnung oben berührten Gerüchtes schreiben sie an den kurfürstlichen Gesandten: „Ist die Sache, wie wir gerne glauben wollen, wahr, so erstatten wir euch Allen den besten Dank, euch selbst, weil ihr euch bemüht, in dieses Land Babels zu kommen, eurem Deutschland, weil es eine Kirchenversammlung fordert, und ganz besonders eurem evangelischen Fürsten, der das Evangelium und den wahren Glauben so eifrig vertheidigt. Denn nicht zufrieden, seinen Sachsen und Deutschen Christi Gnade und Freiheit wieder gegeben zu haben, bestrebt er sich, dasselbe Glück auch England, Frankreich, Italien, Spanien und anderen Ländern zu verschaffen. Wir sind vollkommen überzeugt, daß euch gar wenig daran liege, ob die Kirchenversammlung berufen werde oder nicht. Wir sahen ja schon, daß ihr als edle und treue Christen das tyrannische Joch des Antichrists abgeschüttelt habt. Eure Rechte und heiligen Privilegien auf das freie Königreich Christi habt ihr gesichert. Demnach könnet ihr, wo und wie es euch gefällig ist, öffentlich lesen, schreiben und predigen, die Geister der Propheten hören und sie beurtheilen der apostolischen Regel gemäß. Wir wissen auch, daß ihr, weit entfernt über die gehässige Anklage der Ketzerei euch zu ärgern und zu betrüben, vielmehr euch glücklich schätzen und euch freuen würdet, wenn ihr von allen zuerst für den Namen Jesu Christi Tadel, Schmach, Einkerkerung, Feuer und Schwert erdulden müßtet. Hieraus erkennen wir deutlich, daß eure Forderung einer Kirchenversammlung keineswegs einen einseitigen Vortheil für Deutschland bezweckt, sondern, daß ihr, getreu dem Rathe der Apostel, das Interesse und Heil anderer Völker im Auge habt. Daher bekennen sich auch alle Christen euch zu wahrem Danke verpflichtet, und namentlich wir Italiener, indem wir als nächste Nachbarn des Mittelpunktes der Tyrannei das Glück eurer Befreiung beneiden müssen, obgleich wir den Tyrannen in unserem Herzen lieben.“ Indem sie die Hoffnung äußern, Planitz werde sich ernstlich beim Kaiser für die Berufung des längst ersehnten Concils verwenden, fahren sie fort: „Dieses kann euch nicht wohl mißglücken, indem Se. Majestät genau weiß, daß die frömmsten, gelehrtesten und berühmtesten Männer ganz Italiens und besonders Roms sehnlichst ein solches Concil herbeiwünschen. Wir sind vollkommen überzeugt, daß viele dieser Männer, sobald sie den Zweck eurer Sendung erfahren, euch freudig entgegen kommen werden.“

„Wir hoffen endlich, daß man es als sehr vernünftig und der Anordnung der Apostel und Kirchenväter gemäß finden wird, daß man den Christen die Freiheit gewähre, ihre Glaubensbekenntnisse gegenseitig zu prüfen, weil die Gerechten nicht durch die Werke Anderer, sondern durch ihren Glauben leben, sonst würde der Glaube nicht Glaube sein, noch die Ueberzeugung, die auf göttliche .Weise durch’s Herz gewirkt wird, Ueberzeugung genannt werden können, sondern wäre vielmehr ein gewaltsam auferlegter Zwang, der, wie der Einfältigste und Unwissendste einsehen muß, zur Seligmachung durchaus Nichts beitragen kann. Allein, wenn die Bosheit des Satans noch immer fortwüthen sollte, diese Wohlthat uns vorzuenthalten, so wird man doch mindestens den Geistlichen und Laien gestatten, Bibeln zu kaufen, ohne der Ketzerei beschuldigt, oder die Aussprüche Christi oder St. Pauli anzuführen, ohne ein Lutheraner geschimpft zu werden; denn leider haben wir Beispiele eines solchen abscheulichen Verfahrens, und wenn dieses nicht ein Zeichen der Herrschaft des Antichrists ist, was ist es denn anders, wenn man sich den Vorschriften der Gnade und der Lehre, dem Frieden und der Freiheit Christi so offenbar widersetzt, sie mit Füßen tritt und verwirft?“

Dieses Schreiben ist ein schönes Zeugniß von dem frischen und muthigen Sinne, der die Evangelischen Italiens im Zeitalter der Reformation beseelte. Genährt und gefördert wurde diese evangelische Richtung durch das Studium der heiligen Schrift, sowie der Schriftwerke der deutschen und schweizerischen Reformatoren, die in Italien meistens unter erdichteten Namen verbreitet wurden. Auf Mollio machte namentlich eine Schrift Bullingers: „vom Ursprunge der Irrlehre von der Messe und der Anrufung der Heiligen“ einen tiefen Eindruck, indem er einst seinem Freunde Zanchi rieth: „Kaufe dir dieses Buch, und hast du kein Geld, so reiß‘ dir lieber ein Auge aus und gieb es dafür und lies das Buch mit dem anderen.“ In Bologna las und erklärte Mollio unter großem Beifalle seiner Zuhörer die Briefe des Apostels Paulus, die ihm so lieb und theuer geworden, weil auch durch seine Seele, wie durch die des großen Apostels, der Riß zwischen Gesetz und Gnade sich schmerzlich vollzogen hatte. Da aber die von Paulus gelehrte Rechtfertigung allein aus dem Glauben mit der päpstlichen Lehre vom Verdienste der Werke, vom Ablasse und vom Fegefeuer im Widerspruche steht, so erfuhren auch die Vorlesungen Mollio’s bald von der altgesinnten Parthei einen heftigen Tadel. Namentlich war es ein gewisser Cornelio, Professor der Mathematik, der die von Mollio gelehrte Rechtfertigung allein aus dem Glauben bestreiten zu müssen glaubte. Von Mollio in einer öffentlichen Disputation mit leichter Mühe überwunden, verklagte jedoch Cornelio seinen Gegner beim päpstlichen Hofe wegen Verkündigung und Verbreitung ketzerischer Lehren. Paul III. (1534-49) hatte jedoch Männer zu Cardinälen ernannt, welche selbst gleichfalls der von Mollio verkündigten Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben ergeben waren. Namentlich gilt dieses von dem edlen Venezianer Gaspar Contarini, der diese Lehre in einem tiefsinnigen Tractate entwickelt hat. Daher ward Mollio, der in Rom sich sehr freimüthig vertheidigt hatte, wieder nach Bologna mit dem Entscheide entlassen: „die von ihm vorgetragene Lehre sei zwar schriftgemäß und wahr, dürfe aber einstweilen nicht ohne Nachtheil für den römischen Stuhl verkündigt werden. Er solle daher die Erklärung der paulinischen Briefe unterlassen und dagegen aristotelische Philosophie lesen“ Aber Mollio fuhr fort, die ihm theure Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben auch in diesen Vorlesungen vorzutragen; daher wirkte Campeggio beim General der Franciscaner aus, daß er 1538 nach Neapel in das Kloster San Lorenzo als Lector versetzt wurde. Aber dieser Schritt diente keineswegs zum Nachtheile für die evangelische Bewegung in Italien. Den Evangelischen in Bologna konnte Martin Bucer am 10. Septbr. 1541 freudig schreiben, „daß ihre Zahl, wie er vernommen, sich täglich mehre und sie auch immer mehr in der Erkenntniß Christi wachsen, so daß durch sie auch viele Andere zu dieser Erkenntniß geführt werden.“ Auch Mollio selbst fand sich durch seine Versetzung nach Neapel in seiner evangelischen Richtung mehr gefördert als gehemmt. Hier war nämlich seit 1536 der spanische Edelmann Juan Valdez der Mittelpunkt einer „seligen Gesellschaft“ von ausgezeichneten Männern und feingebildeten adelichen Frauen, die von diesem außerordentlichen Manne in die Erkenntniß der Heilslehren eingeleitet wurden. Mit großem Scharfblicke wußte Valdez die Männer herauszufinden, die entweder schon von der evangelischen Wahrheit ergriffen oder doch für sie empfänglich waren. So ward auch Mollio, wie seine beiden Landsmänner, der Capucinergeneral Bernardino Occhino von Siena, der damalige erste Canzelredner Italiens, und der Augustiner Probst zu San Pietro ad Aram, Peter Martyr aus Florenz, in den Kreis der evangelischen Freunde Valdez‘ eingeführt und von diesem in ihrer Erkenntniß der Heilslehren weiter gefördert. Während nun Valdez „als der von Gott berufene Seelsorger des Adels“ durch die wunderbare Macht seiner Begeisterung für die von Gott geoffenbarte Wahrheit immer mehr Anhänger für dieselbe gewann, entwickelten Peter Martyr und Mollio in ihren Vorlesungen über die paulinischen Briefe vor zahlreichen Zuhörerschaaren zu San Pietro ad Aram und San Lorenzo die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben. Und wenn Occhino die Kanzel zu San Giovanni Maggiore bestieg, um die nämliche Lehre in einer für Gebildete und Ungebildete gleich faßlichen Weise zu verkündigen, so vermochten die weiten Räume dieses Domes nicht die Zahl der Zuhörer zu fassen, die den ausgezeichneten Redner zu hören begehrten. Die Wirkung dieser im gleichen Geiste bethätigten Verkündigung der evangelischen Lehre schildert uns Gianbattista Falengo in folgender Weise: „Wahrhaft wunderbare Erscheinung unserer Tage! Frauen, deren Sinn gewöhnlich mehr zur Eitelkeit als zur Wissenschaft sich neiget, zeigen sich tief eingedrungen in die Wahrheiten des Heils, und Menschen in den niedrigsten Verhältnissen, selbst Soldaten zeigen uns ein Bild des vollkommenen Lebens-Jahrhunderts, würdig des goldenen Zeitalters. Barmherziger Gott, welch‘ eine reiche Ausgießung des heiligen Geistes!“ So entfaltete sich unter der Wirksamkeit dieser evangelischen Männer hier auf „diesem auf die Erde gefallenen Stück Himmels“ ein Geistesfrühling, welcher die Pracht des irdischen Frühlings weit noch überstrahlte. Aber wenn der heiße Sirocco weht, so welkt augenblicklich die glühende Blüthenpracht dahin, so daß die Blume des Feldes, die am Morgen schöner bekleidet war, als Salomon in seiner Herrlichkeit, am Abend welk und versengt dasteht, ein Bild der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Ein ähnlicher versengender Gluthwind kam auch über den Geistesfrühling, der damals in Neapel sich entfaltete, und bereitete demselben ein ähnliches Verderben, wie der Sirocco der Blüthenpracht des natürlichen Frühlings. –

Während die Evangelischen in Italien, wie in Deutschland und in der Schweiz, eine Reformation der Kirche nach der Richtschnur des Wortes Gottes anstrebten, suchten andere dieselbe innerhalb der Schranken der Lehre und Einrichtungen der bestehenden päpstlichen Kirche durch Belebung des Eifers und Pflichtgefühls zur strengen Beobachtung derselben durchzuführen. Zu den Reformatoren dieser Art gehören die beiden Cardinäle Giovanni Pietro Caraffa, ein aufbrausender, stürmischer Zelot, und Gaetano da Thiene, ein stiller, sanftmüthiger, den Entzückungen eines geistlichen Enthusiasmus hingegebener Mann. Diese beiden Männer sind die Stifter des für die Neubelebung und Erhaltung der päpstlichen Kirche, sowie für die Unterdrückung der evangelischen Richtung sehr wirksamen Theatiner Ordens. Auf die evangelische Bewegung in Neapel lenkten die Theatiner gleich ihre Aufmerksamkeit. Gaetano da Thiene ging selbst mit mehreren Mitgliedern dieses Ordens dahin und nahm Besitz von der St. Pauls Kirche, um von der Kanzel derselben aus dem Valdez und seinen Freunden entgegen zu wirken. Mit großer Eilfertigkeit und Entrüstung meldete da Thiene seinem Freunde Caraffa, welche ketzerische Lehren in Neapel öffentlich verkündigt und vertheidigt werden. Dieser warnte hinwieder in einem Schreiben den Vicekönig vor den Feinden der Kirche in seiner Hauptstadt und ermahnte ihn, dieselben zu unterdrücken. Inzwischen wurden die Gespräche der Freunde Valdez‘, sowie die Predigten Occhino’s und die Vorlesungen Martyr’s und Mollio’s überwacht und auskundschaftet, und jede Abweichung von der Kirchenlehre sorgfältig bemerkt und nach Rom berichtet. Bis zum Jahre 1540 hatten die evangelischen Lehrer am päpstlichen Hofe ihre Vertheidiger und Beschützer an den Kardinälen Contarini, Sadolet, Pole und Fregoso, aber mit diesem Jahre gestaltete sich ihr Schicksal daselbst immer düsterer. Contarini ging als Legat zum Regensburger Gespräche und ward bald selbst am päpstlichen Hofe wegen seiner Nachgiebigkeit gegen die Protestanten verdächtigt. Valdez starb in Neapel tiefbetrauert von seinen Freunden; Occhino und Martyr verließen, müde der Verdächtigungen und Verfolgungen, diese Stadt, um bald durch Auswanderung nach der Schweiz ihr Leben und ihre evangelische Ueberzeugung zu retten. So befand sich noch Mollio allein von den ausgezeichneten evangelischen Lehrern in Neapel, um die kurz vorher so hoffnungsvoll aufblühende evangelische Gemeinde mit der evangelischen Lehre zu erbauen. Seine vorzüglichen Beschützerinnen waren die Gräfin von Trajetto und Isabella Maurica, die später sich nach der Schweiz flüchten mußte. Mollio’s Stellung wurde besonders schwierig nach dem 1542 erfolgten offenen Uebertritt Occhino’s und Martyr’s zur evangelischen Kirche der Schweiz, weil seine enge Verbindung mit diesen Männern bekannt war. Auf der anderen Seite vermehrten und verstärkten sich die Beschützer der päpstlichen Kirche immer mehr, indem sie zugleich immer heftiger die evangelische Richtung befeindeten. Neben den Theatinern und zum Theile nach dem Vorbilde dieses Ordens organisirte Ignatius Loyola in Venedig die Compagnie Jesu, die vom Papste 1540 bedingt und 1543 unbedingt als ein eigener Orden bestätigt wurde. Auf eifriges Eindringen des Cardinals Caraffa, der dabei vom Cardinal von Burgos, Juan Alvarez von Toledo sowie von Ignatius Loyola kräftig unterstützt wurde, beschloß der Papst die Einführung der Inquisition (21. Juli 1542) zur Unterdrückung der Ketzerei, das heißt, der evangelischen Richtung und Lehre. Furchtbar war namentlich für die Evangelischen in Neapel die Bethätigung aller dieser ineinander greifenden Maßnahmen zu ihrer Unterdrückung. Die von den Seggi gestiftete Academie ward unterdrückt, die frömmsten Christen, die nicht flüchtig ihr Vaterland verließen, eingekerkert und durch das Inquisitionstribunal zum Feuertode verurtheilt. Auch Mollio mußte 1543 Neapel verlassen, um von nun an zehn Jahre hindurch von der Inquisition und ihren Trabanten, den Theatinern und Jesuiten, umspäht, verfolgt und eingekerkert zu werden. Hieronymus Marianus meldete 1544 dem Pellican in Zürich, daß Mollio von Montalcino, der Regens eines Klosters von Mailand, um seines evangelischen Bekenntnisses willen in Gefangenschaft gehalten werde. Endlich ward er 1553 auf Befehl Julius III. (1540 bis 55) in Ravenna ergriffen und fest verwahrt nach Rom geführt. Während seiner mehrere Monate dauernden Gefangenschaft beendigte er einen Commentar über die Genesis, der gelobt wird. Den 5. September 1553 wurde mit großem Pompe ein öffentliches Inquisitionsgericht über ihn und einige seiner Schüler gehalten. Leider verstanden sich die Meisten von den Letzteren, um ihr Leben zu fristen, zum Widerrufe der früher bekannten evangelischen Lehre. Mit einer brennenden Fackel in der Hand erschien Mollio, gefolgt von einem treuen Schüler Tisserano von Perugia oder Padua vor dem Inquisitionstribunal und bekräftigte hier mit ungebrochenem Muthe seine stets verkündigte Lehre von der Rechtfertigung allein aus dem Glauben an Christum. Seine Richter behandelte Mollio in seiner Vertheidigungsrede als ein Mann, der keine irdische Rücksicht mehr kennt. „Der Papst“, sagte er unter Anderem, „ist keineswegs der Nachfolger Christi oder des Apostels Petri oder das Haupt der christlichen Kirche, sondern vielmehr der wahre Antichrist, ein verfluchter und verdammter Fürst des antichristlichen Reiches, der sich mit gleichem Rechte die tyrannische Herrschaft über die Kirche angemaßt, mit dem der Raubmörder seine unschuldigen Opfer erwürgt. Was euch, ihr Cardinäle und Bischöfe, betrifft, so habt ihr die Gewalt, die ihr euch anmaßt, nicht durch ehrliche Mittel erlangt, sondern vielmehr durch ehrgeizige und verwerfliche Umtriebe. Darum kennet ihr weder Maß noch Zucht, noch achtet ihr irgend Tugend und Ehrbarkeit. So muß ich auch härter mit euch reden und sagen, daß eure Kirche nicht Gottes, sondern des Satans Kirche sei und das ächte Babel. Wenn eure Gewalt, wie ihr vorgebet, von den Aposteln herstammte, so würde auch eure Lehre mit derjenigen der Apostel und eure Lebensweise mit der Ihrigen übereinstimmen. Nun aber findet gerade das Gegentheil statt. Ihr verachtet und verstoßet auf die frevelhafteste Weise den Herrn Christum und sein Wort. Ihr glaubet nicht wahrhaftig, daß ein Gott im Himmel sei. Ihr verfolget und tödtet Gottes treue Diener und löset seine Gebote auf. Ihr beraubet die armen Gewissen ihrer Freiheit und unterdrücket sie. Ihr maßt euch tyrannischer Weise Gewalt über zeitliches und ewiges Leben und Tod an. Darum appellire ich von diesem eurem Gerichte und fordere euch auf den jüngsten Tag vor den Richterstuhl Christi. Da werdet ihr, es mag euch lieb oder leid sein, von eurem Thun und Lassen genaue Rechenschaft ablegen müssen; und wenn ihr nicht vorher Buße thut, so müßt ihr im höllischen Feuer ewig brennen. Zum Zeugnisse dieser Warnung nehmet zurück diese brennende Fackel, die ihr mir in die Hand gegeben!“ Mit diesen Worten warf er entrüstet die brennende Fackel vor ihre Füße. Die Cardinäle und Bischöfe knirschten mit den Zähnen und schrieen, man solle diesen Menschen aus ihren Augen entfernen. Hierauf ward über ihn und über Tisserano das Urtheil gesprochen, daß sie gehenkt, und ihre Leichname sodann verbrannt werden sollen. Bei Anhörung dieses Urtheils erhob Mollio seine Augen gen Himmel und sprach: „O Jesus Christus, mein Herr, mein oberster Priester und mein Hirte! Auf der ganzen Welt giebt es nichts, an dem ich mehr Gefallen hätte, als daß ich um deines Namens willen mein Blut vergießen soll.“

Hierauf wurden sie auf den Campo Fiore hinausgeführt, wo Tisserano zuerst gehenkt wurde, nachdem er für seine Feinde gebetet. Mollio dankte Gott vor seinem Tode für seine unaussprechliche Gnade, daß er ihn zum Lichte seines Wortes geführt und ihn zum Zeugen seines Evangeliums erwählt habe. – Hierauf ward er gehenkt und beider Leichname sodann verbrannt. So ward dieser getreue Diener Christi gewürdigt, seinen Glauben an den Heiland mit dem Märtyrertode zu besiegeln.

R. Christoffel in Wintersingen bei Basel.

Die Zeugen der Wahrheit
Dritter Band
Piper, Ferdinand (Herausgeber)
Verlag von Bernhard Tauchnitz
Leipzig 1874

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