Berthold von Regensburg

Es war im Jahr 1250, da zog Bruder Berthold in frischer Manneskraft aus dem Franziskanerkloster zu Regensburg ins weite deutsche Land. Der Papst hatte den Jüngern des heiligen Franziskus die Erlaubnis gegeben, überall Beichte zu hören und dem Volke zu predigen. Mit der Ordnung des Papstes begegnete sich der Eifer des Bruders Berthold. Das Pfund, das ihm Gott gegeben, wollte er nicht in die Klostermauern einschließen – er ward „Leutprediger“. Nicht einer Stadt allein wollte er Gutes tun, und ob sie seine Vaterstadt gewesen – er ward „Landprediger“. In die braune Kutte gehüllt zog er durch die deutschen Gauen. Die Mönchsgestalt schreckte die Leute nicht ab. Dieser Mönch hatte ein Herz voll warmer Liebe zum Volke, ein Antlitz voll gewinnender Leutseligkeit, ein Ohr, welches auf die Klage der Mühseligen und Beladenen lauschte, ein Auge, das die Ungerechtigkeit dieser Welt durchschaute, eine Hand, welche für die Armen mildiglich sich auftat, und endlich einen Mund, den Gott zu volkstümlicher Rede wunderbar zubereitet. Die Gottinnigkeit des frommen Bruders wohnte in einem weltoffenen Gemüte. Das volle Menschenleben betrachtete er mit wärmstem Anteil. Weil er den Menschen liebte, griff er die Leib und Seele verderbende Sünde an. Sein Volk zum Himmelreiche zu weisen, wanderte er weithin durch das Land. Wo immer die Leute hochdeutsch redeten, predigte er, seine eigene hochdeutsche Mundart je nach dem Gau, in dem er sich befand, wandelnd. Trieb ihn der Eifer über diese Grenze zu den Magyaren und Slaven, so gebrauchte er auch wohl einen Dolmetscher. Er hat Bayern, die Gegend am Rhein von Speyer bis in den Elsass, die Schweiz bis nach Graubünden mit dem Schall seiner Predigt erfüllt. In späteren Jahren hat er auch Österreich, Ungarn, Mähren und Böhmen durchzogen und ist vielleicht auf dem Heimweg von dort in Thüringen gewesen. Die Wirkung seines Worts auf das deutsche Volk war überaus groß, keine größere berichtet uns die Geschichte. Mancherlei traf zu solcher Wirkung zusammen: das deutsche Volk pflegte von Rom, wenn es nach Brot verlangte, einen Stein zu bekommen und litt Hunger; in der kaiserlosen Zeit, in welche Bruder Bertholds Predigt gerade hineinfällt, seufzte es unter Unrecht und Gewalttat; die hochdeutsche Sprache, in welcher noch jüngst die Heldengesänge und Minnelieder erklungen waren, musste den Leuten in den oberdeutschen Landen lieb und vertraut klingen, auch wenn sie zur Buße rief. Aber der Mann selbst, aus dessen Mund der Ruf kam, war doch die Hauptkraft in der unerhörten Wirkung. Ihm waren von Gott die Gaben erteilt, die zu aller Zeit einen großen Prediger machen: ein von seinem Gegenstand, dem Christenglauben, ganz erfülltes Herz; ein herzliches Erbarmen mit seinem Volk; genaueste Kenntnis der Seelenzustände und des Volkslebens; großer Ernst, der den Mut hat, auch das lang und allgemein Bestehende um der anhaftenden Sünde willen anzugreifen; Sinnigkeit, die an das kleinste Ding aus dem wirklichen Leben eine geistliche Wahrheit knüpft; Einbildungskraft, die himmelwärts fliegt und von dannen die Bilder der ewigen Güter vor die Augen des Volks bringt; Treuherzigkeit bis zum Humor, der ein Lächeln weckt, aber nicht bis zum Spaß, der zum Lachen bringt; ein Wechselverhältnis zwischen dem Prediger und dem Hörer, das durch seine Lebendigkeit alle Langeweile vertreibt, endlich eine solche Traulichkeit der Rede, Frische der Darstellung, Blüte der Sprache, dass man noch beim Lesen der Predigt etwas von dem urkräftigen Behagen spürt, mit welchem Bruder Berthold einst die Herzen seiner Hörer gezwungen hat. Ihre Schar wuchs von Tag zu Tag, von Gau zu Gau. Die Chroniken, welche von Bruder Bertholds Predigt wie von einem großen geschichtlichen Ereignis berichten, sind gewiss von Übertreibungen nicht frei. Bis zu Hunderttausenden wird die Zahl der Hörer gesteigert. Als man die Menge überhaupt nicht mehr zählen konnte, nahm man es mit der Zahl nicht genau. Indes ist bekannt, wie religiöse Erregung ansteckend wirkt und immer weitere Kreise zieht. Wenn in den Jahrhunderten vorher alles Volk, nicht bloß gewappnete Ritter, sondern auch Frauen und Kinder zu den Kreuzzügen sich sammelten, wenn ein Jahrhundert später die melancholischen Geißlerscharen das Volk mit sich fortrissen, warum sollte im dreizehnten Jahrhundert das gedrückte Volk nicht einem Prediger, dem die stärkste Macht, das geisterfüllte, herzmäßige, volkstümliche Wort, zu Gebote stand, in immer wachsender Schar nachgefolgt sein? Keine Kirche war groß genug, die Menge zu fassen. Bruder Berthold predigte auf den freien Plätzen der Städte, auf der grünen Wiese, am Rande des Waldes. Er bestieg eine Mauer, eine Linde, einen Rain, um zu dem versammelten Volke zu reden. Er ließ eine Feder am Faden fliegen, um zu sehen, woher der Wind wehe, und forderte die Menge auf, sich so zu sehen, dass das Wehen des Windes ihnen das Wort nicht entführe. Dann tat er den Mund auf und begrüßte die „lieben Christenleute“. Durch eine spannende Geschichte führte er sie rasch mitten in die Sache hinein. Mit dem, was unser lieber Herr“ oder „der gute St. Paulus“ gesagt, mischte er, was Himmel und Erde den Blicken darbot. Er sprach die Einwände aus, welche in dem Gemüt der Hörer entstanden, und antwortete darauf. Er fuhr die hart an, gegen welche seine Rede gerichtet war die argen Sünder, die heimlichen Ketzer, die versuchenden Teufel. Er erlaubte, wenn er von der Ehe redete, den Ehelosen heimzugehen. Durch solche dramatische Lebendigkeit wusste er bis zum Ende der oft langen Predigt die Aufmerksamkeit der Hörer zu steigern. Indem er sie ergötzte, erbaute er sie. Und zur gründlichen Erbauung scheute er nicht ein kräftiges Niederreißen. Die Bollwerke, die Satan, Welt und Fleisch aufgerichtet, mussten fallen. Der Ernst Bruder Bertholds war unerbittlich. Die Bürger von Winterthur baten ihn, nachdem er in den Städten umher gepredigt, auch zu ihnen zu kommen: er weigerte sich, weil sie einen ungerechten Zoll nicht aufheben wollten. In Graubünden machte er durch eine seiner Predigten gegen Ungerechtigkeit und Habsucht auf den Ritter Albrecht von Sax einen solchen Eindruck, dass er Schloss und Vogtei Wartenstein an das Kloster Pfäfers, dem es gehörte, zurückgab. Dem Ernste fehlte die Liebe nicht. Wenn er den Sünder durch seine Rede für so lange, als Gott im Himmel ist, in die Hölle geworfen hatte, gewährte er ihm die Rettung aus derselben durch wahre Reue, lautere Beichte und rechtschaffene Buße. Und wo die Predigt diese gewirkt, da half er der armen Menschenseele auch im Irdischen. Eine Chronik erzählt, dass er eine Sünderin durch seine Predigt ins Herz getroffen und zu neuem Wandel erweckt habe. Sofort rief er in das Volk hinein, ob ein Mann da sei, der diese seine sündige, aber nun bekehrte und neugeborene Tochter aus Ehrfurcht vor der göttlichen Liebe zur Ehe nehmen wolle, so werde er ihr ein Heiratsgut von 10 Pfund Silber mitgeben. Ein Mann erhob sich und erklärte sich zur Ehe bereit. Nun forderte Bruder Berthold einige Männer auf, die Volkshausen zu durchwandeln und Gaben zu sammeln. Noch war die Sammlung nicht vollendet, da rief er schon: „Es ist genug, wir haben das gewünschte Geld.“ Man zählte, und es waren gerade 10 Pfund. Kein Wunder, wenn die erstaunten Zeitgenossen von dem Bruder Berthold noch Wunderbareres berichteten. Eine andere Sünderin ward von seiner Predigt so gewaltig erschüttert, dass sie ihren Geist aushauchte. Als das Volk darüber in große Aufregung geriet, gebot Bruder Berthold Stille und rief zum Gebet auf, damit Gott seinen Willen offenbare. Und während er mit dem Volke betete, stand das Weib aus dem Tode wieder auf. Die Macht der Predigt brachte die Hörer zu ehrfürchtiger Bewunderung. Die Bewunderung mehrte die Macht: als Bruder Berthold in Thüringen predigte, sah man leuchtende Kronen über seinem Haupte schweben.

 

Der Barfüßermönch, der vor sechshundert Jahren eine große Volksbewegung hervorgerufen, hat unter uns in diesem Jahrhundert eine literarische Auferstehung erlebt. Die Katholiken und Evangelischen wetteifern, sein Bild und sein Wort dem gegenwärtigen Geschlecht vorzuführen. Doch waren die Evangelischen zuerst auf dem Plan: dass er deutsch zu den Deutschen sprach, dass er das Predigen, welches seit Luther als das Hauptstück im Gottesdienst gilt, vor diesem schon meisterhaft getrieben, dass er die kirchliche Lehre und Sitte verinnerlichte, dass er den „Pfenningpredigern“ wie allen Geldgierigen tapfer zu Leibe ging, – kurz, die volkstümliche, ehrliche, sittliche, treuherzige Persönlichkeit des Mannes gewann ihm die Herzen in der evangelischen Kirche. August Neander, der in der Kirchengeschichte überall nach dem Christenleben spürte, gab die erste Anregung zur Herausgabe seiner Predigten. Christian Friedr. Kling, ein Theologe aus Württemberg, wie Berthold aus hochdeutschem Gebiet, versuchte, ob er mit teils vollständig, teils verkürzt gegebenen Predigten in Deutschland Anklang finden würde. Sofort gesellte sich dem theologischen Interesse die sprachliche Meisterschaft. Jakob Grimm begrüßte Klings Werk und stellte mit Wärme Bertholds Bedeutung heraus. Es folgten die Katholiken: Franz Göbel mit einer Übersetzung der „Missionspredigten“ des Franziskaners, Franz Pfeiffer mit einer vollständigen wissenschaftlichen Ausgabe der Predigten. Seitdem geben die Männer der Literaturgeschichte eine Darstellung des Bruders Berthold, und die Männer des geistlichen Amts suchen von ihm zu lernen und Andere über ihn zu belehren((Ahlfeld, selbst ein berühmter Volksprediger, hat Bruder Berthold in einem Vortrag geschildert. Eine treffliche Einführung bietet Dr. Chr. W. Stromberger, Berthold von Regensburg, der größte Volksredner des deutschen Mittelalters. Gütersloh 1877.)). Er hat seine gerechte Schätzung, seine würdige Stellung empfangen. Franz Pfeiffer, der Katholik, wagte wohl nicht, den Augustiner von Wittenberg neben den Franziskaner von Regensburg zu stellen, nennt aber diesen den größten Redner unseres Volkes „in der ursprünglichen Fülle und Kraft und dem wunderbaren Wohlklang seiner Rede“. Für Wilhelm Wackernagel, der uns ein treffliches Buch altdeutscher Predigten und Gebete aus Handschriften hinterlassen hat, ist Bruder Berthold „eine der anziehendsten Erscheinungen nicht nur in der Geschichte des Predigtwesens, sondern auf dem Gebiete der deutschen Literatur überhaupt.“ Wilhelm Scherer, der in seiner Literaturgeschichte „Sänger und Prediger“ neben einander und gegen einander stellt, vergleicht Berthold von Regensburg mit Walther von der Vogelweide: „wie einst Walther das Volk mit seinen Liedern aufregte, so reißt es Berthold mit seinen Vorträgen hin: der größte Prediger hat den größten Sänger beerbt.“

 

Wie mächtig ein Mann durch die frische Ursprünglichkeit hervorragender Eigenart in die Geschichte eingreift – immer muss doch seine Erscheinung im Zusammenhang mit der Vorzeit und ihren Männern geschaut und erkannt werden. Es ist verlockend, auf die Vergleichung Bertholds mit Walther einen Augenblick einzugehen. Der Zeit nach berührte sich Walthers Alter noch mit Bertholds Jugend. Auch eine örtliche Begegnung zwischen dem Dichter, der in Würzburg auf seiner Wanderfahrt zur Ruhe gekommen, und dem Prediger, dessen Gebeine in Regensburg verwahrt werden, wäre leicht möglich gewesen. Denn aus demselben Bayerland zogen Beide nach Deutschland hinaus, der fahrende Sänger auf seinem Rösslein, der Barfüßer zu Fuß. Zwar ein Bettler war Walther nicht, aber ein Gast, der auf die Milde hoher Herren und edler Frauen rechnete: eines geschenkten Gewandes und kredenzten Bechers freute er sich, herzlich verlangte er, der oft den Gruß: „Herr Gast“ gehört, endlich auch „Herr Wirt“ gegrüßt zu werden, an dem Welfen Otto beklagte er, dass er, groß von Leibesgestalt, an Milde klein sei, von Friedrich II. belehnt brach er in ein Jubellied aus. Der Barfüßer begehrte keine Schuhe. Er freute sich, ein Bettelmönch zu sein. Beide hatten ihr Land und Volk lieb. Während der Sänger der Deutschen Lob sang und besonders die deutschen Frauen als die besten pries, während er glückselig in die Welt hinausrief: „Tugend und reine Minne, wer die suchen will, der mag kommen in unser Land, da ist Wonne viel lange müsse ich leben darinne“ ist es des Predigers Aufgabe, der Deutschen Sünde aufzudecken und sie zur Heimfahrt aus dem „Niederland“ ins „Oberland“ fertig zu machen. Beide treten in die Häuser der Großen ein: Walther mit seinem ergötzlichen Gesang, Berthold mit seinem ins Gewissen dringenden Bußrufe. Beide bewegen das Volk: Walther mit seinem Ruf zur Krönung des Hohenstaufen, mit seiner Mahnung zur Kreuzfahrt, Berthold mit der Schilderung der Hölle und des Himmels. Demütig fromm ist auch Walther: er klagt sich an, dass er, von Gott mit Wort und Weise begabt, den „viel wohl gelobten“ doch selten preise, und singt dann dem Ewigen sein Lied. Aber aus der Frömmigkeit heraus wendet er sich gegen den Papst, der durch seinen Bannspruch wider den Kaiser in das treue deutsche Gemüt den Zwiespalt bringt, der schlechte Lehre und schlechtes Leben zulässt und den Unglauben mehret. Bertholds kirchliche Frömmigkeit tastet der Christenheit Haupt nicht an, aber den Missglauben und die Missetat straft er hart. Mit deutschem Zorn klagt Walther, dass das deutsche Silber in den wälschen Schrein des Papstes fährt, der darüber „christlich“ lachet: „ir pfaffen ezzet hüener und trinket wîn und lât die törschen tiuschen leien vasten.“ Bertholds christlicher Zorn wider den „Pfenningprediger“ kommt Walthers deutschem Zorne gleich, doch vom deutschen Vaterlande spricht er nicht. Die Zeiten hatten sich geändert. Die Hohenstaufen trugen die Krone nicht mehr. Ehe Berthold die Augen schloss, hatte bereits Konradin im Anschauen seines wunderschönen Königreichs Neapel, betrübt über die Betrübnis seiner Mutter, die Seele Christi Gnade befehlend, durch römische und französische List und Gewalt sein junges Leben verblutet. Ein Adler war niedergefahren, wie die Sage meldet, und hatte seinen Fittich in das Blut getaucht, das um Rache für Deutschland schrie. Die Sühne hat lange auf sich warten lassen. Schon in des Barfüßers Predigt ist kein Klang von Kaiser und Reich. Er predigt nur christliche Frömmigkeit, so rein, so tief, als es in der damaligen Kirche möglich war. Sollen wir klagen, dass der größte Prediger den größten Sänger beerbt hat? Dass der Prediger gegen das höfische Leben, welches der Sänger gepriesen, kämpfte? Wir möchten immer den Prediger und Sänger neben einander sehen und die Kirche mit dem edelsten Volksleben gefüllt, das sittliche Leben mit dem Salze des göttlichen Wortes gewürzt. Aber wenn doch die Hohenstaufenherrlichkeit in der kaiserlosen Zeit zusammenbrach, wenn die Klage, die schon Walther anstimmte, dass Unrecht auf dem Throne sitze, immer berechtigter ward, wenn das höfische Wesen in raues Rittertum sich wandelte, und die Fäulnis, an welcher auch der Minnedienst schon krankte, immer mehr um sich fraß: wen sollten wir lieber als Erben des Kaiserherolds wünschen als den Volksprediger, welcher der lauschenden Menge Christus vor die Augen malte und die Heilskräfte der Kirche pries?

 

Im Sinne der Kirche predigte Berthold. Er war Franziskaner. Er gehörte einem der Bettelorden an, welchen die Kirche die Rettung von schweren Gefahren verdankte. Auf der höchsten Höhe der Macht, welche sie unter Innocenz III. gewonnen, sah sie in sich selbst Elemente von der größten Bedrohlichkeit: eine wilde Freigeisterei, die an ihrer Lehre und Ordnung nagte: eine milde Nachfolge im armen Leben Jesu bei den armen Leuten von Lyon, die Petrus Waldus einst geweckt und die sich mit der Herrlichkeit der Kirche nicht vertrug. Weder jene stolze Geisterei, noch diese demütige Lebensgestalt war im Sinne Roms. Da erstehen gegen die Gefahren innerhalb der Kirche aus ihrem eigenen Schoße die Retter, zwei Bettelorden, die Dominikaner, durch die Predigt berufen, die Ketzer niederzukämpfen, und die Franziskaner, durch ihre volkstümliche Armut dazu angetan, die Triebe der Waldenser kirchlich zu gestalten. Hundert Jahre nach der Stiftung dieser Orden rühmt Dante dieselben als Werkzeuge in der Hand Gottes, um der Kirche zu innigerer Vereinigung mit ihrem Haupte zu helfen. Gott ordnete „zu Schutz und Hilfe ihr zwei hohe Ritter, dass sie ihr Führer sein zu beiden Seiten. War seraphgleich an Liebesglut der Eine, so schien der Andre an Weisheit dort auf Erden ein Abglanz von dem Licht der Seraphim.“ Es gehört zu den schönsten Sinnigkeiten der „göttlichen Komödie“, welche Kirche und Welt, Zeit und Ewigkeit umfasst, dass der Dichter dem berühmtesten Lehrer aus dem Orden der Franziskaner, Bonaventura, das Lob des heiligen Dominikus, und dem berühmtesten Lehrer aus dem Orden der Dominikaner, Thomas von Aquino, das Lob des heiligen Franziskus in den Mund legt. Von diesem wird gerühmt, dass er die Armut, einst mit Jesus vermählt und ihm bis aufs Kreuz getreu, seitdem verwitwet, sich angetraut habe. Es ist bekannt, wie Franziskus das arme Leben Jesu, dem alle Christen nachfolgen sollten, buchstäblich nachzuahmen suchte. Ein Jünger dieses Ordenstifters war Berthold – nicht in überschwänglicher Schwärmerei, aber in der gesunden Wärme, mit welcher er für das gedrückte Volk eintrat. Noch in anderen Zügen sehen wir den wunderlichen Heiligen Italiens unserem gemütlichen Landsmann ähnlich. Wir heben die Liebe zur Kreatur Gottes hervor. Franziskus, der Asket, der die Wundenmale Jesu an sich trug, hat wohl die Augen von der Argheit der Welt, aber nicht von der Schönheit der Gottesschöpfung abgewendet. Selbst ein Geschöpf Gottes fühlte er sich allen Geschöpfen brüderlich verbunden. Sonne und Mond hat er als Bruder und Schwester besungen. Lämmer, welche zur Schlachtbank geführt werden sollten, kaufte er los. Er redete auch mit den Vögeln wie mit seinen Geschwistern. „Im Frieden mit allen Wesen, gewissermaßen zur ersten Unschuldszeit zurückgekehrt, floss sein Herz über von Liebe, nicht allein für die Menschen, sondern auch für alle Tiere, die weiden, die fliegen und die kriechen, er liebte die Felsen und die Wälder, die Kornfelder und die Weinberge, die Schönheit der Fluren, die Frische der Quellen, das Grün der Gärten, die Erde und das Feuer, die Luft und die Winde, und er ermahnte sie, rein und lauter zu bleiben, Gott zu ehren und ihm zu dienen.“ Ob Franziskus‘ Vorbild auf Berthold gewirkt, wissen wir nicht. Aber seine Freude an der Natur tritt überall zu Tage. Seine Predigten haben etwas von dem Glanz des Himmels und den Farben der Erde, von der Würze des Waldes und dem Dufte des Heus. Auf den heiligen Bernhard beruft er sich: „Ir sult an der erden lernen und an boümen und an dem korne und an den bluomen und an dem grase. Als tet der guote sant Bernhart: ich suoche den gehiuren((den Geheuren, Gott.)) an allen kreatiuren. So möhten alle kreatiure wohl sprechen, ob sie kunden sprechen: unser vil mannicvalten wunder enhaben wir von uns selben niht: wir haben sie von dem des dîn sêle gernde ist.“ Der Blumen Farbe, der Wurzel Kräfte, der Vögel Gesang und der Saiten Klang, sie alle preisen Gott. Gerade wie Martin Luther in einer Osterpredigt den klugen Hans Pfriem, der von lauter Wundern umgeben das Wunder der Auferstehung nicht fasst, auf die Wunder, die Gott allezeit und überall tut, hinweist, so antwortet Bruder Berthold, welcher eben St. Paulus und der heiligen Afra Bekehrung als größte Wunder gepriesen, auf den Einwand, warum der Herr heute keine scheinbarlichen Zeichen tue: er preist als solche tägliche Wunderzeichen das Korn, das verwest, um Frucht zu bringen, die Rebe, in welcher aus saurem Wasser wohlschmeckender Wein wird. Wie Gott den Pfaffen das Alte und das Neue Testament zum Lesen gegeben, so hat er allem Volk zwei große Bücher, den Himmel und die Erde, aufgeschlagen. Berthold liest selber im Buch des Himmels. Die sieben Planeten werden ihm Gleichnis der sieben Arzneien der Kirche, der sieben Sakramente. Er sieht das Sternbild des Wagens und er predigt, dass der Wagen zur Himmelfahrt vier Räder haben müsse und dass keins davon brechen dürfe: Glaube, Hoffnung, Liebe und Stätigkeit. Vielleicht hat er eben am Saume des Waldes in der süddeutschen Bergwelt gestanden, als die Hörer ihm zuriefen: „ weh, Bruder Berthold, möchtest du uns sagen, wie man zu dem allergeringsten Lohn kommen möchte. Wir begehren ja der übergroßen Freude nicht, die man im Himmelreich hat. Wir sind zufrieden, wohin du uns ins Himmelreich bringest, unter eine Bank oder hinter die Tür oder wo wir bleiben mögen.“ So zeigt er ihnen denn den Weg durch etliche gar geringe Kreaturen, denen die Christen gleichen sollen: dem Hasen, der Heuschrecke, der Ameise, dem Molch dem Hasen in der Angst vor dem Feind, in dem Eifer, der Sünde zu fliehen; der Heuschrecke in der Beweglichkeit und Magerkeit, in der Raschheit des Kirchgangs und der Mäßigkeit mitten in der Weide; der Ameise in der Vorsorge und dem Fleiß für die Zukunft; dem Molch, dem schwarzen und gelben Tierlein, dessen mannigfaltige Farbe zu mancherlei Tugend, dessen Unangreifbarkeit zur Festigkeit in der Tugend, dessen Emporsteigen zum Erklimmen des Himmelreichs mahnt.

 

Mit Franziskus hat sich Bruder Berthold im Leben nicht berührt. Der berühmteste unter den deutschen Franziskanern war ein Kind, spielte als Kind unter deutschen Bäumen, als der seraphische Ordensstifter in der Glut der Liebe und Sehnsucht sein Leben aushauchte. Schon vor seinem Heimgang aber war Cäsarius von Speyer mit zwölf Brüdern nach Deutschland gezogen. Vier derselben sandte er nach Regensburg. Dort blühte rasch das Kloster der Minoriten, der „mindern Brüder“ empor. Dort finden wir in den nächsten Jahrzehnten David, später nach Augsburg versetzt, als Novizenmeister und Professor der Theologie, und bei ihm, als seinen Schüler, Berthold. Ein überaus anmutendes Verhältnis zwischen Meister und Jünger stellt sich uns dar. David war kein Mann des Volks. Er schrieb meist lateinisch. W. Wackernagel glaubte selbst seinem Deutsch an der Wahl der Worte, dem Bau der Sätze die lateinische Gewöhnung anzumerken. Er lehrt im Kloster, im kleinen Kreise. Er dringt auf innerliche Frömmigkeit, auf geistliche Vervollkommnung. Er ist, obwohl Franziskaner, ein Vorläufer jener Dominikaner, die im folgenden Jahrhunderte zwischen den Mauern der Klöster, im vertrauten Verkehr mit Wenigen eine mystische Theologie voll seliger Stille ausbildeten. David ist wie eine verborgene Quelle, Bertholds Wirksamkeit ergießt sich wie ein mächtiger Strom durch das Land. Eine traulich brennende Lampe in der heimlichen Zelle ist Davids Wort, Bertholds Predigt eine flammende Fackel. Aber es fehlt Davids Schriften nicht die tiefe Kenntnis des menschlichen Lebens und Bertholds Predigten nicht die warme Innerlichkeit. Betrachten wir die Beiden, den Milden und den Starken, die der Herr nach seiner Weise paarweise gesendet, so ist diesmal Timotheus älter als Paulus, Melanchthon älter als Luther. David lebte noch, als Bertholds Ruhm begann. Es lautet rührend, wenn die Chronik den Meister als den Trabanten des Jüngers bezeichnet: „David, der mit Bruder Berthold ging.“ Aber nicht minder beweglich ist die Erzählung: die Stunde, da Bruder David heimgegangen, sei dem Bruder Berthold, als er gerade in Regensburg predigte, offenbart worden, und indem er die Seele seines Meisters der Fürbitte des Volks befohlen, habe er zu seinem Preise diesen Vers gesprochen:

 

Fromm ist er, demütig und klug und sittig,

Nüchtern, keuschen Sinnes und still gewesen,

All die Zeit, da irdisches Leben seine

Glieder ernährte.

 

Der Anklang an das Latein, den Davids Sprache haben soll, hindert das volle Entzücken nicht, das uns bei der Lektüre seiner Betrachtungen immer wieder ergreift, der innigen Empfindungen und sinnigen Gedanken, die er in dem süßen Wohllaut der mittelhochdeutschen Sprache ausspricht. Wir erinnern nur an zwei seiner Schriften, die man mit Sicherheit ihm zuerkennt: „die sieben Vorregeln der Tugend“ und „den Spiegel der Tugend“. Er preist im Gegensatz zu anderen Künsten den „Tugendfleiß als das liebste, das süßeste, das werteste, das die Welt hat unter allen Dingen.“ „Niemand,“ sagt er, ist so gar untugendhaft, ihm gefallen doch Tugenden wohl. So schön ist die Tugend, dass sie halt ihre Feinde loben müssen.“ Tugenden fließen von einem so reinen Brunnen (das ist von Gottes Herzen, der alles Guten ein Ursprung ist), dass sie einen edlen Geschmack behalten, wie fern sie immer fließen; aber je näher dem Ursprung, je stärker der Fluss und je größer Kraft und Süße. Tugend ist eines verständigen Gemütes rechte Ordnung nach dem obersten Gute. Die sieben Vorregeln sind nun diese: „der gute Mensch sei rasch zu allen guten Arbeiten; er lasse unnütze Gedanken und böse Begierden in seinem Herzen keine Zeit wohnen; er genieße spärlich die Dinge dieser Welt; er sei friedsam in sich selber und mit Andern; er sei alle Zeit in einem gütlichen Ernste, als der sich sehnet nach Liebe; er sei demütig an allen Dingen: an dem Sinne, an dem Willen, an den Gedanken, an den Worten, an den Sitten, an der Übung der Werke, an dem Gewande, an dem Baue, an dem Hausgerüste; endlich füge er alle Stund das Herz zu Gott und habe ihn allezeit mit Andacht vor Augen. – In der feinsten Weise, mit genauester Beobachtung des menschlichen Herzens, mit Heranziehung der sinnigsten Gleichnisse werden die sieben Regeln ausgeführt. Lebendige Gestalt gewinnen sie durch Christi Vorbild. Mit ganzer Innigkeit versenkt sich David in des Herrn sanftmütiges und demütiges Lieben und Leiden. Durch solche Versenkung wird ihm klar, dass „Gottes Minne die höchste Tugend und größte Seligkeit ist.“ „So lange aber das Herz irgend anders minnen mag, irgend anders erwählen mag, irgend anders verstehen mag, irgend anders gedenken mag außer Gott allein, so ist die Seele mit allen ihren Kräften nicht in Gott gesammelt. Wenn ein Gedanke da ist, der andere dort, so mag sie auch alle die Weile Gott nicht von allen ihren Kräften minnen, weil jeglich Ding, das sie lieb hat auf Erden, sein Teil ihrer Minne zu sich zieht. Darum, weil sie Gott aus allem, das sie ist und das sie mag, minnen soll, so muss sie von alle dem gezucket((befreit)) werden, das bei ihr ist, und von ihr selber, dass sie Gott allein möge minnen.“ Das ist schon der Ton des Meisters Eckart, Susos, Taulers und der „deutschen Theologie“. David von Augsburg lässt die Seele nicht in der Versunkenheit der Gottesminne. „Lerne auch von Jesu Christo,“ so mahnt er, minnesam sein gegen deine Schulgenossen, die Nebenchristen. Minne die Kinder dem Vater zu Liebe und das Gesinde dem Herren zu Ehren, die Erlösten mit seinem Blute um des Erlösers willen. Wenn wir ein Holz minnen oder eines Tieres Bein oder ein Gemälde, das nach unserem Herren gebildet ist, ihm zu Ehren – viel billiger sollen wir sein Bild minnen und ehren an dem Menschen, der sein Bild ist nach seiner Gottheit an der Seele und nach seiner Menschheit an dem Leib und der Seele; des Natur er an sich genommen hat um seiner Liebe willen, des Bruder er ist, in dem er geistlich wohnet, der nach ihm Christ genannt ist, um den er gestorben ist, dem er sein Erbe geben will, den er mit sich selber speist.“ Und aus dieser innigen Gemeinschaft des Christen mit Christus, des Gliedes mit dem Haupte erkennt David fünf Dinge, daran wir die Minne einander erbieten sollen“. Wir sollen keinen bösen Wahn gegen Jemanden haben, von dem wir nichts Böses wissen; wir sollen dem Nächsten alles Übel vergeben, wie wir von ihm Vergebung begehren; „daz dritte ist, daz uns sîn leit unde sîn liep ze herzen gê unde mit im getriuliche trûric unde vrô sîn als die getriuwen kint eines vater und einer muoter mit einander tragent liep unde leit“; das vierte ist, dass wir uns des Nächsten Gebreste nicht bloß Lassen zu Herzen gehen, sondern dass wir ihm mit Gut, Rat, Handreichung, Gebet zu Hilfe kommen; endlich sollen wir, wie wir selbst bedürfen, dass man an uns vertrage „unser site, unser ungedult, unser müelicheit, unser wunderliche tücke“, auch des Nächsten Art vertragen und vergeben.

 

Von einem solchen Meister ins Christenleben eingeführt ging Berthold zur Predigt aus ein Prediger warmherzig und volksmäßig, farbenfrisch und eindringlich, dem die Hörer mit Wonne lauschten, ob auch die Pfeile seiner Rede in ihr Gewissen trafen. „Einen verdrießlichen Prediger“, hat Luther bei aller Liebe seinen Justus Jonas genannt. „Eine langweilige Predigt“, das ist heute ein häufiger Tadel. Treten wir, so gut es gehen mag, unter Bruder Bertholds Kanzel am Waldessaum, stellen wir uns in den Schall seines Worts und lauschen wir seiner Verkündigung.

 

Die volle, süße Botschaft des Evangeliums von der freien Gnade Gottes in Christo bringt er uns nicht. Wie entzückt wir ihm zuhören auch seine Predigt erweckt in uns die dankbare Erinnerung, dass wir heute mehr haben, und das herzliche Bedauern, dass unser Volk das köstlichste Gut so lange hat entbehren müssen. Wie wundersam, dass das freieste Geschenk so selten zum fröhlichen Besitz, die lauterste Gabe so schwer zum beseligenden Gut wird! Zwei Gewaltige gibt es, die über Alle durch die Verkündigung der Gnade, Christi, des Glaubens hervorragen, Paulus und Luther. Große Scharen sammeln sich um sie her in gleichem Bekenntnis, aber dass dies Bekenntnis sich in dem vollen Leben darstellte, dessen Programm es ist, dazu fehlt viel. Auch unter uns Evangelischen, die wir von Gott uns Luther, den ins Deutsche übersetzten Paulus, haben schenken lassen, gibt es Wenige, die im Sinne Paulus nach dem Römer- und Galaterbrief, im Sinne Luthers nach dem Büchlein von der „Freiheit des Christenmenschen“ und der Auslegung des Galaterbriefs ganze Christen wären. Was ist es aber, das uns an Paulus und Luther gleichmäßig offenbar wird, zum Staunen fortreißt und mit der Ahnung erfüllt, dass hier das Herrlichste sich darstelle, was es außer Gott gibt? Es ist das Gottbildliche, das die Gnade Christi durch den Geist in Beiden neu geschaffen: die freie Persönlichkeit, die in sich die Kindschaft und das Heldentum vereinigt, die Gottinnigkeit und die Weltüberwindung, das treuherzige Schaffen für die Brüder auf Erden und das sehnsüchtige Verlangen nach dem unbeweglichen Reich, das droben ist. Diese volle Erfahrung von der Freiheit der Kinder Gottes hat Bruder Berthold nicht, und zu ihr die Hörer zu führen, geht über sein Vermögen. Aber was er hat, das gibt er: den Trost und die Zucht der mittelalterlichen Kirche, und dies in der möglichst innigen und lauteren Weise.

 

Nicht allein der Papst steht ihm in der unzweifelhaften Höhe des Statthalters Christi. Auch die Würde des Priesters preist er mit überschwänglicher Rede. Maria ist ihm die Fürsprecherin bei ihrem Sohne: „Nun rufet allesamt den allmächtigen Gott an und seine heilige Trautmutter.“ Doch ist Bruder Berthold frei von der Verirrung, welche des Sohnes über der Mutter vergisst. Sie soll „Ehrenbotin“ sein an unseren Herrn. Wenn wir beim Glaubensbekenntnis sprechen: aus der Jungfrau Maria, „so sollen alle Christenleute nieder an ihre Knie fallen und unsere Frau anrufen mit inniglichem Herzen.“ Aber ob wir bei der Mutter Namen uns verneigen: „wir verneigen uns wohl dreimal so tief bei dem Worte, so wir singen oder sprechen: und ward Mensch geboren.“ In seiner kirchlichen Gläubigkeit spricht er selbstverständlich den Heiden, Juden und Ketzern die Seligkeit ab. Mit Heiden zwar hat er nicht unmittelbare Berührung. Aber von den Juden sagt er, dass sie ein Buch gemacht, das heißt Talmud. „Das ist allesamt Ketzerei, und da steht so verfluchte Ketzerei an, dass das übel ist, dass sie leben.“ Es sagt so „Den Abscheu vor den böse Dinge, die ich ungern reden wollte.“

 

DEN eigentlichen Ketzern, die aus der Kirche stammen, zeigt er schon in der naiven Ableitung ihres Namens von der Katze. „Nun, warum hieß sie der Herr nicht Hünder oder Mauser oder Vogeler oder Schweiner oder Geiser? Er hieß ihn einen Ketzer. Das tat er darum, dass er sich gar wohl heimlich machen kann, wo man ihn nicht wohl erkennt, wie auch die Katze.“ Solcher falschen Heimlichkeit gegenüber predigt Bruder Berthold nun ehrlich und offen der Kirche Lehre und Ordnung. Von den tiefen, oft abgründlich tiefen Gedanken der späteren Mystik, namentlich Meister Eckarts, ist er dabei völlig frei. In seiner einfachen und praktischen Kirchlichkeit wendet er sich predigend gegen eine zweifache Art von Predigern: gegen die rührseligen und geldgierigen. Beide mögen oft dieselben gewesen sein: sie predigten die Tränen aus den Augen und das Geld aus den Taschen. Namentlich das Leiden Christi schilderten manche mit theatralischer Leidenschaftlichkeit in gesteigerter Ausmalung der biblischen Züge. „Er sagt dir von unsers Herrn Marter so viel und so manche Enden,“ so schildert Berthold den falschen Prediger, dass sie wähnen, er sei ein rechter Gottesbote, denn er weint dazu; wie die Pfennigprediger und die den Leuten gar viel von dem allmächtigen Gott sagen und von seinen Heiligen und seiner Mutter und seiner Marter und der Heiligen Marter und er sagt dir so viel davon, dass er davon weinen mag, und er tut recht als ob er weine.“ „Pfennigprediger“ – das ist der stehende Name für die falschen Knechte, die er mit unerbittlicher Schärfe verfolgt. Wie er unter den Sünden der gemeinen Christenheit keine mit Strafen der Hölle unermüdlicher angreift als den Geiz, die gîtekeit, so erscheint ihm innerhalb des geistlichen Standes nichts verwerflicher als gewerbsmäßige Gottseligkeit. Wenn man sich erinnert, dass der Herr selbst den Reichtum als einen überaus gefährlichen Feind des Gottesreiches ansieht, dass Petrus dem Simon, der geistliche Gaben mit klingender Münze erkaufen wollte, das vernichtende: verflucht seist du mit deinem Gelde! zurief, wie seltsam, dass dennoch in der Kirche kein Schaden so groß war als die Geldgier, die Habsucht mit ihren hundert Ausgeburten! In der Predigt gegen die gîtigen überhaupt und die pfennincprediger insbesondere erscheint Berthold ein Vorläufer Luthers. Er predigt einmal von zwölf Junkern des Teufels. Der siebente ist die gîtekeit. Ihm vorher gehn Hass, Zorn, Trägheit am Gottesdienst, Gefräßigkeit, Unkeuschheit, Hoffart, es folgen ihm der Unglaube unter Heiden, Juden und Ketzern, der Bann, die Gotteslästerung, die Heuchelei, die Schädigung des Kirchenguts. Der siebente Junker ist der gewaltigste und schädlichste, den der Teufel hat. Er bezwingt die Reichen und die Armen, die Geistlichen und die Weltlichen. Die Könige und Kaiser bezwingt er, dass sie das Recht brechen und falsch richten, den Vater, dass er sein eigenes Kind in den ewigen Tod gibt. Wer diesen Junker besiegen will, der muss sich mit zwei Jungfrauen verbinden, mit der Milde und der Gerechtigkeit. Hütet euch vor diesem Junker: die noch kein unrecht Gut haben, die hüten sich davor, oder sie kommen aus Geiz so fern in des Teufels Gewalt, dass sie nimmermehr herauskommen mögen.“ Mächtig, wie der Prophet (Jes. 58) stürzt er das Bollwerk um, auf das der Geizige sich verlässt: „Wie, Bruder Berthold, nun bin ich doch in der Brüder Rat und tue denen alle Jahre meine Beichte, und sie sind gar oft bei mir zur Herberge, und ich habe mich doch in ihre Brüderschaft und ihr Gebet gekauft, wenn ich sterbe, dass sie meine Vigilie begehen sollen mit Singen und mit Beten,“ so wendet ein Zuhörer ein. Und was antwortet ihm Berthold? Und wären alle die Zähren und Tropfen, die seit Anbeginn der Welt je geregnet und getropft sind, Mönche und Brüder, graue Mönche und schwarze, Prediger und Minoriten, und Patriarchen und Propheten und dazu Märtyrer und Beichtiger und dazu Witwen und Mägde, dass dir die immer läsen und sängen und blutige Zähren immer mehr gegen Gott weinten bis an den jüngsten Tag über deine Seele: ihrer würde so wenig Rat als des Teufels je wird. Nun sieh, gîtiger, wie gefällt dir das?“ Wie den Geizigen überhaupt, so greift er mit immer neuen Schwertern die Pfennigprediger an. Er zählt sie unter die Jäger, welche Gott die Seelen abjagen und den Teufel mit ihnen krönen. „Sie tun den allergrößten Schaden in der Christenheit. Sie sind erst neulich erstanden. Denn da ich ein kleines Kind war, gab es noch nirgends einen. Die heißen Pfennigprediger – dem Teufel einer der liebsten Knechte, die er je gewann oder immer mehr gewinnen mag. Denn er fährt aus unter die einfältigen Leute und predigt, dass Alles weinen wird, das vor ihm ist. Und er sagt, er habe vom Papst die Gewalt, dass er dir alle deine Sünde abnehme um einen Hälbling oder einen Heller. Und er belügt ihn, dass er damit vor Gott ledig sei, und er krönet den Teufel alle Tage mit manch tausend Seelen, die er dem allmächtigen Gott abjaget, dass ihr nimmermehr Rat wird. Und ihr sollt ihnen nichts geben! Denn wenn ihr ihnen nichts gebet, so müssen sie von der Betrügerei lassen. Und so lang ihr ihnen gebet, so verkauft ihr euch in den ewigen Tod, und sie ermorden euch und verweisen euch von der rechten Buße, die der allmächtige Gott geheiligt hat, also dass ihr hinfort nicht büßen wollt.“

 

Die Kirche, deren Amt es ist, über der Erde den Himmel zu öffnen und die Zeit mit der Ewigkeit zu füllen, hat sich überaus sinnig erwiesen, dem irdischen Leben himmlische Weihe zu geben und den flüchtigen Tagen die Kräfte der zukünftigen Welt zuzuführen. In diesem großen Beruf hat namentlich die mittelalterliche Kirche nach ihrer Weise Bewundernswertes geleistet. Auch Bruder Berthold begleitet den Menschen von der Wiege bis zum Grabe, durch Hölle, Fegefeuer und Himmel. Eine treffliche Predigt hat er von „drîn lagen“, drei Nachstellungen, Hinterhalten, Schlingen, gehalten. Die Teufel legen sie uns, wenn wir in die Welt fahren, durch die Welt fahren und aus der Welt fahren. Ein reiches Lebensbild wird vor uns entfaltet, dessen Züge der genauesten Beobachtung entnommen sind. Wenn wir in die Welt fahren, wird uns vor der Geburt und nach der Geburt nachgestellt. Vor der Geburt missgönnen die Teufel dem Kinde, dass es lebend zur Welt komme, nach der Geburt, dass es getauft werde. Ist es getauft, dann stellen sich die Versuchungen in Menge ein. Bruder Berthold gibt treffliche Mahnungen zur Kinderzucht. „Was mit dem ersten in den neuen Hafen kommt, da schmeckt er immer gerne nach. Und darum, wer zuerst das neue Kind gute Dinge lehrt, da tut es immer gerne nach; und wer es böse Dinge lehrt, da tut es gerne nach. Denn ihr Frauen nehmt das wahr, so ihr neue Häfen kauft man der hohen Herren Kindern Zuchtmeister, die alle Zeit bei ihnen sind und sie zu allen Zeiten Zucht lehren; und den Jungfrauen eine Zuchtmeisterin, die sie alle Zeit Zucht und Tugend lehret … So habt ihr armen Leute für eure Kinder nicht Zuchtmeister wie die hohen Herren und Frauen für ihre Kinder, und darum sollt ihr eure Kinder selber ziehen. Weil euch und euren Kindern das Himmelreich not ist, so sollt ihr eure Kinder selber ziehen, denn das ist ihnen Niemand so sehr schuldig als ihr. Darum für die Zeit, als es zuerst böse Worte spricht, so sollt ihr ein kleines Rüthelein bei euch nehmen, das allezeit stecke in dem Diln oder in der Wand, und wie es eine Unzucht oder ein böses Wort spricht, so sollt ihr ihm ein smitzelîn tun an der bloßen Haut; ihr sollt es aber an das bloße Haupt nicht schlagen mit der Hand, ihr möchtet es wohl zu einem Toren machen. Nur ein kleines Reislein, das fürchtet es und wird wohl gezogen. Tut ihr das nicht, so möget ihr leiden Blick an ihm werden sehen, und wenn sie durch eure Schuld ungeraten werden, dass ihr es von Kind auf nicht lehret Zucht und Tugend und zieht es vor Gott und der Welt, so müsst ihr am jüngsten Tage antworten für eure eigenen Kinder wie ein Probst und ein Abt und ein Klostermeister für seine Versammlung.“ Der Prediger macht dann auf das frühe Beginnen der Unkeuschheit aufmerksam. „Bruder Berthold, wie alt sollte ein Kind sein, ehe es Hauptsünde möge tun?“ Glaube mir, das kann ich dir nicht wohl sagen je nachdem es schalkhaft ist. Es ist etwa eins von acht Jahren schalkhafter denn ein anderes von zwölf Jahren… Darum ihr Herrschaften allesamt, um des allmächtigen Gottes willen, zieht eure Kinder, dass ihr nicht schuldig werdet an ihrem Leib und ihrer Seele. „ weh, Bruder Berthold, ich zöge ja mein Kind sehr gerne, so will es mir nicht folgen. Ich habe Alles versucht, was ich konnte oder mochte, und konnte es nicht ziehen.“ Siehe, du bist vor Gott und der Welt unschuldig an seiner Missetat: wenn du das Deine tust, bist du unschuldig. Der weise und starke Adam, der hatte zwei Söhne, der eine war wohl gezogen, den anderen konnte er nicht ziehen. Herr Noah hatte drei Söhne, davon war einer wohl geraten, die anderen konnte er nicht ziehen. Herr Adam war so weise, dass er allen Dingen Namen gab, und ihm half alle seine Weisheit nicht, sein Sohn wurde ein Mörder. Herr Noah, dir half alle deine Heiligkeit nicht, dein Sohn wurde ein Spötter. Herr Abraham, dir half alle deine Weisheit nicht, dein Sohn wurde ungeraten. Dasselbe spreche ich auch zu Herrn Isaak, dem weisen Manne, dass sein Sohn ein Fresser ward. Herr David, dir half nicht deine Weisheit, deiner Kinder wurde eins ungeraten, also dass du kaum deinen Leib behieltest. Und darum bist du unschuldig, ob dir dein Kind nicht folgen will, es sei Sohn oder Tochter. Willst du sie aber nicht ziehen aus Liebe oder Zartheit oder Trägheit oder unbestimmtem Mute, so wirst du schuldig an deinem Kinde an seiner Missetat und musst Gott dafür antworten, wie ein Klostermeister für seine Versammlung.“ Um die zwei Schlingen zu zeigen, die bei der Fahrt durch die Welt die Teufel auslegen, erzählt Bruder Berthold mit behaglicher Breite die Geschichte von Gideon. „Nun seht, ihr Herrschaften allesamt,“ fährt er fort, „das ist die Schale außen wie an dem Mandelkerne, da ist außen eine Schale, innen ein edler, wohlgestalter Kern. So ist’s mit der Geschichte. Was uns Gott offenbart hat in dem alten Bund, das ist die Schale die weiß der Jude auch. Ihm ist aber der süße Kern gar teuer. Ihr Juden, ihr wisst gar wenig, wie der edle süße Kern schmecket, ihr nagt alle außen die Schale und die dürre Rinde, der süße Kern wird uns Christenleuten zu Teil.“ Und der süße Kern in der Geschichte von Gideon ist nun die Lehre, dass die Teufel bei der Fahrt durch die Welt uns durch unrechte Furcht und unrechte Liebe anfechten. Und endlich bei der Ausfahrt aus der Welt legen sie auch noch zwei Stricke: Abfall vom Glauben und Zweifel an der Sündenvergebung. Bruder Berthold spricht gar treuherzig davon, wie von Kind auf der Glaube durch Paten und Eltern im Herzen befestigt werden, wie die ungelehrten Leute ihn Deutsch, die gelehrten „Buchisch“ lernen und alle Tage zweimal beten sollen. Er empfiehlt auch für das letzte Stündlein „den Kyrleise“:

 

Nun bitten wir den Heiligen Geist

Um den rechten Glauben allermeist,

Dass er uns behüte an unserem Ende,

So wir heim solln fahrn aus diesem Elende.

Kyrieleis.

 

Mit lebendigen Zügen schildert Bruder Berthold den Zweifel an der Sündenvergebung, den der Versucher einflößt, um ihm die Hoffnung zu nehmen. „ weh, Bruder Berthold, wie sollen wir darum tun?“ Das könnte ich dich wohl lehren, wolltest du mir folgen. Du sollst des Übeln wenig tun und des Guten viel. Denn so wenig die Teufel des vergessen, sie bringen alle Sünden dar und auch die geringste Missetat, die du je begingst, so wenig vergessen das die Engel, die bringen auch die geringsten Guttaten dar, die du je getan mit Almosengeben, mit Gebet, mit Fasten, mit allen guten Dingen: des vergessen sie nichts haaresgroß, die Engel, und legen es auf die andere Waagschale.

 

Sollte es aber also kommen, dass der Übeltat mehr sei denn der Guttat, dennoch sollt ihr nicht verzweifeln: ihr sollt Gott anrufen mit inniglichem Herzen, dass er euch zu Hilfe komme. Und mögt ihr’s nicht sprechen mit dem Munde, so gedenket sein mit dem Herzen und seid fest am Glauben und an der Hoffnung, und getrauet dem allmächtigen Gott, Marien, der heiligen Königin der Erbarmung, dass sie ihr heiliges Trautkind für euch bitte und euch gut sei in euren Ängsten und Nöten…“

 

Wie Bruder Berthold das ganze Leben eines Menschen unter die behütende und heiligende Macht der göttlichen Gnade und der kirchlichen Erziehung stellt, so ist ihm Jahr und Woche durch die Kräfte der Ewigkeit geweiht. Wir haben viele Predigten von ihm, die an den Tagen der Heiligen gehalten sind. Mit der Legende hält er sich nicht lange auf. Er knüpft seine Rede am liebsten an ein Bibelwort an. Auch lässt er um der Heiligen-Tage willen nicht den Tag des Herrn, den Sonntag, in den Schatten treten. In einer vortrefflichen Predigt bringt er besonders auch die soziale Bedeutung des wöchentlichen Ruhetags zur vollen Geltung. „So fahren sie nun an dem heiligen Sonntage und an den heiligen zwölf Boten-Tagen mit Wagen und mit Rossen und mit Eseln über Feld und über Land, auf die Märkte, in die Städte und auf die Dörfer. Du Knecht, dir tut dein Herr Unrecht, der dir an den Ruhetagen irgendeine Arbeit zumutet, es sei denn, dass du ihm sein Vieh aus- und eintreibst an die Weide oder es ihm daheim äst und tränkst, denn das kann man nicht aufschieben bis auf den anderen Tag. Und du Dirne, dein Meister tut dir Unrecht oder dein Herr oder deine Frau, wenn sie dich irgendetwas heißen wirken an den Ruhetagen denn ein Essen machen und Kinder bewachen oder ein Vieh, das mag man nicht entraten. Rösslein, dir tut dein Meister Unrecht, könntest du es merken und melden, wenn er dich an Ruhetagen abmüht, denn du solltest ruhen. Ihr sollt auch nicht tanzen an den Ruhetagen oder spielen oder toppeln. „Wie, Bruder Berthold, du willst uns den Weg gar enge machen. Sieh, wie sollen wir denn tun, dass wir den Tag vertreiben?“ Die Antwort könnte nicht richtiger sein: sie sollen die Kirche besuchen und beten, zu Hause essen und ruhen, Almosen geben und Kranke laben, auch hingehen, wo gefangene Leute liegen, und diese trösten. In einer anderen Predigt bespricht er die sieben Wochentage. Die sieben Planeten, von welchen sie ihre Namen haben, bedeuten ihm sieben Christentugenden. Die Sonne des Sonntags bedeutet den lauteren Christenglauben. „Faste so viel als Elias und erleide so viel Wehetage als der gute Hiob und sei geduldig wie Hiob und tue Alles, was du kannst und magst: dir gibt Gott kein Himmelreich, denn das gefällt Gott alles nicht ohne den Christenglauben. Gute Werke ohne den Glauben sind vor Gott tot, und guter Glaube ohne die Werke ist vor Gott ebenso. Denn wie die Sonne lichter ist denn alle Sterne, und wie die Sonne alle Dinge überleuchtet, so leuchtet Christenglauben über allen Glauben. Ketzerglaube der stinket und ist faul und dunkel und scheint nur in der Finsternis ein wenig wie ein faules Holz. So man das ans Licht trägt, so stinket es und ist faul. Du unseliger Ketzer, magst du den Glauben daher zu mir ans Licht tragen? Du sollst auch einfältig glauben, was du mit Recht von Gott glauben sollst und was dir dein Christenglaube sagt, du sollst nicht zu fest in die Sonne sehen, denn wer zu fest in die Sonne sieht in den prächtigen Glanz, der kriegt entweder so böse Augen, dass er es nimmer mehr überwindet, oder er erblindet gar und gar, dass er nimmer mehr sieht. In gleicher Weise steht es mit dem Glauben: wer zu fest in den heiligen Christenglauben sieht, also dass ihn viel wundert, und zu tief darein rumpelt mit Gedanken, wie das sein möge, dass der Vater und der Sohn und der Heilige Geist ein Gott ungeschieden sind, dass sich wahrer Gott und wahrer Mensch verwandelt in ein Brot, und dass eine Magd ein Kind gebar, und wie das sein möge, dass ein Priester, der selber in Sünden ist, einen sündigen Menschen von seinen Sünden mag entbinden. Der allmächtige Gott, der alle Dinge wohl mag tun, wie der gute St. Peter sprach, der mag auch das wohl tun. Darum sollst du nicht trachten, denn es ist den hohen Meistern genug. Werde nur ein guter Mensch: wenn die Seele aus dem Leibe geht, so siehst du es wohl. Willst du aber zu viel danach grübeln, so magst du entweder so krank an dem Glauben werden, dass du es nimmer mehr überwindest, oder du wirst gar zumal zu einem Ketzer.“ Der Mond bedeutet dann die Demut. Mars mahnt zur Stärke des Geistes. Mercurius, weil er der Planet des Mittwochs ist, muss ein Mittler sein und den Frieden bedeuten zwischen Menschen und Menschen, Engel und Menschen, Gott und Menschen, den Frieden, der erlangt wird, wie Bruder Berthold es immer wieder predigt: „mit der wâren riuwe und mit der luteren bîhte und mit buoze nach gotes gnaden und nach iuwern staten“ (Verhältnissen). Den Donners tag deutet Berthold auf Jovis pater, „ein helflich Vater“, und schreibt ihm die Tugend der Mildigkeit zu. Hier erhebt sich der Prediger auf die Höhe eines mächtigen Bußrufs wegen der gesellschaftlichen Ungleichheit: „Ihr Räuber, ihr Abbrecher, unrechten Vögte und unrechten Richter und ihr geizigen Wucherer, was wollt ihr Gott zur Antwort geben an dem jüngsten Tage, wenn diese armen Gotteskinder über euch rufen an dem jüngsten Tage? Denn da sitzt mancher von ihnen vor meinen Augen, der jetzt hundert Pfund von seinen Arbeiten haben sollte, der hat so viel nicht, dass er sich vor dem Froste helfen möchte. Und ist Mancher hergelaufen in diesem kalten Reife in viel dünner Kleidung. O, wohl ist euch geworden, ihr seligen Gotteskinder! Leidet jetzt gütlich eure Arbeit: die nimmt ein Ende, eure Arbeit nimmt bald ein Ende, aber eure Freude und euer Reichtum, die nimmt nimmer ein Ende. Und so wechseln auch die Abbrecher, die da hier genug haben und schön leben mit dem Raube, den sie an euch begehen… Ihr Frauen, ihr treibet es auch zu weit und habt ein gut Teil Schuld, dass eure Wirte Abbrecher sind mit so manchen unrechten Gewinnen, denn wenn ihr nicht viererlei Kleider habt oder sechserlei, so leben sie nimmer einen guten Tag mit euch. Und also legt ihr die Schreine voll und hängt die Stangen voll und lasst es über einander faulen, eher dass ihr einem nackten Dürftigen einen alten Lumpen gebt, den schlechtesten, den ihr irgend habt. Und hat es doch Gott ihretwillen so gut geschaffen als euretwillen. Denn er hat alle Dinge mit Weisheit geschaffen, so hat er mit Weisheit auch das geordnet und geschaffen, dass alle diese Welt Gewand genug hat und Fleisch und Brot, zu trinken Meth und Wein und Bier, und Fisch, Wild und Zahmes, des hat er alles gleich genug geschaffen über alle die Welt, so gut wie er die Sterne am Himmel geschaffen hat, dass ihr weder zu viel noch zu wenig ist, so hat er es gleich auch auf Erden geschaffen, Silber, Gold, Speise und Gewand. „ weh, Bruder Berthold, so hat er’s gar ungleich verteilt. Denn ich und manch armes Menschenkind wir beißen selten was Gutes, Essen oder Trinken, und haben weder Gold noch Silber noch Gewand.“ Siehe, da hat dir’s der Abbrecher abgebrochen, der mit Wucher, der mit Raub usw. Ihr seligen Gotteskinder, gehabt euch viel wohl! Habt ihr zu wenig und sie zu viel, so habt ihr dort gar genug, da sie gar wenig haben. Und davon spricht Gott selber: „Selig sind die Armen, denn das Himmelreich ist ihr.“ Und darum, ihr armen Leute, sollt ihr gar froh sein. Wollen sie vom Himmelreich etwas haben, so müssen sie es von euch kaufen durch Mildigkeit. Und tun sie das nicht, so sehen sie das Himmelreich nimmermehr.“ – Der Freitag, bei welchem Bruder Berthold nur an die Venus denkt, nicht an Freia, bedeutet Minne, der Samstag, Saturnus Tag, Stätigkeit. „Die Sterne haben große Kraft über alle Dinge, die auf dem Erdreich sind, nur nicht über des Menschen freie Willkür. Weil denn über euch Niemand Kraft noch Gewalt hat denn ihr selber, so helfe uns Gott durch alle seine Kraft, dass ihr eure Willkür zu allen diesen Tugenden also bindet und bindet, dass ihr stäte daran bleibt bis an das Ende, damit ihr gewiesen werdet in das verheißene Land zu den ewigen Freuden. Denn wer in guten Dingen beständig bleibt bis ans Ende, der wird behalten. Dass uns das widerfahre, des ersten an der Seele und am jüngsten Tag an Leib und Seele, das verleihe uns Men samt, mir mit euch und euch mit mir, unser Herre, der allmächtige Gott. Sprechet Alle Amen!“

 

So ernst und so treuherzig predigt Bruder Berthold, indem er Geistiges an Sinnliches, Ewiges an die Stunde knüpft, Christenglauben und Christenleben. Die Sünde deckt er auf, die Erbsünde und die Tatsünde. Mit dem Apfelbiss schluckten Adam und Eva das tödliche Schlangengift. So wurden wir Alle todsiech am Leib und an der Seele, Alles von dem Ungehorsam, den der Mensch beging. Die sieben Hauptsünden schildert Berthold immer wieder mit den lebendigsten Farben. Er gewinnt diese Farben aus der Betrachtung der Geschlechter, Stände, Berufe. Wie die Sünde, so malt er auch der Sünde Sold, den Tod. Die Zeichen leiblichen Todes werden ihm zu Gleichnissen der geistlichen Todeszeichen. Kehrt sich der Kranke zur Wand und sieht die Menschen ungern an, das bedeutet die Seelenkrankheit des Neides und Hasses; die spitzen Augen bedeuten die unreinen Blicke, welche die Männer den Frauen, die Frauen den Männern zuwerfen, die kalten Ohren die Unlust zum Predigthören, das Aufziehen der Achseln die Hoffart, das Umherwerfen der Arme die unkeusche Gier u. s. w. „Da war kein Rat, dieselbe Schuld musste ein Mensch büßen, der so rein und edel war als Adam und so vollkommen, ehe er die Sünde beging. Und davon müsste Gott die Menschheit an sich nehmen, dass er uns erlöste von dem ewigen Siechtum, dem Vater zu hohen Ehren und dem Menschen zum Glücke und zum Heil. Und er machte uns eine Arznei, die war so edel und die hatte so große Kraft, dass alles Menschengeschlecht davon gesund wird, wer sie zu Recht empfahn will.“

 

In einer anderen Predigt wird dann von den sieben Sakramenten als von sieben Arznei gehandelt, durch welche die eine, Christus, uns zugutekommt. Den Frieden, als die nächste Wirkung der Genesung weiß uns der fromme Prediger, dem man selbst die Befriedigung gar wohl anspürt, lieblich zu preisen. Gottes und der Menschen Minne legt er uns in einem Reichtum von Tugenden dar. Mit geheiligter Phantasie hebt er uns aus dem „Niederland“ ins „Oberland“ empor. Und ob er auch in den glühenden Farben der Sonne und des edlen Gesteines das himmlische Jerusalem malt Bruder Berthold wird ein Mystiker in des heiligen Bernhard Bahnen, wenn er Gott selbst zu schauen als die höchste Seligkeit preist.

 

„Die sind wohl mit Recht selig, die da Gott sehen. Ein Übergülde ist es aller Seligkeit, die je ward oder noch werden mag: wer Gott ansehend wird: also süß und also wonniglich ist das Gesicht, das man an Gott sieht. So ward nie einer Mutter Kind ihr so lieb ausgenommen unsere Frau und sollte sie es drei Tage ansehen ohn‘ Unterlass, dass sie keines anderen Dings pflegte, als dass sie ihr liebes Kind sollte ansehen – sie äße an dem vierten Tage viel gerner ein Stück Brotes.“ Welcher Mensch aber zur seligen Anschauung Gottes einmal gekommen ist, der mag um dieses liebsten Gutes willen das Auge keinen Augenblick von ihm kehren. Die Engel, die ihn wohl sechstausend Jahre angeschaut, sehen ihn heute so gerne als am ersten Tage und bleiben in solcher Anschauung ewig jung. Aber wie schön Gott ist, das mag ein Mensch hienieden so wenig aussprechen als ein ungeborenes Kind der Sonne und der Sterne Licht, der Edelsteine Kraft und Farbe, der Wurzeln Würze und der Blumen Farbe, der Vöglein Sang und den Klang des Saitenspiels. Darum: selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.

 

Bruder Berthold – diesen Eindruck werden unsere kurzen Mitteilungen hinterlassen haben war nicht bloß ein reichbegnadeter, er war im Vergleich mit den Predigern unserer Tage auch ein glücklicher Mann. Wenn er auf seiner Predigtfahrt die Herberge verließ und hinaus ins Freie sich begab, da war allemal ein großes Volk versammelt, das nach seiner Predigt hungerte.

 

Heute ist es des Predigers Los, auch in der vollsten Kirche vor einer kleinen Minderheit der Gemeinde zu predigen. Die Schar, die sich vor dem mittelalterlichen Prediger versammelte, war in der Bildung nicht zerspalten und wesentlich von derselben Fähigkeit, das Wort zu fassen. Heute ist der Prediger oftmals genötigt, nach dem Ausdruck zu ringen, welcher der edelsten Bildung, der verschrobensten Halbbildung und der schlichtesten Einfalt zugleich zu Herzen geht. Wie sehr auch in Bertholds Tagen die Ketzerei an der Kirche nagte und die rohe Gewalt das Christenleben gefährdete, doch war das Volk, das dem Barfüßer folgte, ein kirchliches. Der Prediger unserer Tage begegnet unter seinen Hörern der buntesten Mannigfaltigkeit religiösen Lebens: der strengen Kirchlichkeit, der weichen Gläubigkeit, der sektiererischen Verbitterung, der schöngeistigen Schwärmerei, der hausbackenen Nüchternheit. Wenn Bruder Berthold vor dem andächtigen Volk seinen Mund austat, da konnte er, von der Fülle seines Lebens gedrängt, von der Andacht des Volkes gehoben, die Rede voll strömen lassen: was die Lehre der Kirche, in welcher er stand, die Not des Volkes, das er liebte, der Schwung der Phantasie, der ihn emportrug, die treuherzige Volkstümlichkeit, in welcher er sich seinen „lieben Christenleuten“ nahe fühlte, ihm zu reden gab, das ließ er auf die Scharen niedertriefen, die auch durch das scharfe Wort nicht verstimmt wurden, weil sie aus ihm die Liebe herausfühlten. Doch konnte die lautere Gewissenhaftigkeit, mit welcher der Franziskaner das kirchliche Christentum seiner Zeit zu reinigen und zu verinnerlichen suchte, dem Verderben der Kirche nicht Einhalt tun. Zu oberflächlich war ihre Anschauung von Sünde und Glaube; zu schriftwidrig die Schmälerung des Werks, welches Christus vollbracht, durch die eigenen Werke; zu schreiend die Verzerrung der Christengemeinde in einen kirchlichen Staat, der in die Majestätsrechte Gottes eingriff. Die Reformation kam. Heller als Berthold hat Luther mit der Leuchte des Evangeliums in den Unfug der Papsteskirche hineingeleuchtet, tiefer die eigene und des Volkes Not empfunden, mannhafter die Freiheit des Christenmenschen gepredigt. Dabei hatte der Augustiner mit dem Franziskaner doch die Volkstümlichkeit, die Treuherzigkeit, die poetische Ader und andere Eigenschaften frischer Predigt gemein. Volkstümliche Predigt ist der evangelischen Kirche auch in den folgenden Zeiten nicht ausgegangen. Edlere Nachfolger Bertholds als der katholische Abraham a Sancta Clara, den Wissen und Wiz auf der Kanzel zum Possenreißen verführt, waren der Lutheraner Valerius Herberger und Balthasar Schupp. Eine Erfrischung kann auch heute die evangelische Predigt aus Bruder Berthold gewinnen. Möchte der Trunk, den wir geboten, nach der Quelle selbst begierig machen!

 

Wilhelm Baur

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