Bernhard von Clairvaux

Gott hat die verschiedenen menschlichen Naturen, in denen sich der Stamm der Menschheit darstellt, mit einer großen Mannigfaltigkeit von eigentümlichen Gaben und Kräften ausgerüstet, sie darauf angelegt, dass sie von der Alles einigenden Liebe beseelt in gegenseitiger Abhängigkeit von einander sich entwickeln und einander ergänzen sollten. Und wie der Schöpfer der Natur auch der Urheber der neuen Schöpfung der Gnade ist, so gebraucht er immer sehr verschiedenartige menschliche Eigentümlichkeiten und sehr verschiedenartige Kräfte und Richtungen derselben, um zum Aufbau seiner Kirche zusammenzuwirken. Da sehen wir Männer von rastloser feuriger Tatkraft zu einer großen Wirksamkeit nach außen hin getrieben, dort Männer von tiefer Innerlichkeit, geneigt zu stiller Versenkung in die verborgenen Heiligtümer des Innern und zu einem der Betrachtung geweihten Leben. Und die in heiligen Stunden des Gebets und der Betrachtung aus ihren von himmlischem Feuer entzündeten Gemütern ausströmenden Worte des Lebens, durch welche sie belebend auf Mit- und Nachwelt einwirken, sind gleich den großen Taten der Andern. Es bedarf der Herr zu seinem Werk solcher Seelen, welche der Maria und solcher, welche der Martha mehr ähnlich sind. Denn nicht ihre nach außen gerichtete Tätigkeit hat er der Martha zum Vorwurf gemacht, sondern nur dieses, dass sie über dem Vielen das Eine vergessen hatte. Besonders ragen nun aber Diejenigen hervor, welche beide entgegengesetzte Richtungen des gottgeweihten Lebens miteinander verbunden haben. Und zu diesen gehört der Bernhard, den wir im Sinne des göttlichen Wortes, das nur Einen wahrhaft Heiligen kennt, aber Viele, in denen das wenn auch getrübte Bild des Einen Heiligen sich darstellt und die deshalb nach ihm Heilige genannt werden, mit unseren Brüdern in der römischen Kirche einen Heiligen zu nennen uns gedrungen fühlen.

 

Der Erziehung durch fromme Mütter verdanken wir die größten Lehrer der Kirche. Dies gilt auch von dem Mann, dessen leben wir näher betrachten wollen. Bernhard wurde geboren im März 1091 zu Fontaines in Burgund unweit Dijon. Er stammte aus einem angesehenen ritterlichen Geschlecht. Seine Mutter Aleth, welche als das Muster einer frommen Christin galt, trug ihr ersehntes Kind, sobald sie konnte, in die Kirche und weihte ihren Sohn dem Dienste des Herrn, dem sein ganzes Leben angehören sollte. Als das Bild eines solchen Lebens erschien ihr im Gegensatz mit dem wilden Treiben der Ritter und einer vielfach verweltlichten Geistlichkeit besonders das dem stillen Gebet und der Betrachtung wie den Werken der dienenden Liebe geweihte Mönchstum. Dazu bestimmte sie ihren Sohn, und ihre Einflüsse fanden bei ihm ein empfängliches Gemüt. Da er aber in frühen Jahren seine Mutter verlor, wurde er durch andere Einwirkungen von jener ursprünglich ihm mitgeteilten Richtung abgezogen. Doch trat ihm immer das Bild seiner verklärten Mutter, die einen unverlöschlichen Eindruck in seinem Innern zurückgelassen hatte, entgegen. Er konnte dieser Gewalt endlich nicht länger widerstehen. Er war 23 Jahre alt, als er einst einen seiner Brüder, der als Ritter ein Schloss belagerte, besuchen wollte, da übte das Andenken seiner Mutter eine solche Macht über sein Herz aus, dass er in eine am Wege stehende Kirche ging, sich im Gebet vor dem Herrn ergoss und sich ihm ganz weihte, zu der Gestalt des christlichen Lebens, für welche ihn seine Mutter bestimmt hatte. Wie er, was er war, mit ganzer Seele sein musste, alles Halbe ihm fern war, so wählte er nun sogleich den erst beginnenden Mönchsorden, welcher durch die größte Strenge sich auszeichnete, und dessen Strenge eben die Meisten von dem Eintritt in denselben abgeschreckt hatte, den nach dem Kloster Citeaux unweit Dijon so genannten Orden der Zisterzienser. Sein Beispiel und die Macht der Rede, die ihn besonders auszeichnete, riss gleich mehrere seiner Verwandten und seine vier Brüder dazu fort, mit ihm die Ausführung dieses Entschlusses zu teilen. Es charakterisiert jene Zeit, in welcher eine große Sehnsucht nach der Heimat des Himmels über die Menschen ausgegossen war, dass als der älteste der Brüder dem jüngsten, der als Knabe auf der Straße spielte, bei dem Abschied zurief: „Sieh, nun sind alle unsre Güter und Schlösser Dein“, er antwortete: „Also euch der Himmel und mir die Erde, das ist keine gleiche Teilung!“ Mit glühendem Eifer erfüllte Bernhard von Anfang an alle Pflichten des strengsten Mönchtums; kein Opfer der Selbstverleugnung war ihm zu schwer. Die Übertreibungen, zu denen ihn jugendliche Begeisterung fortriss, ließen ihn in Arbeit und Entsagung mannigfacher Selbstpeinigung das rechte Maß überschreiten. Er selbst musste nachher bei größerer Besonnenheit bereuen, dass er dadurch seine Gesundheit zerstört und seine leiblichen Kräfte zu Vielem, was er im Dienste des Herrn sonst hätte leisten können, untüchtig gemacht hatte. Doch desto größere Verehrung gewann er in seiner Zeit, desto größeren Eindruck konnte der Anblick seiner von den Opfern der Selbstverleugnung zeugenden, hageren Gestalt und die in dem schwachen, gebrechlichen Gefäß desto mächtiger sich zeigende Kraft der religiösen Begeisterung und der feurigen Rede auf seine Zeitgenossen machen. So vermochte Bernhard durch seine Erscheinung und seine Gebärden, den Ton seiner Stimme auch in Ländern fremder Zunge, in denen man seine Worte nicht verstehen konnte, große Wirkungen hervorzubringen. Wenn er im Dienste des Klosters in Wäldern und auf dem Felde umherstreifte und arbeitete, erhob er unter den mächtigen Eindrücken der Natur, die ihm zum Tempel wurde, sein Gemüt in Gebet und Betrachtung zu Gott; und da ergossen sich in ihm die Ströme des lebendigen Wassers, aus denen er nachher immer schöpfte, feine Zeitgenossen zu erquicken, und so schrieb er einst aus eigner Erfahrung einem Gelehrten: „Glaube dem Erfahrenen, du wirst etwas mehr in den Wäldern als in den Büchern finden. Holz und Steine werden dich lehren, was du von den Meistern nicht lernen kannst.“

 

Durch Bernhard erhielt die Gemeinschaft, in die er eingetreten war, einen neuen großen Schwung, und schon nach drei Jahren wurde er selbst an die Spitze einer aus derselben hervorgehenden Stiftung gestellt. In einem wilden, öden, von Bergen eingeschlossenen Tale in dem Bistum von Langres sollte ein Kloster gegründet werden, in einer Gegend, welche der Sitz einer Räuberbande gewesen war, und welche daher das Wermutstal genannt worden. Und da nun hier im Gegensatz mit dem Reich des Satan eine Stätte Gottes gegründet werden sollte, wurde das neue Kloster mit dem Namen des hellen Tales, wie es im Lateinischen und Französischen heißt, belegt, Clairvaux genannt. Bernhard wurde der Abt dieses Klosters. Durch die von ihm angefeuerte und geleitete schwere Arbeit der Mönche wurde das wilde Land bebaut und fruchtbar gemacht und das Kloster erhielt nach vielen Entbehrungen großen Reichtum, der zum Segen des Volks gereichte. Bei einer schweren Hungersnot im Burgundischen, da von allen Seiten Scharen ausgehungerter Armen zu den Pforten des Klosters hinströmten, wurden zwei Tausende unter denselben ausgewählt, durch ein ihnen aufgeheftetes Zeichen kenntlich gemacht, und diese wurden während zweier Monate mit allen erforderlichen Lebensmitteln versorgt und Andere empfingen unbestimmte Almosen. Dieses Kloster gelangte bald zu einem weitverbreiteten Ruf, und aus allen Gegenden verlangte man Mönchskolonien aus demselben, um nach diesem Muster Klöster zu gründen. So konnte Bernhard bei seinem Tode in England, Schottland, Irland, Deutschland, Dänemark, Schweden, Norwegen, Italien im Ganzen 160 Klöster Bernhard hinterlassen, welche so entstanden waren. Und dies war die Veranlassung zu dem umfangreichen Briefwechsel Bernhards, der in lateinischer Sprache nach allen, diesen Ländern hin geführt wurde.

 

Bernhard war ein Mann der inneren Mission. Er nahm sich derer an, welche durch die in dieser Zeit der Rohheit so vielfältige Verwahrlosung in schwere Verbrechen gestürzt worden waren; durch seinen mächtigen Einfluss wurden Solche der Todesstrafe entzogen und es gelang ihm durch die von ihm geleitete Seelsorge in seinem Kloster durch strenge Zucht und den Einfluss der religiösen Gemeinschaft zur Buße und wahrhafter Bekehrung sie hinzuleiten. So geschah es, dass als er einst einen der Großen, der sich in allen Wohltätigkeitsunternehmungen von ihm leiten ließ, den Grafen Theobald von Champagne besuchen wollte, ihm eine große Schar begegnete, welche einen Räuber, der viele Verbrechen begangen hatte, zum Blutgerüste führte. Bernhard erhielt von dem Grafen, dass ihm derselbe geschenkt wurde. Derselbe lebte noch dreißig Jahr als Mönch und endete sein Leben im Glauben und im Frieden.

 

Überhaupt zeigte Bernhard große Weisheit in der Seelsorge. Manches für alle Zeiten den Christen bei ihren inneren Kämpfen zu beherzigende Wort sprach er zu seinen Mönchen in Beziehung auf die Versuchungen des inneren Lebens bei dem Streben nach christlicher Vollkommenheit; er warnte vor jener Richtung, welche den Menschen, indem er immerfort nur seine Sünden betrachtet und im Brüten über sich selbst sich verzehrt, nicht zur Ruhe und Freudigkeit kommen lässt. So sagt er in einer Anrede an seine Mönche: „Ich ermahne euch, meine Freunde, von der ängstlichen Erinnerung an euren Lebenswandel euch zuweilen zur Betrachtung der göttlichen Wohltaten zu erheben, damit ihr, die ihr durch die Betrachtung eurer selbst beschämt werdet, durch den Hinblick auf Gott aufatmet. Zwar ist der Schmerz über die Sünden notwendig, aber er muss nur kein immerwährender sein. Er werde durch das erfreulichere Andenken der göttlichen Gnade unterbrochen, damit das Herz nicht durch Trauer verhärtet werde, und durch Verzweiflung umkomme. Gottes Gnade ist größer als jede Sünde. Daher ist der Gerechte nicht immerfort, sondern nur im Anfang des Gebetes Ankläger seiner selbst, er schließt aber mit der Lobpreisung Gottes.“ In einer anderen Anrede an die Mönche sagt er: „Oft kommen wir mit lauem und dürren Herzen zum Altar und geben uns dem Gebete hin. Wenn wir aber dabei beharren, wird uns plötzlich Gnade eingegossen, das Herz wird voll und ein Strom frommer Gefühle erfüllt das Innere.“ Er warnte vor den Gefahren einer einseitigen schwärmerischen Gefühlsrichtung und solchen jugendlichen Übertreibungen, denen er selbst früher sich hingegeben hatte, indem er sagt: „Es ist euer Eigenwille, der euch lehrt, die Natur nicht zu schonen, der Vernunft kein Gehör zu geben. Ihr hattet einen guten Geist, aber ihr gebraucht ihn nicht auf die rechte Weise. Ich fürchte, dass ihr statt dessen einen anderen empfangt, der unter dem Schein des guten euch täuschen wird und dass ihr, die ihr im Geiste begonnen, im Fleische enden werdet. Gott ist die Weisheit und er verlangt eine nicht bloß süßen Gefühlen sich hingebende, sondern auch eine mit Weisheit verbundene Liebe.“ Er wies die Menschen von dem in mannigfache Unruhen sie stürzenden Streben, ihre eigne Gerechtigkeit geltend machen zu wollen, auf die Gerechtigkeit in Christo als dem festen Grund alles Vertrauens hin. Einfacher und lichtvoller als dieses seit Jahrhunderten geschehen war sprach er diese Wahrheit, auf der das Wesen der evangelischen Kirche ruht, aus. Er sagt in einer Predigt: „Christus wird nicht bloß gerecht, sondern auch die Gerechtigkeit selbst genannt und die rechtfertigende Gerechtigkeit. Du bist so mächtig im Rechtfertigen, als reich im Vergeben. Wer daher zerknirscht über seine Sünden, nach Gerechtigkeit hungert und durstet, glaube an den, welcher den Gottlosen rechtfertigt, und durch den Glauben allein gerechtfertigt wird er Frieden mit Gott haben.“ Und in einer anderen Predigt: „Keiner ist ohne Sünde, zu aller Gerechtigkeit ist mir genug, dass mir gnädig sei der, gegen den ich gesündigt habe. Alles, was er mir nicht zuzurechnen beschlossen hat, ist, als wenn es gar nicht dagewesen wäre. Nicht sündigen ist Gottes Gerechtigkeit, Gottes Vergebung die Gerechtigkeit des Menschen.“ Es war Einer durch Zweifel, die ihn quälten, in große Seelennot geraten, und er wagte es nicht, in einem solchen Zustande an dem heiligen Abendmahl teilzunehmen. Vergeblich hatte sich Bernhard mit ihm abgemüht; er klagte immer, dass er keinen Glauben habe und ohne Glauben doch dem Leib des Herrn sich nicht nahen könne. Nun, sprach Bernhard zuletzt mit jenem Ton göttlicher Zuversicht, wie er einem Paulus, einem Luther eigen war, so geh‘ nur getrost hin, und nimm in meinem Glauben den Leib des Herrn. Der Mönch, zu dem er dieses sprach, musste der Entschiedenheit des Abtes weichen. Seine Zweifel nicht mehr achtend kommunizierte er, Ruhe und Friede kehrte in sein Inneres zurück.

 

Oft wurde Bernhard nach nahen und fernen Gegenden gerufen, um Streitigkeiten zwischen Fürsten, Großen und Völkern zu schlichten, Frieden zu stiften, wo wütende Leidenschaften den Krieg entflammt hatten oder zu entflammen drohten. Von seinem Krankenlager raffte er sich auf, um einem solchen göttlichen Ruf zu folgen. Von Päpsten, Königen und Kaisern wurde er um Rat gefragt, und in wichtigen Angelegenheiten zur Hilfe gerufen; freimütig sagte er den Mächtigen die Wahrheit und zog sich dadurch zuweilen die Ungunst des römischen Hofs zu, der seiner bedurfte. Zu ihm nahmen die Päpste Innocenz II. und Eugen III. ihre Zuflucht, wenn sie durch den unruhigen Geist der Römer von ihrem Sitz vertrieben worden; seiner Tatkraft und der Gewalt seiner Rede verdankten sie besonders den Sieg über ihre Widersacher. Zweimal reiste er nach Italien und beruhigte die tobenden Völker. Der Eindruck, den er auf die Gemüter machte, brachte außerordentliche Erscheinungen hervor, Kranke wurden geheilt; wir haben darüber Berichte von Augenzeugen, so einfach und anschaulich, dass wir die Wahrheit zu bezweifeln nicht berechtigt sind. Wer kann die Wirkungen berechnen, welche im Namen Christi durch seine Kraft, von denen, die Werkzeuge seines Geistes sind, hervorgebracht werden! Nachdem durch ihn einmal diese göttlichen Kräfte in die Entwicklung der Menschheit eingeführt worden, lässt sich überhaupt die Grenze zwischen dem Natürlichen und Übernatürlichen hier nicht mehr so scharf bezeichnen. Der Standpunkt des echten Christen ist aber fern davon, auf solche Tatsachen ein zu großes Gewicht zu legen und davon war auch Bernhard fern, wie er sagt: „das Wort des Herrn preist nicht selig diejenigen, welche Tote erwecken, Blinden das Augenlicht wiedergeben, Kranke heilen, bösen Geistern gebieten, das Zukünftige vorher verkündigen, sondern vielmehr die geistlich Armen, die Sanftmütigen, die um ihrer Sünde willen Trauernden, die nach Gerechtigkeit Hungernden und Durstenden, die Barmherzigen, die reines Herzens sind, die Friedfertigen, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgung Leidenden.“

 

Als im Jahr 1145 Bernhards Schüler, Papst Eugen III., an die Spitze der abendländischen Kirchenleitung trat, schrieb ihm Bernhard, indem er ihn aufforderte, dem Verderben des römischen Hofs zu steuern: „Wer wird es mir geben, dass ich noch vor meinem Tode die Kirche Gottes in einem Zustande sehe, wie sie in alten Tagen war, als die Apostel ihr Netz ausließen, nicht um Silber oder Gold, sondern um Seelen zu gewinnen. Wie wünsche ich, dass Du das Wort Desjenigen erben möchtest, dessen Bischofsstuhl Du erlangt hast, Dessen, der sprach: Dein Geld sei mit Dir zum Verderben! Apostelgesch. 8, 20. mögen alle Feinde Zions vor der Macht dieses Donnerwortes erbeben und beschämt, zurückweichen! Das erwartet und verlangt sogar von Dir deine Mutter. Danach sehnen sich, danach seufzen die Söhne Deiner Mutter, Kleine und Große, dass jede Pflanzung, die nicht der himmlische Vater gepflanzt hat, durch deine Hände entwurzelt werde.“ Damit der Papst durch die Fülle der Macht in seinen Händen und den Glanz der weltlichen Herrlichkeit sich nicht sollte verblenden lassen, erinnerte ihn Bernhard an den schnellen Tod seiner Vorgänger und schrieb: „Bei allen deinen Werken gedenke dass du ein Mensch bist, und die Furcht Dessen, der den Geist der Regenten hinwegnimmt, sei immerdar vor deinen Augen!“ Als dieser Papst im J. 1148 wieder nach Rom zurückgekehrt war, stellte ihm Bernhard in seinem Buche: „Von der Betrachtung“ den Gegensatz zwischen dem, was das Papsttum seiner Bestimmung nach für die Kirche sein sollte, und dem, was es war, mit großer Freimütigkeit vor Augen. Er sprach gegen die Verweltlichung der Kirche und des Papsttums überhaupt, erinnerte den Papst, dass er nicht zugleich Nachfolger eines Kaisers Constantinus und des Apostels Petrus sein, nicht die Fülle der weltlichen und der geistlichen Macht miteinander verbinden könne, weissagte, dass wenn die Päpste beides miteinander vereinigen wollten, sie beides verlieren würden. Versuche einmal, schreibt er ihm, beides mit einander zu verbinden, als Herrscher Nachfolger des Apostels sein, oder als Nachfolger des Apostels herrschen zu wollen. Das Eine oder das Andere musst du fahren lassen. Wenn du beides zugleich haben willst, wirst du beides verlieren. Und er hält ihm drohend vor die Worte Hoseas 8, 4.

 

Was Bernhard zur Anregung des zweiten Kreuzzugs in Frankreich und Deutschland wirkte, das erwähnen wir nicht, denn wenngleich auch hier der Eifer der Liebe zu Christus den Bernhard begeisterte, so war es doch nicht das Feuer der reinen, von dem Geiste Christi ausgehenden und alle Triebe und Gefühle verklärenden Liebe, welche in diesem Werfe ihn beseelte und von ihm aus viele Andere ergriff. Diese Liebe lässt die Ungläubigen nur mit dem Schwert des Geistes bekämpfen, sie feiert nur unblutige Siege. Aber wir müssen auch bei dieser seiner Wirksamkeit Manches hervorheben, worin sich seine tiefe, christliche Menschenkenntnis bewährt, und was ihn als den echten Jünger Christi besiegelt. Als Bernhard im Namen des Papstes zur Teilnahme an dem Kreuzzug aufforderte, und seine Worte mit ungeheurer Gewalt die Gemüter ergriffen, fühlten sich Manche, die durch ihn zur Buße gerufen wurden, gedrungen, vielmehr nach der christlichen Vollkommenheit im Mönchstum zu streben und sich seiner geistlichen Leitung anzuvertrauen, als an jenem Kriegszug Teil zu nehmen. Und die Wallfahrt nach dem himmlischen Jerusalem durch die zu Gott sich erhebende Betrachtung hielt man auch sonst für etwas Höheres als die Wallfahrt nach dem irdischen Jerusalem. Aber Bernhard ließ nicht ohne Prüfung Alle zu, die sich so ihm anschließen wollten. Er wies Manche zurück, indem er erkannte, dass sie für das stille geistliche Leben noch nicht geeignet seien, der Mühen und Kämpfe des nach außen gerichteten Lebens zu ihrer gedeihlichen Entwicklung noch bedürften. Und er riet ihnen viel mehr, jenem Zug sich anzuschließen. –

 

In den Gegenden am Rhein war ein schwärmerischer Mönch, Namens Rudolph, aufgetreten und hatte das Volk aufgefordert zuerst mit der Vertilgung der Ungläubigen in der Nähe den Anfang zu machen, zuerst gegen die Juden ihre Waffen zu kehren. Tausende der Wehrlosen wurden gemordet, oder durch die Furcht zu erheuchelter Taufe hingetrieben. Die kirchlichen Oberen, welche solche Gräuel nicht guthießen, hatten doch nicht die Macht, die Wut der Schwärmerei zu dämpfen. Mit heiligem Zorn erklärte sich Bernhard zuerst in einem nach Deutschland gerichteten Briefe gegen solches Treiben, er nannte es ein teuflisches. „Siegt nicht, schreibt er, die Kirche in reicherem Maße über die Juden, indem sie dieselben täglich von ihren Irrtümern überführt und sie bekehrt, als wenn sie dieselben alle auf einmal mit dem Schwerte vertilgt?“ Er berief sich auf das allgemeine Kirchengebet für die Bekehrung der Juden, mit welchem ein solches Verfahren in Widerspruch stehe.

 

Es sei, sagt er, die einstige allgemeine Bekehrung der Juden verheißen. Wie könnte doch diese Verheißung erfüllt werden, wenn sie ganz vertilgt würden. Wo auch keine Juden wären, seien die wuchertreibenden Christen, wenn sie anders Christen und nicht vielmehr getaufte Juden zu nennen wären, ärgere Juden. Es gelang dem Bernhard, was nur ihm möglich war, da er selbst nach jenen Gegenden hinkam, den Schwärmer zum Gehorsam und zur Besonnenheit zurückzurufen, und die Wut der aufgeregten Menge zu dämpfen. Ein Jude selbst, der von allem diesem Augenzeuge war, verdankt dem Bernhard die Rettung seines Volks, indem ohne ihn Keiner dem Blutbade würde entronnen sein.

 

Bernhard leuchtet hervor als Vertreter der Einfalt und Innigkeit des Glaubens im Kampf mit dem Dünkel einer Alles begreifen und erklären wollenden Wissenschaft. Er war fern davon, die Wissenschaft zu verachten oder zu verdammen, indem er auch sie als eine zu heiligende und für den Dienst der Kirche nutzbar zu machende Gabe Gottes anerkannte. Aber er verlangte, dass die Wissenschaft auf Demut gegründet sein und dass die Gotteserkenntnis von der rechten Selbsterkenntnis ausgehen sollte. Er war von der Überzeugung durchdrungen, dass man Gott auf einem anderen Wege als durch die Wissenschaft suchen und finden müsse. Gott, sagt er, wird würdiger gesucht und leichter gefunden durch Gebet als durch wissenschaftliche Untersuchung. Er war überzeugt, dass man zuerst vom Herzen aus zu Gott sich erheben müsse; den Glauben bezeichnet er als das Vorausnehmen einer dem „Erkennen des Geistes noch verhüllten Wahrheit durch die vom Wilen bestimmte Richtung des Gemütes.“ „Nichts, sagt er, wird dann unsrer Seligkeit fehlen, wenn der verhüllte Inhalt des Glaubens unverhüllt dem Erkennen gegeben sein wird.“ Von diesem Standpunkte aus ließ sich nun freilich Bernhard zur Ungerechtigkeit gegen Solche, bei denen die Richtung der Wissenschaft vorherrschte, leicht verleiten. Wir sehen dies in seinem Kampf mit dem Abelard, der auch kein Ungläubiger war, der nach einer Versöhnung zwischen dem Glauben und Wissen strebte, wenngleich er von dem Zwiespalte seines ganzen Lebens aus nicht dazu gelangen konnte. Allerdings war er kein Mann so aus Einem Stück, bei dem Alles so im Einklang war wie Bernhard, in dessen Seele der kindliche Glaube den Alles des stimmenden Grundton bildete. Aber auch in diesem Kampfe zeigte sich Bernhards Eifer für den Glauben an den Erlöser, der ihm Alles war, wenngleich wir die Art, wie er kämpfte, nicht gutheißen können. Er wusste wohl zu erkennen, was Christus als Ur- und Vorbild des heiligen Lebens sei. Er sagt: „Wie schön erscheinst du mir, auch in meiner Gestalt, Herr Jesus! nicht allein wegen der göttlichen Wunder, sondern auch wegen der Wahrheit, Sanftmut und Gerechtigkeit. Selig, wer dich so, wie du als Mensch unter den Menschen wandelst, genau beobachtet und nach Kräften so dein Nachahmer zu werden strebt.“ Aber er wusste, dass Alles nur seine Kraft habe im Zusammenhang mit dem Christus, der die Erlösung der Menschheit sei, dem Christus für uns. Er sagt: „Dreierlei kommt hier zusammen, die Demut der Selbsterniedrigung, die Offenbarung der Liebe bis zum Kreuzestode, das Geheimnis der Erlösung, wodurch er den Tod überwand. Die beiden ersten Stücke seien nichtig ohne das dritte. Das Beispiel der Demut und Liebe sei etwas Großes, aber es habe keinen festen Grund ohne die Erlösung.“

 

Wenn Bernhard von seinen großen Reisen im Dienst der Kirche, vielen Mühen und Kämpfen in sein Kloster zurückkehren konnte und die ersehnte Ruhe der Betrachtung wieder genießen, ließ er sich in einer Laube neben seinem Kloster nieder, und verfasste da die kleinen Schriften, durch die er mächtig auf die Erbauung seiner Zeitgenossen wirkte. Wir erwähnen insbesondere seine Schrift von der Liebe zu Gott. Er sagt hier: „Diese Liebe sucht keinen Lohn, sie hat ihn in sich selbst, das was der Gegenstand der Liebe ist, das ist der Lohn.“ Indem er nun entwickelt, wie Gott den Menschen vom Zeitlichen zum Ewigen hinziehe, durch die Hilfe in leiblicher Not als Gegenstand der Liebe sich ihm zuerst offenbare, bezeichnet er vier Stufen in dem Entwicklungsgang der alles Selbstische immer mehr ausläuternden Liebe. Als die höchste Stufe stellt er dieses dar: Sich selbst und Alles, nur um Gottes willen, in Gott zu lieben. Zu einem solchen Standpunkt könne die Seele nur in den höchsten Momenten des irdischen Lebens sich emporschwingen. Aber darin werde die Seligkeit des ewigen Lebens bestehen.

 

Von seinem Krankenlager hatte sich Bernhard in seinem 63. Jahre zum letzten Male mit Gewalt erhoben, um einem Ruf zur Herstellung des Friedens in den Rheingegenden zu folgen. Nachdem er durch seine Macht über die Gemüter durchgedrungen war, kehrte er zurück, schon dem Tode nahe. Er diktierte, da er nicht selbst schreiben konnte, seinen letzten Brief an einen Freund, zu dem er noch einige Worte mit schwacher Hand hinzufügt. Nachdem er seine körperlichen Leiden geschildert hat, schließt er mit den Worten: „Und bei diesem Allem, damit dem um den Zustand des Freundes besorgten Freunde nichts verborgen bleibe, ist nach dem inneren Menschen der Geist stark in den schwachen Fleisch. Betet zu dem Heilande, der nicht den Tod des Sünders will, dass er endlich meinen Abschied, zu dem es schon Zeit ist, nicht verzögere, sondern unter seiner Obhut ihn erfolgen lasse. Unterstützt durch Gebet den, der von keinem Verdienst etwas weiß, so dass der nachstellende Feind keinen Platz finde, an dem er mich verwunden könne.“ So entschlief er mitten unter seinen mit Liebe und Wehmut ihn umgebenden Schülern in Frieden im Jahre 1153.

 

  1. Neander.

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