Große und in Gott gegründete Unternehmungen suchen die Werkzeuge ihrer Ausführung nicht vergebens; als der erste evangelische Fürst, der das Werk der Mission des Evangeliums zu seinen wesentlichen Pflichten zählte, als König Friedrich IV. von Dänemark das Augenmerk seiner frommen Fürsorge auf das halbchristliche oder teilweise ganz heidnische Lappland im äußersten Norden seines norwegischen Reiches gerichtet hatte, durfte er den Mann der Sendung nicht wie zehn Jahre früher für die Malabaren unter den Deutschen suchen, sondern in seinem Norwegen selbst stand ihm schon ein gerüsteter Prediger zu Gebote, Thomas von Westen, dessen Name auch in dem weitesten Kreise dem Gedächtnis der evangelischen Christen eingeprägt zu werden verdient. Schon alle die Ereignisse seines Lebens, von welchen die Geschichte bis zu dem Zeitpunkte weiß, da er als Pastor zu Wedöen<mfn>heute meist Veøy oder Vedøya geschrieben</mfn> an der Grenze des norwegischen Stiftes Drontheim das apostolische Amt für die Finnmarken empfing, drücken ihm das Zeichen des Außerordentlichen auf, kündigen den Kämpfer und Eiferer an, der in Opferfreudigkeit um den Preis geretteter Seelen ringt, und machen es begreiflich, dass er sich nach einer so zeitig abgeschlossenen ihnen gewidmeten Laufbahn, von seinen armen Lappen oder Finnen einen ähnlich schönen Namen, wie Samuel Marschen von den Neuseeländern erworben habe, nämlich den Titel: der Lektor, der den Finn-Mann lieb hat.
Westen war im Jahre 1682 zu Drontheim, dem nördlichen Stifte oder Bischofssitze von Norwegen geboren. Kind einer zahlreichen und dürftigen Familie wurde er zu bürgerlichem Erwerbe bestimmt. Allein der Knabe verbirgt sich im Heu, um heimlich lateinische Wörter zu lernen; man findet in seinen Händen Jakob Böhmes „Morgenröte“, das Buch, welches so vielen evangelischen Christen zu tieferer Anregung gedient hat. Der Vater gibt endlich nach, dass der Sohn die Universität beziehe, jedoch unter der Bedingung, dass er der Arzneikunde sich widme. Endlich ist der junge Mann dem Ziele der Doktorwürde nahe; da stirbt ihm der Vater (der ihn doch einigermaßen unterstützt zu haben scheint), und die Promotions-Kosten sind nicht zu schaffen. Von da an mag er sich desto eifriger den theologischen und Sprachwissenschaften gewidmet haben, aber im Kampfe mit der bittersten Armut. Wie man erzählt, konnte er sich nur alle zwei Tage bei schlechtester Kost satt essen, und musste daheim bleiben, wenn sein Stubengenosse ausging, weil nur ein Rock zu gemeinsamem Gebrauche vorhanden war. Die Unterstützung von Seiten einer frommen Witwe, welche er später aus Dankbarkeit heiratete, fällt wohl in diese Zeit. Dann treten zur voramtlichen Geschichte des Mannes noch zwei Nachrichten hinzu, die eine, er habe sich morgenländischer Sprachstudien wegen in Russland aufgehalten, und die andre, dass er ohne Gehalt bei der Bibliothek zu Kopenhagen beschäftigt wurde. Endlich sehen wir ihn, da er das 28. Lebensjahr erreicht hat, sich als berufenen Pfarrer zu Wedöen nach Norwegen einschiffen, und nachdem ihm eine seiner Stieftöchter samt dem Vermögen der Gattin in den Wellen untergegangen, desto erprobter auf den öffentlichen Kampfplatz treten. Denn zu kämpfen gab es sogleich, nicht mit Irrlehren, aber mit der Sicherheit und Selbstgenügsamkeit einer Kirche, die vom Wesen der Evangelischen außer dem Namen, der Amts- und Gottesdienstordnung und einem Scheine von Rechtgläubigkeit kaum noch etwas übrig hatte. Schließt man von dem Verhalten der Bischöfe, welche in der Geschichte von Westens als Hinderer auftreten, auf das Ganze, so waren die damaligen Zustände Norwegens nicht bessere, eher schlimmere als die, gegen welche sich in Deutschland und anderen Ländern die züchtigenden, mahnenden, bittenden Zeugnisse erweckter Männer schon erhoben hatten oder gleichzeitig mit Westen erhoben.
Thomas von Westen war der Mann nicht, der es hätte bei Keiner Lehre und Überlieferung bewenden lassen; er forderte die Früchte der Buße ein, sein Zeugnis zielte auf Reformation des Wandels und auf lebendiges persönliches Christentum. Anfangs stand sozusagen die ganze Gemeine wider ihn als einen unbefugten Neuerer auf; die Beschwerden über ihn gingen nicht allein an den Bischof nach Drontheim, sondern zuletzt bis nach Kopenhagen. Mit welcher Treue aber, mit welcher Beredsamkeit der Liebe und Geduld, unter welchem Beistande der Gabe des Geistes aus Gott, er den eingeschlagenen Weg verfolgt haben muss, ergibt sich aus drei Genugtuungen, welche ihm zu Teil wurden, unter welchen die letzte die vollkommenste ist. Die erste bestand darin, dass sich dennoch ihm und seiner Weise das Hirtenamt aufzufassen, nach und nach sechs andre Geistliche anschlossen, die man mit ihm zusammengezählt das Siebengestirn nannte. Da die dänischen Quellen ihre Namen anzeigen, so mögen sie auch in diesem Jahrbuche verzeichnet stehen: Jens Juel, Pastor zu Tingwold; Amund Barsow, Pastor zu Duernes; Nikolai Engelhard, Kapellan zu Nässet, Nachfolger von Westens in Wedöen; Peter Strom, Kapellan, nachmals Pastor zu Borgen im Stifte Bergen; Menziskanius, Kapellan zu Dure, und Eiler Hagerup, nachmaliger Bischof von Drontheim. Dazu fand die von den sieben Streitern eingereichte Rechtfertigung bei der zu Kopenhagen angestellten Untersuchung vollkommene Anerkennung. Das wichtigste aber und einer der sprechendsten Beweise dafür, was Hirtentreue vermöge, und wie lebensfähig eine eingeschlafene und aufgeschreckt widerborstige Gemeine dennoch sei, liegt in dem Umstande, dass die Westensche nach nur sechs Jahren seines Wirkens an ihr, dass dieselbe Gemeine, die gegen ihn feindlich gewütet hatte, als er zur Mission abberufen wurde, mit Tränen anhielt, er möge bleiben. Sie bot dem Könige die Hälfte ihres Gesamt-Vermögens, würde ihr dieser Seelsorger gelassen; sie machte, ihn selbst, als es nicht zu erreichen war, auf den Jüngsten Tag dafür verantwortlich, wenn er ihr nicht einen Nachfolger seines Sinnes verschaffte. Da ging das also, was der Spruch sagt (Sal. 16, 7.), Wenn jemands Wege dem Herrn wohlgefallen, so macht er auch seine Feinde mit ihm zufrieden, ganz in Erfüllung. Westen schrieb an den König: „habe ich Gnade gefunden vor Eurer Majestät, möge dann mein Angesicht wohnt nicht beschämt werden. Ich gehe von meinen Schafen und verlasse eine Gemeine, gegen die mein Herz ausgebreitet war, wie das ihrige gegen mich; sie flehen um mich her mit Weinen die Hände hinhaltend wie die Jünger zu Cäsarea; kaum erlaubt mir ihr Heulen diese untertänigsten Zeilen an meinen König zu schreiben; mit Tränen und inniger Betrübnis schreibe ich, und könnte ich mit einem guten Gewissen mich dem Reiche Gottes entziehen, so bliebe ich hier; aber die Liebe Christi drängt mich und meine Pflicht gegen meinen König überwindet mich.“ Es handelte sich um einen rechten Nachfolger, welcher ihm auch in der Person eines der sieben Männer zu Teil ward.
Der König hatte im Jahre 1714. eine Anzahl geistlicher und weltlicher Räte mit dem Auftrage versammelt, den von ihm gestifteten oder noch zu unternehmenden Missionen des Evangeliums an die Heiden unter seinen Untertanen beständig vorzustehen. Zur indischen Mission kam 1716 die finnische, 1721 die grönländische hinzu. Jetzt galt es, wie das schöne Schreiben Friedrichs besagt, die Einwohner in den Finn- und Lappmarken, „die noch in Blindheit und Unwissenheit von Gott lebten, zur seligmachenden Erkenntnis zu führen.“ Man darf daraus nicht schließen, dass das Volk der Lappen bisher vom Christentum und Kirche noch unberührt gewesen wäre. Die Spuren christlicher Einrichtungen unter diesen nomadischen Überresten des nach und nach zu festen Wohnsitzen gelangten Finnenvolkes denn solche Überreste sind die Lappen, ein Name, den sie sich nicht selbst gegeben reichen bis in das 14. Jahrhundert zurück. Allein bei ernsterer Untersuchung ihrer sittlichen und religiösen Zustände musste man es sich jedes Mal noch zu Anfang des 18. gestehen, Christen waren sie nicht, wollten es auch nicht sein. Waren sie dem Sakramente der Taufe und einem gewissen Kirchenzwange einigermaßen unterworfen, so trugen sie dieses Joch mit vollkommenem, entweder heimlichen oder offenbaren Vorbehalte ihres urväterlichen Heidentums. Es gibt Barbaren, welchen vielmehr die Bildung barbarisch erscheint; wie ein Same (Lappe) sein und leben galt ihnen als Maßstab der Vollkommenheit. Trotz und Argwohn mit Verachtung blickte aus ihren Augen, wenn sie den zur bürgerlichen Häuslichkeit übergegangenen Finnen oder den Schweden vor sich sahen. Man kennt am Eskimo ähnliches. Die geographische Ferne und die klimatische Lage des wandernden Berghirten, Fischer- und Jäger-Völkchens gestattete kaum Kirchen und Pfarreien, viel weniger Schulen in hinreichendem Stande, und diese Anstalten je und je erneuert sahen ihrem Verfalle desto sicherer entgegen, da die eingesetzten Beamten, Zins-Pächter oder die mit ihnen verkehrenden Kaufleute es für entschieden einträglicher hielten, sie als Heiden zu drücken und zu nützen, denn sie als Christen zu pflegen. Fast gelang es diesen nordischen Zigeunern, wenn sie als Bettler in die südlicheren christlichen Bevölkerungen sich verirrten, besser, die Christen in ihre Zauberkreise zu locken, als den Christen ihr Christentum ihnen mitzuteilen. Denn merkwürdig ist es, wiewohl nicht beispiellos, dass diese Heiden, nachdem ihre eigentlichen Götter-Namen und Götter-Sagen mehr und mehr in den Hintergrund getreten waren und ihre Opferstätten verfielen, mit desto größerer Zähigkeit ihren Noiden<mfn>Der Begriff Noiden (oder korrekt Noaidi) bezeichnet die traditionellen Schamanen und religiösen Heiler in der Mythologie und Volksreligion der Samen (früher oft Lappen genannt), dem indigenen Volk im Norden Skandinaviens und Russlands.</mfn>, priesterlichen Zauberern und Wahrsagern, anhingen. Ihre Runenbäume, ihre Runendrommel und jede hergebrachte Kunst, sich in des einen Dämons Gemeinschaft zu setzen, um einen anderen dadurch abzuhalten, um Schaden abzuwehren, oder ihn rachsüchtig anzutun, blieb in vollen Ehren; sie haben nicht aufgehört das Übergewicht ihrer Zauber über die Kräfte der Sakramente zu erproben und zu behaupten. Da gab es für den Glaubenseifer und die brennende Liebe eines Thomas von Westen ein desto anziehenderes Arbeitsfeld, weil er in der ungebrochenen Herrschaft solchen Zauberwesens nichts anders als den nachhaltigen und doch nichtigen Widerstand Satans wider Christus erkennen konnte. Er wurde am 28. Februar 1716 sowohl zum Vorsteher (Lektor der Theologie) einer Pflanzschule für das Lehramt unter den Lappen mit Wohnsitz in Drontheim als zum Stellvertreter des Missions-Kollegiums für diese Mission ernannt, und antwortete sogleich: „In Jesu Namen, ich berate mich nicht lange mit Fleisch und Blut, gleich künftigen Montag mache ich mich reisefertig. Der Herr sei mit euch, ihr Helden im Streit. Er schuf Norden und setzte euch zu dessen Stern.“
Sehr wohl wusste er, welchen ersten Empfang er von den armen argwöhnischen Lappen zu erwarten hatte. Bekannt musste ihm sein, wie es dem Isaak Olsen, einem Schullehrer in Ostfinnmarken ergangen war, da er den Heiden mit christlicher zudringlicher Liebe sie zu katechisieren bis auf die Berge und an die Seen hin unermüdlich nachgegangen. Sie hatten ihn kaum in ihre Hütten aufgenommen, ihm nicht Ruhe gegönnt, faule Fische und abgestandenes Fleisch vorgesetzt, frischen Wassertrunk verweigert, und die unbändigsten Rentiere vorgespannt, damit er auf der Fahrt umkommen sollte. Von den Kaplanen, die an mechanische Ausübung des Amtes gewöhnt und der Volksmundarten unkundig waren, konnte er sich keines rechten Beistandes versehen, viel weniger von den Beamten und Händlern, welchen sein Unternehmen ihre Rechnung durchstrich, und deren schnöde Verleumdungen ihn wenn auch wirkungslos trafen. Westen bereiste West-Finnmark, wo Borsanger, und Ost-Finnmark, wo Waranger den Hauptpunkt bergab, zu dreien Malen, 1716, 1718 und 1722, und kehrte mehrenteils durch das sogenannte Nordland nach Drontheim zurück, wo er schwere Kränkungen von Seiten des Bischofs Krog zu ertragen hatte. Auf gefährdeten Fahrzeugen, oder auf Reisen zu Land eingeschneit, in Felle eingenäht, bei Mangel an Speise und Trunk, ließ er den Mut nicht sinken, hielt den Rauch und Schmutz der Wohnungen und was sonst des Landes Unwirtlichkeit, oder toddrohend ein entschlossener erster Widerstand der sich mit ihren Zaubern als mit einem Walle umgebenden Finnenhaufen an Hinderungen entgegenstellte, tapfer aus; und der außerordentliche Segen, den der Herr schon während der ersten Reise auf sein persönliches Erscheinen, auf sein Reden und Anhalten, auf sein duldendes Vordringen im ganzen Ernst der Freundlichkeit legte, ersparte ihm jeden Rückzug. Westen überwand die Lappen im Allgemeinen, nachdem er die Noiden immer vorweg mit den Waffen des Geistes angegriffen, oder doch diese Träger der Teufelskünste endlich überwältigt hatte. Seine Methode – man könnte ihn wohl einen Methodisten im besten Sinne nennen – blieb sich gleich und stimmte ganz mit seinen Gaben zusammen. Nach erster Ansprache machte er sich der Reihe nach an die einzelnen Heiden; ließ keinen los bis er ihn zum reuevollen Bekenntnis seiner Abgötterei, endlich zum persönlichen Bundes-Gelübde des Gehorsams gegen Gott und zu den dazu erforderlichen Absagungen gebracht. Darauf sorgte er für Wächter, Erinnerer und Helfer, organisierte ein bleibendes Lehramt und verband die Kirchen, Schulen und ihre Lehrer untereinander; denn er hatte viel edle Werkzeuge sich herangebildet, oder für den Dienst in seiner Weise gewonnen. Vor allen befleißigte sich Erasmus Rachlev auch der Landessprachen; und die Finnen bekannten am Schlusse eines Gottesdienstes mit Einem Munde: „Gott sei gelobt, der uns einen solchen Lehrer gegeben, der in unsrer Sprache zu uns reden kann, nun können wir Gottes Wort verstehen, das wir uns ins Herz legen wollen.“ Jetzt halfen sie durch freiwillige Gaben zu den Kirchenbauten; zu Unternehmungen, die ihnen vordem für Denkmäler ihrer Knechtschaft gegolten; schafften auf Renntieren das Bauholz für die neue Kirche auf dem Gebirge Mafi, und unterzogen sich der Arbeit ihrer Zusammensetzung mit Freuden.
Dem Manne, der diese segensvolle Veränderung bewirkte, sieht man ins Herz und begreift die Erfolge noch leichter, wenn man in seine Berichte blickt.
Gott behielt, so schrieb er schon nach der ersten Rückkehr an das Missions-Kollegium, Gott behielt fast überall den Sieg, Ihr würdet vor Freuden sterben, wenn ihr wüsstet, wie viele Seelen ihr gerettet, wie viele Prediger ihr erweckt, wie viele Herzen ihr geöffnet, allein dadurch dass ihr Evangelisten aussendet. Gott wird euch noch größere Dinge zeigen, hofft auf ihn; die Engel steigen auf und nieder auf der Leiter des Menschensohnes.“
Nach der zweiten Reise musste er, da Drontheim von Kriegsscharen überzogen ihm nicht zugänglich war, im Nordlande Halt machen. Er benutzte die Zeit, um anwohnende Finnenkinder zu unterrichten, und berichtete unter andrem nach Kopenhagen: „Ich sah zu meiner Herzensfreude, wo nur ein Finne reiste, hatte er sein Buch im Busen, Gott im Munde, Christum im Umgange. Die meiste Zeit verwandte ich auf die Bestärkung derer, die ich vor zwei Jahren dem Satan aus den Händen gerissen, und dann wurde meine Freude voll, als ich die meisten beständig fand, weit anders, als das Gerücht vor einiger Zeit gemeldet hatte.“
Von den Wahrnehmungen auf der dritten Reise wird vornehmlich folgendes mitgeteilt. „In Wedöen und der Umgegend brach unter der Jugend eine große Erweckung aus. Mit bitteren Tränen und tiefen Seufzern baten sie auf den Knien, man möchte ihnen in Jesu Namen Unterricht geben.“ Von Westen errichtete Winterschulen. „Die Meisten hatten nur drei Pfund Hafermehl für die Woche mitgebracht; um die Kraft desselben zu mehren, salzten sie es. Andere arbeiteten den ganzen Tag, um sich Unterhalt zu verschaffen, und ließen sich Abends bis in die Nacht unterrichten. Wieder andre erbettelten sich Unterricht im Buchstabieren und wurden dann ihre eignen Lehrer. Sie verbargen sich auch des Lernens wegen in Schlupfwinkeln, um dem grässlichen Hohne der Norweger auszuweichen.“
Auf den Felsen zu Overhalten wohnte ein Finnenvölkchen von 283 Seelen, die seit Menschengedenken nicht in die Täler herunter gekommen waren, denn sonst tun dies fast alle Bergfinnen im Monat Juli regelmäßig. Die Prediger am Fuße des Bergs kannten jene Sonderlinge nicht, hätten auch mit der oben ungangbaren norwegischen Sprache nichts ausgerichtet. Westen wollte hinauf. Das Bergvolk erhielt davon Kunde, und verschanzte sich wider den Finnen-Apostel mit Zaubereien. Er kam dennoch und besiegte sie; einen und einen halben Monat blieb er bei häufigem Mangel an genießbarer Speise, nur mit auf Wacholderrinde abgekochtem Wasser gelabt, auf der wirtlosen Höhe, bis er versichert war, der heidnische Irrtum sei ausgerottet und das Wort Gottes in die Herzen gepflanzt.
Auffallen könnte es, mit welcher Zuversicht der Mann von der Nachhaltigkeit und Dauer der Bekehrung des Volks redet, hätte er nicht mit gleicher Demut und Dankbarkeit über seine Erfolge sich geäußert: „Gelobt sei Gott, schreibt er am 5. Mai 1723. von Drontheim an den Rat der Mission, der mich durch so viele Gefahren und Anläufe des Satans endlich mit vollen Garben hierher geführt hat. Viele Wohltaten hat mir der Herr die Zeit meines Lebens hindurch erzeigt, aber seine Gnade gegen mich auf dieser Reise ist wie ein überströmender Becher. Dessen könnt ihr gewiss sein, dass so viele Finnen, als ich behandelt habe, bekehrt sind und in den meisten Fällen möchte ich mein Leben zum Pfande geben, dass sie nicht wieder in die vorige Torheit zurückfallen.“ Ein andres Mal im Rückblick auf das Ganze: „Ich habe nun fast jede Finnen- und Lappen-Bucht durchwandert und einen großen Teil der Felsen im Nordlande. Der Herr hat mich weit über meine Gedanken und meine Arbeit gesegnet. Es war hohe Zeit, dass den armen Menschen Hilfe kam. Es gab ganze Juchten, wo kein einziger war, der nicht den Teufeln opferte, alle Felder waren mit Theraphim<mfn>Als Teraphim (hebr. terafim) bezeichnet man kleine, transportable Hausgötter oder Orakelfiguren</mfn> erfüllt. Gewiss, diese dritte Reise hat meine Kräfte am meisten mitgenommen; aber das ist ein geringes gegen die Herzensfreude, dass, wird der Tod Christi an meinem Leibe offenbar, sein Leben sich offenbaren kann an meinen Kindern, den Finnen. Die im Anfange wie Bären und Wölfe gegen mich waren, sind nun bereit mir ans Ende der Welt zu folgen. Ihr könnet es frei heraussagen und alle Pforten der Hölle dürfen es hören, dass unser gnädigster König als ein rechter Josias durch das errichtete Missionswerk eine größere Tat getan hat als alle sonst regierenden Fürsten in Europa.“
Schon die Anstrengungen und Entbehrungen bei der zweiten Reise hatten seine Gesundheit angegriffen. Er verhehlte es nicht. „Wenn ich auch von dieser harten Winterzeit Zeichen an meinem Leibe trage, so tragen wohl auch alle Seelen, die ich behandelte, Zeichen von der Kraft Christi an sich.“
Seit der dritten scheint er gekränkelt zu haben. Dennoch widmete Westen, was ihm an Zeit und Kraft von den verdrussvollsten Verhandlungen mit den Bischöfen, von seinem Lektorat und den weitern Sorgen für die Finn-Marken übrig blieb, einer persönlichen Mission, deren Gegenstände in der Nähe von Drontheim sich fanden. Kleinere Finnen-Häuflein gab es hin und wieder am Fuße des nach Norwegen herunter sich streckenden Gebirges. Entweder er kam zu ihnen oder die Finnmänner suchten ihren Freund vertraulich auf. Nach einer dorthin gerichteten Reise schreibt sein Gefährte auf derselben: „Das Weinen der Finnen habe ich gesehen, man hätte denken sollen, sie müssten selbst mit hinfließen. Bei ihren Gebeten war ich gegenwärtig, und hörte sie, nicht hervor gepresste, sondern ausströmende.“ Über dieses Ereignis zu Stördalen zwei Meilen von Drontheim teilen wir zuletzt noch die eigne Äußerung des gesegneten Mannes mit. „So eben reiße ich mich los von den nunmehr bekehrten und von Herzensgrund christlichen Finnen zu Stördalen und Merager; sie haben allen Ernstes der Gewalt des Bösen entsagt. Obgleich sie mir im Anfange Mühe machten, so war doch der Schluss dieser, dass sie sich gar nicht von mir trennen wollten: nach meinem Kahn wollten sie schwimmen, nach meinem Pferde laufen, und ließen sich gar nicht trösten, wenn ich ihnen nicht einen Mann verschaffte, der die Worte, die ich ihnen gesagt, wiederholen und sie lesen lehren könnte.“
Noch hatte sich ein Haufe Finnen in den Amtssprengel des Bischofs von Christiania verirrt. Westen sehnte sich danach, sie besuchen zu dürfen, aber der Bischof gestattete ihm den Zugang nicht, und selbst das Missions-Kollegium fand Anstand ihm die Reise zu erlauben.
So bestanden seine letzten Arbeiten in schriftlichen Ausarbeitungen für den Dienst unter den Finnen und einer Beschreibung seines Missionswerkes, welche bis zum Jahre 1726 lief, aber leider nicht auf unsre Zeiten gekommen ist. Er unterlag am 9. April 1727, brachte also sein Leben auf 45 Jahre. Thomas von Westen war vor vielen mit Kampf und Arbeit nur auf Dank der geretteten Seelen und den darin mit verbürgten ewigen Lohn angewiesen. Er starb, da er Alles auf die Mission verwandt, so arm, dass er nicht so viel hinterließ, wovon er hätte bestattet werden können. Kein Amtsgeistlicher der norwegischen Kirche sprach an seinem Grabe. Die Finnen bewahrten sein Gedächtnis in sprichwörtlicher Feier seiner Liebe zu ihrem Volk.
- I. Nitzsch in Berlin.