Pamphilus

Pamphilus

Einsam und verödet liegen jetzt im Schutt die Ueberreste der Paläste, welche einst die herrliche Hafenstadt Cäsarea zierten, die Herodes der Große zu Ehren des Kaiser Augustus am mittelländischen Meere, etwa anderthalb Tagereisen von Jerusalem, hatte erbauen lassen. Dort hatte einst Petrus den Erstling der Heiden, den römischen Hauptmann Cornelius, mit seinen gleichgesinnten Freunden zu Christo bekehrt: dort hatte Paulus zwei Jahre im Gefängniß gesessen. Sehr früh war dort ein Bischofssitz gegründet worden, welchen um das Jahr 315 der berühmte Kirchengeschichtschreiber Eusebius einnahm und bis zu seinem Tode (340 n. Ch. G.) inne hatte. Diese Stadt war es auch, wo eine lange Reihe von Jahren hindurch der Presbyter Pamphilus lebte und wirkte und endlich in der letzten Christenverfolgung der römischen Kaiser Galerius und Maximinus sein Blut als Zeuge des christlichen Glaubens vergoß (310 n. Ch. G.), Eusebius liebte ihn als seinen väterlichen Freund und nannte sich nach ihm, wie man sich sonst wohl nach dem leiblichen Vater zu nennen pflegt, zur Unterscheidung von Andern seines Namens Eusebius Pamphili. Ein späterer Kirchenschriftsteller Nicephorus Callistius (im 14. Jahrh.) berichtet aus unbekannter Quelle, er sei ein Schwestersohn des Pamphilus gewesen, aus seinen eigenen Berichten wissen wir nur, daß er durch Bande der Liebe und Verehrung an Pamphilus geknüpft war. Eusebius hat auch sein Leben in drei Büchern beschrieben: aber diese Schrift ist leider verloren gegangen und so müssen wir uns mit den spärlichen Nachrichten behelfen, welche beiläufig des ehrwürdigen Mannes erwähnen.

Pamphilus mochte um die Mitte des Dritten Jahrhunderts geboren sein, wo nach längerer erschlaffender Ruhe die Verfolgungen der Kaiser Decius und Valerianus die Inbrunst des christlichen Glaubens und die Zucht der Kirche neu erweckt hatten. In Cäsarea lernte er gewiß schon als Jüngling den Namen des Origenes verehren, des feurigen Bekenners Christi, des Begründers der christlichen Wissenschaft, der daselbst lange sich aufgehalten und sein unsterbliches Werk, die vergleichende Zusammenstellung der griechischen Uebersetzungen des alten Testamentes, mit eisernem Fleiße vollendet hatte. So entzündete sich auch in Pamphilus frühzeitig ein glühender Eifer, Christo und der Kirche zu dienen und die Hülfsmittel der wissenschaftlichen Bildung zur Erziehung der Jugend und der Geistlichen zu verwenden. Als er Presbyter geworden, opferte er sich ganz für diesen Zweck auf. Eusebius faßt in seiner Schrift über die Blutzeugen Palästina’s das Bild seines Lebens in folgenden Zügen kurz zusammen: „Er war ein Mann, der in seinem ganzen Leben durch jegliche Tugend sich auszeichnete: er entsagte den irdischen Gütern und Genüssen, theilte reichlich von seinem Vermögen den Armen mit, suchte nichts in dieser Welt, lebte in strengen Uebungen und Entsagungen. Vorzüglich aber that er sich unter allen Zeitgenossen durch die innigste Liebe zu der heiligen Schrift und durch den beharrlichsten Eifer in allen seinen Unternehmungen hervor, so wie durch die liebevollsten Bemühungen, seinen Angehörigen und Allen, die sich ihm näherten, zu dienen und nützlich zu werden.“ Er gründete bei der Kirche zu Cäsarea eine Büchersammlung, die zur Beförderung wissenschaftlicher Studien noch im vierten Jahrhundert viel beitrug: er besorgte zahlreiche Abschriften der heiligen Schrift, welche er an Bibelleser, Männer und Frauen, bereitwillig auslieh, wohl auch verschenkte: er legte eine förmliche Schule für Schriftauslegung und christliche Lehre an, in welcher wahrscheinlich auch Eusebius unter seiner väterlichen Leitung gestanden hat.

Pamphilus verstand den Geist des Origenes durch die Liebe, mit welcher er seine ganze Person auffaßte, und wurde nicht durch einzelne ungenaue Ausdrücke, gewagte Behauptungen und falsche Ansichten irre, die sich in seinen Schriften entdecken ließen. Aber nicht alle seine Zeitgenossen urtheilten so billig und es mochte wohl auch nöthig sein, daß die Meinungen des großen frommen Kirchenlehrers einer Sichtung unterworfen wurden, wie dieses von verschiedenen Seiten, besonders durch Methodius, Bischof von Tyrus, der im J. 311 als Märtyrer der letzten Christenverfolgung des römischen Reichs unterlag, geschehen ist. Nun erhob sich aber ein so leidenschaftlicher Sturm gegen die Schriften des Origenes, daß man Jeden verdächtigte, der sie nur las, und viel lieber die heidnischen Dichter und Philosophen als ein Werk dieses frommen Schriftgelehrten in den Händen eines christlichen Bruders schuldete. Dieser Angriff fiel in die Zeit, da die Verfolgung in Palästina und Aegypten schon viele Opfer forderte, und christliche Bekenner, die schaarenweise in die Bergwerke zur Strafarbeit wandern mußten, nahmen die ungünstigsten Vorurtheile gegen Origenes mit in die Verbannung, oft ohne eine Zeile von ihm gelesen zu haben. Das that dem Pamphilus besonders leid, und, als er selbst schon von dem wüthenden Christenfeinde, dem römischen Landpfleger in Cäsarea, Firmilianus, ins Gefängniß geworfen war, beschäftigte er sich noch mit einer Vertheidigungsschrift für Origenes, die er den zur Bergwerksarbeit in Palästina verurtheilten christlichen Bekennern widmete. Er konnte das Werk nicht vollenden: über dem fünften Buche ereilte ihn die Stunde des Märtyrertodes: aber sein Freund und Jünger Eusebius fügte das sechste und letzte Buch noch hinzu. Nur Bruchstücke davon haben sich bis auf uns erhalten.

Die Verfolgung, in welcher Pamphilus als Zeuge Christi getödtet ward, begann auf des Kaiser Diocletian Befehl im Frühjahr 303 in Nikomedien und wurde nach Abdankung dieses Herrschers durch Galerius, den er schon früher zum Mitregenten erhoben hatte, noch verschärft. Schon im Jahre 308 war Pamphilus mit Valens, einem ehrwürdigen greisen Diakonus aus Jerusalem, das damals Aelia Capitolina hieß, und mit einem glaubensfeurigen Jüngling aus Jamnia, Namens Paulus, ins Gefängniß geworfen worden. Diese Drei lagen bereits zwei Jahre im Kerker, als ein vielleicht unzeitiger Eifer einiger ägyptischen Christen im Frühjahre 310 ihre Hinrichtung veranlaßte. Fünf Aegyptier hatten die Bekenner, die in den cilicischen Bergwerken arbeiten mußten, besucht, um ihnen Trost in ihrem Elende zu bringen. Auf dem Rückweg wurden sie an dem Thore von Cäsarea befragt, wer sie wären, und bekannten freimüthig sich als Christen. Die Wache führt sie vor Firmilianus und nach einer kecken Antwort werden sie in den Kerker geworfen. Am folgenden Tage – es war der 16. Februar des Jahres 310 – müssen sie nebst Pamphilus und dessen Mitgefangenen vor Gericht erscheinen, nachdem sie vorher mit verschiedenen Marterwerkzeugen gequält sind. Der Landpfleger fragt, wie sie heißen. Der Kühnste unter ihnen nennt statt ihrer heidnischen Familiennamen fünf Prophetennamen, Elias, Jeremias, Jesajas, Samuel und Daniel. Und wo sie der seien: „Von Jerusalem!“ antwortet derselbe. Was für eine Stadt dies wäre? „Die Stadt der wahren Gottesverehrer.“ Wo sie läge? „Im Morgenlande, wo die Sonne aufgeht.“ Der Landpfleger suchte nun mit vielen – Fragen und wiederholten Peinigungen das Geständniß zu erzwingen, wo diese Stadt zu finden sei: denn er meinte, es sei vielleicht eine feindliche Stadt an den östlichen Gränzen des römischen Gebiets. Das irdische Jerusalem in Palästina kannte er nur unter dem Namen Aelia (Capitolina), den es seit Kaiser Hadrian in der römischen Staats-Geographie führte, und konnte deshalb an dasselbe nicht denken. Da er nichts weiter herauspressen kann, verurtheilt er die fünf Aegyptier zum Tode. Nun beginnt er das Verhör mit Pamphilus und dessen beiden Genossen, und da sie standhaft ihrem früheren Geständnisse treu bleiben, spricht er auch über sie das Todesurtheil. Ehe dasselbe noch vollzogen wurde, erhob sich aus der umstehenden Menge die Stimme eines Jünglings, der da ausrief, die Leichname dürften wenigstens nicht unbegraben liegen bleiben, sondern müßten ehrlich bestattet werden. Der Jüngling war Porphyrius, ein Diener und Hausgenosse des Pamphilus, der seinem Herrn und dem christlichen Glauben von ganzer Seele ergeben war. Der Landpfleger läßt ihn sogleich ergreifen und fragt ihn, ob er ein Christ sei: da er dies bekennt, gebietet er ihm zu opfern und, wie er dies als Abgötterei verweigert, wird er furchtbar zermartert. Er bleibt fest und duldet Alles schweigend und heitern Angesichts. Hierauf wird er zum Feuertode verurtheilt: sogleich wird ein Scheiterhaufen errichtet, und an einen Pfahl gebunden wird er den Flammen übergeben. Als die Flamme ihn erfaßte, rief er: Herr Jesu, erbarme dich meiner! und weiter hörte man keinen Laut von ihm. Pamphilus war nicht selbst Augenzeuge von diesem standhaften Leiden seines Dieners. Aber ein gewisser Seleucus, der früher Soldat gewesen, ein schöner Mann von hoher Gestalt, eilte zu ihm, um ihm Alles zu berichten, und begrüßte Einen der Märtyrer mit einem Kuß. Er hatte früher schon als Soldat um des Glaubens willen harte Strafen erlitten, später sich ganz den Uebungen der Frömmigkeit ergeben, und war ein Pfleger der Witwen und Waisen geworden. So wie der Landpfleger seine Liebe zu den verurtheilten Christen bemerkte, ließ er ihn vor sich führen und verurtheilte auch ihn zum Tode. Und so führte die Theilnahme an den Märtyrern noch mehrere Christen herbei, die auf gleiche Weise Leidensgenossen dieser frommen Männer wurden. Ein Kranz von Märtyrern umgab den ehrwürdigen Pamphilus, als er sein gesegnetes Leben in Christo durch die Treue bis in den Tod krönte. Das sterbende Heidenthum befleckte sich noch in seinen letzten Zuckungen mit Strömen unschuldig vergossenen Blutes. Niemand soll sagen, daß das Heidenthum nur durch seine eigene Schwäche, nicht durch die Kraft des siegreichen Bekenntnisses Christi gefallen sei: es hätte noch lange gleich einen Schwindsüchtigen sein Dasein fristen und die Völker im geistlichen Tode erhalten können, wenn nicht der Geist Christi in seinen Gläubigen zum Heile der Welt den Untergang des Götzendienstes im römischen Reiche beschleunigt hätte. Pamphilus aber gehörte durch seinen Glauben, seine Lehre, seinen Wandel und seinen Tod zu den Männern, welche in der letzten Zeit des Kampfes mit dem heidnischen Rom als Streiter Gottes die Welt überwanden.

H. E. Schmieder in Wittenberg.

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