Lioba

Lioba

Lioba.

Aus Irland waren die Glaubensboten herübergekommen in die deutschen Lande: Fridolin, der Alemannen-Apostel, Kolumban, der an dem Bodensee und in Italien wirkte, Gallus sein Schüler, Offo, Landolin, Trutbert, Kilian, Pirmin und andere. Aus Irland kam auch der Mann herüber, welchen man billig den Apostel der Deutschen nennt: Winfried oder Bonifacius. Von heiligem Eifer der Liebe Christi getrieben, bekam er einen doppelten Beruf: die deutschen Völker (Thüringer, Hessen, Sachsen) für das Christenthum zu gewinnen, und das Christenthum bei den Neubekehrten durch kirchliche Ordnungen sicher zu stellen. Im Jahre 723 wurde er in Rom von Papst Gregor dem zweiten zum Bischof geweiht, später wurde er Erzbischof von Germanien und bekam seinen Sitz in Mainz. Da er auf dem großen Ackerfelde wenig Arbeiter hatte, ließ er durch Boten und Briefe aus England gelehrte und fromme Priester kommen, die ihm halfen die christliche Lehre ausbreiten. Darauf richtete er auch Klöster ein, sandte im Jahr 748 seinen Schüler Sturm nach Italien in das Kloster Monte Cassino, um dort die Klosterordnungen und das Mönchsleben kennen zu lernen. Zur Gründung von Frauenklöstern, in denen das weibliche Geschlecht in christlicher Lehre und Gottesfurcht Unterricht empfangen sollte, wandte er sich nach England.

In dem englischen Kloster Winburn (in der Landschaft Dorsetshire) lebte eine Verwandte von Bonifacius, Lioba. Ihre Eltern waren fromme Leute von adlichem Geschlecht. Sie hatten bis in ihr Alter keine Kinder. Da wurde eine Tochter geboren, von der ein bedeutsamer Traum die Mutter ermahnte, sie später dem Herrn zu widmen. Sie wurde Truthgeba genannt, mit dem Beinamen Lioba, und später der Vorsteherin des Klosters zu Winburn, der heiligen Mutter Tetta, übergeben, daß sie in den christlichen Wissenschaften unterrichtet würde. Dies geschah um 723. Das Mägdlein wuchs in der Aebtissin und der Schwestern sorgfältiger Pflege heran und kannte nichts als das Kloster und das Erlernen der himmlischen Wissenschaft. Sie hatte kein Ergötzen an unpassenden Scherzen und Jugendmährlein, sondern war voll Sehnsucht nach Christus, immer begierig nach Gottes Wort. Das Gehörte oder Gelesene prägte sie dem Gedächtniß ein und übte die Gebote Gottes. Im Essen und Trinken war sie mäßig, zufrieden mit dem was dargereicht wurde. Sie betete anhaltend; wenn sie nicht las, arbeitete sie mit ihren Händen. Sie war bei allen Schwestern beliebt, lernte von allen, gehorchte allen. Am meisten aber befliß sie sich der Liebe. Sie war, schon da sie im Kloster lebte, mit Bonifacius in Briefwechsel, und es sind noch lateinische Briefe vorhanden, die sie ihm geschrieben. Sie zeigte gegen ihn, der von ihrer Mutter her mit ihr verwandt war, großes zutrauen, und auch er schätzte sie hoch, und erbat sie sich zur Unterstützung seines Werkes, da sie durch ihr heiliges Leben und ihre christliche Erfahrung vielfach nützlich werden konnte. Sie besaß große Tugenden und eine besondere Kraft in Ausführung ihres Vorhabens. Weder durch Vaterland noch Verwandte ließ sie sich abhalten, und bestrebte sich nur, Gott zu gefallen, und allen die ihr gehorchten in Wort und Wandel ein Vorbild des Heils zu sein. Sie hütete sich immer, andre zu lehren, was sie selber nicht gethan, hielt sich frei von allem Stolze und bewies sich leutselig und wohlwollend ohne Ansehen der Person.

So kam Lioba (Leobgytha nennt sie sich in ihren Briefen) um 748 nach Deutschland, ungern daheim entlassen und von Bonifacius mit aller Ehrerbietung aufgenommen. Er errichtete ihr ein Kloster zu Bischofsheim, einem Dorfe an der Tauber, in der Nähe von Würzburg, machte sie zur Aebtissinn desselben und zur Obervorsteherin aller christlichen Jungfrauen. Hier sammelte sich eine große Zahl von Mägden des Herrn um sie, welche nach dem Vorbild der Meisterin in himmlischen Wissenschaften unterwiesen wurden, so daß manche von ihnen auch anderwärts als Vorsteherinnen berufen wurden und zuletzt nur wenige Frauenklöster in jenen Gegenden waren, an deren Spitze nicht Schülerinnen von Lioba standen. Sie war holdselig von Ansehen, lieblich in der Rede, helles Verstandes und stets heiteres Sinnes. Nie hörte man eine Verwünschung aus ihrem Munde. Speise und Trank reichte sie Andern mit großer Freundlichkeit; auch sie genoß, aber wenig. Sie war fleißig im Lesen. Die Bibel kam selten aus ihren Händen. Sie hatte sich von Kindheit auf die Anfangsgründe der lateinischen Sprache und andere Wissenschaften zu eigen gemacht, und wurde durch die Gaben der Natur und ihren Fleiß eine der gelehrtesten Nonnen. Sie kannte das alte und neue Testament, die Aussprüche der heiligen Väter, die Kirchenordnungen und das Kirchenrecht. In allen ihren Handlungen hielt sie auf Ordnung und Pünktlichkeit. Auch im Wachen beobachtete sie Maß. Den Sommer hindurch ruhte sie und auch ihre untergebenen Schwestern etwas nach dem Mittagessen: denn sie sagte, wenn der Schlaf genommen sei, so sei der Sinn genommen, besonders zum Lesen. Sie ließ sich von den jüngern Schwestern oft vorlesen, auch wenn sie schlief, und merkte es, wenn sie auch nur eine Silbe übergingen. Die Tugend der Demuth übte Lioba treulich, auch die Gastfreiheit gegen jedermann. Dieser ihr frommer Wandel machte tiefen Eindruck auf die Gemüther. Viele Edle übergaben ihre Töchter an Klöster, viele Matronen nahmen den Schleier, und von Bischofsheim aus, wo sie wohnte, verbreitete sich durch ihr Wirken viel Segen des Christenthums. Ihr zur Seite wirkten in verschiedenen Gegenden, wie sie von Bonifacius gerufen, mehrere christliche Jungfrauen, Chunibilt, Thekla (eine Verwandte Lioba’s), Walpurgis und andre, als Vorsteherinnen von Klöstern in Franken und Baiern. In den Briefen von Bonifacius an Lioba gedenkt er derselben als seiner ehrwürdigen und geliebtesten Schwestern.

Als Bonifacius in hohem Alter der kirchlichen Sorgen müde, in Sehnsucht nach der Thätigkeit seiner Jugend als Heidenmissionar sich rüstete, nach Friesland abzugeben, und sein Mainzer Erzbisthum 754 niedergelegt hatte, empfahl er seinem Schüler und Nachfolger Lullus das Volk der Gläubigen, die Predigt, den Kirchenbau und besonders das Kloster Fulda, in dessen Kirche er wolle begraben sein. Darauf ließ er Lioba kommen und ermahnte sie, in diesem Land und ihrem Berufe auszuharren. Man dürfe die Gebrechlichkeit des Körpers nicht ansehen. Die Zeit dieses Lebens sei gering gegen die Ewigkeit, die Leiden dieser Zeit gering gegen die Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Er empfahl sie dem Bischofe Lullus und den Mönchen zu Fulda. Auch sprach er den Wunsch aus, daß sie nach ihrem Tode an seiner Seite begraben werde. Sie wollten, sagte er, gemeinschaftlich den Tag der Auferstehung erwarten, da sie gemeinschaftlich Christo in ihrem Leben gedient. So reiste er nach Friesland ab, wo er nach einer nicht fruchtlosen Thätigkeit am 5. Juni 755 den Märtyrertod fand. Sein Leichnam wurde nach Fulda gebracht und da begraben.

Lioba blieb nach seinem Abschiede, ihrem Versprechen gemäß, unbeweglich in dem Worte Gottes und gewann noch bei ihren Lebzeiten den Ruhm der Heiligkeit. Sie war auch bei Königen hochgeehrt. Pippin der Frankenkönig und seine beiden Söhne, Karlmann und Karl der Große, besonders aber der letztere, als er Alleinherr des großen Reiches geworden, erkannten ihren Werth und freuten sich ihrer Gesellschaft. Karl lud sie öfter an seinen Hof und beschenkte sie. Besonders große Anhänglichkeit an Lioba zeigte Karls zweite Gemahlin Hildegard und hätte sie gern immer in ihrer Nähe gehabt. Ihr aber war der Lärm der kaiserlichen Pfalzen ein Abscheu. Auch begehrte man anderswo gleich sehr ihres Beistandes. Die Bischöfe besprachen sich gerne mit ihr und fragten sie um Rath über kirchliche Ordnungen. Fleißig besuchte sie die Nonnenklöster, die ihrer Leitung anvertraut waren, und genoß das Vorrecht, auch zuweilen die Mönche in der Abtei Fulda besuchen zu dürfen.

In hohem Alter traf sie noch einmal Ordnungen für alle ihre Klöster, und weilte auf den Rath des Bischofs Lulus längere Zeit in dem Kloster Schonersheim in der Nähe von Mainz. Fieber gelangte an sie die Bitte der Königin Hildegard, die mit ihrem Gemahl in Aachen war, sie zu besuchen. Lioba ging hin, wurde von der Königin aufs freundlichste empfangen, weigerte sich aber länger bei ihr zu bleiben. Beim Abschied küßte sie der Königin Mund, Stirn und Augen, und sagte: lebe ewig wohl, geliebteste Herrin und Schwester, lebe wohl, kostbarer Theil meiner Seele. Christus unser Schöpfer und Erlöser gebe, daß wir uns am Tage des Gerichtes ohne Beschämung wiedersehen. Sie kehrte in das Kloster Schonersheim zurück. Nach wenigen Tagen fühlte sie sich unwohl und genoß zur Wegzehrung auf ihr Ende aus der Hand ihres treuen Dieners, des Priesters Tornbert aus England, Christi Leib und Blut. Darauf gab sie ihre Seele dem Schöpfer heim, den 28. September des Jahres 779. Ihr Leib wurde nach Fulda gebracht, und später neben den Ueberresten ihres Freundes und Vaters Bonifacius beigesetzt. Nur wenige Namen der Klöster und Kirchen, die sie gründen helfen, sind bekannt. Zu Liebenzell, einem Städtchen und Badeort im württembergischen Schwarzwalde, nahe bei Hirschau, soll auch, wie die Sage meldet, ein Kloster oder Zelle von ihr gegründet worden sein, daher der Name des Ortes; die warme Quelle verdanke den Thränen ihren Ursprung, welche die Heilige dort über das Elend der Heiden geweint.

Danken wir Gott, der auch diese Jungfrau als Werkzeug gebraucht, sein Heil in unsern Landen zu offenbaren und sie für den Dienst seines Sohnes mit so herrlichen Gaben ausgerüstet. Da ist nicht Mann noch Weib, ihr seid allzumal Einer in Christo Jesu, zu verkündigen die Tugenden des, der euch berufen hat von der Finsterniß zu seinem wunderbaren Lichte.

Ernst Fink in Flenau.

Kommentare sind geschlossen.