Stephanus, Diakon und Märtyrer

Stephanus, Diakon und Märtyrer

Der Erstling unter denen, die mit dem Tode ihren Glauben bezeugten, hat nicht bloß die Märtyrerkrone auf dem Haupte, er ist selber die Krone der Märtyrer. Stephanus gehört zu den Wenigen, welche gleich dem, in dessen Namen Alle selig werden, auch waren was sie hießen. Kranz oder Krone heißt Stephanus auf deutsch und war er nicht der Kranz der Ehren auf der reinen, vom Zeugenblute herrlich gerötheten Stirne der jungen Kreuz-Gemeine? Mit dem Lieblingsjünger des Herrn ist Stephanus, der beredte, schöne, begeisterte Jüngling die Lieblingsgestalt des Neuen Testamentes und derer, die es lieb haben. Ja die Kirche hat im Reigen der Zeugen, deren Gedächtniß sie festlich begeht, einem Stephanus selbst den Vortritt vor einem Johannes gelassen, indem sie nach des Herrn Geburtstag in’s Fleischesleben des ersten Blutzeugen Geburtstag in’s ewige Leben setzte. Wie der alte Kirchenlehrer sagt: Christus zog für uns den Menschen an, Stephanus zog ihn für Christum aus. St. Stephanstag soll als zweiter Weihnachtstag dem sinnenden Gemüthe lehren: willst du Christi Leben in dir haben, so mußt du mit ihm zum Tode gehen und damit du in ihm sterben könntest ist er für dich geboren worden.

Der heilige Lukas berichtet in der Apostelgeschichte (1, 14) wie die Jünger einmüthig bei einander waren mit beten und flehen und sammt denen, die durch sie gläubig wurden, beständig blieben in der Gemeinschaft und im Brotbrechen (2, 42 ff.). Alle Gläubigen waren täglich beisammen im Tempel und ihre gemeinsamen Mahlzeiten hielten sie in den Häusern herum. Der Hausvater brach da das Brod unter Gebet und Danksagung und sprach den Segen, zum Schlusse verwandelte sich das tägliche „Liebesmahl“ in ein heiliges Abendmahl, indem unter Heiligen Gesängen das gesegnete Brod genossen wurde und der gesegnete Kelch in die Runde ging.

Wenn schon im Heidenthum das Wort galt: Freunden ist Alles gemeinsam, so trieb die ersten Christen die Liebe des Gekreuzigten noch vielmehr, nicht auf das Ihre zu sehen, sondern auf das was des Bruders ist. „Sie hielten Alles gemein.“ Nach des Herrn Wort: „verkaufet was ihr habt und gebet Almosen, machet euch einen Schatz, der nicht abnimmt im Himmel,“ verkauften sie Güter und Habe aus freier Hand und stellten das Vermögen der Gemeinde zu freier Verfügung. So war die Menge der Gläubigen ein Herz und eine Seele, keiner sagte von seinen Gütern, daß sie sein wären, jeder sah im eigenen Besitz nur ein Gemeinde-Gut. Mithin war kein Bettler, keiner der Mangel hatte, aus dem gemeinsamen Beutel gab man einem Jeglichen, was ihm noth war. Ein Zug freiwillig sich selbst und das Eigene hingebender Liebe ergriff die Herzen, die Regel machte sich von selbst ohne Gesetz und Zwang. Kein Wunder aber auch wenn an diese neue Kirche der gläubigen Liebe Satan gleich seine Kapelle der selbstsüchtigen Lüge anbauen wollte. Ananias und sein Weib Sapphira wollten auch nicht zurückbleiben, verkauften einen Acker, behielten aber einen Theil und legten den andern als sei es der ganze Erlös zu der Apostel Füßen. Sie hätten das Gut behalten mögen und auch der Erlös war in ihrer Gewalt, nachdem sie ihn aber einmal als eine Liebesgabe an die Gemeindekasse erklärt und doch heuchlerisch und lügnerisch ihr einen Theil entzogen, fielen die vom Satan erfüllten Herzen dem Strafgerichte des Heiligen Geistes, des Geistes der Wahrheit und der ungefärbten Bruderliebe anheim. Er schlug die Heuchler, daß sie todt niederfielen. Man verscharrte sie neben einander, und vielleicht war Stephanus unter den „Jünglingen“ die sie hinaustrugen an ihren Ort.

Der heilsame Schrecken, den dieses Gerichtswunder in und außer der Gemeinde verbreitete, wirkte reinigend und mehrend nach innen und außen. Als aber die Gemeinde sich bedeutend vergrößerte, wurde unter den griechisch redenden, von auswärts gekommenen Judenchristen – theils gebornen und übergetretenen Heiden, theils gebornen Juden, welche die damalige griechische Weltsprache redeten und nun Christen geworden waren – eine Unzufriedenheit laut gegen die hebräisch redenden und in Palästina wohnenden Judenchrisien, daß ihre Witwen bei der täglichen Verpflegung und Kostreichung übersehen würden. Sogleich beriefen die Zwölfe die in Jerusalem vorhandenen Christen in eine große Versammlung und trugen ihr vor, wie es nicht mehr wohl angehe, daß sie sich wie bisher persönlich der Bedienung bei Tische widmen, es müsse darunter nothwendig ihr Hauptberuf, der Dienst am Worte leiden und könnte bei der wachsenden Christenzahl auch, so gerne sie dem lieblichen Beispiele des Meisters: wer der Größte sei, solle aller Diener sein, folgen und in jeder Beziehung Haus- und Brodväter der Gemeinde sein wollten, selbst die leibliche Bedienung nicht in vollkommener Ordnung geschehen. Wenn sie nicht überall selbst ab- und ankommen konnten, durch Dritte sich vertreten ließen, und dann namentlich verschämte Arme und Witwen sich nicht zu den Tischen heranwagten, mußte Unzufriedenheit entstehen. Die Gemeinde solle daher sieben Männer von gutem Leumund ersehen, die voll heiligen Geistes und Weisheit zu diesem Geschäfte brauchbar wären, indeß die Apostel dem Gebete und der Predigt ungestört leben könnten..

Die glückliche Erstlingsgemeinde fand bald die nöthigen Männer. Vor den fiel die Wahl auf Stephanus, „einen Mann voll Glaubens und heiligen Geistes.“ Zu ihm hin wurden noch sechs andere erkoren, so daß wohl drei aus den palästinensischen, drei aus den ausländischen Judenchristen und einer, Nikolaus von Antiochia, aus den erst vom Heidenthum in’s Judenthum übergetretenen und nun an Jesum gläubig gewordenen Christen genommen wurden. Diese Männer – nicht bloß von bürgerlicher Ehrbarkeit und äußerlicher Geschäftstüchtigkeit, sondern voll Glaubens und heiligen Geistes – wurden unter Gebet und Handauflegung von den Aposteln zu „Diakonen“ oder Armenpflegern geweiht. Sie waren damit gesetzt über die Güter der Gemeinde und sollten vornämlich für die Kostreichung und Bedienung bei den gemeinsamen Liebesmahlen sorgen.

Hiemit war eine Anstalt getroffen, die zur Zierde und Ausbreitung des jungen Christenthums die herrlichsten Dienste that. Von solcher geheiligten und geordneten, freiwilligen und persönlichen Liebesthätigkeit überrascht und angezogen, gab die lauschende heidnische und jüdische Umgebung lautes Zeugniß mit dem Ausrufe, den die Geschichte uns aufbewahrt hat: „Seht, wie haben sich diese Leute so lieb!“ Und was hier in ersten Grundzügen einfach für die einfachen Verhältnisse apostolisch geordnet war, wurde weiterhin ausgebildete kirchliche Ordnung. Der Apostel Paulus versäumte nicht, dieses Heilige Amt der Armen- und Kranken-, Witwen- und Waisenpflege als geordnete Verwaltung der Gemeindegüter in seinen neugestifteten Gemeinden zu pflanzen und zu begießen. Seinem Timotheus schreibt er (1. Brief, 3, 8. 5, 4.) die Erfordernisse zu solch einem Diener („Diakonus“), daß er nämlich ehrbar, lauter, mäßig, nur einmal verheirathet, ein guter Erzieher und Hausvater und überall wohl erprobt sein müsse, daß er keine unehrliche Handtierung treiben dürfe, und das Geheimniß des Glaubens in reinem Gewissen haben müsse. Deßgleichen dürfen für die weiblichen Armen und Kranken zu Pflegerinnen („Diakonissinnen“) genommen werden nur untadelige, einmal verheirathete, nicht unter 60 Jahr alte Witwen, welche sich als geordnete Haushälterinnen und Erzieherinnen, gastfrei, mildthätig, dienstfertig bewährt hätten. Eine solche barmherzige Schwester war die Phöbe, welche der Apostel Röm. 16, 1. empfiehlt.

So mußte der Mann das Diakonenamt am kräftigsten fördern helfen, welcher den ersten Diakonus half zum ersten Märtyrer machen. Stephanus nämlich, der reichbegnadigte und geheiligte, entfaltete in rastlosem Glaubens- und Liebeseifer eine wunderbare Thätigkeit. Mit Wort und Werk war er ein Zeichen vor allem Volke, was ein Mann vermöge, den der Geist und die Liebe Christi dringet. Natürlich wurde dem Zeichen und Zeugniß widersprochen. Namentlich mit Leuten aus der Genossenschaft der Juden, welche als Sklaven nach Rom geführt und daselbst frei geworden waren und ihrer Söhne (Libertiner), ferner mit einigen aus der Schulgemeinde der cyrenischen, alexandrinischen, kleinasiatischen und cilicischen Juden mußte er sich herumstreiten. Aber sie vermochten mit all ihrer jüdischen Schriftgelehrsamkeit und weltlichen Spitzfindigkeit der einfältigen Gottesweisheit in Stephanus nicht zu widerstehen, und eilten, aus dem Schulgezänke eine Volksbewegung zu machen und durch Unterstellung falscher Zeugen den Mann voll heiligen Geistes als Gotteslästerer, Gesetzesverächter, Tempelzerstörer vor das Ketzergericht des hohen Rathes zu schleppen. Man habe ihn sagen hören: „Jesus dieser Nazarener werde diese heilige Stätte zerstören und die von Moses her geltenden Gesetze und Sitten ändern.“

Für Stephanus war die schönste Stunde seines Lebens gekommen, er durfte dem Tode seines Herrn ähnlich werden. Keine Spur von Angst oder Schrecken – sein schönes Antlitz strahlte verklärt wie eines Engels Angesicht; alle Blicke selbst seiner Gegner hingen an dem holdseligen Jüngling, der mit bescheidener Freimüthigkeit sich an seine „lieben Brüder und Väter“ mit einer Rede wandte, welche uns in der Apostelgeschichte (Kap. 7.) als ein Zeugniß seines hellen Blickes und seiner überlegenen Kraft aufbehalten ist. Er zeigte, wie er das Alte Testament in Ehren zu halten wisse, und seinen Moses und den Tempel besser verstehe als seine Kläger, welche ächte Söhne ihrer Väter seien. Wie diese keinem Moses folgten und keinen Propheten unverfolgt ließen, so haben auch sie kein göttliches Gesetz gehalten und seien an dem von Moses und den Propheten Verkündigten zu Verräthern und Mördern geworden – „da sie solches hörten, ging’s ihnen durch’s Herz und bissen die Zähne zusammen über ihm.“ Er aber voll Heiligen Geistes sah auf gen Himmel und sprach von dem was er dort sah: die Herrlichkeit Gottes und Jesum zu seiner Rechten stehend – ihm mit der Krone des Lebens winkend und die Palme des Sieges ihm entgegensendend. Mit lautem Geschrei, ihre Ohren vor solcher Gotteslästerung zuhaltend, stürmten sie auf ihn ein, stießen ihn vor die Stadt hinaus und steinigten ihn. Man zeigt noch heute den Platz der Steinigung vor der östlichen Mauer Jerusalems. Unter der Steinigung rief Stephanus an: HErr Jesu nimm meinen Geist auf. Auf die Kniee sich niederlassend schrie er laut: HErr behalt ihnen diese Sünde nicht! Und als er das gesagt, entschlief er.

Die falschen Zeugen, welche den ersten Steinwurf thun mußten, legten ihre Kleider ab zu den Füßen eines Jünglings, der hieß Saulus. Saulus hatte Wohlgefallen an seinem Tode. Das Gewitter war noch nicht vorüber; der Blitz hatte die Krone herabgeschlagen, der Sturm wüthete fort in den Aesten, am selbigen Tage erhub sich eine große Verfolgung über die Gemeine zu Jerusalem, Saulus voran zog Männer und Weiber aus den Häusern hervor in’s Gefängniß, alles was fliehen konnte, floh in andere Orte Judäa’s und Samaria’s. Nur die Apostel blieben heldenmüthig gleich dem unzerbrechlichen Eichenstamme auf ihrem Platze. Indessen gingen die, welche zerstreut waren, um und predigten das Wort. Was die Menschen gedachten böse zu machen, wußte Gott gut zu machen – auf den Fittigen des Sturmes mußte der Blüthenstaub vom jungen Lebensbaume der Menschheit in die Ferne getragen werden. Stephanus aber ward würdig begraben von gottesfürchtigen Juden, die das junge, geopferte, „einer bessern Sache würdige“ Leben beklagten. Das Blut des ersten Märtyrers düngte den vom Sturm der Verfolgung durchwühlten Boden der ersten Kirche; die Steine, die den einen Jüngling zum Tode trafen, trafen den andern Jüngling zum Leben: Saulus konnte den Stachel jenes Todes nicht verwinden bis er den gefunden, der allem Tode den Stachel nahm.

Stephanus starb etwa 37 Jahre nach seines Herrn Geburt. Im Anfang des 5ten Jahrhunderts wollte man seine Gebeine wieder auffinden, und die Verehrung, die von Anfang dem ersten Diakonus und Märtyrer gezollt wurde, fand ihren besondern Feiertag am zweiten Weihnachtstage. Eine Menge von Städten erwählten sich den Jüngling mit dem Stein auf dem Kopfe oder in der Hand zu ihrem Schubherrn. Seines Namens Gedächtniß konnte auch in der evangelischen Kirche nie verschwinden, wohl aber leider das seines Amtes. Nun aber in dieser letzten betrübten Zeit, da der gerichtete Aufruhr mit dem Worte „Vater ich komme um Rache für meine Mörder zu beten!“ vor die tödtenden Kugeln tritt, nun ist’s hohe Zeit, daß die evangelische Kirche wieder aufschaue zu diesem Stern erster Größe am Himmel des bekennenden Glaubens und der dienenden Liebe. Stephanus, der Blutzeuge und Stephanus, der Diakon müsse dem evangelischen Deutschland als glänzendes Vorbild auf den dunkeln Gängen seiner Diakonen und Diakonissinnen, als leuchtender Hoffnungsstern gelten für die Freuden und Leiden ihrer „innern Mission.“

H. Merz in Schwäbisch Hall.

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