Joachim von Floris

Joachim von Floris

In den Anfängen desjenigen Jahrhunderts, welches den Höhepunkt des Mittelalters in Wissenschaft und Kunst bezeichnet, um die Zeit, da die Macht des Papstthums ihren Gipfel erreichte, ums J. 1202 schied aus der streitenden Kirche Joachim, Abt von Floris, ein frommer, mit tiefer Einsicht in das Wort und in die Wege Gottes begabter Mann, der als ein wahrer Prophet bei Vielen in seiner und in den darauffolgenden Zeiten galt, als ein die bessere Zeit weissagender Zeuge der Wahrheit auch in der evangelischen Kirche Anerkennung gefunden hat. – Ein Prophet? Freilich die Zeit der Propheten, der von Gott persönlich berufenen Männer, welche auf Grund der uralten Verheißung die Erlösung vom alten Fluch und den Segen, der von Abrahams Samen über alle Geschlechter sich ausbreiten sollte, bald mehr in dunkeln Andeutungen, bald in hellen Anschauungen und klaren Bildern einer über die ganze Erde sich erstreckenden Erkenntniß und Anbetung des lebendigen Gottes, eines Alles umfassenden Reiches der Gerechtigkeit und des Friedens, und eines Königes, der ein Held ist und ein Friedefürst, ein die Schuld der Sünde sühnender Dulder und ein milder frommer Herrscher – die Zeit der Propheten, welche Solches aus unmittelbarer göttlicher Offenbarung, die in Wort und Gesichten und anderen Weisen an sie ergangen, verkündigt und vorgezeichnet haben, war geschlossen. Aber wie es auch außerhalb Israels eine Art Weissagung gab: zarte und tiefe Ahnungen des Heils, wenn auch in viel Dunkel gehüllt und mit viel Irrthum vermengt; so hat das Weissagen auch über die Zeit der Erfüllung der Verheißung in Jesu Christo und einem Erlösungswerke und dessen beginnender Verwirklichung hinausgereicht. Unter den Gaben des Jesum verklärenden heiligen Geistes ist auch die Gabe der Prophetie, des in Geistes-Kraft und -Schwung erfolgten Aussprechens der Geheimnisse gemäß den empfangenen Einblicken in die göttlichen Rathschlüsse, Werke und Wege. – Diese Gabe, welche ihre natürliche Basis hat an dem Divinationsvermögen des menschlichen Geistes, hat als solche jederzeit ihre Substanz und den Mittelpunkt ihrer Kundgebungen an der Idee des werdenden, wachsenden und sich vollendenden Reiches Gottes, an einem Kampf und Sieg, ihre Wurzel in den göttlichen Verheißungen in der h. Schrift; auch geht die spätere Prophetie mehr oder weniger bestimmt und ausdrücklich zurück auf die frühere, und vermittelt sich an ihr, indem sie pneumatische Auslegung derselben ist: geisterleuchtete Beziehung und Anwendung auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Weissagenden, Deutung und Aufschließung der zeitlichen Entfaltung des Reichs Gottes im Lichte der in den Offenbarungs-Kanon aufgenommenen prophetischen Aussprüche und Thatsachen, und des Zusammenhangs derselben. Vornehmlich beschäftigt sie sich mit der Vollendung des Reichs Gottes und den derselben vorangehenden Läuterungs- und Strafgerichten. – Hierin liegen zugleich die Kennzeichen, wodurch sich ächte christliche Prophetie unterscheidet von der falschen, welche als ihr Zerrbild neben jener hergeht und von ihr an sich reißt, was sie in ihrem Sinn verwenden kann, und es hiernach umdeutet und verdreht, zur Stützung ihres Irrthums, zur Weissagung ihres widergöttlichen und widerchristlichen Reichs. – Die Gabe der Prophetie wird aber wirksam insbesondere in großen geschichtlichen Epochen, wo das Alte, wenn auch noch in scheinbarer Blüthe und Herrlichkeit, einem Untergang entgegenreift. Bestrafung der Ausartung, des Verderbens, Ankündigung naher Gerichte, einer hiedurch zu erzielenden Läuterung der noch Läuterungsfähigen, und der hierauf eintretenden Blüthezeit des Reichs Gottes – das ist die Summa solcher Prophetie, wie sie von der Apokalypse an in verschiedenen Perioden der Geschichte hervortritt. So finden wir es denn auch in der mittelalterlichen Prophetie, insbesondere, nach dem Vorgang der h. Hildegard bei unserem Joachim. Joachim, seiner Herkunft nach ein Calabrese, geboren 1145, früher Abt des Klosters Corace (Curatium) in Calabrien, späterhin Stifter des Klosters Floris und einer eigenthümlichen Mönchscongregation, ein ernster, innig frommer und tiefblickender Mann, von glühender Phantasie, der katholischen Kirche, ihrem Glauben und ihren Ordnungen aufrichtig zugethan bis an sein Ende, erhielt schon frühe die innere Weihe für einen prophetischen Beruf. Ja schon vor seiner Geburt sollen Anzeichen, die auf etwas Besonderes hindeuteten, vorgekommen sein. Als seine Mutter Gemma ihn unter dem Herzen trug, erschien ihr, wie erzählt wird, während der Ruhe ein schöner Jüngling in weißem leinenem Gewand, und sagte zu ihr, wenn sie wünsche, daß der Knabe, mit dem sie schwanger sei, am Leben bleibe, so solle sie ihn vor dem siebenten Jahre nicht taufen lassen. Nach seiner Geburt aber sei es seinem Vater, Maurus Tabellio, gewesen, als sehe er über dem Altar des h. Erzengels Michael einen Knaben, dessen Scheitel das Dach der Kirche berühre, und bei ihm einen Chor in weißen Kleidern stehen, der laut sang: Ein Kind ist uns geboren, Hallelujah! Ein Sohn ist uns gegeben, Hallelujah! So war schon in seinen Eltern etwas Ahnungsvolles. – Als nach 7 Jahren der Vater den Tag der Taufe festgesetzt, fing die Mutter an schwer zu erkranken und starb. Erst 3 Jahre darauf wurde nun der Knabe getauft, nicht ohne geheimmißvolle Anzeichen (non sine mysterio). – Bis ins 14te Jahr legte er sich nun auf die Grammatik, und zeichnete sich eben so durch Scharfsinn und festes Gedächtniß als durch Sittenreinheit aus. Den Versuchungen am Hofe (Rogers) zu entgehen, trat er bald eine Pilgerfahrt nach Jerusalem an, in weißem rauhem Mönchsgewand, und mit einigen Armen, die er beköstigte. Auf dieser Reise soll er wundersame, für sein ganzes Leben bedeutsame Erfahrungen gemacht haben. Als er in einer Wüste, von Durst abgemattet, sich in feinen Sand eingrub, um nicht unbegraben von wilden Thieren verzehrt zu werden, und über das Verständniß der Schrift nachsinnend eingeschlafen war: da sieht er einen Oelstrom und daneben einen Menschen stehen, der zu ihm sagt: trinke von diesem Strom; worauf er zur Genüge getrunken. Als er erwachte, lag der Sinn der ganzen h. Schrift offen vor ihm da. Der Drang der Andacht führte ihn auch auf den Berg der Verklärung. Nachdem er hier in einer alten Höhle oder Cisterne die Fastenzeit in Wachen, Beten, Fasten, Palmen und Lobgesängen zugebracht, ging ihm in der Osternacht ein ungemein heller Lichtglanz auf; und indem er mit den Augen seines Geistes auf die Gestalt des Herrn hinblickte, meinte er die von Petrus gewünschte Hütte zu bewohnen. In himmlischer Begeisterung erkannte er den Einklang beider Testamente, und alle Schwierigkeiten und Verhüllungen der Schrift. Es war dieß gleichsam die Empfängniß((So, von der innern Conception der Grundgedanken, vom innerlich gefaßten Plan und Grundriß ist es wohl zu verstehen, wenn es heißt, er habe sie da „angefangen.“)) seiner Hauptwerke, in denen er die Schrift und den darin verzeichneten Entwicklungsgang des Reichs Gottes beleuchtet hat. – Aber nicht allein die größten Entbehrungen bestand er auf dieser Pilgerfahrt, sondern auch die lockendsten Versuchungen weiblicher Nachstellung, denen der schöne Jüngling ausgesetzt war, die er aber standhaft von sich wies. – Auf der Rückreise hielt er sich eine Zeitlang in Sicilien in einer Höhle am Fuße des Aetna auf, in Gebet und Fasten, so daß er an 3 Tagen der Woche sich der Nahrung gänzlich enthielt. In Calabrien, wohin er sich von da aus begab, hatte er eine Zusammenkunft mit seinem Vater, der ihm seinen Kummer darüber aussprach, daß er in seiner Erwartung einer Erhöhung der Familie durch ihn so getäuscht worden sei, aber endlich durch seinen demüthigen und frommen Zuspruch sich beruhigen ließ. Er schloß sich nun zunächst an den Cistercienser-Orden, und brachte das Kloster Corace, dessen Abt er wurde, zu hoher Blüthe. In dieser Zeit arbeitete er eifrig an seinen Schrifterklärungen, an den Werken über den Einklang (concordia) beider Testamente, und der Auslegung der Offenbarung (Apocalypsis expositio), aufgemuntert vom Papste Lucius III, zu dem er sich begab, um sicherer zu fahren. Zur Vollendung des ersteren Werkes zog er sich in das Kloster Cajamare zurück, und überreichte es dann dem Papste, dessen Beifall es fand. Auch Urban III. und Clemens III. begünstigten und beförderten diese seine Arbeiten, und der letztere entband ihn, damit er sich ganz der Schriftauslegung widmen könnte, der zeitlichen Geschäfte des Klosters. So legte er denn seine Abtstelle nieder und begab sich mit einem Freunde in die Nähe von Cosenza, wo er nach einiger Zeit das Kloster Floris mit strenger Regel gründete – der Anfang einer ansehnlichen, vornehmlich über Neapel und Sicilien sich verbreitenden Congregation. Joachims Ruf stieg höher und höher; aber er selbst erhob sich keines Dings. Stille ging er seinen Weg, treu in dem was ihm befohlen war, in allen Stücken väterlich besorgt für die Bedürfnisse der Seinigen, unermüdet in geistiger und leiblicher Arbeit, ferne vom Trachten nach der Menschen Lob oder Gunst, nur darum besorgt, daß ihm sein Gott gnädig sei, daß er ihm durchhelfe in allem seinem Thun und ihn, wenn er die Kämpfe der letzten Zeit erleben sollte, einen guten Kampf kämpfen und zum himmlischen Reich gelangen lassen möchte.

 

So war sein Leben: von seltener Reinheit, von ungemeiner Energie der Selbstbeherrschung, der Enthaltsamkeit in der Richtung auf die Beschauung, insbesondere auf das geistliche Verständniß der stufenweise erfolgenden Entwicklung des göttlichen Reichs in der Menschheit durch Erforschung der Schriften des A. und N. T., wodurch das ihm in jenen lichten Momenten inneren Schauens gewordene Centrallicht nach allen Seiten hin Klarheit verbreitete. Das ist das Wesentliche seiner Prophetie, welche nicht sowohl in einzelnen Vorhersagungen zukünftiger Ereignisse, als in der Beleuchtung der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus dem im Lichte des Geistes sich ihm aufschließenden Gotteswort bestand. Er selbst schrieb sich auch keineswegs die Prophetie im engeren Sinne, sondern nur die Gabe der Erkenntniß (intelligentiae) zu, und war sich in Bezug auf die Bestimmung des Zukünftigen einer Schranke, durch die von der Schrift selbst gesetzte Gränze und die der Gegenwart noch vorenthaltenen Aufschlüsse, wohl bewußt. Er hielt es für vermessen, nach dem Ende der Welt, nach Zeiten und Stunden zu fragen, und nur die Vorempfindung (Ahnung) der Zeichen der Zeit für Sache des Glaubens (fidele). Er wollte sich nicht darauf einlassen, etwas zu erklären, als was ihm gegeben wäre. Er überließ es denen, welche die Erfüllung gewisser Weissagungen erleben würden, zu erkennen, ob dieß alles buchstäblich oder geistlich, oder theils buchstäblich, theils geistlich erfüllt werden müsse. Seine Anschauung der Geschichte des Reichs Gottes, wie es durch eine Stufen der Vollendung entgegengeht, entnehmen wir den 3 Schriften, welche allein als ächte Erzeugnisse eines Geistes mit Zuversicht behauptet werden können: „Einklang des A. und N. T,“ „Erklärung der Apokalypse,“ und „Psalterium von 10 Saiten“ (psalterium X chordarum). Der Kern dieser Anschauung ist die Lehre von dem dreifachen Zustand, oder den drei Perioden, worin jener stufenweise Fortschritt sich darstellt, eine Dreiheit, welche mit der der göttlichen Personen in Beziehung steht, und auch an den drei Aposteln Petrus, Paulus und Johannes ihre Typen hat, und wie in verschiedenen herrschenden Ständen, so in verschiedenen Charakteren sich ausprägt. Die erste Periode, die Zeit des Vaters, reicht von Adam bis Zacharias (Vater des Johannes), die zweite, die Zeit des Sohnes, von da bis auf den Zeitpunkt des Eintritts der Periode des h. Geistes, welche nach der Berechnung der Menschenalter nahe sein muß: um das Jahr 1200 über den Verlauf der dritten läßt sich noch nichts Näheres bestimmen. Vor dem Ablauf der einen sind aber schon die Anfänge der andern wahrzunehmen: „das Alte verzehrt sich, während Neues entsteht.“ Und in jedem Zustand ist zu unterscheiden die Zeit des Anfangs und des Fruchtbringens. Das heißt: es vergeht eine gewisse Zeit zwischen einem Anfang und dem Moment, wo eine rechte Fruchtbarkeit fürs Reich Gottes beginnt. So wird in der ersten Periode der darin herrschende Stand der Verheiratheten ein fruchtbringender von Abraham oder Jakob an; in der zweiten der Stand der Kleriker oder Prediger, der zur Zeit des Usias oder des Propheten Elia angefangen, von Zacharias an (Johannes der Täufer, Christus); in der dritten der Stand der Mönche, die Enthaltsamen, Geistlichen, Beschaulichen, der mit dem h. Benedictus begonnen, von der Generation an, in welcher die zweite Periode zu Ende geht und die dritte, die schon während der zweiten angebahnt worden, beginnt. So sind demnach die späteren Perioden (oder Zustände) in den früheren dem Keim oder Anfang nach schon mitgesetzt, schon im Werden und Wachsen, aber erst zur Zeit der Vollendung der ersten tritt das Fruchtbringen der zweiten oder des darin herrschenden Standes ein, und eben so zur Zeit der Vollendung der zweiten das Fruchtbringen der dritten, oder ihres herrschenden Standes. Die erste aber ist die Zeit der gesetzlichen Werke, ihr Charakter ein Leben nach dem Fleisch, Herrschaft der Furcht, knechtisches Wesen; die zweite die Zeit der Lehre und der Unterwerfung unter die Zucht (Disciplin), ihr Charakter ein Mittleres zwischen Fleisch und Geist, Herrschaft der Weisheit, Knechtschaft, aber kindliche. Die dritte die Zeit der völligen Enteignung und Weltverachtung, die Zeit der Beschaulichkeit und der Freundschaft, des Lobens und Dankens; ihr Charakter Leben im Geiste, Herrschaft der Liebe, und daher Freiheit. Sie verhalten sich in ihrer Aufeinanderfolge wie Gras, Aehre und voller Waizen in der Aehre. Und wie der h. Geist vom Vater und Sohn ausgeht, so der dritte Zustand aus dem ersten und zweiten; und der diesem angehörige geistliche Verstand der Schrift aus dem Buchstaben des alten und dem Buchstaben des neuen Testaments (dem ersten und zweiten Verstand). Wie im zweiten Zustand dem neuen Testament eine Achtung vor dem alten ist, woraus das neue hervorgeht, so im dritten eine Achtung vor jenen beiden, in welchen die Herrlichkeit des Vaters und des Sohnes sich offenbart, wie im dritten die des h. Geistes. Der erste und zweite Zustand verlaufen aber in einander entsprechenden je 7 Generationen, welche in den Schöpfungstagen vorgebildet sind. Die siebente ist in beiden eine Zeit der Ruhe, des Friedens, der aber vorangeht eine Zeit schwerer Kämpfe in der sechsten Generation. Dieß ist in der zweiten neutestamentlichen Periode der antichristische Kampf, in welchem über die römische Kirche, die zwar als Bewahrerin des rechten Glaubens vor der griechischen sich wesentlich auszeichnet, aber, insbesondere in ihrem Klerus, an großer Sittenverderbniß leidet, ein schweres Gericht ergeht. – Der Widerchristen sind zunächst viele, und zwar in zwei Classen: weltliche Gewalthaber, welche die Kirche bedrängen (vornehmlich die hohenstaufischen Kaiser) und die ketzerischen Schaaren der Patarener, welche aber da und dort verschiedene Namen führen. Aus ihnen wird zuletzt der große Widerchrist hervorgehen, der sich als Gott in den Tempel Gottes jetzt u.s.w. In dieser Zeit des härtesten Kampfs wird aus den Ueberresten der in ihrer Masse entarteten römischen Kirche eine Hülfe kommen: zwei Zeugen, wahrhaft geistliche Männer, werden auftreten; und wie Jakob 12 Söhne, Christus 12 Apostel hatte, so werden sie 12 Männer um sich sammeln, die mit ihnen zeugen und gegen die Lüge streiten. Nun werden auch die Erwählten aus der griechischen Kirche herbeigebracht und die Juden und Heiden durch die Predigt des Evangeliums ins Reich Gottes gesammelt. Es erfolgt eine allgemeine mächtige Ausgießung des h. Geistes; das Volk Gottes kommt zu einer Ruhe; als Christi Stellvertreter waltet ein geistlicher Mann, und das Reich Christi wird offenbar in seiner Herrlichkeit; da ist keine Arbeit, keine Zucht mehr, lauter Freude und Jubel im Schauen und Genießen, die Erde voll der Erkenntniß des Herrn, ungestörtes Walten des h. Geistes, ein freies Reich der Liebe. Joachim hat sich, wie schon aus diesen Andeutungen erhellt, in das Wort der Weissagung, wie Keiner vor ihm, vertieft, und im Lichte derselben aus der kirchlichen Gegenwart, deren Mängel er klar erkannte und schmerzlich empfand, in die zukünftige Vollendung hinausgeschaut. Freilich ist im Einzelnen viel Gewagtes und Willkürliches, und seine Anschauung ist bedingt durch die vorhandenen Lebensformen, unter denen das Mönchthum ihm als die Vollendung des christlichen Lebens erschien. Aber mit klarem Blicke schaut er das Verwandte im Bereiche der Offenbarungen alter und neuer Zeit zusammen, mit hellem Auge nimmt er die Gebrechen des bestehenden Kirchenthums wahr, obwohl er es in seinen Formen, in einer Verfassung ehrt, und sich der höchsten Autorität desselben in aller Bescheidenheit unterordnet; mit tiefer Einsicht zeichnet er aus dem Worte der Weissagung das Bild der herrlichen Zukunft. In dieser einer prophetischen Begabung und Thätigkeit ist er ein kräftiger Zeuge der Wahrheit geworden, und es hat sich an ihn, der der Gunst und Gutheißung der Päpste seiner Zeit sich erfreute, ein mächtiger Gegensatz gegen das Papstthum angeknüpft, welches mehr und mehr in eine hochmüthige Selbstgenügsamkeit hineingerieth und alle Anklage gegen den bestehenden Zustand als ein Majestätsverbrechen behandelte und mit Gewalt unterdrückte. Die vornehmlich in den Franziskaner-Orden hinübergenommene und da gepflegte joachimitische Prophetie wurde nun eine strenge Gegnerin der römischen Kirche und des Papstes, und glaubte hier das Babylon und das Thier aus dem Abgrund zu finden. Sich selbst aber fanden die strengen Franziskaner geweissagt in den Erklärungen Joachims über die zwei Zeugen; und so wurde sowohl in den dem Joachim untergeschobenen Auslegungen des Jesajas und Jeremias, als auch in andern aus dieser Richtung hervorgegangenen Schriften die ursprüngliche Schriftdeutung Joachims geschärft, und in eine ihm selbst noch fremde Bestimmtheit und Gegensätzlichkeit gebracht.

Chr. Fr. Kling in Marbach.

Kommentare sind geschlossen.