Jesaja

Jesaja

Die Bewegung der Geister geht weissagend den Bewegungen der Völker und Staaten voran und bereitet oft Jahrhunderte vorher die belebenden Gedanken, welche zur bestimmten Zeit heilsamen Stiftungen zur Grundlage dienen. Hierin giebt sich Gottes Weisheit und Vorsehung wunderbar kund. Die Spuren dieser göttlichen Fürsorge liegen nicht bloß in der Geschichte. Eines Volkes zu Tage, aber allerdings ohne Vergleichung klarer und reichlicher als sonst irgendwo bei demjenigen Volke, in welchem der Geist Gottes die Propheten erweckte, bei dem Volke Israel, dessen Stammvater Abraham die Verheißung empfangen hatte: „In deinem Namen sollen gesegnet werden alle Völker der Erde.“ Schon durch diese Verheißung wurde das Herz der Frommen auf das Ziel der Menschheit hingewiesen, auf die vollkommene und allgemeine Verklärung des menschlichen Geschlechts, die in Israel vorbereitet wurde. „Denn das Heil kommt von den Juden.“ Einer der größten Seher der Zukunft unter diesem Volke ist der Prophet Jesaja, der Sohn Amoz, der unter den Königen Juda Usia, Jotham, Ahas und Hiskia geweissagt hat. Wir würden aber sehr irren, wenn wir meinten, als Seher der Zukunft sei er seiner eigenen Zeit und seiner Umgebung fremd gewesen. Er lebte vielmehr in ihr mit Leib und Seele, verstand sie gründlich, wie kein Andrer, war der Rathgeber der Könige und hat selbst die Geschichte seiner Zeit, die Geschichte der Könige Usia und Hiskia, geschrieben, von welcher uns freilich nur wenige kaum erkennbare Trümmer übrig geblieben sind). Das Leben des Jesaja fiel in eine Zeit, wo große Gottesgerichte für das Volk Israel und die benachbarten Völker sich entschieden, größere für das Reich Juda, ja für Morgen- und Abendland von Ferne vorbereitet wurden. Die Geburt dieses Propheten trifft ohngefähr mit dem Anfang der Zeitrechnung nach Olympiaden), also mit dem Ende des mythischen Zeitalters in Griechenland, eine Weihe und ein erstes öffentliches Auftreten mit der Gründung der Stadt Rom“) zusammen. Einige Jahre später beginnt die Aera des Nabonassar, mithin die erste Erhebung der Chaldäer, als weltgeschichtliches Volk. Zu seiner Zeit stand das assyrische Reich auf der Höhe seiner Macht und in Aegypten gelangte die äthiopische Dynastie zu kurzer, aber mächtiger Herrschaft. Gottes züchtigende und rettende Hand offenbarte sich über den Königen von Juda, Ahas und Hiskia, und Jesaja selbst griff durch die Verkündigung des drohenden und verheißenden Gotteswortes warnend und rettend in die Ereignisse ein. Dabei verlor er nie aus dem Auge, wie Gott, der Heilige in Israel, durch Abraham, Moses, David den Beruf und die Geschicke eines Volkes vorausbestimmt hatte, und sein von Gott erleuchteter Blick maß sicher an Gottes Gesetz das sittliche Verderben seiner Zeitgenossen: wie kein Anderer, wußte er die unerschütterliche Gewißheit der Verheißungen, die dem ächten Samen Abrahams gegeben waren, aufrecht zu erhalten und ins hellste Licht zu setzen, während er den Abtrünnigen die unvermeidlichen härtesten Strafgerichte in donnernden prophetischen Gesängen weissagte. Die Zeiten, wo Elias dem Hause Ahabs, Elisa dem Hause Jehu im Reiche Israel vergebens die Rückkehr zu dem lebendigen Gott gepredigt hatten, lagen noch nicht zu fern und der Schimmer der Größe, welche jenes Reich unter Jerobeams II. Regierung umgab, konnte die Propheten nicht täuschen. Hosea und Amos hatten demselben schon den Untergang um eines Abfalls willen geweissagt: Joel und Micha hatten im Reiche Juda die Hoffnung auf die ererbten Verheißungen des Hauses Davids belebt und zur Buße ermahnt. Jesaja war zum Theil noch Zeitgenosse dieser vier Propheten, der ersten, von denen wir noch schriftlich aufgezeichnete Weissagungen besitzen, namentlich des Hosea und Micha. Aber er war der Erste, dem in voller Klarheit die Augen des Geistes über einen erweiterten Kreis der Völker und der großen Weltreiche aufgethan waren. Ueber Assurs Reich blickte er schon nach Babel hin, dem eigentlichen Sitz der vorderasiatischen Weltmacht: ja, er schaute über Babels Aufsteigen und Verfall, über Alles, was unter der Herrschaft des Bergvolks der Chaldäer sich entwickeln sollte, bis zu dem Perserreiche hin, das unter Cores, dem Kyrus der griechischen Geschichtsschreiber, durch Gottes Gnadenwahl erhoben werden und zur neuen Gründung Jerusalems und des Tempels dienen sollte. In dem Jahre, da der König Usia) starb, empfing Jesaja die Prophetenweihe durch ein Gesicht, das er mit heiliger Scheu in menschlicher Sprache abbildet. Er sah den Herrn in seiner himmlischen Wohnung sitzen auf einem hohen und erhabenen Thronsessel und der Saum eines Lichtgewandes füllete den Tempel. Seraphim, feurige Geister, die der Herr wie Winde und Gluthflammen aussendet, standen als seine Diener anbetend um ihn: ein. Jeglicher hatte sechs Flügel; mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, mit zweien flogen sie. Und Einer rief zum Andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerschaaren: alle Lande sind seiner Ehre voll! daß der Schwellen Gründe bebten von der Stimme ihres Rufens, und der Tempel ward voll Rauchs. Da sprach Jesaja: Wehe mir, daß ich mit meinen Augen den König, den Herrn der Heerschaaren, gesehen habe! ich muß vergehen! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volke von unreinen Lippen! Aber da flog der feurigen Diener. Einer zu ihm und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar genommen, und rührte mit der Gluth der Kohle seinen Mund und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen gerührt, daß deine Schuld von dir genommen und deine Sünde versöhnet sei. Und nun hört er die Stimme des Herrn, der da sprach: Wen soll ich enden? wer will mein Bote seyn? Er aber sprach als der Gottgeweihete: Hier bin ich, ende mich. Das war ein Vorgang, den man in unsern Tagen erklärt zu haben meint, wenn man ihn einen Vorgang des innern Lebens nennt: wichtiger ist es anzuerkennen, daß diese sinnbildliche Darstellung einer geheimnißvollen Geschichte nicht eine Einbildung des Propheten, sondern eine Einwirkung Gottes zur Ursache und zum Gegenstande hatte. Die Weihe und Sendung Jesajas beruht auf der Wahrheit dieses Ereignisses: verleugnet wird sie durch jede bloß psychologisierende Erklärung. Aber wie groß und schwer war eine Aufgabe! Er sollte sich an eine Zeitgenossen wenden und sie mit scharfem Gotteswort vor dem Abgrund des Verderbens warnen, dem sie entgegen gingen. Zugleich aber gab ihm der Herr im Voraus die klare Gewißheit, daß er im Gegentheil nur die allgemeine Verstockung beschleunigen und daß diese Verstockung so lange anhalten werde, bis Gottes Gericht den schuldigen Volksstamm vernichtet haben würde und nur ein geringer Same übrigbliebe. Sein einziger Trost aber war, daß dieser Same ein heiliger Same seyn sollte. „Gehe hin!“ rief Gott, „und sprich zu diesem Volke: Hörets, und verstehets nicht; sehet, und merkets nicht. Verstocke das Herz dieses Volkes, und laß ihre Ohren dicke seyn, und blende ihre Augen, daß sie nicht sehen mit ihren Augen, noch hören mit ihren Ohren, noch verstehen mit ihren Herzen, und sich bekehren und genesen.“ Der Prophet fragt: „Herr, wie lange wird solche Verstockung währen?“ Die Antwort ist: „Bis daß die Städte wüste werden – und das Feld ganz wüste liege. Und der Herr wird die Leute ferne wegthun, daß das Land sehr verlassen seyn wird, und ob nur noch ein Zehntheil darinnen übrig bleibt, so soll es dennoch abermal verheeret werden, aber wie eine Terebinthe oder Eiche, an denen beim Abtrieb der Stamm stehen bleibt: ein heiliger Same wird solcher Stamm seyn.“ Diese strenge Verkündigung bestimmte den Propheten, daß er auch in scheinbar noch glücklichen Zeiten den unvermeidlichen Untergang weissagte, zugleich aber auch an den alten Verheißungen einer künftigen Wiederkehr und Weltherrschaft des Volkes Israel festhielt, aber diese Verheißungen nur auf einen Ueberrest, auf einen heiligen Samen, beschränkte. Auch lag es ihm um so mehr nahe, eine kleine Schaar von treuen Jüngern um sich zu versammeln und diesen Vertrauten schriftlich das Gotteswort zu übergeben, das er tauben Ohren predigte. Den Inbegriff seiner heilverkündenden Weissagungen faßte er in zwei Namen zusammen, Schear-Jaschub (7, 3) und Immanuel (7, 14), von denen der erstere bedeutet: Ein Rest wird wiederkehren! der letztere: Gott mit uns! Die drohenden Weissagungen vereinigte er in den Namen Raubebald, Eilebeute (7, 26-28). Und diese Namen legte er zum Zeichen für Israel seinen Söhnen bei, von denen der erste Schear-Jaschub, der zweite Immanuel, der dritte Raubebald Eilebeute von ihm benannt wurde: ein Zeugniß darüber so wie eine Deutung der Namen schloß er in eine Rede ein, die an den König Ahas gerichtet ist. Ahas, der König von Juda, war in den ersten Jahren seiner Regierung in großer Bedrängniß durch einen Bund, den der König von Israel, Pekah, mit dem König von Damaskus Rezin geschlossen, um das schon durch viele verheerende Einfälle erschütterte Reich Juda zu bekriegen, Jerusalem zu erobern und einen Fremden, Namens Tabeal, als zinspflichtigen Statthalter daselbst einzusetzen. „Da bebte das Herz des Königs Ahas und das Herz eines Volkes, wie die Bäume im Walde beben vom Winde.“ Ahas suchte nicht den Grund dieser Trübsal da, wo er wirklich lag, in einem Abfall vom lebendigen Gott und seinem Buhlen mit der syrischen Abgötterei, in dem Gelüsten nach Prunk und Pracht, das bei den Reichen, bei Männern und Frauen herrschte, in der Unterdrückung der Armen und in der verdorbenen Rechtspflege, in der Treulosigkeit gegen den Buchstaben und den Geist des göttlichen Gesetzes. Er zählte nur die Heerschaaren seiner Feinde und erwog nicht ihre Schwäche, die auf ihrem bodenlosen innern Verderben beruhte: er sah sich nach mächtigeren auswärtigen Bundesgenossen um und schwankte, ob er sich Aegypten oder Assyrien in die Arme werfen sollte: auf des Herrn Hülfe vertraute er nicht. Da stellte sich ihm, wie er ängstlich die unzureichende Befestigung der Stadt besah, der Prophet in den Weg, warnte ihn vor Bündnissen mit fremden Mächten, weissagte die künftigen Verheerungen durch Assur und verwies ihn auf den Bund mit Gott. „Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht!“ sprach er und deutete auf den rechten Immanuel hin, von dem er dann in vertrauterem Jüngerkreise mehr verkündigte. Hier redet er von einem Sproß aus Davids königlichem Stamme, von einem König, der Wunderrath, starker Gott, Ewig-Vater, Friedefürst zu heißen verdient, der wie ein Schößling aus dürrem Erdreich hervorsprießt, auf dem der Geist Gottes ruht, der Gerechtigkeit schaffet und vollen Frieden bringet, der von Zion aus die Völker regieren wird, die zur Anbetung Gottes sich vereinigen werden. Ahas gehorchte nicht, rief die Assyrer zu Hülfe, die zwar das Reich Israel und die Macht von Damaskus demüthigten, aber zugleich das Reich Juda sich zinsbar machten. Die Folge davon war, daß der fromme König Hiskia, Ahas‘ Sohn, als er dem König von Assyrien später die üblichen Huldigungen und Geschenke verweigerte, von einem großen feindlichen Heere unter dem übermüthigen König Sanherib überfallen und in Jerusalem belagert wurde. Die Gesandten Sanheribs suchten die Einwohner der Stadt durch Vorspiegelungen zum Abfall zu verleiten, verhöhnten den König Hiskia und Gott den Herrn, auf den er vertraute. Jesaja aber stärkte durch Gottes Verheißungen den zagenden König, und Gott erwies sich, wie in vorigen Zeiten, durch wunderbare Rettung als den Hirten und Heiland seiner Gläubigen. Zugleich wurde Hiskia nicht minder wunderbar von einer tödtlichen Krankheit errettet und Jesaja, der ihm vorher auf des Herrn Befehl gesagt hatte: „Bestelle dein Haus, denn du mußt sterben!“ verkündigte ihm auf ein flehendes Gebet das Gnadenwort: „So spricht der Herr, der Gott deines Vaters David: Ich habe dein Gebet gehört und deine Thränen gesehen: siehe, ich will deinen Tagen noch fünfzehn Jahre zulegen; Ich will dich jammt dieser Stadt erretten von der Hand des Königs zu Assyrien: denn ich will diese Stadt wohl vertheidigen. Und habe du dieß zum Zeichen, daß der Herr solches thun wird, was er geredet hat: Siehe, ich will den Schatten am Sonnenzeiger Ahas‘ zehn Grade zurückziehn, über welche er gelaufen ist.“ Und die Sonne kehrte an dem Zeiger zehn Grade zurück, über welche sie gelaufen war, ohne daß bis jetzt unsere Gelehrten genügend haben erklären können, wie der Herr dieß bewerkstelligt hat, was auch nicht zu verlangen ist. Der König von Babel stand damals unter assyrischer Oberherrschaft, hatte sich aber empört und suchte Verbindungen, durch die er sich stärken und behaupten könnte. Unter dem Vorwande dem König Hiskia zu einer Genesung glückzuwünschen, schickte er eine Gesandtschaft nach Jerusalem und Hiskia, der sich dadurch geschmeichelt fühlen mochte, zeigte den babylonischen Gesandten alle seine Schätze. Jesaja verwies ihm diese Thorheit, wodurch das Gelüsten der Chaldäer nach dem Besitz dieser Güter erweckt wurde, und sprach zu ihm: „Höre das Wort des Herrn der Heerschaaren: Siehe, es kommt die Zeit, daß Alles, was in deinem Hause ist, und was deine Väter gesammelt haben bis diesen Tag, wird gen Babel gebracht werden, daß nichts bleiben wird, spricht der Herr: dazu werden sie deine Kinder, so von dir kommen werden, nehmen und sie müssen Kämmerer seyn im Hofe des Königs zu Babel.“ Babel fand vor dem Geiste des Jesaja als die alte große Weltstadt, die schon seit ihrem Entstehen sich durch den versuchten Thurmbau in Widerspruch gegen Gott gesetzt hatte, und er sah die aufsteigende Macht der Chaldäer als die künftige Erbin der sinkenden Macht Assyriens. Babel war ihm von Gott gezeigt als Mittelpunkt des Heidenthums, als Widersacherin Zions, als Bollwerk einer künftigen Zwingherrschaft. Er schaute im Gesicht, wie das Volk Gottes, das einst nach Gottes Rathschluß in der Knechtschaft Aegyptens geschmachtet hatte, nach Babel gefangen geführt seyn würde; er schaute aber auch Babels Untergang und Israels Rückkehr und an diesen letzten Punkt der Zukunfts-Geschichte, den er im Geiste erblicken konnte, knüpfte der Herr ihm alle die Weissagungen an, welche am Ende der Zeiten in Erfüllung gehen sollten. Darum eröffnet er die Aussprüche von den Gerichten über alle Heiden seiner Zeit und eines Gesichtskreises mit einer majestätischen Verkündigung von dem dereinstigen Fall Babels und seines Königs: darum stellt sich ihm die Zeit der künftigen Erlösung des heiligen Volks unter dem Bilde einer Rückkehr aus der Gefangenschaft dar, worin verklärt jene alte Erlösung Israels aus Aegypten sich erneuert. „Die Erlöseten des Herrn werden wiederkehren, und gen Zion kommen mit Jauchzen: ewige Freude wird über ihrem Haupte seyn, Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird wegfliehen.“

 

Der letzte Theil der jesajanischen Weissagungen ist ein aus prophetischen Reden zusammengefügtes Trostgedicht von der Erlösung aus Babel und der Wiederkehr Israels gen Zion, nach Inhalt und Sprache das herrlichste wundervollste Gewebe, das uns von Prophetenhand hinterlassen ist, innig zusammenhängend mit dem ersten Theile und doch auch ein abgeschlossenes Ganzes für sich. Die Wegführung Israels nach Assyrien mochte das Herz des Propheten vorbereitet haben, die einst bevorstehende Gefangenschaft der Bürger Judas und Jerusalems im Lichte der alten Weissagungen vorauszuschauen: aber die Verheißung gewinnt bei ihm hier eine Fülle und Breite, eine Höhe und Tiefe, welche den Schatz der Erkenntniß und Hoffnung Zions unendlich bereicherte. Der heilige Same, der in dem gezüchtigten Volke erhalten ist, verdichtet sich ihm zu einer bestimmten Person, dem Knechte Gottes, welcher in der frommen Gemeinde der Gedemüthigten als sühnender Mittler erscheint, der alle Schuld büßend auf sich nimmt und nach seinem Tode zum Lohne seiner Schmerzen erhöhet wird, so daß durch eine Hand die göttlichen Gnadenrathschlüsse bis zu ihrem letzten Ziele fortgehen. „Darum, daß seine Seele gearbeitet hat, wird er seine Lust sehen und die Fülle haben und durch ein Erkenntniß wird er, mein Knecht, der Gerechte, Viele gerecht machen; denn er trägt ihre Sünden.“ Er soll der Herr der Heiden, der König der Könige werden und die Starken zur Beute haben, „darum, daß er sein Leben in den Tod gegeben hat, und den Uebelthätern gleich gerechnet ist, und er Vieler Sünde getragen hat, und für die Uebelthäter gebeten.“

 

Der Hauptschlüssel zu Jesajas Gesichten liegt in den Verheißungen, die der Herr dem König David durch Nathan verkündigt hatte, und in der prophetischen Erkenntniß, die David selbst in Folge derselben empfangen. David hatte gesungen: „Es hat der Gott Israels angesagt, mir hat der Hort Israels verheißen einen gerechten Herrscher unter den Menschen, einen Herrscher in der Furcht Gottes. Und wie das Licht des Morgens, wird die Sonne aufgehn, ein Morgen ohne Wolken, da vom Lichtglanz nach dem Regen das Gras auf der Erde wächst. Ist denn mein Haus nicht fest bei Gott! Denn er hat mir einen ewigen Bund gesetzt, wohl geordnet in Allem und gehalten. Das all mein Heil und Wunsch ist, sollte er’s nicht lassen blühen!“ Das sind die gewissen Gnaden Davids, auf welche Jesaja zurückweist, und deren weitere prophetische Auslegung schon in den Psalmen Davids und seiner Getreuen entwickelt war. Aber Jesaja unterscheidet schon genau den heiligen Samen, dem die Verheißungen Gottes erfüllt werden, von der ungehorsamen und verstockten Menge, das unvergängliche Zion und Jerusalem von der treulosen Stadt und ihre Bevölkerung, ja den wahrhaften Tempel Gottes von dessen irdischem Abbild und verkündigt eine Verneuerung, die zugleich eine Umwandlung und Verklärung ist. „Die Sonne soll nicht mehr des Tages dir scheinen, und der Glanz des Mondes soll dir nicht leuchten, sondern der Herr wird dein ewiges Licht, und dein Gott wird dein Preis seyn. Deine Sonne wird nicht mehr untergehn, noch dein Mond den Schein verlieren: denn der Herr wird dein ewiges Licht seyn und die Tage deines Leidens sollen ein Ende haben. Und dein Volk sollen eitel Gerechte seyn, und werden das Erdreich ewiglich besitzen, als die der Zweig meiner Pflanzung und ein Werk meiner Hände sind, zum Preise. Aus dem Kleinsten sollen Tausend werden und aus dem Geringsten ein mächtiges Volk. Ich der Herr will solches zu einer Zeit eilend ausrichten)“ Alle Heiden sollen kommen und anbeten zu Jerusalem und der Berg Zion soll erhaben seyn über alle Berge, als die Stätte, wo der Herr, der Richter der Völker, in einem Eigenthume und unter einem priesterlichen Volke wohnet. „Und sie werden hinausgehen und schauen die Leichname der Leute, die an mir gemißhandelt haben (spricht der Herr): denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer wird nicht verlöschen, und sie werden allem Fleisch ein Gräuel seyn.“ Mit diesen Worten schließt das prophetische Trostgedicht von der Erlösung und Wiederkehr Israels ab.

 

Die Sammlung dieser köstlichen Weissagungen enthält zwar verschiedene Stücke aus verschiedenen Zeiten, bildet aber doch so sehr ein wohlgefügtes Ganzes, daß nur Jesaja selbst als der Sammler angesehen werden kann. In der letzten Zeit des Königs Hiskia oder unter dessen gottlosem Sohn Manasse mag der Prophet dafür gesorgt haben, daß dieser Schriftschatz für die künftigen Zeiten aufbewahrt würde. In den heiligen Schriften des Neuen Bundes wird häufig mit klaren Worten oder in verständlichen Andeutungen auf ihn zurückgewiesen und die Erfüllung einer Weissagungen aufgedeckt. Denn er ist’s, der von der Stimme des Predigers in der Wüste, der dem Herrn den Weg bereitet, von dem Auserwählten, an welchem Gott Wohlgefallen hat, von Immanuel, der als der Heilige Israels selbst zum Knechte Gottes wird, von dem stellvertretenden Leiden Christi und der Herrlichkeit des Auferstandenen, von der Verstockung des fleischlichen Israel und von dem Heiland aller Völker vorausverkündigt hat, was in der Fülle der Zeiten geschehen sollte. Seine Weissagungen enthalten aber auch Vieles, was bis zur Vollendung des Reiches Gottes erst noch geschehen muß: ein Herz lebt ganz in der Hoffnung und dieß giebt seiner Rede einen so erhabenen Schwung, einen so kühnen Flug, eine so klangreiche Fülle, daß man ihn einen großen Dichter der Zukunft nennen könnte, wenn er nicht mehr wäre als ein bloßer Dichter, ein Dichter der Wahrheit, ein Seher und Bote Gottes. Hieronymus hat ihn den Evangelisten des alten Bundes genannt, weil er schon so ganz im Geiste des neuen Bundes lebt.

 

Die jüdische Ueberlieferung berichtet, daß Jesaja unter König Manasse, der viel unschuldig Blut vergoß, zersägt worden und so den Blutzeugen zuzuzählen sey, worauf auch ein Wort im Briefe an die Hebräer hinzudeuten scheint. –

 

H. Schmieder in Wittenberg.

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