David

David

Davids Name ist mit dem unsers Herrn so eng verbunden, wie nicht leicht ein anderer. Kaum hatte der Engel in jenem wundervollen Gespräch mit der heiligen Jungfrau den Namen Jesus genannt, so nannte er auch David’s Namen. „Gott, der Herr, wird ihm den Stuhl seines Vaters David geben, und er wird ein König sein über das Haus Jakob ewiglich und eines Königreichs wird kein Ende sein.“ Auch in den Worten, mit welchen der Engel des Herrn den Hirten die Geburt des Heilandes verkündigte und mit welchen sie der Christenheit an jedem Weihnachtsfest verkündigt wird, ist Davids Name nicht übergangen. „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ Später, da der Herr als ein Prophet, mächtig von Thaten und Worten, das Land durchzog, finden wir, daß Leidende ihn als den „Sohn David’s“ anriefen; und als er jenen feierlichen Einzug in Jerusalem hielt, da rief ihm die Schaar seiner Jünger frohlockend zu: Hosianna dem Sohne David’s! Als er darauf im Tempel die Blinden, die zu ihm kamen, sehend und die Lahmen gehend machte und seine Herrlichkeit in großen Wundern der Errettung offenbarte, da riefen ihm die Kinder, die das sahen, mit lauter Stimme zum Schrecken einer Feinde zu: Hosianna dem Sohne Davids! Da man ihm zumuthete, die Kinder darüber zu strafen, vertheidigte er sie. Er ließ sich als den Sohn David’s anrufen, und wer es that, empfing den erbetenen Segen. So eng ist der Name David’s mit dem Namen unsers Herrn verbunden; und wie sollte er der Gemeinde des Herrn nicht ein theurer, werther Name sein? Auch sehr bedeutungsvolle Worte, die der Herr ausgesprochen hat, sind ursprünglich David’s Worte gewesen. Der geheimnißvolle Ruf des Gekreuzigten: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? – ein Ruf, in dessen Tiefe wir nicht hinabschauen können, ist aus einem Davidischen Psalm genommen; und eben so verhält es sich mit den Worten des Sterbenden: In deine Hände befehle ich meinen Geist (Psalm 22, 2. 31, 6). Welch‘ ein Mensch ist das, als dessen Sohn der Sohn Gottes sich anrufen läßt und dessen Worte er im Leiden und Sterben sich noch aneignen mag! Doch noch weiter reicht der Einfluß dieses Mannes; denn in seine Worte brechen wir aus, wenn wir die segnende Hand Gottes über uns sehen. „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat. Der dir alle deine Sünde vergiebt und heilet alle deine Gebrechen; der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit“ (Ps. 103). Seine Worte gebrauchen wir, wenn wir uns, den Feinden gegenüber, mit starker Zuversicht in die Treue Gottes einschließen. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquickt meine Seele und führet mich auf rechter Straße um eines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Thal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich“ (Ps. 23). Mit Davids Worten flehen wir um Vergebung der Sünde: „Gott sei mir gnädig nach deiner Güte und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit!“ und mit seinen Worten bitten wir um ein reines Herz: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gieb mir einen neuen gewissen Geist; verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir“ (Ps. 51). Auch unsere heiligen Lieder, diese Kleinodien der Kirche Gottes, sind zu einem großen Theile aus David’s Liedern geflossen, und so steht die Gemeinde des Herrn zu ihm in einem viel näheren Verhältniß, als zu irgend einem Heiligen des alten Bundes. Wie ist dieß möglich geworden? Wie ist David zu dieser so außerordentlich gesegneten Stellung gekommen? Er hätte nicht zu ihr gelangen können, hätte er nicht dem Volke angehört, das der Herr von allen Völkern der Welt abgesondert hatte, um es zur Stätte seiner Offenbarungen zu machen, von wo zu seiner Zeit der Strom des Segens in alle Welt ausgehen sollte. Er gehörte dem Volke an, dessen Ursprung und dessen Geschichte ein augenscheinliches Werk Gottes war; dem Volke, dem der Herr sich in Gnade und Gericht offenbart hatte, wie keinem andern; dessen Vergangenheit von den größten Wundern voll war, und von dessen Zukunft sich das Allergrößte erwarten ließ. Diese Erinnerungen und diese Hoffnungen hatte er mit einem ganzen Volke gemein; das war, daß wir so sagen, der fruchtbare Boden, auf dem er erwuchs, das Licht, das ihn umgab, die Luft, die er athmete, gleich jedem Andern in jenem gesegneten Volke. Aber er hatte sich auch besonderer Vorzüge zu erfreuen. Es war ein Stamm in Israel, dem der sterbende Vater eine Zukunft voll Sieg und Herrlichkeit verkündigt hatte (1 Mos. 49,8); der sich bei dem Aufenthalt in der Wüste, als die Stämme Israel’s sich rings um das Heiligthum ordneten, gleich einem Löwen vor den Eingang zum Heiligthum lagerte und bei den Zügen allen andern Stämmen unter seinem Fürsten Nahesson, dem Sohn Amminadab’s, voranging. Diesem, dem Stamme Juda, gehörte er an, und jener Fürst Judas war ein Ahnherr (Ruth 4, 20. 22). So war auch die Zeit, in die sein Leben fiel, eine sehr bedeutende. Mit Samuel, dem Propheten des Herrn, hatte eine neue Zeit begonnen, in welcher das Volk, indem es sich nach langem Schwanken zwischen dem Herrn und den Göttern der Heiden mit Entschiedenheit zum Dienst des Herrn wendete, große Offenbarungen der Macht und Treue seines Gottes erfuhr. Die Feinde, deren man sich so viele Jahrhunderte lang immer nur auf kurze Zeit hatte erwehren können, wurden mächtig zurückgeschlagen, und Viele im Volk wurden vom Geiste der Weissagung ergriffen. König Saul erfüllte die Hoffnungen des Volkes nicht; aber dieses ahnete doch, was es unter der Führung eines weisen, gottgefälligen Königs vermögen werde. Diese hoffnungsreiche Zeit, in welcher sich das Prophetenthum und mit ihm das Königthum im Volke Gottes erhob, war es, in welche das Leben David’s fiel. Er war auf der Weide und hütete die Schafe seines Vaters Isai, als der Prophet Samuel bei diesem in Bethlehem einkehrte, um einen von seinen Söhnen, den der Herr ihm bezeichnen würde, zum König zu salben. Isai ließ seine Söhne, einen nach dem andern, vor dem Propheten vorübergehen; aber von ihnen hatte der Herr keinen erwählt. Da sprach Samuel zu Isai: Sind das die Knaben alle? Er aber sprach: Es ist noch übrig der Kleinste, und siehe, er hütet der Schafe. Da sprach Samuel zu Isai: Sende hin und laß ihn holen. David folgte dem Rufe und als er eintrat, vernahm. Samuel die Stimme des Herrn: Auf, und salbe ihn, denn der ist es. Da nahm Samuel sein Oelhorn und salbte ihn mitten unter seinen Brüdern, und der Geist des Herrn gerieth über David von dem Tage an und fürder (1 Sam. 16). In einem äußeren Leben trat hiemit zunächst keine Veränderung ein; er hütete, wie er bis dahin gethan, die Schafe seines Vaters. Aber innerlich erlebte er eine große Umwandlung. Die Salbung, die er empfangen, war ihm Weissagung und Weihe zugleich; Weissagung wunderbarer Führungen, die ihn auf den Königsthron Israels bringen sollten, und Weihe zum Königthum, wozu der Gott seiner Väter ihn erkoren hatte. Der Geist des Herrn, der mit dem Salböl über ihn kam, schloß ihm seine Erwählung und eine Zukunft und in ihr die Zukunft seines Volkes auf. Indem er dann die Schafe seines Vaters auf gute Weide führte, konnte er nicht umhin, des Volkes zu gedenken, das er künftig mit einem Hirtenstabe weiden sollte; wenn er die Raubthiere, die in eine Heerde einfielen, abwehrte und erschlug, so mußte ihm sein Beruf vor die Seele treten, die Heerde des Herrn wider die andringenden Feinde zu schützen. In der Stille des Hirtenlebens bildete sich bei ihm die Gabe des Gesanges und Saitenspiels, durch die er für die Gemeinde des Herrn ein so großer Segen werden sollte, und zugleich die Fähigkeit aus, ein Hirt des Volkes zu sein. Aber er drängte sich nicht vor; er blieb in stiller Erwartung, wie der Herr das begonnene Werk hinausführen werde. Es war die Kunst des Saitenspiels, die ihn zum ersten Mal in die Nähe des Königs führte, um diesen, den ein böser Geist sehr unruhig machte, zu erquicken. Dann, als er den Riesen aus dem Philisterlande, im Eifer für den lebendigen Gott, den jener lästerte, mit einer Schleuder niedergestreckt und seinem Volke den Sieg über die Feinde bereitet hatte, nahm der König ihn zu sich und machte ihn zum Haupt einer Kriegerschaar. Es zeigte sich bei jeder Gelegenheit, daß David ein rüstiger Mann, streitbar und verständig und daß der Herr mit ihm war. Jonathan, Sauls Sohn, gewann ihn lieb, wie ein eigen Herz, und das Volk ehrte ihn hoch. Aber eben darüber ergrimmte Saul, und nun begann eine Reihe von Mordanschlägen und Verfolgungen gegen den jungen Helden, die ihn öfter, als einmal, an den Rand des Verderbens brachten. Aber in dieser Leidenszeit bewährte er sich; er ließ nicht von dem Herrn, der ihn berufen hatte, und er hütete sich, seine Hand an den Gesalbten des Herrn zu legen, obwohl ihm die Versuchung dazu oft sehr nahe lag. In derselben Zeit bewährte sich aber noch viel herrlicher die Gnade und Treue, mit welcher der Herr über ihm waltete; zuweilen kam die Rettung in demselben Augenblick, da das Verderben unvermeidlich schien. Viele seiner Lieder sind die edle Frucht dieser Leidenszeit. „Ich harrete des Herrn, und er neigte sich zu. mir und hörte mein Schreien. Wohl dem, der seine Hoffnung setzt auf den Herrn.“ Das klingt in diesen Liedern in immer neuer Kraft so mächtig wieder, daß wir uns noch heute davon ergriffen und zum Harren auf den Herrn erweckt fühlen. Doch die Zeit dieser Prüfung ging zu Ende. Als Saul nach der Niederlage auf dem Gebirge Gilboa, in welcher auch Jonathan fiel, sich selbst den Tod gegeben hatte, wurde David, dreißig Jahre alt, in der Stadt Hebron zum König über den Stamm Juda gesalbt. Nach sieben Jahren und sechs Monaten kamen alle Stämme Israels zu ihm gen Hebron und sprachen: Siehe wir sind deines Gebeins und deines Fleisches. Dazu auch vorhin, da Saul über uns König war, führtest du Israel aus und ein. So hat der Herr dir gesagt: Du sollst meines Volkes Israel hüten und sollst ein Herzog ein über Israel. Und der König David machte mit ihnen einen Bund zu Hebron vor dem Herrn und sie salbten ihn zum Könige über Israel (2 Sam. 5). – So war an dem Manne erfüllt, was der Prophet einst über den Jüngling ausgesprochen hatte. Das göttliche Wort hatte sich bewährt; die Feinde David’s und dessen, der ihn erwählt hatte, waren überwältigt, er selbst aber saß auf dem Throne, dem kein anderer auf Erden glich. In dieser Führung von den Schafen seines Vaters bis zum Königsthrone im Volke Gottes lag eine Offenbarung des Herrn, die er nicht verkannte. Was er damals empfand, sprach er in den Worten aus: Herzlich lieb habe ich dich, Herr, meine Stärke; Herr, mein Fels, meine Burg, mein Erretter, mein Gott, mein Hort, auf den ich traue (Ps. 18). Seine erste bedeutende That war, daß er mit der Heldenschaar, die sich um ihn gesammelt hatte, die Burg Zion nahm, wo er sich ein Haus bauen ließ; die zweite, daß er eben dahin die Lade Gottes brachte, für die er daselbst ein Zelt bereitet hatte. Ganz Israel nahm an der Einführung der Lade des Herrn in die Stadt Davids Theil; „und David opferte Brandopfer und Dankopfer vor dem Herrn“ und da er die Opfer gebracht hatte, „segnete er das Volk im Namen des Herrn.“ So tritt der Name Zion in die Geschichte Israels ein; und so hat David eine königliche Herrschaft begonnen. Zion mit dem Königshause und mit der Lade des Bundes sollte der Mittelpunkt des Volkes werden. Indem der König die Lade des Herrn in eine Nähe brachte, bekannte er, daß der Herr ihm das Reich verliehen und daß er sich verpflichtet fühle, die Gebote des Herrn zu erfüllen. Indem das ganze Volk an der feierlichen Einholung der Lade so freudigen Antheil nahm, gab es zu erkennen, daß es sein wolle, wozu es bestimmt war, das Volk des Herrn. Der König erkannte bald, daß es sich nun nicht mehr gezieme, die Lade des Herrn in einem Zelte wohnen zu lassen, nachdem der Herr seinem Volke Ruhe gegeben, und er schickte sich an, dem Herrn ein Haus zu bauen. Doch der Herr nahm dieß nicht an und ließ ihm durch den Propheten Nathan sagen, er selbst werde ihm ein Haus bauen und den Stuhl seines Königreichs auf ewig bestätigen. „Dein Haus und dein Königreich soll beständig ein ewiglich vor dir und dein Stuhl soll ewiglich bestehen“ (2 Sam. 7). Es war einer der größten Momente in der Geschichte Israels, als David diese Verheißung empfing und mit einem Dankgebet voll Demuth und Glauben erwiderte. Es folgte eine Reihe von Siegen; nicht bloß die Philister, die Moabiter und Ammoniter, es wurden auch die Edomiter, die Syrer von Damaskus und Zoba überwunden; und so hatte sich erfüllt, was der Herr etwa tausend Jahre zuvor Abraham verheißen und was so viele Jahrhunderte hindurch ganz unausführbar geschienen hatte: Deinem Samen will ich dies Land geben von dem Wasser Aegyptens an bis an das große Wasser Phrath (1 Mo. 15, 18). So hatte das Volk Israel in der Mitte der Völker eine Stellung erlangt, die es vielleicht nie gehofft hatte; und David, den Gott „von den Schafhürden genommen und zum Fürsten über sein Volk gemacht“, war der Auserwählte, der gewürdigt war, das Volk Gottes zu dieser Macht zu erheben, die Verheißungen Gottes, die dem Volke und die ihm selbst gegeben waren, in einer Weise erfüllt zu sehen, die ihm als eine göttliche Bürgschaft erscheinen mußte, daß auch die wunderbar hohe Verheißung von der Zukunft seines Hauses und eines Thrones ihre Erfüllung finden werde. Kein anderer König Israels hat etwas Aehnliches erlebt; kein anderer Mensch hat etwas Aehnliches erlebt, als dieser König. Er stand auf einer Höhe ohne Gleichen. Doch auf diese Erhöhung folgte ein tiefer Fall. Er, der König Israels, der sich so feierlich zu dem Herrn und zu einem Gesetz bekannt und in so unvergleichlicher Weise erfahren hatte, wie gut es sei, sich zu dem Herrn zu halten, derselbe, durch den die Verehrung des Gottes Israel’s neu geordnet war, dessen Lieder zum Preise des Herrn vor dem Heiligthum gesungen wurden, dieser Auserwählte, an dem der Herr Wunder der Errettung ohne Zahl vollbracht hatte, fiel in die Sünde des Ehebruchs, die er aus dem Gesetze Moses als eine Sünde zum Tode kannte, und um diese Sünde zu bedecken, ließ er den Mann, dem er sein bestes Gut geraubt, auch um das Leben bringen; und dieser von ihm so schrecklich behandelte Mann, Uria, der Hethiter, war einer von den auserwählten Helden, die ihm immer treu zur Seite gestanden und ihr Leben für ihn gewagt hatten. Aber er fiel noch tiefer; denn er ging längere Zeit ohne Bekenntniß seiner Schandthat hin und scheute sich nicht, Bathseba, nach dem Tode Urias, zum Weibe zu nehmen. So tief war er gefallen; so weit war er von dem Wege des Herrn abgewichen. Der Fall David’s ist ohne Zweifel eins der schlimmsten Ereignisse in der Geschichte Israels; ein Aergerniß, das von Zion, von derselben Stätte ausging, von der nur Segen ausgehen sollte; ein Aergerniß, das derselbe Mann gab, der seine Bestimmung darin gesehen hatte, den Namen des Herrn zu verherrlichen, und dessen Leben die augenscheinlichsten Spuren göttlicher Erwählung und Führung an sich trug; ein Aergerniß für das Volk, an dessen Spitze Gott ihn gestellt, ein Aergerniß für die heidnischen Völker, in deren Mitte gerade damals das Volk glänzender dastand, als je zuvor; ein Aergerniß für jene Zeit und – verkennen wir es nicht! – für alle Zeiten, denn das Wort: du hast die Feinde des Herrn lästern gemacht, erfüllt sich noch jetzt. Als David zur Erkenntniß seiner Sünde kam, war er wie vernichtet, und schwerer, als alles Andere, empfand er, daß er dieß dem Herrn, einem Gott, gethan hatte (Ps. 51, 6). Wenn irgend ein Mensch, so hätte er, dieser so hoch Begnadigte, so wunderbar Erhöhete, dieß dem Herrn nicht anthun sollen. Das empfand er auf das Schmerzlichste, und dieser Schmerz hätte ihn getödtet, wenn der Herr ihn nicht aufgerichtet hätte. Aber wenn der Herr ihm vergab und das Gericht der Ausrottung, das er verdient hatte, nicht über ihn kommen ließ; so konnte seine Sünde doch nicht ungestraft bleiben, und nun begann für David eine ganz andere Leidenszeit, als seine erste gewesen war. Wie der Herr ihm durch Nathan verkündigt hatte: Nun soll von deinem Hause das Schwert nicht lassen ewiglich, darum daß du mich verachtet hat und das Weib Uria, des Hethiters, genommen hat, daß sie dein Weib sei (2 Sam. 12, 10), so mußte er nun erleben, daß eine Heimsuchung nach der andern über ihn kam. Wie er früher die Erfüllung der göttlichen Verheißungen gesehen hatte, so erfüllten sich nun die Worte der Drohung an ihm. Die Gerechtigkeit Gottes, die er sonst für sich gehabt, war nun verdienter Maßen wider ihn. Es ist sehr merkwürdig, wie das geschah. Seine eigenen Söhne waren es, die ihm tödtlichen Schmerz bereiteten; Amnon zuerst, der seine Schwester Thamar schändete und dafür von Absalom’s Dienern erschlagen ward; dann Absalom, der sich gegen den Vater empörte und fast das ganze Volk für sich gewann. Es war, als sollte David an dem, was er von seinen eigenen Kindern erlitt, ermessen lernen, welches Leid er seinem Gott bereitet hatte. Doch diese zweite Leidenszeit hat noch edlere Früchte gebracht, als jene erste. Früher finden wir wohl, wie David eine eigene Gerechtigkeit und den Schutz des gerechten Gottes rühmt; und wir können ihn deshalb nicht tadeln. Saul und ähnlichen Feinden gegenüber hatte David eine gerechte Sache und Gott half ihm zu seinem Rechte. In seinen spätern Psalmen versäumt er auch nicht, die Gerechtigkeit eines Gottes zu rühmen und anzurufen; aber es findet sich in ihnen etwas viel Tieferes. Wenn er früher nur ein Recht zu kennen schien, so kannte er nun auch das tiefe Verderben seines Herzens, er flehete um Vergebung seiner Schuld, um Reinigung von seiner Sünde, um ein reines Herz, um einen neuen gewissen Geist, um Erquickung seines zerschlagenen Herzens, damit er im Stande sei, die Uebertreter die Wege Gottes zu lehren und den Sündern zur Bekehrung zu helfen. Wenn er früher einen glänzenden Gottesdienst hergestellt hatte, so sagte er nun: Du hast nicht Lust zum Opfer, ich wollte dir es sonst wohl geben, und Brandopfer gefallen dir nicht. Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten; – und was er nun für Zion erflehete, das war vor Allem Barmherzigkeit und Gnade (Pl. 51). Auf diesem Wege der Demuth erfuhr er dann auch die Gnade des Herrn, wie nie zuvor, und er lernte sie in einer Weise verherrlichen, in die auch wir in den Tagen des neuen Testaments fröhlich einstimmen können. Wer hat die vergebende und aus tiefem Verderben errettende Gnade herrlicher gepriesen, als David im 103ten Psalm? Wir wissen, wie schwer die Hand Gottes auf ihm lag; und doch rühmt er dort nur, daß der Herr gnädig und barmherzig sei, geduldig und von großer Güte, daß er nicht mit uns handle nach unsern Sünden und uns nicht vergelte nach unserer Missethat. Dort hat er auch das hohe Wort des Trostes ausgesprochen: Wie sich ein Vater über Kinder erbarmet, so erbarmet sich der Herr über die, so ihn fürchten. So war dieser merkwürdige Mensch nach einem tiefen Fall ein viel reineres Werkzeug der göttlichen Gnade, als zuvor, und wenn er auch früher schon Blicke in die Zeit gethan hat, wo die größten Verheißungen Israels und seines eigenen Hauses sich erfüllen sollten, so mußten diese Blicke viel tiefer gehen, nachdem er das Bedürfniß seines eigenen Herzens und die Größe der Gnade Gottes so tief empfunden hatte. So ist er gewürdigt worden, von dem Leiden des Herrn und von seiner Herrlichkeit darnach zu weissagen (Ps. 22 und 16) und das große Wort auszusprechen: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege; und: Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks. Vielleicht aber war von Allem, was er je gesprochen hat, dem Herrn nichts so wohlgefällig, als erstens die Klage über das Ende seines aufrührerischen Sohnes: Mein Sohn Absalom, mein Sohn, mein Sohn Absalom! Wollte Gott, ich müßte für dich sterben! O Absalom, mein Sohn, mein Sohn! – und zweitens jenes Flehen zu dem Herrn, als er den Engel sah, der bei der Tenne Arasma, des Jebusiters, seine Hand gegen Jerusalem ausstreckte, um sie zu verderben: Siehe, ich habe gesündigt, ich habe die Missethat gethan; was haben diese Schafe gethan? Laß deine Hand wider mich und meines Vaters Haus ein (2 Sam. 18,33. 24, 18). Denn es ist nicht allein die tiefste Demuth, die aus diesen Worten spricht; es ist zugleich eine Liebe, die wir nur als den Abglanz einer göttlichen, sich selbst aufopfernden Liebe verstehen können.

 

An der Stelle, wo er den Engel des Herrn mit dem ausgereckten Schwerte gesehen hatte, baute David dem Herrn einen Altar und opferte Brandopfer und Dankopfer; und der Herr erhörte sein Flehen und gab ihm ein Zeichen seiner Gnade, indem er Feuer vom Himmel auf das Opfer fallen ließ. Da sprach David: Hier soll das Haus Gottes, des Herrn, sein, und dieß der Altar zum Brandopfer Israels (1 Chron. 23, 1). Er war nicht berufen gewesen, den Tempel des Herrn zu bauen; aber er bestimmte den Ort, auf dem er sich einst erheben sollte, und es war die letzte bedeutungsvolle That vor seinem Ende, daß er seinen Sohn Salomo in feierlicher Versammlung ermahnte, den Tempel des Herrn zu bauen, wozu er während einer vierzigjährigen siegreichen Regierung unermeßliche Schätze gesammelt hatte. Er war 70 Jahre alt, als sein Ende kam. In seinen letzten Worten (2 Sam. 23, 1-7) rühmte er die Gnade, die ihm widerfahren war, und blickte mit freudiger Zuversicht auf die Zeit hinaus, in welcher sich die großen Verheißungen an seinem Hause erfüllen sollten. Mehr als tausend Jahre gingen dahin; zuweilen schien es, als sei es aus mit jenen Verheißungen. Aber sie haben sich doch erfüllt; ja, ihre Erfüllung breitet sich immer herrlicher aus. Wohl dem, der seine Hoffnung setzt auf den Herrn (Ps. 40, 5). Ja, wohl dem, dem die Uebertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedecket ist. Wohl dem, dem der Herr die Missethat nicht zurechnet, in des Geiste kein Falsch ist (Ps. 32, 1. 2).

 

Fr. Heinrich Ranke in Ansbach, jetzt in München.

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