Georg Wishart

Georg Wishart

Der König Jacob V. von Schottland starb am 18. December 1542. und hinterließ nur ein Kind, eine Tochter von zehn Tagen, die spätere Königin Maria Stuart von Schottland. Er hatte Künste und Wissenschaften beschützt, viele Gelehrte aus dem Auslande berufen, welche die Lehren des Reformators Calvin mitbrachten und viele Schotten von hohem und niederm Range nahmen die Lehren an. Die Katholiken wütheten, und es wurden mehrere Protestanten auf den Scheiterhaufen geliefert. An der Spitze der Verfolger stand die Königin Mutter, aus Frankreich aus dem katholischen Geschlechte der von Guise abstammend, und der Cardinal Beaton. Das Haupt der andern Partei war der Graf Hamilton von Arran, welcher zum Regenten erhoben wurde. Das erregte die Erbitterung des Cardinals: der bot Alles auf, seinen Einfluß zu sichern. Mit Hülfe französischer Truppen wollte er den Parteigeist unter den schottischen Großen, eben so auch die neue Lehre unterdrücken. Als ein Opfer seiner Wuth fiel auch Georg Wishart, der Märtyrer.

 

Dieser stammte aus der Familie von Pittarow, in Mearns, in welcher viele Mitglieder die protestantischen Grundsätze angenommen hatten. Seine wissenschaftliche Bildung erhielt er in Cambridge, und kehrte im Jahre 1544 nach Schottland zurück. Sein Herz brannte in der Liebe zu dem Herrn, und diese ließ es ihm nicht zu, bei der Unwissenheit seiner Landsleute ein müßiger Zuschauer zu bleiben, sondern trieb ihn an, mit Kraft und Feuer das Evangelium ihnen zu predigen.

 

Wishart begann seine Arbeiten in Montrose, und Gott begleitete sie mit großem Segen. Dort verfolgt ging er nach Dundee. Hier hielt er öffentliche Vorlesungen über den Brief an die Römer zur Bewunderung Aller und Ueberzeugung Vieler. Die katholische Geistlichkeit erhob sich, und sprengte aus, das sogenannte Neue Testament sei ein ketzerisches Buch, geschrieben von einem gewissen Martin Luther, den der Teufel in die Welt geschickt habe die Seelen der Menschen zu verführen. Wishart vertheidigte sich; allein die Obrigkeit befahl ihm Dundee zu verlassen. Er ging und andere Städte nahmen ihn mit offnen Armen auf. In vielen Gemeinden von Ayrshire predigte er, oft auch auf den Feldern vor großen Schaaren. Er sprach mit hinreißender Beredsamkeit von „dem Könige in seiner Schöne,“ und von „dem fernen Lande,“ und Tausende strömten ihm zu.

 

Wishart’s Arbeiten wurden daselbst durch die Nachricht unterbrochen, daß die Pest in Dundee ausgebrochen sei. Das ergriff ihn tief, denn das Volk jener Stadt lag ihm am Herzen. Er rang nicht allein im Gebet vor Gott für sie, sondern ließ sich auch durch nichts abhalten, wieder zu ihnen zu eilen. Am Tage nach seiner Ankunft versammelte er das Volk am östlichen Thore der Stadt, und, indem er die Gesunden innerhalb, die Kranken außerhalb des Thores aufstellte, predigte er ihnen von dem vollen Troste in Christo, den seine eigne Seele genoß. Sein Text war: „Er sandte sein Wort und machte sie gesund,“ Ps. 107, 20. Die Erweckung war allgemein und der Erfolg außerordentlich. Dieselbe Stelle war täglich seine Kanzel; dort predigte er das Wort des Lebens, während er auch von Haus zu Haus ging, und die Kranken und Sterbenden besuchte, belehrte und tröstete.

 

Gerade diese Zeit erwählten seine Feinde, seinem Leben ein Ende zu machen. Erst versuchten sie es, ihn durch Meuchelmörder aus dem Wege zu schaffen. Beaton dingte eine Person – noch dazu einen Priester, – ihre blutigen Absichten auszuführen, welcher dieses denn auch an eben derselben Stelle zu vollbringen suchte, wo Wishart predigte! Gott wandte die Gefahr von ihm ab. Aber die Entdeckung trug dazu bei, ihn in der Liebe des Volkes noch mehr wachsen zu lassen, und ihn selbst zu erneutem Eifer in seinen Arbeiten anzutreiben, da er dafür hielt, er habe nicht viel Zeit mehr.

 

Als die Pest vorüber, oder wenigstens ihre Kraft gebrochen war, ging Wishart nach Montrose zurück. Hier brachte er seine Zeit mit Predigen und Studiren zu. Beaton aber suchte abermals seinen Untergang. Als der Gouverneur, Graf Hamilton, nicht darauf einging Wishart öffentlich arretiren zu lassen, so bemühte sich der Cardinal von neuem Wishart zu umstricken. Durch falsche Briefe, deren Inhalt so gestellt war, als rührten sie von seinen Freunden her, die ihn um seinen geistigen Beistand ersuchten, suchte er ihn in seine Gewalt zu bekommen. Als das beinahe gelungen wäre, ward der Betrug entdeckt, und Wishart noch für einige Zeit erhalten. Aber er sagte selbst: „Wenn Gott einem Kampfe ein Ende gemacht habe, finde er sich schon zu einem andern berufen.“ Seine Freunde in Ayrshire forderten ihn ernstlich auf, mit ihnen in Edinburg zusammen zu treffen; „denn sie wollten eine Disputation von den Bischöfen verlangen, und er sollte öffentlich gehört werden.“ Er gab nach, und verließ zu der festgesetzten Zeit Montrose gegen alle Bitten und Thränen der Gläubigen. Während der Reise war er tief ergriffen im Geiste und sagte: „Ich bin überzeugt, daß meine Arbeit bald zu Ende geht; deßhalb rufet Gott mit mir an, daß ich mich jetzt nicht zurückziehe, wenn der Kampf am härtesten wird.“

 

Er langte mit einigen Freunden zu Leith an, wo er die nicht fand, die er erwartet hatte: er blieb hier und an andern Orten eine Zeit lang im Verborgenen, obwohl er vom Predigen nicht abließ. Um Weihnachten ging er nach Haddington, wo er viele Zuhörer erwartete; allein der Graf Bothwell verhinderte auf Anstiften des Cardinals das Zusammenkommen von Menschen, und Wishart sprach zu Johann Knox, der ihn begleitete: „Ich bin der Welt müde, da die Welt scheint Gottes müde zu sein.“ Den wenigen treuen Freunden und gläubigen Nachfolgern Christi, die sich beim Schlusse seines Zeugenlaufes um ihn sammelten, sagte er ein feierliches, herzliches Lebewohl.

 

Als Wishart, wie er es dafür hielt, seine letzte Predigt gehalten hatte, ging er noch an demselben Abende nach Ormiston. Johann Knox wollte ihn begleiten, aber Wishart gab es nicht zu, sondern sagte: „Nein, nein; Einer ist genug zu einem Opfer.“ Es weilten an dem Abende einige Freunde bei ihm, und man brachte die Zeit mit religiösen Uebungen zu. Später legte sich Wishart zu Ruhe. Um Mitternacht umringte der Graf Bothwell das Haus mit einer Schaar Soldaten. Widerstand oder auch ein Versuch zur Flucht war unmöglich. Sobald sich Wishart davon überzeugte, bat er seine Freunde, die Thore zu öffnen, und sprach mit freudiger Ergebung: „der wohlgefällige Wille meines Gottes geschehe.“ So kam er in die Gewalt des Cardinals, der ihn nach Edinburg abführen ließ.

 

Gegen Ende des Januar 1546 ward Wishart nach St. Andrews gebracht, wohin der Cardinal die Bischöfe und alle kirchlichen Würdenträger beschieden hatte. Er wünschte seinen Zweck mit Würde und Wichtigkeit zu umkleiden, und suchte zugleich die Bischöfe in die Verurtheilung Wishart’s zu verwickeln. Der Aufforderung ward Folge geleistet, eine große Procession veranstaltet, und diese vom Militair im Kriegsanzuge begleitet.

 

Man kam in der Klosterkirche zusammen. Der Decan Winram, welcher im Verdacht stand, daß er die Lehren der Evangelischen begünstige, war aufgefordert worden, eine Predigt zuhalten; denn Beaton beabsichtigte damit, ihn zu veranlassen, entweder offen seine verdächtigen Meinungen auszusprechen, oder sie durch ein Zeugniß für die Gewalt und Lehren der Kirche zurück zu nehmen, und ihn dadurch für immer der Verbindung mit den Evangelischen zu entfremden. Winram sprach kühn, doch vorsichtig. Hierauf ward Wishart auf die Kanzel gestellt, damit er, während er seiner Anklage, welche von einem gewissen Priester Lauder abgelesen wurde, zuhörte, desto besser den Blicken Aller möchte ausgesetzt sein. Nach dem Schluß jener Ablesung spie jener Lauder mit Bitterkeit und Verachtung Wishart in’s Angesicht, und sprach: „Was antwortest du auf diese Anklagen, du Renegat, Verräther, Spitzbube?“ Man braucht die Artikel kaum anzuführen, wegen welcher Wishart verdammt wurde. Unter dem, was man als Anklage gegen ihn oben anstellte: daß er die Auctorität der Kirche und des Pabstes leugne, die sieben Sacramente und das Fegfeuer verwerfe, daß man keine Sünde begehe, wenn man am Freitage Fleisch esse, und daß man nicht die Heiligen und Engel anbeten dürfe. Man stellte ihn als einen Menschen dar, der der Inbegriff aller Gottlosigkeit sei.

 

Wishart’s Vertheidigung war ruhig, fest und unwiderleglich. Ja seine Erörterungen waren so kräftig, daß die Prälaten selbst sagten: „Wenn wir ihm die Erlaubniß zum Predigen geben, so ist er so listig und in der h. Schrift so geübt, daß er das Volk für seine Meinung gewinnen und es gegen uns aufbringen wird.“ Aber sterben sollte er. Die Flammen waren sein Urtheil. Der Cardinal sprach es aus.

 

Wishart ward in’s Gefängniß zurückgebracht, bis das Feuer bereitet worden, und dann mit einem Seile um den Hals und einer Kette um den Leib auf den Scheiterhaufen geführt und angebunden. Auch hier verließ ihn sein christlicher Muth nicht. Er ermahnte die versammelte Menge zur Buße, zum Glauben und Reinheit, vertheidigte sich selbst gegen die Schmähungen seiner Feinde und sprach von dem Segen und der Herrlichkeit besserer Zeiten, wenn die Arche Gottes triumphirend über die Fluthen dahin fahren werde. Er betete demüthig und inbrünstig nicht allein für sich selbst, sondern für Gottes verfolgtes Volk, ja für seine Verfolger und Mörder, für ihre Buße, Erleuchtung, Begnadigung. Die Menge wurde mächtig ergriffen von seiner Ergebung, seinem Heldenmuth und seinem Todeskampfe. Lautes Murmeln erhob sich. Um ihn her prasselte die Flamme und seine Leiden waren groß; doch blieb er fröhlich, bis seine Seele einging in die Freude seines Herrn; und bald war sein ganzer Leib in einen geringen Aschenhaufen verwandelt.

 

Georg Wishart ward gerichtet, verdammt und verbrannt am 1. März 1546.

 

  1. Becker in Königsberg in d. N. M.
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