John Knox

John Knox

John Knox, der berühmte schottische Reformator, war im Jahre 1505 nahe bei Haddington, der Hauptstadt der Grafschaft Ost-Lothian in Schottland geboren. Sein Vater stammte, obgleich selbst nicht von Stande, aus einer alten ehrenwerthen Familie, und konnte seinem Sohne eine klassische Erziehung ertheilen. Als der junge Knox die Elemente des Unterrichts auf der lateinischen Schule zu Haddington erlernt hatte, wurde er im Jahre 1521 auf die Universität Glasgow geschickt, wo er die Vorlesungen des gelehrten John Mair oder Major, zu gleicher Zeit mit dem berühmten Schüler Georg Buchanan genoß. Von seinem frühern Lebensabschnitt oder dem Vorgange, der ihn zur Annahme des protestantischen Glaubens führte, ist wenig bekannt. Um das Jahr 1530 trat er in den Priesterstand, und er scheint auf einige Zeit mit einem der Klöster seines Geburtsorts in Verbindung gestanden zu haben. Doch entsagte er bald, gleich seinem Mitschüler Buchanan, den Spitzfindigkeiten der scholastischen Theologie, und indem er sich auf das Studium der Bibel, wie die Schriften eines Hieronymus und Augustinus legte, öffnete sich sein Geist allmälig zur Aufnahme der Lehrsätze vom Heil, deren Echo sein Vaterland von Deutschland her erreicht, und welche sein jugendlicher und edler Landsmann Patrik Hamilton unlängst mit seinem Blute besiegelt hatte. In seinen Vorlesungen zu St. Andreas, wo jener Märtyrer in den Flammen umgekommen war, verrieth unser Reformator zuerst die Aenderung seiner Gesinnungen. Durch seine Abtrünnigkeit gereizt, denuncirte ihn die Geistlichkeit als einen Ketzer und entsetzte ihn seines Priesteramts, und er entging dem Meuchelmorde nur durch eine rechtzeitige Flucht vor der Rache des Kardinals Beaton, der die Mörder ihm aufzulauern bestellte. Auf einige Zeit fand er Schutz in der Familie Douglas von Langniddric, wo er als Lehrer angenommen war. In der nächsten Zeit treffen wir Knox in Begleitung von Georg Wishart, einem andern Märtyrer der Reformation, und das Schwert tragen, das stets vor ihm hergeführt wurde, seit auf ihn ein Mordanfall in Dundee gemacht war. In der Nacht, als jener ehrwürdige Märtyrer auf Befehl des Kardinals verhaftet wurde, ordnete er an, daß das Schwert seinem eifrigen Begleiter abgenommen würde, und auf Knoxens Bitte um Erlaubniß, ihm folgen zu dürfen, sagte der gute Mann: „Nein, kehre zu Deinen Kindern zurück (er meinte seine Schüler) und Gott segne Dich; Einer ist Opfer genug.“

 

Das grausame Märtyrerthum eines Mannes, den er als einen geistlichen Vater verehrte, und den er um seines liebenswürdigen Charakters willen wie einen Bruder liebte, muß einen tiefen Eindruck auf die glühende Seele unsers Reformators hervorgebracht haben. Wir dürfen dennoch nicht überrascht sein, wenn wir erfahren, daß er – da er sein eigenes Leben durch seine blutdürstigen Feinde in unaufhörlicher Gefahr sah – nach der Ermordung des Kardinals Beaton seine Zuflucht nach dem Kastell von St. Andreas nahm, welches damals von den Mördern für einen gegen die Verfolgungen der päpstlichen Klerisei gesicherten Ort gehalten wurde. Während er in die Festung eingeschlossen war, ereignete sich ein Vorfall, der seiner ganzen zukünftigen Geschichte eine wichtige Wendung gab. Bisher hatte Knoxens Auftreten in Bezug auf die verbesserte Lehre einen Privat-Charakter gehabt, indem es in Auslegungen der Bibel vor seinen Schülern und einigen wenigen Nachbarn bestand. Er hatte nie nach dem Amte eines öffentlichen Predigers gestrebt, auch sah er seinen Priesterstand nicht als eine Berechtigung an, ohne eine regelrechte Berufung des christlichen Volkes sich den Verrichtungen des evangelischen Amtes zu unterziehen. Diesen Ruf empfing er indessen nun in der unerwartetsten Weise. Unter jenen Protestanten, die im Kastell von St. Andreas Zuflucht gesucht hatten, waren Sir David Lindsay of the Mount, der Dichter und Satyriker der Klerisei, Henry Balnaves, einer jener derben Barone, welche die Reformation in Schottland mit Feder und Schwert stützten, und Mr. John Rough, ein berühmter reformirter Prediger. Diese Männer erkannten auf ein Mal an der Art und Weise Knoxens in seinen Katechisationen die Keime jener Energie und Beredtsamkeit populärer Ansprache, worin zu glänzen ihm bestimmt war. Sie drängten ihn, das Predigtamt zu übernehmen. Doch aus Mißtrauen auf seine eigene Kraft, und aus hoher Meinung über die Wichtigkeit des Amtes, lehnte er standhaft ihr Anliegen ab. Zuletzt beschlossen sie, nach gegenseitigem Uebereinkommen und ohne ihn mit ihrer Absicht bekannt zu machen, ihn im Sturm zu nehmen.

 

Als Rough an dem bestimmten Tage eine Predigt über die Erwählung der Geistlichen gehalten hatte, worin er das Recht einer christlichen Gemeinde, wie klein sie auch sein möchte, ihren eigenen Prediger zu wählen, aufrecht hielt, wandte er sich plötzlich zu Knox und sagte: „Bruder, Du mußt nicht böse sein, wenn ich nun meinen Auftrag ausspreche, welcher lautet: Im Namen Gottes und seines Sohnes Jesu Christi und im Namen Aller die gegenwärtig Dich durch meinen Mund berufen, befehle ich Dir, daß Du nicht den heiligen Ruf verweigerst, sondern das öffentliche Predigtamt annimmst, so wahr Du erstrebst den Ruhm Gottes, das Wachsthum des Reiches Christi, die Erbauung Deiner Brüder und meinen Trost, der ich wie Du wohl weißt der Menge meiner Arbeiten erliege, ja so wahr Du Gottes schweres Mißfallen zu vermeiden suchst und verlangst, daß er seine Gnade über Dir mehre.“ Dann fragte er, indem er sich an die Gemeinde wandte: „War das nicht Euer Auftrag an mich? und billigt Ihr nicht diese Berufung?“ „Er war’s, und wir billigen sie“, war die Antwort. Tief von der Scene ergriffen, machte Knox einen Versuch, die Zuhörer anzureden, doch seine Gefühle überwältigten ihn, er brach in Thränen aus, und stürzte aus der Kirche. Wenn auch nicht ohne Furcht und Zittern, nahm er doch das ihm so feierlich und unerwartet auferlegte Amt an. An dem festgesetzten Tage erschien er auf der Kanzel, und legte seinen ersten Text aus Daniel 7, 25: „Und er wird den Höchsten lästern, und die Heiligen des Höchsten verstören, und wird sich unterstehen Zeit und Gesetz zu ändern“, ein Thema, welches zugleich das Licht zeigte, worin er das Papstthum betrachtete, und die Zuversicht, womit er seinen Sturz voraussah.

 

Die geistlichen Arbeiten, in welche Knox so unerwartet eingeführt war, wurden eben so plötzlich unterbrochen. Das Kastell von St. Andreas wurde bald darnach von einer französischen Flotte belagert, und da die Garnison genöthigt worden war, zu capituliren, wurden Alle darin, Knox mit einbegriffen, zu Kriegsgefangenen gemacht, nach Frankreich hinüber geführt, und an die Galeeren abgeliefert. Dort waren sie mit Ketten beladen allen Beschimpfungen ausgesetzt, womit die Papisten die, welche sie Ketzer nannten, zu behandeln pflegten. Endlich wurden sie, nach einer Gefangenschaft von 19 Monaten, während welcher er und seine Gefährten allen Arten von Versuchungen und Drohungen, ihre Religion zu ändern, widerstanden, durch die Fürsprache Eduards VI. befreit, im Februar 1549: wo Knox nach England herüber kam, und sogleich von jenem vielgeliebten und vielbeklagten Monarchen als einer seiner Prediger angestellt wurde. In dieser Eigenschaft diente er zwei Jahre in Berwick und Newcastle, und als er in den zwei folgenden nach London berufen war, wurde er vom Geheimen Rath zu einem der sechs Kaplane des Königs bestellt. Er wurde sogar für das Bisthum von Rochester ernannt, doch diese Beförderung lehnte er ab. Grade in dieser Zeit und vor seinem Besuch in Genf war Knox von Herzen Presbyterianer. Nach einem Aufenthalt in England von 5 Jahren, in welcher Zeit er Cranmer in der religiösen und liturgischen Kirchenverbesserung half, verheirathete er sich mit Margarethe Bowes, einer Dame von guter Familie, mit welcher er während seines Aufenthalts in Berwick bekannt geworden war. –

 

Doch der Tod des trefflichen Königs Eduard, und die Thronbesteigung der blutdürstigen und bigotten Maria machte es ihm bald nothwendig für seine Sicherheit zu sorgen. Im Januar 1554 finden wir ihn in Genf, wo er mit Calvin eine Freundschaft schloß, die bis zum Tode jenes ausgezeichneten Reformators dauerte. „Obgleich ich mich beim Beginn dieses Kampfes“, schrieb er in dieser Zeit, „in der Rolle des verzagten und schwachen Soldaten gezeigt habe, (ich stelle die Ursache Gott anheim), ist doch mein Gebet, daß ich möge wieder in den Kampf zurückgeführt werden.“ Am Ende dieses Jahres erhielt er einen Ruf zum Diener des Wortes an der englischen Gemeinde in Frankfurt am Main; doch in Folge der Streitigkeiten, welche dort hinsichtlich des Gebrauchs der englischen Liturgie und verschiedener Ceremonien entstanden, war er gezwungen, sein Amt zu verlassen, und im nächsten Jahre sehen wir ihn an den Ufern Schottlands in den Kampf wieder zurückgeführt. Sein Aufenthalt in seinem Vaterlande war nur kurz zu dieser Zeit; er fand es noch seufzend unter Verfolgung, doch noch nicht reif für die Erlösung; und da er eine Einladung von seinen verbannten Brüdern nach Genf erhalten hatte, kehrte er im Juli 1556 nach dieser Stadt zurück, und blieb dort bis zum Anfang des Jahres 1559. Obgleich also von seinem Vaterlande getrennt, sehnte sich sein Herz nach seinen Landsleuten, und er gebrauchte seine Feder, sie unter ihren Prüfungen zu trösten, und zur Ausdauer in der Vertheidigung ihrer Religion zu ermuthigen. In dieser Zeit veröffentlichte er seinen berühmten „Ersten Schall der Trompete gegen das gräßliche Weiber-Regiment“, welcher veranlaßt war durch die Tyrannei der „blutigen Maria“, wie die Königin von England wegen der Menge von Hinrichtungen unter ihrem Regiment genannt wurde. Die freien, in jener Abhandlung enthaltenen Gesinnungen gegen weibliche Regierung setzten ihren Verfasser beträchtlichen Wirren aus, während der folgenden Herrschaft Elisabeths in England und Maria’s in Schottland. Als indessen endlich der Tod der Maria von England und die Nachfolge der protestantischen Elisabeth den Reformirten glänzendere Aussichten aufschloß, nahm Knox einen letzten Abschied von Genf und schiffte sich im Januar 1559 nach seinem Vaterlande ein. Er fand Schottland vorbereitet, Roms Joch abzuschütteln, welches inzwischen doch der ganzen Nation verhaßt geworden war. Der Luxus, die Verworfenheit und die Unterdrückungen der Klerisei hatten ihr das ganze Volk entfremdet; ihr Ehrgeiz und Hochmuth hatten den Groll der Vornehmen erregt, eine Reihe von Grausamkeiten gegen die Protestanten, die durch das Verbrennen eines alten Mannes, Namens Walter Mill, bei lebendigem Leibe, gekrönt wurden, hatten nur Sympathie für die Dulder erweckt, und die Vorschläge der Königin Regentin, Maria von Guise, die Protestanten durch Verstärkung aus Frankreich einzuschüchtern, regten ihrerseits die alte Tapferkeit und Vaterlandsliebe Schottlands an. Nachdem Knox als Prediger in Edinburg eingeführt war, predigte er einen Kreuzzug gegen das Papstthum in verschiedenen bedeutenden Städten. Seine männliche und nachdrückliche Predigt brachte den staunenswerthesten Eindruck hervor, das Volk stand in Masse auf, riß die Bilder in den Kirchen nieder und verwüstete oder zerstörte an einigen Stellen, über Wunsch und Absicht des Reformators hinausgehend, verschiedene Klöster. Endlich versammelte sich beim Tode der Königin Regentin das schottische Parlament am 1. August 1560 und forderte, die Religions-Angelegenheit aufnehmend, von den Reformatoren ein Bekenntniß ihres Glaubens in Gegensatz zu den Irrthümern des Papstthums. Das wurde schleunigst durch Knox und seine Gehülfen abgefaßt, und am 17. desselben Monats, da keine Widerrede von den päpstlichen Bischöfen gethan war, wurde das Glaubensbekenntniß vom Parlament gebilligt und die protestantische Religion förmlich eingeführt. In Anschluß daran bereitete Knox ein Werk vor: „Das Buch der Disciplin“, welches die Absicht hatte, die Verfassung der reformirten Kirche Schottlands zu regeln. Der Grundriß oder Plan des in diesem Buche vorgeschriebenen Regiments war entschieden presbyterianisch, und hatte eine genaue Aehnlichkeit mit dem der Genfer und französischen Kirchen, nur mit solchen Abänderungen, wie sie erforderlich waren, um es einer nationalen Anstalt zueignen zu können. Kein höheres Amt wurde über dem Pastorate anerkannt, obgleich zuerst und bis die Presbyterien errichtet worden waren, eine Klasse von Männern, Superintendenten genannt, zur Pflanzung der Kirche und zur allgemeinen Beaufsichtigung großer Districte bestimmt wurde, und ein anderer Kirchenbeamter in dem Doktor oder Lehrer der Theologie anerkannt wurde. Der Pastor war durch eine Körperschaft ordnender Aeltesten im Kirchenregiment und durch Diakonen in der Verwaltung der Einkünfte und Almosen unterstützt. Alle diese Würdenträger wurden nach der Regel eingesetzt, nachdem sie vom Volk erwählt waren. Die Gerichtshöfe waren die Session, das Presbyterium, die Synode und die General-Versammlung. Der öffentliche Gottesdienst wurde nach dem Buche der Gemeinde-Ordnung gehalten, das nach dem Muster der Genfer verfaßt war. Die nun entworfene Verfassung war, obgleich von der Kirche angenommen, doch nicht förmlich von der Civil-Gewalt anerkannt. Und das war dem Geize des Adels und der Vornehmen zuzuschreiben, die gegen die Anwendung der kirchlichen Einkünfte für die Sache der Religion und öffentlichen Erziehung, wie Knox sie in passendem Verhältniß vorgeschlagen hatte, Einwand erhoben.

 

Die Ankunft der Königin Maria von Schottland zu Edinburg im August 1561 verwickelte unsern Reformator in neue Kämpfe. Jene jugendliche und schöne Fürstin wurde von ihren Unterthanen mit Jauchzen empfangen; doch sie brachte aus Frankreich ein Herz mit, das mit Vorurtheil von der römischen Kirche ganz getränkt war, und den in Uebereinstimmung mit dem lothringischen Hause abgemachten Plan, die alte Religion in ihre angeborene Herrschaft wieder einzusetzen. In dieser Aussicht leitete sie die Vorbereitungen zur Feier einer großen Messe in der Kapelle von Holyrood am ersten Sonntag nach ihrer Ankunft. Die durch diesen Schritt hervorgebrachte Aufregung war ungeheuer. Die Messe war durch das Parlament als grober Götzendienst verdammt worden. Unser Reformator hielt diese Erneuerung des verbannten Ritus für den ersten Schritt zum Umsturz der Reformation, die so glücklich eingeweiht war; und am folgenden Sonntag erklärte er offen von der Kanzel herab, daß „eine Messe ihm fürchterlicher wäre, als wenn zehntausend bewaffnete Feinde in irgend einem Theil des Reiches gelandet wären in der Absicht, die ganze Religion zu unterdrücken.“ Um dieser und anderer kühnen Reden willen wurde er zu einer Unterredung mit Ihrer Majestät vorgeladen, die ihn anklagte, ihre Unterthanen gegen sie aufzureizen, und unter andern Dingen ihn wegen seines Buches gegen weibliche Regierung der Empörung beschuldigte. Als er sich gegen die Beschuldigung der Untreue vertheidigt hatte, wandte sich das Gespräch nach dem zarten Punkt über des Volkes Widerstandsrecht gegen die bürgerliche Gewalt. Knox behauptete kühn, es hätte solches Recht, indem er auf den Fall eines Vaters verwies, der von Wahnsinn ergriffen seine Kinder tödten möchte. „Wohlan, Madame, wenn die Kinder aufstehen, sich vereinigen, den Vater ergreifen, sein Schwert von ihm nehmen, seine Hände binden und ihn im Gefängniß halten, bis der Wahnsinn vorüber ist, glauben Sie, Madame, daß die Kinder damit etwas Uebles thun? Grade so, Madame, ist es mit den Fürsten, welche die Kinder Gottes morden wollen.“ Von der Kühnheit dieser Antwort verwirrt, saß Maria einige Zeit in einem Zustande schweigender Erstarrung, und erwiederte dann: „Nun wohlan, ich merke, daß meine Unterthanen Euch und nicht mir gehorchen sollen und thun wollen, was ihnen gefällt und nicht, was ich befehle.“ – „Gott behüte“, erwiederte der Reformator, „daß ich je auf mich nehme, irgend Jemand zu befehlen, mir zu gehorchen oder die Unterthanen zu der Freiheit anzureizen, zu thun was ihnen gefällt. Doch mein Bestreben ist, daß Beide, Fürsten und Unterthanen, Gott gehorchen mögen. Die Königinnen sollten die pflegenden Mütter der Kirche sein.“ – „Aber Ihr seid nicht die Kirche, die ich nähren will“, sagte die Königin. „Ich will die römische Kirche schützen, denn sie ist, wie ich denke, die wahre Kirche Gottes.“ – „Euer Wille, Madame, ist ohne Verstand, auch wird Euer Gedanke aus der römischen Hure nicht die wahre und unbefleckte Kirche Jesu Christi machen.“ – „Mein Gewissen ist nicht so“, sagte die Königin. – „Gewissen erfordert Wissen, Madame, und ich fürchte, daß Ihr nicht das rechte Wissen habt. So thaten die Juden, welche unsern Heiland kreuzigten. Habt Ihr je eine andere Lehre gehört, als die, welche der Papst und die Kardinäle anerkannt haben? und Ihr könnt versichert sein, daß sie nichts sagen werden gegen ihren eigenen Stand.“ – „Ihr legt die Schrift auf dem Einen Wege aus“, sagte die Königin ausweichend, „und sie auf dem andern. Wem soll ich glauben? und wer soll Richter sein?“ – „Ihr sollt Gott glauben, der klar in seinem Worte vor Eurer Majestät und den gelehrtesten Papisten in Europa spricht“, erwiederte Knox. Er erbot sich dann zu beweisen, daß die papistische Lehre nicht Grund habe in dem Worte Gottes. „Nun wohl“, sagte Maria, „Ihr mögt dazu vielleicht früher Gelegenheit haben, als Ihr glaubt.“ – „Sicherlich“, sagte Knox, „werde ich sie früher, als ich glaube, haben, wenn ich sie bei meiner Lebzeit überhaupt habe; denn der unwissende Papist kann nicht mit Geduld erörtern, und der gelehrte und listige Papist wird nicht zu Eurer Audienz kommen, Madame, um den Grund seiner Lehre ausforschen zu lassen.“ Am Ende dieser eigenthümlichen Unterredung sagte der Reformator, indem er von Ihrer Majestät Abschied nahm mit ehrerbietiger Verbeugung: „Ich bitte Gott, Madame, daß Ihr möget im Gemeinwesen Schottlands eben so gesegnet sein, als je Deborah im Gemeindewesen Israels es war.“ Einige Zeit darnach gab die Königin, als sie von der Ermordung der Protestanten zu Vassy durch ihren Onkel, den Herzog von Guise, gehört hatte, ihren ausländischen Dienern einen glänzenden Ball, wo der Tanz bis zur späten Stunde dauerte. Gegen dies Verfahren zog Knox von der Kanzel in strengen Ausdrücken los, und er wurde wieder vor Ihre Majestät geladen. Zu seiner Verteidigung hielt Knox seine Predigt noch einmal vor Maria, welche beim Schluß eine Drohung gegen ihn murmelte. „Er ist nicht erschreckt“, flüsterte einer ihrer Begleiter. – „Wie könnte das schöne Angesicht einer edlen Frau mich erschrecken“, sagte er, indem er sich scharf nach der Person mit sarkastischem Blick umwandte. „Ich habe in das Angesicht mancher erzürnten Männer gesehen, und bin doch nicht unmäßig erschreckt worden.“ Wenn indeß Knox Ursache hatte, über Mariens Herrschaft beunruhigt zu sein, so hatte sie und ihre papistischen Rathgeber eben so gut Grund, über den furchtlosen Reformator zu erschrecken. Bei jedem Anschein von Gefahr für die Sache der Reformation blies er Lärm; er belebte die Verzagten, ermahnte die Schwankenden und zeigte die Untreuen an. Wir können uns eine Vorstellung von der Wirkung seiner Kanzelreden aus dem Bericht des englischen Gesandten machen, der in einem Schreiben an den Sekretär Cecil sagt: „Ich versichere Euch, die Stimme Eines Mannes vermag in Einer Stunde mehr Leben in uns zu bringen, als sechshundert Trompeter, die unaufhörlich in unsere Ohren blasen.“ Des Reformators letzte Zusammenkunft mit der unglücklichen Fürstin war stürmischer als die vorhergehenden, und ist für beide Theile sehr charakteristisch. Er hatte die Königin tief verletzt durch seine Einrede gegen ihre Heirath mit dem charakterlosen und unglücklichen Darnley. Nie sei eine Fürstin so behandelt worden, rief sie leidenschaftlich; sie hätte seine strengen Reden ertragen, sie hätte seine Gunst mit allen Mitteln gesucht, „und doch“, sagte sie, „kann ich Euch nicht los werden. Ich gelobe Gott, mich zu rächen“; mit diesen Worten brach sie in Thränen aus. Ihre Begleiter suchten ihre Aufregung zu beschwichtigen, indem sie zu allen Arten höfischer Schmeichelei ihre Zuflucht nahmen. Doch bei dieser Scene entfaltete sich der strenge und unbeugsame Geist des Reformators. Er stand unbewegt vor Schönheit und Königswürde, die in Thränen aufgelöst war. Nachdem Ihre Majestät ihren Gefühlen Luft gemacht hatte, fuhr er in seiner Vertheidigung fort: „Außer seiner Kanzel“, sagte er, „hätten Wenige Gelegenheit zur Klage über ihn; er könnte seine eignen Knaben nicht weinen sehn wenn er sie bestrafte, viel weniger könnte er sich der Thränen Ihrer Majestät freuen. Doch auf der Kanzel sei er nicht sein eigner Herr, dort sei er zum Gehorsam dem verbunden, der ihm beföhle offen zu sprechen, und keinem Fleisch auf der Erde ins Angesicht zu schmeicheln. Er habe nur seine Pflicht erfüllt und sei, wenn auch viel gegen sein Gefühl, gezwungen, Ihrer Majestät Thränen lieber zu ertragen als sein Gewissen zu verletzen, und das Gemeinwesen zu verrathen.“ Diese Vertheidigung entflammte nur den Zorn der Königin, und sie befahl ihm sich zu entfernen. Während er im anstoßenden Gemach den Willen Ihrer Majestät mitten unter den Hofdamen erwartete, konnte er nicht umhin, einem etwas rauhen Humor über den Luxus ihrer Kleidung nachzuhängen. „O schöne Damen“, sagte er, „wie angenehm würde dies Ihr Leben sein, wenn es ewig währen könnte und wenn wir am Ende in den Himmel kämen mit all‘ diesen fröhlichen Gewändern! Doch pfui über jenen Schalk von Tod, der kommen wird, wir mögen wollen oder nicht.“

 

Knox’s Feinde fanden bald Gelegenheit, Mariens Zorn zu befriedigen, indem sie eine Klage über Hochverrath gegen den Reformator einbrachten.- Er wurde angeklagt, Circular-Briefe an die vorzüglichsten Edelleute protestantischen Glaubens geschrieben zu haben, worin er sie aufforderte, beim Verhör zweier Personen zugegen zu sein, die beschuldigt waren, die Feier der Messe zu unterbrechen. Da sie die Gefahr voraus sahen, darein er sich begeben hatte, riethen ihm eifrigst einige seiner besten Freunde, zu rechter Zeit sich zu unterwerfen. Doch Knox weigerte sich standhaft, im Bewußtsein seine Pflicht gethan zu haben, und am bestimmten Tage erschien er vor einer außerordentlichen Versammlung von Räthen und Edelleuten, vor denen die Sache untersucht werden sollte. Als die Königin ihren Platz im Rathe genommen hatte, und Knox unbedeckt am Ende des Tisches stehen sah, konnte sie sich nicht enthalten ihrem Triumph einen Ausdruck zu geben. Sie brach in ein schallendes Gelächter aus, und rief auf ihn zeigend: „Jener Mann hat mich weinen gemacht, und vergoß selbst nie eine Thräne. Nun will ich sehen, ob ich ihn weinen machen kann.“ Knox vertheidigte jedoch, unerschreckt von der furchtbaren Versammlung, seine Sache mit solcher Geschicklichkeit und stellte die Gefahr der Protestanten den papistischen Machinationen gegenüber so eindringlich dar, daß, obgleich er verschiedene persönliche Feinde unter seinen Richtern hatte, er mit Ehren freigesprochen wurde zum Verdruß und zur Demüthigung der Königin. „Diese Nacht“, sagt Knox in seiner Geschichte, „wurde am Hofe weder getanzt noch gefiedelt, denn Madame war in ihrer Absicht, John Knox durch das Votum ihres Adels in ihre Gewalt zu bekommen, getäuscht.“

 

Da der Mord des Riccio, des Lieblings der Königin, ihre Ungnade auf den protestantischen Adel gelenkt hatte, erachtete es Knox, den Haß gewahrend, den sie gegen ihn nährte, für klug, Edinburg zu verlassen und sich nach Ayrshire zurückzuziehen. Doch die Verbrechen und das Mißgeschick der unglücklichen Maria, die sich in rascher Reihenfolge auf einander häuften, öffneten bald den Weg zu seiner Rückkehr. Von Keinem der Edlen Schottlands empfing er wirksameren Beistand, als von Jakob Grafen von Murray, der zum Regenten des Königreichs ernannt war, – „ein wahrhaft guter Mann“ sagt der Erzbischof Spottiswood, und werth unter die besten Herrscher deren sich das Reich erfreut hat, gezählt zu werden, und darum bis auf diesen Tag mit dem Titel des guten Regenten beehrt. Doch selbst seine Tugenden hatten ihm in diesem rauhen und stürmischen Zeitalter Feinde verschafft, die ihn zu stürzen suchten; und im Januar 1570 wurde er schändlicher Weise in den Straßen von Linlithgow ermordet. Der Kummer, den diese traurige Begebenheit Knox verursachte, wurde durch andere Umstände verstärkt, welche über die letzten Tage des Reformators einen dunkeln Schatten warfen. Er wurde kurz darauf vom Schlage gerührt, von dessen Folgen er nie ganz wieder genas. Er wurde mit der Partei, welche noch der verbannten und gefangenen Maria anhing, in Streit verwickelt. Er wurde mit allen Arten von Verläumdungen und Tadel von den Freunden der alten Religion angefallen. Er wurde durch Wahrnehmung der Symptome von Kälte, Abfall und Egoismus in Sachen der Religion betrübt, die sich bei den Machthabern offenbarte, und sein Herz wurde von Angst zerrissen bei der Nachricht von dem Blutbad der Protestanten in der Bartholomäus-Nacht in Paris und andern Theilen Frankreichs. Der alte Krieger fing an nach Erlösung zu seufzen, schwach am Leibe und betrübt im Geiste. „Müde der Welt“ und „dürstend nach dem Abscheiden“, diese Ausdrücke kommen in allem was er in dieser Zeit schrieb häufig vor. Noch einmal gerieth sein Leben in Gefahr. Bei einer Gelegenheit wurde ein Schuß nach dem Fenster abgefeuert, wo er gewöhnlich saß. Die Kugel traf den Leuchter vor ihm und grub sich in die Decke des Zimmers ein. Er zog sich auf kurze Zeit nach St. Andreas zurück. Doch konnte Nichts den Eifer seiner Seele löschen oder ihre Standhaftigkeit erschüttern. Er fuhr bis zuletzt fort „mit seiner sterbenden Hand“, wie er sich ausdrückt, zu schreiben und mit einem Feuer zu predigen, welches selbst seine Schwäche nicht dämpfen konnte. „Beim Eingang seines Textes“, schreibt der treffliche Jakob Melville, der ihn zu St. Andreas hörte, „war er eine halbe Stunde lang gemäßigt, doch wenn er an die Anwendung kam, machte er mich zagen und zittern, daß ich nicht meine Schreibfeder halten konnte. Er war sehr schwach. Ich sah ihn an jedem Predigt-Tage behutsam und furchtsam, einen Stock in der einen Hand, und den guten frommen Richard Bannatyne, seinen Diener, die andere Schulter stützend, von der Abtei nach der Gemeinde-Kirche gehen, und von dem besagten Richard und einem andern Diener auf die Kanzel gehoben, wo er sich beim ersten Eingang beugte. Doch ehe er seine Predigt geendet hatte, war er so bewegt und lebhaft, daß es schien, als ob er die Kanzel in Stücke schlagen und hinaus fliegen wollte.“

 

Doch das theure Leben unsres Reformators verrann schnell. Als er nach Edinburg zurückkehrte, hielt er seine letzte Predigt in der Tolbooth-Kirche zur Einführung des Herrn Lawson, seines Kollegen und Nachfolgers. Als er den Segen mit einer freundlichen aber zitternden Stimme gesprochen hatte, stieg er von der Kanzel, und auf einen Begleiter gestützt, schlich er die alte High Street hinab, welche ganz von der Versammlung bedeckt war. Sie folgte ihm, eifrigst bemüht einen letzten Abschiedsblick von ihrem geliebten Pastor zu erhalten, bis er zum letzten Male in jenes bescheidene Häuschen in Canongate eintrat, welches noch als ein Andenken an den Reformator erhalten wird. Während seiner letzten  Tage war sein Geist zum Theil mit düstern Versuchungen überschattet, welche einem so gewissenhaften Geiste als dem seinigen der Todesangst gleichkamen. Doch schnell überwältigte er diese, und er wurde fähig, auf seinem Sterbebette vor seinen Aeltesten und zahlreichen Freunden, die ihn aufsuchten, ein Zeugniß von der Wahrheit des Evangeliums abzulegen, welches er so treu verkündet hatte. An alle und jeden richtete er passende Ermahnungen. Zuletzt fing die Sprache an ihm zu versagen. Er wünschte, daß seine Frau ihm das 15te Kapitel des ersten Briefes an die Korinther lese. „Ist das nicht ein tröstliches Kapitel?“ sagte er. „O welch‘ einen süßen und heilsamen Trost hat mir der Herr in jenem Kapitel dargeboten!“ „Nun empfehle ich zum letzten Male, sagte er nach einer kurzen Pause, meine Seele, meinen Geist und Leib (drei Finger während dieser Worte berührend) in Deine Hand, o Herr!“ Dann sagte er: „Geh und lies wohin ich zuerst meinen Anker werfe.“ Sie lasen ihm das 17te Kapitel des Evangeliums Johannes. Dann lag er einige Stunden still. Um 10 Uhr lasen sie das Abendgebet aus dem Buch der Gemeinde-Ordnung, und als sie ihn fragten, ob er die Gebete gehört habe, erwiederte er: „wollte Gott daß Ihr und alle Menschen sie gehört hätten, wie ich sie gehört habe. Ich preise Gott um den himmlischen Klang.“ Um die 11te Stunde that er einen tiefen Seufzer und sprach: „nun ist es geschehen.“ Als sein treuer Diener Richard bemerkte, daß er sprachlos sei, und von ihm ein Zeichen zu haben wünschte, daß er in Frieden sterbe, hob er die eine Hand in die Höhe und verschied zwei Mal seufzend ohne Kampf. Er starb an dem 24. November 1572, im Alter von 67 Jahren, nicht so sehr von den Jahren niedergedrückt, als körperlich durch außerordentliche Arbeiten und geistig durch viele Aengsten erschöpft. Seine Hülle wurde auf dem Kirchhof von St. Gilles beerdigt, und als der Körper in die Gruft gesenkt war, verkündete der Regent Morton seine Grabinschrift in diesen Worten: „Hier liegt der begraben, welcher nie das Angesicht eines Menschen scheute.“

 

John Knox war 2 Mal verheirathet. Von seiner ersten Frau, Margarethe Bowes hinterließ er 2 Söhne, und von seiner zweiten, die eine Tochter des Lord Ochiltree war, hinterließ er 3 Töchter. Die Haupt-Züge seines Charakters sind in seinem Leben hervorragend entfaltet. Strenge, doch nie grausam oder rachsüchtig im Gemüth, entschlossen in seinem Vorhaben, kühn, muthig und unbeugsam im Handeln, und doch voll von der Milch der Menschenfreundlichkeit, muß er anerkannt werden als ausgezeichnet durch seinen Helden-Eifer als Reformator, seine Gewalt als Prediger, seine Fruchtbarkeit und Eindringlichkeit als Schriftsteller und seine reine Frömmigkeit als Christ. Das Andenken des Reformators, das aus verschiedenen Ursachen in Vergessenheit gerathen oder mit einer Menge von Verleumdungen in seinem Geburtslande überdeckt war, ist später durch die Arbeiten seines Geschichtsschreibers, des verstorbenen Dr. M’Crie wieder enthüllt, der in seinem „Leben des John Knox“ die Wolken des Vorurtheils zerstreut hat, welche sich um den einst verehrten Namen angesammelt hatten, und ein Monument dem Reformator Schottlands errichtet hat, ehrender und dauernder als irgend eines, das aus Erz oder Stein erbaut wäre.

 

Der Zweck dieser Veröffentlichung war nicht allein den Charakter Knox’s zu rechtfertigen, sondern ein allgemeines Interesse für die Sache aufzufrischen, deren Streiter er war, und der Name von John Knox ist jetzt, was er einst war, ein vereinigender Ruf für alle Freunde der Lehre und Verfassung der schottischen Reformation.

 

Knox hat viele verschiedene Schriften hinterlassen, einige von polemischer, andere von praktischer Art, die meisten von ihnen durch die ereignißvollen Scenen seines Lebens veranlaßt. Sein größtes und wichtigstes Werk ist seine „Geschichte der Reformation“, wovon eine neue und schöne Ausgabe mit werthvollen Noten neuerdings mit seinen andern Werken von Herrn David Laing in Edinburg veröffentlicht ist.

 

Thomas M’Crie in Edinburg.

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