Patrick Hamilton

Patrick Hamilton

Patrik Hamilton.

Patrik Hamilton, der erste Prediger und Märtyrer der schottischen Reformation war von edler Geburt und Abkunft, Sein Vater, Sir Patrik Hamilton war ein natürlicher (später legitimirter) Sohn des ersten Lord Hamilton, der sich mit Maria, Tochter des Königs Jakob II. vermählte. Seine Mutter war Katharina Stuart, Tochter des Alexander Herzogs von Albanien, zweiten Sohnes desselben schottischen Königs.

Weder das Datum noch der Ort seiner Geburt sind genau bekannt; doch man hat guten Grund, anzunehmen, daß er in Stonehouse bei Glasgow im Jahre 1504 geboren ist. Als jüngerer Sohn wurde er zeitig für die Kirche bestimmt und im Jahre 1517 zum Titular-Abt von Ferne, einem Prämonstratenser Kloster in Roß-Shire ernannt. Wahrscheinlich in demselben Jahre verließ er Schottland, um seine Studien an der Pariser Universität fortzusetzen. Man hat immer angenommen, daß er auf der Universität St. Andreas Student gewesen sei, doch ganz kürzlich wurde sein Name in einem handschriftlichen Register der Magistri Jurati von Paris unterm Jahre 1520 entdeckt, und diese Entdeckung wirft ein wichtiges Licht auf den Weg, auf welchem er zur Erkenntniß der evangelischen Wahrheit gelangt ist. Es waren unzählige Schüler des Erasmus und Luther auf jener Hochschule zur Zeit von Hamiltons damaligem Aufenthalt. Die Flammen des Streites, die sich an der neuen Wissenschaft und der neuen Theologie entzündet hatten, loderten grade in jenen Jahren in Paris. Und als er später, nachdem er einige Zeit in Louvaine verweilte, das er wahrscheinlich wegen seines neuen Collegium Trilingue besuchte, nach Schottland 1523 zurück kehrte, war er bereits ein erklärter Erasmusianer, nicht allein wegen seiner Liebe zur alten Litteratur, sondern auch wegen seiner Ueberzeugung von der Nothwendigkeit kirchlicher Reformen.

Uns wird von Alexander Alesius berichtet, daß „er ein Mann von ausgezeichneter Gelehrsamkeit war, alle Sophisterei aus den Schulen verbannte, und die Philosophie zu ihrer Quelle, zu den Original-Schriften des Aristoteles und Plato zurückführte.“ Derselbe Autor belehrt uns, daß, obgleich Hamilton ein Abt war, er doch nie die Klostertracht anlegte, „so groß“, sagte er, „war sein Haß mönchischer Scheinheiligkeit!“ Statt mit den Mönchen seiner eigenen Abtey von Ferne zusammen zu sein, wurde er als „Lehrer der Künste“ ein Glied der Universität von St. Andreas, und nahm in jener Stadt seinen Wohnsitz, Es erforderte das Studium und Nachdenken mehrerer Jahre, um aus dem jungen Schüler des Erasmus den entschiedenen Anhänger Luthers zu machen. Hamilton konnte noch nicht öffentlich für die Reformation sich erklärt haben, als er in den Priesterstand der Kirche aufgenommen wurde, wahrscheinlich 1526, doch die Beweggründe, die ihn zum Priesteramt leiteten, offenbarten den evangelischen Geist, welcher im Geheimen in seinem Herzen Kraft gewann. „Es geschah“, sagt John Frith der englische Märtyrer, „weil er alle Mittel suchte die Wahrheit zu bezeugen, gleich wie Paulus den Timotheus beschnitt um die schwachen Juden zu gewinnen.“ Er verstand noch nicht, daß der treue Dienst am Worte Gottes völlig unvereinbar war mit dem Dienst der Kirche Roms. Im Anfange des Jahres 1527 erreichten die Gerüchte zuerst den Erzbischof von St. Andreas, daß Hamilton öffentlich sich der Sache Luthers angenommen hätte, und Beaton that sogleich Schritte ihn zu strenger Rechenschaft zu ziehen. Solch‘ ein Prediger der Ketzerei war in der That furchtbar. In einem Lande, wo edle Geburt und mächtige Verbindungen noch mehr Einfluß auf das Volk hatten, als in irgend einem andern Reiche von Europa, war ein Prediger des Lutherthums mit königlichem Blut in seinen Adern und mit aller Macht der Hamiltons im Rücken, ein gefährlicherer Feind der Kirche, als Martin Luther selbst in Person würde gewesen sein.

Der Augenblick war bedenklich, keine Zeit durfte verloren werden. Beaton stellte unverzügliche Untersuchung über die Wahrheit der ihm zugekommenen Nachricht an, und da er den jungen Priester gefunden hatte „mit streitender Ketzerei befleckt, verschiedene Ketzereien Martin Luthers und seiner Genossen, der Wahrheit entgegen behauptend“ lud er ihn vor sich. Patrik Hamilton hatte sich gerüstet die Wahrheit zu predigen, doch er fühlte sich noch nicht fähig für sie zu sterben. Er hatte schon den Glauben eines Evangelisten, doch noch nicht völlig den Glauben eines Märtyrers. Im Frühjahr 1527 wich er aus Schottland, und begab sich nach der evangelischen Schule Deutschlands; zwei Freunde und ein Diener begleiteten ihn.

Er war kurze Zeit in Wittenberg, doch sind leider keine Einzelheiten von seinem Verkehr mit Luther und Melanchthon aufbewahrt. Von Wittenberg ging er nach Marburg und war bei der Einweihung der neuen Universität des Landgrafen Philipp gegenwärtig. Sein Name steht noch auf der ersten Seite des akademischen Albums verzeichnet. Hier schloß er sich mit besonderer Liebe an Franz Lambert, den der Landgraf von Straßburg hingerufen hatte, in der theologischen Facultät den Vorsitz zu führen, und in dessen Schule er seine Fortschritte zur theologischen Reife ausgezeichnet rasch machte. Der Meister gewann seinen Schüler eben so lieb als der Schüler seinen Meister. Lambert hat schriftlich ein hoch wichtiges Zeugniß seiner Talente und seines Characters hinterlassen. „Sein Wissen“, sagt er, „war für seine Jahre von nicht gewöhnlicher Art, und sein Urtheil in den göttlichen Wahrheiten war ausnehmend sicher und gründlich. Der Zweck seines Besuchs der Universität war, sich völliger in der Wahrheit zu gründen, und ich kann redlich sagen, daß ich selten Jemandem begegnet bin, der sich mit dem Worte Gottes mit größerem Geist und Ernst des Gemüths beschäftigt hätte. Er unterredete sich oft mit mir über diese Gegenstände. Er war der erste der nach der Gründung der Universität eine Reihe von Thesen auf meinen Rath zur öffentlichen Vertheidigung aufstellte. Diese Thesen waren im evangelischen Geiste abgefaßt und wurden mit der größesten Gelehrsamkeit vertheidigt.“ Die eben benannten Thesen wurden später ins Englische von John Frith übersetzt, und in jener Form durch Fox den englischen Martyrologen und durch John Knox den Geschichtschreiber der schottischen Reformation, unter dem Namen von Patriks Stellen – das ist loci communes erhalten. Sie bilden ein interessantes und wichtiges Denkmal der frühesten Lehre der schottischen Reformatoren. Diese Lehre ist rein evangelisch ohne die Eigenthümlichkeiten der Lutherischen noch der Schweizerischen Symbole darzulegen. Hamiltons Theologie war gleich der Lamberts „nach dem Typus der Lutherischen Verkündigung des Evangeliums gebildet, wie nach Melanchthons loci communes wissenschaftlich geordnet und begründet.“ –

Nach dem Verlauf eines halbjährigen Aufenthalts im evangelischen Deutschland fühlte Hamilton, daß die Zeit gekommen sei, wo die Pflicht, die er Gott und seinem Vaterlande schuldete, ihn nöthige heimzukehren. Die beiden Freunde scheinen vor der Gefahr, ihn zu begleiten, zurückgeschreckt zu sein. Doch keine Aussicht auf Gefahr konnte ihn von seinem hohen Plane, seinem Vaterlande ein Evangelist zu werden, abwendig machen. Welch‘ eine Veränderung! Vor sechs Monaten floh er aus seinem Lande, weil er sich noch nicht der Mission eines evangelischen Märtyrers gewachsen fühlte. Doch jetzt eilt er den Gefahren gegenüber zu stehen, die er damals zu meiden geeilt hatte. Wie erstaunlich! und doch nicht schwer erklärlich! Denn sechs Monate hatte er unter den berühmtesten Helden und Lehrern des reformirten Glaubens zugebracht. Seine Lehrer waren alle evangelische Doctoren von der höchsten Auszeichnung gewesen; und sie waren alle eben so wohl evangelische Helden als Doctoren, Es war für eine Seele wie die seinige unmöglich, mit solchen Seelen lange in Gemeinschaft zu stehen, ohne ihren Geist in sich aufzunehmen, und von ihrem Einfluß überwältigt zu werden.

Bei seiner Ankunft in Schottland begab sich Hamilton zu dem Familien-Wohnsitz von Kincavel bei Linlithgow und dort fand er seine erste Gemeinde. Sein älterer Bruder Sir James war jetzt im Besitz der Familien-Güter und Ehren. Seine Mutter lebte noch, und er hatte noch eine Schwester Namens Katharine, eine Dame von Geist und Talent. So machten nahe Verwandte und die Dienerschaft der Familie sein erstes Auditorium aus, und seine Arbeit unter ihnen wurde mit großem Erfolg gesegnet. Beide, sein Bruder und seine Schwester nahmen die Wahrheit an, und wurden in kommenden Jahren gewürdigt viel für diese Sache zu leiden.

Doch er beschränkte sich nicht auf den Kreis von Kincavel. Er fing an das lange verlorne Evangelium zu predigen in der ganzen Umgegend. „Die glänzenden Strahlen des wahren Lichtes, sagt Knox, das durch Gottes Gnade in sein Herz gepflanzt war, fingen reichlich an weiter zu zünden sowohl öffentlich als insgeheim.“ – „Wohin er kam“, sagt ein anderer Geschichtschreiber, „unterließ er nicht das Verderben der römischen Kirche offen darzulegen, und die Irrthümer zu zeigen, die sich in die christliche Religion eingeschlichen hatten, welchem Viele ihr Ohr liehen, und er hatte um seiner Lehre und seines leutseligen Benehmens willen viel Anhang unter aller Art Volks.“

Was er mit so vielem Erfolg predigte mögen wir aus seinen „Stellen“ ersehen. In diesem kleinen Tractat erkennen wir die wahre Seele und den Geist seines kurzen doch fruchtreichen Predigtamtes, die in Jesu Christo seinen Landsleuten gepredigte Wahrheit, als die lebendige Wurzel der Hoffnung und Liebe. Er zielte auf eine Verbesserung der National-Kirche, welche an der Wurzel, nicht an den Zweigen anfing. Indem er so die Wurzel des Glaubens und Lebens in seinem Lande verbesserte, hoffte er die Bäume und ihre Früchte zu verbessern. Und seine Hoffnung täuschte ihn nicht. Der Prediger selbst wurde freilich bald stille gemacht und vertilgt. Doch seine Lehre lebte nach ihm, und wirkte mit einer sauerteigartigen Eigenschaft auf das Herz des Volks, bis sie den ganzen Teig durchsäuert hatte.

Bald nach seiner Rückkehr aus Deutschland that Hamilton, obgleich er Priester und Abt war, den entscheidenden Schritt, in die Ehe zu treten. Seine Braut war eine junge Dame von edler Geburt, deren Namen leider nicht aufbewahrt ist. Der Beweggrund, welchen Alesius zu diesem Schritte bezeichnet, war des Reformators Haß gegen die Heuchelei der römischen Kirche. Es scheinen bei dieser Gelegenheit ähnliche Beweggründe ihn geleitet zu haben wie Luther. Er wünschte durch Wort und That zu zeigen, wie gänzlich er die angemaßte und niederdrückende Autorität des römischen Stuhles abgeworfen hätte. Doch seine Ehe wie seine Laufbahn als Prediger waren beide nur für kurze Zeit bestimmt. Im Frühjahr 1528 nahm der Erzbischof von St. Andreas sein Verfahren gegen ihn wieder auf, welches ein Jahr zuvor durch seine Flucht nach Deutschland unterbrochen war. Indem er einen Ton der Aufrichtigkeit und Mäßigung erkünstelte, sandte Beaton ihm eine Botschaft die den Wunsch einer Conferenz mit ihm zu St. Andreas über solche Punkte der kirchlichen Lage und Verwaltung ausdrückten, die einiger Verbesserung benöthigt zu sein schienen. Hamilton wurde durch diese Verstellung nicht getäuscht. Er begriff deutlich die Politik seiner Feinde, und sah und sagte den schnellen Ausgang ihres Verfahrens vorher; wie St. Paulus wußte er wohl, daß Bande und Gefängniß seiner warteten in der Stadt der Schriftgelehrten und Pharisäer, doch er fühlte sich im Geiste gebunden dennoch dahin zu gehn, indem er sein Leben auch nicht selbst theuer hielt, auf daß er vollendete seinen Lauf mit Freuden und das Amt, das er empfangen hatte von dem Herrn Jesu, zu bezeugen das Evangelium von der Gnade Gottes. Als er um die Mitte des Januar in St. Andreas angekommen war, fand die vorgegebene Conferenz statt, und wurde mehrere Tage fortgesetzt. Der Erzbischof und sein Coadjutor die noch Mäßigung erheuchelten, schienen des Reformators Ansichten in vielen Punkten zu billigen, und als die Conferenz beendet war, wurde ihm erlaubt, sich frei in der Stadt und Universität zu bewegen, und ungehindert seine Ueberzeugung öffentlich und privatim darzulegen. Mit dieser heuchlerischen und zögernden Politik erreichten seine Feinde verschiedene Endzwecke. Sie gewannen Zeit für ihre Intriguen, der stillschweigenden Einwilligung der politischen Chefs des Landes in den tragischen Ausgang den sie inzwischen vorbereiteten sich zu vergewissern, und sie gaben Hamilton Gelegenheit und Anlaß, seine Meinungen ohne Rückhalt in einer Stadt zu verkündigen, die mit ihren eigenen Helfershelfern bevölkert war, wo jeder neue Ausdruck seiner Feindschaft gegen die Kirche augenblicklich niedergeschrieben und in eine Waffe zu seiner Vernichtung umgewandelt werden würde.

Doch die Sache der Wahrheit wurde eben so wesentlich bei diesem Aufschub gefördert. Der eifrige Reformator machte sich diese unerwartete günstige Gelegenheit zum besten Gewinn. Er lehrte und disputirte öffentlich an der Universität über all‘ die Punkte, worin er eine Verbesserung in den kirchlichen Lehrsätzen und in ihrer Verwaltung der Sakramente und anderer Gebräuche für nöthig erachtete, und er fuhr fast einen ganzen Monat so fort. Und dieser geschäftige Monat der öffentlichen Disputation und des Privatverkehrs war eine köstliche Saatzeit. In St. Andreas war er im kirchlichen Hauptquartier, und kam mit weit verschiedenem einflußreichen Classen von Männern in Berührung, als er sie je in einer Stadt des Reiches hätte treffen können – Magister und Studenten, Dechanten und Domherrn, Weltgeistliche und Ordensgeistliche, Augustiner, Dominikaner und Franziskaner, alle zusammen wurden von seiner Stimme berührt und fühlten die Macht seiner Lehre. Endlich kam der Augenblick, wo Beaton und seine Rathgeber fühlten, daß es sicher sei, die Maske abzuwerfen. Eine Vorladung wurde an Hamilton erlassen, die ihn aufforderte, vor dem Primas an einem bestimmten Tage zu erscheinen, um sich gegen eine Anklage wegen verschiedener ketzerischer Lehren zu verantworten. Seine Freunde sahen was bevorstand und lagen ihm an, da er noch frei war, sein Leben durch die Flucht zu retten. Doch er lehnte fest ab, von St. Andreas zu fliehen. Er sei hierher gekommen, sagte er, durch seinen Tod als ein Märtyrer der Wahrheit den Geist der Frommen zu stärken, und jetzt den Rücken zu kehren, würde ein Stein des Anstoßes in ihren Weg legen heißen, und einige von ihnen zum Fallen bringen.

Als er vor dem Erzbischof und seinen Beisitzern erschien, wurde er über 13 Artikel der Ketzerei befragt, welche ihm zur Last gelegt waren. Er antwortete, daß verschiedene dieser Artikel streitbare Punkte seien, doch solche, die er nicht verdammen könne, bis er bessere Gründe erkenne, als er sie bisher gehört habe, doch daß die ersten sieben Artikel ohne Zweifel wahr seien, welches zu vertheidigen er vorbereitet sei. Alle Artikel wurden nun dem Urtheil einer Versammlung von Theologen übergeben und Hamilton durfte inzwischen noch der Freiheit genießen.

In wenigen Tagen war Alles für den letzten Act der Tragödie vorbereitet. Der Reformator wurde gefangen genommen und in das Kastell von St. Andreas gebracht. Und am letzten Februar wurde er vor ein aus Prälaten, Aebten, Prioren und Doctoren bestehendes Ketzergericht gebracht, die in imposanter Versammlung in der Metropolitan-Kathedrale saßen. Die Theologen gaben ihre Censur der Artikel dem Gerichte ab, indem sie sie alle als ketzerisch und dem Glauben der Kirche entgegen verurtheilten. Dann erhob sich der Mönch Campbell, und las mit lauter Stimme die Artikel vor, und machte sie einen nach dem andern zur Anklage gegen den Reformator. „Ich war selbst Augenzeuge der Tragödie“, sagt Alesius, „und hörte ihn sich verantworten, der Anklage der Ketzerei gegenüber, die gegen ihn vorgebracht wurde, und er war weit entfernt, sie zu leugnen, sondern vertheidigte und bestätigte sie mit klaren Zeugnissen aus der Schrift und widerlegte die Erörterungen seines Anklägers. – Endlich schwieg Campbell und wandte sich wegen neuer Instructionen an das Tribunal. „Laß ab von den Erörterungen“, schrie der Bischof, „füge neue Anklagen hinzu, nenne ihn ins Gesicht einen Ketzer.“ – „Ketzer!“ rief der Dominikaner und wandte sich nach der Kanzel, wo Hamilton stand. „Nein, Bruder“, sagte Hamilton milde, „du hältst mich in deinem Herzen nicht für einen Ketzer, in deinem Gewissen weißt du, daß ich kein Ketzer bin.“ Diese Appellation muß dem Mönch zu Herzen gegangen sein, denn er hat dem Hamilton in mehreren Privatgesprächen bekannt, daß er in manchen Punkten mit ihm übereinstimme. Doch Campbell hatte niedriger Weise eingewilligt, eine Rolle zu spielen, und er mußte mit seiner Rolle weiter gehn. „Ketzer!“ rief er wieder, „denn du sagtest, es sei allen Menschen erlaubt, das Wort Gottes und vorzüglich das neue Testament zu lesen.“ – „Ich weiß nicht“, erwiederte Hamilton, „ob ich das sagte, doch nun sage ich, es ist recht und allen Menschen erlaubt, das Wort Gottes zu lesen, und daß sie auch alle dasselbe verstehen lernen, und besonders den letzten Willen und das Testament Jesu Christi, wodurch sie ihre Sünden erkennen, und dieselben bereuen, und ihr Leben in Glauben und Buße bessern, und zu der Gnade Gottes in Jesu Christo kommen.“ – „Ketzer! Du sagst, es ist nur verlorene Mühe, die Heiligen und insbesondere die heilige Jungfrau Maria als Fürsprecher bei Gott für uns zu bitten und anzurufen.“ – „Ich sage mit Paulus, es ist kein Mittler zwischen Gott und Menschen, denn allein sein Sohn Jesus Christus, und welche auch irgend einen abgeschiedenen Heiligen anrufen oder bitten, berauben Jesum Christum seines Amtes.“ – „Ketzer! Du sagst, es ist ganz vergeblich, Seelenmessen und Psalmen für die Erlösung der abgeschiedenen Seelen zu singen, die in den Qualen des Fegefeuers fortleben.“ – „Bruder, ich habe nie im Worte Gottes von solchem Ort des Fegefeuers gelesen, und glaube auch nicht, daß irgend etwas Anderes als das Blut Jesu Christi die Seelen der Menschen reinigen kann, welches Lösegeld in keinem irdischen Dinge, noch in Seelenmessen oder in Gold oder Silber, sondern allein in Reue über die Sünde und im Glauben an das Blut Jesu Christi besteht.“ Das war Patrik Hamiltons edles Bekenntniß im Angesicht des feierlichen Tribunals. Er sprach die ganze Wahrheit Gottes wie er sie kannte aus, und er sprach sie in Liebe aus, indem er selbst seinen schändlichen und treulosen Ankläger Bruder nannte.

Der Spruch der Verdammung wurde verkündet, und die Vollstreckung desselben sollte denselben Tag statt finden. Da der Bischof Grund zur Furcht hatte, von bewaffneten Männern möchte ein gewaltthätiger Versuch gemacht werden, ihren Gefangenen zu befreien, wurden die gewöhnlichen Gebräuche bei Entsetzung vom Priesteramt unterlassen, und eine oder zwei Stunden später, als Hamilton sein Urtheil in der Kathedrale gehört hatte, bereiteten die Henker den Pfahl, an welchem er sterben sollte, im Angesicht des Thores vom St. Salvator-Collegue. Als um Mittag dem Märtyrer der verhängnißvolle Platz zu Gesichte kam, entblößte er sein Haupt, und seine Augen zum Himmel aufschlagend, wandte er sich im Gebet zu Ihm, der allein ihm eines Märtyrers Kraft und Sieg geben konnte, und als er den Pfahl erreichte, händigte er einem seiner Freunde eine Abschrift des neuen Testaments ein, welches lange Zeit sein Begleiter gewesen war, legte Hut und Rock und andere Oberkleider ab und gab sie seinem Diener mit den Worten: „Sie werden nichts im Feuer nützen, sie werden aber Dir nützen. Nach dieser Zeit kannst Du von mir keinen Gewinn mehr haben, ausgenommen das Beispiel meines Todes, welches ich Dich bitte im Gedächtniß zu halten; denn wiewohl er mag dem Fleische bitter sein und fürchterlich dem Menschen, doch ist er der Eingang ins ewige Leben, welches Niemand besitzen wird, der Christum Jesum vor diesem gottlosen Geschlecht verleugnet.“

Die Gerichtsboten des Erzbischofs machten einen letzten Versuch, seine Standhaftigkeit zu erschüttern. Sie boten ihm sein Leben an, wenn er das Bekenntniß, daß er in der Kathedrale abgelegt hatte, widerrufen wolle. „Mein Bekenntniß“, erwiderte er, „will ich nicht verleugnen aus Furcht vor Eurem Feuer, denn mein Bekenntniß und Glaube ruht in Jesus Christ. Und was Euern gegen mich an diesem Tage gefällten Spruch betrifft, so appellire ich hier in Gegenwart Aller gegen den besagten Spruch und Urtheil, und übergebe mich der Gnade Gottes.“

Die Henker gingen nun vor, ihr Amt zu thun. Er wurde an den Pfahl gebunden, und das Pulver, das unter den Holzstoß gelegt war, angezündet, doch, obgleich drei Mal die Flamme sich entzündete, faßte sie doch nicht den Pfahl. Man brachte trocknes Holz und mehr Pulver aus dem Kastell. Die Leiden des Märtyrers wurden auf diese Weise qualvoll verlängert: – Alesius, der ein Zeuge der ganzen Scene war, erzählt uns, daß die Hinrichtung fast sechs Stunden dauerte, und in all‘ dieser Zeit versichert er uns, habe der Märtyrer kein Zeichen der Ungeduld oder Zorn von sich gegeben. Von brennenden Flammen umgeben und verzehrt, erinnerte er sich in seiner Qual seiner verwittweten Mutter, und befahl sie der Sorge seiner Freunde mit seinem letzten Athemzuge. Seine letzten hörbaren Worte waren: „Wie lange, Herr, soll Finsterniß dies Reich überwältigen? Wie lange willst Tu diese Tyrannei der Menschen dulden? Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!“

So tragisch, doch ruhmwürdig starb am 29. Februar 1528 Patrik Hamilton, ein edler Märtyrer in einer edlen Sache. Zu einer Zeit, wo noch die Macht der römischen Kirche in Schottland vollständig und herrschend war, hielt er es unmöglich, der Sache des wiederenthüllten Evangeliums mit der Arbeit eines langen Lebens zu dienen, doch erfaßte er mit Freuden die Ehre mit der heroischen Standhaftigkeit und dem Opfer seines Todes sie zu fördern. Solch‘ ein Märtyrerthum war es grade, dessen Schottland bedurfte, um in seinen Tiefen aufgerüttelt zu werden. Solch‘ ein Tod hatte mehr erweckende Kraft in sich, als die Mühen eines langen Lebens. Wenn seiner gesprochenen Worte nur wenige gewesen, so waren es doch kernige und fruchtbare Worte gewesen, die Worte des Weisen, welche als Stachel und als Nagel an einem sichern Orte treffen – und sein feuriges Märtyrerthum befestigte und prägte sie in das Herz der Nation für immer ein.

In Marburg kam der Kummer der Reformatoren ihrer Bewunderung gleich. „Er kam auf Eure Universität“, sagte Lambert in einer lateinischen Widmung an den Landgrafen Philipp von Hessen einige Monate später, „von Schottland, jenem entlegenen Winkel der Erde her, und er kehrte in sein Vaterland zurück, um sein erster und zugleich berühmter Apostel zu werden. Er war ganz Feuer und Eifer, den Namen Christi zu bekennen, und er hat sich selbst Gott dargebracht zu einem heiligen und lebendigen Opfer. Er brachte in die Kirche Gottes nicht allein allen Glanz seines Standes und seiner Gaben, sondern sein Leben selbst. Das ist die Blume von herrlichem Duft, ja die reife Frucht, die Eure Universität grade in ihrem Anfang erzeugt hat. Ihr seid nicht in Euren Erwartungen getäuscht worden. Ihr gründetet die Schule mit dem Verlangen, daß von ihr möchten unerschrockene Bekenner Christi und standhafte Vertheidiger seiner Wahrheit ausgehen. Seht! Ihr habt schon einen solchen – ein vielfach glänzendes Beispiel. Andere werden, so der Herr will, bald nachfolgen.“

Peter Lorimer in London.

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