Abraham

Abraham

Längst sind die rauschenden Wogenschläge der Sündfluth verhallt. Sie sind nicht mehr der letzte große Eindruck, der die Gemüther des neuen Geschlechts erfüllt. Das waren sie, zum feindlichen Trotz aufreizend oder finstere Stumpfheit gegen die Naturgewalten als Göttermächte erzeugend, in Hams Geschlechte lange gewesen. Dagegen hatten Sems Nachkommen ihre sittliche Bedeutung als gerichtlicher That Gottes, als Folge der Verschließung des Paradieses im Gedächtnisse des Herzens lange behalten und Japhets bewegliches Geschlecht hatte an dieser ernsten Erinnerung seinen Antheil mehr oder weniger gehabt. Aber allmählich hatte das üppige Aufwuchern des Menschenlebens nach der Fluth, die Ruhe vom Kampfe mit den wilden Thieren, die in den Landen der Fluth weithin vertilgt waren, die Fülle der Erzeugungen in Pflanzenwelt, Thierleben und Menschendasein das irdische Kraftgefühl so gehoben, die auftauchende Mannichfaltigkeit aber ein Bedürfniß des festen Mittelpunktes so herausgefördert, daß an dem Versuche, die eigene Kraft und ihr Werk und Denkmal zum höchsten Sammelpunkte zu machen. (Thurmbau zu Babel) erst die Unmöglichkeit, das Viele räumlich zusammen zu fassen, recht zum Bewußtsein kam. Eine nicht näher geschilderte Gottesthat hatte das unheilige Werk als den Versuch geoffenbart, eine Menschheits-Religion, an ein sichtbares Denkmal eigener trotziger Kraft geknüpft, also eine rein irdische, den allerhöchsten Gott verhüllende und beseitigende im Leben zu halten und ließ gerade an dem falschen Versuch der Vereinigung den Drang zur Ausbildung der Verschiedenheit und Eigenheit, die Hast und Angst der Selbstrettung vor Gott, das wilde Auseinanderjagen der verschiedenen in der Masse vorgebildeten Gruppen, der Nationenstämme, hervortreten. Jetzt begegneten die Völkerzüge auch den Mächten der Thierwelt und die gewaltigen Jäger und Völkertreiber erschienen. Während ein solcher in Mesopotamien eine Reichsgewalt übte, lebten da auch noch Semiten in stiller Ruhe des Hirtenlebens.

Jahrhunderte waren auch wieder seit der Völkertheilung verflossen und der reine Dienst des welterschaffenden Gottes, der segnete und Träger des Segens in den Tagen der Urväter erwählte, war durch keine neue die Gemüther beherrschende Kundmachung einer unendlichen Macht und Güte aufgefrischt worden. Heidnisches Hinsinken in die Naturmacht überwältigte allmählich das sittlich fromme Grundgefühl und nur die im hinsterbenden Greisenalter noch vorhandenen Reste der geweihten Urväterzeit hielten den Faden der heiligen Erinnerung fest. In Therachs Hause war von solcher Anregung ein edles Erbgut geblieben, und da und dort vereinzelt unter den heidnischen Völkergruppen leuchtete noch ein Priester des Allerhöchsten wie ein vereinzelter Stern zwischen dunklen Wolkenschichten hervor. Aber eine Gemeinschaft der Lebendigen gab es nicht. Einsam stand in seines Vaters Hause und zwischen einen Brüdern Nahor und Haran der älteste Sohn Therachs da, Abram, der hohe Vater, genannt. Ihm schlossen sich in Gott suchendem Drange ein Weib Sarai und Lot, der Sohn eines Bruders Haran, am nächsten an. – Die Heimath des Geschlechts war Ur Chasdim, d. h. Ur in Chaldäa, aber schon Therach war gen Westen gezogen nach Charan. Ob dies geschah, weil mit dem Heidenthum, das in sein Haus den Weg gefunden, (Josua 24,2. Judith 5,6.7.), auch ihm der Drang zur Wanderung sich eingeimpft, oder weil der reinere Gottessinn mit dem nimrodischen Chaldäerreiche sich nicht vertrug, oder weil ostwärts herkommende Völkermassen gegen Westen drängten, muß dahin gestellt bleiben. Hier nun trifft den Abram, einem tiefsten Sehnen begegnend, an alle heiligen Erinnerungen des Sem-Geschlechts anschließend, auf die alle zurückleuchtend, die Erscheinung Gottes, die erste seit Noahs Zeit. Es war wohl nicht ein inneres Wort nur, das mit: „und der Herr sprach zu Abram“ bezeichnet wird, sondern eine Gotteserscheinung in Gestalt, denn erst nachdem solche vorgegangen, konnte hernach Gesicht, Traum und inneres Wort als göttliche Offenbarung von jedem bloß menschlichen Ahnen unterschieden werden. Hier liegt ein großer Wendepunkt, ein neuer Anfang der Geschichte des Reichs Gottes. Der letzte Faden reineren Gottessinnes, der in Abram zu enden drohte, wird von der göttlichen Hand gefaßt, Abram wird der Erwählten Gottes einer, wie es Adam, Seth, Enos, Henoch, Noah, Sem gewesen, in ihm sammelt sich die gesammte heilige Ueberlieferung von der Urzeit und bildet einen klaren See der menschlichen Kunde von göttlicher Offenbarung, worin die bisherigen Quellen und Bäche mündeten und in welchem alles Menschliche, das der Strom mit sich geführt, zu Boden sinkt, aus welchem zuletzt ein neuer Strom hervorbricht und durch Isaak, Jakob, die 12 Erzväter, Mose, Aaron und das Volk Israel durch die Zeiten der Geschichte sich ergießt. – Das war die Antwort auf Abrams tiefstes Verlangen, die Besiegelung aller bisherigen Offenbarung. Die Paradiesesruhe, die Besiegung der Sünde, des Kampfes mit der Noth und dem Tode, die Wiederkehr des Friedens und der Gemeinschaft mit Gott, die Fortgeltung des nach der Schöpfung dem Menschen von dem ewigen Schöpfer geschenkten, im Fluche selbst wiederholten und erhaltenen, durch den neuen Anfang nach der Fluth in Wort, Zeichen und That bestätigten Segens trat ein.

Abram erhielt vor Allem den göttlichen Befehl der Wanderung und nun war mit einem Male das Wandern nicht mehr Folge des Trotzes und der Angst menschlicher Empörung, sondern es war die That des Gehorsams.

Der Berufene Gottes stand nicht mehr allein, sondern war in die Gemeinschaft der vor ihm Erwählten, der hohen, leuchtenden Vorbilder des Glaubens in der Urzeit getreten; er war der Erbe ihres geistigen Gutes, sie waren seine Unterlage, der Grundbau eines jetzt zur Geburt gekommenen geistlichen Lebens. Der Ausgang aus der alten, natürlichen Heimath, aus Vaterland, Geschlecht und Vaterhaus verstand sich nun eben so sehr von selbst, wie er Gottes Befehl war; denn geistlich war er durch die Gotteserscheinung schon aus diesem Kreise herausgehoben und zu einem neuen Anfänger gemacht. Und doch geschah mit dieser Wahl das Unwahrscheinlichste. Alle göttlichen Neu-Anfänge waren Zeugungen; sie sprachen thatsächlich von Fortdauer und Erneuerung des Lebens trotz des mit der Sünde eingedrungenen Todes. Abram aber war 75jährig und kinderlos, konnte nur in der Familie des Vaters durch die Brüder am Fortwuchern des Lebens Theil haben. Ob er darum Lot mit sich führte? ob er durch ihn, der als Brudersohn ihm ein Sohn war, ein Geschlecht hoffte? Aber er glaubte dem Wort, denn es war das Wort des Lebenschaffenden, der aber ihm auch der Heilsgott war. Der Glaube Abrams steht hier schon dem Befehle gegenüber als Heldenthum des Geistes da. Nicht allein der Ausgang zu neuer Gründung, auch der Eingang in die sonst der Sündenfurcht und Gottesscheu angehörige Völkerzerstreuung war seine Glaubensaufgabe, in deren Lösung das innere Durchschauen in die ewige Gnadenabsicht, das wonnevolle Ergreifen der göttlichen Mittheilung, lediglich weil sie göttlich war, und der demüthige und kühne Gehorsam in Eins verschmolzen.

An den Befehl knüpfte sich die Verheißung: „in ein Land, das ich dir zeigen will.“ Ein gottgezeigtes Land konnte nur Paradieses-Gedanken wecken. Es war ja wieder wie bei Adam, den Gott selbst in den Garten Eden gesetzt hatte. Nur die tiefe Paradieses-Sehnsucht in Abram erklärt das augenblickliche Verständniß dieses Gotteswortes. Ein Gottesland mußte es ja sein, worin der Sieg über alle Mächte der Sünde und des Todes geoffenbart werden sollte. – Wohin es lag, das mochte schon der seit der Paradiesesflucht vorwaltende Drang nach dem Abend andeuten. Dahin war aus dem edleren Geschlechte Sems der Zug gegangen, während der Osten andern Völkern gehörte. Es bleibt aber Geheimniß, worin die göttliche Bestätigung dieses Dranges bestand und wie Abram das Land seiner Bestimmung fand. Vor ihm lag die offene Wüste. Jenseits derselben reichte schwerlich eine Kunde. Dahin also, in die ungewisse Ferne ging der Zug.

Noch aber steigt die Verheißung höher empor. Zum „großen Volke“ soll der Kinderlose werden und zwar losgetrennt von seines Vaters Hause. Nicht Sems Verheißung nur, sondern auch der Ursegen vor dem Falle ist hiermit wieder aufgenommen: „mehret euch, füllet die Erde.“ Und wie dieser im Fluche forttönt: „du sollst (mit Schmerzen) Kinder gebären“, so auch hier in der gnadenvollen Strafe der Völkertheilung: „zum Volke will ich dich machen.“ Es war das Siegen des Lebens über den Tod, oder doch das Standhalten gegen ihn dem Abram zugesprochen und damit ein erster Name: „hoher Vater“ göttlich gedeutet. Eine Nation muß Trägerin des Heils sein, nicht mehr das Geschlecht (Sems), weil ja Nationen aus diesem Stamme schon das Siegel des Sündenfluches mit angenommen hatten, in der Babelflucht vor Gott. – Aber der rechte Inhalt der Verheißung ist erst der „Segen“. Erst: „ich will dich segnen“, dann: „du sollst ein Segen sein“, hierauf: „ich will segnen, die dich segnen“, endlich: „in dir sollen gesegnet werden (sich segnen) alle Geschlechter der Erde.“ Diese vierstufige Verheißung stellt Abram auf einen Ort in der Weltgeschichte des Heils. Nachdem er den Segen wunderbar und doch als Erbe der Urväter empfangen, ist sein wahrer Lebensbestand dieser Segen, sein ganzes Dasein von ihm erfüllt, durch ihn bestimmt und erhöht; was aber er hat und ist, das wird zum Gemeingut erst derer, die den Träger des Segens erkennen und als solchen behandeln, dann aller. – Schon in dieser ersten Verheißung an Abram wird der Blick des Glaubens erweitert und der ganze Umfang der jetzt schon so vielgliedrigen Menschheit, eben so wie im Paradiese, in den Sonnenkreis des verheißenen Segens hineingezogen. Es ist Lebensmittheilung, Schöpfung höheren Daseins, was in dem Segen auf Inneres und Aeußeres fließt. Daß aber „Fluch“ neben den Segen gestellt wird, ist ganz der bisherigen Heilsoffenbarung gemäß. Denn auch der muß bleiben an denen, die nicht segensfähig sind, ja den Gesegneten des Herrn nicht erkennen. An ihm und seinem Saamen entsteht die neue Scheidung der Menschen in Feinde und Freunde Gottes, wie zuvor im Urmenschen beides vereinigt war, in seinen Söhnen schon aus einander ging und in deren Geschlechtern als „Menschentöchter“ und „Gottessöhne“ den Gipfel erstieg, wieder in Noahs Söhnen, aber mit einem Vermittler (Japhet), sich darstellte, endlich in der Völkertrennung zu verschwinden drohte, weil der Fluch allein zu walten schien. Jetzt tritt der lichte Punkt in der Völkerwüste mit Abram wieder hervor.

Der Einzug in das gezeigte Gottesland beut wieder einen merkwürdigen Gegensatz dar. Von allen Ländern der Erde war es das gerade, welches am meisten ein Land des Fluches scheinen konnte. Denn die Kanaaniter, die Nachkommen Hams, die Verfluchten, wohnen darin. „Kanaan sei Sems Knecht“, hatte das Gotteswort nach der Fluth gesprochen. Nun tritt Sem in Abrams Person als Gast zu Kanaan. Erkannten die Kanaaniter den wahren, lebendigen Gott durch Abram, so wurden sie in Sems Verheißung aufgenommen. Der Gast war ihr Prediger. Ließen sie ihn in stumpfer Gleichgültigkeit neben sich stehen oder waren ihm gar feindlich, so waltete der Fluch bis zum Untergang ihrer Stämme fort. Der Gast war dann ihr Richter. Bis Sichem und zum Terebinthen-Hain More war er gelangt und hatte das üppige Gartenthal vor dem entzückten Auge, die Frage: wo ist die Ruhe von meiner Wanderung? in der Seele; da blitzte in sein Leben hinein die zweite Gotteserscheinung. Sie gab die Antwort auf die Frage der Sehnsucht: „deinem Saamen will ich dies Land geben.“ Jetzt war das Unglaubliche gewiß. Das Land der Verfluchten sollte es sein. Aber nicht Abram selbst, sein Saame erst soll sich des Besitzes freuen. Das nächste Ziel der Heilshoffnung war durch die Hand der Allmacht aufgestellt und Niemand konnte es wegrücken. Das „gelobte Land“ war gefunden. Wenn auch die Ruhe noch in der Zukunft lag, sie hatte doch ihren Ort. „Abram baut dem Herrn einen Altar“ und zieht weiter. Das Sabbathgefühl der Ruhe in Gott war Abram geworden und der sichtbare Zeuge derselben war dem Erzvater unentbehrlich. Dieser Altar mußte der Sammelpunkt einst werden für seinen Saamen. Noch mehr, zwischen Bethel und Ali erhob sich ein zweiter Altar und der Name des lebendigen und in Erscheinung ihm geoffenbarten Schöpfergottes wurde nun über das Land genannt (er predigte von dem Namen des Herrn, d. h. der Segen wird von Abram priesterlich auf das Land übergetragen durch Anrufung). In solcher Hut und mit ihrem Zeugniß und Unterpfand konnte Abram das Land zurücklassen, um zu ermessen, wie weit sein künftiges Land reiche. So ging er nach Süden, von wo der Mißwachs ihn weiter nach Aegypten trieb. Es konnte ja auch dieses Hamiten-Land zum verheißenen Gebiete gehören. Abrams Aufenthalt in Aegypten nimmt eine eigenthümliche Stelle in seiner Geschichte ein. Er zeigt uns Abram, der bisher zwischen kleinen Heidenstämmen friedlich und fast schüchtern durchzog, dem mächtigen Herrscher eines festgefügten Heidenreichs gegenüber. An die Stelle der hoffenden Zuversicht, daß wohl auch das Nilland zu einem Friedensbesitze gehören möge, tritt hier die Furcht. Dieser Furcht bringt er die volle Wahrheit, das heilige Band der Ehe, selbst die Möglichkeit eines Saamens durch Sarai zum Opfer. Er heftet sich an die Thatsache, daß diese eine nahe Verwandte war und giebt sie bloß für eine Schwester aus. Daß er hier der Gefahr ausweichen will, verräth nicht feige Furcht für sein Leben, sondern die Angst vor Vernichtung des an seine Person und ihr Fortleben geknüpften Verheißungszieles. Sein Saame sollte das Land besitzen und noch hatte auch Lot keinen Sohn. Abram mußte leben, bis ein solcher geboren war. Ob auch ein Gedanke an die Möglichkeit, durch Sarai, wenn sie zu des Pharao Frauen gezählt wurde, in den Besitz Aegyptens zu kommen, in einer Seele mitspielte, muß dahin gestellt bleiben. Seine Lage zwischen den schwersten Uebeln, dem Durchschneiden des Verheißungsfadens in seinem Tode und der Rettung durch Hingabe seines Weibes an den Heiden war furchtbar. Aber der Glaube war nicht in ihm, welcher ihn aus Charan fortgetrieben und durch Kanaan begleitet hatte. Und eben diese Glaubensschwäche war eine Sünde, aus welcher die andere, die Zweideutigkeit einer Rede, hervorging. Es mußte ihm in der Seele aufdämmern, daß es ungöttliche Ungeduld war, den Umfang des verheißenen Besitzes wissen zu wollen, was ihm den Zug nach Aegypten als zulässig vorgespiegelt; hier wagt er nicht, einen Altar aufzubauen. Ja, er kann als ein Gesegneter Gottes hier nicht erkannt werden, weil er selbst durch Sünde eine Mauer zwischen sich und den Aegyptern aufbaut. Und dennoch ist Gott ihm gnädig und rettet sein Leben nicht allein, auch die Reinheit seiner Ehe. Sarai wird heilig durch die Wunderthat Gottes, die selbst den Aegyptern die Augen öffnet und Schauer vor dem unheimlichen Fremdling weckt. Vielleicht schimmerte da der erste Gedanke an Sarais Erwählung zur Geburt des Saamens. Gott fand nicht so schwere Sünde an Abram, um ihn zu verwerfen, wohl aber um ihn durch den Mund und die Gaben des Heiden zu beschämen. Zugleich aber sind damit die Gränzen des gelobten Landes für immer nach Süden zu gezogen. Abram ruht auch nicht, bis er an dem geweihten Altarorte, dem sichern Ruhepunkt der Verheißung wieder angelangt war. In Bethel aber geschieht ein weiterer Schritt.

Die Unmöglichkeit der Einen Familie, die doch aus Zweien bestand, wurde klar. Zwischen den Heidenstädten und ihren Gefilden konnte wohl eine Hirtenfamilie sich bewegen, aber nicht noch eine. Zwietracht wurde die Folge des Versuchs. Vernichtung durch die Heiden hätte das Ende werden müssen, denn „sie wohnten im Lande“ (1 Mo. 13,7). Um die Erfüllung möglich zu erhalten, war Trennung geboten. Abrams Erklärung (v. 9) läßt den Schwerpunkt seiner Wünsche erkennen, friedlichen Fortbestand im verheißenen Lande, die Wahl Lots (v. 10.11), seine Unfähigkeit wahrnehmen, der untergeordnete Träger und Stammvater des Heils zu sein, und nun stand Abram wieder, wie einst am Ostrande der Wüste, vor der verhüllten Zukunft. Zum drittenmale trat auf dieser neuen Stufe der Ewige aus dem Dunkel hervor und die Zusage lautet mit Hinweisung auf das Land: „dir will ich es geben und deinem Saamen auf ewig“ – Noch aber kein Wort von Sarai und in Abrams Herzen noch nicht der Muth, solches Lebenswunder zu hoffen. Die Verheißung war nun enger beschränkt und als eine durch keine Macht zu brechende bezeichnet. Elieser, sein Knecht, war jetzt der natürliche Erbe. Ein neuer Altar bezeichnet einen neuen Theil des Besitzes unter der Mamre-Eiche bei Hebron. Die Hoffnung lebt nun auf, aber sie ist mit Wehmuth gemischt beim Blicke auf die eigene Kinderlosigkeit. Aber noch verschließt die Ehrfurcht Abrams Mund und er tröstet sich am geistigen Anblick des zahllosen Saamens, der seinen Namen nennen sollte.

Abrams Haus tritt auch sogleich in seiner Kraft hervor. Er geräth durch Lots Wahl und das derselben folgende Ungemach in die Berührung mit den vorderasiatischen Heidenmächten. Ein Königsbund unter elamitischer Hoheit, der von Abram nichts ahnt, verfolgt eine Rachepläne gegen kananäische Fürsten und reißt Lot als Siegesbeute fort. Hier erhebt sich in Abram das große Bewußtsein einer göttlichen Herrscherweihe. Hat Gott die Aegypter geschlagen um seines Weibes willen, so wird er Sieg geben über die Heiden, welche unwissend in den Bestand der geweihten Familie hineingegriffen, zu der Lot auch jetzt noch, wenngleich minder innig, gehörte. Die Heldenkraft Abrams, die seinem Glauben entspringt, tritt uns als Vorbild dessen, was ein Saame den Heidenmächten gegenüber sein sollte, sieghaft entgegen. Er steht einzig da in dem Kreise der Völker, die ihn umwohnen und weckt in ihnen das ahnende Gefühl, daß er sei, wie jetzt noch die Muhamedaner ihn nennen, el Khalil (der Freund) Gottes. Die Unmacht Lots läßt den Rest des Gedankens vergehen, daß er der Vermittler des gesegneten Saamens sein könnte. In Abrams eigenem Hause ruht die Kraft und ihn umleuchtet der Siegesglanz. – So kehrt er wieder, entläßt Lot, giebt alle Siegesbeute edel zurück und steht, der kleine Nomadenfürst, neben den Königen allen der Größeste da. Diese Kriegsgeschichte ist nicht fremd zwischen den stillen Scenen seines Wanderlebens, die läßt in die Vorstufen der Erfüllung hinausblicken, ja sie ist selbst eine Erfüllung. – Seine geweihete Stellung fand ein unerwartetes Verständniß, das über die dunkle Ahnung der Heiden hinausging.

Melchizedek erscheint. Er war der zerstreuten Lichtpunkte einer, die in der heidnischen Völkernacht als Zeugniß tragende Sterne leuchteten, indem sie der uralten heiligen Erinnerung treu blieben, ohne jedoch, wie Abram, neuer Bürgschaften des Heils sich zu erfreuen. Sie waren – und wie viele ihrer und wo sie gelebt, hat nur Gottes Auge gesehen – die Letzten ihres Geschlechts und entschliefen im Frieden der Hoffnung, aber auch in der Wehmuth, die Welt hinter sich in Götzendienst versinken zu sehen. Darum waren sie die Richter des Heidenthums, das an ihnen seine Ueberwinder haben konnte, aber sie unverstanden ins Grab sinken ließ. Melchizedek war „Priester Gottes des Höchsten“, und war, was die Urväter alle gewesen, Herrscher und Priester. Daß er die heilige Erinnerung hielt, zeigen seine sinnbildlichen Segensgaben, Brot und Wein. In ihnen liegt der Anklang an den Ursegen der Herrschaft über die Erde, an eine Erneuerung nach der Fluth und an den Sieg dieser Segnung über den Sündenfluch, der an diese Schöpfungsgaben sich auch knüpfte und zwar in Gottes Wort: „im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ und in der Verfluchung Hams, die mit dem ersten Weingenusse zusammenhing. Es war ja des Priesters Thun, Sünde und Fluch durch den Segen der Gottesgemeinschaft tröstend zu übertönen. Aber wegräumen konnte ihn erst der „Priester in Ewigkeit“, der „nach der Weise Melchizedeks“ erschien. Vor ihm, der in Abram den innerlicht Verwandten erkannte, dem Semiten aus der Zeit vor der Eroberung des Landes durch die Kananäer, beugte sich der hohe Vater. Denn er erkannte in dem Priester des Höchsten die Darstellung der Wurzel und des Stammes, worauf sein Glaube, seine Gemeinschaft mit Gott, erwachsen war. Darum huldigt er ihm mit dem Zehenten der Beute, wie der Sohn dem Vater huldigte. Es war die Urväterzeit, welche den Erzvater anhauchte. Er aber segnet den Abram, denn nur die Beerbung des Ursegens machte diesen fähig, der Träger der Heilshoffnung für die fernere Weltzeit zu sein. Es war der Sterbesegen der Väter, den Abram von einem leiblichen Vater Therach nicht hatte voll und ganz empfangen können, weil diesem der Priesterglanz des alleinigen Glaubens an den höchsten Gottfehlte.- Merkwürdig aber ist der Segen ganz ohne Ahnung der großen Zukunft Abrams. Sie war dem geweihten Priesterkönige verschlossen, wohl aber war ihm Abrams Erscheinung zum Trost, sofern nun der Faden der Paradieses-Hoffnung nicht mit ihm am Grabe brach. Es mag wohl Melchizedeks Schluß auf Erden gewesen sein, wie auch in Abrams Leben mit dieser wunderbaren Begegnung die Väterzeit abschließt.

Denn jetzt tritt für ihn die Zeit der schmerzlichen Einsamkeit, das Ringen des Glaubens ein. Melchizedek stand, wie ein einsamer Berggipfel, den noch die Abendgluth der sinkenden Sonne beleuchtet; auch der versank und kein zweiter trat in Abrams Gesichtskreis. Jahre der Stille und des Harrens verflossen, Lot war Abram fremder geworden, die Hoffnungsaussichten wurden dunkel, der letzte kaum gewagte Gedanke an Sarais Gewährung des Saamens mußte im Gang der Jahre schwinden. Da – wieder ein strahlendes Gesicht und das Gotteswort: „Fürchte dich nicht!“ Das war Lösung langer, banger Schmerzgefühle, durch die der Glaube an das menschlich Unmögliche sich gerungen. Aber weiter als bis zu Eliesers Vermittlung des Saamens erhob sich dieser mühsam festgehaltene Glaube nicht. Nun aber bricht in dem neuen Verheißungsworte das Leben durch alle beengenden Bande. „Er soll nicht dein Erbe sein, sondern der von deinem Leibe kommen wird, der soll dein Erbe sein“. Zum erstenmal erscholl ein Allmachtswort in Abrams Seele, wonach sie schmachtete, ohne daß sie es zu erbitten wagte. Hier schon war es der Glaube, daß Gott auch könne „von den Todten lebendig machen“, der ihn nicht ansehen ließ seinen erstorbenen Leib und den der Sarai (Röm. 4, 17 ff), wie derselbe ihn später am Opferaltar aufrecht hielt. Jetzt hatte der zahllose Saame eine ganz andere Bedeutung. Es war ein Geheimniß voll ahnender Wonne, was von diesem Augenblicke in Abrams Seele ruhte. Nun erst war der Schöpfungssegen auf ihn ganz und voll ausgeströmt und mit dem Segen der Hoffnung nach dem Falle einer und derselbe geworden. Darum an dieser Stelle das Wort: „Abram glaubte dem Herrn und das ward ihm zur Gerechtigkeit gerechnet“ (1 Mos. 16, 6). Er wird in viel höherem Sinne, was sein Name sagt: „Vater.“ Erst das Neue Testament, die Erfüllung, konnte das aufschließen. Er ist seitdem der „Vater der Gläubigen“ und alle, die da glauben, sind seine Kinder. – Denn die „Gerechtigkeit“ ist sein, wie sie Noahs war, Henochs und Adams, doch in viel bestimmterer Weise als dieser, so wie sie noch keiner seit dem Falle gehabt. Sein Glaube ist eine Gerechtigkeit nach Gottes Willen (ihm gerechnet zur Gerechtigkeit). Denn er steht in und auf Gott allein, er ist nur Organ und aus Gnaden erwähltes Mittel zum Heil der sündigen Menschen. Er will auch nichts mehr sein, als der, an dem sich Gottes Wunder offenbaren. In solchem Glaubens-Augenblick versank die menschliche Eigenheit und die Füllung eines Selbst mit göttlicher Verheißungsliebe war Alles. Der Glaube unterwirft sich nicht nur im Gehorsam, wie Jakobus von Abram lehrt, er einigt sich frei und freudig mit Gott, wie Paulus verkündet, und ihm giebt es keine Gerechtigkeit, kein Rechtsein vor Gott, als diese freie Einigung. – Einen Augenblick ist er als der Glaubens-Gerechte von der Wonne der Erlösung durchzückt.

Der kühne Glaube Abrams wagt sich bald hervor. Er bittet den Herrn um ein sichtbares Zeichen und es wird ihm. Aber welch‘ ein Zeichen! Gott weist den Abram zu der unter den Völkern des Alterthums wohlbekannten Bundeschließung an. Thiere werden geschlachtet und halbiert; die beiden Hälften gehören Einem Wesen an, so sind in Bunde Zwei eins geworden und jeder Eine kann den Andern nicht entbehren. Zwischen diesen Hälften mußten die Bundschließenden mit Feuerfackeln hindurch gehen, um das Leben (die Lebenswärme) in der Flamme darzustellen, vermöge dessen die todten Hälften eins sind. Abram wartet auf Gottes Offenbarung. Aber der Tag schwindet hin und Abram wird von einem Schlafe außergewöhnlicher Art überwältigt, wie ihn Adam schlief, als durch die Theilung eines Wesens eine höhere Einheit, die der Familie, in der Schöpfung des Weibes entstehen sollte. – Aber im Schlafe war ein Gesicht, „Schrecken und Finsterniß“ der Inhalt desselben. Dem Abram wurde auf das kühne Hinausgreifen in die Zukunft eine schreckende Antwort. Er mußte fühlen, daß der Herr gnädig die Mittelstufen verhüllt, die zum verheißenen Ziele führen. Er trug ein Vorgefühl von Israels Noth und Angst in Aegypten und das Wort Gottes gab ihm den Aufschluß, den er begehrte. Was war nun das Zeichen? es war sein eigenes Fremdlingsleben, ein Alter, sein Tod (1 Mo. 15,15), es war für die Nachkommen die Knechtschaft in Aegypten und der Auszug von da. Geschah dies Alles, so lag darin, bei aller Sehnsucht und allem Schmerze, doch die göttliche Bürgschaft für das verheißene Land. Aber auch schauen sollte Abram etwas, das er sein Leben lang nicht vergaß. Gott selbst in furchtbar-majestätischer Erscheinung, Feuer, Rauch und Glanz in dunkler Nacht schritt zwischen den Thierstücken hindurch. Abram durfte nicht folgen. Das war der Bundesschluß, den Abram wohl verstand. Gott selbst wollte mit sich selbst vor seinen Augen den Bund schließen. Seine That sollte Alles ganz allein sein. Denn Abram hatte nichts zuzusetzen, nur zu empfangen. Wie er sich hingegeben im Glauben, so sollte er nun in aller ferneren Geschichte nur Bürgschaften göttlicher Verheißungstreue genießen. Die Verheißung selbst aber, in Hinsicht auf ihr nächstes Ziel, das Land, wird nicht nur wiederholt, sondern begränzt und über alle bisherige Anschauung Abrams hinaus erweitert. –

Am Eingange eines neuen Lebensabschnittes stand der hohe Vater der Gläubigen durch dieses Gesicht und das göttliche Zeichen. Nach Jahren bestimmt, über seine nächsten Nachkommen hinweg, war der Landbesitz göttlich bestätigt und damit der Sehnsucht Raum, wie der festen Hoffnung Anhalt gegeben. Allein alles beruhte auf der Geburt des Sohnes, selbst das Zeichen setzte diese voraus. Sarai, die nicht Theilnehmerin der Gotteserscheinungen, nur Hörerin Abrams gewesen, tritt jetzt selbst handelnd in den Kreis der Geschichte. Die Erzeugung Ismaels mit der Sclavin Hagar, nebst allem, was daraus zunächst folgt, Hagars Flucht, Gesicht und Rückkehr, tritt zwischen das menschliche Harren und die göttliche That hinein. Und was ist für Abram das Ergebniß davon? Er hat einen Sohn und hat ihn doch nicht, auch als Hagar zurückkehrt. Denn diesem Sohn ist eine Signatur der Weissagung gegeben, die ihn klar von dem Verheißenen scheidet. Es ist der Wilde, der unstete Abenteurer, nicht der nach innen gekehrte Träger göttlicher Heilshoffnung. So wird Abrams Eingehen in Sarais Veranstalten und leidenschaftliches Zurückstoßen dessen, was sie in falscher Theilnahme an den Wünschen Abrams herbeigeführt, bestraft. Und doch ist Bestätigung für diese liebsten Wünsche darin. Denn aus göttlichem Munde war jene Signatur mit dem Namen Ismaels gekommen. Und war er schon ein Stammvater, ein Völkerfürst, was mußte auf dem Haupte des rechten Verheißungssohnes ruhen! – Noch dreizehn lange Jahre galt es die empfangenen Bürgschaften für das Unmögliche festzuhalten. An Sarais Fruchtbarkeit war natürlicherweise nicht mehr zu denken. Abram näherte sich dem Jahrhundert seines Alters. Die Gottesstimme schwieg, keine Spur neuer himmlischer Erscheinung nah und weit. Von der Vergangenheit galt es zu leben und jenen gerechtmachenden Glauben auch in dürrer Zeit festzuhalten.

Da trat unverhofft die fünfte Erscheinung des Ewigen hervor.

Sie beginnt mit der majestätischen Selbstankündigung als „der allmächtige Gott.“ Der Gott des Lebens, der Vätergott der alten Zeit tritt mit der Erinnerung an seine unendliche Macht an Abram heran. Warum dieß? weil jetzt alle menschliche Wahrscheinlichkeit der Erzeugung eines Sohnes dem 99jährigen Erzvater geschwunden ist und nur ein göttliches Allmachtswunder hier noch thun kann, was auf dem Wege der Natur unmöglich ist. Aber auch die Heiligkeit Gottes wird in der Forderung gleich ausgesprochen: „wandle vor mir und sei fromm“; und so ist diese doppelte Bezeichnung ein Vorschritt zu der dem Mose vorbehaltenen Jehovah-Offenbarung. – Der Bund, den Gott (1 Mo. 15) mit sich selbst geschlossen, sein Bund, soll hinfort zwischen Gott und Abram bestehen. Darin liegt ein Heraustreten Gottes aus sich selbst und ein Sicheinlassen mit dem Menschen, wie es nur bei Adam und Noah, also nur in den schöpferischen Anfängen des Menschengeschlechts Vorgänge hatte. Ein solcher schöpferischer Neuanfang durch den „allmächtigen Gott“ soll jetzt auch stattfinden. Bei solcher Höhe, in die Abram gehoben wird, ergreift ihn der Schauer des Geschöpfs vor dem Schöpfer, des Sünders vor dem Heiligen. Er sinkt auf sein Angesicht und die zahllose Vermehrung seines Geschlechts erschallt wieder aus Gottes Munde in bestätigender Wiederholung des längst Verheißenen. Ein Fortschritt ist nicht in der Verheißung selbst auf dieser physischen Stufe, wohl aber in der Namensänderung aus Gottes Munde. Abraham heißt er von nun an, was nur seinen ersten Namen auslegt. – Aber die Rede Gottes geht (1 Mo. 17,7) über diese unterste Stufe der Verheißung hinaus. Die Gemeinschaft im Bunde soll nicht des Vaters alleiniges Gut sein, sondern das „ewige“ Erbe der Kinder und Enkel. Das übersteigt alles Bisherige und hebt Abraham selbst über die Höhe der Anfänger Adam und Noah. Auch hiefür tritt göttliche Bürgschaft ein im ewigen Besitze des Landes. So lange sie dieses nach der 400jährigen Zwischenzeit unter den Füßen hatten, mußte ihnen die bundesmäßige Gottesnähe sicher sein.

Aber auch dabei ruht die Verheißung nicht. Sie nimmt Abrahams zukünftiges Geschlecht aus den Völkern heraus und zwar durch das verordnete Bundeszeichen der Beschneidung. Es hat keinen andern Sinn als die Weihe der Nachkommen schon durch ihre physische Entstehung. Schon das natürliche Dasein muß von der höheren Erwählung getragen, Israel als Volk von Gott selbst gegründet sein und daher ein „erstgeborner Sohn“ heißen. Ein Priestervolk soll es sein. Denn in Aegypten wurden nur die Söhne der Priesterkaste beschnitten. Hier tritt das andere Moment, die göttliche Heiligkeit, in das Leben der Nachkommenschaft Abrahams hinein. Nicht bloß die natürliche Zeugung und Fruchtbarkeit (der zahllose Saame) ist Inhalt der göttlichen Verheißung. War doch auch den Urvätern nicht bloß der Sieg des physischen Lebens über den Tod, sondern der Sieg über die Sünde, der Segen verheißen. Dieß fand seine nächste Erfüllung, die aber selbst wieder vorbildliche Verheißung war, in der Herstellung einer vergleichungsweise neuen Menschheit, eines geweihten, ein göttliches Bundeszeichen an sich tragenden und in demselben seine besondere Volkseigenthümlichkeit habenden Volkes. An seinem Leibe (17,13) sollte der Abrahams-Sohn die Bürgschaft der Segensverheißung haben, so daß auch selbst der Landbesitz dadurch wieder verbürgt war und Israel das Gottesvolk auch in der Zerstreuung bleibt.

Noch ist Abraham nicht fest auf dem neugegebenen Glaubensboden. An Ismael hängt mit der Vaterliebe trotz seiner Wildheit noch der Gedanke fest. Aber auch diese Unklarheit wird beseitigt. Ein eigener Sohn von Sarah, die deshalb auch den Namen der Fürstin, den sie trug, aus Gottes Munde neu erhielt, wird auf das Bestimmteste vorhergesagt und selbst die Zeit, ein Jahr, genannt. Ja es tritt gerade an Ismael der Unterschied des Bundes von der bloßen physischen Lebensfülle (17,21) hervor, indem Gott ihm den Isaak mit dem Namen, der das dem bloßen Menschensinne lächerlich Unglaubliche seiner Geburt bezeichnet, als den Bundesträger gegenüber stellt. Ismael Stammvater von Völkern, Isaak Erbe des Gottesbundes.

Als der Bundespflicht der Beschneidung genügt war, wurde dem Abraham die erste Frucht des Bundes zur Erfahrung gebracht. Es war ein anderes Verhältniß zu Gott. Was auch immer die Art der bisherigen Theophanieen gewesen sein mag, immer waren die Gesichte oder majestätisch anschauernde Erscheinungen, die den Erzvater aufs Angesicht niederwarfen. Es „sprach der Herr zu Abram“, er „fuhr auf von Abraham“, er war „wie ein rauchender Ofen und Flammen“, das sind die Bezeichnungen dieser Stufe. Jetzt aber anders. (1 Mos. 18,1 ff)

Drei Männer erschienen bei ihm unter der Eiche Mamre und einer derselben war der ewige Gott in Menschengestalt. Woher wußte das Abraham? Ohne Zweifel sprach es die Hoheit der Gestalten aus und daß er nur Einen anredet, das war ein Bekenntniß zu dem Einen lebendigen Gott. Wenn er es nicht gewußt hätte, so mußte der Name eines Weibes in ihrem Munde das Geheimniß ihm kund machen. Denn Sarah war sie bis jetzt nur von Gott genannt worden. Aber auch die Rede des Herrn ließ keinen Zweifel. – Aber noch hat Abraham ein Weib nicht zu sich heraufgehoben. Auch sie mußte glauben und durch die Berührung ewiger Lebenskräfte verjüngt werden, wenn das Wunder geschehen sollte.

Abrahams Fürbitte für die vom Gerichte bedrohten Städte offenbart seine neue Stellung zu Gott. Er ist schon priesterlicher Vermittler selbst für die Heiden, weil er der göttlichen Bundesgnade sicher ist. Ganz der Herablassung Gottes zu ihm gemäß wagt er fortzubitten, bis das Mögliche gethan ist. Gerade auf dem Hintergrunde der Donnerwolken, die über Sodom und Gomorrha hängen, tritt die göttliche Gnade und Langmuth und die Innigkeit der Bundesgemeinschaft Abrahams mit Gott desto lichter hervor, wie andererseits das Gericht über die gottlosen Städte und die Furchtbarkeit, mit der es auch in Lots Schicksal eingreift, den wichtigen Eindruck hervorbringen muß, daß der Bundesgott auch derselbe ist, der Leben schafft und Leben zerstört, der an die Sünde den Tod gekettet hat. In Abrahams Leben vereinigt sich der Umgang mit Gott, wie ihn Adam im Paradiese erlebt, das Fremdlingsgefühl, wie dieser es nach dem Fluche getragen und die Beugung vor Gottes richterlicher Majestät, wie Noah sie in der Fluth erfuhr. Der Glaube, der zur Gerechtigkeit gerechnet war, entwickelte sich an diesen gewaltigen Gegensätzen und war nun stark genug, neue schwere Prüfungen zu tragen.

Die erste war die Abtrennung Lots von dem geheiligten Familienkreis durch heidnischen Sündenfall. Die zweite war das Begegniß mit Abimelech, die dritte die Vertreibung Ismaels und dann tritt die höchste und letzte in Isaaks Opfer ein.

Die erste Prüfung brach den letzten Faden mit der Verwandtschaft, von der Abraham ausging, schmerzlich ab. Die zweite besteht darin, daß Abraham, der über die Sünde der Verläugnung seiner Ehe schon einmal in Aegypten von Gott und Menschen beschämt worden und der nun als Bundesfreund des Ewigen über feige Furcht, wie über die Preisgebung des Theuersten, zumal da Sarah jetzt eine heilig hohe Bedeutung gewonnen hatte, sich erhoben denken mochte, derselben demüthigenden Sünde nochmals schuldig wurde. Vielleicht war auch Vermessenheit darin, daß er von der mit Gottes Gericht bezeichneten Gegend wich und in das Land noch unbekannter Heidenstämme, der Philitäer, zog. Jedenfalls mußte ihm, was er that, hernach seine Unfähigkeit, sich selbst in den Wegen Gottes zu erhalten, klar vor Augen stellen. Die gnädige Bewahrung Gottes und der Gewinn, den Abraham sogar aus seinem Falle durch die Freundschaft Abimelechs zog, heftete ihn fester an den Herrn. Diese Prüfung war als Erweis der neuen, durch das Gnadenwunder Gottes erblühenden Jugend der betagten Sarah sogar eine Bürgschaft für die Geburt des verheißenen Sohnes. Aber noch empfindlicher sollte Abraham erfahren, nachdem der Sohn wirklich geboren war und nun Wonne des Besitzes und fröhliche Hoffnung für alle Zukunft sein Leben reich und voll machte, daß es, um der Verheißung froh zu sein, Scheidung von dem galt, worauf außerhalb derselben die Hoffnung geruht hatte. – Die beiden Söhne Ismael und Isaak wuchsen neben einander heran. Wie dieser des Wunders Kind, so hatte jener den Stolz der Erstgeburt, den Trotz der überlegenen Kraft. Das ging nicht zusammen und das Vaterherz mußte den Schmerz tragen, den Einen zu verlieren oder den andern verkümmern zu sehen. Ismael mußte weichen. Auch diesen trüben Schatten in seinem natürlichen Leben mußte Abraham behalten und seinen einzigen Trost in der Verheißung und dem Sohne derselben finden.

Da ging aber die Prüfung an die Gränze des menschlich Ertragbaren. Isaak sollte geopfert werden. Der Hergang ist zu bekannt um ihn zu schildern. Abraham war mit der Stimme Gottes zu vertraut geworden, um sie noch zu verkennen. Der Befehl stand fest und lautete unzweideutig. Was in Abrahams Gemüthe vorging beim Hören derselben, beim Aufbruch und Abschied von Sarah, auf der Reise mit dem Sohne, im Besteigen des Opferberges, unter den Fragen desselben nach dem Opferthier, beim Bauen des Altars und in dem furchtbaren Augenblicke des Handelns, – das beschreibt keine menschliche Rede. Die Schrift selbst schweigt davon und hüllt diese inneren Vorgänge in einen heiligen Schleier. Aber sie verhüllt nicht die Krone, die auf Abrahams Haupt gesetzt ward für den Glaubensgehorsam, den er geleistet. Da war ein Wunderglaube zu einem höchsten Siege gedrungen. An die „Auferweckung von den Todten“ glaubte er, dem von solchen nichts verkündet war, weil Gottes unverbrüchliches Wort beides geredet hatte, die Verheißung des bleibenden Saamens und den Opferbefehl. Und wie ist diese Krone gestaltet? seltsam genug ist sie fast dasselbe, was Abraham schon mehr als einmal von Gott vernommen. Ist es bloße Wiederholung?

Die Gewißheit des Saamens, die Größe und der Sieg und Segen desselben sind nichts Neues. Aber – „weil du solches „gethan und deines eigenen Sohnes nicht verschonet hat, so will „ich dich segnen usw.“ Abraham hatte nicht bloß gethan, was vor Augen war, stummen, stumpfen, verzweifelten Gehorsam etwa geleistet. Er hatte nicht dem Sohne, dem Erben der Verheißung entsagt. Sondern an Gott hatte er das geliebte Kind, die Zusammenfassung und sichtbare Erscheinung all seines Sehnens und Hoffens, die Bürgschaft seiner Zukunft hingegeben und er war schon in Gottes Wegen erfahren genug, um zu wissen, daß, was an Gott hingegeben wird, der Gläubige erhöhet wieder empfängt. Ja selbst in Isaaks kindlichem Herzen war von solchem Glauben ein Abglanz, daß er stille einen von Gott gesegneten Vater mit sich machen ließ, was ihm unbegreiflich war. Das Wiederempfangen lag in den göttlichen Worten: „weil du solches gethan usw.“ Jetzt war Isaak Gottes Geschenk an Abrahams Glauben und Gehorsam, jetzt war er sein und doch Gottes zugleich in noch anderer Weise als zuvor. Er selbst war erhöht und Gott selbst erkannte das aus Abraham ihm entgegentretende höhere Leben, welches zuvor mit der Glaubens-Gerechtigkeit und durch alle Führung in ihr in den Vater der Gläubigen von Gott her gekommen war, als ächt, als göttlich und vollwichtig an. Abraham war nicht mehr bloß gläubig, sondern zeugungsfähig im Glaubensleben geworden, der Vater der Gläubigen. Und Isaak! war er nicht auch erhöhet, geweihet durch Gottes gnadenvolle Rückgabe? War er nicht jetzt selbst schon als Knabe der Erwählte Gottes? Leuchtete nicht um ein Kindeshaupt das Licht der ewigen Gnade? Hatte er nicht die ein ganzes Leben voll Noth und Kampf aufwiegende Gottesanschauung schon als Jüngling hinter und in sich? – Und der Saame Abrahams und Isaaks! Läßt sich derselbe noch denken, ohne daß Opfer und Tod, Sieg und Leben aus ihnen mitgedacht wurde? War jetzt nicht seit jenem Worte vom Schlangenbisse zum erstenmal wieder ein Blick hinaus gethan in die Herrlichkeit, die auf Erden durch Leiden kommt? So dunkel es gewesen sein mag, etwas von dem Leidenantlitz des Knechtes Jehovahs, des Gesalbten Gottes, des Eingebornen vom Vater, welcher der Menschensohn war, trat hier vor Abrahams tiefstes, gläubiges Ahnen hin.

Die höchste Höhe ist erstiegen, der Kampf hat im Siege geendet. Nun mag die irdische Pilgerschaft schließen, das Gefäß der Gnade für diese Erdenzeit zerbrechen. Sarahs letztes mütterliches Aufblühen hatte dem wirklichen Alter Platz gemacht. Aber noch 37 Jahre war sie selige Zeugin vom Heranwachsen des Erben; dann ging sie zur Ruhe in der Doppelhöhle zu Hebron.

Abraham aber, um seine Vaterschaft über Völker noch weiter auszudehnen, lebte noch einen blüthenreichen Altersfrühling. Er zeugte Kinder und erlebte sein Geschlecht. Auch Isaaks Nachkommen sah er. Still zog er sich zurück, weil nun Isaak in den Vordergrund der Offenbarungsgeschichte trat und entschlief 75 Jahre nach dessen Geburt, um auch in der Doppelhöhle zu ruhen. Seitdem haben Jahrtausende zu einer Glaubenshöhe staunend und liebend emporgeschaut, das zahllose Geschlecht der Kinder Abrahams ist über die Erde gegangen und geht noch über sie. Japhet wohnt in den Hütten Sems. Gott hat Abraham auch aus den Steinen Kinder erweckt. Der Glaube Abrahams lebt noch frisch und jugendkräftig in der Kirche Christi, er selbst aber sah den Tag des wahrhaftigen Saamens Jesu Christi und freuete sich, er wohnt in der zukünftigen Stadt, die Gott zum Baumeister hat. Seine hehre und liebliche Gestalt aber ist und bleibt Vorbild des Glaubens und Urbild aller geheiligten Vaterschaft auf Erden. W. Hoffmann in Berlin.

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