La Roche, Simon – Umriß der Lebensgeschichte des Herrn Dr. Chr. Gottlieb Blumhardt, Inspektor an der Missionsanstalt zu Basel.

La Roche, Simon – Umriß der Lebensgeschichte des Herrn Dr. Chr. Gottlieb Blumhardt, Inspektor an der Missionsanstalt zu Basel.

Christian Gottlieb Blumhardt war geboren den 29. April 1779 in Stuttgart, im Königreich Würtemberg. Sein Vater, Matthäus Blumhardt, war Schuhmacher, ein armer, aber gottesfürchtiger und frommer Mann, dem sein eigenes Seelenheil und das zeitliche und ewige Wohlseiner Kinder innig am Herzen lag. In noch höherm Maaße war dieß der Fall bei der Mutter des Vollendeten; ob sie wohl aus niedrigem Stande war, und keine Erziehung genossen hatte, so hatte doch der stille, ununterbrochene Gebetsumgang mit ihrem Heiland ihren Geist so veredelt, ihren Verstand so kräftig entwickelt, ihr Gemüth so reich und feinfühlend gemacht, daß sie zu den ausgezeichneteren Personen ihrer Vaterstadt gehörte, und ihr Umgang von den frommen Predigern der Stadt gesucht wurde. Der Vollendete war unter sechs Geschwistern das zweitgeborene, unter den Söhnen aber der älteste. Seine Mutter hatte dieses Kind noch unter ihrem Herzen mit ihren Gebeten besonders gesegnet, und so blieb er auch von Anfang seines Lebens an bis an ihr Ende ihr Liebling; – sie legte in seinem zarten, für Liebe so empfänglichen Herzen den ersten Keim der Gottesfurcht, unterrichtete ihn mit großer Weisheit und gewinnender Liebe in den ersten Elementen der biblischen Geschichte und der göttlichen Offenbarungen, und segnete, bekräftigte und befruchtete den ausgestreuten Samen mit ihren Gebeten. So kam es, daß in ihm schon in der frühesten Kindheit eine heilige Scheu vor Gott, und eine Liebe zum Heiland gepflanzt wurde, die ihn sein ganzes Leben hindurch begleitete; und dazu eine so brennend heiße Liebe zu seiner Mutter, daß dem Vollendeten noch in den Tagen seines Alters Thränen in die Augen traten, wenn er von seiner theuren Mutter sprach. Dabei war freilich die leibliche Constitution des Entschlafenen schon frühe schwächlich, kränkelnd und zart, was die Ursache seyn mochte, daß er als Kind und noch als reiferer Knabe ausnehmend ängstlich war, und vor fremden Leuten sich scheu zurückzog.

Nachdem er durch die Mutter selbst in den ersten Elementarkenntnissen unterrichtet worden war, wurde er in seinem 10. Jahre in die Schule geschickt, wo ihn seine lebensfrohen Mitschüler oft zum Spott hatten um seiner Aengstlichkeit und kleinen, schwächlichen Leibesgestalt willen, während er an Fleiß und Kenntnissen bald alle Andern hinter sich hatte. Doch das Herbste war ihm noch vorbehalten. Die theure Mutter, an der seine ganze Seele hing, verfiel in eine tiefe Schwermuth, verlor den gesunden Gebrauch ihrer Geisteskräfte, und wurde von einer verzweiflungsvollen Todesangst zerrüttet. Dieß zerschmetterte das zarte, liebende Gemüth des Kindes; ein namenloser Schmerz und eine heiße Sehnsucht nach dem Tode bemächtigte sich seiner. Thränen und Geschrei waren jetzt seine Speise. Die Ewigkeit und der Himmel waren seine liebsten Gedanken; und trat er unter seine Mitschüler hinein, so zerriß es ihm das Herz, sie so fröhlich zu sehen, und er begriff nicht, wie man in dieser Welt lachen könne. Dieser traurige Zustand seiner Mutter dauerte drei Jahre; dem Vater hatte der häusliche Jammer, die Armuth, die Profession rc. nicht zugelassen, sich der Kinder anzunehmen, und so waren diese, gleich verirrten Schafen, ohne Hülfe. Diese Erfahrungen hinterließen in dem Gemüthe des Entschlafenen einen unauslöschlichen, schwermüthigen, ernsten Zug, und selbst auf seinem Angesichte blieben die Spuren des tiefsten Schmerzes von der Jugend her eingeprägt. Aber lange hernach schrieb er selbst: „Es freut mich im Innersten meiner Seele, in dem Frühling meines Lebens diese Leidensperiode durchseufzt zu haben. Es war Gewinn, daß der HErr mein jugendliches Herz durch Leiden bilden wollte; denn ich gewöhnte mich dabei an’s Himmlische und Unsichtbare.“

Nach drei schweren, thränenreichen Jahren genas die Mutter auf eine unerwartete Weise; damit kehrte auch Trost in das Herz des Kindes zurück, und er fing nun in seinem dreizehnten Jahre mit allem Ernste an, sich zu fragen, welchen Beruf er ergreifen solle? – Sein Vater hatte schon frühe gehofft, durch diesen seinen ältesten Sohn eine Stütze im Handwerk zu erhalten, und jetzt wurde wirklich Anstalt gemacht, ihn zu dieser Arbeit wenigstens vorzubereiten. Trotz der großen Abneigung seines Herzens dagegen, wagte der Knabe doch nicht, seinem Vater zu widersprechen; ein Versuch wurde gemacht, aber er war dabei so linkisch und ungeschickt, daß der Vater ihn schon nach einigen Stunden aus der Werkstätte unwillig wegschickte mit den Worten: „Man kann dich zu nichts brauchen!“ – Halb wehmüthig, halb freudig eilte der Knabe hinweg, machte sich mit allem Eifer wieder an’s Lernen, und versteckte sich oft auf dem Estrich, um in seinen wenigen Büchern zu lesen. Von einem Mitschüler wußte er sich in jener Zeit eine lateinische Grammatik zu entlehnen, die er mit eisernem Fleiß durchlas und auswendig lernte, und zwar ohne daß Jemand es ahnte. Nur seiner Mutter theilte er es einmal mit, und sie brachte es bei dem Vater dahin, daß er bei einem Verwandten lateinische Lectionen erhielt. Da dieser ihm gute Zeugnisse gab, so willigte der Vater ein, seinen Sohn Schulmeister werden zu lassen, und mit Wonne begab sich der bald vierzehnjährige Knabe zu einem Schullehrer, der ihn zum Schulfache zubereiten sollte, und ihm bald die ABC-Schüler zum Unterricht übergab; nebenbei lernte er zu Hause unter dem Lärmen der Handwerksgesellen seines Vaters immer das Lateinische fort. Unter dem Allem wurde auch sein Gemüth heiterer und mittheilungsbedürftiger. Seine Lehrer rühmten und erhoben ihn um seines Fleißes und seiner Fähigkeiten willen, bereiteten ihm aber dadurch einen Kampf in seinem eigenen Innern, wovon er wenige Jahre nachher schreibt: „Die Selbstgefälligkeit wollte in mir Raum gewinnen; aber ich werde die Waffe gegen dieses Ungeheuer nur mit meinem Tode niederlegen.“

Inzwischen befriedigte seine gegenwärtige Lage seinen Geist, der nach Fortschritt brannte, keineswegs; was er in seinen damaligen Verhältnissen lernen konnte, das hatte er bereits sich angeeignet, und doch hätte er gerne täglich etwas an Kenntnissen gewonnen. Darum correspondirte er im Stillen mit einem Vetter, der Reallehrer in Nürtingen war, ob er ihn nicht in seinen Unterricht nehmen wollte; er wolle mit der Zeit das Kostgeld aus eigenem Erwerb bezahlen. Der Vetter sagte ihm zu, und voll Entzücken theilte er es seiner Mutter mit, und diese dem Vater. Aber dieser schüttelte den Kopf, und gab seine Einwilligung nicht. Jetzt trat der tiefbetrübte vierzehnjährige Knabe vor seinen Vater hin und sagte: „Er wolle nun in Gottes Namen Schuhmacher werden“. Dieß brach dem Manne das Herz, und mit Thränen gab er jetzt Alles zu. Am 23. April 1792 segnete ihn unter unzähligen Thränen seine Mutter zum Abschied, und der Vater begleitete ihn selbst nach Nürtingen unter zärtlichen Ermahnungen.

Hier begann eine neue Lebensperiode für den Vollendeten; der treffliche Schulmann, bei dem er jetzt war, leitete ihn in ein geordnetes Arbeiten mit weiser Behandlung ein, und bald hatte der helle Kopf des Knaben, sein eiserner Fleiß und seine Treue die andern ältern Mitschüler überflügelt. „Mein Leben,“ schreibt er selbst, „war damals regelmäßig und einfach. Ich fühlte mich in meiner Einsamkeit selig, weil ich mich ganz in meine Arbeiten hineingeworfen hatte.“ Ein würdiger Sohn seiner heißgeliebten Mutter zu werden, war sein süßester Gedanke. Aber des HErrn geheimnißvolle Hand, die ihn frühe schon ganz allein an Ihn, den Heiligen in Israel, gewöhnen wollte, nahm ihm bald auch dieß Theuerste auf Erden. Der letzte, mit zitternder Hand geschriebene Brief seiner Mutter beschied ihn eilig nach Stuttgart; er lief fast bewußtlos vor Angst nach seiner Vaterstadt, und kam eben noch zu ihren letzten schweren Stunden. Das letzte Wort von ihren Lippen: „Kind, bleibe dem Heiland getreu!“ hat er nie vergessen. Ihr Tod, im Jahr 1793, machte ihn, wie er sagte, Ewigkeitsbegieriger, Heimwehkranker. Sein Herz war mehr droben im Himmel, als unten auf Erden, und noch lange Jahre nachher erregte die Erinnerung an diesen Verlust die schmerzlichsten Empfindungen. Aber eben dadurch wurde auch sein Gemüth immer klarer, seine Arbeit immer treuer und gesegneter.

In seinem sechzehnten Jahre (1794) verließ er Nürtingen, weil er nach weiteren Fortschritten in der Wissenschaft begehrte. So kommt er nach Stuttgart, aber ohne Freund, ohne Rath, ohne bestimmte Berufsarbeit. Sein Vater konnte ihn nicht unterstützen um seiner Armuth willen. Darum suchte der Entschlafene durch Stundengeben sich etwas zu erwerben; aber nur mit Mühe konnte er in einigen Familien Eingang finden, deren Kindern er Privatlectionen gab, bis ihm nach langem schmerzlichem Harren der HErr einen treuen Berather und Gönner zuführte, der ihm seine Bibliothek zum Gebrauche anbot, den Zutritt zum Gymnasium verschaffte, und selbst Lectionen in der griechischen Sprache gab.

Dieß erfüllte sein Herz mit dem gerührtesten Dank: er faßte neuen Muth, erwarb sich durch Stundengeben die Mittel zum Studiren, und arbeitete von Morgens 5 Uhr bis in die späte Nacht hinein. Umgang hatte er fast mit Niemand; seine Altersgenossen schienen ihm zu gedankenlos, und er suchte darum am liebsten reife, erfahrene, fromme Männer auf. Von ihnen wurde er in ihre religiösen Zusammenkünfte eingeführt, in denen seine Seele sich unbeschreiblich wohl fühlte, und tiefe Eindrücke von der Süßigkeit des Evangeliums empfing. Da er aber jederzeit mehr dachte, als empfand, so rang er damals vor Allem im Gebet, in ein klares, religiöses Denken und Leben eingeleitet zu werden.

Mittlerweile war er in sein neunzehntes Lebensjahr vorgerückt, und er dachte ernstlich daran, auf der Landesuniversität Tübingen die Theologie zu studiren, zu der er eine brennende Vorliebe hatte. Allein die Armuth seines Vaters stellte ihm große Schwierigkeiten in den Weg; schwerer noch und fast niederdrückend fiel auf ihn eine Verordnung des damals regierenden Herzogs, daß nämlich arme Bürgersöhne nicht die Theologie studiren dürften. Er schrie zu Gott, und rang mit ihm um Hülfe und Licht. Und siehe da, sechs Wochen nach der Publikation jenes Gesetzes hoben die Landstände dasselbe wieder auf.- Nun stand nur noch Ein großes Hinderniß im Wege. Seine Stimme war seit zwei Jahren so leise und heiser, daß man ihn auch beim Nahestehen kaum verstehen konnte. Alle ärztliche Hülfe war vergebens gewesen; die Zeit der Universitätsprüfung nahete heran, wobei Jeder, der da Aufnahme in das Tübinger theologische Seminar wünschte, eine öffentliche Abschiedsrede im Gymnasium zu Stuttgart halten mußte, – und doch wurde seine Stimme nicht besser. Seine Noth stieg; die Themate zu den Reden wurden ausgetheilt, – mit Zittern erbietet auch er sich, einen Vortrag zu hatten. Unter Seufzen zu Gott arbeitet er die Rede aus, geht in den Wald, und versucht, laut zu schreien, braucht Medizin aller Art, aber Alles vergebens. Noch einmal fleht er seinen Arzt um Hülfe an; dieser weist ihm hoffnungslos noch das letzte Mittel an. Er eilt nach Hause, wendet das Mittel unter Thränen und Gebet an, daß ihm die Kehle ganz wund wurde, – und siehe da, ein hellerer Ton seiner Stimme läßt sich erst nur von Zeit zu Zeit hören, er übt und übt, bekommt die Stimme immer mehr in seine Gewalt, und kann endlich laut und vernehmlich reden. Der Tag der Prüfung ist da; er tritt getrost auf, und zum Erstaunen aller Anwesenden trägt er mit einer hellen, klaren Stimme den Aufsatz vor. Darauf eilt er in’s freie Feld, fällt auf die Kniee und dankt Gott, – und als er nach Hause kommt, eilen ihm Vater und Geschwister schon mit der Botschaft entgegen, daß er in das theologische Seminar zu Tübingen aufgenommen sey.

Mit tiefem, heißem Danke bezog der Vollendete die Universität, und erwarb sich in kurzer Zeit die Liebe und Achtung aller seiner Vorgesetzten und Lehrer. Mit einem eisernen Fleiß arbeitete er sich in seine Studien hinein, und gewann einen immer reicheren Schatz von Kenntnissen. Einige wenige Freunde sammelten sich um ihn, denen er ein Vorbild der Gottesfurcht, Bescheidenheit, Demuth und Treue war, und mehrere seiner Universitätsgenossen rühmen noch heute, wie er für sie zum geistlichen Führer geworden sey. Von seinen frommen und gelehrten Lehrern, dem seligen Storr und Schnurrer, redete er allezeit mit gerührtem Dank und tiefer Hochachtung bis in die letzten Wochen seines Lebens hinein.

Im Jahr 1803, nach einem fünfjährigen gesegneten Aufenthalt im Seminar zu Tübingen, wurde er in seinem vierundzwanzigsten Jahre von einigen Freunden in Basel zum Sekretär der deutschen Christenthumsgesellschaft daselbst berufen, welchem Rufe er freudig folgte. – Kränklich und schwächlich dem Leibe nach, aber reif und stark im Geiste, trat er mit seinem bis in den Tod hinein ihm unbeschreiblich theuren Freunde, Herrn Spittler, in sein neues Amt ein, und wirkte mit ihm mit aufopfernder Liebe und mit stillem Segen in dieser ihm so liebgewordenen Stadt. Viele denken noch jetzt mit Dank an die Zeit seines damaligen stillen Wirkens, und segnen ihn noch im Grabe für den Trost, und die Erquickung, die der mit Leiden frühe Vertraute ihnen durch Wort und Liebe brachte. Auch in öffentlicher Predigt hat der Vollendete damals manches köstliche, erquickende Wort geredet, und seine „Homilien über die Auferweckung des Lazarus“, die er damals hielt, und dann im Druck erscheinen ließ, sind schon Tausenden nahe und ferne zum Segen geworden. Namentlich waren auch die Religionsstunden, welche der Entschlafene in vielen hiesigen Familien den Kindern ertheilte, reich gesegnet; – an Krankenbetten war er ein wohlbekannter lieber Tröster, und auch in die Ferne hinaus wirkte er durch Correspondenz und durch die „Basler Sammlungen“ in mannigfaltigem Segen. Zu der damaligen Gründung der hiesigen Bibelgesellschaft wirkte er besonders thätig mit. Es sind noch lebendige Zeugen da, die das Andenken an jene Zeit im Herzen mit Thränen segnen.

Im Jahr 1807 wurde er vom würtembergischen Consistorium in sein Vaterland zurückberufen, wo er eine ungetheilte Achtung und Liebe unter den edelsten Männern genoß; er wurde in verschiedenen Landgemeinden Vicar, wirkte auch dort im Segen, und sammelte sich schon frühe eine Garbe um die andere für die Ewigkeit.

Ums Jahr 1809 wurde er zum Pfarrer an der Gemeinde Bürg, bei Neustadt in Würtemberg, ernannt, und verehlichte sich zugleich mit der nun tief traurenden Witwe, einer geborenen Julie Maier, von Tübingen. Mit freudigem Eifer trat er sein Amt an, und wurde Hunderten ein Vater, Tröster, Freund und Berather. Während er aber einerseits das Evangelium mit der ihm so eigenen Klarheit und Eindringlichkeit verkündigte, und die Seelsorge in seiner Gemeinde mit Treue und Segen besorgte, arbeitete er auf der andern Seite mit angestrengtem Fleiße an der Ausbildung seines eigenen Geistes fort, übersetzte mehrere ausgezeichnete englische Werke ins Deutsche, und ließ sie im Druck erscheinen, und dehnte so seinen Wirkungskreis immer weiter aus. Vor Allem aber wurde er damals seinen jüngeren Geschwistern, die jetzt nach und nach auch ins selbstständige Leben übertraten, ein Vater; allenthalben rieth er, half, tröstete, ordnete, und sprach Muth ein, und diese treue, väterlich-berathende Liebe haben die Seinen bis in seinen Tod empfinden dürfen, und fühlen nun doppelt schmerzlich seinen Verlust.

Inzwischen bildete sich in Basel mitten unter dem Kriegsgetümmel des Jahres 1815 ein Missionsverein von mehreren Freunden des Reiches Gottes, der mit dem Gedanken umging, ein Institut zur Bildung von Missionarien im Glauben zu gründen. Der Plan kam zur Reife, und es kam nun nur darauf an, einen Mann zu finden, der die Leitung der Anstalt übernähme. Die Wahl fiel einstimmig auf den Vollendeten, an welchen noch im Oktober desselben Jahrs der Ruf erging. Mit Freuden sagte er zu, und griff im Glauben da zu, wo nur im Glauben konnte gehandelt werden. Das Jahr darauf (1816) zog er mit drei jungen Männern aus Würtemberg, die sich zum Missionsdienste angeboten hatten (den Erstlingen der hiesigen Anstalt) hier ein, und begann im Namen Gottes das Werk, von dem der Vollendete selbst noch mit sterbenden Lippen sagte: „Der HErr hat es gegründet; seyd nur getrost – es wird bestehen, und noch auf viele Völker und Nationen wird das selige Licht des Evangeliums von diesem Hause ausgehen, bis der HErr kommt!“

Was sollen wir weiter von der Zeit reden, die er seitdem, fast 23 Jahre lang, in dieser Stadt gewandelt hat? Wir haben seine Arbeit und seine Werke gesehen, wir haben seine schonende, tragende, helfende Liebe gefühlt, seine Demuth, seinen Glauben, seine feinfühlende Zartheit kennen gelernt. Aber seinen Umgang mit dem HErrn, seine Gebete im Kämmerlein, seine Sorgen, seine Thränen kennen Wenige, – nur der HErr kennt sie ganz. Seine demüthige äußerliche Erscheinung ließ freilich oft kaum erkennen, welches durch Leiden geläuterte Gold hinter dieser unscheinbaren Hülle lag; und darum mochten ihn Manche, die weder seine inneren noch äußeren Lebensführungen kannten, oder ihn überhaupt nur nach gewissen Seiten hin beurtheilten, leicht verkennen. Aber auch wo er verkannt wurde, beugte er sich vor Gott und äußerte oft, daß die Leute noch zu schonend mit ihm verführen.

Eine große Zahl von Missionszöglingen stand im Laufe der 23 Jahre unter seiner väterlichen Pflege längere oder kürzere Zeit, und da ist keiner unter ihnen, der nicht ein Gegenstand seiner besondern Aufmerksamkeit, seiner speziellen Gebete gewesen wäre. Und seitdem in allen Welttheilen diese Söhne seines Herzens zerstreut sind, hat er oft seine betenden Hände nach allen Richtungen hin ausgereckt, und Segen über sie herabgefleht; ihre Sorgen und Kämpfe machte er zu seinen eigenen, und ihre Freuden waren seine Freuden. Allezeit munterte er sie mit seiner Liebe auf, stärkte sie, und, wenn schon oft sein eigenes Herz im Stillen blutete, so gingen doch seine Lippen von Worten heitern Trostes über. Unter den Missionsfreunden, mit denen er arbeitete, wandelte er allezeit mit Demuth, und bot ihnen immer ein Herz voll zarter Liebe an; sein Rath, wenn er darum ersucht wurde, war immer durchdacht und reif, und oft hat sein heller Blick auch da noch einen Ausweg gefunden, wo man zagend stille stehen wollte.

Unter allen den mannigfaltigen Arbeiten, die mit jedem Jahre auf eine überwältigende Weise sich anhäuften, fand der Entschlafene doch noch immer Zeit, manche andere für das ganze Missionswerk unsrer Tage wichtige Arbeit auszuführen. Neben den 23 Jahrgängen des Missionsmagazins hat der Entschlafene noch das werthvolle Werk einer „Missionsgeschichte“ in fünf Bänden ausgearbeitet, und bis auf den Punkt (die Zeit der Reformation) fortgeführt, den er sich von Anfang an als Ziel festgesetzt hatte. Aber so schwer auch seine Berufsarbeit auf ihm lag, so war er doch allezeit für seine Freunde zugänglich, und sowohl sie, als die unzähligen Besuche, die er zu empfangen hatte, erfuhren stets neue Beweise, wie die Liebe das Element seines Lebens geworden war.

Vorzüglich erfuhr dieß seine eigene Familie. Nachdem er schon in den ersten Jahren seiner Ehe zwei liebenswürdige, hoffnungsvolle Kinder durch den Tod verloren hatte, bescheerte ihm der Herr im Jahr 1826, gerade während eines Missionsfestes, in der nun vaterlosen Tochter Julie ein neues Zeichen seiner Gnade; – mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit hing sein Vaterherz an diesem einzigen Kinde, und seine schwersten, heißesten Leidensstunden wurden ihm durch den Anblick dieses Kindes, des Gegenstandes seiner brünstigsten Gebete versüßt. Seit der Geburt dieser Tochter fing aber die theure Gattin des Entschlafenen zu kränkeln an, und eine lange Reihe von Leidensjahren, die mit schwererem oder leichterem Drucke bis auf diese Stunde anhielten, führte die beiden Ehegatten in einen Ofen der Trübsal, die nur der HErr kennt. Aber wenn auch der Anblick der leidenden Gattin sein liebendes Herz tief niederdrückte, so war doch sein Trost, seine friedensvolle Heiterkeit stets eine Erquickung für die theure Kranke, die sie freilich nun doppelt schmerzlich vermißt. Noch sterbend empfahl sie der Entschlafene einem nahen Verwandten als eine Mutter, und die verwaiste Tochter als ein Kind, und gab ihm darin ein Vermächtniß, das ihm ewig theuer bleiben wird.

Seit mehreren Jahren nahm die Kraft des Vollendeten unter der allzugroßen Last zusehends ab; die schwächliche Leibeshütte wankte sichtbar. Aber sein reger Geist arbeitete fort; eine Arbeit um die andere wurde beendigt, alles mehr und mehr in ein geschlossenes Ganze gebracht. Im Laufe des gegenwärtigen Jahres brach seine Leibeshütte mehrere Mal unter neuen auf ihn einstürmenden Sorgen und Schmerzen fast zusammen, und nur die gnädige und mächtige Hand Gottes hielt ihn aufrecht. Aber in der Nacht vom 3. auf den 4. November((1838)) trat ein so heftiger Krankheitsanfall ein, daß ein rasches Ende unvermeidlich schien. Mit großer Treue versuchten die wackern Aerzte, unter denen namentlich sein alter, ihm nun auch vorangegangener Freund, Hr. Dr. Stückelberger, ihm die letzte Hülfe zu bringen strebte, die Krankheit zu heben; aber die Hoffnung war gar gering. Mit Ruhe und Klarheit nahm er von seiner erschütterten Gattin und seinem schluchzenden Kinde, so wie von allen Umstehenden einen unvergeßlichen Abschied. Aber der HErr wollte seinen Knecht nicht im Sturme von uns nehmen, und erhörte das Schreien Derer, die um eine längere Fristung seines theuern Lebens flehten. Es wurde besser mit dem Vollendeten, und man faßte Hoffnung. Die freudigste Pflege wurde ihm von den älteren und jüngeren Genossen seiner großen Familie zu Theil, und jeder stritt sich um den Vorzug, dem theuren, innig geliebten Vater noch dienen zu dürfen. Allein neue wiederholte Anfälle zerrütteten bald und schnell den innersten Lebenskern seines gebrechlichen Leibes. Bei dem allem blieb sein Geist ganz klar, seine Ruhe unveränderlich, seine Freude über der Erlösung, die in Christo Jesu uns zu Theil geworden ist, fest und süß; seine Sehnsucht nach dem ewigen Heimathlande wurde brennender, seine Gewißheit, heimfahren zu dürfen, immer bestimmter. Mit einer seligen Heiterkeit machte er noch an dem Tage vor seinem Tode allerlei Anordnungen, wie es während seines Sterbens und nach demselben solle gehalten werden, und am Vorabend seines Sterbetages sprach er noch mit kindlicher Freude von der seligen Aussicht, droben dem HErrn besser dienen zu können, und von der Gemeinschaft zwischen der kämpfenden Kirche hienieden und der triumphirenden Gemeinde droben. Nie werden diejenigen, die oft um ihn seyn durften, solche seligen Augenblicke vergessen.

Endlich am 19. December, Morgens, verlor er die klare Sprache, nicht aber das völlig klare Bewußtseyn. Bibelsprüche und Liederverse waren immer in seinem Munde, und wenn er von der Herrlichkeit des Himmels und seines himmlischen Fremdes sprach, leuchteten seine gebrochenen Augen wieder. Nach seiner Tags zuvor gemachten eigenen Anordnung wurden nun etliche Missionszöglinge berufen, die ihm in seinem Sterbestündlein zur Erquickung etliche Verse aus zweien seiner Lieblingslieder singen sollten. Die Brüder standen um das theure Sterbebette her, und sangen in sanftem Chore:

Christus, der ist mein Leben,\
Und Sterben mein Gewinn; \
Ihm hab‘ ich mich ergeben, \
Mit Freud‘ fahr‘ ich dahin.

Mit Freud‘ fahr‘ ich von dannen \
Zu Christ, dem Bruder mein, \
Daß ich mag zu Ihm kommen \
Und ewig bei Ihm seyn.‘

Und sodann:

Jesus ist für mich gestorben\
Und Sein Tod ist mein Gewinn; \
Er hat mir das Heil erworben, \
Drum fahr‘ ich mit Freuden hin \
Hier aus diesem Weltgetümmel \
In den schönen Gotteshimmel, \
Da ich werde allezeit\
Sehen die Dreieinigkeit.

Mit gebrochener Stimme bat er noch um die Absingung des letzten Verses aus dem ersteren Liede, der dann auch unter Thränen gesungen wurde:

Ach, laß mich an Dir kleben, \
Wie eine Klett‘ am Kleid, \
Und ewig bei Dir leben \
In Deiner Herrlichkeit!

Während des Gesanges und des darauf folgenden Gebetes war seine Seele in stiller Anschauung der zukünftigen Herrlichkeit verloren. „Es bricht herein! Hallelujah!“ stammelte er mit gebrochener Stimme, und um 10 1/2 Uhr schied seine Seele, unter dem Gebete der Umstehenden, sanft und schmerzlos, fast unvermerkt von der Leibeshütte.

Das Andenken dieses Gerechten wird im Segen bleiben, und wir flehen zum HErrn, unserm Friedefürsten: „Laß unser Ende seyn, wie dieses Gerechten Ende! Tröste die theure Witwe und die arme Waise! Ja, bleib‘ mit Deiner Gnade bei uns, HErr Jesu Christ!“

Nachtrag

Unter den zahlreichen Freunden, die mit wehmütiger Theilnahme am 22. December die geliebte Leiche auf dem letzten Gange begleiteten, waren auch zwei von den älteren Zöglingen des Entschlafenen, von denen der eine, Missionar Gobat((Samuel Gobat, späterer Bischof von Jerusalem)), seit einer Reihe von Jahren in Abyssinien, der andere, Missionar Zaremba((Felician Martin von Zaremba, russischer Diplomat, Prediger und Missionar)), in Südrußland gearbeitet hatte.

Nachdem am Grabe von den Zöglingen der Missionsanstalt mehrere Verse gesungen worden waren, wurde der Sarg von den Händen etlicher Brüder in die Tiefe der Erde gesenkt, und im Namen aller anwesenden und abwesenden Zöglinge des Entschlafenen trat Missionar Zaremba auf, und sprach folgendes Gebet am Grabe:

Ewiger, dreieiniger Gott, geoffenbaret in angenommener Menschheit! Wir danken Dir nun nochmals innig für Alles, was Du gethan hast an diesem Deinem Kinde und Knechte; – dafür, daß Deine Menschwerdung und Dein liebreiches Blutvergießen auch ihm gegolten hat; dafür, daß Du zu seiner Zeit ihn berufen hast zur Gemeinschaft Deines Heils; für alle Wirkungen Deines Geistes in seiner Seele; für alles Licht und alle Freude, die Du ihm mitgetheilet; für alle die reichlichen Gaben, die Du ihm anvertrauet; für alle Treue, die Du ihm geschenket, und für die Hoffnung des ewigen Lebens, in welcher er mit einem Hallelujah hinübergezogen ist zum Schauen Deines Angesichts in der ewigen Welt. Diese versammelte Gemeinde dankt Dir für allen Segen und jede geistliche Förderung, die Manchem aus ihrer Mitte und so vielen anderen Christen dieser Stadt, der Schweiz, Würtembergs und des ganzen Abendlandes zu Theil geworden ist von Dir durch seinen Mund, durch seine Feder, durch seinen Wandel, und durch sein Beispiel. Und wir anwesenden Zöglinge der Missionsanstalt danken Dir für Alles, was er durch Dich uns und allen unsern jüngeren und älteren Mitzöglingen geworden ist binnen mehr als 20 Jahren. Wir flehen, HErr, gib, daß in Folge dessen, was in diesem Hause und von diesem Hause aus geschehen ist und ferner noch geschehen wird, jetzt und später Viele aus verschiedenen Völkern ihm begegnen mögen, die, Dich lobpreisend und genießend, ihn erfreuen. Stärke seine lieben Hinterlassenen Alle, ja tröste sie, und lasse Dich herab zu all ihren Bedürfnissen Leibes und der Seele. Und wir bitten Dich, laß uns Alle, die wir hier zugegen sind, wachsen an Dir, der Du das Haupt bist, laß uns treu bleiben, und einstens unsern seligen Antheil finden an jenem großen Tage, nach dem – sammt Allen, die des Geistes Erstlinge haben – die ganze Schöpfung sich sehnet! Laß uns beim Abendmahl der Hochzeit des Lammes und ewig mit ihm und allen Deinen Auserwählten zusammenstimmen in Deiner Anbetung und Lobpreisung. Amen.

Bei der Todesnachricht

Todt, der Allbekannte? – Nein! genesen \
Ist der liebe Kranke: Er lebt dort! – . \
Ist von sturmbewegter Bahn gedrungen \
In den ewig sichern Ruheport.

„Komm nun, komm in Deines Herren Freude, \
„Du getreuer Knecht!“ ertönt’s vom Thron‘ – \
„Ueber wenig (viel!) getreu gewesen \
„Bist Du! nimm nun hin den Gnadenlohn!“

Ja, nach schweren heißen Arbeitstagen \
Kann er jetzt zu Jesu Füßen ruhn! \
Dankt Ihm, der Sein Blut für ihn vergossen, \
Dort im sel’gen freien Wirken nun.

Er sonnt sich im Glanze Seiner Wunden! \
(War’s das Licht wohl, das er strahlen sah?) \
Und sein erster Hauch des ew’gen Lebens, \
War’s ein fortgesetzt „Hallelujah?“

„Christus ist mein Leben,“ stimmte brechend \
Noch sein Herz in’s Chor der Brüder ein; \
Nun singt er mit jenen Engelchören \
Ihm, der Mensch ward – o wie wird ihm seyn!

Er stimmt ein: „Gott sey im Sohne Ehre! \
An den Menschen Wohlgefallen nun! \
Und Sein Friede walte auf der Erde, \
Möge bald auf allen Völkern ruh’n!“

In der Nähe und in weiter Ferne \
Fließt wohl manche Throne, die ihm quillt; – \
Ja, wenn’s Thränen noch dort oben gäbe, \
Wär’s des Dankes Thräne, die ihm gilt.

Welch‘ ein Wiederseh’n mit jenen Boten, \
Die dem Seligen vorangeeilt, – \
Welch‘ Lobpreisen uns’rer Jesu Liebe, \
Der die Herrlichkeit mit ihnen theilt!

Dort mag wohl noch ein gemeinsam Wirken \
In des HErrn Kraft für Sein Reich besteh’n! \
Der Verband in Jesus hier und droben \
Dauert fort, bis wir Ihn kommen seh’n.

Bleib‘, Herr Jesu, bleib‘ mit Deiner Treue \
In dem lieben, vaterlosen Haus! \
Fülle mit dem Reichthum Deiner Gnade \
Selbst die fühlbar große Lücke aus.

Eine Freundin des Entschlafenen.

Trost am Grabe.

Brüder! unser aller Freund, \
Unser Vater ist entschlafen, \
Herz und Auge bitter weint, \
Daß uns solche Schläge trafen. \
Ach wie dieser treue Hirt‘ \
Uns so schmerzlich mangeln wird!

Ist er auch von uns nicht fern, \
Von den Seinen nicht geschieden, \
Ist am Reiche seines HErrn \
Höh’rer Antheil ihm beschieden, \
Steh’n wir dennoch tief betrübt: – \
Er hat uns so treu geliebt!

Ach, wir tragen weinend hin \
Diese nun entseelte Hülle, \
Ferne Brüder mit uns zieh’n \
Auch im Geist zur Grabesstille; \
Ihre Thräne mit uns rinnt. \
Weil wir ja verbunden sind.

Doch beim Aufblick zu dem HErrn \
Trocknen wieder unsre Thränen; \
Was uns drücket nah und fern \
Weiß Er ja, – Er stillt das Sehnen, \
Er, der zu den Heiden spricht: \
Mach dich auf, und werde Licht!

Seine Sache läßt Er nicht, \
Boten sollen ferner gehen; \
Wenn den Schwachen Kraft gebricht, \
Werden Seine Winde wehen; \
Nimmer fehlt’s an Rath und Thal \
Wenn der Hirte selber naht.

Ein Freund des Verstorbenen.

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