Adam und Eva

Adam und Eva

Wenn der Name der ersten Eltern hier an der Spitze der Lebensbilder erscheint, so läßt sich freilich nicht ein Bild von ihrem Leben entwerfen. Denn wenn auch die Erzählung der heiligen Schrift nicht angetastet oder umgedeutet wird, als ob nicht wirkliche Personen, sondern nur Schatten von ihnen gemeint wären; so fehlt doch alles, um als geschichtliche Personen sie vorzustellen. Von ihnen selbst, ihrem äußern Lebensgange wie ihrer innern Führung, ist kaum die Spur überliefert, bis auf die Katastrophe: diese aber würde man nicht grade in dem Fest- und Heiligenjahr verzeichnen. Nichtsdestoweniger werden an ihnen Gedanken und Thaten der ursprünglichen Weisheit offenbar, die aller Geschichte zuvorkommen, aber überall fortwirken, also auch dem frommen Gedächtniß gegenwärtig bleiben sollen. Ueberdies steht mit dieser Urgeschichte im Mittelpunkt der Zeiten das Evangelium in Zusammenhang, um dessentwillen allein jene Namen (nebst einigen andern alttestamentlichen) dem christlichen Kalender angeeignet sind.

Dies ist an zwei Punkten desselben geschehn. In früherer Zeit, da man gern die Epoche der Schöpfung, sei es des Lichtes oder der Himmelskörper, am Tage der Frühlingsnachtgleiche, 25. März oder 21. März, im Kalender bemerkte (nach der herrschenden Annahme, daß die Welt zu dieser Zeit erschaffen sei), erscheint auch die Erschaffung Adams in dieser Gegend (Adam plasmatus), der jedoch zuweilen selbst am 25. März angesetzt ist. Denn dieser galt von Alters her auch für den Todestag Christi: und in dem Ansatz für den Jahrestag lag dieselbe Absicht, in der man frühzeitig auf die Uebereinstimmung des Wochentages hinwies, daß an einem Freitag der erste Mensch geschaffen und Christus gestorben ist. Hingegen in neuerer Zeit findet sich in allen deutschen, protestantischen wie katholischen, Kalendern der Name Adam, Eva am 24. Dec. angesetzt, d. h. der erste Mensch am Vorabend der Geburt des andern Adam. Durch beides ist die Zusammenfassung der ersten und der zweiten Schöpfung so wie der Schöpfung und Erlösung im Kirchenjahr angedeutet.

Den Grund dafür giebt das Evangelium selbst, welches diesen Zusammenhang voranstellt. Denn das Geschlechtsregister Jesu (welches bei Matthäus von Abraham anhebt), führt Lucas, der umgekehrt von Jesus anfangend, vom Sohn zum Vater aufsteigt, über Abraham hinaus bis zum ersten Menschen; und von diesem heißt es: „der war Gottes“ (Luc. 3,38).

Und das ist das erste, was auch die Bücher Mosis berichten: daß Gott den Menschen geschaffen hat. Wenn alle übrigen Glieder jenes Registers und alle übrigen Menschen Söhne ihrer Väter sind, so hatte der erste Mensch keinen Vater auf Erden. Noch weniger war die Erde seine Mutter, welche allerdings auf das schöpferische Wort Gottes Pflanzen und Thiere hervorgebracht hatte. Am wenigsten ist daran gedacht, daß aus einem Thiergeschlecht der erste Mensch könne entsprossen sein: denn was ihn zum Menschen macht, ist nicht eine Steigerung thierischen Wesens und natürlicher Eigenschaften; sondern eine freie Gabe und neue Offenbarung Gottes. Auf der obersten Stufe dieser Creaturen, von ihnen wesentlich verschieden und nicht aus vorhandenem begreiflich, erscheint hier der Mensch durch einen Schöpfungsakt: Gott bildete ihn aus Erde und hauchte ihm den Odem des Lebens ein, und so ward er ein lebendiges Wesen. Darin ist die doppelte Abkunft des Menschen angezeigt: der Leib von Erde, der Odem von Gott. Wenn aber Gott in der Sprache der Menschen vorgestellt wird von menschlicher Gestalt, als athmend und hauchend, so ist doch ein Hauch nicht gemeint als ein Theil seines Wesens. Denn alles Fleisch, worin Odem des Lebens (1 Mo. 6,17. 7,15.22), hat ihn von Gott nach dem Wort des Psalmenfängers: „er lässet einen Odem aus, so werden sie geschaffen; er nimmt ihn weg, so vergehen sie“ (Ps. 104, 30. 29). Das ist also nur das allgemeine Mittel und Kennzeichen des Lebens, wiewohl der Odem auch unterschieden wird bei der thierisch beseelten und bei der vernünftigen Creatur (Pred. 3,19.21; und dagegen 12,7). Aber die höhere Abkunft, der Vorzug vor allen übrigen Geschöpfen, ist dadurch ausgesprochen (wie es im ersten Berichte heißt), daß Gott den Menschen schuf, Mann und Weib, nach einem Bilde und einer Aehnlichkeit. Den nächsten Sinn dieses Schöpfungs-Wortes giebt die Folge der Erzählung: daß der Mensch herrschen solle über die ganze Erde und über alles, was sich reget auf Erden. Also ist dadurch ein Abbild der Herrlichkeit Gottes dem Menschen verliehen. Aber zur Herrschaft über die Erde ist er nicht durch körperliche Kraft ausgerüstet, worin viele Thiere ihm überlegen sind; sondern durch ein höheres Vermögen. Und das wird im Verhältniß zu den Thieren bestätigt, wenn Gott sie zu ihm führt, zu sehen, wie er sie benennt. Denn die Sprache ist ein Erzeugniß des Geistes und die Namengebung eine Sache der Unterscheidung und Erkenntniß. Auch die andere Seite des göttlichen Ebenbildes bekundet der Fortgang der Erzählung, da Gott dem Menschen ein Gebot giebt; also hatte er ihm die Kraft verliehen, ein gebietendes Wort zu verstehen und zu erfüllen, aber auch die Kraft des Widerstandes: das heißt die Freiheit des Willens, seiner Herrlichkeit sich zu unterwerfen, oder sie selbst sich anzumaßen. Ueberdies einen Zeugen des göttlichen Willens im Gewissen, welches unabhängig über ein Thun und Lassen richtet und den Ungehorsam straft, wie nachgehends sich zeigt, da Scham und Furcht auf die Uebertretung sich einstellen.

Gott also, wie die heilige Urkunde sagt, hatte einen Garten in Eden gepflanzt, in welchem er sprossen ließ allerlei Bäume, lieblich zu schauen und gut zu essen, und von welchem ein Strom ausging, den Garten zu tränken: dahin setzte er den Menschen, ihn zu bebauen und zu bewahren. Und gebot: von allen Bäumen im Garten möge er essen, ausgenommen vom Baum der Erkenntniß des Guten und Bösen. – Das Weib aber, von der Schlange überredet, nahm von der verbotenen Frucht und aß und gab auch dem Manne, und er aß. Worauf die Strafrede Gottes und die Vertreibung aus dem Paradiese folgt. Alles dies ist offenkundig und doch verhüllt. Jeder empfindet, wie viel innere Wahrheit darin liegt; aber niemand kann das Außerordentliche des Vorgangs sich erklären; und man ahnet verborgene Tiefen. Ohne jedoch vorerst mit Fragen den Kreis zu überschreiten, den das einfache Bibelwort selbst zieht, werden wir in der Hauptsache den Sinn desselben nicht verfehlen, wenn wir von diesem Anfang aus auf den Fortgang der Offenbarungsgeschichte achten, insbesondere den Gebrauch zu Rathe ziehen, den Evangelium und Briefe der Apostel von den Worten und Thaten der Urgeschichte machen. – Zuerst das Gebot im Paradiese ist gegeben wie später das Gesetz vom Sinai, das viele Bestimmungen enthält, die nicht um ihrer selbst willen bestanden und ein Ende nehmen konnten: so ist der Genuß der Frucht nicht untersagt, als wäre sie an sich schädlich, aber auch nicht aus göttlicher Willkür, sondern, nach dem Worte des Apostels (Gal. 3, 24) zur Erziehung, – wie auch der Name Baum der Erkenntniß des Guten und Bösen ersehen läßt. Das Gebot war eine Schranke für den menschlichen Willen, daran Gehorsam zu lernen, ohne zu grübeln; eine Uebung seiner Freiheit, sich für das Gute, das heißt den Willen Gottes, zu entscheiden und darin zu befestigen. Die Versuchung hebt von dem Zweifel an dem Worte Gottes an, sucht zu täuschen über die Folge des Ungehorsams und kehrt sie in das Gegentheil um, indem sie die Eigenliebe ins Spiel bringt und zur Ueberhebung lockt. Die Uebertretung dringt von innen nach außen, nachdem der Glaube, d. h. die Unmittelbarkeit des Verhältnisses zu Gott und die kindliche Hingebung an seinen Willen, erschüttert war. Erst Augenschein und Augenlust, das Weib sah, daß der Baum gut zu essen und lieblich anzuschauen war; dann folgt aus dem sinnlichen Wohlgefallen die That: „wenn die Luft empfangen hat, gebiert sie die Sünde“ (Jac. 1, 15). Und auf die Sünde folgt die Strafe: nicht ein körperliches Uebel, als wie vom Genuß einer schädlichen Frucht; sondern das strenge Antlitz des Richters und der Vollzug der Drohung: die Mühsal dieses Lebens, bis der Leib zum Staube zurückkehrt. Und, was der Stachel in dem Elend ist, das Bewußtsein der Schuld mit der Erinnerung an das verlorene Paradies. Aber die Strafe selbst ist nicht ohne Erquickung und Hoffnung. Denn es ist dem Menschen gegeben fröhlich zu sein im Schweiß seines Angesichts und süße Ruhe zu haben nach der Arbeit (Pred. 5, 18. 11), und der treue Arbeiter empfängt seinen Lohn. Auch ist die Segnung aus dem Paradiese geblieben, daß das Weib dem Mann zur Hülfe sein und er an ihm hangen und sie die Erde erfüllen sollten. Und wiewohl Sünde und Uebel fortwucherten, also daß durch Einen Mord zwei Söhne den ersten Eltern verloren gingen; so ragt doch weit hinaus die Verheißung von dem endlichen Siege: daß der Weibesaame der Schlange den Kopf zertreten wird. Uebrigens meldet das „Buch der Geschichte Adams“ (1 Mos. 5,1) nichts weiter von ihm als die Fortpflanzung eines Stammes und die Tage seines Lebens, das er auf 930 Jahre brachte. Die Erinnerung an diese Geschichte lebt fort durch die ganze Offenbarung. Insbesondere von Anfang und Ende des ersten Menschen zeugt das Alte Testament, in Psalmodie und Prophetie: und es sind allemal mächtige Stimmen, sei es zur Erhebung und Tröstung oder zur Demüthigung und Entsagung. Zuerst aber bei der Neugründung des Menschengeschlechts nach der Sündfluth, in der Segnung Noahs und seiner Söhne wiederholt der Herr den Segen aus dem Paradiese: seid fruchtbar und mehret euch, bestätigt die Herrschaft über die Thiere und gedenkt, daß er den Menschen nach einem Bilde gemacht. Letzteres als Maaß der Strafe dessen, der Menschenblut vergießt; das andere dadurch erweitert, daß die Thiere dem Menschen zur Speise überwiesen werden (1 Mo. 9, 1 ff). Jener Segensspruch aber kehrt in der Patriarchengeschichte noch einmal wieder in dem besondern Segen, den Jakob empfängt als Stammvater des jüdischen Volks (1 Mos. 35, 11). – Hiernächst wird das Werk Gottes, das an dem ersten Menschen geschehen ist, dem ganzen Geschlecht zugeeignet. So führt David zum Preise der Güte Gottes aus, wie er den Menschen mit Herrlichkeit krönt: „Du machet ihn zum Herrscher über die Werke deiner Hände, alles legest du unter seine Füße, die Thiere des Feldes, Vögel des Himmels, Fische des Meeres“ (Ps. 8,6-9). Und Hiob wendet die Schöpfungsgeschichte des Menschen auf sich selbst an, wenn er vor dem Herrn, der ihn gerufen, als das Werk seiner Hände sich bezeichnet; und von dem Hauche Gottes redet, der noch in seiner Nase sei (Hiob 14,15. 27,3). Beide Momente des Schaffens, das Bilden aus Erde und das Anhauchen, und zwar in Verbindung mit der Weltschöpfung, heben auch die Propheten hervor, als ein Siegel göttlicher Macht und Hülfe, wenn sie dem Volk Trost zusprechen und Wiederaufrichtung verheißen. Es kommt die Hülfe von Jehova, „der den Himmel ausgespannt und die Erde gegründet und des Menschen Odem in ihm geschaffen hat“, nach einer Weissagung im zweiten Theil des Sacharja (12,1); und darnach im zweiten Theil des Jesaias (42,5), wo gleich darauf in derselben Absicht der Herr ein Volk das Werk einer Hände nennt gleich der Erde und den Himmeln, die eine Hände ausbreiteten (45,11.12). Diese Vorstellung von der Hervorbringung des Menschen gleichsam durch Gottes Hände wird weiter ausgeführt durch das Bild von dem Thon und dem Töpfer; sowohl in der Rüge Gottes: „spricht wohl der Thon zu einem Bildner: was machst du“ (45,9), als in dem Hülferuf eines Volks: „du bist unser Vater, wir der Thon und du unser Bildner, und deiner Hände Werk wir alle“ (64,8). – Das betrifft das besondere Schicksal des jüdischen Volks und seine theokratische Hoffnung. Hingegen von dem allgemeinen Loose des Menschen, als Klage über eine Hinfälligkeit, kehrt schon früher der Spruch wieder, der an der Schwelle des Paradieses steht: Staub bist du und zum Staube sollst du zurückkehren (Ps. 103,14. 146,4. Pred. 3,20. 12,7). Darauf bezieht auch Hiob sich (34,15), der überdies diese Ruhe im Staube schildernd, das Grab seinen Vater, seine Mutter und Schwester die Würmer nennt (17,14). – Endlich sehn auch die apokryphischen Bücher gern auf den Anfang zurück: das Buch der Weisheit (9,2) erinnert wie an die Schöpfung der Welt, so an die Bereitung des Menschen durch die Weisheit Gottes und seine Bestimmung, über die Geschöpfe zu herrschen und die Welt zu regieren. Jesus Sirach verweilet öfter darauf, daß der Herr den Menschen aus Erde geschaffen, in die er ihn wieder zurückkehren ließ, und alle Menschen Erde und Asche sind, wobei auch das Gleichniß vom Thon und Töpfer (17,1.2.31. 33,10.13.14), und hebt daneben hervor, daß er nach dem Bilde Gottes geschaffen und ihm Gewalt über alles auf Erden gegeben ist (17,3-4). Er erläutert die Stellung des Menschen zu dem göttlichen Gebot, nach dem ursprünglichen Zustand (als ob er auch nachmals bestände): „Gott hat von Anfang den Menschen geschaffen und ihn seiner Willkür überlassen; willst du, so kannst du die Gebote halten; er hat dir Feuer und Wasser vorgelegt, – der Mensch hat vor sich Leben und Tod: und was er will, wird ihm gegeben werden“ (15,14-17). Und nach dem Buch Tobiä (8,6) beruft der junge Tobias sich auf die Einsetzung der Ehe im Paradiese, wie er für seinen eigenen Ehebund den Segen des Herrn erfleht.

Auch das Neue Testament schließt sich an die Thatsachen der ersten Menschheit an, doch mehr nach ihrem Lehrgehalt: wodurch sie nicht allein bestätigt, sondern auch in eigenthümlicher Anwendung zu Grundlagen christlicher Sitte und Erkenntniß erhoben werden. Der Erlöser weitet zweimal darauf hin. Als die Pharisäer mit der Frage ihn versuchten über die Scheidung des Mannes und Weibes, die allerdings im mosaischen Gesetz zugelassen war, corrigiert er die spätere Satzung durch die ursprüngliche Ordnung, das Werk und das Wort des Schöpfers; worauf er das Gesetz des Evangeliums gründet: „was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden“ (Matth. 19,6. Marc. 10,9). Und wie er den ungläubigen Juden vorhält, daß sie die Wahrheit aus einem Munde nicht annähmen, vielmehr ihn zu tödten suchten, nennt er als Urheber dessen den Teufel, den Menschenmörder von Anfang und Vater der Lüge (Joh. 8,44). Beides zielt auf die Geschichte des Paradieses und das Verhalten der Schlange: denn eine Lüge, eine Mischung von Falschheit und Wahrheit, war die Lockung zur Sünde, als ob die Gottähnlichkeit und das Wissen um das Gute und Böse der Preis der Uebertretung sei; und ein Mord die Verführung zum Abfall, der mit dem Tode bedroht war. Unter den Aposteln hat vornehmlich Paulus, wie er die Gedanken der Offenbarung zu einem System ausbildete, die Entwicklung an den Anfang geknüpft und den Zusammenhang des ersten Menschen mit dem ganzen Geschlecht in die Glaubenslehre eingeführt. Das erste ist, daß er in seiner Predigt zu Athen (wo er also nur Grundwahrheiten vorträgt), um von den stummen Götzen abzuleiten, den göttlichen und menschlichen Ursprung des Geschlechts erklärt, die Abstammung von Einem Blute durch den lebendigen Gott, von dem alle das Leben haben, wie der erste Mensch einen Odem (Apostelgesch. 17,25.26). Zweitens weitet er auf den Ursprung der Sünde und des Todes: nicht allein daß durch den ersten Menschen die Sünde und durch diese der Tod in die Welt gekommen, sondern daß dieselben von ihm aus zu allen Menschen durchgedrungen sind; wo er beides erklärt, sowohl daß sie sterben, dieweil sie gesündigt haben, als daß durch ihn und in ihm alle sterben (Röm. 5,12.16. 1. Cor. 15,21). Endlich begründet er aus der Geschichte des ersten Paares das christliche Verhältniß von Mann und Weib: der Mann liebt sein Weib als sein eigen Fleisch (Ephes. 5,28) und das Weib ist dem Manne als dem Ersterschaffenen unterthan, waltet im Hause, aber schweigt in der Gemeinde (1 Tim. 2,13). Noch mehr, er nimmt die Einsetzung der Ehe im Paradiese, das Wort, daß ein Mensch seinem Weibe anhangen werde usw. als Unterlage, um die Verbindung Christi und der Gemeinde zu bezeichnen (Ephes. 5,32). – Das gehört zu der andern Seite, welche der Spruch zusammenfaßt: daß Adam ein Vorbild dessen ist, der kommen soll (Röm. 5,14). Der Apostel führt dasselbe aus mit Bezug auf das Werk wie auf die Person Christi. Ein Vorbild ist der erste Mensch, da in Christo der Anfang einer neuen Reihe erschienen ist; aber er jetzt der Sünde des Einen gegenüber den Gehorsam des Andern, und demzufolge der Verdammniß im Tode die Rechtfertigung zum ewigen Leben (Röm. 5, 18.19). Das ist das ewige Leben, welches schon diesseits beginnt. Aber ein andermal, zur Begründung der Lehre von der Auferstehung, stellt er den Gegensatz: wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christo alle lebendig gemacht (1 Cor. 15, 21. 22), und erläutert die Frage, wie die Todten auferstehen werden, durch Unterscheidung des irdischen und himmlischen Leibes und Vergleichung des ersten Menschen und des letzten Adam (wie er nur hier genannt wird): jener ist von der Erde und zu einer lebendigen Seele gemacht, dieser ist der Herr vom Himmel und der lebendig machende Geist (V. 45.47). Das ist auch ein weihnachtlicher Gedanke: zusammen zu schauen den Ersterschaffenen und den Erstgeborenen, der vor aller Creatur gewesen, aber nach ihm gekommen, aus seinem Stamm entsprossen ist. Im übrigen leitet jener Typus mehr auf Tod und Auferstehung Christi und die entsprechende Zeit des Kirchenjahres. Und dessen ist die Kirche auch eingedenk gewesen, welche in vielen Gebieten: in Geschichte und Lehre, in Cultus und Kunstvorstellung, auf die Urgeschichte der Menschheit zurückkommt. Freilich da die mosaische Erzählung so schweigsam ist und der Wißbegierde ein großes Feld offen läßt, so haben Dichtung und Forschung sich beschäftigt, die Lücke auszufüllen. Schon die spätere Zeit des Judenthums noch vor Chr. Geb. und um dieselbe hat erfindungsreiche Schriften hervorgebracht in prophetischer und geschichtlicher Form, welche das Leben Adams zum Gegenstand haben oder mit umfassen. Und das Christenthum, welches solche Legenden gern zuließ, hat die Erfindung fortgesetzt und gestaltet. Daneben galt es für eine wissenschaftliche Aufgabe, den Urzustand zu erforschen, sei es mehr äußerlich, indem man an die mosaische Erzählung anknüpfte und Schlüsse darauf baute, wie jenen über Jahreszeit und Monatstag der Schöpfung, oder innerlicher, indem man auf das Wesen des Menschen und die Veränderung durch den Sündenfall einging. Aus allem dem berühren wir hier nur zwei Sagen (welche in früheren Jahrgängen des Evangelischen Kalenders behandelt sind)) von der messianischen Hoffnung des ersten Menschen und einer Erlösung; wobei in gewisser Weise das Wort des Herrn von Abraham: er ward froh, daß er meinen Tag sehen sollte (Joh. 8,56), auf Adam übertragen ist. Es ist zuvörderst eine alte Sage, welche (nach dem Evangelium des Nicodemus) Seth den Vätern in der Hölle berichtet: Adam, in tödtliche Krankheit gefallen, sandte ihn zum Paradiese, um daselbst Oel vom Baum der Barmherzigkeit zur Heilung seiner Schmerzen zu erlangen. Jedoch der Erzengel Michael erklärte: jetzt sei es nicht zu haben; aber nach 5500 Jahren werde der Sohn Gottes zur Erde herabsteigen und Mensch werden: der werde ihn salben mit diesem Oel und dann werde er von aller Krankheit genesen. – Dazu kommt seit dem 12. Jahrhundert die Sage: Adam in schwerer Krankheit verlangte Erquickung von dem Baum im Paradiese, an dem er Gott beleidigt hatte; sein Sohn Seth, dahin gesendet, brachte einen Zweig von diesem Baum zurück. Der Zweig, von ihm gepflanzt, erwuchs zu einem schönen Baum, der bis auf die Zeit Salomos stand; dann hatte er verschiedene Schicksale, bis endlich aus ihm das Kreuz Christi verfertigt worden. Die andere Sage betrifft das Grab Adams, daß er auf Golgatha liege: welche sogar aus dem Judenthum stammt, von den Kirchenvätern berücksichtigt und bezweifelt (weil nach einer andern Annahme Adam in Hebron sollte begraben sein), aber besonders in der griechischen Kirche zur Geltung gekommen ist. Wenn sich dies so verhält, sagt Athanasius, so bewundere ich die Schicklichkeit des Orts: denn es mußte der Herr, der den ersten Menschen erneuen wollte, an jenem Orte leiden, daß er dessen Sünde lösend sie von dem ganzen menschlichen Geschlecht hinwegnähme; ferner daß er den Adam dort findend, zu dem gesagt ist: du bist Erde und sollst zu Erde werden, den Fluch löse und stattdessen zu ihm spreche: erwache der du schläft und stehe auf vom Tode, und Christus wird dich erleuchten (Ephes. 5, 14). Beide Sagen, so weit sie auf die heilige Passion zielen, sind durch die Kunst des Mittelalters verherrlicht, die nicht selten das Kreuz, an welchem der Erlöser hängt, als einen lebendigen Baumstamm gebildet hat; unter dem Kreuze aber Adam stehen läßt, der aus einem Grabe sich erhebt und, als der Erstling, der Erlösung durch Christi Blut theilhaftig wird. Sie können deshalb nicht untergehn; und verdienen auch als Dichtung erhalten zu werden, weil sie der Wahrheit zum Spiegel dienen. – Derselben Wahrheit dient, einfach und ohne Zusatz, die kalendarische Verzeichnung der Namen Adam, Eva in der Nähe der heiligen Geburt, wo sie die Epochen der Menschheit und des Reiches Gottes in Erinnerung bringen.

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