Johannes a Lasco

Johannes a Lasco

Unter den wenigen Männern höhern Standes, welche zur Zeit der Reformation Rang und hervorragende Stellung, glänzende Aussichten auf Ehre und Lebensglück ihrem evangelischen Glauben und Berufe zum Opfer brachten und welche darum auch verdienen, von der evangelischen Christenheit in treuem Andenken bewahrt zu werden, ist keiner der letzten Johannes Laski, gewöhnlich der Reformator der Polen genannt, obschon er weit länger anderswo wirkte und nur den letzten Rest seines Lebens seinem Vaterlande widmen durfte.

Johannes Laski (a Lasco), geb. 1499, stammte aus einer sehr angesehenen polnischen Freiherrnfamilie, deren Glieder in Staat und Kirche hohe Würden bekleideten und im In- und Auslande bedeutende Rollen spielten, Von Jugend auf zur geistlichen Laufbahn bestimmt, genoß er nach der Gewohnheit des polnischen Adels einer sehr sorgfältigen Erziehung in wissenschaftlicher – weniger aber, wie es schein, in religiöser Hinsicht. Um seine Bildung zu vollenden bereiste er 1523-1525 die vorzüglichsten Länder Westeuropas. Zu Löwen entstand schon damals seine erste Bekanntschaft mit Alb. Hardenberg, nachherigem Prediger zu Bremen, welche sich später zum dauernden innigen Freundschaftsbunde befestigte. Zu Zürich ermunterte ihn Zwingli zum Studium der heiligen Schrift als der einzig sichern Quelle religiöser und christlicher Wahrheit – ein Saamenkorn, das, wenn auch nicht sogleich, doch nachher aufging und seine Frucht brachte. Am folgenreichsten für Laski wurde jedoch sein Aufenthalt zu Basel im Jahr 1525. Er sah und hörte daselbst die Männer der verschiedensten Richtungen, die Theologen Oekolampad und Pellikan auf der einen – die Humanisten Glarean und B. Rhenanus auf der andern Seite. Am meisten aber schloß er sich dem großen Des. Erasmus an, dessen Hausgenosse er war und den er mit polnischer Freigebigkeit und bemerkenswerther Zartheit unterstützte. Besonders günstig wirkte dieser gerade auf seine religiöse Entwickelung. Während Erasmus bekennt, durch den Umgang mit diesem jungen Manne selbst besser geworden zu sein und als Greis von ihm die Tugenden gelernt zu haben, welche eigentlich der Jüngling vom Greise lernen sollte, bezeugt Laski dagegen noch zu einer Zeit, in welcher Erasmus Name schon viel von seinem guten Klange verloren hatte, dieser sei es gewesen, der seinem Gemüthe zuerst eine religiöse Richtung gegeben, ja ihn im wahren Glauben unterrichtet habe. Zu früh für Alle erhielt Laski bereits 1525 von Hause den Befehl, Basel zu verlassen, um eine diplomatische Sendung nach Frankreich und Spanien zu übernehmen, von welcher er im folgenden Jahre nach Polen heimkehrte.

Es folgte nun eine Zeit von eilf Jahren in Laski’s Leben, auf welche er späterhin stets nur mit Schmerz und Schaam zurückblickte. Aeußerlich sah er sich zwar mit Ehren und Einkünften überhäuft; durch den Einfluß seines Bruders Jaroslav wurde er 1529 Bischof von Vesprin in Ungarn; er war ferner Probst von Gnesen und sein Oheim Johann Laski Erzbischof daselbst und Primas des Reichs. Allein eben dadurch lief er auch Gefahr, unter beständigen Reisen und Staatsgeschäften, im Hof- und Kriegsleben sein besseres Selbst zu verlieren. „Ich war, so schrieb er nachmals an Bullinger, – ich war ein rechter Pharisäer, mit vielen Titeln geziert, mit vielen und fetten Pfründen von Kindheit an hübsch vollgestopft, bis Gottes Gnade mich dies Alles aufgeben ließ.“ In der That blieb der bessere Kern seines Wesens unverdorben, er las nicht nur seines Lehrers Erasmus, sondern auch Luthers Schriften; er verlor die religiöse Frage der Zeit nicht aus den Augen; er kam endlich zu der klaren Ueberzeugung, daß er daheim unter diesen Verhältnissen, diesen Umgebungen niemals ein ächt christliches Leben führen und Gott mit Ernst werde dienen können. Eben hatte ihm der König auch noch das Bisthum Cujawien übertragen, als er 1537 den freiwilligen Entschluß faßte, allen diesen Stellen, Ehren und Vortheilen zu entsagen und sein Vaterland so lange zu verlassen, bis es ihm vergönnt sein würde, demselben seine Dienste in christlicher und evangelischer Weise zu widmen. Er theilte seinen Entschluß dem König Siegmund I. mit und dieser mißbilligte ihn so wenig, daß er ihn vielmehr mit ehrenvollen Empfehlungen und Aufträgen versah.

Laski richtete seine Pilgerfahrt zunächst nach Deutschland und den Niederlanden. In Mainz traf er auf’s Neue seinen Hardenberg, damals noch Lektor in einem Kloster bei Gröningen, und ruhte fortan nicht, bis er den noch Unentschiedenen für den Dienst des Evangeliums gewonnen hatte. Zu Löwen verheirathete er sich mit einem Mädchen bürgerlichen Standes; allein in den kaiserlichen und streng katholischen Niederlanden konnte, besonders nach diesem Schritte, seines Bleibens nicht sein. Deßwegen begab er sich 1540 nach Emden in Ostfriesland, in dessen Nähe er sich ankaufte. Bald zog er hier die Augen des Grafen Enno II. und nachher die seiner Wittwe, der Regentin Anna von Oldenburg auf sich. Sie drangen in ihn, eine Predigerstelle zu Emden und zugleich das Ephorat über sämmtliche Geistliche des Landes zu übernehmen, eine Stelle, zu welcher er vermöge seines freundlichen und würdevollen Wesens, seiner Gewandtheit in Geschäften und im Umgange, so wie seiner Charakterfestigkeit vorzugsweise geeignet war. Nachdem der von ihm empfohlene Hardenberg abgelehnt, nahm Laski endlich 1538 den Ruf unter zwei Bedingungen an, erstlich daß er jedem Rufe seines Vaterlandes sofort folgen dürfe, wie es ihm sein Bruder Stanislaus noch auf dem Sterbebette zur Pflicht gemacht hatte – und zweitens daß er nur so lange bleiben wollte, als es der Regentin und der Gemeinde mit dem Dienste Gottes nach seinem Worte ein rechter Ernst sei. Nach dieser Regel der Schrift und nach dem Muster der ersten Christengemeinden suchte er nun die ostfriesische Kirche einzurichten; er drang vor Allem auf apostolische Einfachheit des Gottesdienstes, auf Entfernung auch der letzten Reste päbstlichen Aberglaubens und alter Mißbräuche, z.B. der Bilder, und auf strenge Kirchenzucht; die Geistlichen versammelte er häufig zur Besprechung und gegenseitiger Beaufsichtigung. In der Lehre schloß er sich aus innerer Verwandtschaft wesentlich den Schweizern an; so besonders in der Abendmahlslehre; in anderen Stücken dagegen hegte er eigene Gedanken, die er ihnen jedoch freimüthig mittheilte, ohne sie zu veröffentlichen; denn nichts dünkte ihn eitler, kindischer, schädlicher für die evangelische Kirche, als daß jeder Theologe seine besondern Meinungen und Einfälle zu Markte bringen und behaupten wolle. Daneben bewies er sich in hohem Grade weitherzig; die Wiedertäufer und andere Sekten, die von allen Seiten, besonders aus den Niederlanden vertrieben, in Ostfriesland zusammenströmten, schützte er Anfangs gegen Verfolgung und suchte sie vielmehr durch Milde und Ueberzeugung zu gewinnen. So wurde der bekannte Menno Symons auf seine Fürsprache eine Zeit lang geduldet und selbst mit dem enthusiastischen Sektenhaupte David Joris wechselte er Briefe, ohne ihm jedoch seine stolzen Einbildungen ausreden zu können.

Laski’s Name und Tüchtigkeit in kirchlichen Geschäften wurde bald auch in weitern Kreisen bekannt und verschaffte ihm manche ehrenvolle Einladung; der Churfürst Herrmann von Wied berief ihn 1545 nach Köln, um bei der Reformation des Erzstifts mit Melanchthon und Bucer behülflich zu sein; der Herzog Albrecht von Preußen suchte ihn nach Königsberg zu ziehen u.s.w. Obschon er diesen letztern Ruf zum Theil aus kirchlichem Unabhängigkeitssinn, zum Theil aus gewissenhafter Anhänglichkeit an seine ostfriesischen Gemeinden ablehnte, so hatte er doch zu Emden selbst manchen harten Kampf zu bestehen, manche Anfechtung zu erdulden. Der Hof von Brüssel verklagte ihn bei der Gräfin unausgesetzt als Ruhestörer und Begünstiger aller Sekten. Dadurch ermuthigt bildete sich auch zu Emden eine starke Partei wider ihn, bestehend aus den katholischen und lutherisch Gesinnten und aus vielen Vornehmen und Lebemenschen, denen seine ernste Kirchenzucht verhaßt und im Wege war. An sie schloß sich sogar der junge Graf Johann, dessen Stimme natürlich bei der Regierung kein geringes Gewicht haben mußte. Mit starken Zügen schildert Laski dem Sekretär der Gräfin diese Lage der Dinge. „So viele Jahre schon, schreibt er, ist hier gepredigt worden und was für Frucht läßt sich davon aufweisen? Wir sehen den öffentlichen Götzendienst und Greuel der Mönche, ohne ihn nur berühren zu dürfen. Wir sehen alle kirchliche Zucht unterdrückt und aufgehoben. Wir sehen fast alles Gute, das zum Unterhalte des öffentlichen Kirchendienstes und zur Förderung der Jugendbildung gestiftet worden, verschleppt und verschleudert. Wir sehen bei uns einen Schlupfwinkel aller Sekten und zwar haben wir die Fliegen verjagt, während wir die Wespen und Hornissen füttern und den Raben Alles gestatten müssen. Ja es herrscht bei uns solche Duldung aller Laster, daß derjenige schon für einen Sektirer gilt, der ein wenig mäßiger und eingezogener als die Uebrigen leben will.“

Allerdings blieb ihm die Gräfin, so wie ihr Bruder Christoph von Oldenburg fortwährend gewogen; sie unterstütze ihn bei manchen Einrichtungen, die er vornahm, z.B. bei der Bestellung eines Presbyteriums zu Emden mit der Gewalt zu bannen, bei der Erlassung einer strengern Disciplinarordnung für die Geistlichen; sie erklärte mehrmals sowohl ihm als Andern, die seine Entlassung forderten, daß sie seiner nicht entbehren könne. Gleichwohl machte sich auch hier die Schwäche eines Frauenregiments geltend; ihr guter Wille wurde öfter durch ihre Räthe und Umgebungen vereitelt; sie durfte gewisse Personen und Kreise nicht geradezu vor den Kopf stoßen und so ernst und unerschrocken auch Laski sie an seine und ihre Pflicht erinnerte, zu einem festen, durchgreifenden Handeln in seinem Sinne konnte er sie doch nicht bewegen. Er sah sich dadurch schon 1546 veranlaßt, das Ephorat niederzulegen, um nicht einen leeren Titel zu führen und Christum dem Gespötte preiszugeben, – nahm es indessen bald wieder auf, nachdem seinen Forderungen größere Strenge gegen die Geistlichen in Betreff der Lehre entsprochen worden war.

So wenig übrigens Laski selbst seine hohen Begriffe von einer nach Gottes Wort gereinigten und hergestellten Kirche in der ostfriesischen für verwirklicht halten und sich mit dem Zustande derselben befriedigen konnte, so sehr müssen wir doch seine Leistungen in so kurzer Zeit bewundern. Er hat die reformirte Kirche Ostfrieslands recht eigentlich gegründet und in Bezug auf Lehre, Zucht, Freiheit der Verfassung und Reinheit des Gottesdienstes zu einer solchen Stufe erhoben, daß sie auch andern zum Muster dienste und bis in neuere Zeiten als eine der blühendsten und bestgeordneten dastand.

Dieser zwar mühe- und dornenvollen, aber doch auch gesegneten Wirksamkeit Laski’s machte der Sturm, der nach der gewaltsamen Auflösung des schmalkaldischen Bundes über Deutschland erging, ein Ende. Die Gräfin Anna fühlte sich zu schwach, um die Annahme des vom Kaiser den protestantischen Ständen aufgedrungenen Interims zu verweigern, und unter diesem mehr als halb-katholischen Provisorium zu bleiben, war für Laski schon wegen seiner biblisch-kirchlichen Grundsätze und wegen seines reformirten Bekenntnisses rein unmöglich. Zudem erneuerte die kaiserliche Regierung, die längst einen Zahn auf ihn hatte, das Begehren seiner Entfernung, welches jetzt aber den Charakter eines mit Drohungen begleiteten Befehls annahm. Genöthigt einen andern Zufluchtsort zu suchen, wurde Laski eben zur rechten Zeit nach England eingeladen, wo er schon im Jahre 1548 mit Bucer und P. Martyr Vermili bei der Kirchenverbesserung thätig gewesen war. Jetzt sollte er an die Spitze der dortigen Fremdengemeinde treten, die hauptsächlich aus geflüchteten Wallonen und Niederdeutschen bestand. Nach einem Aufenthalte bei Hardenberg in Bremen und mehreren Reisen in Norddeutschland verreiste er im Frühjahr 1550 – nicht für immer, wie er hoffte; er betrachtete sich vielmehr stets noch als Vorsteher der ostfriesischen Kirche und auch diese wollte das Band durch die zeitweilige Entfernung keineswegs gelöst wissen. In dieser Hoffnung schrieb er noch von Hamburg an die Geistlichen zu Emden: „Glaubet indeß ja nicht, ich nehme Abschied von Euch und von Eurer Kirche; als würde ich Eurer und unserer Kirche fortan nicht mehr gedenken. Die kirchliche Sorge um Euch, theure Brüder, um unsere Gemeinde kann und will ich nicht lassen, so lange ich lebe. Beharret, ich bitte Euch, in der Pflicht Eures Amtes und der wohlthätigen Ausübung desselben; erhaltet unsere Gemeinde auf dem Wege des Gehorsams, ermahnet sie zur Bekenntnißtreue und aller Geduld mit Gelindigkeit und Danksagung. Gebe der Herr, wenn es zu seiner Ehre dienet, daß wir dereinst bei Euch wieder vereinigt sein können, denn daß es möglich sei, glaube ich auch jetzt noch. Der eingetretene Wechsel wird nicht lange andauern und bald wird Gott diese Verbesserer in ihren eigenen Anschlägen zu Schanden machen.“

In London angekommen fand Laski überall, besonders auch bei dem Erzbischofe Cranmer von Canterbury die zuvorkommendste Aufnahme. Der Boden, auf welchem er hier bauen sollte, schien für die Durchführung seines kirchlichen Ideals durchaus geeignet. Er hatte es mit lauter evangelisch gesinnten Fremdlingen zu thun, deren Glaube bereits in der Verfolgung geprüft und gestärkt worden war und deren Zahl bis auf 4000 anstieg. Von diesen durfte er keine allzu starke Anhänglichkeit an alte Formen, keinen Widerstand gegen seine apostolischen Einrichtungen besorgen. Seiner Festigkeit gelang es auch, ein königliches Patent zu erwirken, wodurch ihnen große Rechte und Freiheiten in Bezug auf Selbstregierung und Anordnung ihres Gottesdienstes gewährt wurden; mit dem anglikanischen Prunk der Gewänder namentlich konnte sich Laski durchaus nicht befreunden und so wußte er auch für sich und die Seinen die Einführung der sitzenden Communion zu erlangen, auf die er nach dem Vorbilde Christi und der Apostel viel – und wohl nur allzuviel Gewicht legte. Die Gemeinde bestand eigentlich aus dreien, einer französisch-wallonischen, einer deutsch-niederländischen und einer italienischen mit ihren besondern Predigern. Auf ihre merkwürdige Verfassung mit ihrer weisen Mischung des demokratischen, aristokratischen und monarchischen Elements, mit ihren drei Kirchenämtern, den Diakonen oder Armenpflegern, den lehrenden und „andern“ Aeltesten, welchen die Regierung und Kirchenzucht oblag, und den Doktoren, welche die christliche Wissenschaft vertraten, ist hier nicht der Ort näher einzutreten, so große Aufmerksamkeit sie auch verdient und neuerdings erregt hat. Laski selbst führte als Superintendent die Oberaufsicht über das Ganze und besorgte die allgemeinen Interessen desselben, während er zugleich als Doktor nicht anstand, lateinische Vorlesungen über das Neue Testament zu halten. Zwar fehlte es auch hier nicht an unerfreulichen Erfahrungen, sittlichen Vergehen selbst von Geistlichen, theologischen Irrungen und Zwistigkeiten; allein dessenungeachtet ist diese in so kurzer Zeit zu Stande gebrachte, wohlgeordnete Schöpfung ein glänzendes Denkmal und Zeugniß, in welch hohem Grade Laski christliche Einsicht und praktisches Geschick vereinigte und wie sehr er zu dem schwierigen Geschäfte der Kirchenleitung befähigt und berufen war.

Der frühzeitige Tod Eduard VI. rief indessen schon 1553 seine ungleich geartete Schwester und mit ihr den Katholicismus in seiner finstersten, verfolgungssüchtigsten Gestalt auf den Thron. Auch der Fremdengemeinde wurden ihre Privilegien genommen; sie sollte sich der allgemeinen Kirchenordnung und damit auch allen den Maaßregeln, welche auf vollständige Wiederherstellung des Pabstthums hinzielten, unterziehen. Die Meisten wählten die Auswanderung, wozu ihnen Laski die Erlaubniß auswirkte. In rauher, stürmischer Jahreszeit, zu Anfang des Winters verließ er mit seiner Familie – er hatte sich in London nach dem Tode seiner Gattin wiederverheirathet – und einem Theil der deutschen Gemeinde das „treulose“ England. In dem protestantischen Dänemark glaubten sie wenigstens überwintern zu können. Wie bitter sahen sie sich getäuscht, als man sie hier aus blindem lutherischen Parteieifer abwies. Laski eilte daher nach Kopenhagen, um eine freundlichere Behandlung vom Könige zu erbitten. Umsonst! Erst mußte er in der Kirche eine Strafpredigt wider „Sakramentirer“ mit anhören, dann wurde er zwar vom Könige gnädig empfangen, ihm und seiner Familie Schutz und Aufenthalt gestattet, die Andern jedoch davon ausgeschlossen. Aehnlich erging es ihnen zu Hamburg, Lübeck, Rostock, Wismar; überall trat ihnen der Einfluß der lutherischen Geistlichkeit feindselig entgegen. Doch fanden sie zum Theil endlich, besonders in Wismar Aufnahme und hier war es, wo wenigstens der Wiedertäufer Menno Symons den einst auf Laski’s Fürsprache genossenen Schutz an dessen Unglücksgefährten durch theilnehmende und hülfreiche Liebe vergalt. Mit dem Rest der zerstreuten Heerde in Emden angelangt, beeilte sich Laski, dem Könige Christian III. von Dänemark die an den vertriebenen Christen begangene Sünde in einer sehr ernsten und würdevollen Zuschrift vorzuhalten; er forderte ihn unter Anderm auf, „zu bedenken, wie schmählich er die Gemeinde unverdienter Weise, gegen die Lehre des Evangeliums und das Gebot der christlichen Liebe behandelt, und auf sein Gewissen zu achten, ob er es wohl, nicht bloß vor der Welt, auch nicht vor seinen Beichtvätern, – sondern vor seinem Herrn und Gott selbst im tiefsten Herzensgrunde rechtfertigen möge.“

Mit um so größerer Liebe kam man Laski und seinen Leidensgenossen in Emden entgegen – nicht ohne Grund; hatte er sich doch auch in der Entfernung seiner alten Gemeinde in jeder Beziehung treulich angenommen. Indessen bemerkte er bald, daß er in Emden ziemlich überflüssig sei. Seine mitgebrachte Heerde besaß an Mart. Mikronius einen Hirten, der ihn ersetzen konnte; seine Stellung in der Landeskirche hatten Andere eingenommen; die anfängliche Gunst und der religiöse Eifer der Gräfin erkaltete immer mehr; die Insinuationen des Hofes von Brabant erneuerten sich und die maaßlosen Angriffe und Schmähungen von lutherischer Seite, worin besonders der Hamburger Eiferer Joach. Westphal sich auszeichnete, blieben, obschon Laski dagegen nicht schwieg, doch nicht ohne Wirkung. Auch durfte er laut der Nachrichten aus Polen hoffen, bald zurückkehren und dem Evangelium daselbst wesentliche Dienste leisten zu können. Er verließ daher Emden noch vor Ablauf eines Jahres zur Betrübniß und unter Segenswünschen der Gemeinde und begab sich zunächst nach Frankfurt am Main, wo er sich bemühte, die Trümmer der Londoner Fremdengemeinde, zu denen sich bald auch englische und schottische Flüchtlinge, unter Andern Joh. Knox, gesellten, zu sammeln und ihre Verhältnisse zu ordnen. Anfangs gewährte ihnen der Rath Glaubensfreiheit, Schutz und eigene Kirchen; bald aber trug der reichlich ausgestreute Saame der Verdächtigung und der Unduldsamkeit auch hier seine Früchte, und besonders nach dem Religionsfrieden von 1555, der nur die Augsburgischen Confessionsverwandten im Reiche anerkannte, forderte man auch von den Fremden Anschluß an dieses Bekenntniß als unerläßliche Bedingung ferneren Schutzes. Laski war um so weniger abgeneigt, derselben zu genügen, als er stets die Trennung der beiden evangelischen Kirchen beklagt und sie auch durch die Lehrdifferenz, besonders über das heilige Abendmahl, nicht für gerechtfertigt gehalten hatte. Von jeher hatte er sich auch bestrebt, den Eifer seiner Schweizerfreunde im Streite mit Luther zu mäßigen, ja nach dessen Tode zu einer öffentlichen Anerkennung seiner Verdienste zu bewegen; was am Ersten, wie er hoffte, zu einer Verständigung den Weg bahnen würde. Auch jetzt nahm er daher keinen Anstand, eine Erklärung über das heilige Abendmahl abzugeben, die sich ziemlich wörtlich an die (veränderte) Augsburgische Confession anschloß und die auch von dem, damals in Frankfurt anwesenden Calvin mit geringer Aenderung gebilligt wurde. Gleichwohl erhoben sich Zweifel, ob denn auch der Sinn übereinstimme, und theils um dieselben zu heben, zumal ihm aus Polen geschrieben wurde, der König verlange, daß er sich über seine Zustimmung zur Augsburgischen Confession genügend ausweise, bevor er zurückkehre, – theils um eine Zusammenkunft lutherischer und reformirter Theologen zum Zwecke der Vereinigung zu Stande zu bringen, bereiste Laski im Sommer 1556 die Pfalz und Würtemberg. Seine Bemühungen scheiterten jedoch, wie seine Freunde vorhergesehen, soviel als gänzlich, indem Joh. Brenz, dem es hauptsächlich galt, alle Versuche einer Annäherung und Verständigung zurückwies.

Stets dringender lauteten indessen die Einladungen nach Polen; mehr als vierzig Briefe der angesehensten Männer forderten ihn auf zu kommen, weil wichtige Dinge für das Evangelium bevorständen-. Laski wollte zwar erst den Ruf des Königs abwarten, allein zuletzt siegte doch das Zureden seiner Freunde, besonders der Schweizer. Um aber auch noch auf der Reise für seine Zwecke thätig zu sein, nahm er seinen Weg über Kassel und Wittenberg; dort wurde er vom Landgrafen überaus gnädig und günstig, hier von der Universität auf das Ehrenvollste aufgenommen. Melanchthon empfing ihn wie einen alten lieben Hausfreund und gab seine volle Zustimmung zu Laski’s Schrift vom Abendmahle, so wie zu der vorgeschlagenen Zusammenkunft; nur müsse sie nicht von den Fürsten, sondern von den gemäßigte Theologen beider Theile ausgehen und der Schreier wegen in aller Stille betrieben werden. Die Reise zum Churfürsten nach Dresden widerrieth er ihm gänzlich. Mit Zeugnissen und Briefen von Melanchthon an den König und den vielvermögenden Fürsten Radziwill versehen, eilte nun Laski nach Polen und langte, nachdem er währen eines Krankheitsanfalls in Breslau den Schweizern vom Erfolg seiner Reise Nachricht gegeben und ihnen das Friedenswort noch an’s Herz gelegt hatte, den 8. December 1556 mit seinem treuen Gefährten Joh. Utensch in Krakau an.

Seit 1548 saß Siegmund II. August, der Letzte der Jagellonen auf dem polnischen Throne. Schwach von Charakter, sah er die Fortschritte der Reformation in seinem Reiche persönlich nicht ungern, durfte sich aber nie öffentlich für sie entscheiden. Dagegen begünstigte ein großer Theil des mächtigen Adels die evangelische Predigt offen und ungescheut, manchmal mehr aus Eifersucht wider den Clerus als aus eigener Ueberzeugung, und Viele unterhielten evangelische Prediger auf ihren sehr ausgedehnten Gütern. Von dieser Adelspartei, an deren Spitze der besonders in Lithauen hoch angesehen und mächtige Fürst Nik. Radziwill Cherny und andere der ersten Magnaten standen, war Laski’s Berufung ausgegangen; er hatte auch schon früher jede Gelegenheit benutzt, um die Sache des Evangeliums in Polen zu fördern, hatte z.B. den Prediger des Königs, Laur. Prasnicki, zum Bleiben und Ausharren am Hofe ermuntert, dem Könige seine Schrift über die Verfassung der Fremdengemeinde in London zugeeignet, ihn so wie den Reichsrath und die weltlichen Mitglieder des Reichstages zum Achten auf die Fingerzeige und Heimsuchungen Gottes, zur ungesäumten Vornahme einer geregelten Kirchenverbesserung aufgefordert. Kein Wunder also, daß seine Ankunft die katholische Partei und besonders die Bischöfe, deren Einer ihn geradezu ihren künftigen Henker nannte, in Furcht und Bewegung versetzte. Vereint mit dem päbstlichen Legaten Lipomani drangen sie mit der Forderung in den König, dem Ketzer und Aufruhrstifter keinen Aufenthalt im Reiche zu gestatten. Der König ließ sich jedoch eines Bessern berichten und Laski wußte sich schriftlich so gut zu rechtfertigen und seine Ankläger in’s gehörige Licht zu stellen, daß er unangefochten und wenigstens stillschweigend geduldet blieb. Bald übernahm er als Superintendent die Leitung der evangelischen Kirche von Kleinpolen. In dieser Stellung suchte er, den Verhältnissen Rechnung tragend, nicht sofort seine kirchlichen Ideen in ihrer Strenge durchzuführen; sein Bestreben war vielmehr auch hier, theils die zerstreuten Glieder und Gemeinden in ein Ganzes zu sammeln, zu ordnen und zu organisiren, theils die verschiedenen protestantischen Parteien und Richtungen zu vereinbaren, wie es so eben erst (1555) zwischen den Reformirten und den Böhmischen Brüdern in Großpolen geschehen war. Leider war ihm die Zeit des Wirkens daheim nur noch kurz zugemessen; er sollte es eben bis zuletzt erfahren, daß der Christ auf Erden kein bleibendes Vaterland habe; schon der 8. Januar 1560 rief ihn zu seiner Ruhe; nur 3 Monate später folgte ihm Melanchthon. Sein Tod raubte der evangelischen Kirche Polens den einzigen Mann, welcher durch seinen Charakter, sein Ansehen, seine durch Erfahrung gereifte Weisheit die auseinanderstrebenden Richtungen hätte zusammenhalten, dem polnischen Erbübel, der Zwietracht hätte wehren können, welche späterhin ihre Unterdrückung herbeiführte.

Laski erscheint uns als ein von Hause aus kräftiger, gediegener, ächt adelicher Charakter, durch das Evangelium noch geläutert und veredelt, durch schwere Lebenserfahrungen geprüft und durchgebildet. In seinem Privatleben sehen wir ihn schlicht, einfach, genügsam, über jeden Eigennutz und jede Gemeinheit hoch erhaben. Beim Verluste eines großen Theiles seines Vermögens entschlüpft ihm nicht die leiseste Klage; seinem Freunde Hardenberg stellt er wiederholt seine ganze Kasse zu unbedingter Verfügung und schreibt ihm scherzhaft: „Wirst Du einmal reich, so kannst Du mir’s wiedergeben.“ Wie er Allen, auch den Geringsten und Fremdesten, nach Kräften diente, so schämte er sich hinwiederum keineswegs, im Nothfalle von seiner Gemeinde Unterstützung anzunehmen; wohl aber verweigerte er die Annahme eines Geschenkes von unbekannter Hand, weil er muthmaßte, es komme von der Gräfin Anna, die sich dadurch mit ihrem Gewissen abfinden wolle. Seine Frömmigkeit war weniger gefühlig und beschaulich, als vielmehr klar, praktisch, in’s Leben ein- und durchgreifend: Gottes Wort über Alles, galt ihm als Grundsatz; dem beugte er sich unbedingt, dem sollte sich aber auch, so weit sein Wirken reichte, Alles beugen. Seine Friedensbestrebungen hatten daher auch nicht in dogmatischem Indifferentismus ihre Quelle, – er wußte vielmehr seine Ueberzeugung, wo es noth that, sehr wohl, obschon mit Mäßigung und Würde zu vertreten, – sondern in der Milde seines Charakters, in der praktischen Richtung seines Geistes, in dem großartigen, durch die Schule der Staatsgeschäfte gewonnen Ueberblick über die Verhältnisse, der ihn lehrte, daß, so lange vorerst noch die Existenz, die Consolidirung, die Fortdauer der evangelischen Gesammtkirche auf dem Spiele ständen, Alle die im Glaubensgrunde eins wären, auch vereinigt dastehen sollten. Am ehrwürdigsten aber erscheint uns Laski in der heroischen Treue, womit er seiner Ueberzeugung als freiwillig Verbannter, als flüchtig von Land zu Land, unter allem Wechsel widriger Geschicke unwandelbar anhing, – die glaubensfrohe Ausdauer, womit er sein Werk, war es auch an Einem Orte dem Scheine nach zertrümmert, stets wieder an einem andern zu bauen begann. Welch großen, eben so imponirenden als herzgewinnenden Eindruck Laski’s Persönlichkeit auf seine Zeitgenossen hervorbrachte, erkennt oder fühlt man vielmehr am Schönsten aus der an ihn gerichteten Anrede eines edeln Polen: „Mann Gottes! ich reiche Dir die Hand!

F. Trechsel in Vechingen bei Bern.

Evangelisches Jahrbuch für 1856 Herausgegeben von Ferdinand Piper Siebenter Jahrgang Berlin, Verlag von Wiegandt und Grieben 1862

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