Heinrich Bullinger

Heinrich Bullinger

Heinrich Bullinger, der Reformator und zweite Antistes der Zürcherschen Kirche wurde geboren den 18. Heumonat 1504 in Bremgarten, einem kleinen Städtchen des jetzigen Cantons Argau, an der Reuß. Sein Vater, Heinrich, war Pfarrer daselbst und später Decan des Capitels, ein angesehener und beliebter Mann, dessen Einfluß es im Jahr 1519 gelang, daß der Ablaßkrämer Samson von Bremgarten abgewiesen wurde, seine Mutter Anna Widerkehr, mit welcher er sich, schon ehe er Priester war, nach damaliger Sitte verbunden hatte, mit der er erst im Jahr 1529 schon im angestiegenen Alter sich trauen ließ.

Schon im Knabenalter drohte dem Sohne der Tod, indem er von der Pestseuche ergriffen ward; man zweifelte nicht nur an seinem Aufkommen, er wurde schon für todt gehalten, und Anstalten zu seinem Leichenbegängnisse gemacht. Aber er erwachte wieder: denn ein schönes Tagewerk lag vor ihm.

Sein Vater schickte ihn im 12. Jahre auf die wohlgeordnete Schule nach Emmerich, im Herzogthum Cleve, wo er drei Jahre blieb und seinen Unterhalt durch Singen vor den Häusern gewinnen mußte; denn von Hause hatte er wenig mehr als das Reisegeld und die nöthigen Kleider erhalten. Es geschah das nicht aus Armuth, sondern um sein Herz dem Mitleid zu öffnen, und ihn zur Ertragung von Entbehrungen und Leiden stark zu machen. Die Schule und die strenge Disciplin sagte ihm so zu, daß er eine Zeitlang mit dem Gedanken umging, Carthäuser zu werden. Von Emmerich kam er im Jahr 1519 nach Cöln, wo er weniger an der Philosophie, wie sie da vorgetragen wurde, als an den humanistischen und kirchengeschichtlichen Studien Geschmack fand, und mit besonderem Eifer Luthers und Melanchthons Schriften durchlas; und da er sich in diesen immer auf die h. Schriften hingewiesen sah, so schaffte er sich ein Neues Testament an, welches von da an seine liebste Lectüre war.

Nach Vollendung seiner Studien in Cöln, wo er die Magisterwürde im 18. Jahre erhalten hatte, kehrte er nach Hause zurück und erhielt bald einen Ruf als Lehrer an die neu zu errichtende Klosterschule zu Cappel, welcher der gelehrte, der Reformation sehr zugethane Abt Wolfgang Jonas vorstand. Mit Anfang des Jahres 1523 trat er seine Stelle an, und hielt seine Vorträge über die h. Schrift und andere theologische Gegenstände in der Muttersprache, um sie nicht nur den Mönchen, sondern auch fremden Zuhörern verständlich zu machen. Und wirklich kamen solche selbst von Ferne, ihn zu hören. Er hatte die Lehrstelle nur mit dem Vorbehalt der Gewissensfreiheit angenommen, und wohnte daher wohl der Predigt in der Kirche, der Messe aber nicht bei, drang dagegen in seinen Vorträgen und Gesprächen mit dem Abt und seinen Conventualen auf eine Reformation der Sitten, des Cultus und der Lehre. Ein neues reges Leben ging dem Kloster auf, und der Same fiel auf so guten Boden, daß die Mönche selbst in den umliegenden Dörfern ansingen, auf den Grund der Schrift zu predigen, und der Reformation ihre Thore zu öffnen. Das zog ihm denn auch Drohungen und Verfolgungen zu. Einmal, als er mit einigen Schülern in der Lorzen auf Zugergebiet badete, wurde er von zwanzig handfesten Burschen überfallen und konnte sich nur mit Mühe retten.

Im ersten Jahre seines Aufenthaltes in Cappel machte Bullinger die persönliche Bekanntschaft Ulrich Zwinglis und Leo Judäs, und im folgenden Jahre eröffnete er Zwingli seine Gedanken über das Grundlose der Brotverwandlung, und als dieser ihn zu Beweisen aufforderte, wußte er diese so gründlich darzubringen, daß auch Zwingli nun ihm seine Ansichten darüber eröffnete, ihn aber bat, sich darüber noch nicht öffentlich auszusprechen, bis das Volk besser unterrichtet sei. Er schrieb in dieser Zeit eine Menge von größeren und kleineren Abhandlungen, Commentaren und Paraphrasen über die Bücher des N. Testamentes und später eine von vielem Fleiße zeugende Psalmenübersetzung, seine vortreffliche Pastoralanweisung.

Im Juni 1527 kam Bullinger mit Bewilligung des Abtes für fünf Monate nach Zürich, um die theologischen Vorträge und Predigten Zwinglis anzuhören, und sich in der griechischen und hebräischen Sprache zu vervollkommnen, begleitete dann im Jenner 1528 auf Befehl des Rathes Zwingli auf die bekannte Disputation nach Bern, und wurde bald darauf in die Zürchersche Synode aufgenommen. Bisher hatte er noch nie gepredigt; sobald er nun nach Cappel zurückkam, hielt ihn der Abt dazu an, und er betrat den 21. Jan. in dem benachbarten Dorfe Hausen zum erstenmal die Kanzel. Als er im folgenden Jahre 1529 am Pfingsttage in seiner Vaterstadt Bremgarten zum erstenmal das Evangelium verkündete, machte er so tiefen Eindruck, daß am folgenden Tage schon Bilder und Altäre aus der Kirche geschafft wurden, und der Reformation der Weg gebahnt war. Der Rath drang in ihn zu bleiben; er wurde zum Pfarrer erwählt, trat bald nachher am 1. Jan. seine Stelle an und verehelichte sich mit Anna Adlischweiler von Zürich, einer gewesenen Nonne am Kloster Oelenbach daselbst. Noch liest man mit wahrer Erbauung den Brief, worin er um ihre Hand bittet, worin er mit der größten Aufrichtigkeit seine Verhältnisse, seine Person und seine Fehler ihr auseinandersetzt, und zugleich mit einem so heiligen Ernst und so tiefer Wahrheit von der ehlichen Verbindung redet, daß man den Eindruck empfängt: wer mit solchen Gesinnungen in den Ehstand tritt, und damit Anklang findet, dessen Ehe muß gesegnet sein, wie sie es bei Bullinger und seiner Gattin und ihren eilf Kindern war.

Er lag nun mit großem Eifer seinem Amte ob, hielt täglich neben den gewöhnlichen Predigten statt der Vesper eine Bibelerklärung; die Wiedertäufer machten ihm viel zu schaffen; er disputirte öffentlich mit ihnen, und gab auch mehrere Schriften heraus, um sie ihres Irrthums zu überweisen. Bald aber wurde sein gesegnetes Wirken gewaltsam unterbrochen. Der Riß zwischen den Katholiken und Reformirten wurde immer größer, und alle Friedensversuche waren von keiner Dauer. Mehrere Tagleistungen wurden hiefür zu Bremgarten gehalten: zur letzten im August 1531 kam auch Zwingli; er nahm den zärtlichsten Abschied von Bullinger; als ob er ahnte, ihn das letztemal gesehen zu haben, umarmte er ihn mit Thränen und sprach: „mein lieber Heinrich, Gott bewahre dich; sei treu an dem Herrn Christo und seiner Kirche.“

Am 11. October wurden die Zürcher bei Cappel geschlagen, Zwingli fiel, und Bremgarten ward gezwungen einen Frieden anzunehmen, von welchem seine Prediger ausgeschlossen waren. Bullinger floh den 21. October auf den Rath des Magistrates mit seinen noch lebenden Eltern und Anderen nach Zürich. Seine Freunde forderten ihn auf im Münster zu predigen; er that es mit großem Beifall, und so, daß Vielen war, sie hörten Zwingli selbst wieder, und der Wunsch immer lauter ausgesprochen wurde, ihn an seiner Stelle zu sehn. Zwingli selbst soll auf dem Wege nach Cappel Bullingern als den tüchtigsten für die Nachfolge in seinem Amt bezeichnet haben. Er erhielt nun einen Ruf nach Basel an Oecolampads Stelle, einen andern nach Appenzell; allein am 9. Christmonat wurde er zum Pfarrer am Großmünster und Vorsteher der Zürcherschen Kirche erwählt. Der Rath, noch unter dem Eindruck der erlittenen Niederlage, wollte nun gleichzeitig den Predigern der Stadt die Freiheit der Rede beschränken; Bullinger erklärte aber, daß er seine Stelle nicht antreten werde, bis er darüber beruhigende Erläuterungen erhalten hätte, nahm vor Rath für sich und seine Amtsbrüder die Freiheit der evangelischen Predigt nach allen Seiten hin mit großer Kraft in Anspruch. Fast hätte dieser Vorfall für Zürich den Verlust Bullingers zur Folge gehabt: schon erhielt er von Bern, das davon hörte, einen Ruf, allein da er mit seiner Forderung, das Wort Gottes „ungebunden vermöge alten und neuen Testamentes predigen zu dürfen“ durchgedrungen war, so wurde er Zürich erhalten.

Es war eine überaus folgenreiche Fügung für die evangelische Sache, daß Bullinger berufen ward, in die Fußstapfen Zwinglis zu treten. Ihm verdankt die Zürchersche Kirche ihren Ausbau und ihre innere Befestigung. Er gab ihr eine feste Synodalordnung, bearbeitete eine Prädicanten-Ordnung, gründete durch eine Auswahl tüchtiger Jünglinge, welche auf öffentliche Kosten erzogen wurden, einen einheimischen Predigerstand, und wirkte besonders dahin, daß die erledigten Lehrstellen immer durch ausgezeichnete Männer besetzt und der Sinn für wissenschaftliche Bildung in Zürich immer mehr geweckt wurde, besuchte selbst nicht nur sehr fleißig die theologischen Vorlesungen des gelehrten Bibliander, sondern schrieb sie regelmäßig nach; als ein Denkmal seines Fleißes werden diese Hefte heute noch auf der Zürcherschen Stadtbibliothek aufbewahrt. Die Bekenntnißschriften der schweizerischen Kirche gingen großentheils aus seiner Hand hervor. Mit welchem Eifer er dann dem Predigtamte oblag, dafür zeugt daß er in den ersten sieben Jahren täglich, und bisweilen zweimal die Kanzel bestieg. In zwölf Jahren hatte er beinahe alle Bücher des A. und N. Testamentes erklärt. Seine Predigtweise war einfach, faßlich, anziehend und schriftgetreu, mild im Trösten, streng in der Rüge; doch lautete bei der Synodalcensur im Jahr 1535 das Urtheil über ihn so: „Herr Bullinger ist zu milt mit seinen Predigen, soll etwas dapferer, rücher, härter und räßer sein, insonders was die Händel des Raths betrifft.“

Nicht minder lag aber dem viel beschäftigten Mann die Seelsorge am Herzen, besonders die Besuche bei Kranken und Sterbenden, und keine Gefahr der Ansteckung, selbst die Pest schreckte ihn nicht zurück; wie er auch Missethätern im Kerker und auf ihrem letzten Gange die Tröstungen der Religion reichte. Sein Haus war eine Zufluchtsstätte der Armen, Wittwen und Waisen, aller Hülfe und Trost Bedürftigen, ganz besonders aber der um des Glaubens willen Verfolgten. Als im Jahr 1553 unter Maria I. Königin von England, welche den finstern argwöhnischen und blutdürstigen Charakter ihres Vaters, Heinrichs VIII. geerbt hatte, eine blutige Verfolgung gegen die Protestanten ausgebrochen war, und Viele, später sehr angesehene Männer auch in der Schweiz und namentlich in Zürich eine Zufluchtsstätte gesucht hatten, da fanden sie bei Bullinger die freundlichste Aufnahme, er sorgte wie ein Vater für sie; und es bildete sich zwischen Bullinger und ihnen ein bleibendes Freundschaftsverhältniß, das auch die beiderseitigen Kirchen einander näher führte; nicht lange nach ihrer Thronbesteigung wollte die Königin Elisabeth Bullingern den Dank für seine liebreiche Aufnahme ihrer verfolgten Angehörigen durch ein Geschenk aussprechen, das ihm Einer der Exulanten, der nachmalige Bischof Parkhurst überbringen sollte; allein wie jedes andere Geschenk von Fürsten oder Höfen, das seiner Person ausschließlich gelten sollte, wies er es zurück, um der Entschiedenheit, mit der er sich, wie Zwingli gegen Geschenke und Pensionen von fremden Höfen ausgesprochen hatte, durch sein eigenes Beispiel Nachdruck zu geben.

Ebenso machte sich Bullinger im Jahr 1555 um die um des Glaubens willen Vertriebenen aus den Italienischen Vogteien (Tessin) verdient, von denen bis auf 60 Familien nach Zürich auswanderten, die an ihm die kräftigste Unterstützung fanden und deren Namen jetzt noch unter den angesehensten Geschlechtern Zürichs fortleben. Wie treu er bei allem diesem seinem eigenen Hause vorstand, davon zeugen u. a. seine noch vorhandenen Briefe und väterlichen Ermahnungen an seinen Sohn Heinrich, zur Zeit als er auf deutschen Lehranstalten sich befand, auf eine liebliche Weise; auch verschmähte er es nicht an Familien- und öffentlichen Festen seiner Mitbürger als heiterer Gast Theil zu nehmen, und mit großer Verehrung und Liebe blickte das Geschlecht seiner Zeit auf den stattlichen Pfarrherrn mit den edeln Zügen, dem schönen weißen Barte, wenn er freundlich, und doch Ehrfurcht gebietend durch die Straßen schritt.

Doch weit über die Grenzen Zürichs verbreitete sich seine Wirksamkeit und sein Ansehn. Er war der eigentliche Rathgeber seiner Zeit in Sachen des Glaubens und der Kirche; und daher seine Correspondenz nach allen Ländern, wo die Reformation Wurzel gefaßt hatte, so ausgedehnt, daß er selbst sagt, er habe nur für diese in Einem Jahr ein Ries Papier verbraucht. Mit den berühmtesten Männern seiner Zeit stand er in schriftlichem Verkehr, unzählbar sind die theologischen Gutachten, die er an einzelne Privatpersonen, Fürsten, Städte und Kirchen ausfertigte; in eigenhändigen Zuschriften wandten sich die Könige Heinrich VIII. und Eduard II. von England, Christian von Dänemark, Sigmund von Polen, Heinrich II. von Frankreich, Elisabeth, Königin von England und andere Fürsten an ihn, und heute noch werden die Briefe, welche die unglückliche Johanna Gray an ihn richtete, auf der Zürcherschen Stadtbibliothek aufbewahrt. Und als der Prinz von Conde nach der Bluthochzeit zur catholischen Kirche übertrat, entschuldigte er sich darüber in einer Zuschrift an Bullinger, worin er ihn Herr und Vater nannte.

Fast unbegreiflich ist es, wie er bei diesem Allem noch eine so große schriftstellerische Thätigkeit entwickeln konnte. Die Zahl seiner gedruckten und in Manuscript aufbewahrten Schriften steigt bis auf Einhundert; er beschränkte sich darin nicht nur auf das Gebiet der Theologie; von ihm hat man auch ein ausführliches Tagebuch über seinen Lebenslauf und seine Wirksamkeit und eine in 4 Foliobänden eigenhändig geschriebene Chronik der Schweizer, insbesondere der Zürchergeschichte von ihren ersten Anfängen, welche mit ausgezeichnetem Fleiß und Genauigkeit zusammengetragen und fortgesetzt ist bis auf seine Zeit, welcher die Geschichtsforscher einen großen Werth beilegen.

Es konnte nicht anders sein, als daß Bullinger nach der hohen Stellung, die er in der neu gegründeten reformirten Kirche einnahm, auch in die theologischen Streitigkeiten seiner Zeit verwickelt wurde, obwohl er dieselben gerne vermied, und z. B. Luthers ungeachtet der Spannung, welche zwischen ihm und den Schweizerischen Theologen bestand, auf der Kanzel niemals anders als in Ehren erwähnte. Gegen den Bischof Joh. Faber in Wien, welcher Zwingli’s Tod und die Niederlage der Zürcher als Strafe des Himmels erklärte, vertheidigte er den Reformator, indem er zeigte, daß das Gute einer Sache nicht nach den Erfolgen beurtheilt werden könne. Oft hatte er seine Kirche gegen die Angriffe, welche sie erlitt, zu vertheidigen. Gar viel machte ihm die Vermittlung zu schaffen, welche Bucer zwischen den lutherischen und reformirten Theologen zu Stande zu bringen suchte. Vieles war auch da in seine Hand gelegt: er verfuhr mit eben soviel Vorsichtigkeit als Geduld; aber so sehr auch Milde und Friedensliebe ihm eigen war, so konnte er sich doch nicht entschließen, auf zweideutige Worte hin in eine Vermittelung einzugehen, die keinen festen Boden hatte und sie zerschlug sich. Dagegen brachte er mit Calvin, welcher deßwegen mit Farel von Neuenburg nach Zürich gekommen war, eine Vereinigung der Genferschen und Zürcherschen Kirche, namentlich über die Lehre vom Abendmahl zu Stande, rieth aber später ab, einer Einladung des Papstes an die reformirten Cantone, das Concilium zu Trient durch ihre Theologen beschicken zu lassen, Folge zu geben.

Verschiedene theologische Streitigkeiten und leidenschaftliche Angriffe, namentlich von dem würtembergischen Theologen Brentz, nahmen noch in der späteren Zeit seines Lebens seine unermüdliche Thätigkeit vielfach in Anspruch; immer fand man ihn zum Kampfe gerüstet, und nur einmal nicht lange vor seinem Tode ließ er es sich beikommen, daß er in einer auf diesen Streit bezüglichen Schrift der ihm angeborenen Ruhe und Milde auch im Kampfe vergaß, und seinen Gegner mit einer Schärfe und Heftigkeit behandelte, die man an ihm nie gekannt hatte. Er scheint des Streitens müde gewesen zu sein. Sein Tagewerk nahte seinem Ende.

Das Jahr 1564 hatte ihn auch mit schweren häuslichen Leiden heimgesucht. Die Pest war in Zürich wieder ausgebrochen; Bullinger selbst wurde von ihr wieder ergriffen; man zweifelte an seinem Aufkommen; doch sollte der theure Mann seiner Kirche noch erhalten werden; da er selbst sein Ende nahe glaubte, berief er die Prediger der Stadt an sein Krankenlager, um von ihnen Abschied zu nehmen, und sie zum standhaften Bekenntniß der evangelischen Wahrheit zu ermahnen. An einem Sonntagmorgen, als die Krankheit aufs Höchste gestiegen, war die Großmünsterkirche gedrängt voll Menschen, welche gekommen waren, den treuen Hirten dem Herrn im Gebete zu empfehlen. Ihr Flehen wurde erhört: von diesem Tag an fing er an sich zu erholen, aber er genas, nur um seine Gattin, mit der er 35 Jahre in glücklicher Ehe gelebt hatte, und drei seiner Töchter, welche an Stadtgeistliche verheirathet waren, derselben Seuche unterliegen zu sehen.

Im Jahre 1575 erneuerten sich im Anfang des März wieder die heftigen Anfälle von Steinschmerzen, an denen er schon früher viel gelitten hatte. Mit großer Geduld, frommer Ergebung ertrug er seine Leiden; und als er sein Ende nahen sah, berief er nochmals am 16. August seine Amtsbrüder zu sich; ungeachtet seiner großen Entkräftung richtete er sich in seinem Stuhle auf und ermahnte sie in den rührendsten Ausdrücken zur Einigkeit und Treue an der evangelischen Kirche, sprach seinen Glauben, und seine Ueberzeugung von der Wahrheit der evangelischen Sache vor ihnen nochmals aus, gedachte seiner Feinde mit versöhntem Herzen, und bat, daß derjenige unter ihnen, welcher ihm in seinem Amte folgen würde, sich nicht über die Andern erheben, sondern sie schätzen und lieben soll, diese aber ihn achten und unterstützen möchten. Dann schloß er seine Ermahnungen mit einer Danksagung, bot einem jeden die Hand und gab ihnen seinen Segen. Auch an die Regierung hinterließ er eine von warmer Vaterlandsliebe zeugende Zuschrift, worin er um Verzeihung bat, wenn er etwas möchte verfehlt haben, sie zur treuen und gewissenhaften Verwaltung ihres Amtes ermahnt, und den Rudolf Gwalter zu seinem Nachfolger empfiehlt. Die Kräfte seines Leibes schwanden immer mehr; sein Geist blieb klar bis an sein Ende. An seinem Sterbetag, da ihm das Sprechen schwer ward, hörte man ihn noch den 16., 42. und 51. Psalm mit gebrochener Stimme beten; den 17. September 1575 verschied er ruhig in Gegenwart der Seinigen, nachdem er 44 Jahre der Zürcherschen Kirche mit Ehre und Segen vorgestanden, und durchweinen eisernen Fleiß, seinen nüchternen, praktischen Sinn, durch seine tiefe Einsicht, seine Treue an der evangelischen Wahrheit um die Befestigung der Reformation sich hoch verdient gemacht hatte

I. Füßli in Zürich f.

Evangelisches Jahrbuch für 1856 Herausgegeben von Ferdinand Piper Siebenter Jahrgang Berlin, Verlag von Wiegandt und Grieben 1862

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