Heinrich Bullinger

Heinrich Bullinger

Antistes zu Zürich.

(Gest. 17. September 1575.)

So euch nun der Sohn frei machet, so seid ihr recht frei.“ (Joh. 8, 36.)

Der Name Bullinger führt unsre Gedanken in das Schweizerland und in die Reformationszeit hinauf. Er war 1504 im Argauer Städtlein Bremgarten geboren. Zu Emmerich im Clevischen begann er sein Studium, und in Köln setzte er es fort. Die Geschichte und die Beschäftigung mit den frisch erwachten Wissenschaften, welche man die humanistischen nannte, sagten ihm am meisten zu. Luthers und Melanchthons Schriften, die eben wie zündende Funken durch das deutsche Reich flogen, las der junge Magister, – diesen Ehrentitel hatte er sich bereits im 18. Jahr erworben, – mit lebhaftestem Eifer und Zustimmung des Herzens. So kehrte er in seine Heimath zurück.

Der Abt Wolfgang Jonas, welcher der Reformation hold war, berief Bullinger 1523 an die neu gegründete Klosterschule zu Cappel. Er hatte sich Gewissensfreiheit bedungen. Die Messe besuchte er nicht mehr. Und als er nur in deutscher Sprache Vorträge hielt über die heilige Schrift und den christlichen Glauben, welche nicht bloß von den Mönchen, sondern auch von außen und fernher besucht wurden, kam bald jenes Wehen des Windes über die Zuhörer, deß Brausen man wohl hört, deß Ausgang und Lauf aber ein geheimnisvolles Wunder ist. Die Klostergeistlichen predigten, von diesem reformatorischen Geist bewegt, rundum in den Dörfern. Schmähung und Verfolgung blieb nicht aus. Einst wurde Bullinger mit seinen Schülern im Bad überfallen; mit Mühe entrannen sie den Fäusten der Verfolger.

Ulrich Zwingli, den der bald nach dem Antritt seines Cappeler Amtes kennen gelernt, machte einen großen Eindruck auf ihn und später – 1527 – erwirkte er sich von seinem Abt einen fünfmonatlichen Urlaub, um in Zürich die Vorlesungen und Predigten dieses Reformators zu hören, und im Griechischen und Hebräischen, als den Sprachen des biblischen Grundtextes, sich weiter auszubilden. Zwingli erkannte die Tüchtigkeit des jungen Mannes, und es war eine große Auszeichnung, daß er, nachdem er auf Befehl des Rathes der Disputation zu Bern beigewohnt, in die Züricher Synode aufgenommen wurde. von da an drang sein Abt in ihn, daß er, was er bis jetzt noch nicht gewagt, predige. Als er am Pfingstfest 1529 in der Kirche zu Bremgarten das Evangelium verkündigte, machte seine Predigte einen solchen Eindruck, daß sofort am folgenden Tag das Gotteshaus von den Bildern gesäubert wurde, und der Rath in ihn drang, er möge bleiben, und ihr Pfarrer seyn. Mit Anfang 1530 trat er diese Stelle an, und nahm Anna Adlischweiler, eine vormalige Nonne, zum Weib. Seine Ehe und Familienleben, mit 11 Kindern gesegnet, war fromm und glücklich, en Schmuck des geistlichen Standes.

Er wartete auf das treueste und mit Aufbietung aller Kräfte seines Amtes. Täglich hielt er außer den gewöhnlichen Predigten Bibelstunden. Der wiedertäuferischen Sectirerei trat er mit Wort und Schrift entgegen.

Nun kamen jene dunkeln Tage, da die Schweizer, mit dem Schwert in der Hand, den Kampf der Confessionen zur Entscheidung bringen wollten. Sie trieb dem treuen Zwingli die Märtyrerkrone ein. Es war nicht lange vor der unglücklichen Schlacht bei Cappel, als er bei einem Besuch in Bremgarten, Todesahnung im Herzen, Bullinger zum Abschied unter Thränen umarmte, und sprach: „Mein lieber Heinrich, Gott bewahre Dich. Sei treu an dem Herrn Jesu Christo und seiner Kirche!“

Bullinger, in die Folgen des traurigen Ausgangs dieses Krieges verwickelt, entfloh mit Weib und Kind, seinen alten Aeltern und vielen Andern nach Zürich. Als er, von Vielen aufgefordert, im Münster predigte, ging eine große Freude durch die Gemeinde; den sie meinte, ihren seligen Zwingli wieder zu hören. Er wurde zum Pfarrer am Großmünster und Vorsteher der Zürcherischen Kirche gewählt, und nahm, nachdem er Rath die durch den Drang der Umstände angefochtene Freiheit der evangelischen Predigt ihm und seinen Amtsbrüdern gewährleistet hatte, die Wahl an. Er hatte zuvor schon einen Ruf nach Basel an Oekolampads Stelle, einen andern nach Appenzell, und einen dritten nach Bern ausgeschlagen. – Mit frischer, freudiger Kraft legte er die Hand an den Pflug. Zwingli hatte den ihm ähnlichen Nachfolger gefunden. Kaum ward eine Unterbrechung des Reformationswerkes empfunden.

Bullingers Eifer in allen Theilen seines Amtes ist hoher Bewunderung werth. Er bewährte die Kunst des Bauens und Lenkens der Kirche. Er gab der Kirche ihre Verfassung; von ihm hat sie ihre Synodal- und Prädikanten-Ordnung. Die Wissenschaft ward von ihm aufs sorgfältigste gepflegt; zur Universität berief er ausgezeichnete Lehrer. Er selbst erschien oft im Hörsaal, und schrieb die Vorlesungen nach. Indem er begabte und fromme Jünglinge des Cantons auf öffentliche Kosten studiren ließ, gründete er einen tüchtigen einheimischen Predigerstand. Die Fassung vieler der schweizerischen Bekenntnisschriften ist ihm zu danken. Daneben habe er, wird erzählt, in den 7 ersten Jahren täglich, bisweilen zweimal, gepredigt, und während der 12 ersten Jahre beinahe alle Bücher des A. und N. Testaments erklärt.

Und doch versäumte er nicht, den Kranken, Alten und Angefochtenen den Trost ins Haus zu bringen. Seine Wohnung wird eine Zufluchtsstätte der Armen, Wittwen und Waisen genannt. Ganz besonders nahm er sich kräftig der um ihres Glaubens willen Verfolgten an. Durch seinen Einfluß übte die Stadt Zürich die freigiebigste Gastfreundschaft an flüchtigen Engländern, Franzosen und Italienern.

Es ist natürlich, daß die Thätigkeit eines Mannes von Bullingers Bedeutung weit über die Grenzen des heimathlichen Amtes hinaus greift. Sein schriftlicher Verkehr ist außerordentlich. Er selbst sagt, für seine Correspondenz allein verbrauche er jährlich einen Ries Papier. Nicht blos Fürsten, Städte und Landeskirchen begehrten und empfingen von ihm Rath, sondern auch eine große Menge Privatpersonen. Dennoch hatte er noch Kraft sowohl für theologische als auch für andere, besonders geschichtliche Schriftstellerei. Er hat eine Schweizergeschichte von 4 Foliobänden verfaßt, die durch Genauigkeit und Zuverlässigkeit bis heute von großem Werth geblieben ist.

In den Kämpfen nach innen und außen, deren die Reformation, als die Zeit, da die Geister aufeinander platzen mußten, unzählige brachte, zeigte Bullinger weise Mäßigung, indem er überall die Nebendinge von der Hauptsache zu unterscheiden wußte, und den Frieden, aber den ehrliche, rechten, von Herzen liebte. Luther’s erwähnte er immer nur in Ehren. mit Calvin, der von Genf herüber gekommen war, brachte er einen Vereinigung der Genfer und der Züricher Kirche zu Stande. Mit dem Papst wollte er nicht verhandeln. Es scheint, man habe seiner Lindigkeit nicht immer zugestimmt. In einer Synodal-Zensur vom Jahr 1535 beißt es über ihn: „Herr Bullinger ist zu milt mit seinen Predigen, soll etwas dapferer, rücher, härter und räßer sein, insonders was die Händel des Rathes betrifft.“

So that Bullinger sein Tagewerk, treu in Haus und Amt, sein frommer Ernst von frommer Heiterkeit durchsonnt. Gern sei er, wird gerühmt, bei den häuslichen und öffentlichen Festen seiner Mitbürger Gast gewesen, und der Anblick ihres stattlichen Pfarrherrn mit den edeln Gesichtszügen und dem schönen, weißen Bart, wenn er freundlich und doch Ehrfurcht gebietend, durch die Straßen einher schritt, habe ihr Herz erfreut. Doch des Tages Abend kam herbei. Im Jahr 1564 war die Pest wieder in Zürich ausgebrochen. Bullinger, wie immer der Gefahren des Krankenbesuches nicht achtend, ward von der Seuche angesteckt. Das Ende erwartend, versammelte er die Prediger der Stadt, Abschied von ihnen zu nehmen, um sein Lager. Am darauf folgenden Sonntag Morgen füllte seine Gemeinde die Großmünsterkirche, und flehte unter Thränen um das Leben ihres geliebten Hirten. Er gesundet; doch seine Frau wird ihm, nach 35 jähriger glücklicher Ehe entrissen; eben so erlagen 3 seiner Töchter, die an Züricher Geistliche verheirathet waren, der Pest. Es that ihm weh, aber er hielt stille.

Elf Jahre nach dieser Heimsuchung brach ein altes Leiden, Steinschmerzen, mit neuer Heftigkeit hervor. Nochmals waren, am 16. August, die Amtsbrüder zum Abschied bei ihm. Mit rührendsten Worten ermahnte er sie zur Einigkeit und zum treuen Festhalten an der ev. Kirche, zu deren Glauben er sich noch einmal kräftig und freudig bekannte. Seiner Gegner gedachte er versöhnlich. Jedem der Versammelten reichte er die Hand, und segnete sie alle. Der Regierung übersandte er eine von Vaterlandsliebe durchhauchte Schrift, darin er ihr Dank sagte für alles Wohlwollen, und demüthig alle seine Fehler abbat, und schließlich Rudolph Gwalter zu seinem Nachfolger empfahl. Sein Sterbetag ist der 17. September 1575. Die Seinen umstanden sein Lager. Der Leib war schon erstorben, sein Geist klar und still. Mit brechender Stimme betete er den 16. 42. und 51. Psalm. Er stand der Züricher Kirche, deren zweiter Vater er neben Zwingli ist, 44 Jahre vor, uns seine Werke sind ihm nachgefolgt bis auf diesen Tag.

Dr. Theodor Fliedner, Buch der Märtyrer, Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth, 1859

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