Johann Heß

Johann Heß

Wo wir in der Geschichte der Menschheit und des Reiches Gottes Neues entstehen sehen, da ziehen wohl unsere Aufmerksamkeit am stärksten solche Männer auf sich, welche vor Anderen berufen waren, im Kampfe das Bestehende zu durchbrechen und neue Gestaltungen durchzuführen, auf weitem öffentlichen Schauplatz für ihre Aufgabe zu streiten und zu leiden und hiebei auch in ihrem persönlichen Leben mancherlei wunderbare Wege vor den Augen der Mitwelt zu durchlaufen. Es wird dieß namentlich auch bei unserer Betrachtung der Reformationsgeschichte zutreffen. Indem wir von den großen Vorkämpfern und Führern des reformatorischen Werkes mit unseren Blicken auf ihre Nachfolger und Genossen weiter gehen, fallen wohl auch hier zunächst solche Männer uns in die Augen, von deren Thätigkeit auf ihrem beschränkteren Gebiete das Vorhingesagte gilt. Nicht minder bedeutungsvoll und gesegnet ist jedoch die Arbeit mancher Anderen gewesen, deren Wirken mehr in Ruhe und Stille vor sich gehen durfte und bei denen dann auch ihr persönliches Leben weniger auf den offenen Schauplatz der Geschichte und der geschichtlichen Ueberlieferung hervorgetreten ist. Als das Wort der Reformation von Wittenberg aus rasch und gewaltig durch Deutschland vorgedrungen war und weithin beim Volke und zwar besonders bei den Bevölkerungen der Städte die bisher herrschenden kirchlichen Gesinnungen und Formen erschütterte, da mußte an vielen Orten die Hauptaufgabe der treuesten und gerade auch kräftigsten reformatorischen Werkzeuge die werden, die aufgeregten und neu erweckten Lebenselemente möglichst sicher, fest und ruhig in den acht evangelischen Bahnen zu leiten und neue kirchliche Organismen aus ihnen zu gestalten. Da zeigte sich auch im allmähligen, ruhigen äußeren Wirken nicht minder als in erregten Kämpfen eine wahre Tüchtigkeit und Größe des Geistes. Zu solchen Männern gehörte Heß, der erste evangelische Pfarrer von Breslau. Die großen deutschen Reformatoren sahen in ihm einen wackern werthen Mitarbeiter, Melanchthon namentlich einen seinem Herzen innig nahen Freund. Die schlesischen Protestanten nennen ihn ehrend den Reformator ihrer Hauptstadt, ja ihres Landes.

Johann Heß oder Hesse war im September 1490 zu Nürnberg geboren, der Sohn einer allem nach wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Im Alter von 13 Jahren kam er nach Zwickau auf die Schule. Die dortige Anstalt genoß eines verbreiteten Rufes. Ueber den Unterricht, den er als Knabe genoß, erfahren wir jedoch nur, daß er in der Kirche fleißig die Psalmen gelernt habe.

Schon nach drei Jahren bezog er die Leipziger Universität, dann im Herbst 1510 die zu Wittenberg. Er wurde da hauptsächlich in die neu erwachte, freie Beschäftigung mit dem classischen Alterthum eingeführt und vom Geiste dieser humanistischen Studien lebendig mit ergriffen. Einer der ersten Vertreter derselben in Leipzig, Rhagius Aestikampianus, wurde hier sein Lehrer. Zugleich wurde in ihm ein Trieb für geschichtliche Forschungen angeregt. In der Theologie fand er noch keine bedeutenden Lehrer, die ihn auf neue Bahnen geführt hätten. Während seines Aufenthalts in Wittenberg trug Luther dort noch Philosophie vor und war auf einer Reise nach Rom abwesend. Er selbst erwähnt später eine eingehende Beschäftigung, die er als Jüngling den alten Vätern widmete, indem er gelegenheitlich bemerkt, er habe dieselben der Reihe nach zu den Psalmen durchgelesen, jedoch diese, jemehr er jene las, desto weniger verstanden (nämlich wegen der ohne die nöthige Sprachkenntniß gemachten, unter sich widersprechenden Auslegungen der Väter). Mußten ihn jene humanistischen Studien auf einen freieren Standpunkt gegenüber von der herrschenden mittelalterlichen Schultheologie führen, so hatte er doch einen festen Boden dieser gegenüber keineswegs schon gewonnen, noch dachte er schon an einen Bruch mit den kirchlichen Satzungen und Ordnungen. Melanchthon sagt später von ihm, er habe erst einen Ozean unseliger Fragen durchschifft, ehe er, wie aus einem Schiffbruche gerettet, zu einem sicheren Genusse der in der heiligen Schrift uns geschenkten göttlichen Wahrheit und Wissenschaft gelangt sei. Nachdem er von der Universität abgegangen, wurde er schon i. J. 1513 durch Veranlassungen, welche wir nicht kennen, dem Lande seiner künftigen Bestimmung zugeführt. Der schlesische Bischof Johann Turzo nämlich zog ihn zu sich als seinen Sekretär. Das war ein wohlwollender edelgesinnter Mann von freier geistiger Bildung. Für die neu auflebende Wissenschaft hegte er warme Theilname, suchte auch durch Briefe die Freundschaft ihres berühmten Vertreters Erasmus. Als ein Zeugniß seiner religiös-kirchlichen Gesinnung wird das angeführt, daß er in Breslau ein wunderthätiges Marienbild auf die Seite schaffen ließ, um keinen Götzendienst mit demselben treiben zu lassen. Er schätzte den Heß hoch wegen seiner reichen Gaben und Kenntnisse, verwandte ihn auch seines geschickten Geistes halber zu wichtigen Geschäften. –

Sodann kam dieser in nahe Beziehung auch zu einem andern schlesischen Fürsten, dem Herzoge Karl zu Münsterberg-Oels, der ihn 1514-16 als Führer seines Sohnes Joachim, des späteren evangelischen Bischofs von Brandenburg, auf die Universität Prag gehen ließ. – 1517 machte Heß wieder einen Besuch in Mitteldeutschland. Freundschaftlich verkehrte er zu Erfurt mit dem gefeierten Humanisten und Poeten Eobanus Hesse, welcher damals für Reuchlin gegen die Mönche gekämpft und an den Briefen der Dunkelmänner sich mit betheiligt hatte, und um welchen Heß einen regsamen Kreis Gleichgesinnter geschaart fand. Auch durch Wittenberg scheint er damals wieder gekommen zu sein. – In Schlesien schien ihm jetzt unter der Gunst seines Bischofs eine kirchliche Thätigkeit und der Weg zu hohen kirchlichen Würden sich zu eröffnen. Der Bischof hatte ihm bereits die Stelle eines Kanonikus zu Neiße verliehen. Jetzt bestimmte er für ihn auch eine solche an der Kreuzkirche zu Breslau. Vorher jedoch sollte Heß noch eine Reise nach Italien ausführen.

Gleich so vielen andern Deutschen, welche es damals nach Italien zog, suchte auch Heß dort den Hauptsitz und die reichste Quelle derjenigen Wissenschaft und Bildung, welcher er schon bisher nachgestrebt hatte. Daneben holte er sich dort auch die theologische Doktorwürde. Aber gerade Italien wurde dann für ihn auch der Ort, wo wir die für immer entscheidende Wendung in seiner religiösen und theologischen Ueberzeugung eintreten sehen. Wie wenig die Eindrücke, welche eben in Italien sich darboten, einen redlichen Christen und Deutschen fernerhin an die römische Kirche zu binden geeignet waren, sehen wir auch aus dem Erfolg, welchen jene Romreise Luther’s für diesen gehabt hat. Während nun Heß in Italien sich aufhielt, drang dorthin und besonders unter die dort befindlichen Deutschen die große, aufregende und bald auch begeisternde Kunde von dem Kampfe, welchen der kühne Augustinermönch zu Wittenberg gegen die kirchlichen Mißbräuche und gegen das Papstthum unternommen habe. Wir wissen, daß sie dort eine solche begeisternde Wirkung z. B. auch auf den Humanisten Crotus übte, mit welchem wir unsern Heß in Italien befreundet finden.

Welche Stimmungen und Gesinnung Heß von dort mitbrachte, zeigt der nächste Schritt des nach Deutschland heim gekehrten. Er erschien sofort selbst in Wittenberg zu Anfang des Winters 1519. Freudig stimmte er dort Thesen bei, mit welchen damals Melanchthon für das neu erkannte Evangelium zeugte. Auch von ihm konnte dieser nunmehr jenes Wort aussprechen, daß er jetzt zum Genusse der seligen Wahrheit durchgedrungen sein, – statt des Geistes der Schulen den neu gestalteten Geist Christi in sich fühlen, von menschlichen Satzungen und Erfindungen nichts mehr halten werde. Er rühmte ihn zugleich als einen Mann, welcher reine christliche Gelehrsamkeit und ein ganz ungewöhnliches Urtheil für die heiligen Dinge besitze. Besonderes Interesse hat endlich für uns der Eindruck, welchen Heß’s Persönlichkeit auf Melanchthon gemacht haben muß. Schnell, wie nicht leicht einem Andern hat dieser (nach dem Zeugniß seiner nachfolgenden Briefe) sich ihm geöffnet und ihn als süßen Freund und theuersten Bruder in sein Herz geschlossen. Er gab ihm ein paar eigene Verse zum Abschied mit, weihte ihm eine kleine gedruckte Schrift, ließ Briefe mit freundlicher Zusprache ihm nachfolgen. Auch der Freundschaft Luther’s erfreute sich Heß von jetzt an und trat mit ihm in Briefwechsel. Er wandte sich von Breslau aus, wohin er zurück gekehrt war, wiederholt um Rath an die Wittenberger und ließ sich die neu erschienenen reformatorischen Schriften von dort zuschicken.

In Breslau übernahm er jetzt sein Kanonikat. Im Sommer 1520 empfieng er auch die Priesterweihe; über den evangelischen Sinn aber, in welchem sie aufzufassen sei, holte er Belehrung bei Luther ein.

Die Umstände, welche er in Breslau vorfand, erschienen einem Wirken in dem ihn beseelenden Geiste günstig. Das neue wissenschaftliche Streben hatte dort schon eine schone Zahl von Genossen; schon bei dem Wunsche der Stadt zu Anfang des Jahrhunderts, eine Universität in ihrer Mitte zu gründen, war dasselbe wirksam gewesen. Jetzt schloß sich daran bereits ein lebhafter Zug nach Wittenberg. Der Bischof, Heß’s Gönner, ließ sogar seinen Domherrn und Rath Schleupner, einen Freund von Heß, dort studiren und trat selbst durch Schleupner in Verkehr mit Luther und Melanchthon, welche an ihn zu schreiben veranlaßt wurden. Er sei, äußerte Luther nachher, der Beste aller Bischöfe des Jahrhunderts gewesen.

Allein eben jetzt starb Bischof Johann. Sein Nachfolger, Jakob von Salza, nahm zwar Theil an der Besonnenheit und Mäßigung des Vorgängers, zeigte auch Vertrauen gegen Heß, der jetzt von ihm zur Predigtthätigkeit berufen wurde, hielt aber am katholischen Kirchenthum unverrückt fest. Ueber Luther und die Lutheraner war der Bann verhängt. Gegen diese ergieng auch in Schlesien ein Befehl des Landesherrn, des jungen Königs Ludwig von Böhmen und Ungarn. Heß hatte doch auch schon vor Bischof Johann’s Tod über Anfeindungen wegen seiner evangelischen Gesinnung zu klagen gehabt, nachdem schon früher um der ihm verliehenen Pfründen willen Eifersucht und Neid gegen ihn sich erhoben hatte.

Es fragte sich, ob er jetzt auch offen für seine neu errungene Ueberzeugung einzutreten, seine äußere Stellung auf’s Spiel zu setzen, den Gefahren Trotz zu bieten wagen werde. Da setzte er wirklich einige Zeit den Verkehr mit Wittenberg aus. Melanchthon glaubte ihm im Februar 1521 vorhalten zu müssen: ob er dieß aus Furcht vor den Papisten thue? wo seine Stärke, sein christlicher Geist jetzt sei? Auch schlesischen Freunden wurde sein Verhalten bedenklich. Hier drang Caspar Schwenkfeld, der später als „Schwarmgeist“ der lutherischen Kirche so viele Noth machte, mit freundlichen und scharfen, schmeichelhaften und bitteren Ermahnungen auf ihn ein. Aus Wittenberg schickte ein junger Breslauer, den wir später in der Schwenkfeld’schen Gemeinschaft wiederfinden, einen begeisterten Bericht an ihn über das entschiedene Vorangehen Carlstadt’s, welchem er nachfolgen solle. Gegen Schwenkfeld nun benahm sich Heß, übrigens unter fortgesetzter Freundschaft, zurückhaltend und abweisend. In der That zeigten sich schon damals zwischen beiden Männern die Anfänge eben desjenigen Gegensatzes, welcher unsere Wittenberger Reformatoren von Carlstadt und andern, einer schwärmerischen Mystik zugeneigten und dann vom Dringen auf’s innere Leben zum Umsturz der äußeren Ordnung fortschreitenden Anhängern der Reformation trennte. Später traten beide Richtungen auf schlesischem Boden namentlich eben in Heß und Schwenkfeld offen einander entgegen. Dagegen war Melanchthon bald wieder so beruhigt über Heß, daß er seine früheren Besorgnisse für Scherz wollte genommen haben. Ein entschiedenes, consequentes Bekenntniß jedoch wagte Heß in Breslau allerdings noch nicht.

Er suchte jetzt eine sichere Stätte für sich mit seinem Standpunkt und seiner Thätigkeit in Oels bei seinem alten Patron, dem Herzog von Münsterberg. Dieser ließ sich damals selbst zur Theilnahme für Luther’s Wirken gewinnen, indem er davon gegenüber von der Feindschaft der Päpste wider sein Geschlecht (das des einstigen hussitischen Königs Georg Podiebrad) auch für sich gute Folgen hoffte. Bereits hatte Heß den Zorn des Bischofs gegen sich erregt. Luther vernahm mit Freuden von ihm, daß er jetzt ein Evangelist geworden sei. Mit seinem Herzog trachtete er besonders nach Einführung des Abendmahls unter beiden Gestalten. Ja, während Schwenkfeld immer noch mit seiner Vorsicht unzufrieden war, glaubten Luther und Melanchthon ihn jetzt davor warnen zu müssen, daß er nicht zu viel Werth auf Aenderung in äußeren Formen lege. Indessen fand er sich auch hier noch im offenen Auftreten mit dem evangelischen Zeugnisse gehemmt. Er war zweifelhaft, ob er auch den ordentlichen äußeren Beruf dazu habe, welchen freilich Schwenkfeld nicht für nöthig hielt. Der Herzog seinerseits scheute aus politischen Gründen jedes offene Kundgeben seiner Gesinnungen gegen Rom.

Da reiste Heß 1523 wieder nach seiner Vaterstadt Nürnberg, wohl zu Anfang des Frühjahrs; und von dort her kam jetzt nach Breslau die Kunde von freier, lauterer Predigt des göttlichen Wortes, in welcher er daselbst thätig sei. Dort wirkten so schon offen zwei Pröbste der Stadt nebst andern Predigern, darunter sein seit 1522 an der Sebalduskirche angestellter schlesischer Freund Schleupner. Derselbe Geist drang siegreich durch bei der Gemeinde und ihrem Magistrat. Dorthin also hatte es eben jetzt unsern Heß gezogen. Freudig und in geordneter Weise konnte er dort auf die Zustimmung und Einladung der vorgesetzten Geistlichen die Kanzel betreten; es war, wie die Ueberlieferung sagt, eben die der Sebalduskirche. Die Nürnberger wünschten ihren Landsmann im Amte fest zu halten. Er aber sollte eben jetzt zu seinem wahren Lebensberufe übergehen, welcher ihm in Breslau zugewiesen war.

Wie Heß schon im Jahr 1520 und 1521 wenigstens einen gewissen Kreis Gleichgesinnter in Breslau um sich hatte, so hatte diese Richtung jetzt vollends rasch die Häupter der Stadt durchdrungen und bei der großen Mehrzahl der Bevölkerung die Oberhand gewonnen. – Die Stadt war, obwohl sie einen Bischof mit einem Domkapitel hatte und dem König von Böhmen untergeben war, doch von lange her an eine große Selbständigkeit gewöhnt. Sie rühmte sich, in den Kämpfen mit den Hussiten durch Thaten und Opfer sich große Verdienste um die katholische Kirche erworben zu haben, und es wurden ihr daher auch von Seiten der Päpste und Bischöfe manche Freiheiten zugelassen. In jenen Kämpfen übrigens war nicht blos der kirchliche Gegensatz, sondern ganz besonders auch der zwischen dem Deutschthum und Slaventhum das Treibende für sie gewesen. Je mehr sie nun sich verdient gemacht, desto mehr nahm sie hernach auch ein freies Urtheil über die Schäden der Kirche für sich in Anspruch. Die landesherrliche Befugniß zur Aufsicht über die in ihrem Gebiete liegenden Kirchen und Klöster war ihr vom böhmischen König übertragen; so hatte der Rath der Stadt z. B. noch im Jahr 1506 eine Reform mit dem Kloster zu St. Jakob durch den sächsischen Ordensmeister der Franziskaner vornehmen lassen. Das Gebiet des städtischen Regimentes reichte über die auf dem linken Oderufer liegende Stadt und über einen Theil der Sandinsel; mit den geistlichen Herrn auf dem andern Ufer oder vielmehr der damaligen Dominsel gab es viel Streit über die Gerichtsbarkeit. Mannigfaches Aergerniß wurde auch den Breslauern durch den Wandel der Geistlichen und Mönche und durch die Streitigkeiten derselben unter einander geboten; die tüchtigeren Bischöfe der jüngsten Zeit wurden durch den Klerus selbst im Einschreiten gegen Mißbräuche gehemmt. –

Zum Volke drang jetzt die von Wittenberg ausgegangene große Bewegung hauptsächlich durch den reichen Handelsverkehr der Stadt. Es wird erzählt, wie besonders im „Schweidnitzer Keller“ Schriften Luther’s aus Wittenberg und Leipzig ausgetheilt worden seien. Schon traten in der Stadt selbst, nehmlich unter jenen Mönchen zu St. Jakob, welche mit dem Volk immer in gutem Einvernehmen standen, „lutherische“ Prediger auf mit heftigen Ausfällen auf die kirchlichen Satzungen. Die Geistlichkeit fürchtete schon 1522 Tumulte der Menge und Angriffe auf die Dominsel mit ihren reichen Kirchen. Der Magistrat suchte einen Mann, welcher, vom Eifer für das lautere Gotteswort beseelt, zugleich mit Weisheit und tiefer theologischer Bildung die Bewegung leiten sollte. Eine Stelle bot sich für den zu Berufenden dar an der Marien-Magdalenenkirche, einer der beiden städtischen Hauptkirchen. Ihr Amt lag seit mehreren Jahren traurig darnieder in den Händen von Verwesern und bloßen Pfarrpächtern. Da der Bischof, dem die Besetzung desselben zustand, nichts dazu that, nahm der Rath jetzt selbst die Sache in die Hände. Er ließ am 20. Mai 1523 einen Ruf an Heß nach Nürnberg abgehen. Da forderte diesen sogar auch der Bischof auf, dem Rufe zu folgen: er solle nämlich das Evangelium also predigen, daß diejenigen, welche bisher Ketzerei verbreitet und den Frieden und die Liebe zerstört haben, von ihrem Irrthum bekehrt werden. Sein Domkapitel freilich versagte einer Investitur des Heß die Zustimmung und ließ an diesem selbst noch Ueberredungskünste versuchen, daß er darauf verzichte. Aber ohne Rücksicht hierauf wurde Heß am 21. October durch den Rath in die Magdalenenkirche eingeführt. Am 25. October, dem 21. Sonntag nach Trinitatis, hielt er vor einer großen Volksmenge seine Antrittspredigt.

So lag jetzt die geistliche Wirksamkeit für die Reformation in Breslau zunächst ganz an ihm. Er war dabei in einer eigenthümlichen, keineswegs leichten Stellung. Der Magistrat, der mit seiner Einsetzung das bestehende kirchliche Recht überschritten hatte und hiefür auch Vorwürfe vom König empfieng, wollte darum doch selbst keineswegs von der bestehenden kirchlichen Ordnung und der Oberhoheit des Bischofs sich losgetrennt haben. Der Bischof selber fetzte – gegenüber von dem Schlimmeren, was vorher gedroht hatte – auf Heß immerhin noch Hoffnungen. Andrerseits warnte diesen auch unter Andern Melanchthon, durch den Beifall der Menge sich nicht berücken zu lassen. Und Heß selbst hatte ja vordem eher zu viel als zu wenig Vorsicht und Rücksicht gezeigt. Jetzt aber behauptete er seinen Standpunkt eben so fest, wie er unter umsichtigem Bedenken auf denselben sich erhoben hatte, und trug doch zugleich, soweit es zulässig war, den Verhältnissen Rechnung.

Das entscheidende öffentliche Bekenntniß für die Breslauer Reformation wurde abgelegt durch die Disputation des Heß, welche er mit Wissen und Wunsch des Rathes auf den 20. April 1524 veranstaltete. Seine Thesen handelten vom Worte Gottes, das weder durch Menschenzuthat verunreinigt, noch in seinem Laufe gehemmt werden dürfe, vom vollgenügenden Priesterthum Christi – besonders im Gegensatz gegen das Meßopfer, und von der göttlichen Stiftung des Ehestandes – im Gegensatz gegen den Cölibat. Das Absehen gieng hiebei sogleich auf die praktischen kirchlichen Reformen. Auf die innerlichen Grundlehren der Reformation einzugehen war bei einer Disputation deswegen weniger Veranlassung, weil in Breslau die damaligen Gegner selbst um diese Seite der Reformation sich nicht sehr kümmerten. Die Letzteren waren übrigens bei dem Akte nur schwach vertreten. Der Zweck desselben aber war auch so erreicht: das öffentliche Zeugniß für das Evangelium und die beabsichtigten Reformen und der Beweis, daß man dafür mit guten Gründen öffentlich einzutreten bereit sei. Nachdem an zwei Tagen lateinisch disputirt worden war, legte Heß am dritten und vierten seine Sätze auch in deutscher Sprache dem Volk auseinander. – Der Magistrat gebot nachher, gemäß der auch von Heß den Obrigkeiten beigelegten Pflicht, das lautere Gotteswort zu fördern, den sämmtlichen Predigern der Stadt, daß sie in der Verkündigung des Wortes Heß folgen und nur den sicheren Inhalt der Schrift ohne Rücksicht auf die Tradition vortragen sollten. Sie erklärten sich, nur Einen ausgenommen, dazu bereit.

Noch einmal wandelte den Heß in diesem Jahre ein gewisses Zagen an, – besonders, wie es scheint, veranlaßt durch Erfahrungen von Selbstsucht und Eigennutz, welche er jetzt auch bei Anhängern der Reformation machen mußte. Luther mußte ihn daran erinnern, daß, wer in Christi Schifflein gestiegen sei, zuerst nicht heitern Himmel, sondern Stürme und Fluthen zu erwarten habe. Fest und sicher jedoch sehen wir ihn von da an für immer auf dem eingeschlagenen Wege beharren.

Besonders bezeichnend ist und bleibt nun für Heß’s reformatorisches Wirken die Unterscheidung zwischen den Hauptpunkten, bei welchen er, wie schon seine Thesen zeigten, keine Rücksichten mehr kannte, und zwischen solchen äußeren Bräuchen, die er zwar an sich für mangelhaft hielt, in denen er aber fortwährend theils nach dem ihm schon früher durch Melanchthon an’s Herz gelegten Bedürfniß der Schwachen, theils nach den eigenthümlichen Verhältnissen seiner Breslauer Kirche sich richtete. Gleich zu Anfang muß er in der Stille die auf’s Opfer bezüglichen Stellen der Messe weggelassen (der Name Messe blieb) und den Laien den Abendmahlskelch gereicht haben. Die Chronisten bemerken hiervon gar nichts. Sie erzählen erst vom Jahre 1525 (Sonntag Quasimodogeniti), daß da in den Pfarrkirchen die Verehrung der Bilder, die Procession mit der Hostie, die Weihung von Wasser, Salz u. s. w. abgethan worden sei, und zwar ohne jede unruhige Bewegung des Volkes. Heß trieb vor allem das einfache Zeugniß des Wortes auf der Kanzel und in der Seelsorge. Er selbst schrieb einem auswärtigen Prediger: man müsse in den Ceremonien, um welche Andere so viel zerren, mit dem Volke Geduld haben, müsse fahren, wohin Wagen und Pferde ohne Schaden kommen können; werde nur die Rechtfertigung durch den Glauben in Christo recht gepredigt, so werde Ablaß, Heiligendienst, Fegfeuer u. s. w. von selbst fallen. –

Ein besonders schönes Gedächtniß hat zugleich Heß von Anfang an durch seine Fürsorge für die Armen sich in Breslau gesetzt. Schon gleich nach seinem Amtsantritte wurden Opferkästen für diese an den Kirchen aufgestellt. Noch aber lagen vor allen Kirchenthüren Bettler, und Heß ermahnte vergeblich die Obrigkeit, Abhülfe zu schaffen. Da unterließ er 1525 an einigen Sonntagen das Predigen. Vom Rathe deshalb befragt, erwiederte er: Sein lieber Herr Jesus Christus liege vor der Kirchenthür, er möchte über ihn nicht schreiten. Hierauf wurde Jedem, der arbeiten könne, das Betteln verboten; die Bedürftigen und Würdigen aber wurden am 8. Mai in der Magdalenenkirche versammelt, von Aerzten und Rathsherrn besichtigt und in die städtischen Spitäler eingewiesen. Täglich wurden, wie vom Jahre 1526 berichtet wird, in den sieben städtischen Spitälern über 500 Arme versorgt. Ueber 400 erhielten außerhalb derselben Unterstützung an Brod, Kleidern, Hauszins u. s. w. Ueber das ganze Armenwesen wurde vom Magistrat ein Ausschuß gestellt, an dessen Spitze Heß stand. Dieser machte sich namentlich auch verdient um den Bau des großen Hospitals zu „Allen Heiligen“ im Jahre 1526; auf sein Anregen war Jedermann dazu zu helfen willig; der Eine gab Steine, der Andere Holz, Eisen u. s. w.; Heß legte am 27. Juli den Grundstein; die Handwerksleute arbeiteten umsonst und so fleißig, daß der Bau binnen 10 Wochen in den vier Mauern stand.

Seit August 1525 hatte Heß einen Amtsgenossen und Mitarbeiter in Ambrosius Moiban. Diesen hatte jetzt die städtische Obrigkeit zum Pfarrer der andern Hauptkirche, zu St. Elisabeth, ernannt, über welche sie sich zuvor das Patronat erworben hatte. Heß war schon von seinem früheren Breslauer Aufenthalt her, während dessen Moiban Lehrer einer Schule war, nahe mit ihm befreundet. Mit Freuden sah er ihn jetzt von Wittenberg aus, wo derselbe seither lernend und vielleicht auch schon lehrend verweilt hatte, auf den Ruf des Rathes hin an seine Seite treten.

Erst jetzt machte Heß auch von dem in seinen Thesen behaupteten Rechte des Ehestandes für sich Gebrauch. Er vermählte sich am 8. September mit der Tochter eines Breslauer Rathsherrn. Moiban folgte seinem Beispiel am 30. April des nächsten Jahres.

In Moiban war namentlich auch eine Kraft für die Leitung des Schulwesens gewonnen. Schon vorher waren für die Schulen bei den beiden Hauptkirchen Lehrer bestellt worden, welche des Lateinischen und Griechischen kundig waren. Auch Heß selbst hatte schon im ersten Jahre seines Amtes mit lateinischen Vorlesungen über das Alte Testament (zunächst den Prediger Salomo) begonnen; er trug übrigens, obgleich er selbst sich auch mit der hebräischen Sprache Bekanntschaft erwarb, den Zuhörern nicht den Grundtext, sondern eine lateinische Uebersetzung vor. Für den Unterricht in den alten Classikern wirkte durch Vorträge und Schriften sein Freund Metzler, der vorher an der Leipziger Universität docirt hatte und nachher zu den höchsten städtischen Aemtern erhoben wurde. Eifrig nahmen an solchen Vorträgen, wie sie Heß und Metzler hielten, auch Erwachsene Theil. Moiban nun hatte eigens auch für die Schule sich ausgebildet. Die Oberaufsicht über die Schulen war beiden Geistlichen und einigen Rathsherren übertragen, die innere Einrichtung derselben speziell dem Moiban und Metzler. Der Unterricht war unentgeltlich für alle einheimischen Kinder. Die armen Schüler erwarben sich Unterhalt durch Singen im Chor und vor den Thüren der Einwohner, und nur solchen, welche die Schule besuchten, wurde dieses Singen noch gestattet. Wahrend mit dem Singen noch ein Bettelgehen verbunden war, wurden später nach einem Antrag des Heß bei jeder Kirche 24 Schüler in der Weise als Chorsänger angenommen, daß man sie auch mit Kost versorgte und ihnen hiefür das Betteln untersagte. Man hoffte durch Unterstützung solcher Armen besonders künftige Dorfpfarrer heran zu bilden. Für die Gereiften wurden aus den frommen Stiftungen Stipendien gebildet, um sie auswärts studiren zu lassen; ihrer hat Heß auch persönlich sich sehr angenommen: so z. B. des Johann Kraft oder Crato, der hernach als kaiserlicher Leibarzt berühmt wurde. Man wünschte, wiewohl vergeblich, in der Stadt auch Vorlesungen in der Medicin und andern Fakultäten einrichten zu können. Es war besonders das Verdienst dieser Breslauer Männer, wenn Melanchthon später von Schlesien rühmen konnte, daß nirgends in Deutschland mehr Leute aus dem Volke die Wissenschaften lernen und verstehen, als hier. Zugleich hatte namentlich Heß dabei auch die benachbarten slavischen Lande im Auge: um der Polen willen, bemerkt er einmal, gebrauche er die lateinische Sprache für seine Vorlesungen. Daneben übrigens wünschte man auch Schulen blos für’s Deutsche einzurichten.

Mit Aenderungen im Gottesdienst gieng man auch jetzt nur sehr allmählig und gemäßigt voran: so wurde der Predigt die rechte Stelle in der sogenannten Messe angewiesen; für den täglichen Gottesdienst wurden statt der Messe (mit Abendmahl), da es an Abendmahlsgästen fehlte, biblische Lektionen und Predigten eingeführt; noch bis auf die Gegenwart haben sich seither in beiden Hauptkirchen zwei tägliche Gottesdienste erhalten. Heß wünschte dringend verschiedene Maßregeln für christliche Ordnung und Zucht, zu deren Einführung ihm jedoch die öffentliche Hilfe fehlte: z. B. daß Personen übeln Rufs von der Pathenschaft zurückgewiesen würden, und daß die Eheleute vor der Trauung vor ihren Beichtvätern ihren Glauben bekenneten, beteten u. s. w. und hiermit ein Zeugniß für die christliche Erziehung der zu erhoffenden Kindlein von sich gäben. Für die zum Ehestand Aufgebotenen legte er zuerst ein Kirchenbuch an. Von den alten Ceremonien wurde Vieles, was uns jetzt sehr auffällig erscheint, damals und theilweis noch lange nachher belassen: so z. B. sogar noch bis in’s vorige Jahrhundert das sogenannte Westerhemdchen und die Kerze bei der Taufe, das Tragen von Meßgewändern bei der Spendung des Abendmahls. Was in dieser Hinsicht anderwärts hätte gefährlich werden können, blieb in Breslau unschädlich, indem eben dieselben Verhältnisse zur katholischen Gewalt, welche eine solche Rücksichtnahme räthlich machten, zugleich den Gegensatz gegen das katholische Wesen immer scharf genug in’s Bewußtsein riefen.

Von der andern, antikatholischen Seite aus erhoben sich in der Umgebung Breslaus, besonders in Liegnitz, seit 1525 sehr stark die Schwenkfeldianer mit ihrer Verwerfung der lutherischen Abendmahlslehre, ihrem Dringen auf den Geist gegenüber von den Sakramenten und dem Predigtamt, ihrem Streben nach einer höheren Geistlichkeit und Reinheit der Gemeinde, – ferner leidenschaftlich erregte Widertäufer, welche in dem benachbarten Mähren ihren Hauptsitz hatten. Dem Schwenkfeld erklärten die beiden Breslauer Pfarrer, sie glaubten statt seiner dunkeln, vermeintlich tiefern Auffassung des Abendmahles einfach die Schriftworte festhalten zu müssen; auf schroffe, scharfe Zuspitzung der eigenen Lehrformeln darüber haben sie auch späterhin bei aller Freundschaft mit Luther und Treue gegen das Lutherthum sich nicht eingelassen: unbefangen konnte gegen sie z. B. im Jahre 1542 Melanchthon darüber sich auslassen, wie sehr ihm das Streiten in dieser Sache zuwider sei. Mit ihrem Wirken durch’s Wort verwahrten sie ihre Gemeinden vor jenen Richtungen. In Betreff der Widertäufer rieth Luther dem Heß, daß man warte, bis sie sich selbst verrathen, und dann blos sie ausweise. Weiteres fand auch der Magistrat nicht nöthig; Hinrichtungen, wie anderwärts, kamen in Breslau nicht vor (falsch ist was Spätere davon erzählen); und auch von Ausweisungen erfahren wir nur einzelne Fälle.

Der katholische Klerus hatte von stürmischen Bewegungen des Volkes, seit Heß im Amte war, nichts mehr zu fürchten. So entschieden dieser in seinem evangelischen Zeugniß blieb, so nichtig erwiesen sich die Anklagen wegen Aufreizung der Menge, welche gegen ihn sogar einmal beim König erhoben wurden. So ist unter seinem ebenso weisen als festen Wirken die evangelische Kirche Breslaus und hiemit der Mittelpunkt für die Schlesiens trotz der schwierigen Verhältnisse zur katholischen Hierarchie und besonders zum katholischen Landesherrn ruhig und sicher gegründet worden. – Schwere Gefahren drohten zwar, als 1526 Ferdinand, der Bruder Kaiser Karl’s V., den böhmischen Thron bestieg und bald in scharfen Erlassen die Neuerungen verbot. Aber die politischen Verhältnisse hemmten seine Hand: so vornehmlich die Angriffe der Türken auf seine Staaten. Zugleich wurde ihm vorgehalten, daß solche Kirchen, wie die Breslauer, doch zugleich sehr achtbare Bollwerke gegen schlimmere Umtriebe, wie die der Sakramentsfeinde und Widertäufer, seien.

Sehr eigenthümlich und auf die Dauer freilich unhaltbar war die Stellung der evangelischen Gemeinden Breslaus zum katholischen Kirchenthum und zum Bischof. Nicht blos blieb es dem Rathe verwehrt, auch die, freilich sehr entvölkerten Klöster der Stadt zu reformiren; sondern auch die Oberhoheit des Bischofs über Heß und Moiban wurde evangelischerseits der Form nach immer anerkannt; ja man berief sich, wenn die Gegner sie für Eindringlinge erklärten, darauf, daß sie eben durch ihn mit ihrem Amte betraut worden seien (Moiban hatte sogar eine förmliche Bestätigung durch den Bischof, dagegen keine Ordination durch den Weihbischof empfangen). Allein sie ließen sich hierdurch in nichts stören in der Führung ihres Amtes nach dem reinen Gottesworte, dessen Verkündigung eben auch der Bischof ihnen anbefohlen habe. Und sowohl Bischof Jakob, als auch sein Nachfolger, der unter Einwirkung des Rathes gewählte Balthasar Promnitz, ein früherer Zuhörer Melanchthon’s, ließen sie hierin gewähren. Fest gegründet und in Wahrheit selbständig, dennoch aber vom katholischen Kirchenthum nicht förmlich losgetrennt, bestand so die Kirche des Heß und Moiban fort bis zum böhmischen Majestätsbriefe vom Jahre 1609, auf dessen Grund erst 1615 ein städtisches Consistorium errichtet wurde.

Im Uebrigen hoben sich aus der ruhig fortschreitenden Thätigkeit des Heß und aus seinem Leben keine einzelnen Punkte sonderlich hervor. Der Trieb zum Hervortreten auf einen größeren öffentlichen Schauplatz lag nicht in seiner Art, noch weniger der zu öffentlicher Polemik. Einen Führer der Widertäufer, der ihn durch eine Schrift zum Streit herausforderte, fertigte er auf einem kurzen Zeddel mit den Worten ab: „Menius wider die Widertäufer“ (er meinte eine von Menius verfaßte Schrift). Zur Schriftstellerei hätte ihm auch seine große Gemeinde wohl kaum Zeit gelassen. – An ihm als Pfarrer wird besonders gerühmt seine große Beredtsamkeit, seine persönliche Liebenswürdigkeit, seine Thätigkeit für die Armen. – Auch seine wissenschaftlichen Studien aber setzte er für sich sehr fleißig und mit großer Vielseitigkeit fort. Von den theologischen geben seine Anmerkungen in einer noch vorhandenen Bibel und lateinischen Psalmenübersetzung Zeugniß. Man dachte einmal daran, ihn an die Universität Wittenberg zu ziehen. Seine große Bibliothek hatte einen Ruf auch auswärts. Fortwährend trieb er auch historische Forschungen, – über die alte Geschichte, für welche er auch eine reiche Münzsammlung sich angelegt hatte, – und namentlich über die schlesische, für welche er eine eigene, noch von Späteren benutzte handschriftliche Arbeit hinterlassen hat.

Ferner war ihm eine schöne, obwohl nur wenig vom ihm geübte Gabe geistlicher deutscher Dichtung eigen, wenn wir das Lied „O Welt, ich muß dich lassen“ ihm beilegen dürfen. Es ist ein Lied voll tiefen Gemüthes, aus inniger Sehnsucht nach der besseren Heimath hervorgegangen, verfaßt in edel schlichter, volksthümlicher Sprache, anschließend an den Eingang des Volksliedes „Insbruck ich muß dich lassen.“ Freilich ist es, so weit wir wissen, erst nach Heß’s Tod, und zwar in Nürnberg, gedruckt erschienen, und noch später erst finden wir Heß als Verfasser genannt. Doch kann ja gerade nach Nürnberg leicht ein Lied von ihm gelangt sein und auch eine richtige Erinnerung an ihn als Verfasser sich dort erhalten habend)

Nach auswärts blieb er in brieflichem Verkehr mit andern Theologen, besonders mit Luther und dem ihm in alter Freundschaft verbundenen Melanchthon, ferner namentlich mit dem classisch gelehrten Camerarius. Im Jahre 1541 benutzte er eine Reise, die er in Privatangelegenheiten nach Nürnberg machte, auch zu einem Besuch auf dem Religionsgespräch zwischen Protestanten und Katholiken in Regensburg; Melanchthon gedachte später noch der Reden voller Weisheit, die er dort gethan. Seine eigene Gesinnung hinsichtlich solcher Gespräche drückte er ein andermal in den Worten aus: nicht Gewalt, nicht Waffen seien zu fürchten, sondern eine trügerische, sophistische Versöhnung.

Was die Auswärtigen von ihm hielten, bezeugen die ehrenden Aeußerungen unserer großen Reformatoren über seine lautere Frömmigkeit, Standhaftigkeit, Gelehrsamkeit; mit Wärme hat noch lange nachher Camerarius seinen guten Charakter, seinen Geist, seine Wissenschaft, seine Berufstreue, sein Wohlwollen und seine Gefälligkeit gegen Jedermann u. s. w. gepriesen. Die Anhänglichkeit seiner Gemeinde hat sich schön darin ausgesprochen, daß er, wie er selbst in seiner letzten Predigt erwähnte, über 500 Pathenkinder hatte.

In den Ehestand trat er nach dem Tode der ersten Gattin zum zweiten Mal mit einer Breslauer Bürgerstochter 1533, die ihm jedoch gleichfalls 1539 entrissen wurde. Eine Tochter aus erster Ehe sah er selbst noch vermählt mit dem Wittenberger Professor J. Aurifaber 1544, der ihm ein theurer Eidam war und der später Pfarrer in Breslau wurde. Sein erstgeborner Sohn Johann (geb. 1529) ist als Jurist zu hohen Stellen in fürstlichem Dienste emporgestiegen, sein Sohn Paul, aus zweiter Ehe, Arzt und Professor in Wittenberg geworden.

Seit 1545 fühlte Heß sich so leidend an Hals, Brust und Kopf, daß ihm das Predigen schwer wurde. Desto mehr wollte er wenigstens noch durch Vorlesungen über biblische Bücher vor einem kleineren Kreise dem Herrn, wie er sagte, ein nützlicher Diener bleiben. Er nahm jetzt hier den Psalter vor, gedachte jedoch noch die biblischen Bücher überhaupt auszulegen. Auf sein Psalmbuch schrieb er: „Stab meines Alters“. Er bemerkte: seine, des alten Magisters und Doktors, Theologie solle sein die Theologie aus dem Munde der Kinder und Unmündigen (Psalm 8, 3), welchen es der Vater offenbare (Matth. 11, 25).

Er starb am Vorabend des Erscheinungsfestes 1547. Seine letzten Worte waren: Ave domine Jesu! Man dürfe, schrieb Melanchthon im Hinblick auf die eben damals der Kirche drohenden Ungewitter, ihm Glück wünschen zu der Ruhe der Gerechten, welche Gott wegraffe vor dem Unglück und in ihrer Kammer sanft ruhen lasse auf den Tag der Auferstehung (Jes. 57, 1 ff.). Auf sein Monument in der Magdalenenkirche stiftete Melanchthon selbst die Inschrift in griechischen Versen. Sein Name ist, wie kein anderer, mit der Geschichte der schlesischen Kirche als Gegenstand der Liebe und Verehrung für immer auf’s Innigste verbunden.

Julius Köstlin in Breslau, jetzt in Halle.

Die Zeugen der Wahrheit
Dritter Band
Piper, Ferdinand (Herausgeber)
Verlag von Bernhard Tauchnitz
Leipzig 1874

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