Robert Grossetete

Robert Grossetete

Robert Grossetete ist einer von jenen seltenen Männern, welche innige Frömmigkeit, wissenschaftlichen Geist und sittliche Meisterschaft im Handeln und Regieren so harmonisch in sich vereinigen, daß man sie Fürsten im Reiche des Geistes nennen kann. Seine Landsleute haben ihn schon bei seinen Lebzeiten in mehr als einer Beziehung außerordentlich hoch geschätzt, und in den folgenden Jahrhunderten hat England mit größter Verehrung zu ihm aufgeschaut. Er verdient es, daß auch unter uns sein Gedächtniß aufgefrischt werde.

Robert Grossetete (auch Grosseteste, Grosthead geschrieben) d. h. Breitkopf, wurde im Jahr 1175 in Stradbrook, in der Grafschaft Suffolk, geboren, und war von niederer Herkunft. Eine alte englische Chronik erzählt, daß er einmal in späteren Jahren einem Grafen, der sich über seine edle Sitte und Haltung verwundert aussprach, geantwortet habe: es sei wahr, er sei von Eltern niederen Standes entsprossen, allein er habe von früher Jugend an die Charaktere der besten Männer in der Bibel studirt und sich nach ihnen gebildet.

Von seiner Jugendzeit wissen wir wenig genug. Nur so viel ist sicher, daß er in Oxford studirt hat. Weniger ausgemacht, wiewohl nicht unwahrscheinlich, ist, daß er seine Studien in Paris vollendet hat. Als junger Mann wurde er dem Bischof von Hereford wegen seiner Kenntniß des Rechts und Geschäftsgewandtheit aber auch medicinischer Kenntnisse empfohlen. Bischof de Vere nahm ihn deshalb in seine Dienste. Da aber dieser schon 1199 starb, so begab sich Robert wieder nach Oxford und blieb von da an geraume Zeit daselbst. Er hat die besten Jahre seines Mannesalters, von 1200 – 1235 an der Universität zugebracht. Grossetete wurde Dr. der Theologie und Kanzler der Universität. Als Doctor hat er Vorlesungen gehalten, aus denen die meisten seiner philosophischen und theologischen Werke entstanden sind. Er hat das ganze Wissen seines Zeitalters, nach den verschiedensten Seiten hin dermaßen in sich vereinigt, daß ein so hervorragender Geist, wie sein jüngerer Zeitgenosse und dankbarer Freund, der geniale Roger Bacon das Urtheil über ihn fällte, er sei der einzige Mann, der die Wissenschaften inne gehabt habe. Als Kanzler der Universität hat er für die damals erst in der Begründung begriffene Autonomie dieser gelehrten Körperschaft nachhaltig gewirkt. Schon in jenen Jahren hat er bewiesen, daß er, bei aller wissenschaftlichen Meisterschaft, doch eine in hervorragendem Maaße praktische Natur sei. Es konnte nicht fehlen, daß ihm verschiedene kirchliche Ehren, Pfründen und Würden übertragen wurden, z. B. das Archidiaconat in Leicester, eine Domherrnstelle in Lincoln u. s. w. Dessen ungeachtet hat er seinen wesentlichen Aufenthalt nach wie vor in Oxford beibehalten, bis ihn im Jahre 1235 das Domkapitel in Lincoln zum Bischof wählte. Einige Jahre zuvor schon war eine Art Erweckung bei ihm eingetreten: im Jahr 1231 oder 1232 im October erkrankte er gefährlich an einem hitzigen Fieber; auf dem Krankenlager und während der Genesung war sein Gemüth tief bewegt, er ging mit seinem Gewissen zu Rathe, insbesondere machte ihm die Frage zu schaffen, ob es vor Gott recht sei, daß er mehr als eine Pfründe gleichzeitig inne habe. Vermuthlich war dies der Zeitpunkt, wo er durch Vermittlung eines ungenannten gottesfürchtigen Mannes dem Papst die Frage vorlegte, ob er mit gutem Gewissen die Pfarrstelle, deren Inhaber er war, neben seiner Präbende im Domstifte von Lincoln behalten könne. Darauf wurde ihm durch seinen Beauftragten der Bescheid: er dürfe schlechterdings nicht ohne Dispensation eine Präbende neben einem Pfarramt mit Seelsorge behalten. Das war eine römische Entscheidung, allein er ließ sich, da einmal sein Gewissen erwacht war, auf diesen Weg durchaus nicht ein, besprach sich nicht lange mit Fleisch und Blut, sondern legte flugs sämmtliche Pfründen, die er damals inne hatte, nieder, und behielt lediglich nur seine Domherrnstelle bei, weil mit dieser keine Seelsorge verbunden war. Mit diesem Schritte Roberts war seine Schwester Juetta, die als Nonne in einem Kloster lebte, nur gar nicht einverstanden: sie fürchtete, er habe sich durch den Verzicht auf mehrfaches Einkommen in Dürftigkeit versetzt, und schrieb an ihn in diesem Sinne. Allein der Bruder antwortete ihr in einem noch vorhandenen Briefe, indem er ihre liebreiche Besorgniß zu zerstreuen, sie zu beruhigen und mit dem Entschlusse, den er bereits ausgeführt hatte, auszusöhnen suchte, denn er fühle sich nur einer Bürde entledigt, die auf seinem Gewissen gelastet habe, und die ihn, wenn er sie nicht abgelegt hätte, vollkommen niedergedrückt haben würde. (Brief 8 in seiner Briefsammlung). Der Gewissensernst und die Sorge um die eigene Seele, worein wir hier einen Blick thun dürfen, hat also in Grossetete einen Ernst für die Seelsorge überhaupt erweckt, den er sofort bethätigte, indem er auf alle mit Seelsorge verknüpften Pfründen, die er ohne der Seelsorge an Ort und Stelle selbst obliegen zu können, bisher inne gehabt hatte, verzichtete. Und diese Gesinnung hat ihn von da an stets beseelt und immer stärker erfüllt.

Nachdem der Bischof von Lincoln, Hugo von Wells, mit dem er nicht blos als Domherr im dortigen Kapitel und als Archidiaconus von Leicester im Sprengel jenes Bisthums amtlich im Verkehr gestanden sondern auch persönlich befreundet war, im Februar 1235 gestorben, bestieg Robert Grossetete, vom Domkapitel gewählt, den bischöflichen Stuhl von Lincoln. Dieses Bisthum hatte zu jener Zeit und noch Jahrhunderte darnach bei weitem den umfangreichsten und bevölkertsten Sprengel in ganz England. Derselbe umfaßte nicht weniger als acht Archidiaconate, unter welchen das von Oxford darum genannt werden mag, weil die Universität, mit der er so lange und so enge verbunden gewesen war, seiner kirchenregimentlichen Aufsicht untergeben blieb. Sobald er das bischöfliche Amt angetreten hatte, ergriff er das Steuer mit fester Hand, und that sofort Schritte, um eingerissenen Mißbräuchen zu steuern. Zunächst erließ er ein Rundschreiben an sämmtliche Archidiaconen seines Sprengels, worin er ihnen die Weisung ertheilte, die Gemeinden vor verschiedenen im Schwange gehenden Unsitten nachdrücklichst verwarnen zu lassen, durch welche Sonn- und Feiertage entheiligt, die heiligen Orte entweiht, der Friede bedroht, Sitte und Anstand verletzt wurde. Aber er begnügte sich nicht damit, nur durch Erlasse und Mittelspersonen zu wirken. Der neue Bischof griff auch unmittelbar und persönlich handelnd ein. Schon im nächsten Jahre nach seiner Einsetzung fing er an, die Klöster in seinem bischöflichen Sprengel zu visitiren; in Folge dessen setzte er nicht weniger als 7 Aebte und 4 Prioren ab.

Grossetete war aber nicht gewillt nur auswärts einzuschreiten, gegen näher liegende Mißbräuche aber ein Auge zuzudrücken. Im Gegentheil, er ging daran, sein eigenes Domkapitel zu reformiren. Aber da kam er übel an! Das Kapitel, aus 21 Domherren bestehend, erhob laute Beschwerde über Beeinträchtigung und unerhörte Uebergriffe. Die Spannung zwischen Bischof und Kapitel gestaltete sich zu einem Zerwürfniß, welches landeskundig wurde und zuletzt, nachdem der Erzbischof und selbst ein Legat sich vergebens daran versucht, nur durch den Papst beigelegt werden konnte. Der Bischof mußte selbst an den päpstlichen Hof reisen, der sich 1245 des Concils wegen in Lyon befand; dort erlangte er aber von Innocenz IV. eine in der Hauptsache günstige Entscheidung. Grossetete säumte nicht, von dem endlich errungenen Recht Gebrauch zu machen. Dabei ging die Visitation von Klöstern und Pfarrkirchen ihren Gang fort: unwürdige Pfarrer wurden abgesetzt, mancher gewaltthätige Prior dankte freiwillig ab.

Die Beharrlichkeit und der Nachdruck, womit der Bischof von Lincoln das Werk der Visitation betrieb, erweckte auch andere Bischöfe zur Nacheiferung. Ja es scheint, als wäre das Ansehen des thatkräftigen und frommen Kirchenfürsten genau in demselben Maaße gestiegen, in welchem es ihn Kampf kostete seine zum Besten der Kirche gefaßten Pläne wirklich durchzuführen. Und in der That ist seine bischöfliche Laufbahn fast eine ununterbrochene Kette von Reibungen und Kämpfen. Lange bevor der Handel mit seinem eigenen Domkapitel zum Austrag kam, gerieth er in Irrungen mit einflußreichen geistlichen Körperschaften, mit reichen Stiftern und Klöstern, mit dem Abt von Westminster, mit dem Convent von Christ-Church in Canterbury, ja mit Cardinälen. Aber auch mit weltlichen Herren, zumal mit Inhabern von Collaturrechten und mit hochgestellten Staatsmännern kam er in Conflikte; ja dem Könige selbst, Heinrich III., ist er zu wiederholten Malen, bald für sich allein, bald im Einverständniß mit anderen Bischöfen, des Gewissens halber entgegengetreten. Aber auch selbst dem Papste gegenüber, was für ihn in seiner Stellung und bei dem Geiste seiner Zeit noch ungleich mehr heißen will, hat er seine Ueberzeugung und seinen Charakter behauptet. Doch hievon nachher.

Bei dieser Menge geistlicher Fehden ist es nicht zu verwundern, daß seine Gegner ihn der Streitsucht und Lieblosigkeit bezichtigten. Und doch war es nicht die Folge eines heftigen Temperamentes, sondern im Gegentheil Drang des Gewissens und Ausfluß seiner Gottesfurcht, wenn Grossetete sich in vielfache Kämpfe einließ. Auch fehlt es nicht an Thatsachen, welche zeigen, daß ihm bei solchen Conflikten nicht an dem Erfolge, sondern an der Erhaltung eines unverletzten Gewissens alles gelegen war, zum sicheren Beweis, daß nicht Rechthaberei ihn leitete. Allerdings geht er von theokratischen Begriffen aus, und fordert, daß die bürgerliche Gesetzgebung sich nach dem kirchlichen Gesetze zu richten habe, weil ja die weltlichen Fürsten alle Gewalt, welche sie inne haben, von der Kirche empfangen, mit andern Worten, er stellt den Staat unter die Kirche, und betrachtet die kirchlichen Gesetze in vollkommen naiver Gesinnung als direkte Gebote Gottes. Aber er sieht diese Dinge eben durch die Brille seines Jahrhunderts, und kann sich von den Begriffen desselben nicht losmachen. Dennoch ist ihm innerhalb der Kirche weder das Papstthum noch der Episkopat Selbstzweck, sondern Gottes Ehre, das Reich Gottes und das Heil der Seelen. Der innerste Kern des charaktervollen, unglaublich vielbeschäftigten und streitbaren Mannes ist doch nichts anderes, als die Sorge für die Seelen. Dem Seelenheil soll Pfarramt und Patronat, Kirchenregiment und Papstthum, Kirchengut und Freiheit der Kirche dienen. Um des Heils der Seelen willen arbeitet er an der sittlichen Hebung des Pfarramts. Wenn er, kraft seiner Disciplinargewalt, bei Kirchenvisitationen unwürdige Priester auf der Stelle absetzte, wenn er, vermöge seines Collaturrechtes, darauf Bedacht nahm, erledigte Pfarrstellen mit wohlunterrichteten, wackeren, insbesondere in der Predigt geübten Männern zu besetzen, wenn er die Ernennung zu Kirchenämtern durch Privatcollatoren, Körperschaften, ja selbst durch die Krone oder die päpstliche Kurie, stetig und streng überwachte, so war es bei alle dem zunächst auf Hebung des Pfarramtes, mittelbar aber und in letzter Linie auf Versorgung der Seelen abgesehen. Auch die Predigten, welche er selbst bei Einweihung von Kirchen oder auf Visitationsreisen vor der versammelten Pfarrgeistlichkeit eines Landkapitels zu halten pflegte, und deren mehrere auf uns gekommen sind, waren nichts anderes, als oberhirtliche Ansprachen an die Seelsorger, um diesen das Gewissen zu schärfen, hatten also schließlich nichts anderes zum Zweck, als das Seelenheil der ihm anvertrauten Gemeinden.

Ein großer Theil seines Briefwechsels bezieht sich auf die Besetzung von Pfarrstellen. Wie oft hat er die Bestätigung eines Ernannten verweigert, wie viele Unannehmlichkeiten und Kämpfe sind ihm aus der unnachsichtlich strengen Aufsicht über die Ernennungen zu geistlichen Stellen erwachsen! Einmal ist das mangelnde kanonische Alter, ein andermal der Mangel an genügenden Kenntnissen, hie und da beides zugleich, aber je und je auch das völlig unpriesterliche Gebahren eines Klerikers der Grund, aus welchem der Bischof die kirchenregimentliche Confirmation und Einsetzung verweigert.

Ebenso viel Aufmerksamkeit als auf die Besetzung der Pfarrämter hat der wachsame und thatkräftige Bischof auch darauf verwendet, ob die einmal bestellten Pfarrer sich dem Amt und ihrer Gemeinde auch nach Kräften widmeten. Wiederholt trat er gegen die Anhäufung mehrerer Pfründen in einer und derselben Hand auf. Bei seiner Erweckung im Jahre 1232 war er in dieser Beziehung streng gegen sich selbst geworden, nun war er auch streng gegen Andere, denen es nur um das Einkommen zu thun war, während sie die Gemeinden als Nebensache betrachteten. Bischof Robert von Lincoln forderte, daß Jeder auch wirklich an Ort und Stelle „residire“, wo ihm die Seelsorge anvertraut sei. Aus derselben Gesinnung ging auch der Widerspruch hervor, den er gegen die Uebertragung bürgerlicher z. B. richterlicher Funktionen an Kleriker und Aebte erhob. Und wenn er der einreißenden Unsitte entgegentrat, daß Pfarrgehalte und Zehentrechte in den Besitz von Klöstern oder Ritterorden übergingen, so lag ihm eben das am Herzen, daß in Folge des Abhandenkommens von lokalem Kirchengut oder Pfarrlehen das Hirtenamt selbst verwahrlost, also die Gemeinde und die Seelen geistlich verwaist werden möchten.

Daß aber weder das Pfarramt noch irgend ein Kirchenamt in der Hierarchie ihm als Selbstzweck erschien, sondern daß er die Seelen und ihr Heil höher stellte, geht unzweifelhaft hervor aus der Thatsache, daß Grossetete die in seiner Zeit neu aufgekommenen Bettelorden zur Predigt und Seelsorge heranzog. Schon in Oxford hatte er, seitdem die ersten Franziskaner sich daselbst ansässig gemacht hatten, diesen Bettelorden unter seine ganz besondere Obhut genommen. Er führte sogar eine gewisse Oberleitung über das Franziskanerkloster daselbst, von 1224 an 11 Jahre lang, und wußte die Oxforder Minoriten wissenschaftlich und homiletisch auf eine außerordentlich hohe Stufe der Bildung zu erheben. Nachdem er aber zum Bischof von Lincoln befördert worden war, hat er sowohl Franziskaner als Dominikaner zur Beihülfe im bischöflichen Kirchenregiment sich beigesellt. Und nicht nur das: er begrüßte freudig, schützte und förderte ihr Wirken in seinem Sprengel überhaupt, und scheute sich nicht ihnen offen das Zeugniß zu geben, daß sie auf der Kanzel und im Beichtstuhl, durch ihren Wandel und ihre Gebete unschätzbar viel Gutes in England wirken und die Schäden und Mängel der Geistlichen ersetzen. Wie ganz anders dachte der Bischof in diesem Betracht, als manche seiner Geistlichen, die es als eine Beeinträchtigung ihres Amtes ansahen, wenn ein Dominikaner oder Franziskaner in ihrer Kirche predigte oder Beichte hörte, und ihre Gemeinden auf jede Weise davon abzuhalten suchten, solche Predigten zu besuchen oder bei einem Bettelmönch zu beichten. Schrieb doch Grossetete einmal an Papst Gregor IX.: „Ach wenn Eure Heiligkeit nur sehen könnte, wie andächtig und demüthig das Volk herzuströmt, um von ihnen (den Bettelmönchen) das Wort des Lebens zu hören und seine Sünden zu beichten, und wie viel Gewinn aus Nachahmung derselben die Geistlichkeit und die Religion gezogen hat! Sie würde gewiß ausrufen: Das Volk, so im Finstern wandelt, stehet ein großes Licht!“ Demgemäß suchte er auf die Pfarrgeistlichkeit seines Sprengels in dem Sinn einzuwirken, daß sie die Gemeinden ermuntern sollten, in die Predigten zu gehen und bei ihnen zu beichten. Beweis genug, daß der Bischof, so hoch er das Pfarramt stellte, doch weit entfernt davon war, es um seiner selbst willen zu erheben und als Selbstzweck zu behandeln. Vielmehr stand in seinen Augen Gottesfurcht, Frömmigkeit und das Heil der Seelen unendlich höher, und erschien ihm als der letzte Zweck, dem das geistliche Amt nur dienen sollte.

Am vollständigsten sind Grossetete’s Gedanken von der Kirche seiner Zeit, den Schäden an denen sie leide, und den anzuwendenden Heilmitteln entwickelt und zusammengefaßt in einer Denkschrift, welche er, bei einem zweiten Besuch am päpstlichen Hofe zu Lyon, am 13. Mai 1250 dem Papst Innocenz IV. selbst und mehreren Cardinälen persönlich überreichte. Dieses Schriftstück voll ergreifenden Ernstes und bewunderungswürdiger Freimüthigkeit wurde sofort, in Gegenwart des Papstes, durch Cardinal Otho, welcher mit dem Bischof befreundet war, vorgelesen. Den Zweck, um dessen willen er in bereits hohem Alter die Reise unternommen, hat er so gut wie gar nicht erreicht. Als er in der Heimath wieder ankam, war er so niedergeschlagen, daß er eine Zeitlang mit dem Gedanken umging, sein bischöfliches Amt niederzulegen. Nein er faßte sich wieder und handelte von da an mit desto mehr Nachdruck und mit desto weniger Rücksichten auf den Papst und die Krone.

Im letzten Jahre seines Lebens, 1253, ereignete sich noch ein Vorfall, der den Namen des ohnehin schon hoch geachteten Bischofs von Lincoln (unzählige Male kommt er später nur unter dem Namen Lincolniensis vor) am allerberühmtesten gemacht hat. Papst Innocenz IV. hatte einem seiner Nepoten, Friedrich von Lavagna (er selbst war ein Graf von Lavagna) eine Domherrnstelle nebst Präbende an der Kathedrale zu Lincoln übertragen, und denselben sofort durch einen Cardinal investiren lassen. In Folge dessen erging, nicht an den Bischof selbst, sondern an den Archidiaconus von Canterbury und an einen päpstlichen Agenten, welcher sich eben in England befand, Magister Innocenz, ein „apostolisches“ Schreiben vom 26. Januar 1253 aus Perugia, mit dem bestimmten Befehl, den genannten jungen Mann, beziehungsweise seinen Anwalt, in den wirklichen Besitz jener Würde und Präbende zu setzen. Den Bischof selbst hatte man, trotzdem daß es sich um eine Stelle an seiner Kathedrale handelte, absichtlich umgangen. Und für den etwaigen Fall einer Einsprache oder eines thätlichen Widerstandes war der Archidiaconus von Canterbury und Magister Innocenz im voraus beauftragt worden, den Protestirenden sofort vorzuladen, daß er binnen zweier Monate persönlich vor dem Papst erscheinen solle. So schien der Erfolg nach allen Seiten gesichert zu sein.

Allein der Bischof von Lincoln, obgleich bereits ein achtzigjähriger Greis, war nicht der Mann, sich einschüchtern zu lassen. Er hat im Gefühle heiliger Pflicht und unveräußerlichen Rechtes lauten Protest erhoben, und seine gewissenhafte Einsprache in einem Schreiben niedergelegt, welches die englische Nation elektrisirt und in derselben Jahrhunderte lang fortgewirkt hat. Das Schreiben ist nicht an den Papst selbst gerichtet; das war eben so klug als würdevoll; sondern an die Beauftragten des Papstes, den Archidiaconus von Canterbury und jenen Magister Innocenz. Grossetete stellt sich hiebei auf den Standpunkt, daß er seinen gewohnten ehrerbietigen Gehorsam gegen den apostolischen Stuhl gerade durch den Widerstand bethätige, welchen er dem fraglichen Ansinnen entgegensetze. Denn das letztere sei eben nicht apostolisch: es widerspreche der Lehre der Apostel und Christi selbst. Namentlich sei es eine geradezu unapostolische, von Christo verabscheute, seelenmörderische Sünde, die Seelen, welche durch das Hirtenamt zum ewigen Leben geführt werden sollen, um das Hirtenamt zu betrügen und dadurch zu verderben. Und das geschehe, wenn die zu einem Hirtenamt Bestellten nur ihre fleischlichen Bedürfnisse mit der Milch und Wolle der Heerde befriedigen, aber den Dienst ihres Amtes für das ewige Heil der Schafe Christi nicht verrichten wollen. Der apostolische Stuhl, welchem von Christo allerlei Macht gegeben ist „zum Erbauen, nicht zum Niederreißen“ (2. Kor. 10, 8), könne etwas, das auf eine solche Sünde hinausläuft, nicht befehlen; denn das wäre so viel als Beisitz auf dem schädlichen Stuhl „zur Seite des Lucifer und des Antichrist.“ Solche Gedanken habe „Fleisch und Blut eingegeben, und nicht der Vater im Himmel“, (das Gegenstück zu Matth. 16, 17).

Dies die Hauptgedanken des so berühmt gewordenen Schreibens. Was war der Erfolg desselben? Aus der Einsetzung des päpstlichen Nepoten in die ihm zugedachte Präbende ist nichts geworden, und der entschlossene Bischof ist unbehelligt geblieben. Man fand es in Rom klüger, ein Auge zuzudrücken, damit nicht das Uebel ärger werde.

Im Anfang des Monats October desselben Jahres erkrankte Grossetete ernstlich in Buckden (Grafschaft Huntington), auf einem der 20 Landgüter, die dem jeweiligen Bischof von Lincoln zur Nutznießung gehörten. Am 9. October starb er daselbst, und wurde am 13. im Dom zu Lincoln beigesetzt. Bald nach seinem Hinscheiden erzählte man sich, daß in der Nacht, worin er gestorben, melodische Glockentöne von unbeschreiblicher Schönheit hoch in den Lüften gehört worden seien. Später vernahm man auch von Wundern, die an seinem Grabe sich ereignet haben sollten. Und 54 Jahr nach seinem Tode wurde sogar seine Heiligsprechung beantragt, und zwar von König Eduard J., von dem Kapitel der Paulskirche in London, und von der Universität Oxford zu gleicher Zeit. Begreiflich fand dieser Antrag beim päpstlichen Hofe Clemens‘ V. nicht die wärmste Aufnahme. Aber wenn auch Grossetete vom Papst nicht in das Verzeichniß der Heiligen aufgenommen wurde, so lebte er dennoch im Munde des Volkes als „der heilige Robert“ fort. Noch im Jahre 1503 hat ein englischer Mönch, Richard von Bardney, das Leben Grossetete’s in lateinischen Distichen besungen, an deren Schluß eine förmliche Anrufung desselben, als eines Heiligen, steht.

Wir rufen ihn so wenig als andere „Heilige“ an. Aber wie dem Patriotismus und kirchlichen Bewußtsein Englands das Bild des großen Kirchenfürsten Jahrhunderte lang als das vollendetste Muster eines ganzen Kirchenmannes vorschwebte, wie insbesondere Wiclif mit der größten Verehrung zu ihm aufzuschauen pflegte, so kann auch uns die Erinnerung an jenen Bischof voll Geist und Kraft, an jenen christlichen Charakter ohne Furcht und Tadel, nur zur Stärkung und Ermunterung dienen.

Gotthard Lechler in Leipzig.

Evangelisches Jahrbuch für 1856 Herausgegeben von Ferdinand Piper Siebenter Jahrgang Berlin, Verlag von Wiegandt und Grieben 1862

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