Wibrandis Rosenblatt

Wibrandis Rosenblatt

Brunn, Martin von – Einige Züge aus der Lebensbeschreibung der Frau Wibrandis Rosenblatt, Ehegattin des Dr. Oecolampadius

Unter die Merkwürdigkeiten aus den Zeiten der Reformation, im XVI. Jahrhundert, gehören auch die Schicksale der Wibrandis Rosenblatt, welche nicht nur mit dem Baslerischen Reformator, Dr. Joh. Oecolampadius (Hausschein) sich ebelich verbunden, und als eine verständige und fromme Person das Leben dieses christlich-thätigen Verfechters der evangelischen Wabrheit durch ihre Tugenden verschönert, sondern auch mit Dr. Wolfgang Capito, und Dr. Martin Bucer die äusserst denkwürdigen Schicksale getbeilt hatte, welche durch die rastlose Thätigkeit dieser achtungswürdigen Reformatoren veranlaßt, unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.

Diese Frau Wibrandis Rosenblatt wurde wahrscheinlich in Basel geboren, im Anfange des XVI. Jahrhunderts. Ihr Vater war Johannes Rosenblatt, Ritter und Feldoberst Kaiser Maximilians I. Als eine zwar arme, aber sittsame und schöne Person, verebelichte sie sich noch sehr jung mit M. Ludwig Cellarius (Keller); konnte sich aber, wegen des frühzeitigen Hinscheids desselben, dieser glücklichen Ehe nicht lange erfreuen.

Dr. Johannes Oecolampadius (Hausschein) der nicht lange hernach zu Basel seine gute, um sein Hauswesen treu besorgte, Mutter durch den Tod verloren batte, lernte diese bescheidene junge Witwe kennen, folgte im 44sten Jahre seines segensvollen Lebens dem Beyspiele seiner Freunde Zwingli und Capito, und trat im Jahr 1526. mit ihr in den heiligen Ehestand.

Ueber diese Veränderung seiner Lebensart, welche damals großes Aufleben crregte, schrieb er seinem Freunde, dem Reformator Farel, folgende Erklärung:

„Wenn du es noch nicht erfahren hast, so wisse, daß mir der HErr an die Stelle meiner gestorbenen Mutter eine recht christliche Schwester zur Gattin gegeben hat. Sie ist zwar arm, aber von ehrbarer Familie, ist Witwe, und seit einigen Jahren im Kreuztragen geübt. Ich wünschte zwar, sie wäre etwas älter; doch babe ich bis dahin noch keine jugendliche Ausgelassenheit an ihr wahrgenommen.

Bitte auch du den HErrn, daß unser Ehestand glücklich und dauerhaft seyn möge!“

Diese zufriedene Ehe wurde mit drei Kindern gesegnet, und Oecolampad folgte der ehrwürdigen Sitte frommer Patriarchen im alten Testamente, welche den Kindern bedeutungsvolle Namen gaben, ohne bloß der Eitelkeit ihrer Zeitgenossen zu schmeicheln, indem er den Sohn Eusebius (Frömmigkeit), die erste Tochter Irene (Friede), und die zweyte Alithea (Wahrheit) nannte. Frömmigkeit, Friede und Wahrheit waren ihm ja so theuer, daß er sie seinen Kindern nicht nur durch den Namen in Erinnerung bringen, sondern noch viel lieber ihrem Geiste und Herzen einprägen mochte.

Nicht lange aber freute sich der fromme Vater dieser liebenswürdigen Kinder, denn bereits in der Mitte des Wintermonats 1531 wurde er von einer tödtlichen Krankheit befallen. Am 22ten des genannten Monats, dem 15ten Tage seines Krankenlagers, berief er seine drey Kinder, von welchen das älteste erst drei Jahre zählte, und daher noch keines den Sinn seiner Worte verstehen konnte, legte ihnen die Hände auf’s Haupt, und sprach zu ihnen: „Mein Eusebi, meine Irene und Alithea, meine geliebten Kinder, liebet Gott euern Vater.“ – Die unmündigen Kindlein konnten dem sterbenden Vater zwar die Zusicherung noch nicht geben, dass sie seinem Wunsche entsprechen, und liebend dem ewigen Vater sich widmen wollten. An ihrem Platze aber versprach es die fromme Mutter Wibrandis, welche mit treuer Sorgfalt den sterbenden Vater Oecolampadius pflegte. Er wandte sich daher nochmals an diese seine treue Gefährtin des Lebens, und empfahl die nemliche, ihm so äusserst wichtige Sorge seiner geachteten Schwiegermutter, indem er an beide mit folgengen Worten sich wandte: „Ich will euch hiermit ermahnt haben, allen Fleiß anzuwenden, daß diese, meine Kinder, nach Anweisnug ihrer Namen fromm, friedram und wahrhaft werden.“ Als ihm dann die treue Beobachtung dieser Ermahnung versprochen worden war, so entließ er diese seine Lieben, um sich die letzte Nacht seines Lebens in feyerlicher Stille dem HErrn zu wiedmen. So verlor Frau Wibrandis den 23. Wintermonat 1531 durch den zeitlichen Tod den besten Gatten, und ihre Kinder den wohlmeinendsten Vater, den gelehrten und frommen Oecolampad.

Von seinen drey Kindern ist uns bloß soviel bekannt, daß Eusebius, welcher von Jugend auf kränklich war, im Jahr 1541 in Straßburg bey Capito sein jugendliches Leben endigte: Alithea verheirathete sich im Fahr 1548 mit Christ. Solius, einem Prediger zu Straßburg; und Irene soll sich im Jahr 1569 an Joh. Lukas Iselin, von Basel, verheirathet haben. Es ist aber wahrscheinlicher, daß sie hier mit der Irene Capito verwechselt wird, indem genannter Joh. Lukas Iselin erst im Jahr 1549 geboren ist.

Schmerzlich war Oecolampads Hinscheid für die nun zum zweiten Male verwitwete Wibrandis; aber Gott, dem der Sterbende seine Theuern empfohlen hatte, und der fromme Witwen und Waisen nie verläßt, sorgte wieder auf’s väterlichste für Oecolampad’s arme Hinterlassene, indem Er es so lenkte, daß Dr. Wolfgang Capito (Köpflin) der vertrauteste Freund des Verstorbenen, ebenfalls ein Reformator und Prediger zu Straßburg, die Frau Wibrandis Rosenblatt zur Gattin wählte.

Doch auch diesen unvergleichlichen Mann sollte sie nicht lange besitzen; denn in eben dem Jahre, da ihr lieber Eusebius gestorben war (1541), ging auch Capito, als er kaum vom Reichstage zu Regensburg zurückgekommen, und von der leidigen Pest befallen worden war, in die ewige Ruhe ein.

Nun bewarb sich der berühmte Dr. Martin Bucer um ihre Hand, welcher ein vertrauter Freund ihrer beyden letztgestorbenen Gatten, Capito’s treuer Amtsgehülfe und einer der thätigsten Beförderer der Reformation war.

Mit ihm zog sie im Jahr 1549 nach England, als Dr. Bucer Professor der Gottesgelehrtheit auf der Universität zu Cambridge wurde, wo er schon im Fahr 1551 in das bessere Leben einging, und des ewigen Friedens theilhaftig wurde, den er unter den Evangelischen herzustellen sich vergebens bemüht hatte. Durch diese Abrufung Gottes in die stillen Wohnungen des ewigen Friedens wurde er auch gesichert vor den Nachstellungen seiner Feinde, die unter der Königin Maria (1556) seine Gebeine aus der Grabesrube hervor rissen, und verbrannten.

So wehe dies der zum vierten Male verwitweten Frau Wibrandis thun mußte, so hatte sie doch Ursache, Gott zu danken, daß sie in Basel, wohin sie sich nach Bucer’s Tod begeben hatte, einen sichern Zufluchtsort finden konnte.

Nachdem sie durch ihre merkwürdigen Schicksale die Wahrheit des Wortes: Wir baben hienieden keine bleibende Stätte, sondern die Zukünftige suchen wir, vielfältig zu erkennen Gelegenheit hatte, wurde auch sie den 1. Nov. 1564 aus dieser Prüfungszeit abgerufen, und von ihren hinterlassenen im Kreuzgange des Münsters zu Basel in dem Grabe ihres 33 Jahre früher vollendeten Oekolampadius feyerlich zur Erde bestattet.

Auf ihren Leichenstein ward folgende Innschrift gesetzt:

Fraw Wiprand Rosenblatt, etwann M. Ludovici Kellers, Dr. Johannis Oecolampadii, D. Wolfgangi Capitonis, D. Martini Buceri seligen Herren, verlassene Wittfraw, ist verschieden im HErrn den 1. Nov. 1564.

Schön ist ein Leben dem Ew’gen geweiht!
Fordert’s der Kämpfe auch viele,
Führts doch im eilenden Strome der Zeit
Hin zu dein herrlichsten Ziele.
Wahrheit und Tugend war, Oecolampad!
Heilig im Thun dir und Streben,
und als Gefährtin auf glorreichem Pfad
Ward dir Wibrandis gegeben.
Gott! der dich frühe zur Heimath abruft,
Prüft sie auf angstvollen Wegen
Und weiht, vereint in friedlicher Gruft;
Euch seinen göttlichen Segen.

 

Katharina, Gräfin von Schwarzburg.

(geb. 1509, gest. 1567.)

„Meinen Unterthanen muß das Ihrige wieder werden, oder bei Gott!!“

Katharina von Schwarzburg, geborne Fürstin von Henneberg, geb. 1509, war die Gemahlin Heinrichs von Schwarzburg (geb. d. 23. März 1499), verlor jedoch diesen ihren Gemahl schon den 12. Juli 1538 und überlebte denselben um 29 Jahre. Sie wird als eine kluge Fürstin, als eine wahre Mutter ihres Volkes, besonders auch als eine heldenmüthige Frau gerühmt. Von ihrem Heldenmuthe hat uns die Geschichte folgendes auffallendes Beispiel bewahrt.

Als im Jahre 1547 Kaiser Karl der Fünfte nach der Schlacht bei Mühlberg mit seinem Kriegsheere durch Thüringen zog, kam eine Heeresabtheilung, meistens aus Spaniern bestehend und von dem furchtbaren Herzog von Alba angeführt, in die Nähe von Rudolstadt. In der ganzen Umgegend hatte sich der Ruf von der unersättlichen Raubgier und Mordlust der siegestrunkenen kaiserlichen Truppen verbreitet, und die Gräfin Katharina für das Wohl ihrer Unterthanen mehr als für ihr eigenes besorgt, hatte von dem Kaiser Karl einen Schutzbrief auszuwirken gewußt, daß ihre Unterthanen von den durchziehenden spanischen Truppen nichts zu leiden haben sollten. Dagegen versprach sie, allerlei Lebensmittel als Brod, Fleisch, Bier u. dgl. gegen billige Bezahlung an die Saalbrücke schaffen zu lassen, um die Truppen zu versorgen. Die Brücke, welche damals, ganz nahe bei der Stadt, über die Saale führte, ließ sie aus kluger Vorsicht in aller Geschwindigkeit abbrechen und an einer von der Stadt weiter entfernten Stelle wieder aufrichten, damit die Soldaten nicht so leicht in die Stadt eindringen könnten. Zugleich erlaubte sie den Einwohnern aller Ortschaften, durch welche der Heereszug ging, ihre besten Habseligkeiten auf das Schloß nach Rudolstadt in Sicherheit zu bringen. Nach solchen zweckmäßigen Maßregeln erwartete sie ruhig die Ankunft des kaiserlichen Heeres. Mittlerweile näherte sich der gefürchtete spanische General, Herzog v. Alba, vom Herzog Heinrich v. Braunschweig und dessen Söhnen begleitet, der Stadt, und bat sich durch einen reitenden Boten bei der Gräfin auf ein Morgenbrod zu Gaste. Eine solche Bitte, von dem Anführer eines Heeres gethan, konnte nicht wohl abgeschlagen werden. Man würde geben, was das Haus vermöchte, war die Antwort; der Herzog möchte kommen und vorlieb nehmen. Dabei unterließ sie aber nicht, dem Herzog v. Alba die gewissenhafte Beobachtung des erhaltenen Schutzbriefes nochmals dringend ans Herz zu legen. Die Gäste kamen, wurden freundlich empfangen und an einer wohlbesetzten Tafel auf dem Schlosse so gut als möglich bewirthet. Herzog v. Alba muß gestehen, daß die thüringischen Damen eine gute Küche führen und auf die Ehre des Gastrechts halten. Kaum hatte man sich gesetzt, als in ängstlicher Hast ein Eilbote die Gräfin aus dem Saale ruft. Es wird ihr gemeldet, daß die spanischen Truppen, des kaiserlichen Schutzbriefes nicht achtend, auf den Dörfern plünderten, Geld erpreßten, das Vieh wegtrieben und an den Bauern allerlei Grausamkeiten verübten. Katharina war eine Mutter ihres Volkes; was ihren Unterthanen widerfuhr, war ihr selbst zugestoßen. Sie war daher über diese Wortbrüchigkeit äußerst entrüstet, befiehlt auf der Stelle ihrer ganzen Dienerschaft, sich in aller Geschwindigkeit und Stille zu bewaffnen, die Thore und Schloßpforten wohl zu verriegeln und Niemanden ein- noch auszulassen, und dann ihres Winkes gewärtig zu sein. Hierauf begibt sie sich wieder in den Saal, wo die Fürsten noch fröhlich bei Tische sitzen. An den Herzog v. Alba sich wendend klagt sie in den beweglichsten Ausdrücken, wie schlecht man das gegebene Kaiserwort halte, und begehrt von ihm einen schriftlichen Befehl an die Soldaten, daß sie ihren Unterthanen das geraubte Vieh und Geld wiedergeben und sich aller ferneren Gewaltthätigkeiten enthalten sollten. Herzog v. Alba schien sich nicht dazu verstehen zu wollen und erwiderte kalt und gefühllos, daß dieß einmal Kriegsgebrauch sei und daß bei einem Durchmarsche von Truppen dergleichen kleine Unfälle nicht zu verhüten wären. „Das wollen wir doch sehen,“ – antwortete sie aufgebracht, – „meinen armen Unterthanen muß das Ihrige wieder werden, oder, bei Gott!“ indem sie drohend ihre Stimme anstrengte, – Fürstenblut für Ochsenblut!“ – Mit dieser kurzen Erklärung verließ die Gräfin das Zimmer. In wenigen Augenblicken war dasselbe von Bewaffneten erfüllt, die, mit dem Schwerte in der Hand, doch mit vieler Ehrerbietigkeit, hinter die Stühle der Gäste sich stellten und das Frühstück bedienten. Beim Anblick dieser kampflustigen Schar veränderte Herzog v. Alba die Farbe. Stumm und betreten sah man einander an. Abgeschnitten von der Armee, von überlegenen handfesten Männern umgeben, blieb ihm nichts übrig, als sich in Geduld zu fassen, und auf welche Bedingung hin es auch sei, die beleidigte Dame zu versöhnen. Er zog den Herzog von Braunschweig auf die Seite und fragte ihn, ob wirklich ihr Leben in Gefahr sei? – „Allerdings,“ – erwiderte der Herzog, – „die deutschen Frauen sind muthig und entschlossen und lassen sich nicht ungestraft beleidigen.“ Herzog v. Alba schrieb schweigend den verlangten Befehl und ließ ihn der Gräfin einhändigen. Dieser wurde sogleich an die Armee abgeschickt und ohne Verzug das geraubte Vieh und Geld den Eigenthümern wieder ausgeliefert. Sobald die Gräfin von der Zurückgabe des geraubten Nachricht erhielt, bedankte sie sich schönstens bei ihren Gästen und forderte den Fürsten ihr Ehrenwort ab, sich wegen des Vorganges weder an ihr, noch an ihrem Lande zu rächen. Dieses wurde ihr gegeben. Der Herzog v. Braunschweig kehrte den ganzen Vorfall in’s Lustige und hielt der Gräfin eine Lobrede über ihre landesmütterliche Sorgfalt und den entschlossenen Muth, den sie bewiesen. Friedlich und höflich nahmen nun die Fürsten Abschied von der Gräfin.

Ohne Zweifel ist es diese Begebenheit, welche der Gräfin den Beinamen der Heldenmüthigen erworben.

Auch verdient noch ihre standhafte Thätigkeit erwähnt zu werden, mit welcher sie in ihrem Lande die Reformation, die schon durch ihren Gemahl Graf Heinrich XXXVII. eingeführt worden war, beförderte und befestigte, das Mönchswesen abschaffte und Kirchen und Schulen verbesserte. Alle diejenigen, welche wegen der reinen Lehre des Evangeliums Verfolgungen zu erleiden hatten, fanden bei ihr Schutz und Beistand. Unter andern nahm sie einen gewissen Caspar Aquilla in Schutz und rettete ihn von einem schmählichen Tode. Dieser Aquilla, Pfarrer zu Saalfeld, war früher als Feldprediger mit der kaiserlichen Armee in die Niederlande gegangen und hier, weil er sich geweigert, eine Kanonenkugel zu taufen, von den rohen Soldaten in einen Feuermörser geladen worden, um in die Luft geschossen zu werden; ein Schicksal, dem er noch glücklich entging, weil das Pulver nicht zünden wollte. – Jetzt kam er das zweite Mal in Lebensgefahr. Der Kaiser Karl der Fünfte hatte im Jahre 1548 auf dem Reichstage zu Augsburg ein Gesetz gegeben, wie es bis zur bestimmten Entscheidung auf einer allgemeinen Kirchenversammlung mit der Kirchenverfassung, der Lehre und den Gebräuchen in Deutschland gehalten werden sollte. Gegen diese Verordnung, Interim genannt (einstweiliges Gesetz), welche den Protestanten eben nicht günstig war, weil sie alle alten Lehrsätze und Gebräuche bestätigte, hatte Aquilla heftig auf der Kanzel geeifert. Ueber diesen freimüthigen Prediger heftig erzürnt, hatte der Kaiser einen Preis von 5000 Gulden auf seinen Kopf gesetzt. Die Gräfin Katharina ließ ihn heimlich auf das Schloß bringen, verbarg ihn mehrere Monate und pflegte seiner in thätiger und edelmüthiger Menschenliebe, bis er sich wieder ohne Gefahr sehen lassen konnte.

Katharina starb im Jahre 1567, von ihren Unterthanen allgemein verehrt und schmerzlich betrauert, im 58. Jahre ihres thätigen und ruhmwürdigen Lebens und im 29. ihrer segensreichen Regierung. Ihre Gebeine ruhen in der Hauptkirche zu Rudolstadt.

Sir. 4, 27-29.33. Bekenne das Recht frei, wenn man den Leuten helfen soll; denn durch Bekenntniß wird die Wahrheit und das Recht offenbar. Vertheidige die Wahrheit bis in den Tod, so wird Gott der Herr für dich streiten.

Argula von Grumbach

Diese geistreiche, gottselige und heldenmüthige Frau stammte aus dem uralten adeligen Geschlechte der Herren von Stauffen in Baiern, welches von dem Schwäbischen Geschlechte gleiches Namens zu unterscheiden ist. Ihr Großvater, der Stifter der Ehrenfelsischen Linie des Bairischen Hauses von Stauffen, und Kanzler des Herzogthums Baiern, war einer von den drei großen Bairischen Hansen. So nannte man nehmlich die drei Herren Hans von Stauffer, Hans von Degenberg und Hans von Eichberg, weil sie in der innigsten Freundschaft miteinander lebten, von großen Verdiensten um das Land und alle drei zugleich sehr ansehnlichen Leibes waren. Argula’s Vater hieß Bernhardin, und ihre Mutter Katharina von Theting (oder Dörring). Das  Jahr ihrer Geburt ist unbekannt.

Ihr Vater muß ein frommer christlicher Mann gewesen sein, denn er schenkte seiner Tochter an ihrem zehnten Geburtstage eine schöne, neue, deutsche Bibel, und ermahnte sie mit ganzem Ernst, dieselbe ja recht fleißig zu lesen. Aber die Bettelmönche, damit sehr unzufrieden, prägten dem Mägdlein ein, die Bibel sei ein Verführbuch, und tauge am wenigsten für Kinder. Das fromme Kind wollte sich nicht selbst verführen, uns folgte darum den verführerischen Pfaffen, ließ die Bibel ungelesen und lernte dafür Menschentand. Als sie zur Jungfrau herangewachsen war, kam sie an den Bairischen Hof, und erhielt dort nach alter deutscher Hofsitte weitern Unterricht in allen den Künsten und Wissenschaften, in denen ein adelig Fräulein damaliger Zeit wohlerfahren sein mußte; vor Allem rühmt sie die gute Zucht und die Gottesfurcht der Herzogin: von Baiern, in deren Dienste sie war. Ihr Vater, der ebenfalls im Dienste des Herzogs von Baiern stand, erwarb sich dadurch wohl einen ehrenvollen Namen bei Hofe, aber desto weniger Vermögen, ja, er setzte noch das, was er besaß, dabei zu; ein Zeichen, daß er seinem Herzog durchaus treu und redlich gedient hat. Gott, wollte unsere Argula frühzeitig in die Schule der Trübsal führen, damit sie ihn suchen und finden möchte, und für die Zeit, wo sie um seines Namens willen leiden sollte, Geduld im Unglück lernen könnte. Sie war noch sehr jung, als ihr innerhalb fünf Tagen Vater und Mutter durch den Tod entrissen wurden. Ohne Aeltern, ohne Vermögen, ohne den Trost des Wortes Gottes, fühlte die Waise sich ganz verlassen und weinte darüber Tag und Nacht. Der Herzog Wilhelm von Baiern, der Sohn der Herzogin, in deren Dienste Argula stand, und der ihr Obervermund war, Sah sie einstmals so weinen, trat zu ihr, und tröstete sie mit den Worten, sie sollte nicht so weinen, er wolle nicht blos ihr Landesfürst, sondern auch ihr Vater sein. Der edle Herr hat sein Wort gehalten, und wenn ihn die Pfaffen nicht betrogen hätten, so würde Argula nicht viel mehr von zeitlicher Noth zu sagen gewußt haben.

An des Herzogs Hofe lernte sie der Fränkische Baron Friedrich von Grumbach (oder Grünbach) kennen; und verheirathete sich mit ihr; in welchem Jahre, ist ebenfalls ungewiß. Gott segnete diese Ehe mit vier Kindern. Argulas Gemahl war in Herzoglich Bairischen Diensten, und einen ihrer Söhne nahm der Herzog ebenfalls an seinen Hof.

Um diese Zeit ging in Wittenberg das Licht des Evangeliums auf, und verbreitete seinen hellen Schein blitzesschnell durch alle Lande. Die Völker, die bisher so lange in Finsterniß gesessen hatten, erschraken zuerst über den hellen, gewaltigen Glanz wie die Hirten in der heiligen Weihenacht, und Vieler Augen konnten ihn lange nicht ertragen, Man war zwar des päbstlichen Joches herzlich müde, und die ernsteren Gemüther hatten es immer mit tiefem Schmerze gefühlt, daß ein Mensch durch seine eigenen Werke niemals zum wahren Frieden kommen kann; aber die Furcht vor dem päbstlichen Bann hielt alle in unwilligem Gehorsam. Um so mehr erstaunte man nun über den einzelnen, kühnen Mönch, der es im Namen Gottes wagte, dem Statthalter Gottes an die Krone zu greifen, und sich vor dem nicht fürchtete, der Kaisern und Königen auf den Nacken trat und sich rühmte, daß er die Schlüssel zu Himmel und Hölle allein in seinen Händen habe. Wie eine Heldengestalt, aus den Riesengräbern der Vorzeit wieder auferstanden, Vertrauen und Furcht zugleich erweckend, stand Luther da vor aller Augen, und sein Name war in aller Munde. – Argula vernahm auch bald von der neuen Lehre, und suchte sich eine genaue Kenntniß derselben zu verschaffen. Der Bairische Theologe von der Universität zu Ingolstadt, D. Eck, war Luthers gewandtester und heftigster Gegner; am Bairischen Hofe war Luther arg verleumdet und nicht wohl gelitten; der Bairische Adel theilte sich, wie überall, in zwei Partheien, der kleinste Theil desselben neigte sich Luthern zu; das Volk machte Anstalten, die christliche Freiheit in eine fleischliche Empörung zu verwandeln; Argula’s Gemahl scheint selbst nicht zu Luthers Freunden gehört zu haben: wäre es unter solchen Umständen zu verwundern gewesen, wenn sie den Lügen über die Wittenberger Glauben geschenkt und sich auch hätte verblenden lassen? Leichtsinn war aber nicht ihr Sinn, ihr Seelenheil lag ihr wahrhaft am Herzen; auch kannte sie den Hof, die Klerisei und den meisten Adel viel zu gut, als daß sie sich danach hätte richten sollen, was diesen gefiel, was sie sagten und thaten. Sie nahm also das edle Geschenk ihres Vaters, ihre lang vergessene Bibel wieder zur Hand, und so übel sie auch verdeutscht sein mochte, so verstand sie doch so viel daraus, daß sie einsah, dasjenige, was sie von Luthers Lehre gehört hatte, sei wirklich in der Schrift gegründet, und der Ruhm ihrer Pfaffen, als könnten sie Luthern überwinden, möge wohl grundlos sein. Um sich nun genau davon zu unterrichten, schrieb sie an den Chursächsischen Hofprediger Spalatinus, und bat ihn ihr die Titel von Luthers Büchern aufzuzeichnen, damit sie sich dieselben verschaffen könnte, und nicht mit untergeschobenen betrogen würde. Spalatinus erfüllte ihren Wunsch; sie las, was Luther in deutscher Sprache geschrieben hatte, und daraus ging ihr bald das Licht auf über die ganze heilige Schrift: Gott senkte durch das Wort den heiligen Geist in ihr Herz, und bald war sie eine gläubige, wahre Christin und erklärte Anhängerin der Reformatoren. Auch ihr Bruder Bernhard wurde von der Wahrheit des Evangeliums ergriffen, und bekannte sich schon im Jahre 1520 öffentlich zu der reinen Lehre des Wortes Gottes, wie es durch Luthern anfing in Wittenberg gepredigt zu werden. Er ließ auf seinem Gute Beretzhausen das Evangelium predigen und die Bürger von Nürnberg benutzten fleißig diese Gelegenheit, Gottes Wort zu hören. Späterhin, 1536 oder 1542, hielt er auch in seinem Hause zu Regensburg, dem sogenannten Stauffischen Hause((Vor hundert Jahren ist dieses Stauffische Haus der Gasthof zum grünen Strauß gewesen; wie es jetzt damit steht, weiß ich nicht.))  einen eigenen Prediger, der die päbstlichen Irrthümer abthun und den Seelen den Weg zu Christo, dem einzigen Heilande, zeigen sollte.

Wie fleißig Argula die heilige Schrift gelesen, wie gut sie sie verstanden und wie sorgfältig sie Luthers und Melanchthons Schriften damit verglichen hat, davon geben ihre herrlichen Briefe gültiges Zeugniß. Es blieb aber bei ihr nicht beim blosen Lesen und Schwatzen darüber, sondern das Wort Gottes wurde in ihr zur Kraft und zur That. Sie konnte sich mit gutem Gewissen rühmen, das sie durch Gottes Gnade ihre häuslichen Pflichten treulich und mit Freuden erfüllt, und ihren Gemahle mit ihrem Wissen nie zu einer Klage Veranlassung gegeben habe.  Ihr Gesinde und ihre Unterthanen hielt sie ebenfalls in Christlicher Gunst zu Gottesfurcht und Gottes Wort an, wie es christlicher Herrschaften Schuldigkeit ist. Ja, sie benutzte jede Gelegenheit, die ihr Gott gab, wo sie einen Sünder bekehren und einem Irrenden den rechten Weg zum ewigen Leben in Jesu Christo zeigen konnte. Leider haben wir weiter keine Nachrichten über ihr häusliches Leben; christliche Frauen werden sich aber leicht aus der heiligen Schrift und ihrer eigenen Erfahrung ein Bild davon entwerfen können.

Das für uns merkwürdigste Jahr ihres Lebens ist das Jahr 1523. Dieses gab ihr die Gelegenheit, der ganzen Welt ihren christlichen Heldenmuth zu zeigen, dieses hat ihren Namen berühmt gemacht, ihr aber auch alle die schweren Leiden verursacht, die sie um Christi Willen erdulden mußte, und heldenmüthig durch Christum geduldet hat.

Es war zu Ingolstadt an der Donau ein junger Magister der freien Künste((Man zählte damals deren sieben: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie.)),  Arsatius Seehofer; kaum 18 Jahre alt, der Sohn ehrsamer und wohlhabender Aeltern aus München. Dieser hatte aus Luthers und Melanchthons Schriften die christliche Wahrheit zu erkennen angefangen, und in Schriften und Vorträgen öffentlich bekannt gemacht. Die Professoren der Universität zu Ingolstadt zogen aus diesen Schriften Seehofers, wie sie sagen „mit inbrünstigem, ernstlichern Fleiße“, siebzehn Punkte heraus, welche sie für ketzerisch erklärten, ließen den Magister ins Gefängniß werfen, lange darin schmachten, und brachten es endlich, nachdem sie ihn auf Herzog Wilhelms Befehl aus dem Gefängniß unter der Bedingung, daß er widerrufen wolle, hatten entlassen müssen, durch Androhung des Feuertodes bei ihm dahin, daß er die 17 Artikel öffentlich und feierlich am 7. September 1523 widerrief. Die Artikel sind folgende:

1). Der Mensch wird vor Gott allein durch den Glauben gerecht.

2) Die Gerechtigkeit vor Gott besteht darin, daß uns Gott dieselbe zurechnet, ohne unsere Werke anzusehn.

3) Der Mensch kann diese Rechtfertigung sich durch keinerlei Werke oder Verdienst erwerben.

4) Gott allein macht uns gerecht dadurch, daß er uns seinen Geist eingießt, ohne alle unsere Werke.

5) Wir sollen auf unsere guten Werke gar keine Hoffnung oder Zuversicht setzen.

6) Es ist unmöglich, daß der Glaube nicht sollte gute Früchte oder Werke hervorbringen.

7) Wenn die Schrift sagt, daß die guten Werke belohnt werden, so soll man das so verstehen, daß wir nichtsdestoweniger durch den Glauben selig werden.

8) Diejenigen, welche es sich unterstehen, durch ihre guten Werke sich gerecht und gut zu machen, die bauen nicht auf einen Felsen, sondern auf Sand.

9) Man soll in der Kirche Keinem etwas glauben, außer was er gewiß und klar beweist aus dem Worte Gottes.

10) Es soll kein Mensch in der christlichen Kirche etwas thun oder lehren, was Gott nicht gewißlich angegeben, gelehrt oder geboten hat.

11) Ein Bischof darf nichts anderes, als das Wort Gottes lehren.

12) Ein Bischof ist der, der das Amt hat, Gottes Wort zu predigen.

13) Wenn ein Mann rechtlich von seinem Weibe geschieden wird, so hat er Macht, eine andere zu nehmen, ebenso darf sich die Frau  einem andern vermählen, ausgenommen, wenn man dem, der daran schuld. ist, daß die erste Ehe geschieden ist, verbieten wollte, eine andere einzugehn.

14) Man soll nicht schwören, ausgenommen zu Gottes Ehre und des Nächsten Nutzen, um zeitlicher Güter willen zu schwören, ziemet sich nicht.

15) Wer einen Eid von einem andern fordert, der muß nothwendig ein argwöhnisches, untreues, boshaftiges und leichtfertiges Gemüth haben, auch wenig Ehrfurcht vor Gottes Wort.

16) Das Gesetz Mosis fordert vom Menschen, was er nicht leisten kann.

17) Daß das Evangelium Christi nicht Geist sei, sondern Buchstabe, ist falsch.

Wer nur ein wenig im wahren Christenthume unterrichtet ist, wird sogleich erkennen, das gegen diese Behauptungen Seehofers, die fünfzehnte ausgenommen, die man ihm zu gut halten darf, nichts Gründliches aus der heiligen Schrift vorgebracht werden kann, sondern daß sie vielmehr ganz mit der Bibel übereinstimmen. Aus welchen Gründen die Universität zu Ingolstadt diese siebzehn Artikel für ketzerisch erklärt hat, kann man aus Luthers Schrift dagegen, die hier mit abgedruckt ist, zur Genüge erleben. Die Eidesformel, mit welcher Seehofer diese sogenannten Ketzereien abschwören mußte, war folgende:

Ich, Arsatius Seehofer von München, der freien Künste Meister, schwöre auf das heilige Evangelium, das ich in meinen Händen habe, und bekenne hier mit dieser Schrift, die ich mit meiner eigenen Sand geschrieben habe, und mit meinem eigenen Munde vor Euch, Rector und Räthen und der ganzen hohen Schule der löblichen Universität zu Ingolstadt, hiermit lese und ausspreche: wiewohl ich vor dieser Zeit mit der frevelhaften, falscher, irrigen, lutherischen Ketzerei in Verdacht und mannichfaltig befleckt gewesen bin, so daß ich sie auf manche Weise durch lehren, schreiben und vertheidigen ausgebreitet und nach meinen Kräften damit getäuscht habe; weshalb ich denn in der obengemeldeten, meines Herrn Rectors und der Räthe der Universität, Gefängniß gekommen bin, und eine Strafe (wie denn eine solche nach allgemeinen Rechten den Vertheidigern der Ketzereien aufgelegt werden soll) verschuldet hatte; so habe ich doch bei denselbigen aus besonderem Befehl und Verordnung der Durchlauchtigen, Hochgeborenen Fürsten und Herren, Herrn Wilhelm und Herrn Ludwig, Gebrüdern, Pfalzgrafen am Rhein u. s. w. die Gnade erlanget, daß solche ernstliche Strafe gegen mich ab- und eingestellt worden ist, unter der Bedingung, das ich’s jetzt soll demüthig erkennen und widerrufen. Hierauf so bekenne ich hiermit, daß Alles, das in meinen Vorlesungen durch mich aus den Schriften Philippi Melanchthons gelesen, auch sonst durch mich geredet und geschrieben, und jetzt hiervor durch den Notarius der Universität verlesen ist, eine rechte Erzketzerei und Büberey sei, daß ich auch denselben (Schriften Melanchthons) allen, wie von Päbstlicher Heiligkeit, Kaiserlicher Majestät und obengenannten meinen gnädigen Herrn verboten ist, nimmermehr anhangen oder sie gebrauchen, sondern, wie einem frommen Christen gebührt, alles dasjenige, was die heilige Römische, christliche Kirche, die heiligen Concilia geordnet und gesetzt haben, und was durch einen ehrbaren, geistlichen Brauch angenommen worden ist, halten wolle, und mich mit meinem eigenen Leibe in das Kloster Eetal((So schreibt M. Rieger den Ort; ich weiß nicht, wo er liegt.)) stellen, daraus ohne besondern Befehl unseres gnädigen Herrn nicht kommen, endlich auch kein lutherisches Buch lesen noch herausgeben wolle. Das helfe mir Gott, der Allmächtige, u. s. w.

Als M. Seehofer auf diese Weise seinen Herrn Christum verläugnet hatte, stürzten ihm, wie Argula erzählt, die Thränen in Strömen über die bleichen Wangen. Da trat ein Jurist zu ihm, und frug ihn, was er so weine? ob er noch ein Ketzer sei? Ich weiß nicht, kam die Frage aus Mitleid oder aus Verdacht; ob Arsatius geantwortet habe, wird uns nicht gemeldet, aber wohl, daß er bald darauf in ein Kloster zu hartem Gewahrsam abgeführt worden ist. Sein Gewissen ließ ihm aber keine Ruhe, und er suchte aus dem Kloster zu entkommen. Auf welche Weise ihm das gelungen sei, wissen wir nicht; es wird aber gemeldet, daß Arsatius Seehofer, nachdem er aus seinem Kloster geflohen war, sich nach Wittenberg zu D. Luther begeben, seinen Fall und seine Verläugnung Christi bekannt und Absolution darüber empfangen habe. Luther schickte ihn darauf nach Preußen zum Hochmeister des deutschen Ritterordens, Markgraf Albrecht von Brandenburg, wo er etwas anderthalb Jahr lang das Evangelium predigte. Weil er aber das dortige Klima nicht wohl vertragen konnte, ging er wieder nach Wittenberg. Im Jahre 1534 finden wir ihn zu Augsburg als Lehrer in der zweiten Klasse der, St. Annenschule daselbst. Als Herzog Ulrich von Württemberg sein Land wiedererobert hatte, ging Arsatius 1536 nach Stuttgart, wurde von D. Erhard Schnepf examiniert, und darauf zum Pfarrer und Prediger des göttlichen Wortes nach Leonberg berufen, wo er der Kirche gegen drei Jahre treulich und fleißig gedient hat. Von dieser Stadt Leonberg wurde er zur Stadtpfarrer Winnenden im Remsthale befördert, wo er zur Vertheidigung seiner Lehre gegen allerlei Lästerer und Feinde seine lateinische Postille oder Auslegung der sonntäglichen Evangelien im Jahre 1539 geschrieben hat. Dieser Postille sind einige Fragestücke, angehängt, welche er allen evangelischen Predigern zu gut über die vornehmsten Hauptstücke der christlichen Religion aufgelegt hatte; auch einige Sätze von der Messe, dem Fegfeuer und dem päbstlichen Ablaß. Dieses beides soll, nach M. Riegers Nachrichten darüber, eine ziemlich vollständige und ächt evangelische Unterweisung sein, welche wegen ihrer Gründlichkeit, Deutlichkeit und Erbaulichkeit, nicht wenig Nutzen gestiftet haben wird. Nachdem Seehofer zu Winnenden sechs Jahre lang das Evangelium gepredigt hatte, ist er an seinem Seitengeschwür in christlichem Bekenntniß selig entschlafen. In seiner vielfachen Bedrängniß hat er sich öfter an seine Aeltern gewandt und um Unterstützung gebeten, aber allezeit abschlägliche Antwort erhalten. Er hat dies mit christlichem Herzen ertragen, und sich getrost Gott dem Allmächtigen befohlen, auch seine Aeltern deswegen entschuldigt, als ob sie aus Furcht vor ihrem Landesfürsten solches hätten unterlassen müssen.- Ich habe diese Nachrichten über M. Seehofer hier deshalb mitgetheilt, damit man sieht, daß Argulas Hoffnung, die sie mehrmals über ihn ausgesprochen hat, in Erfüllung gegangen,

Wir kehren nun zum Jahre 1523 zurück. Kaum war dieser Gräuel zu Ingolstadt geschehen, so meldete es ein Bürger von Nürnberg an unsere Argula, schickte ihr die siebzehn Artikel, die Widerrufsformel des Arsatius und eine ausführliche Erzählung des ganzen Vorfalls zu, und schrieb dabei ziemlich spöttisch über die Universität und den Herzog von Baiern. Argula schrieb demselben zurück, und entschuldigte den Herzog, so gut sie konnte, indem sie darauf hinwies, daß der Herzog es ja gewesen, durch den Arsatius aus dem Gefängniß befreit worden sei, und daß er gewiß über den Arsatius falsch berichtet worden sein müsse, sonst würde er nicht in dieses grausame und gottlose Verfahren der Universität gewilligt haben, dazu sei sein Gemüth zu christlich. Sie war aber über diese Mißhandlung des achtzehnjährigen Kindes, wie sie sich ausdrückt, so empört, daß sie gleich willens war, der Universität zu schreiben, und ihr ihr Unrecht auseinanderzusetzen. Indessen ließ sie sich durch den Spruch des Apostels Paulus, daß die Weiber in der Kirche schweigen sollen, davon abhalten, obwohl es ihr, nach ihrem eigenen Geständnisse, schwer ward und viel Kummer machte. Sie hoffte täglich, es würden Männer auftreten, und diese Unbill öffentlich rügen, die dem armen Arsatius öffentlich angethan war. Es geschah aber nicht. Länger als acht Tage konnte nun Argula auch nicht warten, und so schrieb sie denn am Sonntage nach der Erhöhung des heiligen Kreuzes, den 15. September 1523, ihre gewaltige Strafepistel an die Universität zu Ingolstadt. In derselben erbot sie sich, nach Ingolstadt zu kommen, und mit den Professoren über die heilige Schrift zu disputieren, wenn dieselben den Muth und Willen dazu hätten, und zwar in Gegenwart der drei Fürsten von Baiern und des ganzen Volks; so gewiß war sie ihrer Sache. Sie hoffte zwar, die Herrn Professoren würden so klug sein und die Sache geheim halten da es aber wohl möglich war, daß man sie beim Herzog Wilhelm verleumden würde, so schrieb sie noch denselben Sonntag Abend ihren vortrefflichen Entschuldigungs- und Ermahn-Brief an den Herzog, und übersandte ihm eine Abschrift ihres Fehdebriefes an die Universität. – Herr D. Eck hielt es für zu schimpflich, mit einem Weibe zu disputieren, und schickte ihr Rocken und Spindel, damit sie dabei in der Spinnstube mit ihresgleichen Wäscherinnen plaudern möchte, so lange sie wollte; und die Sache wurde theils durch die Universität, theils durch den Hof bald überall bekannt. Man machte ein lustiges Histörchen daraus, spottete und lästerte über die edle Argula, was nur aus dem Munde wollte, und ehe ein Monat vergangen war, war sie das Liedlein aller Leute (Ezech. 33, 32.). So gering aber die Universität die Sache zu nehmen schien, so bitter war ihnen doch die Arznei, die ihnen von Frau Argula eingeschenkt war, eingegangen, und sie dachten in ihren Herzen nur darauf, wie sie die heldenmüthige Zeugin Christi bald von dieser Welt schaffen könnten; das war ihre beste Art, Recht zu behalten, und ihre Sache zu vertheidigen. Argula erfuhr das, und schrieb daher Sonntagabends, den 27. October 1523, an den Rath der Stadt Ingolstadt, übersandte demselben auch eine Abschrift ihrer Epistel an die Universität und bat, dieselbe zu lesen, damit sie in der Sache wohl unterrichtet würden und sich nicht verführen ließen.

Argula’s Verwandte hatten auch eben keinen Gefallen an ihrem Schritte, und ihr Zorn ging so weit, daß sie drohten, sie würden sie einmauern lassen, wenn ihr Gemahl nicht dazu thäte. Deshalb schrieb sie an ihren Vetter Adam von Thering und übersendete demselben auch eine Abschrift ihres Briefs an die Universität. Es half ihr aber alles nichts. Die Gnade des Herzog Wilhelm verwandelte sich in Ungnade, er vergaß seine Versprechungen, die er der Waise gethan hatte, und der großen Verdienste des Stauffenschen Hauses, und verwies unsere Argula, die noch dazu gerade zu der Zeit Wittwe geworden zu sein scheint, aus dem Lande, entließ auch ihren Sohn aus seinem Dienste und hinderte es nicht, daß sich die Pfaffen in Würzburg eines Gutes bemächtigten, das ihrem Gemahl gehört hatte. „Meine Kindlein wird der HErr schon versorgen,“ (schrieb sie dazumal) und sie speisen mit den Vöglein unter dem Himmel, auch bekleiden, wie die Blümlein des Feldes! Er hat’s gesagt! Er kann nicht lügen!“ Ihr Glaube hat sie auch nicht betrogen! Er hat’s gesagt! Wir haben aus dem Jahre 1523 noch zwei Briefe von ihr, einen an den Churfürst Friedrich den Weisen zu Sachsen, und einen an Johannes, Pfalzgrafen am Rhein, beide vom Zinstag (oder Dienstag?) nach Andreä, das wäre vom 3. Dezember ohne Angabe des Ortes datirt.

Im Jahre 1524 erschien das Karmen, welches ein Ingolstädter Student, Johannes, gebürtig aus Landshut, gegen Argula fabrizirt hatte, und woraus man sieht, daß die Feinde der Wahrheit in ihrer Art zu streiten sich zu jeder Zeit gleich bleiben. Auf die Sprüche der Schrift und die Hauptsachen wird nicht geantwortet, sondern es werden einige Kleinigkeiten aufgestochen, hauptsächlich aber der Argula eine schlechte Gesinnung angedichtet, und das mit solcher Frechheit, daß der Verfasser es für gut gehalten hat, seine werthe Person hinter den Schirm der Anonymität zu verstecken. Argula vertheidigte sich wieder in Versen, und antwortete (nach Sprüchw. 26, 5.) dem Narren nach seiner Narrheit.

Sie hat außer den hier wiederabgedruckten noch viel Briefe geschrieben, die uns aber leider nicht erhalten sind. Wir haben nur Nachrichten davon. Salig in seiner vollständigen Historia der Augsburgischen Confession erwähnt noch einer Schrift Argula’s von 1523, worin sie alle Stände und Obrigkeiten ermahnt, bei der Wahrheit und dem Werte Gottes zu bleiben; auch noch einer andern an den Pfalzgrafen Johann beim Rhein, als die hier abgedruckte. Luther schreibt schon 1522 an Paul Speratus nach Mähren (Ausgabe von Walch, Theil 21, Seite 702]: „Ich habe den Brief der Frau Argula von Stauffen erhalten, darinnen mir angenehm zu lesen gewesen ist, daß das Evangelium fruchtbar im Lande (Baiern] sei.“ Ferner 1524 an Georg Spalatinus [ebendaselbst, S. 885): „Ich schicke Euch, lieber Spalatin, den Brief der Argula, einer Jüngerin Christi, daß ihr sehet und euch freuet mit den Engeln über eine sündige Adamstochter, die bekehrt und eine Tochter Gottes geworden ist. Wenn ihr ihrer ansichtig werden könnt, so grüßet sie meinetwegen (d. i. von mir) und tröstet sie im Namen Christi. Denn ich suche auch zu ihr zu gelangen, und hätte schon geschrieben, wenn ich gewußt hätte, daß ich gewiß durch Euch an sie schreiben könnte“ Ferner an ebendenselben (S. 929): „Wenn ihr etwa unserer Argula antwortet, lieber Herr Spalatin, so schicket diesen meinen Brief zugleich an sie. Denn ihr könnt solches eher als ich.“ Man sieht hieraus, daß sie bald mit Luther in einen herzlichen Verkehr getreten war. Sie hatte ihn denn auch ermahnt, in den heil. Ehestand zu treten, worüber Luther an Spalatin 1524 schreibt (S. 931]: „Was mir die Argula wegen der Heirath schreibt, dafür danke ich, und es wundert mich nicht, daß man so von mir schwatzet, da man wohl mehr dergleichen redet. Ihr könnt ihr aber meinetwegen danken, und sagen, daß ich zwar in der Hand des HErrn sei, als seine Kreatur, deren Herz er ändern und wieder umkehren, tödten und lebendig machen kann alle Augenblick und Stunden. Bei dem Herzen aber, so ich bisher gehabt und noch habe, wird es wohl nicht geschehen, daß ich heirathe; nicht, das ich mein Fleisch und Geschlecht nicht fühlte, da ich weder Holz noch Stein bin, sondern weil ich noch keine Lust dazu merke, und täglich den Tod und die verdiente Strafe eines Ketzers erwarte; darum will ich auch dem HErrn kein Ziel noch Maaß seiner Wirkung in mir setzen, noch mich auf mein Herz verlassen. Ich hoffe aber, er werde mich nicht lange leben lassen.“ 1528 schreibt er wieder an Spalatin (S. 1136]: „Ich schicke die Briefe unserer Argula, daß Ihr sie leset statt der meinigen (denn ich habe nichts zu schreiben), und sehet, was das gute Weib ausstehen und leiden muß.“ Diese paar Worte Luthers sind alles, was wir aus dieser Zeit von Argula’s Lebensgeschichte wissen. Sie hat nachher auch Luthers persönliche Bekanntschaft gemacht, ist vielmals bei ihm gewesen, und namentlich hat sie ihn während des Reichstages zu Augsburg in Coburg öfter besucht, woselbst Luther, als einer, der sich noch in der Reichsacht befinde, vom Churfürsten von Sachsen vorsichtshalber zurückgelassen war. Luther gedenkt ihrer in einem Briefe an Melanchthon vom 2. Juni 1530, der so anfängt (Theil 16, S. 2826): „Gestern ist Hans Rennick von Mansfeld und Georg Römer, auch heute Argula von Stauffen bei mir gewesen. Ich aber, als ich sahe, daß der Anlauf an diesem Orte gar zu stark war, habe mir vorgenommen, nach dem Exempel Eures Stromers, entweder mich zu stellen, als wäre ich nicht zu Hause, oder auf einen Tag anderswohin zu reisen, damit die Rede gehe, ich hielte mich gar nicht mehr alhier auf.“ Spalatinus hat uns in seinem auf dem Reichstage zu Augsburg geführten Tagebuche noch ein Bruchstück eines Briefes von Argula aufbewahrt, indem er schreibt [Theil 21, S. 68): „Donnerstags nach Margarethae habe ich auch neben andern Schriften einen fast [sehr] christlichen Brief von der von Stauffen gehabt, die schreibt unter anderm also: Fürchtet euch nicht, die Sache ist Gottes, der sie in uns ohn‘ uns angefangen hat, der weiß und wird uns wohl beschützen; er schläft nicht, der da behütet Israel, die Sache ist sein; wird den Streit wohl stillen, und hinausführen u. s. w.“ Daselbst erzählt Spalatin auch von Herzog Wilhelm von Baiern [S. 57 ): „Man sagt nochmals (Spalatin hatte es schon einmal erzählt), auch etliche Baiern selbst, daß Herzog Wilhelm zu Baiern zu Doctor Ecken gesagt habe: Man hat mir viel anders von der lutherischen Lehre gesagt, denn (als) ich in ihrem Bekenntniß gehört habe. Ihr habt mich auch wohl vertröstet, daß ihre Lehre zu widerlegen sei! Da habe D. Eck gesprochen: Mit den [Kirchen-] Vätern getraute ich’s zu widerlegen, aber nicht mit der Schrift. Da habe sich Herzog Wilhelm von ihm gewandt.“ Ob aber Argula hiervon je einen Nutzen gehabt habe, ist unbekannt. Sie starb acht Jahr nach Luthers Tode im Jahre 1554.

In einem Briefe an Spalatin vom Jahr 1524 schreibt Luther folgendes [Theil 21, S. 898): „Ich schicke Euch hier die in ihrer und einer fremden Gestalt gemalte Argulam, ingleichen die tollen Possen Emsers u. s. w.“ Hieraus hat D. Zeltner geschlossen, Argula habe Luthern ihr Portrait zugeschickt, und er hat sich viele Mühe gegeben, aber vergebens, es irgendwo aufzufinden. Ich glaube indeß, daß sich Luthers Worte wenigstens ebensogut auf die beiden Gedichte deuten lassen, nehmlich das von Johannes von Landshut, welches die fremden Gestalt gemalte Argula oder die Argula, wie sie nicht ist, wäre, und das von Argula selbst verfaßte, wo sie sich in ihrer wahren Gestalt abgemalt hat. Beide sind vom Jahre 1524, und Luthers Worte haben so einen bessern Sinn, als wenn man sie von Portraits versteht, da es theils kaum glaublich ist, daß Argula Luthern ihr Bildniß zugeschickt habe, theils auch wunderlich wäre, wenn sie gleich zwei Exemplare übersendet hätte, und das endlich ein sonderbares Bildniß gewesen sein müßte, wo Argula in einer fremden Gestalt gemalt gewesen wäre.

Selbst nach ihrem Tode hat Argula vor den Papisten keine Ruhe gehabt. Der Jesuit Jacob Gretser schalt sie in seiner Vertheidigung Bellarmins „eine lutherische Medea oder Furie, ein Weib, das vom wiedertäuferischen Gifte angesteckt gewesen sei“. Der Jesuit Maimburg zielte auch auf sie, indem er in seiner Geschichte des Lutherthums schrieb: „Es war niemand in Deutschland, der nicht Luthers deutsche Bibelübersetzung hatte, oder doch dafür gelten wollte, als hätte er sie gelesen. Besonders Frauen hielten das für eine Ehre, und lasen sie beständig. Ja, einige Frauen von Stande waren auf das Lesen dieser lutherischen Bibel so erpicht, daß sie dasselbe so wie die lutherische Lehre nicht nur gegen andere Frauen, sondern auch gegen die katholische Geistlichkeit, Priester, Mönche und Doctoren zu vertheidigen sich unterstanden, mit solcher Anmaßung und solchem Hochmuth, daß sie jener als einfältiger und neidischer Menschen spotteten, und sich nicht scheuten ihnen vorzuwerfen, daß sie weder Hebräisch noch Griechisch und daher auch die Schrift nicht verständen, Luther allein habe den wahren Sinn getroffen.“

Es hat sich aber keine Frau zu beklagen, welcher von ihren Feinden ein solches Ehrendenkmal nach ihrem Tode gelegt wird. Von unserer Seite hat man ihr Gedächtnis ebenfalls immer in Ehren gehalten. Schon der alte Ulmische Theolog Ludwig Rabus setzte sie in sein Märtyrerbuch, weil sie, wie er sagt, nicht ohne Gefahr ihren Glauben öffentlich bekannt hat. Demselben verdanken wir auch die Erhaltung der Briefe, die wir noch von der Argula besitzen, Jacob Thomasius, Paschius und Johann Kaspar Ebert, welche von gelehrten Frauen geschrieben haben, rechnen auch unsere Argula mit darunter, und haben ihr Leben mitgetheilt. Seckendorf in seiner Geschichte des Lutherthums und Salig in seiner Geschichte der Augsburgischen Confession gedenken ihrer und ihrer Schriften mit großen Ehren. Im Jahre 1730 erneuerte ihr Andenken M. Johann David Schreber, Rector zu Schulpforta, in einem besondern lateinischen Programm: Ehrengedächtniß der Argula von Grumbach, einer berühmten Zeugin der Wahrheit. Im Jahre 1737 gab M. Georg Konrad Rieger ihr Leben und ihre Schriften wieder heraus, als einer Bairischen Debora, die seine Württembergische Tabea, d. h. das Leben der Jungfrau Beata Sturmin, begleiten sollte.

Die Worte des Rabus über sie mögen hier als ihr Grabstein stehen: „Sie widerlegte die Verfolger des Evangelii zu Ingolstadt mit unüberwindlichen Gründen der Schrift, mehr, als man glauben möchte, dergleichen man vormals vom weiblichen Geschlechte gar wenig, und bei unseren Zeiten gar nie gehört hat. Und was noch mehr ist, so erbot sie sich den Doctoren zu Ingolstadt, zum Verhör zu kommen, woraus man sehen kann, daß sie solches ihr Schreiben nicht durch Unterweisung anderer, sondern allein vom Geiste Gottes habe. Sie ließ sich auch durch die neuen Beispiele der grausamsten Strafen, die man wider einige Vertheidiger des göttlichen Wortes angewendet hatte, in diesem ihrem christlichen Werke nicht hindern. Daher mögen wir gegen solcher ihrer Ueberwindung der hochmüthigsten, größten Feinde Christi wohl sprechen aus Judith 9,12: „Das wird deines Namens, o Gott, Ehre sein, daß sie ein Weib darniedergelegt hat!“

Margarethe Blarer

Johannes Huß war auf dem Scheiterhaufen, als Märtyrer, unter Lobpreisungen Christi gestorben, im Glauben, daß dessen Sache siegen werde durch größere Männer nach ihm; das Concil zu Constanz, welches ihn nebst seinem Freunde Hieronymus von Prag zum Flammentode verurtheilt hatte, hatte ohne merklichen Erfolg für eine Reformation der Kirche sich aufgelöst; allein der Geist, welcher einmal erwacht war, ließ sich nimmermehr dämpfen noch fesseln, der Fortgang der Wahrheit nimmer hemmen, und kaum war zu Wittenberg und Zürich das göttliche Wort wieder unter dem Scheffel hervorgezogen und auf den Leuchter gesetzt worden, brach auch über Constanz die Morgenröthe an, und gingen Hussens prophetische Worte in Erfüllung. Frühzeitig ward auch diese Stadt, obwohl ein Bischofssitz, von den erwärmenden Strahlen des neuen Lichtes erreicht, und begann durch die Bemühungen der Prediger Johann Danner, Bartholomäus Metzler, Johann Zwick, des Bürgermeisters Bartholomäus Blaarer u. A. ein schönes, evangelisches Leben sich zu entfalten, woran selbst der damalige Bischof Hugo von Landenberg sammt seinem Domcapitel anfangs Wohlgefallen fand. Sobald jedoch die Geistlichkeit ihr Ansehen und ihre Einkünfte gefährdet glaubte, versuchte sie jedes Mittel, um die geistige Bewegung zu unterdrücken, bis nach der Einnahme der Stadt Constanz durch die Spanier und der Einführung des Interim das neue Leben gewaltsam erstickt wurde. Zu jener Zeit blühte in Constanz das alte, angesehene, adeliche Geschlecht der Blaarer (Blaurer) von Wartensee (so zugenannt von einer Besitzung in der Nähe des Bodensees), das auch in Zürich das Bürgerrecht besaß; mehrere seiner Sprößlinge hatten auf dem bischöflichen Stuhle von Constanz gesessen, und andere geistliche und weltliche Ehrenämter bekleidet; um das Jahr 1530 waren drei Blaarer zumal Aebte, in Weingarten, St. Gallen und Einsiedeln. Daß diese Würdenträger Gegner der Reformation waren, mag uns nicht befremden. Dagegen finden wir drei Geschwister, Kinder des Rathsherrn Augustin Blaarer, deren Namen unter den Freunden und Beförderern der Kirchenverbesserung einen guten Klang haben, Ambrosius, Thomas und Margaretha, an welche sich ein Sohn des Thomas, Augustin, anreiht, der in einem benachbarten schweizerischen Dorfe als reformirter Pfarrer mit Segen wirkte.

Es ist nun Margaretha’s Bild, auf welches wir die Aufmerksamkeit der Leser zu lenken beabsichtigen; einige Nachrichten über die Brüder mögen vorangehen. Ambrosius hatte sich in seiner Jugend schon durch seine Talente und Kenntnisse solche Achtung unter seinen Mitbürgern erworben, und solche Hoffnungen erweckt, daß, als er in das würtembergische Benedictinerkloster Alberspach sich aufnehmen ließ, der Rath seine Mutter bat, sie möchte ihn zum Rücktritt vom Orden zu bewegen suchen, damit seine Vaterstadt künftig seiner Dienste sich erfreuen könnte. Alle Bitten blieben zwar umsonst; als er jedoch in seiner Zelle mit Luthers Schriften bekannt geworden, verließ er aus eigenem Antriebe und nicht ohne Gefahr das Kloster, wurde im Verfolge als Prediger in seiner Vaterstadt angestellt, und erwarb sich durch seine Verkündigung der evangelischen Wahrheit solchen Beifall, daß mehrere deutsche Reichsstädte ihn zur Einführung der Kirchenverbesserung beriefen, und ihn Herzog Ulrich von Würtemberg zu demselben Zwecke für seine Lande sich von der Stadt Constanz erbat, weshalb ihn der Straßburger Reformator Martin Bucer in seinen Briefen nicht selten „Apostel der Schwaben“ anredet. Außerdem machte er sich durch Verfertigung geistlicher Lieder verdient. Nach der Einführung des Interim war seines Bleibens im Vaterlande nicht mehr; er begab sich nach der Schweiz, predigte da in mehreren Gemeinden das Evangelium, und starb im Herrn 1564 zu Winterthur im Kreise seiner Verwandten in hohem Greisenalter. Thomas hatte auf der Universität zu Wittenberg die neue Lehre kennen und lieben gelernt, und ward, nachdem er mit Redlichkeit und Einsicht alle Stufen der Ehre bestiegen hatte, Bürgermeister zu Constanz, auch er hat geistliche Gesänge gedichtet.

Mit diesen Brüdern stritt, jedoch in ungestörter Eintracht, ihre Schwester Margaretha um alle die Vorzüge, die jene auszeichneten. Wenn von Ambrosius gemeldet wird, er habe eine gute Erziehung genossen, so dürfen wir nicht zweifeln, daß ebenfalls ihr dieses Göttergeschenk zu Theil geworden, da sie an Gelehrsamkeit ihren Brüdern nicht nachstand, gleich ihnen die alten Römer und Griechen in der Ursprache las, mit mehreren Gelehrten einen gehaltreichen Briefwechsel, meistens in lateinischer Sprache, unterhielt, auch in der Poesie wohl erfahren war, daher von Erasmus, Bullinger und Gualther hochgeehrt. Allein weder die Achtung, in welcher sie bei berühmten Zeitgenossen stand, noch ihr „Wissen blähete sie auf“; sie „bekleidete sich mit dem Schmucke der Bescheidenheit“, und machte ihrem Namen dadurch Ehre, daß sie nicht bloß im Evangelium „die gute Perle gefunden“ hatte, sondern selbst eine Perle wurde, durch den Glanz ihrer Reinheit, ihr „Vorbild guter Werke und unverfälschter Lehre eine Zierde ihrer Vaterstadt; ihr höchster Schmuck war inwendig, der verborgene Mensch des Herzens unverrückt mit sanftem und stillem Geiste, welcher köstlich vor Gott ist.“ Mit ihrer Anspruchslosigkeit verband sie eine aufopfernde Liebe, und ihr Beispiel war nicht minder anziehend und erbaulich, als ihre Worte belehrend waren; „unermüdlich im Gutes Thun, gastfrei und gütig gegen Vertriebene und Unglückliche jeder Art, erwarb sie sich ein vorzügliches Verdienst durch Unterweisung armer Kinder im Lesen, Arbeiten und im Christenthum; ihr Gottesdienst war, die Wittwen und Waisen in ihrer Trübsal besuchen, und so ward sie, belebt vom Hauche des göttlichen Geistes, mit ihren Brüdern wetteifernd, während Ambrosius das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes, führte, und Thomas im Rathe ihrer Vaterstadt die gereinigte Lehre gegen deren Feinde vertheidigte, deren Gehülfin am Reiche Gottes.“ Rudolf Gualther singt von ihr unter andern:

Der armen Kind hast vyl erneert,
Sy trulich gleert,
Gotzforcht, arbeit und läsen,
Darinn gehabt groß muy und flyß
Vff sonder weyß.
Das Christlich war jr wäsen,
Und Gottes huß
Wurd buwen vß.
Hast gmehrt sin rych,
Und bist zuoglych
Jungkfrauw vnd fruchtbar gewesen.

Am besten führen uns die Briefe, die ihr Bruder Ambrosius an sie oder über sie schrieb, in den Kreis hinein, in welchem diese treue Jüngerinn des Heilandes lebte und wirkte. Als sich, nach dem Muster der Diaconissen in der ersten christlichen Kirche, zu Constanz ein Verein christlicher Gattinnen und Jungfrauen gebildet hatte, weit und breit bekannt durch die Hülfe, die er einheimischen und fremden Armen, Kranken, Verlassenen angedeihen ließ, an seiner Spitze Margaretha, nicht nur das Amt einer Schwester, sondern die Pflichten der frömmsten Mutter übend, schrieb er ihr den 4. Juli 1540 von Hagenau: „Ich bitte Dich, daß Du die Sache der Kirche Christi dem himmlischen Vater in flehentlichen und gläubigen Gebeten anempfehlest; denn sie wird sehr zwischen den Klippen und Stürmen menschlicher Macht und Weisheit umhergetrieben. Darum, so rufe oft mit Deiner heiligen Gemeinde, die Du daheim hast, den Geber alles Friedens inbrünstig an, daß er diese Stürme stille, und uns mit seinem festen, ewig dauernden Frieden bekräftige und stärke, damit die Pforten der Hölle nichts wider uns vermögen. Ich weiß, wie schwesterlich Du für mein Weib und meine Kinder sorgst. Grüße Dein ganzes Haus sammt allen Deinen Kranken und Armen, durch deren Fürbitte bei dem Herrn ich wünsche unterstützt zu werden. Lebe wohl, beste, liebste Schwester, o mein Herz in dem Herrn! Thue, was Du thust, geflissentlich; nähre, tränke, besuche, sammle in den Hungrigen, Dürstenden, Kranken, Vertriebenen Christum, in der gewissen Zuversicht, daß Dein Lohn bei ihm im Reiche seiner Herrlichkeit Dir bereitet ist. Lebe recht wohl!“

Im Jahr 1541 wüthete die herrschende Pest auch in Constanz verheerend; doch die sich selbst vergessende Margaretha ließ sich dadurch nicht abhalten, die Kranken selber zu pflegen und zu warten, und ihnen den Trost der Religion zu bringen. In einem Schreiben vom 5. Nov. schildert Ambrosius ihr liebevolles Wesen und Walten in einem Briefe an Bullinger in folgenden schönen Zügen: „Margaretha, die beste Schwester, benimmt sich jetzt wahrhaftig wie eine Archidiaconisse unserer Kirche, indem sie ihr Leben und alles in Gefahr setzt. Täglich besucht sie jene öffentlichen Häuser, in denen die von der Pest Befallenen, jene gemeinen Knechte und Mägde und andere Leute dieser Art gepflegt werden, und das mit Muth und erhabenem Geiste. Auch hat sie jetzt ein Mädchen, welches sie schon seit ungefähr zehen Jahren unterhält, und das gegenwärtig beinahe in den letzten Zügen liegt, in ihr Haus aufgenommen. Bitte, ich beschwöre Dich, den Herrn, daß er sie, welche jetzt unser einziger Trost ist, uns nicht entreiße.“

Das heiße Flehen der Brüder und Freunde sollte nicht erfüllt werden, die Vorsehung hatte es anders beschlossen. Die Krankheit ergriff ebenfalls sie; weil „ihre Seele Gott gefiel, eilte er mit ihr aus dem bösen Leben“; sie „vollendete ihren Lauf“, ein Opfer ihrer Hingebung, den 27. Nov. in einem Alter von 47 Jahren. Rührend ist die Klage des Ambrosius über ihren Hingang, von welchem er sogleich (30. Nov.) ihrem gemeinschaftlichen Freunde Antistes Bullinger Kunde gibt. „Unter Denen, welche der Pest unterlagen, hat“, so schreibt er, „der Herr, der Geber des Lebens, auch unsere treffliche und in Wahrheit unserer Kirche getreuste Dienerin, meine leibliche Schwester Margaretha, zum großen Leidwesen Aller vom Tode zum Leben hinübergeführt, zu der für sie allerdings geeigneten, für uns jedoch ungünstigsten Zeit, was meine Seele zuweilen so sehr erschüttert, daß ich hier die heftigen Erregungen meines Herzens fühle, und durchaus fürchte, es möchte dieser Tod eine schlimme Vorbedeutung für die ganze Stadt haben, was noch viele Wohlgesinnte mit mir besorgen. – Denn jene anlangend, so sind wir völlig gewiß, daß sie nicht todt ist, sondern den Tod mit dem glücklichsten Leben vertauscht hat; sie hat auch ihren letzten Athem unter heiligen Reden ausgehaucht, im Vertrauen, sie sterbe nicht, so daß Du gesagt hättest, sie sei sanft entschlafen, und habe ihren Geist in die Hände des treuen Schöpfers übergeben. Uns aber ist ein so großer Trost und Segen entzogen, daß wir in unserer unbeschreiblichen Trauer mehr als die Hälfte unsers Lebens verloren zu haben stets empfindlicher fühlen. Bitte Du für uns, daß es uns vergönnt werde, in ihren Fußstapfen Christo nachzufolgen.“

Bullinger ehrt den gerechten Schmerz, weiß aber durch sein Zeugniß, welches er über die Heimgegangene ablegt, tröstenden Balsam in die Wunden zu gießen; er erwidert unterm 10. Dec.: „Von Herzen thut es mir leid, verehrungswürdigster Ambrosius, „daß durch den Tod Deine leibliche Schwester hinweggenommen ward, die so vielen Armen eine vorzügliche Hoffnung auf Erden war und ein Edelstein aller Unschuld. Der Herr, welcher alles nach gerechtem Urtheil thut, tröste Dich und alle, die in Wahrheit ihr größtes Vertrauen auf sie gesetzt haben. Sie genießt jetzt unvergänglicher Freude, und lobet den Herrn von Ewigkeit zu Ewigkeit. Freue Dich daher mit ihr im Herrn, und flehe, den Schmerz besiegend: Zukomme Dein Reich! Ich habe meinen Gualther, einen Jüngling von großer Gelehrsamkeit, unsers Zwingli’s Eidam, gebeten, daß er der heiligsten Jungfrau ein Leichengedicht widme.“ Und dieser, Bullingers Pflegesohn und Nachfolger in der Stelle des Antistes, in zweiter Ehe (1566) mit einer Tochter des Ambrosius Blaarer verheirathet, verfaßte „ein Klaglied vm die Christlichen Jungkfrauw Margret Blaurerin“, aus welchem auch obige Strophe entlehnt ist, und das sowohl um seines poetischen Werthes willen, als weil es alle Züge des Charakters dieser Edeln, einer der vorzüglichsten weiblichen Persönlichkeiten ihres Zeitalters berührt, der Mittheilung werth wäre; wir können es uns aber nicht versagen, zum Schlusse unserer Darstellung wenigstens Eine Strophe noch anzuführen:

Die klag ist auch nit min allain.
Das Laid ist gmain,
Hat manch fromm hertz verseret,
Din tod die ganzen kirch bedurt,
Hat hertzlich trurt,
Der zachren vil verreret.
Dins glaubens frucht,
Nno Christlich zucht
Jungkfrölich gmüt,
Mit gnad verhüt,
Hat sy an dir verehret.

Fel. Orelli in Zürich f.

Evangelisches Jahrbuch für 1856 Herausgegeben von Ferdinand Piper Siebenter Jahrgang Berlin, Verlag von Wiegandt und Grieben 1862

Renata von Ferrara

Italien, das schöne gesegnete, vielfach von den Dichtern besungene Italien, hatte auch seine Zeit der geistigen Blüthe und nicht blieb es unberührt von dem Leben weckenden Hauche des Evangeliums. Daß nicht nur in Rom, sondern auch in dem übrigen Italien das Christenthum schon frühzeitig Wurzel gefaßt haben muß, geht unter andrem aus dem Gruße hervor, den der Verfasser des Briefes an die Hebräer seinen Lesern ausrichtet von denen „aus Italien“ (Hebr. 13, 24). Als dann später die Bischöfe zu Rom ihr Ansehen rings umher geltend zu machen suchten, und zwar meist auf Unkosten der übrigen, geschichtlich gleich berechtigten Kirchen, fehlte es in ihrer Nähe nicht an Solchen, die diesem Beginnen mit christlichem Freimuth sich widersetzten und die Unabhängigkeit von Rom zu bewahren suchten. So hat namentlich die Kirche von Mailand, der einst der große Ambrosius als Bischof vorstand, eine selbstständige Stellung, hinsichtlich ihrer gottesdienstlichen Gebräuche zu behaupten gewußt. So hat dann auch zu einer Zeit, als der Bilderdienst, das Reliquien- und Wallfahrtswesen in der abendländischen Kirche überhand genommen, ein italischer Bischof, Claudius von Turin gegen diese Mißbräuche redlich gekämpft, und zwar mit der Bibel in der Hand. Und wenn auch die Vorläufer der Reformation, die Waldenser, nicht auf diesen Claudius und auf die Thäler seines Bisthums zurückzuführen sind, wie man längere Zeit angenommen hat, so ist doch gewiß, daß jene frommen Leute, die als die „Armen von Lyon“ im 12ten Jahrhundert verfolgt wurden, auch in der Lombardei und in Oberitalien überhaupt sich festsetzten. Desgleichen finden wir unter den heftigsten Gegnern des Papstthums im Mittelalter einen Arnold von Brescia, dessen republikanische Ideen vielfachen Anhang in Rom selbst fanden und das Volk zu Schritten hinrissen, die allerdings über das Maaß evangelischer Berechtigung hinausgingen. Nicht zu gedenken der Katharer, der Brüder und Schwestern des freien Geistes, der Spiritualen, Fraticellen und anderer Secten, welche den Süden Europas vielfach beunruhigten. Es gährten aber sehr verschiedene Elemente durcheinander, welche erst bei reinerer Einsicht in das Gesetz der Freiheit sich scheiden sollten. Wenn nun auch das Licht der Wissenschaft allein nicht hinreichend ist, diesen Scheidungsprozeß zu vollziehen, sondern erst die göttliche Erleuchtung, welche von der christlichen Offenbarung ausgeht, den Sinn der Menschen auf die rechten, Gott wohlgefälligen Wege zu leiten vermag, so trug doch auch die wissenschaftliche Klärung, welche selbst von manchen Päpsten befördert wurde, dazu bei, eine Erneuerung der Kirche vorzubereiten. Und so wurde, nachdem das eigentliche Mittelalter seine welthistorische Aufgabe erfüllt, seine geistigen Kräfte erschöpft hatte, Italien das Land, von welchem eine neue, durch das Studium des klassischen Alterthums befruchtete Bildungsperiode eingeleitet werden sollte, die man gewöhnlich mit dem vielleicht allzu voll klingenden Namen einer „Wiederherstellung der Wissenschaften“ bezeichnet. Noch vor dem Untergang des byzantinischen Kaiserthums und der Eroberung Constantinopel durch die Türken (1453), in Folge dessen griechische Flüchtlinge die genauere Kenntniß der alten Litteratur ihres Volkes nach dem Abendlande brachten, hatten Kunst und Wissenschaft in Italien eine reiche Pflege gefunden. Wer kennt nicht die Namen eines Dante, Boccaccio, Petrarca! Und war es nicht zu Anfang des 15ten Jahrhunderts der gelehrte Laurentius Valla, der (nach der Aussage des gelehrten Erasmus) „die alte Litteratur aus ihrem Grabe erweckte und den alten Ruhm der italienischen Beredsamkeit wiederherstellte.“ Aber das nicht allein. Derselbe Gelehrte griff auch schon mit kühner Kritik die Echtheit jener Schenkung Constantins an, auf welche die Päpste ihren weltlichen Besitz gründeten und widersetzte sich trotz der Verfolgungen, denen er nicht entging, so manchen Vorurtheilen und Mißbräuchen der Zeit. Wie dann später ein Marsilius Pleinus, ein Johann Franz Pico, Graf von Mirandola, dessen Schriften Zwingli mit größtem Eifer studirte, das Studium der Philosophie unter den Gebildeten Italiens beförderten, während der fromm begeisterte, bis an das Schwärmerische streifende Dominikaner Girolamo Savonarola in Florenz als gewaltiger Bußprediger den Ernst der göttlichen Gerichte mit dem Nachdruck und der Autorität eines Propheten verkündigte, daran genüge zu erinnern. –

An wechselseitigen Berührungen zwischen Italien und Deutschland hatte es nie gefehlt, wie schon die ganze politische Geschichte des Mittelalters, wie der Kampf der Guelfen und der Ghibellinen, die Römerzüge der deutschen Kaiser, die Kreuzzüge und die großen Kirchenversammlungen zu Pisa, Costnitz und Basel es beweisen. Demnach war von dem neu erwachten geistigen Leben Italiens ein heller Schimmer über die Alpen gedrungen. Aber auch umgekehrt konnte die große Erhebung der Geister in Deutschland wider das gleichfalls aus Italien eingedrungene Verderben nicht lange ohne Rückwirkung auf dieses Land selbst bleiben. Mochten auch anfänglich die seltsamsten Gerüchte über das kühne Auftreten des Augustinermönches zu Wittenberg unter dem welschen Volke sich verbreiten, bald sollte die Meinung der Gebildeten auch über diese Vorgänge und über die eigentliche Tendenz der deutschen Reformation sich aufklären, indem die Schriften eines Luther, Melanchthon, Zwingli, Bucer und Anderer, wenn auch mehrentheils unter absichtlich veränderten Namen, ihren Weg nach Italien fanden, geschweige des lebendigen Verkehrs zwischen Italien und der ebenfalls in religiöser Gährung begriffenen Schweiz. Bald war keine bedeutendere Stadt Italiens, die nicht einzelne Freunde und Bekenner des Evangeliums zählte, von denen dann wieder eine weitere Wirkung auf die Massen ausging. So verbreitete zu Florenz Antonio Brucioli die heilige Schrift in der Landessprache; so predigte zu Bologna der Minoritenmönch Giovanni Mollio; zu Pavia sammelten sich die heils- und wißbegierigen Studirenden um ihren Lehrer Celio Secundo Curione; selbst bis nach Neapel und Sicilien verbreitete sich die neue, in der That aber alte Lehre der Reformation. In Neapel stand der edle Spanier Juan Valdez an der Spitze der Gläubigen, denen Bernhardino Occhino und Peter Martyr (Vermiglio) das Wort Gottes verkündigten; in Palermo finden wir als Prediger Benedetti Locarno, und auch in der kleinen Landschaft Lucca, am Meerbusen von Genua, wohin Peter Martyr von Neapel aus sich begeben, schaarte sich ein beträchtliches Häuflein von Christen, die durch ihn zu einer helleren Religionserkenntniß gekommen waren. Daß aber der Protestantismus der Italiener nicht etwa nur im Verneinen des bisher Geglaubten und im Verwerfen der alten Ueberlieferungen und Autoritäten bestand, sondern daß der positive Grund des Glaubens ihnen bewußt war, das geht zur Genüge aus der kleinen aber gediegenen Schrift hervor, welche 1542 in Venedig unter dem Titel: „über die Wohlthat Christi“, erschien, und als deren Verfasser uns Aonio Paleario von Siena genannt wird. Wie einfach klar und schriftgemäß und eben darum auch mit eindringender Ueberzeugungskraft die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben in diesem Büchlein entwickelt wird, davon können sich unsere Leser nun selbst überzeugen, nachdem dasselbe unverhofft, da man es schon durch die Inquisition gänzlich vernichtet geglaubt, wieder aufgefunden, und im Jahre 1855 von der Hand eines deutschen Theologen deutsch und italienisch herausgegeben worden ist.

Nach dieser allgemeinen Uebersicht über die reformatorischen Bewegungen in Italien lenken wir nun den Blick auf einen der kleineren Fürstenhöfe Italiens, an denen vielleicht mehr als irgendwo im Lande die um ihres Glaubens willen verfolgten Protestanten eine Zuflucht fanden, und zwar ist es hier eine edle Frau, deren wir als einer muthigen Freundin und Beschützerin des Evangeliums zu gedenken haben. Renata (Renoe) war die Tochter Ludwigs XII. von Frankreich und der Anna von Bretagne. Sie wurde geboren den 25. Oct. 1510 auf dem Schlosse zu Blois, woselbst ihre Mutter drei Jahre nachher starb. Sie erhielt eine ihrem hohen Stande gemäße Erziehung, und wenn auch das, was einige Schriftsteller von ihrer hohen und ausgebreiteten Gelehrsamkeit melden, etwas übertrieben sein mag, so war doch schon der Sinn für edlere Geistesbildung ein Vorzug, der um so schätzenswerther ist, als er hinter den noch höheren Vorzug einer frommen und tugendlichen Gesinnung zurücktrat. Schon frühzeitig hatten sich um die Hand der Prinzessin fürstliche Freier beworben. Sie war bereits an Karl von Oestreich, den nachmaligen Kaiser verlobt, als dieses Verhältniß sich wieder auflöste. Auch die nachgesuchte Verbindung mit dem protestantischen Kurfürsten Joachim von Brandenburg kam nicht zu Stande. Dagegen ward Renata an einen italischen Fürsten, Herkules II. von Este, Herzog von Ferrara und Modena, im Jahre 1527 verehelicht. Schon vor ihrer Verheirathung war sie durch einen jener Gelehrten, welche häufig an den Hof der berühmten Margarethe von Navarra (der Schwester Franz I.) kamen, mit den Lehren der Protestanten vertraut geworden und hatte ihnen ihr Herz geöffnet, und nun suchte sie diesen Lehren auch Eingang in ihrer neuen Heimath zu verschaffen. Ihr Gemahl, der weder durch seine geistigen Vorzüge, noch durch seine sittliche Haltung sich einer solchen Gattin würdig zeigte, ließ sie so lange gewähren, als politische Rücksichten es ihm erlaubten. So fanden denn auch zunächst ihre Landsleute, die um der Religion willen sich aus Frankreich geflüchtet hatten, ein Asyl am herzoglichen Hofe. Unter diesen bemerken wir im Jahre 1534 den berühmten Dichter Clement Marot, dem die französische Kirche die Uebersetzung und poetische Bearbeitung der Psalmen Davids verdankt. Ihn hatte die Gouvernante der Herzogin, die Frau von Soubise eingeführt und ihm die Stelle eines Secretairs verschafft. Mit ihm erschien sein Freund, Lyon Jamet. Selbst Calvin hielt sich einige Monate als Flüchtling unter dem angenommenen Namen Charles d‘ Heppeville, an dem Hofe zu Ferrara auf. Auch später unterhielt Renata briefliche Verbindungen mit diesem großen und ausgezeichneten Geiste. Aber auch italienische Gelehrte, die sich der Reformation zuwandten, fanden eine freundliche Aufnahme und konnten unter der Aegide ihrer Wissenschaft auch dann noch ungestört in Ferrara verweilen, als der Herzog, aus Rücksichten für den Kaiser und Papst die französischen Flüchtlinge, zum großen Schmerz seiner Gattin, weggewiesen hatte. Unter diesen Männern, welche durch ihre Anwesenheit dem Hofe zur Zierde gereichten, hoben sich hervor ein Celio Calcaguini und der schon oben genannte Eelio Secundo Curio (Curione); Lelio Giraldi, Bartolomeo Riccio, ferner Maucelli Palingenio, Marco Antonio Flaminio, S. Kilian und Johann Sinapi, und Fulvio Peregrino Morato, ein geborner Mantuaner und Vater der nachmals berühmten Olympia Morata. Mit dieser gemeinsam genoß die Tochter Renata’s, Anna, die nachmalige Gattin des Herzogs Franz von Guise, den Unterricht des gelehrten Vaters. War es doch in jener Zeit überhaupt nichts Ungewöhnliches, daß auch Frauen in der Litteratur der Griechen und Römer sich einführen ließen und ihre Dichterwerke auswendig lernten ja, gelegentlich in dramatischen Spielen darstellten. (So gaben während des Besuches, den der Papst Paul III. im Jahre 1543 zu Ferrara abstattete, die jungen Familienglieder des Herzogs, unter ihnen seine drei Töchter die „Brüder“ des Terenz zum Besten.) Auch die Mutter, Renata, schenkte den Arbeiten der gelehrten, sprach- und geschichtskundigen Männer ihre Aufmerksamkeit und diese Einsicht in die alten Sprachen und in die Geschichte des Alterthums trug ohne Zweifel auch ihre Frucht in Absicht auf eine genauere Erkenntniß der in der Bibel gegebenen Lehren und Geschichten. Wie weit nun diese christlichen Akademiker auch ihren protestantischen Glauben öffentlich bekennen, wie weit sie ihm in Predigt und Gottesdienst einen Ausdruck geben durften, läßt sich bei dem Mangel an Nachrichten nicht sicher entscheiden. Auch war der Grad ihrer evangelischen Ueberzeugungen selbst ein verschiedener; bei den Einen blieb es bei bloßen Sympathien, während Andere einen entschiedenen und zur Erkenntniß durchgebildeten Glauben an den Tag legten. So viel aber ist gewiß, daß die Hauptperson des Hofes, der Herzog selbst mit der religiösen Richtung seiner Gattin nicht nur nicht einverstanden war, sondern daß er sogar den Einflüsterungen Frankreichs nur allzu willig Gehör gab, als von dort aus ernstliche Versuche gemacht wurden, dem Umsichgreifen der evangelischen Lehre in Italien Einhalt zu thun. König Heinrich II., der Neffe Renata’s, sandte sogar seinen Großinquisitor, den Dominikaner Matthias Orry (Orriz) nach Ferrara, um daselbst gegen die Ketzerei zu predigen und den Herzog zur Verfolgung der an seinem Hofe sich aufhaltenden Protestanten zu ermahnen. Sollte doch sogar Renata gezwungen werden, die Controverspredigten des fanatischen Mönchs mit anzuhören! Allein vergebens. Sie blieb ihrem Glauben getreu auch dann, als man die Grausamkeit so weit getrieben hatte, sie ihrer Kinder zu berauben und sie selbst wie eine Gefangene aufs Strengste zu bewachen. Nach dem Tode ihres Gatten zog sie sich aus Italien zurück und lebte auf ihrem Schlosse Montargis, unweit Orleans, seit 1559. Auch hier hörte sie nicht auf, die Freundin und Beschützerin der verfolgten Glaubensbrüder zu sein. Oft speiste sie zu Hunderten an ihrer Tafel. Auch die Hebung dieser Gastfreundschaft sollte ihr jedoch verwehrt werden. Die dem Papst ergebenen Höflinge überredeten den König, daß in Montargis ein Komplot wider ihn angezettelt werde. Demnach erhielt Renata den gemessenen Befehl, ihre Gäste zu entlassen. Ja, ihr eigner Schwiegersohn, der Herzog von Guise erschien eines Tages mit bewaffneter Macht vor dem Schlosse und drohte dasselbe mit Kanonen beschießen zu lassen, wenn sie die Rebellen nicht ausliefere. „Sagt euerm Herrn,“ erwiderte sie den Abgeordneten des Herzogs, „daß ich selbst auf die Zinnen steigen und sehen will, ob er es wagen darf, eine Königstochter umzubringen.“ Bald nach dieser Scene nahm Guise ein trauriges Ende, indem er nach der Schlacht bei Dreux (1563) von einem fanatischen Protestanten, dem Edelmann Poltrot (Jean de Merey) mit vergifteten Kugeln, die dieser aus einem Verstecke nach ihm abschoß, getödtet wurde. Die Herzogin sprach in einem Brief an Calvin den aufrichtigen Abscheu aus, den sie gegen diese That empfand. Sie hoffte, daß ihr unglücklicher Eidam trotz seiner Verblendung gegen die evangelische Wahrheit, dennoch nicht zu den von Gott Verworfenen gehöre. Sie sprach diese Hoffnung unbefangen aus, auch auf die Gefahr hin, von ihren eigenen Glaubensgenossen des Mangels an religiösem Eifer bezichtiget zu werden. –

Nachdem nun auch der König in seinem eigenen Namen sie aufgefordert hatte, die Protestanten fortzuschicken und sie ihm vergebens Vorstellungen gegen diesen Eingriff in ihr Hausrecht gemacht hatte, wich sie endlich der Gewalt; aber auch noch im Scheiden gab sie ihren Schützlingen die zartesten Beweise ihrer Liebe, indem sie ihnen das Harte ihres Looses, so viel an ihr war, zu erleichtern suchte. Sie stellte ihre eigenen Kutschen und Wagen zur Verfügung der Wegreisenden und leistete ihnen allen möglichen Vorschub. Sie selbst blieb ihrer evangelischen Ueberzeugung unwandelbar getreu bis an ihr seliges Ende. Dieses erfolgte in Montargis den 12. Juni 1575.

Wir können nicht schließen, ohne überhaupt die Bemerkung zu machen, wie in den prüfungsvollen Zeiten des 16. Jahrhunderts, ähnlich wie in den ersten Jahrhunderten der Christenheit, es besonders den Frauen gegeben war, mit einem über die Schwäche ihres Geschlechts sich erhebenden Heldenmuthe die heiligsten Ueberzeugungen des Herzens auch da zu bekennen, wo die äußerste Gefahr mit diesem Bekenntniß verbunden war. Es ließen sich dafür zahlreiche Beispiele anführen, sowohl aus Italien, als aus andern Ländern der Christenheit. Aber auch schon das Interesse, welches die Frauen jener Zeit den theologischen Untersuchungen schenkten und die männliche Beharrlichkeit, womit sie sich, ohne darum gelehrt scheinen zu wollen, in solche Studien vertieften, reißt uns zur Bewunderung hin. Hören wir darüber das Zeugniß eines katholischen Augenzeugen, der noch im 17. Jahrhundert sich also vernehmen läßt: „Im gegenwärtigen Zeitalter bietet sich uns das bewundernswürdige Schauspiel von Frauen dar, deren Herz, sonst mehr der Eitelkeit als der Gelehrsamkeit ergeben, von der himmlischen Lehre tief durchdrungen ist. In Campanien, wo ich jetzt schreibe, kann der gelehrteste Prediger durch eine einzige Unterredung mit einer Dame noch gelehrter und heiliger werden. Auch in meinem Vaterland Mantua fand ich dasselbe und ich könnte mich mit Vergnügen bei manchen Beispielen geistiger Größe und inbrünstiger Andacht von Seiten der Schwesterschaft verweilen, von denen ich zu meiner nicht geringen Erbauung Zeuge wurde und welche ich selten bei den gelehrtesten Männern meines Standes angetroffen habe.“ So ein katholischer Italiener über die Italienerinnen seiner Zeit. – Wie ganz anders freilich jetzt! Und doch sind gerade in den letzten Jahren auch in diesem Lande merkwürdige Dinge vorgegangen, welche uns auf eine stille Bewegung der Geister schließen lassen, die, wenn einmal das Wort Gottes noch weiter sich Bahn gebrochen, gewiß ihre Frucht schaffen wird. Wie allen Landen, so kann auch diesem vielfach aufgeregten Lande nur der rechte Friede kommen von dem, von welchem Italiens großer Dichter gesungen:

„Nicht sprach zu seinen ersten Jüngern Christus:
Gehet hin und prediget der Erde Fabeln,
O nein! er gab wahrhaften Grund denselben,
Und dieser tönte so aus seinem Munde,
Daß kämpfend sie, den Glauben zu entstammen.
Im Evangelium Schwerdt und Schild geschaffen.“

(Dante, Paradies XXIX. B. 109-114)

K. R. Hagenbach in Basel

Die Zeugen der Wahrheit
Dritter Band
Piper, Ferdinand (Herausgeber)
Verlag von Bernhard Tauchnitz
Leipzig 1874

Argula von Grumbach

In keinem Theile von Süddeutschland ist die Reformation des sechzehnten Jahrhunderts von der mit der Hierarchie verbündeten weltlichen Macht energischer bekämpft und unterdrückt worden, als in Bayern. Ueberzeugt, daß der Landesherr nicht allein berechtigt, sondern auch verpflichtet sei, die hergebrachte Religion aufrecht zu erhalten, und entschlossen, alle entgegengesetzten Regungen im Keime zu ersticken, hatten die von ihrer Universität Ingolstadt geleiteten herzoglichen Brüder, Wilhelm IV. und dessen Mitregent Ludwig, am Aschermittwoch des J. 1522 jenes erste Mandat gegen Luther und seine Anhänger erlassen, in welchem sie allen ihren Unterthanen unter Androhung schwerer Pönen geboten, bei dem Glauben ihrer Vorältern zu verharren. Von da ab begann jenes unerbittlich strenge Verfahren, dessen consequenter, vor keinem Mittel zurückscheuender Durchführung Herzog Wilhelm den Beinamen des „Standhaften“ verdankt. Viele mußten damals, nachdem sie abgeschworen, als Verbannte „über die vier Wälder“ wandern; wer zu widerrufen sich weigerte, war der Censur und nach Umständen dem Henker verfallen. Der fromme Leonhard Käser, der in Schärding den Holzstoß hat besteigen müssen, ist nicht das einzige Opfer des Fanatismus gewesen; in München allein wurden 29, in Landsberg 9 Menschen gleichzeitig hingerichtet, weil sie die Lehre Luthers verbreitet hatten.

In diese Zeit der Verfolgung ist das Leben der Wahrheitszeugin gefallen, welche hier geschildert werden soll.

Argula von Grumbach, geb. Freiin von Stauffen, erblickte das Licht der Welt um das J. 1492. Ihr Vater, Bernhardin von Stauffen, Freiherr zu Ehrenfels, war der Sohn eines von den sogenannten „drei großen bayerischen Hansen“ und gehörte zu den ritterlichsten Männern seiner Zeit; denn er hat in vielen Turnieren geglänzt und manchen „Dank“ davon getragen; ihre Mutter Katharina war eine geborne von Törring. Die Anfänge ihres Lebens trafen mit Ereignissen zusammen, welche fast den völligen Ruin des Hauses zur Folge gehabt hätten; denn in den ersten Tagen des Jahres 1492 sah Bernhardin als eines von den Häuptern des von dem Kaiser begünstigten, von Herzog Albrecht befehdeten „Löwenbundes“ seine Burgen zerstört, seinen Wohlstand untergraben. Darauf bezieht sich, was Argula später an einen ihrer Verwandten geschrieben hat: „Ihr wisset, daß mein Vater unter den Heeren von Bayern verdorben, und seine Kinder zu Bettlern worden sind.“ Je weniger glänzend aber in Folge dessen die äußeren Verhältnisse waren, unter welchen sie aufwuchs, desto früher war sie bereits in den Besitz eines Schatzes gekommen, welchen sie seiner Zeit nach Gebühr zu würdigen gelernt hat. Sie hatte eben das zehnte Lebensjahr erreicht, als ihr würdiger Vater ihr eine von jenen Bibelübersetzungen, deren es schon vor Luther gab, zum Geschenke machte und ihr „hoch befahl, dieselbe fleißig zu lesen.“ Daß sie ihm leider nicht gefolgt, weil die Geistlichen, besonders die Bettelmönche, ihr eingeredet, „sie verführe sich,“ fiel ihr in der Folge schwer auf’s Herz. Der Herr hat sie aber früh genug in seine Schule genommen, damit die Anfechtung sie auf’s Wort merken lehre; denn ehe sie noch völlig herangereift war, wurden ihr in Zeit von fünf Tagen beide Aeltern durch den Tod entrissen. Und noch war das Maß ihres Unglücks nicht voll. Der einzige Blutsverwandte, welcher sich der älternlosen Waisen mit Rath und That hätte annehmen können, war ihr mächtiger Oheim Hieronymus von Stauffen. Als nun aber dieser zur Besiegelung der zwischen den herzoglichen Brüdern geschlossenen Versöhnung 1516 auf dem Blutgerüste hatte sterben müssen, würde sie mit ihren sechs Geschwistern ganz verlassen da gestanden sein, hätte nicht, vielleicht durch eine Gewissensregung dazu angetrieben, Herzog Wilhelm Argula an den Hof gezogen und für ihr weiteres Fortkommen gesorgt. „Es ist mir noch unvergessen,“ schreibt sie später an ihn, „daß ich nach Absterben Vater und Mutter Euer Fürstl. Gnaden als oberstem Vormünder befohlen und in meinem Elend von Denselben getröstet wurde, mit diesen Worten: Ich sollte nicht also weinen, Sie wollten nicht allein mein Landesfürst, sondern auch mein Vater sein.“ – So blieb sie nun im Frauen-Zimmer der Herzogin Mutter und lernte bei ihr „Zucht und göttliche Furcht.“ Nie hat sie sich daran erinnern können, ohne mit dem Gefühle der innigsten Dankbarkeit hinzuzusetzen: „Gott sei ihre Belohnung, hie in der Zeit, und dort in Ewigkeit!“

Am herzoglichen Hofe war es auch, wo ihr späteres Lebensschicksal sich entschied. Angezogen durch ihre Schönheit und ihren Verstand, warb Friedrich von Grumbach, ein fränkischer Edelmann, welcher zugleich in Bayern begütert und herzoglicher Pfleger zu Altmannstein war, um ihre Hand und erhielt sie. Zwei Söhne und zwei Töchter waren die Frucht dieser Ehe; auch mit irdischen Gütern wäre die Familie reich gesegnet gewesen, hätte sie nicht mit der Zeit in Franken große Einbußen erlitten. Was Argula ihrem Gatten und seinem Hause war, darüber hat sie selbst sich einmal vernehmen lassen, als später ein Pasquillant sie beschuldigte, daß sie über ihrem Disputiren ihre Obliegenheiten als Gattin und Hausfrau vernachlässige. „Dieser Meister von hohen Sinnen,“ sagt sie, „will mich lehren haushalten und spinnen. Thu‘ doch täglich damit umgahn, daß ich nicht wohl vergessen kann.“ Was ihren Mann betreffe, so sei ihr Herz und Gemüth dazu geneigt, ihm gehorsamlich mit ganzer Freude zu dienen; sollte sie es nicht gethan haben, so wäre es ihr leid; sie glaube aber, es sei am Tag, daß er keine Klage über sie führe. „Hoff‘ , Gott werd‘ mich auch lehren wohl, wie ich mich gegen ihn halten soll.“

Während aber Argula im häuslichen Kreise als geschäftige Martha waltete, gab sie sich zugleich als eine den himmlischen Dingen zugewandte Maria mit allem Verlangen eines Wahrheit suchenden Gemüths dem Einen, was noth ist, hin. Luthers gewaltige Stimme war auch zu ihren Ohren gedrungen; das Leben an dem streng katholischen Hofe hatte ihre Sinne nicht verwirrt; sie griff jetzt wieder nach ihrer Bibel, verglich, was sie las, mit der aus seinen Schriften, diesen „Leitbächlein zum Worte Gottes,“ wie sie dieselben später genannt hat, geschöpften Lehre des Wittenberger Reformators, und bald war sie so fest von der Schriftmäßigkeit der letzteren überzeugt, daß sie das kühne Wort aussprechen konnte: „Und ob’s gleich dazu käme, daß Luther widerriefe, soll es mir nichts zu schaffen geben. Ich bau nicht auf seinen, meinen, oder irgend eines Menschen Verstand, sondern auf den wahren Felsen Christum selbst.“ Nachdem aber sie zur Erkenntniß der evangelischen Wahrheit gelangt war, fühlte sie sich in ihrem Gewissen gedrungen, dieselbe auch Andern mitzutheilen. Während ihr gleichgesinnter älterer Bruder Bernhardin seit dem J. 1520 zuerst auf seinem Gute Beratshausen einen von den Bewohnern der Umgegend fleißig besuchten evangelischen Gottesdienst eingerichtet hatte und späterhin auch in seinem Hause zu Regensburg einen eigenen lutherischen Prediger hielt, ließ Argula es sich nicht nehmen, in Dietfurt, wo ihr Mann jetzt Pfleger war, als Lehrerin aufzutreten, was in Bayern nicht geringes Aussehen erregte.

Ihr Bekenntnißtrieb sollte aber bald Gelegenheit finden, sich in noch weiteren Kreisen zu bethätigen. Am 7. Sept. 1523 stand ein junger Geselle, M. Arsatius Seehofer, eines Münchner Bürgers Sohn, des Lutherthums angeklagt, vor dem Ketzergerichte der Universität Ingolstadt. Von Wittenberg zurückgekehrt, wo er Luther und Melanchthon gehört, hatte er durch Collegien, welche er über die Episteln des h. Paulus las, das reine Wort Gottes zu verbreiten gesucht, war aber bald darauf verhaftet worden und so lange eingekerkert gewesen, bis des Herzogs Befehl ihn befreite. In der Zwischenzeit hatte die theologische Facultät „mit inbrünstigem, ernstlichem Fleiß“ aus den Papieren des Angeklagten 17 meist paulinische Sätze gezogen und dieselben als ketzerisch verdammt. Seehofer, noch zu jung und unreif, als daß er durch die drohenden Geberden der Inquisitoren nicht hätte eingeschüchtert werden sollen, ließ sich bei dem mit ihm angestellten Verhöre zum Widerruf drängen und sprach die ihm vorgeschriebenen Worte nach, daß Alles, was er geredet und geschrieben, „eine rechte Erzketzerei und Büberei“ sei; aber nachdem es geschehen war, stürzten ihm die Thränen aus den Augen, so daß schon damals ein Jurist meinte: es scheine, daß er doch noch ein Ketzer sei. Von einer Disputation oder Widerlegung war natürlich keine Rede gewesen. Im Kloster Ettal, wo er „Andern zum Ebenbild mit seinem Selbstleib“ sich stellen mußte, sollte nun die letzte Hand an das gewalttätige Werk seiner Bekehrung gelegt werden.

Die erste Kunde von diesem Vorgang erhielt Argula durch einen Bürger der Stadt Nürnberg, welcher bei diesem Anlaß sich zugleich ziemlich spöttisch über den Herzog von Bayern und seine Universität ausließ. Es ist ein Zeichen ihrer treuen Gesinnung, daß sie sich vor Allem ihres Landesfürsten annahm und, so weit es möglich war, denselben zu entschuldigen suchte. Er sei es ja gewesen, erwiederte sie, welcher den Gefangenen aus der Haft befreit habe, und wenn nicht treulose Rathgeber ihn irre geleitet hätten, so würde er bei seinem christlichen Gemüth gewiß nicht in das grausame und gottlose Verfahren der hohen Schule gewilligt haben. Was Seehofer betrifft, so hofft sie „daß noch viel Gutes aus diesem Jüngling kommen, und daß Gott, welcher nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und lebe, ihn noch ansehen werde mit den Augen seiner Barmherzigkeit, als Petrum, der den Herrn zu dreien Malen verläugnet:“ eine Ahnung, welche, beiläufig gesagt, in Erfüllung gegangen ist, als er glücklich aus dem Kloster entkam und, von Luther absolvirt, zuerst in Preußen das Evangelium predigte, zuletzt als Pfarrer zu Winnenden in Württemberg starb. Nichtsdestoweniger befand sich Argula in großer Unruhe; denn ihr Herz war entbrannt über die „verstockten und erblindeten Herzen“ derjenigen, durch welche „das achtzehnjährige Kind“ zur Verläugnung gezwungen worden war, und sie würde unverzüglich die Feder ergriffen haben, um öffentliche Rechenschaft von ihnen zu fordern, hätte nicht das apostolische Wort: „Eure Weiber lasset schweigen unter der Gemeine!“ sie davon abgehalten. Später warf sie wohl mit glücklichem Humor den Vers hin: „Ihr seid dermaßen von Gott geschlagen, daß euch nur müssen Weiber plagen;“ aber jetzt war sie über ihren inneren Beruf zu einem so ungewöhnlichen Schritte noch nicht in’s Klare gekommen. „Niedergedrückten Geistes und in Schwermuth“ brachte sie eine Woche hin; als sie aber auch jetzt noch keinen Mann sah, „der -reden wollte oder durfte,“ (denn Luthers vernichtende Schrift „wider das blind und toll Verdammniß der 17 Artikel, von der elenden, schändlichen Universität zu Ingolstadt ausgangen,“ erschien erst ein Jahr später,) faßte sie sich ein Herz und schrieb unter feierlicher Berufung auf die Sprüche heiliger Schrift, in welchen alle Gläubigen ohne Unterschied des Geschlechts vermahnt werden, Jesum Christum vor den Menschen zu bekennen, am 14. Sept. 1523 ihre berühmte Strafepistel an die hohe Schule zu Ingolstadt nieder. Dieses wie alle ihre Schriftstücke sind merkwürdige Zeugnisse der Bibelfestigkeit und eines fast männlichen Glaubensmuths. „Nie werdet ihr,“ redet sie die Gegner an, „bestehen mit eurer hohen Schul, daß ihr so thöricht und gewaltiglich handelt wider das Wort Gottes und mit Gewalt zwinget, das heilig Evangelium in der Hand zu halten, dasselbige dazu zu verläugnen, als ihr denn mit Arsatio Seehofer gethan habt, und ihm einen solchen Eid und Verschreibung fürgehalten, mit Gefängniß und Dräuung des Feuers dazu gezwungen, Christum und sein Wort zu verläugnen? Ja so ich’s also betrachte, so erzittert mein Herz und alle meine Glieder. Was lehret dich Luther und Melanchthon anders, denn das Wort Gottes? Ihr verdammet sie unüberwunden; hat euch das Christus gelehret, oder seine Apostel, Propheten, oder Evangelisten? Zeiget mir, wo es stehet? Ihr hohen Meister, ich finde es an keinem Ort der Bibel, daß Christus, noch seine Apostel oder Propheten gekerkert, gebrennet noch gemordet haben.“ In diesem Tone fährt sie fort. „Um eine Hand voll Gerste und Stück Brod erschlagen sie die Seelen, die da nicht sterben, und sagen lebendig die Seelen, die da nicht leben.“ Aber man solle nur ja nicht denken, als ob das Evangelium ihnen weichen werde. „Weder des Papstes Decretal, noch Aristoteles, der nie kein Christ worden ist, vermögen mit sammt euch nicht, Gott, seine Propheten und Apostel vom Himmel zu stoßen und aus der Welt zu treiben; es geschieht nicht. Bitt euch, meine liebe Herrn, ihn länger bleiben zu lassen.“ Nach solchen ironischen Wendungen immer wieder in den ernstesten Ton übergehend, redet sie die Widersacher an: „Ihr Heuchler! ihr habt zu nichte gemacht das Gebot Gottes von wegen eurer Aufsätze; es heißt aber vergeblich geehret, wenn man ihn verehret mit Menschengeboten!“ Sie klagt nicht ihre Landesherrn an, sondern deren blinde Leiter. „Mich erbarmen unsre Fürsten, daß ihr sie so jämmerlich verführet und betrüget.“ Sie zürnt über die große Untreue, daß man sie und ihre löbliche Universität zur Nachrede der ganzen Welt mache, daß sie niemand Getreues haben, welches sie der Wahrheit berichte, und daß ihre Pfenninge, so man täglich von ihnen abreißt, viel mehr denn sie geliebt werden: „ich bin Willens,“ setzt sie hinzu, „ihnen solches zu schreiben; denn sie vor andern Geschäften nicht über dem Lesen sitzen mögen, wiewohl ja das Wort Gottes das nöthigste wäre; aber sie verlassen sich auf euch als die Schriftweisen“ . .. Zuletzt fordert sie „durch das Urtheil und bei der Gerechtigkeit Gottes“ die Universität auf, ihr diejenigen Artikel Luthers oder Melanchthons, welche ketzerisch sein sollten, schriftlich anzuzeigen; Hieronymus habe sich auch nicht geschämt, an Frauen zu schreiben, ja unser Herr Christus selbst habe Mariä Magdalenä und dem Fräulein bei dem Brunnen gepredigt. Sie erbietet sich aber auch zugleich, persönlich, und zwar am liebsten in Gegenwart ihrer drei Fürsten und der ganzen Gemeinde, Rechenschaft von ihrem Glauben zu geben; denn sie schäme sich des Evangeliums von Christo nicht, fürchte sich auch nicht vor den hohen Meistern, wenn anders dieselben nicht gewaltiglich mit Gefängniß oder dem Feuer unterweisen wollten. „Ich kann zwar,“ bemerkt sie gelegentlich, „kein Latein, aber ihr könnt teutsch, in dieser Zung geboren und erzogen.“ Der prophetische Zuruf: „Kehrt wieder, kehret wieder zu dem Herrn; denn er ist gütig und barmherzig!“ bildet einen der letzten Gedanken des muthigen Schreibens.

Der Inhalt desselben war bald in die Oeffentlichkeit gedrungen. Weil man aber manchen ihrer Aeußerungen eine falsche Deutung unterlegte, so glaubte Argula, „nicht um sich zu verantworten, wohl aber um Aergerniß zu verhüten,“ auch dem Rathe von Ingolstadt eine Copie ihres Fehdebriefs mittheilen zu sollen. Begleitet war dieselbe von einem Schreiben, in welchem sie erklärte, daß sie als eine getaufte Christin, welche dem Teufel, so wie all‘ seinem Pomp und Gespenst, widersagt, und als eine von den Töchtern, von welchen Gott durch Joel vorher verkündigt, daß sie aus Antrieb des heil. Geistes weissagen würden, nur gethan habe, was sie nicht hätte unterlassen dürfen. Freilich seien darob Etliche so sehr erzürnt, daß sie nicht wüßten, wie sie es nur schickten, daß sie vom Leben zum Tod käme; aber sie furchte sich nicht vor tausend; denn sie sei in Gottes Händen, und wie gewaltsam auch ihre Fürsten handeln müßten, wollten sie anders vor dem Laufen ihrer Widersacher Ruhe haben: man würde ja, wenn sie die Gnade hätte, um des Namens Christi willen den Tod zu leiden, nicht einmal einen Gewinn davon haben, sondern nur bewirken, daß desto mehr Herzen erweckt, und tausend andre Weiber, welche belesener und geschickter seien, wider sie schreiben würden. Ihren Verfolgern, welche nicht wüßten, was sie thun, wolle Gott verzeihen und sie erleuchten; die Herren des Raths aber möchten sich wohl vorsehen, daß sie nicht sammt ihnen verderben!

Antwort erhielt Argula weder von dem Rath, noch von der Universität. Ob Dr. Eck sich für ihr unbequemes Schreiben durch Uebersendung eines Rockens mit Spindel an ihr zu rächen gesucht, muß als nicht beglaubigt dahingestellt bleiben. Ein kümmerliches, mit unwürdigen Schmähungen angefülltes Product in Knittelversen („ein Spruch von der Staufferin ihres Disputirens halber“), in welchem sie zum Spinnen, Haubenstricken und Bortenwirken aufgefordert wird, war das einzige unmittelbare Lebenszeichen der Gegner. Der Verfasser hatte nicht gewagt, sich zu nennen, sondern unter dem fingirten Namen Hr. Johann von Landshut geschrieben. Argula antwortete, den Rath Salomo’s befolgend, „dem Narren nach seiner Narrheit,“ und zwar in demselben Versmaß, worauf er verstummte.

Dem Herzog Wilhelm hatte sie schon bald nach ihrem ersten öffentlichen Auftreten ihr Herz ausgeschüttet und ihn „um Gottes willen“ gebeten, dem Evangelium freien Lauf zu lassen: so werde Glück und Heil über Land und Leute kommen; wo nicht, so werde Gott es nicht ungerochen lassen. Gestützt auf den Grundsatz, „daß nicht den weltlichen Herren das Wort Gottes unterworfen sein soll, sondern sie demselben getreuen und gewissen Wort Gottes,“ ruft sie mit unerschrockenem Freimuth aus: „O ihr Fürsten, wollte Gott, daß eure Augen aufgethan würden!“ Sie giebt dem Herzog die feierliche Versicherung, daß sie schon aus Dankbarkeit für die empfangene Gutthat ihm als ihrem Bruder in Christo die Wahrheit nicht habe vorenthalten dürfen und bittet ihn, zu Herzen zu nehmen, daß Gott fürwahr die Seelen seiner. Unterthanen aus seiner Hand fordern werde. – Vor Gott demüthig wie ein Kind und auf das tiefste davon durchdrungen, „daß sie aus sich selbst nichts Gutes zu thun vermöge, denn sündigen,“ hat sie in dem Bewußtsein, daß sie die Sache Christi zu vertreten gewürdigt sei, selbst einem Mächtigen der Erde gegenüber sich zu dem kühnsten Vertrauen erhoben.

Argula’s Lage fing jetzt an bedenklich zu werden. Der mächtige Kanzler von Eck stellte dem Herzog vor, daß im Interesse der obrigkeitlichen Autorität das Religionsmandat, obgleich sie ein Weib sei, auch auf sie angewendet werden müsse, und letzterer, um so entrüsteter über „das ungeschickte Schreiben der Grumbacherin,“ da sie einst seine Schutzbefohlene gewesen, suchte sofort seinen Bruder Ludwig dahin zu bestimmen, daß er ihren Mann vorfordre, ihn befrage, warum er solches seinem Weibe gestatte? und denselben „von Stund an seines Amtes entsetze, ihre Bestrafung aber vorbehalte.“ An ihrem Manne hatte Argula keine Stütze. Er ließ sie zwar nicht einmauern, wie man ihm freundschaftlich gerathen haben soll; aber „er that,“ wie sie einmal ihrem Vetter Adam von Törring klagte, „leider sehr viel dazu, daß er Christum in ihr verfolgte.“ Letzterer, pfalzneuburgischer Statthalter, war „als eingesippter Freund“ sehr ungehalten darüber, daß sie sich so vieler Schmach aussetze; sie dankt ihm für seine Theilnahme, giebt ihm aber zugleich die beruhigende Versicherung, daß sie bereit sei, um ihres Bekenntnisses willen Alles über sich ergehen zu lassen. „Und ob es gleich dazu käme, daß ich darob müßte zu Grunde gehen: hätte ich die Gnade, wie ein Edel-Kleinod müßte meine Seele Gott dem Herrn sein!“ Auch ihre Kinder machen ihr, obwohl nunmehr „die Pfaffen zu Würzburg“ ihres jungen Herrn Gut auch verzehrt haben, keine Unruhe. „Meine Kindlein wird der Herr schon versorgen und die speisen mit den Vögeln in der Luft, auch die bekleiden mit den Blümlein des Feldes; er hat’s gesagt, er kann nicht lügen.“ Schließlich giebt sie ihrem „herzlieben Vetter“ noch zu erkennen, was sie von ihm erwarte. Für sie möge er Gott ernstlich bitten, daß er ihr den Glauben mehre; er selbst aber solle doch ja nicht unterlassen, vor seinem Ende die Bibel, oder wenigstens die vier Evangelisten noch hinauszulesen: er habe lange genug den Fürsten berathschlagt, er solle nun anfangen, seine unsterbliche Seele zu berathen: dadurch werde er zugleich in seinem Regiment viel Nutzen schaffen. Daß diese außergewöhnliche Frau auch die allgemeinen Angelegenheiten nicht aus den Augen ließ, beweisen u. A. die zwei vertrauensvollen Schreiben, welche sie im J. 1523 an den Kurfürsten Friedrich und den Pfalzgrafen Johannes gerichtet hat. Wie sie anderswo gesagt, es sei zu wünschen, daß der Reichstag nicht vergeblich seinen Namen habe, sondern uns reich mache an Seele und Leib, so sieht sie nun zu beiden Reichsfürsten mit der gewissen Zuversicht auf, daß sie fröhlich und ohne Zittern vor alle gewaltigen Angesichter treten werden. Ein öffentliches Sendschreiben andrer Art hat sie ein Jahr später „an die von Regensburg“ ergehen lassen, weil „aus Anrichtung des Satans“ diese Reichsstadt allein unter allen übrigen den Lauf des heil. Evangelii verhinderte. Die meisten Briefe aber hat sie wohl mit den Wittenbergern gewechselt. Mit dem Manne, von welchem sie einmal sagt: „er hat mich durch Gottes Wort wiedergeboren,“ mit Luther, „dem getreuen Arbeiter des Evangelii,“ welchem sie für seine gerechte Bibelverdeutschung und Alles, was Gott durch ihn gewirkt, Gottes Lohn in Zeit und Ewigkeit wünscht, war sie schon seit 1522 in brieflichen Verkehr getreten. Damals hatte sie ihm fröhlichen Herzens melden können, „daß das Evangelium fruchtbar im Lande sei;“ später holte sie sich Trost bei ihm. Luther nennt sie „die Jüngerin Christi, Argula,“ und fordert Spalatin auf, sich mit den Engeln über sie zu freuen als über eine fündige Tochter Adams, welche eine Tochter Gottes geworden sei, sie selbst aber, wenn er sie erreichen könne, von seinetwegen zu grüßen und in Christi Namen zu trösten. Daß sie sehr bekannt mit ihm gewesen sein muß, darf man auch aus dem Umstand schließen, daß sie als eine abgesagte Feindin der „Teufelslehre“ vom Cölibat (1. Tim. 4, 1 ff.) ihn zu einer Zeit, wo er selbst noch nicht daran dachte, aufforderte, in den heiligen Ehestand zu treten. Persönlich scheint sie ihn kennen gelernt zu haben, als sie während des Augsburger Reichstags ihn in Coburg besuchte. Schon zwei Jahre früher hatte Luther an Spalatin geschrieben: „Aus dem beiliegenden Briefe unsrer Argula wirst Du ersehen, was das gottselige Weib zu ertragen und zu erdulden hat,“ jetzt hatten ihre Anfechtungen den höchsten Grad erreicht. Von allen Seiten angefeindet, vom Klerus verunglimpft und von der weltlichen Gewalt mit Argusaugen überwacht, bedurfte sie mehr als je des Trostes der Gemeinschaft; aber sie stand, von Gleichgesinnten verlassen, wie in einer Wüste da. „Daß ich doch,“ hört man sie einmal ausrufen, „Einen erführe, der sich annehme die Bibel zu lesen, auch sich gewißlich erkundigte, was der Befehl Gottes wäre!“ Von, allen Seiten her vernimmt sie nichts, als die gemeine Rede: „ich glaub‘ , was meine Aeltern geglaubt haben;“ darin stimmten die Fürsten und der meiste Adel überein: darum seien auch alle Stände so voll von Buben und Bübinnen. Ohne Zweifel gebe es zwar auch viele „heimliche Jünger des Herrn;“ aber diesen unmännlichen Männern sei ein Schloß vor den Mund gelegt; „Gott schicke ihnen einen herzhaftigen Geist!“ Die inneren Zustände des Landes mißfielen ihr auf das äußerste; dennoch blieb ihr Muth ungebrochen. Was sie während des Augsburger Reichstags an Spalatin geschrieben: „Fürchtet euch nicht, die Sache ist Gottes, der sie in uns ohne uns angefangen hat, der weiß und wird uns wohl beschützen; er schläft nicht, der da behütet Israel, die Sache ist sein; er wird den Streit wohl stillen und hinausführen,“ das stand ihr auch unter den mißlichsten Umständen fest. Weil sie nun aber eben deshalb sich weder durch Warnungen noch durch Drohungen abhalten ließ, die Lehre Luthers zu bekennen und zu verbreiten, so wurde sie endlich (man weiß nicht, in welchem Jahre) des Landes verwiesen und ihr Sohn Hans Georg aus dem herzoglichen Dienste entlassen. Daß es so kommen würde, hatte sie längst vorhergesehen. „Wir müssen ja“, sprach sie schon vor Jahren, „Alles verlassen, Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Kinder, Gut, Leib, Leben.“ Von ihren letzten Schicksalen ist nichts bekannt, als daß sie sich nach Franken gewendet und, nachdem sie noch den Passauer Vertrag und den Regierungsantritt des milderen Albrecht erlebt, auf evangelischem Grund und Boden ihren unruhvollen Erdenlauf beschlossen hat. Ihr Mann war ihr, man sagt, um 1530, bereits vorangegangen; sie selbst starb 1554 in Zeilitzheim unweit Schweinfurt, wo sie auch begraben liegt. Der Jesuit Gretser hat sie noch nach ihrem seligen Hingang „eine lutherische Medea oder Furie“ genannt; wir segnen ihr Andenken als das einer auserwählten Frau und guten Streiterin Christi.

Ch. H. Sixt in Nürnberg, später in Anspach

Die Zeugen der Wahrheit
Dritter Band
Piper, Ferdinand (Herausgeber)
Verlag von Bernhard Tauchnitz
Leipzig 1874

Katharina Zell

Matthäus Zell, vormals Professor und Rector der Universität zu Freiburg im Breisgau, seit 1518 Leutpriester zu St. Lorenz an dem Münster zu Straßburg, war der erste evangelische Pfarrer d. h. Prediger und Seelsorger dieser wichtigen Reichsstadt. Sein Leben hat der Unterzeichnete anderwärts nach den Quellen dargestellt.

Mit Zell’s Wirken auf das Innigste verbunden war dessen Ehefrau Katharina, eine wackere Frau, wohlbegabt an Verstand und Gemüth; mit Beredsamkeit und nicht geringem Muthe ausgerüstet, mit einem menschenfreundlichen, dem Herrn Christo innig zugewandten Herzen voll warmen Eifers für das Evangelium, steht diese merkwürdige Frau da, als eines der schönsten Denkmale der oberrheinischen Reformationsgeschichte in Glaube und Liebe, in Treue und Thatkraft. Es mag sein, daß Frau Katharina Zell in ihrem Eifer zuweilen zu weit gegangen sei, daß sie in spätern Jahren vornehmlich, nach ihres Gatten Tod, sich in Streitigkeiten gemischt habe, wie ihr vielleicht nicht zustand; daß ferner in ihren schriftlichen Aeußerungen sich ein Selbstgefühl, eine Art von Selbstgefälligkeit finde, die allerdings nicht zu rühmen; – auf jeden Fall bleibt Frau Zell ein nicht minder bemerkenswerthes, ehrwürdiges Bild aus der bewegten Zeit der Reformation. Ihre Lebensgeschichte ist ein ergänzender Theil in der Localgeschichte dieser Periode und es kann von Matthäus Zell nicht gesprochen werden, ohne daß der Frau Katharina Zell ehrende Erwähnung geschehe.

Charakteristisch ist noch folgende Zusammenstellung. Butzer, Zell’s Amtsgenosse, nennt achselzuckend unsern Zell als „von einem Weibe beherrscht“. Frau Katharina Zell dagegen bezeugt, wie sie in Allem ihrem Manne gefolgt sei und ihres Mannes Ehre und Willen ihr als das Höchste auf Erden gegolten habe. Es sind zwei Willen, die dasselbe Ziel erstrebten auf verschiedenen Wegen. Dieß ist ein durchsichtiger Blick in das Leben der Reformatoren und auch anderer Leute, bis in die einfache Pfarrwohnung herab. Wie aus Kleinem oft Großes entstehe, unter der leitenden Hand der göttlichen Fürsehung, mag sich hier ahnen lassen. Auf jeden Fall verdient es Frau Katharina Zell, die ehrenwerthe Gattin des Reformators, die edle Menschenfreundin, die geübte und geistreiche Schriftstellerin, als „ein Stücklein von der Ripp des seligen Matthis Zellen“, wie sie selber sich nennt, hier aufgeführt zu werden. – Auch fand sie auswärts, obwohl ziemlich selten, Anerkennung. Gottfried Arnold erwähnt ihrer neben der gelehrten Olympia Fulvia Morata; Joh. Georg Müller, in seinen Reliquien, hat ihr ein Denkmal gestiftet und während der plumpe Waislinger auch über Frau Katharina Zell seinen Geifer ausgelassen hat, ließen ihr die Geschichtschreiber der elsässischen Reformation die ihr gebührende Ehre widerfahren. Ihr Ehrengedächtniß wurde erneuert bei Anlaß der Jubelfeier der Reformation 1817, indem zu Straßburg das Facsimile eines Briefes von Luther, nebst einigen Notizen über die Frau von Matthäus Zell, an welche dieser Brief geschrieben ist, in Druck erschienen ist. Allein diese Nachrichten sind nur kurz und dürftig-). Frau Katharina war zu Straßburg geboren, um das Jahr 1497, aus einer ehrbaren Handwerkerfamilie, der Vater war Schreiner. Einen wohlbegabten Geist und ein warmfühlendes Herz hatte sie. Diese Naturgaben wurden erhöht durch eine sorgfältige Erziehung, welche dieselben entwickelte und ihren Sinn auf’s Geistliche richtete. „Von Mutter Leibe an“, schreibt sie, „hat mich der Herr gezogen und von Jugend auf gelehrt; darum hab‘ ich mich auch seiner Kirche, nach dem Maaße meines Verstands und der verliehenen Gnade, zu jeder Zeit fleißig angenommen und treulich gehandelt, ohne Schalkheit und mit Ernst gesucht, was des Herrn Jesu ist; daß mich auch in meiner frühen Jugend alle Pfarrherrn und Kirchenverwandten geliebt und geehrt haben. Deshalb auch mein frommer Matthäus Zell zur Zeit und Anfang seiner Predigt des Evangeliums mich zur ehelichen Gesellin begehrt hat, dem ich auch eine treue Hülfe in feinem Amt und Haushaltung gewesen bin, zur Ehre Christi, welcher auch dessen Zeugniß geben wird am großen Tag seines Gerichts, daß ich treulich und einfältig gethan habe, mit großer Freud und Arbeit, Tag und Nacht meinen Leib, meine Kraft, Ehre und Gut, dir, du liebes Straßburg! zum Schemel deiner Füße gemacht habe. Dieß hat auch mein frommer Mann mir herzlich gern zugelassen, und mich sehr darum geliebet, sich selbst und sein Haus meiner oft ermangeln lassen, und mich gern der Gemeinde geschenket“.

Weiter erzählt dieselbe Katharina Zell, vornehmlich in Beziehung auf ihre spätere Wirksamkeit: „Ich bin seit meinem zehnten Jahre eine Kirchenmutter, eine Zierde des Predigtstuhls und der Schule gewesen, habe alle Gelehrte geliebt, viele besucht und mit ihnen mein Gespräch, nicht von Tanz, Weltfreuden, noch Fastnacht, sondern vom Reich Gottes gehabt. Deshalb auch mein Vatter, Mutter, Freunde und Bürger, auch viele Gelehrte, deren ich viele besprochen, mich in hoher Lieb, Ehr und Furcht gehalten haben. Da aber meine Anfechtung um des Himmelreichs willen groß ward und ich in all meinen schweren Werken, Gottesdienst und großer Pein meines Leibes, auch von allen Gelehrten kein Trost, noch Sicherheit der Lieb und Gnade Gottes konnte finden, noch überkommen, bin ich an Seel und Leib bis auf den Tod krank und schwach worden und ist mir gangen, wie dem armen Weiblein im Evangelio, das alles sein Gut bei den Aerzten immerdar verlor; da es aber von Christo höret und zu ihm kam, da wurde ihm durch denselbigen geholfen. Also mir auch, und manchen bekümmerten Herzen, die damals mit mir in großer Anfechtung, viel herrlicher alter Frauen und auch Jungfrauen, die meiner Gesellschaft begierig und mit Freuden meine Gespielen waren. Und da wir in solcher Angst und Sorg der Gnaden Gottes stunden, und aber in allen unsern vielen Werken, Uebung und Sacramenten derselbigen Kirche nie keine Ruh finden mochten, da erbarmte sich Gott unser und vieler Menschen, erweckte und sandte aus, mit Mund und Schriften, den lieben und jetzt seligen Doctor Martin Luther, der mir und Andern den Herrn Jesum Christum so lieblich fürschriebe, daß ich meinte, man zöge mich aus dem Erdreich herauf, ja aus der grimmen, bitteren Hölle in das lieblich süß Himmelreich, daß ich gedacht an das Wort des Herrn Christi, da er zu Petro sprach: „Ich will dich zu einem Menschenfischer machen und hinfüro sollt du Menschen sahen“. Und hab mich Tag und Nacht bearbeitet, daß ich ergriffe den Weg der Wahrheit Gottes, welcher ist Christus, der Sohn Gottes. Was Anfechtung ich darüber aufgenommen, da ich hie das Evangelium habe lernen erkennen, und helfen bekennen, das laß ich Gott befohlen sein.“

Wenige ihres Geschlechts möchten wohl ein ähnliches Bekenntniß abzulegen im Stande sein. Frühe schon hatten sich also in diesem reichen Gemüth die Elemente des Christenlebens entwickelt; eifriger, demüthiger Glaube, thätige oder doch nach Thätigkeit sich sehnende Liebe und eine Thatkraft und Hingebung, wie sie selten gefunden werden.

Am 3. December 1523 verheirathete sich Katharina Schütz, in ihrem 26. Lebensjahre, mit Hl. Matthäus Zell, Pfarrer zu St. Lorenz in dem Münster zu Straßburg. Martin Butzer, der schon früher in die Ehe getreten war, segnete diesen Bund ein; zum Schluß der heiligen Handlung feierte das neue Ehepaar das heilige Abendmahl unter beiden Gestalten. Die weiten Räume des Münstergebäudes waren dabei gedrängt voll Menschen, die Alle ihre frohe Beistimmung bezeugten. Frau Zell ward eine fromme, thätige, treue, verständige Hausfrau nicht blos, sondern auch eine Helferin ihres Mannes im Amt, eine rechte Diaconissin, im apostolischen Sinne des Wortes.

Das zunächst in die Augen fallende dieses schönen Berufs that sich kund bei ihr durch Werke unermüdlicher Wohlthätigkeit gegen Nothdürftige überhaupt und insbesondere gegen bedrängte, verfolgte, flüchtige Glaubensgenossen. Wir lassen auch hier am liebsten die edle Frau selber Zeugniß geben:

„Ich hab schon im Anfang meiner Ehe viel herrlicher gelehrter Leute in ihrer Flucht aufgenommen, in ihrer Kleinmüthigkeit getröstet und herzhaft gemacht, wie Gott im Propheten lehrt, unterstütze und stärke die müden Kniee. Das hab ich nach meinem Vermögen, und gegebner Gnaden Gottes gethan, da einmal fünfzehn lieber Männer aus der Markgrafschaft Baden mußten weichen, sie wollten dann wider ihr Gewissen thun, unter welchen ein gelehrter, alter Mann war, heißt Doctor Mantel, der mich sammt andern zu Baden innen ward, zu mir kame, Rath und Trost von mir begehrte, da er mit Weinen sagte: „Ach ich alter Mann mit viel kleiner Kinder“! Da ich ihm aber Mathäi Zellen Haus und Herberge zusagte, wie ward sein Herz erfreuet und seine müden Kniee gestärket! Dann er Angst und Schrecken versucht hatte, vier Jahre schwer gefangen gelegen. – Im 1524. Jahre mußten auf Eine Nacht anderthalb hundert Bürger aus dem Städtlein Kenzingen im Breisgau entweichen, kamen gen Straßburg, deren ich auf dieselbe Nacht achtzig in unser Haus aufgenommen und vier Wochen lang nie minder dann fünfzig oder sechzig gespeiset, darzu viel frommer Herren und Bürger steuerten und halfen erhalten. – Im 1525. Jahre, nach dem Todtschlag der armen Bauern, da so viel elender erschrockener Leut gen Straßburg kamen, hab ich sie mit Meister Lux Hackfurt, den gemeinen Almosens Schaffner, nebst zwei ehrsamen Wittwen, die Kräftinnen genannt, in das Barfüßer Kloster geführt, da es eine große Menge ward und hab viel ehrlicher Leute, Mann und Weib angerichtet, daß sie ihnen dieneten und große Steuer und Almosen gegeben wurden“.

Dieselbe erzählt an einer andern Stelle, wie ihr Mann solche Werke der Barmherzigkeit ihr herzlich gern zugelassen; „er hat mich um so mehr, sagt sie, darum geliebet, sein Leib und Haus meiner vielmehr lassen ermangeln und mich gern der Gemeinde geschenket; mir auch solches nicht mit Gebot, sondern mit freundlicher Bitt, solchem weiter nachzukommen an seinem Ende befohlen; dem ich auch, wie ich hoff, treulich nachkommen bin, da ich noch zwei Jahr und eilf Wochen nach Zell’s Abschied im Pfarrhaus geblieben, die Verzagten und Armen aufgenommen, die Kirche helfen erhalten, und derselbigen Gutes gethan habe, in meinen Kosten, ohne Jemandes Steuer.“ Unter andern rief sie nach Straßburg in ihr Haus den treuen frommen Prediger, Marx Heilandt, von Calw im Württemberger Land, damals verjagt, „durch mich beschrieben hieher“, sagt Frau Zell, „kam er hie auf den Predigtstuhl und hat auch hie sein Leben geendet“. – Frau Zell fuhr fort in diesem Sinne zu handeln und wo ein wohlthätiges Werk zu vollbringen war, da war sie eine der Vordersten, die Hand anlegten und das Ihre nicht sparten. Als im Jahr 1543 in Folge der Reformation, und da Straßburg ein von alter Zeit her berühmter Bildungsort war, sich eine bedeutende Zahl armer Schüler in dieser Stadt zusammengefunden hatte, da war Frau Zell eine der thätigsten, um denselben ein Unterkommen zu verschaffen. Sie fanden dasselbe in dem ehemaligen Wilhelmskloster und Frau Zell pflegte ihrer auf die treueste Weise. Sie half nach Kräften dazu mit, daß das noch jetzt bestehende Studienstift, St. Wilhelm genannt, zu Stande kam.

Doch nicht blos an Armen und Flüchtigen bewies Zell’s Hausfrau ihre Liebesthätigkeit. Sie gefiel sich besonders im Umgang mit gelehrten und berühmten Männern, die ihren Gatten besuchten; auch unterhielt sie sich mit nicht wenigen derselben in Briefwechsel. So gedenkt sie selber des Bischofs von Straßburg, dem sie „rauhe Briefe“ geschrieben habe. Auch an Dr. Luther schrieb sie mehrmals und erhielt von ihm freundliche Antwort. Eine Glanzperiode in ihrem thätigen Hausleben war die Zeit, als im Spätjahr 1529 die berühmtesten oberdeutschen und schweizerischen Theologen auf das Religionsgespräch zu Marburg reisten. „Ich bin, so erzählt sie selber, vierzehn Tag Magd und Köchin gewesen, da die lieben Männer Oecolampad und Zwingli im 29. Jahr hie zu Straßburg waren, daß sie sammt den Unsern gen Marburg zu Doctor Luther reiseten“.

Wie ihr Gatte, so misbilligte auch Frau Zell die Abendmahlsstreitigkeiten und überhaupt die manchfachen Lehrhändel in der jungen evangelischen Kirche. Sie erkannte das Wesen dieser letztern im liebethätigen Glauben und nicht im Festhalten an gewissen Worten und Formeln. Daher geschah es, daß sie nicht selten durch ihre freimüthigen Aeußerungen mit den lehreifrigen Collegen ihres Mannes in Conflikt kam, insbesondere mit Martin Butzer, der in diese Lehrstreitigkeiten als Friedensstifter vielfach verflochten war und der in einem ungedruckten Brief sich äußert: „Frau Zell sei eine tadellose Frau, doch habe sie zu viel Selbstliebe.“

Nachdem endlich im Jahre 1536 die Wittenberger Concordie abgeschlossen worden, unternahm der schon alternde Zell noch eine Reise zu Dr. Luther nach Wittenberg, gleichsam zur Versiegelung des Friedens. Seine Gattin begleitete ihn. Sie erzählt: „Ich bin eine schwache Frau, habe viel Arbeit, Krankheit und Schmerzen in meiner Ehe erlitten, hab dennoch meinen Mann so lieb gehabt, daß ich ihn nit allein hab lassen wandeln, da er (1538) unsern lieben Doctor Luther, und die Seestädte bis an das Meer, ihre Kirchen und Prediger, hat wollen sehen und hören, hab ich meinen alten fünf und achtzig jährigen Vater, Freunde und Alles hinter mir gelassen und bin mit ihm wohl dreihundert Meilen aus und ein auf derselbigen Reis gezogen. So bin ich mit ihm in das Schweizerland, Schwaben, Nürnberg, Pfalz und andre Ort gereiset, diese Gelehrten alle auch wollen sehen und hören, auch ihm zu dienen und Sorg auf ihn zu tragen, wie er es denn wohl bedurft hatte, daß ich mehr denn sechshundert Meilen mit ihm in seinem Alter gereiset mit großer Mühe und Arbeit meines Leibes, und großen Kosten unserer bloßen Nahrung, das mich aber nit gedauert, und noch nit reuet, sondern Gott darum danke, daß er mich solches Alles sehen und hören hat lassen.“

Die Wohlthätigkeit und Gastfreundschaft der Frau Zell war weitherzig und umfassend. In völliger Uebereinstimmung mit ihrem Gatten wiederholte die edle Frau oft: „Es soll jeder seinen Zugang zu uns haben und Alle, so den Herrn Christum für den wahren Sohn Gottes und einigen Heiland aller Menschen glauben und bekennen, die sollen Theil und Gemein an unserm Tisch und Herberg haben, wir wollen auch Theil mit ihnen an Christo und im Himmel haben, er sei wer er woll‘ . Also hab ich, mit Zell’s Willen und Wohlgefallen, mich vieler Leut angenommen, für sie geredt und geschrieben, es seien die so unserm lieben Dr. Luther angehangen, oder Zwinglin, oder Schwenkfelden und die armen Taufbrüder, reich und arm, weis oder unweis, nach der Red des heiligen Pauli, Alle haben zu uns dürfen kommen. Was hat uns ihr Namen angegangen? Wir sind auch nit gezwungen gewesen, Jedes Meinung und Glaubens zu sein, sind aber schuldig gewesen, einem Jeden Liebe, Dienst und Barmherzigkeit zu beweisen, das hat uns unser Lehrmeister Christus gelehrt.“

Eben weil ihr Herz so warm war für Andrer Noth, fiel es der wackern Frau so schwer, daß frühe schon in der evangelischen Kirche der alte Pharisäergeist sich regte, nämlich die Verfolgungssucht gegen Andersgläubige, zunächst gegen die Wiedertäufer. Sie äußert sich hierüber also gegen die Verfolger: „Die armen Täufer, da ihr so grimmig zornig über sie seid, und die Obrigkeit allenthalben über sie hetzet, wie ein Jäger die Hund auf ein wild Schwein und Hafen, die doch Christum den Herrn auch mit uns bekennen, im Hauptstück, darinnen wir uns vom Pabstthum getheilt haben, über die Erlösung Christi, aber sich in andern Dingen nit vergleichen können, soll man sie gleich darum verfolgen, und Christum in ihnen, den sie doch mit Eifer bekennen, und viel unter ihnen bis in das Elend, Gefängniß, Feuer und Wasser bekannt haben? Lieber gebet euch die Schuld, daß wir in Lehr und Leben Ursach sind, daß sie sich von uns trennen. Wer Böses thut, den soll eine Obrigkeit strafen, den Glauben aber nit zwingen und regieren, wie ihr meinet, er gehört dem Herzen und Gewissen zu, nit dem äußerlichen Menschen. Leset alle alten Lehrer und die, so auch das Evangelium bei uns wiederum erneuert haben, zuvor unsern lieben Luther und Brenzen, der noch lebet, was er geschrieben hat von ihnen, und sie so hoch beschirmet, daß eine Obrigkeit nit mit ihnen zu thun hab, dann in bürgerlichen Sachen. Leset es in dem Büchlein, das der gut Mann Martinus Vellius an den Fürsten und Herzog Christofel zu Wirtemberg geschrieben hat, nach des armen Serveti Todbrand zu Genf, da er für und zu dieser Zeit aller Frommen, Verständigen, Gelehrten . . . Rede und Meinung fleißig zusammengezogen hat, wie man mit irrenden Menschen, die man Ketzer nennt, soll handeln. – Wenn euch die Obrigkeit folgete, so würde bald ein Tyranney anfangen, daß Städt und Dörfer leer würden. – Straßburg stehet noch nicht zum Exempel, Schand und Spott dem Teutschen Land, sondern vielmehr zum Exempel der Barmherzigkeit, Mitleidens und Aufnehmung der Elenden; ist auch noch nit müd worden, Gott sei Lob, und ist mancher armer Christ noch darinnen, den ihr gern hättet gesehen hinaus treiben. Das hat der alte Matthäus Zell nit gethan, sondern die Schafe gesammelt, nit zerstreut; hat auch in solches nie gewilliget, sondern mit traurigem Herzen und großem Ernst, da es die Gelehrten auch einmal also bei der Obrigkeit anrichteten, öffentlich auf der Kanzel und im Convent der Prediger gesagt: ich nimm Gott, Himmel und Erdreich zum Zeugen an jenem Tag, daß ich unschuldig will sein an dem Kreuz und Verjagen dieser armen Leute“. –

Unter all‘ den vielen Fremden, welche Gastfreundschaft im Zell’schen Hause genossen, war’s insbesondere Caspar Schwenkfeld, der schlesische Edelmann, welcher als Vertriebener im Jahre 1528 nach Straßburg kam, der den meisten Anklang fand. Die Innerlichkeit seiner Religionsauffassung, sein achtungswerther Charakter und seine auserlesene, adeliche, äußere Erscheinung gewannen ihm das Herz des Zell’schen Ehepaars. Je mehr er von den Predigern als Kirchenfeind angefochten war, desto mehr fühlte sich Frau Zell von seiner Lehransicht angezogen. Sie ehrte ihn als einen frommen, obwohl irrenden, aber sehr demüthigen Mann. Auch nachdem Schwenkfeld die Stadt Straßburg verlassen hatte, blieb Frau Zell im Briefwechsel mit ihm. Mehrere dieser Briefe sind gedruckt in Schwenkfeld’s Epistolar; andere sind blos handschriftlich vorhanden. Diese Briefe sprechen alle gegenseitige innige Hochachtung, Liebe und Geistesgemeinschaft aus. Schwenkfeld nennt sie „herzliebe Frau Katharina“, wünscht ihr Beständigkeit und Wachsthum im Glauben und für ihren Hauswirth Meister Matthäus Zell bittet er, „der Herr Jesus Christus wolle ihm in wahrer Einfalt des heiligen Geistes sich selbsten mit Fried und Freud im Herzen zu erkennen geben, daß er mit dem lieben alten Simeon vor seinem End nu recht wahrhaftig das Bekenntnis möge singen.“ – In einem ungedruckten Briefe (19. Oct. 1553) erzählt Frau Zell: „Mein lieber Mann hat mir Plath und Weile gegeben, ist mir auch auf alle Art förderlich gewesen, zu lesen, hören, beten, studiren, hat es mir früh und spät, Tag und Nacht vergönnt, ja große Freud daran gehabt, ob es schon mit Nachlassung seiner Leibeswartung und Schaden seines Haushaltens geschehen wäre. Er hat mir auch nie gewehret, mit euch (Schwenkfeld), dieweil ihr in Straßburg gewesen, zu reden, zu euch und euch zu mir zu gehen, euch zu hören, Guts zu beweisen, oder euch hernach zu schreiben, hat mich nie darum gestraft oder gehasset, sondern vielmehr deshalb mich sehr geliebet.“

Frau Zell bewies übrigens ihre geistige Thätigkeit nicht blos durch ihre fleißige Correspondenz, sondern auch durch mehrere Schriften, die sie bei verschiedenen Anlässen veröffentlichte zum Frommen der ihr so theuern evangelischen Kirche. So ließ sie im Jahr 1524 eine Entschuldigung des Matth. Zell erscheinen, die aber von der Obrigkeit eingezogen wurde und wahrscheinlich nicht mehr vorhanden ist. In demselben Jahr verfaßte sie eine Trostschrift „an die leidenden christgläubigen Weiber der Gemeine zu Kenzingen meinen Mitschwestern.“ 150 Bürger von Kenzingen waren damals um ihres evangelischen Glaubens willen durch östreichische Soldaten aus der Stadt Kenzingen, im Badischen Lande, vertrieben worden; sie fanden gastliche Aufnahme in Straßburg und besonders im Zell’schen Hause. Im Jahr 1534 schrieb Frau Zell eine Vorrede zu dem bei Jakob Frölich in Straßburg erscheinenden Abdruck des Michael Weisse’schen Gesangbuchs, unter dem Titel: „Von Christo Jesu, unserm säligmacher, seiner Menschwerdung, u. s. w. etlich christliche und tröstliche Lobgesäng, aus einem fast herrlichen Gesangbuch gezogen.“ In der Vorrede sagt Frau Katharina Zell: „dieweil so viel schandlicher Lieder von Mann und Frauen, auch den Kindern gesungen werden, in der ganzen Welt, in welcher aller Laster, Buhlerey und anderer schandlicher Ding, den Alten und Jungen fürtragen wird, und die Welt je gesungen will haben, dunkt es mich ein sehr gut und nutz Ding seyn, wie dieser Mann (Michael Weisse) gethan hat, die ganz Handlung Christi und unsers Heils in Gsang zu bringen, ob doch die Leut also mit lustiger Weis und heller Stimmen ins Heil ermahnet möchten werden, und der Teufel mit seinem Gsang nit also bei ihnen Statt hätte.“ Uebrigens war dieses von Frau Zell bevorwortete Gesangbuch keineswegs ein Gemeindegesangbuch, ein solches gab es damals noch nicht. Aber die gangbarsten Kirchenlieder finden sich in allen damaligen Liedersammlungen wieder, und so auch in dieser. – Unter viel Arbeit, Mühe und Liebesthaten alterte Frau Zell. Sie war aber noch rüstig als ihr ehrwürdiger Gatte starb, am 9. Januar 1548 im 71. Lebensjahr. Noch in der letzten Nacht hatte Zell seine Frau gebeten, „sie solle seinen Helfern (Diaconen, Unterpredigern) sagen, daß sie Schwenkfeld und die Täufer in Frieden lassen, und Christum predigen“ . Herzerhebend war Zell’s Hinscheiden und rührend ist der Bericht, den dessen Gattin uns davon hinterlassen hat. Betend für seine Gemeinde entschlief er. Die treue Gattin hatte seiner bis zum letzten Athemzug gepflegt und auch bei dessen Leichenbegängnis^ bewies sich Frau Zell als glaubensstarke Christin. Durch den Magistrat ward ihr vergönnt, noch längere Zeit in der Pfarrwohnung zu verbleiben.

Die stückweise Einführung des Interim in Straßburg fiel ihr gar schwer, als eifriger Protestantin. Es ist ein Band von Interimsschriften erhalten worden, welcher der Frau Zell gehörte und dem sie schriftliche Randnoten beigegeben hat. Wir theilen hier nur einige dieser charakteristischen Aeußerungen mit:

„O Straßburg, wie willst du bestehen um deines Unglaubens willen. Nimmt Gott Matthis Zellen bald davon, lug um wie es dir wird gehn!“

Und ferner: „Oh Herr Jesu, was hast du uns heiliger Lehr, Lüt und Bücher geben, erbarm dich auch unserer Nachkommen. Kath. Zellin.“ – „Oh Herr Christus, mach mich fromm in dir; mein Herz soll solchem Recht nimmermehr abfallen. Katharina Zellin.“

Diese Aeußerungen deuten auf die Gemüthsstimmung hin, welche in dem Herzen der Frau Zellin von jetzt an die herrschende wurde. Es erfüllte sie eine Sehnsucht, ein Heimweh nach der Vergangenheit, das durch die Umstände noch gesteigert wurde und zwar auf sehr empfindliche Weise.

Mit dem Tode Zell’s und der Abreise Butzer’s nach England, trat in Straßburg eine große Aenderung ein in dogmatisch-theologischer Hinsicht. Die freiere, vermittelnde, ächt evangelische Ansicht und Auffassung der Kirchenlehre, wurde allmählig verdrängt durch starre Eiferer für das, was sie orthodoxes Lutherthum nannten. Diese Leute, meist jüngere Prediger, verfuhren mit rücksichtsloser Schroffheit, ja mit bitterer Feindschaft gegen die alten, ehrwürdigen Lehrer und Reformatoren der straßburgischen Kirche, welche Frau Zell so werth hielt. Am empfindlichsten aber schmerzte es sie, als ihr gleichsam aus ihrem eigenen Hause ein Widersacher erwuchs. Dr. Ludwig Rabus von Memmingen war Pflegling im Zell’schen Hause gewesen als unbemittelter Jüngling, der sich dem evangelischen Lehramt widmete. Frau Zell erwies sich ihm als treu sorgende Mutter. Der junge Rabus war wohl begabt und entwickelte ein nicht geringes Rednertalent. Er wurde bald ein Lieblingsprediger des Volkes in Straßburg und nach Zell’s Tode ward Rabus als dessen Nachfolger erwählt. Von jetzt an steigerte sich sein heftiger Charakter je mehr und mehr. Anfänglich war es das Interim und der Chorrock, gegen die er sich entsetzte und ereiferte. Bald aber warf sich seine scharfe Polemik auf die frühern Zustände der straßburgschen Kirche, auf die Lehransichten der Reformatoren und auf den gutmüthigen Schwärmer Schwenkfeld. In harten Ausdrücken ließ er sich gegen Beide aus nicht blos im Privatgespräch, sondern auch in öffentlicher Predigt. Frau Zell, als „noch ein Stücklein von der Ripp des seligen Matthis Zellen“, konnte dies neue Wesen nicht ertragen. Sie übernahm die Ehrenrettung der Geschmäheten. Zuerst mündlich, dann schriftlich. Rabus antwortete der würdigen Frau auf die gröbste Weise, von Ulm aus im Jahre 1557, wohin er als Superintendent war berufen worden. Sein Brief beginnt also: „Dein heidnisch, unchristlich, erstunken und erlogen Schreiben ist mir zukommen den 16. Aprilis, welcher der Charfreitag gewesen, da ich sonst mit Predigen ziemlich unruhig und beladen. Dieweil ich dann in selbigem, giftigen, neidischen, erstunkenen und erlogenen Schreiben befunden, ob dich Gott wunderbarlich heimsucht, dennoch kein Besserung an dir zu verhoffen, sondern du für und für in schrecklichen Irrthumben, falscher Zeugniß und teuflischem Ausgeben verstockter Weise verharrest“ u. s. w. Auf solche Anrede antwortete Frau Zell mit ebensoviel Sanftmuth als Ernst, mit richtigem Verstand, warmem Gefühl und in bibelfestem Ton. Wir theilen nur Einiges aus ihrer Verantwortung mit, die sie im Jahre 1557 an die ganze Bürgerschaft der Stadt Straßburg gerichtet, in Druck ausgehn ließ: „Lieber Herr Ludwig, ich hab euch zu Straßburg vor einem Jahr einen freundlichen, mütterlichen, wahrhaftigen Brief, aus großen Ursachen geschrieben und zugeschickt, denselben habet ihr mir unfreundlich und zugeschlossen wiederum geschickt und nit gewüllt lesen. Das hat mir wohl weh gethan, als einer die euch geliebet, auch Ehr und Gutes bewiesen, nach meines frommen Mannes Abscheiden, auch helfen fürdern nach meiner Maß, dahin ihr gekommen seid. Ich hab es wohl aber auch mit Geduld können aufnehmen und tragen als einen Mangel und Unerfahrenheit eines jungen Mannes, der zu früh und vor der Zeit auf den Altar gesetzet ist worden, hab gedacht Jahr und Verstand kommen mit der Zeit miteinander, der Herr Christus könne alle Ding ändern und Verstand geben. Habs demselbigen also befohlen und kein arges Herz gegen euch getragen, wiewohl es euch übel angestanden ist“. – „Ach Gott, wie seid ihr doch, lieber Herr Ludwig, so blind, daß ihr meinet, die Leut seien Narren und verstehen nit, wann sie die Bücher lesen, was Schwenkfeld schreibe, red‘ und lehre, und was ihr vielmal aus Unverstand, auch vielleicht eitel Ehre und eigen Gesuch, redet und lehret! Und ihr sollet es nit zürnen, ihr lernet erst aus Schwenkfeld’s Schriften viel von Christo reden, auch zu Zeiten dasselbig in euern Predigen, und fluchet ihm dannoch gleich darauf; gleichwie die armen Päbstler aus unsers lieben Dr. Luther’s seligen Büchern haben etwas gelernet und ihn darnach verdammen; und wann ihre Bücher nicht noch vorhanden wären, dürften sie wohl sagen, Luther redete die Unwahrheit von ihnen, sie hätten nit also gelehret. Luget! machet euch ihrer nit theilhaftig, es wird euch sonst gehn wie dem Propheten Bileam: was du fluchest, will ich segnen.“ – An einer andern Stelle sagt dieselbe: „O seliger Wolf Capito, Caspar Hedio, Matthäus Zell, wie ruhet ihr so wohl in Christo, die so treulich gehandelt, und eure Mitarbeiter nit also dem Teufel übergeben habt, deß müsset ihr jetzt im Grund verachtet werden, (aber ohn Zweifel hoch vor Gott geehrt). Ich glaub‘ aber, lebtet ihr jetzt noch bei uns, man hüge (hiebe) euch wiederum mit Ruthen, ihr müßtet schweigende Kinder werden und bei denen die ihr geboren wiederum in die Schulen‘ gehn, und Krummes für Schlechtes (Gerades) lernen. Gott hat euch aber aus Gnaden, vor dem und viel Unglück hinweggeruckt, ihm sei darum Lob. Amen.“

Die Wohlthätigkeit, welche Frau Katharina während ihrer Ehe so reichlich und im Einverständniß mit ihrem würdigen Gatten, in so hohem Grade geübt hatte, wurde von ihr auch als Wittwe fortgesetzt. Folgendes Beispiel mag dieß bezeugen. Als des Interims wegen im April 1549 die beiden Straßburger Prediger Butzer und Paul Fagius ihr Amt ablegen und nach England fliehen mußten, hinterließen sie der Wittwe Zell, ohne deren Wissen, etliche Goldstücke, um dieselbe in ihrer bedrängten Lage zu unterstützen. Wie Frau Zell dieselben angewandt habe, erzählt sie selber in einem Brief an diese Männer: „Ihr habt mich mit dem Geld, so ihr mir heimlich in dem Brief hinterlassen, auf das äußerste betrübet. Auf daß aber meine Schamröthe eines Theils hingelegt werde, hab‘ ich euch eure zwei Stücke Golds wiederum in diesen Brief wollen legen, wie Joseph seinen Brüdern. Da ist ein des Interims wegen verjagter Prädikant mit fünf Kindern zu mir kommen, und eines Prädikanten Frau, deren Mann vor ihren Augen man den Kopf abgeschlagen hat. Die hab ich zehn Tag bei mir gehabt und hab das eine Stück Gold diesen Beiden zur Zehrung geschenkt, aber nicht mein, sondern euretwegen; das andre hab ich euch wiederum in diesen Brief gethan, daß ihr es selber sollet brauchen und ein andersmal nit so gütig seyn. Ihr werdet noch viel bedürfen, auch euer Volk (Familie), wenn es in Engelland euch nachkommen soll, und seid also Gott befohlen in seinem Schutz und Schirm ewiglich, wider alle seine und eure Feind!“ –

Das Todesjahr dieser ehrwürdigen Frau ist nicht bekannt. Aber noch am 3. März 1562 ließ sie sich durch Conrad Hubert, ihren bewährten Hausfreund, bei Ludwig Lavater von Zürich entschuldigen, daß sie diesem so lange nicht geantwortet habe; sie seye durch lange Krankheit halb todt und könne seit vielen Monaten sich der Feder nicht mehr bedienen.

T. W. Röhrich in Straßburg

Die Zeugen der Wahrheit
Dritter Band
Piper, Ferdinand (Herausgeber)
Verlag von Bernhard Tauchnitz
Leipzig 1874

Katharina Zell, geborene Schütz

„Du thust treulich, was du thust, an den Brüdern und Gästen, die von deiner Liebe gezeuget haben vor der Gemeinde; und du hast wohlgethan, daß du sie abgefertigt hast würdiglich vor Gott. Denn um seines Namens willen sind sie ausgezogen. – So wollen wir nun solche aufnehmen, auf daß wir der Wahrheit Gehülfen werden.“ (3. Joh. 5 – 8)

Wie Wittenberg, so hat auch Straßburg zur Reformationszeit seine „Frau Käthe“ von Gottes Gnaden gehabt, als Schmuck und Ehr, beides, des frisch glänzenden Evangeliums, und des deutschen Frauenthums.

Unsere Katharina Zell ist dem Handwerkerstande entsprossen, ums Jahr 1497 geboren, und die Tochter des ehrsamen Schreinermeisters Schütz. Aus ihrer Jugend weiß man nur, was sie selbst hier und da nebenher davon erzählt. Denn sie hatte eine schöne Begabung de Rede, welche sie sowohl mit der Zunge, als mit der Feder Vielen zum Trost und Segen zu üben pflegte. Hiernach ist sie im Geringsten nicht etwa eine jener idealischen Naturen gewesen, welche der Außenwelt gegenüber schüchtern und zurückgezogen erscheinen, während inwendig die unsichtbare Welt des Gemüthes in reicher, reiner Blüthe steht, und wie wir uns Maria, die Bethanierinn, so gern denken, als ein Bild deutscher Jungfräulichkeit. Vielmehr schaute sie von Kindesbeinen an mit Augen, wackern Augen in die vorliegenden, nächsten Verhältnisse, erkannte rasch den Punkt, wo sie eingreifen müsse, und griff dann frischweg, fröhlich und ungeheißen an. Zum Thun, Lieben, Dienen und hülfreichen Beispringen war sie geschaffen, durchaus eine Martha; auch im Anfang ihres Wirkens mit jenem Anflug selbstgefälliger Vielgeschäftigkeit, auf welche der Herr dort im Lazarushaus mit warnendem Finger hindeutete.

Das Mägdlein wuchs in den frommen Sitten und Ehren deutschen Bürgerthums auf, und hielt sich also von Herzen getreu zur Kirche und ihrem Werke. Sie liebte sehr das Gespräch mit ihren geistlichen Lehrern über christliche Gegenstände, und ward dafür wegen ihrer Bereitwilligkeit und Geschicktheit zu allerhand Aushülfe von Allen geliebt und gelobt. So war’s ihr keine Entbehrung, „Tanz, Weltfreude oder Fastnacht“ zu meiden. Denn allen Wegen, auf welchen es zu Tändelei und Leichtfertigkeit hinaus ging, war sie von Herzen gram. Schier zu viel Werkdienste muthete die Jungfrau sich zu, in der allerfrömmsten Meinung, ihrer Seele Ruhe zu erwerben. Sagt sie doch selbst: „sie sei von ihrem zehnten Jahre an eine Kirchenmutter gewesen.“ Sie hatte das „gute Theil“ noch nicht erwählt. Da brach das Licht der Reformation hindurch, und sie vernahm des Meisters Stimme: „Martha! Martha! Du hast viel Sorge un Mühe; Eins aber ist Noth!“ Sie selbst gedenkt später dieser Zeit des in ihrem Herzen aufgehenden Morgensterns mit folgenden Worten: „Da aber meine Anfechtung und des Himmelreichs willen groß ward, und ich in all meinen schweren Werken, Gottesdienst und großer Pein meines Leibes, auch von allen Gelehrten keinen Trost, noch Sicherheit der Liebe und Gnade Gottes konnte finden, noch überkommen, bin ich an Leib und Seele bis auf den Tod krank und schwach worden, und ist mir gangen, wie dem armen Weiblein im Evangelio, das alles sein Gut bei den Aerzten immerdar verlor. Da es aber von Christo höret, und zu ihm kam, da wurde ihm durch denselbigen geholfen. Also mir auch, und manchen bekümmerten Herzen, die damals mit mir in großer Anfechtung, viel herrlicher alter Frauen und auch Jungfrauen, die meiner Gesellschaft begierig, und mit Freuden meine Gespielen waren. Und da wir in solcher Angst und Sorg der Gnaden Gottes stunden, und aber in allen unsern vielen Werken, Uebung und Sacramenten derselbigen Kirche nie keine Ruhe finden mochten, da erbarmte sich Gott unser und vieler Menschen, erweckte und sandte aus, mit Mund und Schriften, den lieben und jetzt seligen Doctor Martin Luther, der mir und Andern den Herrn Jesum Christum so lieblich fürschriebe, daß ich meinte, man zöge mich aus dem Erdreich herauf, ja aus der grimmen, bittern Hölle in das lieblich süße Himmelreich, daß ich gedacht an das Wort des Herrn Christi, da er zu Petro sprach: „Ich will dich zu einem Menschenfischer machen, und hinfüro sollst du Menschen fahen.“ Und hab mich Tag und Nacht bearbeitet, daß ich ergriffe den Weg der Wahrheit Gottes, welcher ist Christus, der Sohn Gottes. Was Anfechtung ich darüber aufgenommen, da ich das Evangelium habe lernen bekennen, das laß ich Gott befohlen seyn.“

Unter den Ersten, die in der alten deutschen Reichsstadt Straßburg der Wittenberger Nachtigall das Hohelied „von der Gnade Gottes in Christo, und von der Gerechtigkeit durch den Glauben allein“ nachsangen, ist der ehrwürdige Matthäus Zell zu nennen. Derselbe lag zuvor als Lehrer der theologischen und philologischen Wissenschaft an der Hochschule zu Freiburg im Breisgau ob, deren Professor und Rector er eine Zeitlang war. Im Jahr 1518 siedelte er nach Straßburg über, wo er zu St. Lorenz im Münster Leutpriester wurde. Er entschied sich für die Reformation schon in ihrer frühen Morgenstunde, und ward der erste evangelische Prediger und Pfarrer an diesem wichtigen Punkte des deutschen Reiches, welcher für viele Jahre die Bestimmung hatte, ein brennender Heerd des Evangeliums zu seyn.

Da nun auch Zell durch Gründung eines christlichen Hauswesens zeigen wollte, er sei der Fesseln Roms ledig, so warb er um die Hand der Tochter des Meisters Schütz. Der gelehrte Mann achtete nicht gering ihren Handwerkerstand, achtete aber hoch ihr muthiges, frommes Herz, und ihren hellen, hurtigen Verstand. Katharina verlobte sich mit Freuden dem hochverehrten Pfarrherrn. Martin Bucer, der schon verehelichte Straßburger Reformator, segnete im Münster, dessen weite Räume von der freudig theilnehmenden Menge gefüllt waren, die Verlobten zum Ehebündniß ein. Nach der heiligen Handlung genoß das junge Paar das Abendmahl des Herrn nach der Schrift und beiderlei Gestalt. Ihre Ehe war glücklich, den sie führten sie in Treue und Gottesfurcht.

Zell sah alsbald, daß Gott ihm in Wahrheit eine Gehülfinn, die um ihn sei, geschaffen hatte. Denn die rüstige, rührige Katharina erkannte, daß sie als Hausfrau des Pfarrers in den Dienst nicht bloß der Straßburger Gemeinde, sondern auch der weiten evangelischen Glaubensgenossenschaft gestellt sei. und indem sie mit frischem Muth und wirthschaftlichem Geschick und in großem Maaßstabe ihrem Diakonissen-Amte oblag, machte sie ihres Mannes Hände desto freier für das Amt der Verkündigung und der Seelsorge. So gewannen Sie aneinander Kraft, Freudigkeit und Ausdauer, und wurden, da sie nicht Aeltern leiblicher Kinder seyn sollten, Vater und Mutter einer großen Schaar verlassener, elender Menschen.

Abgesehen davon, was Katharina ununterbrochen den Armen ihrer Gemeinde an leiblicher Hülfe und freundlicher Tröstung bot, so machte sie das Pfarrhaus zu einer stets gastfrei offen stehenden Herberge derer, die um des evangelischen Bekenntnisses willen von Haus und Heimath vertrieben, in Straßburg Zuflucht suchten. Oft war der Andrang so groß, daß ihre eigenen Mittel bei Weitem nicht ausreichten. Aber sie ward drum nie verzagt, ihre Liebe war so weit, klug und kräftig, daß sie immer wieder frischen Rath und Hülfe zu schaffen wußte. Stadt und Gemeinde standen ihr gern zu Gebot, um so mehr, als sie jed4erzeit ganz ohne Aufschub und Bedenken mit dem Beispiel eigner Aufopferung Allen vorleuchtete.

Sie erzählt: „Ich habe schon im Anfang meiner Ehe viel herrliche, gelehrte Leute in ihrer Flucht aufgenommen, in ihrer Kleinmüthigkeit getröstet und herzhaft gemacht, wie Gott im Propheten lehrt: „Unterstütze und stärke die müden Kniee!“ Das habe ich nach meinem Vermögen, und gegebener Gnade Gottes gethan, da einmal fünfzehn liebe Männer aus der Markgrafsschaft Baden mußten weichen, unter welchen ein gelehrter alter Mann war, heißt Doctor Mantel, der mein sammt Anderer zu Baden inne ward, zu mir kam, Rath und Trost von mir begehrte, da er mit Weinen sagte: „Ach, ich alter Mann mit viel kleiner Kinder!“ DA ich ihm aber Matthäus Zeller Haus und Herberge zusagte, wie ward sein Herz erfreuet, uns seine müden Kniee gestärket! – Im 1524ger Jahre mußten auf Eine Nacht anderthalb hundert Bürger aus dem Städtlein Kenzingen im Breisgau entweichen, kamen gen Straßburg, davon ich auf dieselbige Nacht 80 in unser Haus aufgenommen, und 4 Wochen lang, nie minder denn 50 oder 60 gespeiset, darzu viel frommer Herren und Bürger steuerten und halfen erhalten. – Im 1525ger Jahre, nach dem Todschlag der armen Bauern, da so viel elender, erschrockener Leute gen Straßburg kamen, hab ich sie mit Meister Lux Hackfurt, des gemeinen Almosens Schaffner, nebst zweier ehrsamen Wittwen, die Kräftinnen genannt, in das Barfüßer Kloster geführt, da es eine große Menge war, und hab viel ehrlicher Leute, Mann und Weib angerichtet, daß sie ihnen dieneten, und große Steuer und Almosen gegeben wurden.“ Unter solchen Arbeiten, deren sie nie ledig wurde, war es ihr eine Herzenserquickung, die Gespräche der reformatorischen Männer zu hören, die bei ihrem Manne aus und ein gingen. Und besonders, als im Jahr 1529 die schweizerischen und oberdeutschen Theologen auf ihrer Reise zu dem Marburger Religionsgespräch in Straßburg sich sammelten, erzählt die mit großer Freude: „Ich bin 14 Tage Magd und Köchinn gewesen, da die lieben Männer Oekolampad und Zwingli hie zu Straßburg waren, daß sie sammt den Unsern gen Marburg zu Doctor Luther reiseten.“ Auch unterhielt sie mit Vielen schriftlichen Verkehr. Luther hat ihr auf einige Briefe freundlich geantwortet.

In diesem Umgang lernte sie die Aufgabe der Reformation, für christliche Volksbildung Sorge zu tragen, hochschätzen. Und auch dafür suchte sie, mit richtiger Erwägung dessen, was sie als Frau vermochte, thätig zu seyn. Als nämlich zu den altberühmten Bildungs-Anstalten in Straßburg sich viele arme Schüler eingefunden hatten, gab sie die Anregung, daß man ihnen freies Unterkommen und mütterliche Pflege verschaffte. Das St. Wilhelms-Kloster wurde dazu hergegeben. Und so ist sie als eine Mitbegründerinn des Studienstiftes St. Wilhelm, welches bis auf diesen Tag besteht, anzusehen.

Die Pfarrfrau nahm mit ihrem lebhaften Herzen wärmsten Antheil am Gang und den öffentlichen Schicksalen der Reformation. Nach den Abschluß der Wittenberger Concordie 1538 begleitete sie ihren Mann auf seiner Reise zu Luther. Da gibt sie nun Rechenschaft von all den Städten und Merkwürdigkeiten, welche sie gesehen. Sie sey mit ihm bei 300 Meilen auf derselbigen Reis‘ aus und ein gezogen bis an das Meer. Viele große Müh und Arbeit ihres Leibes, und große Kosten der bloßen Nahrung habe sie erlitten, „das mich aber nit gedauert, – fügt sie freudig hinzu – und mich nit gereuet, sondern Gott darum danke, daß er mich solches Alles sehen und hören hat lassen.“ – Das Interim, jener unlautere Versuch, den neuen Most in alte Schläuche zu füllen, d. h. Papstthum und Evangelium in einander zu weben, welcher theilweise und vorübergehend auch in Straßburg geduldet wurde, machte der deutschen, graden, frommen Frau viel Herzeleid. In ihrem Nachlaß fand sich ein Bündel Flugschriften über diesen Gegenstand. Auf den meisten stehen zu r Seite von ihrer Hand geschriebene Randbemerkungen, die wie Seufzer klingen, z. B. „ O Straßburg, wie willst Du bestehen, um deines Unglaubens willen? Nimmt Gott Matthis Zeller bald davon, lug um, wie es dir wird ergehn!“ Ein ander Mal: „ O, Herr Christus, mach mich fromm in dir! Mein Herz soll solchem Recht nimmermehr abfallen.“ Katharina Zellin.“

Nach Zell’s Tode, – er starb den 9. Januar 1548, – in den Armen seiner treuen Frau, – und nach Martin Bucer’s Flucht nach England stand auch in Straßburg ein anderes Geschlecht auf den Kanzeln und Lehrstühlen. Die heilige, großherzige, in ihrer Demuth so schöne Begeisterung für da Evangelium verlosch mehr und mehr. man begann um Nebendinge gehässig zu hadern, man buchstäble an Lehrsätzen herum, um deretwillen man sich verketztere, und in den Bann that; man stolzire mit der Rechtgläubigkeit des Bekenntnisses, man redete mit Menschen- und mit Engelzungen und es war doch eine klingende Schelle und tönendes Erz; denn die Liebe war draus hinweg gestorben.

Wie bitter weh ward der Wittwe Zell unter den Zänkern! Sie erlebte persönlich schmerzlichsten Undank. Sie hatte lange Zeit einen Pflegesohn im Haus, einen reich begabten Jüngling aus Memmingen, den nachmaligen Dr. Ludwig Robus. Dieser wurde Zells Nachfolger, ließ sich aber bald zu solcher Leidenschaftlichkeit hinreißen, daß er schamlos und mit den gehässigsten Worten die heimgegangenen Lehrer und Reformatoren Straßburgs der Ketzerei beschuldigte. Seiner Pflegemutter, die ihm als „noch ein Stücklein von der Ripp des seligen Matthis Zellen“ Vorstellungen machte, schrieb er von Ulm aus, wohin er versetzt worden war, unholdige Briefe. Sie antwortete, wie eine Mutter, ernst und sanft. Ihr Verhalten zum Interim zeigt, wie unverbrüchlich fest sie an dem Evangelium hielt. Aber auf diesem Grunde, außer welchem kein Anderer gelegt werden kann, hatte sie einen freien Stand. Mit ihren hellen Gedanken unterschied sie bestimmt die Hauptsache von Nebendingen. Mit wem sie sich in der Hauptsache Eins wußte, der war ihr Glaubensgenosse, sollte er auch in Einzelnem von ihrer Ueberzeugung abweichen; und die hierin Irrenden wollte sie viel lieber schonen und tragen, als anfeinden. Viel fromme Leute gab es damals wie jetzt, welche Christum lieb hatten, die Schrift als einziges Richtmaaß der Lehre erkannten, dieselbe aber in manchen Stücken anders auslegten, als es in den öffentlich anerkannten evangelischen Confessionen geschah. Von diesen hielten sich besonders viele Wiedertäufer und Anhänger des schlesischen Edelmanns Caspar Schwenkfeld in Straßburg auf. Den Letztgenannten hatte das Zell’sche Ehepaar als einen Flüchtling längere Zeit in seinem Hause beherbergt und liebgewonnen, um seiner demüthigen, innerlich zarten Frömmigkeit willen. Sie übersahen es, daß er in einigen Stücken ein Schwärmer sei, und hatten mit ihm Gebet und brünstige Heilandsliebe gemein.

Als nun die Tage kamen, da man nicht bloß mit Gift und Geifer des Wortes, sondern mit blutiger Verfolgung hinter allen Andersgläubigen her war, wurde das im Glauben so liebeswarme Mutterherz unserer Katharina voll heiliger Entrüstung. und in der That, man weiß nicht, soll man mehr die Herrlichkeit der evangelischen Freiheit rühmen, oder das schöne nicht aufzuhaltende Feuer der Liebe, welches sich in der Entrüstung dieser Phöbe zeigt, die um des Herrn willen von dem engherzigen Buchstabendienste ihren Liebesdiensten keine Schranken will ziehen lassen. Ihre Worte hierüber sind köstlich, und leuchten hell in unsere Zeit und Zustände hinein:
„Es soll Jeder seinen Zugang zu uns haben, – ruft sie aus, – und Alle, so den Herrn Christum für den wahren Sohn Gottes und einigen Heiland aller Menschen glauben und bekennen, die sollen Theil und Gemein an unserm Tisch und Herberg haben; wir wollen auch Theil mit ihnen an Christo und im Himmel haben, er sei, wer er woll! Also habe ich mit Zells Willen und Wohlgefallen mich vieler Leut angenommen, für sie geredt und geschrieben, es seien, die so unserm lieben Doctor Luther angehangen, oder Zwinglio, oder Schwenkfelden, und die armen Taufbrüder, reich und arm, weis oder unweis, nach der Red des heiligen Pauli. Alle haben zu uns kommen dürfen. Was hat uns ihr Name angegangen? Wir sind auch nit gezwungen gewesen, Jedes Meinung und Glaubens zu sein, sind aber schuldig gewesen, einem Jeden Liebe, Dienst und Barmherzigkeit zu beweisen; das hat uns unser Lehrmeister Christus gelehrt.“

„Die armen Täufer, da ihr so grimmig zornig über sie seid, und die Obrigkeit allenthalben über sie hetzet, wie ein Jäger die Hund über ein wild Schwein oder Hasen, die doch Christum den Herrn auch mit uns bekennen, im Hauptstück, da wir uns vom Papstthum getheilt haben, über die Erlösung Christi; aber sich in andern Dingen mit vergleichen können, soll man sie gleich darum verfolgen, und Christum in ihnen, den sie doch mit Eifer bekennen, und Viele unter ihnen bis in das Elend, Gefängnis, Feuer und Wasser bekannt haben? Lieber gebet euch die Schuld, dass wir in Lehr und Leben Ursach sind, dass sie sich von uns trennen! Wer Böses thut, den soll die Obrigkeit strafen, den Glauben aber nit zwingen und regieren, wir ihr meint; er gehört dem Herzen und Gewissen zu, nit dem äußerlichen Menschen. Leset alle alten Lehrer und die, so euch das Evangelium bei uns wieder erneuert haben, zuvor unsern lieben Luther und Benzren, der noch lebet, was er geschrieben hat von ihnen, und sie hoch beschirmet, dass eine Obrigkeit nit mit ihnen zu thun habe, denn in bürgerlichen Sachen. Leset es in dem Büchlein, das der gute Mann Martinus Bellius an den Fürsten und Herzog Christofel zu Wirtemberg geschrieben hat, nach des armen Serveti Todbrand zu Genf, da er für uns zu dieser Zeit aller Frommen, Verständigen und Gelehrten…Red und Meinung fleißig zusammengezogen hat, wie man mit irrenden Menschen, die man Ketzer nennt, soll handeln! Wenn euch die Obrigkeit folgete, sie würde bald ein Thyrannei anfangen, daß Städt und Dörfer leer würden. – Straßburg stehet noch nicht zum Exempel, Schand und Spott dem Teutschen Land, sondern vielmehr zum Exempel der Barmherzigkeit, Mitleidens und Aufnehmung der Elenden, ist auch noch nit müd worden, Gott sei Lob, und ist mancher armer Christ noch darinnen, den ihr gern hättet gesehn hinaustreiben. – Das hat der alte Matthäus Zell nit gethan, sondern die Schafe gesammelt, nit zerstreut; hat auch in solches nie gewilligt, sondern mit traurigem Herzen und großem Ernst, da es die Gelehrten auf einmal also bei der Obrigkeit anrichten, öffentlich auf der Kanzel und im Convent der Prediger gesagt: Ich nimm Gott, Himmel und Erdreich zum Zeugen an jenem Tag, dass ich unschuldig will sein an dem Kreuz und Verjagen dieser armen Leute.“

Wie eifersüchtig ist sie im Angesicht Deutschlands auf den unbefleckten Nachbarn ihres Straßburgs! Und ein schöner Charakterzug, ein recht deutscher und weiblicher an dem Wesen dieser Frau ist das Ineinandergeschlungensein ihrer Heimathliebe und ihres Glaubens. „Christus wird mir dessen Zeugnis geben, – schrieb sie einst, – dass ich mit großer Freud und Arbeit, Tag und Nacht meinen Leib, meine Kraft Ehre und Gut, dir, du liebes Straßburg!, zum Schemel deiner Füße gemacht habe.“

Nach Zells Tode hatte man ihr gestattet, noch einige Jahre im Pfarrhaus zu wohnen. Sie fuhr auch nachher fort im Dienst an der Gemeinde, und wo möglich noch mit größerem Eifer, weil sie dadurch das Andenken ihres Mannes, welches ihrem Herzen sehr theuer war, zu ehren gedachte. „Er hat mich, sagte sie in wehmüthig süßer Erinnerung, um so mehr darum geliebet, sein Leid und Haus meiner vielmehr lassen ermangeln, und mich gern der Gemeinde geschenkt, mir auch solches nicht mit Gebot, sondern mit freundlicher Bitt, solchem weiter nachzukommen, an seinem Ende befohlen; dem ich auch, wie ich hoff, treulich nachkommen bin, da ich noch 2 Jahr 11 Wochen nach Zells Abschied im Pfarrhaus geblieben, die Verzagten und Armen aufgenommen, die Kirche helfen erhalten, und derselbigen Gutes gethan habe, in meine Kosten, ohne Jemandes Steuer.

Auch im Wittwenstande und bei drohender Noth war es ihr eine Ehrensache, sich mit eignen Kräften durchzuschlagen. Wie leicht ihr das Dienen ward, so schwer das Sichdienenlassen. Bucer und Fagius, als sie nach England flüchten mußten, ließen heimlicher Weise der verehrten Frau einige Goldstücke als Nothpfennig zurück. „Ihr habt mich, schrieb sie ihnen, mit dem Gelde, so ihr mir heimlich in dem Brief hinterlassen, auf das äußerte betrübet. Auf dass aber meine Schamröthe eines Theils hingelegt werde, habe ich euch eure zwei Stücke Goldes wiederum in diesen Brief wollen legen, wie Joseph seinen Brüdern. Da ist ein des Interims wegen verjagter Prädicant mit fünf Kindern zu mir kommen, und eines Prädicanten Frau, deren Mann vor ihren Augen man den Kopf abgeschlagen hat. Die hab ich zehn Tag bei mir gehabt, und hab das eine Stück Gold diesen beiden zur Zehrung geschenkt, aber nicht mein-, sondern euretwegen; das andere hab ich euch wiederum in diesen Brief gethan, dass ihr es selber sollet brauchen, und ein anderes Mal nit so gütig sein. Ihr werdet noch viel bedürfen, auch euer Volk, wenn es in Engelland euch nachkommen soll. Und seid also Gott befohlen in seinem Schutz und Schirm ewiglich, wider alle seine und eure Feind!“

Das Jahr ihres Heimgangs ist unbekannt; wahrscheinlich aber war’s 1562, oder bald darnach. Denn in einem Brief vom 3. März 1562 läßt sie sich durch einen Freund bei Ludwig Lavater in Zürich entschuldigen, daß sie diesem auf sein Schreiben noch nicht geantwortet, denn „sie sei durch lange Krankheit halb todt, und könne seit vielen Monaten die Feder nicht mehr zur Hand nehmen.“

Wie steht doch der Reformationsgarten so voller Blüthen! Und auch diese Straßburgerinn ist seiner frischesten Rosen Eine.

Dr. Theodor Fliedner,
Buch der Märtyrer,
Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth,
1859