Friedrich Christoph Oetinger.

Im vorigen Jahrhundert, da fast das ganze Deutschland von den Gewässern des Rationalismus überschwemmt wurde, war das kleine Württemberger Land eine der wenigen gesegneten Inseln, auf welchen noch echte Frömmigkeit und Gottesgelehrsamkeit ihre Pfleger und Priester fand. Wir begegnen hier einer schönen Zahl von Theologen, die sich durch eine in jener Zeit fast beispiellose Tiefe und Gediegenheit biblischer Erkenntnis und evangelischen Glaubenslebens auszeichnen. Der Mittelpunkt dieses Kreises war der große Johann Albrecht Bengel; ihm am nächsten, ja noch über ihm an Tiefsinn und Eigentümlichkeit des Geistes, wie an Reichtum und Vielseitigkeit des Wissens und Strebens stand Fr. Chr. Oetinger.

Oetingers äußeres Leben hatte einen sehr einfachen Verlauf und bietet wenig Bemerkenswertes dar. Geboren zu Göppingen den 6. Mai 1702, machte er nach einer ziemlich harten Kindheit, welche indes schon durch manche tiefe Eindrücke der göttlichen Wahrheit geweiht wurde, den noch wohnt gewöhnlichen Bildungsgang der Württemberger Theologen durch. Er besuchte seit 1717 die niederen Seminarien zu Blaubeuren und Bebenhausen und trat 1721 in das höhere, theologische Stift zu Tübingen ein. Weil er ein Jüngling von guter Gestalt, lebhaftem Temperament und glänzenden Gaben war, so redete man ihm vielfach zu, „die Jura zu studieren und ein Politikus zu werden“, damit er in der Welt Glück und Ehre gewinne; und er selbst schwankte lange zwischen Jus und Theologie, wie in späteren Jahren zwischen dieser und der Medizin. Allein er dachte, wie er selbst erzählt: „Was ist’s hernach, wenn du auch die prächtigsten Kleider trägst, zu befehlen hast und alle Gipfel der Ehre erreichst? Es ist doch besser, Gott dienen. Deo servire libertas.“ „Auf dieses, erzählt er weiter, rief ich Gott von ganzem Herzen an, mir alle Absichten auf die Welt aus der Seele zu nehmen, und das geschah sogleich. Ich war nun vollkommen entschlossen, bei der Theologie zu bleiben.“ Wie ernst es ihm war, seinem Gott in rechter Lauterkeit und auch durch Treue im Kleinen und Verborgenen zu dienen, zeigt folgende Erzählung aus seinem späteren Jünglingsalter: „Ich befliss mich aufs Äußerste, alle meine Kräfte in Gott gesammelt zu halten und insonderheit, wie Plato anrat, mit so gesammeltem Geiste schlafen zu geben, dass mich keine Imagination oder böse Luft im Schlafe überfallen möchte. Darauf übte ich mich mehr als auf Alles, und ich kann in Wahrheit sagen, dass ich so verschlossen und verwahrt schlief, als wenn mich der Schild Gottes besonders deckte.“ Durch diese Heiligung der Jugend ward in ihm der Grund gelegt zu jener innigen, ebenso erhabenen als einfältigen Gottgemeinschaft, welche die Seele seines Lebens, wie seines Denkens war, zu jener hehren, priesterlichen Weihe, die seine Persönlichkeit wie seine Schriften charakterisiert.

Denn wohl liegt seine eigentliche Bedeutung darin, dass er ein christlicher Denker war. Aber wie sich das christliche Wissen überhaupt dadurch von jedem anderen unterscheidet, dass es seinen Inhaber zugleich persönlich in Anspruch nimmt und zu sittlich-religiöser Durchbildung treibt: so war dies bei Oetinger in besonders hohem Grade und in eigentümlicher Weise der Fall. „Man muss Gott haben in der Erkenntnis“ ist einer seiner einfachsten und tiefsten Aussprüche; und ähnlich sagt er: „Buchstäbliche Erkenntnis ohne Luft zum Leben gibt es in der Welt genug; aber es reicht nicht bis zur Erleuchtung.“ Diese Art der Erkenntnis – es wäre zu wenig, wenn wir sie eine praktische nennen wollten, diese durchaus reelle oder, wenn wir lieber wollen, mystische Erkenntnisart – war ihm schon in früher Kindheit auf eine merkwürdige und prophetische Weise bekannt und eigen geworden. Er erzählt das Faktum, das wir meinen, und das, wie es öfter bei genialen Menschen vorkommt, seine ganze Geistesart vorbildlich darstellt, selber folgendermaßen: „Einstmals zwischen meinem sechsten und siebenten Jahre legte ich mich neben meinem Hauslehrer nach Gewohnheit schlafen. Ich musste einen ganzen Rosenkranz von Liedern vor dem Einschlafen herbeten. Endlich wurde ich etwas ungeduldig und dachte: wenn ich doch auch wüsste, was ich betete. Ich kam an das Lied: Schwing dich auf zu deinem Gott, du betrübte Seele! Nichts von Betrübnis wissend, wurde ich heftig angetrieben, zu verstehen, was es sei: sich zu Gott aufschwingen. Ich bemühte mich inwendig darum vor Gott, und siehe! da empfand ich mich aufgeschwungen in Gott. Ich betete mein Lied ganz aus; da war kein Wort, welches nicht ein distinktes Licht in meiner Seele zurückließ. In meinem Leben habe ich nichts Fröhlicheres empfunden, und das hatte in folgender Zeit die Wirkung, dass ich, wenn ein heftiges Donnerwetter kam, davor sich mein Vater hinter den Umhang des Bettes verbarg, getrost dachte: ich fürchte mich nicht, weil ich weiß, wie man zu Gott betet. Das blieb eine gute Zeit also und hatte einen Einfluss auf mein ganzes Leben; denn ich setzte es zum Muster: Alles, was ich lernte, müsste ich also verstehen. Das verursachte hernach, dass ich meines Informators schlechte Ideen verachtete, und was ich hörte, war mir nicht genug, weil es der unbeschreiblichen Realität jener ersten Gedanken nicht beikam“.

So war Oetingers ganzes Denken von frühe an abgewendet von der Eitelkeit der Erde und auf die unsichtbare Welt hingerichtet. Auch der profanen Philosophie, die ihm während seiner Studienjahre in der damals herrschenden Form des Leibnitz-Wolfschen Idealismus eine Zeit lang imponiert hatte, gab er daher bald den Abschied. Was er ersehnte, wonach sein gewaltiger Geist unermüdlich rang, das war eine göttliche „heilige Philosophie“, auf den Grundideen des Wortes Gottes erbaut. „Gegen alle die philosophischen Ideen“, sagt er, „suchte ich das Gegengewicht in der Heiligen Schrift. Ich sah dabei wohl, dass die Beweisung des Geistes und der Kraft der wahren logischen Demonstration nicht entgegenzusetzen sei, sondern dass Apollo mit Gründen bewiesen, und Paulus seine Kolosser zu allem Reichtum der vollen Erkenntnis will zusammengefasst haben, nicht durch unaussprechliche Art, sondern durch gesalbte Schlüsse des Geistes. Ich zweifelte also nicht, so sehr auch die Philosophen ihre Begriffe hinaustreiben, dass die heiligen Männer Gottes eben solche letzten Begriffe müssen gehabt haben, nur nicht präzise in einer solchen ausgewickelten Form, der Realität nach aber hundertmal besser. So ging denn mein Bemühen bei Tag und Nacht dahin, eben solche letzte Begriffe zu finden, die entweder die Wolfschen bestätigen oder umstoßen würden. Das war eine schwere Arbeit für mich, aber ich sah, dass es sein müsste, indem ich sonst bei der gegenwärtigen Generation dem Willen Gottes nicht auf eine vollkommene Weise würde dienen können“.

Diese Grundrichtung war für ihn schon das Resultat seiner Studienzeit. Wir können sie als eine originelle Verbindung der Standpunkte Bengels und Jakob Böhmes bezeichnen. Mit den Schriften des letzteren war er schon als Student bekannt geworden, und sie übten den größten und nachhaltigsten Einfluss auf ihn aus; mit dem ersteren stand er in fortwährendem, mündlichem und schriftlichem Verkehr. Als er daher nach vollendeten Studien die schon damals bei den württembergischen Kandidaten gewöhnliche, wissenschaftliche Reise nach Norddeutschland unternahm, suchte er überall vorzugsweise solche Männer und Gemeinschaften auf, von denen er sich in irgendeiner Weise Förderung jenes Strebens versprechen konnte. Er ging mit Ärzten und Naturkundigen um, da ihm, wie wir sogleich noch näher sehen werden, das Studium der Natur als des zweiten oder vielmehr ersten Buchs Gottes neben der Schrift von höchster Bedeutung war; er suchte gelehrte Juden auf, um von ihnen Aufschlüsse über die Rabbala als die von den Rabbinen aus der Heiligen Schrift gezogene Philosophie zu erhalten; er ließ sich mit Separatisten ein und hielt sich längere Zeit bei den Pietisten in Jena und Halle, besonders aber bei den Herrnhutern auf, eine fromme Gemeinschaft suchend, die auf die „Grundweisheit der Heiligen Schrift“ gegründet wäre, oder der er doch diese Richtung mitteilen könnte. „Endlich aber“, erzählt er, „dachte ich wieder ins Vaterland zu reisen, weil ich doch keine gegründete Einigkeit unter allen auswärtigen Gemeinschaften antreffen konnte. Ich fand nirgends, dass Jemand auf die Grundideen der Apostel und Propheten seine Gewissheit baute, sondern jeder nach seinem, zur eigenen Gesichtsstellung herabgebogenen Sinne der Schrift allein auf der Führung Gottes bestand. Das ließ ich ihnen für ihre Person gelten, aber mich konnte es nicht beruhigen“. Nachdem er noch einige Zeit als Repetent am theologischen Seminar zu Tübingen gewirkt hatte, zog er sich in ein wissenschaftliches Stillleben aufs Land zurück. Von wohnt an ist sein Leben arm an äußeren Ereignissen, um so reicher aber an innerem Gehalt. Im Jahre 1738 heiratete er und nahm die kleine Pfarrei Hirsau bei Calw an; von da ging er, um in der Nähe Bengels zu sein, der damals Probst in Herbrechtingen war, 1743 als Pfarrer nach Schnaitheim bei Heidenheim, schon 1746 aber nach Walddorf bei Tübingen. Von hier aus wurde er 1752 zum Stadtpfarrer und Spezialsuperintendenten in Weinsberg und 1759 in Herrenberg befördert. Endlich erhielt er 1765 die Prälatur Murrhard, wo er bis zu seinem den 10. Febr. 1782 erfolgten Tode blieb, und wo er auch begraben liegt. Seine Wirksamkeit als Prediger und Seelsorger in diesen verschiedenen Ämtern war eine gute und gesegnete, aber keine außerordentliche, weswegen wir hier darüber hinweggeben können. Umso kräftiger, vielseitiger und selbstständiger entfaltete sich nun aber sein Forschergeist und – in dem oben angedeuteten Zusammenhang damit – sein eigener christlicher Charakter. Nach diesen beiden Seiten bin müssen wir wohnt sein Bild noch etwas genauer zu zeichnen versuchen.

Um zu einer allseitig „durchgebildeten, heiligen Philosophie“ zu gelangen, setzte Oetinger die umfassendsten Mittel der Gelehrsamkeit in Bewegung. Nicht nur blieb er mit der französischen, englischen und deutschen Naturforschung, Philosophie und Theologie immer auf dem Laufenden, sondern er studierte auch noch mit unsäglichem Fleiße die griechische Philosophie, die Rabbalisten, die Kirchenväter, die Mystiker, unter diesen fortwährend am meisten Böhme; in seinen späteren Jahren hatte auch Swedenborg, eine Zeitlang wenigstens, bedeutenden Einfluss auf ihn. Besonders merkwürdig und eigentümlich aber ist sein Studium des Hippokrates, Paracelsus und der Adepten, sowie im Zusammenhang hiermit seine eigenen alchimistischen und chemischen Beschäftigungen. Die letzteren trieb er hauptsächlich seit seinem Aufenthalt in Waldorf; denn zu Schnaitheim war er in seiner Theologie so weit zu Stande gekommen, dass er, was er glaubte, „ohne Zweifel glaubte“. Von der Ansicht ausgehend, „die Philosophie der Adepten helfe ungemein viel zur Physik der Heiligen Schrift, und diese trage wieder viel bei zur Erkenntnis der Schrift überhaupt“, experimentierte er nun fleißig, und noch heute zeigt man im Dekanathause zu Herrenberg einen kleinen Herd, den Oetinger zu seinen Versuchen benutzt haben soll. Wir sehen, dass alle diese Studien, deren Resultate er nach und nach in mehr als 70 kleineren und größeren Schriften niederlegte((Sie sind ziemlich vollständig aufgezählt in „Oetingers Selbstbiographie, herausgegeben von Dr. Julius Hamberger. Lielding 1845“.)), sich im Wesentlichen auf zwei Gruppen reduzieren, naturwissenschaftliche und philosophisch-theologische (theosophische). „Ich bin“, sagt Oetinger in dieser Beziehung, „ Desperat an allen Menschenlehren, Kontroversen u. dgl. und nehme meine einzige Zuflucht zu der Heiligen Schrift und Natur. Denn die Werke Gottes, wenn man sie betrachtet, helfen zum Verstand heiliger Schrift und die Heilige Schrift zum Verstand der Werke Gottes. Gott ist nicht ein Gott von gestern her, sondern von Anbeginn hat er immer seine geschöpfliche und wörtliche Offenbarung mit einander vereinbart, und auf solche Art ist die ganze Heiligen Schrift verfasst. Wer also die wörtlichen Aussprüche Gottes von seinen geschöpflichen Aussprüchen trennt, der kann nicht mit Nachdruck lehren“. So ließ er sich denn auch abbilden: vor sich ein paar Phiolen mit einem Globus, zur Seite einen gewaltigen Bücherschrank, in der Hand eine Bibel mit dem Kruzifix.

Die Grundidee, von welcher Oetinger bei dem Aufbau seines allumfassenden Systems ausging, war die Idee des Lebens oder der „Herrlichkeit“ Gottes, in welche er sich ja schon als Kind aufgeschwungen“ gefühlt hatte. Er fasste diese Idee in jener reellen, massiven, geistleiblichen Weise, welche sein ganzes Denken charakterisiert, und welche ihn zu einem so entschiedenen Gegner alles philosophischen Idealismus, wie jeder spiritualistischen Verflüchtigung und Verflachung der biblisch-theologischen Grundbegriffe machte. –

Das göttliche Leben ist ihm nun das Alles durchwirkende Element im Reiche der Natur, wie des Geistes; und dies war eben das Interesse, das er zunächst an der Naturwissenschaft nahm: er wollte das Leben, die verborgene, schaffende und bildende, göttliche Grundkraft in der Natur erkennen. „In der unbegreiflichen Verschiedenheit der Kreaturen, sagt er, führt Gott immer auf die Einfalt zurück: durch ein unverbrüchliches Gesetz der Einförmigkeit in der Verschiedenheit blickt die Allgegenwart Gottes in dem Leben aller Dinge hervor, ohne dass man Gott und die Kreatur deswegen vermengen darf. Wer nun die Gegenwart Gottes dem Leben aller Dinge auf geziemende Art ansieht und Gott über Alles, durch Alles und in Allem zu verehren trachtet, wer bei sich selbst anfängt, sich zu erkennen und andere belebte Dinge gegen seine Natur hält, der erblickt endlich in den Tieren, Kräutern und Steinen ein einförmiges Leben; und wenn er dieser geheimen und doch offenbaren Sprache weiter nachspürt, so wird ihm das erste Kapitel Mosis unaussprechlich wichtig. Aber die Natur außer der Gegenwart Gottes anzusehen, ist eine Pest der Ideen. Purus medicus purus asinus. Es ist in allen Menschen ein unwiderstrebliches Mitwissen und Gefühl der unsichtbaren Kräfte, welche die sichtbare Natur beseelen. Es ist auch ein geheimes Ja und Amen in uns von der Gegenwart der Weisheit in uns und außer uns“. Vgl. Röm. 1, 20.

Wenn nun freilich Oetinger diese innere Kraft, die wieder unzählige Kräfte in sich bat, und „durch die alle Bildungen und Entwickelungen (complicationes und explicationes) der Geschöpfe entstehen“, auf dem Wege des Experiments chemisch darstellen und alchimistisch als eine Art von Stein der Weisen gewinnen wollte: so mag man das immerhin zu den Seltsamkeiten des großen Mannes rechnen; aber er kam dabei doch auf manche merkwürdige Resultate und fand namentlich allerlei wohltätige Arzneien, welche er dann an seine Freunde und an arme Kranke verschenkte. –

Diese Anschauung der Natur hatte nun auch den größten Einfluss auf Oetingers Auffassung der Offenbarung, des Christentums. Christus ist ihm, „der Baumeister, Herr und Zurechtsteller der Natur“, welcher die von ihm als dem ewigen Wort geschaffene Welt, nachdem sie durch die Sünde das göttliche Leben verloren und nur schwache Reste davon gerettet hat, zur vollen Gottesherrlichkeit zurückführt. So fasst er das Christentum nicht bloß als eine geistige, sittlich-religiöse Macht, sondern als reale, geistig-leibliche Erneuerung und Verklärung des gesamten Weltbestandes und also namentlich auch der Natur; und Christus ist ihm, um ein Wort Rothes zu gebrauchen, nicht bloß ein Kleriker oder Pfarrer, sondern ein hohepriesterlicher König. „Gott heißt“, schreibt Oetinger, „der Vater der Herrlichkeit (Eph. 1, 17); seine Wirkung geht ewig in die Ruhe; und dies geht fort, bis er sich in Christo leibhaftig gemacht, und ferner durch Christum, bis er Alles in Allem sein wird. Christus hat sich vermöge der Bürgschaft für seine Eigentümer, die aus seinem Fleisch und Gebein sind, dem Vater von Anbeginn verbunden, als Haupt der künftigen Gemeinde zu leiden, ihre Sünden auf sich zu nehmen, das Gericht über sie auszuhalten, die Feindschaft im Fleisch zu töten, dem Tode die Macht zu nehmen, Preis und Ehre und Unvergänglichkeit ihnen zu erwerben, durch seine Auferstehungskraft Alles zu erneuern, die Erde zum Himmel zu machen, damit Gottes Wille geschehe auf Erden wie im Himmel, die gefallene Kreatur Gott wieder zuzuführen und zu heiligen als Hohepriester, Mittler und neuer Schöpfer, sich eines jeden, der an ihn glaubte, insbesondere anzunehmen und in der Welt Alles zu ihrem Besten zu regieren, endlich sie in eben die Herrlichkeit, die der Vater ihm gegeben, in sein Reich und Residenz zu erheben, ja gar zu Einem Geist mit ihm zu machen, dass endlich, wie aus Gott alle Dinge gekommen, so durch Jesum in Gott alle Dinge wieder geordnet werden, dass Gott sei Alles in Allem“. Es ist leicht einzusehen, wie mächtig und herzerfüllend diese großartige, weitumschauende Auffassung des Christentums wirken muss, wie sie unserm Lebens- und Erkenntnistrieb zugleich die tiefste Befriedigung gewährt und uns neue Aufschlüsse darbietet über unzählige Stellen der Heiligen Schrift, namentlich über diejenigen, welche von der unsichtbaren und zukünftigen Welt handeln. „Die Apostel“, sagt Oetinger, „haben die Reden von der Erlösung verknüpft mit dem weiten Umfang der letzten Dinge und der Erscheinung Jesu vom Himmel: da zeigt sich Jesus als das Heil der ganzen Natur; darum ist die Rede der Apostel so eindringlich‘. In diesen Gedanken lebte und webte Oetinger; man spürt es seinen Schriften überall an, dass sie aus reellen Eindrücken der unsichtbaren Welt hervorgegangen sind, und darum wirken sie auch wiederum solche in einer Kraft, wie nicht leicht andere, auch christliche Bücher; sein Stil trägt ein so eigentümliches Gepräge und zeigt bei aller Dunkelheit und Gelehrsamkeit, die er oft mit sich führt, eine so wunderbare Mischung von Einfalt, Tiefe und Majestät, dass man wohl sagen kann, ein Anderer würde kaum einen Satz ebenso zu schreiben wissen.

Hiermit ist nun auch die persönliche Eigentümlichkeit Oetingers, sein christlicher Charakter bezeichnet. Er suchte und fand im Sichtbaren das Unsichtbare, im Gegenwärtigen das Zukünftige; er war ein Mann des Glaubens im Sinne von Hebr. 11, 1. „In die unsichtbare Welt“, sagt er selbst „muss man sich des Tages vielmal begeben und sich in Gedanken vorstellen, man sei darin, mehr als in seiner Stube, mehr als in der bösen Welt“. Und sein Sohn erzählt von ihm:, Mit himmlischem Entzücken sah er empor nach dem himmlischen Kanaan und wartete auf die Stadt, die bessere Gründe hat (Hebr. 11, 10); oft und viel und gern redete er von dem oberen Jerusalem als der von Gold durchscheinenden Stadt (Off. 21); er redete von dem Baumeister, wie von dem Gebäude: neuer Himmel, neue Erde, Reich Gottes waren seine Erzählungen unter den Seinigen. Im Glauben redete er von den wichtigsten Zeiten, denen wir wohl immer näher kommen. Die Offenbarung Johannis war sein Handbuch; zuletzt da er nimmer reden konnte, tat er noch manche frohe, stille Blicke in dies Buch hinein“. Unsere neuere Frömmigkeit darf sich hieran wohl ein Muster nehmen, da sie, dem pantheistischen Zuge der Zeit folgend, sich oft gar zu sehr im Diesseits einbürgern und wohl schon Dinge erreichen will, die erst einer künftigen Entwicklungsperiode des Reichs Gottes angehören.

Freilich kam es nun manchmal vor, dass Oetinger für diese Welt zerstreut und geistesabwesend war, wie er denn auch in seinem äußeren Aufzuge bis zur Nachlässigkeit schlicht sich darstellte. Einmal soll es, als er mit den ihm untergebenen Geistlichen bei einem Essen versammelt war, geschehen sein, dass ihm eine Torte präsentiert wurde, während er eben ein tiefes, theologisches Gespräch führte. Er stellte die Platte vor sich hin und schnitt sich ein Stückchen ab, vergaß aber dieselbe weiter zu geben, und keiner der Geistlichen wagte sie zu nehmen. Im Eifer der Verhandlung geriet er nun unbewusst immer mehr ins Abschneiden und Essen hinein, bis er am Ende Nichts mehr zu schneiden hatte. Da erst wurde er aufmerksam und kam wieder zum Bewusstsein der Außenwelt. Als er sah, was er gemacht hatte, rief er erstaunt und bestürzt aus: Ach, was hat wohnt wieder mein Tier getan! In solchen charakteristischen Anekdoten hat sich das Lebensbild Oetingers der Erinnerung des württembergischen Volkes tief eingeprägt, und wir fügen noch einige derselben hinzu. Eines Nachmittags kamen Besuche in sein Haus, während er eben in seinem Zimmer meditierend auf und abging. Seine Frau meldete es ihm mit der Bitte, er möchte bald hinüberkommen, was er auch versprach. Allein er kam nicht, und sie musste zum zweiten Male mahnen, wurde aber mit den Worten abgefertigt: Kann ich denn zum Heiligen Geist sagen: geh fort, es sind Besuche da? Wenn er aber so fast mehr in jener als in dieser Welt lebte, so war er dafür auch mit den Kräften der zukünftigen Welt auf eine ganz eigentümliche und merkwürdige Weise ausgerüstet, auf eine Weise, die ihm bei aller Einfalt und Schlichtheit eine stille Größe und Hoheit des Wesens und da, wo es nötig war, eine Herrschermacht über Menschen und – charakteristisch genug für seinen innigen Verkehr mit der Natur auch über Tiere verlieh.

Auf seinen Visitationsreisen, welche er meist zu Fuß machte, begegnete es ihm eines Abends, dass er wegen schlechten Wegs von einem etwas abgelegenen Dorfe nach Hause zu reiten genötigt war. Man sagte ihm aber, es sei nur ein junger, äußerst wilder Hengst zu haben, der durchaus keinen Reiter dulde. Allein er befahl, ihm das Tier vorzuführen, und eine Menge Leute versammelten sich nun um den geistlichen Mann, der nicht eben wie ein sonderlicher Reiter aussah. Er ergriff den Zaum und streichelte das Ross den Rücken herab mit der Hand, worauf es sogleich ruhig und fromm wurde wie ein Lamm, so dass Oetinger ganz sicher und getrost von dannen ritt. Der Pferdeknecht, der das Tier wieder nach Hause zu bringen hatte, meinte, er wolle es nun auch so ristieren, aber nach kurzer Zeit lag er am Boden.

Wie Oetinger in dieser Weise Manches tat, was ein Anderer nicht konnte, so konnte er auch Manches tun, was ein Anderer nicht durfte. „Er hatte den Grundsatz, sich auf seine Predigten nicht vorzubereiten, weil dadurch, wie er sich geistvoll ausdrückt, die Gnade zur Kunst gemacht werde. So kam es, dass er auf der Kanzel oft lange Pausen machte, das Gesicht mit den Händen bedeckend und des Geistes harrend. Darüber erhob nun einmal seine Waldorfer Gemeinde beim Konsistorium Beschwerde. Oetinger ward nach Stuttgart zitiert, und einige Konsistorialräte, schon vorher feindselig gegen ihn gesinnt, glaubten hier eine erwünschte Gelegenheit zu seiner Demütigung zu finden. So kanzelte denn einer um den anderen, den Präsidenten voran, unseren armen Dorfpfarrer ab. Dieser stand stillschweigend da; als aber die Herren zu Ende waren, fragte er bescheiden, ob es nun auch ihm vergönnt sei, ein Wort zu reden? Er erhielt die Erlaubnis. Da nahm er seinen Hut, und mit den lakonischen Worten: „Meine Herren, ich empfehle mich!“ verließ er den Saal. Die Herren Räte sollen lange sprachlos da gesessen sein und einander angesehen haben, getroffen von der Macht des Geistes, der aus dem Manne redete“. –

Der tiefe Zug zur unsichtbaren Welt, der Oetinger inne wohnte, spricht sich auch darin aus, dass er öfters Abends oder Nachts in seiner Kirche oder im Walde den abgeschiedenen Geistern predigte. Wir rechnen diese Sache, von der wir stark bezweifeln, ob er recht daran tat, zu den Sonderbarkeiten des originellen Mannes. Viel wichtiger ist sein vertrauter Umgang mit dem Könige der unsichtbaren Welt. Er war ein Beter von seltener Kraft, und Hamberg er sagt von ihm, er könne wohl mit Recht zu denen gezählt werden, welche nach den Worten der Schrift dem Himmelreiche Gewalt antun und durch ihr Flehen zu dem Herrn als wahre Magier die Kräfte der Natur bewegen. Einstmals befand sich das ganze Württemberger Land, vor allem aber die Zahl der ernsten und eifrigen Christen daselbst in einer vorzüglich schweren Angst und Gefahr, und wollte sich gar keine Aussicht zur Hilfe und Rettung eröffnen. Da ermahnte Oetinger seine jungen Freunde (er hatte oft arme Studierende und Kandidaten der Theologie bei sich) zu ganz besonderem Ernste und Anhalten im Gebet und begann hierauf mit solcher festen Zuversicht und tiefen Innigkeit den Herrn anzurufen, dass ihrer aller Herzen mit unwiderstehlicher Gewalt sich emporgehoben fühlten. Von Zeit zu Zeit ging er hinaus, sah hinauf an den gestirnten Himmel, kam wieder und sagte: Kinder, wir sind noch nicht erhört – betet nur noch ernster, zuversichtlicher, inbrünstiger! Endlich gegen 2 Uhr nach Mitternacht kam er wieder zurück von dem Anblick des sternhellen Himmels und sagte: Nun lasst uns Gott loben und danken, wir sind erhört, Rettung ist da!

Und siehe, schon am anderen Tage erfuhr man, um was Oetinger freilich nicht gebetet, woran er ohne Zweifel auch gar nicht gedacht hatte: der Urheber jener Not habe heute Nacht um 2 Uhr so plötzlich und auf eine so furchtbare Weise geendet, dass noch wohl das Volk in Württemberg glaubt, er sei durch eine böse, geisterhafte Gewalt getötet worden“. –

Bei all seiner Geistesmacht und Erkenntnistiefe fehlte Oetinger nicht die köstlichste Perle eines Christen, die Demut und der Kindessinn. „In Herrenberg war einmal ein junger Theologe bei ihm über Nacht. Lange Zeit sah Oetinger auf die vom Mondlicht freundlich beleuchtete Gegend bin, ohne ein Wort zu sprechen. Endlich unterbrach ihn der junge Mann in seinen Gedanken mit den Worten: Was denken Sie wohl, Herr Dekan, dass Sie so still sind? Ich dachte, erwiderte er, an die treuen Weiber in den vor uns liegenden Dörfern, die eben wohl teils die Kleider ihrer Kinder zusammenflicken, teils ihrer Säuglinge pflegen, und dachte: es würde gut sein, wenn ich einmal einen so guten Platz im Himmel bekäme, wie diese“. So äußerte er auch öfters in seinem höheren Alter, dass sich seine ganze Theologie in Luthers kleinem Katechismus konzentriere. Wie er hiermit den unermesslichen Reichtum seines Wissens in die Einfachheit eines zum Kinderunterricht bestimmten Büchleins zusammenfasste, so wurde er selbst in seinen letzten Jahren wieder ein Kind, ohne deswegen eigentlich kindisch zu werden. Sein Geist, der nie dieser Welt angehört hatte, zog sich ganz von ihr zurück in die innere und obere Welt; vom J. 1779 an wurde er auch fast sprachlos. Aber mit Kindern spielte noch der Greis, und, wenn die Betglocke läutete, so faltete er seine Hände wie ein Kind und betete mit den Kindern auf die eindringendste, bewegendste Weise. So erfüllte sich an ihm sein eigenes, im Munde eines Mannes, der alle Höhen und Tiefen durchforscht hatte, besonders großes Wort: „Ein Kind werden in Gedanken, in der Rede, in dem Wandel nach Christo, ist der schöne Weg: den will ich gehen“.

Wir schließen mit dem Bilde, welches von Oetinger einer seiner genialsten Zeitgenossen, der Dichter Schubart, der seinen Schriften ungemein viel zu danken hatte, entwirft. „Ich fand“, erzählt dieser, „den Prälaten Oetinger einmal in einem Garten und unterhielt mich in die Länge mit ihm, stutzend über des Mannes Kenntnis und Geistesgröße. In neueren Zeiten wird es schwerlich einen Mann geben, dessen Geist so vieles überblickte, der ein so ungeheures Ganzes in seiner Seele hatte, wie Oetinger. Er war in keiner Wissenschaft ein Fremdling und in vielen, z. B. in der tiefen Theologie oder Theosophie, in der Naturlehre und Scheidungskunst ein Meister. Er war ein Geistessonderling, der Mystik, Magie und allem Außerordentlichen ergeben. In den orientalischen Sprachen hatte er eine ganz ungewöhnliche Kenntnis; einige schrieb und sprach er. Kurz, er stand auf einer Sonnenhöhe, und Buben auf Erdschollen standen auf, streckten sich lächerlich und riefen ihm zu: Du bist ein kleiner Mann, ein verrückter Schwärmer bist du! Er war unter uns ein Vogel aus der fernsten Himmelszone, der sich nach Norden verschossen hat und weder Luft und Nahrung noch Gesellschaft für sich findet. Wir sind viel zu verdorben, solche Kraftmenschen ganz verstehen zu können. So tief ich im Schutt der Weltmeinungen steckte, so versteckt mein angeborenes Wahrheitsgefühl war, so empfand ich doch die unwiderstehliche Einfalt und Hoheit dieses Mannes, die sich durch Herablassung, Duldung und Bruderfreundlichkeit im lieblichsten Lichte vor mir entfaltete, und meine Seele hatte gleichsam ein dunkles Vorgefühl von den Freuden, die dieser Mann künftig in ihr wecken sollte. Wie aufgehäuft sind die tiefsten Geistesresultate in den Schriften, sonderlich in den Epistelpredigten dieses Mannes! Weh dem, der sich einigen Erdenstaub hindern lässt, die Pracht dieser Krone voll der reichsten Steine zu bewundern! Sein Stil ist nicht immer trocken, sondern zuweilen stark, kraftvoll und meist original. Seine Schriftauslegungen sind vom ganzen Plane des Geheimnisses Gottes abgezogen. Seine Sittenlehre ist frei, gemildert, durch tausend Kunstgriffe des Geistes erleichtert und so ganz der Natur des Menschen angemessen. Das Geheimnis vom Opfer Jesu und seinem ewigen Hohenpriestertum, von der‘ oberen Mutter (Gal. 4, 26), dem Heiligen Geiste, den verschiedenen Zuständen nach dem Tode, den Höllenstrafen, der massiven Herrlichkeit der künftigen Welt, vom Blute Jesu auf Erden und im Himmel und unzählige andere tiefe, noch von Niemand so begreiflich dargestellte Wahrheiten findet man beinah auf allen Blättern dieser Predigten. – Eine Gottesleuchte, ein großer Mann war Oetinger; auf der Welt nennen ihn Wenige so, aber ich weiß gewiss, die Geister des Himmels stimmen mir bei.“

  1. A. Auberlen in Basel.

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