Wibrandis Rosenblatt

Unter den Frauen des Reformationszeitalters ist vornehmlich auch Wibrandis Rosenblatt zu nennen. Daß sie mit ausgezeichneten Vorzügen begabt gewesen, ist schon daraus zu schließen, daß sie, obwohl dreimal Witwe geworden, immer wieder von den bedeutendsten Männern jener Zeit zur Ehe begehrt wurde. Ihr Vater war Johannes Rosenblatt, Ritter und Feldoberst Kaiser Maximilians I. Als eine zwar arme, aber ebenso durch Sittsamkeit als Schönheit ausgezeichnete Jungfrau verehelichte sie sich noch sehr jung mit M. Ludwig Cellarius, konnte aber wegen des frühzeitigen Hinscheidens desselben dieser glücklichen Ehe sich nicht lange erfreuen. Nach einiger Zeit lernte der Reformator Dr. Johannes Oekolampadius diese bescheidene Witwe kennen und da er durch den Tod seiner Mutter, die ihm bis in sein 44. Jahr auf’s treulichste und sorgfältigste sein Hauswesen besorgt hatte, in Verlegenheit war, wie er dasselbe weiter fortführen sollte, so entschloß er sich 1526 nach dem Vorgang Zwingli’s und andern Reformatoren ebenfalls in den Ehestand zu treten, was er seinem Freunde Johannes Farel mit den Worten anzeigt: „Wenn du es noch nicht erfahren hast, so wisse, daß mir der HErr an die Stelle meiner verstorbenen Mutter eine recht christliche Schwester zur Gattin gegeben hat. Sie ist zwar arm, aber geehrter Familie, ist Witwe und seit einigen Jahren im Kreuztragen geübt. Ich wünschte zwar, sie wäre etwas älter, doch habe bis dahin noch keine Spur von jugendlicher Ausgelassenheit an ihr wahrgenommen. Bitte du auch den HErrn, daß unser Ehestand glücklich und dauerhaft sein möge.“

Wibrandis gebar dem Oekolampad drei Kinder, welchen er nach der Sitte frommer Patriarchen im alten Testament bedeutungsvolle Namen gab: Eusebius (Fürchte Gott), Irene (Verträglichkeit), Aletheia (Wahrheit). Doch nicht lange freute sich der Vater der lieblich heranwachsenden Kinder. Im November 1531 von einer tödtlichen Krankheit befallen, sah er den Tod raschen Schrittes auf sich herankommen, da ließ er seine Kinder an sein Krankenbett treten, ertheilte ihnen seinen väterlichen Segen und ermahnte sie zur Gottesfurcht. Im Namen der Unmündigen gelobte Wibrandis dem Sterbenden, daß sie allen Fleiß thun werde, dahin zu wirken, daß sein Wunsch in Erfüllung gehe. Bald darauf entschlief dieser fromme und getreue Knecht Gottes und Wibrandis war zum zweitenmal Witwe. Doch Gott, der fromme Witwen und Waisen nie verläßt, lenkte es so, daß der Straßburger Reformator Dr. Wolfgang Capito, der vertrauteste Freund des Oekolampadius, der vor Andern wissen mochte, wie glücklich der Entschlafene mit ihr gelebt, um ihre Hand warb. Aber auch mit diesem lebte sie nur kurze Zeit, das Jahr 1541 brachte ihr gedoppelten Verlust, zuerst starb ihr Sohn Eusebius, dann wurde der gerade von dem Reichstag zu Regensburg zurückkehrende Capito von der Pest befallen und von ihrer Seite gerissen. Zum drittenmal stand sie vereinsamt da, aber auch diesmal wieder nicht lang, denn Dr. Martin Bucer, der treue Freund und Amtsgehülfe Capito’s verband sich mit ihr. Mit ihm zog sie 1549 nach der englischen Universität Cambridge, wo er als Professor der Gottesgelahrtheit wirken sollte, und manchen schweren Kampf zu bestehen hatte. Vergebens mühte er sich ab, die streitenden Parteien seiner evangelischen Freunde zur Eintracht zu stimmen. Er starb unter diesem Kampfe schon 1551 dahin, und wie bitter seine Feinde ihn haßten, geht daraus hervor, daß sie 1556 seine Gebeine aus der Grabesruhe hervorrissen und verbrannten. Wibrandis fand in Basel eine Zufluchtsstätte, wo sie in stiller Zurückgezogenheit noch bis zum Jahr 1564 lebte. Ihre sterbliche Hülle ward in demselben Grabe niedergelegt, wo schon seit 33 Jahren ihr zweiter Gatte Oekolampadius ruhte.